verstummte, die Sorbonne zitterte, die Enzyklopädisten, die sich sonst
als Riesen gebärdeten, erschienen wie Zwerge. Und der König, eben
gewillt, sich daran zu erinnern, daß der Ausweisungsbefehl gegen
Voltaire noch nicht aufgehoben ist, fühlte plötzlich, daß es größere
Mächte gibt, als die der Majestät von Frankreich.
Nach Voltaires Ankunft drängte sich ganz Paris zu seiner Huldigung und
mit jenem Esprit, jener Grazie und Höflichkeit, die nur er aus der
Vergangenheit in die rauhe Gegenwart hinübergerettet hat, antwortete er
jedem einzelnen.
Dann kam der Tag, der die Erfüllung seines Lebens war. Mittags empfing
ihn die Akademie; sämtliche ihrer Mitglieder, mit Ausnahme der Bischöfe,
die sich hatten entschuldigen lassen, gingen ihm bis zum Portal
entgegen, -- eine Ehre, die noch keinem, selbst dem König nicht, zuteil
geworden ist. Er stieg aus der Kalesche: klein und schmal mit der grauen
Perücke, wie er sie schon vor vierzig Jahren trug, über der blassen
Stirn, dem roten pelzverbrämten Samtrock um die fleischlosen Glieder,
und den breiten Spitzenmanschetten über den schmalen gelben Händen,
deren lange Finger an die Krallen seines Geistes gemahnten, die er, ein
blutdürstiges Raubtier, allem niedrigen Gezücht in die Flanken schlug,
-- da neigten sich jene Unsterblichen, die ohne ihn sehr sterblich
geblieben wären, vor einem einzigen blitzartig aufzuckenden Blick seiner
Augen.
Doch die Huldigungen der Akademie waren nur das Präludium dessen, was
ihn im Theater der Nation erwartete. Der Einzug eines Triumphators war
schon sein Weg vom alten Louvre bis zu den Tuilerien: Tausende säumten
die Straße, alle Rangunterschiede vergessend; die roten Hacken der
Kavaliere berührten sich mit den Holzschuhen der Handwerker, die
seidenen Polonaisen der Damen mit den blauen Schürzen der Mägde. Im
Theater empfing ihn frenetischer Jubel. Alles erhob sich, als er
eintrat; von der ungeheuren Bewegung zitterten die Kerzen, das Rauschen
der Kleider war wie fernes Wellenbrausen, und als eine reizende Schöne
das greise Haupt des großen Mannes mit Lorbeer krönte und alle Blumen,
die eben noch Haar und Busen der Frauen geschmückt hatten, ihm zuflogen,
da schien der Augenblick gekommen, wo Intoleranz und Fanatismus,
gefesselte Giganten, der Göttin Vernunft zu Füßen gezwungen wurden.
Dunkle Nacht empfing den Gefeierten, als das Theater sich hinter ihm
schloß; aber kaum erschien er auf der Freitreppe, so flammten schon
ringsumher Fackeln auf, unter denen sich eine unabsehbare schwarze
Menschenflut auf und ab bewegte. War sein Antlitz bisher fast unbewegt
geblieben, so sah ich ihn jetzt erbleichen, sah seine Augen sich weiten,
sah wie die Arme, die eben noch schwer auf den Schultern seiner
Begleiter gelegen hatten, sich aufwärts bewegten, wie die wächsernen
Hände sich streckten.
Der Priester der zukünftigen Religion segnete die Menge. Ihr feierliches
Schweigen bewies, daß sie ihn verstand.
Im Augenblick aber, da er, wieder ein müder Greis, auf die Freunde
gestützt, die Stufen hinabzuschreiten begann, rief einer von unten, den
niemand sah, der aber die Stimme aller zu sein schien, mit dem
getragenen Tonfall des psalmierenden Kirchenchors:
»Je suis fils de Brutus et je porte dans mon coeur
La liberté gravée et les rois en horreur.«
Im Takt seiner eigenen Verse, die, ein unendliches Echo, von der
Menschenmauer zu beiden Seiten der Straße widerklangen, fuhr Voltaire
durch die Straßen. Erst die Ehrfurcht vor dem Schlaf des Erschöpften
brachte sie vor seinem Hause zum Verstummen.
Daß uns unser gefährlicher Konkurrent, die Weltgeschichte, mit ihren
großen Tragödien und kostbaren Lustspielen immer wieder als jämmerliche
Stümper erscheinen läßt, sind wir nachgerade gewöhnt, daß sie uns aber
auch mit der Aufführung der ergreifendsten Pantomime zuvorkam, ist
beschämend. Herr Cochin, der Sekretär der Kunstakademie, der nicht
aufhört zu verkünden, die Zukunft der Bühne gehöre der Pantomime, darf
heute neben Voltaire den Triumphator spielen.
Nur in der Moral könnte die Weltgeschichte von uns Komödienschreibern
lernen: wir entlassen unser Publikum im Augenblick der höchsten Gefühle:
in seinem Schnupftuch trägt es seine Rührung, seine Erschütterung und
Begeisterung nach Hause, wenn das Stück zu Ende ist.
Aber die Weltgeschichte! -- hören Sie selbst:
Herr von Voltaire fühlte sich leidend --, sei es, daß er zu viel vom
Champagner der Huldigungen getrunken hatte oder zu wenig, denn die
Flasche aus den königlichen Kellern fehlte noch! -- Man schickte ihm den
Arzt, aber er verlangte nach -- dem Priester. Der Abbé Gauthier kam in
fliegender Eile; es galt einen fetten Bissen für die Kirche! In einem
Schlafgemach, das mehr dem Tempel der Wollust als dem Heiligtum der
Musen glich, -- Herr von Villette, Voltaires Freund und Gastgeber,
huldigt wie die Weisen Griechenlands dem Kultus jener Liebe, die unsere
christliche Moral zwar verdammt, unsere antike Bildung aber großzüchtet
--, nahm er die Beichte des Ketzers entgegen. Wäre der Kranke gleich
danach gestorben, sein letztes Wort würde nicht, wie wir großen Dichter
es auf der Bühne wirkungsvoll arrangiert haben würden, »écrasez
l'infâme« gewesen sein, sondern: »ich sterbe in der heiligen
katholischen Religion...«
Daß der König ihn trotz dieses reumütigen Bekenntnisses nicht empfing,
als er wieder genesen war, hat Herrn von Voltaire sehr gekränkt!
Aber unsere große Pantomime hatte noch mehr Mitwirkende, denken Sie. Das
Alter hinderte den Patriarchen, die Rolle des Helden bis zu Ende zu
spielen, das Schwert wurde ihm zu schwer. Die, die ihm zujubelten,
nahmen es auf.
Es scheint mir nachgerade, daß es törichter ist, den Glauben an die
Menschen zu bewahren, als den an Gott und alle Heiligen. Denn trotz
aller Beweise der Atheisten und der tausendneunundneunzig Paragraphen
des Baron Holbach gibt es schlagendere gegen den Menschen-, als gegen
den Gottesglauben.
Zwei Tage nach dem Triumph Voltaires führte mich die Neugierde zu einem
gewissen Herrn Mesmer, dem als Helfer in allen Leibesnöten ein
geheimnisvoller Ruf vorangeht. Um einen Tisch fand ich dicht gedrängt
eine Menge Menschen sitzen. Mit dem Ausdruck inbrünstiger Andacht
drückte ein jeder das Ende eines Stahlrohrs, das aus dem Tisch
hervorragte, an irgend einen, auch den unbeschreiblichsten Körperteil.
Dazu spielte ein schwarzgekleideter Mann Harmonika, und ein anderer ging
feierlichen Schrittes hin und her, die Fingerspitzen seiner Hände
sekundenlang auf die Köpfe der Sitzenden pressend. Es waren Leute mit
klingendem Namen darunter, -- die Herzogin von Granville, der Graf von
Artois, und sogar einer Ihrer »Freunde«, der Graf Chevreuse --, manche
von ihnen hatten vorgestern erst Voltaires Hand an die Lippen gezogen.
Und heute glauben sie an die magnetische Zauberei Herrn Mesmers, und
würden ihm am liebsten die unheilbarste aller Kranken anvertrauen:
Madame la France, -- schon um Herrn Necker endlich wieder los zu werden!
