DIE LIEBESBRIEFE DER MARQUISE
LILY BRAUN
[Illustration]
Albert Langen/München
Copyright 1912 by Albert Langen/München
INHALT
Seite
Einleitung XI
Mädchenzeit1
Die Schloßfrau von Froberg37
Eine deutsche Tragödie 103
Schäferspiele 149
Das Kind193
Cagliostro 249
Der Prinz 301
Der letzte Akt379
Ausklang463
EINLEITUNG
Wenn die alte Gräfin Laval, in ihrem tiefen Lehnstuhl behaglich
zurückgelehnt, ein heiter sinnendes Lächeln um die feinen Lippen, von
Delphine Montjoie zu sprechen begann, so pflegte ihre strenge Tochter,
mit einem vielsagendem Blick auf die Jugend im Zimmer, ein »aber
Mamachen!« warnend dazwischen zu werfen. Sie unterbrach sich dann stets,
eine zarte Röte überzog ihre Elfenbeinhaut, -- ob aus Ärger, ob aus
Verlegenheit? --, und für den Rest des Abends blieb sie schweigsam.
Kam eine ihrer Enkeltöchter allein zu ihr, so bedurfte es keiner langen
Bitten und sie erzählte der gespannt Aufhorchenden von der Ahnfrau, die
das Zaubermittel besessen hatte, alle Herzen an sich zu fesseln. Der
lachende Geist des Rokoko -- halb Liebesgott, halb Faun -- hatte seine
Schäferlieder an ihrer Wiege gesungen, das Heldenepos Napoleon hatte ihr
Alter umbraust; um ihr duftendes Lockenköpfchen hatte der Sturm von 89
getobt, und von dem Gewitter der Julirevolution war ihr eisgraues Haupt
noch berührt worden. Schleifende Menuettschritte, rauschende Kleider,
klappernde Stöckelschuhe, Sturmläuten, Kanonendonner, dazwischen ein
Flüstern, ein leises Lachen, ein verhaltenes Schluchzen, -- das war ihre
Geschichte.
Als eines Winters der tiefe weiche Schnee um ihr Schloß zu Füßen der
Vogesen jeden Laut erstickte, da verklang ihr Leben.
»Kurz vor ihrem Tode«, -- so erzählte die Gräfin Laval --, »hatte sie
noch sorgfältig Toilette gemacht. Mir schien, als hätte sie sogar ein
wenig Rot auf ihre Wangen gelegt, und ihre immer noch schönen schwarzen
Augen ganz, ganz zart unterstrichen. 'Mein letzter Gast', sagte sie
lächelnd, 'soll sich über einen Mangel guter Lebensart nicht zu beklagen
haben.'«
Ihre Enkelkinder erbten das alte Schloß, aus dem alles Leben gewichen
schien, und die langen Schnüre von Perlen, die aus Sehnsucht nach dem
blendenden Nacken und den weißen Armen der Herrin all ihren Glanz
verloren hatten. Die Gräfin Laval, ihre Nichte, nahm nur ein Päckchen
vergilbter Briefe mit nach Haus. Sie waren mehr wert, als ihre toten
Schätze, denn in ihnen klopfte das Herz der Marquise.
MÄDCHENZEIT
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Schloß Etupes, am 16. Juni 1771.-
Reizende Delphine, holdseligste aller Nymphen! Seit gestern habe ich
kein Auge zugetan. Wie Sie mir, dem verliebtesten aller Schäfer, durch
die Laubengänge entschlüpften, hinter den Wasserfällen zu verschwinden
und in den Teichen unterzutauchen schienen --, das alles sah ich immer
wieder vor mir. Den Augenblick aber, wo die Schar der Genien vor den
Verfolgern fliehend im Tempel der Venus Schutz suchte und ich Sie hier,
-- gerade hier! --, im Kampf gegen meinen Rivalen, den kleinen Baron
Wurmser, mir gewann, diesen köstlichen Augenblick wagte ich kaum in der
Erinnerung heraufzubeschwören. Das Klopfen meines Herzens, das Fliegen
meiner Pulse, die glühende Röte meiner Wangen deuteten das Fieber zu
heftig an, von dem ich befallen bin.
Mein Oheim, der Herzog, wollte nicht glauben, daß wir Kinder dies Fest
ihm zu Ehren improvisiert hatten, und er begreift ganz und gar nicht,
daß Delphine Laval, die graziöseste der Tänzerinnen, erst dreizehn Jahre
alt ist. »Versailles würde sich glücklich schätzen ihr seine Tore zu
öffnen, und der König wäre der erste ihrer Bewunderer« sagte er. Ich
hörte, wie er meiner Mutter zuredete, sie möge dafür sorgen, daß »die
schöne Delphine« im Gefolge meiner Schwester dem Stuttgarter Hof
vorgestellt werde.
Nun: wenn man mich auch noch zu den Kindern rechnet und Herr von Altenau
mich zuweilen am liebsten taub und blind machen möchte, -- (übrigens
ahne ich noch nicht, wie dieser Brief seinem Argusauge entrinnen wird!)
--, so weiß ich Eins gewiß: meine reizende Freundin wäre am Hof von
Versailles, dessen Oberhaupt ein Greis ist, besser aufgehoben, als an
dem von Stuttgart.
Ich würde Sie zwar mit dem Degen in der Hand gegen alle zudringlichen
Bewunderer, und wären es die höchsten, zu verteidigen wissen, aber das
Recht dafür habe ich erst von Ihnen zu empfangen. Ich fühle es: seit
gestern sind wir keine Kinder mehr. Die harmlosen Spielereien
vergangener Jahre lösen süßere Spiele ab.
Ich habe mir Franz, meinen jüngsten Reitknecht, verpflichtet. Er hat mir
geschworen, diesen Brief nur Ihnen persönlich abzugeben und von Ihnen
allein eine Antwort entgegen zu nehmen. Lassen Sie mich nicht vergebens
hoffen! Ihre Augen leuchteten mir schon einmal Gewährung, als ich, der
arme Schäfer, der Göttin zu Füßen sank. Lassen Sie mich nicht glauben,
daß es nur der Abglanz der Feuergarben war, die rings um den Tempel gen
Himmel stiegen.
Sie werden am Sonntag von meiner Schwester erwartet. Habe ich erst ein
paar Worte von Ihnen, in denen ein Echo, wenn auch ein noch so leises,
der meinen wieder klingt, so werde ich es möglich machen, daß wir uns
allein begegnen.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Schloß Montbéliard, am 12. Dezember 1771.-
Teure Delphine, Sie haben ein Herz voll Liebe auf das tiefste verwundet.
Alles Unglück der Welt hätte ich mir eher träumen lassen, als daß der
Himmel meines Glücks sich so verfinstern könnte. Haben Sie so rasch
vergessen, was Sie mir versprachen, als ich Ihnen in der Poseidongrotte
das rosenrote Band mit eigenen Händen vom Halse lösen durfte --, einem
Halse um deswillen die Schwäne sich jedesmal, wenn unser Boot den Teich
durchstrich, flügelschlagend, neiderfüllt gegen Sie erhoben. Es war am
zwanzigsten Juni. O, ich vergesse den Tag und die Stunde nicht und werde
Sie stets daran zu erinnern wissen!
Seitdem wir nach Montbéliard zurückgekehrt waren, und die schöne
Freiheit wieder dem höfischen Zwang weichen mußte, veränderte sich Ihr
Benehmen gegen mich.
Aber ich war blind dafür; ich sah in Ihrer Gemessenheit nur die Folge
des Zeremoniells, in Ihrer Scheu, mir allein zu begegnen, nur die Angst
vor den Augen meines Hofmeisters und Ihrer Gouvernante, in Ihrem
Bemühen, stets in Gesellschaft meiner Schwester zu sein, nur ein
listiges Mittel, unser Zusammentreffen harmlos erscheinen zu lassen.
