Polignac schmückte Ihre Majestät damit, -- eine Märchenprinzeß, der ihre
Mutter, die Sonne, alle Sterne des Himmels um den Nacken legt, hätte sie
nicht überstrahlen können. Nur die Freude, die ihre Augen erhellte,
schuf noch glänzendere Edelsteine.
Sie ging damit zum König. Eine Viertelstunde verrann nach der anderen;
auf dem Gesicht des Juweliers wechselte schon die Röte der Aufregung mit
der Blässe der Angst; da hörten wir die bekannten Vorboten königlichen
Zorns: rasche Schritte -- Türenschlagen. Ihre Majestät erschien, -- mit
roten Augen und bebenden Lippen, das Halsband in zusammengeballter Hand.
»Da haben Sie Ihren Theaterschmuck,« sagte sie und warf ihn auf die
Marmorplatte des Tisches, daß er klirrte. »Die Steine sind falsch.«
»Majestät,« stotterte der Mann entsetzt. Sie wies statt aller Antwort
nach der Türe.
Der Herzog von Breteuil, den ich nachher sprach, vertraute mir an, daß
nur der ungeheure Preis des Halsbands, -- man forderte nicht weniger als
anderthalb Millionen --, den König gezwungen habe, den Ankauf zu
verweigern. Ehe ich heute abend entlassen wurde, erzählte ich der
Königin von der Goldmacherkunst Cagliostros; sie hörte, sichtlich
erheitert, zu und verwies der Gräfin Polignac ihre spöttischen
Einwendungen.
»Und der Kardinal Rohan, sagen Sie, ist im Besitz des Geheimnisses?«
frug sie interessiert; ich verbeugte mich stumm, sie versank in
Nachdenken. Meine Anwesenheit schien sie zu vergessen, und schließlich
entließ sie mich mit einer zerstreuten Handbewegung.
Heute früh war sie wieder in strahlender Laune, wollte aber trotzdem von
Ihrem Rücktritt nichts wissen. Der Graf von Artois schlug die alte
Herzogin ven Montpensier zum Ersatz für Sie vor; -- fürwahr ein
glänzender Witz. Sie verlor kürzlich ihre letzten Goldstücke im Spiel
und kokettiert seitdem nicht übel mit Monsieur Watelet, dessen Millionen
sie sogar die Herzogskrone opfern würde. Er scheint nicht unempfänglich;
für einen Bourgeois ist eine Herzogin immer dreißig Jahre alt!
Sie werden, wie ich höre, schon in nächster Woche als Gast des Hofes
erwartet. Bis dahin müssen Sie sich entschieden haben!
Wir spielten schon einmal miteinander, schönste Marquise. Erinnern Sie
sich des Spiels? Es war das entzückendste meines Lebens!
Herr von Beaumarchais an Delphine.
-Paris, am 18. Mai 1782.-
Als ein Bettler, teuerste Frau Marquise, erscheine ich vor Ihrer Türe.
Wer, der Sie kennt, könnte anders erscheinen?!
Ich sah Sie gestern im Theater. Der Prinz Montbéliard saß neben ihnen.
Auf der Bühne schwangen antike Helden ihre Riesenschwerter, rollten mit
den Augäpfeln und deklamierten von ihrer Tugend. Ich war nahe daran, das
gequälte Publikum, das trotz der Verschwendung von roten und blauen und
grünen Beleuchtungseffekten nicht an die Echtheit des Griechentums vor
ihm glauben mochte, auf Ihre Loge aufmerksam zu machen: hier waren Mars
und Venus in eigner Person.
Sie lachten, während die Helden des Dramas einander mordeten; Sie
neigten Ihr rosiges Ohr dem Flüstergespräch des Prinzen, während das
Liebespaar auf der Bühne ewigen Abschied nahm -- kurz, Sie waren von der
Dichtung auf das angenehmste angeregt. Ich wollte nicht stören, beeile
mich aber, die Stimmung zu benutzen, die dieser warme Maientag
sicherlich festhalten wird.
Ihre Kaiserliche Hoheit, die Großfürstin, hat auf mein untertäniges
Gesuch, ihr »Figaros Hochzeit« vorlesen zu dürfen, schon von Stuttgart
aus zustimmend antworten lassen. Da ich aber die Erfahrung gemacht habe,
daß die Menschen um so höflicher sind, je höher sie auf der Stufenleiter
des Ranges stehen, -- Höflichkeit ist immer nur eine Maske oder ein
Parfüm, das die gute Gesellschaft allgemein anzuwenden für gut befand,
nachdem sie ihres natürlichen schlechten Geruches gewahr wurde --, so
glaube ich dieser Zustimmung nicht eher sicher zu sein, als bis Tag und
Stunde mir angegeben worden sind. Das wird schwer halten. Um so mehr als
die Gräfin du Nord das Versprechen der Großfürstin von Rußland
vielleicht glaubt nicht erfüllen zu müssen. Das Vergnügungsprogramm der
nächsten Wochen läßt kaum eine Stunde des Tages aus. Ich bedarf einer
Zauberin, um Figaro einschlüpfen zu lassen. Wer anders könnte das sein,
als Sie?! Das Bild Pariser Lebens, das den hohen Gästen vorgeführt
werden soll, wäre wahrhaftig unvollständig, wenn mein Barbier neben
Herrn Laharpe, der Euripides von den Toten erweckte, Madame Bertin, über
deren Roben man die Trägerinnen vergißt, Marmontel, der das Geheimnis
der schönen Verse Racines zu besitzen behauptet, und es so gut wie
keiner zu wahren versteht, den Herren Gluck und Piccini, die dafür
sorgen, daß die großen Geister von Paris etwas zu tun haben, -- fehlen
würde.
Sie wissen, ich habe geschworen, daß Figaro die Bühne erobert. Sie sind
zu gute Christin, teuerste Frau Marquise, als daß Sie einem armen Sünder
nicht helfen würden, seinen Schwur zu halten. Hat erst der Großfürst von
Rußland mir Beifall gespendet, wird der König von Frankreich mich -- aus
Höflichkeit gegen den illustren Gast! -- nicht verdammen können.
Marquis Montjoie an Delphine.
-Paris, den 20. Mai 1782.-
Meine Liebe. Sie sind nach Versailles übergesiedelt, und wenn schon Ihr
Leben eine ständige Flucht vor mir bedeutete, so ist es jetzt fast ganz
unmöglich geworden, Sie allein zu sprechen: In aller Frühe beginnt mit
dem Eintritt des Friseurs die Toilette, es folgen die Morgenspaziergänge
mit der Königin, die Besuche und Diners, die Exkursionen zu Wagen und zu
Pferde, die Nachmittagstees, die Bälle, das Theater, die Soupers --, wo
bliebe bei alledem für den Gatten noch eine Zeit übrig, der, durch die
»väterliche« Stellung, die Sie ihm anzuweisen die Gnade hatten, gewöhnt
worden ist, auch die wenigen Stunden Ihrer nächtlichen Ruhe zu
respektieren?
Ich sehe mich infolgedessen zu brieflichem Verkehr gezwungen, wenn es
sich um Fragen handelt, die weder vor der Dienerschaft, noch zwischen
zwei Tänzen erledigt werden können.
Sie besitzen die Gunst der Königin und haben als Französin in diesen
außerordentlich schweren Zeiten die Verpflichtung, sie nicht nur zu
genießen, sondern guten Zwecken nutzbar zu machen. Es dürfte Ihnen bei
den Neigungen der Königin nicht schwer fallen, einem Manne, wie dem
Grafen Cagliostro, der all ihre unbefriedigten Wünsche zu erfüllen
vermöchte, Zutritt zu verschaffen. Der Dienst, den Sie damit Frankreich
geleistet haben würden, wäre von unschätzbarer Bedeutung. Zwar ist der
Graf Ihnen antipathisch, -- die Furcht vor dem Unerklärbaren hält Sie
von ihm zurück, -- aber seine Fähigkeit, Gold zu schaffen, haben Sie mit
eigenen Augen gesehen. Und nur auf diese Fähigkeit, -- die
unbedeutendste vielleicht, die er besitzt --, käme es an.
