Sergius: Nein, aber-Raina [unterbrechend]: Können Sie leugnen, daß
Sie ihr Liebeserklärungen gemacht haben, als Sie Ihnen das sagte?
Sergius: Nein, aber ich sage Ihnen-Raina [ihm heftig und
verachtungsvoll ins Wort fallend]: Es ist ganz überflüssig, uns noch
irgend etwas zu sagen. Das genügt uns vollkommen! [Sie wendet sich
von ihm ab und schwebt majestätisch zurück an das Fenster.]
Bluntschli [während Sergius aufs tiefste beleidigt und empört auf die
Ottomane sinkt und abgewandt seinen Kopf zwischen die Fäuste nimmt,
sehr ruhig]: Ich habe Ihnen doch gesagt, Saranoff, daß Sie den
kürzeren ziehen.
Sergius: Pantherkatze!
Raina [läuft aufgeregt zu Bluntschli]: Sie hören, wie dieser Mensch
mich beschimpft, Hauptmann Bluntschli.
Bluntschli: Was soll er denn anfangen, verehrtes Fräulein? Irgendwie
muß er sich doch verteidigen. [Mit viel Suada:] Gehen Sie; nicht
streiten! was nützt das? [Raina setzt sich schwer atmend auf die
Ottomane, und nach vergeblicher Anstrengung, Bluntschli böse
anzusehen, fällt sie ihrem Sinn für Humor zum Opfer und kann sich
kaum des Lachens enthalten.]
Sergius: Verlobt mit Nicola! [Er erhebt sich.] Haha! [Geht nach dem
Ofen--steht mit dem Rücken dagegen.] Jawohl, Bluntschli, Sie tun
wirklich gut daran, diese schwindelhafte Welt ruhig aufzufassen.
Raina [schelmisch zu Bluntschli, mit unwillkürlichem Begreifen seines
Gedankenganges]: Mir scheint, Sie halten uns für zwei große Kinder.
Sergius [lacht höhnisch und grimmig]: Natürlich, natürlich Schweizer
Zivilisation bemuttert Bulgariens Barbarei, nicht wahr?
Bluntschli [errötend]: Durchaus nicht, ich versichere Ihnen, ganz
gewiß nicht. Ich bin nur froh, daß Sie beide sich endlich etwas
beruhigen. Na, gehen Sie, wir wollen vergnügt sein und die Sache
freundschaftlich besprechen. Wo ist die andere junge Dame?
Raina: Wahrscheinlich horcht sie an der Tür.
Sergius [zuckt zusammen, wie von einer Kugel getroffen; ruhig, aber
mit tiefer Entrüstung]: Ich will beweisen, daß dies wenigstens eine
Verleumdung ist. [Er geht mit Würde zur Tür und öffnet. Ein
Wutschrei entringt sich seiner Brust, nachdem er hinausgesehen. Er
springt in den Gang und kommt zurück, Louka nachschleppend, die er
heftig gegen den Tisch stößt. Er ruft aus:] Richten Sie diese Elende,
Bluntschli,--Sie, Sie, der kalte, unparteiische Mann! Richten Sie
die Horcherin an der Wand! [Louka bleibt aufrecht, stolz und ruhig.]
Bluntschli [den Kopf schüttelnd]: Ich darf sie nicht richten. Ich
habe selbst einmal vor einem Zelt gehorcht, als darin eine Meuterei
beschlossen wurde. Es kommt immer auf die Veranlassung dazu an, und
was auf dem Spiele steht,--es ging um mein Leben!
Louka: Es ging um meine Liebe. [Sergius zuckt zusammen und schämt
sich ihrer gegen seinen Willen.] Ich brauche mich nicht zu schämen.
Raina [verachtungsvoll]: Ihre Liebe? Sie meinen Ihre Neugier!
Louka [blickt ihr ins Gesicht, und gibt ihr ihre Verachtung mit
Zinsen zurück]: Meine Liebe--die größer ist als alles, was Sie fähig
sind, zu empfinden, selbst für Ihren Pralinésoldaten!
Sergius [mit plötzlichem Verdacht zu Louka]: Was soll das heißen?
Louka [heftig]: Das heißt-Sergius [sie geringschätzig unterbrechend]:
Oh, ich entsinne mich! Der Eispudding! Was für eine armselige
Stichelei! [Major Petkoff kommt in Hemdärmeln herein.]
