Ehe sie in den Salon traten, hatte schon die Marquise nach der in der
Provinz üblichen Sitte ein Frühstück für ihre Gäste bestellt; aber der
Graf gebot der Redseligkeit seiner Tante Einhalt, indem er ihr in
ernstem Tone mitteilte, er könne ihr nur so viel Zeit widmen, wie zum
Wechseln der Pferde nötig wäre.
Die drei Verwandten traten rasch in den Salon, und der Graf mußte sich
beeilen, um seine Tante von den politischen und militärischen
Ereignissen zu unterrichten, die ihn nötigten, für seine Frau bei ihr
Schutz zu suchen. Währenddessen blickte die Tante zwischen ihrem
fortwährend erzählenden Neffen und ihrer Nichte hin und her. Aus der
unerwünschten Trennung erklärte sie es sich, daß die letztere so blaß
und traurig aussähe. Sie machte dabei ein Gesicht, als wenn sie sagen
wollte: »Sieh, sieh! die jungen Leute scheinen sich sehr lieb zu haben.«
In diesem Augenblick vernahm man auf dem alten, schweigsamen Hofe,
zwischen dessen Pflaster schon Gras wucherte, das Knallen von Peitschen.
Viktor küßte noch einmal die Marquise und eilte hinaus.
»Leb wohl, meine Liebe,« sagte er zu seiner Frau, die ihm zum Wagen
gefolgt war, und gab ihr einen Kuß.
»Ach, Victor, laß mich noch weiter mitfahren,« antwortete sie in
zärtlichem Tone. »Ich möchte dich nicht verlassen.«
»Was denkst du denn?«
»Nun, wenn du es so haben willst, so leb' wohl,« versetzte Julie.
Der Wagen verschwand.
»Sie haben meinen armen Victor also sehr lieb?« fragte die Marquise ihre
Nichte und sah sie mit einem jener forschenden Blicke an, wie sie alte
Frauen gern auf junge richten.
»Ach, Madame,« antwortete Julie, »man muß wohl einen Mann lieben, wenn
man ihn heiratet.«
Diese Phrase wurde in einem Ton von Naivität ausgesprochen, der zu
gleicher Zeit ein ganz keusches Herz voll tiefer Geheimnisse verraten
konnte. Eine Frau, die die Freundin eines Duclos und eines Marschalls
Richelieu gewesen war, mußte sich bewogen fühlen, in das Geheimnis
dieser jungen Ehe einzudringen. Tante und Nichte standen in diesem
Augenblick auf der Torschwelle und sahen der davonfahrenden Kutsche
nach. Die Augen der Gräfin drückten nicht das aus, was die Marquise
unter Liebe verstand. Die gute Dame war eine Provençalin und in ihren
Gefühlen etwas überschwenglich gewesen.
»Sie haben sich also von meinem Taugenichts von Neffen ins Garn ziehen
lassen?« fragte sie ihre Nichte.
Die Gräfin zitterte unwillkürlich, denn in Blick und Ton der alten
Kokette schien sich eine tiefere Charakterkenntnis Victors zu verraten,
als sie vielleicht selbst besaß. In ihrer Unruhe nahm daher Frau
d'Aiglemont Zuflucht zu jener Art von Verstellung, die, so ungeschickt
sie ist, doch der einzige Ausweg naiver Herzen ist, wenn sie leiden.
Frau de Listomere gab sich mit Juliens Antworten zufrieden; aber sie
dachte mit Freude daran, daß ihre Einsamkeit von einem Liebesgeheimnis
erheitert werden könnte; denn sie war der Meinung, ihre Nichte habe
irgendeine amüsante Intrige angezettelt. Als Frau d'Aiglemont sich in
einem prächtigen Salon befand, dessen Tapeten mit Goldleisten eingefaßt
waren, und an einem großen Feuer saß, gegen die durch die Fenster
hereinziehende Kälte durch einen chinesischen Windschirm geschützt,
wollte die Traurigkeit nicht mehr von ihr weichen. Unter so altem
Getäfel, zwischen diesen Möbeln vom vorigen Jahrhundert konnte auch
schwerlich Heiterkeit aufkommen.
Dennoch machte es der jungen Pariserin Spaß, in diese tiefe Einsamkeit,
in die Stille der Provinz versetzt zu sein. Als sie ein paar Worte mit
ihrer Tante gewechselt, an die sie nur einmal als Jungvermählte einen
Brief geschrieben hatte, versank sie wieder in Schweigen, und man hätte
meinen mögen, sie lausche einer Opernmusik.
Erst nachdem sie zwei Stunden lang in einer der Trappisten würdigen
Stille dagesessen hatte, wurde sie sich bewußt, daß das eine große
Unhöflichkeit gegen ihre Tante sei. Sie erinnerte sich, daß sie ihr nur
sehr einsilbige Antworten gegeben hatte.
Die alte Dame hatte die Stimmung ihrer Nichte berücksichtigt, in jenem
feinen Taktgefühl, das die Leute der alten Zeit kennzeichnet. In diesem
Augenblick strickte die Greisin. Sie war allerdings auch ein paarmal
hinausgegangen, um in einem gewissen grünen Zimmer nachzuschauen, wo die
Komtesse schlafen sollte und wo die Dienstmädchen das Gepäck
unterbrachten. Dann nahm sie wieder Platz in einem großen Lehnstuhl und
musterte insgeheim die junge Frau. Julie schämte sich nun, daß sie sich
ihren unwiderstehlichen Grübeleien so ganz überlassen hatte, und
versuchte ein wenig darüber zu spötteln, um desto eher Verzeihung dafür
zu erlangen.
»Meine liebe Kleine, wir kennen den Schmerz von Witwen,« antwortete die
Tante.
Julie hätte vierzig Jahre alt sein müssen, um die Ironie zu verstehen,
die um die Lippen der alten Dame spielte.
Am andern Tage war die Komtesse besser gestimmt und plauderte viel. Frau
de Listomere verzweifelte nicht mehr daran, mit dieser jungen Gattin,
die sie erst für ein unzugängliches, blödes Wesen gehalten hatte, auf
vertrauten Fuß zu gelangen. Sie schwatzte mit ihr von den Freuden des
Landes, von Bällen und den Häusern, wo sie Besuche machen könnten.
Zuerst wies Julie alle Aufforderungen, außerhalb des Hauses Zerstreuung
zu suchen, zurück. Trotzdem die alte Dame sehnsüchtig danach verlangte,
sich mit ihrer schönen Nichte zu zeigen, gab sie es denn endlich auf,
sie der Gesellschaft der Stadt vorzustellen. In dem Kummer über den Tod
des Vaters, um den sie noch trauerte -- sie trug sogar noch
Trauerkleider -- hatte sie einen Vorwand gefunden für ihre Liebe zur
Einsamkeit und ihre stete Betrübnis.
Nach Verlauf von acht Tagen bewunderte die alte Dame Juliens engelhafte
Sanftmut, Bescheidenheit, Anmut und duldsamen Geist und interessierte
sich außerdem über die Maßen für die geheimnisvolle Melancholie, die
dieses junge Herz zu verzehren schien. Die Komtesse gehörte zu jenen
Frauen, die dazu geboren sind, liebenswürdig zu sein, und, wohin sie
auch gehen, Glück mit sich zu bringen scheinen. Ihre Gesellschaft wurde
der Marquise de Listomere so lieb und kostbar, daß sie schließlich in
ihre Nichte ganz vernarrt war und sich gar nicht mehr von ihr trennen
wollte.
Ein Monat genügte, so hatte sich zwischen ihnen eine ewige Freundschaft
gebildet. Nicht ohne Verwunderung bemerkte die alte Dame, daß sich in
den Gesichtszügen der Frau d'Aiglemont eine große Veränderung zu zeigen
begann. Die lebhafte Färbung, die an dem Antlitz aufgefallen war, verlor
sich allmählich, und es überzog sich mit einer matten Blässe. Während
Julie ihre jugendliche Blüte verlor, ließ zugleich auch ihre traurige
Stimmung nach. Mitunter erweckte die Greisin bei ihrer jungen Verwandten
Ausbrüche der Heiterkeit oder ausgelassenes Lachen, das aber bald wieder
von einem unzeitgemäßen Gedanken zurückgedrängt wurde. Sie erriet, daß
weder die Erinnerung an den Vater noch die Abwesenheit Victors der Grund
zu der tiefen Schwermut war, die einen Schleier über das Leben ihrer
Nichte warf. Und dann vermutete sie dahinter allerlei Arges, und es
wurde ihr schwer, auf die wahre Ursache des Übels zu kommen; denn die
Wahrheit finden wir vielleicht stets nur durch Zufall.
Endlich offenbarte Julie eines Tages den Augen der erstaunten Tante ein
neues Wesen: sie vergaß völlig die verheiratete Frau, zeigte alle
Naivität eines unbesonnenen Mädchens, einen Freimut, eine Kindlichkeit,
die eines Backfisches würdig waren, und all den zarten, manchmal so
tiefen Geist, der die junge Welt in Frankreich auszeichnet. Nun nahm
Frau de Listomere sich fest vor, die Geheimnisse dieser Seele zu
ergründen, deren Absonderlichkeit ebenso undurchdringlich schien wie das
Gemüt einer Meisterin der Verstellungskunst.
