gewiß hübsch gewesen!" Sie verbarg die Runzeln ihrer Wangen durch eine
so starke Auflage von Rot, daß sie fast gar nicht sichtbar wurden,
allein ihre Augen empfingen keinen künstlichen Glanz durch dieses satte
Karmin, sondern wurden dadurch nur noch düsterer. Sie trug eine Menge
von Diamanten und kleidete sich mit hinreichendem Geschmack, um nicht
lächerlich zu erscheinen. Ihr Mund war durch ein künstliches Gebiß
verschönt und daher keineswegs eingefallen, sondern zeigte nur einen
ironischen Zug, der ihr eine Ähnlichkeit mit Voltaire gab. Ihre spitze
Nase deutete auf scharfen Witz, aber dennoch milderte die ausgesuchte
Feinheit ihres Benehmens den Spott ihrer Einfälle so sehr, daß man sie
nicht der Bosheit beschuldigen konnte.
Ein triumphierender Blick belebte die beiden grauen Augen der alten
Dame und schien den Salon zu durchfliegen, um das Rot der Hoffnung auf
die bleichen Wangen der kleinen Dame zu ergießen, die zu den Füßen des
Kandelabers seufzte. Diesen durchdringenden Blick begleitete ein
Lächeln, das zu sagen schien: "Das hatte ich Ihnen bereits verheißen!"
Diese unvorsichtige Enthüllung einer Verbindung, die zwischen Frau von
Marigny und der Unbekannten bestand, vermochte dem geübten Auge der
Gräfin von Voudremont nicht zu entgehen. Sie erblickte ein Geheimnis
und wollte es durchdringen. Die Neugierde verringerte ihren
vorübergehenden Schmerz.
In diesem Augenblick hatte der Baron de la Roche-Hugon die ganze Reihe
der alten Witwen durchgemacht, um den Namen der blauen Dame zu
erfahren, aber gleich vielen Altertümlern hatte er sein ganzes Latein
bei diesen unglücklichen Nachforschungen verloren. In seiner
Verzweiflung hatte er sich sogar an die Gräfin von Gondreville gewandt;
aber auch von ihr nur wenig befriedigende Antwort erhalten: "Es ist
eine Dame, die mir von der ehemaligen Herzogin von Marigny vorgestellt
wurde...."
Nun wandte sich der Requętenmeister schnell zu dem Armstuhle, den die
alte Dame einnahm, und überraschte sie bei jenem Blick des
Einverständnisses, der mit der Unbekannten gewechselt wurde. Die
Färbung, die sich über die Wangen der einsamen Dame ergoß, verlieh ihr
einen solchen Glanz, daß der Requętenmeister, bewegt durch den Anblick
einer so mächtigen Schönheit, zu Frau von Marigny zu treten beschloß,
obgleich er seit einiger Zeit ziemlich schlecht mit ihr gestanden
hatte. Als die Herzogin den Baron um ihren Armstuhl herumschweifen sah,
lächelte sie mit sardonischer Bosheit und blickte mit einer so
triumphierenden Miene auf Frau von Voudremont, daß der Oberst darüber
lächelte. "Sie nimmt eine freundliche Miene an, die alte Zigeunerin,"
dachte er, "sie wird mir ohne Zweifel einen bösen Streich spielen
wollen." "Meine Dame," sagte er, "wie man mir gesagt hat, sind Sie
beauftragt, über einen köstlichen Schatz zu wachen."
"Sehen Sie mich für einen schwarzen Hund mit glühenden Augen an?"
fragte die alte Dame und ergötzte sich für einen Augenblick an der
Verlegenheit des jungen Mannes. "Aber von welchem Schatze sprechen
Sie?" fuhr sie dann mit einer süßen Stimme fort, durch die Martial neue
Hoffnung erhielt.
"Von der kleinen unbekannten Dame, die durch den Neid der koketten
Damen in jene Ecke verdrängt ist ... Sie sind ohne Zweifel mit ihr
bekannt?...."
"Ja," sagte die Herzogin und lächelte wieder boshaft. "Warum tanzt sie
nicht? Sie ist so schön! Wollen Sie, daß wir Friede miteinander
schließen? Wenn Sie mich über das belehren wollen, was ich gern
erfahren möchte, so gebe ich Ihnen mein Ehrenwort darauf, daß Ihr
Gesuch um Zurückgabe der Waldungen von Marigny bei dem Kaiser kräftig
unterstützt werden soll."
"Herr Baron," antwortete die alte Dame mit einem trügerischen Ernst,
"fuhren Sie mir die Gräfin von Vaudremont zu. Ich verspreche Ihnen, daß
ich ihr das ganze Geheimnis enthüllen will, das unsere Unbekannte so
anziehend macht. Alle Männer, die auf dem Ball anwesend sind, scheinen
ebenso neugierig geworden zu sein, wie Sie. Aller Augen richten sich
unwillkürlich nach jenem Kandelaber, neben dem das arme Kind so
bescheiden sitzt. Sie erntet alle Huldigungen, die man ihr hat
entreißen wollen. Der muß glücklich sein, der mit ihr tanzen wird!..."
Bei diesen Worten unterbrach sie sich, indem sie einen Blick auf die
Gräfin von Vaudremont richtete, der deutlich sagte: "Wir sprechen von
Ihnen." Dann fuhr sie fort: "Ich denke, daß Sie den Namen der
Unbekannten lieber aus dem Munde der schönen Gräfin hören werden, als
aus dem meinigen." Die Haltung der Herzogin war so herausfordernd, daß
Frau von Vaudremont sich erhob, zu ihr kam, sich auf den Stuhl setzte,
den ihr Martial anbot, und dann, ohne auf ihn zu achten, lachend sagte:
"Ich errate, meine Dame, daß Sie von mir sprechen, aber ich muß meine
Schwäche anerkennen und gestehen, daß ich nicht erkenne, ob Sie Gutes
oder Böses von mir reden."
Frau von Marigny drückte mit ihrer trockenen und verschrumpften Hand
die hübsche Hand der jungen Dame und antwortete mit leiser Stimme und
im Tone des Mitleids: "Arme Kleine!"
Die beiden Frauen blickten einander an. Frau von Vaudremont begriff,
daß der Baron von Martial überflüssig sei und verabschiedete ihn mit
einem gebieterischen Blick, der ihm sagte: "Verlassen Sie uns
augenblicklich!"
Den Requętenmeister freute es wenig, die Gräfin von den Künsten der
gefährlichen Sybille gefesselt zu sehen und richtete einen jener
männlichen Blicke auf sie, die so viel Macht über ein liebendes Herz
besitzen, aber auch einer Frau so lächerlich erscheinen, wenn sie kalt
gegen den geworden sind, in den sie verliebt war.
"Wollen Sie vielleicht dem Kaiser nachäffen?..." sagte Frau von
Vaudremont und wandte ihren Kopf, um den Requętenmeister spöttisch
anzusehen.
Er kannte die Welt zu gut, besaß zu viel Feinheit und guten Geschmack,
als daß er sich einem Bruch mit der hübschen Kokette hätte aussetzen
wollen; überdies rechnete er auf die Eifersucht, die er bei ihr
erwecken wollte, als auf das beste Mittel, das Geheimnis ihrer
plötzlichen Kälte zu entdecken. Er entfernte sich umso williger, als in
diesem Augenblick ein neuer Contretanz alle Tänzerinnen in Bewegung
setzte. Die heiteren Töne des Orchesters erklangen und man hätte die
durcheinander wogende Menge mit einer Wolke tausendfarbiger
Schmetterlinge vergleichen können, die sich bei dem harmonischen
Konzert der Vögel eines Gebüschs über einer Waldwiese erheben.
Der Baron schien den antretenden Quadrillen zu weichen und stützte sich
auf den Marmor einer Konsole. Er kreuzte die Arme über der Brust und
blieb einige Schritte vor den beiden Damen stehen, die sich heimlich
miteinander unterhielten. Von Zeit zu Zeit folgte er den Blicken, die
beide wiederholt auf die Unbekannte richteten, und der Baron befand
sich in einer schrecklichen Unentschlossenheit, während er die Gräfin
mit jener neuen Schönheit verglich, die noch mehr gehoben wurde durch
das Geheimnis, das sie umgab. Er schwankte, ob er ein reicher Mann
werden oder eine Laune befriedigen solle.
Der Glanz der Lichter ließ so kräftig das schwermütige und düstere
Antlitz unter seinen schwarzen Haaren hervorstechen, daß man ihn mit
einem bösen Geist hätte vergleichen können, und mehr als ein
fernstehender Beobachter mochte sich wohl sagen, "Der arme Teufel
scheint auch nicht zu seiner Freude hier zu sein!"
