Die Königin war sehr verstimmt. Am Morgen hatte sie von der Absicht
einer neuen Einschränkung der Zahl ihrer Dienerschaft erfahren, nachdem
sie schon kurz vorher gezwungen worden war, ihre Wünsche für den
Theaterbau von Trianon erheblich einzuschränken. »Man mißt, wie es
scheint, den Hofhalt des Königs von Frankreich an dem bourgeoisen Budget
des Herrn Necker,« sagte sie. Ihre weichen Züge, die ich bisher nur von
einem Lächeln verklärt sah, bekamen dabei den harten Ausdruck, der ihrer
kaiserlichen Mutter besonders eigentümlich ist. »Würden Sie sich von
Ihrem Hausknecht das Menü Ihrer Tafel bestimmen lassen?« frug sie mich.
»Von meinem Hausknecht -- nein!« entgegnete ich; »wohl aber von meinem
Verwalter, der für die geregelte Wirtschaftsführung verantwortlich ist.«
Bei dem Rundgang durch den Park kamen wir am Grabe des Unsterblichen
vorüber. Die Königin streifte es durch ihre Lorgnette mit einem eisigen
Blick, und sagte dann mit hochmütig zurückgeworfenem Haupt, -- einer
Bewegung, der nur die Tochter Maria Theresias fähig ist --: »die
Trauerrosen in Trianon blühen üppiger.« Darauf raffte sie ihr Kleid,
als dürfte es den Boden nicht berühren, und schritt vorüber. Beim Souper
machte ich der Gräfin Polignac mein Kompliment über die geschmackvolle
Toilette der Damen: »Sie tragen weiche Schuhe ohne Hacken, große
Strohhüte auf natürlich fallenden Locken, weiße, schlichte
Musselingewänder -- nennt man dies reizende Ensemble nicht eine Kleidung
à la Rousseau?!« -- »Mademoiselle Bertin, die sie schuf, nennt sie Roben
à la reine,« rief die Königin über den Tisch hinweg mir zu, und geruhte
darnach, mich nicht mehr zu bemerken.
Ein paar Wochen später war ich beim Grafen von Provence auf Schloß
Brunoy. Wer nichts weiter kennt, als diesen Palast eines Krösus, muß
glauben, ganz Frankreich schwämme in Gold. Zu einem jener beliebten
Herrenfeste, das unsere reizendsten Priesterinnen Terpsychorens durch
pikante Tänze und noch pikantere Couplets so besonders anziehend zu
machen pflegen, wurde der König erwartet. In der Nacht, ehe er kam,
improvisierten die Kavaliere einen Raub der Sabinerinnen --, die
Erzählung von dieser Posse, die in einem Bacchanal endete, amüsierte den
König mehr als die wohlvorbereiteten Aufführungen. Er ist, wie Sie
wissen, nur unfreiwillig tugendhaft.
Es gab dann noch eine Jagd auf wahrhaft hoffähige Hirsche: sie schienen
den Tod durch eine königliche Kugel als eine besondere Auszeichnung
anzusehen.
Zum Schluß hatte der König eine Privatkonferenz mit dem Grafen. Er
schied außerordentlich befriedigt.
Ein paar Tage später waren die Straßen von Versailles voll betrunkner
Schweizer, -- ihre gestundeten Gehälter waren ihnen bar ausgezahlt
worden, -- die Marställe voll englischer Pferde, und in Trianon wurde
der unterbrochene Theaterbau fortgesetzt. »Geschäfte zu machen, ist so
gemein,« sagten Sie mir in Spa mit einer unvergleichlichen, wegwerfenden
Handbewegung. Aber Könige adeln alles, -- nicht wahr, Frau Marquise?
Ich lese eben Ihre Zeilen noch einmal, und plötzlich scheint mir, als ob
der leise Wunsch, nach Versailles zurückzukehren, zwischen ihnen stünde.
Ich wäre trostlos, wenn ich ihn unterdrückt, statt angefacht hätte. Aber
warum hüllen Sie auch Ihr Innerstes immer in tausend schimmernde
Schleier? Sollten Sie wissen, daß das Geheimnis, zu langweilen, darin
besteht, alles auszusprechen?
Kardinal Prinz Louis Rohan an Delphine.
-Versailles, am 30. August 1780.-
Verehrteste Frau Marquise, die liebenswürdige Aufnahme, die Sie mir in
Froberg bereiteten, der sympathische Eindruck, den ich, -- Sie
gestatten einem Priester die offene Bemerkung --, von der Erneuerung
freundlicher Beziehungen zwischen Ihnen und dem Herrn Marquis gewonnen
habe, treibt mich zu diesem Brief.
Sie entsinnen sich unseres langen Gesprächs im Anschluß an die höchst
merkwürdigen Mitteilungen des Baron Wurmser über den Grafen Cagliostro,
seine Heilungen und Prophezeiungen. In Erinnerung an die schmerzlichen
Erfahrungen, die Sie, teure Marquise, mit Herrn Dr. Mesmer gemacht
haben, erklärten Sie von vornherein alles für Schwindel, was Wurmser zu
berichten wußte. Auch ich war skeptisch, obwohl ich als gläubiger Christ
die Möglichkeit neuer Wunder niemals leugnen werde und überzeugt bin,
daß grade so unruhige, von Hoffnungen und Erwartungen schwangere Zeiten
besonders geeignet sind, verborgene göttliche Kräfte in einzelnen
begnadeten Menschen hervorzulocken.
Sie werden sich daher denken können, daß ich nicht zögerte, die
Bekanntschaft des mysteriösen Grafen zu suchen, der sich im Augenblick
in Paris aufhält. Er hat meine kühnsten Erwartungen weit übertroffen.
Ich kam zu später Stunde in bürgerlicher Kleidung und vollkommen
maskiert zu ihm. Ohne einen Augenblick zu zögern, begrüßte er mich mit
tiefer Verbeugung als den Kardinal Rohan und hatte, ehe ich noch ein
Wort zu sagen vermochte, meinen Charakter, meine Wünsche und Neigungen,
ja die geheimsten Ereignisse aus meiner Vergangenheit so detailliert
beschrieben, wie ich sie mir selbst kaum je einzugestehen gewagt hatte.
Diese Beweise seiner phänomenalen Fähigkeiten hätten schon genügt, meine
Zweifel zu zerstreuen; aber was ich dann noch erlebte, machte mich zu
seinem Adepten. Ich traf am nächsten Tage die Gräfin Bethune bei ihm,
und ich sprach mit ihr, als wäre sie niemals taub gewesen; ich sah mit
meinen eigenen Augen einen armen gelähmten Bettler, den er gehen hieß
wie einen leichtfüßigen Jüngling, und ein blindes kleines Mädchen, dem
er mit einem Hauch seines Mundes die Augen öffnete. Als ihn am Abend die
Menge der Kranken verlassen hatte, -- ihr heißer Dank war der einzige
Lohn, den er annahm! --, hielt er mich noch zurück.
Im Lichte einer einzigen bläulich flackernden Flamme, die ohne Lampe und
Docht mitten in seinem, von Phiolen und duftenden Essenzen gefüllten
Laboratorium zu schweben schien, hatten wir ein denkwürdiges Gespräch,
das die Gegenwart und die Zukunft Frankreichs umfaßte. Was er sagte, muß
Geheimnis bleiben zwischen uns, es hat mich tief erschüttert, und die
Rolle, die er mir in der Flut kommender Ereignisse zuwies, erfüllte mich
mit einem so heißen Dank gegen Gott, daß ich in Gebet versunken in die
Kniee sank.
Das Geräusch knisternder Funken weckte mich erst aus der frommen
Entrücktheit. Das ganze Gemach war erfüllt von Glut; ich wollte schon um
Hilfe rufend zum Fenster stürzen, als eine Stimme, dröhnend wie die
eines Erzengels, mich zurückhielt. Ich sah den Grafen vor mir stehen,
und doch war er es nicht, denn eben erst war er mir wie ein Mann von
kaum fünfzig Jahren erschienen, und jetzt war er ein Greis, dessen Alter
niemand hätte bestimmen können: Die braune Haut spannte sich straff über
die Knochen, tief in den Höhlen lagen die Augen, die mageren Hände
griffen in die glühende Luft, die uns umgab, und wo sie hinfaßten,
verdichtete sie sich zu rotem Golde, zu schimmernden Edelsteinen. Äffte
mich ein Spuk der Hölle?! Ich riß das Kreuz von meiner Brust und
streckte es beschwörend dem Grafen entgegen. Mit demütiger Gebärde
drückte er die Lippen darauf! --
Glauben Sie mir, Frau Marquise: im Augenblick der höchsten Not hat Gott
selbst Frankreich den Retter gesendet!