In letzter Zeit, wo er in fiebernder Erwartung der Stunde harrt, die ihn
zum Retter Frankreichs machen soll, ist sie in merkwürdigster Weise
erlahmt. Ein anderer könnte an ihm irre werden. Ich aber verstehe, daß
gegenüber dem Schicksal eines ganzen Landes, das Schicksal des Einzelnen
zurücktreten muß. Überdies weiß ich ja, daß mit der Erreichung des
großen Zieles auch meine Interessen gewahrt werden.
Noch eins: Rohan setzt alle Hebel in Bewegung, um Cagliostro durch sich
und sich durch Cagliostro bei der Königin einzuführen. Es bedarf um so
weniger dieses Umwegs, als ich an der Ehrlichkeit der Absichten Rohans
irre geworden bin. Er ersehnt, wie ich fürchte, die Rehabilitierung bei
Hof und den momentan vakanten Posten des Kanzlers mehr um seine
Finanzen, als um die Frankreichs aufzubessern.
Marquis Montjoie an Delphine.
-Paris, den 21. Mai 1782.-
Sie lehnen es ab, meine Liebe?! »Gerade weil die Königin in gefährlicher
Weise zu diesen Dingen neigt, will ich es nicht sein, die sie ins
Unglück stürzt,« schreiben Sie. Verblendete! Sie verspielen vielleicht
Ihre eigene Zukunft! Aber wir sind nicht so schwach, als daß mit Ihrer
Weigerung unsere Hilfsquellen erschöpft wären!
Kardinal Prinz Louis Rohan an Delphine.
-Paris, am 24. Mai 1782.-
Verehrteste Frau Marquise. Noch stehe ich unter dem Eindruck des
Staunens, den unser kurzes Gespräch in der Oper hervorrief. Sie wollen
für einen alten Freund Ihres Hauses, wie ich es zu sein mir schmeicheln
darf, kein gutes Wort bei der Königin einlegen?! Sie wünschen auch nicht
den Schein zu erwecken, als gehörten Sie in die Reihe jener
Intriguantinnen, die Frankreich als ihre melkende Kuh betrachtet haben?!
»Nur auf geraden Wegen werden große Ziele erreicht«, -- ich würde über
diese Sentenz aus Ihrem blühenden Rosenmunde gelächelt haben, wenn nicht
ein Blick auf Ihren illustren Nachbarn, der als Führer amerikanischer
Rebellen gegen die geheiligte Majestät des Königs von England gekämpft
hat, mich über ihren Ursprung und über ihren Sinn belehrt hätte.
Er ist der Freund Ihrer Kindheit, wie ich höre? Wie rührend ist eine
solche Treue, die selbst die -- Freundschaften mit Karl von Pirch, Guy
Chevreuse, Guibert, Beaumarchais überdauert!
Die entzückende Königin von Golconda auf der Bühne vermochte keinen
Blick des Prinzen Montbéliard auf sich zu lenken; Vestries, der Abgott
aller Damen, tanzte für die Marquise Montjoie umsonst!
Besinnen Sie sich noch einmal, schönste Frau; ein Rohan ist ein
gefährlicher Feind, selbst wenn er in Ungnade ist.
Herr von Beaumarchais an Delphine.
-Paris, am 27. Mai 1782.-
Wo gäbe es eine Anrede für Sie, die imstande wäre auszudrücken, was ich
sagen möchte?! Der gestrige Abend war im wechselvollen Feldzug meines
Lebens der Einzug durch bewimpelte Siegespforten!
Die Szenerie war so unvergleichlich wie die Akteure des Stückes, das der
Rahmen meiner Komödie war: Der rote Salon im weichen Licht duftender
Kerzen; vor dem weißen Kamin, dessen knisternde Flammen meine Vorlesung
begleiteten wie eine darauf abgestimmte Melodie, die stolze Gestalt der
Großfürstin im leuchtend-gelben Atlaskleide; auf dem Taburett ihr zu
Füßen der kleine Gemahl mit dem häßlichen Slavengesicht, das man um
seines Geistes willen lieben muß; dicht dahinter, geschmückt wie ein
Pfau, aufgeblasen wie ein Truthahn, Monsieur Laharpe, von dessen immer
gelber sich färbenden Zügen ich den Grad meines Erfolges ablas; neben
ihm, klug wie immer den Schatten suchend, der Ausdruck und Meinung
Geheimnis bleiben läßt, der Baron Grimm, der Freund aller unruhigen
Geister und Korrespondent aller Potentaten. Auf der andern Seite aber
meine reizende Gönnerin, von den durchsichtigen Falten himmelblauen
Seidenmusselines weich umflossen, frische Rosen in den Haaren und ein
Gesichtchen darunter, vor dem alle Blumen der Welt beschämt erbleichen
müssen!
Wissen Sie, daß ich während des ganzen Abends mit Ihrer Schönheit
kämpfte, wie mit dem gefährlichsten aller Rivalen?! Lenkte sie doch die
Aufmerksamkeit von Figaro ab; der Prinz Yousoupoff richtete immer
wieder seine schwarzen runden Augen auf Ihre blendenden Schultern, es
bedurfte der drastischsten Witze um ihn loszureißen. Und der Graf
Kurakin schien die geschwungenen Linien ihrer Füßchen studieren zu
wollen, -- erst Cherubins Liebesseufzer lenkten ihn ab. Trotzdem
besiegte ich Sie nicht ganz, holde Zauberin, -- den Prinzen Montbéliard,
dessen gebräuntes Antlitz nur dann einige Bewegung verriet, wenn seine
Blicke in die Ihren tauchten, gab ich auf!
Heute früh bereits bekam ich den Auftrag, meine Komödie der Kaiserin von
Rußland einzusenden. Und das Frankreich der Encyklopädisten, das sich
rühmt, die höchste Kultur der Welt zu repräsentieren, verbietet ihre
Aufführung! Zu gleicher Zeit erhielt ich die Nachricht, daß Voltaires
Werke freigegeben wurden, -- sie scheinen darnach weniger gefährlich als
Figaros Streiche!
Noch ein paar Jahre Kampf, -- mit Ihnen als Bundesgenossin, schönste
Marquise, noch ein paar Jahre Finanzwirtschaft des Herrn von Calonne, --
und der Barbier besiegt den König!
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
-Versailles, am 7. Juni 1782.-
Teuerste Marquise -- verzeihen Sie die Störung im Morgengrauen. Wir sind
in schrecklicher Aufregung und fürchten einen Skandal von unabsehbarer
Tragweite, wenn wir Sie nicht unbedingt zu den unseren zählen dürfen.
Die Intimen des Herzogs von Choiseul, der Herzog von Brissac und der
Marquis de la Suze haben bereits während der Nacht das Gerücht
verbreitet, die Königin habe während des gestrigen Festes in Trianon dem
Kardinal Rohan in der Fischerhütte ein Stelldichein gegeben. Vor Tau und
Tage haben sie die Nachricht dem König überbracht. Es gab beim Lever
Ihrer Majestät einen Auftritt, wie ich ihn noch nicht erlebte. Die
Lakaien liefen vom Lärm erschrocken, aus allen Winkeln zusammen! Die
Königin leugnet alles. Sie beruft sich auf Sie, die Sie stets in Ihrer
Nähe gewesen seien, auf mich, auf den Grafen Vaudreuil, auf Madame
Campan, auf die Prinzessin Lamballe. Wir dürfen sie nicht im Stiche
lassen, -- wir dürfen nicht!