Die rechte Schulter leicht an die vergoldete Einfassung der Tür
zwischen dem Spielzimmer und dem Tanzsaale gestützt, konnte der Oberst
unbemerkt lachen. Er freute sich über den berauschenden Lärm des
Balles. Er sah hundert hübsche Köpfe, die je nach den Launen des Tanzes
hin und her schwebten. Er las in manchen Zügen, ebenso wie in denen der
Gräfin und seines Freundes Martial, die Geheimnisse der Seelen. Dann
wandte er sein Gesicht und verglich das düstere Aussehen des Grafen
Soulanges, der noch immer in dem Armstuhle saß, wo er ihn verlassen
hatte, mit den sanften und klagenden Zügen der unbekannten Dame, auf
deren Antlitz abwechselnd die Freuden der Hoffnung und die Angst eines
unwillkürliehen Schreckens erschienen. Der glückliche Kürassier hatte
soviele Geheimnisse zu erraten, Reichtum von einer keimenden Liebe zu
hoffen, die Lehren zu merken, die der gekränkte Ehrgeiz gibt, das
Schauspiel einer heftigen Leidenschaft zu beobachten und das Lächeln
von hundert hübschen Damen über Soulanges, Martial, die Gräfin oder die
Unbekannte mit seinen Blicken zu erfassen, und er war daher so heiter,
als sei er der König des Festes. Das lebhafte Bild gab ihm ein
vollkommenes Gleichnis der Welt und des Lebens; aber er lachte, ohne
daß er hinter das Wesen dieser Dinge zu kommen versucht hätte. Es war
etwa Mitternacht, und die Unterhaltungen, das Spiel, der Tanz, die
Selbstsucht, die Bosheit und die verschiedenartigsten Pläne, alles war
auf jenem Siedepunkt angelangt, wo sich einem jungen Manne der Ruf
entringt: "Es ist doch eine hübsche Sache um einen Ball!..."
"Mein kleiner Engel," sagte Frau von Marigny zu der Gräfin, "ich bin
weit älter, als ich scheine, denn ich zähle fünfundsechzig Jahre; ich
habe fast ein Jahrhundert gelebt. Sie, meine Liebe, stehen jetzt in
einem Alter, in dem ich tausend Fehler begangen habe, und da ich Sie
jetzt bittere Qualen erdulden sah, so fiel es mir ein, Ihnen einige
liebevolle Winke zu geben. Wer Fehler im zweiundzwanzigsten Jahre
begeht, verdirbt sich dadurch seine Zukunft, zerreißt das Kleid, das er
erst anziehen soll. Ach, meine Liebe, wir lernen erst zu spät uns des
Gewandes zu bedienen, ohne es zu zerknittern.... Fahren Sie fort, mein
schönes Kind, sich redliche Feinde zu machen und diejenigen als Freunde
zu erwerben, die den Geist der Welt nicht besitzen, und Sie sollen
sehen, was für ein angenehmes Leben Sie führen werden!"...
"Ach, Herzogin, es macht uns recht viel Mühe, glücklich zu werden!
Nicht wahr?" rief die Gräfin kindlich aus.
"Meine Kleine, man muß es nur verstehen, in Ihrem Alter zwischen dem
Vergnügen und dem Glück die Wahl treffen zu können. Hören Sie mich an!
Sie wollen Martial heiraten. Er ist aber auf der einen Seite nicht dumm
genug, um ein Ehemann zu werden, und auf der anderen Seite nicht gut
genug, um sie glücklich zu machen. Er hat Schulden, meine Liebe!... Er
ist ganz der Mann, der Ihr Vermögen verzehren könnte. Er ist ein
Ränkeschmied, der sich ausgezeichnet in die Geschäfte einleben kann, er
weiß angenehm zu plaudern, aber er besitzt zu viele Vorteile, als daß
er ein wahres Verdienst haben wollte. Er wird nicht weit gehen.
Überdies, sehen Sie ihn nur an!... Werfen Sie nur einen Blick auf
ihn!... Liest man es nicht auf seiner Stirn, daß er in diesem
Augenblick keineswegs das hübsche junge Weib sieht, sondern nur die
Besitzerin von zwei Millionen?... Er liebt Sie nicht, meine Liebe; er
berechnet Sie, als ob es sich um eine Multiplikation handelte. Wenn Sie
sich verheiraten wollen, so nehmen Sie einen bejahrten Mann, der
zugleich Ansehen genießt. Eine Witwe darf ihre Wiederverheiratung nicht
zu einem Geschäft der Liebe machen. Fängt man je eine Maus zweimal in
derselben Falle? Jetzt muß ein neuer Kontrakt eine Spekulation sein,
und wenn Sie sich wieder verheiraten, so müssen Sie dabei wenigstens
die Hoffnung haben, sich dereinst Frau Marschallin nennen zu hören!" In
diesem Augenblick richteten sich die Augen der beiden Damen natürlich
auf das hübsche Antlitz des Obersten. "Wollen Sie die schwierige Rolle
einer Kokette spielen und sich nicht wieder verheiraten ..." fuhr die
Herzogin gutmütig fort; "ach, meine arme Kleine, dann verstehen Sie
besser als jede andere, die Wolken eines Ungewitters zu häufen und auch
wieder zu zerstreuen.... Allein ich beschwöre Sie, machen Sie sich nie
eine Freude daraus, den ehelichen Frieden zu stören, die Eintracht der
Familien und das Glück der glücklichen Frauen zu vernichten. Ich habe
diese gefährliche Rolle gespielt, meine Liebe ... und etwas zu spät
habe ich erkennen gelernt, daß, wie jener Diplomat gesagt hat, ein
Lachs besser ist als tausend Frösche! Ja, meine Liebe, um einen Triumph
der Eigenliebe zu feiern, meuchelt man oft arme tugendhafte Geschöpfe;
denn es gibt wirklich tugendhafte Frauen, meine Liebe. Lernen Sie
einsehen, daß eine wabrhafte Liebe tausendmal mehr Genüsse gewährt, als
die vergänglichen Leidenschaften, die man erregt. Gewiß, ich bin
hierhergekommen, um Ihnen eine Predigt zu halten.... Ja, Sie, mein
guter kleiner Engel, sind die Ursache, weshalb ich in diesem Salon
erschienen bin, der nach Pöbel stinkt. Sieht man hier nicht sogar
Schauspieler?... Man empfing diese Leute auch sonst, meine Liebe, aber
in seinem Boudoir; in einem Salon jedoch, pfui!... Ja, ja, sehen Sie
mich nicht so erstaunt an.--Hören Sie mich an! Wollen Sie über die
Männer lachen," fuhr die alte Dame fort, "so begeistern Sie nur die
Herzen derer, die keine feste Bestimmung haben, die keine Pflichten zu
erfüllen haben.... Das ist eine Lehre, die ich meiner alten Erfahrung
verdanke; nutzen Sie dieselbe. Dieser arme Soulanges zum Beispiel, dem
Sie den Kopf verdreht haben, den Sie seit fünfzehn Monaten, Gott weiß
wie, berauscht haben ... ihn haben Sie für sein ganzes Leben
unglücklich gemacht. Er ist verheiratet. Er wird von einem kleinen
Weibe angebetet, das er auch liebte, aber getäuscht hat. Soulanges
leidet zuweilen an Gewissensbissen, die grausamer sind, als seine
Freuden süß waren, und Sie, kleiner Schlaukopf, haben ihn getäuscht!
Kommen Sie nun und sehen Sie Ihr Werk!" Die alte Herzogin faßte die
Hand der Frau von Vaudremont, und beide erhoben sich.
"Sehen Sie!" sagte Frau von Marigny zu ihr, indem sie mit den Augen auf
die bleiche und zitternde Unbekannte zeigte. "Das ist meine Nichte, die
Gräfin Soulanges!... Sie hat heute endlich meinen Bitten nachgegeben
und ihr Schmerzenszimmer verlassen, in dem ihr der Anblick ihres Kindes
nur einen sehr schwachen Trost gewährt.... Sehen Sie sie an.... Sie
erscheint Ihnen reizend. Beurteilen Sie nun, was sie damals war, als
Glück und Liebe noch ihren Glanz über dieses jetzt gewelkte Antlitz
verbreiteten!"
Die Gräfin wandte schweigend das Haupt und schien in ernstes Nachdenken
versunken. Die Herzogin führte sie allmählich bis an die Tür des
Spielzimmers, blickte hinein, als suche sie jemand, und sagte dann mit
einer fast geisterhaften Stimme zu der jungen Kokette: "Und dort sehen
Sie Soulanges!..."
