Die Frau von dreißig Jahren
Roman von
Honoré de Balzac
Vollständige Übertragung
von Walter Heichen
A. Weichert Verlag Berlin
Sämtliche Rechte vorbehalten
Printed in Germany -- Druck von A. Weichert Berlin
Einleitung.
Wenn man die bedeutendsten Erzählungskünstler der verschiedenen
Literaturen aufzählt, wird der Name Balzac mitgenannt werden. Seinen
ganz besondern und festen Platz in der Weltliteratur hat er jedoch als
Begründer und erster Meister des realistischen Romans und damit als
Schöpfer einer ganz neuen Kunstform, die später Zola ausbaute und zum
künstlerischen System erhob. »Balzacs Realismus war jedoch weit davon
entfernt, ein so brutaler zu sein, wie derselbe später geworden ist.
Denn mit scharfsichtiger Beobachtung der Wirklichkeit und ihrer
Bedürfnisse und Forderungen, mit der unerbittlichen Anatomie des
Menschenherzens, insbesondere des weiblichen, verband Balzac eine
äußerst reiche, regsame Phantasie, welche ihn davor bewahrte, bloße
Photographien in Worten zu liefern, wie mehr als einer seiner Nachahmer
später getan hat. Die besseren seiner psychologischen Dramen -- als
solche können seine Romane bezeichnet werden -- müssen zu den
eigenartigsten Hervorbringungen der europäischen Literatur des
neunzehnten Jahrhunderts gezählt werden.« -- --
»Wenn man die trocknen, widerlichen Register liest, welche die
Geschichte genannt werden, so bemerkt man, daß die Schriftsteller aller
Länder und Zeiten vergessen haben, uns die Geschichte der Sitten zu
liefern. Diese Lücke will ich, soweit es in meinen Kräften steht,
ausfüllen. Ich will das Inventar der Leidenschaften, Tugenden und Laster
der Gesellschaft aufstellen, durch das Zusammendrängen der
gleichartigen Charaktere Typen geben und mit Mühe und eiserner Ausdauer
über das Frankreich des neunzehnten Jahrhunderts das Buch schreiben, das
uns Rom, Athen, Tyrus, Memphis, Persien und Indien leider nicht
hinterlassen haben.« Mit diesen Worten leitet er den großen Romanzyklus
ein, dem er den Gesamttitel »Menschliche Komödie« gab. Als
Sittenschilderer und Kulturhistoriker der genannten Zeitepoche mußte er
natürlich zu einem pessimistischen und ausgeprägt materialistischen
Ergebnis kommen. Wir sehen daher in seinen Werken fast durchweg den
Hunger nach Reichtum als die treibende Kraft wirken. Die Losung der
modernen Welt ist nicht die Liebe, sondern das Gold. Der Glaube an den
Mammon, die Zuversicht auf die Macht der Millionen sind der einzige
Idealismus der Balzacschen Helden, und ohne Zweifel hat der Dichter
selbst diesem Glaubensbekenntnis gehuldigt, so furchtbar und
unerbittlich auch dieser Durst nach Gold sich uns in seinen Werken
darstellt.
Seinen Ausgang nahm Balzac jedoch von der Romantik, und selbst das
vorliegende Werk, das neben die modernsten Seelenschilderungen gestellt
werden kann, steht mit einem Fuß auf dem Boden der Romantik. Die
phantastische Liebe des Engländers zu der Heldin hat allen Duft des
»blauen Blümleins« an sich, so realistisch nachher auch das Ende ist.
Das mysteriöse Erscheinen des politischen Mörders und Seeräubers im
vorletzten Teil ist Romantik reinsten Wassers, und das Kapitel auf dem
Korsarenschiff selbst erinnert sogar an Eugen Sue oder an Dumas. Dennoch
kann man gerade dem fast übersinnlichen Lord Grenville, der jahrelang
einer idealen Liebe treu bleibt, die Lebenswahrheit nicht absprechen.
Dieser sonderbare Schwärmer ist mit bewundernswerter Konsequenz
gezeichnet, und trotz allen romantischen Anhauchs eine überaus
interessante Gestalt. Der Gegenstand seiner Liebe, die Heldin des
Romans, ist eine köstliche Probe für Balzacs Seelenmalerei und vor allem
für Balzacs Art, Frauen zu schildern. Er unterscheidet sich in dieser
Art, zarte, reine Frauen zu zeichnen, höchst vorteilhaft von einer
großen Zahl französischer Schriftsteller, die das Weib als Ausbund von
Sinnlichkeit, Leichtsinn und Unbeständigkeit darzustellen pflegen. Mit
dieser >Frau von dreißig Jahren< entdeckte er gewissermaßen den
Frauentypus für alle seine Romane und eroberte sich damit gleichzeitig
die dauernde Gunst der weiblichen Lesewelt; auch dem deutschen Leser
wird er durch seine Auffassung der weiblichen Seele zum sympathischsten
der französischen Sittenschilderer der neueren Literatur.
Honoré de Balzac wurde am 20. Mai 1799 in Tours geboren, erhielt seine
Erziehung auf dem Gymnasium zu Vendôme und in Paris, wurde dann
Schreiber bei einem Notar und versuchte schon ziemlich früh, sich ganz
auf eigene Füße zu stellen. Von Geburt zum Adel gehörend, fehlten ihm
doch die Mittel dieser Gesellschaftsklasse, und er sah sich zu harter
Arbeit gezwungen. Zuerst machte er sich allerlei kaufmännische
Unternehmungen, buchhändlerische Pläne, Spekulationen in Bergwerken und
Bodenkultur, viele große Ideen, auf die er stolz war und die sich doch
nicht durchführen ließen -- das war das Programm der ersten Zeit, das
mit einem großen Fiasko endigte und ihn zu einem ständigen Klienten des
Gerichtsvollziehers machte. Dann legte er sich auf die Schriftstellerei,
doch zuerst auch ohne Erfolg. Mit dem Erscheinen des »Chouan« im Jahre
1829 wurde er ein berühmter Mann, und von nun an schrieb er mit großem
Fleiß und wachsendem Glück (einmal dreißig Bände in drei Jahren).
Während seines arbeitsreichen Lebens verfaßte er neunzig Romane und
Novellen, die zusammen 120 Bände bilden. Aber zu Reichtum brachte er es
dennoch wohl nicht; denn obwohl er viel Geld durch seine Werke
verdiente, gab er auch mit ebensolcher Leichtigkeit Riesensummen aus,
der Luxus war ihm zum Leben unentbehrlich. Seltsamerweise hatte er dabei
die Angewohnheit, sich während der Arbeit in ein härenes Gewand zu
kleiden, das durch einen Strick um den Leib zusammengehalten wurde. Im
Leben war er Freund des Aufwandes und der Genüsse, in der Arbeit tat er
den Mantel der Aszese an. Das war bei ihm nicht so ganz äußerlich, wie
es auf den ersten Blick erscheint; denn in seinen Werken ist er über
allen Tand der Welt erhaben und kritisiert scharf und vernichtend alle
Leerheit des Lebens, alle Albernheiten des Menschengeschlechts, alle
Nichtigkeit der Gesellschaft. Die größte Zeit seines Lebens brachte er
in Paris zu -- seine Gattin, eine Frau von Hanska und geborene Gräfin
Eveline Rzewuska holte er sich aus Rußland -- doch schon im Jahre seiner
Verheiratung (1850) starb er. Als seine Hauptwerke gelten: »Physiologie
der Ehe«, »Der Chouan«, »Der Chagrin«, »Die Frau von dreißig Jahren«,
»Die Lilie im Tal«, »Die Erforschung des Absoluten«, »Cäsar Birotteau«,
»Eugenie Grandet«, »Vater Goriot«, »Ein Junggesellenheim« und sein
letzter Roman »Die armen Verwandten«. Sein Theaterstück »Mercadet«
erscheint noch heute hin und wieder auf der Bühne.
+W. H.+
1. Kapitel.
Erste Fehler.