Ich habe in der Zeit meines Aufenthalts alles versucht, um meiner
Überzeugung Anhänger zu gewinnen; aber leider hat sich das Gift des
Unglaubens wie eine Seuche verbreitet, und selbst die ersten Diener des
Staates und der Kirche nicht verschont.
Wie mir Graf Chevreuse erzählte, scheint jedoch die Königin lebhaftes
Interesse für die Wunder Cagliostros zu haben. Als er ihr auf meine
Veranlassung von seinen Leistungen berichtete, rief sie mit leuchtenden
Augen: »Er macht Brillanten!« und klatschte wie ein glückliches Kind in
die Hände dabei. Leider ist es mir jedoch noch immer nicht gelungen,
eine persönliche Audienz durchzusetzen, von der so viel abhängen würde.
Der Einfluß der Gräfin Polignac ist stärker denn je; sie weiß ihn mit
wahrhaft infernalischer Klugheit für sich und ihre Familie auszunutzen,
was nichts anderes bedeutet, als daß sie die Rohans und ihre Anhänger
fern hält. Ich hatte gehofft, der Königin bei dem Einweihungsfest des
kleinen Theaters von Trianon den Grafen im geheimen vorstellen zu
können, aber die Späheraugen der Partei Polignac verhinderten geschickt
jede Annäherung.
Wie bedauerte ich an einem zauberhaften Abend wie diesem, Sie, schönste
Marquise, nicht unter uns zu wissen. Das kleine goldstrotzende Theater,
das von außen ganz den Charakter eines Tempels, von innen den eines
liebesschwülen Boudoirs besitzt, ist der passendste Rahmen für das
graziöse Spiel unserer reizenden Königin. Sie war eine Soubrette, der
man es glauben kann, daß der Liebhaber, den Herr von Vaudreuil mit dem
natürlichsten Feuer spielte, aus unbefriedigter Sehnsucht wahnsinnig
werden kann. Das Stück des Herrn Sedaine -- der König und der Bauer --
ist freilich etwas schlüpfrig und nicht allzu reich an Geist, aber das
entzückende Spiel all der erlauchten Komödianten ließ schließlich alles
verzeihlich erscheinen. Strahlend vor Stolz nahm die Königin die
Huldigungen des illustren Publikums entgegen. Die neuen chinesischen
Laternen verbreiteten ein magisches Licht im nachtdunklen Park, als das
Theater sich wieder öffnete; man strömte hinaus, man suchte und fand
sich.
»Und draußen auf dem Meer wird inzwischen mit Menschenleben um die
Zukunft Frankreichs gespielt,« hörte ich einen Offizier neben mir sagen,
einen der vielen, die mehr und mehr vergessen haben, daß es zur Treue
gegen den Monarchen gehört, sich auch seinen unrichtigen Maßnahmen
kritiklos zu beugen.
Ich sollte bald darauf noch ein Beispiel für den herrschenden Geist der
Aufsessigkeit kennen lernen: Der Herzog von Chartres gab zu Ehren seiner
geistreichen Freundin Frau von Genlis ein Nachtfest im Park von Monceau,
das mit einer Wasserfahrt auf bekränzten Gondeln schließen sollte. Kaum
hatte die ganze Gesellschaft Platz genommen, als sich herausstellte, daß
sämtliche Ruderer betrunken waren. Erschrocken drängte alles hinaus. In
diesem Augenblick sagte ein kleiner Kapitän laut zu unserem edlen
Gastgeber: »Wir Franzosen machen auf dem Wasser anscheinend stets
dieselben schlechten Erfahrungen.« »Und trotzdem sehen Sie, welch
schönen Sieg wir erringen,« entgegnete der Herzog lächelnd und wies auf
die Gruppen ängstlicher Damen, die sich zitternd in die Arme
hilfsbereiter Herren schmiegten. Laharpe, der Unvermeidliche, ließ sich
die Gelegenheit zu einer poetischen Improvisation natürlich nicht
entgehen, wobei er Frau von Genlis als Venus, den Herzog als Mars
feierte und es nur, -- aus übertriebener Bescheidenheit! -- unterließ,
sich selbst als Adonis vorzustellen.
In wenigen Wochen kehre ich nach Straßburg zurück. Sollte Graf
Cagliostro meinen dringenden Bitten, mitzukommen, noch Gehör schenken,
so hoffe ich nicht nur für mich, sondern vor allem für Sie, teuerste
Marquise, auf eine im höchsten Sinne bedeutungsvolle Zeit.
Marquis Montjoie an Delphine.
-Straßburg, den 15. September 1780.-
Meine liebe Delphine. Rohan hat nicht zu viel gesagt. Ich bin aufs
äußerste überrascht von dem Erlebten und glaube darnach zu den größten
Erwartungen berechtigt zu sein. Ich brauche Ihnen wohl kaum noch zu
versichern, daß der Gedanke, meine körperlichen Kräfte zurückzugewinnen,
und mein Vermögen, wenn nicht zu vergrößern, so doch zu erhalten, mit
dem Wunsche, Ihnen nicht beschwerlich zu fallen, und Sie mit dem Glanz
zu umgeben, für den sie geschaffen sind, so innig verschwistert ist,
daß er fast identisch erscheint. Seit der großen Tragödie unseres
Hauses, unter der ich Sie zusammenbrechen sah, habe ich immer darnach
getrachtet, Sie wieder froh zu sehen. Nichts würde mir größere Freude
bereiten, als Ihre Wünsche erfüllen zu können, nichts bekümmerte mich
mehr, als daß die schwierigen, finanziellen Verhältnisse mich daran zu
verhindern vermöchten. Der Graf Cagliostro hat mich dieser Sorge
entrissen; es bleibt nur die eine noch drückendere, daß Sie wunschlos
neben mir her gehen. Ich muß die Vergangenheit zu Rate ziehen, um zu
wissen, was wenigstens damals Ihr Interesse heraufrief. Ich habe
Gartenkünstler und Architekten engagiert, um Park und Pavillon durch sie
vollenden zu lassen, und hoffe wenigstens auf ein zustimmendes
Kopfnicken.
Und nun habe ich eine Bitte an Sie. Ich legte dem Grafen die eine
schwerwiegende Frage vor, ob ich noch auf einen Erben hoffen dürfte. Er
behauptet, sie beantworten zu können, wenn er Sie gesehen hat. Diesem
Wunsche Folge zu leisten, ist seit Jahren der erste Wunsch, den ich
Ihnen ausspreche. Sie haben mir selbst das Zeugnis ausgestellt, daß ich
sie behandle wie ein väterlicher Freund. Beweisen Sie mir jetzt die
Dankbarkeit, die Sie mir so oft versichert haben.
Kardinal Prinz Louis Rohan an Delphine.
-Straßburg, den 26. September 1780.-
Die Sorge um Sie, teuerste Frau Marquise, verfolgte mich bis in meine
Träume. Lassen Sie mich umgehend wissen, wie Sie den fürchterlichen --
leider durch Ihre eigene Schuld fürchterlichen Abend überstanden haben.
Wie konnten Sie nur den Zustand der Entrücktheit, in dem der Graf sich
befand, so jäh unterbrechen, so daß er wie ein Toter zu Boden stürzte?!
Ist der Gedanke, noch ein Kind bekommen zu können, Ihnen so schrecklich,
daß er jenen Aufschrei äußerster Verzweiflung auslösen mußte? Wollen Sie
die ehelichen Pflichten nicht mehr anerkennen, Pflichten, die leider
auch unter dem korrumpierenden Einfluß antichristlicher Moral auf den
Schutthaufen der Vergangenheit geworfen werden?