Die junge und glänzende Gräfin schauderte zusammen als sie in der am
wenigsten erhellten Ecke des Spielzimmers ein bleiches und verzerrtes
Antlitz erblickte. Herr von Soulanges hatte sich in den, Armstuhl
zurückgelehnt. Die Erschlaffung seiner Glieder und die Bewegungslosigkeit
seiner Stirn deuteten auf einen hohen Grad des Schmerzes. Er war allein.
Die Spieler kamen und gingen an ihm vorüber, ohne ihm mehr Aufmerksamkeit
zu widmen, als einem leblosen Wesen. Er war in der Tat mehr ein Schatten,
als ein Mensch.
Der Anblick der trauernden Gattin und des düstern und finstern Gatten,
die inmitten dieses Festes von einander getrennt waren, wie die beiden
Hälften eines durch den Blitz getroffenen Baumes, erfüllte die Gräfin
mit großem Schrecken und böser Vorahnung. Sie fürchtete ein Bild dessen
zu sehen, was die eigene Zukunft für sie aufbewahrte. Ihr Herz war noch
nicht so weit verhärtet, daß ihm Empfindsamkeit, und Nachsicht gänzlich
fremd geworden, und sie preßte die Hand der Herzogin, während sie ihr
mit einem freundlichen Lächeln dankte, in dem eine gewisse kindliche
Anmut lag.
"Mein Kind," sagte ihr jetzt die alte Frau ins Ohr, "bedenken Sie
fortan, daß wir es ebenso gut verstehen müssen, die Huldigungen der
Männer von uns zu weisen, als sie zu erlangen...."--
"Sie gehört Ihnen, wenn Sie kein Dummkopf sind!" Diese Worte flüsterte
Frau von Marigny dem Obersten ins Ohr, während sich die schöne Gräfin
ganz dem Mitleid hingab, das der Anblick des Herrn von Soulanges ihr
einflößte. Sie liebte ihn noch aufrichtig genug, um ihn seinem Glücke
wiedergeben zu wollen, und im Herzen versprach sie sich, die
unwiderstehliche Macht anzuwenden, die ihre Verführungskünste noch auf
ihn ausübten, um ihn in die Arme seiner Frau zurückzuführen. "O! die
Strafreden, die ich ihm halten werde!..." sagte sie zu Frau von
Marigny. "Sie werden das nicht tun, meine Schöne, wie ich hoffe!" sagte
die Herzogin, während sie sich zu ihrem Armstuhl zurückbegab. "Wählen
Sie sich dagegen einen braven Ehemann und verschließen Sie meinem
Neffen die Tür. Vermeiden Sie, ihm in Gesellschaften zu begegnen, und
wenn er von seiner Krankheit geheilt ist, so bieten Sie ihm Ihre
Freundschaft.... Glauben Sie mir, mein Engel, eine Frau empfängt nie
von einer anderen Frau das Herz ihres Mannes. Sie wird hundertmal
glücklicher sein, wenn sie glauben kann, es durch sich selbst
wiedererlangt zu haben, und ich glaube, meiner Nichte ein herrliches
Mittel gewährt zu haben, durch das sie die Freundschaft ihres Mannes
wiedererlangen kann, indem ich sie hierherführte.--Ich verlange keine
andere Mithilfe von Ihnen, als daß Sie unsern schönen Kürassier-Oberst
mit Neckereien der Liebe überhäufen." Bei diesen Worten zeigte sie auf
den Freund des Requętenmeisters, und die Gräfin lachte.
"Nun, meine Dame, wissen Sie endlich den Namen der Unbekannten?" fragte
der Baron auf etwas gereizte Art die Gräfin, als diese wieder allein
war.
"Ja," anwortete Frau von Vaudremont. Es lag dabei in ihren Zügen
ebensoviel Schlauheit als Heiterkeit. Das Lächeln, das über ihre Lippen
und ihre Wangen Leben verbreitete, der feuchte Glanz ihrer Augen war
mit jenen Irrlichtern zu vergleichen, die den verspäteten Wanderer
täuschen. Martial glaubte sich noch immer geliebt; er nahm jene kokette
Haltung an, in der sich ein Mann so selbstgefällig in der Nähe der von
ihm Geliebten wiegt, und sagte mit Geckenhaftigkeit: "Werden Sie mir
nicht böse werden, wenn es scheint, als legte ich großen Wert darauf,
den Namen der Unbekannten zu erfahren...."
"Und werden Sie mir nicht böse werden," versetzte Frau von Vaudremont,
"wenn ich Ihnen infolge einer letzten Spur von Liebe den Namen nicht
sage und Ihnen zugleich verbiete, die geringste Annäherung an jene
junge Dame zu wagen? Sie könnten vielleicht Ihr Leben aufs Spiel
setzen."
"Meine Dame, Ihre Liebe zu verlieren ist schmerzlicher, als das Leben
zu verlieren...."
"Martial!..." sagte die Gräfin ernst, "es ist Frau von Soulanges! Und
ihr Mann würde Ihnen eine Kugel durch das Hirn jagen, wenn Sie ein
solches haben, sobald Sie...."
"Ach!" fiel ihr der Geck lachend in die Rede, "der Oberst läßt den in
Frieden leben, der ihm Ihr Herz entrissen hat, und er sollte sich für
seine Frau schlagen?... Welche Umkehrung der Grundsätze!... Ich bitte
Sie, lassen Sie mich mit der kleinen Dame tanzen. Sie werden auf diese
Weise am schnellsten den Beweis erhalten, wie wenig Liebe das eiskalte
Herz besitzt, das Sie verabschiedet haben, denn wird der Oberst böse
darüber, daß ich seine Gattin zum Tanzen veranlasse...."
"Sie liebt aber ihren Mann...."
"Das ist wieder ein Einwurf, der...."
"Sie ist aber verheiratet...."
"Köstliche Einwände in Ihrem Munde!"
"Ach!" sagte die Gräfin mit einem bitteren Lächeln, "Ihr bestraft uns
bitter für unsere Fehltritte und unsere Reue! Dann beklagt Ihr Euch
noch über unsern Leichtsinn! So wirft der Herr seinen Sklaven die
Sklaverei vor. Welche Ungerechtigkeit!" "Betrüben Sie sich nicht!"
sagte Martial lebhaft. "Oh, ich bitte Sie darum, verzeihen Sie mir!
Hören Sie! Ich denke nicht mehr an Frau von Soulanges."
"Sie verdienten, daß ich Sie zu ihr schickte!"
"Ich gehe schon...." sagte der Baron lachend; "allein ich werde
verliebter in Sie zurückkehren, als ich es je gewesen bin, und Sie
werden sehen, daß sich auch das hübscheste Weib von der Welt eines
Herzens nicht bemächtigen kann, das Ihnen gehört."
"Das heißt, Sie wollen das Pferd des Obersten gewinnen?"
"Ha, der Verräter!" antwortete er lachend und drohte seinem lächelnden
Freunde mit dem Finger.
Nun näherte sich der Oberst, und der Baron trat ihm seinen Platz neben
der Gräfin ab, zu der er noch spöttisch sagte: "Meine Dame, dieser Herr
hat sich gerühmt daß er an einem Abend Ihre Liebe erwerben könne!"
Er entfernte sich, während er sich freute, die Eigenliebe der Gräfin
erweckt und dem Obersten ein Bein gestellt zu haben; ungeachtet seiner
gewöhnlichen Schlauheit, hatte er doch nicht den ganzen Spott erraten,
der in den Reden der Frau von Vaudremont lag; er hatte nicht einmal
bemerkt, daß sie ebensoviele Schritte seinem Freunde entgegengetan
habe, als dieser ihr entgegengegangen war.
Als sich Martial dem glänzenden Kandelaber näherte, hinter dem die
Gräfin von Soulanges saß, trat deren Gemahl mit wilden Blicken in die
Tür des Salons und zeigte zwei Augen, in denen das Feuer der
Leidenschaft flammte. Die alte Herzogin, die auf alles aufmerksam war,
näherte sich ihrem Neffen mit der Lebendigkeit einer jungen Frau und
bat ihn um seinen Arm und um seine Kutsche, um sich entfernen zu
können, indem sie eine schreckliche Langeweile vorschützte und sich
schmeichelte, auf solche Weise ein peinliches Aufsehen zu vermeiden.