Petkoff: Entschuldigen Sie die Hemdärmel, meine Herren! Raina!
Einer hat meinen Rock angehabt, ich könnte darauf schwören, einer,
der breitere Schultern hat als ich. Am Rücken ist die Naht ganz
aufgetrennt, deine Mutter näht sie eben zu. Hoffentlich wird sie
bald fertig sein, ich werde mich sonst erkälten. [Er sieht
aufmerksam nach ihnen hin:] Ist etwas los?
Raina: Nein. [Sie setzt sich an den Ofen, mit ruhiger Miene.]
Sergius: Gar nichts. [Er setzt sich an das Tischende wie zuvor.]
Bluntschli [der schon sitzt]: Nichts, nichts!
Petkoff [der sich an seinen früheren Platz auf die Ottomane legt]:
Das ist recht. [Er bemerkt Louka.] Ist etwas los Louka?
Louka: Nein, gnädiger Herr.
Petkoff [gemütlich]: Das ist auch recht! [Er niest:] Sei so gut, geh
zu meiner Frau und verlang meinen Rock, hörst du? [Sie wendet sich
um und will gehorchen, aber Nicola tritt eben mit dem Rock ein. Sie
tut, als hätte sie Arbeit im Zimmer, und stellt den kleinen Tisch mit
der Tabakspfeife an die Wand in die Nähe des Fensters.]
Raina [erhebt sich rasch, als sie auf Nicolas Arm den Rock erkennt]:
Hier ist dein Rock, Papa; gib ihn mir, Nicola, und leg' im Ofen etwas
nach. [Sie nimmt den Rock, bringt ihn dem Major, der aufsteht, um
ihn anzuziehen. Nicola macht sich beim Feuer zu schaffen.]
Petkoff [zu Raina, sie liebenswürdig neckend]: Schau, schau, du
sorgst ja sehr lieb für deinen armen alten Papa! Wohl heute mal zur
Feier seiner Rückkehr aus dem Kriege?
Raina [mit feierlichem Vorwurf]: Oh, wie kannst du nur so etwas sagen,
Papa!
Petkoff: Es ist schon gut, nur ein kleiner Scherz--gib mir einen Kuß.
[Sie küßt ihn:] Jetzt gib mir den Rock.
Raina: Nein, ich will dir helfen, wende dich um. [Er dreht sich um
und sucht mit den Armen nach den Ärmeln. Raina nimmt geschickt die
Photographie aus der Tasche und wirft sie Bluntschli auf den Tisch zu,
der sie vor Sergius' Augen mit einem Bogen Papier bedeckt. Dieser
sieht sprachlos vor Erstaunen zu, während sein Verdacht den
Siedepunkt erreicht. Raina hilft dann Petkoff in den Rock hinein.]
So, mein lieber Papa...Fühlst du dich jetzt wohl?
Petkoff: Vollkommen, mein Schatz, ich danke dir. [Er setzt sich,
Raina kehrt zu ihrem Platz an den Ofen zurück.] Apropos, ich habe
etwas Merkwürdiges in meiner Tasche gefunden! Was soll das bedeuten?
[Er greift mit der Hand in die leere Tasche.] Was ist denn das?
[Sucht in der anderen Tasche:] Nein, ich hätte schwören mögen...[Sehr
verdutzt sucht er in der Brusttasche.] Ich begreife nicht...[Wieder
in die erste Tasche greifend.] Wo kann sie nur sein--?[Ein Licht geht
ihm auf, er erhebt sich und ruft aus:] Deine Mutter wird sie
herausgenommen haben!
Raina [sehr rot]: Was denn?
Petkoff: Deine Photographie mit der Inschrift: "Raina ihrem
Pralinésoldaten zum Andenken". Es ist klar, daß da mehr
dahintersteckt, als man auf den ersten Blick sieht, und das muß ich
herausbringen. [Laut rufend:] Nicola!
Nicola [läßt ein Stück Holz fallen, wendet sich um]: Gnädiger Herr!
Petkoff: Hast du heute morgen Fräulein Raina irgendeine Speise
verdorben?
Nicola: Wie Sie gehört haben, gnädiger Herr; Fräulein Raina hat es
gesagt.
Petkoff: Das weiß ich, du Trottel! Aber ist es wahr?
Nicola: Ich bin überzeugt, daß Fräulein Raina unfähig ist, etwas
anderes als die Wahrheit zu sagen, gnädiger Herr.
