hatte, kurz, wenn ich keinen Gedanken der That aus meinen dunklen
Wäldern heimbrachte. Wie gut verstand ich die Sage der Alten von der
Göttin der Wälder, deren Diener auf glühenden Kohlen schritten, ohne
sich zu verbrennen; die Kohlen sind die Proben des Lebens, die ihre
geflügelten Füße kaum berühren. Und doch bin ich ein Weib, der Kreis
meiner Thätigkeit ist eng begrenzt; es kommt vor, daß ich nur mein Herz
zu untersuchen habe, daß mein Rath, meine Hilfe nicht gefordert wird,
dann denke ich manchmal an alles das, was mein Prediger mir zu sagen
hätte, wenn ich über andere gestellt wäre, wenn ich einer jener Männer
wäre, die von Tausenden gesehen werden, an denen die Hoffnung von
Tausenden hängt, von denen sie mit Recht Glück und Trost verlangen; wie
viel würde er zu thun haben, um mich von Stadt zu Stadt führen, ihre
Einrichtungen, ihre Leiden, ihre Wünsche kennen zu lernen, um meine
Gedanken von der Hauptstadt zum Dorf, von Verbrechen des einen zur
Arbeit des anderen zu führen; zu wissen, ob der Bürger Handel treiben,
der Bauer sein Feld bestellen kann, ob die Behörden der Gerechtigkeit
dienen, die Tatkraft das Grundgesetz des Landes ist, was der Boden trägt
und tragen könnte; ferne Reiche aufsuchen, um dort zu finden, was dem
meinen nützlich und angenehm sein könnte; die Universitäten, die Schulen
im Auge behalten, um in der jungen Generation den Samen einer ernsten
Erziehung zu säen, den Keim einer einfachen, starken Moral
einzupflanzen.
"Doch genug der Predigt! Vorwärts ihr kleinen Nymphen des Waldes, ihr
kleinen Dämonen der Unterwelt, ihr kleinen Elfen der Blumen und des
Wassers, zu euren Tänzen, euren Spielen und Possen! Bringt uns die
Freuden eurer Wälder und Haine, naht euch auf den Sonnenstrahlen, die
durch die Blätter tanzen, die sich hinter Baumstämmen verstecken und die
sich, wenn man sich gut mit ihnen stellt, auf dem Papier, dem Antlitz,
den Augen niederlassen; schnell eine Wendung, und die Schatten breiter
Blätter zeichnen sich auf dem Schoß, ein leiser Westwind rührt den Zweig
und wieder tanzt der Sonnenstrahl vor Dir, entreißt Dir neckisch den
eben gewonnenen Gedanken und entflieht mit ihm. Du streichst mit der
Hand über die Stirn, Du erfaßst ihn wieder, Du bringst ihn zu Papier --
husch -- ein kleiner Dämon wirft Dir eine Hand voll geflügelter
Teufelchen zu: rote, grüne, blaue, bunte, vielfarbige, kurze und lange,
kleine und große, eine ganze Sammlung niedlicher Käfer, des Ansehens
wert. Jetzt gilt's ein wenig träumen -- da schleudert ein Dämon, ein
böser Dämon einen mächtigen Raubvogel durch die Lüfte gerade auf eine
arme Taube zu, nun fühlst Du die Erschütterung des Trauerspiels in
Deiner Seele, Dein Herz schlägt, Du nimmst die Partei der Schwachen, Du
möchtest der Unschuldigen zurufen: Komm zu mir, ich kann Dich
beschützen! -- aber der Räuber und seine Beute sind verschwunden, der
Ausgang bleibt Dir unbekannt -- man denkt noch einen Augenblick an den
Tod, an die rohe Gewalt, an das Unglück, um zu seinem Buch
zurückzukehren. Man läßt die Käfer summen, die Sonnenstrahlen auf der
Stirn tanzen, man sieht nicht einmal nach dem Eichhörnchen, das sich vor
unserem Anblick erschreckt, man will lesen -- Nymphen, Dämonen, Elfen
tanzen und spielen, man beachtet sie nicht, da sammeln sie einen Vorrath
süßer Gerüche, sie suchen in den Tannen, den Blumen, im Heu, in der Luft
und kehren beladen zurück -- lebt wohl, Fleiß, Buch, Ernst, tiefe
Gedanken -- die Träume kommen wieder und all die kleinen Geister der
Natur triumphieren! O, diese lieben kleinen Schauspieler, die Niemand
bezahlt, diese reizenden Feuerwerke, die keinen Pfennig kosten, diese
geistreichen Unterhaltungen ohne Verleumdung und Klatsch, diese
frischen, strahlenden Gewänder, die keinen zu Grunde richten, dieser
liebliche Duft in all den weiten Räumen, diese herrlichen Konzerte der
selbstlosen kleinen Sänger! -- Nun, mein Herr, was sagen Sie zu den
heimlichen Freuden dieser melancholischen Einsamkeit? Ich biete Ihnen
Oper, Drama, Ballet, Feuerwerk, ich biete Ihnen Unterhaltung, Predigt
und Farben und Diamanten, soviel Sie wollen, und lebende Blumen und
wahre Freuden, und all das stark und schön und groß, und doch habe ich
noch die Seele des Freundes vergessen, der dazu gehört, das Herz, das
ein Theil des unseren ist, die Augen, die die unseren widerspiegeln, die
sanfte Hand, die unsere Thränen trocknet; ich will nicht davon sprechen;
für den, der es erfuhr, ist es bekannt, daß Gott uns über solche Freuden
schweigen heißt, er gab uns keine Worte, um sie auszudrücken.
"Ich bin nur eine alte Prophetin an dem Altar des Lebens, der Kummer hat
mich inspiriert, im Kummer vertrieb ich mir selbst die Mittel dagegen
und ich habe sie erprobt. Sie, Sie sind jung, es ist gut, es ist
natürlich, daß Sie die Städte und die Welt und die Sonne und die
lachende Landschaft lieben, deren Freuden keine Mysterien sind; doch all
das thut den Augen weh, die viel geweint haben, sie brauchen Schatten
und Stille; nach einem erfahrungsreichen Leben zieht mein Alter die
Bäume den Thürmen und Dächern, die Dekorationen des Schöpfers denen der
Menschen vor.
"Doch ich sehe voraus, daß mein Predigen, mein Klagen und Fabeln die
Faden Ihrer Geduld fast ganz zerrissen hat; zunächst den, welchen Sie
meinem Alter gewährten, wie meinem Geschlecht und meiner Freundschaft;
so halte ich mich nur noch an dem einen starken Faden Ihrer Güte, wenn
dieser mich nicht aus dem Abgrund der Ungnade emporzieht, bleibt mir
keine andere Hilfe und ich verliere die Hoffnung, mich ferner nennen zu
dürfen
Ihre ganz ergebene
Schwätzerin vom Walde."
Der zweite Brief war auch an einen jungen Freund gerichtet:
"Denken -- --. Unter zehn Menschen können nicht zwei denken, und ein
richtiger, wahrer Denker findet sich noch unter tausend nicht -- und
ich sage tausend Deutsche -- die denkendste unter allen Nationen.
Denken -- die meisten Menschen haben noch keinen Begriff, was dieses
Wort in sich faßt -- alle Fähigkeiten des Geistes auf einen Gegenstand
heften, ihn durchdringen, ihn von allen Seiten beleuchten, ihn dem Für
und Wider des Scharfsinns wie einer Wasser- und Feuerprobe unterwerfen
-- ihn durch anderer Menschen Weisheit behutsam durchsichten und dabei
recht Acht haben, daß uns nichts Falsches imponiere, nichts nur
Liebliches irre leite, daß nichts Äußerliches uns unterjoche -- die
Vernunft als Mentor nie aus dem Auge lassen -- dann das Herz reinigen
von Nebenabsichten und in letzter Instanz an das Gefühl als Bestätiger
appellieren -- dies ist, meines Erachtens, der Prozeß des guten und
nützlichen Denkens.
"Zuerst sei unser Denken auf uns selbst gerichtet -- wir sind das
wichtigste Studium für uns selbst. Haben wir schon einen Charakter
oder nur die Fähigkeiten dazu? d. h. ist unser Inneres mit bestimmten
Strichen gezeichnet und hingestellt -- oder ist es noch ein Chaos, in
dem sich die Elemente kreuzen, stoßen, verwirren? Wissen wir schon, was
aus uns werden kann und muß? oder haben wir von der Wiege an Tag für Tag
hingespielt und genießend oder leidend hinweggelebt? Haben wir einen
Lebenszweck? Stehen wir und unsere Bestimmung als Ganzes vor uns?
Sind wir Arbeiter oder Müßiggänger im Weinberge des Herrn? -- Was haben
wir gethan, seitdem wir von der Welt etwas wissen? was haben wir in
unserem Beruf geleistet? was haben wir vor allem an uns selbst
hervorgebracht? welche Fähigkeit entwickelt, welche Fehler
zurückgeworfen, welche Tugend gekräftigt? Haben wir uns ein Bild gemacht
von uns selbst, was wir erreichen können, haben wir danach gestrebt, es
einst in höchster menschlicher Vollkommenheit darzustellen? -- und
dürfen wir ohne zu erröthen uns selbst im Innersten der Seele beschauen?
Und wenn nein auf alle diese Fragen erfolgte, und wenn wir noch nichts
gedacht, erreicht, begonnen oder erstrebt hätten -- nun denn frisch ans
Werk -- es ist immer Zeit; aber klar und stark und muthig muß man daran.