Es begann zu dunkeln, und die beiden Damen saßen vor einem Fenster, das
auf die Straße hinausging. Julie schaute wieder nachdenklich vor sich
hin, da ritt ein Herr vorüber.
»Auch einer von denen, die Sie auf dem Gewissen haben,« sagte die alte
Dame.
Frau d'Aiglemont sah ihre Tante halb verwundert, halb beunruhigt an.
»Es ist ein junger Engländer von Adel, Seine Ehren Arthur Ormond, der
älteste Sohn des Lord Grenville. Von ihm ist Interessantes zu berichten.
Im Jahre 1802 kam er nach Montpellier. Die Ärzte hatten ihn dorthin
geschickt, und er hoffte, in der Luft dieser Gegend Heilung eines
Brustleidens zu finden, dem er zu erliegen fürchtete. Wie alle seine
Landsleute, wurde er nun von Napoleon bei Ausbruch des Krieges hier
zurückgehalten. Dieses Ungeheuer muß ja fortwährend Krieg führen, das
geht nicht anders. Zu seiner Zerstreuung hat nun der junge Brite
angefangen, seine Krankheit, die man für tödlich hielt, zu studieren.
So hat er allmählich Gefallen an Anatomie und Arzneikunde gefunden. Er
ist nun ganz vernarrt in diese Künste, was bei einem Manne von Stand
etwas Außergewöhnliches ist. Freilich, der Regent hat sich ja auch mit
Chemie befaßt. Kurz, Arthur hat erstaunliche Fortschritte gemacht --
selbst die Professoren von Montpellier haben sich darüber gewundert. Das
Studium hat ihn über sein unfreiwilliges Exil hinweggetröstet, und
gleichzeitig hat er sich gründlich ausgeheilt. Man sagt, er habe zwei
Jahre lang fast gar nicht gesprochen, sehr behutsam geatmet und in einem
Stalle geschlafen. Getrunken hat er nur die Milch einer Kuh, die er sich
aus der Schweiz hat kommen lassen, und gegessen hat er fast nichts als
Kresse. Seit er in Tours weilt, hat er mit niemand verkehrt; er ist
stolz wie ein Pfau -- aber Sie haben es ihm wahrscheinlich angetan, denn
meinetwegen reitet er gewiß nicht zweimal täglich unter unsern Fenstern
vorüber. Das macht er erst, seit Sie hier sind. Sicherlich ist er
verliebt in Sie.«
Diese Worte erweckten die Komtesse wie aus einem verzauberten Schlummer.
Ein Lächeln, eine Handbewegung entschlüpften ihr, über die die Marquise
erstaunt war. Anstatt jene unbewußte Befriedigung zu verraten, die
selbst die strengste Frau empfindet, wenn sie erfährt, sie mache einen
Mann unglücklich, blieb Juliens Blick matt und kalt. Ihr Gesicht drückte
einen an Abscheu grenzenden Widerwillen aus. Es lag darin aber nicht die
Geringschätzung, mit der eine liebende Frau sich über die ganze Welt
hinwegsetzt, zugunsten eines einzigen Wesens; nein, Julie glich in
diesem Augenblick einer Person, in der die allzu frische Erinnerung an
eine Gefahr noch nicht ganz verheilt ist. Die Tante war schon fest
überzeugt gewesen, daß Julie ihren Neffen nicht liebe -- doch nun
entdeckte sie zu ihrer Verblüffung, daß sie überhaupt niemand liebte.
Mit Zittern wurde sie sich klar darüber, daß sie in Julie ein aus allen
Himmeln herabgestürztes Wesen erkennen müsse, die an einem Tage,
vielleicht in einer Nacht, vollauf erkannt habe, was für eine Null sie
zum Manne hatte.
»Sie kennt ihn -- es ist nicht anders,« dachte sie, »und nun wird mein
Neffe bald auch die Schattenseiten der Ehe kennen lernen.«
Sie nahm sich nun vor, Julie für die monarchischen Lehren zu gewinnen,
die im Jahrhundert Ludwigs XV. gegolten hatten. Aber ein paar Stunden
später erkannte oder vielmehr erriet sie die in der Welt ziemlich
häufige Stimmung, aus der Juliens Melancholie entsprang.
Plötzlich nachdenklich geworden, zog Julie sich früher, als sie es sonst
pflegte, zurück. Als die Kammerfrau ihr beim Entkleiden behilflich
gewesen war und sie dann allein gelassen hatte, blieb Julie, statt zu
Bett zu gehen, vorm Kamin sitzen, auf einem Ruhebett von gelbem Sammet,
einem altertümlichen Möbel, das betrübten wie glücklichen Menschen eine
gleich behagliche Stätte bot. Sie weinte, seufzte, sann nach; dann
rückte sie einen kleinen Tisch heran, suchte Papier und begann zu
schreiben. Die Stunden vergingen rasch; Julie schüttete in diesem Briefe
ihr Herz ans, doch schien ihr das nicht leicht zu fallen; jeder Satz
führte endlose Träumereien herbei, und plötzlich brach sie in Tränen aus
und hielt inne.
In diesem Augenblick schlug die Uhr zwei. Der Kopf war ihr schwer, wie
der einer Sterbenden, und das Kinn sank auf die Brust. Als Julie aufsah,
erblickte sie ihre Tante, die so plötzlich aufgetaucht war, als sei sie
aus den über die Wände gespannten Tapeten herausgetreten.
»Was haben Sie denn, meine Kleine?« fragte die Tante. »Warum so lange
wach bleiben, und vor allem warum einsame Tränen vergießen? In Ihrem
Alter?«
Sie setzte sich ohne Umstände neben ihre Nichte und verschlang mit den
Blicken den angefangenen Brief.
»Haben Sie an Ihren Mann geschrieben?«
»Weiß ich denn, wo er steckt?« antwortete die Komtesse.
Die Tante nahm das Blatt und las es. Sie hatte mit Vorbedacht die Brille
mitgebracht. Das unschuldige Geschöpf überließ ihr den Brief, ohne den
geringsten Einspruch zu erheben. Wenn sie so alle Willenskraft vergaß,
so war das weder ein Mangel an Frauenwürde, noch ein Gefühl geheimer
Schuld; nein, ihre Tante hatte sie hier in einem jener kritischen
Momente überrascht, wo das Gemüt sich keinen Rat weiß, wo alles einerlei
ist, das Gute und das Böse, die Verschwiegenheit und die Offenbarung.
Gleich einem jungen tugendsamen Mädchen, das einen Liebhaber mit
Verachtung überhäuft, am Abend aber sich ein Herz wünscht, dem es seinen
Kummer anvertrauen kann, ließ Julie es ohne ein Wort der Gegenrede zu,
daß das Siegel verletzt wurde, mit dem für jeden taktvollen Menschen ein
offener Brief versehen ist, und sah nachdenklich zu, wie die Marquise
las:
»Meine liebe Luise! Warum mahnst Du mich so oft um Erfüllung des
unklügsten Versprechens, das zwei unwissende junge Mädchen sich geben
konnten? Du fragst Dich oft, schreibst Du, warum ich seit sechs Monaten
auf Deine Fragen nicht geantwortet hätte? Wenn Du mein Schweigen nicht
verstanden hast, so wirst Du die Ursache wohl heute erraten, wenn Du
die Geheimnisse vernimmst, die ich Dir offenbaren werde. Ich hätte sie
auf ewig in der Tiefe meines Herzens begraben, wenn Du mich nicht von
Deiner bevorstehenden Verheiratung benachrichtigt hättest. Du willst
also heiraten, Luise. Bei diesem Gedanken zittere ich. Arme Kleine,
heirate. Nach wenigen Monaten wirst Du nur noch mit bitterstem Schmerz
Dich dessen erinnern, was wir einstmals gewesen sind, als wir eines
Abends in Ecouen alle beide unter die größten Eichen des Berges gegangen
waren und das schöne Tal zu unseren Füßen betrachteten, die Strahlen der
untergehenden Sonne bewunderten, deren Glanz uns umgab. Wir setzten uns
auf einen Steinblock und verfielen in eine Verzückung, auf die die
sanfteste Melancholie folgte. Du als erste fandest, diese ferne Sonne
spräche uns von der Zukunft. Wir waren gar neugierig und närrisch
damals. Erinnerst Du Dich all unserer Überschwenglichkeiten? Wir küßten
uns -- wie zwei, die sich lieben. Wir gelobten uns, daß, wer sich zuerst
verheiraten würde, der anderen getreu die Geheimnisse der Ehe, die
Freuden, die unsere kindliche Seele sich so köstlich ausmalte, berichten
solle. Mit dem Hochzeitsabend wird Deine Verzweiflung beginnen, Luise.