Petkoff: Bist du das? Wahrhaftig? Dann bin ich es nicht. [Sich zu
den anderen wendend:] Geht! Glaubt Ihr, daß ich nicht längst alles
durchschaut habe? [Er geht zu Sergius und klopft ihm auf die
Schulter.] Sergius, du bist der Pralinésoldat, nicht wahr?
Sergius [fährt zusammen]: Ich! ein Pralinésoldat? Gewiß nicht.
Petkoff: Nicht? [Er sieht sich um; sie sind alle sehr ernst und sehr
verständnisvoll.] Willst du damit sagen, daß Raina auch andern
Männern Photographien zum Andenken schenkt?
Sergius [rätselvoll]: Die Welt ist kein so unschuldiger Ort, wie wir
früher glaubten, Petkoff.
Bluntschli [sich erhebend]: Schon gut, Herr Major: ich bin der
Pralinésoldat. [Petkoff und Sergius sind beide erstaunt.] Diese
liebenswürdige junge Dame hat mir das Leben gerettet! Sie gab mir
Schokolade, als ich am Verhungern war; werde ich jemals ihren Duft
vergessen! Mein verstorbener Freund Stolz hat Ihnen die Geschichte
in Pirot erzählt--der Flüchtling bin ich!
Petkoff: Sie? [Er schnappt nach Luft.] Sergius, erinnerst du dich,
wie sich die beiden Damen benommen haben, als wir die Geschichte
heute morgen erzählten? [Sergius lächelt zynisch, Petkoff mustert
Raina strenge.] Du bist mir ein nettes Frauenzimmer, das muß ich
schon sagen!
Raina [bitter]: Major Saranoff hat seine Ansicht geändert, und als
ich diese Worte auf mein Bild schrieb, da wußte ich nicht, daß
Hauptmann Bluntschli verheiratet ist.
Bluntschli [fährt heftig protestierend auf]: Ich bin nicht
verheiratet!
Raina [sehr vorwurfsvoll]: Sie sagten doch, daß Sie verheiratet wären.
Bluntschli: Das habe ich nicht gesagt, ganz bestimmt nicht; ich war
in meinem ganzen Leben nie verheiratet.
Petkoff [außer sich]: Raina! Willst du mir gefälligst sagen,--wenn
es nicht zu unbescheiden ist, daß ich frage--mit welchem von diesen
beiden Herren du verlobt bist?
Raina: Mit keinem von beiden. Diese junge Dame, [zeigt auf Louka,
die sie alle stolz ansieht,] ist jetzt der Gegenstand von Major
Saranoffs Neigung.
Petkoff: Louka!? Bist du verrückt geworden, Sergius?--das Mädchen
ist doch mit Nicola verlobt.
Nicola [nach vorne kommend]: Entschuldigen Sie, gnädiger Herr, das
ist ein Irrtum; Louka ist nicht mit mir verlobt.
Petkoff: Nicht mit dir verlobt, du Schuft--was? Du hast doch von mir
am Tage deiner Verlobung fünfundzwanzig Leu bekommen, und sie bekam
dieses goldene Armband von Fräulein Raina.
Nicola [mit kalter Salbung]: So haben wir angegeben, aber es war nur
ein Schutz für Louka; sie ist zu Höherem geboren, und ich war nichts
anderes als ihr vertrauter Diener. Ich habe die Absicht, wie
gnädiger Herr wissen, später einen Laden in Sofia aufzumachen: und
ich hoffe auf Loukas Kundschaft und Empfehlung für den Fall, daß sie
in den Adel hineinheiraten sollte. [Er geht mit sichtlicher
Diskretion hinaus, alle starren ihm nach.]
Petkoff [das Schweigen brechend]: Na, ich bin...hm!
Sergius: Das ist entweder edler Heroismus oder kriecherische
Niedrigkeit! Entscheiden Sie, Bluntschli, was ist es?
Bluntschli: Kümmern Sie sich nicht darum, ob es Heldentum oder
Niedrigkeit ist. Nicola ist der fähigste Mann, den ich bis jetzt in
Bulgarien kennen gelernt habe. Ich werde ihn zum Leiter eines Hotels
machen, falls er Deutsch und Französisch sprechen kann.
Louka [bricht plötzlich gegen Sergius los]: Ich bin hier von
jedermann beleidigt worden. Sie gingen sogar mit dem Beispiel voran.