Bevor sie ging, gab sie noch ihrer Nichte ein Zeichen des
Einverständnisses, indem sie zugleich auf den kühnen Kavalier deutete,
der sich bereit machte, sie anzureden. Ihr strahlender Blick schien zu
sagen: "Da ist er, räche Dich!"
Frau von Vaudremont fing den Blick der Tante und den der Nichte auf.
Ein plötzliches Licht fiel in ihr Herz, und die junge Kokette
befürchtete, von der alten, in Ränken so erfahrenen Dame genarrt worden
zu sein.
"Diese treulose Herzogin," dachte sie, "wird es vielleicht ergötzlich
gefunden haben, mir eine moralische Vorlesung zu halten und zugleich
einen schlechten Streich nach ihrer Weise zu spielen." Bei diesem
Gedanken wurde die Eigenliebe der Frau von Vaudremont vielleicht noch
lebhafter ins Spiel gezogen, als ihre Neugierde, den Knäuel dieser
Intrigen entwirrt zu sehen. Der innere Sturm, von dem sie ergriffen
wurde, raubte ihr die Selbstbeherrschung. Der Oberst erklärte sich nun
zu seinem Vorteil die Verlegenheit, die sich in den Reden und in der
Haltung der Gräfin zeigte, und wurde deshalb noch glühender und
drängender.
Neue Geheimnisse, gleich anziehend wie die früheren, belebten nun diese
bewegte Szene. Die Leidenschaften der beiden Paare, deren Abenteuer
diese Erzählung wiedergibt, sprangen auf alle Teilnehmer des glänzenden
Balles über und veranlaßten die verschiedensten Färbungen der
Teilnahme.
Die alten abgestumpften Diplomaten, denen es so viel Freude machte, das
Spiel der Mienen zu beobachten und die angesponnenen Ränke zu erraten
und zu verfolgen, hatten noch nie eine so reiche Ernte der Unterhaltung
gefunden, dennoch ließ das Schauspiel so vieler, lebhafter
Leidenschaften, ließen die Zänkereien der Liebe, diese süßen Äußerungen
der Rache, diese grausamen Gunstbeweise, diese entflammten Blicke, ließ
das ganze glühende Leben, das rund um sie her ergossen war, sie nur
umso lebhafter ihre Ohnmacht erraten.
Endlich war es dem Baron gelungen, in der Nähe der Gräfin von Soulanges
einen Sitz zu finden. Seine Augen schweiften verstohlen über einen
Hals, der frisch war wie der Tau, wohlduftend wie ein Blumenbeet. Er
bewunderte in der Nähe die Schönheiten, die ihn schon aus der Ferne
überrascht hatten, er konnte einen kleinen, schönbekleideten Fuß sehen,
und eine geschmeidige anmutige Taille mit den Augen messen. Damals
knüpften die Frauen die Gürtel ihrer Kleider dicht unter dem Busen, wie
man es bei den griechischen Statuen erblickt! Diese Mode war grausam
für jene Frauen, deren Wuchs irgendeinen Fehler hatte. Martial warf
flüchtige Blicke auf den Busen und wurde entzückt durch die Vollendung
der himmlischen Formen der Gräfin. Er war trunken vor Liebe und
Hoffnung. "Sie haben heute abend noch nicht ein einziges Mal getanzt?"
fragte er mit sanfter und schmeichelnder Stimme; "hoffentlich ist dies
nicht die Schuld der Herren."--"Es ist nun bald zwei Jahre, daß ich
mich nirgends gezeigt habe, und ich bin unbekannt in der Welt ..."
antwortete Frau von Soulanges; denn sie hatte den Blick nicht
begriffen, durch den ihre Tante sie aufforderte, sich gefällig gegen
den Baron zu zeigen. Dieser ließ aus Gewohnheit den schönen Diamant
spielen, der den Ringfinger seiner linken Hand schmückte. Das Feuer,
das die geschliffenen Flächen des Steines ausstrahlten, schien ein
plötzliches Licht in das Herz der jungen Gräfin zu werfen. Sie errötete
und blickte den Baron mit einem unbeschreiblichen Ausdruck an.
"Tanzen Sie gern?" fragte der Provençale, um es zu versuchen, die
Unterhaltung wieder anzuknüpfen.
"Sehr gern, mein Herr."
Bei dieser Antwort trafen ihre Blicke einander; denn der junge Mann
wurde von dem süßen und zum Herzen sprechenden Tone überrascht, der
eine unbestimmte Hoffnung bei ihm erweckte, und hatte daher schnell die
Augen der Gräfin geprüft.
"Würden Sie es nicht als eine Verwegenheit von meiner Seite betrachten,
wenn ich Sie bäte, bei dem nächsten Contretanz mit mir anzutreten?"
Eine kindliche Verlegenheit rötete die bleichen Wangen der Gräfin, wie
einige Tropfen eines roten Weines sich allmählich in einem Glase klaren
Wassers verbreiten und dasselbe röten.
"Aber, mein Herr ... ich habe bereits einem Tänzer eine abschlägige
Antwort gegeben, einem Oberst...."
"Vielleicht dem langen Kavallerie-Oberst dort?"
"Ganz recht."
"Der ist mein Freund, befürchten Sie nichts. Ich hoffe, Sie werden mir
meine Bitte gewähren."
"Ja, mein Herr...."
Der zitternde Klang ihrer wohltönenden Stimme deutete auf eine so neue
und tiefe Bewegung, daß selbst das abgestumpfte Herz Martials dadurch
schwankend gemacht wurde. Er fühlte sich von der Blödigkeit eines
Schulknaben ergriffen. Er verlor seine Sicherheit, und sein
südländisches Blut geriet in Flammen. Er wollte sprechen, allein seine
Ausdrücke erschienen ihm im Vergleich zu den geistreichen und feinen
Antworten der Frau von Soulanges ohne Anmut. Es war ein Glück für ihn,
daß der Contretanz begann, denn als er neben seiner schönen Tänzerin
stand, fühlte er sich wieder erleichert. Es gibt viele Männer, für die
der Tanz eine Art weltmännischer Gewandtheit ist, und die, indem sie
die Anmut ihres Körpers zu entfalten suchen, stärker auf das Herz der
weiblichen Welt einzuwirken glauben, als durch ihren Geist. Der
Provençale wollte ohne Zweifel in diesem Augenblick alle seine
Verführungskünste entfalten, wenn man dies aus der Sorgfalt schließen
darf, die er auf alle seine Bewegungen verwandte. Aus Eitelkeit hatte
er seine Eroberung zu der Quadrille geführt, zu der sich die
glänzendsten Damen des Salons aufgestellt hatten, während sie eine
besondere Wichtigkeit darauf legten, schöner zu tanzen, als die
Tänzerinnen aller anderen Quadrillen.
Während das Orchester das Vorspiel der ersten Figur beendete, empfand
der Baron eine unglaubliche Befriedigung des Stolzes, als er bemerkte,
daß Frau von Soulanges die schönste Tänzerin unter allen sei, die sich
auf den Linien dieses glänzenden Vierecks aufgestellt hatten. Ihre
Toilette überstrahlte selbst die der Frau von Vaudremont, die sich
infolge eines vielleicht absichtlich gesuchten Zufalles mit dem
Obersten dem Baron und der blauen Dame gegenüber gestellt hatte. Die
Blicke aller Männer hafteten für einen Augenblick auf Frau von
Soulanges, und ein schmeichelhaftes Gemurmel deutete darauf, daß alle
Tänzer mit ihren Damen gegenwärtig von ihr sprachen. Blicke des Neides
und der Bewunderung wurden mit einer solchen Lebhaftigkeit gegen die
junge Dame abgeschossen, daß diese gleichsam beschämt wurde durch einen
Triumph, dem sie sich gern entzogen hätte, bescheiden ihre Augen
senkte, errötete und dadurch noch reizender wurde. Wenn sie ihre weißen
Augenlieder aufschlug, so geschah es nur, um ihren Tänzer anzublicken,
als hätte sie den Ruhm dieser Huldigungen auf ihn zurückzuführen und
ihm sagen wollen, daß sie die seinigen allen anderen vorzöge. Sie legte
Unschuld in ihre Koketterie oder schien sich vielmehr einem neuen
Gefühl, einer kindlichen Bewunderung mit jener Aufrichtigkeit zu
überlassen, die man nur in jugendlichen Herzen antrifft. Wenn sie
tanzte, so konnten die Zuschauer leicht glauben, daß die
Verschlingungen der launenhaften Pas, die sie auf eine reizende Weise
ausführte, nur für Martial vollbracht wären, denn die luftige Sylphide
wußte gleich der verständigen Kokette ihre Augen zu rechter Zeit gegen
ihn zu erheben oder auch mit verstellter Bescheidenheit wieder zu
senken.