Es war in den ersten Tagen des Monats April 1813, da verhieß der Morgen
eines Sonntags einen jener schönen Tage, an denen der Pariser zum
erstenmal im Jahre keinen Schmutz auf dem Pflaster und keine Wolken am
Himmel sieht. Kurz vor der Mittagsstunde lenkte eine stattliche, mit
zwei flinken Pferden bespannte Kalesche aus der Rue Castiglione in die
Rue de Rivoli ein und reihte sich dann, Halt machend, an mehrere
Equipagen an, die sich an dem vor kurzem erst geöffneten Gitter mitten
auf der Terrasse des Feuillants aufgestellt hatten.
Dieses vornehme Gefährt wurde von einem anscheinend sorgenvollen, ja
kränklichen Herrn gelenkt. Sein gelblicher Schädel wies nur noch wenig
schon ergrautes Haar auf, was ihn vor der Zeit alt erscheinen ließ. Dem
Reitknecht, der hinter dem Wagen hergeritten war, warf er die Zügel zu,
dann stieg er ab, um einem jungen Mädchen, dessen Anmut und Schönheit
sogleich den auf der Terrasse umherschlendernden Müßiggängern auffiel,
beim Aussteigen zu helfen.
Die kleine Person ließ sich gern um die Taille fassen, als sie auf den
Rand des Wagens getreten war, und schlang die Arme um den Hals ihres
Führers, der sie auf die Treppe niedersetzte und dabei nicht einmal den
Besatz ihres grünen Ripskleides zerdrückte. Ein Liebhaber hätte sich
nicht so sehr in acht genommen. Der Unbekannte mußte der Vater dieses
Kindes sein, das, ohne sich bei ihm zu bedanken, seinen Arm nahm und ihn
stürmisch in den Garten hineinzog.
Der alte Vater bemerkte die bewundernden Blicke einiger jungen Leute,
und der Ausdruck von Trauer, der auf seinem Gesicht lag, verschwand auf
einen Augenblick. Er hat schon lange das Alter erreicht, an dem die
Männer auf die trügerischen Genüsse verzichten müssen, die die Eitelkeit
gewährt, aber er lächelte noch.
»Die Leute halten dich für meine Frau,« flüsterte er der jungen Person
ins Ohr, richtete sich stolz auf und schritt mit einer Langsamkeit
einher, die sie zur Verzweiflung brachte.
Er schien sich viel auf seine Tochter einzubilden, und er freute sich
wahrscheinlich weit mehr als sie an den Seitenblicken, die die
Neugierigen auf die kleinen Füße in Schuhen von flohbraunem Prünell, auf
die in dem ausgeschnittenen Kleide vorteilhaft hervortretende, köstliche
Taille und auf den frischen, von einer gestickten Krause nicht ganz
bedeckten Nacken warfen. Beim Gehen flog auf einen Augenblick das Kleid
des jungen Mädchens ein wenig auf und ließ über den Stiefelchen ein von
durchbrochenem Seidenstrumpf fein umschlossenes Bein sehen.
Mancher Spaziergänger überholte daher auch das Paar, um das jugendliche
Gesicht zu bewundern und noch einmal anzuschauen. Lange Locken braunen
Haars umgaben es. Die Hautfarbe mit ihrem Weiß und Rosa erglühte nicht
nur unter dem Abglanz rosafarbnen Satins, mit dem ein eleganter Hut
abgefüttert war, sondern auch von dem ungeduldigen Verlangen, das in
allen Zügen dieser niedlichen Person zitterte. Süßer Mutwille belebte
die schönen, schwarzen Augen, die mandelförmig geschnitten, von schön
gebogenen Brauen überwölbt, von langen Wimpern besetzt waren und sanft,
feucht und rein in die Welt schauten. Leben und Jugend schütteten ihre
Schätze auf diesem mutwilligen Gesicht aus und auf einer Büste, die
anmutig blieb, obwohl man damals den Gürtel unmittelbar unter dem Busen
trug.
Ohne auf die Huldigungen zu achten, betrachtete das junge Mädchen in
banger Erwartung das Schloß der Tuilerien, das ohne Zweifel das Ziel
war, auf das sie so ungestüm zuschritt. Es war dreiviertel zwölf. So
morgendlich die Stunde auch war, so kamen doch mehrere Frauen, die sich
alle in Toilette hatten zeigen wollen, vom Schlosse zurück, nicht ohne
sich verdrießlich umzusehen, als bedauerten sie es, zu spät gekommen zu
sein und dadurch ein erwünschtes Schauspiel versäumt zu haben. In ihrer
Mißlaune ließen diese enttäuschten Schönen sich wohl auch einige Worte
entschlüpfen, die die hübsche Unbekannte flüchtig erhaschte, was ihre
Unruhe seltsam steigerte. Der Greis achtete mehr mit neugierigem, als
spöttischem Blick auf die Zeichen der Ungeduld und Furcht, die sich auf
dem reizenden Gesicht seiner Gefährtin abspielten -- er tat dies mit so
großer Besorgtheit, daß man wohl annehmen durfte, er hätte noch einen
gewissen väterlichen Hintergedanken dabei.
Dieser Sonntag war der 13. April des Jahres 1813. Am übernächsten Tage
brach Napoleon zu dem unglücklichen Feldzug auf, währenddessen er
nacheinander Bessières und Duroc verlieren, die denkwürdigen Schlachten
bei Lützen und Bautzen gewinnen, sich von Österreich, Sachsen, Bayern,
ja von Bernadotte verraten sehen und in der furchtbaren Schlacht bei
Leipzig um die Entscheidung kämpfen sollte. Die großartige, vom Kaiser
befehligte Parade sollte das letzte der militärischen Schaustücke sein,
die so lange Zeit die Bewunderung der Pariser und Ausländer erregt
hatten. Die alte Garde sollte ein letztes Mal die geschickten Manöver
vorführen, deren Pomp und Schneidigkeit bisweilen selbst diesen Riesen
in Erstaunen setzten, der sich nun zu seinem Zweikampf mit Europa
rüstete.
Ein gewisses Gefühl der Trauer führte eine glänzende, neugierige
Menschenmenge zu den Tuilerien hinaus. Jeder schien in die Zukunft zu
schauen und hatte vielleicht das Vorgefühl, daß man auf die Phantasie
angewiesen sein würde, wenn man dieses Bild in seiner Pracht noch einmal
vor Augen haben wollte -- daß bald die Zeiten kommen würden, wo -- wie
es heute schon der Fall ist -- diese Heldentage Frankreichs fast der
Fabel anzugehören scheinen.
»Laß uns doch schneller gehen, Vater,« sagte das junge Mädchen mit
schalkhafter Miene und zog den Greis mit sich fort. »Ich höre schon den
Tambour.«
»Das sind die Truppen -- sie ziehen in die Tuilerien ein,« antwortete
er.
»Oder sie sind schon beim Vorbeimarsch -- alle Leute kommen schon
zurück,« versetzte sie mit kindischem Schmerz, der dem Greis ein Lächeln
entlockte.
»Die Parade fängt erst um halb ein Uhr an,« entgegnete der Vater und
hielt nur zur Not Schritt mit seiner vorwärts hastenden Tochter.
Den rechten Arm bewegte sie so heftig, daß man hätte meinen mögen, sie
gebrauche ihn beim Laufen. Ihre kleine, in hübschem Handschuh steckende
Hand zerknüllte ungeduldig ein Taschentuch und glich dem Ruder einer
Gondel, das die Wellen teilt. Der alte Mann lächelte bisweilen; aber
manchmal verdüsterte auch ein Ausdruck der Besorgnis sein vertrocknetes
Gesicht. In seiner Liebe zu diesem reizenden Geschöpf erfreute er sich
ebenso sehr an der Gegenwart, wie er sich um die Zukunft härmte. Er
schien bei sich zu denken: »Heute ist sie noch glücklich, wird sie es
immer sein?« Denn alte Leute sind stets geneigt, in die Zukunft junger
Leute ihren Kummer hineinzutragen.
Als Vater und Tochter unter dem Säulengange des Pavillons ankamen, auf
dem die Trikolore wehte, und durch den man hindurch muß, wenn man von
dem Garten der Tuilerien nach dem Karussell will, riefen ihnen die
Posten gebieterisch zu: »Hier geht's nicht weiter!«
Die Kleine reckte sich auf den Zehen in die Höhe und konnte eine Menge
von geputzten Frauen sehen, die sich zu beiden Seiten der Marmorarkade
drängten, aus der der Kaiser kommen mußte.