Und nun, wo das Glück, oder sagen wir besser: der entzückende Leichtsinn
meines Oheims uns die Gelegenheit zum Alleinsein fast aufzwang, waren
Sie es, die ihr aus dem Wege ging, um -- mit meinem Hofmeister, mit
Herrn von Altenau zusammen zu sein. Er las Ihnen vor dem Kamin Gedichte,
noch dazu deutsche Gedichte vor!
Als ich von meiner Fahrt zurückkam, die ich auf dem Schlitten meines
Oheims bis in die sinkende Nacht ausgedehnt hatte --, Gott, wie
wundervoll wäre es gewesen unter der weißen Fuchsdecke, zwischen den
schneeigen Flügeln des Riesenschwans meine reizende Freundin zu
entführen! --, hoffte ich wenigstens, einen Ausdruck der Angst um mich
in Ihren Zügen zu finden. Statt dessen ein erstauntes: »Schon zurück?«,
ein Händedruck für Herrn von Altenau von einem tränenschimmernden Blick
begleitet!
Ich bin töricht genug gewesen, Herrn von Altenau für meinen Freund zu
halten, und mein Vertrauen, meine kindliche Begeisterung für den
Reichtum seines Wissens waren so unbegrenzt, daß ich keinen größeren
Wunsch kannte, als meine reizende Delphine ihm zuzuführen, damit sie
genießen könne, was ich genoß.
Und nun diese Enttäuschung: der Freund, der sich als Verräter entpuppt,
die Geliebte, die mich um seinetwillen verläßt!
Aber hoffen Sie nicht, daß ich Ihr flatterhaftes Herz so leicht
freigebe. Eifersucht und Haß sollen mich lehren, meinen Rivalen
empfindlich zu treffen.
Johann von Altenau an Delphine.
-Schloß Etupes, am 16. Januar 1772.-
Gnädigste Gräfin, Frau von Laroche teilte mir soeben mit, daß Sie
leidend seien und wir Sie in den nächsten Wochen in Montbéliard nicht
erwarten dürften. Das betrübt mich auf das tiefste. Die Stunden mit
Ihnen, in denen es mir vergönnt war, die unbekannten Schätze der
deutschen Dichtkunst vor Ihrer empfänglichen Seele auszubreiten,
bildeten den Lichtpunkt in meinem verdüsterten Dasein.
Gestatten Sie mir, Ihnen heute ein französisches Werk zuzusenden, das zu
dem schönsten und erhabensten gehört, was die französische Literatur
hervorgebracht hat: Die Neue Heloïse von Jean Jacques Rousseau, jenem
vielverkannten Dichter, von dem ich Ihnen schon oft erzählt habe. Seine
Lektüre stellt an Ihr Gefühl und an Ihren Verstand gleich hohe
Anforderungen, aber ich glaube, Sie werden ihnen gewachsen sein.
Ich möchte nicht verfehlen, Ihnen mitzuteilen, daß Prinz
Friedrich-Eugen in letzter Zeit den Studien noch ernstere Neigungen als
bisher entgegenbringt, was ich Ihrem Beispiel und Einfluß glaube
zuschreiben zu können. Er hält sich mehr in meinen Zimmern als in seinem
Jagdgebiet auf, beschäftigt sich eifriger mit seinen Büchern als mit
seinen Pferden und Hunden. Hatte sein leicht entzündliches Herz sich
bisher nur an allem Schönen und Hohen begeistert, das ich ihm zu
vermitteln imstande war, so scheint er jetzt den großen Fragen der Zeit
mit überlegendem Verstande nahe zu treten. Hoffen wir, daß diese
Richtung seines Geistes sich als eine dauernde erweisen möge. Nach dem
Beispiel des Königs von Preußen sollten gerade die Fürsten, deren Denken
und Tun allen sichtbar auf der Bühne des Welttheaters sich abspielt, die
Genien der Kunst und der Wissenschaft zu ihren Begleitern wählen. Statt
dessen versuchen sie, an nichts anderes als an devote Untertanen
gewöhnt, auch diese Wesen göttlichen Ursprungs zu bloßen Handlangern
ihres Vergnügens zu machen.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Schloß Montbéliard, den 19. Juni 1772.-
Angebetete Delphine. Nach Monaten der Aufregung und der Selbstvorwürfe
finde ich endlich eine Möglichkeit, mich Ihnen zu Füßen zu werfen. Die
Gräfin von Chevreuse ist mit ihrem Sohn Guy bei uns zu Gast. Mir stand
das Herz still, als er mir von der »reizenden« Gräfin Laval erzählte,
mit der dieser Glückliche auf dem Kinderball bei der Marquise Mortemart
tanzen durfte. Ich versuchte kühl zu bleiben, ich hörte mit
gelangweilter Miene zu, wie er mir Ihre Frisur à l'amoureuse, Ihr
golddurchwirktes blaues Brokatkleid schilderte, die Grazie pries, mit
der Sie sich im Menuett bewegten; als er aber über die Grübchen in Ihren
Wangen, über den lachenden Mund, in dessen rechtem Winkel ein
Schönpflästerchen saß, -- als ob es noch nötig wäre, seine Rosenfarbe
besonders hervorzuheben, -- selbst in der Erinnerung in Entzücken
geriet, da verlies mich meine Selbstbeherrschung. Ich vertraute mich ihm
an. Er gab mir sein Wort, Ihnen diesen Brief bei nächster Gelegenheit zu
überreichen.
Ja, Delphine, ich bin schuldig, aber meine Schuld ist durch Ihre
Abwesenheit so schrecklich gestraft, daß Sie mich wenigstens anhören
müssen.
Als ich mit Hilfe meines Reitknechts, der Herrn von Altenaus Diener
bestach, Ihren Briefwechsel mit meinem Hofmeister entdeckte, kannte
meine Wut keine Grenzen mehr; kein Mittel erschien mir niedrig genug, um
sie zu kühlen. Ich schmeichelte mich so sehr in Herrn von Altenaus
Vertrauen, daß mir sogar seine geheimen Beziehungen zu den Pariser
Philosophen nicht mehr verborgen blieben. Ich fand in seiner Bibliothek
lauter Bücher, die das Pariser Parlament öffentlich verbrannte, und
deren Verfasser durch königliche Order in der Bastille, in Vincennes, in
Fort-l'Evêque für ihre aufrührerischen Reden büßen mußten. Ich las darin
und entdeckte, daß es diese Bücher waren, aus denen Herr von Altenau all
die Gedanken, all das Wissen geschöpft hatte, das er uns in seinem
Unterricht übertrug.
O Delphine, ich kämpfte einen schweren Kampf mit mir selbst, aber der
brennende Wunsch, Herrn von Altenau aus Ihrer Nähe zu entfernen, ließ
die Stimme des Gewissens verstummen. Ich verriet dem Herzog meine
Entdeckungen und mein Herr Hofmeister war noch am selben Tage entlassen.
Er würdigte mich keines Blickes mehr und beschämt und zerschlagen wagte
ich mein Zimmer nicht zu verlassen, solange ich ihn noch anwesend wußte.
Nicht ich war Sieger geblieben --, das empfand ich tief, noch ehe ich
wußte, daß Sie um meiner Tat willen leiden müssen. Mein halbes Leben
gäbe ich darum, könnte ich sie ungeschehen machen!
»Die fromme Atmosphäre des Klosters wird den Höllenodem rasch verbannen,
den unsere liebe Komtesse geatmet hat«, sagte salbungsvoll Ihre
Gouvernante, die alte Schlange, als sie uns von Ihrer Abreise nach
L'Abbaye aux Bois Mitteilung machte. Als Guy uns aber das Leben in
diesem Kloster schilderte, als er erzählte, daß Dauberval, der erste
Tänzer der Oper, auch dort den Reigen anführt, daß Sie, schöne Delphine,
von allen, selbst von Guy's Schwester, die den ersten Preis in
Geschichte erhielt, um den ersten Preis im Tanze beneidet wurden, und
die Herzogin von Lavallière Ihnen vor Entzücken den Fächer schenkte, den
sie in der Hand trug, -- obwohl er nicht mit Heiligenbildern, sondern
mit denen der Grazien und Musen geschmückt war --, da bekreuzigte sich
Frau von Laroche und klagte über die Verderbtheit von Paris.