Als eine Bewegung des Tanzes Martial dem Obersten entgegenführte, sagte
er lachend zu ihm: "Ich habe Dein Pferd gewinnen...."
"Ja, aber Du hast achtzigtausend Livres Rente verloren," entgegnete ihm
der Oberst und zeigte auf die strengen Blicke der Frau von Vaudremont.
"Was kümmert mich das," antwortete Martial mit leichtem Trotz. "Frau
von Soulanges ist Millionen wert!"
Nach Schluß des Contretanzes wurde mehr als eine Bemerkung von den
Zuschauern und Mittänzern den Nachbarn und Bekannten ins Ohr
geflüstert. Die weniger hübschen Damen sprachen mit ihren Tänzern über
die Moral und spielten dabei auf die keimende Zuneigung des Barons und
der Gräfin von Soulanges an. Selbst die Schönsten wunderten sich über
den Leichtsinn, mit dem dies Bündnis abgeschlossen war. Die Männer
begriffen umsoweniger das Glück des kleinen Requętenmeisters, da er gar
nichts Verführerisches an sich zu haben schien. Einige nachsichtigere
Damen sagten, daß man nicht so voreilig urteilen dürfe, und die Jugend
sei sehr zu beklagen, wenn ein ausdrucksvoller Blick und ein anmutiger
Tanz hinreichten, um so ernste Anklagen darauf zu stützen.
Nur Martial kannte den Umfang seines Glückes. In der letzten Figur
hatten die Damen der Quadrille die Windmühle zu bilden. Seine Finger
drückten die der Gräfin, und er glaubte durch die feinen parfümierten
Handschuhe hindurch zu fühlen, daß die Finger des jungen Weibes seinem
verliebten Druck antworteten.
"Meine Dame," sagte er in dem Augenblicke zu ihr, als der Contretanz
endete, "kehren Sie nicht in jene abscheuliche Ecke zurück, in der Sie
bis jetzt Ihre Schönheit und Ihren Schmuck verborgen haben. Die
Bewunderung ist der einzige Zoll den Sie durch Ihre Diamanten erreichen
können, die Ihren weißen Hals und Ihre so schön geflochtenen Haare
schmücken. Machen Sie mit mir eine kleine Runde durch die Salons und
genießen Sie einen Anblick des ganzen Festes."
Frau von Soulanges folgte dem geschickten Verführer, der dachte, daß
sie ihm umso sicherer angehören würde, wenn es ihm gelänge, sie vor der
Welt bloßzustellen. Sie machten nun eine angenehme Wanderung zwischen
den Gruppen hindurch, die die prachtvollen Salons des Hotels erfüllten.
Die Gräfin von Soulanges blieb furchtsam einen Augenblick an der Tür
eines jeden Salons stehen und trat nicht eher ein, bis sie einen
durchdringenden Blick nach allen Männern geworfen hatte. Diese
Besorgnis erfüllte den Requętenmeister mit noch größerer Freude, denn
er sah, daß sie sich nicht eher beruhigte, bis er gesagt hatte:
"Ermutigen Sie sich, er ist nicht da."
So gelangten sie bis in eine Gemäldegalerie von ungemeinem Umfange, die
in einem Flügel des Hotels lag, und wo man sich zum Voraus des
großartigsten Anblicks eines Imbißes erfreute, der für dreihundert
Personen aufgetragen war. Der Requętenmeister erriet, daß das Mahl bald
beginnen werde, und zog daher die Gräfin mit sich nach einem Boudoir,
das er ausfindig gemacht hatte. Es war ein länglich-rundes Zimmer, das
nach dem Garten ging. Die seltensten Blumen und Sträucher bildeten
gewissermaßen ein Dickicht, durch dessen Blätter hindurch das Auge die
glänzenden Tapeten erblickte. Das Geräusch des Festes erstarb hier wie
das Geräusch der Welt in der Nähe eines heiligen Asyls. Die Gräfin
zitterte beim Eintreten und weigerte sich hartnäckig, dem jungen Manne
zu folgen; nachdem sie aber einen Blick in einen Spiegel geworfen und
in demselben ohne Zweifel Verteidiger erblickt hatte, ließ sie sich
anmutig auf eine wollüstige Ottomane nieder.
"Was für ein köstliches Gemach," sagte sie und bewunderte eine
himmelblaue Tapete, die durch Perlen gehoben wurde.
"Hier atmet alles Liebe und Wollust ..." sagte Martial. Dann
betrachtete er bei dem geheimnisvollen Halbdunkel, das in dieser süßen
Einsamkeit herrschte, die Gräfin, und bemerkte in ihren stark erregten
Zügen einen Ausdruck der Verwirrung, der Scham und der Sehnsucht, durch
den er bezaubert wurde. Sie lächelte, und dieses Lächeln schien dem
Kampfe aller Gefühle, die in ihrem Herzen miteinander rangen, ein Ende
zu machen; der Baron war entzückt. Auf die verführerischste Weise der
Welt ergriff sie die linke Hand ihres Anbeters und zog den Ring von
seinem Finger, auf den sie bereits so feurige Blicke der Sehnsucht
geworfen hatte.
"Das ist ein recht schöner Diamant!..." sagte sie sanft und mit dem
unschuldigen Ausdruck eines jungen Mädchens, das die ganze Macht seiner
ersten Lockung fühlen läßt. Martial war durch die unwillkürliche, aber
berauschende Berührung, die ihm von den Fingern der Gräfin beim
Abziehen des Ringes zuteil geworden war, erregt und betrachtete ihn mit
Blicken, die ebensosehr funkelten wie der Ring.
"Behalten Sie ihn als Erinnerung an diese himmlische Stunde und aus
Liebe für..."
Er vermochte seine Worte nicht auszusprechen, denn der Ausdruck der
Begeisterung, der in ihren Zügen lag, erregte ihn zu lebhaft. Er küßte
ihre Hand.
"Sie schenken ihn mir?..." fragte sie mit erstaunten Blicken.
"Ich möchte Ihnen die ganze Welt darbringen können...."
"Scherzen Sie nicht vielleicht?..." fragte sie dann abermals, und man
erkannte in dem Ausdruck dieser Worte ihre lebhafte Freude.
"Nehmen Sie meinen Diamanten nur an!"
"Und Sie werden ihn nie von mir wieder verlangen?" fragte die Gräfin.
"Nie!"
Sie steckte den Ring an ihren Finger. Martial glaubte, daß nun nichts
mehr an seinem Glück fehle und machte eine kühne Bewegung; allein die
Gräfin erhob sich plötzlich und sagte mit einer hellen Stimme, die
durchaus keine Erregung verriet: "Mein Herr, ich nehme diesen Diamanten
mit umsoweniger Bedenken an, da er mir gehört."
Der Requętenmeister wußte nicht, was er sagen sollte, und blieb
unbeweglich, mit weitgeöffnetem Munde sitzen.
"Herr von Soulanges hat ihn vor sechs Monaten aus meinem Schmuckkasten
genommen und dann vorgegeben, daß er ihn verloren habe."
"Sie irren sich, meine Dame," sagte Martial in gereiztem Tone; "denn
ich habe den Ring von Frau von Vaudremont."
"Ganz recht!" erwiderte sie lächelnd, "mein Mann hat den Ring entführt,
hat ihn ihr gegeben, und sie hat ihn wieder verschenkt. Gewiß, mein
Herr, ich würde nie gewagt haben, ihn um denselben Preis
wiederzuerwerben, um den ihn die Gräfin erworben hat, wenn er nicht mir
gehörte.... Aber, sehen Sie hier," fuhr sie dann fort und ließ eine
kleine Feder aufspringen, die unter dem Steine verborgen war, "hier
befinden sich noch die Haare des Herrn von Soulanges."
Sie brach in ein lautes und spöttisches Gelächter aus und eilte dann
mit einer solchen Schnelligkeit in den Garten, daß jeder Versuch, sie
wieder einzuholen, überflüssig erscheinen mußte. Überdies war Martial
so niedergeschlagen, daß er keine Lust hatte, das Abenteuer
fortzusetzen. In der Tat hatte das Lachen der Frau von Soulanges ein
Echo in dem Boudoir gefunden, und der junge Geck bemerkte zwischen zwei
Orangenbäumen den Obersten und Frau von Vaudremont, die ebenfalls
herzlich lachten.
"Willst Du mein Pferd haben, um dieser boshaften Person nachzusetzen?"
fragte der Oberst.
