der Pöbel bemerkt, daß die da oben auch nur Menschen sind, desto mehr
wird er sie als seinesgleichen behandeln wollen.
Verzeihen Sie, meine Teure, daß ich Sie schließlich mit Gedanken
langweile, die weniger für Ihr kindliches Gemüt, als für das reife
Verständnis meiner Mutter bestimmt waren: Lassen Sie sich von ihr des
weiteren darüber belehren.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
-Am 20. Juli 1773.-
Vergebens suche ich, schönste Frau Marquise, in Ihrem Briefe an Clarisse
nach einem noch so leisen Zeichen, das ich als eine Erinnerung an mich
hätte deuten können. Bin ich Ihnen wirklich so ganz gleichgültig? Oder
sah das Gespenst Ihrer einstigen Gouvernante Ihnen über die Schulter,
als Sie ein Schreiben verfaßten, dessen würdevoller Trockenheit sich die
reizende Klosterschülerin von l'Abbaye aux Bois geschämt hätte? Ich
würde der selbstsüchtigen Sehnsucht, mich Ihnen zu Füßen zu legen,
widerstanden haben, aber der ritterlichen Verpflichtung, die Dame meines
Herzens von dem Einfluß der bösen Geister Ihres alten Bergschlosses zu
befreien, kann ich mich nicht entziehen. Nur Ihr ausdrückliches Verbot
wird mich davon zurückhalten, meine Schwester auf der Reise zu Ihnen,
die sie unmöglich ohne meinen Schutz machen kann, zu begleiten. Seien
Sie gewiß: mit dem ersten Lächeln, das ich um Ihre roten Lippen
hervorzaubere, wird die Erinnerung an mich, als an Ihren getreusten
Bewunderer, zurückgekehrt sein. Und Sie müssen und Sie werden lächeln,
wenn erst ein Hauch Pariser Luft Ihre Rosenwangen streichelt.
Sie vibriert von Leichtsinn, Erregung, Leidenschaft! sie ist wie
verflüchtigter Champagner und wer sie ständig atmet, ist immer trunken.
Es gibt Salons, die so sehr von ihr erfüllt sind, daß die Pulse
schneller klopfen, sobald man ihre Schwelle überschreitet. Darf ich
Ihnen heute zu einer Promenade à deux den Arm reichen, die einen der
entzückendsten dieser Salons zum Ziele hat?
Wir wandern durch die Allee dunkler Taxushecken bis zu dem stillen
Wasserspiegel, in dem die üppigen Leiber steinerner Nymphen baden. Ein
Schlößchen, nein: ein Traum in Gold und Weiß, steigt dahinter empor.
Schlanke Säulen tragen die Sternendecke der Vorhalle; jubelnde
Bacchanten schwingen den Thyrsosstab auf dem Fries über den Türen. Sie
stehen weit offen. Licht und Lachen, süßer Duft und rauschende Musik
dringen heraus. Die Wände des Saals, den wir betreten, sind aus weißem
Marmor, goldene Pilaster unterbrechen sie, und vor den hohen Spiegeln in
den acht Ecken des Raums, stehen auf Sockeln von Malachit lebensgroße
Bronzegestalten lichtertragender Frauen. Strahlende Helle strömt von
ihnen aus und vereint sich mit dem Kerzenglanz kristallener Lüster. Auf
die Decke zauberte Drouais den ganzen Olymp, aber die Grazien und Musen,
ja Venus selbst werden von der Schönheit der sterblichen Frauen unter
ihm überstrahlt. Von der Galerie herab singt ein Chor von Knaben --,
Adonis und Ganymed konnten nicht reizender sein --, Grétrys süßeste
Lieder, rings um ihn lehnen tiefdekolletierte, fächerschlagende Damen
an der vergoldeten Balustrade; und unten um die runde, mit Spitzen und
Blumen, mit schwerem Silber und rosenübersätem Porzellan geschmückte
Tafel schart sich eine illustre Gesellschaft von Gräfinnen und Marquis,
Prinzen und Herzoginnen. Ihre Augen, ihre Diamanten, ihre Wangen, ihre
seidenen Kleider und goldenen Parüren wetteifern an Glanz miteinander,
und schwellende Busen beschämen das schimmernde Weiß der Perlen, die
zärtlich auf ihnen ruhen. Angesichts dieser chaotischen Fülle von
Schönheit und Reichtum müßte sich das Auge ermüdet schließen, wenn sie
nicht in einer Erscheinung, wie in einem Brennpunkt, zusammenflössen. In
der Mitte der Tafel thront sie, Venus selbst, die eine gütige Woge aus
unbekannter Tiefe an das Gestade der Irdischen warf.
Wage ich es, vor Ihren keuschen Ohren den Namen zu nennen, den sie für
ihre Wiedergeburt in Frankreich gewählt hat? Es ist die Gräfin Dubarry!
Sie erschrecken! Dürfen Sie das als loyale Französin?! Wissen Sie nicht,
daß Ihr König sie zu sich erhob, daß der Kanzler, daß der
Finanzminister, daß die ersten Damen des Landes zu ihrem Hofstaat
gehören? Und sind nicht auch Sie ihr Dank schuldig, weil sie Choiseul,
den Minister der Philosophen und der Freigeister zu Falle brachte und
den gefährdeten Einfluß der Kirche wieder gefestigt hat?!
Sie lächeln -- endlich! Das Pathos der hohen Politik steht Guy
Chevreuse so schlecht, wie Ihnen die steife Würde einer elsässischen
Schloßfrau. Ich frage nach den Verdiensten und den Sünden der Gräfin
ebensowenig, wie der König nach der Herkunft seiner Göttin gefragt hat.
Daß sie uns amüsiert, ist ein ausreichender Grund ihrer Existenz. Es
scheint, wir brauchen von Zeit zu Zeit solch eine frische Quelle aus der
Tiefe des Volkes, damit wir Armen, seit Urzeiten im gleichen Boden
Wurzelnden, nicht verdorren.
Also sträuben Sie sich nicht länger, reizende Frau Marquise! Dort in dem
runden Salon, dessen Spiegelwände Fragonards Liebesszenen, die sein
Pinsel auf die gewölbte Decke malte, hundertfach zurückwerfen, schwingt
sich die Volkstänzerin Courtille in ihren grotesken Vorstadttänzen, und
nicht lange, so stampfen Prinzessinnenfüßchen mit ihr um die Wette die
Fricasée. Das ist kein Menuett mehr mit Fingerspitzenreichen und
ehrfurchtsvoller Verneigung, das ist ein Haschen und Greifen, ein Wiegen
und Schmiegen voll heißer Lust.
Sie erröten? Kommen Sie weiter, holde Delphine, durch die chinesische
Galerie mit ihren Vasen und Vögeln und Drachen, bis in den Theatersaal.
Vor seiner Bühne verstecken selbst die Pariserinnen das Antlitz zuweilen
verschämt hinter dem Fächer. Man spielt nämlich nicht mehr Racine und
Molière und holt sich nicht mehr die Schauspieler der königlichen
Theater. Collés »Vérité dans le vin« läßt uns plötzlich erinnern, daß
wir, aller Etikette zum Trotz, noch herzhaft lachen können, und
Larrinée, der Straßensänger, bringt uns mit seinen Kuplets dazu, uns
selbst zu verhöhnen, während Audinot, der Gott der Crapule, uns mit
seinen Verbrecherromanzen Schauer des Entsetzens über den Rücken jagt,
-- ein Gefühl das wir bisher nicht kannten.
Sie atmen rascher --, Sie klammern sich an mich. Jetzt sind Sie es, die
nach mehr -- noch mehr verlangen! Aber wir müssen gehen. Für die schwere
Bronzetür dort hat, -- wenigstens im Augenblick --, nur der König den
Schlüssel!
Und nun ist es Abend geworden und das Feenreich von Louveciennes
versinkt im Dunkel der Nacht.
Wie denken Sie jetzt über die »wohltuende Einsamkeit von Froberg«, über
»die beste Gesellschaft der vornehmen, frommen Mutter«?! Schwarze
Dominos stehen Ihnen nicht, Frau Marquise!
Ich möchte auch Ihre Seele in Sonnenfarben gekleidet wissen. Darum wird
es mir schwer, den einzigen Wunsch zu erfüllen, den Sie meiner Schwester
geäußert haben: den nach neuen Romanen. Unsere Schriftsteller sind heute
nichts als Lumpensammler; sie wühlen im Schmutz des Leids und des
Elends; und finden sie wirklich einmal einen Fetzen der Vergangenheit,
so ist auch er schwarz und zerrissen. Allen Schmerz der Welt versuchen
sie in den engen Rahmen einer Erzählung zu spannen. Sie bilden sich ein,
tiefsinnig zu erscheinen, und sind nur langweilig, schwächlich, nervös.