Wir saßen an jenem Abend zum ersten Mal in diesem Jahr auf der großen
Terrasse von Etupes. Alle Wasserkünste spielten. Hinter den letzten
Bosketts klang melodischer Gesang hervor; es waren die Schnitter und
Schnitterinnen, die die Wiese mähten. Unser neuer Haushofmeister hat
ihnen während des Winters die anmutigen Weisen gelehrt, um uns und
unsere Gäste zu entzücken. Es soll nicht leicht gewesen sein, die sonst
so gefügigen Leute für die Kunst zu gewinnen. Einige gar zu aufsässige,
die neulich die Frechheit hatten, zu erklären, daß dem Herzog zwar ihre
Hände, nicht aber ihre Stimmen gehörten, kamen nach Montbéliard ins
Verließ. Seitdem ist der Chor stets vollzählig geblieben.
Die Schar unserer Gäste ist größer als sonst; aber sie füllen die
ungeheure Lücke nicht aus, die ich dauernd empfinde. Und doch: so groß
sie ist, -- ein kleines Stück Papier, drei Worte darauf: »Ich vergebe
Ihnen«, würde sie in diesem Augenblick, wo alle übermütigen Wünsche
schweigen müssen, auszufüllen vermögen. Werde ich vergebens darauf
warten?
Johann von Altenau an Delphine.
-Paris, den 3. Juli 1772.-
Gnädigste Gräfin!
Die dicksten Klosterwände werden dünn wie Seidenpapier, wenn sie sich in
Paris befinden und junge Damen von Rang dahinter erzogen werden. Alle
Bücher, um derentwillen ich Montbéliard verlassen mußte, würde ich mich
anheischig machen, bei Ihnen einzuschmuggeln, ohne daß ein zweiter
Friedrich-Eugen mein Vertrauen mißbrauchen, eine zweite Frau von Laroche
Sie dafür strafen würde. Aber ich will Sie heute nicht beunruhigen.
Lebte ich noch in der Luft von Montbéliard, die so sehr die des
siebzehnten Jahrhunderts ist, daß das achtzehnte einen Gewittersturm
entladen müßte, um sie zu verteilen, so würde ich Sie mit Handkuß und
tiefer Verbeugung um Verzeihung bitten, weil ich der unschuldig
Schuldige auch an Ihrer Verbannung war. Aber ich bin, wie Sie, in der
Hauptstadt und weiß, daß selbst ein Kloster in Paris einem alten Schloß
im Elsaß vorzuziehen ist.
Mit meinen verbotenen Büchern kam ich hierher und fand, daß ich mit
ihnen mein Reisegepäck nicht hätte beschweren brauchen: ihre Ideen
erfüllen Paris, sodaß ein jeder sie einatmet. Sie dringen selbst in die
Salons der großen Welt, denn die schönen Damen, in deren weißen Händen
jede Waffe zu einem kuriosen Spielzeug, in deren Mund jeder Gedanke zu
einem Bonmot wird, sind der Schäferspiele endlich müde geworden und
jonglieren jetzt mit den Leuchtkugeln des Geistes, ohne zu ahnen, daß
sie Sprengpulver enthalten.
Fürchten Sie sich daher nicht, liebe kleine Gräfin, wenn Sie in Ihrem
Köpfchen noch Reste der Neuen Heloïse und in Ihrem Herzchen Gefühle
entdecken, über die ein Klosterfräulein erröten müßte, -- es ist in
Paris die große Mode. Und auch vor einem Wiedersehen mit mir, dem armen
deutschen Baron, der den Contrat social nicht nur in der Tasche trägt,
brauchen Sie keine Angst zu haben. Wie in der Haute-Finance die
Aristokraten, so sind in der Hofgesellschaft die Literaten en vogue. Sie
sind an Stelle der Narren getreten und dürfen sich daher Alles erlauben,
sofern sie nur die höchsten und allerhöchsten Nerven zu kitzeln
verstehen.
Doch das, meine kleine Gräfin, ist im Grunde noch nichts für Sie. Ich
sehe, wie sich Ihre Augen ebenso erstaunt weiten, wie damals, als ich
Ihnen erzählte, daß ich dicht hinter den Rosenhecken und Lorbeerbäumen
von Etupes Kinder gefunden habe, die sich mit den Hunden um eine alte
Brotrinde rauften. Übrigens, -- was ich Ihnen bei dieser Gelegenheit
sagte, habe ich auch den Eltern dieser Kinder gesagt: um trockne
Brotrinden mit Hunden zu raufen, ist kein gottgewolltes Schicksal der
Bauern. Nun wird sich wahrscheinlich der Herr Herzog wundern, wie Bücher
zu wirken vermögen, auch wenn er dafür gesorgt hat, daß seine Leute
nicht lesen können.
Graf Guy Chevreuse an Clarisse.
-Paris, am 8. August 1772.-
Meine liebe Schwester, ich schicke Ihnen die versprochene Bonbonnière.
Hoffentlich wird die mère Sainte-Bathilde in ihrer göttlichen Einfalt
die Amoretten darauf für Engel des Himmels halten, und die Dragées für
ihren einzigen süßen Inhalt. Sie wissen, unter welchen Bedingungen ich
Ihnen versprach, die Antwort des Chevaliers in Ihre Hände zu spielen.
Heute ist es an Ihnen, diese Bedingung zu erfüllen. Übergeben Sie der
kleinen Laval den Brief, den Sie auf dem Grunde des Kästchens finden
werden, und benutzen Sie, als die ältere Freundin, Ihren Einfluß, meine
inneren und äußeren Vorzüge so glänzend zu schildern, daß meine Gestalt
die Träume Delphines beherrscht. Friedrich-Eugen ist ein hübscher Junge,
aber allzu deutsch, als daß ich ihn nicht auszustechen vermöchte, wenn
nicht jene gewisse moderne Sentimentalität, die neuerdings das Wort
Liebe au ton tragique auszusprechen befiehlt, von Ihrer Freundin Besitz
ergriffen hätte. Es ist an Ihnen, ihr zu lehren, daß jene holde
Anziehungskraft zwischen den Geschlechtern dazu da ist, das Leben
leicht, nicht schwer zu machen. Amor hat Flügel. Nur Gefangene mit
Bleigewichten an den Füßen drehen sich immer im traurigen Zirkel
desselben Raums -- -- --
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
-Paris, am 8. August 1772.-
Reizende Delphine, der bloße Gedanke an Sie könnte mich des größten
Verbrechens schuldig machen: mein Wort als Kavalier nicht zu halten.
Oder gibt es für einen jungen Mann etwas schwereres, als bei der
Angebeteten seines eigenen Herzens den Liebesboten zu spielen?!
Ich unterwerfe mich, wie Sie sehen, meiner Pflicht und sende Ihnen den
Brief des Prinzen. Darf ich doch hoffen, daß Sie sich meiner dann
wenigstens mit einem Gefühle des Dankes erinnern, das nicht ohne Wärme
ist.
Wir werden uns auf dem Ball der Herzogin von Luxemburg wiedersehen.