Wehe dem, der sich nicht herausraffen kann aus der schlaffen
Sinnesexistenz, wehe dem, der seine Kräfte versauern läßt im Kochtiegel
des täglichen Wasser- und Brodlebens, er wird auch an das Lebensziel
angeschlendert kommen, d. h. er wird gegessen, getrunken, geschlafen
haben und dann gestorben sein, aber er weiß nichts von neuen blühenden
Gefilden im innersten Sein, er weiß nichts von den reichen Fruchtgärten
der Wissenschaft, er weiß nichts von dem edeln Selbstgefühl, das zu Gott
aufsieht und sagt: Herr, ich war ein Kind, und vor dir und durch dich
bin ich zum Manne geworden; Herr, ich war arm, und vor dir und durch
dich bin ich reich geworden; Herr, ich klebte an der Erde und war
erdrückt von ihren Sorgen und ihrem kleinen Treiben und ihren elenden
Interessen, und vor dir und durch dich habe ich mich emporgeschwungen
und kenne eine höhere Heimath und ein höheres Ziel! Wie ruhig schaut der
irdisch vollendete Mensch auf die Ewigkeit; und wäre sie nicht, und
täuschte uns die eigene Seele über eine Zukunft ihres Lebens, doch
hätten wir auch hier schon schöneren Gewinn, denn so eng ist die Tugend
und das Recht in der Sphäre unserer irdischen Laufbahn mit der höheren
Tugend, die nur auf die Ewigkeit ihre Kreditbriefe zieht, verschwistert,
daß der Mensch, der in sich hoch steht, schon einen erhöhten Standpunkt
im Kreise der menschlichen Gesellschaft einnimmt, und er wird ihm
instinktmäßig von seinen Mitmenschen ohne Gesetz und ohne Zwang
eingeräumt. Dieselbe Weisheit, die seine eigene Seele erzieht,
dieselbe Vernunft, die seinem Herzen Gesetze giebt, thut sich auch
kund in den Handlungen, die er in die äußere Welt hinausschickt, so wird
ohne sein Zuthun, ohne weltliches Interesse sein Wirkungskreis
erweitert, weil er in stetem Verkehr mit seiner Vernunft ist, werden
auch seine bloß weltlichen Handlungen vernünftig sein. Weil er denken
gelernt hat, wird er auch die täglichen Lebensereignisse besser
durchdenken und leiten können als sein nicht denkender Bruder, und so
dient ihm zum irdischen weltlichen Wirken das erstrebte Große in seiner
Brust. Dem Nebenabsichtslosen vertrauen die Menschen, den eisern
Tugendhaften suchen sie sich zur Stütze, dem Wahren glauben sie, dem
Edlen unterwerfen sie sich; hat also der Mensch sich selbst bemeistert,
erkannt und gebildet, so fällt ihm von selbst die Herrschaft über andere
zu, und nun kann er sein Leben ausfüllen, nun kann er Gutes stiften, nun
kann er jeden Tag einen Kranz des treuen, guten Wirkens auf den Altar
seines Gottes legen -- da ist das Leben nicht mehr leer, öde und wüst
und langweilig, da braucht man des Frivolen nicht mehr, um die schöne
heilige Zeit zu tödten, sie zieht nicht mehr zürnend, rächend, strafend
vorüber, sie schüttet freundlich ihr Füllhorn aus vor unsere Füße, und
jede Stunde winkt gern ihrer Schwerer, daß sie uns neue Gaben spende.
Dann erst sehen wir mit tiefem, wahrem Jammer hin auf die armen
Menschen, die so gar nichts vom eigentlichen Leben wissen, und wir
möchten sie herbeirufen und heranziehen und ihnen die Schätze in ihrer
eigenen Seele zeigen, und ihnen begreiflich machen, daß sie die Tasche
voll Dukaten haben und sich mit Zahlpfennigen herumplagen. Wohl dem, der
dieser Stimme folgt und nicht blind ist seinem eigenen Heile, der nicht,
wie Mummius in Athen und Korinth, sein reichliches Mahl verzehrt und den
Beutel mit schlechten Drachmen füllt, während die schönsten Werke des
Alterthums unbeachtet oder verstümmelt oder mit roher Gleichgültigkeit
auf den Straßen gelassen oder auf die Schiffe als Ballast gepackt
wurden.
"Was oft den ersten Schritt hindert auf dem Wege der Selbsterkenntnis
und der Veredelung, ist ein gewisses Ungeschick im, ich möchte sagen,
Mechanischen des Werkes, man weiß die Art, die Stunde, die Gelegenheit
nicht; aber Gelegenheit ist der erste Gedanke und Entschluß, jede
Stunde ist gut, und die Art verlangt nur Beharrlichkeit, Geduld und
Klarheit. Man setzt sich hin und beschaut seine Seele wie einen fremden
Gegenstand, man macht sich eine Liste der Fehler, der guten
Eigenschaften, der Schwächen, der Fähigkeiten, die man hat. Ist man
heftig und aufbrausend, so muß dieser Fehler ganz gemildert werden --
das thut die Vernunft, wenn man ihr ununterbrochene Wache gebietet --,
und ist er gemildert, so muß von seinem Feuer so viel Kraft übrig
bleiben, daß es unsere Thätigkeit aufregt und uns frischen Enthusiasmus
für das Gute giebt; ist man neidisch, so muß dieser Fehler total weg,
davon kann kein gutes Hälmchen kommen, er muß mit der Wurzel heraus --
zu diesem braucht man nicht allein Vernunft, sondern auch Gefühl; da muß
die Nächstenliebe eingreifen und gestärkt werden und mit
ununterbrochener Sorge wachen, daß der häßliche Gast unter keiner Form
und keiner Maske sich einschleiche. Ist man faul, so muß dieser Fehler
total weg, denn nichts Gutes gedeiht dabei; dazu gehört nur
Consequenz und eine unerbittliche Disziplin über den Fehler; man muß
sich vorschreiben wie einem Kinde, was an jedem Tage gethan werden soll,
und dieses muß ohne einen Erlaß Monde und Jahre durchgeführt werden.
Ist man leichtsinnig, so muß der Ernst herausgebildet werden, dazu ist
Denken, fortgesetztes Beschäftigen mit gehaltvollen Büchern und
Männern der Weg; doch kann dieser Fehler bis zur Tugend gemildert
werden, und es darf uns der philosophische leichte Sinn bleiben, der
unnöthige Sorgen über Bord wirft, übertriebenen Schmerz nicht
aufkommen läßt und uns durch Abwenden oder heiteres Aufnehmen der
Schattenseiten des Lebens die innere Kraft zum Wirken erhält.
"Sind wir nun im Reinen mit unseren Fehlern und Mitteln dagegen, so
müssen wir eine ebenso strenge Prüfung unserer Fähigkeiten vornehmen,
damit wir unser Pfund nicht vergraben.
"Haben wir uns so nach jeder Richtung geprüft, so haben wir zunächst
einen Blick auf die uns umgebende Welt zu werfen, um zu sehen, was wir
in Bezug auf sie wirken können, was ihre Hauptmängel sind, wo wir ihnen
abhelfen können; der Frau ist ein enger Kreis gezogen, aber weit genug,
um ihr Leben, ihre Seele, ihre Bestimmung auszufüllen -- so verzweigt
mit seinen Wurzeln in die ganze Welt und die ganze Zukunft, daß ihr
stiller magischer Einfluß unberechenbar in seinen guten und schlimmen
Wirkungen ist. Dem Manne ist die ganze Welt offen, und auf einmal
tritt sie ihm entgegen, da beschaue er sie vom engsten Kreis aus in
immer sich ausdehnendem Bogen, bis daß er an die fernsten Ufer mit
seinen Gedanken reiche; er möge denselben Proceß ausführen wie der
Stein, den man ins Wasser wirft: von seinem Centrum aus bilden sich
Kreise, die vom engsten zum weitesten nach und nach das entgegengesetzte
Ufer berühren. Er betrachte mithin zuerst seine nächste Umgebung, prüfe
ihr Thun und Treiben, den Grund, den Erfolg desselben, den Geist, der
sie beseelt, frage sich, was sie leisten und ausführen, was sie sind und
werden, was sie sein sollten und könnten -- und diesem Gedanken
schließt sich unmittelbar der an: was kannst du zu ihrer Förderung thun?
Und so ist das erste Glied geschmiedet, das unsere Veredelung mit der
Veredelung des Nebenmenschen verkettet. Hier fängt schon der Einfluß
eines stillen Beispiels an. Nun blicken wir weiter um uns und machen uns
bekannt mit dem Staat, in dem wir leben, überlegen uns seine Thätigkeit
und seine Mängel, ob und was wir dabei zu wirken fähig sind oder
werden können; jetzt schon erklären wir innerlich den Krieg allem
unredlichen Treiben, allen Irrungen, allen Übelständen -- der Kreis
dehnt sich aus. Sind wir Deutsche, so liegt uns nun Deutschland als
Ganzes am nächsten, das Verhältniß unseres Staates zu den
vaterländischen Nachbarstaaten, ihr Einfluß, ihr Zustand, ihr
Fortschritt -- nun muß nothwendig die Geschichte uns zur Seite stehen,
damit wir die jetzigen Zustände aus den früheren entwickeln und
beurtheilen und die Wurzel der Übelstände kennen lernen, um sie
womöglich ausrotten zu helfen, und die Wurzel des Guten, um sie zu
schonen. Von Interesse zu Interesse steigert sich schon in uns die
Wißbegierde aufs Höchste, unsere Kreise erweitern sich, unsere Ansichten
gewinnen neue Formen, unsere Erkenntnis bildet neue Regionen, und schon
ist ein tieferes, gehaltvolleres Leben in uns eingegangen, ohne daß wir
noch die philosophischen und politischen Höhen erstiegen haben.