Sie schneiden ein langes Gesicht, schlagen die Augen nieder und ziehen
die Mundwinkel herab; und meinen dann den Philosophen oder den
Engländern ähnlich zu sehen, die heute beinahe noch mehr gelten als
jene.
Bis ich nach Froberg komme, werde ich irgend etwas finden, was
französisch und daher heiter ist, aber da schöne Frauen Bücher nur
lieben, wenn es Ihnen an Anbetern fehlt, so werden Sie mich gewiß des
Auftrags entheben.
Verzeihen Sie die Länge dieses Briefes. Es ist so süß, wenigstens in
Gedanken in Ihrer Nähe zu sein, daß man versucht wird, die Trennung so
weit als möglich hinauszuschieben.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
-Am 26. Juli 1773.-
Ihr rosenrotes Briefchen, schönste Frau Marquise, hat mich in einen
Rausch des Entzückens versetzt. Der Schneiderin meiner Schwester werde
ich Tag und Nacht keine Ruhe lassen, damit sie die Ausstattung der
ländlichen Toiletten beschleunigt und unsere Ankunft in Froberg so rasch
als möglich erfolgen kann. Seitdem ich weiß, das Sie uns »mit Freuden«
erwarten, -- (warum, ach warum sprechen Sie immer nur »von uns«, statt
ein einziges Mal von mir allein?!) --, habe ich keine Ruhe mehr. Meine
Koffer sind gepackt; die schönsten Liebesgeschichten, die ich finden
konnte, -- denn wer vermöchte in Ihrer Nähe etwas anderes zu lesen? --
die neuesten Chansons, die witzigsten Kuplets befinden sich schon wohl
verwahrt in der Reisekalesche; die schnellsten Pferde suchte ich aus.
Aber selbst wenn sie fliegen könnten, würde meine Sehnsucht ihnen immer
weit voraus sein.
Noch eine Bitte, die ich für eine andere wage, weil sie zu schüchtern
ist, sie auszusprechen, -- für Clarisse: Sie wissen, der Chevalier de
Motteville bewirbt sich um sie und das Herz meiner Schwester ist durch
seine treuen Huldigungen so ganz gewonnen worden, daß sie behauptet,
sterben zu müssen, wenn der Widerstand meiner Mutter sich nicht besiegen
läßt. Würden Sie Clarisse den Freundschaftsdienst erweisen wollen, den
Chevalier zu gleicher Zeit mit uns nach Froberg einzuladen, und ihr
dadurch die Möglichkeit einer Begegnung zu gewähren, nach der ihr Herz
stürmisch verlangt? Sie brauchten nicht zu besorgen, daß Herr von
Motteville lästig fiele; er würde selbst die Göttin der Liebe nicht
beachten, wenn seine Geliebte neben ihm stünde.
Seien Sie gewärtig, schönste Marquise, Ihre Gäste diesen Zeilen auf dem
Fuße folgen zu sehen.
Marquis Montjoie an Delphine.
-Paris, den 5. August 1773.-
Meine liebe Delphine! Wie konnten Sie meinen wohlgemeinten Brief nur so
mißverstehen?! Nichts liegt mir ferner, als Ihren Augen Tränen erpressen
zu wollen. Seien Sie versichert, ich will weder Ihre »Freiheit
beschränken«, noch »statt eines Gemahls ein Schulmeister sein«. Ich will
Sie nur leiten -- so unmerklich wie möglich -- und auch meine Mutter hat
gewiß keine andere Absicht. Hätten Sie ein wenig mehr Vertrauen gehabt,
ein wenig mehr kindliche Liebe, statt Hochmut und Heftigkeit gezeigt, so
wäre es zu der peinlichen Auseinandersetzung mit ihr nicht gekommen. Daß
meine Mutter den Besuch des Grafen Chevreuse ablehnte, ist vielleicht
etwas rigoros, aber in Anbetracht Ihrer Familientrauer und meiner
Abwesenheit gewiß verständlich. Es hat mich fast amüsiert, daß Sie sich
daraufhin plötzlich Ihrer Stellung als Herrin des Hauses erinnerten und
den Befehl gaben, die Zimmer für die Gäste bereitzuhalten. Meine Mutter
schreibt sehr verletzt, aber ich denke, mein heutiger Brief, in dem ich
ihr auseinandersetzte, daß meine Gemahlin eine gewisse Selbständigkeit
auch ihr gegenüber zu beanspruchen das Recht hat, wird sie beruhigen.
Ihren Zorn aber, meine Teure, hoffe ich durch den Inhalt des kleinen
Koffers ein wenig zu besänftigen, den mein Kurier Ihnen übergeben wird.
Ich war selbst bei Madame Bertin, die in ihrem Schneideratelier
empfängt wie eine Herzogin. Die hübschesten Mädchen mußten mir die
neuesten Kleider vorführen. Merkwürdig, wie auch hier die Mode das
Leichte, Weiche dem Schweren und Steifen mehr und mehr vorzieht. Man
trägt sich auf der Straße wie unsere Großmütter sich geschämt haben
würden, im Hause zu erscheinen. Ich wäre fast versucht gewesen, diese
Mode nicht zu akzeptieren, wenn ich mir nicht vorgestellt hätte, wie
entzückend diese schmiegsamen Negligée-Gewänder die zarte Gestalt meiner
Delphine zur Geltung bringen, wie verlockend diese Mullfichus, diese
Seidenschals sich um ihren weißen Nacken schmiegen werden. Auch bei
Monsieur Bourbon, dem Schuhmacher der Dauphine, war ich und übergab ihm
Ihren Probeschuh. Sie hätten seine Begeisterung, nicht über den Schuh,
den er für mesquin erklärte, sondern über das Füßchen, für das er
bestimmt war, sehen sollen. »Noch kleiner als das der Prinzessin
Guéménée, und der Spann noch höher als der der Marschallin Mirefoix!«
sagte er einmal über das andere, »wir werden dies Füßchen mit Juwelen
bedecken müssen,« fügte er hinzu, und ich habe mich von ihm bestimmen
lassen, auf seine zarten Kunstwerke all die bunten Steine zu streuen.
Von Madame Martin habe ich ein Sèvrestöpfchen Rouge des Indes besorgt,
von Beaulard, dessen Coiffüren die des alten Beloux an Geschmak und
Grazie bei weitem übertreffen, den neuen Puder d'or.
Werde ich immer noch der gefürchtete Hofmeister sein, oder darf ich auf
ein gnädiges Lächeln hoffen?!
Leider werde ich mir die Antwort auf diese Frage erst in einigen Wochen
holen können. Meine Geschäfte sind noch nicht erledigt.
Ich sprach Ihnen seinerzeit von Monsieur Beaujon, dem Bankier des Hofs.
Männer, wie der Prinz Rohan schenken ihm unbegrenztes Vertrauen, sodaß
ich meine wohl etwas altmodische Auffassung, daß Edelleute keine
Geldgeschäfte machen sollten, überwunden und mit ihm wiederholt
konferiert habe. Sein Benehmen war ein tadelloses, und ich wäre
wahrscheinlich schon zu einem gewissen Abschluß mit ihm gekommen, wenn
ich nicht gestern seiner Einladung in sein luxuriöses Haus in den
Champs-Élysées gefolgt wäre, wo der Eindruck, den ich empfing, ein
äußerst peinlicher war. Kein königlicher Prinz hat ein Palais, wie
dieser Emporkömmling; alle Künstler scheinen sich in seinen Dienst
gestellt zu haben; die Gesellschaft, die er empfängt, ist in bezug auf
Vornehmheit und geistige Bedeutung die erste von Paris, und die Art, mit
der jeder einzelne in ihr dem Hausherrn begegnet, hat einen Anstrich von
Devotion, der mir das Blut sieden machte. Um die jungen Damen seiner
Familie bemühen sich Offiziere und Kammerherrn mit den ältesten Namen;
sie brauchen sichtlich nur die Hände auszustrecken, um irgendeine
Grafen- oder Herzogskrone in Empfang zu nehmen. Wir sind also bereits
soweit, diese Finanziers nicht nur zu ertragen, sie gesellschaftlich uns
gleich zu setzen, sondern wir sind in unserer aristokratischen Gesinnung
heruntergekommen genug, um ihren Hofstaat abzugeben. Und das Traurige
ist, daß Versailles für eine streng aristokratische Auffassung, wie ich
sie noch vertrete, keinen Rückhalt bietet.