Finden Sie nun nicht auch, schönste Frau, daß die Wirklichkeit ein
miserables Stück ist?! Wo bleibt die Einheit der Handlung, die
Steigerung des Konflikts, die erhebende Lösung?!
Wenn ich nicht wüßte, daß Sie in der Wüste leben, -- gibt es außerhalb
von Paris etwas anderes? --, ich würde mich dieses Briefes wegen
entschuldigen, der mehr für die schwarzen Setzerfinger des Mercure de
France, als für die weißen Hände der reizenden Marquise bestimmt
scheint.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
-Paris, 19. Juli 1778.-
Ein Brief aus dem Jenseits, meine liebe Marquise, hätte mich nicht mehr
überraschen können, als der Ihre! Sie waren verschollen, wohl auf irgend
eine selige Insel entführt, in Gesellschaft eines deutschen Philosophen,
-- kann man deutlicher zeigen, für uns eine Verstorbene sein zu wollen?
Sie fragen nach der neuesten Attraktion von Paris, Herrn Mesmer, bei dem
mich Ihr geheimer Berichterstatter beobachtet haben will. Natürlich hat
er richtig gesehen. Ich versäume grundsätzlich keine Sensation, weder
die Menschenrechte, noch den Magnetismus. Es ist so wundervoll, sich auf
die Freiheit berufen zu können, wenn man nichts anderes tun möchte, als
was einem gefällt, und auf die Gleichheit, wenn man ein kleines
Vorstadtmädchen verführen will! Da ich nun, wie Sie wissen, seit zwei
Jahren am Herzen leide, ging ich zu Doktor Mesmer. Er heilte mich nicht,
-- seinem Magnetismus wirkt offenbar ein stärkerer entgegen! -- aber
sonst heilt er alles, selbst chronischen Blödsinn. Wir sind
infolgedessen in Versailles erstaunlich geistreich geworden. Wollen Sie
ernstere Beweise für seine Zauberkünste? Fragen Sie die Gräfin Polignac,
die ihre Vapeurs, den Herrn von Champcenetz, der seine böse Zunge
verloren hat, die Prinzessin Guéménée, die einen üppigen Busen bekam,
und den Herzog von Orleans, dem die Haare wieder gewachsen sind. Am
besten tun Sie aber, wenn Sie selber kommen! Mesmer heilt Ihren Sohn von
seiner Krankheit, und Paris heilt Sie von der Philosophie.
Seit der Deklaration unseres offenen Bündnisses mit Amerika sind wir der
Reden satt geworden und dürsten nach Taten: Der Herzog von Chartres, der
im Gefecht von Quessant das erste Pulver gerochen hatte, wurde in der
Oper gefeiert wie ein zweiter Turenne. Kriegshelden mit Lorbeeren zu
schmücken ist etwas Neues für die Pariser und sich freuen zu können,
ist, nachdem sie seit Wochen keine Zeit mehr hatten, lustig zu sein, ein
so erfrischender Zustand, daß sie Siegeshymnen singen, wenn ein Franzose
einem Engländer auch nur einen Nasenstüber versetzt.
Voltaire und Rousseau zu betrauern war notwendig, in Rücksicht auf unser
Ansehen in Europa, aber im Grunde sind Berühmtheiten unbequem. Auch die
Kinder amüsieren sich besser, wenn die Alten nicht daneben sitzen.
Übrigens hat Jean-Jacques noch seinen letzten Atemzug benutzt, um seinen
Rivalen Voltaire, den der Ruhm und der Tod ihm vorgezogen haben, einen
Denkzettel auf den letzten Weg zu geben:
Plus bel esprit que beau génie,
Sans foi, sans honneur, sans vertu,
Il mourut comme il a vécu
Couvert de gloire et d'infamie.
Eine Freundin der Philosophen, der es wohl darum zu tun war, im Himmel
ihren Salon rasch zu eröffnen, ehe Voltaire und Rousseau sich von der
Geoffrin oder der Lespinasse einfangen ließen, die Marquise du Chatelet,
ist vor ihnen gestorben. Infolge einer Frühgeburt --, müßte man nicht
bei ihren Jahren eher von einer Spätgeburt sprechen?! Ihr Mann, der
Marquis, war sehr verzweifelt und versicherte jedem Kondolierenden, daß
er an ihrem Tode vollständig unschuldig sei. Als ob irgend jemand daran
zweifeln könnte!
Wenn Sie sich entschließen, rasch zu kommen, teuerste Delphine, so würde
die Königin sich freuen, Sie auf ihrem Sommerfest in Trianon, das
diesmal dem Andenken griechischer Götter geweiht ist, begrüßen zu
können. Seit Herr Laharpe Sophokles übersetzt, sind wir sehr klassisch
geworden, und ich würde für die Antike schwärmen, wenn die reizende
Marquise Delphine im Gewande olympischer Göttinnen an unseren Spielen
teilnehmen wollte.
Johann von Altenau an Delphine.
-Paris, am 30. Juli 1778.-
Teuerste Frau Marquise. Sie fühlten, daß ich schweren Herzens von Ihnen
ging; kein Opfer würde mir zu groß sein, wenn ich Ihnen damit nur eine
frohe Stunde zu bereiten vermöchte. Was Sie jetzt von mir verlangen, ist
aber nicht nur darum so schwer, weil ich meiner Überzeugung und meiner
Erkenntnis zuwider handlen muß, indem ich einen Charlatan, wie diesen
Herrn Mesmer, ernst nehme, sondern mehr noch deshalb, weil ich keine
Hilfe von ihm erwarte.
Ich bin gleich nach meiner Ankunft zu ihm gegangen, habe ihm, -- an dem
nur die hellen, fast völlig farblosen Augen, die einem Wassertropfen
gleichen, in dem sich ein Sonnenstrahl bricht, merkwürdig sind --, den
Zustand Ihres Kindes geschildert: seine Apathie, seine Wutanfälle, seine
grundlosen Tränenströme, seine Neigung zur Grausamkeit, sein Sprechen,
das mehr dem Stöhnen eines wilden Tieres gleicht.
Er unterbrach mich mit keiner Silbe und frug danach nur nach Ihnen, nach
der Amme und nach dem Vater des Kindes. »Ich will es versuchen«, sagte
er dann; nichts weiter. Dutzende Wartender lösten mich ab. Die
Erkundigungen, die ich über den Mann einzog, lauten sehr widersprechend:
Die einen lachen und erklären ihn für einen Schwindler, den andern gilt
er als Wundertäter. Da dieselben Enthusiasten mir aber zu gleicher Zeit
von den Wundern des Herrn Sage, der Gold zu machen versteht, und des
Herrn Dufour, der Wahnsinnige heilen soll, erzählten, so habe ich den
Berichten von den Erfolgen des Mesmerschen Magnetismus wenig Glauben zu
schenken vermocht. Aber den Versuch zu unterlassen, würde Sie
wahrscheinlich noch mehr quälen, als wenn er sich schließlich als ein
vergeblicher erweist, darum wage ich nicht, Sie zu beeinflussen.
Was ich empfinde, seit ich Froberg verließ, ist unsagbar. Die
vergangenen Monate sehen mich an, wie Freunde, die wir um so zärtlicher
lieben, je mehr ihr Antlitz von Leid durchfurcht ist. Jeder Tag war ein
Kampf mit dem kleinen wilden Tier, das seiner eigenen, wundervollen
Mutter das Herz zerreist, und über nichts kreischender lacht, als über
ihre Tränen.
Aber dann kamen die Abende mit Ihnen, Delphine! Im Dunkel der
Fensternische hörte ich Ihrem Harfenspiel zu; am Tisch unter dem rosigen
Lichte der Lampe lauschten Sie mir, wenn ich Rousseau, Voltaire, Diderot
und dazwischen die herrlichen Verse junger deutscher Dichter, eines
Bürger, eines Goethe las. Und oft schwiegen wir zusammen, wie nur sehr
Vertraute miteinander schweigen können. Die Stunden verflogen; mit müden
Augen starrten Sie mich an; ich war vermessen genug, zu wähnen, daß Sie
von mir sich nicht zu trennen vermöchten.