"Jeder Fähigkeit sind ihre besonderen Wissenschaften angewiesen. Haben
wir uns geprüft, unseren Geschmack und unsere Kräfte erwogen, so
entscheiden wir uns für einen oder zwei Zweige, und diese treiben wir
nun mit Ernst und Eifer. Wir müssen uns nach den besten Büchern in
diesen Zweigen erkundigen, nach den Autoren, die darüber geschrieben
haben; wir machen eine Liste von ihnen, um sie nach und nach
durchzunehmen, wir nehmen ein Werk und machen Auszüge, ein anderes lesen
wir nur durch, je nachdem wir es rathsam finden -- schämen uns vor uns
selbst, wenn wir uns von den Schwierigkeiten abschrecken lassen,
erlauben uns nicht, feuern uns immer von Neuem an und werden so nach und
nach ein tüchtiger, brauchbarer, befriedigter Mensch, dem seine
Stellung in der Gesellschaft und in der Welt nicht fehlen kann, -- weil
leider diese Klasse noch sehr in Minderzahl steht -- und der mit Ruhe,
Zuversicht und Hoffnung jeder Zukunft in die Augen zu sehen vermag."
Die Ratschläge, die sie hier anderen erteilte, hatte sie selbst befolgt
und erprobt. Für sie gab es jenen Widerspruch nicht, durch den wertvolle
Menschenkräfte der Wirkung auf die Allgemeinheit so oft entzogen werden,
jenen Widerspruch zwischen einem bis in seine letzten Konsequenzen
verfolgten Individualismus, der sich die Ausbildung des eigenen Ich zum
Ziele setzt, und dem sozialen Altruismus, der im Wirken für andere seine
Aufgabe sieht. Verfolgen wir Jenny in ihrer Selbsterziehung, die sie so
früh schon zu einer harmonischen Persönlichkeit machte, so dürfen wir
freilich nicht aus dem Auge lassen, unter welchen günstigen äußeren
Bedingungen sie aufwuchs: Nur an den großen Schmerzen und Kämpfen des
Herzens und des Geistes entwickelte sich ihre Kraft; jene quälenden,
zehrenden Nöte des Lebens, die Sorgen ums tägliche Brot, die schon im
Kinde, das der Angst der Eltern zusieht, die besten Keime ersticken
können, kannte sie nicht. Noch andere Ursachen aber mußten
zusammenwirken, um sie zu dem werden zu lassen, was sie war. Ein
Durchschnittsmensch wird weder durch den Reichtum geistiger Anregungen,
der ihm zuströmte, noch durch die bittere Erfahrung getäuschter
Liebeshoffnungen, die ihm zuteil wurde, solcher Entwicklung teilhaftig
werden. Lebt doch so mancher inmitten geistigen Überflusses und bleibt
selbst blutarm, und anderen begegnet ein großes Geschick, um, wie es
scheint, nur ihre Kleinheit durch den Vergleich besonders scharf
hervorzuheben. Jennys Natur dagegen war ein fruchtbarer Boden, dessen
Atem nach dem Gewittersturm doppelt erquickend ist, weil er den ganzen
Reichtum der Früchte ahnen läßt, den er hervorbringen wird. Ihre
natürliche Anlage war es, die sie befähigte, aus allem -- dem Guten und
dem Bösen, den Menschen und den Büchern -- den für das Wachstum ihres
Geistes und für die Bereicherung ihres Herzens nötigen Nährstoff zu
saugen.
So wenig sie über sich selbst geschrieben hat -- im Unterschied zu der
Mehrzahl der Memoirenschreiber, bei denen die Lebens- und Seelenanalyse
der eigenen Person stets im Vordergrund steht -- so läßt sich die
Bedeutung dieser Seite ihres Wesens für ihre Entwicklung ziemlich genau
nachweisen. "Sage mir, mit wem du umgehst, und ich will dir sagen, wer
du bist", das gilt für die lebendigen wie für die toten Freunde -- die
Bücher.
In ihrem oben zitierten Brief legt Jenny ihnen im Hinblick auf die
Selbsterziehung die größte Bedeutung bei. Die Lektüre war für sie nicht
eine Ausfüllung müßiger Stunden, und danach richtete sich auch ihre
Auswahl. Mit Hilfe der schöngebundenen, mit zierlicher Goldpressung
versehenen, von anmutigen Bronzeschließen zusammengehaltenen Quartbände,
die Jenny mit Auszügen füllte, läßt sich nicht nur verfolgen, was sie
las, sondern auch wie sie gelesen hat. Da sind Seiten und Seiten mit
Auszügen aus Byrons, Scotts und Shelleys Werken gefüllt. Aber bald
darauf zeigt sich schon, daß die Beschäftigung mit den englischen
Dichtern sie zu England selbst geführt hat: Auszüge aus historischen und
kulturhistorischen Werken folgen, denn mit jenem Feuereifer, den sie bei
allem entwickelte, was sie ergriff, studierte sie englische Geschichte.
Ihr Interesse und ihre Sympathie für England, für seine demokratische
Verfassung, seine Art der Erziehung, der Armenpflege, der sozialen
Gesetzgebung wurden dadurch geweckt und blieben dauernd lebendig; die
politische Überzeugung ihrer späteren Jahre wurzelte in diesen
Jugendeindrücken.
Von den deutschen Dichtern steht Goethe, was die Häufigkeit und den
Umfang der Auszüge betrifft, an erster Stelle, Schiller findet sich
seltener, dagegen Jean Paul um so häufiger; selbst Zacharias Werner, der
wie seine Freundin Schardt katholisch geworden war und dessen "Kreuz an
der Ostsee" viel gelesen wurde, erscheint neben den Klassikern. Sehr
früh schon -- ein Zeichen für das persönliche künstlerische Empfinden
Jennys, das Schönes selbständig zu finden wußte -- wird Grillparzer und
Heinrich Heine zitiert. Einen weit größeren Raum aber als Poesien nahmen
Prosastellen ein. Goethe erscheint wieder als der Bevorzugte, auch die
Briefwechsel mit seinen Freunden, die Schriften, die über ihn
erschienen, verfolgte sie genau. Zuweilen werden auch die Eindrücke, die
die Bücher hervorriefen, kurz festgehalten. So schrieb sie über Goethes
Briefe an Lavater:
"Für das große Publikum sind vielleicht diese Briefe von keinem großen
Interesse, für das deutsche Publikum aber von dem allergrößten, denn
wenn auch die eigentlich bedeutenden und kräftigen Gedanken in zehn
Seiten zusammengefaßt werden können, so läuft doch durch jede Zeile die
jugendlich wirksame, strebende Kraft, welche unsere Litteratur und
Sprache gewaltsam aus dem Schlummer der Zeiten zu herrlichem Leben rief.
Der Riesengeist, der sich fühlt, das Jünglingsherz, das sich innig an-
und aufschließt, die reife Männerseele mit der großartigen Toleranz und
dem sicheren Adlerblick, der planende Kopf, der die Zukunft mit Schönem
bevölkert, der feine, satirische Witz, der den Mephisto schuf -- es
liegt Alles skizzirt in nicht zweihundert kleinen Seiten. Und dann
welches Leben und Regen, welches geistige Zusammenleben, welcher
Frühlingshauch von Luft und Frische! Es kam mir vor, als ob ich unter
Gräbern wandle, und auf einmal zöge sich vor mir ein Vorhang auf, und
Karl August, Herder, Wieland, Lavater, Jacobi etc. etc. ständen lebendig
vor mir.
"Es war nur Traum, denn bloß Knebel ist noch nicht hinter den großen,
dichten, räthselhaften Vorhang getreten!"
Und über Schillers Leben von Frau von Wolzogen:
"So, ganz so, wie sie ihn schildert, stand Schillers Bild seit meiner
frühesten Jugend vor meiner Seele, so rein, so groß, so erhaben über
alles Kleinliche schwebte mir sein edler Geist vor, und in jeder Zeile
fand ich eine Ahnung meines Herzens in schönste Wirklichkeit getreten!
"Mir fällt dabei ein, was Goethe zu Ottilie sagte, als sie meinte,
Schiller langweile sie oft: 'Ihr seid viel zu armselig und irdisch für
ihn!'"
Herder, Schleiermacher, Schelling, Jean Paul sind weiter viele Seiten
gewidmet, und wenn wir ihren Inhalt prüfen, ihn mit den französischen
Abschriften aus Chateaubriands und Lamartines Werken zusammenstellen, so
geht die Neigung Jennys zu religiöser Vertiefung, ihre Sehnsucht nach
einem festen Gottes- und Unsterblichkeitsglauben deutlich daraus hervor.
Von jener Zeit sprechend, heißt es in einem ihrer Briefe an mich: "Als
ich zwanzig Jahre alt war, schrieb ich mein Glaubensbekenntniß, das also
begann: Ich verehre den Gott, den Pythagoras verehrte," und in einem
anderen: "Mein Verstand befand sich mit meinem Gefühl dauernd im Streit;
Beide thaten einander weh wie bittere Feinde."