Der Baron stimmte in dies Lachen ein, denn es war offenbar das Klügste,
was er tun konnte. Er erkaufte das vollkommene Schweigen der beiden
Zeugen dieses Auftritts durch die Demut, mit der er die Scherze der
künftigen Gattin des Obersten und des Obersten selbst ertrug, nachdem
dieser an dem heutigen Abend sein Kampfroß gegen eine junge, reiche und
hübsche Frau eingetauscht hatte.
* * * * *
Die Gräfin von Soulanges erreichte es mit einiger Mühe, daß ihr Wagen
vorfuhr, und kehrte nun, gegen zwei Uhr morgens, nach Hause zurück.
Während sie von der Chaussée d'Antin nach der Vorstadt Saint-Germain
fuhr, in der sie wohnte, wurde sie von einer lebhaften Unruhe
ergriffen.
Bevor sie das Hotel de Gondreville verließ, hatte sie nochmals die
Salons durchsucht, ohne ihre Tante oder ihren Mann anzutreffen, deren
Abfahrt ihr unbekannt geblieben war. Schreckliche Ahnungen quälten ihr
edles Herz. Sie hatte die Leiden erkannt, die ihr Mann seit dem Tage
fühlte, an dem ihn Frau von Voudremont an ihren Triumphwagen spannte,
und hoffte vertrauensvoll, daß ihr die Reue bald ihren Mann wieder
zuführen würde. Mit einem unglaublichen Widerstreben hatte sie daher in
den Plan eingewilligt, den ihre Tante, Frau von Marigny, entworfen, und
befürchtete jetzt, einen Fehler begangen zu haben.
Der Besuch des Balles hatte ihr aufrichtiges Herz betrübt. Erst war sie
durch das leidende und finstere Aussehen des Grafen von Soulanges
erschreckt worden, dann aber noch mehr durch die Schönheit ihrer
Nebenbuhlerin. Zuletzt hatte noch die Verderbnis der Welt ihr Herz
beengt. Während sie über den Pont-Royal fuhr, warf sie die entweihten
Haare, die unter dem Diamant lagen und ihr ehedem als ein Unterpfand
reiner Liebe waren dargebracht worden, weg. Sie weinte, indem sie sich
der lebhaften Leiden entsann, deren Beute sie seit langer Zeit gewesen,
und mehr als einmal seufzte sie, wenn sie daran dachte, daß Frauen, die
den ehelichen Frieden erlangen wollen, ohne Klagen im Innersten ihres
Herzens Qualen verschließen mußten, die so grausam waren wie die
ihrigen.
"Ach!" dachte sie, "wie mögen es die Frauen haben, die nicht lieben?
Worin beruht die Quelle ihrer Gleichgültigkeit? Ich möchte meiner Tante
nicht glauben, daß die Vernunft hinreicht, um sie bei einer solchen
Ergebenheit zu erhalten." Sie seufzte nochmals, als ihr Jäger den
eleganten Tritt niederschlug, von dem sie unter das Vordach ihres
Hotels sprang. Hastig eilte sie die Treppe hinauf und trat in ihr
Zimmer, zuckte aber vor Schrecken zusammen, als sie ihren Mann auf
einem Stuhl neben dem Kamin sitzen sah. Er zeigte ihr ein erzürntes
Antlitz. "Seit wann besuchen Sie die Bälle ohne mich, meine Liebe?...
Ohne mich davon zu benachrichtigen?..." fragte er mit erregter Stimme.
"Wissen Sie, daß eine Frau nie den gebührenden Platz findet, wenn sie
ohne ihren Mann irgendwo erscheint?... Sie wurden außerordentlich
zurückgesetzt, indem man Sie in jenen dunklen Winkel drängte!..."
"O mein guter Leon," sagte sie in einem schmeichelnden Ton. "Ich
vermochte dem Glück nicht zu widerstehen, Dich zu sehen, ohne daß Du
mich sähest. Meine Tante hat mich auf den Ball geführt und ich war dort
sehr glücklich!"
Diese Worte verbannten plötzlich aus den Blicken des Grafen die
erzwungene Strenge. Es war leicht zu erraten, daß er sich selbst die
lebhaftesten Vorwürfe mache, daß er die Rückkehr seiner Frau gefürchtet
habe und überzeugt sei, sie habe auf dem Balle sich von einer Untreue
überzeugt, die er ihr hoffte verbergen zu können. Er folgte daher dem
Gebrauch solcher Liebenden, die ihre Schuld erkennen, und versuchte den
gerechten Zorn der Gräfin zu vermeiden, indem er sich erzürnt gegen sie
stellte. Überrascht blickte er nun schweigend seine Gattin an. Sie
schien ihm schöner als je, in dem glänzenden Schmuck, der in diesem
Augenblick ihre Reize hob.
Was dagegen die Gräfin betraf, so freute sie sich, ihren Mann lächeln
zu sehen und ihn zu dieser nächtlichen Stunde in einem Zimmer zu
finden, das er seit einiger Zeit weniger häufig besucht hatte. Sie
errötete und richtete verstohlene Blicke auf ihn, in denen aber ein
Reichtum der Liebe und Hoffnung lag. Soulanges wurde umso trunkener
durch sein Glück und seine Liebe, da dieser Auftritt auf die Qualen
folgte, die er während des Balles erlitten hatte, und ergriff die Hand
seiner Frau, um sie dankbar zu küssen.
"Hortense, was trägst Du denn an Deinem Finger, das mich so hart an die
Lippen drückt?" fragte er lachend.
"Es ist mein Diamant, den Du verloren zu haben glaubtest. Ich habe ihn
heute Abend in einem Schubfach meiner Toilette wiedergefunden."
Der Graf bewunderte eine so große Nachsicht, und am folgenden Morgen
konnte Frau von Soulanges unter den wiedergefundenen Diamanten neue
Haare legen, die nicht wieder weggeworfen wurden, wie die früheren.
DER ARM
In einer Gesellschaft erzählte einer der Anwesenden folgende
Geschichte:
Einige Zeit nach seinem Einzug in Madrid lud der Großherzog von Berg
die vornehmsten Familien dieser Stadt zu einem Balle ein, den die
französische Armee der neuerworbenen Hauptstadt gab. Ungeachtet des
Galaglanzes waren die Spanier sehr ernst, ihre Frauen tanzten wenig,
und der größte Teil der Geladenen setzte sich an die Spieltische. Die
Gärten des Palastes waren glänzend genug erleuchtet, daß sich die Damen
mit derselben Sicherheit in ihnen ergehen konnten, als wäre es heller
Tag gewesen. Das Fest war kaiserlich schön. Nichts wurde aber auch
gespart, um den Spaniern einen hohen Begriff von dem Kaiser zu geben,
wenn es ihnen beliebte, von seinen Offizieren auf ihn zu urteilen. In
einem Boskett nahe dem Palaste unterhielten sich zwischen ein und zwei
Uhr morgens mehrere französische Krieger von den Wechselfällen des
Krieges und von der Zukunft, die wenig erbaulich sein konnte, wenn man
aus der Haltung der bei diesem Feste anwesenden Spanier einen Schluß
ziehen durfte.
"Meiner Treu," sagte der Ober-Chirurg des Armeekorps, bei dem ich
Generalzahlmeister war, "gestern habe ich den Fürsten Murat förmlich um
meine Zurückberufung gebeten. Ohne gerade zu fürchten, daß ich meine
Gebeine auf der Halbinsel zurücklassen müsse, ziehe ich es doch vor,
die Wunden zu verbinden, die unsere guten deutschen Nachbarn geschlagen
haben; ihre Säbel dringen nicht so tief in den Leib, wie die
kastilianischen Dolche. Dazu kommt noch, daß die Furcht vor Spanien bei
mir gleichsam zu einem Aberglauben geworden ist. Seit meiner Kindheit
habe ich spanische Bücher gelesen, einen Haufen düsterer
Nachtgeschichten und tausend Erzählungen von diesem Lande, die mich
lebhaft gegen seine Sitten eingenommen haben. Und was meint Ihr wohl!
Schon in der kurzen Zeit unseres Hierseins bin ich, wenn nicht der
Held, doch wenigstens der Mitschuldige einer gefährlichen Intrige
geworden, die so schwarz und finster ist, wie nur ein Roman der Lady
Redcliffe sein kann. Ich folge gern meinen Vorgefühlen, und schon
morgen mache ich mich aus dem Staube. Murat wird mir gewiß meinen
Abschied nicht verweigern, denn Dank den Diensten, die wir leisten,
haben wir immer wirksame Fürsprecher."
