Augenblick höchster Gefahr, wo die Regierung an ihren Opfermut appelliert, nicht krampfhaft die Hand auf den Beutel halten. Mir und meinen Gesinnungsgenossen kann diese Enthüllung der Motive ihres Handelns nur recht sein. Mit um so größerer Wucht werden wir im geeigneten Augenblick neben die von ihnen erhobene Forderung bürgerlicher Freiheit die der sozialen Gleichheit stellen. In den politischen Klubs tönt sie laut genug. Und die Polizei hat sie längst gehört. Vor kurzem rief ein Leidenschaftlicher im Palais-Royal über die Köpfe der Flaneure hinweg: »Mit den Gedärmen des letzten Priesters erdrosseln wir den letzten König.« Man wollte ihn verhaften, ließ ihn aber laufen, als sich zur Beschämung des Polizeibeamten herausstellte, daß der Satz von Diderot stammt, dem am gleichen Tage in der Akademie eine tönende Gedächtnisrede gehalten worden war. Die gewaltsame Registrierung der Steuern, -- der König will seine Selbstherrlichkeit in einem Augenblick beweisen, wo sie nichts als eine Chimäre ist, -- ruft noch ständig erregte Szenen hervor. Der Graf von Artois wurde gestern auf dem Wege zur Chambre des Comptes ausgepfiffen. Kein Steuererheber -- davon bin ich überzeugt -- wird gegen die Haltung des Parlaments den Mut haben, die Order des Königs auszuführen. Verzeihen Sie, wenn die Leidenschaft mich weit über meinen Auftrag hinausgehen ließ! Lucien Gaillard an Delphine. -Paris, am 26. September 1787.- Ich danke Ihnen, verehrte Frau Marquise, für Ihren Brief, und freue mich innig, Ihnen ein wenig helfen zu können, indem ich Ihr Interesse an den politischen Vorgängen wach erhalte. Der Prinz ist zurück. Die Provinzialversammlungen, die jetzt überall tagen, sind, nach seinem Bericht, vom gleichen Geist erfüllt. »Ich habe«, sagte er, »einmal um den Tod Rousseaus, Voltaires, Diderots geklagt. Jetzt weiß ich, daß wir Tote nicht zu betrauern haben, deren Geist unsterblich ist!« Der König glaubte die Parlamente übergehen zu können, er behandelte sie wie ungezogene Kinder; er lernte inzwischen, daß er Männer vor sich hat, und die Zurückziehung der bereits registrierten Steueredikte war ein Eingeständnis seiner Verlegenheit und seiner Schwäche, über die keine tönende Rede der Monarchisten mehr hinweghilft. Der Einzug Wilhelms von Oranien im Haag mit Hilfe preußischer Truppen, über den das ehrliebende Frankreich heute in helle Wut gerät, hat den Rest von Respekt vor dem Kriegsherrn und seinen Ratgebern zerstört. In Kriegshäfen, Schiffe und Armeereformen haben wir Millionen gesteckt, und besitzen nicht einmal so viel politische Macht, um uns vor dem Hohngelächter der Nachbarn zu schützen. Die preußischen und englischen Diplomaten, die hier zusammentreffen, haben leichtes Spiel. Daß der Herr Marquis der Provinzialversammlung in Straßburg beiwohnen will, ist sehr erstaunlich. Darf ich vielleicht dem Prinzen mitteilen, daß Sie um jene Zeit allein sein werden? Graf Guy Chevreuse an Delphine. -Versailles, den 22. November 1787.- Schönste Marquise. Bisher zögerte ich, Ihnen zu antworten, denn was blieb mir zu sagen übrig? Sollte ich klagen, weil Sie nicht kommen mögen? Sollte ich Hoffnungen aussprechen, die nichts als leere Worte gewesen wären? Oder sollte ich Ihnen zur Erheiterung im Tone der Pariser Parlamentsräte das »üppige Hofleben« schildern, den »Taumel des Vergnügens«, in dem wir leben; den »Goldregen«, der sich über uns ausgießt, »während das Volk im Elend verkommt?!« Hier statt dessen ein Bild der Wirklichkeit: Nur von wenigen ihrer Getreuesten begleitet, durchstreifte die Königin die herbstöden Gärten von Trianon. Den Tod der neugeborenen Prinzessin hat sie um so weniger überwunden, als irgend ein altes Weib in ihrer Umgebung ihn als böses Omen deutete. Sie trug, wie wir alle, Trauerkleider; der kleine Dauphin klammerte sich, wie immer, an ihre Hand, sein schwarzes Röckchen ließ seine Blässe doppelt durchsichtig erscheinen. Unser Ziel war der Pachthof. »Ich will mir einmal einen fröhlichen Tag bereiten«, hatte die Königin mit wehmütigem Lächeln gesagt und die Börse gefüllt für ihre Schützlinge in den kleinen Häusern. Als wir uns näherten, kamen uns die Lakaien, die den Besuch der Königin gemeldet hatten, mit verlegener Miene entgegen. Die Leute seien bei der Arbeit, hieß es. Die Königin grub die Zähne in die Unterlippe. »Wir werden warten«, sagte sie dann und ließ sich auf der Steinbank nieder. Ein paar Gesichter tauchten hie und da hinter den kleinen Fenstern auf und verschwanden wieder. Schließlich lief eine fröhliche Schar kleiner Kinder von der nahen Wiese uns entgegen. Die Königin rief sie, nahm den Kleinsten auf den Schoß, küßte ihn und drückte einem jeden ein Geldstück in das Fäustchen; die Eltern sahen hinter den Büschen und Hecken heimlich zu. »Vor einem Jahre haben sie noch alle vor mir im Staube gelegen,« sagte die Königin bitter. Wir gingen schweigsam zurück. Nur sie schritt stolz und hochaufgerichtet vor uns, einen hochmütig-verächtlichen Zug um die Lippen. Wir empfanden seitdem eine merkbare Umstimmung nicht nur bei ihr, sondern auch beim König, der die geheimen Unterhaltungen mit seiner Gemahlin mehr als sonst zu suchen scheint und nie versäumt, sie zum Ministerrat zuzuziehen. Das Maß seiner Güte scheint endlich erschöpft. »Die Neuerer wollen ein Frankreich, das englisch ist«, meinte er kürzlich erbittert, und bei Gelegenheit einer der letzten offiziellen Empfänge in Versailles erklärte er laut: »Die Idee, dauernde Generalstände zu schaffen, ist umstürzlerisch gegen die Monarchie. Wird sie verwirklicht, so existiert zwischen dem König und dem Volk als intermediäre Macht nur noch die Armee.