»Da siehst du, Vater, wir sind zu spät gegangen.«
Sie schmollte ärgerlich -- ein Zeichen, wie viel ihr daran gelegen war,
diese Parade mitanzusehen.
»Nun, Julie, so gehen wir wieder. Du hast es nicht gern, in solchem
Gedränge zu sein.«
»Wir wollen noch bleiben, lieber Vater. Von hier aus kann ich wenigstens
den Kaiser sehen. Wenn er nun in dem Feldzug den Tod fände, so habe ich
ihn wenigstens einmal gesehen.«
Der Vater zitterte ein wenig, als er diese egoistischen Worte hörte;
seine Tochter sprach in weinerlichem Tone. Er sah sie an und glaubte
unter den gesenkten Lidern ein paar Tränen zu bemerken, die wohl weniger
aus Enttäuschung als aus einem jener ersten Schmerzen entsprangen, deren
Geheimnis ein alter Vater so leicht erraten kann. Plötzlich errötete
Julie und stieß einen Ruf aus, dessen Bedeutung weder die Posten noch
der alte Mann verstanden. Bei diesem Schrei drehte sich ein Offizier,
der von dem Hof nach der Treppe eilte, lebhaft um, schritt bis an die
Arkade des Gartens, erkannte die junge Person, die im Augenblick hinter
den hohen Pelzmützen der Grenadiere verschwand, und hob für sie und
ihren Vater sogleich den Befehl auf, den er selbst erteilt hatte. Ohne
sich um das Getümmel der eleganten Menge zu kümmern, die die Arkade
belagerte, zog er das junge Mädchen, das vor Freude außer sich war, zu
sich hin.
»Nun wundere ich mich nicht mehr, daß sie es so eilig hatte und so böse
auf mich war. Sie hat gewußt, daß du hier Dienst hast,« sagte der alte
Herr in ebenso ernsthaftem, wie spöttischem Tone zu dem Offizier.
»Herr Herzog,« antwortete der junge Mann, »wenn Sie einen guten Platz
haben wollen, so dürfen wir uns nicht mit Schwatzen aufhalten. Der
Kaiser liebt es nicht zu warten, und der Großmarschall hat mich eben
abgesandt, ihm Meldung zu machen.«
Während er so sprach, hatte er mit einer gewissen Vertraulichkeit
Juliens Arm genommen und zog sie rasch nach der Reitbahn hin mit sich
fort. Julie sah mit Erstaunen eine ungeheure Menschenmenge,
dichtgedrängt in dem kleinen Raum zwischen den grauen Mauern des
Palastes und den mit Ketten verbundenen Prellsteinen stehen, die die
große Sandfläche in der Mitte des Tuilerienhofs abgrenzten. Die Reihe
von Posten, die für den Kaiser und seinen Generalstab einen Durchgang
freihalten mußte, hatte einen schweren Stand gegen den Druck dieser hin
und her wogenden, wie ein Bienenschwarm summenden Menschenmasse, die sie
zur Seite zu drängen drohte.
»Es wird also sehr schön werden?« fragte Julie lächelnd.
»So geben Sie doch acht!« rief der Offizier und faßte Julie um den Leib,
um sie mit ebenso viel Kraft wie Schnelligkeit emporzuheben und an einer
Säule vorbeizutragen. Hätte er seine neugierige Verwandte nicht so rasch
hinweggezogen, so hätte sie leicht mit dem Hinterteil eines weißen
Pferdes mit grünsamtenem, reich mit Gold gesticktem Sattel, das der
Mameluck Napoleons unmittelbar vor der Arkade am Zügel hielt, in
unsanfte Berührung kommen können. Zehn Schritt weiter vorn stampften all
die Pferde, die der hohen Offiziere, der Begleiter des Kaisers, harrten.
Der junge Mann stellte Vater und Tochter an den ersten Prellstein
rechter Hand. Sie standen hier vor der Menge, und durch ein Kopfnicken
empfahl er sie der Obhut der beiden Grenadiere, zwischen denen sie
standen.
Als der Offizier zum Palast zurückkehrte, hatte auf seinem Antlitz der
jähe Schreck, den ihm der unvermutete Seitensprung des Pferdes um
Juliens willen bereitet hatte, einem Ausdruck des Glücks und der Freude
Platz gemacht; Julie hatte ihm geheimnisvoll die Hand gedrückt, sei es,
um ihm zu danken, sei es, um zu sagen: »Endlich sehe ich Sie wieder!«
Sie neigte sogar sanft den Kopf zur Antwort auf den Gruß, mit dem der
Offizier von ihr und auch von ihrem Vater Abschied nahm.
Der alte Herr, der mit Absicht die beiden jungen Leute allein gelassen
zu haben schien, kam ein Stückchen hinterdrein und blieb ernst und
still; aber er beobachtete sie scharf und bemühte sich, sie in den
trügerischen Glauben zu wiegen, als habe er nur Augen für das
prachtvolle Schauspiel, das sich auf der Reitbahn abspielte. Als Julie
den Vater mit dem Blick eines Schülers ansah, der seinem Lehrer nicht
recht traut, antwortete der Alte sogar mit einem Lächeln wohlwollender
Heiterkeit; aber sein durchdringendes Auge war dem jungen Offizier bis
unter die Arkade gefolgt, und nicht die kleinste Einzelheit dieser
raschen Szene war ihm entgangen.
»Welch schöner Anblick!« rief Julie mit leiser Stimme und drückte die
Hand ihres Vaters.
Das malerische, großartige Bild, das in diesem Augenblick die Reitbahn
darbot, entlockte den gleichen Ausruf Tausenden von Zuschauern, deren
Gesichter alle vor Bewunderung strahlten. Eine andere Reihe von Leuten,
ebenso dichtgedrängt wie die, vor der der alte Herr und seine Tochter
sich befanden, stand in einer mit dem Schlosse parallel verlaufenden
Linie auf dem engen, gepflasterten Raum, der sich längs dem Gitter der
Reitbahn hinzieht. Diese Menge gab durch die große Buntheit der
Frauenkleider dem riesigen Rechteck, das die Gebäude der Tuilerien und
dieses damals erst seit kurzem bestehende Gitter bildeten, vollends erst
einen scharfen Umriß.
Die Regimenter der Alten Garde, die nur im Vorbeireiten gemustert werden
sollten, nahmen diesen mächtigen Platz ein und standen dem Palast
gegenüber in imposanten, zehn Glieder tiefen Fronten. Jenseits der
Einfriedigung, doch innerhalb der Reitbahn, standen, ebenfalls in
parallelen Fronten, mehrere Regimenter Infanterie und Kavallerie. Diese
sollten unter dem Triumphbogen hindurch, der die Mitte des Gitters
schmückte, und auf dessen First zu jener Zeit die prachtvollen Rosse
Venedigs standen, in Parade vorbeimarschieren.
Die Musik der Regimenter, die vor den Galerien des Louvre aufgestellt
war, konnte man nicht sehen, weil die polnischen Ulanen davor standen.
Ein großer Teil der Sandfläche war leer geblieben, wie eine Arena, die
für die Bewegungen der in tiefem Schweigen dastehenden Korps
hergerichtet war. Von diesen mit der Symmetrie militärischer Kunst
aufgestellten Massen blitzten die Sonnenstrahlen im dreieckigen Feuer
von zehntausend Bajonetten zurück. Die Luft bewegte die Federbüsche der
Soldaten und ließ sie wallen wie die Bäume eines Waldes, die ein
Sturmwind beugt. Bei der Verschiedenheit der Uniformen, der Aufschläge,
der Waffen und Achselschnüre boten diese alten, stummen und
eindrucksvollen Scharen dem Auge tausend Farbengegensätze.
Dieses gewaltige Gemälde -- das Miniaturbild eines Schlachtfeldes vor
Beginn des Kampfes -- ein Gemälde von großer Buntheit und seltsam
wechselnden Gruppen, erhielt in den hohen, majestätischen Gebäuden, an
deren Regungslosigkeit die Führer und Soldaten sich ein Beispiel zu
nehmen schienen, einen poetischen Rahmen. Der Zuschauer verglich
unwillkürlich diese Mauern von Menschen mit jenen Mauern von Stein. Die
Frühlingssonne, die ihr Licht verschwenderisch auf die weißen, vor alter
Zeit gebauten Wände und die Jahrhunderte alten Mauern warf, beleuchtete
voll die zahllosen, schwarzbraunen Gesichter, die alle von bestandenen
Gefahren erzählten und ernst den kommenden Gefahren entgegensahen.