Zu jener Zeit warst Du jung, schön, sorglos, wohl auch glücklich. Man
wird Dich in wenigen Tagen zu dem machen, was ich jetzt bin: häßlich,
leidend und alt. Wenn ich Dir sagte, wie stolz, wie eitel, wie froh ich
war, den Oberst Victor d'Aiglemont zu heiraten, so würde das Torheit
sein. Und doch, wie soll ich es Dir schildern? Ich erinnere mich meiner
selbst nicht mehr. In wenigen Augenblicken war meine Kindheit für mich
zum fernen Traum geworden. Mein Benehmen am Hochzeitstage, mit dem eine
Verbindung geweiht wurde, deren Tragweite mir nicht bewußt war, hat
Anstoß erregt. Mein Vater hat mehrmals versucht, meine Heiterkeit
einzuschränken, denn ich bekundete eine Freude, die man unpassend fand,
und in dem, was ich alles zusammenschwatzte, fand man Durchtriebenheit,
und zwar gerade deshalb, weil ich mir gar nichts Arges dabei dachte. Mit
dem Brautschleier, mit dem Kleide und mit den Blumen trieb ich tausend
Kindereien. Als ich am Abend in dem Zimmer allein war, wohin man mich
mit Pomp geleitet hatte, sann ich nach, mit welchem Schelmenstreich ich
wohl Victor necken könnte. Und während ich seiner harrte, schlug mein
Herz so heftig, wie ehemals an den Silvesterabenden, wenn ich insgeheim
in den Salon schlüpfte, wo die Geschenke ausgelegt waren. Als mein Mann
hereinkam und mich suchte, da war das erstickte Lachen, das ich aus
meinem Versteck unter einem Berg von Musselin hören ließ, ach, der
letzte Ausbruch der holden Fröhlichkeit, die die Tage unserer Kindheit
vergoldete ...«
Als die Matrone den Brief gelesen hatte, der nach einem solchen Anfang
wohl noch traurigere Bemerkungen aufnehmen sollte, legte sie langsam die
Brille auf den Tisch, legte auch den Brief wieder hin und heftete auf
ihre Nichte zwei grüne Augen, deren klares Feuer durch das Alter noch
nicht geschwächt worden war.
»Meine Kleine,« sagte sie, »eine verheiratete Frau kann, ohne den
Anstand zu verletzen, nicht gut so etwas an ein junges Mädchen
schreiben ...«
»Das dachte ich auch schon,« antwortete Julie, ihre Tante unterbrechend,
»und ich schämte mich vor mir selbst, als Sie es lasen ...«
»Wenn uns bei Tische eine Speise nicht zusagt, so brauchen wir sie doch
niemand anderm zu verekeln, mein Kind,« fuhr die Alte gutgelaunt fort,
»und das Heiraten ist doch von Eva an bis zu uns herab immer für was
ganz Herrliches gehalten worden ... Haben Sie keine Mutter mehr?« fragte
die alte Frau.
Die Komtesse zitterte, dann hob sie sanft den Kopf und sagte:
»Seit einem Jahr habe ich mehr als einmal bedauert, daß meine Mutter
nicht mehr am Leben ist; aber es war unrecht von mir, daß ich auf die
Warnungen meines Vaters nicht gehört habe. Er wollte Victor nicht zum
Schwiegersohne.«
Sie sah ihre Tante an, und ein Schauer der Freude trocknete ihre Tränen,
als sie den Ausdruck von Güte bemerkte, der dieses alte Gesicht belebte.
Sie streckte ihre junge Hand der Marquise hin, die sich ihrer so
liebreich anzunehmen schien, und als ihre Finger sich drückten, da war
das Einverständnis zwischen diesen beiden Frauen vollständig.
»Arme Waise!« setzte die Tante hinzu.
Dieses Wort berührte Julie, als wenn ein letzter Lichtstrahl auf sie
fiele. Sie glaubte noch einmal die prophetische Stimme ihres Vaters zu
vernehmen.
»Ihre Hände sind fieberheiß! Ist das immer der Fall?« fragte die Alte.
»Seit sechs oder acht Tagen hat das Fieber mich nicht mehr verlassen,«
antwortete sie.
»Und Sie haben mir das verheimlicht?«
»Ich hab's ja schon ein Jahr lang,« sagte Julie mit einer Art
schamhafter Angst.
»Also, mein kleiner, guter Engel,« fuhr die Tante fort, »ist die Ehe
für Sie bisher nur ein fortgesetzter Schmerz gewesen?«
Die junge Frau wagte nicht zu antworten, aber sie machte eine bejahende
Gebärde, die all ihr Leid verriet.
»Sie sind also unglücklich?«
»O, nein, meine Tante. Victor liebt mich bis zur Vergötterung, und auch
ich bete ihn an, er ist so gut.«
»Ja, lieb haben Sie ihn, aber Sie fliehen ihn dennoch, nicht wahr?«
»Ja -- bisweilen -- er sucht mich zu oft --«
»Wenn Sie allein sind, beunruhigt Sie dann nicht oft die Furcht, er
könne kommen und Sie überraschen?«
»Ach, gewiß, meine Tante. Aber ich habe ihn sehr lieb, das versichere
ich Ihnen.«
»Klagen Sie sich nicht insgeheim an, Sie verständen nicht, an dem, was
ihn erfreut, Freude zu finden, oder Sie seien dessen nicht fähig? Denken
Sie manchmal nicht, die legitime Liebe sei härter zu ertragen, als
vielleicht eine strafbare Leidenschaft?«
»O, das ist's,« sagte sie weinend. »Sie erraten alles -- wo doch für
mich alles ein Rätsel ist. Meine Sinne sind betäubt, ich kann nicht
denken, ja ich lebe kaum noch. Meine Seele ist von einer unbestimmten
Furcht bedrückt, die meine Gefühle zu Eis wandelt und mich in beständige
Lethargie versenkt. Ich bin ohne Stimme, mich zu beklagen, und ohne
Worte, meinen Schmerz auszudrücken. Ich leide, und schäme mich doch zu
leiden, wenn ich Victor so glücklich sehe in dem, was mich tötet.«
»Kindereien, Albernheiten all das!« rief die Tante, deren vertrocknetes
Gesicht sich plötzlich unter einem fröhlichen Lächeln belebte -- einem
Abglanz ihrer Jugendzeit.
»Und auch Sie -- Sie lachen!« sagte die junge Frau in Verzweiflung.
»Ich bin ebenso gewesen,« antwortete die Marquise schlagfertig. »Sind
Sie nicht jetzt, wo Victor Sie allein gelassen hat, wieder junges
Mädchen und ruhig geworden? Ein junges Mädchen, das keine Liebesfreude
mehr hat, aber auch kein Liebesleid?«
Julie machte große, fast stumpfsinnige Augen.
»Nun ja doch, mein Engel, Sie beten Victor an, nicht wahr? Aber Sie
möchten weit lieber seine Schwester als seine Frau sein, und das
Eheleben ist eben gar nicht Ihr Fall?«
»Nun denn -- ja, Tante. Aber warum lächeln Sie dazu?«
»O, Sie haben recht, mein armes Kind. All das ist nicht zum Spaßen. Ihre
Zukunft würde Ihnen mehr als ein Unglück bescheren, wenn nicht ich Sie
unter meine Obhut nähme, und wenn meine langjährige Erfahrung mich nicht
die ganz unschuldige Ursache Ihres Kummers hätte erraten lassen. Mein
Neffe hat sein Glück nicht verdient, der Tropf! Unter der Regierung
unseres vielgeliebten fünfzehnten Ludwig würde eine junge Frau in Ihrer
Lage den Gatten bald bestraft haben, wenn er sich wie ein ungeschlachter
Landsknecht benommen hätte! Der Egoist! Die Soldaten dieses kaiserlichen
Tyrannen sind durch die Bank unwissende Bösewichter! Sie halten
Brutalität für Galanterie; sie kennen die Frauen nicht mehr und
verstehen nicht zu lieben. Sie glauben, die Aussicht, doch bald in den
Tod zu gehen, entbände sie von Rücksicht und Aufmerksamkeiten gegen uns.
Früher wußte man ebenso gut zu lieben wie zu sterben -- beides zu
gleicher Zeit. Meine Nichte, ich werde Ihnen den Mann erziehen. Ich
werde dem traurigen, doch ganz natürlichen Mißstand ein Ende machen.