« Jeder erstaunte; es war das erste Mal, daß der König an die Gewalt erinnert hat. Vor wenigen Tagen fand eine königliche Parlamentssitzung statt, in der sein Stimmungswechsel zu klarem Ausdruck kam. Sie wissen, daß ich der Politik bisher weiter aus dem Wege gegangen bin als den häßlichen Frauen. Wenn ich dieser Sitzung beiwohnte, so nur weil Schauspiele der Art, seitdem die Theater immer langweiliger, die Tänzerinnen immer älter werden, und selbst die Somnambulen, die uns so angenehm gruseln lehrten, anfangen, sich mit politischer Hellseherei abzugeben, die Öde des Lebens allein noch unterbrechen. Es war der Mühe wert. Im Namen des Königs hielt der Großsiegelbewahrer, aufgeplustert wie ein Truthahn und feuerrot wie er, eine donnernde Philippika, zwischen jedem Satz eine Pause machend, um ihre Wirkung zu beobachten. »Der König allein hat die souveräne Gewalt im Reich --«, ein paar Räte zuckten merklich die Achseln. »Gott selbst hat ihn eingesetzt; nur Gott ist er verantwortlich --«, auf allen Gesichtern stand ein spöttisches Lächeln. »Die gesetzgebende Gewalt ruht allein beim König --«, ein lebhaftes »Oho!« machte sich hörbar. Dann wurde das Anleiheedikt -- es handelt sich um die hübsche Summe von vierhundert Millionen! -- verlesen, und die Schleusen der Beredsamkeit waren geöffnet. Welche Wasserfälle sahen wir! Ein Herr Duval d'Esprèmenil zeichnete sich besonders aus; den ganzen Katechismus der Enzyklopädisten betete er herunter: »Menschenrechte« -- »Volkssouveränität«, -- »Gemeinwohl«, -- »Gesamtwille«, -- noch im Traum dröhnte mir das alles im Ohr. Von der Anleihe wollte keiner etwas wissen, ungefähr wie ein dressierter Hund, dem zwar nach dem fetten Bissen das Wasser im Munde zusammenläuft, der aber schielend den Kopf davon abwendet, wenn man ihm sagt: »Pfui -- das kommt vom König!« Trotz des Widerspruchs wurde die Registrierung des Edikts befohlen. Ein unwilliges Gemurmel erhob sich; den Augenblick benutzte der Herzog von Chartres, -- es wird mir schwer, ihn mit dem Titel seines vornehmen verstorbenen Vaters Orleans zu bezeichnen, -- und erklärte das Vorgehen des Königs für ungesetzlich. Eine kurze Pause allgemeiner Verblüffung, die aber leider niemand benutzte, um dem neuen Volkshelden die Krone anzubieten, obwohl Madame de Genlis die Rolle der Pompadour schon ohne Souffleur zu spielen imstande ist. »Weil ich es will, ist es gesetzlich«, tönte des Königs Stimme scharf und hell durch den Saal. Und der Hof zog sich mit seinem Gefolge zurück. Heute ist der verbannte Herzog der Märtyrer der Volksfreiheit! Ich kenne eine erkleckliche Zahl Glieder des dritten Standes, die bitterlich um ihn weinen: die kleinen Mädchen aus den Singspielhallen, die Venuspriesterinnen vom Palais-Royal. Possen, wie diese, erinnern mich an Sankt Nikolas, mit dem man uns als Kinder schreckte; wenn die »große Revolution«, mit der man die Erwachsenen zu schrecken sucht, nichts anderes aufzuführen weiß, als daß sie mit der Rute droht, mit faulen Äpfeln wirft und bunte Pfefferkuchen verteilt --! Ach, wenn die Tage von Chantilly noch einmal wieder kämen! Wir sind doch noch so jung, schönste Delphine! Marquis Montjoie an Delphine. -Straßburg, den 12. Dezember 1787.- Meine Liebe. Die Verhandlungen der Provinzialversammlung werden sich noch bis Ende des Monats hinziehen. Ich fühle mich kräftig genug, sie auszuhalten, obwohl ich keinen leichten Stand habe. Die Mehrheit der Mitglieder neigt zur Annahme der Grundsteuern. Daß Rohan durch den Weihbischof seinen Protest mit dem meinen vereinigte, hat unserer Sache natürlich mehr geschadet als genutzt. Baron Flachslanden frug mich erstaunt, wieso gerade ich auf meinem Eigensinn beharre, da ich doch die Besteuerung nicht mehr zu fürchten brauche! Ein Zeichen der Zeit: man begreift nicht, daß ein Mensch uneigennützig nach Grundsätzen handeln kann! In allen anderen Fragen herrscht erfreuliche Einmütigkeit. Der Wunsch, die Machtvollkommenheit der Regierung auf alle Weise einzuschränken, die Übergriffe der durch unsere bisherige Nachgiebigkeit reich gewordenen Intendanten unmöglich zu machen, beherrscht die Verhandlungen. Daß die unaufhörlichen Regengüsse sich in der Feuchtigkeit des Schlosses so unangenehm bemerkbar machen, bedaure ich sehr. Beschränken Sie sich möglichst auf einen Raum, dessen Kamin dauernd geheizt bleibt, damit das Kind nicht Schaden leidet. Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine. -Montbéliard, den 15. Dezember 1787.- Meine Sehnsucht siegt über meinen Stolz und meine Vernunft. Du bist allein. Ich bitte Dich, übergib meinem Reitknecht Deine Antwort auf meine Frage: Kann ich Dich sehen? Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine. -Montbéliard, den 18. Dezember 1787.