Bis ich eines Nachts hörte --, ich sprach niemals davon; Sie sollten
sich vor mir nicht schämen müssen. -- Aber von da an stand ich
allnächtlich vor Ihrer Türe, bereit, sie einzustoßen und den Mann von
Ihrer Seite zu reißen, der, weil er Sie zwang, seinen Namen zu tragen,
ein Recht über Sie zu haben glaubt. Wußte er von dem Wachtposten?
Fürchtete er die Wiederholung des auch für sein abgestumpftes Gefühl
nicht gerade ehrenvollen Ringkampfs mit einer Frau? Oder klang ihm noch
der Schrei in den Ohren, mit dem die Verzweifelte ihn von sich stieß:
»Ich will keine zweite Mißgeburt von dir!«
Zürnen Sie mir nicht, daß ich an das schreckliche Geheimnis rühre. Ich
konnte nicht anders. Sie sollen sicher sein, daß ein Mensch lebt, der
noch als Leiche den Weg zu Ihnen versperren würde, daß Sie einen Freund
besitzen, den die ungeheuerlichste Tat nicht zu schrecken vermöchte,
wenn sie der Preis Ihres Glückes wäre.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
-Versailles, am 8. August 1778.-
Holdseligste! Ist es möglich, daß die entzückende Frau in dem rührenden
weißen Leinenkleide, mit der breiten Bergère auf den offenen Locken,
den Namen derer trägt, die ich einst anbetete?
Sie war eine stolze Marquise; herrisch klapperten ihre Stöckelschuhe
über das Parkett von Versailles; in ihren Augen lachte der Leichtsinn,
ihre Lippen waren leuchtend rot. Aber diese Delphine, der ich gestern
begegnete, schwebt auf weichen Sohlen über den Rasenteppich, ihre Augen
sind tief und von Geheimnissen voll, wie das Meer in der Mondnacht, ihre
Lippen sind blaß, wie ungeküßte Mädchenlippen.
Ich bin untreu aus Grundsatz; wer Treue glaubt fordern zu müssen, hat
Liebe schon verraten. Und Sie, schönste Delphine, liebte ich viel zu
heiß, als daß ich Ihnen hätte treu sein können. Gibt es einen stärkeren
Beweis für meine Untreue, als daß ich mich Ihnen heute zu Füßen werfe?
Mit der ganzen wundervollen Wandlungsfähigkeit des Weibes, die sich der
Natur anpaßt, wie die Blume dem Frühling, dem Sommer, der Nacht, dem
Morgen, dem Regen und dem Sonnenschein, -- immer dieselbe und doch immer
eine andere, -- sind Sie eine neue Delphine geworden. Diese, nur diese
liebe ich --, und werde sie hoffnungslos lieben müssen. Denn an meinem
Gesicht ging das Schicksal, der große formende Künstler, achtlos vorüber
und nur der Stümper, die Zeit, pinselte zum Ersatz ein paar winzige
Fältchen hinein.
Ich will Sie nicht täuschen, Delphine: wenn ich philosophiere wie
jetzt, bin ich darum noch kein Philosoph; nur eine Wissenschaft habe ich
studiert: die Liebe. Und so gewiß, wie einst, als ich so glücklich war,
Daphnis in ihre süßesten Mysterien einzuweihen, weiß ich heute, daß
Delphine nach ihr verschmachtet.
Herr von Altenau erzählte neulich mit einem Stolz, als wäre es sein
Werk, von den Büchern, die Sie gelesen, von den wohltätigen Anstalten,
die Sie in Froberg gegründet haben. Ich sah indessen zu Ihnen hinüber,
in Ihr schmales Gesicht, Ihre trauernden Augen und mich fröstelte.
Wissen Sie, warum unsere Königin unersättlich von einem Fest zum andern
hetzt und nicht genug kühle Edelsteine haben kann, um die heiße Haut zu
bedecken? Wissen Sie, warum die Marquise de Nesle und die Gräfin de Pons
sich für die chemischen Experimente des Herrn Rouelle begeistern, und
warum die kleine Coigny gelernt hat, Leichen zu sezieren?! Weil die
Liebe an ihnen vorüberging, weil sie sie -- aus Feigheit oder
Sittsamkeit?! -- vorübergehen ließen! Sie haben einen Gatten --,
bedeutet das Liebe haben? Sie hatten wohl auch einen Geliebten --, heißt
das die Liebe erschöpfen? Sie ist tief wie das Meer, reich wie das Herz
der Erde, mannigfaltig wie ihr Kleid. Ihr Gegenstand mag wechseln, wie
die Generationen auf Erden; sie selber bleibt. Aber brächte die Erde
keine Menschen hervor, existierte sie dann? Wer sähe, wer fühlte, wer
besänge ihre Pracht!
Frauen altern rascher als Männer, sagt man. Weil Männer länger lieben.
Ninon de l'Enclos war ewig jung, weil sie immer liebte.
Wird Daphnis gestatten, daß ich Delphine in meine Schule nehme?
Johann von Altenau an Delphine.
-Paris, den 25. August 1778.-
Sie beriefen sich auf meinen letzten Brief, teure Marquise, und
verlangten von mir, daß ich Ihr Haus verlasse, Ihre Nähe meide, weil
Herr Mesmer die Wirkung seiner Kur durch meinen dem seinen
widerstehenden Magnetismus gefährdet glaubt! Obwohl ich genau weiß, daß
Herr Mesmer nicht meinen Magnetismus, sondern meinen klaren Blick und
meine Zweifel fürchtet, die ihm einen so wertvollen Patienten entziehen
könnten, habe ich gehorcht. Ich bin ohne Abschied bei Nacht und Nebel
wie ein Verbrecher von Ihnen gegangen. Ich hätte mich sonst vielleicht
nicht beherrschen können.
Während eines unserer letzten langen Gespräche sagten Sie: »Wie viel
glücklicher sind Homers Zeitgenossen gewesen als wir! Jeder Baum und
jede Quelle war von Dryaden und Nymphen bewohnt; für uns ist sogar der
Himmel leer geworden!« Ersetzt nicht aber unser Wissen den verlorenen
Glauben, ist es notwendig, die Leere wieder mit Phantomen zu füllen,
auf Hexenmeister und Zaubersprüche zu vertrauen, wie im dunkelsten
Mittelalter? Sie sind müde, teuerste Delphine, von schlaflosen Nächten,
erschöpft von selbstquälerischen Gedanken; sonst würden Sie nicht an all
der Erkenntnis irre werden, die Sie vor kurzem noch reich und stark
gemacht hat. Sie arbeiten an dem gräßlichen Werk der Selbstzerstörung,
und das alles um eines Geschöpfes willen, das schlimmer ist als ein
Tier. Noch einmal flehe ich Sie an: bringen Sie diesem Kinde, das kein
Lebensrecht besitzt und in einer Anstalt für Unheilbare am besten
untergebracht wäre, nicht sich selbst zum Opfer. Ich weiß, Sie antworten
wie so oft: »Was habe ich dann noch vom Leben?« Das Leben, Delphine! Als
Ihr Freund, der seinen kühnsten Traum, Ihr Führer in eine neue Welt sein
zu dürfen, begraben hat, spreche ich zu Ihnen.
Sie klagen um die entgötterte Welt. Und doch gibt es eine Macht, die
alle Götter Himmels und der Erde zu ersetzen vermag. Sie sieht tiefer in
die Herzen der Menschen, als sie selber sehen, sie gewährt sichereren
Schutz, als je ein Gott hat gewähren können, und verleiht stärkere Kraft
als der Glaube, der Berge versetzte. Weil ich mich ihr ergab, von dem
Augenblick an, da Delphine Laval in mein Leben trat, habe ich in Ihrem
Innern lesen können, wie in einem aufgeschlagenen Buch. Ich fand ein
verschüttetes Gefühl, eine schlafende Hoffnung; die Glut meiner Sinne
malte mir ein leuchtendes Bild eigenen Glückes, so daß ich nicht sehen
wollte, was ich sah. Jetzt, da ich weiß, daß ich die Frau, die ich mit
der ganzen Kraft meines Herzens liebe, nie mein eigen nennen kann, will
ich sie wenigstens vor ihrem größten Feinde, sich selber, retten.