Selbst wenn Sie mich zeihen, Friedrich-Eugens Freundesrechte dadurch zu
verletzen, ich muß Ihnen gestehen, daß mein Herz schon jetzt vor Freuden
klopft. Sollte es wahr sein, daß Sie sich an dem Theaterspiel bei Madame
de Rochechouart beteiligen, so werde ich alles daran setzen, die Rolle
des Liebhabers übernehmen zu dürfen. Verbietet mir die Freundestreue,
Ihnen so zu huldigen, wie meine Bewunderung für Sie es verlangt, so wird
der Befehl des Dichters mich wenigstens auf der Bühne dieser meiner
schweren Pflicht entbinden.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Schloß Montbéliard, den 29. September 1772.-
Teuerste Delphine, Ihr Briefchen hat mich in einen Rausch des Entzückens
versetzt: Sie verzeihen mir! Freilich --, wenn ich es wieder und wieder
lese, so verlieren die fünf Worte: »Ich bin nicht mehr böse« durch den
Nachsatz: »denn es ist hier wunderschön« den süßen Klang, den ich ihnen
so gern, ach so gern geben möchte! Aber ich will nicht grübeln, will den
Gedanken nicht aufkommen lassen, daß Ihr Verzeihen nicht der Wärme Ihres
Gefühls, sondern der Kühle des Vergessens entspringt. »Was ist Etupes
gegen die Gärten von Versailles, was Montbéliard gegen Paris!« schreiben
Sie und lassen an mir Bälle und Maskenfeste, Oper und Ballet in tollem
Wirbel vorübergaukeln. Ich wäre grausam genug, Sie lieber in einem
Kloster zu wissen, wie Frau von Laroche es sich für Sie träumte, wenn
ich nicht, -- kaum wage ich auszusprechen, woran ich noch nicht zu
glauben vermag! --, in wenigen Monden selbst zu den Glücklichen gehören
würde, die der schönen Delphine huldigen dürfen.
Entsinnen Sie sich des Marquis Montjoie, den wir seiner steifen Würde
wegen Ludwig XIV. zu nennen pflegten? Er ist mit Ihrem Herrn Vater unser
Gast, und ich habe ihm im Stillen die Späße abgebeten, die wir über ihn
machten, denn er ist es, der den Herzog bestimmte, mich mitzunehmen,
wenn er in Versailles seine Aufwartung macht. Die Repräsentanten des
alten französischen Adels sollten sich, -- so meinte der Marquis --,
beizeiten um die Person des Dauphin scharen, dessen Einfachheit und
Frömmigkeit er nicht wenig zu rühmen wußte, und die jüngeren Söhne der
mit dem Königshaus liierten Fürsten sollten sich in seine Dienste
stellen.
Brauche ich es Ihnen, angebetete Delphine, erst zu sagen, daß es nicht
mein Interesse für den Dauphin und seine Tugenden ist, was mich nach
Paris zieht! Aber auch alle lockenden Freuden der Stadt, die mein Freund
Guy nicht müde ward, zu schildern, verblassen vor einem einzigen Blick
in Ihre Augen, auf den ich endlich wieder hoffen darf.
Doch ich fürchte, diese schwarzen Sterne überfliegen ungeduldig meine
von Sehnsucht und Liebe diktierten Worte. Weiß ich doch nie: sind sie
Menschenaugen, Spiegel eines fühlenden Herzens, oder Brillanten, die
zwar das Licht der ganzen Welt widerstrahlen, aber doch eben nur --
Steine sind!
Sie verlangen aus der Heimat Neues zu hören. Von dem letzten längeren
Aufenthalt des Herzogs von Württemberg in der Eremitage hat Ihnen meine
Schwester wohl schon geschrieben. Er lebte sehr zurückgezogen, um sich
von den Regierungsgeschäften zu erholen. Zu seiner Unterhaltung hatten
wir Tänzerinnen aus Wien kommen lassen. Sie führten das Ballett »Medea«
von Noverre auf, das alle Zuschauer entzückte. Der Herzog verteilte
eigenhändig kostbare Andenken unter die Mädchen.
Ihm und den zahlreichen anderen Gästen zu Ehren wurde dann eine große
ländliche Hochzeit geplant. Mein Vater hatte durch den Kaplan von Etupes
verkünden lassen, daß er zehn jungen Mädchen je ein Schwein schenken
wolle, wenn sie heiraten würden, und meine Mutter hatte unseren Gästen
schon das idyllische Fest in Aussicht gestellt. Statt dessen --, was
meinen Sie wohl, was geschah?! Einer der Vorschnitter erklärte unserem
auf baldige Entschließung drängenden Haushofmeister, -- die Gäste waren
schon überaus ungeduldig, -- daß die heiratsfähigen Mädchen und Burschen
sich angesichts der großen Nahrungsnot entschlossen hätten, ledig zu
bleiben. »Das Schwein würde von den Steuern gefressen, und unsere Kinder
könnten verhungern,« fügte der freche Mensch hinzu.
Unsere Gäste sind durch eine Treibjagd für den peinlichen Ausfall des
ländlichen Festes entschädigt worden. Die Strecke war enorm, und sogar
der alte Prinz Condé, dessen zitternde Hände das Gewehr kaum mehr halten
können, machte keinen Fehlschuß. Die Tiere wurden ihm freilich auch
dicht vor den Lauf getrieben. Man soupierte sodann unter Zelten im
Freien. Großes Aufsehen machte dabei der riesenhafte Neger, den der
Marquis Montjoie von seiner letzten afrikanischen Expedition mitgebracht
hatte. Allein der Schmuck, den er an Gold und Edelsteinen an sich trug,
soll Hunderttausende wert sein und doch nur einen winzigen Bruchteil
dessen bilden, was der Marquis an Vermögen besitzt. Er wird zu gleicher
Zeit mit uns in Paris eintreffen und ich will Ihnen verraten, daß er
Ihnen, der Tochter seines alten Freundes, eine kostbare Perlenschnur
zugedacht hat, die er von einem indischen Fürsten erwarb.
Meine Schwester zeigte ihm Ihre Miniatur, die ich ihr immer noch
vergebens abzubetteln versuche. »Eine unschuldsvolle Schönheit!« sagte
der Marquis bewundernd. Ich schwieg, hätte ich ihm sagen sollen, daß das
Bild wenig ähnlich ist, daß Sie viel tausendmal reizender sind?!
Sie sehen, teuerste Delphine, ich mag noch so ernsthaft versuchen, von
etwas anderem zu sprechen, als von Ihnen, meine Feder, die noch nicht
gelernt hat, höfische Phrasen zu formen, von denen das Herz nichts
weiß, kehrt immer wieder mit meinen Gedanken zu Ihnen zurück. Aber so
treu sie mir ist --, ich kann die Zeit nicht erwarten, wo das lebendige
Wort sie überflüssig machen wird.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
-Paris, am 28. Dezember 1772.-
Wegen eines Madrigals, um dessen beziehungsvolle Zartheit der Chevalier
Boufflers mich beneiden müßte, soll ich, holde Delphine, Ihrer Gegenwart
beraubt sein?! O, mère Sainte-Bathilde, wir werden ihnen beweisen, daß
sie keine Nönnchen zu kommandieren haben! Koste es, was es wolle --,
meine Angebetete wird den Maskenball im Hotêl du Chatelet besuchen.
Trüben Sie darum den Glanz Ihrer Augen durch keine Träne.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
-Paris, am 30. Dezember 1772.-
Alles in Ordnung. Ein paar Louisd'or überstrahlen jeden Heiligenschein
und sprengen jede Klosterpforte. Die Schwester, die Ihnen diesen Zettel
zusteckt, wird Ihnen alles Notwendige sagen. An der kleinen Gartenpforte
erwartet Sie die Sänfte, die kurz vorher Clarisse zum Balle trug. Für
die ungefährdete Rückkehr bürgt mère Sainte-Bathilde's Gespensterfurcht.
Und der Preis für meinen Ritterdienst?!
Johann von Altenau an Delphine.
-Paris, am 31. Dezember 1772.-
Meine liebe kleine Gräfin, da ich mich doch nur in Gegenwart einer Ihrer
Gestrengen steif und zeremoniös nach Ihrem Befinden erkundigen kann, und
Ihnen nach dem Ereignis der gestrigen Nacht manches zu sagen habe, was
Ihnen sonst Niemand sagt, so schmuggle ich diesen Brief bei Ihnen ein.
Das war ein Zusammentreffen, wert von La Harpe in leichten Reimen, von
Boufflers in einer zierlichen Erzählung geschildert zu werden:
Dunkle Nacht; große weiße Flocken schweben leise zu Boden, um sich hier
allmählich in klebrigen Schmutz zu verwandeln. Da biegt in der Rue de
Sève ein Mann um die Ecke, die Laterne unter dem Mantel halb verborgen.