Man will den Schloßkastellan, der, wie es scheint, den Kardinal heimlich
einließ, auf die Straße werfen. Er droht mit der Veröffentlichung der
ganzen Affäre. Geschieht das, so haben wir bei der Stimmung in Paris
noch heute die Revolution in den Straßen.
Der Überbringer des Billetts ist zuverlässig. Übergeben Sie ihm Ihre
Antwort und teilen Sie mir mit, ob Sie mich in einer Stunde ungefähr
empfangen können.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Versailles, den 7. Juni 1782.-
Geliebteste! So greift der Arm der Kabale bis in unser Geheimnis! Er
reißt uns grausam aus dem süßen Traum dieser Nacht! Um mich hätte die
Welt zusammenstürzen können, ich sah nur Sie, die Sie die Sehnsucht
meines ganzen Lebens gewesen waren, ich hörte nur Ihre Stimme, die mir
sagte, was ich nie zu hören gehofft hatte. Im Rausche höchster Seligkeit
untergehen --, wäre es nicht vielleicht das beneidenswerteste Schicksal
gewesen?!
Ich fühlte Sie plötzlich in meinen Armen erschauern; ich sah Ihre Augen,
aus denen noch eben die Glut der Liebe mir entgegengestrahlt hatte, sich
vor Entsetzen weiten, und ehe ich noch selbst um mich zu sehen
vermochte, flüsterten Sie mit blassen Lippen: »Der Kardinal!« Ein
Feuerrad, das auf dem Rasen hinter dem Laubengang, der uns verdeckte,
Flammengarben nach allen Richtungen schoß, beleuchtete grell die
schwarzvermummte Gestalt, die roten Strümpfe und Absätze darunter. Und
wenige Schritt davor die weiße, schlanke Erscheinung, -- und die stille
Fischerhütte!!
Es war ein Weib und meine Ritterpflicht ist es, dieses zu schützen. Aber
es war die Königin, und meine Bürgerpflicht gebietet mir, sie
preiszugeben. Die absolute Monarchie, an der dies arme Land langsam
verblutet, würde einen Stoß empfangen, von dem sie sich nie mehr
aufzurichten vermöchte!
Wenn ich trotzdem schweige, -- nur schweige, denn ich wäre außerstande,
das Gegenteil von dem zu bezeugen, was ich sah, -- so unterwerfe ich
mich damit dem einen, ungeheuren Gefühl, das wie ein Unwetter alle Dämme
niederreißt, die der Verstand mühsam baute, alle Leuchtürme umwirft, die
die Pflicht aufrichtete, um irrenden Schiffen Wege zu weisen: die Liebe,
Delphine, zu Ihnen!
Sie haben die Königin gerettet, -- durch eine Lüge! Und mich,
geliebteste Frau, bitten Sie um Verzeihung deshalb?! O, daß ich die
weichen Lippen um dieser Lüge willen, die sie aussprachen, küssen
dürfte! Für das Weib ist rührende Tugend, was für den Mann eine
schimpfliche Erniedrigung wäre.
Wäre ich der Beichtvater, zu dem Sie mich machen wollen, ich würde Sie
freilich zu einer Buße verpflichten. Jetzt komme ich nur mit einer Bitte
um unsrer Liebe willen -- unserer, meine Delphine!
Sie ist so rein, -- aber der giftige Atem dieser Gesellschaft droht, sie
zu beschmutzen. Sie ist so tief --, aber die spürende Lüsternheit rings
um uns wird kein Mittel scheuen, sie bis auf den Grund zu erforschen.
Sie ist so heilig --, aber das ekle Gezücht der Hofschranzen wird alles
daran setzen, sie ihren schmutzigen Zwecken dienstbar zu machen. Wir
müssen sie retten --, sie ist vielleicht im Augenblick das beste auf der
Welt.
Drüben, in der Nähe der Wälder, deren üppige Pracht noch keines Menschen
rohe Faust entweihte, wo die Natur den Bewohnern auf eignen Händen ihre
Schätze entgegenträgt, wird sie frei atmen und zu wundervoller Schöne
sich entfalten können.
Ich finde leicht ein Schiff, das uns hinüberträgt, und weiß hundert
Arme, die sich uns zum Willkomm entgegenstrecken. Lassen Sie Ihr Herz
entscheiden!
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Paris, den 9. Juni 1782.-
Eben erst komme ich von Ihnen, noch den Hauch Ihres Mundes auf meinen
Lippen, von dem ich nicht begreife, daß ich ohne ihn, der mich erst zum
Leben erweckte, jemals habe atmen können! -- und schon muß ich in
Gedanken wieder bei Ihnen sein.
Selbst die Wunden, meine Delphine, die Sie schlagen, tun wohl. Ich
wiederhole mir jedes Ihrer Worte; mein inneres Auge sieht sie, als
stünden sie in Marmor gemeißelt vor mir: »Es kann nicht sein. Es wäre
der Tod des alten Mannes, dessen Namen ich trage,« sagten Sie. »Ich habe
ihm viel zuleide getan und er hat schließlich Alles ertragen. Er ist mir
in der schwersten Zeit Freund und Pfleger gewesen, ohne mich daran zu
erinnern, daß er auch Gatte ist. Und als er mich erinnerte, hat er
gegenüber meiner Abwehr seine Rechte nicht geltend gemacht, wie er
durfte. Jetzt ist er krank und vergrämt, -- ich würde mich ihm gern in
Freundschaft nähern, wenn ich nicht fürchtete, daß er es anders
auffassen könnte --; nur eins kann ich für ihn tun: den Skandal, den er
über alles fürchtet, von ihm fern halten.«
Und dann, als Sie fühlten, wie Ihr »Nein« mich traf, sangen Sie mir
unter Küssen und Tränen das Hohelied der Liebe, wie ein sterbliches Ohr
es noch nie vernommen haben kann.
»Ich habe nie aufgehört, mich der Ehe zu schämen,« begannen Sie, »das
verbriefte Recht auf Liebe ist der Liebe Tod. Liebe muß zwischen zwei
Menschen das größte Geheimnis sein, wie sie das tiefste aller Mysterien
ist. Auf den schwindelnden Höhen hoher Berge, die nur die Stärksten
erreichen, in der Stille grüner Wälder, zu denen nur Weltflüchtige die
Wege finden, sollen ihre Tempel stehen. Und auch dort dürften nur wenige
im verborgensten Heiligtum die letzte Weihe empfangen.«
Zürne mir nicht, angebetete Frau, daß ich Worte zu wiederholen wage,
die ohne den Klang Deiner Stimme nur stumme Vögel sind!
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Versailles, den 1. Juli 1782.-
Nur noch einen Gruß -- einen letzten vor Ihrer Abreise nach dem Gebirge!
Daß ich mich Jahre von Ihnen zu trennen vermochte, wo vierzehn Tage mir
wie eine Ewigkeit schienen!
Ich folge Ihnen nach Barrêge-les-Bains, der Verabredung gemäß, sobald
der Hof Versailles verlassen hat.
Als ich gestern von Ihnen ging, traf ich den Herrn Marquis. Im trüben
Licht der Öllampe an der Tür erschien er mir sehr blaß. Er grüßte mich
mit einem Lächeln, das mein Herz zittern machte. Ich bin darum die ganze
Nacht vor Ihren Fenstern auf- und abgegangen. Aber nichts rührte sich
und Ihr zärtliches Billett heute morgen beruhigte mich vollends.
Ich küsse Ihre weiße Stirn, damit kein Gedanke hinter ihr wach wird, der
einem anderen gehört, als mir, und Ihre weichen Arme, daß sie in Fesseln
liegen, bis ich sie löse, um sich um meinen Hals zu schlingen, und Ihre
roten Lippen, daß kein Liebeswort ihnen entschlüpfen möge, bis die
meinen den Zauber brechen!