Sie lieben. Ihr Stolz verbietet Ihnen nur, es sich einzugestehen. Sie
hoffen. Ihr krankes Gewissen hindert Sie nur, diese Hoffnung zu Ihrer
Lebenskraft werden zu lassen. Haben Sie den Mut zu sich selbst. Erhalten
Sie sich dem Manne, der in die Fremde ging, weil er sich von Ihnen
verlassen glaubte.
Jedes Wort, das ich schreibe, stößt mir den Stahl tiefer ins Herz.
Einerlei. Meine erste Aufgabe im Leben ist Ihr Glück.
Johann von Altenau an Delphine.
-Paris, am 18. September 1778.-
Wie soll ich Ihnen danken für die Wohltat Ihrer Zeilen, teuerste
Delphine, die am deutlichsten durch das sprechen, was sie verschweigen.
Sie nennen mich Ihren einzigen Freund, denn nur Freundschaft, sagen Sie,
vermag selbstlos zu sein. Sie wollen mir dadurch beweisen, daß ich mich
über meine eigenen Gefühle täusche --! Ich soll Ihnen weiter ein Freund
sein, soll Ihnen sagen, wie es mir geht.
Ich möchte darauf nicht mit banalen Phrasen antworten, sondern lieber
versuchen, unsere Gespräche von einst fortzusetzen, also möglichst
unpersönlich zu sein. Die Eindrücke, die ich bei der Rückkehr in meine
alten Kreise empfing, sind bedeutungsvoll genug, um Ihnen dargestellt
werden zu müssen.
Seit dem Tode unserer großen Vorkämpfer herrscht eine tiefe Depression
der Geister. Wir sehen uns einer neuen Generation gegenüber, finden eine
beunruhigte, fiebernde, auch oft sentimentale Menge, in der das Vulgäre
dominiert. Die wenigen Alten, die blieben, haben an Kraft und Einfluß
verloren, sind in Cliquen zerrissen. Sollte die Zeit der Enzyklopädisten
vorüber sein, ohne daß aus ihrem Samen die Frucht erwächst, für die wir
allein gearbeitet haben?
Die Verfolgungen früherer Tage haben sie groß und stark gemacht. Um sich
vor ihnen zu schützen, galt es alle Kräfte anzuspannen, galt es, sich
fest zusammenzuschließen und mit dem Feuer ernster Überzeugung die
geistige Welt zu erobern. So nur konnte im brandenden Meer des
öffentlichen Lebens der Leuchtturm der Enzyklopädie errichtet werden,
von dessen Spitze seine Erbauer das ganze Universum übersahen und allen
Schiffen Richtung gaben. Ist nicht schon das Eine bezeichnend genug, daß
die Männer, die dieses Werk geschaffen haben, heute für den Mercure de
France Tagesartikel schreiben?!
Dann kam die Zeit, wo Europa die Verfolgten zu ihren Helden machte, wo
der Ruhm eines Voltaire, eines Montesquieu, eines Rousseau über die
Scheiterhaufen, auf denen ihre Bücher immer noch verbrannten,
triumphierte, wo unterdrückte Menschlichkeit, vergewaltigte Unschuld bei
dem Patriarchen von Ferney Zuflucht fand, und in seinem Namen Vernunft
und Gerechtigkeit oft genug über alle Gewalthaber der Welt den Sieg
errang.
Die Verfolgungen ließen nach; einige Prinzipien der Philosophen
gelangten zu allgemeiner Anerkennung, ihre Ideen hatten sich, wie die
Samenfäden von Bäumen und Blumen, von ihnen losgelöst und erfüllten die
Luft. Aber indessen lockerte sich die Einheit der Menschen; Rousseaus
Trennung von den Enzyklopädisten machte die innere Zerrissenheit zu
einem öffentlichen Skandal. Seine Opposition gegen den Materialismus
Holbachs und seiner Anhänger zeigte deutlich, daß auch die mit solcher
Sicherheit verkündeten Überzeugungen und Erkenntnisse auf schwankendem
Boden stehen.
Die Vertreter der Kirche und der Regierung, ja der Hof von Versailles
selbst hörten auf, die Philosophen zu fürchten. Voltaires Triumphtag in
Paris war seine Niederlage.
Als ich mich gestern, in meine pessimistischen Gedanken verloren, im
Café de la Régence befand, traf ich Herrn Gaillard, mit dem ich mich
lange unterhielt. Er lachte über meine Niedergeschlagenheit -- kein
freudiges, sondern ein hartes Lachen. »Was tut's, daß Rousseau ein
Schwächling, Voltaire ein Verräter seiner eigenen Lehre war,« sagte er,
»die Ideen der Denker zeugen erst die Männer der Tat.« Ich glaubte, er
spiele auf Necker an, dessen Tätigkeit im Volk eine so laute Anerkennung
findet. Er lachte noch einmal. »Necker?!« rief er höhnend, »ein Mensch,
der in seinen Schriften und öffentlichen Reden dem Volke schmeichelt,
und im geheimen mit dem König die Waffen des Despotismus schleift!«
Am Abend führte er mich in seinen Klub, wo ich Zeuge leidenschaftlicher
Diskussionen war. Junge Leute aus dem Bürgerstande überboten sich in
wüstem Geschimpf auf alles Bestehende. Religion, Monarchie, Kunst,
Frauen, selbst der sonst so verherrlichte amerikanische Freiheitskrieg,
-- nichts blieb von ihrem bitteren Spott verschont. Mißmutig wandte ich
mich zum Gehen; Gaillard begleitete mich. »Sind das Ihre Männer der
Tat?« frug ich ihn. »Gewiß,« antwortete er; »um bauen zu können, muß man
erst einreißen.«
Vor dem Palais-Royal begegneten wir übrigens dem Marquis, der sich zu
spät in seinen weiten Mantel hüllte, um nicht erkannt zu werden. »Er ist
ein häufiger Gast in den Hinterzimmern meiner Mutter,« sagte Herr
Gaillard. Mir scheint, teuerste Delphine, daß eine solche Entdeckung
Sie vollends jeder Rücksicht entbindet. Ich werde natürlich nicht
versäumen, seiner Spur zu folgen, um Ihnen eine sichere Handhabe gegen
ihn liefern zu können.
In vier Wochen also entscheidet sich das Geschick des Kindes; ich nehme
an, Herr Mesmer wird klug genug sein, diese Entscheidung um abermals
vier Wochen hinauszuschieben!
Graf Guibert an Delphine.
-Paris, den 25. September 1778.-
Ihre Rückkehr, verehrteste Marquise, hat mich mit den schönsten
Hoffnungen erfüllt. Paris ist sehr öde geworden in den Jahren, die Sie
fortgewesen sind. Der Salon Necker konnte, das brauche ich Ihnen kaum
noch zu versichern, Menschen wie mir kein geistiges Obdach bieten. Sie
selbst fühlten sich, wie ich bemerkte, recht unbehaglich im Kreise des
Hauses, neben dem sentenzenreichen, tugendstolzen Minister, der
nüchternen klugen Frau, dem frühreifen Töchterchen, dessen
schriftstellerische Leistungen die Gäste zu bewundern genötigt wurden.
Die Luft des achtzehnten Jahrhunderts weht hier nicht, und wenn es die
des neunzehnten sein sollte, so möchte ich es nicht erleben.
Übrigens ist der Salon Necker typisch für alle jene vielen anderen, die
heute, dank ihres Reichtums, den Ton angeben, Künstler protegieren und
Kunstwerke sammeln. Wie ihre Frauen sich nur für die anderen anziehen,
in der Intimität der Familie aber den ganzen Tag im Negligé bleiben, so
schmücken sie ihre Zimmer mit berühmten Namen nicht zur Bereicherung
ihres eigenen Lebens, sondern für den Eindruck nach außen. Sie können
nicht anders, daher verzeihe man ihnen. Daß aber Künstler und
Schriftsteller von Ruf sich dazu hergeben, ist ein trauriges Zeichen
geistiger Dekadenz.