Wenn das so weiterginge, würden Sie einander schließlich hassen und die
Scheidung herbeiwünschen, sofern Sie nicht daran sterben, ehe es zu
diesem verzweifelten Ende kommt.«
Julie hörte ihrer Tante mit Erstaunen, ja wie betäubt, zu, verwundert,
Worte zu vernehmen, deren Richtigkeit von ihr mehr geahnt als eingesehen
wurde, und ganz entsetzt, aus dem Munde einer vielerfahrenen Verwandten,
nur in milderer Gestalt, den gleichen Einwand wiederzuhören, den ihr
Vater gegen Victor erhoben hatte. Sie hatte vielleicht eine lebhafte
Ahnung dessen, was ihr bevorstände, und empfand ohne Zweifel schon die
Last des Unglücks, das sie bedrücken sollte, denn sie vergoß Tränen und
warf sich in die Arme der alten Dame mit den Worten:
»Seien Sie mir Mutter!«
Die Tante weinte nicht; denn die Revolution hat den Frauen aus dem alten
Königreich das Weinen abgewöhnt. Erst die verliebte Lebensweise und dann
die Schreckensherrschaft haben sie mit den schmerzlichsten Umstürzen
vertraut gemacht, so daß sie nun in den Gefahren des Lebens eine kalte
Würde und eine aufrichtige Zuneigung, doch ohne jede Überschwenglichkeit,
bewahren. Auf diese Weise vergessen sie darüber nie die Etikette und eine
Vornehmheit des Benehmens, die die neuen Sitten sehr zu Unrecht verpönt
haben.
Die Matrone nahm die junge Frau in die Arme und küßte sie auf die Stirn,
mit einer Zärtlichkeit und Anmut, die bei diesen Frauen oft mehr Manier
und Gewohnheit als Sache des Herzens ist. Sie tröstete ihre Nichte mit
süßen Worten, versprach ihr eine glückliche Zukunft, half ihr beim
Schlafengehen und schläferte sie mit liebevollen Vesprechungen ein, ganz
als wenn Julie ihre Tochter gewesen wäre -- eine geliebte Tochter, deren
Hoffnungen und Kümmernisse sie zu ihren eigenen machte; sie sah sich
noch einmal jung in ihrer Nichte, fand sich in ihr noch einmal als
unerfahrenes, hübsches Mädchen.
Glücklich, eine Freundin gefunden zu haben, eine Mutter, der sie hinfort
alles sagen könnte, schlief die Komtesse ein. Als sich am folgenden
Morgen Tante und Nichte mit der tiefen Herzlichkeit und in dem
Einverständnis küßten, die einen Fortschritt im gegenseitigen Fühlen,
eine noch vollständigere Verkettung zweier Seelen beweisen -- vernahmen
sie den Schritt eines Pferdes, wandten gleichzeitig den Kopf und
erblickten den jungen Engländer, der langsam, wie seine Gewohnheit war,
vorbeiritt.
Er schien in gewissem Sinne das Leben, das die beiden einsamen Frauen
führten, studiert zu haben und unterließ nie, sich einzufinden, wenn sie
beim Frühstück oder beim Mittagessen saßen. Sein Pferd ging von selbst
im langsamen Schritt -- er brauchte ihm keinen Wink zu geben; und in der
Zeit, die es brauchte, an dem Raum zwischen den beiden Fenstern des
Eßzimmers vorbeizukommen, warf Arthur einen melancholischen Blick
hinein, meistens ohne von der Komtesse irgendwie beachtet zu werden.
Die Marquise hatte sich die philisterhafte Neugierde angewöhnt, die sich
an die kleinsten Dinge heftet, um dem Leben in der Provinz Abwechslung
zu verleihen, und von der sich selbst überlegene Geister nur schwer
freihalten. Sie fand großen Spaß an der schüchternen, ernsthaften, und
so stillschweigend offenbarten Liebe des Engländers. Diese Blicke im
Vorüberreiten gehörten nun schon zur Tagesordnung, und jedesmal
begrüßte sie Arthurs Vorbeikunft mit einem neuen Scherz.
Als sich die beiden Frauen an diesem Morgen zu Tische setzten,
erblickten sie den Insulaner zu gleicher Zeit. Diesmal begegneten sich
Juliens und Arthurs Augen so voll und unverhohlen, daß die junge Frau
errötete. Sogleich gab der Engländer seinem Pferde die Sporen und
verschwand im Galopp.
»Aber, Madame,« sagte Julie zu ihrer Tante, »was ist da zu machen? Wer den
Engländer hier immer vorbeireiten sieht, muß ja doch merken, daß ich --«
»Jawohl,« antwortete die Tante, sie unterbrechend.
»Sollte ich mir das nicht verbitten?«
»Das hieße ihn auf den Gedanken bringen, er sei Ihnen gefährlich. Und
könnten Sie denn jemand hindern, hin und her zu reiten, wo es ihm
gefällt? Wir werden einfach morgen nicht mehr in diesem Zimmer speisen.
Wenn uns der junge Kavalier hier nicht mehr sieht, wird er diese Liebe
durchs Fenster einstellen. Sehen Sie, mein liebes Kind, so muß sich eine
Frau benehmen, die weltgewandt ist.«
Aber das Unglück Juliens sollte vervollkommnet werden. Kaum erhoben sich
die beiden Frauen vom Tische, so traf plötzlich Victors Kammerdiener
ein. Er kam, so schnell sein Pferd hatte laufen können, auf
Schleichwegen von Bourges her und überbrachte der Gräfin einen Brief
ihres Gatten. Victor hatte den Kaiser verlassen und meldete seiner Frau
den Zusammenbruch des Imperiums, die Eroberung von Paris und die
Begeisterung, die an allen Punkten Frankreichs für die Bourbonen
lebendig wurde. Aber da er nicht wußte, wie er bis nach Tours gelangen
sollte, so bat er sie, in aller Eile nach Orleans zu kommen, wo er sich
mit Durchgangspässen für sie einzufinden hoffte. Der Kammerdiener, ein
alter Soldat, sollte Julie von Tours nach Orleans geleiten. Victor hielt
diesen Weg noch für frei.
»Gnädige Frau haben keinen Augenblick zu verlieren,« sagte der
Kammerdiener, »die Preußen, Österreicher und Engländer wollen in Blois
oder in Orleans zueinander stoßen.«
In ein paar Stunden war die junge Frau bereit und reiste in einem alten
Reisewagen ab, den die Tante ihr borgte.
»Warum wollen Sie nicht mit uns nach Paris kommen?« fragte sie, die
Marquise umarmend. »Wo nun die Bourbonen wieder auf den Thron kommen,
würden Sie dort ...«
»Ich würde auch ohne diese unerwartete Rückkehr des Königshauses
hingekommen sein, meine arme Kleine, denn Sie bedürfen meines Ratschlags
zu notwendig, Sie sowohl, als auch Victor. Ich werde also alle
Vorkehrungen treffen, um Sie dort aufzusuchen.«
Julie nahm Abschied. Ihre Kammerzofe begleitete sie, und der alte Soldat
ritt neben dem Wagen her, über seiner Herrin Sicherheit wachend. Als sie
des Nachts auf einer Poststation vor Blois anlangten, sah Julie zum
erstenmal zum Schlag heraus. Es beunruhigte sie, daß ein Gefährt hinter
dem ihren herkam und es von Amboise her nicht verlassen hatte. Nun
wollte sie sehen, wer ihre Reisegefährten seien. Beim Mondlicht erkannte
sie Arthur, er stand drei Schritte vor ihr, die Augen auf ihren Wagen
geheftet. Ihre Blicke begegneten sich.
Die Komtesse warf sich rasch in die Tiefe der Kalesche zurück -- sie
zitterte vor Furcht. Wie die Mehrzahl der jungen wirklich unschuldigen
und unerfahrenen Frauen, erschien es ihr schon als Fehltritt,
unabsichtlich bei einem jungen Manne Liebe erweckt zu haben. Sie empfand
ein unwillkürliches Entsetzen, das ihr vielleicht das Bewußtsein ihrer
Schwäche gegenüber einer so kühnen Annäherung einflößte.
Eine der stärksten Waffen des Mannes ist diese furchtbare Macht, sich
der von Natur regen Phantasie einer Frau, die über eine solche
Verfolgung erschrickt oder sich beleidigt fühlt, immer wieder
aufzudringen. Die Komtesse erinnerte sich des Rates, den die Tante ihr
gegeben hatte, und beschloß, während der ganzen Reise in ihrem
Reisewagen zu bleiben und nicht ein einziges Mal herauszukommen. Aber
auf jeder Station hörte sie den Engländer um die beiden Wagen
herumgehen. Und auf dem Wege hallte ihr das unwillkommene Geräusch
seines Gespanns unaufhörlich in den Ohren. Die junge Frau dachte,
Victor, bei dem sie ja nun bald sein würde, werde schon ein Mittel
wissen, sie gegen diese sonderbare Verfolgung zu schützen.
»Aber wenn mich dieser junge Mann nun nicht liebt?«
Diese Betrachtung war die letzte von allen, die sie anstellte. Als sie
nach Orleans kam, wurde ihre Postkutsche von den Preußen angehalten, auf
den Hof einer Herberge gebracht und dort von Soldaten bewacht.
Widerstand war unmöglich. Die Fremden gaben den drei Reisenden durch
gebieterische Gebärden zu verstehen, sie hätten Befehl, niemand aus dem
Wagen herauszulassen.
Die Komtesse blieb unter Tränen fast zwei Stunden lang die Gefangene
dieser Soldaten, die rauchten, lachten und sie manchmal mit frecher
Neugierde betrachteten. Aber endlich sah sie sie mit Respekt von dem
Wagen wegtreten, und hörte das Trappeln mehrerer Pferde. Bald umringte
eine Schar höherer ausländischer Offiziere, an deren Spitze sich ein
österreichischer General befand, die Kalesche.