Neben den philosophischen Schriften gehörten naturwissenschaftliche zu
ihrer bevorzugten Lektüre, und auch an Auszügen aus Memoiren und
Reisebeschreibungen fehlt es nicht. In bezug auf die erstgenannten
bevorzugte sie die französischen, besonders alles, was sich auf
Napoleons Zeit bezog. Unter den Reisebeschreibungen wurden den Auszügen
aus Fürst Pücklers "Briefen eines Verstorbenen", die leider heute zu den
vielen vergessenen guten Büchern gehören, viele Seiten gewidmet. Pückler
war ein alter Weimaraner und Jenny persönlich gut bekannt, was ihr
besonderes Interesse an ihm erklären dürfte. Charakteristisch für sie
ist folgendes Urteil über ihn, das sie 1833, also mit 22 Jahren,
niederschrieb: "... Ich kann nicht leugnen, daß ich seine Briefe mit
wachsender Sympathie gelesen habe. Wie oft habe ich sein Gefühl und
seinen Geschmack für die Natur, die reine ungekünstelte Natur,
mitempfunden, und die Leere in der großen Welt, die doch durch ein
unwiderstehliches Beobachtungsbedürfniß bei heitrer Stimmung eine
philosophische Ausfüllung findet, und dann dies Gefühl von Einsamsein
unter Menschen, und vereint mit allen Lieben in der einsamen Natur. Es
liegt eine tiefe Religiosität in der Seele dieses geistesadligen
Menschen, und ich habe durchaus nicht jene Frömmigkeit vermißt, wegen
deren Mangel ihn die Pietisten verdammen. Starke Geister mögen ihre
menschenrechtlich angeborene Freiheit benutzen, um sich ihren Glauben
selbst zu bilden ... In vielen kleinen Geschmackssachen habe ich meine
Meinungen, ja oft meine Worte gefunden, in Frauen- und Gartenschönheiten,
in seiner Ansicht über Häuslichkeit und geselliges Leben. Auch in
größeren Dingen: seinem poetischen Aberglauben, seiner Geister-Ahnung
und seinen metaphysischen Träumen über Seelenwanderungen, vor allem auch
in seiner Bewunderung Napoleons und seiner Entrüstung über das seiner
Familie bereitete Ende."
Daß bei der jungen Aristokratin, die den beginnenden Kämpfen um die
Rechte der Frauen persönlich zunächst fernstehen mußte, das Verständnis
für deren geistige Bedeutung in vollstem Maße vorhanden war, zeigt ihre
Beurteilung jener drei Frauengestalten, die als letzte Repräsentantinnen
der Romantik gelten können, von denen zwei jedoch, auch von der fernen
Warte unserer Zeit aus betrachtet, als Führerinnen in die neue Welt der
Frau angesehen werden müssen: Rahel Varnhagen, Bettina von Arnim und
Charlotte Stieglitz. Im Anschluß an Varnhagens Buch des Andenkens an
Rahels Freunde, an Bettinas Briefwechsel Goethes mit einem Kinde und an
Theodor Mundts Madonna, Gespräche mit Charlotte Stieglitz -- jener
unglücklichen Frau, die sich das Leben nahm, weil sie glaubte, die durch
ihren Opfertod hervorgerufene ungeheure Erschütterung würde ihren
geliebten Gatten aus geistiger Lethargie erwecken -- schrieb Jenny das
folgende über sie:
"Drei wunderbare Erscheinungen im weiten Bereiche der Litteratur und
Psychologie sind in neuerer Zeit wie glänzende Meteore in der Frauenwelt
Deutschlands erschienen; die tiefe Beschaulichkeit des Nordens mit
seiner sinnenden Philosophie, mit seiner nebelhaft ossianischen
Ideenpoesie, mit der schwärmerischen Aufopferungslust, mit allen Reizen
und Gefahren der reinen Geistigkeit, stehen feenhaft, hinreißend, in
tief empfundener Seelen- und Herzensverwandtschaft vor den deutschen
Frauen. Jedem der drei Genien in ihrer Größe und in ihren Irrthümern
tönt ein leiser, geistiger Schwesterngruß aus dem heiligsten Innern
ihrer Landsmänninnen entgegen. Unberechenbar ist daher der Eindruck, das
Fortwirken dieser Bücher auf die Frauenwelt: als geistige
Heerführerinnen treten diese Erscheinungen an die Spitze der sich längst
im stillen Sinnen, Bilden, Denken emancipirenden Frauen Deutschlands;
sie erkämpften sich mit ihrem Geist Sitz und Stimme unter den
Intelligenzen ihres Landes, sie räumten den Platz zu dem einflußreichen,
weiblichen Wirken, was zwar höher in Deutschland anerkannt ist als in
allen anderen Ländern Europas, was aber doch noch lange nicht zu seiner
Blüthe, zu seinem eigentlich angemessenen Umfang sich entfaltete. Sie
zeigen, wie die reine, nebenabsichtslose, unegoistische Seele der Frau
in jede Geistesfaser eingreifen kann, sie zeigen die Gewalt ihres
Denkens, ihres Fühlens, ihres Wollens und Vollbringens. Sie fordern
durch ihre weise Erkenntniß und klare Auffassung, ja, mehr vielleicht
durch ihre Irrthümer, die Bildung, die ihren Geist von den Schlacken des
Falschen befreien und in lichtem Wissen und Erkennen darstellen kann;
sie fordern die sorgsame Beachtung ihres intellectuellen Fortschreitens,
um ihres edlen Selbstes willen; sie fordern sie mehr noch als Mütter der
Vaterlandssöhne, als Geliebte seiner Jünglinge, als Gattinnen seiner
Männer. Sie treten hervor in aller Würde ihrer Geistesmacht, und ist
auch seit den ältesten Zeiten die Stellung der deutschen Frauen ihrer
Bestimmung und ihrer inneren Höhe angemessener gewesen als in anderen
Theilen der Welt, hat sich auch gern der deutsche Mann in Liebe und
Verehrung vor ihrer Reinheit gebeugt, so war doch im Allgemeinen ihre
Schätzung noch viel zu sehr auf das bloß dienstbare häusliche Wirken,
nicht eigentlich auf die Würde ihrer Bestimmung, auf die Macht ihres
Einflusses gerichtet.
"Jetzt, in dem Jahrhundert der Berechnung und eines oft kleinlichen
Nützlichkeitsprincips, tritt die große Seele einer Rahel an das Licht
der Welt, mit dem Princip des allgemein Großartigen, des ewig Rechten,
mit der einzigen Berücksichtigung des Wahren, mit der enthusiastischen
Liebe des Schönen und Guten. Sie geht umher in Ländern, in
Verhältnissen, in Charakteren mit der gigantischen Fackel, die sie am
Altar der Wahrheit entzündete; sie beleuchtet das Kleinliche, Lügenhafte
und Elende vor der ganzen Welt, und manches Johanniswürmchen, das uns
ein Edelstein schien, stellt sie auf seine Füße, und es wird dunkel, und
manchen Edelstein, den wir für einen Kiesel hielten, schleift sie
zurecht, und er wird leuchtend. Sie selbst greift mit ihrer Philosophie
in das Leben ein, ihr Denken wird zur That, und wie sie mit ihrem Geiste
in anderen Seelen unermüdlich Geistesfunken weckt, wie sie das
kleinliche Interesse in allen Herzen abzustreifen sucht, wie sie im
Kreise ihrer Pflichten beglückt und wirkt, wie sie ohne aus ihrem
weiblichen Beruf herauszutreten, das Große in den Männern fördert und
die kleinen Räder der Staatsmaschine, die ihrer Sorgfalt anvertraut
sind, fleißig von jedem Stäubchen reinigt, ohne die schwache Frauenhand
in die großen Räderwerke zu wagen, bei einem doch so richtigen Blick in
die großen Verhältnisse, so steht sie in dem praktisch häuslichen Kreise
mit voller Berufskenntnis da, in schweren Kriegszeiten die Trösterin und
Pflegerin der Verwundeten, die Retterin der Elenden, Arzt, Näherin,
Wartfrau, Bittende bei Reichen, Ermunternde bei Armen, ohne Ruhe und
Rast, voll Einsicht und ununterbrochener Aufopferung, unbekümmert um
ihre eigenen Körperleiden, unbekümmert um Dank oder Undank, die
Gutesthuende um des Guten willen, die echte, wahre, reine deutsche Frau!
"Nicht nur aus ihrem Buch habe ich das Alles gelesen, in ihren Augen, in
ihren Worten, in ihrem ganzen Benehmen war es ausgedrückt. 'Da werdet
ihr Bedeutendes kennen lernen,' sagte Goethe zu uns. Einfach und ohne
Prätensionen trat sie auf, schien mit ihren klugen, forschenden Blicken
in unseren Seelen zu lesen, regte uns an zu frohem Geplauder, scherzte
und lachte mit uns und wußte nach und nach das Gespräch auf die höchsten
Dinge zu lenken. In wenigen Stunden lernte ich sie kennen und sie mich,
denn in der reinen Luft ihres Seins vermochte ich mich nicht anders zu
geben als ich war, mein Herz lag auf der Zunge, sie erreichte, was sie
wollte; denn ausgebreitet, wie der Entwurf eines Gemäldes, lag meine
Seele vor ihr.
"'So jung und schon so viel gekämpft,' sagte sie, 'kämpfen Sie
nur weiter, immer weiter; hüten Sie sich vor der Ruhe, der
Seelenbequemlichkeit; das giebt's nicht für uns. Faust ist auch in
weiblicher Gestalt vorhanden, in Ihnen, in mir.'