Das Theater bestätigt diesen Zustand, wie Sie gestern gesehen haben. Wir
besitzen keine Schauspiele und keine Schauspieler mehr. Kleine Talente
mit etwas Esprit aber ohne Geist. Raffinierte Dekorationen und reizende
entblößte Glieder sollen uns darüber trösten, daß die Stücke nichts als
Mittel zu diesen Zwecken sind.
Ich schlage Ihnen vor, schönste Frau, all diese mäßigen Vergnügungen
aufzugeben und unsere jählings unterbrochenen Ritte in die freie Natur
wieder aufzunehmen. Wenn wir auch gut tun, uns nicht allzu weit von
Paris zu entfernen, -- seit dem trockenen Sommer dieses Jahres, der
Mensch und Vieh mit der berechtigten Angst vor einer Hungersnot dem
Winter entgegengehen sieht, -- muß man sich von den erregten Landleuten
fern halten. Obwohl Grundbesitzer und Finanziers einander überbieten,
durch Verteilung von Geld und Nahrungsmitteln, Gründung von Hospitälern
und Asylen der Not abzuhelfen, läßt die Hast, mit der es geschieht, so
viel mehr auf Angst als auf Menschenliebe schließen, daß die Empörung
der Geister dadurch eher geschürt, als unterdrückt wird. Auch werden
jene frommen Seelen immer seltener, die sich mit Wohltaten abspeisen
lassen, während die Ideen der Menschenrechte schon ihre Köpfe erhellen.
In meiner Begleitung werden Sie trotzdem nichts zu fürchten haben, und
ich darf hoffen, in der frischen Luft Ihre Wangen sich wieder röten zu
sehen, -- ein um so holderer Anblick, als er uns Männern durch das
stereotype Rouge, mit dem die Frauen die natürliche Farbe ihrer Haut
versteckten, ein so vollkommen neuer ist.
Graf Guibert an Delphine.
-Paris, am 30. Oktober 1778.-
Meine verehrte Frau Marquise! Endlich darf ich aufatmen! Wenn Sie mich
auch noch nicht sehen wollen, so waren Sie doch gütig genug, mir durch
ein paar Zeilen Ihrer eigenen Hand zu beweisen, daß ich nicht mehr um
Sie zu zittern brauche.
Es waren entsetzliche Wochen seit unserem unglückseligen Ritt. Ich
glaubte Sie schon verloren, als ich im Rasen neben Ihnen kniete und das
rieselnde Blut aus Ihrer weißen Stirn vergebens zu stillen suchte;
obwohl Sie die schönen Augen wieder aufzuschlagen vermochten, verging
seitdem kein Tag, keine Nacht, ohne daß die Angst um Sie mir jede Ruhe
benahm. In meiner ersten Verzweiflung erschoß ich den Rappen, der Sie
trug; er starb unschuldig, aber ich hätte ihn nicht mehr sehen können.
Wie es möglich war, daß das ruhige Tier ohne jeden äußeren Anlaß über
Stock und Stein mit Ihnen davonflog, um sich schließlich beim Sprung
über die hohe Hecke zu überschlagen, ist mir noch heute ein Rätsel.
Sie waren seit langem nicht so heiter gewesen. Die mögliche Heilung
Ihres Sohnes, von der Sie erzählten, machte mich mit Ihnen froh. Und der
Herbsttag, der uns so sonnig umgab, schien nur ein Widerschein Ihrer
Freude. Ich konnte an diesem Tage nur über Dinge sprechen, bei denen
sich's lächeln läßt. Noch ganz erfüllt von der Neuigkeit, teilte ich
Ihnen mit, daß unser tapferer Lafayette mit seinen Freunden sich in
Amerika einzuschiffen im Begriffe wäre, um ihre Kräfte für den
französisch-englischen Krieg dem Vaterland zur Verfügung zu stellen. In
diesem Augenblicke sah ich Sie erblassen, sah Ihre Augen auf mich
gerichtet, als wäre ich ein Gespenst, und fort ging's in wilder Jagd,
als ob Sie stürzen wollten!
Mit bezaubernder Grazie haben Sie verstanden, während unserer Ritte das
Gespräch von dem Thema abzulenken, auf das ich es zu richten suchte.
Heute, holde Frau, wo die Freude über das Glück Ihrer Genesung mir jede
Zurückhaltung unmöglich macht, können Sie mich nicht hindern, Ihnen zu
sagen: wären Sie gestorben, auch ich lebte nicht mehr.
Johann von Altenau an Delphine.
-Paris, den 3. November 1778.-
Den grauen Novembernebel, der heute noch schwer auf meinem Herzen lag,
hat Ihr Atem weggeweht, teuerste Marquise. Ein Blick in Ihr Antlitz
zeigte mir, was ich Ihren Versicherungen nicht glauben wollte: nicht nur
die Wunde auf Ihrer Stirne heilt, sondern auch die Ihres Innern. Ich
vermag Sie mit meinen Zweifeln nicht mehr zu quälen, seit ich Sie
wiedersah --, so wiedersah: schlank und blaß, zwei Augen wie glühende
Kohlen unter der weißen Stirn mit der schmalen roten Narbe, um die
sehnsüchtig geöffneten Lippen ein süßes Lächeln, der Körper, der noch
matt in der Causeuse lag, in weiße Seide gehüllt, und die ganze Gestalt
vom Feuer des Kamins übergossen. »Er sagt, der Knabe wird gesund«,
flüsterten Sie und streckten mir beide Hände entgegen, »dann werde ich
frei sein, ganz frei -- für ein neues Leben!«
Sie sind wie ein gläubiges Kind. Wer hätte den grausamen Mut, ihm zu
sagen: Der Gott, zu dem du betest, existiert nicht! Ich will von nun an
mit Ihnen glauben. Am Tage der Entscheidung -- Sie sprachen vom 21.
Dezember? -- werde ich vor Ihrem Hause die Nachricht erwarten. Bis dahin
ergebe ich mich wieder in meine Verbannung.
Was ich über den Herrn Marquis erfuhr, wollen Sie jetzt nicht wissen.
»Es ist mir jetzt so gleichgültig,« meinten Sie. Aber wenn einmal Ihre
Freiheit von der Kenntnis dieser Dinge abhängt, dann vergessen Sie
nicht, daß ich zu Ihrer Verfügung stehe.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
-Paris, den 20. Dezember 1778.-
Sie ließen mich zu sich bitten, schönste Delphine, Sie lachten über all
die Geschichten, die ich vor Ihnen auskramte und an denen die Welt nicht
arm wird, obwohl die Menschen vor lauter Eifer, Gott und die Könige zu
entthronen, für den Unsinn keine Zeit mehr zu haben behaupten.
Hat der famose Dr. Mesmer Ihr gelähmtes Herzchen wieder zum Schlagen
gebracht oder war es die Erschütterung des Sturzes, die es aus der
Lethargie aufrüttelte? Jede einzelne Ihrer rosigen Fingerspitzen ließen
Sie mich küssen; »aber nicht als Liebhaber!« drohten Sie. Fast wäre ich
darüber schwermütig geworden, wenn ich nicht inzwischen für meinen
schrecklichen Kummer um Sie eine Trösterin mir hätte suchen müssen.
Besinnen Sie sich? Sie sahen die kleine Thévenin kurz vor Ihrem
unseligen Ritt in der Oper; sie war die jüngste der Nymphen im Ballett
La rose, hatte nichts als ein rosa Wölkchen um die Hüften, die schönsten
goldenen Haare auf dem Kopf und ebenholzschwarze an anderer Stelle.
Bitte: bedecken Sie den Mund nicht mit der Hand, ich weiß trotz Ihrer
entrüsteten Blicke, daß Sie lachen!
Ich bin der Marquise Delphine sprechender Papagei, dem alles zu sagen
erlaubt ist, vorausgesetzt, daß es die Herrin amüsiert! Und Sie sind ja
im Augenblick allein, ohne den schrecklich ernsthaften Hausphilosophen,
und ganz gewiß ohne den Herrn Marquis. Soll ich weitere Proben meiner
Künste zeigen?