»Gnädige Frau,« sagte der General zu ihr, »entschuldigen Sie. Es hat ein
Versehen stattgefunden -- Sie können Ihre Reise ohne Furcht fortsetzen,
und hier haben Sie einen Paß, der Ihnen weiterhin jede Unannehmlichkeit
ersparen wird.«
Die Komtesse nahm das Papier zitternd entgegen und stammelte ein paar
undeutliche Worte. Sie sah neben dem General, und in der Kleidung eines
englischen Offiziers, Arthur stehen, dem sie ohne Zweifel ihre rasche
Befreiung verdankte. Zugleich freudig und betrübt, sah der junge
Engländer zur Seite und wagte nicht einmal heimlich nach Julie
hinzuschauen. -- Dank dem Paß, gelangte Frau d'Aiglemont ohne weiteres
verdrießliches Abenteuer nach Paris. Sie traf hier ihren Gatten, der,
von seinem Treueid gegen den Kaiser entbunden, beim Grafen d'Artois, dem
von seinem Bruder Ludwig XVIII. ernannten Generalleutnant des
Königreichs, schmeichelhafteste Aufnahme gefunden hatte.
Victor wurde in der königlichen Garde zum Range eines Generals
befördert. Inmitten der Festlichkeiten, mit denen man die Rückkehr der
Bourbonen feierte, wurde die arme Julie von einem recht großen Unglück
betroffen, das nicht ohne Einfluß auf ihr Leben bleiben konnte: sie
verlor die Marquise de Listomere-Landon. Die alte Dame starb, als sie
den Herzog von Angoulème in Tours wiedersah, vor Freude und an einem ins
Herz zurückgetretenen Tropfen Blutes. So war denn die Frau tot, der ihr
Alter das Recht gegeben hätte, Victor aufzuklären, die einzige, die
durch triftige Ratschläge eine völlige Harmonie zwischen Mann und Frau
hätte herstellen können. Sie war tot, und Julie fühlte die ganze
Tragweite dieses Verlusts. Nun war sie wieder allein und ohne
Vermittlerin zwischen sich und dem Gatten. Aber jung und schüchtern, wie
sie war, mußte sie im Anfang lieber dulden als klagen. Eben die
Vollkommenheit ihres Charakters ließ es nicht zu, daß sie sich dem
entzöge, was sie für ihre Pflicht hielt, oder nach der Ursache ihrer
Schmerzen forschte. Denn diesen ein Ende zu machen, wäre eine zu heikle
Sache gewesen; Julie hätte gefürchtet, ihre jungfräuliche Scham zu
verletzen.
Ein Wort über die Schicksale des Herrn d'Aiglemont während der
Restauration!
Trifft man nicht viele Menschen, deren völlige Nichtigkeit allen Leuten,
die sie kennen, ein Geheimnis bleibt? Ein hoher Rang, eine vornehme
Geburt, wichtige Ämter, ein gewisser Firnis von Höflichkeit, eine große
Zurückhaltung im Benehmen oder das Blendwerk des Vermögens -- das sind
für sie sozusagen Schutzwälle, die es der Kritik verwehren, bis in ihr
intimes Leben einzudringen. Diese Leute gleichen den Königen, deren
wahre Gestalt, Charakter und Sitten niemals genau bekannt sind oder
richtig beurteilt werden, weil sie entweder aus zu großer Ferne oder aus
zu großer Nähe gesehen werden. Diese Personen, deren Verdienst »gemacht«
ist, fragen, statt zu sprechen, besitzen die Kunst, die andern in Szene
zu setzen, und vermeiden es so, selbst vor sie treten zu müssen; dann
ziehen sie mit glücklichem Geschick jeden am Fädchen seiner
Leidenschaften oder Interessen und spielen auf diese Weise mit Menschen,
die ihnen in Wahrheit überlegen sind, machen sie zu Marionetten und
halten sie für klein, weil es ihnen gelungen ist, sie bis zu sich
herabzuziehen. Sie gelangen dann zu dem ganz natürlichen Triumph des
beschränkten, aber beharrlichen Kopfes über die Rastlosigkeit
bedeutender Köpfe. Um diese leeren Köpfe zu beurteilen und ihren
negativen Wert abzuwägen, muß daher der Beobachter einen mehr feinen,
als überlegenen Geist besitzen, mehr Geduld als Weite des Blickes, mehr
Feingefühl und Takt als Bildung und Größe der Ideen. So viel
Geschicklichkeit diese Usurpatoren auch entfalten, ihre schwachen Seiten
zu verbergen, so ist es ihnen doch sehr schwer, ihre Frauen, Mütter,
Kinder oder den Freund des Hauses zu täuschen; aber diese Personen
bewahren fast immer das Geheimnis eines Gegenstandes, der gewissermaßen
die gemeinsame Ehre angeht, ja sie helfen ihnen oft noch, die Welt zu
täuschen. Wenn dank solcher häuslichen Verschwörung viele Nullen für
höhere Menschen gelten, so machen sie die Zahl der höhern Menschen wett,
die für Nullen gelten, so daß der Gesellschaftsstaat immer die gleiche
Menge scheinbarer Kapazitäten hat.
Man denke sich nun, welche Rolle eine Frau von Geist und Gefühl neben
einem Manne dieses Schlages spielen muß. Man wird erkennen, daß das ein
Leben voll des Schmerzes und der Aufopferung ist, für die gewisse Herzen
voll Liebe und Zartgefühl nichts hienieden schadlos halten kann. Wenn
eine starke Frau sich in so schrecklicher Lage befindet, so entreißt sie
sich ihr durch ein Verbrechen, wie es Katharina II. tat, die trotzdem
die »Große« genannt wird. Aber nicht alle Frauen sitzen auf einem
Throne, und so verzehren die meisten sich in häuslichem Unglück, das,
wenn es auch im Verborgenen bleibt, doch nicht minder schrecklich ist.
Diejenigen, die hienieden unmittelbaren Trost für ihre Leiden suchen,
tauschen, wenn sie ihren Pflichten treu bleiben wollen, eben doch nur
andere Schmerzen dagegen ein, oder wenn sie die Gesetze zugunsten ihres
Vergnügens verletzen, so begehen sie Fehltritte.
Diese Betrachtungen sind sämtlich auf das geheime Leben Juliens
anwendbar. So lange Napoleon auf der Höhe war, war der Graf d'Aiglemont
ein Oberst wie viele andere, ein guter Ordonnanzoffizier, der eine
gefährliche Sendung ausgezeichnet erfüllen konnte, aber unfähig war, ein
Kommando von einiger Wichtigkeit zu übernehmen. Er erregte keinerlei
Neid, und galt für einen der Tapferen, denen der Kaiser seine Gunst
schenkte. Er war das, was man beim Militär schlechtweg »eine gute Haut«
nennt.
Bei der Restauration, die ihm den Titel des Marquis zurückgab, zeigte er
sich nicht undankbar; er ging mit den Bourbonen nach Gand. Diese
Handlungsweise voll Konsequenz schien das Horoskop Lügen zu strafen, das
einstmals sein Schwiegervater gestellt hatte, als er sagte, Victor werde
nicht über den Oberst hinauskommen. Bei der zweiten Rückkehr wurde er
zum Generalleutnant befördert und wieder zum Marquis erhoben und
verfolgte nun das ehrgeizige Ziel, die Pairswürde zu erlangen. Er hielt
sich zu den Grundsätzen und der Politik der Konservativen, umhüllte sich
mit einer Verstellung, hinter der nichts steckte, wurde ernst,
bedächtig, wortkarg und galt für einen tiefen Geist. Er beschränkte sich
beständig auf die Formen der Höflichkeit, verschanzte sich hinter
feststehenden Formeln, ging bald sparsam, bald verschwenderisch mit den
fertigen Phrasen um, die in Paris regelmäßig geprägt wurden, um in
kleiner Münze den Dummköpfen die Bedeutung großer Ideen oder Ereignisse
zu übermitteln, und so hielt die Gesellschaft ihn für einen Mann von
Geschmack und Wissen.
Starr auf seine aristokratischen Ansichten versessen, hatte er den Ruf
eines schönen Charakters. Wenn er zufällig einmal wieder sorglos und
flott wurde, wie er es einst gewesen war, so legten die andern der
Bedeutungslosigkeit und Nichtigkeit seiner Worte einen verborgenen
diplomatischen Sinn bei.
»O, er sagt bloß nicht, was er sagen will,« dachten die sehr ehrbaren
Leute.
Seine Tugenden kamen ihm ebenso zustatten wie seine Fehler. Seine
Tapferkeit brachte ihm einen hohen Ruf als Soldat ein, der auch durch
nichts Lügen gestraft wurde, weil er nie selbständig kommandiert hatte.
