seiner selbst, oder wollte es vielmehr sehen; das empfand August aber
nicht als Glück, sondern als drückende Last. Goethe hatte viele Kinder
verloren, dieser Eine sollte ihm alle anderen ersetzen. Er nahm ihn
schon als Knaben auf seinen Wanderungen mit, versuchte ihm seine
Passionen einzuimpfen. Augusts frischer Geist faßte leicht und fröhlich
auf, was der Vater ihm lehrte; er zog aber, wie es ganz natürlich war,
den Umgang mit gleichaltrigen Gefährten dem alleinigen mit seinem Vater
vor. Das schmerzte diesen, denn er vergaß, wie so viele Väter den Söhnen
gegenüber, die eigene Kinderzeit. Er wurde strenger, überwachte seinen
Unterricht, überhörte ihn zuweilen und unterdrückte die aufwallende
Zärtlichkeit, weil sie ihm nicht in sein Erziehungssystem zu passen
schien. Augusts heißes Herz wandte sich mehr und mehr der Mutter zu, die
ihn von Anfang an verhätschelte. Sie verstopfte das schreiende Mäulchen
des Babys mit Süßigkeiten und anderen Dingen; sie öffnete dem streng
bewachten Knaben jede Hinterthür; sie steckte, was sie vom
Wirthschaftsgeld erübrigte, dem Jüngling zu.
"Er muß bildschön gewesen sein; eine dunkle Erinnerung aus meiner ersten
Kinderzeit zeigt ihn mir wie einen jugendlichen Halbgott. Nun stelle man
sich Weimar, stelle man sich die Welt ringsum vor, die von Goethes Namen
erfüllt war, und man wird sich nicht wundern, daß Jeder, der zu Goethe
kam, um dem Vater seine Huldigungen zu Füßen zu legen, dem schönen Sohn
alle erdenklichen Zärtlichkeiten erwies. Ein großer Charakter oder ein
großes Talent allein hätten das Gegengewicht halten können.
"Die Nähe des Vaters floh er, weil die forschenden Blicke, die
unausgesprochenen Anklagen ihn einschüchterten. So kam es, daß er, der
sonst so Fröhliche, sich in den Räumen Goethes am liebsten stumm und
mißmuthig in die Ecken drückte. Das Gefühl, hier nur als der Sohn seines
Vaters betrachtet zu werden, der Gedanke, daß er den Mund nur aufthun
könne, wenn er etwas Geistreiches zu sagen wisse, wird Jeder begreiflich
finden, der sich in seine Lage versetzt. Schmeichler, wahre und falsche
Freunde umgaben ihn außerhalb des väterlichen Hauses; unter ihnen ließ
er sich nun vollständig gehen, sie nannten seine Streiche genial, die
nur jugendlich und unvernünftig waren, sie bewunderten seine Verse, die
heute von jedem Tertianer besser gemacht werden. Nur wenige, die Ottilie
mir nach seinem Tode mittheilte, sind tief empfunden und schön
ausgeführt, die aber kannte Niemand. Goethe schien eine Zeit lang des
Sohnes Leben nicht zu beachten, vielleicht daß er auch hoffte, ein Genie
würde sich daraus entwickeln. Er wartete vergebens; der Punkt, bis zu
dem jeder Mensch innerlich vorschreitet, war von ihm erreicht, er
gehörte nicht zu seines Vaters Genossen, die 'immer strebend sich
bemühen.' Es kam aber auch für ihn eine Zeit, wo er die innere Leere
empfand. Seine Wünsche gipfelten schließlich in dem einen Wunsch: Fort!
Nach langem Kampf wagte er endlich, Goethe diesen Wunsch auszusprechen.
Es kam zu ernsten Scenen, denn Goethe wollte oder konnte ihn nicht
begreifen, selbst als Knebel sich auf seine Seite stellte. Fern von
Weimar, womöglich unter anderem Namen, hätten Augusts gute Seiten bald
die weniger guten unterdrückt.