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Paris, am 25. September 1782.-
Geliebte Frau! Nun tobt der Lärm der Straßen wieder um mich und mitten
in der Menge fühle ich mich sehr allein. Aber während ich noch eben
glaubte, nach Wochen seligsten Glücks im Schmerz der Trennung vergehen
zu müssen, fühle ich plötzlich, wie reich, wie stark meine Delphine mich
gemacht hat, -- so reich, daß ich ihren Besitz empfinde, auch wenn sie
fern von mir ist, so stark, daß ich es ertragen kann, sie nicht mehr
neben mir zu wissen.
Einer meiner ersten Wege führte mich nach dem Palais-Royal. Waren es die
Monate der Ruhe, die mir das Leben dort so erregt erschienen ließen,
oder ist das Fieber, das alle erfaßt hat, tatsächlich in der
Zwischenzeit so gestiegen? Unsere klägliche Niederlage vor Gibraltar,
die Bedingungen, unter denen der Frieden mit England verhandelt wird,
bilden das Thema aller Unterhaltungen. Ich hörte Gaillard in einer eng
geschlossenen Gruppe von Zuhörern eine Rede halten, die der Haß gegen
die Regierung und die Liebe zum Vaterlande mit gleichem Feuer
durchglühten.
»Warum sind wir an den Felsen Gibraltars gescheitert?« rief er aus;
»weil unser Heer vom Ruhm der Vergangenheit zehrt, statt den Ruhm der
Zukunft in täglicher Arbeit vorzubereiten. Hunderttausende sind
fortgeworfen worden, um die famosen schwimmenden Batterien d'Arçons zu
bauen, die Englands glühende Kugeln in wenigen Stunden in Brand
geschossen haben, statt daß dieselben Hunderttausende verwendet worden
wären, um aus hungernden Arbeitslosen kräftige Soldaten zu machen.
Niemals werden Maschinen Männer ersetzen!... Warum werden wir beim
Friedensschluß tatsächlich die Unterlegenen sein? Weil ein Volk, das
keine Knechte mehr kennt, unser Gegner war. Weil statt verantwortlicher
Minister, statt eines Pitt und eines Fox, feile Höflinge die Regierung
in Händen haben... Und trotzdem preise ich diesen Krieg, für den wir uns
in seinem Beginn begeisterten, -- weil er uns im strahlenden Lichte des
Freiheitskampfes der Amerikaner erschien, -- und der uns ein so bitterer
Lehrmeister wurde. Mehr als durch alle Bücher der Philosophen ist uns
durch ihn eingeprägt worden, was uns fehlt. Und wir haben gelernt, was
wir lernen mußten, wenn anders unser eignes Vaterland nicht zugrunde
gehen soll: für Ideale zu bluten.«
Der häßliche kleine Mann wurde schön, während er sprach. Ich konnte
nicht anders, als ihm dankbar und hingerissen die Hand zu schütteln, wie
einem Kameraden, dann aber, als ich mich umsah unter denen, die ihm
Beifall klatschten und sich in der Kommentierung seiner Worte ins
Maßlose verloren, kam -- ich will's nicht leugnen -- etwas wie ein
Gefühl innerer Feindschaft über mich. Diese Männer mit den rohen
Begierden, beherrscht vom Rachedurst, mehr als vom Durst nach
politischer Freiheit, sollten je die Macht in ihren harten Fäusten
haben?! Wäre letzten Endes die Tyrannei der Masse nicht fürchterlicher,
als die des Einzelnen?
Als ich dann am Abend einer Einladung unseres neuen Schatzmeisters der
Marine, Herrn Boutin, nach seinem herrlichen Lustschloß gefolgt war, wo
eine Gesellschaft von einigen hundert Herren auf goldenen Schüsseln mit
allen Delikatessen der Welt bewirtet wurde, schämte ich mich eines
Gefühls, das zwar einem Aristokraten natürlich, für einen Bürger des
heutigen Frankreich aber nichts als ein Zeichen jämmerlicher Feigheit
ist. Selbst wenn die Masse uns erdrücken sollte, hat nur die
Gerechtigkeit gesiegt. Wir haben unser Leben verwirkt.
Verzeiht mir meine süße Delphine, daß es Momente gibt, in denen meine
Gedanken sich von ihr verirren? Du mußt verzeihen; denn sieh: auch die
allerentferntesten lege ich schließlich Dir, meine einzig Geliebte, zu
Füßen!
Werde ich bald von Dir hören und wissen, wie Du die Reise bis Straßburg
überstanden hast? Und wann, Geliebteste, -- ach wann! -- werde ich Dich
wieder umarmen können?!
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Paris, den 8. Oktober 1782.-
Wie Du mich glücklich machst! Wie jedes Deiner Worte mich berührt! O,
daß ich jetzt die Flügel hätte, die Monsieur Blanchard der kommenden
Menschheit prophezeite!
Es bedurfte nicht mehr Deiner rührenden Bitte; meine eigene brennende
Sehnsucht zieht mich unaufhaltsam zu Dir. Ich werde über Montbéliard, wo
meine Anwesenheit dringend nötig ist, -- seit dem Tode meiner guten
Mutter bin ich nicht mehr dort gewesen --, im Laufe des nächsten Monats
nach Straßburg gehen. Die Geschäfte, die ich dort in Verbindung mit
meinen Besitzungen im Elsaß habe, rechtfertigen meine Anwesenheit.
Seit meinem letzten Brief bin ich mit den verschiedensten Menschen in
Berührung gekommen. An der Unhaltbarkeit der gegenwärtigen Zustände
zweifelt niemand -- außer dem Hof von Versailles! Die Königin tanzt und
spielt Theater --, selbst die Wohltätigkeit, die sie ausübt, sieht einem
sentimentalen Rührstück ähnlich. -- Der König jagt, und empfängt, um
sein Verständnis für den Geist der Zeit zu markieren, hie und da einen
biederen Bourgeois, dem er jovial auf die Schulter klopft und -- wenn er
reich genug dazu ist -- adelt. Dann reden die Träumer wieder ein paar
Tage lang von der »Leutseligkeit des Monarchen.«
»Die Schwäche, die weder das Übel zu verhindern, noch das Gute zu
fördern weiß, befestigt die Tyrannei« --, für diese Sentenz ist Diderot
kürzlich nur mit knapper Not der Bastille entgangen!
Ich war auch in Saint-Quen bei Herrn Necker, und kehrte enttäuscht
zurück. Man muß in seinen Ansprüchen sehr bescheiden geworden sein, um
ihn für bedeutend zu halten. Er läßt sich vom Strom der öffentlichen
Ereignisse hin und her werfen und ist dabei natürlich außerstande, ihn
in die richtigen Bahnen einzudämmen. Eine überraschende Erscheinung ist
seine Tochter; sie gleicht ihren Eltern nur in einem Rest nüchternen
Genfertums; ihre prachtvollen Augen, ihre schöne Gestalt versöhnen mit
ihrer sonstigen Häßlichkeit. Ihre überlegene Klugheit zwingt zur
Bewunderung. Trotzdem ist sie mir in tiefster Seele antipathisch. Nicht
ohne Mitleid mit den Männern der Zukunft möchte ich sie für einen Typus
kommender Frauen halten. Wie glücklich preise ich mich, daß ich die
holdseligste Inkarnation des achtzehnten Jahrhunderts noch mein nennen
darf!