Am Tage nach dem Souper bei Beaujon habe ich die Verhandlungen mit ihm
abgebrochen und eine Verbindung mit seinem Rivalen Herrn von Saint-James
angeknüpft, der den Finanzier mit dem Edelmann verbindet, mir daher mehr
zusagt. Er steht überdies der Regierung sehr nahe und machte mir
Konfidenzen, die meine pessimistische Auffassung über unsere innere Lage
nur bestätigten.
Ich war daher in keiner rosigen Stimmung, als ich am gleichen Tage nach
Compiègne befohlen wurde, wo der Hof sich im Augenblick aufhält.
Nebenbei bemerkt: Diese unaufhörlichen Reisen des Königs, die mit seinem
Alter, mit seiner wachsenden Unruhe und der krankhaften Jagd nach
Abwechslung an Zahl zunehmen, sind der Schrecken des Generalauditeurs
der königlichen Finanzen. Das Gefolge ist stets enorm, die
Gastfreundschaft, die den persönlichen Gästen Seiner Majestät gewährt
wird, ist unbegrenzt; die großen Finanziers, die, bei den häufigen
Verlegenheiten des Hofs, ihm Gelder bereitwilligst vorstrecken, sind oft
die gefeiertesten unter ihnen.
Im Augenblick meiner Ankunft in Compiègne erfuhr ich erst, daß die unter
dem Einfluß der Dauphine wiederholt hinausgeschobene Vorstellung der
jungen Vikomtesse Dubarry durch die Gräfin Dubarry heute erwartet würde.
Ich hätte eine Entschuldigung gefunden, wenn ich früher davon gewußt
hätte, denn dem neuen Sieg dieser Aventurière zu assistieren widerstand
mir aufs äußerste. Jetzt mußte ich bleiben und tat es nicht ohne starke
Selbstüberwindung. Der Schloßhof und die Gallerien waren überfüllt, und
ich glaube nicht irre zu gehen, wenn ich behaupte, daß heute niemand
eine von Neid und Bewunderung getragene Neugierde mehr reizt als die
Kurtisanen. Ein Beweis dafür ist die Eile, mit der die Damen des Hofs
jede neue Bizarrerie ihrer Toilette und ihres Benehmens nachahmen.
Nun kann ich nicht leugnen: die Gräfin überraschte mich, und zwar
weniger durch ihre Schönheit, als durch die Tadellosigkeit ihres
Auftretens, durch die vollendete Form, mit der sie selbst der
abweisenden Kühle des Dauphins und der Dauphine begegnete. Sie verriet
auch dem König gegenüber mit keiner Miene die nahen Beziehungen, die
zwischen ihnen bestehen. Manche Damen von Rang, die heute etwas darin
suchen, sich über gute Formen hinwegzusetzen, könnten sich an ihr ein
Beispiel nehmen.
Abends war große Soirée im Schloß. Ich hatte die Freude, den Marschall
Morangiès zu treffen, der seiner eben erfolgten Freisprechung wegen ein
Gegenstand allgemeiner Beglückwünschung war. Seine Geschichte stand im
Mittelpunkt der Diskussion, und man war sich einig über die
ausschlaggebende Rolle, die Monsieur Linguet und Herr von Voltaire dabei
gespielt haben. Linguet scheint ein Advokat und Schriftsteller ersten
Ranges, dabei freilich ein skrupelloser Mensch zu sein. Er hat die
Marotte, sich stets dem allgemeinen Urteil des Volks entgegenzusetzen
und ist auf diese Weise aus einem Republikaner und Freigeist der
Verteidiger aristokratischer und klerikaler Interessen geworden. Daß
Herr von Voltaire ihn im Fall Morangiès unterstützte, hat jeden, der
seine Vergangenheit kennt, überrascht. Es wirkt eigentümlich, diesen
berühmten Mann obskurer Herkunft in seiner Verteidigungsschrift
plötzlich als Wortführer des französischen Adels auftreten zu sehen, und
zu erfahren, wie er mit der nirgends zu überhörenden Stimme eines
Herolds für den Schutz unserer gefährdeten Ehre zu den Waffen rief. Er
hat es tatsächlich erreicht, daß alle ehrgeizigen Krämer glaubten, es
genüge, sich öffentlich zur Partei Morangiès zu erklären, um für einen
Edelmann gehalten zu werden. Was mich betrifft, so hat die
Stellungnahme der beiden Schriftsteller, obwohl ich sie billigen muß,
meine Mißachtung für diese Art Leute nur verstärkt. Ich bin überzeugt:
hätte man sämtliche Philosophen und »Volksfreunde« Frankreichs in die
Intimität der Hofgesellschaft gezogen, statt ihre Bücher zu verbrennen,
wir brauchten sie heute nicht mehr zu fürchten.
Wie sehr das Volk von Paris durch die Hetzereien dieser skrupellosen
Vielschreiber schon beeinflußt wird, ging mir aus einer turbulenten
Szene hervor, die ich wenige Tage nach der Prozeßentscheidung in der
Comédie française erlebte. Man gab »La Réconciliation normande« und bei
der Stelle: »Dans une cause obscure des juges bien payés verraient plus
clair que nous« hallte der Saal von einem so ohrenbetäubenden Lärm
wieder, daß man glaubte, das Spiel abbrechen zu müssen. Man tobte,
trampelte und pfiff, dazwischen fielen die beleidigendsten Ausdrücke
gegen Morangiès, gegen das Parlament, gegen Linguet und Voltaire. Ich
verstand nur das eine nicht: warum die Polizei nicht einschritt.
Freuen wir uns, teure Delphine, unserer ruhigen Elsässer Bauern, bei
denen die Autorität von Staat und Kirche noch nicht erschüttert ist.
Hier ist das feste Bollwerk gegen den Ansturm des verdorbenen Pöbels der
Großstadt.
Ich werde glücklich sein, den Frieden von Froberg wieder genießen und
seine schöne Herrin an mein Herz drücken zu dürfen....
P. S. In Compiègne sah ich den Prinzen Friedrich-Eugen. Er ging mir
jedoch so sichtlich aus dem Wege, und seine Erwiderung meines Grußes war
so steif und förmlich, daß ich nicht in der Lage war, mit ihm zu
sprechen. Ich bedauerte es sehr. Hätte ich doch die Freude genossen,
mich mit Ihrem einstigen Spielgefährten über Sie, teure Delphine,
unterhalten zu können.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
-Abtei Rémiremont, im September 1773.-
Schönste Frau Marquise. Selbst das unangenehmste Abenteuer würde ich
freudig begrüßen wenn es mir die Gelegenheit verschaffte, Ihnen früher
schreiben zu dürfen, als es sonst geschehen wäre. Um wieviel mehr ein so
reizendes. Kurz vor Rémiremont brach die Achse unseres Wagens. Wir
schickten einen unserer Diener bis zur Abtei und wurden in kürzester
Frist von einem Vierspänner der Prinzessin Christine aus unserer
unangenehmen Lage befreit und in den eleganten Räumen dieses im
weitesten Sinne des Worts weltlichen Damenstifts von einem Flor
reizender Frauen willkommen geheißen. Über ihre bunten Quesacos trugen
sie das breite blaue Band des Ordens vom heiligen Romaric und den
schwarzen hermelinverbrämten Mantel. Sie waren alle sehr erhitzt, und
da ich mir leider nicht schmeicheln durfte, die roten Wangen und
glänzenden Augen auf meine Ankunft zurückführen zu können, so vermutete
ich in ihnen die Wirkung einer allzu üppigen Tafel, die ich beschloß
durch Witz und Galanterie zu steigern und auszunützen. Aber schon bei
Tisch wurde ich eines Besseren belehrt: meine Nachbarin, eine süße
kleine Blondine, erzählte mir, daß die jungen Stiftsfräuleins schon seit
Wochen um eine Umänderung der Satzungen kämpften, die ihnen das --
Wahlrecht im Stiftskonzil vorenthielten. Je scherzhafter ich die Sache
nahm, desto mehr überschlug sich ihr Vogelstimmchen. Clarisse, die mir
gegenübersaß, wurde von einer anderen streitbaren jungen Dame in
demselben Sinne aufgeklärt, und als wir uns am Abend im Garten ergingen,
erfuhr ich zu meinem Erstaunen, daß die Prinzessin, trotz ihres Alters
und ihres Ranges als Äbtissin, auf der Seite der Jugend steht.