"Um dieselbe Zeit ungefähr lernte er Ottilie von Pogwisch kennen. Man
hat erzählt, Goethe habe die Heirath mit ihr bewerkstelligt, August habe
deshalb eine große Jugendliebe aufgeben müssen. Das ist nicht wahr; er
hatte eine ganze Anzahl mehr oder weniger leichtsinniger Verhältnisse,
aber, wenn bei ihm überhaupt von großer Liebe gesprochen werden kann, so
gehört diese Ottilien allein. Deren Großmutter, Gräfin Henckel, die
Oberhofmeisterin bei Maria Paulowna und also auch meine Vorgesetzte
war, sträubte sich von Anfang an sehr gegen diese Verbindung. Erst als
Christiane von Goethe gestorben war, willigte die stolze alte Dame in
die Heirath ihrer Enkelin. Der Jubel und die Glückseligkeit waren groß
damals, sie glaubten sich heiß zu lieben, und doch liebte Ottilie in ihm
nur den Sohn seines Vaters, den sie mit den schönsten Träumen ihrer
Phantasie ausschmückte. Es war nur Phantasie! Ihr Geist vermochte ihn
auf die Dauer nicht zu fesseln, und eine Schönheit, die seine Sinne
erregen konnte, besaß sie nicht. So ging bald ein Jeder seine eigenen
Wege. Ihre Ehe wurde, durch Beider Schuld, sehr unglücklich. Die
Enttäuschung, die sie empfand, wenn sie nach und nach aus der glänzenden
Hülle ihrer Phantasiegebilde einen gewöhnlichen Menschen sich entpuppen
sah, war immer sehr groß, am schmerzlichsten aber bei ihrem Gatten, bei
Goethes Sohn. Sie hätte ihn vielleicht nun mit christlicher, helfender,
duldender Liebe tragen und heben können, und er, als der Rausch der
Leidenschaft verflogen war, mit ernstem Pflichtgefühl als treuer Gatte
und Vater ihr zur Seite stehen -- daß nichts davon geschah, war mehr
Schicksal als Schuld. Charaktere, wie die ihren, durften sich nie
verbinden. Wie das in einer kleinen Stadt immer zu sein pflegt, wo die
Menschen dicht an einander wohnen, mischte sich der Klatsch auch noch in
die Ehe. Beide standen wie auf offener Scene, und besonders das
Galerie-Publicum verfolgte mit gehässiger Neugier den Fortgang des
Dramas. Ottilie hatte unverdienter Weise, denn sie that wissentlich
Keinem etwas Böses an, viele Feinde, besonders Feindinnen, die sie ihrer
Stellung wegen beneideten und sich zwischen sie und August zu drängen
versuchten. Es gelang ihnen nur zu gut. Die gewohnten Schmeicheleien,
die Ottilie ihm bei ihrer unbedingten Wahrheitsliebe nicht zutheil
werden ließ, fand er anderswo zur Genüge; die Träume, die sein Geist ihr
nicht verwirklicht hatte, suchte sie in ihrer Umgebung zu finden.
Erschienen sie öffentlich zusammen, so war ihr Benehmen tadellos; auch
zu Hause machten sie den Eindruck eines einigen Paares, sobald die
Kinder bei ihnen waren. In der Erfindung immer neuer Spiele für sie war
August unerschöpflich; sie zogen ihn -- wie oft! -- von seinen
Kneipereien ab, die seiner an und für sich schwankenden Gesundheit
schadeten. Aber auch die Freude an seinen Söhnen verbitterte ihm sein
Mißtrauen. Ich stand einmal mit ihm am Fenster des Eßzimmers kurz vor
Tisch. Im Garten ging Goethe auf und nieder, seine Enkel kamen
hinuntergelaufen, um ihn zu holen. Jubelnd umschlangen sie den
Großvater, erzählten, lachten, spielten; er freute sich sichtlich ihrer
lieblichen Gegenwart, und ich sah mit Vergnügen zu. Da fiel mein Blick
auf August: er starrte mit zusammengekniffenen Lippen, blaß und schwer
athmend, auf dasselbe Bild, sein Aussehen sagte mehr als Worte.