Er sieht sich scheu rings um, dann hebt er die Laterne, nun folgt ihm
ein zweiter, ein dritter, und danach eine Sänfte, die dicht verhangen
zwischen den Trägern schwankt. Sie gehen rasch, als wären sie auf der
Flucht. Irgend ein unklarer Gedanke zwingt mich, der ich ihnen begegne,
umzukehren und desselben Wegs mit ihnen zurückzugehen. Plötzlich erhellt
sich der Himmel vor uns, er färbt sich glutrot; die Sänftenträger
erschrecken und stellen ihre Last zu Boden. Sekundenlang erscheint ein
gepudertes Köpfchen zwischen den Gardinen, zwei dunkle Augen starren
entsetzt hinaus. Mit einem Aufblitzen jähen Erkennens streifen sie
mich. Die Diener treiben mit rohen Worten die Träger zu ihrer Pflicht
zurück. Es geht vorwärts; ich bleibe von nun an gebannt dicht hinter der
Sänfte. Da --, welch tosender Lärm schlägt uns entgegen: ein
Glockenläuten, das aus allen Himmelsgegenden hundertfaches Echo zu
finden scheint, dazwischen Trompetensignale, und, ständig anschwellend,
Menschengeschrei. Wir haben den Pont Neuf erreicht, schon ist die Seine
rot überhaucht wie bei Sonnenaufgang, und von rechts her schlagen
Flammen gen Himmel, als ob sie seine dunkle Wölbung sprengen wollten.
»Das Hotel de Ville brennt!«, kreischt ein altes Weib neben uns. »Mein
Kind, mein Kind!« schreit verzweifelt eine andere und stürzt sich der
Glut entgegen. »Zu Sartine!« ruft ein Mann und reißt einem der Diener
die Laterne aus der Hand.
»Niemand kann ins Haus -- die Kranken verbrennen -- vierhundert Kranke!«
Wir stehen erstarrt.
Und die kleine Sänfte öffnet sich und mitten in der grauenvollen Nacht
erscheint eine Lichtgestalt, von weißer Seide umflossen, einen
Rosenkranz auf dem gepuderten Köpfchen, goldene Schuhe an den zarten
Füßen. Ihre nackten Arme, ihr kindlicher Hals leuchten im Dunkel.
In demselben Augenblick kommt es über die Brücke uns entgegen, langsam
-- leise, nur von Stöhnen und Wimmern begleitet; ein Zug Armseliger,
Zerlumpter, halb Nackter, mit stieren Augen, fieberglühenden Wangen.
Ihre Füße tragen sie kaum. Einer stützt sich am anderen --, dort die
blasse Kleine an den Greis, dem der Tod schon aus den geisterhaften
Zügen leuchtet, und das unselige Weib, deren Antlitz eine schwärende
Wunde ist, an den Jüngling, dessen erloschene Augen die Glut nicht mehr
sehen. Manche, die nicht gehen können, werden von den Leidensgenossen
halb getragen, halb gezerrt. Zwei Männer, denen selbst die Kniee
zittern, halten ein Mädchen unter den Armen und schleifen sie hinter
sich her.
Eben will ich den Arm schützend um die schwankende Lichtgestalt neben
mir legen, -- da reißt sie sich los und steht schon mitten unter den
Fliehenden. Man schaart sich um sie, -- rohe Worte fallen --, man greift
nach der Kette an ihrem Hals --, aber sie zittert plötzlich nicht mehr.
»Nehmt meine Sänfte für das Mädchen!« ruft sie, »Träger, hierher!« fügt
sie herrisch hinzu, »nach l'Abbaye aux Bois!«
Alles gehorcht, niemand rührt sie an, jedes Wort verstummt. Und mit den
Goldschuhen und dem weißseidenen Kleid geht die Gräfin Delphine durch
den klebrigen Straßenschmutz zum Kloster zurück. Sie hängt immer
schwerer an meinem Arm, sie schweigt, und schüttelt nur den Kopf auf all
meine Fragen. Erst vor der Pforte steht sie still, schaut mich an mit
weiten angsterfüllten Blicken: »Gibt es so etwas?! Wirklich?! -- War es
kein Traum?!« -- -- --
Ihre Strafe wird gelinde sein, kleine Gräfin, weil das Werk der
Barmherzigkeit Sie in den Augen der Frommen entsühnte. Trotzdem bleibt
Ihnen viel Zeit, nachzudenken. Sie haben zum ersten Mal der Wahrheit ins
Gesicht gesehen, die man Ihnen hinter hohen Taxushecken und
Klostermauern verbarg, vor die man seidene Vorhänge an die Fenster,
dichte Schleier über die Augen zog. Es ist wirklich, Gräfin Delphine,
und kein Traum! Von jenen Elenden, die Sie sahen, sind hunderte in den
Flammen umgekommen, aber trotz dieses gräßlichen Endes sind sie, die zu
vieren und fünfen in einem Bette lagen, noch nicht die Aermsten. Es gibt
Hunderttausende, die der Hunger langsam zu Tode martert, die kein ander
Bett besitzen, als die Steine der Straße.
Wenn sie erwachen!! O, Gräfin Delphine, dann nützt auch Ihre
Barmherzigkeit nichts. --
Darf ich Ihnen nun noch den Rat eines Freundes geben? Hüten Sie sich vor
dem Grafen Chevreuse. Trotz seiner achtzehn Jahre ist er ein vollendeter
Vaurien, und seine Lehrmeisterin in der Liebe ist eine der berühmtesten
Kurtisanen von Paris, die Tänzerin Guimard. Als Gefährtin seiner
Streiche sind Sie zu schade.
Eine Antwort von Ihnen darf ich unter den jetzigen Umständen nicht
erwarten, so sehr sie mich auch beglücken würde. Aber ich hoffe, Ihnen
bei der Herzogin von Lavallière, in deren Kreis ich mir Eingang
verschaffte, -- deutsche Denker sind, seit dem Baron Holbach, zu einem
notwendigen Requisit jedes wohlassortierten Salons geworden --, zu
begegnen, sobald Ihre Klausur zu Ende ist.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
-Paris, am 30. Januar 1773.-
Schönste! Beste! Sie sehen einen Verzweifelten vor sich. Zu allem Leid,
das mich traf, als Sie in jener unglückseligen Nacht das Fest nicht
erreichten, für dessen Glanz meine Augen blind waren, da Sie fehlten,
kommt nun ein anderes, weit tieferes: man hat mich bei Ihnen verleumdet.
Wenn nicht die Stärke Ihrer Empörung über meine vermeintlichen Sünden,
-- Clarisse sagte: sie sprüht vor Zorn --, mich hoffen ließe, daß Ihnen
meine Person nicht ganz gleichgültig ist, ich würde Asche auf mein Haupt
streuen und die Geißel über mich schwingen wie der bußfertigste unter
den Wüstenheiligen. Aber ich weiß: die reizendste aller
Klosterschülerinnen würde mich vollends entrüstet abweisen, erschiene
ich im härenen Gewand des Asketen vor ihr.
Und so wage ich zu erscheinen, wie ich bin: als Kavalier der Königin,
gepudert, parfümiert, im gelbseidenen Surtout --, gerade so wie ich den
schönen Frauen gefalle. Vielen Frauen, holdselige Gräfin, die weniger
streng sind als Sie, die es mir nicht verargen, wenn ich die
Gesellschaft der Maitresse meines Bruders, -- hören Sie: meines Bruders!
--, nicht meide, eine Gesellschaft, die sogar Damen des Hofes mit
Vergnügen teilen, weil alle guten Genien des Geistes und des Witzes, der
Grazie und Laune in ihr herrschen.