»Wir sehen es lieber«, sagte sie, »die Fräuleins würden das Recht haben,
innerhalb des Sitzungssaals zu streiten, als daß sie sich das Recht
nehmen, vor geschlossener Türe zu intriguieren. Das erzieht zu jener
Hintertreppenpolitik der Frauen, die das Verhängnis Frankreichs ist.«
Und nun entspann sich hinter den Klostermauern von Rémiremont eine
politische Debatte, wie in den Gärten des Palais-Royal in Paris, nur
daß sich hier Damen des ältesten Adels über Fragen echauffierten, die
dort nur zwischen Advokaten, Bummlern und Philosophen Rededuelle
hervorrufen. Ich wäre mir mehr als überflüssig vorgekommen, wenn es mich
nicht gereizt hätte, die jungen Amazonen mit allen Zaubermitteln der
Galanterie der Waffen zu entkleiden und ihnen Rosen in die Hände zu
spielen. Meine Bescheidenheit verbietet mir, das Resultat zu schildern.
Ihnen, reizende Delphine, überlasse ich, es sich auszumalen. Kämpft doch
auch in Ihnen die streitbare Kriegerin mit der hingebenden Nymphe.
Wie haben Sie mich mißhandelt! Und wie wenig haben Sie die Wunden, die
Sie schlugen, zu heilen gewußt! In den hohen Räumen ihres schrecklichen
alten Schlosses, zwischen seinen steifen Stühlen und dunklen Schränken
erschienen Sie unnahbar, feierlich. Ihre Lippen waren bleich, Ihre
Blicke abweisend, Ihre Hände eiskalt. Schloß sich die eisenbeschlagene
Pforte hinter Ihnen und Clarisse und mir und waren wir erst weit draußen
im sonnendurchglühten Park, -- unerreichbar für das Auge der alten
Marquise, für die Stimme des Herrn Marquis! --, dann kehrte wohl das
Leben in Ihre Marmorglieder zurück, -- aber nicht ich durfte mich einen
Prometheus preisen, der es einhauchte --, dann lachte Ihr Auge wieder,
aber es lachte nicht mir! Trotzdem ist mir jeder Augenblick
unvergeßlich, den ich mit dieser Delphine zusammen war, aber am
unvergeßlichsten die, ach so seltenen, die ich allein mit Ihnen verleben
durfte!
Warum haben Sie meine Bitte nicht erfüllt, den Herrn von Motteville
einzuladen? Warum, vor allem, haben Sie sie nicht verstanden?! Die
Lektüre von Boufflers, von Prévost, von Marivaux wäre dann nicht nötig
gewesen, um Clarisse zu verscheuchen!
All meine Ritterdienste haben nicht erreicht, was die Leidenschaft, was
das beklagenswerte Schicksal der Romanheldinnen erreicht hat: Ihnen
wenigstens die Liebe Ihres Anbeters verständlich zu machen. O, Aline,
Manon und Marianne, auf eure Gräber würde ich, wenn ich sie finden
könnte, Floras schönste Kinder streuen! Euch verdanke ich, daß Delphines
rosige Ohren sich nicht abwandten, als ich ihr von meiner Liebe sprach,
daß sie nach langem, langem Flehen die einzige Gunst gewährte und meinen
heißen Lippen den schneeigen Arm nicht entriß!
Zürnen Sie mir nicht, weil die Erinnerung mich fortreißt. Die schönen
Pariserinnen werden Mühe haben, ihre schmerzhaften Spuren zu verwischen,
aber ihre Süßigkeit und -- die Hoffnung, die sie erwecken, werden sie
nicht verscheuchen können. Sollte der heiße Atem von Paris das Eis um
das Herz der reizenden Marquise nicht zu schmelzen vermögen?!
Darf ich erwarten, daß Sie mich mit einer Zeile von Ihrer schönen Hand
beglücken werden, damit der Faden zwischen uns, der heute noch so
spinnwebfeine, nicht ganz zerreißt? Als ein Bittender küsse ich diese
Hand und hoffe, sie bald als ein Dankbarer küssen zu dürfen.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
-Paris, am 21. Februar 1774.-
Endlich, schönste Marquise, ein Brief von Ihnen! Ich hatte schon
aufgehört, darauf zu hoffen; ich kämpfte mit mir, ob ich Sie noch einmal
an mich erinnern dürfe, ich fürchtete, als ein Zudringlicher von Ihnen
abgewiesen zu werden. Nun ist es zwar nicht gerade schmeichelhaft, daß
Sie mir »nur aus Langerweile« schreiben und ich weiß nicht, ob es mir
gelingen wird, diese Langeweile zu verscheuchen, um so mehr, als sie
jetzt in Paris ein allgemeines Leiden ist.
Die Krankheit des Königs liegt wie ein Alp auf dem Hof von Versailles.
Priester, wie der Abbé Beauvais, Nonnen wie Madame Louise gewinnen
wechselnden Einfluß; allerlei dunkle Gestalten werden durch
Hinterpforten eingelassen, denn Seine Majestät ist abergläubisch
geworden und läßt sich weissagen. Nur auf Stunden, höchstens Tage,
vermag die schöne Bacchantin Dubarry ihn seiner Melancholie zu
entreissen. Alles um ihn zittert --, teils aus Angst, teils aus Hoffnung
--, und bei manchen Leuten habe ich immer den Eindruck, als hätten sie
schon heimlich ihre Koffer gepackt. Nur in den inneren Gemächern der
Dauphine und im kleinsten Kreise wird noch gelacht, gespielt, getanzt.
Sonst hat sich die Fröhlichkeit in die kleinen Hotels der Duthé, der
Guimard, der Raucourt geflüchtet und mit ihr manche lebenslustige Dame
der Gesellschaft, -- nicht zu ihrem Schaden, denn erst hier lernt sie,
was Vergnügen und was -- Liebe ist.
Ich erinnere mich noch Ihres Erstaunens darüber, daß die Romanheldinnen,
die ich Sie kennen lehrte, lauter Kurtisanen sind. Wenn Sie nicht wie
eine Eingekerkerte in Ihrem alten Schlosse lebten, -- die Vollendung des
neuen Palais wird doch wohl noch lange auf sich warten lassen und die
des Pavillons, den ich Ihnen riet für sich allein errichten zu lassen,
gewiß noch länger! -- so würden Sie rascher als viele andere die
Ursachen begreifen lernen. Diese Mädchen sind frei; keine Scheere der
Rücksichten und der Etikette beschneidet ihre Gefühle, damit sie hübsch
artig in Reih und Glied stehen wie die Kugelakazien; kein Ehemann macht
sie zu seinem Privatbesitz, ähnlich seinem Hunde, den er darauf
dressiert, selbst wenn ihn hungert, von einem anderen kein Stück Brot zu
nehmen.
In den Hotels der Raucourt, -- einer unvergleichlichen Schauspielerin,
die der Herzog von Argenson lanciert hat, und der im Augenblick halb
Paris zu Füßen liegt, -- und der Guimard, die infolge der gefährlichen
Rivalin alle ihre Künste spielen läßt, all ihren Liebreiz entfaltet,
traf ich wiederholt unseren gemeinsamen Freund, Friedrich-Eugen. Erfüllt
wie ich von Ihnen, schönste Marquise, bin, wurde ich nicht müde, von
Ihnen zu sprechen; die wortkarge Ruhe, um nicht zu sagen
Gleichgültigkeit, mit der er mir zuhörte, hätte mich fast auf eine
ernstere Differenz zwischen Ihnen und dem Prinzen schließen lassen, wenn
er nicht mit einer mir in diesem Maße freilich auch unverständlichen
Gereiztheit eine harmlose Bemerkung meinerseits, -- daß die reizende
Marquise das alte deutsche grämliche Froberg demnächst in einen
blühenden französischen Mont de joie verwandeln würde --, als eine
Beleidigung Ihrer Person betrachtet hätte. Er warf sich dabei zu Ihrem
Verteidiger auf, und spielte die Rolle eines alten, einzig dazu
berechtigten Freundes so täuschend, daß ich nicht wußte, was ich davon
halten sollte und die kleine Guimard vielsagend lächelte.
Nur ein paar Tage lang wünschte ich Ihnen übrigens den Verkehr mit der
himmlischen Tänzerin. Sie erinnert mich oft an Sie in der Art, wie sie
langsam die schweren Lider von den dunklen Augen hebt und in den weichen
Bewegungen ihres zarten Körpers. Nur daß er fessellos ist, der neuesten
Mode Englands entsprechend, -- fessellos wie ihre Hingabe, ihre
Zärtlichkeit.