- »Ich ertrüge es nicht,« sagst Du, »die Augen gehen mir über, wenn ich einmal aus der Burg ins helle Licht des Tages komme. Das Herz würde mir brechen, wenn ich Dich sehe --« Wüßte ich nicht so sicher, daß niemand bei Dir ist -- bei Gott, Delphine, ich könnte nicht anders, als an einen Nebenbuhler glauben! Die Gespenster der Vergangenheit steigen vor mir auf. Gut, daß es ein Feld atemlos heißer Kämpfe gibt, in die ich mich stürzen kann. Lucien Gaillard an Delphine. -Paris, den 11. Mai 1788.- Verehrte Frau Marquise. Was ich versprach, vergesse ich nicht. Wenn ich nicht schrieb, so darum, weil ich den Prinzen monatelang aus dem Gesicht verloren hatte und fürchten mußte, zudringlich zu erscheinen, wenn ich eine Nachricht von ihm nicht geben konnte. Gestern erst sah ich ihn mitten im Tumult des Palais-Royal. Er schüttelte mir die Hand. »Es wird ernst,« sagte er mit einem Blick auf die gestikulierende, durcheinander schreiende Menschenmenge. »Der Todeskampf der absoluten Monarchie beginnt,« antwortete ich, und er nickte. Dann verlor er sich wieder im Gedränge. Seit dem achten Mai, wo der König die Parlamente ihrer Macht entkleidete, wächst die Erregung. Parlamentsräte, Aristokraten und Priester fraternisieren auf der Straße mit Krämern, Arbeitern und Journalisten. Und dem verblendeten Volke erscheinen sie plötzlich wie lauter Freiheitshelden. Die Sturmflut von Paris überschwemmt bereits die Provinz und wetteifert mit den Unwettern, die der Himmel sendet. Die berufenen Wächter des Thrones -- der Priester und der Edelmann -- erheben die zu seinem Schutze bestimmten Waffen gegen ihn, und zerstören damit im Volke den letzten Rest des Kindertraums von der unantastbaren Heiligkeit des Königs. In der altersgrauen Burg des Absolutismus sucht er sich zu verschanzen, zu blind, um zu sehen, daß sie schon eine Ruine ist. Graf Guibert an Delphine. -Grenoble, den 20. Juni 1788.- Teuerste Marquise. Meine Reise in den Elsaß wurde im vergangenen Jahre durch die Kriegsunruhen vereitelt; in diesem Jahre wäre sie durch den Krieg im Innern beinahe wieder verhindert worden. Ich habe Tage erlebt, die sich nicht leicht vergessen lassen und den Soldaten mit dem Bürger in mir in schwere Gewissenskonflikte gerissen haben. Wir hatten in Paris erfahren, daß die Registrierung der neuen Edikte in der Dauphiné selbst mit Hilfe der Bajonette auf bewaffneten Widerstand der Bevölkerung stieß. Der Kommandant, der Herzog von Tonnerre, bat um Hilfe. Ich wurde zur Rekognoszierung nach Grenoble gesandt. Kaum war ich angelangt, als erschreckte Landleute die Straßen füllten. »Das ganze Gebirge ist in Aufruhr,« erzählten sie; »Männer, wie Wilde, in Lederjacken und geschnürten Schuhen, mit Sensen und Dreschflegeln, Mistgabeln und Stöcken bewaffnet, steigen in hellen Haufen von den Bergen --« Ich alarmierte die Besatzung, aber es war zu spät; schon drangen Scharen abenteuerlicher Gestalten, Leute wie Riesen mit langen wirren Bärten in die Stadt. Der Herzog von Tonnerre, den sie in seinem Palais überfielen, wurde schwer verwundet; der General Joucourt, der zur Hilfe gerufen worden war, meldete sich krank, und der erste Offizier, dessen Truppe den Angreifern gegenüberstand, warf den Degen fort, breitete die Arme aus und rief: »Wir schießen nicht auf unsere Väter und Brüder!« Es war eine verzweifelte Situation, der wir erst nach einigen blutigen Zusammenstößen Herr geworden sind. Aber wir fühlen uns wie in Feindesland; der kleinste Bursche zeigt seine Vaterlandsliebe, indem er vor jedem Uniformierten die Zunge ausstreckt. Sie kennen meine Ansichten und werden begreifen, daß ich dem Befehle, nunmehr im Elsaß den Manövern beizuwohnen, mit Freuden folge, nur um hier nicht weiter den Schergen des Absolutismus spielen zu müssen. Ich bin nächsten Monat in Straßburg und werde mir von da aus gestatten, Ihnen in Froberg meinen Besuch zu machen. Graf Guy Chevreuse an Delphine. -Versailles, den 10. August 1788.- Allerschönste. Eine Zeichnung Guiberts macht die Runde in Versailles: unter dem düsteren Torbogen einer Burg steht die zarte Elfengestalt eines reizenden Weibes; weich fließt das weiße Kleid um ihre schlanken Glieder, aus dem schmalen süßen Gesichtchen glänzen übergroße erschrockene Kinderaugen. »Delphine« steht darunter -- mitten in einem flammenden Herzen! Delphine --, welch ein Zauber umfängt mich wieder! Wie beneide ich den Glücklichen, der Sie sehen durfte; wie preise ich das Unglück, das Sie nur noch schöner werden ließ! Seit der Dauphin von uns gegangen ist --, es war wirklich ein leises Davongehen, kein Sterben, -- hat die Königin nicht mehr gelächelt. Ihr Bild zauberte endlich wieder einen hellen Schein auf das Gesicht der Unglücklichen. »Ich küsse sie zärtlich in Gedanken, die liebe, kleine Marquise,« sagte sie. Und noch eine andere, eine ganz andere, hat das Bildchen angelächelt: die Guimard. »Zum letzten Tanz« hatte sie ihre alten Freunde geladen. Ihr Hotel strahlte von hundert Kerzen, ihre Tafel bog sich unter dem Silbergerät; ein Netzwerk köstlicher Rosen hing unter dem Plafond. Sie tanzte noch einmal alle Tänze, die ihre Triumphe gewesen waren, nur langsam, gleichsam zögernder, als einst, -- wie im Traum. Und währenddessen regnete es Rosenblätter. »Die Rosen welken,« meinte die Tänzerin wehmütig. »Es liegt in Ihrer Hand, sie wieder blühen zu machen« -- »Wie können Sie von uns gehn!