Sie sehen Paris nur durch das Schlüsselloch der Klosterpforte. Tritt ein
lahmer Bettler, ein schmieriger Strolch, ein zerlumptes Weib in Ihren
Gesichtskreis, so meinen Sie: das ist Paris, während Sie nur ein paar
Typen jenes in aller Welt verbreiteten Gesindels gesehen haben, das
durch Völlerei, Arbeitsscheu und Verbrechen geworden ist, was es ist.
Hier ist Verachtung, nicht Mitleid am Platz, denn jede Berührung mit
solchen Elementen kann uns nur beschmutzen.
Bleiben Sie, reizende Delphine, auf den Höhen der Menschheit, für die
Sie geboren sind! Traurig genug, daß Sie dem eigentlichen Leben so lange
entzogen bleiben und damit auch dem treusten und ergebensten Ihrer
Verehrer.
Die Pariser Geselligkeit ist glänzender denn je. Sie wissen gewiß, daß
unser gemeinsamer Freund Friedrich-Eugen sich in ihren Strudel gestürzt
hat. Ich hatte gerade Dienst bei der Dauphine, als er ihr vorgestellt
wurde. Er gefiel nicht übel, der gute Junge, nur lächelt man ein wenig
über sein unverhohlenes Staunen, das die Provinz verrät. Übrigens hat
er Talent zum Pariser: Als ich ihn bei Mademoiselle Guimard einführte,
riß er zwar zunächst angesichts all der durchsichtigen Gewänder
reizender Frauen die ach so deutschen blauen Augen auf, um dann um so
feuriger bei den kleinen Tänzerinnen den Seladon zu spielen.
Um die Zeit Ihrer Haft, an der ich leider nicht völlig unschuldig bin,
verkürzen zu helfen, sende ich Ihnen M. Dorats reizenden Roman
»Sacrifices de l'amour«, der viel von sich reden macht, und den
Begeisterte teils mit Rousseaus Nouvelle Héloise, teils mit Crébillons
Sopha vergleichen. Das Werk gibt Rätsel auf und es ist zum
Gesellschaftsspiel geworden, sie zu erraten. Um für Sie, die sich daran
nicht beteiligen können, seinen Reiz zu erhöhen, will ich Ihnen die
richtige Lösung nicht vorenthalten: Die Vicomtesse de Senanges ist die
schöne Gräfin Beauharnais. Sie wird viel umschwärmt, obwohl sie nicht
die Jüngste ist, und ihre Gefühle nicht nur durch den süßen Druck der
Lippen, der Hände, der Arme, -- den einzigen, der für unsere Väter
überzeugend war --, zu zeigen versteht, sondern auch durch
Druckerschwärze. Für uns, ich wills nicht leugnen, bilden diese
offenherzigen Bekenntnisse eines Weibes nur einen Reiz mehr: sie
enthüllen ihre Fähigkeit zur Leidenschaft, ohne daß wir uns mit dem
langwierigen Forschen danach bemühen müssen. Freilich, wenn Lebrun
recht hat, der die dichtende Gräfin mit folgenden Strophen besang:
Chloë, belle et poëte, a deux petit travers:
Elle fait son visage, et ne fait pas ses vers,
so dürfte sie ihre Verehrer aufs Glatteis führen. In unserm Roman tut
sie es nicht. Der Chevalier de Versenay, ihr Liebhaber, ist mehr zu
beneiden, als sein lebendes Vorbild, der Herr von Pezay. Auch er
dichtet, er schreibt sogar seine Liebesbriefe gleich mit Rücksicht auf
ihre Druckreife. Obwohl seine Mutter noch der meinen die Hemden wusch,
nennt er sich Marquis, denn er kennt seinen Vorteil: der schlechteste
Possenreißer ist seines Erfolges sicher, wenn er sich mindestens Baron
tituliert. Hoffen wir für die Gräfin, daß ihr Anbeter seiner Herkunft
wenigstens die Tadellosigkeit seiner Wäsche verdankt.
Ich sehe Sie erröten und unmutig das Köpfchen schütteln, wie damals als
ich Sie auf dem Ball der Herzogin von der Last kindlichen Respekts
befreite, die Sie vor jeder glänzenden Erscheinung förmlich zu Boden
zwang. Damals, holdselige Delphine, blitzten in Ihren Augen, noch
während Ihre Wangen glühten, schon die neckischen Geister des Spottes
auf und Ihr kleiner Mund zuckte vor verhaltener Neugierde. Ich sehe mich
als den eigentlichen Vollender der mehr als unzureichenden
Klostererziehung an, wenn ich dafür sorge, daß Sie nicht unwissend wie
ein gefangenes Vögelchen in Freiheit gesetzt werden.
In Freiheit! Horchen Sie auf, schönste Blume der Vogesen: man erzählt
sich schon von einem, der Sie in seinen Garten versetzen möchte, das
heißt, Sie der Sonne, der Luft, dem Leben erobern, und --, kühn wage ich
es auszusprechen, -- meinem von keiner Klosterregel mehr gestörtem
Ritterdienst.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Paris, am 3. März 1773.-
Nun bin ich zwei Monate in Paris, ohne Sie, teuerste Freundin, gesehen
zu haben! Ich weiß nicht, welches Gefühl in mir stärker ist: das
unbefriedigter und darum täglich heißerer Sehnsucht, oder das des Zorns
über Ihren Leichtsinn, der mich Ihrer Nähe beraubt. Fürchten Sie nicht,
daß ich ihn mit der Miene des Sittenrichters verurteile. Ich würde Ihren
köstlichen Streich gesegnet, ihn göttlich genannt haben, wenn er nicht
nur gelungen, sondern vor allem, wenn die kleine Nonne um meinetwillen
bei Nacht dem Kloster entschlüpft wäre. Aber ich weiß ja nicht einmal,
ob es wirklich nur die lockenden Geigen des Balls der Herzogin waren,
die Sie verführten?! Guy zuckt schweigend die Achseln, wenn ich ihn
auszuforschen versuche. Zuweilen jedoch hat er ein Lächeln --, ein
Lächeln, bei dem mir das Blut in die Wangen steigt!
In der Hoffnung, des Glücks, Sie einmal zu sehen, teilhaftig zu werden,
schmeichele ich mich bei Ihrem Vater ein. Aber es scheint, als ob der
Marquis Montjoie der einzige Bevorzugte bleiben soll. Und ich bin in
meinen Wünschen schon so bescheiden geworden, daß ich mich ihm
aufdränge, um nur von Ihnen erzählen zu hören, und mich doch wieder
ärgere, wenn der alte Roué vor Entzücken über »das reizende Kind« die
Augen verdreht. Er hat recht, tausendmal recht: »alle Sterne von
Versailles würden vor der süßen Unschuld ihrer Augen verbleichen«, aber
ich wollte, daß es nur mir allein zustünde, das auszusprechen.
Clarisse Chevreuse sagte mir, Sie wünschten zu wissen, wie mir Paris
gefällt. Lachen Sie nicht über meine Antwort, teuerste Freundin. Ich
weiß nicht, ob es mir gefällt, ich weiß nur, daß es mich berauscht! Was
in Montbéliard seltene Feste waren, das ist hier das Leben; und der
Frühling, der uns in Etupes während einiger kurzer Wochen beglückte, den
zwingt Paris Jahr aus, Jahr ein in seinen Dienst. Daß es draußen auch
einmal stürmt und schneit, wer spürt es, wenn er im weichen Wagen von
einem blumendurchdufteten Salon zum andern fährt; -- daß es so etwas
giebt, wie Entsagung, wie Alter, wer wagt es zu behaupten angesichts all
dieser lächelnden Gesichter, dieser rosigen Wangen, dieser glänzenden
Augen. Ich muß an meine Mutter denken, um mich zu entsinnen, daß es
Frauen gibt, die nicht jung sind. Mit den weißgepuderten Haaren scheinen
sie sogar keck des Alters zu spotten, das sie nicht mehr überwältigen
kann, und sein äußeres Wahrzeichen zu benützen, um den Reiz ihrer ewigen
Jugend zu erhöhen. Was für die Herzogin von Lavallière gedichtet wurde,
das gilt für alle:
La nature prudente et sage
Force le temps de respecter
Les charmes de ce beau visage,
Qu'elle n' aurait pu répéter.