Sein männliches, edles Gesicht ließ große Gedanken vermuten, und seine
Physiognomie hatte für niemand, außer seiner Frau, etwas Hohles. Indem
Marquis d'Aiglemont alle Welt seine unechten Talente loben hörte,
glaubte er schließlich selbst daran, daß er einer der hervorragendsten
Männer bei Hofe sei, wo er dank seinem Äußeren zu gefallen wußte und
niemand seine verschiedenen Vorzüge bestritt.
Trotzdem war Herr d'Aiglemont zu Hause bescheiden. Er fühlte instinktiv
die Überlegenheit seiner Frau, so jung sie auch war; und aus diesem
unwillkürlichen Respekt erwuchs eine geheime Macht, zu der die Marquise
wider den eigenen Willen gelangte, so sehr sie sich auch sträubte, die
Bürde auf sich zu nehmen. Als Ratgeberin ihres Mannes lenkte sie dessen
Handlungen und verwaltete das Vermögen. Dieser fast widernatürliche
Einfluß wurde für sie zu einer Art Demütigung und brachte viele
Schmerzen mit sich, die sie in ihrem Herzen begrub. Zuerst sagte sie
sich in ihrem echt weiblichen Instinkt, es sei weit schöner, einem
talentvollen Manne sich unterzuordnen, als einen Tropf zu regieren, und
eine junge Frau, die wie ein Mann denken und handeln müsse, sei weder
Frau noch Mann, bliebe wohl frei von den Mißständen des Weibes, sage
dabei aber doch allen Freuden ihres Geschlechtes ab. Und bei dem allem
erreiche sie doch keines der Vorrechte, das unsere Gesetze dem stärkeren
Geschlecht einräumen.
Hinter ihrem Leben verbarg sich ein recht bitterer Hohn. Mußte sie nicht
zu einem hohlen Götzen beten, ihren Protektor protegieren, einen
armseligen Menschen, der ihr zum Lohn für beständige Aufopferung die
egoistische Liebe der Ehemänner zuwarf, in ihr nichts als das Weib sah.
Entweder aus Unwissen oder aus Gleichgültigkeit beging er das tiefe
Unrecht, daß er sich weder darum kümmerte, was ihr Freude mache, noch
sich darum sorgte, weshalb sie immer so traurig sei und so auffallend
abnehme.
Wie die meisten Ehemänner, die das Joch eines überlegenen Geistes
verspüren, schloß der Marquis, um seine Eigenliebe zu retten, aus
Juliens physischer Schwäche auch auf moralische Schwäche, und klagte
gern das Geschick an, das ihm ein kränkliches Mädchen zur Frau gegeben
hätte. Kurz, er stellte sich als das Opfer hin, während er doch der
Henker war.
Die Marquise, auf der alles Elend dieses tristen Daseins lastete, mußte
ihren blöden Gebieter noch anlächeln, noch mit Blumen ein Trauerhaus
ausschmücken und vor einem von geheimem Jammer blassen Gesicht die Maske
des Glücks tragen. Diese Verantwortlichkeit für die Ehre des Hauses bei
großartiger Selbstverleugnung verlieh der jungen Marquise unmerklich
eine frauliche Würde, ein Bewußtsein der Tugend, die ihr zum Schutzwall
gegen die Gefahren der Welt dienten. Und wenn wir dieses Herz bis auf
den Grund erforschen wollen, so hatte vielleicht das tiefinnere,
verborgene Unglück, mit dem ihre erste, ihre naive Jungmädchenliebe
endete, ihr Abscheu vor der Leidenschaft eingeflößt; vielleicht begriff
sie nie den hinreißenden Trieb, noch die verbotenen, doch berauschenden
Freuden, über die gewisse Frauen die Gesetze der Klugheit vergessen, auf
denen die Gesellschaft beruht.
Sie verzichtete wie auf einen Traum auf die sanften Freuden, auf die
zarte Harmonie, die Madame de Listomere-Landon in ihrer langjährigen
Erfahrung ihr verheißen hatte; sie wartete mit Ergebung auf das Ende
ihrer Schmerzen, indem sie jung zu sterben hoffte. Seit ihrer Rückkehr
aus der Touraine war ihre Gesundheit täglich schwächer geworden, und das
Leben schien ihr nur noch durch das Leiden zugemessen zu sein -- ein
vornehmes Leiden übrigens, eine dem Anschein nach fast wonnevolle
Krankheit, die in den Augen oberflächlicher Menschen für die Grille
eines Hausdämchens gelten konnte.
Die Ärzte hatten die Marquise dazu verurteilt, auf einem Diwan zu
liegen, wo sie sich mit Blumen umgab und nun dahinsiechte wie diese.
Ihre Schwäche verbot ihr das Gehen und den Aufenthalt in frischer Luft;
sie fuhr nur noch im geschlossenen Wagen aus. Beständig umgeben von
allen Wundern unsers Luxus und unserer modernen Industrie, glich sie
weniger einer Kranken als einer blasierten Königin. Einige Freunde, die
ihre Krankheit und Schwäche entzückend fanden und vielleicht auch
bestimmt darauf rechneten, daß sie in Zukunft wieder ganz gesund würde,
besuchten sie, denn sie waren ja immer sicher, sie zu Hause zu treffen,
brachten ihr alle Neuigkeiten und unterrichteten sie über die tausend
kleinen Ereignisse, die das Leben in Paris so abwechslungsreich machen.
Ihre Melancholie war ernst und tief, aber es war die Melancholie des
Überflusses. Die Marquise d'Aiglemont glich einer schönen Blume, deren
Wurzel von einem schwarzen Insekt angefressen ist. Sie ging bisweilen in
Gesellschaften, nicht aus Geschmack daran, sondern um den Forderungen
der Stellung zu genügen, nach der ihr Mann strebte. Ihre Stimme und die
Vollendung ihres Gesangs trugen ihr den Beifall ein, der fast immer
einer jungen Frau schmeichelt. Aber was nützten ihr Erfolge, die weder
mit ihrem Empfinden noch mit ihrem Hoffen etwas zu tun hatten? Ihr Mann
machte sich nichts aus Musik. Zuletzt fühlte sie sich stets befangen in
den Salons, wo ihre Schönheit ihr Huldigungen einbrachte. Ihre Situation
erregte dort eine Art grausamen Mitleids, eine kalte Neugierde.
Sie war von einem Fieber befallen, das fast regelmäßig mit dem Tode
endet -- ein Leiden, von dem die Frauen untereinander nur flüsternd
sprechen, und für die unsere Neologie noch keinen Namen hat finden
können. Trotz des Schweigens, in dessen Mitte sich ihr Dasein vollzog,
war die Ursache ihres Leidens für niemand ein Geheimnis. Trotz der Ehe,
noch immer ein junges Mädchen, erfüllten die geringsten Blicke sie mit
Scham. Um nicht erröten zu müssen, erschien sie daher stets fröhlich und
lachend; sie erkünstelte eine falsche Freude, erklärte immer, sie
befände sich sehr wohl oder kam den Fragen nach ihrer Gesundheit mit
schamhaften Lügen zuvor.
Inzwischen trug 1817 ein Ereignis viel dazu bei, den beklagenswerten
Zustand zu ändern, in dem Julie bisher sich befunden hatte. Sie bekam
eine Tochter und wollte selbst stillen. Zwei Jahre lang war bei den
lebhaften Zerstreuungen und unruhevollen Freuden, die die Sorgen einer
Mutter mit sich bringen, ihr Leben weniger unglücklich.
Sie mußte sich nun von ihrem Manne fernhalten. Die Ärzte prophezeiten
eine Besserung; aber die Marquise glaubte nicht an diese auf Vermutungen
gegründeten Weissagungen. Wie alle Leute, für die das Leben keine Freude
mehr hat, erblickte sie vielleicht im Tode eine glückliche Erlösung.
Im Anfang des Jahres 1819 war das Leben für sie grausamer als je zuvor.
In dem Augenblick, wo sie sich des negativen Glücks erfreute, das sie zu
erringen gewußt hatte, sah sie furchtbare Abgründe vor sich: ihr Mann
hatte sich allmählich ihrer entwöhnt. Dieses Erkalten einer schon so
lauen und ganz egoistischen Liebe konnte mehr Unglück herbeiführen, als
sie bei allem feinen Takt und aller Klugheit voraussehen konnte. Obwohl
sie sicher war, eine große Herrschaft über Victor zu behalten und seine
Achtung für immer zu besitzen, fürchtete sie den Einfluß der
Leidenschaften auf einen so unbedeutenden, so lächerlich unüberlegten
Mann. Oft überraschten ihre Freunde sie bei lang anhaltendem Grübeln;
die weniger Tiefblickenden fragten sie scherzend nach dem Geheimnis
ihrer Gedanken, als wenn eine junge Frau an nichts anderes als an
Frivolitäten denken könnte, als wenn nicht fast immer ein tiefer Sinn in
den Gedanken einer Hausmutter läge.