Mit dem hoheitsvollen Lächeln eines Überlegenen ging der Graf über den
aufregenden Moment hinweg. Als er aber dann unter dem zauberhaften Licht
der schwebenden Flamme aus Ihrem eigenen Ring Tropfen flüssigen Goldes,
aus Ihrem eigenen Halsband schimmernde Edelsteine fallen ließ, und der
Marquis und ich dem Wunder mit andächtigem Staunen zusahen, warum
sprangen Sie auf und griffen in die Glut, so daß ihre weiße Hand sich
mit roten Brandwunden bedeckte; warum warfen Sie einem Manne, der unser
aller Wohltäter werden kann, Ihr »Schwindler!« entgegen?!
Als ich heute früh den Grafen begrüßte, -- sein Aussehen bestätigte mir
diesmal mehr als seine Worte, daß er das Alter Mose erreicht hat --,
sprach er in Ausdrücken warmer Anteilnahme von Ihnen. Wir alle wollen
Ihr Bestes, schönste Frau, und ich hoffe, Sie werden mich und den Grafen
empfangen, wenn wir uns im Laufe dieses Tages bei Ihnen melden lassen.
Vergessen Sie nicht, daß Ihre Weigerung auch Ihrem Herrn Gemahl der
Hilfe eines Menschen berauben dürfte, von dem er alles erwartet.
Graf Cagliostro an Delphine.
Frau Marquise! Sie wollen mich nicht empfangen. Es scheint Ihnen
unbekannt zu sein, daß alles, was mich betrifft, nicht vom Willen eines
Sterblichen abhängt.
Der Marquis ist ohne mich ruiniert und Sie seine lebenslänglich
Gefangene.
Auf Schloß Froberg sehen wir uns wieder.
Graf Guibert an Delphine.
-Paris, am 15. Dezember 1780.-
Meine teure Frau Marquise! Ihre Mitteilung enthielt für mich nichts
Neues. Ganz Paris ist erfüllt vom Ruhm Cagliostros, den die Einen für
einen geschickten Taschenspieler, die Andern für einen Zauberer halten.
Daß der Kardinal Rohan ihm verfallen ist, daß der Marquis Montjoie in
Straßburg ein Laboratorium einrichtete, um die Kunst des Goldmachens von
dem mysteriösen Fremden zu erlernen, -- das ist das Tagesgespräch in den
Salons, und Cagliostro kann sicher sein, mit dem Ruhm, der ihm jetzt
vorangeht, Paris zu erobern. Eine Gesellschaft, die zu Madame Bontemps
strömt, um sich aus dem Kaffeesatz wahrsagen zu lassen, die an Stelle
geistreicher Konversation Sitzungen mit Somnambulen treten läßt, ist
reif für diesen Propheten. Würden unsere Philosophen sich wohl die Mühe
gegeben haben, den Glauben zu vernichten, wenn sie geahnt hätten, daß
sie dadurch nur dem Aberglauben die Wege bereiten?! Je mehr die Furcht
vor der Wirklichkeit wächst, desto mehr flüchten die Feigen in das Reich
phantastischer Träume.
Sie werden vom Mißerfolg meiner Tragödie »Der Tod des Cajus Gracchus«
gelesen haben. Der Ernst erschreckte das Publikum; es verträgt den Witz,
ja die Satire, es lacht über sich selbst und über unsere politischen
Zustände, wenn man sie ihnen auch in Form der drastischsten Karikaturen
vorführt, aber es wird nie verstehen wollen, daß die Komödie im Grunde
ein Trauerspiel ist.
Herr Necker scheint alle Mittel seiner Weisheit erschöpft zu haben, ohne
es vor der Öffentlichkeit zugeben zu wollen. Herrn Linguet, der in
seiner Zeitschrift nicht aufhört, die Maßnahmen des Generalkontrolleurs
lächerlich zu machen, ist zwar in der Bastille Gelegenheit geboten
worden, für seine literarischen Sünden Buße zu tun, aber jedermann weiß
--, er selbst am genauesten --, daß der Hof seine gepfefferten Aufsätze
mit Vergnügen liest. Ich bin kein Anhänger der steifen Würde Herrn
Neckers, noch weniger der geistreichelnden Charakterlosigkeit des Herrn
Linguet, der nur Leute zu blenden vermag, die des Tageslichts ganz und
gar entwöhnt sind, aber angesichts der Möglichkeit der Verabschiedung
Neckers kann ich mir nicht verhehlen, daß, wer auch sein Nachfolger sein
mag, er sicher nur noch unfähiger sein wird, Frankreich vor dem Ruin zu
retten.
Ist es nicht auch ein Zeichen bedenklichen Niedergangs, daß ich an die
reizendste aller Marquisen schreibe, als wäre sie ein alter Diplomat?
Wahrhaftig, der Franzose verlernt es, in seinem Klub- und
Kaffeehausleben mit schönen Frauen Konversation zu machen. An Stelle der
Kunst der Unterhaltung tritt der schlechte Stil der Journale oder der
rohe Jargon der Grisetten.
Der Dienst, schönste Frau, führt mich in nächster Zeit nach dem Elsaß.
Sie würden sich einer geistigen Lebensrettung rühmen können, wenn Sie
mir auch nur für wenige Tage Aufnahme gewähren. Allein die Hoffnung, Sie
zu sehen, Ihre kleine Hand ehrfürchtig an die Lippen ziehen zu dürfen,
entreißt mich schon der morosen Stimmung. Die Gegenwart vergessen, indem
man sie genießt, ist schließlich die beste Philosophie.
Graf Guibert an Delphine.
-Paris, am 20. März 1781.-
Teuerste Delphine. Wie ich Adam beneide! Er wurde zwar gleich mir nach
einer Zeit, die zeitlos war, darum so lang wie die Ewigkeit und so kurz
wie ein Augenaufschlag, aus dem Paradiese vertrieben --, aber er hatte
doch die verbotene Frucht genossen!
Habe ich Ihnen nicht wochenlang treu gedient? sogar das Grauen vor dem
unheimlichen Gast Ihres Hauses überwunden, um Ihnen im Kampf gegen diese
Riesenspinne beizustehen, die unsichtbar ihre Fäden um Sie zieht.
Habe ich in Ihren neuen Parkanlagen nicht den Obergärtner, beim Ausbau
Ihres Pavillons nicht den Architekten gespielt, wobei ich die süße
Hoffnung nährte, daß diese Grotten und Lauben, daß diese rosiggoldene
Venusmuschel mir einmal mehr zu bieten hätte als künstlerischen Genuß?
Unser Jahrhundert ist ein mit den köstlichsten Gütern reich beladenes
Schiff, das einem fremden Erdteil zusteuert, um, vom Orkan getrieben, an
seinen Felsen zu zerschellen. Aber mag all sein Reichtum dabei zugrunde
gehen, wenn nur gerettet wird, was zur höchsten Blüte sich entfaltete:
die Kunst der Liebe. Und Sie, geboren zu ihrer Hüterin, wollen ihr jetzt
schon treulos sein? Heißt das nicht, den Barbaren die Zukunft
überlassen? Sollten nicht gerade wir, die Kinder einer sterbenden
Epoche, noch jede Glücksmöglichkeit erschöpfen, damit sie im
rotglühenden Glanze des Abendrots untergeht, und nicht unter grauem
Himmel und kühlen Regentränen?
O, es ist bitter für den Grafen Guibert, als Ersatz für die Liebe über
Liebe philosophieren zu müssen! Ich würde ganz darauf verzichten, ich
würde vor allem Ihren Wunsch, Ihnen nicht von Gefühlen, sondern von
Literatur und Politik zu erzählen, unerfüllt lassen, wenn nicht Ihre
leuchtenden Augen, Ihr roter Mund, Ihre kleinen weichen Hände, Ihre
reizende mit holder Koketterie gekleidete Gestalt mich überzeugt hätten,
daß Sie mit den politisierenden Damen des Palais-Royal nichts, aber auch
gar nichts zu tun haben. Einer Delphine Montjoie werden diese Dinge
nicht zum Lebensinhalt; sie dienen ihr nur, um ihren Geist zu entfalten,
ihre Empfindung zu vertiefen, wie Blumen und Bänder, Seidengewebe und
Edelsteine ihr dienen, um ihren Reiz zu erhöhen.
In diesem Sinne ergebe ich mich sogar in das Schicksal eines bloßen
Chroniqueurs.