Sie sind zu einer Entschuldigung verpflichtet! [Sergius kreuzt
sofort die Arme über der Brust, wie eine Repetieruhr, deren Feder
berührt wurde.]
Bluntschli [bevor Sergius etwas sagen kann]: Vergebliche Mühe--er
entschuldigt sich nie!
Louka: Nicht vor Ihnen, seinesgleichen und seinen Feinden; mir,
seiner armen Dienerin, wird er eine Entschuldigung nicht versagen.
Sergius [zustimmend]: Sie haben recht. [Er beugt das Knie; in seiner
pathetischesten Weise:] Verzeihen Sie mir.
Louka: Ich verzeihe Ihnen. [Sie reicht ihm schüchtern ihre Hand, die
er küßt.] Diese Berührung macht mich zu Ihrer Braut.
Sergius [aufspringend]: Oh, das habe ich vergessen!
Louka [kalt]: Sie können Ihr Wort zurücknehmen, wenn Sie wollen.
Sergius: Zurücknehmen? Niemals! Sie sind mein. [Er umarmt sie,
Katharina kommt herein, findet Louka in Sergius' Armen und sieht, wie
alle Louka und Sergius fassungslos anstarren.]
Katharina: Was soll das heißen? [Sergius läßt Louka los.]
Petkoff: Nun, meine Teure, es scheint, daß Sergius jetzt die Absicht
hat, statt Raina Louka zu heiraten. [Katharina will eben entrüstet
gegen ihn losbrechen, er hält sie zurück und ruft mürrisch aus:] Gib
mir nicht die Schuld, ich habe nichts damit zu schaffen. [Er zieht
sich nach dem Ofen zurück.]
Katharina: Louka heiraten?! Sergius, Sie sind gebunden! Wir haben
Ihr Wort!
Sergius [seine Arme kreuzend]: Mich bindet nichts.
Bluntschli [sehr erfreut über dieses vernünftige Vorgehen]: Saranoff,
Ihre Hand! Ich gratuliere Ihnen, Ihr Heldentum ist in manchen Fällen
gut angebracht. [Zu Louka.] Schönes Fräulein, empfangen Sie die
herzlichsten Glückwünsche eines guten Republikaners. [Er küßt Louka
die Hand, zu Rainas größtem Widerwillen.]
Katharina [drohend]: Louka, du hast getratscht!
Louka: Ich habe Raina nicht geschadet.
Katharina [hochmütig]: Raina?! [Raina ist gleichfalls empört über
diese Frechheit.]
Louka: Ich habe das Recht, sie Raina zu nennen, sie nennt mich ja
auch bloß Louka. Ich habe Major Saranoff gesagt, daß sie ihn nie
heiraten würde, falls der Schweizer Herr jemals wiederkommen sollte.
Bluntschli [überrascht]: Was ist das?
Louka [wendet sich zu Raina]: Ich dachte, Sie hätten ihn lieber als
Sergius; Sie müssen am besten wissen, ob ich recht habe.
Bluntschli: Was ist das für ein Unsinn? Ich versichere Ihnen, mein
lieber Major, verehrte gnädige Frau, Ihr reizendes Fräulein Tochter
hat mir nur das Leben gerettet, nichts weiter; es war ihr niemals
etwas an mir gelegen. Wie könnte das auch sein, um Gottes willen!
Sehen Sie sich bloß einmal diese junge Dame an, und dann sehen Sie
mich an! Sie: reich, jung, schön, ihre Phantasie voller
Märchenprinzen und Heldentaten, Kavallerieattacken und weiß Gott was
noch! und ich, ein gewöhnlicher Schweizer Soldat, der sich kaum mehr
vorstellen kann, was ein geregeltes Dasein ist, nach fünfzehnjährigem
Kasernen- und Schlachtenleben, ein Vagabund, ein Mann, der alle seine
Lebensaussichten durch eine unverbesserliche romantische Veranlagung
verdorben hat, ein Mann, der...
Sergius [auffahrend; wie von einer Tarantel gestochen unterbricht er
Bluntschli mit ungläubiger Verwunderung]: Verzeihen Sie, Bluntschli:
was, sagen Sie, hat Ihre Lebensaussichten verdorben?
Bluntschli [sofort]: Eine unverbesserlich romantische Veranlagung.