Nur die Obersten eines jeden Regiments schritten vor den Fronten, die
diese heldenhaften Männer bildeten, auf und ab. Hinter den von Silber,
Azur, Purpur und Gold funkelnden Truppenmassen konnten die Neugierigen
die mit dreifarbigen Fähnchen geschmückten Lanzen von sechs
unermüdlichen polnischen Ulanen sehen, die, gleich den Hunden, die eine
Herde über das Feld treiben, unaufhörlich zwischen den Truppen und den
Neugierigen hin und her galoppierten, um zu verhindern, daß die Leute
den kleinen Zwischenraum überschritten, den man ihnen neben dem
kaiserlichen Gitter eingeräumt hatte.
Wenn dieses Hin und Her nicht gewesen wäre, hätte man glauben können,
man befände sich im Palast der schönen Fee, im verzauberten Walde. Das
Frühlingslüftchen, das über die Mützen der Grenadiere hinwehte und die
hohen Federbüsche bewegte, brachte allein ein wenig Leben in die
Regungslosigkeit der Soldaten -- und das dumpfe Murmeln der Menge allein
unterbrach die Stille. Nur hin und wieder klang der Ton eines
Halbmondes, oder aus Versehen geschah ein leichter Schlag gegen die
Kesselpauke, um im Echo vom kaiserlichen Palast zurückzuhallen -- das
waren die einzigen Laute, die an jenes ferne Donnern erinnerten, das
einem Gewitter vorausgeht.
Eine unbeschreibliche Begeisterung tat sich in dem Harren der Menge
kund. Am Vorabend eines Feldzugs, dessen Gefahren der geringste Bürger
erkannte, wollte Frankreich Napoleon Lebewohl sagen. Diesmal handelte es
sich für das französische Kaisertum um Sein oder Nichtsein. Dieser
Gedanke schien in gleichem Maße die städtische Bevölkerung und die
soldatische Bevölkerung zu erfüllen, und sie drängten sich in einmütigem
Schweigen in der Einfriedigung, über der Napoleons Adler und Genius
schwebten.
Die Soldaten, Frankreichs Hoffnung -- die Soldaten, sein letzter
Blutstropfen, waren für die Mehrzahl der Zuschauer ebenfalls ein
Gegenstand heftiger Besorgnis. Zwischen einem großen Teile der
Herumstehenden und des Militärs war dies vielleicht ein Abschied auf
ewig; aber alle Herzen, selbst die, die dem Kaiser durchaus feindlich
gesinnt waren, sandten heiße Gebete zum Himmel um den Ruhm des
Vaterlandes. Diejenigen, die des zwischen Europa und Frankreich
entbrannten Kampfes überdrüssig waren, hatten alle beim Durchgang unter
dem Triumphbogen ihres Hasses vergessen und begriffen wieder, daß am
Tage der Gefahr Napoleon ganz Frankreich verkörperte.
Die Schloßuhr schlug halb eins. In diesem Augenblick verstummte das
Summen der Menge, und das Schweigen wurde so tief, daß man ein Kind
hätte sprechen hören können. Der alte Herr und seine Tochter, die beide
ganz Auge zu sein schienen, vernahmen jetzt ein Geräusch von klirrenden
Sporen und rasselnden Degen, das unter dem hallenden Bogengange des
Schlosses hervorklang.
Ein kleiner, ziemlich korpulenter Mann, gekleidet in grüne Uniform,
weiße Hose und Reitstiefel, erschien plötzlich. Den Dreimaster, der
ebenso absonderlich aussah, wie der ganze Mann, behielt er auf dem
Kopfe; das breite, rote Band der Ehrenlegion floß über seine Brust, an
der Seite trug er einen kleinen Degen. Aller Augen, von allen Punkten
des Platzes aus, waren zu gleicher Zeit auf diesen einen Mann gerichtet.
Sogleich schlugen die Tamboure den Wirbel, die beiden Musikkapellen
setzten zu einem Stück ein, dessen kriegerischer Ausdruck sich in allen
Instrumenten von der großen Pauke bis zur sanftesten Flöte wiederholte.
Bei diesem Ruf zum Streit zitterten die Seelen, die Fahnen salutierten,
die Soldaten präsentierten mit einmütigem, regelrechtem Griff, der die
Gewehre von der ersten Reihe bis zu der letzten auf der ganzen Reitbahn
mit einem Schlag in Bewegung setzte. Kommandoworte pflanzten sich wie
ein Echo von Glied zu Glied fort. Der Schrei: »Es lebe der Kaiser!«
erscholl aus der begeisterten Menge. Kurz, alles wogte, zitterte,
vibrierte.
Napoleon war zu Pferde gestiegen. Das erst hatte Leben in diese
schweigenden Massen gebracht, den Instrumenten Stimme verliehen, den
Adlern und Fahnen Schwung gegeben, alle Gesichter in Bewegung gesetzt.
Selbst die Mauern des alten Palastes schienen zu rufen: »Es lebe der
Kaiser!« Es war nichts Menschliches mehr, es war ein Zauber, ein Abglanz
der göttlichen Gewalt oder besser noch ein flüchtiges Ebenbild dieser so
flüchtigen Herrschaft.
Der von so viel Liebe, Begeisterung, Aufopferung und Gebet umringte
Mensch, für den die Sonne die Wolken des Himmels verscheucht hatte,
hielt drei Schritt vor der kleinen prunkvollen Schwadron seines Gefolges
-- der Großmarschall war zu seiner Linken, der Marschall vom Dienst zu
seiner Rechten. Inmitten all dieser stürmischen Erregung, die er allein
hervorrief, schien sich nicht eine Muskel seines Gesichts zu bewegen.
»O, mein Gott, ja. Bei Wagram, mitten im Feuer, an der Moskwa, zwischen
den Toten -- immer ist er ruhig wie der Täufer. Ja, er!«
Diese Antwort wurde auf zahlreiches Fragen von dem Grenadier erteilt,
der in der Nähe des jungen Mädchens stand. Julie hatte sich auf einen
Augenblick ganz in die Betrachtung des Gesichts versenkt, deren Ruhe ein
so sicheres Machtbewußtsein ausdrückte. Der Kaiser bemerkte Fräulein von
Chantillonest und neigte sich zu Duroc hin, um ein paar kurze Worte zu
ihm zu sprechen, über die der Großmarschall lächelte.
Die Parade begann. Wenn die junge Person bis dahin bald das starre
Gesicht Napoleons, bald die blauen, roten und grünen Truppenreihen
betrachtet hatte, so galt ihre Aufmerksamkeit bei all den Bewegungen,
die die alten Soldaten rasch und regelmäßig ausführten, fast
ausschließlich einem jungen Offizier, der unter den paradierenden Massen
hin und her sprengte und in unermüdlicher Tätigkeit immer wieder zu der
Gruppe zurückritt, an deren Spitze die schlichte Gestalt Napoleons
leuchtete. Dieser Offizier ritt einen wunderschönen Rappen und fiel
unter der buntfarbigen Menge durch die himmelblaue Uniform der
kaiserlichen Ordonnanzoffiziere ganz besonders auf.
Seine Stickereien funkelten so hell in der Sonne, und der Federbusch
seines schmalen, langen Tschakos schimmerte so prächtig, daß die
Zuschauer ihn mit einem Irrlicht, einer zur Erscheinung gewordenen
Seele, vergleichen mußten, die aus dem Kaiser selbst herausgefahren zu
sein schien, und durch die er diese Bataillone, deren Waffen wie ein
Flammenmeer wogten, belebte und lenkte. Auf einen Wink seiner Augen
teilten sie sich, flossen wieder zusammen, wirbelten durcheinander wie
die Wellen eines Strudels oder zogen an ihm vorbei wie die langen,
hochgerichteten Kämme, die der vom Sturm erregte Ozean gegen seine
Gestade wälzt.