Ich traf den Grafen Guibert bei ihnen. Die Art seines Verkehrs mit der
Familie Necker ließ auf seine Intimität im Hause schließen, was mich
nach seiner bisherigen Stellung zur Neckerschen Politik nicht wenig in
Erstaunen setzte. Der Reiz Fräulein Neckers besiegte alle Bedenken der
Überzeugung! Männer wie er sind zugleich die Voraussetzung und die
Konsequenz solcher Frauen.
Weißt Du, Geliebteste, daß ich meiner Schweigsamkeit wegen bekannt bin?!
Vor Dir werde ich zum Schwätzer: jedes kleinste Ereignis, jedes
vorüberhuschende Gefühl, jeden auftauchenden Gedanken habe ich das
Bedürfnis, Dir mitzuteilen. Ich glaube, diese vollkommene geistige
Hingabe unterscheidet Liebe von Liebelei.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Etupes, den 26. Oktober 1782.-
Mit den letzten, blassen Rosen aus Etupes sende ich diesen Gruß, Du
Einzige, zu Dir. Ich ging allein durch die verwachsenen Laubengänge,
und, tiefer Andacht voll, sank ich vor dem Tempel der Venus in die
Kniee. Wie eine Erleuchtung kam es über mich: seitdem ich Dich einstmals
dort fand, Delphine, habe ich Dich nie verloren!
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Straßburg, den 3. Januar 1783.-
Der Kurier brachte mir heute früh die erschütternde Nachricht, daß der
Neffe des Kardinals, der Prinz Rohan-Guéménée Bankrott gemacht hat. Ich
teile sie Dir, Geliebteste, unverzüglich mit, weil auch Deine Freundin
Clarisse ihr Vermögen dabei verloren haben dürfte. Zahllose arme Leute,
unter anderem seine eigene Dienerschaft, die dem Prinzen in
ehrfürchtigem Vertrauen ihr bißchen Erspartes überließen, hat sein
verbrecherischer Leichtsinn an den Bettelstab gebracht. Daß die Empörung
eine allgemeine ist und, statt des Zorns gegen die Vorrechte der Stände
den persönlichen Haß gegen den einzelnen Aristokraten züchtet, ist nur
allzu begreiflich.
Ich habe heute, zum Teil auch infolge dieses Ereignisses, sehr viel
Korrespondenz zu erledigen und muß mich daher des Glücks Deiner Nähe
berauben.
Sieh, meine Delphine, nun steht dieser Satz schwarz auf weiß auf dem
Papier, damit Du selber erfahren sollst, daß ich nahe daran war, Dich zu
belügen! Nein: es gibt keine Arbeit, die mir die Möglichkeit nehmen
könnte, Dich, -- und wäre es nur auf Minuten --, in meine Arme zu
schließen. Aber zuweilen ist mir, als könnte ich mich vor mir selbst
nicht mehr sehen lassen, geschweige denn vor Dir! Gestern, als der
Marquis zum ersten Male, seit ich in Straßburg bin, den Abend mit uns
verbrachte und das Gespräch nur schwerfällig von der Stelle kroch, von
Pausen unterbrochen, die endlos schienen, wobei Du jedesmal von
wachsender Glut überhaucht das Köpfchen senktest, während er, schmal,
müde, grau, die blassen Hände auf dem dunklen Samt der Armlehne matt
ausgestreckt, mit den tief in ihren Höhlen ruhenden Augen langsam von
Dir zu mir herüberblickte, -- da fühlte ich mit nagendem
Schuldbewußtsein das Entsetzliche unsrer Lage. Nicht daß wir uns lieben,
Geliebte, ist Schuld, sondern daß wir es vor ihm verbergen, wie ein
Verbrechen!
Ich kann nicht leben ohne Dich, und ich kann doch so nicht leben!
Laß mir den einen Tag, damit ich zu mir selber komme!
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
-Chateau Larose, am 25. Januar 1783.-
Teuerste Marquise. Meine arme Schwester ist von dem schweren Schlag, der
sie getroffen hat, so erschüttert, daß sie noch nicht imstande ist,
Ihren liebevoll teilnehmenden Brief zu beantworten; sie bittet mich, es
an Ihrer Stelle zu tun.
Ich kann nicht leugnen, Allerschönste, daß ich trotz des Unglücks, das
den Anlaß zu diesem Schreiben bietet, die Gelegenheit freudig ergreife,
wieder in Verbindung mit Ihnen zu treten. Zwinge ich doch auf diese
Weise Ihr Auge, wenigstens auf meiner Schrift zu ruhen!
Sie sind ungeduldig? Gemach, ich komme bereits zur Sache! Clarisse hat
fast ihr ganzes Vermögen verloren, was sie um so härter berührt, als
sie infolgedessen fürchten mußte, in Abhängigkeit von einem Gatten zu
geraten, der sie fortgesetzt betrügt. Aber kaum erfuhr unsere Königin
von dem Unglück, als sie ihr aus freien Stücken eine Rente anbieten
ließ, die den Zinsen ihres einstigen Besitztums entspricht. Wenn
irgendetwas uns an Ihre Majestät noch fester hätte fesseln können, so
ist es diese große Gnade, die vielleicht mehr noch um der Art, wie sie
gewährt wurde, zu schätzen ist als um ihrer selbst willen.
Die Königin leidet; es gibt Stunden, wo sie stumm vor sich hin brütet
und niemand von uns die Stille zu unterbrechen wagt, die gespenstisch
den Saal beherrscht. Aber sobald jemand aus dem Kreise ihrer nächsten
Umgebung Kummer hat, ist sie die erste, die hilft und tröstet, und dabei
ihre alte Fröhlichkeit wiedergewinnt. Sie fand sogar, was allgemein
auffiel, scharfe Worte, um die offene Schadenfreude der Partei Choiseul
angesichts des Bankrotts der Rohan zurückzuweisen.
Ein Ausspruch der Herzogin von Grammont macht die Runde in Paris: »Die
Rohans,« so sagte sie, »beanspruchen seit langem den Titel eines
souveränen Hauses. Man darf hoffen, daß ihre jetzt enthüllte
Geldwirtschaft der letzte Beweis für die Berechtigung ihrer Prätensionen
ist.«
Die Familie Rohan hat übrigens alles getan, um die Ehre ihres Namens zu
retten: der Kardinal hat von seinem Schloß Savenne, wo er sich mit
Cagliostro völlig einzuschließen scheint, die Nachricht von dem
Bankerott mit der Zusicherung namhafter Summen beantwortet, -- man
akzeptiert sie nicht ohne leichtes Gruseln, da ihre Herkunft unter
Umständen aus der Garküche Beelzebubs stammt! Die kleine Prinzessin
Guéménée-Soubise hat ihre Juwelen geopfert; die Prinzessin Marsan nahm
den Schleier und opferte ihr ganzes Vermögen der Ehre der Rohan.
Aber rührender als alle diese im Grunde selbstverständlichen Opfer der
Nächststehenden ist folgende Geschichte:
Wir saßen beim Souper im Hotel Guimard; der Champagner hatte uns in die
goldenen Tage völliger Sorglosigkeit zurückversetzt; in griechischem
Gewande tanzte die entzückende Herrin des Hauses auf dem Parkett
zwischen den üppig gedeckten Tafeln. Zum ersten Mal führte sie uns vor,
womit sie demnächst das große Publikum zu begeistern gedachte: eine
antike Schale in der Hand, wiegte sie den schlanken Körper auf den
nackten Füßen, um allmählich ihre Bewegungen, bei denen jede Linie ihrer
Gestalt plastisch hervortrat, bis zum Taumel bacchantischer Lust zu
steigern. Mit wogendem Busen, die Schale, die ich ihr füllte, in einem
Zuge leerend, stand sie schließlich still, als vor dem Sultan der Oper,
dem Prinzen Soubise, die Flügeltüren sich öffneten. Der Jubel über den
Tanz verstummte bei seinem Anblick. Er brachte die Nachricht von dem
Bankrott, der seine Tochter am schwersten treffen mußte. Ohne ein Wort
zu sprechen, begab sich die Guimard an ihren Sekretär, schrieb ein paar
Zeilen, reichte sie stumm ihren Kolleginnen vom Ballett, die sämtlich
ihren Namen darunter setzten. Es war der formelle Verzicht auf die
Rente, die der Prinz ihnen allen ausgesetzt hatte, zugunsten der
verarmten Dienerschaft der Prinzessin Guéménée-Soubise! Sind sie nicht
zum Küssen, diese kleinen lasterhaften Mädchen?