Übrigens führt uns das Unglück, wie das wahre Glück, immer zu
Träumereien. Manchmal spielte Julie mit ihrer Helene, betrachtete sie
mit finsterm Blick und antwortete plötzlich nicht mehr auf die
kindlichen Fragen, die den Müttern so viel Vergnügen machen. Sie sann
dann über ihr Schicksal in Gegenwart und Zukunft nach. Ihre Augen wurden
naß von Tränen, wenn ein plötzliches Erinnern ihr das Bild jener Parade
in den Tuilerien wieder vorzauberte. Die prophetischen Worte ihres
Vaters klangen ihr abermals in den Ohren, und ihr Gewissen tadelte sie,
deren Weisheit verkannt zu haben.
Aus diesem törichten Ungehorsam entsprang all ihr Unglück; und oft wußte
sie nicht, welches unter ihren Leiden am schwersten zu ertragen sei.
Nicht nur blieben die süßen Schätze ihrer Seele ungehoben, nein, sie
konnte selbst in den gewöhnlichsten Dingen des Lebens zu keinem
Einverständnis mit ihrem Gatten gelangen.
In dem Augenblick, wo die Fähigkeit zu lieben in ihr erstarkte und sich
wärmer regte, erlosch die gesetzliche, die eheliche Liebe unter schweren
Leiden physischer und moralischer Art. Sie hegte nur für ihren Mann
jenes an Verachtung grenzende Mitleid, das auf die Dauer alle Gefühle
vernichtet. Wenn nicht schon ihre Gespräche mit den Freunden, die
Beispiele oder gewisse Abenteuer der vornehmen Gesellschaft sie darüber
belehrt hätten, daß die Liebe auch großes Glück bescheren könne, so
würden ihre Wunden ihr schließlich eine Ahnung von den tiefen, reinen
Wonnen eingeflößt haben, die ein Band zwischen brüderlichen Seelen
bilden müssen.
In dem Bilde, das ihre Erinnerung ihr von der Vergangenheit entwarf,
zeichnete sich das lautere Gesicht Arthurs mit jedem Tage reiner und
schöner ab; doch betrachtete sie es stets nur flüchtig, denn sie wagte
nicht, bei dieser Erinnerung zu verweilen. Die schweigsame, schüchterne
Liebe des jungen Engländers war das einzige Ereignis, das seit der
Verheiratung eine sanfte Spur in diesem düstern, einsamen Herzen
zurückgelassen hatte.
Vielleicht richteten sich alle getäuschten Hoffnungen, alle
fehlgeschlagenen Wünsche, die allmählich Juliens Geist verdüstert
hatten, durch ein natürliches Spiel der Phantasie auf diesen Mann,
dessen Manieren, Gefühl und Art anscheinend eine so große
Übereinstimmung mit ihrem Wesen aufwiesen. Aber dieser Gedanke hatte
immer den Charakter einer Laune, eines Traumes. Nach einem solchen
haltlosen Sinnen, das immer in Seufzern seinen Abschluß fand, erwachte
Julie noch unglücklicher und empfand nur noch tiefer ihre verborgenen
Schmerzen, nachdem sie sie unter den Fittichen eines Glückes
eingeschläfert hatte, das die Phantasie ihr vorgegaukelt.
Manchmal nahmen ihre Klagen einen törichten, tollkühnen Charakter an;
sie verlangte Vergnügungen um jeden Preis. Aber noch öfter verharrte sie
in einer unsagbaren stumpfsinnigen Betäubung, hörte zu, ohne zu
verstehen, oder spann so unklare, unbestimmte Gedanken, daß sie sie in
Worten nicht hätte ausdrücken können.
In ihrem intimsten Wollen, in den Gewohnheiten, die sie einstmals als
junges Mädchen sich erträumt hatte, so tief verwundet, mußte sie nun
ihre Tränen in sich hinein weinen. Wem hätte sie ihr Leid klagen sollen?
Von wem konnte sie verstanden werden? Und dann besaß sie ja auch jenes
äußerste Zartgefühl des Weibes, jene liebliche Schamhaftigkeit des
Gefühls, die darin besteht, keine unnütze Klage laut werden zu lassen,
den Vorteil unbenutzt zu lassen, sobald der Sieg den Sieger ebenso
erniedrigen müßte wie den Besiegten.
Julie suchte Herrn d'Aiglemont ihre Fähigkeit, die ihr eigenen Tugenden
zu verleihen und rühmte sich gegen die Welt eines Glückes, das ihr doch
nicht beschieden war.
All ihr weibliches Feingefühl wurde vollständig umsonst aufgeboten, eine
Rücksicht zu nehmen, die ihr Mann ja doch nicht beachtete, indem er sich
im Gegenteil dadurch in seinem Egoismus bestärkt fühlte. Bisweilen war
sie nahe daran, vor Unglück den Verband zu verlieren; aber zum Glück
führte eine echte Frommheit sie immer wieder zu einer äußersten
Hoffnung: sie nahm Zuflucht zu dem zukünftigen Leben -- eine
bewundernswerte Glaubenskraft ließ sie von neuem ihre schmerzliche Bürde
auf sich nehmen.
Diese furchtbaren Kämpfe, diese innere Zerrissenheit blieben ohne Ruhm,
ihre langen Stunden der Schwermut blieben unbekannt; keine Menschenseele
fing ihre matten Blicke, ihre bitteren Tränen auf -- dem Zufall
hingegeben, erloschen sie in der Einsamkeit.
Die Gefahren der kritischen Lage, zu der die Marquise unmerklich durch
die Kraft der Verhältnisse gelangt war, enthüllten sich ihr in vollem
Ernst erst an einem Abend im Januar 1820.
Wenn zwei Eheleute sich ganz genau kennen und sich seit langem
aneinander gewöhnt haben, wenn eine Frau die geringsten Gebärden eines
Mannes zu deuten weiß und Gefühle oder Dinge, die er ihr verbirgt,
durchschauen kann, dann geht ihr oft nach vorhergehenden Betrachtungen
oder Bemerkungen, die zufällig und ursprünglich auch ohne jeden Belang
gemacht werden, ganz plötzlich ein Licht auf, und oftmals erwacht eine
Frau mit einem Male am Rande oder am Boden eines Abgrunds.
So erriet die Marquise, die sich seit zwei Tagen freute, allein zu sein,
ganz plötzlich das Geheimnis ihres Alleinseins. Ob aus Untreue oder aus
Überdruß, ob aus Edelsinn oder Mitleid mit ihr -- ihr Gatte gehörte ihr
nicht mehr. In diesem Augenblick dachte sie nicht mehr an sich, noch an
ihre Leiden und Opfer; sie war nur noch Mutter, und ihr Augenmerk galt
der Zukunft, dem Glück ihrer Tochter, des einzigen Wesens, von dem ihr
noch ein wenig Glückseligkeit kam -- ihrer Helene, des einzigen Guts,
das sie noch ans Leben fesselte.
Jetzt wollte Julie nicht sterben -- sie wollte ihr Kind vor dem
entsetzlichen Joch bewahren, unter dem eine Stiefmutter das Leben dieses
teueren Wesens erdrücken konnte. Bei dieser neuen Voraussicht eines
finstern Geschicks verfiel sie in eine jener glühenden Grübeleien, die
ganze Jahre verzehren. Zwischen ihr und ihrem Gatten mußte hinfort eine
ganze Welt von Gedanken liegen, deren Last auf sie allein fallen würde.
Bisher war sie gewiß gewesen, von Victor geliebt zu sein, soweit er der
Liebe fähig war, und sie hatte sich einem Glücke hingegeben, das sie
selbst nicht teilte. Aber jetzt hatte sie nicht mehr die Genugtuung, zu
wissen daß ihre Tränen ihren Mann noch immer rühren würden -- jetzt
stand sie allein in der Welt, und es blieb ihr keine Wahl als das
Unglück.
In der Stille und dem Schweigen des Abends erlahmte alle ihre Kraft,
aller Mut brach nieder, und in dem Augenblick, wo sie ihren Diwan und
ihr fast erloschenes Feuer verließ, um zu ihrer Tochter zu gehen und
beim Scheine einer Lampe mit trockenen Augen das Kind anzusehen, kehrte
Herr d'Aiglemont in fröhlichster Stimmung heim. Julie bewog ihn, mit
ihr zusammen die schlafende Helene zu bewundern, aber er fertigte die
Begeisterung seiner Frau mit einer banalen Phrase ab.
»In diesem Alter,« sagte er, »sind alle Kinder niedlich.«
Nachdem er seiner Tochter einen flüchtigen Kuß auf die Stirn gegeben,
ließ er die Vorhänge der Wiege herab, sah Julie an, nahm sie bei der
Hand und führte sie zu dem Diwan, wo eben noch so viele unheilvolle
Gedanken sie bestürmt hatten.
»Sie sind sehr schön heute abend, Madame d'Aiglemont!« rief er mit der
unerträglichen Heiterkeit, deren Leere der Marquise so wohlbekannt war.
»Wo haben Sie den Abend verbracht?« fragte sie, tiefe Gleichgültigkeit
erkünstelnd.