Von Neckers Rechenschaftsbericht, den schon alle Welt in Händen hat,
brauche ich Ihnen kaum noch etwas zu sagen. Er ist das, was ich von
einem Manne, der Klugheit, aber keine Größe besitzt, erwartete: eine
geschickte Verschleierung der Tatsachen, ein Ablenken des Unwillens über
eine allgemeine Mißwirtschaft auf die Häupter von wenigen Mitschuldigen.
Das Volk, oder vielmehr diejenigen Kreise, die sich heute als Volk zu
bezeichnen lieben, -- Advokaten, Zeitungsschreiber, Krämer und
deklassierte Aristokraten --, jubelt, die Parlamentsräte, die
Intendanten und Generalpächter, denen Necker einige Wahrheiten sagt,
sind empört. Es wird sich wahrscheinlich wieder einmal zeigen, daß in
der Politik nicht die Mehrheit der Menschen, sondern die Macht des
Geldes den Ausschlag gibt, um so mehr, als die Königin des Sparens müde
ist und Necker zu Fall bringen wird, wenn nicht der Graf Cagliostro sich
sehr beeilt, auch ihr die Kunst des Goldmachens zu lehren.
Sie sehen: meine Gedanken kehren trotz allen Sträubens immer wieder zu
dem »Meister« zurück. Niemand konnte ihm skeptischer, ja feindseliger
gegenübertreten als ich, vor allem, seit ich sah, wie er den Marquis und
den Kardinal zu bloßen Werkzeugen seines Willens gemacht hat, und wie
sehr Sie um seinetwegen litten. Trotzdem --, ich bin außerstande, ihn
kurzerhand als einen raffinierten Betrüger abzutun. Er hat mir Dinge aus
meiner Vergangenheit gesagt, die nur ich wissen konnte; er hat
Prophezeihungen ausgesprochen, die nicht in die Rubrik billiger Träume
zu verweisen sind; er hat Saiten in mir zum Klingen gebracht, die mir
früher wie bloße Rudimente kindlicher Geistesbeschaffenheit erschienen
und von denen ich glaubte, daß die Voltaire und die Holbach sie längst
zerrissen hätten.
Wissen Sie noch, wie ich am letzten Abend vor dem Pavillon über den
»Goldmacher« zu scherzen versuchte, um Ihre Angst zu zerstreuen? Keine
Wolke trübte den strahlenden Himmel; purpurn senkte sich der Sonnenball.
Da fiel auf einmal ein langer dunkler Schatten über den Rasen vor uns
bis zum Teich; die Schwäne schlugen mit den Flügeln, Sie zogen fröstelnd
das weiße Tuch um die Schultern -- Cagliostro war vorübergegangen.
Ich wollte, Sie wären in Paris, teuerste Frau!
Marquis Montjoie an Delphine.
-Paris, am 25. Mai 1781.-
Meine liebe Delphine! Kaum hier angekommen, bin ich Zeuge eines
»umwälzenden Ereignisses« geworden, -- genau wie Cagliostro es
vorausgesagt hat. Ein neuer Beweis, der seinen Eindruck auf Sie nicht
verfehlen dürfte!
Necker erhielt seine Demission, nachdem alle Welt zum Dank für die
erstaunliche Leistung eines Plus von zehn Millionen im Staatsschatz
mindestens seine Standeserhöhung und seine Ernennung zum Minister
erwartet hatte. Sie wissen, daß er mich den Genfer Bankier nie vergessen
ließ, daß ich aber zugleich großes und, wie sich herausstellte,
berechtigtes Vertrauen in seine Geschäftsklugheit gehabt habe. Leider
war er den Herren Finanziers und Generalpächtern, die immer mehr das
große Wort führen, je mehr sie unsere Güter, unser Vermögen, unsere
Bildung sich aneignen und sogar den König dadurch zu täuschen versuchen,
viel zu klug. Sie sind es in der Tat, die Necker gestürzt haben. Wie
stark muß ihr Einfluß sein, daß dergleichen geschehen konnte.
Ich war Sonntag inmitten der Stadt, als die Nachricht sich verbreitete.
Alles war aufs äußerste konsterniert. Die Promenaden, die Cafés waren im
Augenblick überfüllt, aber es herrschte überall eine fast beängstigende
Stille. Man sah sich vielsagend an, man drückte einander teilnehmend die
Hand, als stünde man vor einer allgemeinen Katastrophe. In den nächsten
Tagen entwickelte sich eine förmliche Völkerwanderung nach Saint-Quen,
wohin Necker und seine Familie sich sofort zurückgezogen hatten. Man
bemerkte die Herzöge von Orléans, von Chartres, von Choiseul und
Richelieu, sogar den Erzbischof von Paris, und sah darin eine offene
Parteinahme wider den König, die von neugierigen Massen vielfach lebhaft
applaudiert wurde.
Am Abend kam es in der Comédie Française zu turbulenten Szenen. Man gab
La partie de chasse de Henri IV. Bei den Worten des Herzogs von
Bellegarde »sprechen Sie mit Respekt von einem so großen Minister!«
brach das Publikum in minutenlange Bravo-Rufe aus, und bei dem Ausruf
Heinrichs IV. »die Grausamen! Wie konnten sie mich um diesen Mann
betrügen!« weinte alles.
In der Oper kam es am selben Abend zu einem lärmenden Auftritt, als ein
Kavalier seiner Freude über den Rücktritt Neckers allzulauten Ausdruck
gab, und Herr von Bourboulon, dessen Broschüre den Generalkontrolleur
wegen seines Rechenschaftsberichts der Fälschung zieh, kann sich
öffentlich nicht sehen lassen, ohne insultiert zu werden. »Nun ist
Frankreich verloren,« hörte ich auf offener Straße einfache Leute
tränenden Auges zu einander sagen.
Ich kann nicht leugnen, daß ich Ähnliches empfinden würde, wenn ich
nicht in letzter Zeit zu neuen Hoffnungen mich berechtigt glaubte, von
denen ich nur bedauern kann, daß sie nicht auch die Ihren sind. Herr von
Saint-James war nicht wenig verblüfft, als ich einen Teil meines
Kapitals kündigte; er warnte mich vor Schwindlern, woraus ich entnahm,
daß mein Verkehr mit Cagliostro nicht unbekannt geblieben ist, aber,
meiner Abmachung mit dem Grafen getreu, habe ich mit keiner Silbe
erwähnt, was ich nun schon Dutzende von Malen mit eigenen Augen sah: daß
ein Louisd'or sich in der Glut des geheimnisvollen Feuers verdoppelte
und verdreifachte. Ich habe bei Gelegenheit des Besuches auch Ihren
Wunsch erfüllt und Ihr kleines Kapital aus dem Geschäft zurückgezogen.
Ich hoffe, Sie werden es in ein paar Boutons für Ihre rosigen Ohren oder
in eine Kette um Ihren weißen Hals verwandeln --, andernfalls würde mir
diese Laune der schönen Marquise nicht ganz verständlich sein. Fast
soviel als es ausmacht, habe ich bereits für Sie ausgegeben: Spitzen,
Seidenstoffe, Hüte und Häubchen für Ihre reizende Person, entzückende
kleine Möbel für den Pavillon -- Ihren goldenen Rahmen -- gehen heute
nach Froberg ab.
Werden Sie jemals wieder daran denken, sich für mich zu schmücken, meine
liebe Delphine? Sie haben keinen Liebhaber, -- obwohl ich nur der Gatte
bin, glaube ich, es behaupten zu können! -- würden Sie nicht,
versuchsweise, einmal mit mir vorlieb nehmen?! Ich heiratete Sie, weil
Sie mich entzückten, Ihre junge Schönheit meiner Eitelkeit schmeichelte.
Aber jetzt, Delphine, werbe ich um Sie, weil ich Sie liebe. Ich bin kein
schmachtender Anbeter; ich kann Sie nicht einmal mit der ergreifenden
Geschichte meiner Gattentreue rühren. Treue ist eine bourgeoise Tugend,
die nach Frondienst schmeckt. Aber ich werde vermögen, was kein anderer
vermag: Ihnen alle Herrlichkeit der Welt zu Füßen zu legen.
Marquis Montjoie an Delphine.