« -- »Was ist die Oper ohne Sie?!« rief alles durcheinander. Aber ihr Entschluß, der Bühne zu entsagen, war unwiderruflich. »Perrückenmacher und Lakaien sind die Richter der Talente geworden; ich aber habe meine Erfolge nur dem Urteil der besten Kreise verdankt; soll ich mich dazu hergeben, mich von der crapule kritisieren zu lassen,« erklärte sie, und wir widersprachen nicht mehr. Ein paar Tage später sandte sie mir eine Karikatur: unter federngeschmückter Perrücke eine Frau mit geschminktem Totenkopf, unter dem rosa Gazeröckchen ein Knochenbein in die Luft werfend --, »das Skelett der Grazien« stand daneben, »der Dank der Pariser« auf der anderen Seite in der Schrift der Guimard. Es ist heimlicher in Ihrer alten Gespensterburg, süße Delphine, als mitten in Paris. Graf Guibert an Delphine. -Paris, den 23. August 1788.- Meine teuerste Marquise. Noch fühle ich Ihre Atmosphäre um mich und bin doch schon über zwei Wochen in Paris. Ich glaube, sie kann sich nie mehr verflüchtigen, denn sie ist, -- das haben Sie mir ja rasch und deutlich genug zu verstehen gegeben --, nicht jene von flüchtigen Liebesspielen parfümierte Salonluft, die dem bloßen offnen Fenster weicht, sondern die herbe Luft der Vogesen selbst. Ich kenne Frauen -- sehr wenige nur! -- die in ihrer Ehe die Erfüllung ihrer Glücksträume fanden. Um sie ist es ebenso ruhig; kein leichtsinniges Verlangen vermag neben ihnen wach zu werden. Wie kommt es nur, daß ich bei Ihnen wie bei jenen mich fühlte, obwohl das Leid, die Entbehrung Ihre Züge zeichnen?! Auf der ganzen Reise träumte ich noch, so daß ihre Bilder fast spurlos an mir vorüber zogen. Der böse Sommer, die Überschwemmungen des Frühjahrs machten die Landschaft traurig, wie die Menschen. Seltsam ist es, wie das Gesicht jedes Bauern sich erhellt, wenn die Generalstände erwähnt werden. Das Volk erwartet von seinen Vertretern, wie früher vom lieben Gott, die Erlösung von allem Übel. Seit Neckers Zurückberufung, die mir, wie ich Ihnen sagte, schon lange als einziger Ausweg erschien, fange auch ich an, daran zu glauben. Er ist entschlossen, die Generalstände so rasch als möglich zu berufen und den Parlamenten alle ihre Machtbefugnisse zurückzugeben. Es wird das im Augenblick wie eine Niederlage des Königs erscheinen, ist aber die einzige Möglichkeit, ein starkes konstitutionelles Königtum aufzurichten. Gegenwärtig steht Paris unter einem Platzregen von Broschüren. Linguet, der nichts weniger verträgt, als vergessen zu werden, schlägt allen Ernstes vor, zur Beruhigung der Gemüter -- als »Symbol der Freiheit«! -- die Bastille abzutragen; ein anonymer »Brief eines Bürgers« ergeht sich in überschwenglichen Lobpreisungen des dritten Standes: »er allein schafft den Reichtum der Nation, aus ihm allein erwachsen die führenden Geister der Kunst und Wissenschaft«; eine andere Schrift spricht von den »reinen Sitten des tugendhaften Volkes, das, aufgeklärt über seine Macht, die Tyrannei des Adels brechen wird, wie es die des Königtums gebrochen hat«. Ein ähnlicher Ton findet sich überall; wenn der kleine Mann diese ewigen Verbeugungen sieht, die übereifrige Volkstribunen vor ihm machen, wird er sich bald für den einzig berufenen Beherrscher Frankreichs halten müssen. Als ich Necker gegenüber Ähnliches aussprach, war er empört; er übertreibt den Respekt vor der öffentlichen Meinung, die, wie er selbst versicherte, die einzige Richtschnur seiner Handlungen ist. Man spricht übrigens von einer neuen Notabelnversammlung, die über die Zahl der Deputierten, die Größe der Ständevertretung und dergl. mehr beraten soll. Würde ich dann vielleicht das Glück genießen dürfen, Sie wieder in Paris zu sehen? Lucien Gaillard an Delphine. -Paris, den 8. Oktober 1788.- Verehrte Frau Marquise. Zum ersten Mal hat der Prinz mich gestern nach Ihnen gefragt, und ob ich Nachricht von Ihnen hätte. Ich verneinte, meinem Versprechen gemäß. Er war außerordentlich erregt -- etwas, was man heute nur dann bemerkt, wenn es den Grad der Erregung Aller noch wesentlich übertrifft. Das Schicksal scheint sich gegen die Regierung verschworen zu haben. Was sie auch tun mag, um ihre Position zu stärken, schwächt sie nur. Der König genehmigt die Generalstände. Das hätte entweder alles mit ihm versöhnen, oder wenigstens die drei Stände zu gemeinsamer Friedensarbeit vereinigen können. Er will aber noch mehr tun, will sein diktatorisches Auftreten vom achten Mai vergessen lassen, und fragt seine guten Bürger nach ihrer Ansicht über die Zahl der Deputierten für jeden Stand. Mit dieser Tat hat er den Zankapfel in ihre Mitte geworfen. Die Privilegierten, die eben noch die Vorkämpfer der Freiheit waren, sind die Gegner der Gleichheit. Der dritte Stand sieht sich seinen Feinden gegenüber! Auf diesen Moment habe ich seit Jahren gewartet, Frau Marquise. Aber nie hätte ich geglaubt, ihn der Initiative des Königs verdanken zu müssen. Jetzt kommt es zur Abrechnung! Jetzt rollen wir die Rechnung der Jahrhunderte auf! Das Defizit des Staates ist nichts gegen sie. Die Knechtschaft, der Frohndienst, die Peitsche, der Hunger, das Blut der Männer, die Ehre der Töchter des Volkes --, das Alles steht darauf und fordert Bezahlung. In einer Gesellschaft vornehmer Leute hat, so