»Bei Madame de Sérizy.«
Er hatte einen Lichtschirm vom Kamin genommen und betrachtete aufmerksam
das Transparent. Die Spur der Tränen, die seine Frau vergossen, hatte er
nicht bemerkt. Julie zitterte. Die Sprache reichte nicht hin, den Strom
von Gedanken in Worte zu fassen, der aus ihrem Herzen hervorbrechen
wollte und den sie dort zurückhalten mußte.
»Madame de Sérizy gibt nächsten Montag ein Konzert und kommt um vor
Sehnsucht, dich dabei zu haben. Du hast dich seit langem nicht in
Gesellschaften sehen lassen, das ist für sie Grund genug, dich dringend
einzuladen. Es ist ein ganz nettes Weib -- und hat dich sehr lieb. Tu
mir den Gefallen und komm mit. Ich habe so gut wie zugesagt für dich ...«
»Ich werde mitkommen,« antwortete Julie.
Der Ton der Stimme, die Betonung und der Blick der Marquise hatten
etwas so Eindringliches, so Merkwürdiges, daß Victor bei all seiner
Oberflächlichkeit seine Frau erstaunt ansah. Das war alles. Julie hatte
erraten, Madame de Sérizy sei die Frau, die ihr das Herz ihres Mannes
entwendete.
Sie versank in eine Träumerei der Verzweiflung und schien angelegentlich
das Feuer zu betrachten. Victor drehte den Lichtschirm in den Fingern,
mit der gelangweilten Miene eines Mannes, der anderswo glücklich gewesen
ist und die Abspannung nach genossener Wonne mit sich bringt. Als er
mehrmals gegähnt hatte, nahm er eine Kerze in die eine Hand, mit der
andern suchte er nachlässig den Hals seiner Frau und wollte sie umarmen.
Aber Julie bückte sich, bot ihm die Stirn und empfing den Abendkuß,
diesen mechanischen, liebelosen Kuß -- ein Stück Komödie, das ihr jetzt
widerwärtig erschien.
Als Victor die Tür geschlossen hatte, sank die Marquise auf einen
Sessel; die Beine versagten ihr den Dienst, sie zerfloß in Tränen. Man
muß den Jammer eines ähnlichen Auftritts erlitten haben, um allen
Schmerz zu begreifen, den diese Szene in sich schloß, um die langen,
furchtbaren Katastrophen zu erraten, zu denen sie führen kann. Die
simplen, nichtssagenden Worte, das Schweigen zwischen dem Ehepaar, die
Gebärden, die Blicke, die Art, wie der Marquis sich vor das Feuer
setzte, alles das hatte dazu gedient, diese Stunde zu einer tragischen
Lösung des einsamen, schmerzvollen Lebens zu machen, das Julie führte.
In ihrem Wahnsinn warf sie sich vor dem Diwan auf die Knie, vergrub das
Gesicht, um nichts zu sehen, und betete zum Himmel. Den gewohnten Worten
ihrer Andacht verlieh sie einen eigenen Ton, eine neue Bedeutung, die
ihrem Gatten das Herz zerrissen hätten, wenn er es hätte hören können.
Acht Tage lang sann sie über ihr Schicksal nach, ihrem Unglück
preisgegeben. Sie faßte es von allen Seiten ins Auge und suchte nach
Mitteln und Wegen, um nicht ihr eigenes Herz belügen zu müssen, die
Herrschaft über den Marquis wiederzugewinnen und so lange zu leben, bis
das Glück ihrer Tochter gesichert war. Sie beschloß nun, mit ihrer
Nebenbuhlerin zu kämpfen, sich wieder in der Gesellschaft zu zeigen,
dort zu glänzen und, nur um den Gatten für sich zu gewinnen, ihm eine
Liebe vorzuheucheln, die sie doch eben nicht empfinden konnte. Und hatte
sie mit ihren Künsten ihn ihrer Macht unterworfen, so wollte sie kokett
zu ihm sein, wie es die kapriziösen Mätressen sind, die sich ein
Vergnügen daraus machen, ihre Verehrer auf die Folter zu spannen.
Diese häßliche Handlungsweise war das einzige Mittel, das ihr in ihrem
Leid noch zur Verfügung stand. So würde sie vielleicht Herrin ihres
Kummers werden, nach ihrem Gefallen über ihren Schmerz gebieten können,
ihn auf seltenere Anfälle einschränken -- die Unterjochung des Mannes,
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52
53
54
55
56
57
58
59
60
61
62
63
64
65
66
67
68
69
70
71
72
73
74
75
76
77
78
79
80
81
82
83
84
85
86
87
88
89
90
91
92
93
94
95
96
97
98
99
100
101
102
103
104
105
106
107
108
109
110
111
112
113
114
115
116
117
118
119
120
121
122
123
124
125
126
127
128
129
130
131
132
133
134
135
136
137
138
139
140
141
142
143
144
145
146
147
148
149
150
151
152
153
154
155
156
157
158
159
160
161
162
163
164
165
166
167
168
169
170
171
172
173
174
175
176
177
178
179
180
181
182
183
184
185
186
187
188
189
190
191
192
193
194
195
196
197
198
199
200
201
202
203
204
205
206
207
208
209
210
211
212
213
214
215
216
217
218
219
220
221
222
223
224
225
226
227
228
229
230
231
232
233
234
235
236
237
238
239
240
241
242
243
244
245
246
247
248
249
250
251
252
253
254
255
256
257
258
259
260
261
262
263
264
265
266
267
268
269
270
271
272
273
274
275
276
277
278
279
280
281
282
283
284
285
286
287
288
289
290
291
292
293
294
295
296
297
298
299
300
301
302
303
304
305
306
307
308
309
310
311
312
313
314
315
316
317
318
319
320
321
322
323
324
325
326
327
328
329
330
331
332
333
334
335
336
337
338
339
340
341
342
343
344
345
346
347
348
349
350
351
352
353
354
355
356
357
358
359
360
361
362
363
364
365
366
367
368
369
370
371
372
373
374
375
376
377
378
379
380
381
382
383
384
385
386
387
388
389
390
391
392
393
394
395
396
397
398
399
400
401
402
403
404
405
406
407
408
409
410
411
412
413
414
415
416
417
418
419
420
421
422
423
424
425
426
427
428
429
430
431
432
433
434
435
436
437
438
439
440
441
442
443
444
445
446
447
448
449
450
451
452
453
454
455
456
457
458
459
460
461
462
463
464
465
466
467
468
469
470
471
472
473
474
475
476
477
478
479
480
481
482
483
484
485
486
487
488
489
490
491
492
493
494
495
496
497
498
499
500
501
502
503
504
505
506
507
508
509
510
511
512
513
514
515
516
517
518
519
520
521
522
523
524
525
526
527
528
529
530
531
532
533
534
535
536
537
538
539
540
541
542
543
544
545
546
547
548
549
550
551
552
553
554
555
556
557
558
559
560
561
562
563
564
565
566
567
568
569
570
571
572
573
574
575
576
577
578
579
580
581
582
583
584
585
586
587
588
589
590
591
592
593
594
595
596
597
598
599
600
601
602
603
604
605
606
607
608
609
610
611
612
613
614
615
616
617
618
619
620
621
622
623
624
625
626
627
628
629
630
631
632
633
634
635
636
637
638
639
640
641
642
643
644
645
646
647
648
649
650
651
652
653
654
655
656
657
658
659
660
661
662
663
664
665
666
667
668
669
670
671
672
673
674
675
676
677
678
679
680
681
682
683
684
685
686
687
688
689
690
691
692
693
694
695
696
697
698
699
700
701
702
703
704
705
706
707
708
709
710
711
712
713
714
715
716
717
718
719
720
721
722
723
724
725
726
727
728
729
730
731
732
733
734
735
736
737
738
739
740
741
742
743
744
745
746
747
748
749
750
751
752
753
754
755
756
757
758
759
760
761
762
763
764
765
766
767
768
769
770
771
772
773
774
775
776
777
778
779
780
781
782
783
784
785
786
787
788
789
790
791
792
793
794
795
796
797
798
799
800
801
802
803
804
805
806
807
808
809
810
811
812
813
814
815
816
817
818
819
820
821
822
823
824
825
826
827
828
829
830
831
832
833
834
835
836
837
838
839
840
841
842
843
844
845
846
847
848
849
850
851
852
853
854
855
856
857
858
859
860
861
862
863
864
865
866
867
868
869
870
871
872
873
874
875
876
877
878
879
880
881
882
883
884
885
886
887
888
889
890
891
892
893
894
895
896
897
898
899
900
901
902
903
904
905
906
907
908
909
910
911
912
913
914
915
916
917
918
919
920
921
922
923
924
925
926
927
928
929
930
931
932
933
934
935
936
937
938
939
940
941
942
943
944
945
946
947
948
949
950
951
952
953
954
955
956
957
958
959
960
961
962
963
964
965
966
967
968
969
970
971
972
973
974
975
976
977
978
979
980
981
982
983
984
985
986
987
988
989
990
991
992
993
994
995
996
997
998
999
1000