Als die Manöver vorüber waren, ritt der Ordonnanzoffizier mit
verhängtem Zügel heran und zügelte sein Pferd kurz vor dem Kaiser, um
seines Befehles zu harren. In diesem Augenblick war er zwanzig Schritt
von Julie entfernt und hielt gerade vor der kaiserlichen Gruppe, ganz in
jener Stellung, die Gérard auf dem Gemälde von der Schlacht bei
Austerlitz dem General Rapp gegeben hat. Jetzt durfte das junge Mädchen
seinen Geliebten in all seinem militärischen Glanze bewundern.
Oberst Victor d'Aiglemont, kaum dreißig Jahre alt, war groß, wohlgebaut
und schlank. Sein glückliches Ebenmaß kam nie besser zur Geltung, als
wenn er seine Kraft anwandte, ein Pferd zu regieren, dessen eleganter,
glatter Rücken sich unter ihm zu beugen schien. Sein männliches, braunes
Gesicht besaß jenen unerklärlichen Reiz, den eine vollkommene
Regelmäßigkeit der Züge jungen Gesichtern verleiht. Seine Stirn war groß
und hoch. Seine feurigen Augen, von dichten Brauen beschattet und mit
langen Wimpern besetzt, zeichneten sich wie zwei weiße Ovale zwischen
schwarzen Umrissen ab. Seine Nase hatte die graziöse Biegung des
Adlerschnabels. Den Purpur der Lippen hob der feine Schwung des
unvermeidlichen schwarzen Schnurrbarts noch mehr hervor. Seine vollen
Wangen zeigten die braune, gelbe Färbung, die auf außerordentliche
Körperkraft deutet. Sein Gesicht -- eines von denen, die den Stempel der
Tapferkeit tragen -- hatte jenen Typus, den noch heute der Künstler
sucht, wenn er einen der Helden aus der französischen Kaiserzeit
darstellen will.
Das Pferd war in Schweiß gebadet, und sein Kopf zitterte in heftiger
Ungeduld. Die breit aufgestellten Vorderfüße standen in einer Linie,
ohne daß einer über den andern hinausragte. Das lange Haar seines
dichten Schweifs wogte hin und her. Die Ergebenheit dieses Tiers gegen
seinen Herrn bot ein körperliches Abbild der Ergebenheit seines Herrn
gegen seinen Kaiser.
Als Julie ihren Geliebten so ganz an den Augen Napoleons hängen sah,
erfüllte sie der Gedanke, daß er sie noch gar nicht angesehen hätte, mit
Eifersucht. Plötzlich spricht der Herrscher ein Wort, Victor gibt seinem
Pferd die Sporen und sprengt im Galopp davon. Aber der Schatten eines
Prellsteins auf dem Sande macht das Pferd scheu -- es stutzt, weicht
zurück und bäumt sich so heftig, daß der Reiter in Gefahr scheint.
Julie wird blaß und stößt einen Schrei aus. Alles wirft ihr neugierige
Blicke zu, sie aber sieht niemand. Ihre Augen sind nur auf dieses so
wilde Pferd gerichtet, das der Offizier zum Gehorsam zwingt, um im
Galopp Napoleons Befehle weiterzutragen. Diese betäubenden Bilder nahmen
Juliens Sinne so völlig gefangen, daß sie, ohne es zu wissen, sich fest
an den Arm des Vaters klammerte und diesem unwillkürlich durch den
stärkeren oder schwächeren Druck ihrer Finger verriet, was in ihr
vorging.
Als Victor beinah von seinem Pferde abgeworfen wurde, faßte sie noch
fester zu und drohte zu fallen. Der alte Herr betrachtete mit düsterer,
schmerzlicher Unruhe das Antlitz seines Kindes, und Gefühle wie Mitleid,
Eifersucht, ja Kummer zeigten sich in seinem runzligen Gesicht. Aber als
das ungewohnte Aufblitzen ihrer Augen, der Schrei, den sie ausstieß, und
die krampfhafte Umspannung ihrer Finger ihm den letzten Rest einer
geheimen Liebe offenbart hatten, da mußte er wohl mit Trauer der Zukunft
gedenken, denn sein Gesicht nahm jetzt einen finstern Ausdruck an. In
diesem Augenblick schien Juliens Seele in die des Offiziers
übergegangen zu sein. Ein noch grausamerer Gedanke, als alle, die den
alten Herrn bisher erschreckt hatten, grub sich in die Falten seines
leidenden Gesichts ein, als er d'Aiglemont im Vorbeireiten einen Blick
des Einverständnisses mit Julie wechseln sah, deren Augen feucht waren,
deren Antlitz sich auffallend gerötet hatte. Fast grob führte er seine
Tochter plötzlich nach dem Garten der Tuilerien.
»Aber, Papa,« sagte sie, »es stehen doch noch Regimenter auf der
Reitbahn, die sollen auch noch manövrieren.«
»Nein, mein Kind, alle Truppen rücken ab.«
»Ich glaube, Sie irren sich, mein Vater. Herr d'Aiglemont hat ihnen den
Befehl gebracht, anzutreten.«
»Aber, mein Kind, ich habe Schmerzen und will nicht bleiben.«
Julie mußte ihrem Vater wohl oder übel glauben, als sie die Augen auf
dieses Gesicht warf, dem väterliche Sorgen eine Miene des Kummers gaben.
»Haben Sie große Schmerzen?« fragte sie, aber in ihrer Zerstreutheit
klang diese Frage recht gleichgültig.
»Wird mir nicht jeder neue Tag nur noch aus Gnade zuteil?« antwortete
der Greis.
»Sie wollen also wieder von Ihrem Tode sprechen, damit ich recht traurig
sein soll? Und ich war so froh! Wollen Sie wohl Ihre garstigen,
schwarzen Gedanken verscheuchen?«
»Ach,« rief der Vater seufzend, »du verhätscheltes Ding! Die besten
Herzen sind manchmal recht grausam. Euch unser ganzes Leben opfern,
immer nur an euch denken, für euer Wohlsein sorgen, unsere Liebhabereien
euern Launen unterordnen, euch anbeten, euch sogar unser Blut geben --
ist denn das noch nichts? Um uns nur immer euer Lächeln und eure
geringschätzige Liebe zu erhalten, müßten wir die Allmacht eines Gottes
haben. Schließlich kommt ein anderer. Ein Verehrer, ein Gatte raubt uns
euer Herz.«
Julie sah ihren Vater erstaunt an, der langsam neben ihr herging und
erloschene Blicke auf sie warf.
»Ihr spielt Versteck mit uns, vielleicht auch sogar mit euch selbst,«
fuhr er fort.
»Was sagen Sie da, mein Vater?«
»Ich denke, Julie, du hast Geheimnisse vor mir. Du liebst,« sagte der
Greis eindringlich, als er seine Tochter erröten sah. »Ach, ich hatte
gehofft, du würdest deinem alten Vater bis zum Tode treu bleiben, ich
hoffte, dich bei mir zu behalten, mich an deinem Glück und Glanze
erfreuen zu können, dich zu bewundern, schön, wie du eben noch warst!
Solange ich nicht wußte, welches Geschick dir bevorstände, hätte ich
noch glauben können, daß dir eine ruhige Zukunft beschieden sein werde;
aber jetzt kann ich unmöglich die Hoffnung auf ein glückliches Leben
meiner Tochter mit ins Grab nehmen; denn du liebst noch mehr den Oberst
als den Vetter. Ich kann nicht mehr daran zweifeln.«
»Warum sollte ich ihn nicht lieben dürfen?« rief sie mit lebhafter
Neugierde.
»Ach, meine Julie, du kannst mich ja doch nicht verstehen,« versetzte
der Vater seufzend.
»Sprechen Sie immerhin,« erwiderte sie mit einer Gebärde des
Eigenwillens.