sagte man mir, ein Mann namens Cazotte ein Gesicht gehabt: er sah ihre Häupter unter dem Richtschwert des Henkers. Sie lachten über den Verrückten und würfelten seitdem in ihren Klubs unter zynischen Witzen um ihre eignen Köpfe. Die Wahnsinnigen, -- sie wollen nicht wissen, daß der Würfel schon gefallen ist. Erschrecken Sie nicht, verehrte Frau Marquise. Sie wissen, ich litt immer an blutigen Träumen. Aber nie, solange ich atme, soll Ihnen, soll dem kleinen Godefroy auch nur ein Haar gekrümmt werden. Wie könnte ich je vergessen, daß er mir mit seinen kleinen Händchen streichelnd über die Wange fuhr, als sehe er gar nicht meinen Buckel. Oft bin ich so ganz verwirrt, daß ich nicht zu entscheiden vermag, was ich sehnlicher wünsche: Frankreich von der Tyrannei zu befreien, oder Sie beide aus der dunklen Burg! Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine. -Paris, den 8. November 1788.- Ich sah ein Bild von Dir mit einem brennenden Herzen darunter und Deinem Namen darin. Ich sprach den Grafen Guibert, der wochenlang bei Dir war und in Verzückung gerät, wenn er Dich nur nennen hört. Ich sah in der Notabelnversammlung den Marquis --, weder gelähmt, noch krank, nur ein wenig schmaler, ein wenig greisenhafter. Ich fordere von Dir die Wahrheit -- rückhaltslos. Und was ich bisher in blinder Liebe nur leise zu bitten wagte, das verlange ich jetzt: Trennung oder Vereinigung. Kein wehleidiges Klagen kann mich mehr erschüttern. Marquis Montjoie an Delphine. -Paris, den 22. November 1788.- Meine Liebe. Sie fordern die Freiheit noch einmal, nachdem ich zuversichtlich glaubte, der romantische Traum sei ausgeträumt, wie alle Träume in unserer nüchternen Zeit. Ich erfahre nunmehr, daß Sie sich mir »opferten« aus »Mitleid mit dem Kranken, mit dem Verarmten.« Tränenselige Schwächlinge mögen diese Handlungsweise sehr rührend finden. Ich nicht. Denn Sie taten, was Ihre Pflicht war -- nichts anderes. In einem Punkt gebe ich Ihnen recht: Ein alter, armer Mann ist keine Gesellschaft für eine junge, schöne Frau. Ich ziehe die Konsequenz aus dieser Erkenntnis und gebe Sie frei. Sie allein -- selbstverständlich. Denn das Kind ist vor der Welt mein Sohn und bleibt der Erbe meines Namens. Die Scheidung wird in diesen aufgeregten Zeiten keinen unübersteiglichen Hindernissen begegnen. Ich werde die nötigen einleitenden Schritte tun, so bald Sie über die grundlegende Frage entschieden haben: das Kind oder die Freiheit? Ich würde zurückkehren, um mit Ihnen persönlich zu verhandeln, -- in aller Ruhe selbstverständlich, nicht im Straßenjargon von Paris --, aber im Augenblick ist jeder Einzelne unentbehrlich, da die Regierung den dritten Stand inbezug auf die Zahl seiner Vertreter uns gleich stellen will. Ihre Antwort erwarte ich durch denselben Kurier. Die Trennung von Godefroy müßte natürlich eine unwiderrufliche und vollständige sein. Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine. -Paris, den 3. Dezember 1788.- Geliebte, einzige Frau, verzeih mir, Du Süße, verzeih! Deine Briefe, -- das Schreiben des Herrn Marquis, -- die Mitteilungen Gaillards --, zwischen Seligkeit und Empörung, zwischen Freude und Schrecken rissen sie mich hin und her! Armes Herz, wie leidest Du, und bist so grenzenlos allein! Du hoffst, den Marquis zu erweichen, nachdem der erste Schritt schon getan ist; ich aber fürchte, die Niederlage seiner Partei hat ihn vollends steinhart gemacht. Die Ehre des Standes, die Ehre des Namens ist sein einziges Idol; läßt er uns das Kind, so wäre das ein Eingeständnis seiner Schmach, -- er wird es niemals zugeben. Es bleibt uns nur eins: die Flucht. Da ich Deiner Liebe sicher bin, mute ich sie Dir zu. Bist Du bereit, so ist alles übrige ein Kinderspiel. Marquis Montjoie an Delphine. -Paris, den 10. Dezember 1788.- Sie haben mein letztes Wort. Ich bin nicht gesonnen, einen Schritt zurückzuweichen. Nur insofern will ich Ihren Wünschen entgegenkommen, als ich nicht zur sofortigen Entscheidung dränge. Ich gebe Ihnen ein Jahr Bedenkzeit. Sie werden in dieser Zeit jede direkte Verbindung mit dem Prinzen vermeiden. Sie mögen während seiner Dauer ermächtigt sein, die eventuell geeignete Pflegerin für das Kind selbst zu wählen. Ich höre, daß die Kälte im Elsaß noch stärker ist als hier; da es uns an Holz fehlen dürfte, habe ich den Auftrag gegeben, die Parkbäume fällen zu lassen. Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine. -Paris, den 23. Dezember 1788.- Meine geliebte Delphine. Unten jubelt das Volk. Trotz der eisigen Nacht ziehen singende Scharen durch die Straßen, -- ich möchte mir die Ohren verstopfen, um nichts zu hören, was nach Freude klingt. Du kannst nicht fliehen, Du kannst das Kind nicht ins Elend stürzen und in die Schande, das Kind, das Dich dann einmal fragen könnte: »Wer ist mein Vater, der, dessen Namen ich trage oder der, dessen Mätresse Du bist?« »Ich allein,« schreibst Du, »würde alles lächelnd auf mich nehmen, um Deinetwillen; um des Kindes willen aber darf ich es nicht.