"'Ist nicht aber Ruhe das, wonach alles in uns strebt?' wandte ich ein.
"'Nicht Ruhe, Leben ist es und immer wieder Leben. Nur der allzeit
Lebendige, Wache, Thatkräftige erreicht große Ziele, übt große Wirkungen
aus. Glauben Sie nicht den Propheten der Ruhe, glauben Sie dem
Allmächtigen, der schaffend überall in der Natur ihnen entgegentritt.'
"'Aber ich bin Christin, möchte Christin sein,' bemerkte ich schüchtern,
'und dem folgen, der sagt: Meinen Frieden lasse ich euch!'
"Rahel sah mich gütig lächelnd an und erwiderte: 'Folgen Sie ihm
getrost, aber lernen Sie ihn verstehen. Den Frieden, den Christus meint,
übersetze ich mit Befriedigung. Sie allein giebt innere Ruhe, giebt
Kraft und Lebensfreude; sie wird aber auch nur durch Thätigkeit in uns
und außer uns, durch Pflichterfüllung, Gott und den Menschen gegenüber,
erreicht.'
"Das war meine kurze und doch nachhaltig wirkende Bekanntschaft mit ihr.
Varnhagen schenkte mir nach ihrem, ach, so schmerzlich beweinten Tode
das erste Buch 'Rahel', das nicht im Buchhandel erschien. Auch meine
Freundinnen Ottilie Goethe, Alwine Frommann und Adele Schopenhauer waren
dadurch erfreut worden.
"In der Absicht, unserem tiefgefühlten Dank würdigen Ausdruck zu geben,
schenkten wir ihm eine Schreibmappe, auf der ich Rahels schönen Traum
illustrirte. Sie träumte von einem ungeheuren Sturm, und mitten in den
Wogen ihr Lebensschiffchen; aber vom Himmel herab rollte der blaue
Mantel Gottes, sie fühlte sich als kleines Kind, legte sich in eine
große Falte des Gottesmantels und schlief ein. Einige Widmungsverse
begleiteten die Gabe. Unbegreiflich blieb mir immer, wie dieser Mann
der Welt, der Reclame, des Egoismus zu dieser Frau nach dem Herzen des
Höchsten passen konnte. Die Erinnerung an ihre reine Erscheinung wollte
ich mir durch den Verkehr mit ihrem Gatten nicht trüben lassen, deshalb
gab ich möglichst schnell die Correspondenz mit ihm auf. Das Buch, das
er mir gab, läßt mich jedoch dankbar seiner gedenken, und so oft ich es
aufschlage, weht Rahels lebendiger Geist mir daraus entgegen.
"Sie trat ein in unsere Krümel liebende Zeit, die gigantische, ganze
Seele. Es hebt sich die Brust der Frau, daß sie Frau, des Menschen, daß
er Mensch ist, und mit neuem Schwunge regt sich mancher Geist, und ein
großartiger Maßstab wird von Tausenden an die Bestimmung des Lebens, an
die Forderungen unserer Welt gelegt. Rahels magische Gestalt schwebt
über der Atmosphäre der Gebildeten, und vor dem leuchtenden Kreis ihres
Wesens zieht sich das Kleinliche beschämt zurück.
"Was soll aber in dem sogenannten vernünftigen, überpraktischen
Jahrhundert eine Bettina? Was will die kleine Elfe unter den
Nützlichkeitsmenschen? Was fördern ihre gaukelnden Tänze, ihre
Wipfelspiele, ihre Blumenpaläste? Sie schwankt mit den Elfenschwestern
ihrer Phantasie in goldenen, glänzenden Rebeln, sie singt ihre
Herzensphilosophie in das Wehen der Frühlingslüfte, zuerst an niemand,
für niemand, wegen niemand. Die Menschen sind ihr nicht da, von Zweck
und Nutzen hat ihr nichts geredet, die Sünde hat sie nicht gesehen,
Gesetz und Regel hat sie nicht gekannt; sie träumt, sie spielt, sie
liebt, sie singt in die Welt hinein, und ihre auserwählten
Spielkameraden findet sie in der Natur. So tanzt und schwebt sie auf und
nieder in Gottes großen Schöpfungswerken; man überlegt sich lange, woher
sie kam. Da ist's, als hätte man auf einmal die Sage singen hören, daß
einst an einem schönen Maientage viel deutsche Kinderseelchen zurück zum
blauen Äther kehrten, und als sie an die Himmelspforte kamen, überzählte
Petrus ihre Reihen und sagte: 'Eine ist zu viel, nur neun hat der Herr
gerufen.' Die zehnte sah betrübt hinab auf die kleine dunkle Welt: 'Es
ist so kalt, so farblos auf der Erde, und ist so warm und farbenreich
bei Gott!' rief sie weinend. Das Gebot aber war unumstößlich; da gaben
alle Kinderseelen ihre Poesie dem einen Erdbestimmten und sagten: 'Damit
schaffe dir Wärme und Farben auf der irdischen Welt, wir schöpfen
schnell aus ewigem Borne, was wir dir jetzt geben,' und traurig lächelnd
flog das Kind zurück. -- Dies ist die Seele, die in Bettinens Briefen
lebt und dichtet. Sie konnte als Kind wohl unter Blumen schwelgen und
wild und ungebändigt mit der Natur verkehren, doch das Kind ward
Mädchen, und das Mädchen liebte. Nicht wie Undine wird sie dadurch
gezähmt, nein, sie bleibt die wilde, ungestüme, unfügsame Kinderseele,
und nun paßt nichts mehr auf der ganzen Welt, nicht andere Menschen,
nicht Verhältnisse, nicht die Lebensweisen und nicht ihr eigenes Ich. Da
sucht sie in Natur und Poesie die Elemente, um sich einen
Herzensliebling zu schaffen, denn tief in ihrer Seele fühlt auch sie das
einfach große Wort: 'Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.' Als
sie fertig mit dem Bilde ist und es nun schön und groß vor ihrer
Phantasie vollendet steht und ihre Herzensgluth ihm Leben giebt, da
sieht sie sich nach einem Namen um. Mit dem herrlichsten, den sie
erfahren kann, 'Goethe', benennt sie ihren selbstgeschaffenen Gott. Sie
umgaukelt in Elfentänzen und mit Elfenliedern unseren Hohenpriester, und
ihn, den ernsten mit der Götterstirne, will sie als Schäfer mit in ihre
Tänze ziehen. Er reicht ihr wohl die Hand, er läßt sich von ihren Blumen
umduften, er läßt den Elfenreigen im Mondenschein an sich vorüber
ziehen, doch der Genosse der Elfe kann der greise Denker nicht sein!
"Im reinsten Lichte, in der einzig klaren, ungetrübten Atmosphäre steht
sie der Mutter ihres Weisen gegenüber; ganz herrlich, ohne Irrthum, ohne
Verkehrtheit, ohne Mißverstehen läßt das Leben diesen Bund. Doch Goethes
Mutter stirbt, die Jugend flieht Bettinen, aber ihre wilde Poesie
bleibt; ihr Wesen tritt nun aus aller Harmonie, unheimlich werden beim
ergrauenden Haupte ihre Spiele und Tänze, und, wie Varnhagen von ihr
bemerkte, die Elfe tritt zurück, die Hexe tritt hervor.
"In diesem Stadium lernte ich sie kennen. In leidenschaftlichster
Aufregung kam sie nach Weimar. Sie hatte in Berlin eine Klatscherei über
Ottilie gemacht, die ihr Goethe sehr übel nahm; sie wollte sich
entschuldigen, er beharrte dabei, sie nicht zu sehen. Ottilie, die immer
groß und gut war, aber nichts für sie erreichen konnte, räumte ihr
schließlich ein Kämmerchen im Gartenhaus des Stadtgartens ein, wo sie
den Zürnenden wenigstens aus der Entfernung sah. Nachher sprach ich sie.
Ihre großen Augen, die etwas Nichtirdisches an sich hatten, musterten
mich mißtrauisch. Ich war jung, war täglicher Gast in Goethes Hause,
genug, um ihre flammende Eifersucht zu erregen. Sie war sehr
unfreundlich, und als ich mich in die Fensternische zurückzog, rief sie:
'Aha, ich gefalle wohl der Demoiselle nicht?' Ich wurde feuerroth, sagte
aber nichts, sondern versuchte das Fenster zu öffnen, um mich fortwenden
zu können; dabei klemmte ich mir die Hand, und während Ottilie
davoneilte, um einen Verband zu holen, wurde ich ohnmächtig. In
Bettinens Armen fand ich mich wieder. Voll Mitleid sah sie mich an und
sagte freundlich: 'Armes Kind, liebes Kind, thut es sehr weh?' Sie
kühlte und verband meine schmerzhafte Wunde, lief hinunter, um gleich
darauf mit einem Blumenstrauß und einer darin verborgenen Düte voll
Schleckereien wieder zu kommen. Ihr Groll, ihre Aufregung waren
vergessen, sie war ganz Weib: liebevoll und sorgsam. Da, wie ich
fortgehen wollte, verabschiedete ich mich unvorsichtigerweise von
Ottilie mit den Worten: 'Also morgen zu Tisch bei Goethe.' Bettina sah
mich starr an, brach in herzzerreißendes Schluchzen aus, lief wild im
Zimmer umher und stürmte dann an uns vorüber, die Treppe hinunter, zum
Hause hinaus, ohne Hut, ohne Handschuhe, gleichgültig gegen die
verwunderten Blicke der Menschen. So war sie und so erschien sie mir:
unordentlich in Geist, Haus und Wesen. Was ich am meisten bei ihr
schätzte, war ihre glühende Barmherzigkeit, durch die sie sogar
praktisch werden konnte, ihr Mitleid, das sie thatkräftig machte. Doch
was soll Bettinens Buch für unsere Zeit?