»Wer in der Liebe nicht verschwenden kann, ist selbst ein Bettler,«
sagte sie mir neulich, und einer kleinen Gräfin, die ihr klagend von der
Wankelmütigkeit ihres Liebhabers erzählte, rief sie höhnend zu: »Füttern
sie ihn nur weiter mit den Almosen heimlicher Blicke und Händedrücke,
dann wird er ihr ärgster Feind, ein Revolutionär, wie das frierende und
hungernde Volk von Paris angesichts der brennenden Holzstöße, die die
großen Herren ihnen zuliebe vor ihren Palais entzünden, und der
Brosamen, die sie ihnen zuwerfen.«
Mein Brief wird Sie enttäuschen, denn ich fürchte, daß er Sie nicht
einmal für eine Stunde von Ihrer Schwermut befreit, ja, daß er sie
vielleicht noch vertieft. Ich bin so grausam, schönste Frau, diese Folge
sogar zu wünschen, denn Sie sind so starrköpfig, -- oder so sanftmütig?!
-- daß Sie sich erst sehr unglücklich fühlen müssen, um sich vom Unglück
zu befreien.
Lucien Gaillard an Delphine.
-Paris, März 1774.-
Hochzuverehrende Frau Marquise. Zwei Pferde ritt ich zu Schanden. Ob
infolge der Schwere meines Buckels oder der Schärfe meiner Sporen will
ich dahingestellt sein lassen. Ich habe mich weder vom Staub gereinigt,
noch gegessen und getrunken. Ich bin mit der Tür ins Haus gefallen. Der
Kammerdiener des Prinzen Friedrich-Eugen hat erst durch ein paar
Louisd'or an meine Ehrlichkeit geglaubt.
Euer Gnaden können ohne Sorgen sein. Die Schreiberseele des Mercure de
France hat natürlich die Provinz schaudern machen wollen. Es bestand
keinerlei Lebensgefahr. Der Degen des Grafen Guy Chevreuse hat nur die
Wange Seiner Erlaucht ein wenig zerschlitzt und ihm einige Unzen Blut
abgezogen. Das dürfte nicht ungünstig sein, sondern die allzu große
Hitze des Prinzen kühlen.
Über die Ursachen des Duells weiß selbst der Kammerdiener, dessen
hingebendste Freundschaft ich mit einigen weiteren Louisd'or gewann,
nichts Bestimmtes. Das eine nur scheint gewiß: Der Streit entstand im
Hotel der Demoiselle Guimard, derselben schönen Dame, die der Prinz
gestern empfing. Es scheint darnach in Paris Mode geworden zu sein, daß
auch der männliche Teil der vornehmen Welt im Bett Audienz erteilt.
Ich selbst bin, da Euer Gnaden mir nicht gestatteten, den Namen
derjenigen, die mich sandte, einem anderen als dem Prinzen selbst zu
nennen, natürlich nicht empfangen worden. Es war nur die Folge meiner
eigenen Dummheit. Morgen werde ich den simplen Gaillard mit irgendeinem
sieben- oder neunzackig gekrönten Namen vertauschen und man wird nicht
die Hinterpforte, sondern die Flügeltüren weit vor mir aufreißen.
Ich lasse dann sofort einen zweiten Kurier dem heutigen folgen.
Gestatten mir Euer Gnaden, meiner unvergänglichen Dankbarkeit und
Ergebenheit Ausdruck zu verleihen. Ich bedaure, der Frau Marquise nicht
mehr opfern zu können, als ein paar Pferdebeine.
Lucien Gaillard an Delphine.
-Am 22. März 1774.-
Hochzuverehrende Frau Marquise. Soeben verlasse ich den Prinzen. Meine
Eröffnung ließ ihn vom Bett emporschnellen. Ich konnte mich von der
gesunden Menge von Blut überzeugen, das seine Adern noch füllt, denn es
ließ sein Gesicht wie ein Feuer glühen, als ich zuerst Ihren Namen
nannte.
»Schreiben Sie Ihrer Gebieterin«, sagte er, »daß ich jetzt nichts
sehnlicher wünschte, als wirklich todkrank zu sein, um von ihr und ihrer
rührenden Sorge um mich dem Leben zurückgewonnen zu werden.«
Fast drei Stunden hielt er mich fest. Er hörte nicht auf, mich
auszufragen, mir zuzuhören. Ich durfte mich glücklich schätzen, daß Euer
Gnaden Erscheinung sich mir so unauslöschlich eingeprägt hat, und ich
imstande war, jeden Blick, jedes Lächeln, jede Bewegung zu schildern, so
daß Seine Erlaucht mir versicherte, die Farben Bouchers könnten nicht
lebensvoller malen, als meine Worte. Eine Demoiselle Raucourt, die sich
während meines Besuchs melden ließ, hat er mit einem so verächtlichen
Stirnrunzeln abweisen lassen, daß sie nicht wiederkommen würde, wenn sie
es gesehen hätte.
Meine »kranke« Mutter habe ich heute besucht. Ich brauche dem Herrn
Marquis sonach kein Märchen aufzubinden. Ihre »Sehnsucht« war übrigens
so groß wie die meine. Erst als sie sich überzeugte, daß ich nichts zu
fordern kam, erwachte ihre mütterliche Zärtlichkeit gegenüber ihrer
Mißgeburt. Es geht ihr übrigens vortrefflich. Von dem Gelde ihres
Liebhabers, dem ich infolge eines unglücklichen Zufalls mein Leben
verdanke, -- daß ich ihm wirklich dafür Dank schuldig bin, weiß ich
erst, seit ich Euer Gnaden dienen darf --, hat sie im Garten des
Palais-Royal ein Café-Restaurant gepachtet. Die größten Räsonneure von
Paris verkehren bei ihr. Ich habe in einer Stunde mehr gehört, als ich
in meinem ganzen Leben gedacht habe, obwohl, wie Euer Gnaden wissen, das
nicht wenig ist, da man mir ja reichlich Zeit dazu gelassen hat. War ich
doch ein Bastard, also gemieden von den Herren wie von den Dienern. Aber
wessen ich mich schämte, dessen werde ich mich auf Grund meiner neuen
Einsicht noch rühmen können. Als »Bastarde im Geist«, bezeichnete einer
der Gäste Madame Gaillards, in dem ich den einstigen Hofmeister des
Prinzen Friedrich-Eugen, den Herrn von Altenau, wieder erkannte, all
jene Aufklärer, Schriftsteller und Philosophen, die zwischen dem Volk
und dem Adel stehen, nicht etwa als ein verbindendes, sondern als ein
zersetzendes Element. Was die großen Denker, die Herren Voltaire,
Rousseau, Diderot und wie sie alle heißen, -- ich hörte die Namen zum
erstenmal --, in ihren Werken niedergelegt haben, das verbreiten jene
anderen durch die Zeitungen, durch Flugschriften und Reden jetzt im
Volk. In jeder kleinen Wirtschaft, zwischen Krämern und Handwerkern,
hört man infolgedessen politisieren und philosophieren. Vom König redet
man, als wenn er schon tot wäre. Man erörtert eifrig das Für und Wider
der Männer, die der Dauphin berufen wird. Es gibt Hoffnungsvolle, die
eine glorreiche Zeit und ein Ende aller Not erwarten. Die meisten
lächeln zweifelnd dazu, oder zucken nur stumm die Achseln. Für einen,
der, wie ich, aus lebenslanger Einsamkeit hierher verschlagen wurde, ist
das alles wie ein Fiebertraum. Wenn ich im Frühling durch die Froberger
Gärten ging, hatte ich zuweilen solch ein Gefühl in den Gliedern, als
stünde etwas Ungeheures bevor. Aber dann fiel mir stets rechtzeitig ein,
daß das nur die Gradegewachsenen erwarten dürfte. Hier habe ich die
unbestimmte Empfindung, als bedürfe es nur eines graden Geistes, um das
Große, das wird, mit zu empfangen.
Euer Gnaden haben mich, den immer Schweigsamen, zuerst sprechen gelehrt,
und müssen mir daher gütigst verzeihen, wenn ich nun schwatzhaft werde.
Ich erwarte, der Verabredung gemäß, Euer Gnaden weitere Befehle.
Johann von Altenau an Delphine.