« O, Ihr Frauen, so frei und stark, und doch so schwach und gebunden! Aber warten willst Du und des alten Mannes versteinertes Herz zu rühren suchen! Ich will mich an Deiner Hoffnung stärken, Geliebte; müßte er nicht einen Stein in der Brust tragen, wenn Deine Bitten ihn nicht zu erweichen vermöchten?! Ich bleibe zunächst noch hier. Neckers Bericht über die Generalstände, wonach die Regierung den Vertretern der Nation das Steuerbewilligungs- und Budgetrecht zuerkennt und die Zahl der Deputierten des dritten Standes denen der beiden ersten gleichstellt, ist klüger, als ich von ihm erwartet hatte, und sicherlich der einzige Weg zur Beruhigung der erhitzten Gemüter. Wir dürfen anfangen, auf eine ruhige, konstitutionelle Entwicklung zu hoffen. Lebewohl, mein heißgeliebtes Kind. Küsse unseren Sohn, den ich zärtlich liebe, obwohl ein gräßliches Schicksal den zwischen uns schiebt, der uns am innigsten vereinen sollte. Lucien Gaillard an Delphine. -Paris, den 5. Januar 1789- Verehrte Frau Marquise. Ihr Schicksal traf mich härter, als mich jemals das meine hat treffen können. Aber so wahr ich der bucklige Sohn einer Dirne und eines Edelmanns bin, und an nichts glaube als an meine Kraft, so wahr wird sich eine Lösung finden, wie das Schicksal Frankreichs eine Lösung finden wird. Ich, Lucien Gaillard werde das Werk Ihrer Befreiung, das Johann von Altenau begonnen hat, zu vollenden wissen! Ich wollte, ich wäre imstande, Ihnen die Hoffnung einzuflößen, die eine Sicherheit ist, und von der wir alle erfüllt sind. Das Bewußtsein der Stärke hat sie möglich gemacht --, jener Stärke, die jeden Satz der herrlichen Schrift: »Was ist der dritte Stand?« zu einer Waffe in unseren Händen schmiedet. Gestern erschien sie, abends bereits war sie in allen Händen; heute dröhnen ihre Worte allen Privilegierten ins Ohr: »Was hält die Gesellschaft zusammen? Die gewerbliche und die geistige Arbeit. Wer verrichtet sie? Der dritte Stand. Wer ist in der Armee, in der Kirche, in der Rechtspflege, in der Verwaltung mit allem belastet, was Mühe und Anstrengung kostet und weder Ehre noch Reichtum einbringt? Der dritte Stand.« Das prägt sich unauslöschlich den dumpfsten Gehirnen ein. »Wer aber besetzt die besten Stellen, die einträglichsten Ämter, wer regiert nicht nur das Reich, sondern auch den König; wer umgibt ihn wie eine Mauer, daß er sein eigenes Volk nicht sehen kann? Die Aristokratie --« das weckt den Haß in der leidenschaftlosesten Seele, den Haß, der zum Beil und zum Feuerbrand greift, wenn er ein Schwert nicht zu führen gewohnt ist. Geduld, Frau Marquise. Der dritte Stand, der sich selbst befreit, wird alle Unterdrückten und Entrechteten befreien -- auch Sie! Graf Guibert an Delphine. -Paris, den 26. Februar 1789.- Teuerste Frau Marquise. Ihr Schweigen läßt mich fürchten, daß ich Sie unbewußt verletzt haben könnte? Das würde ich aufrichtig bedauern, denn gerade jetzt, wo man sich gewöhnt hat, seinen besten Freunden mißtrauisch gegenüberzustehen, -- bis in die Intimität hinein reicht der Parteihader --, sollte kein Band zerrissen werden, das noch so leise mit einem Anderen verknüpft. Die Wahlkämpfe in den Provinzen haben die Luft förmlich mit Sprengstoff gesättigt; selbst Necker ist besorgt und versucht, die Maßlosigkeit des dritten Standes einzudämmen. Aber die Presse kennt keinerlei Rücksicht mehr; schon jetzt ist in ihren Augen die konstitutionelle Monarchie, die von den Generalständen erst geschaffen werden soll, ein überwundener Standpunkt. Der strenge Winter, der der schlechten Ernte des vorigen Jahres folgte, treibt die Vagabunden von ganz Frankreich nach Paris, wo sie auf allen öffentlichen Plätzen rückhaltlos das große Wort führen. Sie würden die Stadt nicht wiedererkennen. Ein Edelmann, der Insulten aus dem Wege gehen will, ist genötigt, bürgerliche Kleidung zu tragen. Von der Agitation des Grafen Mirabeau in der Provence werden Sie gehört haben. Mit Freiheits- und Gleichheitsdeklamationen sucht er sich von seiner Vergangenheit rein zu waschen, und das Volk jubelt ihm zu, wo er sich zeigt. Wir dürfen uns der Einsicht nicht verschließen, daß es die Hetzreden der Ehrgeizigen und der Fanatiker sind, die wilde Gelüste in den Massen aufpeitschen, von denen ihre Bescheidenheit bisher keine Ahnung hatte. Ich las nicht ohne tiefe Besorgnis, daß auch die ruhigere Bevölkerung des Elsaß nicht unberührt geblieben ist, und hoffe dringend, von Ihnen zu hören, daß Ihr stilles Schloß so fern wie von der Welt, so fern allen inneren Kämpfen blieb. Lucien Gaillard an Delphine. -Paris, den 12. Juli 1789.- Verehrte Frau Marquise. Die atemlose Hast alles Geschehens ließ mich verstummen, aber nicht vergessen machen, was ich gelobte. Sie wissen durch die Journale, was sich begab: Die Niederlage des Königs, die wundervolle Erhebung des dritten Standes, der Beginn der Nationalversammlung. Vor ihren Türen wartet das Volk, kampfbereit, um, wenn es sein muß, Worte zu Taten zu machen. -Den 16. Juli.- Ungeheures ist geschehen; die Kunde von der Entlassung Neckers und der Berufung eines volksfeindlichen Ministeriums unterbrach meinen begonnenen Brief. Ich stürzte zum Palais-Royal. »Sie beraten in Versailles die Bartholomäusnacht der Patrioten,« schrie man mir entgegen. Mit zornbebender Stimme rief Demoulins die Bürger zu den Waffen. Wie von einer fremden Gewalt getrieben, marschierten Tausende in geschlossenen Reihen in derselben Richtung. Aus allen Nebenstraßen ergossen Menschenmassen sich in unseren Strom. Ganz Paris war von einem Gefühl durchdrungen. Entsetzt von den ungezählten Scharen, die den Truppen auf dem Platz Louis XV. gegenüberstanden, gab der Marschall Besanval den Befehl zum Rückzug. Der fürchterliche Plan der Herrschenden war vereitelt. Am nächsten Tage glich Paris einem Kriegslager, und als der Morgen des 14. Juli graute, bedurfte es nicht mehr des lauten Rufes: »Zur Bastille!