-Paris, am 3. Juni 1781.-
Meine Liebe! Die Nachricht von Ihrer Abreise nach Spa, die Mitteilung
von dem längeren Besuch, den Sie nach dem Badeaufenthalt Ihrer Freundin
Clarisse machen wollen, -- eine Freundschaft, der Sie sich gerade jetzt
zu erinnern belieben! -- ist die deutlichste Antwort auf meinen letzten
Brief.
Ich kann warten! Der Meister sagte mir, als wir die letzte Sitzung
miteinander hatten: sie kommt wieder. Ich glaube ihm. Erholen Sie sich,
amüsieren Sie sich, lassen Sie Dutzende von Männern zu Ihren Füßen
schmachten. Mir soll es recht sein, denn -- Sie kommen wieder!
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
-Versailles, am 18. Juli 1781.-
Soeben erfahre ich von meiner Schwester, daß Sie, Holdseligste, endlich
einer Einladung nach Chateau Larose folgen wollen. Sie ist entzückt; ich
bin es noch mehr; und meine Neugierde kennt vollends keine Grenzen, denn
die Marquise Delphine ist ein Rätsel, das einem Mann, der das Geheimnis
»Weib« ganz zu ergründen geglaubt hatte, immer aufs neue zu lösen übrig
bleibt.
»Die Marquise Montjoie hat den Schleier genommen,« wußte die kleine
Lamballe noch vor einem Jahre mit dem himmlischsten ihrer
Augenaufschläge zu berichten. Ich erschrak. Aber meine Phantasie
arbeitete bereits an der entzückendsten aller Klosterentführungen.
»Die reizende Delphine ist des Grafen Cagliostro Adeptin,« erzählte
wenige Monate später der Baron Wurmser bewundernd, als ob Sie es noch
nötig gehabt hätten, das Zaubern zu lernen. Ich war empört. Und mein
Entschluß stand fest, den Hexenmeister zu entlarven, um ihm sein Opfer
entreißen zu können.
»Wissen Sie, wer der Marquise Montjoie einziger Liebhaber ist?« lachte
Herr von Vaudreuil, als er im vorigen Winter in Straßburg gewesen war,
»der Herr Marquis!« Ich war verzweifelt. Denn nun erst schienen Sie mir
verloren.
Und jetzt erfahre ich von Ihrem Hofstaat in Spa, zu dem der Marquis
nicht gehört, -- denn ich sehe ihn in Paris im Gefolge Cagliostros --,
von Ihrer bevorstehenden Ankunft in Larose -- allein!
Versailles ist tot, seitdem der Zustand der Königin uns zur Tugend
zwingt. Aber selbst wenn es im höchsten Glanze strahlt, selbst wenn alle
Marmorgöttinnen seiner Gärten lebendig geworden wären, nur um mich zu
umarmen, -- Larose erschiene mir, von Delphine bewohnt, als der Himmel
auf Erden -- vorausgesetzt, daß es nicht der der Heiligen und der
Erzengel, sondern der der Houris und der Grazien ist.
Ich werde kurz vor Ihnen in Larose eintreffen, um nicht nur des Vorzugs
zu genießen, die holde Delphine aus dem Wagen heben zu können, sondern
um auch der Erste zu sein, der Ihnen das neueste gesellschaftliche
Ereignis von Paris zu berichten vermag: die Eröffnung des Hotels
Dervieux in der rue Chantereine, eines Meisterwerks von Bellanger. Die
jüngste und schönste Dienerin Terpsichores wird dank der Gunst des
Prinzen von Soubise seine Herrin sein, und ich rühme mich, sie entdeckt
zu haben. Daß sie schön ist, wird die Marquise Montjoie mir glauben; wer
könnte, der Sie kennt, mit einem anderen Maßstab messen, als dem Ihren?
Für den Geist der Kleinen zeugt dies Bonmot: Ein junger Mann bewarb sich
um sie. Sie wies ihn ab. Er kam immer wieder; schließlich schrieb er
flehend: »Gewähren Sie mir nur als Almosen Ihre Gunst.« Sie erwiderte
auf rosigem billet-doux-Papier: »Ich bedaure lebhaft, mein Herr, ich
habe schon meine Armen.« Sie werden mir zugeben, schönste Frau, daß Guy
Chevreuse, dank der Erziehung durch Sie, auf der Höhe seines guten
Geschmacks geblieben ist.
Je mehr die Gelehrten sich über die Entdeckungen neuer Wunder der Chemie
und der Physik den Kopf zerbrechen und ihrer Unsterblichkeit die Genüsse
ihrer Sterblichkeit opfern, desto mehr fühle ich es als heilige Pflicht,
der gräßlich ernsthaft werdenden Menschheit Quellen der Freude zu
erschließen, auch wenn mein Dank dafür in nichts besteht, als im jus
primae noctis. Das ist lateinisch, schönste Frau; ich lernte die drei
Worte, in denen sich meine ganze Kenntniß der klassischen Sprache
erschöpft, von Herrn von Beaumarchais und bitte Sie, sie sich von ihm
--, der mit uns in Larose und mein gefährlichster Nebenbuhler sein wird!
-- erklären zu lassen.
Übrigens wird noch eine dritte Schülerin von L'Abbaye aux Bois unter den
Gästen sein: Die Prinzessin d'Hénin. Es wird also an Beweisen dafür
nicht fehlen, daß trotz Rousseau und seiner jüngsten Nachfolgerin in der
Predigt von der freien und naturgemäßen Kindererziehung der Madame
d'Epinay die des Klosters noch immer die beste ist, sie gab uns die
reizendsten, die vorurteilslosesten, die liebenswertesten Frauen. Mit
einer Grazie ohnegleichen hat sich die Prinzessin in das Verhältnis
ihres Gatten zu Mademoiselle Arnould gefunden. Als eine Tugendhafte aus
dem Salon Necker sie kürzlich bedauern wollte, sagte sie achselzuckend:
»Was wollen Sie?! Mir sind Männer, die nichts zu tun haben,
antipathisch. Der Prinz hat doch nun wenigstens eine Beschäftigung.«
»Hat er denn keinen andere?« frug die Tugendhafte malitiös. »Bei mir
jedenfalls nicht!« antwortete lächelnd die Prinzessin.
Ich greife schleunigst nach Siegellack und Petschaft, ich gerate ja fast
in die Gefahr, meinen Witz noch vor unsrer Begegnung zu erschöpfen, und
wollte ihn doch, als Strahlenbündel verpackt, nach Larose mitnehmen, um
in blendender Gloriole vor Ihnen, Holdseligste, dazustehen.
Herr von Beaumarchais an Delphine.
-Paris, den 11. Oktober 1781.-
Wer Larose mit Paris vertauscht, ist weit mehr ein Sträfling, als wer
die Freiheit der Hauptstadt mit den Ketten der Bastille vertauschte. Ich
sitze vor dem Schreibtisch, statt vor der schönsten Frau Frankreichs,
ich schaue durch trübe Scheiben auf Häusermauern, statt durch grüne
Blätter auf blauen Himmel, und -- Schrecken aller Schrecken! -- ich lese
Figaros Streiche einem Haufen hirnloser Komödianten vor, statt der fine
fleur der Pariser Gesellschaft. Noch klingt mir Ihr perlendes Lachen im
Ohr, -- als ein gellender Mißton drängt sich die Kritik hochmögender
Kollegen dazwischen, die zwar nichts besser machen, aber alles besser
wissen wollen.
Es gibt Leute unter ihnen -- à la Demoines, der der Dubarry Tugendkränze
flocht und Ludwig XVI. so lange versichert hat, daß er ein Genie ist,
bis er es selber glaubt --, die angesichts meiner Komödie um die
Sicherheit des Staats und um die guten Sitten der Pariser zittern. Ich
tröste mich; denn noch haben alle, die ihre Feder zum Schwerte
schliffen, den Vorwurf ertragen müssen, daß sie Zustände schaffen,
während sie lediglich den Mut hatten, deren Vorhandensein aufzudecken.