"Zwar hatte ihre Seele als bunter Schmetterling sich auf allen Blumen
geschaukelt, als emsige Biene aus allen gesogen: Weisheitssprüche,
Liebestöne, Schönheitshymnen, Philosophenworte, die tiefste Offenbarung
über das Reich der Töne; aber, wie es die Poesie des Augenblicks ihr
eingegeben, wie es der fliegende Gedanke ihr gebracht, wie es die
Phantasie ihr eben zugetragen; nicht wie bei Rahel, geht ein Princip des
ewig herrschenden Rechts, ein Streben des Erkennens, ein Lebenszweck der
höchsten Ausbildung durch ein ganzes herrliches Dasein; Bettina lehrt
nicht das Leben kennen, verstehen und im höchsten Sinn ergreifen -- was,
frag ich nochmals, soll uns dann ihr Buch?
"Vertreter soll es sein für das poetisch Schöne, das unabhängige Bereich
der Kunst und des Gefühls soll es beschützen, das nicht als dienende
Magd Moral und Recht befördern soll, sondern frei für sich selbst im
eigenen Reiche besteht. Im Schönen finden sich dann beide wieder, nur
Schönes kann vollkommene Kunst erschaffen und erwecken, nur Schönes kann
Moral und Recht im höchsten Sinn erzeugen, im Schönen reichen beide sich
schwesterlich die Hand. Im Schönen reift das echte, glänzende
Gefühlsleben, das durch Bettinens ganzes Werk die reichsten Farben
trägt. Auch dem Gefühl soll es Vertreter sein, auch ihm soll es sein
altes Recht beschützen, und weil es in früherer Zeit vom Lande der
Vernunft zu viel besessen, soll es jetzt nicht um Haus und Hof, um Sitz
und Stimme gebracht, aus seinem alten Erbteil vertrieben werden, um
ehrgeizigen Generälen der Vernunft einen bequemen Ruhesitz zu schaffen.
Zurückgeführt in seine Grenzen, soll das Gefühl dort Herr und Meister
bleiben; ist es doch die letzte Instanz für jede Wahrheit, die sich der
Überzeugung des tiefsten Innern vermählen will. Für unsere Frauenwelt
ist Bettinens Buch ein giltiges Meisterstück des weiblichen Vermögens,
für das Jahrhundert eine Bittschrift der Poesie, daß man sie nicht im
Schatten der Vernunft erstarren lasse, daß man die bunten Flügel vor dem
Verschrumpfen, die zarten Glieder vor dem Erfrieren retten möge! -- --
"Wie naht man dem Lager eines Fieberkranken, der einer schlimmen Seuche
unterliegt, weil er durch seine treue Pflege den Bruder von dem Übel
heilen wollte? Wie naht man wohl in Gedanken dem Menschen, der muthig,
stark, mit Engelsseelengröße für einen falschen Glauben starb? Mit
heiliger Scheu, mit tief ergriffenem Herzen, mit billigem Erkennen
seiner Größe, mit tiefem Schmerz um den unseligen Wahn. Nur so naht
würdig dem Todtenbette der Charlotte Stieglitz; laßt vor der Thür
ihrer stillen Kammer das Klatschgeschwätz der Basen eurer Stadt; paßt
Alltagsurtheil an die Alltagsmenschen, sprecht über Oberflächlichkeit
das schnelle, unbedachte Wort des Tadels aus, doch hier bleibt stehen,
denkt tiefer, fühlt besonders, ehe ihr redet, denn auch in große Seelen
schleicht der Irrthum ein, und dies ist der Fluch des engbegrenzten
Wissens, daß reines Wollen nicht vor dem Wahne schützt.
"Dem Gehalte dieses Denkmals nach, als Darstellung des
Lebensinhaltes[TN5] der Charlotte Stieglitz, steht es bei weitem hinter
Bettina und Rahel zurück; es enthält weder die ewig sprudelnde,
feenhafte Quelle der Poesie der einen, noch die tapfere, kugelfeste,
immer vorwärtsdringende, tiefe Philosophie der anderen. Die ersten
Briefe sind durchaus unbedeutend, ja sogar in einem Grade, der sogleich
im Leser die Vermutung aufsteigen läßt, daß der Herausgeber, der sie
wichtig finden konnte und nicht nur einen oder zwei als Probe und zum
Belege ihrer späteren Entwickelung dem Publicum gab, wohl nichts in dem
Leben seiner Heldin unbedeutend fand und einen Maßstab an ihr Wesen
legte, der nicht von der Vernunft allein gefertigt war. -- In den
letzten Jahren sind ihre Äußerungen und Tagebuchblätter größtenteils um
vieles bedeutender, das Sinnen, Denken, Erfahren, das reiche innere
Fühlen thut sich kund, und es ist nicht zu bezweifeln, daß sie in der
schönsten Blüte ihrer geistigen Entwickelungsperiode dem Leben
entschwand ...
"Zwei meiner Cousinen und ich hatten von Charlotte gehört und wünschten,
sie entweder in Weimar begrüßen zu können oder mit ihr in brieflichen
Verkehr zu treten; wir schrieben alle drei im Sommer 1833 an sie, an
Mundt und an Stieglitz und bekamen umgehend die drei Antworten, die
besser als jede Kritik die unglückliche Charlotte kennzeichnen. Sie
schrieb:
"'Meine inniggeliebte, unbekannte Freundin! Wahre Seelengröße zeigen Sie
mir, denn dieselbe setzt sich muthig im Gefühl ihrer Würde über
Hergebrachtes hinweg; darum fürchten Sie kein Mißverstehen von meiner
Seite. Ein gemeinsames Band umschließt uns Frauen, das des Leidens, und
leichter tragen wir die Bürde, wenn wir sie zusammen tragen. Sie sind
noch jung, so scheint es, denn es geht ein freudiger Zug durch Ihre
Worte, der mich wie aus anderer Welt berührt. Haben Sie noch nicht
gelitten? Haben Sie noch nicht Ihr Liebstes leiden sehen? Ihr Theuerstes
verloren? Glauben Sie noch an einen gütigen Gott? Oder lernten Sie,
wie ich, durch namenlose Schmerzen nur der eigenen Kraft vertrauen?
Kennen Sie die heiße Gewitterschwüle eines Sommertages und die Sehnsucht
nach Blitz und Donner? Lassen Sie mich tiefer in das Heilige Ihres
Inneren schauen, damit auch ich Ihnen meine Seele ganz enthüllen kann.
Aber erwarten Sie kein Frühlingsbild zu sehen, sondern einen tiefen,
dunklen See, zu dessen Spiegel nur selten ein Sonnenstrahl sich
verirrte. -- Leben Sie wohl, Sie liebes Herz; es drückt Sie, feuriger
Empfindung voll, an den Busen Ihre
Charlotte Stieglitz.'
"Theodor Mundt und Heinrich Stieglitz sprachen sich ähnlich aus.
Ersterer schrieb:
"'Theuerstes Fräulein! Wie das Mädchen aus der Fremde traten Sie in die
enge Hütte unserer Alltäglichkeit. Seien Sie mir gegrüßt im Namen
unserer Heiligen, Charlotte. Sie wollen von ihr Näheres wissen? Was soll
ich Ihnen sagen? Soll ich sie mit menschlichen Worten preisen, mit
irdischen Lauten schildern? Wollen Sie den Glanz ihres Auges beschrieben
haben, oder den Glanz ihrer reinen Seele? Erlassen Sie dies einem Mann,
der nur zu verstummen vermag, wenn er bewundert. Und auch ihren Gatten
möchten Sie kennen? Wünschen Sie es nicht. Ach, er ist ein gebrochener
Stamm, noch vor der Blüthe. Die Melancholie seines Wesens ist in seinem
Leiden begründet. Oft hat er blitzartig herrliche Gedanken, eines
Goethe, eines Schiller, noch mehr eines Jean Paul würdig; dann versinkt
er in dumpfes Brüten, aus dem selbst die göttliche Liebe seines Weibes
ihn nicht erweckt. Dunkle Schatten schweben um uns Alle, darum suchen
wir den Verkehr mit Menschen nicht. Wir müssen still in unserer Klause
bleiben und des Helden warten, der uns von den lastenden Ketten des
Unglücks befreit. Bewahren Sie ein mitleidig-wehmüthig-liebevolles
Gedenken Charlottens treuem Freunde
Theodor Mundt.'
"Als seltsamstes Schriftstück gebe ich noch den Brief des Gatten wieder:
"'Holde mitleidige Genien! Von uns wollen Sie wissen, uns wollen Sie
kennen lernen? Aus dem Licht Ihres Daseins möchten Sie in die dunklen
Wohnungen verbannter Sünder sehen? Senden Sie uns Ihr Licht, daß es mich
erhelle, und einstimmen will ich in Ihre Hymnen zum Lobe des Schönen,
des Guten und Wahren. Und nach Weimar rufen Sie uns, um am Grabe Ihres
Propheten zu weinen, Lebenskräfte zu schöpfen. Wissen Sie denn, ob er
auch mir ein Prophet ist? Und der Glaube allein kann Wunder verrichten.