"Ein schöner, besonders hervorzuhebender Zug in Augusts Wesen war seine
Freundestreue. Wen er lieb gewann -- freilich waren's nicht immer die
Würdigsten --, für den ging er durchs Feuer. Sein Unglück war, daß
Keiner von ihnen ihn, den Sohn Goethes, günstig zu beeinflussen
versuchte, alle ordneten sich ihm unter, und doch bin ich überzeugt, daß
er sich hätte beeinflussen lassen. Dem Einzigen, der es versuchte, Ernst
von Schiller, ist es stets geglückt. August liebte ihn zärtlich, und es
wäre von dauerndem Erfolg gewesen, wenn sein Freund immer hätte um ihn
sein können. Sein ruhiger Ernst, sein fester Charakter, seine Abneigung
gegen alles Gemeine, seine Abstammung nicht zum mindesten, denn sie
stellte ihn August gleich, stempelten ihn eigentlich zu seinem Freunde.
Es sollte nicht sein -- auch hier Schicksal und keine Schuld!
"Am 'Chaos' betheiligte sich August mit großer Lebhaftigkeit; die
meisten seiner Reime -- Gedichte möchte ich sie nicht nennen -- wurden
darin gedruckt. Er schrieb hübsche Briefe, eine Tugend, die ich jetzt,
wo sie so ganz verloren geht, doppelt als solche anerkenne. Die Briefe
an seinen Vater waren weniger natürlich, sie zeigten den Zwang, den
Goethe, mit der besten Absicht, auch darauf ausübte. August sollte
Beobachtungen über Witterung, Naturerscheinungen usw. anstellen, die ihm
fernlagen und ihn gar nicht interessierten. Von Menschen und Ereignissen
erzählte er lieber, besonders von Italien aus, wo er sich endlich frei
und als Herr seiner selbst empfand.
"Der Gedanke 'Fort von Weimar!' war schließlich zu einer Macht geworden.
Fort, recht weit fort, wo er an Leib und Seele zu genesen hoffte. Daß er
krank war, fühlte er immer deutlicher. Er kam zur Erkenntnis auch seines
seelischen Zustandes, ohne die Kraft zu haben, sich zu ändern, ungefähr
wie ein Wahnsinniger, der in lichten Momenten seinen Zustand begreift
und dadurch nur noch unglücklicher wird. In besonders trüben
Augenblicken sagte er sich: 'Ich will nach Rom, um dort zu sterben.'
"Der Entschluß zu fliehen reifte in ihm. Er glich darin dem alten
Goethe, der sich von allen Qualen durch schnelles Losreißen aus den
gewohnten Zuständen befreite. Nur wenige wußten um Augusts Plan. Mir
theilte ihn Ottilie mit, und ich konnte mir nicht versagen, ihm die
herzlichsten Wünsche mit auf den Weg zu geben. Ich war überzeugt, ihn
neugeboren wiederzusehen. Der Abschied von seinem Vater soll
erschütternd gewesen sein. Mir wurde erzählt, August sei ihm plötzlich
weinend zu Füßen gefallen und dann davongestürzt, während Goethe,
überwältigt von böser Ahnung, auf seinem Lehnstuhl zusammengebrochen
sei. Die Kinder schieden fröhlich von ihm mit allen möglichen Wünschen
und Bitten: sie sollten den Vater nie wiedersehen.
Ich will nicht mehr am Gängelbande
Wie sonst geleitet sein,
Will lieber an des Abgrunds Rande
Von jeder Fessel mich befrein!
so lauteten seine letzten Verse im 'Chaos'. Und er ging, befreit von
jeder Fessel, um auch die des Lebens abzuwerfen. Er wurde im Lande
seiner Sehnsucht von allen Leiden erlöst, aber anders, als er es gedacht
hatte."
Die drei Kinder von August und Ottilie fanden in Jenny eine zweite und
sorgsamere Mutter, als die eigene war. Die Knaben, Wolf und Walter,
waren im gleichen Alter mit Jennys Stiefschwester Cecile von Gersdorff,
Dianens Tochter aus ihrer zweiten Ehe, und innig befreundet mit ihr, so
daß doppelte Bande der Liebe die Familien aneinanderfesselten. Jenny gab
den Kindern zusammen den ersten Unterricht und setzte ihn fort, auch als
ihr geliebtes Schwesterchen nach Straßburg in Pension kam. Sie schrieb
darüber an diese:
"Weimar, 22. April 1835.