Ach, und ihr Tanz! Wissen Sie noch, wie der Wind in Etupes über die
Tulpenbeete strich? Solch ein Neigen und Wiegen, solch ein Aufglühen und
Verlöschen leuchtender Farben ist er! Das Schönste schien er mir zu
sein, was ich bisher gesehen hatte, bis ich noch Schöneres sah. Als sich
vor mir zum erstenmal die Vorhänge der Oper teilten, und ich die
entzückendste aller Sylphiden, Fräulein Guimard, aus dem weißen
Wolkenbett zur Erde schweben sah, wo der große Vestris sich ihr
entgegenhob, als gäbe es keine Schwere für ihn, da erkannte ich erst,
daß die Tulpen noch an der Erde kleben, und die Schmetterlinge, die über
Rosenhecken gaukeln, die wirklich Lebendigen sind.
An Pracht, so glaubte ich, könnte dieses Schauspiel von keinem anderen
übertroffen werden. Dann kam ich nach Versailles zum Ordensfest Ludwigs
des Heiligen. Frankreichs Fürsten und sein Adel waren versammelt. All
die Namen schlugen an mein Ohr, von denen jeder einen Quaderstein im
Tempel seines Ruhmes bildet. Und die goldstarrenden Mäntel, die schweren
Kronen der Männer, die schimmernden Juwelen auf den Häuptern und um die
Nacken der Frauen erschienen mir wie ein einziges Symbol seines
unerschöpflichen Reichtums. Alle Glocken läuteten. Durch die
Spiegelgallerie flutete ein Meer von Glanz, als ströme der Regenbogen
selbst durch die offenen Türen. Es war ein Brausen in der Luft. Ich
wußte nicht, rauschte es mir nur in den Ohren, oder waren es Stimmen,
oder ferner Gesang. Der König erschien; von einem Himmel von Purpur
überdacht, aus dem Tropfen von Gold und Perlen niederflossen. Auf seinem
blauen Mantel strahlten die goldenen Lilien, jeden Schritt, den er
vorwärts tat, begleitete das Funkeln der Diamanten an seinen Füßen.
Mein Vater liebt den König nicht. Selten sind die Ersten des Hofs
beisammen, ohne daß Böses über ihn geflüstert würde. Wie oft hab ich
selbst seines großen Ahnherrn Heldenzeit herbeigewünscht, weil ich
meinte, keinem anderen dienen zu können. Das war jetzt vergessen. Eine
höhere Gewalt zwang alle Nacken, sich ehrfurchtsvoll zu neigen, nicht
weil es der fünfzehnte Ludwig war, der vorüberging, sondern Frankreichs
Majestät. Ich habe mich ihr nun angelobt, wie meine Väter es taten.
Noch viele Bogen könnte ich füllen, wollte ich erzählen, was ich sah.
Alles ist für mich ein Erleben gewesen. Nur weiß ich nicht, ob Sie, mit
der ich meine Kindheit teilte, mir auch jetzt noch zuhören mögen. Kein
Nichtwissen schmerzt mich so tief wie dieses. Darum bitte ich Sie,
antworten Sie mir, aber, wenn es sein kann, ohne Guy Chevreuse damit zu
bemühen. Ich vertrage nun einmal sein Lächeln nicht.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Paris, den 15. März 1773.-
Liebste Delphine, solch einen Brief mir! Womit verdiente ich ihn?
Leichtsinn, ja Treulosigkeit werfen Sie mir vor. Schon wollte ich die
Zeilen die von Ihnen kamen, zärtlich an mein Herz drücken, als Ihre
stacheligen Worte mich blutig rissen. Ich wäre trostloser, wenn ich
nicht glaubte, daß die Langeweile Ihrer Gefangenschaft Sie so reizbar
und der leidende Zustand Ihres Vaters Sie so trübsinnig macht. Die Zeit
wird vorübergehen, Delphine; Ihr Vater wird sich erholen und Ihre
schönen Augen werden mir wieder lachen, wenn Sie erfahren, daß selbst
Ihre ungerechte Härte meine Gefühle für Sie nicht ändern kann.
Marquis Montjoie an Delphine.
-Paris 1773. Am Tage der Verkündigung Mariä.-
Der kurzen Unterredung im Beisein unsers teuren Kranken lasse ich diesen
Brief folgen, dessen Inhalt Ihnen die Hoffnungen meines Herzens, die
zugleich die Wünsche Ihres Vaters, meines treuen Freundes sind, näher
bringen sollen. Als gehorsame Tochter haben Sie der durch den Mund Ihres
Vaters Ihnen übermittelten Werbung zustimmend geantwortet, Sie haben
dann als Zeichen des Vertrauens Ihre kleine Hand wortlos in die meine
gelegt. Seien Sie versichert, daß ich die hohe Auszeichnung, die darin
liegt, zu schätzen weiß und mich bemühen werde, ihrer würdig zu sein.
Ihr Herr Vater ist über das Schicksal seiner geliebten einzigen Tochter
nunmehr etwas beruhigt und auf seinen Zustand hat die Tatsache, daß er
Sie in gutem Schutze weiß, auf das günstigste eingewirkt. Möchten Sie,
teure Komtesse, mit ähnlichen Empfindungen einer Zukunft entgegensehen,
die, soweit es an mir liegt, eine heitere für Sie sein soll. Ein junges
Mädchen, -- das ist mir nicht unbekannt --, träumt gern von jener Liebe,
die seichte Romane so reizend zu schildern wissen. Aber auf solchen,
meist flüchtigen Gefühlen sollte keine Ehe gegründet werden. Vertrauen,
ruhige Zuneigung, und vor allem die Übereinstimmung der
Familieninteressen, die Gleichheit der Lebensgewohnheiten, sind vielmehr
ihre einzig sichere Grundlage. Darum fürchten Sie nicht, verehrte
Komtesse, daß ich, der überdies an Jahren so viel reichere Mann, von
Ihnen die leidenschaftlichen Empfindungen einer Julie wünsche oder
erwarte. Unser Zusammenleben wird ohne sie ein würdigeres, der
Vornehmheit unserer Gesinnung entsprechenderes sein.
Wie Sie wissen, sehnt Ihr Herr Vater eine baldige Trauung herbei, und da
die Ärzte uns über den Ernst seines Zustandes keinen Zweifel lassen, --
so sehr unsere Liebe sich gegen die schlimmste Möglichkeit sträubt, --
so vereinige ich nochmals meine Bitte mit der seinigen, die Zeremonie
nicht hinauszuschieben, wie es anscheinend Ihren Wünschen zunächst
entsprach. Ich begreife, daß Ihre große Jugend vor dem Ernst der
vollzogenen Tatsache erschrickt, aber ich gebe Ihnen demgegenüber zu
bedenken, daß der Name einer Marquise Montjoie Ihnen sofort neben der
Freiheit eine neue Sicherheit und eine anerkannte Position in der
Gesellschaft gewähren wird. Ich habe die Absicht, meine Gemahlin nach
der Trauung dem Schutze meiner Mutter anzuvertrauen. Sie werden auf
Schloß Montjoie als Herrin einziehen und dabei doch der liebevollen
Erziehung und Leitung einer Frau unterstehen, die Ihnen in allen Dingen
Vorbild sein kann. L'Abbaye aux Bois erscheint mir nicht geignet, Sie
länger zu beherbergen; ich wünsche, daß Sie Paris in Zukunft mit
gefestigterem Charakter gegenübertreten.
Darf ich hoffen, daß die Ruhe der Überlegung Sie unseren Wünschen
geneigter gemacht hat? Mein Kammerdiener wird morgen Ihre Antwort
entgegennehmen.