Wie die ängstlichen Bedenken literarischer Streber mir bestätigen, daß
mein Stück gut ist, so bestätigt mir der lebhafte Beifall, den seine
Vorlesung bei dem alten Kanzler Maurepas vor einer Gesellschaft
ehrwürdiger Kirchenfürsten fand, daß Figaro recht hat, mit der
Narrenpeitsche auf die Almavivas einzuschlagen. Oder finden Sie nicht,
daß sogar ein simpler Barbier dunkler Herkunft sich erlauben kann, die
Gesellschaft zu verachten, die den Aussatz, an dem sie leidet, bloß --
komisch findet?!
Sie haben recht, klügste aller Marquisen: Beaumarchais und Figaro sind
identisch, -- »Herr da und Knecht dort, wie es dem Glücke gefällt,« --
und ich meine alle Maurepas, für die Frankreich nur da ist, damit sie
Minister sein können, und alle Rohans, die mir die Herausgabe der Werke
Voltaires verbieten und damit Voltaire selbst glauben vernichtet zu
haben, wenn Figaro zu Almaviva sagt: »weil Sie ein großer Herr sind,
meinen Sie ein großes Genie zu sein. Adel, Vermögen, Rang, Würden, all
das macht stolz. Aber was haben Sie geleistet für so viel
Herrlichkeiten? Sie haben sich nur die Mühe genommen, geboren zu werden!
Im übrigen ein Alltagsmensch, während ich, im dunklen Haufen verloren,
nur um mich fortzubringen, mehr Witz und Wissen aufwenden mußte, als
man in den letzten hundert Jahren verbraucht hat, um den Staat zu
regieren.«
Sie haben aber unrecht, wenn Sie sagen: Figaro wird die Bühne nie
betreten. Er wird, Frau Marquise, er wird! Schon habe ich Madame Campan
eine Abschrift meiner Komödie in die Hände gespielt und sie hat sie dem
König und der Königin vorgelesen. »Das ist abscheulich! Das ist
unanständig!« hat Ludwig XVI. nicht aufgehört zu versichern. »Man wird
das Stück nicht aufführen,« hat er mit der ganzen Autorität des
absoluten Monarchen hinzugefügt. Ist das nicht ein Riesenerfolg, eine
sichere Gewähr für die Aufführung?! Der König will nicht, daß Figaros
Hochzeit gespielt wird; ich aber schwöre, sie wird gespielt werden und
wäre es auf dem Chor von Notre-Dame!
Das Antichambre will in den Salon, Frau Marquise, und Figaro reißt zu
dem Zweck die Flügeltüren auf.
Sie glauben mir nicht? Sie weisen mich wieder darauf hin, mit welcher
Begeisterung die Geburt des Dauphin begrüßt worden ist, wie »das Volk«
Vivat schrie, wie »das Volk« den Namenszug des Neugeborenen als Broschen
und Busennadeln trägt. Was ist »das Volk?!« Einmal ein Haufe
märchenseliger Kinder, die in jedem Prinzlein einen Erlöser verzauberter
Prinzessinnen sehen, das andere Mal eine Herde blutdürstiger Raubtiere,
die Tauben mit derselben Gier verschlingen, wie Wildkatzen.
Sie wünschen noch ein Pariser Ragout? Cagliostro macht glänzende
Geschäfte. Er ist, bei Gott, ein großer Erzieher, denn er beweist, daß
man nur die Frechheit haben muß, Glassplitter für Edelsteine auszugeben,
um alle Narren -- d.h. die Mehrheit -- glauben zu machen, daß sie es
wirklich sind.
Die Redoute chinoise ist im Beisein der besten Gesellschaft eröffnet
worden. Ein Variété, wo man Dirnenlieder singt und Vagabundengeschichten
erzählt, eine Bildungsanstalt also, die bestimmt ist, in den Theatern
für »das Volk« Platz zu machen. Die Übersättigten kehren bekanntlich
immer zum Schweinefett als zu einer Delikatesse zurück.
Die Muse Rétifs de la Bretonne ist wieder einmal kläglich
niedergekommen. Für ein Siebenmonatskind ist das Kleine recht lebhaft,
und dabei von einer Natürlichkeit --! Zeigten seine älteren Geschwister
nur den völlig feigenblattlosen Körper, so geht das jüngste so weit,
auch seine primitivsten Funktionen blos zu stellen. Sein Erfolg ist
selbstverständlich enorm. Ist das am Ende ein Beweis für unser
Greisentum? An Exhibitionen berauschen sich immer nur Zeugungsunfähige.
Übrigens ist Herrn Rétif in dem Chevalier Choderlos de Laclos ein
gefährlicher Konkurrent erstanden. Seine »Liaisons dangereuses« sind ein
graziöses Büchlein, und wie Rétif der Rousseau der Gosse ist, so dürfte
Laclos der Rétif der guten Gesellschaft werden.
Von alten Freunden hat sich der gute Laharpe mit einer Ausgabe seiner
gesammelten Werke eingestellt. Man pflegte das früher der Nachwelt zu
überlassen, und wenn es mich schon überrascht, daß Laharpe den Mut
besitzt, seine ganze Karriere -- vom begeisterten Anhänger Voltaires bis
zum Freunde Marie Antoinettes -- offenherzig zu enthüllen, so wundert es
mich weit mehr, daß er die Selbsterkenntnis besitzt, zu tun, woran nach
seinem Tode niemand mehr denken würde. Er ist, wie Herr von Chamfort
bissig bemerkte, eben ein Mann, der sich seiner Fehler bedient, um seine
Laster zu verstecken.
Der Herzog von Chartres hat die große Allee vom Palais-Royal
niederschlagen lassen, um gedeckte Wege anzulegen. Seitdem die
Spekulanten wie Prinzen leben, ist es den Prinzen nicht zu verargen,
wenn sie Spekulanten werden.
Madame de Genlis hat sich nun auch entschlossen, die Reform der
Erziehung in die Hand zu nehmen --, natürlich indem sie ein Buch darüber
schrieb. Ist der Eifer, die Kinder vor schlechter Erziehung zu retten,
nicht schrecklich rührend in einer Zeit, wo die Eltern kein Brot mehr zu
essen haben!?
Sie sehen, eine Überfülle erstaunlicher Ereignisse; kommen Sie bald,
damit Ihnen nicht allzu viel entgeht, -- vor allem aber, damit Sie
Figaros Sieg erleben!
Baron Ferdinand Wurmser an Delphine.
-Paris, den 10. Februar 1782.-
Verehrte Cousine. Wenn ich jetzt erst dazu komme, Ihnen zu schreiben, so
werden Sie das einem Manne zugute halten, der nach einem Jahrzehnt der
Abwesenheit nach Paris zurückgekehrt ist und bei jedem Schritt, den er
tut, zu träumen glaubt.
Welch eine Umwälzung! Ich bin von ihr noch dermaßen benommen, daß ich
nicht weiß, ob ich sie freudig begrüßen, oder vor ihr erschrecken soll.
Ein Eindruck ist es vor allem, der geradezu verblüffend wirkt, und den
ich in vier Worten zusammenfassen kann: Das Volk ist da!
Sind wir früher, als wir uns fast nur zu Pferde oder zu Wagen durch die
Straßen bewegten, so rasch an ihm vorübergeglitten, oder wagte es sich
wirklich nicht aus seinen Quartieren heraus, -- ich weiß es nicht;
jedenfalls ist es erst jetzt vorhanden. Es geht, ohne uns Platz zu
machen, auf denselben Wegen wie wir, es schreit und lärmt auf den
öffentlichen Plätzen, es spricht mit lauter Stimme von Freiheit,
Demokratie, Republik, wo es früher nur den Mund aufzutun wagte, um vive
le roi zu rufen. Das Erstaunlichste aber erlebte ich gestern.
Das Gerücht von der Ankunft Lafayettes hatte sich verbreitet. In
Versailles wußte freilich niemand davon, als die Pariser Straßenjungen
sich schon im »vive Lafayette« übten. Ich hielt mich von früh an im
Palais-Royal auf, wo die Arkaden, die der Herzog zum Ersatz der
verschwundenen großen Allee bauen ließ, der Vollendung entgegengehen und
der Sammelpunkt geistigen Lebens zu werden scheinen. Man sprach voll
Begeisterung von dem erwarteten Helden, von der endgültigen Befreiung
Amerikas, von dem großen, ausschlaggebenden Sieg bei Yorktown.