-Paris, am 30. März 1774.-
Verehrte Frau Marquise! Als die kleine Gräfin Laval sich in eine
Marquise Montjoie verwandelte, war sie mir, offen gestanden,
entschwunden, wie ein schöner Traum. Einmal, so dachte ich, würde ich
wohl der Frau Marquise begegnen, aber sie wäre dann eine Fremde für
mich, eine der vielen schönen Frauen, mit demselben Rouge auf den
Wangen, das alle Spuren von Leid und Liebe verwischt, demselben Lächeln
um die Lippen, das Freund und Feind gleichmäßig grüßt, demselben Geist,
dem Himmel und Erde nichts anderes bedeutet, als einen Gegenstand der
Konversation.
Und nun ließ mich ein Zufall, der sich in der dicken Wirtin des Café de
la Regence verkörpert hatte, einen buckligen Menschen kennen lernen, von
dem ich noch nicht weiß, ist er Ihr Hofnarr oder Ihr Kavalier, und
dieser seltsame Kauz machte mich mit der Marquise Montjoie bekannt. Die
Gräfin Laval ist sie nicht, -- darin ging mein Vorgefühl nicht fehl --,
aber sie ist auch nicht eine von den Vielen. Ich glaube fast, sie ist
ein Mensch, denn sie fühlt die Qualen des Lebens.
Zürnen Sie mir darum nicht, wenn ich Ihnen mitteile, daß sich in Paris
ein Mann befindet, der sich Ihnen ganz zur Verfügung stellt. Vielleicht
findet er, wenn Sie nur gütigst eine Verbindung mit ihm herstellen
wollen, irgend ein Mittel, das Ihre Schmerzen, wenn nicht in Freuden
verwandelt, so doch betäubt.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Paris, den 3. April 1774.-
Teuerste Delphine, unvergeßliche Freundin! Meinen heißen Dank für die
Wohltat, die Sie mir erwiesen haben, muß ich Ihnen persönlich, nicht nur
durch Ihren treuen Boten, auszudrücken versuchen. Sie können in Ihrer
Reinheit nicht ermessen, was Sie für mich getan haben; Sie retteten mir
vielleicht mehr als das Leben, nachdem Sie mich in einen schlimmeren
Abgrund als den des Todes gestürzt hatten. Ich war auf dem Wege, mich
selbst zu verlieren --, ach, ich möchte Ihnen das Alles beichten dürfen,
und von Ihnen eine Absolution empfangen, die mich sicherer von allen
meinen Sünden freisprechen würde, als wenn der Papst in eigener
heiliger Person es täte!
Mir ist Paris verleidet; ich kann seine schwere stickige Luft nicht mehr
atmen; mich verlangt nach dem kräftigen Vorfrühlingsbrodem, den die
heimatliche Erde ausstrahlt. Sobald meine Verwundung die Reise möglich
macht, will ich nach Montbéliard zurückkehren, und dort bleiben, bis die
tiefere Verwundung meines Herzens es mir erlaubt, nach Etupes -- unserem
schönen Etupes! -- überzusiedeln. Noch weiß ich nicht, wie sie zu heilen
ist: die Vergnügungen von Paris haben sich nur als der Verband eines
ungeschickten Chirurgen erwiesen, denn die Trennung von Ihnen war wie
fressendes Pfeilgift, das die Vernarbung verhindert. Wird ein
Wiedersehen sie schließen machen?! Einerlei! Und wenn ich im Voraus
wüßte, daß ich daran verblute, ich würde keine Minute zögern, es
herbeizuführen. Nur Ihre Ablehnung, meine Freundin, würde wirken, wie
Königsbann. Aber ich weiß, Sie vermögen nicht, sie auszusprechen.
Monsieur Gaillard wußte nicht, was höher zu preisen sei: Ihre Schönheit
oder Ihre Güte! Der arme Kerl, der sich wie ein Nachtfalter am Licht
Ihrer Augen die grauen Flügel verbrannte!
Ich werde Sie wiedersehen, und werde versuchen, zu vergessen, daß es die
Marquise Montjoie ist, die ich begrüße.
Verzeihen Sie die zitternde Greisenschrift dieses Briefes. Sie dürfen
sich darum nicht sorgen, liebste Delphine, -- so sehr mich auch diese
Sorge beglückt --, denn es ist weniger die Schwäche, die sie verursacht,
als die Erregung. Ich weiß jetzt, wie einem Wüstenwanderer zu Mute ist,
der mit ausgedörrter Kehle und zerrissener Haut, dem Tode nahe, die
schattende Kühle hoher Palmen, die klaren Wellen sprudelnden Quells vor
sich sieht.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Montbéliard, 30. April 1774.-
Delphine, liebste Delphine, warum antworten Sie mir nicht?! Ich wartete
in Paris vergebens darauf und hoffte, hier ein Lebenszeichen von Ihnen
vorzufinden. Vergebens! War ich zu vorschnell, als ich aus Ihrer Sorge
um mich auf einen Rest alter Neigung schloß? Als der Graf Chevreuse vor
Dirnen und Roués von dem Mont de joie erzählte, auf dem er den Palast
der Venus gefunden hat, glaubte ich die ganze Frechheit seines
Wortspiels zu verstehen. Daß ich es tat, war eine Beleidigung gegen Sie,
-- und Sie hätten ein Recht, mich deshalb keines Wortes mehr zu
würdigen.
Aber um unserer Kindheit willen, Delphine, die mir hier aus jedem Busch,
jedem Wasserspiegel entgegenlacht, verzeihen Sie mir! Und um meiner
Liebe willen schenken Sie mir ein einziges gutes Wort. Nur Ihr Mitleid
und Ihr Zorn sind mir unerträglich.
Sollte aber Krankheit die Ursache Ihres Schweigens sein, -- ich wage es
nicht zu denken, daß Sie leiden --, so beauftragen Sie Gaillard mit
Ihrer Antwort. Ich klammere mich zu sehr an jeden Strohhalm der
Hoffnung, ich fürchte mich zu sehr, daß Sie selbst ihn mir entreißen
könnten, als daß ich es wagte, ein Begegnen mit Ihnen zu erzwingen.
Marquis Montjoie an Delphine.
-Paris, am 8. Mai 1774.-
Meine Liebe, die Nachricht vom Tode des Königs wird meinem Briefe
vorangegangen sein. Als ich am Donnerstag früh in Versailles eintraf,
war die Aufregung bereits eine allgemeine. Sowohl die Partei Dubarry mit
dem Herzog von Aiguillon an der Spitze, hatte sich versammelt, als die
Partei Choiseul, die mit der zur höchsten Empörung des Königs aus dem
Exil zurückberufenen Herzogin von Gramont bei der Dauphine zusammentraf.
Ein Uneingeweihter hätte aus der unverhohlenen Angst in den Zügen der
Einen, dem nicht mehr zu unterdrückenden Triumphgefühl in denen der
Anderen, auf den Stand der Dinge schließen können.
Gegen Abend wurde der König aus Trianon, wohin die alles vermögende
Favorite ihn entführt hatte, um ihn womöglich bis zuletzt in ihrer
Gewalt zu behalten, zurückgeführt. Der Eindruck dieser Heimkehr mußte
auch einen kühlen Beobachter erschüttern: es regnete in Strömen, als die
goldüberladenen Karossen des Königs sich langsam wie ein Leichenzug
durch den Schlamm der Straße, dem Schlosse entgegen bewegten. Die
Federbüsche der Pferde hingen schwer vom Wasser an ihren Köpfen
hernieder. Man hob den König aus den Kissen; sein Kopf sank vorn über,
der Schweiß perlte auf seiner wachsgelben Stirn, zwischen den
aufeinandergepreßten Lippen drangen hie und da gurgelnde Laute hervor,
als er an seinem Hofstaat vorübergetragen wurde. Sobald er auf sein
Lager gebettet war, beschwor er seine Umgebung ängstlich, ihm den Stand
seiner Krankheit mitzuteilen. Wenn er auch von seinem Heldenmut viel zu
reden pflegt, so fürchtete er sich doch von jeher vor nichts so sehr,
als sterben zu müssen, und umgab sich auf Schritt mit einer offenen und
geheimen Schutzgarde, ohne daran zu denken, daß der Tod sich von ihr
nicht würde zurückhalten lassen.
Im Verlaufe der nächsten Tage wurde der König zweimal zur Ader gelassen.
Als die Ärzte von der Möglichkeit eines dritten Males sprachen, wurde
ihm und seiner Umgebung der Ernst der Lage erst völlig klar. Die
Herzöge von Richelieu und von Aumont traten den Ärzten in meiner
Gegenwart mit geballten Fäusten entgegen, um die Operation zu
verhindern, und da diese ihre Stellung bedroht sahen, gaben sie nach. Am
Sonnabend den 30. April bedeckte sich plötzlich der Körper des Königs
mit demselben Ausschlag, unter dem er schon in seiner Jugend gelitten
hatte. Die Ärzte bezeichneten ihn auch jetzt offiziell als Blattern.