Herr von Genlis überraschte neulich Mademoiselle Justine, seine
niedliche Mätresse, im zärtlichen Tête-à-Tête mit dem Marquis
Löwenstein. »Was wollen Sie, mein Herr«, sagte sie, als er ihr Vorwürfe
machen wollte; »ich gebe mir die größte Mühe, den Herrn Marquis für Ihre
Tochter zu interessieren --« Und schon am nächsten Tage war die kleine
Genlis glückliche Braut. Haben Sie ihr nicht auch eine innige
Gratulation zukommen lassen?!
Madame Chamans fand ihre siebzehnjährige Tochter vertieft in die Lektüre
der Lettres du chevalier de Saint-Ilme. Sie riß ihr entrüstet das Buch
aus der Hand. »Retif de la Bretonne«, sagte sie, »hat keine schlimmeren
Bücher geschrieben.« Die Tochter starb fast vor Lachen. Der Roman ist
nämlich von ihr!
Die Herzogin d'Anville wollte ihren Liebhaber, der an Leidenschaft
manches zu wünschen übrig ließ, mit ihren Beziehungen zu Herrn
d'Alembert eifersüchtig machen. »Er ist ein Gott!« schwärmte sie. »Ach,
Madame, wenn er ein Gott wäre,« antwortete der Liebhaber gelassen, »so
würde er damit angefangen haben, sich zu einem Manne zu machen.«
Und nun noch ein hübscher Spaß, der Paris während Ihres Krankseins
tagelang amüsierte: Ein paar polnischen Edelleuten mit besten
Empfehlungen erteilte der Graf Artois die Erlaubnis, seinen Pavillon de
Bagatelle besichtigen zu dürfen. Vor einer Marmorbüste brachen sie in
Tränen aus: »Wie gleicht sie unserer verstorbenen Schwester!«
Zuvorkommend, wie er ist, machte der Graf die Büste noch am selben
Nachmittag den Herren zum Geschenk. Sie wiederholten das gelungene
Manöver bei einer Reihe unserer Mäzene und waren, ehe man den Schwindel
entdeckte, mit ihrer reichhaltigen Kunstsammlung verschwunden.
Wenn Sie wieder lachen wollen, reizende Marquise, erinnern Sie sich
meiner, der Vorrat ist unerschöpflich und mein Bestreben, mich Ihnen
unentbehrlich zu machen, um so eifriger, als ich in der Ferne bereits
die Rüstungen unserer heimkehrenden Kriegshelden klirren höre und leider
weiß, wie oberflächlich alle Frauen sind: sie schwärmen für
blutbespritzte Röcke und übersehen dabei die im stillen blutenden
Herzen.
Übrigens bringen sie einen Harem bronzefarbener Indianerinnen mit, und
ich sehe es kommen, daß ihre Toilette, -- drei Federn auf dem Kopf und
zwanzig Ringe durch die Ohren --, die große Mode der nächsten Saison
sein wird. Sie würde Ihnen, Holdseligste, zum Entzücken stehen!
Vergessen Sie Ihr Versprechen nicht: übermorgen treffen wir uns auf dem
Maskenball!
Johann von Altenau an Delphine.
-Den 21. Dezember.-
Kniefällig bitte ich Sie: lassen Sie mich ein! Nach dieser Nachricht
dürfen Sie nicht allein bleiben.
»Alles ist vorbei. Ich fahre morgen mit dem Kinde nach Hause, um mich
mit ihm zu vergraben.« Dieser gräßliche Zettel kommt mir in die Hand.
Sie dürfen nicht fort. Sie müssen dem Schicksal trotzen, nicht sich ihm
ergeben. Ich weiche nicht von Ihrer Schwelle, und werde mich den Pferden
in die Zügel werfen; hören Sie denjenigen, den Sie selbst Ihren einzigen
Freund nannten.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
-Am 21. Dezember.-
Sie halten sich allzulange mit der Toilette auf, Sie wollen zu schön
sein, reizende Frau; nur darum, nicht wahr, lassen Sie mich warten?
Bekomme ich keine Antwort durch meinen Jäger, so bin ich in einer Stunde
bei Ihnen und entführe meine Schöne mit Gewalt.
Johann von Altenau an Delphine.
-Paris, am 22. Dezember 1778.-
Es ist geschehen. Ich war es. Sie, die einzige, die es wissen, können
mich als den Mörder Ihres Kindes verfolgen lassen und noch unter dem
Galgen würde ich schwören, daß es die beste Tat meines Lebens war. Ich
habe, barmherziger als die Mutter, einem armen Idioten eine Kugel in die
Schläfe gejagt, und eine Frau, die sich selbst zum Tode verurteilen
wollte, dem Leben zurückgegeben.
Daß ich in der Nacht, als ich zum Zimmer des Kindes schlich, dem Grafen
Chevreuse begegnete, hat meine Freude gedämpft. Sie ließen ihn zwar
abweisen, aber er schien zu seinem Kommen ein Recht zu haben. Ich
bedauere Ihre voreilige Wahl, aber ich habe mich durch meine Tat aller
Ansprüche der Freundschaft, also auch der, zu warnen, begeben.
Leben Sie wohl, Delphine. Werden Sie glücklich!
CAGLIOSTRO
Baron Ferdinand Wurmser an Delphine.
-Petersburg, am 2. Juli 1779.-
Verehrte Cousine! Sie werden sich des blassen Jünglings kaum mehr
entsinnen, der vor Jahren in Etupes die reizendste Nymphe dem kühnsten
Schäfer vergeblich zu entreißen versuchte. Prinz Friedrich-Eugen blieb
Sieger, und auf seine Stirn neigte sie sich zum Weihekuß, während ich im
stillen Boskett meine Niederlage beweinte und tagelang den düsteren
Gedanken erwog, nächtlicherweile im schwarzen Schwanenteich zu
verschwinden.
Der plötzliche Tod meines älteren Bruders zwingt mich, meine Stellung am
Hofe des Großfürsten Paul aufzugeben, um mich der Verwaltung unserer
Güter zu widmen. Ich reise in diesen Tagen ab, und wenn der Schmerz,
meine gütige Herrin, die Großfürstin, verlassen zu müssen, durch die
Freude auf die Rückkehr in die Heimat gemildert wird, so trägt der
Gedanke an Sie, deren Schönheit und liebenswürdige Gastfreundschaft ich
oft genug rühmen hörte, viel dazu bei.
Aber ich wäre vielleicht nicht so unbescheiden, meine Ankunft in
Straßburg jetzt schon anzukündigen, wenn nicht die Großfürstin mich
beauftragt hätte, Ihnen in Erinnerung an die schöne Zeit gemeinsamer
Jugendtage in Montbéliard und Etupes die herzlichsten Grüße zu
übermitteln. »Sagen Sie der Marquise, daß Sie meinen scheidenden
Kammerherrn als meinen Freund empfangen möchte,« war sie gütig genug,
mir aufzutragen. Sie hofft, in nicht zu ferner Zeit während des lange
geplanten Besuchs in Frankreich die Beziehungen zu Ihnen wieder
anzuknüpfen. Mit aufrichtigem Bedauern hörte sie von dem
Schicksalsschlag, der Sie, teure Cousine, betroffen hat.
Mir war es besonders schmerzlich, erst nach dem entsetzlichen Ende Ihres
Kindes von seinem Leiden erfahren zu haben. Wäre ich doch imstande
gewesen, Ihnen den richtigen Arzt zu empfehlen. Vielleicht haben Sie
schon von der außerordentlichen Erscheinung gehört, die plötzlich hier
auftauchte, ohne daß jemand zu sagen vermocht hätte, woher sie kam,
welches ihr Ursprung war. Ich spreche vom Grafen Cagliostro. Er geht
umher und heilt Kranke, wie Christus; verteilt Geld unter die Armen, wie
Harun-al-Raschid, und zwingt Verstorbene, aus der Tiefe ihres dunklen
Grabes an das Licht seiner mystischen Lampe.
Sie werden ihm sicherlich noch begegnen, denn er ist überall.
In fünf bis sechs Wochen hoffe ich im Elsaß zu sein, um Ihnen meine
Aufwartung machen zu können. Empfehlen Sie mich, bitte, unbekannterweise
dem Herrn Marquis, den mein Bruder mir als das Vorbild des Edelmannes
der alten Schule geschildert hat.
Graf Guibert an Delphine.