»Gut, mein Kind, so höre mich an. Die jungen Mädchen erschaffen sich oft
edle, entzückende Bilder, ganz ideale Gestalten und formen sich allerlei
Hirngespinste über Menschen, Gefühle und Welt. Dann verleihen sie in
ihrer Unschuld einem Charakter all die geträumte Vollkommenheit und
schwören nun darauf. Sie lieben in dem Manne ihrer Wahl dieses
Phantasiegeschöpf; aber später, wenn keine Zeit mehr da ist, sich von
dem Unglück zu befreien, verwandelt sich das Trugbild, das sie so
verschönt haben, ihr erstes Götzenbild, schließlich in ein häßliches
Skelett. Julie, mir wäre es lieber, du liebtest einen Greis, statt
diesen Offizier. Ach, wenn du dich um zehn Jahre weiter ins Leben
versetzen könntest, würdest du meiner Erfahrung recht geben. Ich kenne
Victor. Seine Heiterkeit ist eine Heiterkeit ohne Geist -- eine
Kasernenheiterkeit; er ist ohne Talent und verschwenderisch. Er ist
einer von jenen Männern, die der Himmel dazu geschaffen hat, an einem
Tage vier Mahlzeiten zu genießen und zu verdauen, zu schlafen, die erste
beste zu lieben und sich zu schlagen. Er versteht nicht, was Leben
heißt. Sein gutes Herz -- denn ein gutes Herz hat er -- wird ihn
vielleicht dazu verleiten, seine Börse einem Unglücklichen, einem
Kameraden zu geben; aber er ist gleichgültig, er besitzt nicht die
Zartheit des Herzens, die uns keine andere Sorge hegen läßt, als eine
Frau glücklich zu machen. Er ist unwissend und egoistisch -- kurz, es
gibt da sehr viele Aber.«
»Er muß doch wohl Geist haben, mein Vater, und was können, sonst wäre er
doch nicht Oberst geworden.«
»Meine Liebe, Oberst wird Victor auch sein Leben lang bleiben. Ich habe
noch niemand gesehen, der mir deiner würdig erschienen wäre,« versetzte
der alte Vater mit einer gewissen Begeisterung.
Er blieb einen Augenblick stehen, betrachtete seine Tochter und fügte
hinzu:
»Aber, meine arme Julie, du bist noch zu jung, zu schwach, zu zart, um
die Kümmernisse und die Mühseligkeiten der Ehe zu ertragen. D'Aiglemont
ist ein Muttersöhnchen und von seinen Eltern ebenso verhätschelt worden,
wie du von deiner Mutter und mir. Wie wäre es überhaupt möglich, daß ihr
zwei unversöhnlichen Trotzköpfe, wenn ihr mal verschiedener Meinung
seid, euch verständigen könntet? Du wirst da entweder Amboß oder Hammer,
entweder Opfer oder Tyrann. Und ob nun das eine oder das andere, in
jedem Falle ist dann die Summe der Leiden im Leben einer Frau gleich
groß. Da du aber sanft und bescheiden bist, so wirst du wohl zuerst
nachgeben. Schließlich bist du eben,« sagte er mit veränderter Stimme,
»von einer Zartheit des Empfindens, die mißverstanden werden wird, und
dann ...«
Er sprach nicht weiter -- Tränen hinderten ihn daran.
»Victor,« fuhr er nach einer Pause fort, »wird die naive Reinheit deiner
Seele verletzen. Ich kenne das Militär, meine Julie. Ich habe auch unter
Soldaten gelebt. Es kommt selten vor, daß bei diesen Leuten über die
Gewohnheiten, die sie inmitten all des Unglücks, das sie umgibt, oder
infolge ihres an Zufällen reichen Abenteurerlebens annehmen, zuletzt
noch einmal das Herz den Sieg davonträgt.«
»Sie wollen also, mein Vater,« versetzte Julie in einem Tone, der
zwischen Ernst und Scherz die Mitte hielt, »Einspruch gegen meine Liebe
erheben? Ich soll nicht heiraten, wie ich will, sondern wie Sie es
bestimmen?«
»Heiraten, wie ich es bestimme?« rief der Vater mit einer Bewegung des
Erstaunens. »Ach, mein Kind, ich und bestimmen! Bald wirst du ja doch
meine Stimme, die, wenn sie auch schilt, doch in aller Liebe schilt,
nicht mehr hören. Und das ist ja immer so, die Opfer, die die Eltern
ihnen darbringen, schreiben die Kinder persönlichen Gefühlen zu. Heirate
Victor, meine Julie! Eines Tages wirst du es bitter beklagen, eine Null
zum Manne zu haben, und sein Mangel an Ordnungssinn, sein Egoismus,
seine Gefühlsgrobheit, sein liebeleeres Gemüt und tausend andere Dinge
werden dich an ihm schmerzen. Dann denke daran, daß unter diesen Bäumen
die prophetische Stimme deines alten Vaters dir vergebens zu Ohren
gedrungen ist!«
Der Greis schwieg -- er hatte seine Tochter darüber ertappt, daß sie
eigensinnig den Kopf zurückwarf. Alle beide taten ein paar Schritte nach
dem Gitter, wo ihr Wagen Halt gemacht hatte. Auf diesem schweigsamen
Gange betrachtete das junge Mädchen verstohlen das Gesicht ihres Vaters,
und ihre trotzige Miene verschwand allmählich. Der tiefe Schmerz, der
auf dieser zu Boden gesenkten Stirn ausgeprägt war, ging ihr sehr nahe.
»Ich verspreche Ihnen, mein Vater,« sagte sie mit sanfter Rührung,
»Victor nicht eher vor Ihnen zu nennen, als bis Sie sich von Ihren
Vorurteilen gegen ihn bekehrt haben.«
Der alte Herr sah seine Tochter erstaunt an. Ein paar Tränen traten aus
seinen Augen und rollten die gefurchten Wangen hinab. Er konnte Julie
nicht mitten unter diesen Menschen küssen, aber er drückte ihr liebevoll
die Hand. Als er in den Wagen stieg, waren alle schmerzlichen Gedanken,
die seine Stirn verfinstert hatten, entschwunden. Seine Tochter traurig
zu sehen, beunruhigte ihn nun weit mehr, als die unschuldige Freude,
deren Geheimnis Julie während der Parade unwissentlich verraten hatte.
* * * * *
In den ersten Märztagen des Jahres 1814 -- seit jener Parade vor dem
Kaiser war noch nicht ganz ein Jahr verflossen, da rollte eine Kalesche
auf der Chaussee, die von Amboise nach Tours führt. Als sie unter dem
grünen Dach von Nußbäumen hervorfuhr, das sich um die Post von Frillière
wölbt, zogen die Pferde mit solcher Schnelligkeit, daß der Wagen im
nächsten Augenblick schon die über die Cise gebaute Brücke, wo dieser
Fluß in die Loire mündet, erreichte und hier Halt machte.
Infolge der wilden Jagd, zu der ein junger Postillon auf Befehl seines
Herrn vier der kräftigsten Postpferde angetrieben hatte, war ein Strang
gerissen. So fügte es die Laune des Zufalls, daß die beiden Insassen der
Kalesche, aus dem Schlummer erwachend, Muße hatten, eine der schönsten
Landschaften zu betrachten, die man an den an Schönheiten reichen Ufern
der Loire finden kann.
Zur Rechten übersieht man auf einen Blick alle Krümmungen der Cise, die
sich wie eine silberne Schlange durch das Gras der Wiesen hinzieht, die
die ersten Triebe des Frühlings um diese Zeit smaragden färbten. Zur
Linken erscheint die Loire in all ihrer Herrlichkeit. Zahllose kleine
Stellen, wo ein etwas frischer Morgenwind Wirbel auftrieb, spiegelten
auf der weiten Wasserfläche, die dieser majestätische Strom entfaltet,
den Schimmer der Sonne wieder. Hier und dort reihen auf der ausgedehnten
Flut Inseln wie die einzelnen Teile eines Halsbandes sich aneinander. Am
Ufer breiten die schönsten Gefilde der Touraine, soweit das Auge reicht,
ihre Schätze aus. In der Ferne wird der Blick erst durch die Hügel von
Cher begrenzt, die in diesem Augenblick leuchtende Linien auf dem
durchsichtigen Azur des Himmels zogen. Durch das zarte Laub der Inseln
hindurch sieht man im Hintergrunde des Gemäldes Tours, das, wie Venedig,
mitten aus der Flut aufzusteigen scheint. Die Türme der alten Kathedrale
ragen in die Luft, wo sie sich an diesem Morgen in den phantastischen
Gebilden einiger weißen Wolken verloren.