»Ein Fanal der Freiheit war der Brand der Stadt!« schrie Einer, der
dabei gewesen sein wollte. »Bald brennt es auch bei uns!« rief ein
Andrer. »Und mit den Feudalrechten und den Steueredikten schüren wir den
Scheiterhaufen der Monarchie«, frohlockte ein Dritter, -- ein buckliger
Mensch mit dem ausgemergelten Gesicht eines Savanarola. Alles
applaudierte.
Der Ruf »Lafayette!« der irgendwo von oben zu kommen schien, übertönte
den Lärm. Einen Augenblick tiefen Schweigens --, dann wälzte sich die
Menge einmütig dem Eingang zu, und schon in der nächsten Minute sah ich
einen Mann in Uniform, von starken Armen getragen, hoch über ihren
Köpfen schweben. Hüte flogen in die Luft, Taschentücher wehten, --
lauter weiße Fahnen --; als der Marquis endlich mit den Füßen wieder den
Boden berührte, streckten sich ihm hunderte von Händen entgegen. Und
breite, schmutzige Fäuste umklammerten seine schmale Aristokratenhand.
Alles in mir empörte sich beim Anblick dieser Berührung. Ich versuchte,
mich hinaus zu drängen. Da traf mein Blick von ungefähr einen anderen
Uniformierten, der neben Lafayette stand: dies scharfgeschnittene
Profil, diese stahlblauen Augen, diese hellen blonden Haare waren mir
bekannt, ja vertraut. Friedrich-Eugen! Das Erstaunen löste den lauten
Ruf von meinen Lippen. Er hörte mich nicht; er sprach -- fast
freundschaftlich, wie mir schien -- mit jenem Buckligen, und seine braun
gebrannten Wangen färbten sich dabei mit einem leisen Rot, seine
schmalen Lippen umspielte ein Lächeln, -- er freute sich dieser
Begegnung!!
Ich wäre außer stande gewesen, den alten Freund zu begrüßen, und bahnte
mir mit den Ellenbogen den Weg hinaus.
Als ich ziellos durch die Straßen stürmte, führte mich der Zufall --
oder das Schicksal?! -- an Cagliostros Haus vorbei. Ich zögerte
unwillkürlich und schaute hinauf. Der Meister stand am offenen Fenster.
Etwas wie ein teufliches Grinsen, das ich nie vorher an ihm gesehen
hatte, verzerrte seine Züge. Mit der großen gelben Hand winkte er mir
zu und rief mit einer Stimme, als kratze eine Stahlklinge über eine
Schiefertafel: »Die Luft weht schneidend heute, was, Herr Baron?! Machen
Sie, daß Sie nach Hause kommen, für zarte Häute ist das nichts,« und,
hell auflachend, schlug er krachend das Fenster zu. Ich stand noch wie
gebannt, als ich den Marquis, Ihren Gemahl, unten aus dem Torweg treten
sah. Er ging langsam, sehr gebückt, seine Schultern zuckten, als fröre
ihn unter dem dicken schwarzen Mantel. Besorgt wollte ich ihn anreden.
Aber er sah an mir vorbei ins Leere.
Es war ein böser Tag, teuerste Cousine, und ich würde am liebsten meine
Koffer packen, und den Weg, den ich kam, mit der schnellsten Post
zurückkehren. Rußland erscheint mir jetzt wie eine stille,
felsenumschlossene Bucht, in deren dunklen Wassern sich zwar die Sonne
nicht spiegelt, die aber auch der Sturm nicht aufpeitscht.
Aber die bevorstehende Ankunft des Großfürsten fesselt mich hier, und
ich knüpfe die Hoffnung daran, daß sie mit vielen Festen und Empfängen
die Wirkungen schlechter Träume zerstreuen wird.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
-Versailles, am 15. März 1782.-
Verehrteste Frau Marquise. Im Auftrage meiner erhabenen Gebieterin,
Ihrer Majestät der Königin, habe ich die Ehre, Ihnen dero allerhöchste
Wünsche ganz ergebenst zu unterbreiten.
Ihre Kaiserlichen Hoheiten, der Großfürst Paul von Rußland und seine
Gemahlin, die Großfürstin Maria Feodorowna, geborene Prinzessin
Montbéliard, gedenken im Mai den französischen Hof durch ihren Besuch
auszuzeichnen, und Ihre Majestät will alles daran setzen, um den
erlauchten Gästen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten.
Sie bittet daher die Frau Marquise Delphine Montjoie als Jugendgespielin
Ihrer Kaiserlichen Hoheit während der kommenden Monate die
Gastfreundschaft des französischen Hofes gleichfalls akzeptieren zu
wollen.
Bis hierher schreibt Ihnen, schönste Delphine, nur die von einem höheren
Willen in Bewegung gesetzte Feder, und jetzt erst tritt Guy Chevreuse
persönlich in Aktion, um seinem Vergnügen darüber Ausdruck zu geben, daß
auch die liebenswürdigste Bitte einer Königin selbst für die stolzeste
Marquise einem Befehle gleichkommt, und daß Ihnen im Augenblick, wie ich
vorsichtshalber schon vorher in Erfahrung brachte, jede Begründung eines
möglichen Ungehorsams fehlt. Ich durfte mich in Larose selbst
überzeugen, daß Sie nicht den Schleier zu nehmen willens sind, denn
statt mit dem Rosenkranz für fromme Nonnenhände, sah ich Sie mit einer
Kette aufgereihter Männerherzen grausam spielen. Immer, wenn ich hoffte,
Sie hielten das meine fest, ließen Sie wieder ein anderes durch die
weißen Finger gleiten. Ich weiß auch, daß Sie in Straßburg nicht so auf
der Höhe der allerneuesten Mode stehen, um sich durch eine
Turteltauben-Ehe fesseln zu lassen, und daß Sie nicht zu den Getreuen
Cagliostros gehören, schon weil der Herr Marquis dazu gehört. Ich traf
ihn erst gestern in der Loge des Großmeisters, wo die reizendsten Frauen
und die vornehmsten Kavaliere in schauerndem Entzücken der Mysterien
harren, die ihnen der wieder erstandene Priester der Isis enthüllen
will.
Was mich zu ihm trieb? Die Spielleidenschaft --, sein Schmelzofen ist
wie Würfel und Karten: er schafft und er verschlingt Vermögen. Die
Neugierde --, in der Welt, die wir bis zur Neige ausgekostet zu haben
glaubten, sind die okkulten Wissenschaften die neue, große Sensation.
Überdies: ein Priester, der Gold macht, bekehrt selbst den ärgsten
Ketzer, um so mehr, wenn Seine Hochwürden, der Kardinal von Straßburg
und Großalmosenier von Frankreich seinen Segen dazu gibt.
Man könnte glauben, Cagliostro wäre ein heimlicher Agent der Condorcet
und Mirabeau: er betäubt mit seinen Hexenkünsten ihre Gegner, er
fasziniert die Geister, er schläfert alles Mißtrauen ein, er lenkt die
Einbildungskraft von der Nüchternheit des öffentlichen Lebens ab.
Glauben Sie, es würde sich in Paris noch irgend jemand über die
Belagerung von Gibraltar aufregen, wenn jeder Mann Gold machen könnte
und jedes Weib das Elixier ewiger Jugend besäße?!
Wir sind in Trianon schon mitten in der Vorbereitung reizender
Aufführungen zu Ehren der kommenden Gäste. Herr von Calonne, der mit den
Finanzen Frankreichs die Griesgrämigkeit aller seiner Vorgänger erbte,
-- genau wie ein petit-maître seinen Witz verliert, wenn er anfängt,
seine Schulden nachzurechnen --, sagte neulich mit düsterem Stirnfalten
zur Königin: »Sie tanzen auf einem Vulkan, Majestät.« »Wenn wir nur
tanzen!« lachte sie, »und das Parkett glatt genug ist. Was kümmert es
mich, was sich darunter versteckt!« Und Cherubins Romanze trällernd,
ging sie dem König entgegen, dem bei dem Ton des verbotenen Liedes
jedesmal die Zornader schwillt.
Ich dagegen dachte noch immer mit einem angenehmen Schauder an den
Vulkan. Mir scheint es weit reizvoller, mit einem Feuerwerk in die Luft
zu gehen, als ängstlich in das Tal hinabzukriechen.
Was meinen Sie dazu, schönste Frau?