Wann wird Versailles Sie wiedersehn, reizende Marquise? Um das
geschehene und das drohende Unheil zu vergessen, planen wir
ausgelassenere Feste denn je.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Straßburg, den 11. März 1783.-
Tränen, Geliebte, habe ich dir erpreßt -- zum ersten Mal! Ich würde mich
töten lassen, wenn ich sie dadurch trocknen könnte, aber zu handeln
vermag ich nicht anders, selbst wenn ich weiß, daß Du darum weiter
weinst!
»Ich gebe mich Dir ohne Reue hin,« sagtest Du vorwurfsvoll. Verstehst Du
denn nicht, Delphine, daß eines Weibes Liebe alles heiligt, während über
der Liebe des Mannes seine Ehre steht? Ich weiß recht gut: Die Hofherrn
von Versailles sind stolz darauf, einen Ehemann so raffiniert als
möglich zu betrügen; ihr Ehrgefühl steht auf derselben Stufe wie das
Gefühl, das sie Liebe zu nennen sich nicht mehr schämen. Ich aber fühle
es mit wachsender Angst: die täglichen, häßlichen Heimlichkeiten, die
verschlossenen Zimmer, die Furcht vor jedem Schritt, die Scheu vor den
Augen der Lakaien, sind imstande, selbst meine große Liebe zu Dir in den
Schmutz der Auffassung jener Männer herabzuziehen.
Ich muß fort, nicht weil ich aufhörte, Dich zu lieben, sondern weil ich
Dich zu sehr liebe. Die Rolle des galanten Kavaliers liegt mir nicht.
Erst wenn ich fern bin, werde ich wieder des ganzen Glücks unserer Liebe
froh werden. Und erst dann, dessen bin ich gewiß, wirst Du mich
verstehen lernen.
Über die Zukunft nachzudenken, bin ich im Augenblick dieses
schrecklichen inneren Aufruhrs außerstande. Nur eins ist mir gewiß: daß
nichts, am wenigsten die äußere Entfernung, uns zu trennen vermag.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Paris, den 6. April 1783.-
Wie hätte ich mich in Dir täuschen können? Mit solcher untrüglichen
Sicherheit würde Liebe nicht wählen, wenn Du nicht alles erfülltest, was
ich von Dir träumte. Nur eine Liaison kann ein Ende nehmen --,
gleichgültig ob sie durch das Sakrament der Ehe geheiligt wurde oder
nicht --, wenn die Sinne sich nicht gegenseitig täglich aufpeitschen.
Meine Reise hierher war voller Abenteuer. Vielleicht wollte das
Schicksal mir helfen, meine Gedanken abzulenken. Die Wege sind
schlechter denn je, -- es gibt kaum noch einen Bauern, der für ihre
Ausbesserung Frondienste leisten will --, zuweilen sogar in offenbarer
Absicht mit großen Steinen besät. Zweimal brach infolgedessen ein Rad
meines Wagens; es erschienen im Augenblick zweifelhafte Gestalten in
zerlumpten Röcken, die mit den Händen in den Hosentaschen zusahen, wie
meine Diener sich mühten, den Schaden wieder gutzumachen. In meiner
Herberge verweigerte man mir Futter für die Pferde; schon gab ich Befehl
zum Aufbruch, als der Wirt nach einem kurzen Gespräch mit dem Kutscher
es mir aufdrängte, ohne eine Bezahlung annehmen zu wollen. Wie ich
erfuhr, hatte der Name meines Kriegskameraden Lafayette genügt, ihn
umzustimmen. Als ich weiterfuhr, hatte sich die ganze Bewohnerschaft des
Ortes um mich versammelt, und in der Stille der Nacht tönten mir noch
lange ihre Rufe nach: »Es lebe die Freiheit!« -- »Es lebe die Republik!«
Hier empfingen mich alarmierende Nachrichten. Die Schrift Mirabeaus
über die Haftbriefe und die Staatsgefängnisse war trotz ihres Verbots in
aller Händen. Sie ist eine glänzende Leistung voll Mut und Feuer, die
die persönlichen Verfehlungen des Verfassers ganz vergessen läßt. Es
gibt Zeiten, in denen Tatkraft und Kühnheit von so überwiegender
Bedeutung sind, daß sie alle anderen Tugenden aufwiegen.
In den Cafés bilden noch immer die Ereignisse des letzten Opernballes
den Gesprächsstoff, und auf der Straße den Gegenstand derber Chansons.
Die Königin, die vollkommen maskiert und bis zur Unkenntlichkeit
vermummt gewesen sein soll, wurde sofort -- wahrscheinlich durch den
Verrat eines Lakaien -- erkannt und mit Späßen verfolgt, über die sie
sich zunächst amüsierte, was natürlich ihre Dreistigkeit nur steigern
half. Erst als eine Maske in Kardinalstracht sich ihr näherte und trotz
aller Bemühungen nicht von ihr wich, brach sie schließlich in Tränen aus
und entfernte sich rasch. Niemand hörte, was die Maske sprach; nur
Guibert behauptet gesehen zu haben, daß sie ihr einen gefüllten
Geldbeutel anbot. Erst widrige Szenen wie diese müssen die Monarchen
davon in Kenntnis setzen, daß die auf ihren Empfang durch Hofansagen und
Polizeimaßnahmen nicht vorbereitete Menge eher zu Pöbeleien als zu
spontanen Huldigungen bereit ist.
Meine Feder stockt. Wie unwesentlich kommt mir vor, was ich schreibe,
neben dem einen großen Gefühl, das mich beherrscht und das sich nicht in
Worte fassen läßt. War es nicht doch Wahnsinn, daß ich von Dir ging? Ist
nicht alles -- alles einerlei, wenn ich nur Dich habe?! Delphine, Du
geliebte Frau, was hast Du aus mir gemacht?! Das ganze Gebäude meines
Lebens ist wie ein Kartenhaus vor dem Hauch Deines Mundes.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Versailles, am 3. Mai 1783.-
Hast Du mich so lange auf einen Brief von Dir warten lassen,
Geliebteste, damit alle anderen Empfindungen von der Glut meiner
Sehnsucht verzehrt werden?! Und nun fragst Du mich, als wüßtest Du nicht
im selben Augenblick schon die Antwort: »Darf ich kommen?« Wenn es
zwischen uns etwas gäbe, das nur im entferntesten einem Befehl oder
einem Verbot ähnlich sähe, so würde ich sagen: »Du mußt!« Du mußt, denn
wenn ich auch lebe, atme, spreche, so bin ich es doch nicht selbst: mein
ganzes Ich ist ja bei Dir! Nichts als ein Automat geht durch die Straßen
von Paris, über das Parkett von Versailles. Komm, komm, so rasch deine
Pferde den Weg von Froberg hierher zurückzulegen vermögen!
Die Königin frug oft nach Dir. Der liebenswürdige Empfang, der mir zu
teil wurde, hatte mich zu der Hoffnung verleitet, sie vielleicht
beeinflussen zu können. Aber schon die vierzehn Tage, die ich wieder in
ihrer Umgebung bin, haben mir bewiesen, daß es nicht möglich ist. Sind
es die Folgen der Monarchenerziehung, die sie zwingen, ihr eigentliches
Wesen zu verstecken; oder -- ist sie nicht anders, als sie sich zeigt?