Jenseits der Brücke, an der der Wagen angehalten hatte, sieht der
Reisende vor sich eine Kette von Felsen, die sich an der Loire entlang
bis nach Tours hinzieht. Eine Laune der Natur scheint sie dorthin
gestellt zu haben, um den Strom einzudämmen, dessen Wellen unaufhörlich
das Gestein aushöhlen -- ein Schauspiel, das stets das Staunen des
Reisenden erweckt. Der Flecken Vouvray liegt gleichsam eingezwängt in
die Schluchten und Gründe dieser Felsen, die vor der Cisebrücke ein Knie
bilden.
Die gewaltigen Krümmungen dieser zerrissenen Hügelkette sind von Vouvray
bis Tours von einer weinbauenden Bevölkerung bewohnt. An mehr als einer
Stelle sind die Häuser in drei Staffeln mitten zwischen die Felsen
eingebaut und durch gefahrvolle Stiegen, die in den Stein geschlagen
sind, miteinander verbunden. Über der Spitze eines Daches sieht man ein
Mädchen in rotem Rock in einen Garten laufen. Zwischen den Ranken und
Reben von Weinstöcken steigt der Rauch eines Schornsteins auf. Dörfler
arbeiten auf senkrechten Feldern. Auf einem abgerutschten Felsblock
sitzt eine alte Frau und spinnt in aller Ruhe unter den Blüten eines
Mandelbaums. Sie sieht auf die Reisenden zu ihren Füßen hinab und
lächelt über deren Angst. Die Risse im Boden machen ihr ebensowenig
Sorge wie die überhängenden Trümmer einer alten Mauer, die nur noch
durch die gewundenen Wurzeln eines Efeumantels vor dem völligen
Zusammenbruch bewahrt ist.
Die Hammerschläge von Küfern hallen in den Gewölben luftiger Keller.
Kurz, hier, wo die Natur dem Menschenfleiß Fuß zu fassen wehrt, ist die
Erde überall bebaut und fruchtbar. So läßt sich auch auf dem ganzen Lauf
der Loire nichts mit dem reichen Panorama vergleichen, das die Touraine
vor den Augen des Reisenden ausbreitet. Das dreifache Gemälde dieser
Szene, dessen Fülle hier kaum angedeutet worden ist, bietet der Seele
eines jener Bilder, die sie sich auf ewig ins Gedächtnis schreibt; und
wenn ein Poet sich daran erfreut hat, so träumt er oft davon, und im
Traume baut sich dann das Bild mit romantischen Effekten märchenhaft
auf.
In dem Augenblick, wo der Wagen an die Cisebrücke gelangte, tauchten
mehrere weiße Segel zwischen den Loireinseln auf und brachten noch mehr
Harmonie in diese harmonische Gegend. Die Weiden am Rande des Flusses
mischten ihren durchdringenden Duft in die würzige feuchte Brise. Die
Vögel zwitscherten ihre Liebeslieder; der eintönige Gesang eines
Ziegenhirten fügte eine Art Melancholie hinzu, und das Rufen von
Schiffern deutete auf reges Treiben in der Ferne. Leichter Dunst hing
launisch um die in der weiten Landschaft verstreuten Bäume und trug
zuletzt auch zu dem anmutigen Gesamtbild bei. Es war die Touraine in all
ihrer Herrlichkeit, der Lenz in all seiner Pracht. Dieser Teil
Frankreichs, der einzige, den die fremden Heere nicht behelligen
sollten, war um diese Zeit auch der einzige, der ruhig war. Man hätte
glauben können, die Invasion wagte sich nicht an ihn heran.
Ein Kopf mit einer Soldatenmütze sah zur Kalesche heraus, als sie die
Fahrt einstellte. Gleich darauf öffnete ein ungeduldiger Soldat selbst
die Tür und sprang auf die Straße, wie um den Postillon auszuzanken.
Aber als der Oberst Graf d'Aiglemont sah, mit welcher Geschicklichkeit
der Tourainer den zerrissenen Strang ausbesserte, beruhigte er sich. Er
kehrte zum Wagenschlag zurück und reckte die Arme, als seien sie ihm
eingeschlafen. Er gähnte, blickte über die Landschaft hin und legte die
Hand auf den Arm einer jungen Frau, die sorgsam in einen Pelz
eingewickelt war.
»Wach auf, Julie,« sagte er in heiserem Tone. »Sieh dir die Gegend an --
es ist herrlich hier.«
Julie reckte den Kopf zum Wagen heraus. Sie trug auf dem Kopfe eine
Kapuze von Marderfell, und der faltenreiche Pelz verhüllte ihre ganze
Gestalt so völlig, daß man nichts als ihr Gesicht sehen konnte. Julie
d'Aiglemont sah jetzt schon anders aus, als das junge Mädchen, das
einst, strahlend vor Glück und Freude, zu der Parade in den Tuilerien
geeilt war. Ihr noch immer zartes Gesicht hatte nicht mehr die rosige
Färbung, die ihm früher einen so herrlichen Glanz verliehen hatte. Ein
paar schwarze Locken, die sich durch die Feuchtigkeit der Nacht aus
ihrem Haar gelöst hatten, hoben das fahle Weiß ihres Gesichts, dessen
Lebhaftigkeit stumpf geworden zu sein schien, nur noch deutlicher
hervor. In ihren Augen brannte indessen ein unnatürliches Feuer; und
unter den Lidern zeigten sich auf den müden Wangen einige bläuliche
Töne.
Mit gleichgültigem Blick sah sie über die Gefilde von Cher, über die
Loire und ihre Inseln, über Tours und die weitgestreckten Felsen von
Vouvray hin. Ohne sich das entzückende Tal der Cise anzuschauen, lehnte
sie sich ins Innere des Wagens zurück und sagte mit einer Stimme, die in
dieser frischen Natur schwach und leblos klang: »Ja, großartig.«
Sie hatte, wie man sieht, zu ihrem Unglück ihren Willen gegen den Vater
durchgesetzt.
»Julie, möchtest du nicht gern hier leben?«
»O, hier oder anderswo,« antwortete sie gleichgültig.
»Ist dir nicht wohl?« fragte der Oberst d'Aiglemont.
»Nicht doch,« entgegnete die junge Frau mit augenblicklicher
Lebhaftigkeit.
Sie sah ihren Mann lächelnd an und setzte hinzu:
»Schlafen möchte ich.«
Plötzlich hörte man den Galopp eines Pferdes. Victor d'Aiglemont ließ
die Hand seiner Frau los und sah nach der Biegung hin, die die Straße an
dieser Stelle machte. Als Julie den Blick des Obersten nicht mehr auf
sich ruhen fühlte, verschwand der Ausdruck der Heiterkeit, den sie ihrem
blassen Gesicht gegeben hatte, wie wenn ein Licht aufgehört hätte, es zu
beleuchten. Sie hatte weder Lust, die Landschaft noch einmal zu
betrachten, noch verlangte sie danach, zu erfahren, wer der so ungestüm
einhergaloppierende Reiter wäre, sondern lehnte sich in die Ecke des
Wagens zurück, und ihr Blick blieb, ohne eine Spur von Gefühl zu
verraten, auf die Kruppen der Gäule geheftet. Sie sah ebenso
stumpfsinnig drein, wie etwa ein bretonischer Bauer, wenn er die Litanei
seines Pfarrers anhört.
Ein junger Mann auf einem kostbaren Pferde sprengte plötzlich aus einem
Wäldchen von Pappeln und blühendem Weißdorn hervor.
»Es ist ein Engländer,« sagte der Oberst.
»O, mein Gott ja, Herr General,« antwortete der Postillon. »Er gehört zu
der Rasse von Kerlen, die wie man sagt, Frankreich auffressen wollen.«
Der Unbekannte war einer von den Reisenden, die sich gerade auf dem
Festlande befanden, als Napoleon zur Strafe für die Verletzung des
Völkerrechts, die das Kabinett von Saint-James durch den Bruch des
Vertrags von Amiens begangen hatte, alle Engländer im Lande festhielt.
Der Willkür der kaiserlichen Macht ausgesetzt, blieben diese Gefangenen
nicht alle an den Orten, wo sie in Haft genommen wurden, noch in denen,
die sie sich im Anfang als Aufenthalt hatten wählen dürfen. Die Mehrzahl
derer, die in diesem Augenblick in der Touraine weilten, waren aus
verschiedenen Orten des Kaiserreichs, wo ihre Anwesenheit dem Interesse
der Kontinentalpolitik zu schaden schien, hierher versetzt worden. Der
junge Gefangene, der in diesem Augenblick in einem Ritt seine
morgendliche Langeweile spazieren führte, war ein solches Opfer
bürokratischer Macht.