Für uns giebt es keine Wunder. Lesen Sie Byron und Sie kennen mich;
lesen Sie, wenn Sie es können, die goldene Schrift der Sterne, und Sie
kennen Charlotte. Dem gütigsten Schicksal befehle ich Sie,
Heinrich Stieglitz."
"Wir schrieben noch einmal an Charlotte und bekamen im Dezember 1833
ihre merkwürdige Antwort:
"'Ich flatterte ängstlich am Lebensbaum umher, von Zweig zu Zweig; ich
brachte ihm Frucht um Frucht hinab, und er erstarkte nicht; ich sang,
und er erstarkte nicht; ich hob ihn liebend empor auf meinen Flügeln,
und er erstarkte nicht; und da ich alle Mittel meines durch Liebe und
Pflicht geschärften Denkens umsonst versucht hatte, da dachte ich des
erziehenden Unglücks.'
"Wenige Monate später ward sie Schicksal und Opfer durch eigenen Willen
und durch eigene Kraft! Irrte auch der Gedanke in dieser treuen Frau,
war auch ihre That ein grauenvoller Wahn -- die Absicht trägt das
edelste Gepräge, und im Gefühl offenbart sich in reiner Glorie das 'ewig
Weibliche'! --
"Triumphiret nicht, ihr Alltagsfrauen; rufet ihr nicht über dem
Strickstrumpf und der Kartoffelsuppe ein 'überspannte Närrin' nach;
denkt sinnend ihres keuschen, muthigen Todes. Sie starb für einen
Irrthum, doch sie starb groß, wie jede Heilige für ihren Glauben. Ihr
nennt, die Brust bekreuzend, die Namen der Märtyrerinnen, keine ging
muthiger in den Tod; ihr beugt das Knie vor Müttern, Gattinnen,
Geliebten, die freudig für die Lieben starben; ihr singet ewige Lieder
den Helden, die für das Vaterland die blutige Weihe suchten, -- aus
Herzen wie Charlottens gingen diese Thaten!
"Der Irrthum, unser ewiger Erbfeind, hat dies schöne Opfer zu sich
hingelockt.
"Laßt dies stille Grab unentweiht, lernet daran Selbstverleugnung,
Opfermuth, Liebe!"
* * * * *
Jennys Jugendbild würde ein unvollkommenes bleiben, und vieles in ihrer
späteren Entwicklung bliebe unverständlich, wenn des Mannes vergessen
würde, der ihr unter ihren männlichen Freunden nicht nur am nächsten
stand, sondern auch den nachhaltigsten Einfluß auf sie ausübte: der
Jenaer Professor der Philosophie K. H. Scheidler. Dieser tapfere
Menschenfreund, der trotz seiner Taubheit sein Leben lang ein Optimist
geblieben ist, brachte dem schönen, klugen Mädchen freilich mehr als
Freundschaft entgegen, aber erst sehr viel später, als sie längst Frau
und Mutter war, erfuhr sie von seiner tiefen, stummen Liebe. Er blieb
auch dann, und mit noch größerem Recht als zuvor, ihr Hausphilosoph, und
als er sich nach Jahren doch noch zur Ehe entschloß, wurde seine Tochter
ihr Patenkind. Ihre philosophischen Studien betrieb sie unter seiner
Leitung und pflegte in Erinnerung daran zu sagen: "Er führte mich vom
Kinderparadies durch das Dunkel irdischer Hölle zum Himmel reiner
Menschlichkeit," und ihre in ihren Kreisen so seltene Fähigkeit, auch
den politischen Idealen der äußersten Linken ein weitgehendes
Verständnis entgegenzubringen, hatte sie ihm, dem ehemaligen
Fahnenträger der Wartburgfeier, zu verdanken. Das Bild, das sie von ihm
zeichnete, ist der beiden Menschen und ihrer Freundschaft würdig:
"Ich war einsam und betrübt. Ich hatte gebetet ohne Trost. Ich hatte ein
geschichtliches Buch zu lesen versucht, es war mir in den Schoß
gesunken. Der graue Himmel hatte einen Sonnenstrahl für meine Blumen und
keinen Strahl der Freude für mein Herz. Vergebens hatte ich zu den
Schriften gegriffen, in denen ich in Weihestunden des lebendigen
Auffassens edler Weisheitslehren angestrichen hatte, was mir als
zuverlässiger Leitstern, als Pilgerstab auf meinem Lebenswege erschienen
war. Nichts war mir übrig als die Geduld; sie flüsterte mir jenes Wort
immer wieder zu, das zugleich landläufige Redensart und tiefes Geheimnis
Gottes als ein Lebensräthsel für Jung und Alt in Jedermanns Munde ist:
Alles geht vorüber. Ich schlug die Arme ineinander, senkte das Haupt und
sagte mir leise: es geht vorüber. Ich wollte das abwarten. -- Da tönt
auf dem Corridor ein fester sporenklingender Schritt, man meldet den
Professor Scheidler. Ich stehe auf, reiche ihm die Hand und heiße ihn
durch Zeichen willkommen, denn das traute Wort hätte er nicht gehört;
seit mehr als zehn Jahren unheilbar taub, lebt er von Todesstille
umgeben. Dieser Mann der Tapferkeit, der Reinheit, des tiefen Denkens
und edlen Thuns, der Mann, welcher höher steht als das Unglück, der Mann
ursprünglicher Natur, er ist mein Freund.
"Niemals hat der Schmerz weniger Gewalt über einen Sterblichen gewonnen,
obwohl er vielleicht keinen mit grausamerer Hartnäckigkeit angefallen
hat. Denn dieser Mann mit der heiteren Stirn und dem Blick eines Kindes,
mit seinem sicheren Auftreten, seinem Ausdruck von Zufriedenheit, dieser
Mann, der nie klagt, nie müde wird, nie murrt, ist inmitten alles
menschlichen Treibens allein, allein mit seinem Herzen voll Teilnahme
und Liebe. Keine Familie, kein Herd, an dem er einem Blick begegnete,
der ihm sagte: ich gehöre dir an. Kein Haus, wo er Karl genannt wird, er
ist für jeden nur der Professor Scheidler. Keine Frau, die 'wir' sagte,
kein Wesen auf Erden, dessen erste und oberste Neigung ihm gehörte.
Dieser thatkräftige Mann, der alle Mißbräuche, alle Irrthümer bekämpfen
möchte, der seine hochgegriffenen Überzeugungen auszubreiten sich
berufen fühlt, der den Drang empfindet, seine Lehren der
Uneigennützigkeit und des Fortschritts in die Seele jedes Jünglings
hineinzudonnern, als Apostel der Sittlichkeit das Böse zu zerschmettern,
das Gute bis in sein kleinstes Fünkchen hinein zu schützen, dieser Mann
ist ausgeschlossen vom vertrauten und lebendigen Verkehr mit
Seinesgleichen, oft verliert seine Stimme sich ins Leere, bei jedem
Schritt ist er gefesselt und aufgehalten, eine eherne Wand ist zwischen
ihm und der Welt, und der Gedanke der Vervollkommnung, für den er lebt,
kann sich bloß für ihn selbst und einen engen Kreis von Freunden geltend
machen. Nicht einmal von Sorgen um das tägliche Brot ist dieser Mann der
Hilfe und des Rathes für die Leidenden frei, bei aller Einfachheit und
Einsamkeit; er, der niemals an sich denkt, wenn es gilt, Einem, der
weniger hat als er, zu geben. Er hat keine Vorkehr getroffen gegen das
Kommen der Armuth im Krankheitsfalle oder in dem des frühen Alters: sein
Vermögen sind einzig sein Arbeiten und seine Bedürfnißlosigkeit. Er hat
aber Zeiten erlebt, wo die schwere Last des Leides, das er dauernd zu
tragen hat, durch äußere Entbehrungen noch schwerer wurde. Auch da hat
er sich nicht beklagt, niemals dem Schmerz gegenüber die Waffen
gestreckt; nein, diese Stirn hat sich nicht gebeugt, auch wenn ihre
Heiterkeit von dunklen Prüfungswolken überschattet wurde. Der Kampf hat
ihn niemals erschöpft, stets behielt er, um dem Nächsten zu helfen, die
Hand frei. Einst legte er mir Rechnung über das, was ich mit ihm
zusammen für einen in Not befindlichen jungen Gelehrten an Hilfe zu
schaffen gesucht hatte, und da ich mich wunderte, wie viel er
zusammengebracht hatte, obwohl, wie ich wußte, er selbst nicht bei Casse
war, fragte ich nach dem Woher. 'Das ist nicht schwer,' antwortete er in
aller Schlichtheit: 'ich habe täglich zwei Stunden mehr gearbeitet.'