Ich habe versucht, ernstere Interessen wachzurufen, aber nichts vermag
sie zu fesseln, was nicht eine persönliche Beziehung zu ihr selber hat:
die Kunst nur, wenn sie ihre Schlösser schmückt, ihre Langeweile
vertreibt, die Finanzen Frankreichs nur, insofern sie ihr Budget
beeinflussen. Sie ist niemals glücklicher, als nach einer
Toilettenkonferenz mit Madame Bertin oder nach einem Besuch Monsieur
Boehmers.
Schlimm genug, wenn ein König nichts anderes zu sein vermag, als der
Träger der Krone, schlimmer noch, wenn eine Königin die Erde, auf der
sie steht, nur insoweit bewertet, als sie ihr Nährboden ist!
Du schreibst mir noch, wann Du kommst. Ich wage nicht eher daran zu
glauben, als bis ich Dich sehe, bis meine Arme Dich umschließen. Liebte
ich Dich so wenig, daß ich sie jemals öffnen konnte, um Dich von mir zu
lassen?
Herr von Beaumarchais an Delphine.
-Paris, am 10. Juni 1783.-
Teuerste Marquise. Ihre Rückkehr nach Paris ist für den Aberglauben
eines Glaubenslosen wie der Aufstieg weißer Tauben über dem Tempel
Apollos.
Seit drei Monaten proben die Schauspieler der Comédie française meine
Komödie, seit acht Wochen habe ich das Versprechen des Grafen von
Artois, daß sie auf der Bühne von Versailles das Licht der Welt
erblicken wird, -- denn wo sie auch immer zur ersten Aufführung gelangt,
und wäre es im kleinsten Theater vor einem Dutzend Zuschauer: es wird
die Welt sein, die sie damit erobert!
Aber erst Ihre Ankunft, die Aussicht, Sie vor dem Vorhang zu wissen, im
Augenblick wo er sich meinem Triumphe öffnet, bietet mir die Gewähr
dafür, daß er nicht schließlich doch geschlossen bleibt.
In drei Tagen ist die Aufführung. Nachher werden Sie mir gestatten,
Ihnen die Hand zu küssen.
Herr von Beaumarchais an Delphine.
-Versailles, Freitag den 13. Juni.-
Soeben -- fünf Stunden vor dem Beginn der Vorstellung -- überbringen die
uniformierten Boten des Marschalls Duras und des Polizeileutnants von
Paris den Schauspielern und mir den Befehl des Königs: Figaros Hochzeit
darf nicht gespielt werden.
Ludwig von Frankreich wirft mir seinen Fehdehandschuh vor die Füße. Ich,
Caron Beaumarchais, nehme ihn auf. Jetzt ringen wir nicht mehr um die
Daseinsberechtigung eines Stückes, sondern um die eines Standes!
Herr von Beaumarchais an Delphine.
-Paris, den 3. Juli 1783.-
Verehrte Frau Marquise! Der Abend bei Ihnen war deliziös! Um Ihretwillen
nehme ich das ganze achtzehnte Jahrhundert in den Kauf; ja, ich wäre
geneigt, wenn der Herrgott mich zu seinem verantwortlichen Minister
ernennen wollte, es in Permanenz zu erklären.
Die Bekanntschaft mit dem Grafen Vaudreuil, die Sie vermittelten, ist
unschätzbar. Ich fahre bereits morgen nach Gennevilliers, um die Bühne
zu besichtigen, eventuell in aller Eile, -- der Graf gab mir plein
pouvoir, -- umbauen zu lassen, und dann --!!
Seitdem der aerostatische Globus in die Lüfte stieg und die Brüder
Montgolfier sich anschicken, in eigener Person allem, was Flügel hat --
den Adlern und den Engeln, den Amoretten und der Phantasie -- Konkurrenz
zu machen, rückt das Unmöglichste in den Bereich der Möglichkeit, --
also auch die Geburt des Kindes meiner Laune.
Sie sollten nur hören, mit welch wahrhaft patriotischem Schmerz unsere
Kaffeehauspolitiker die wachsenden Ausgaben erörtern, die die
unabweisliche Schaffung einer Luftflotte notwendig verursachen werden,
wie sie mit der Ausgestaltung der glücklichen Idee beschäftigt sind, für
diejenigen, die vergebens auf einen irdischen Ministerposten warten, ein
neues Departement der Lüfte einzurichten, und wie ernste
Vaterlandsfreunde sich mit der brennenden Frage beschäftigen, was zu
geschehen hat, um England beizeiten zu verhindern, daß es das Reich des
Aeolos nicht usurpiert, wie es das des Poseidon bereits usurpierte. Was
mich in Gedanken an all die luftigen Zukunftsmöglichkeiten am meisten
lockt, ist die Aussicht, ganz sacht emporzusteigen und, mit einem guten
Fernrohr bewaffnet, in aller Ruhe dort oben abzuwarten, bis unser Planet
sich soweit gedreht hat, damit sich mein Ballon eines schönen Abends auf
China herablassen kann. Für französische Dichter, Philosophen und
Freiheitsschwärmer muß es ein ideales Land sein!
Marquis Montjoie an Delphine.
-Froberg, den 20. Juli 1783.-
Meine Liebe! Für Ihre freundliche Erkundigung nach meinem Befinden danke
ich Ihnen bestens. Ihr Interesse dafür hätte ich nicht erwartet. Von
einer Reise nach Paris will ich in diesem Jahre absehen. Seine
Vergnügungen sind mir zu anstrengend und zu kostspielig. Ich ziehe die
stille Arbeit in meinem Laboratorium vor. Da Sie vor dem Spätherbst
nicht zurückzukehren gedenken, wird es Sie nicht genieren, wenn der
Graf Cagliostro, der vor kurzem aus England wieder hier eintraf, sich
bei mir aufhält, sobald der Kardinal ihn freiläßt.
Ich wünsche Ihnen so viel Amüsement, als Ihre Gesundheit und Ihr
seelisches Gleichgewicht es irgend ertragen kann.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Versailles, den 1. August 1783.-
Du klagst über meine finsteren Mienen; Du grämst Dich, Geliebteste, weil
Du meinst, ich verschwiege Dir aus Schonung irgend einen geheimen
Schmerz. Ach, Du weißt nur zu gut, was mich quält! Ich ertrage die
lächelnden Fratzen nicht und die vielsagenden Mienen und das heimliche
Flüstern um uns her! Ich habe oft die Empfindung, als stündest Du -- Du,
mein Heiligtum! -- aller Hüllen bar vor den lüsternen Augen der Menge.
Unwillkürlich faßt meine Hand nach dem Degen --
Wie war es gestern auf dem Champ de Mars angesichts der ungeheuren
Menschenmasse, die in atemloser Spannung den Aufstieg Mongolfiers mit
dem Marquis d'Arlandes als erstem seiner Passagiere erwartete? Die
Equipagen der Hofgesellschaft hielten nebeneinander; zu Fuß und zu
Pferde umdrängten die Kavaliere die Damen darin. Als ich kam, suchte
Dich mein Blick nicht lange, denn wo der Kreis am dichtesten war, da
warst Du -- »die schöne Montjoie« -- »die süße Delphine« -- »die Rose
der Vogesen«. Wie die anderen trat ich heran und grüßte Dich. Und alles
wich mit verständnisinnigem Ausdruck zur Seite, -- etwa wie zu Zeiten
Ludwigs XV. die Damen des Hofs, wenn die maitresse en titre
hineingerauscht kam. Ich verbeugte mich stumm und ging davon, ohne mich
von Deinen schönen, tränenfeuchten Augen rühren zu lassen. Ich beneidete
den Luftschiffer, der in der Lage war, auf Nimmerwiedersehn in den
Wolken zu verschwinden.