DER PRINZ
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Versailles, den 12. April 1782.-
Teuerste Frau Marquise. Im Augenblick, da ich den Boden Frankreichs
wieder betrat und die Jahre zwischen damals und heute ausgewischt
erschienen, war mir, als müßte ich Ihnen zuerst begegnen, als könne das
neue Leben nur beginnen, wenn der Stern über ihm strahlte, der meiner
ersten Jugend geleuchtet hat. Erst als der brave Gaillard, der Sie zwar
nie mehr sah, aber trotzdem nie aus dem Auge verlor, mir von Ihnen und
Ihrem Kinde erzählte, und als Sie im Schloß von Versailles zum ersten
Male wieder vor mir standen und mich nicht anders begrüßten wie jeden
Fremden, fühlte ich, daß mehr als Jahre, daß Schicksale die Gegenwart
von der Vergangenheit trennen.
Wenn Sie, an das Leben der großen Welt gewöhnt, das alle Abgründe der
Seele mit Lärm und Zerstreuung füllt, imstande sind, während der
kommenden Anwesenheit meiner Schwester, die uns notwendig täglich
zusammenführen wird, gleichmäßig fremd neben mir herzugehen, -- ich,
Delphine, der auf den Steppen und in den Urwäldern Amerikas mehr denken
lernte, als reden, und mehr empfinden, als überlegen --, ich vermag es
nicht!
Es gibt nur zwei Wege für mich: entweder wir löschen aus, was uns
trennte, und reichen uns als gereifte Menschen, die über kindische
Torheiten zu lächeln lernten, die Hand, oder --, ich gehe. Ich habe Sie
bitter gekränkt -- ich weiß es -- ich habe aber auch bitter um Sie
gelitten! Darum verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen Unrecht tat, und ich
will den Stachel aus meinem Herzen reißen, der noch immer in ihm brennt.
Ich erwarte keine schriftliche Antwort. Sie sollen sich nicht, von
irgendeinem äußeren Einfluß gezwungen, an den Schreibtisch setzen, und
ich will nicht eins jener Billette von Ihnen lesen müssen, aus dem ich
nicht zu sehen vermag, ob sein Inhalt Empfindung oder Höflichkeit ist.
Wir sehen uns heute in der Akademie. Ein Blick von Ihnen wird mir mehr
sagen können, als viele Worte.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Versailles, den 13. April 1782.-
Was ich gestern nicht auszusprechen vermochte, weil ich fürchtete, der
lange zurückgedämmte Strom meiner Gefühle möchte nur zu stürmisch
emporquellen, das muß ich Ihnen heute sagen: Ich danke Ihnen für Ihren
Blick, für Ihren Händedruck; ich danke Ihnen dafür, daß Sie leben, daß
ich Sie sehen darf!
Als Condorcet zu sprechen begann, war ich noch so bewegt von Ihrer
Güte, teure Delphine, daß ich dem Redner trotz all meines Interesses für
seine Persönlichkeit, lange Zeit nicht zu folgen vermochte. Ich stand in
der Fensternische und sah nur Sie! An mein Ohr schlugen Worte, aber in
ihm klang nur Ihre weiche Stimme nach!
Erst allmählich kam ich zu mir und horchte. Wie oft hatte ich mich
draußen darnach gesehnt, einen der führenden Geister Frankreichs zu
hören. Nun stand er vor mir; das 18. Jahrhundert ist das Thema seiner
Rede; die Entwicklung der Freiheit wird er rühmen, dachte ich --, der
Freiheit, für die wir drüben bluteten.
»Ein junger Mann, der heute unsere Schulen verläßt, hat mehr Kenntnisse,
als die größten Genies der Antike«, -- sagte er. Man klatschte Beifall,
die jungen Männer am lautesten, als müßten sie sich selbst applaudieren.
Im stillen Zelt, am Lagerfeuer jenseits des Weltmeeres war unsere
einzige Lektüre, die uns aufrichtete wie die Bibel die guten Christen,
der Plutarch gewesen. Sind wir wirklich an Kraft und Tugend den Helden
des Altertums überlegen, weil wir das Gesetz der Schwere kennen, oder
weil wir wissen, daß die Erde sich um die Sonne dreht?! Ich hatte noch
nicht zu Ende gedacht, als ich Condorcet weitersagen hörte: »Jedes Jahr,
jeder Monat, jeder Tag ist gleicherweise durch neue Entdeckungen und
Erfindungen ausgezeichnet.« Aber ich habe nicht gefunden, daß Frankreich
darum reicher und glücklicher geworden ist: die Spinnmaschine lockt arme
Weiber in den Frohndienst der Fabriken; die Elektrizität dient
Nichtstuern zu amüsanten Experimenten, Blanchards famose Flugmaschine
ist nichts weiter als ein neues Seiltänzerkunststück.
Und mit Emphase schloß der Redner, während seine Stimme melodisch
anschwoll, als stände nicht der Gelehrte Condorcet, sondern der
tragische Mime Le Kain auf der Tribüne: »Als Zeugen der letzten
Anstrengungen der Unwissenheit und des Irrtums sehen wir, daß die
Vernunft aus diesem langen schweren Kampf siegreich hervorgegangen ist,
und können endlich ausrufen: die Wahrheit hat gesiegt! Die Vernunft ist
gerettet.«
»Cagliostro!« rief jemand und ein Degen klirrte heftig gegen die Dielen.
Sie sahen sich erschrocken um; Sie fühlten wohl, daß nur ein
Verwilderter, wie ich, sich so formlos hatte benehmen können!
Ich versichere Sie, die Empörung schnürt mir noch jetzt die Kehle
zusammen: nach drei Jahren der Abwesenheit kehre ich wieder, finde den
Ruin vor der Türe, die Angst um die Existenz in den Mienen eines Jeden,
sehe die Einen in sinnloser Furcht fremden Gauklern in die Arme laufen,
die Anderen ihren Zorn in nichts weiter als Reden und Journalartikeln
Luft machen, und muß erleben, daß einer der Ersten im Lande die
Vernunft für gerettet, die Wahrheit für siegreich erklärt!
Ach, Delphine, wer sich in die Einsamkeit zu flüchten vermöchte, fern
all den wirren Stimmen der Gegenwart! Ich denke oft des weißen
Schlößchens zwischen geschnittenen Laubengängen, und des Schwanenweihers
davor und des kleinen hellen Tempels auf grüner Wiese!
Aber die Zeit ist zu hart, als daß wir uns erlauben könnten, sentimental
zu werden. Wir dürften nicht einmal fröhlich sein. Ich würde mich der
Teilnahme an den kommenden Festen schämen, wenn Ihre Anwesenheit nicht
alles entschuldigte. Nur zum Komödianten, mit anderen Worten: zum
Spaßmacher der Gesellschaft, vermöchte ich mich nicht herzugeben; -- es
tut mir weh, daß Sie dazu imstande sind! Zürnen Sie mir nicht wegen
meiner Offenherzigkeit! Das Verstecken alles wahren Gefühls hat die
allgemeine Verlogenheit so sehr züchten helfen, daß ich lieber grob und
grade bin wie die Amerikaner.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
-Versailles, am 6. Mai 1782.-
Ihre Absage, schönste Frau Marquise, können wir nicht gelten lassen; Sie
stören unser ganzes Ensemble, die künstlerische Einheit und vor allem:
das Vergnügen der Gäste, die reizendste der drei Grazien vor sich zu
sehen. Der Vorwand schlechten Befindens gilt im Paris Cagliostros nicht,
noch weniger der der schlechten Stimmung, die eine Marquise Montjoie
weder haben und noch weniger bei ihrer Königin hervorrufen darf.
Ihre Majestät ist ernstlich gekränkt und es ist nicht unmöglich, daß sie
nunmehr befiehlt, nachdem sie umsonst gebeten hat. Setzen Sie sich dem
nicht aus, Holdseligste; Ungnade schmeckt bitter. Ich habe mich gestern
schon von einem Sturm allerhöchst schlechtester Laune bis in meine
innersten Gemächer wehen lassen. Die Ursache ist gewichtig genug: Der
Juwelier Boehmer wurde in Audienz empfangen, um ein Brillanthalsband
vorzulegen, das an Pracht alles Dagewesene übertrifft. Die Gräfin
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