-Paris, am 25. August 1779.-
Die Begegnung mit Ihnen, teuerste Marquise, hat mich wie ein
erschütternder Traum, der uns auch am Tage nicht los läßt, von Spa
hierher verfolgt.
Keiner der Eindrücke der Reise, -- und sie waren stark genug --,
vermochte das rührende Bild der zarten, von schwarzen Schleiern
verhüllten Gestalt zu verwischen, aus deren marmorweißem Antlitz der
Blick dunkelglühender Augen mich bis ins Innerste traf. Sie waren
gekommen, um in dem berühmten Bade Heilung zu suchen.
»Der Marquis hat es gewünscht,« sagten Sie mit einem
bitter-schmerzlichen Lächeln. Der Marquis?! wiederholte ich im Stillen
erstaunt; wußte ich doch, was alle wußten. Sollte die Tragödie Ihres
Kindes mit ihrem rätselhaft schauerlichen Schluß zwei Getrennte wieder
zusammengeführt haben? -- aber noch ehe ich zu Ende gedacht hatte, bekam
ich die Antwort: der Marquis trat herzu, -- ein alter Mann mit gebeugtem
Rücken und eingefallenen Zügen, -- ich hätte ihn fast nicht erkannt!
Einen Augenblick lang erinnerte ich mich erschrocken der dunklen
Gerüchte, die mir von den großen mißglückten Spekulationen des Herrn von
Saint-James, an denen der Marquis ebenso wie der Kardinal Rohan stark
beteiligt sein sollen, vor kurzem zu Ohren gekommen waren. Aber bald
sah ich, welch andere Sorgen ihn bedrückten. Sorgfältig wie ein Vater
hüllte er Sie in den Mantel und begrüßte mich mit einer Herzlichkeit,
die ich nicht begriff, -- hatten wir uns doch mehr als fern gestanden.
»Wie freue ich mich Ihrer Anwesenheit«, versicherte er mir immer wieder.
Als ich dann mit ihm allein war, kannte ich ihn vollends nicht mehr: Die
Angst um Sie ließ ihn jede Form vergessen; ich sah plötzlich einen
Menschen, wo ich bisher nur einen vollendeten Aristokraten gesehen
hatte. Er bat mich, Ihnen Gesellschaft zu leisten, Sie zu zerstreuen,
Sie den Interessen des Pariser Lebens wieder zuzuführen.
Hätte es eine schönere Aufgabe für mich geben können? Sie wissen, mit
welchem Feuereifer ich sie auf mich nahm, aber Sie ahnen nicht, wie sich
an jedem Blutstropfen, der langsam in Ihre Wangen stieg, wenn ich meine
Redekunst, meinen Witz, meine Phantasie anpeitschte wie der Reiter das
Rennpferd, die Glut meines Herzens neu entzündete, wie jeder Schatten
eines Lächelns, der Ihre Lippen teilte, alte, unerfüllte Wünsche
stürmisch in mir aufsteigen ließ.
Eine Order des Kriegsministers, so sagte ich Ihnen, verlange meine
Rückkehr nach Paris. Ich habe gelogen; ich wollte sogar die Lüge
aufrecht erhalten. Erst jetzt, wo ich fern von Ihnen bin, fühle ich,
daß ich die Wahrheit sagen muß.
Vor zwei Jahren warb ich um Ihre Gunst; Ihr Besitz wäre mir im Kranz
meines Ruhmes als eins der kostbarsten, goldenen Lorbeerblätter
erschienen. Keinen Augenblick störte mich der Gedanke an den
rechtmäßigen Besitzer dieser entzückenden Frau; der Marquis Montjoie, an
dessen Existenz in Ihrem Hause kaum etwas erinnerte; der Marquis
Montjoie, der mit überlegen-ruhiger Kühle der reizenden Delphine
gegenüberstand; der Marquis Montjoie, der die Hinterzimmer der Madame
Gaillard dem Schlafgemach seiner Gemahlin vorzog, -- die er freilich
auch nur, als erfülle er eine peinliche Pflicht, mit ernst-gelangweiltem
Gesicht zu verlassen pflegte --, dieser Marquis Montjoie war das
geringste Hindernis auf dem Wege zu Ihnen. Aber selbst wenn ich gewußt
hätte, daß er mehr für Sie fühlte, als für irgend ein besonders
wertvolles Stück seines Haushalts, ich hätte die Hoffnung nicht fahren
lassen. Solange ein Mann im Kampf um ein Weib einen ebenbürtigen
Rivalen, -- und wäre es der eigene Gatte seiner Schönen --, vor sich
hat, so lange gab die Natur selbst ihm das Recht, um ihren Besitz mit
ihm zu ringen. Nicht Stärke -- nein, nur Schwäche entwaffnet vor dem
Angriff.
Darum mußte ich jetzt von Ihnen fliehen. Ich hätte nicht wunschlos neben
Ihnen leben und nicht als Mann von Ehre um Sie ringen können. Der alte
kranke Marquis ist kein Rivale mehr.
Und doch: Wenn Ihr Herz einmal freiwillig entschiede!! Schönste
Delphine, ich fange an, zu begreifen, daß Sie nicht nur ein goldenes
Blatt in der Siegeskrone, sondern der Rosenkranz selber sind, mit dem
das Leben seine Lieblinge krönt.
Darf ich nun zum Lohn für meine Entsagung, die ich mir nicht zum zweiten
Male aufzulegen imstande wäre, nachdem die Kraft, sie zu tragen, schon
jetzt nicht ausreicht, den Faden unseres letzten Gesprächs
weiterspinnen? Darf ich hoffen, daß Sie ihn aufgreifen und er allmählich
zu einem starken Bande zwischen uns wird?
Mit jener genialen weiblichen Güte, die uns sogar sachliches Interesse
vorzutäuschen vermag, haben Sie an dem Schicksal meiner
kriegswissenschaftlichen Arbeit Anteil genommen. Sie hat inzwischen die
öffentliche Aufmerksamkeit in höherem Maße erregt, als ich es erwarten
durfte. Seit dem großen Erfolg von Glucks Iphigenia schienen unsere
großen Geister, -- ich wäre fast geneigt, das »groß« in
Anführungsstrichen zu schreiben --, wieder im musikalischen Krieg ihre
Kräfte zu erschöpfen; eine Erscheinung, die nur in einem Lande möglich
sein kann, wo man den Bürger als ein unmündiges Kind behandelt und seine
tätige Teilnahme am politischen Leben mit der Bastille belohnt.
In der Verteidigung meiner Ideen war ich mit Herrn von Mesnil-Durand in
eine sehr lebhafte Diskussion geraten, und ich war gezwungen, nicht nur
gegen ihn, sondern auch gegen den Herzog von Broglie, meinen alten
Freund und Wohltäter, kritisch vorzugehen.
Beide verteidigten sich persönlich, wo ich sachlich angegriffen hatte;
ganz Paris wurde zu ihrem Echo, das mich der gröbsten Undankbarkeit
zieh. Der Herzog von Broglie verschloß mir sein Haus. Ein trauriges
Zeichen für die Gesinnungslosigkeit der Bürger Frankreichs, die im
Grunde von mir verlangten, die Tugend der Vaterlandsliebe der Tugend
persönlicher Dankbarkeit unterzuordnen. Ich teilte in diesem Fall das
Schicksal meines Freundes Condorcet, der wegen seiner Kritik der
Finanzpolitik des Herrn Necker auf das schärfste getadelt wurde. »Wie
kommen sie dazu, sich zum Richter des Ministers aufzuwerfen?« frug man
ihn entrüstet. »Soll ich mich auch noch verteidigen müssen, weil ich
mich mit öffentlichen Angelegenheiten beschäftige?« antwortete er. »Das
ist das Recht, ja die Pflicht jedes Bürgers, der keiner besonderen
Mission bedarf, um Rechte des Volks zu verteidigen oder Maßnahmen zu
bekämpfen, die ihm entgegenstehen.«
Der korrumpierten Gesellschaft von Versailles, die keine anderen Gesetze
kennt, als die der Hofetikette, die von der Vortrefflichkeit aller
Einrichtungen überzeugt ist, wenn die Hofschranzen ihre Pensionen, die
Bankiers ihre guten Köche haben, erscheinen Auffassungen, wie die
unseren, nur als eine Lächerlichkeit. Als ob es keine anderen Leiden
gäbe, als die, die uns persönlich verletzen! Als ob die Natur selbst,
die uns den Mut gab und ein fühlendes Herz, uns nicht zu Hütern des
öffentlichen Wohles berufen hätte!