Ich bin schon als Knabe zweimal von Hause durchgebrannt. Ich ging
zur Armee statt in meines Vaters Geschäft. Ich kletterte auf den
Balkon dieses Hauses, statt mich wie ein vernünftiger Mensch im
erstbesten Keller zu verstecken! Ich kam hierher zurückgeschlichen,
um diese junge Dame noch einmal zu sehen, wo jeder andere Mann in
meinem Alter den Rock einfach zurückgeschickt hätte...
Petkoff: Meinen Rock?
Bluntschli:--Ja, Ihren Rock! Jeder andere würde ihn zurückgeschickt
haben und wäre dann ruhig nach Hause gereist. Glauben Sie wirklich,
daß ein junges Mädchen sich in so einen Menschen verlieben wird?
Vergleichen Sie bloß einmal unser Alter--ich bin vierunddreißig! Ich
glaube nicht, daß Fräulein Raina viel über siebzehn ist. [Diese
Schätzung ruft eine bemerkbare Sensation hervor, alle wenden sich um
und blicken einander an; er fährt unschuldig fort:] Dieses ganze
Abenteuer, dessen Ausgang für mich Leben oder Tod bedeutet hat, war
ihr bloß das Spiel eines Backfisches mit Schokoladenbonbons, ein
Versteckenspiel. Hier ist der Beweis! [Er nimmt die Photographie
vom Tisch.] Ich frage Sie: würde mir eine Frau, die unsere Begegnung
ernst genommen hätte, das geschickt haben mit dieser Inschrift:
"Raina ihrem Pralinésoldaten zum Andenken"? [Er hält die
Photographie triumphierend in die Höhe, als ob er die Angelegenheit
nun über allen Zweifel erhaben geschlichtet hätte.]
Petkoff: Dieses Bild habe ich ja gesucht. Wie zum Teufel kam es
dorthin?
Bluntschli [zu Raina, wohlgefällig]: Nun habe ich aber hoffentlich
alles schön in Ordnung gebracht, verehrtes Fräulein?
Raina [in unbeherrschbarer Kränkung]: Ich stimme vollkommen mit allem
überein, was Sie über sich erzählen. Sie sind ein romantischer Idiot.
[Bluntschli fährt sprachlos zurück.] Das nächste Mal, hoffe ich,
werden Sie den Unterschied zwischen einem Schulmädchen von siebzehn
und einer Frau von dreiundzwanzig bemerken.
Bluntschli [verblüfft]: Dreiundzwanzig? [Sie reißt ihm die
Photographie verachtungsvoll aus der Hand, zerreißt sie und wirft ihm
die Stücke vor die Füße.]
Sergius [sehr erfreut über die Niederlage seines Nebenbuhlers]:
Bluntschli, mein letzter Glaube ist dahin,--Ihr Scharfsinn ist
Schwindel, wie alles andere--Sie sind noch dümmer als ich.
Bluntschli [überwältigt]: Dreiundzwanzig! dreiundzwanzig! [Er denkt
nach:] Hm! [Schnell einen Entschluß fassend:] In diesem Falle, Major
Petkoff, bitte ich Sie in aller Form um die Hand Ihrer verehrten
Tochter, an Stelle des zurückgetretenen Major Saranoff.
Raina: Sie wagen es?
Bluntschli: Wenn Sie dreiundzwanzig Jahre alt waren, als Sie mir
heute nachmittag jene Dinge sagten, dann nehme ich sie ernst.
Katharina [stolz, höflich]: Ich zweifle sehr, mein Herr, ob Sie sich
der Stellung meiner Tochter sowie der Stellung des Major Sergius
Saranoff, dessen Platz Sie einzunehmen wünschen, bewußt sind. Die
Petkoffs und die Saranoffs sind bekannt als die reichsten und
angesehensten Familien unseres Landes. Unser Name ist beinahe
historisch, wir können bis auf nahezu zwanzig Jahre zurückblicken.
Petkoff: Oh, laß das, Katharina. [Zu Bluntschli:] Ihr Antrag würde
uns sehr glücklich machen, Bluntschli, wenn es sich bloß um Ihre
Stellung handelte. Aber verwünscht! Sie wissen, Raina ist an eine
sehr großartige Lebensführung gewöhnt. Sergius hält zwanzig Pferde.
Bluntschli: Aber was sollen ihr denn zwanzig Pferde? Das ist ja ein
wahrer Zirkus?