Während der König in einen Zustand von Apathie verfiel, gelang es der
Partei Choiseul, den Zutritt von Mesdames Adélaide, Sophie und Victoire
zu ihrem königlichen Vater zu erzwingen. Der Erzbischof hielt sich
erwartungsvoll im Vorzimmer auf; man rechnete bestimmt darauf, durch
seinen Einfluß die Ausweisung der Dubarry und ihres Anhangs
durchzusetzen. Aber sobald der Kranke zu sich kam, wies er seine Töchter
hinaus und verlangte heftig nach der Gräfin. Die Prinzessinnen hätten
übrigens die pestilenzialische Atmosphäre im Zimmer des Königs nicht
länger ertragen können, während die Gräfin ohne schwindelig zu werden,
in seiner nächsten Nähe aushielt.
Kein Wunder, wenn man selbst aus der Gosse stammt!
Wie erzählt wird, soll sie die Kühnheit gehabt haben, ein
Diamantenhalsband von märchenhaftem Wert, das der Juwelier Boehmer ihr
zum Kauf angeboten hatte, dem sterbenden König vorzulegen und zum
Geschenk zu erbitten. Er verstand kaum noch etwas davon, aber er zog das
Schmuckstück immer wieder durch seine fieberheißen, von Schwären
bedeckten Hände, die die kalten Steine wohltätig kühlten.
Durch Scherze und Zärtlichkeiten suchte die Gräfin den Lebensglauben des
Sterbenden aufs neue anzufachen, worin der Herzog von Richelieu sie
insofern unterstützte, als er den Erzbischof, der nicht von der Stelle
weichen wollte, um dem König rechtzeitig die Beichte abzunehmen, fern zu
halten vermochte.
»Wenn es Ihnen, Monseigneur, durchaus nach großen Sünden gelüstet,«
sagte der alte Roué mit seinem ganzen Zynismus, »so nehmen Sie die
meinen dafür. Ich garantiere Ihnen, Sie haben in den zwanzig Jahren
Ihres Pariser Erzbistums nichts Ähnliches gehört.«
Der Kampf der Parteien um den sterbenden König wurde schließlich so
heftig, daß sein Lärm bis in sein Zimmer drang. Vergebens bemühte ich
mich, Ruhe zu stiften, denn so feindlich ich auch der Partei Dubarry
gegenüberstehe, der König ist immerhin des großen Ludwig Nachfolger
gewesen, und verdient als ein Sterbender zum mindesten den stillen
Respekt, der allen gewährt wird, die dem ewigen Richter nahen. Erst von
dem schon halb Besinnungslosen erreichten die Priester die Entfernung
der Gräfin.
Wenige Stunden nach dem Tode des Königs kam ich nach Paris. Überall
begegnete ich jubelnden Volksmassen und das »Es lebe Ludwig XVI.!« klang
in allen Gassen wieder. So antipathisch mir sonst jeder öffentliche
Auflauf ist, in diesem Falle fühlte ich mich durch die Gesinnung mit dem
Pöbel eins.
Die erschütternden Ereignisse, die die Geschicke Frankreichs umgestalten
werden, haben die persönlichen Differenzen zwischen Ihnen und mir, wie
sie kurz vor meiner beschleunigten Abreise von Froberg in Erscheinung
traten, in den Hintergrund gedrängt. Ich denke jetzt ruhiger darüber, da
ich annehme, daß Ihr Verhalten nur eine Folge der Beschwerden ist, die
Ihr Zustand Ihnen verursacht. Ich will mich bemühen, Sie wie eine Kranke
zu behandeln, möchte Sie jedoch nur daran erinnern, daß es bei Frauen
von guter Erziehung bisher selbstverständlich war, sich auch in der
peinlichsten Lebenslage zu beherrschen. Ich verstehe noch heute nicht,
wie die liebenswürdige Einladung der Fürstin Montbéliard, und mein
Wunsch, durch Ihre Zusage die freundnachbarlichen Beziehungen aufrecht
zu erhalten, Ihre Aufregung verursachen konnte. Die Fürstin ist Ihnen,
nach Ihrer eigenen Versicherung eine zweite Mutter gewesen, sie sprach
in ihrem Brief ausdrücklich von einem »stillen Landaufenthalt in
Etupes,« der Ihnen geboten würde; Ihr Einwand, daß Sie sich mit Ihrer
»deformierten Gestalt« nicht sehen lassen könnten, ist also in diesem
Fall nichts als ein leerer Vorwand. Sie würden zu gesellschaftlichen
Triumphen gar keine Gelegenheit haben, die Beeinträchtigung Ihrer
Schönheit hätte also keinerlei Konsequenzen. Da Ihnen Froberg überdies
so unbehaglich ist, würde Ihnen das sonnige Etupes gerade jetzt doppelt
wohltätig sein, und die Fürstin würde es in ihrer Güte an hingebendster
Pflege nicht fehlen lassen.
Aber die Auseinandersetzung über die Frage der Einladung war ja nur das
Vorspiel der Szene, die Sie mit einem unleugbaren Talent für die Rolle
einer tragischen Heldin mir dann vorzuführen die Güte hatten. Ich
glaubte, Sie damit zu besänftigen, daß ich Sie an die notwendige
Rücksicht auf das Kind erinnerte, aber ich warf damit nur neue Nahrung
in das Feuer ihres Zorns. »Rücksicht auf das Kind?!« schrieen Sie, ohne
bemerken zu wollen, daß Gaillard sich in unverhohlener Neugierde vor
Ihren offenen Fenstern zu schaffen machte, »ich will -- ich will kein
Kind von Ihnen! Ich schäme mich dieses Kindes!«
Ich hoffe, Sie schämen sich jetzt Ihres eigenen Benehmens, das ich in
ihre Erinnerung zurückgerufen habe, um es Ihnen wie einen Spiegel
vorzuhalten.
Wie gesagt: ich nehme an, Sie waren von Sinnen, wie es bei jungen Frauen
in gewissen Zuständen vorkommen soll, und ich verzeihe Ihnen den
Affront, den ich durch Sie erleben mußte. Auch auf den Besuch in Etupes
will ich nicht bestehen. Soll es doch vorkommen, daß schwangere Frauen
gerade ihren Lieblingsspeisen gegenüber einen unüberwindlichen Ekel
empfinden.
Ich schreibe Ihnen das Alles, weil ich wünsche, daß nunmehr von der
ganzen Sache zwischen uns keine Rede mehr ist.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Montbéliard, am 10. Mai 1774.-
Angebetete Delphine! Je länger Ihre Antwort ausblieb, desto fieberhafter
arbeitete meine Phantasie; Himmel und Hölle sah ich vor mir, und
glaubte, alles ertragen zu können. Und doch würde mich die Wirklichkeit
vernichtet haben, wenn ich nicht zwischen den Zeilen Ihres Briefes das
Klopfen Ihres Herzens gespürt, die Tränen in Ihren Augen gesehen hätte.
Sie lehnen meinen Besuch ab; Sie fürchten sich vor ihm; Sie wünschen,
daß ich Delphine Laval nicht vergesse, und darum Delphine Montjoie nicht
wiedersehe. Sie lassen mir nur die leise Hoffnung auf eine Zeit, wo
irgend eine große Wendung des Schicksals die Jugendfreundin aus dem
Starrkrampf erweckt. Sie sind unglücklich, Delphine, unglücklich wie
ich, und Sie gestatten mir nicht, Ihnen zu helfen! Ich beneide den
Grafen Chevreuse, ja ich will mich sogar bemühen, seine leichtfertigen
Reden zu vergessen, weil er imstande gewesen ist, Ihnen Stunden des
Frohsinns zu schaffen.
Es gab seit dem Empfang Ihres Briefes Augenblicke, in denen der Wunsch,
Ihnen helfen zu können, jedes eigennützige Gefühl erstickte. Ein solcher
war es, als ich meine Mutter bat, Sie zu sich zu laden; ich hätte, Ihrem
Wunsch unter allen Umständen gehorchend, Etupes helles Schlößchen ebenso
wenig betreten, wie Ihre dunkle Burg.
Noch Vieles möchte ich Ihnen sagen, denn mein Herz ist übervoll, aber
ich würde kein Ende finden, wie der Strom um so weniger versiegt, je
tiefer er aus dem Innern der Erde kommt.
Johann von Altenau an Delphine.