Wir haben es erleben müssen, daß der Aufruhr der Ballettänzer der Oper
das öffentliche Interesse mehr in Anspruch nahm, als die Verluste des
französischen Handels, die Einnahme von Pondéchery, die unglückliche
Expedition der Sainte-Lucie. Hätte ich nicht kurz vorher den
frenetischen Jubel mit erlebt, mit dem die Pariser die heimkehrenden
Helden des amerikanischen Freiheitskrieges begrüßten, ich würde an all
meinen Hoffnungen irre geworden sein. Es war ein momentaner Ausbruch
tiefgewurzelten Hasses gegen den Feudalstaat; eines Hasses jedoch, der
nicht mehr ist, als ein Gefühl, denn als der Marquis Lafayette und der
Prinz Montbéliard, ohne sich einen Augenblick Ruhe zu gönnen und des
Triumphes zu genießen, der ihnen überall bereitet wurde, der
französischen Marine für den Kampf gegen England ihre erprobten Waffen
zur Verfügung stellten, verstand sie niemand.
Kurz vor seiner Einschiffung hatte ich übrigens noch Gelegenheit, den
Prinzen zu sprechen. Ich freute mich, auch in ihm einen jener seltenen
Patrioten kennen zu lernen, die sich selbst nicht als Einzelnen, sondern
als Teil des Ganzen fühlen. Er war sehr niedergeschlagen über das, was
er vorgefunden hatte. »Amerika hat mir die Augen für Frankreich
geöffnet,« sagte er. »Dort ein Volk, das mit Hingabe aller Mittel und
Kräfte für die Freiheit kämpft, hier eines, dessen einzelne Glieder den
Boden ihres Vaterlandes betrachten wie erobertes Gebiet, das jeder nach
besten Kräften für eignen Vorteil zu plündern sich berechtigt glaubt.
Dort Männer, von denen jeder sich als Vaterlandsverteidiger fühlt, hier
Offiziere, deren Schlafzimmer den Boudoiren der Kurtisanen gleichen und
die einander durch nichts eifriger zu übertreffen begehren, als durch
die Kostspieligkeit ihrer Mätressen.«
Im Laufe unserer langen Unterhaltung war ich versucht, auch Ihrer,
teuerste Marquise, zu erwähnen und des merkwürdigen Zusammenhangs
zwischen dem Namen des Prinzen und Ihrem gefährlichen Sturz, aber meine
Diskretion siegte über meine Neugierde. Oder fürchtete ich am Ende im
geheimen, einem ebenbürtigen Rivalen gegenüberzustehen?
Graf Guibert an Delphine.
-Paris, am 21. Juli 1780.-
Kaum hätte ich noch auf einen Brief von Ihnen, teuerste Marquise, zu
hoffen gewagt, und ich weiß nicht einmal, ob ich mich freuen darf, daß
ich ihn endlich doch erhielt. Er ist kurz und kühl; ich würde darnach
glauben, daß nur die Höflichkeit ihn diktiert hat, wenn er nicht so viel
Fragen als Sätze enthielte, -- Fragen, die sichtlich nicht bloßer
Neugierde entstammen, sondern hinter denen eine Empfindung lauert, wie
geheime Angst.
Kein Zweifel, die Zeiten sind ernst, Frau Marquise. Aber meine Reise von
Spa nach Paris, die mich über die Kohlengruben von Anzin und Fresnes
geführt hat, ließ mich schaudernd erkennen, für wen sie wahrhaft ernst
sind: ich sah Kinder, sah werdende Mütter in den schwarzen Erdhöhlen,
und das im Zeitalter Rousseaus! Ich sah Aufseher mit der Peitsche hinter
ihnen, und das im Zeitalter der Befreiung Amerikas! Wer diesen Eindruck
mit sich nimmt, lächelt geringschätzig über die Klagen jener
»Notleidenden«, die heute in seidenen Westen mit Diamantboutons in den
Vorzimmern der Minister über die schlechten Zeiten jammern. Sind sie
nicht selbst daran Schuld, daß die Landarbeiter dem Frondienst auf ihren
Gütern sogar die Arbeit unter der Erde vorziehen?
Wenn man Ihnen die Finanzpolitik Herrn Neckers als Ursache der
allgemeinen Bedrängnis angab, so hat man Sie falsch berichtet. Er ist
unschuldig -- im Guten, wie im Bösen. Seine Einschränkungen des
königlichen Haushalts treffen natürlich den Hof empfindlich, -- so sind
eine Reihe Schloßoffiziere, deren ganze Aufgabe darin bestand, den
Küchendienst zu überwachen und dafür zu sorgen, daß die Braten
rechtzeitig aufgetragen wurden, zur Marine kommandiert, wo man
wahrscheinlich, dank ihrer Vorkenntnisse im Kommandieren toter Gänse und
Schweine, Wunder an Tapferkeit von ihnen erwartet; -- aber diese
kläglichen Maßnahmen sind nur ein verzweifelter Versuch, die öffentliche
Meinung zu beruhigen, sie nützen so wenig, wie es etwas nützen würde,
einen Urwald mittels eines Bratenmessers in fruchtbares Land verwandeln
zu wollen. Die Steuern, die Necker sonst noch teils aufhebt, teils
ausschreibt, sind ebensolche Sisyphus-Arbeit: sie stopfen ein Loch zu
und reißen daneben ein anderes auf. Ich wiederhole: er ist unschuldig,
und die ungeheure Schuld der Vergangenheit wird auch kein größerer als
er zu tilgen vermögen.
Sie sagen: »Ich fürchte mich nicht, aber der Marquis ist krank und die
Sorgen um finanzielle Katastrophen bedrücken ihn, darum möchte ich klar
sehen.« Ich wußte, daß Ihr Stolz keine Furcht aufkommen läßt, aber ich
weiß auch, daß das Riesenvermögen des Herrn Marquis selbst durch die
gewagten Spekulationen des Herrn von Saint-James nicht in dauernde
Gefahr geraten kann. Ängstlich ist im Augenblick alles, denn vom
Ausgang des Krieges hängt außerordentlich viel ab. Vorläufig können wir
von wesentlichen Erfolgen Frankreichs nicht sprechen, und der
Lorbeerkranz, den der Admiral d'Estaing in der Oper entgegennahm, war
dem Ort entsprechend nur Theater für das Volk. Wir haben uns, seit dem
Zeitalter des großen Königs, der Siege so entwöhnt, daß wir geneigt
sind, jeden kleinen Erfolg zu einer Heldentat aufzubauschen. Der König
ist besonders überschwenglich bei solcher Gelegenheit, aber Orden und
Titel, die er freudig ausstreut, vermögen den Epigonen nicht die Größe
ihrer Ahnen zu verleihen.
Sie fragen nach der Stimmung des Hofs. Ich habe mich so viel als möglich
zurückgezogen, kann also aus eigener Anschauung nur wenig berichten.
Wenn man nach der Menge der Feste und Empfänge urteilen könnte, müßte
sie sehr rosig sein, aber da Feste um so weniger ein Ausdruck des
Vergnügens sind, je mehr sie zur alltäglichen Gewohnheit werden, so sind
sie kein Gradmesser für die Laune der Fürsten.
Ich traf die Königin im Juni in Ermenonville, wohin ich der Einladung
der liebenswürdigen Madame de Girardin gefolgt war. Ein göttlicher
Landsitz! Rousseau selbst hätte sich für seine ewige Ruhe keinen
schöneren Ort aussuchen können. An seinem Grabe auf der Pappelinsel, wo
die hohen Bäume in lichtem Hoffnungsgrün prophetisch gen Himmel weisen,
wo Trauerrosen sich liebevoll wie weinende Frauengesichter um das
Denkmal schmiegen und die kleinen Wellen des Flusses nur leise
miteinander flüstern, als wollten sie die Stille nicht stören, predigt
alles die Seligkeit der Rückkehr zur Natur.
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