"Da Du Dich sobald davon machst, erzähle uns doch Dein Abenteuer,"
forderte ihn ein Obrist auf, ein alter Republikaner, der sich um die
schöne Sprache und Höflichkeiten der Kaiserzeit wenig kümmerte.
Der Chirurg blickte sorgfältig um sich, als wolle er jeden prüfen, der
in seiner Nähe stände, und erst, als er sicher war, kein Spanier sei in
seiner Nachbarschaft, begann er: "Gern, Obrist Hulot, denn wir sind
hier nur Franzosen. Es sind nun sechs Tage her, daß ich gegen elf Uhr
abends vom General Montcornet kam und mich nach meiner Wohnung
zurückbegab, die nur wenige Schritte von der Wohnung des Generals
entfernt ist. Da warfen sich plötzlich an der Ecke einer kleinen Straße
zwei Unbekannte oder vielmehr zwei Teufel über mich her und hüllten mir
Kopf und Arme mit einem großen Mantel ein. Ihr könnt es mir glauben,
daß ich schrie wie ein getretener Hund; aber das Tuch erstickte meine
Stimme, und ich wurde mit einer außerordentlichen Gewandtheit in einen
Wagen gehoben. Als mich meine Gefährten von dem Mantel wieder
befreiten, richtete eine weibliche Stimme folgende Worte in schlechtem
Französisch an mich:
'Wenn Ihr um Hilfe ruft oder Miene macht, zu entfliehen, wenn Ihr Euch
nur die geringste zweideutige Bewegung erlaubt, so ist der Herr, der
Euch gegenübersitzt, imstande, Euch ohne Bedenken niederzustoßen.
Haltet Euch also ruhig. Die Ursache Eurer Entführung sollt Ihr jetzt
erfahren. Wollt Ihr Euch die Mühe geben, Eure Hände gegen mich
auszustrekken, so werdet Ihr finden, daß Eure chirurgischen Instrumente
zwischen uns beiden liegen, denn wir haben sie aus Eurer Wohnung holen
lassen; sie werden Euch notwendig sein, denn wir führen Euch in ein
Haus, wo Ihr die Ehre einer Dame retten sollt, die eben im Begriff ist,
ein Kind zu gebären, das sie, ohne daß ihr Gemahl es weiß, diesem Euch
gegenübersitzenden Edelmanne schenkt. Obgleich mein Herr seine Frau
selten verläßt, da er noch immer leidenschaftlich in sie verliebt ist
und sie mit der Aufmerksamkeit spanischer Eifersucht bewacht, so hat
sie ihm dennoch ihre Schwangerschaft zu verbergen gewußt, und er hält
sie für krank. Ihr sollt sie jetzt entbinden. Die Gefahren des
Unternehmens gehen Euch nichts an, nur habt Ihr uns zu gehorchen, sonst
würde der Geliebte, der, wie schon bemerkt, Euch gegenüber im Wagen
sitzt und kein Wort Französisch versteht, Euch bei der geringsten
Unbedachtsamkeit erdolchen.'
'Und wer seid Ihr?' fragte ich, und suchte die Hand der Sprecherin,
deren Arm in den Ärmel eines Mantels gehüllt war.
'Ich bin die Kammerfrau meiner Herrin, ihre Vertraute, und bereit, Euch
durch mich selbst zu belohnen, wenn Ihr uns in unserer mißlichen Lage
unterstützen wollt.'
'Gern,' antwortete ich, als ich mich mit Gewalt in ein gefährliches
Abenteuer hineingezogen sah. Unter dem Schutze der Dunkelheit
überzeugte ich mich, ob Gesicht und Umrisse dieses Mädchens im
Einklange ständen mit der Vorstellung, die ihre Stimme bei mir gebildet
hatte. Dieses gute Geschöpf hatte sich ohne Zweifel gleich im voraus
allen Zufälligkeiten dieser sonderbaren Entführung geopfert, denn sie
beobachtete das gefälligste Schweigen, und der Wagen war kaum zehn
Minuten durch die Straßen von Madrid gerollt, als sie schon einen Kuß
von mir erhielt und mir denselben freundlich wiedergab. Der Liebhaber,
der mir gegenüber saß, schien sich nichts daraus zu machen, daß ich ihn
gegen meinen Willen mit einigen Fußtritten bedachte. Ich glaube, er
beachtete sie nicht, weil er kein Französisch verstand.
'Nur unter einer Bedingung kann ich Eure Geliebte sein,' antwortete mir
die Kammerfrau auf die Dummheiten, mit denen ich sie in der Hitze
meiner improvisierten und auf Hindernisse aller Art stoßenden
Leidenschaft unterhielt.
'Und welches ist die Bedingung?'
'Ihr dürft nie zu erfahren suchen, wem ich angehöre. Wenn ich zu Euch
komme, so wird das Nachts geschehen, und Ihr werdet mich ohne Licht
empfangen.'
'Gut,' erwiderte ich.
Unsere Unterhaltung war bis zu diesem Punkt gediehen, als der Wagen an
der Mauer eines Gartens hielt.
'Jetzt werde ich Euch die Augen verbinden,' sagte die Kammerfrau zu
mir, 'und dann stützt Euch auf meinen Arm, damit ich Euch führen kann.'
Sie schlang ein Taschentuch um meine Augen und band es fest an meinem
Hinterhaupte zu. Ich hörte das Geräusch eines Schlüssels, der mit
Vorsicht von dem schweigenden Geliebten, der mir gegenüber gesessen
hatte, in das Schloß einer kleinen Pforte gesteckt wurde. Gleich darauf
führte mich die Kammerfrau mit gebeugtem Körper durch die sandigen
Gänge eines großen Gartens, bis zu einem gewissen Platz, wo sie stehen
blieb. An dem Widerhall unserer Schritte bemerkte ich, daß wir vor
einem Hause standen.
'Jetzt still,' sagte sie mir ins Ohr, 'und wacht wohl über Euch selbst.
Laßt kein einziges meiner Zeichen Euch entgehen; ich kann ohne Gefahr
für uns beide nicht mehr zu Euch sprechen, und es handelt sich in
diesem Augenblicke darum, Euer eigenes Leben zu retten.' Dann fuhr sie
mit lauter Stimme fort: 'Meine Frau ist in einem Zimmer im Erdgeschoß;
um in dieses zu gelangen, müssen wir durch das Zimmer ihres Gatten und
an seinem Bette vorüber; hustet nicht, geht leise und folgt genau
meinen Schritten, damit Ihr nirgends anstoßt, noch mit dem Fuße von dem
Teppich tretet, den ich auf den Boden gelegt habe.' Der Liebhaber
murrte, wie ein Mann, der unwillig über zu langes Zögern ist. Die
Kammerfrau schwieg, ich hörte eine Tür öffnen und fühlte die warme Luft
eines Zimmers; wir schlichen mit Wolfsschritten, wie Diebe bei einem
Einbruch. Endlich nahm mir die sanfte Hand des Mädchens meine Binde ab.
Ich befand mich in einem großen und hohen Zimmer, das von einer
dampfenden Lampe schlecht erleuchtet wurde. Das Fenster war offen, aber
durch den eifersüchtigen Edelmann mit starken Eisenstäben versehen. Ich
stak in diesem Zimmer wie in einem Sacke. Auf der Erde, auf einer
Decke, lag eine Frau, deren Haupt mit einem Schleier von Musselin
bedeckt war; aber durch diesen Schleier leuchteten mit dem Glanze
zweier Sterne ihre tränenvollen Augen, vor den Mund drückte sie mit
Kraft ein Taschentuch und biß so fest darauf, daß ihre Zähne
hineindrangen; nie hatte ich einen so schönen Körper gesehen, aber
dieser Körper krümmte sich unter den Schmerzen, wie eine ins Feuer
geworfene Harfensaite. Die Unglückliche hatte zwei Bogen aus ihren
Beinen gemacht und stützte sich gegen eine Art Kommode, mit ihren
Händen hielt sie sich an zwei Stuhlbeinen, und alle Adern ihrer Arme
waren schrecklich angeschwollen. So glich sie einem Verbrecher, der auf
einer Folterbank gemartert wird. Übrigens ließ sie keinen Schrei hören,
und das dumpfe Krachen ihrer Knochen war das einzige Geräusch, das die
Stille unterbrach. Wir drei standen stumm und unbeweglich. Das
Schnarchen des Ehemannes verhallte in tröstender Regelmäßigkeit. Ich
wollte die Kammerfrau anblicken, aber sie hatte die Maske wieder
vorgelegt, die sie ohne Zweifel auf dem Wege abgenommen gehabt hatte,
und sah weiter nichts als zwei schwarze Augen und liebliche Umrisse.