Katharina [strenge]: Meine Tochter ist an einen Stall ersten Ranges
gewöhnt, Herr Hauptmann.
Raina: Aber Mama, du machst mich ja lächerlich!
Bluntschli: Na, gut! wenn es sich um wirtschaftliche Einrichtungen
handelt, da stelle ich meinen Mann! [Er geht rasch, an den Tisch und
nimmt seine Papiere aus dem blauen Umschlag.] Wieviel Pferde, haben
Sie gesagt?
Sergius: Zwanzig, edler Schweizer!
Bluntschli: Ich habe zweihundert Pferde. [Sie sind erstaunt]:
Wieviel Wagen haben Sie?
Sergius: Drei.
Bluntschli: Ich habe siebzig. In vierundzwanzig davon haben je zwölf
Leute Platz und noch zwei auf dem Bock, ohne den Kutscher und den
Kondukteur zu rechnen. Wieviel Tischtücher haben Sie?
Sergius: Wie, zum Teufel, soll ich das wissen?
Bluntschli: Haben Sie viertausend?
Sergius: Nein.
Bluntschli: Ich habe so viel; ferner neuntausendsechshundert Betttücher
und Bettdecken, mit zweitausendvierhundert Eiderdaunenkissen. Ich habe
zehntausend Messer und Gabeln und die gleiche Anzahl Dessertlöffel.
Ich habe sechshundert Diener, sechs palastartige Gebäude, außerdem
zwei Mietstallungen, ein Gartenrestaurant und ein Wohnhaus. Ich habe
vier Medaillen für hervorragende Dienste, ich habe den Rang eines
Offiziers, und den Stand eines Gentleman, und drei Muttersprachen.
Zeigen Sie mir irgend einen Mann in Bulgarien, der so viel bieten
kann.
Petkoff [mit kindischer Scheu]: Sind Sie am Ende gar der Kaiser der
Schweiz?
Bluntschli: Mein Rang ist der höchste, den man in der Schweiz
anerkennt: ich bin ein freier Bürger.
Katharina: Wenn dem so ist, Kapitän Bluntschli, so will ich, da meine
Tochter Sie auserkoren hat, Ihrem Glück nicht im Wege stehen.
[Petkoff will sprechen.] Major Petkoff teilt dieses Gefühl.
Petkoff: Oh, ich werde mich glücklich schätzen... Zweihundert
Pferde--Donnerwetter!
Sergius [zu Raina gewendet]: Und was sagen Sie?
Raina [tut, ab ob sie schmollte]: Ich sage, daß er seine Tischwäsche
und seine Omnibusse behalten kann. Ich lasse mich nicht an den
Meistbietenden verkaufen.
Bluntschli: Diese Antwort nehme ich nicht an. Ich wandte mich an Sie
als Flüchtling, als Bettler, als Verhungernder! Sie haben mich
aufgenommen und mir Ihre Hand zum Kusse, Ihr Bett für meine müden
Glieder und Ihr Dach zu meinem Schutze angeboten.
Raina [unterbricht ihn]: Dem Kaiser der Schweiz hab' ich das alles
nicht geboten!
Bluntschli: Das ist es ja gerade, was ich sage! [Er ergreift ihre
Hand rasch und sieht ihr fest in die Augen, während er, seiner Macht
vertrauend, hinzufügt:] Bitte, sagen Sie uns nun, wem Sie dies alles
gaben?
Raina [ergibt sich mit scheuem Lächeln]: Meinem Pralinésoldaten.
Bluntschli [mit knabenhaft entzücktem Lachen]: Das genügt mir, ich
danke Ihnen! [Er sieht auf seine Uhr und wird plötzlich Berufssoldat.]
Die Zeit ist um, ich muß nun fort, Major! Sie haben die Regimenter
so trefflich dirigiert, daß Sie überzeugt sein können, man wird Sie
ausersehen, um einige Infanterieregimenter der Timoklinien
loszuwerden. Senden Sie die Leute auf dem Weg von Lom-Palanka heim;
Saranoff, verheiraten Sie sich nicht, bevor ich zurückkomme; ich
werde pünktlich Dienstag in vierzehn Tagen um fünf Uhr abends hier
sein!--Meine verehrten Damen, ich wünsche einen guten Abend! [Er
macht ihnen eins militärische Verbeugung und geht ab.]
Sergius: Was für ein Mann! was für ein Mann!
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