"Er führt ein durchaus geistiges Leben; seine Bücher trösten, beleben,
erquicken ihn; sie sind sein Genuß und gegen das Andringen innerer
Feinde seine Waffe. Auch war kein Arsenal jemals so wohlversorgt, kein
Vorrath von Verteidigungs- und Angriffswaffen, um allezeit bereit zu
sein, so wohlgeordnet. Scheidler ist ein Mann der strengen Wissenschaft,
ohne daß er darum aufhörte, ein Freund der schönen Literatur zu sein;
ein zierliches Gedicht, ein guter Roman findet bei ihm offenen Eingang
neben den tiefsten Gedanken über Philosophie und Geschichte. Und wie die
es tun, die Freunde und Familie haben, teilt er zwischen seinen stillen
Gefährten seine Zeit ein; er hat regelmäßige Stunden für das Studium,
für den Broterwerb, für die Erholung. Er redet mit den großen Geistern
der Vergangenheit, die in ihren Werken fortleben. Ist dann der lange
Morgen würdig verwendet, so fordert der Körper eine Rücksicht: nach dem
einfachen Mittagsmahl ein Spazierritt, hierauf eine Fechtübung, abends
zuweilen Schach oder Whist, häufiger einsames Denken. Menschenfurcht,
Eigennutz, Neid, Unwahrhaftigkeit kennt Scheidler nur, soweit er sie in
Anderen zu bekämpfen hat, seinem eigenen Herzen sind sie fremd; er hat
jene Unschuld der Seele, die das Böse kennt, wie man Geschichte weiß,
niemals aber damit durch eigene Erfahrung befleckt ist; die mit der
Sünde zu schaffen gehabt, nie aber sie in sich aufgenommen hat; eine
Unschuld, die nicht, wie bei einem Kinde, Unwissenheit ist, vielmehr
angeborene Reinheit, Unnahbarkeit, ein Tugendgranit, dem Sturm und
Tropfenfall nichts anhaben, über den die Zeit keine Macht besitzt. --
Von Luxus wird Scheidler in keinerlei Form berührt. Auf Gold und Purpur
der Kaiser würde er blicken, ohne daß seine schwarze Tuchweste mit der
einfachen Stahlkette darüber, sein noch nicht zur Cravatte gewordenes
schwarzes Halstuch, sein blauer, je nach den Umständen neuerer oder
älterer Überrock und seine derben Sporenstiefel ihm auch nur in den Sinn
kämen. Ob ein Zimmer elegant ist, sieht er nicht, und wenn man ihm das
Auge auf ein komfortables Möbel oder eine hübsche Zierlichkeit lenkt, so
lacht er, wie wir über eine ingeniöse Spielküche für Kinder lachen; er
findet sie allerliebst, aber in seiner Miene erscheint kein Gedanke, daß
er sie besitzen möchte.
"So war der Mann, der in mein Zimmer trat. Und ich, ich wagte ihm
gegenüber traurig zu sein, zu klagen, den Schmerz zu fliehen.
"'Ihr letzter Brief war betrübt; ich bin herübergekommen, um Ihnen zu
sagen: seien Sie tapfer. Machen Sie es wie ich. Kommt mir ein Leiden, so
sehe ich ihm ins Gesicht, und dann sage ich: Bagatelle! -- und nehme es
auf mich. Dergleichen Gäste sind der Seele heilsam; ich weise sie nicht
ab, ich nehme sie auf in mein Herz und lasse sie da arbeiten. Sie
bringen die Seele in Bewegung, sie sind für unsere Entwicklung, was der
Sauerteig für das Brot, sie machen, daß sie sich hebt. Und greift der
Schmerz tief, so sieht man ihm noch tiefer ins Antlitz und ermißt daran
seine eigene Kraft, die, um ihn eine Minute auszuhalten, allemal reicht.
Halten Sie ihn so eine Minute nach der anderen aus, und wenn Sie nachher
in der Erinnerung die Minuten zusammenrechnen, so werden Sie froh sein
über den guten Kampf und den guten Sieg. Daß wir im Kampfe mit dem
Schicksal unsere Kraft zu entwickeln streben, ist einmal unser
Lebenszweck. Frisch sein! Das Göttliche in uns zur Erscheinung bringen!
Für einen edlen Gedanken leben und gegen Alles furchtlos kämpfen, was
sich ihm entgegenstellt! Keine Schwachheiten. Einem vernünftigen Wesen
gestattet ist sie höchstens im Falle der Krankheit, das aber ist die
einzige Ausnahme. Niedergeschlagenheit ist Zeitverschwendung. Immer
arbeiten! Immer seine Ideen klären! Die Philosophie in die That
umsetzen! Sie darf nicht verwahrt werden, wie der Schatz eines Geizigen,
vielmehr sie muß Zinsen tragen. An andere denken lernen -- voran an die
Armen! Alles, Alles, Alles, was uns auf diesem Wege begegnet, aufnehmen!
Immer inwendig tätig, immer gegen den Irrthum bewaffnet sein! Dann hat
man so viel zu tun, daß man gar nicht einmal Zeit hat, seine Thür dem
Schmerze aufzuschließen.'
"Ich begann freier zu atmen. Ich horchte auf jedes Wort und blickte in
das Angesicht, das für so tapfere Worte den Stempel der Wahrhaftigkeit
trug. Ich schämte mich meiner Schwäche; das ist der erste Schritt,
wieder Kraft zu gewinnen. Ich mit meinen gesunden fünf Sinnen, meiner
Jugend, meinen Zukunftsaussichten, mit der gesicherten und bequemen
Fülle meiner Lebenslage, mit meiner Familie und meinen Freunden ließ
mich niederschlagen durch ein Leid, und Er, der Arme, Einsame, dem die
Welt keinerlei Aussicht bot, redete mir zu. Dafür hatte ihn der Himmel
mit seinem heiligen Geiste erfüllt und mit seinem göttlichen Feuer
entzündet. -- Dennoch wagte ich noch, das Wort 'Glück' aufzuschreiben.
Er schüttelte den Kopf, und indem er mit gütigem Lächeln meine Hand
ergriff: 'Auch da soll man sagen: Bagatelle. Glück ist ein ganz
gleichgültiges Ding. Man muß nicht daran denken, dazu ist die Welt nicht
da. Hätten Sie, was Sie Glück nennen, Ihr ganzes Leben lang, was wollten
Sie damit im Grabe? Glauben Sie, Sie würden Ihre Anlagen dann entwickelt
haben? Glauben Sie, daß in der lauen Luft eines beständigen Wohlseins
Sie das Bild des Menschen, wie Gott ihn gewollt hat, würden dargestellt
haben? Nein, dazu ist Sturm und Wirbelwind nöthig. Sie müssen dahin
kommen, den Schmerz zu segnen. -- Das Leid, das mich selbst betroffen
hat, ermißt Niemand: es kann sich Keiner vorstellen, was es heißt, dies
niemals eine Menschenstimme vernehmen, dies Gestorbensein für die Musik,
die ich leidenschaftlich liebte, die ich so gut kannte, daß ich noch
heute neue Compositionen lese wie ein Buch. Sie wissen, wie ich bei
jedem Schritt im Verfolgen meiner Lebensziele gehindert bin, und andere
Genüsse haben keinen Werth für mich. Dennoch, wenn Gott mir zur Wahl
stellte, das Gehör niemals wiederzuerhalten oder niemals verloren zu
haben, ich würde das Nichtwiedererhalten wählen, denn der Verlust hat
mich umgewandelt, mich durchgearbeitet, mich zum Philosophen gemacht,
mich mehr gelehrt als ein Leben voll Glück. Ja, wenn ich jetzt wieder
hören könnte. Aber das wäre zu glücklich, ich könnte es vielleicht nicht
ertragen. Jedenfalls,' setzte er mit Nachdruck hinzu, 'soll es nicht
sein, denn es ist nicht.' Es war das erste und einzige Mal, daß er mir
von seinem Unglück gesprochen hat. Ich blickte zu ihm auf mit der tiefen
Verehrung, die ein Mann, der sein Leben mit dem Heiligenschein eines
einzigen göttlichen Gedankens umgeben hat, einflößt. Ich allerdings war
nicht imstande, sein Leid zu ermessen; ich stand davor wie vor einem
jener großen grauen Gefangenhäuser, die man anschaut, ohne alle die
Seufzer und Thränen zu kennen, die sie umschließen. 'Ja,' schrieb ich
ihm auf, 'daß Glück nicht die Hauptsache ist, weiß ich und fühle ich,
und verspreche, mein erster und oberster Leitstern soll allezeit das
Gutsein bleiben. Aber nach dem Gutsein kommt mir das Glücklichsein.
Bietet es sich mir dar ohne Sünde, so will ich, indem ich es ergreife,
Gott auf meinen Knien danken, daß Er es mir geschenkt hat. Es
gleichgültig zu finden, werde ich niemals stark genug sein.' Er
schüttelte sein Haupt. Seine Philosophie erschien mir riesengroß; aber
er redete von außerhalb der Welt her und ich war inmitten der Welt; er
stand zu fern und zu hoch, um zu verstehen, was ich zu erwidern hatte.
Niemals war ihm der Kreis nahe getreten, in den ich vom Schicksal
gestellt war, mit seinen Irrthümern und Fesseln, seinen Kleinlichkeiten
und seiner Eleganz, seinem Glanze und seinen Pflichten, seinen Masken,
seinen Regeln, seinem Katechismus des Scheins. Seine Versuchungen waren
ihm fremd, seine lästigen Anforderungen thöricht; er nannte Schwachheit,
was ich als ein pflichtgemäßes Opfer empfand. Dennoch, vor dem Gerichte
der unbeirrten und gesunden Vernunft war alles richtig, was er sagte,
alles gut, was er rieth. Die Welt hatte allemal Unrecht, wo er und sie
Entgegengesetztes verlangten. Allein sie ist die mächtigere: Scheidler
rieth, die Welt befahl.
"Ich hatte mein Gleichgewicht wieder. Ich fühlte, dieser Mann war mein
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