Der Liebhaber warf sogleich Tücher über die Beine seiner Geliebten und
legte den Schleier, der ihre Züge verhüllte, doppelt zusammen. Als ich
die Frau sorgfältig beobachtet hatte, erkannte ich an gewissen Zeichen,
die ich erst unlängst bei einem der traurigsten Ereignisse meines
Lebens bemerkt hatte, daß das Kind tot war. Ich neigte mich gegen die
Kammerfrau, um ihr meine Bemerkung mitzuteilen. In diesem Augenblick
zog der mißtrauische Unbekannte seinen Dolch, allein ich hatte noch
Zeit, der Kammerfrau alles zu sagen, die ihm darauf zwei Worte mit
leiser Stimme zuflüsterte. Als der Liebhaber die Ursache meines
Zauderns erkannt hatte, durchfuhr ihn ein leichter Schauder von den
Füßen bis zum Kopfe, und ich glaubte durch die Maske von schwarzem
Sammt hindurch zu erkennen, wie sein Antlitz bleich wurde. Die
Kammerfrau benutzte einen Augenblick, wo der verzweifelte Mann die
schon blau werdende Sterbende betrachtete, um mich mit einem warnenden
Zeichen auf mehrere Gläser Limonade aufmerksam zu machen, die fertig
zubereitet auf einem Tische standen. Ich begriff, daß ich, ungeachtet
der schrecklichen Hitze, die meine Kehle austrocknete, nicht trinken
dürfte. Der Liebhaber hatte Durst; er nahm ein leeres Glas, füllte es
mit Limonade und trank. In diesem Augenblick bekam die Dame
schreckliche Krämpfe, die mir den günstigen Augenblick zur Operation
andeuteten; ich ergriff meine Lanzette und ließ sie schnell und mit
Geschick am rechten Arm zur Ader. Die Kammerfrau fing das reichlich
hervorspringende Blut mit Tüchern auf, und die Unbekannte fiel dann in
eine willkommene Ohnmacht. Ich waffnete mich mit Mut und konnte,
nachdem ich eine Stunde gearbeitet hatte, das Kind in Stücken
herausziehen. Als der Spanier begriff, daß ich seine Geliebte gerettet
hatte, dachte er nicht mehr daran, mich zu vergiften. Dicke Tränen
fielen in Zwischenräumen auf seinen Mantel. Die Frau stieß nicht einen
Laut aus, aber sie zitterte wie ein wildes Tier, das in einer Schlinge
gefangen ist, und der Schweiß rann in starken Tropfen von ihr. In einem
furchtbar kritischen Augenblicke machte sie ein Zeichen, um uns auf das
Zimmer ihres Gatten aufmerksam zu machen. Dieser hatte sich eben in
seinem Bette gewälzt. Von uns vieren hatte sie allein das Geräusch der
Decke oder des Vorhangs gehört. Wir lauschten, und durch die Oeffnungen
ihrer Masken hindurch warfen sich die Kammerfrau und der Liebhaber
Flammenblicke zu, die zu fragen schienen: 'Sollen wir ihn töten?' Dann
streckte ich meine Hand aus, als wollte ich ein Glas der Limonade
nehmen, die der Unbekannte vergiftet hatte. Der Spanier glaubte, daß
ich eins der vollen Gläser trinken wollte; leicht wie eine Katze sprang
er hinzu, legte seinen langen Dolch über die beiden vergifteten Gläser
und ließ mir das seinige, indem er mir andeutete, den Rest aus
demselben zu trinken. In diesem Zeichen und in seiner lebhaften
Bewegung lagen so viele Gedanken, so viel Gefühl, daß ich ihm verzieh,
wenn er auf meinen Tod gesonnen hat, um so jede Erinnerung an dieses
Ereignis zu begraben. Als ich getrunken hatte, drückte er mir die Hand
und hüllte selbst die Trümmer seines Kindes sorgfältig ein. Nach zwei
Stunden voll Sorge und Furcht brachten wir, die Kammerfrau und ich, die
Unbekannte wieder in ihr Bett. Der Liebhaber hatte bei einer so
abenteuerlichen Unternehmung alle Hilfsmittel zu einer Flucht bedacht
und seine Diamanten daher auf ein Papier gelegt; jetzt steckte er sie,
ohne daß ich es wußte, in meine Tasche. Nebenbei muß ich bemerken, daß
ich das wertvolle Geschenk des Spaniers garnicht kannte und mein
Bedienter am folgenden Tage den Schatz raubte, um mit diesem großen
Vermögen zu entfliehen. Ich sprach mit der Kammerfrau noch über die
Vorsichtsmaßregeln, die sie zu treffen hätte, und wollte gehen. Die
Kammerfrau blieb bei ihrer Herrin, allerdings ein Umstand, der mich
nicht sehr ermutigte; ich beschloß indes auf meiner Hut zu sein. Der
Liebhaber packte das tote Kind und die Wäsche, mit der die Kammerfrau
das Blut ihrer Herrin aufgefangen hatte, in ein Bündel zusammen. Er
band es fest zusammen, nahm es unter seinen Mantel, fuhr mit der Hand
über meine Augen, als wollte er mir sagen, daß ich sie schließen
sollte, und ging dann voraus, mich durch ein Zeichen auffordernd, den
Zipfel seines Rockes zu ergreifen; ich gehorchte ihm, warf aber noch
einen letzten Blick auf meine so zufällig erlangte Geliebte. Die
Kammerfrau riß ihre Maske ab, als sie den Spanier draußen sah, und
zeigte mir das lieblichste Gesicht von der Welt. Als ich mich wieder im
Garten befand und die freie Luft einatmete, da, ich gestehe es, war
mir, als fiele ein ungeheures Gewicht von meiner Brust. Ich ging in
achtungsvoller Entfernung hinter meinem Führer her und beobachtete die
geringste seiner Bewegungen mit der größten Aufmerksamkeit. Als wir an
der kleinen Pforte wieder angekommen waren, faßte er meine Hand und
drückte mir das Petschaft eines Ringes, den ich an einem Finger seiner
linken Hand gesehen hatte, auf den Mund, ich aber gab ihm zu verstehen,
daß ich dieses beredte Zeichen begriffe. Auf der Straße warteten unsere
zwei Pferde; jeder von uns bestieg eins; mein Spanier bemächtigte sich
meines Zügels, und nahm den seinigen zwischen die Zähne, denn in seiner
Rechten hatte er das blutige Paket. Mit der Schnelligkeit des Blitzes
ritten wir davon. Es war mir unmöglich, auch nur den geringsten
Gegenstand zu merken, an dem ich später den Weg wieder hätte erkennen
können, den wir gekommen waren. Mit Tagesanbruch befand ich mich vor
meiner Tür und der Spanier entfloh nach dem Tore von Atocha hin."
"Und Du konntest gar nichts entdecken, woran man später jene Frau hätte
wiedererkennen können?" fragte der Obrist den Chirurgen.
"Nur ein einziges Mal," antwortete dieser.
"Als ich die Unbekannte zur Ader ließ, bemerkte ich an ihrem Arm, ein
wenig über der Mitte desselben, ein kleines Mal, etwa wie eine Linse
groß und von braunen Haaren umgeben."
In diesem Augenblicke erbleichte der Chirurg, der die gelobte
Verschwiegenheit verletzt hatte; aller Augen hefteten sich auf die
seinigen und folgten dann der Richtung seines Blickes. Die Franzosen
sahen einen Spanier, der in einen Mantel gehüllt war, und dessen Augen
durch ein Gebüsch von Orangen blitzten. Kaum hatten indes die Offiziere
ihre Blicke auf diesen Mann gerichtet, als er mit der Leichtigkeit
einer Sylphe entfloh. Ein Hauptmann verfolgte ihn schnell. "Teufel,
meine Freunde!" rief der Chirurg aus, "dieses Basiliskenauge hat mich
zu Eis erstarrt. Ist es mir doch, als hörte ich Totenglocken läuten!
Empfangt mein Lebewohl, Ihr werdet mich hier begraben!"
"Bist Du dumm," meinte der Obrist Hulot. "Falcon verfolgt den Spanier
und wird uns schon Rechenschaft zu geben wissen."
"Da kommt er!" riefen die Offiziere aus, als sie den Hauptmann atemlos
zurückkehren sahen.
"Zum Teufel!" versetzte Falcon, "der ist, glaube ich, über die Mauer
gesprungen. Ein Hexenmeister kann er nicht sein, also muß er hier ins
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