Laß mich Dich von nun an nur in Deinem stillen Zimmer sehen; morgens,
ehe die Nichtstuer ihren Tageslauf mit Besuchen beginnen, mittags, wenn
die von tausend Klatschgeschichten Erschöpften sich zurückziehen, und
nachts, Du geliebteste Frau, wenn ein gütiges Dunkel allen neugierigen
Blicken den Zugang verwehrt.
Herr von Beaumarchais an Delphine.
-Paris, den 26. August 1783.-
Teuerste Marquise! Mein erster Weg nach meiner Rückkehr aus London war
nicht zum Grafen Vaudreuil, sondern zu Ihnen. Ermessen Sie daraus, was
ich für Sie empfinde! Und an Ihrer Türe erfahre ich, daß Sie krank sind
--, grade jetzt!
In drei Wochen müssen Sie gesund sein, und wenn ich Ihnen die
Wunderdoktoren der ganzen Welt verschreiben sollte! Haben Sie es schon
mit den neuesten Heilweisen: den Zuckerkügelchen Herrn Dillons, dem
Mäusefett Madame Renards, der elektrischen Behandlung Doktor Durands
versucht?! Sie sind ja nicht Madame La France, der es für alle Kuren
durch erste Autoritäten am Notwendigsten fehlt: am Gelde! Sie wird sich
darum die Behandlung eines Barbiers gefallen lassen müssen, die Arme!
Darf ich auf Nachricht hoffen, sobald Sie mich empfangen können?
Herr von Beaumarchais an Delphine.
-Paris, den 12. September 1783.-
Sie sind nirgends zu sehen, Ihre Fenster sind verhängt --, und doch
grübeln Sie nicht im einsamen Laboratorium über das Geheimnis des
Goldmachens! Ihre Türe bleibt mir verschlossen und doch sah ich einen
Gast, dem sie sich öffnete.
Fürchten Sie nichts: was sich laut oder leise gegen Gesetz und Herkommen
empört, steht unter Figaros Schutz.
Wissen Sie, daß ich aus diesem Grunde beginne, eine sehr hochgestellte
Dame unter meine Schützlinge zu zählen?! Sie denken vielleicht an die
Herzogin von Bourbon, die ihrem ungetreuen Gatten mit gleicher Münze
zahlte, an die kleine Prinzessin Chartres, die, während ihr Gemahl bei
Madame Genlis die -- Harfe spielen lernte, mit seinem schönen Adjutanten
-- Duette sang, oder an die hübsche Condé, die in süßer Mädchenunschuld
von irgend einem unsichtbaren Gott erobert wurde, und, -- wahrscheinlich
zur Belohnung ihrer Heiligkeit! -- doch noch einen Prinzen königlichen
Geblütes fand, der sie zum Altar, aber nie zum -- Bett geleitete? Gehen
Sie auf diesem Gedankengang nicht weiter, meine Schöne; er ist zwar fast
endlos, aber er führt doch nicht zu meiner Dame.
Ich wollte Ihnen erzählen, was mir begegnete, in Ihren ausdrucksvollen
Augen Neugier, Bewegung, Erschrecken lesen, kurz --, all die Empfindung,
die Ihr Mund mir aus Diskretion verschweigen würde. Soll ich nun
schweigen? Ich bin zu sehr Dichter, als daß ich es ertragen könnte, den
spannenden Akt des Schauspiels, den ich sah, -- der zweifellos weder der
erste noch der letzte gewesen ist! -- ganz für mich zu behalten. Hören
Sie also:
Ich gehe, wie Sie wissen, nur des Nachts spazieren. Wenn die Körper sich
ihrer Paruren entledigen, die rote Farbe von den gelben Wangen wischen,
die Lockenperücke von dem kahlen Kopfe nehmen, die schönen reinen
weißseidenen Strümpfe mit dem üppigen Wadenpolster von den schmutzigen,
dürren, haarigen Beinen ziehen, dann entkleiden sich auch die Geister.
Auch ihre Nacktheit ist nicht immer erfreulich, aber stets unglaublich
interessant. Ich sah Marschälle von Frankreich als blutige
Revolutionäre, Erzbischöfe als Teufelspriester, und auch Possendichter
als tragische Helden, Hetären als Madonnen, Königinnen als --. Schweigen
wir, um endlich zu meinem Abenteuer zu kommen!
Im Parke von Versailles war es. Niemand in Frankreich hat solch gesunden
Schlaf wie seine Wächter, und in jener Stunde vollends hemmte kein Ruf,
kein Säbelklirren meinen Schritt. Spätsommernacht. Der erste leise Duft
der Verwesung, -- viel sinnenverwirrender noch als die ersten
unschuldigen Frühlingsgerüche, -- lag schwer über dem Park.
Da hörte ich ein Rascheln, dann ein Knirschen im Kies, -- ich versteckte
mich rasch hinter dem nächsten Boskett, -- nicht um den Späher zu
spielen, sondern um das Liebespaar ungestört zu lassen. Aber die Männer
und Frauen, die in Mäntel gehüllt hin- und herhuschten, führte nicht
Liebessehnen zueinander. Zuweilen zuckte ein scharfer Strahl verborgener
Blendlaternen unter den Mänteln hervor. Schon wollte ich die Wache
alarmieren, »Diebe!« schreien, -- doch mein Blick fiel auf zarte
Füßchen, elegante Schnallenschuhe.
Und plötzlich zogen sich die Gestalten zurück. Drei andere tauchten auf:
ein schlanker Elegant, nur eine Halbmaske vor dem Gesicht, vielleicht:
-- der Graf Chevreuse! -- ein kleinerer folgte ihm; ich sah den
seidenen Mantel des Priesters, die Tonsur auf dem unbedeckten Kopf,
vielleicht: -- Rohan, der Kardinal! -- und dann ein Weib, das Haupt von
Schleiern umweht, unkenntlich, aber von einer Haltung! -- vielleicht --:
die Königin Marie Antoinette. Ich hielt den Atem an. Die drei sprachen
kein Wort. Irgend ein dunkles Etwas legte der Priester in zwei Hände, so
schneeweiß, daß sie zu leuchten schienen. Pariser Klatsch fiel mir ein:
daß Rohan sich mit dem famosen Halsband Böhmers die Gunst der Königin
erkaufen wolle --, aber ich hatte keine Zeit, nachzudenken. Wieder ein
Rascheln, ein Knirschen, -- ich rieb mir die Augen; vielleicht war alles
nur nächtlicher Spuk! Vielleicht hat es mich gerade darum so
erschüttert; ich glaubte bisher nicht an Geister.
Ist der Graf Chevreuse nicht Ihr Freund? Warnen Sie doch durch ihn die
Dame mit der verräterischen Gestalt. Nicht alle unberufenen Lauscher
sind Figaro!
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
-Versailles, am 15. September 1783.-
Der Gedanke, verehrteste Marquise, daß ich mich bei meinem gestrigen
Besuch ungeschickt benahm, erregter zeigte, als es der Sache entsprach,
-- einer offenbaren Dienstbotenaffaire, wie ich Ihnen schon
versicherte, -- nötigt mich zu diesen Zeilen. Die Parkwächter sind
bereits aufs strengste instruiert, nächtlichen Spuck der Art nicht mehr
zuzulassen. Um alle Ihre Befürchtungen zu zerstreuen, möchte ich Ihnen
noch versichern, was ich gestern, -- empört über die Verdächtigung
unserer teuren Königin, -- zu sagen vergaß: ich befand mich in derselben
Nacht in Paris bei der Guimard; sie und alle ihre Gäste würden meine
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