Vor zwei Jahren hatte ein Befehl vom Ministerium des Äußern ihn aus dem
Klima von Montpelliers hinwegführt, wo er von einem Brustleiden Genesung
suchte. Diese Kur wurde nun durch den Bruch des Friedens unliebsam
beendet. In dem Augenblick, wo der junge Mann einen Militär in
d'Aiglemont erkannte, beeilte er sich, dessen Blicke zu vermeiden und
wandte ziemlich brüsk den Kopf nach den Wiesen der Cise hin.
»Alle Engländer sind unverschämt, als wenn ihnen der Erdball gehörte,«
murmelte der Oberst. »Glücklicherweise wird Soult sie in die Kandare
nehmen.«
Als der Gefangene an dem Wagen vorüberritt, warf er einen Blick hinein.
So flüchtig dieser Blick war, konnte er doch den melancholischen
Ausdruck bewundern, der dem Antlitz der Gräfin einen unbeschreiblichen
Reiz verlieh. Es gibt viele Männer, deren Herz schon durch den bloßen
Anblick einer leidenden Frau mächtig ergriffen wird. Für sie scheint der
Schmerz ein Beweis für Treue und Liebe zu sein. Julie sah starr auf ein
Kissen des Wagens und bemerkte weder das Pferd noch den Reiter.
Inzwischen war der Strang rasch, aber auch fest ausgebessert worden. Der
Graf nahm wieder Platz im Wagen. Der Postillon gab sich Mühe, die
versäumte Zeit einzuholen, und kutschierte in schneller Fahrt auf der
von überhängenden Felsen eingefaßten Chaussee hin. Dies war derjenige
Teil der Straße, wo die Weine Vouvrays reifen und wo in der Ferne die
berühmten Ruinen von Marmontier, dem Zufluchtsort des heiligen Martin,
auftauchen.
»Was will denn dieser spindeldürre Mylord von uns?« rief der Oberst, der
sich umsah und in dem Reiter, der von der Brücke aus dem Wagen gefolgt
war, den jungen Engländer erkannte.
Da jedoch der Unbekannte keinen Verstoß gegen Anstand und Höflichkeit
beging, wenn er auf der Chaussee spazieren ritt, so lehnte der Oberst
sich in die Wagenecke zurück und begnügte sich damit, dem Engländer
einen drohenden Blick zugeworfen zu haben. Allein trotz seiner
Voreingenommenheit entging es ihm nicht, daß das Pferd überaus schön war
und der Reiter sich sehr gut hielt.
Der junge Mann hatte eins jener ausgesprochen britischen Gesichter,
deren Teint so zart, deren Haut so sammetweich und weiß ist, daß man
manchmal glauben möchte, sie gehörten einem jungen Mädchen an. Seine
Kleidung war von der Zierlichkeit und Sauberkeit, die den Modestutzern
des fashionablen England eigentümlich ist. Man hätte meinen mögen, er
errötete beim Anblick der Gräfin mehr aus Verschämtheit als aus
Vergnügen.
Ein einziges Mal erhob Julie die Augen zu dem Fremden, und auch dazu
hatte sie gewissermaßen erst von ihrem Manne aufgefordert werden müssen.
Er sagte, sie solle sich doch mal die Beine eines echten Rassepferdes
ansehen. Da begegneten die Augen Juliens denen des schüchternen
Engländers. Von diesem Moment an ließ der Edelmann sein Pferd nicht mehr
im Schritt neben der Kalesche hergehen, sondern folgte in einiger
Entfernung. Die Komtesse beachtete den Unbekannten kaum. Sie hatte
keinen Blick für die Vollkommenheiten weder der Menschen- noch der
Pferderasse, die ihn und sein Tier auszeichnen mochten, und sank in die
Tiefe des Wagens zurück, nachdem sie nur flüchtig die Brauen
emporgezogen hatte, wie um dem Lobe ihres Mannes beizustimmen.
Der Oberst schlummerte wieder, und die beiden Gatten langten in Tours
an, ohne weiter ein Wort miteinander gewechselt zu haben. Den
entzückenden Landschaften und wechselnden Bildern, durch die die Fahrt
ging, widmete Julie keine Aufmerksamkeit. Mehrmals betrachtete Frau
d'Aiglemont ihren schlafenden Gatten. Beim letzten Blicke, den sie auf
ihn richtete, fiel infolge eines heftigen Rucks, den der Wagen machte,
ein Medaillon, das sie an einem Trauerbändchen um den Hals trug, in
ihren Schoß, und so sah sie plötzlich das Bild ihres Vaters vor sich.
Bei diesem Anblick stürzten die bisher zurückgehaltenen Tränen aus ihren
Augen. Vielleicht bemerkte der Brite die nasse, schimmernde Spur, die
diese Zähren auf einen Augenblick an den bleichen Wangen der Komtesse
hinterließen, doch an der Luft trocknete diese Spur schnell.
Graf d'Aiglemont reiste im Auftrage des Kaisers und hatte dem Marschall
Soult, der Frankreich gegen einen Einfall der Engländer in das
Königreich Navarra verteidigen sollte, wichtige Befehle zu überbringen.
Er benutzte seine Mission, um seine Frau der Gefahr zu entziehen, in der
damals Paris schwebte, und wollte sie nun zu einer alten Verwandten nach
Tours bringen. Binnen kurzem rollte die Kalesche über die Brücke hinweg,
hatte das Straßenpflaster von Tours unter sich und bog in die Grande Rue
ein, wo sie vor dem altertümlichen Hause der ehemaligen Marquise de
Listomere-Landon hielt.
Die Marquise de Listomere-Landon war eine jener alten, blassen,
weißhaarigen Frauen, die ein feines Lächeln haben, einen Reifrock tragen
und sich mit einer Haube von unbekannter Mode putzen. Die Porträts von
siebzigjährigen Damen aus dem Zeitalter Ludwigs XV. haben immer etwas
Wohltuendes an sich; es ist, als ob diese Frauen noch immer liebten. Sie
sind weniger fromm als gottergeben, und auch das nicht ganz so, wie es
den Anschein hat. Sie duften immer nach Puder +à la maréchale+, erzählen
hübsch, plaudern noch angenehmer und lachen über Anekdoten aus den alten
Zeiten weit herzlicher als über einen Witz. An der Gegenwart haben sie
kein Gefallen.
Als eine alte Kammerfrau der Gräfin (denn sie durfte ihren Titel bald
wieder führen) den Besuch eines Neffen meldete, den sie seit dem Anfang
des spanischen Feldzugs nicht mehr gesehen hatte, nahm sie die Brille ab
und klappte die »Galerie des alten Hofs« -- ihr Lieblingsbuch -- zu.
Dann setzte sie ihre alten Beine noch einmal in fast jugendliche
Bewegung und betrat gerade in dem Augenblick die Treppe, als die
Ehegatten die Stufen hinaufzusteigen begannen.
Tante und Nichte warfen sich einen raschen Blick zu.
»Guten Tag, liebe Tante,« rief der Oberst, umarmte die alte Dame und
küßte sie mit Hast. »Ich führe Ihnen da eine junge Dame zu, die Sie in
Ihre Obhut nehmen sollen. Ich vertraue Ihnen damit mein Kleinod an.
Meine Julie ist weder kokett noch eifersüchtig, sie ist ein Engel an
Sanftmut. -- Aber sie wird hier hoffentlich zum Schoßkindchen,« setzte
er hinzu, sich unterbrechend.
»Bösewicht!« antwortete die Marquise, ihm einen spöttischen Blick
zuwerfend.
Sie bot als erste mit einer gewissen liebenswürdigen Anmut Julien den
Mund zum Kusse. Die junge Frau stand nachdenklich da und schien mehr
neugierig als verlegen.
»Wir werden einander also näher kennen lernen, mein liebes Herz?« sagte
die Marquise. »Haben Sie nicht zuviel Angst vor mir. Im Umgang mit
jungen Leuten gebe ich mir alle Mühe, nicht alt zu sein.«
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