Ihre Freude über das Diamantenkollier, das ich mir erlaubte, Ihnen als
erstes kleines Angebinde zusenden zu lassen, war ein so willkommenes
Geschenk für mich, daß ich es in der Hoffnung auf seine Wiederholung
wage, Ihnen heute diese Perlenschnur zu Füßen zu legen. Möchte sie nicht
nur ein Zeichen dafür sein, daß Sie sich mir verbinden, sondern Ihnen
auch die Zuversicht einflößen, daß die Fesseln der Ehe Sie niemals
stärker drücken werden, als diese Kette.
DIE SCHLOSSFRAU VON FROBERG
Marquis Montjoie an Delphine.
-Paris, im Juli 1773.-
Meine liebe Delphine. Ihr kleiner Brief, den ich als Beilage eines
längeren Schreibens meiner Mutter hier vorfand, war mir sehr erfreulich,
geht doch aus ihm hervor, daß Sie den Vorsatz gefaßt haben, die
ängstliche Scheu mir gegenüber allmählich abzustreifen.
Ich brauche Ihnen nicht noch einmal zu versichern, daß ich sie weder
durch mein von aller schuldigen Rücksicht getragenes Benehmen verdient
habe, noch daß ich sie erwarten konnte, nachdem Sie mir als eine
fröhliche, ja fast allzu kecke, junge Dame bekannt geworden waren. Ihre
häufigen, trüben Stimmungen, Ihre Art, sich stundenlang in Ihren
Gemächern einzuschließen, durch die Sie die Würde Ihrer Stellung
gegenüber den Domestiken in unstatthafter Weise gefährden, weil Sie zu
allerlei Vermutungen und Geklatsch den Anlaß gaben, habe ich bisher zu
übersehen versucht, da ich ihre Ursache in der Trauer um Ihren verehrten
Vater zu finden glaubte. Die Marquise Montjoie, die Herrin meines
Hauses, darf sich jedoch auf die Dauer solchen Empfindungen eines
kleinen Mädchens nicht hingeben. Ich wünschte, daß Sie darauf bedacht
sein mögen, in Ihrem Benehmen mehr Haltung zu zeigen.
Durch eine Bemerkung in dem Briefe meiner Mutter, sehe ich mich
genötigt, diesem Wunsch besonderen Nachdruck zu verleihen. Sie schreibt
wörtlich: 'Meine gute Schwiegertochter scheint an der Unterhaltung mit
Monsieur Gaillard viel Gefallen zu finden'. Daraus schließe ich, daß Sie
vergessen haben, was ich Ihnen über die Stellung Gaillards in unserem
Hause gesagt habe. Mein verstorbener Bruder, dessen Sorge um diesen
seinen illegitimen Sohn eine um so größere war, als dessen
unglücklicher, körperlicher Zustand ihn für alle bemitleidenswert
machte, sprach in seinem Testament den Wunsch aus, daß ich ihm auf
Froberg eine gute Erziehung und eine dauernde Unterkunft gewähren
möchte. Selbstverständlich ist es ihm dabei nicht eingefallen, irgend
welche Art von Familienzugehörigkeit für Gaillard zu verlangen; meine
Mutter und ich sind stets bemüht gewesen, die scharf gezogenen Grenzen
des Respekts aufrecht zu erhalten, was oft nicht leicht war. So wurde
Gaillard ein nicht unbrauchbarer Haushofmeister, also nichts anderes als
der erste unter den Bedienten.
Nun scheint er die unerfahrene Jugend meiner Gemahlin in seinem
Interesse ausnutzen zu wollen, und ich muß Ihnen demgegenüber die größte
Kühle und Zurückhaltung zur Pflicht machen. Nach Abschluß des
Trauerjahres wird es Ihnen an Unterhaltung nicht fehlen; bis dahin
sollten Sie die Zeit benutzen, um sich unter der Leitung einer so
vollendeten Dame wie meiner Mutter zu einer ihr ähnlichen Persönlichkeit
heranzubilden.
Damit Sie sehen, daß ich in meiner Sorge um Sie bemüht bin, Ihnen auch
eine Freude zu bereiten, die Sie zugleich auf das angenehmste
beschäftigen wird, teile ich Ihnen mit, daß ich beschlossen habe, an der
Stelle unseres Parks, an der Sie sich einen Gartenpavillon wünschten,
ein größeres Gebäude modernen Stils errichten zu lassen. Sie hatten
nicht Unrecht: Das alte Schloß mit seinen dicken Mauern und kleinen
Fenstern entspricht unserem Geschmack nicht mehr, und, wenn es auch
Einbildung ist, daß Sie sich darin zu fürchten behaupten, so wäre ein
Palais im Stil von Trianon ein weitaus günstigerer Rahmen für Sie.
Ich habe meine freien Stunden benutzt, um mir die neuesten und
berühmtesten Pariser Privat-Hotels anzusehen. Am meisten gefiel mir das
der Tänzerin Fräulein Guimard, die ich übrigens nicht aufgesucht haben
würde, wenn ich nicht in der Angelegenheit unseres Abbé Morelli ihre
Intervention bei Monseigneur de Jarente, über den sie alles vermag,
hätte beanspruchen müssen. Sie war ungemein liebenswürdig und zeigte mir
ihr eben vollendetes Palais in allen Details. Es ist ein Bijou und bis
auf jeden Stuhl, ja jeden Teller von erlesenem Geschmack. Die ersten
Künstler haben daran mitgeschaffen, und ich betrachte es als ein
Zeichen der Höhe unserer Kultur, daß sie ihre Begabungen auf diese Weise
in den Dienst des täglichen Lebens stellen. Auf Empfehlung der Guimard
habe ich mit den Architekten Bellisard und Ledoux Rücksprache genommen;
sie dürften mit mir zusammen auf Froberg eintreffen, um an Ort und
Stelle die Pläne zu entwerfen.
Leider verzögert sich meine Rückkehr noch etwas. Den Ausgang des
Prozesses Morangiès, der hier alles beschäftigt und die öffentliche
Meinung in jene zwei Lager teilt, die es zwar immer gibt, die sich aber
leider nur zu oft verwischen: die von Hof und Adel auf der einen, von
Bourgeois und Parvenüs auf der anderen Seite, möchte ich noch abwarten.
Nicht nur, weil der Marquis mein Freund ist, sondern weil die ganze
Angelegenheit mir für unsere Verhältnisse typisch erscheint: Eine
Gesellschaft von Krämern, die einen Kavalier von ältestem Adel ehrloser
Handlungen bezichtigt, ein Haufe von Schriftstellern und sogenannten
Philosophen, der diesen Jägern als Meute dient, der Pöbel von Paris, der
schadenfroh zuschaut, bereit, sich als erster über das Wild zu stürzen,
wenn es erlegt ist.
Angesichts solcher Zustände ist es doppelt widerlich zu sehen, wie nicht
nur Aristokraten mit bürgerlichen Emporkömmlingen fraternisieren,
sondern wie leider der Hof mit dem bösen Beispiel vorangeht.
Traditionen werden über Bord geworfen, sobald es gilt für irgendeinen
Financier dunkelster Herkunft Platz zu machen; die bewährte Etiquette
des großen Königs wird durchbrochen, wenn irgendeine Ausländerin, die
sich mit Hilfe ihres Geldes einen armen Marquis gekauft hat, hoffähig zu
sein beansprucht. Und dabei muß ich befürchten, daß der junge Hof, auf
den ich so große Hoffnungen setzte, nach dieser Richtung wenig ändern
wird. Die Dauphine wählt ihren Umgang nur nach den Beweggründen ihres
Amüsements und ihr Gemahl huldigt allerhand bürgerlichen Passionen, die
zwar schließen lassen, daß der künftige König einige Millionen weniger
verbrauchen, zugleich aber auch, daß der repräsentative Glanz des
Königtums weiter verbleichen wird. Und dieser Glanz, der es umgeben
soll, wie die goldene, juwelenbesetzte Hülle das Allerheiligste, ist
notwendig, um das Volk, gewissermaßen im Schiff der Kirche, ehrfürchtig
vom Hochaltar, auf dem der Herrscher thront, entfernt zu halten. Je mehr
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