-Paris, im September 1774.-
Verehrte Frau Marquise! Die Hoffnung auf Nachricht von Ihnen, hatte ich
schon aufgegeben, und ich respektierte Ihre Zurückhaltung, die bei
vielen Menschen, wie bei zu Tode getroffenen Tieren, die Folge der
tiefsten Schmerzen ist.
Und nun lese ich Ihren Brief wieder und wieder, und versuche mir aus
seinen leisen Untertönen, aus den Erzählungen des Herrn Gaillard und aus
den Buchstaben Ihrer Schrift, die früher wie lauter kleine Kobolde
lustig durcheinander tanzten, und jetzt brav und ernsthaft in
gleichmäßiger Reihe vor mir stehen wie ängstliche Kinder vor dem
strengen Schulmeister, ein Bild der Frau zu machen, an die ich schreibe.
»Ich bin schon viele Wochen krank«, sagen Sie, »und liege in einem
schrecklich großen Bett, das nie ganz warm wird, mitten in einem hohen,
dunklen Zimmer, wie eine Tote in der Kirche. Daß es draußen Sommer ist,
merke ich nicht. Ich glaube, man hat in diesem Schloß die Fenster
absichtlich so gebaut, daß nur die Wintersonne hineinkann.« Und dann
erzählen Sie von den Sälen, die immer leer aussehen, auch wenn man noch
so viel Möbel, hineinstellt, und von dem Leben, das eben so ist, weil
man es auch nur mit totem altem Kram erfüllt; -- ist das die kleine
Delphine, die ich kannte, oder die Marquise, die ich zu begegnen
erwartete?!
Ich soll Ihnen »Lebendiges« bringen, »damit wenigstens ein Echo von all
dem Lärm und Lachen bei mir wiederklingt«. Ich werde Sie enttäuschen,
Frau Marquise, denn das Paris, das ich kenne, lärmt zwar, aber es lacht
nicht. Zu der Stunde, wo die großen Kurtisanen, die Duthé, die Cléophile
auf der Promenade von Longchamps ihre sechsspännigen Karossen von
Sèvres-Porzellan, ihre Quesacos von Damast, ihre hochgetürmten Locken,
und ihr verführerisches Lächeln zur Schau stellen, begafft vom Pöbel,
gefolgt von der Jeunesse dorée, versammelt sich eine täglich wachsende
Zahl von Männern in den Kaffeehäusern des Palais-Royal, um die neuesten
Zeitungsberichte, die neuesten Flugschriften zu lesen, den neuesten
politischen oder gesellschaftlichen Skandal zu besprechen,
philosophische und literarische Fragen zu diskutieren. Für viele treten
diese öffentlichen Zusammenkunftsorte allmählich an Stelle der berühmten
Salons, nicht nur, weil diese sich mehr und mehr auf ihre gewohnten
Kreise beschränken und die alten Celebritäten den jungen Unbekannten
vorziehen, sondern weil man in der Ungezwungenheit der Kleidung und der
Konversation einen Reiz entdeckte, der den Salons fehlt. Bei vielen der
seßhaftesten Kaffeehausbesucher ist noch ein anderer Umstand für ihre
Flucht aus den Salons ausschlaggebend gewesen: ihre Einsicht in die
traurige Wirkung, den der Einfluß, den man den Frauen in diesem
Jahrhundert in wachsendem Maße einräumte, auf Frankreichs innere und
äußere Lage ausgeübt hat.
Von einer männlichen Kultur erwarten viele die Rettung vor dem Abgrund,
dem wir zusteuern. Amüsant ist dabei, daß man sich um so mehr mit der
Frau beschäftigt, je mehr man sich von ihr emanzipiert; statt der
Liebeslieder an sie, schreibt man gelehrte Abhandlungen über sie, in
denen ihre Kräfte und Fähigkeiten eingehender Prüfung unterzogen
werden. Herr Thomas von der französischen Akademie veröffentlichte
zuerst einen Essay über den Charakter, die Sitten und den Geist der
Frauen.
Mir fiel bei der Lektüre folgende Anekdote ein: Sophie Arnaud, die wegen
ihrer Bonmots berühmter ist als wegen ihres asthmatischen Gesangs, bat
einmal Herrn Thomas, der damals Administrator eines Pariser Departements
war, um den Umbau des Schornsteins an ihrem Hause. »Ich habe mit dem
Minister,« so gab er ihr schließlich Bescheid, »Ihre Angelegenheit als
Bürger und als Philosoph besprochen.« »Aber mein Herr,» unterbrach sie
ihn, »was nützt mich das! Als Schornsteinfeger hätten Sie davon sprechen
müssen!» Ich fürchte, es ging ihm mit den Frauen wie mit den Kaminen:
nicht als Bürger und Philosoph hätte er von ihnen sprechen dürfen,
sondern als empfindsamer Mensch --, kurz so wie es Denis Diderot in
seiner Besprechung der Schrift des Akademikers getan hat. Ich kann mir
nicht versagen, Ihnen einige seiner Sätze, auch wenn ich sie aus dem
Zusammenhange reißen muß, wiederzugeben. Er erzählt: »Ich sah eine
anständige Frau bei der Annäherung ihres Gatten vor Entsetzen zittern;
ich sah, wie sie im Bade untertauchte und doch glaubte, sich von der
Erfüllung ihrer ehelichen Pflicht nie reinigen zu können. Solch ein
Gefühl körperlicher Scham ist uns so gut wie unbekannt. Das höchste
Glück flieht die Frauen nur zu oft sogar im Arm des Mannes, den sie
lieben; während wir es an der Seite eines gefälligen Weibes finden
können, das uns gleichgültig ist...« Und an andrer Stelle, wo er die
Gesetze und Gebräuche schildert, die den Frauen auferlegt wurden, heißt
es: »In allen Ländern hat sich die Grausamkeit der bürgerlichen
Gesetzgebung mit der Grausamkeit der Natur gegen die Frauen verbunden.
Wie Kinder und Blödsinnige werden sie behandelt. Es gibt, selbst bei
kultivierten Völkern, keine Art von Quälerei, die sich der Mann nicht
gegenüber der Frau erlauben dürfte. Wagt sie, sich zu empören, so wird
ihre Handlungsweise durch allgemeine Mißachtung gestraft.«
Selbst der Patriarch von Ferney, der es nicht verträgt, daß die
Öffentlichkeit sich auch nur vier Wochen lang nicht mit ihm beschäftigt,
hat sich in die Diskussionen über das Thema »Frau« eingemischt,
wenigstens nimmt man an, daß ein kürzlich erschienenes geistvolles
Pamphlet seiner Feder entstammt. Es fordert nichts weniger als die
größtmögliche Erleichterung der Ehescheidung, die eine Sache des Staats
im Interesse des Familienglücks und nicht eine Sache der Kirche sei.
»Daß der Mann sich durch Maitressen, die Frau durch Liebhaber schadlos
zu halten suchen«, schreibt er, »ist jedenfalls keine Lösung des
Problems.«
Der Verfasser einer anderen anonymen Broschüre verlangt gar als
Heilmittel der totkranken Ehe, die Abschaffung der Mitgift. Danach wäre
jedoch, wie mir scheint, die Korruption nur halb beseitigt: die Männer
zwar würden nur aus Liebe wählen, die dann völlig besitzlosen Frauen
dagegen noch mehr als bisher aus Berechnung.
Ich habe all diese kuriosen Dinge vor Ihnen ausgebreitet, weil ich
glaube, daß sie mindestens Ihre Neugier, vielleicht auch nur Ihr Lächeln
hervorrufen werden. Und das wäre schon ein Fortschritt! Dabei verlor ich
den Faden meines Briefes, und kann mich über meine Stilverletzung nur
durch die Zuversicht trösten, daß meine Korrespondenz niemals die
Bekanntschaft eines Setzers machen wird. Ich knüpfe also wieder am
Anfang an, um Ihnen zunächst einmal den Rahmen des Bildes zu geben, daß
ich Ihnen später, wenn Sie mich nicht etwa schweigen heißen, im
einzelnen schildern werde.
Wir befanden uns zuletzt im Kaffeehaus. Ist das Wetter schön, so ergeht
sich die Menge in den späten Nachmittagsstunden in den Alleen davor.
Hier zeigen sich dann auch Frauen in hübschen Polonaisen, mit
Riesenmuffs oder langen Spazierstöcken. Ihre Zahl nimmt Jahr um Jahr zu;
es ist Mode geworden, sich in freier Luft zu ergehen, und die Ärzte
unterstützen sie nach Kräften. Die Vapeurs, die man für eine Einbildung
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