«. Jeder von uns wußte, als hätte das Schicksal selbst ihm seine Befehle diktiert, wohin der Weg ging. Ich will Ihr weiches Herz nicht mit Schilderungen quälen, die mir in der Erinnerung das eigene Blut gerinnen machen. Ich will nur sagen, was geschah: die Zwingburg fiel! Die erste von hunderten, die rings im Lande ihre Kanonen drohend gegen uns richten, in ihren Kellern die Schätze bergen, um die ihre Herren uns betrogen haben, in ihren Verließen arme Menschen gefangen halten, die die Not zu Dieben und Mördern oder zu Vorkämpfern der Freiheit machte. Ich habe eine dringende Bitte, Frau Marquise, im Interesse Ihrer eigenen Sicherheit. Suchen Sie unter irgend einem Vorwand in der nächsten Zeit nach dem Palais im Park überzusiedeln. Ich habe Verbindungen mit den Elsässer Bauern; drückt der lang niedergehaltene Haß auch ihnen die Brandfackel in die Hand, so wird nur die bewohnte Burg, nicht das verlassene Schlößchen ihr Ziel sein. Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine. -Besançon, am 23. Juli 1789.- Geliebteste! Auf dem Wege zu Dir, -- die Angst läßt mich jede Rücksicht vergessen --, habe ich hier flüchtig Station machen müssen. Mein Kurier ist beauftragt, Dir diese Zeilen zu überbringen und mich zu erwarten. Die ganze Provinz ist in Aufruhr. Die brennenden Schlösser erhellen, ungeheueren Fackeln gleich, die gewitterschwangeren Nächte. Ich entging mit knapper Not der Raserei der Bauern, die Ambly, wo ich übernachtete, anzündeten. Sie banden mich, sodaß ich hilflos daneben stehen mußte, als sie dem Chevalier das Herz durchbohrten und seiner unglückseligen Frau die Kleider vom Leibe rissen. Vergaß man mich im Taumel der Plünderung? Half mir ein unbekannter Freund? Ich weiß es nicht. Irgend jemand zerschnitt meine Fesseln; ich fand mein Pferd und jagte hierher, wo ich mich verbinden ließ. Ich hatte der Wunde am Arm bisher nicht geachtet. In vierundzwanzig Stunden hoffe ich bei Dir zu sein. Rühre Dich nicht aus der Burg. Laß vom Wartturm die Fahne wehen zum Zeichen, daß Du da bist. Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine. -Montbéliard, den 6. August 1789.- Es ist vorüber. Ich habe abgeschlossen. Nur eins bleibt mir übrig: der Abschied von Dir! Du hast gegen mich entschieden, Delphine. Jede Stunde des Tages und der Nacht sehe ich den Augenblick noch vor mir, der über unser Leben das letzte Urteil fällte. Wie alles gekommen ist, wird mir ewig dunkel bleiben, denn Gaillards Mund verstummte auf immer. Ich habe seine Leiche auf meinem Pferde hierher geführt und hier begraben. Der Marquis hätte sie von den Wölfen im Wald zerfleischen lassen. Die Burg brannte schon, als ich kam. Gaillard rief mir mit dem Ausdruck strahlender Zuversicht nur zwei Worte zu: »Im Palais!« Ich stürzte in den Park, ich rüttelte wie ein Wahnsinniger an den verschlossenen Läden; das morsche Holz gab nach; ich lief, Deinen Namen rufend, durch die moderduftenden Räume --, Du warst nicht da. In großen Sprüngen jagte ich zurück. Dicht vor den niederprasselnden Balken stand der Marquis, das Gesicht blutüberströmt, auf dem einen Arm den weinenden Knaben, in der anderen Hand die rauchende Pistole, Gaillard, ein Sterbender, ihm zu Füßen, Du, wie leblos an sein Knie Dich klammernd. Ich riß Dich empor. Du starrtest mich an, wie geistesabwesend. Der Marquis lachte schneidend auf: »Brandstifter!« Schon wollte ich mich auf ihn werfen, aber als Schutzwehr hielt er mir das Kind -- mein Kind! -- entgegen! »Delphine!« schrie ich. »Die Freiheit oder das Kind«, dröhnte seine Stimme durch den Lärm zusammenstürzender Mauern. Und da -- wandtest Du Dich ab von mir! Ich klage Dich nicht an. Du konntest nicht anders. Ich nehme Abschied auf immer. AUSKLANG Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine. -Etupes, am 21. Juni 1827.- Teure Frau Marquise. Seit gestern bin ich mit dem Leben versöhnt. Nach Jahrzehnten eines abenteuerreichen Daseins suchte ich die Stätte auf, wo jeder Baum und jede Blume mir heilig sind, an einem Tage, da ich, fast noch ein Knabe, meines Herzens einziges Glück zum erstenmal in die Arme geschlossen hatte. Ich ging die Allee hinunter, am ausgetrockneten Teich, an verwilderten Hecken vorbei, dem kleinen weißen Schlößchen zu, das mir verträumt entgegensah. Da bemerkte ich, dicht davor auf den verwitterten Stufen sitzend, eine schwarze Gestalt, den verschleierten Kopf in den Händen vergraben. Und als ich hastig nähertrat, blickten mich plötzlich zwei Augen an, -- zwei Augen, die mir überall bis zu den Eisfeldern Rußlands wie wundertätige Sterne geleuchtet hatten --, Deine Augen, Delphine! Wir haben beide geweint --, es waren, glaube ich, Freudentränen! Morgen will ich nach Italien zurück. Seit der Kaiser starb, ist Frankreich die Fremde für mich. Ich breche das Versprechen, das ich Dir gab: ich komme nicht mehr nach Laval. Ich will mir durch keine trübselige Greisenfreundschaft die Erinnerung an Deine Treue, Deine Liebe zerstören. ****** Anmerkungen zur Transkription: Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht. S. 3: die graziöseste der Tänzerinnnen, die graziöseste der Tänzerinnen, S. 10: Ihre Gouvernannte, Ihre Gouvernante, S. 27: Als ich ihn bei Mademosielle Als ich ihn bei Mademoiselle S. 34: Ein junges Mädchen, -- das ist mit nicht unbekannt Ein junges Mädchen, -- das ist mir nicht unbekannt S. 41: Sie, war ungemein liebenswürdig Sie war ungemein liebenswürdig S. 66: nur die Wange Seiner Erlaucht ein wenig zerschlizt nur die Wange Seiner Erlaucht ein wenig zerschlitzt S. 78: erreichten die Priester die Entferung erreichten die Priester die Entfernung S. 88: noch immer die Egeria des Herzogs von Orléans ist noch immer die Egeria des Herzogs von Orléans ist. S. 112: Sie waren verschwenderich in Ihren Gnaden Sie waren verschwenderisch in Ihren Gnaden S. 115: Oder wird nur der Mann im Tête-a-Tête empfangen Oder wird nur der Mann im Tête-à-Tête empfangen S. 123: Herr von Pirch hat durch den Herzog bereits den ersten klingenden Lohn empfangen, Herr von Pirch hat durch den Herzog bereits den ersten klingenden Lohn empfangen. S. 176: Marie-Antionette Marie-Antoinette S. 179: ergeben für die Klugkeit, ergeben für die Klugheit, S. 202: alle Anstalten zu unserem Straßburger Aufenhalt alle Anstalten zu unserem Straßburger Aufenthalt S. 226: Übrigens hat Jean-Jaques Übrigens hat Jean-Jacques S. 230: über das Parket von Versailles über das Parkett von Versailles S. 350: wie gebannt, zwischen Empörung und Beifall, Zähneknirchen wie gebannt, zwischen Empörung und Beifall, Zähneknirschen S. 360: Warum ich Jhnen schreibe? Warum ich Ihnen schreibe? S. 417: und man verbreitetete, und man verbreitete, rief eine Simme im Parterre: »Berufen Sie doch die Notabeln!« rief eine Stimme im Parterre: »Berufen Sie doch die Notabeln!« 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 136 137 138 139 140 141 142 143 144 145 146 147 148 149 150 151 152 153 154 155 156 157 158 159 160 161 162 163 164 165 166 167 168 169 170 171 172 173 174 175 176 177 178 179 180 181 182 183 184 185 186 187 188 189 190 191 192 193 194 195 196 197 198 199 200 201 202 203 204 205 206 207 208 209 210 211 212 213 214 215 216 217 218 219 220 221 222 223 224 225 226 227 228 229 230 231 232 233 234 235 236 237 238 239 240 241 242 243 244 245 246 247 248 249 250 251 252 253 254 255 256 257 258 259 260 261 262 263 264 265 266 267 268 269 270 271 272 273 274 275 276 277 278 279 280 281 282 283 284 285 286 287 288 289 290 291 292 293 294 295 296 297 298 299 300 301 302 303 304 305 306 307 308 309 310 311 312 313 314 315 316 317 318 319 320 321 322 323 324 325 326 327 328 329 330 331 332 333 334 335 336 337 338 339 340 341 342 343 344 345 346 347 348 349 350 351 352 353 354 355 356 357 358 359 360 361 362 363 364 365 366 367 368 369 370 371 372 373 374 375 376 377 378 379 380 381 382 383 384 385 386 387 388 389 390 391 392 393 394 395 396 397 398 399 400 401 402 403 404 405 406 407 408 409 410 411 412 413 414 415 416 417 418 419 420 421 422 423 424 425 426 427 428 429 430 431 432 433 434 435 436 437 438 439 440 441 442 443 444 445 446 447 448 449 450 451 452 453 454 455 456 457 458 459 460 461 462 463 464 465 466 467 468 469 470 471 472 473 474 475 476 477 478 479 480 481 482 483 484 485 486 487 488 489 490 491 492 493 494 495 496 497 498 499 500 501 502 503 504 505 506 507 508 509 510 511 512 513 514 515 516 517 518 519 520 521 522 523 524 525 526 527 528 529 530 531 532 533 534 535 536 537 538 539 540 541 542 543 544 545 546 547 548 549 550 551 552 553 554 555 556 557 558 559 560 561 562 563 564 565 566 567 568 569 570 571 572 573 574 575 576 577 578 579 580 581 582 583 584 585 586 587 588 589 590 591 592 593 594 595 596 597 598 599 600 601 602 603 604 605 606 607 608 609 610 611 612 613 614 615 616 617 618 619 620 621 622 623 624 625 626 627 628 629 630 631 632 633 634 635 636 637 638 639 640 641 642 643 644 645 646 647 648 649 650 651 652 653 654 655 656 657 658 659 660 661 662 663 664 665 666 667 668 669 670 671 672 673 674 675 676 677 678 679 680 681 682 683 684 685 686 687 688 689 690 691 692 693 694 695 696 697 698 699 700 701 702 703 704 705 706 707 708 709 710 711 712 713 714 715 716 717 718 719 720 721 722 723 724 725 726 727 728 729 730 731 732 733 734 735 736 737 738 739 740 741 742 743 744 745 746 747 748 749 750 751 752 753 754 755 756 757 758 759 760 761 762 763 764 765 766 767 768 769 770 771 772 773 774 775 776 777 778 779 780 781 782 783 784 785 786 787 788 789 790 791 792 793 794 795 796 797 798 799 800 801 802 803 804 805 806 807 808 809 810 811 812 813 814 815 816 817 818 819 820 821 822 823 824 825 826 827 828 829 830 831 832 833 834 835 836 837 838 839 840 841 842 843 844 845 846 847 848 849 850 851 852 853 854 855 856 857 858 859 860 861 862 863 864 865 866 867 868 869 870 871 872 873 874 875 876 877 878 879 880 881 882 883 884 885 886 887 888 889 890 891 892 893 894 895 896 897 898 899 900 901 902 903 904 905 906 907 908 909 910 911 912 913 914 915 916 917 918 919 920 921 922 923 924 925 926 927 928 929 930 931 932 933 934 935 936 937 938 939 940 941