"... Meine Stunden machen mir und den lieben Kindern große Freude; sie
werden ernster betrieben als zu Deiner Zeit, wozu Ernas Vernunft und
Wolfs angeborener Ernst sehr beiträgt; Letzterer ist mir unbeschreiblich
lieb, sein Charakter entwickelt sich ausnehmend gut und tüchtig, er ist
seinem Alter in jeder Beziehung ungeheuer voraus, läßt das Schönste
hoffen; mein ganzes Herz hängt an dem lieben Knaben und der Gedanke
einer Trennung von ihnen wird mir täglich schmerzlicher, je
unabwendbarer ich ihn in die Wirklichkeit treten sehe ... Alma ist ein
gutes, gehorsames, mühsam strickendes und knippelndes Kind, später
verspricht sie jedoch mehr zu werden ..."
Daß die Stunden ernst genommen wurden, bezeugt eine Stelle aus einem
Briefe Walter Goethes an Cecile Gersdorff vom 6. Dezember 1834, worin er
sagt: "Bei Jenny habe ich mit Anna, Erna und Wolf Stunde, was mir viel
Freude macht. Leider mußte ich meine ganze Rethorik kopieren, indem als
unsere Stunden begannen, meine Cahiers verschwunden waren." Noch im
Alter unterschrieb sich Walter in seinen Briefen an Jenny: "Dein
dankbarer Schüler." Persönlich näher als er stand ihr Wolf, dessen erste
Knabenliebe seiner liebreizenden Lehrerin gegolten hatte. Sie schrieb
von ihm:
"Mit sechs Jahren war er ein heiteres, sehr gesprächiges Kind mit den
wunderschönen Goetheschen Augen, voll Lust zu jedem Spiel, der Liebling
seines Großvaters. Er wurde ein denkender, lernender Knabe, der mit
Leidenschaft auf- und erfaßte. Noch ein halbes Kind, fühlte er die Liebe
eines Jünglings. So wie seine tiefen, dunkeln, glühenden Augen alle
Mängel in seinem Äußeren überstrahlten und ihn schön machten, so war es
eigentlich die Liebe, die sein ganzes geistiges Ich durchstrahlte und
ihn zum Dichter stempelte."
Bezeichnend nicht nur für ihr Verhältnis zueinander, sondern auch für
Wolfs Charakter sind die folgenden Abschnitte aus Jennys Briefen an ihn:
6./6. 35.
"Solltest du wirklich in deinem jungen Herzen das tiefe, heilige Gefühl
der Liebe zum höchsten Geiste vermissen, solltest du wirklich stürmen
wollen, wo sich dein Knie verehrend beugen müßte, nun so laß jeden
Gedanken an Gott, an Glauben, an Religion eine Zeit lang dahingestellt,
richte alle Kräfte deiner Seele auf den einen Mittelpunkt deines Wesens
und entwickele mit deinem ganzen Streben die Fähigkeit des Rechten in
deiner Brust, und alles Große muß sich stufenweise daran entwickeln. --
Ersticke jedes kleinliche Gefühl, streife alles ab von deiner Seele, was
nicht aus edler Quelle fließt und kein edles Gepräge trägt; es ist des
wahren Menschen unwürdig, und möchtest du wohl ein Scheinmensch sein,
der dem Feuerwerk gleicht, das eine Minute in dunkler Nacht ein
Flammenrad bildet, sich in unruhigen Funken zerstreut und dann zwecklos
verpufft? Sieh nicht verachtend auf eine ganze große, hohe Welt, laß
auch sie jetzt dahingestellt, richte deine Blicke nur auf dich selbst,
daß du dich dir selbst erhältst; nicht einen Gedanken von Egoismus, von
Eitelkeit, von Dünkel darfst du wuchern lassen, sie müssen alle fort; in
den Umriß, den du dir von deiner Seele zeichnest, wie sie werden kann
und muß, paßt solch elendes Gerümpel nicht. Wolf, ich beschwöre dich,
laß nicht so winzige Rücksichten dein Ohr vor meiner Stimme schließen,
daß du keinen fremden Einfluß oder gar einen weiblichen erdulden willst.
Ich fühle mich ganz frei von der Eitelkeit, als könnte ich etwas
vollbringen, als solltest du mir etwas zu Liebe thun, um irgend einer
Prätension zu schmeicheln -- kein Mensch bekehrt, aber eine Wahrheit
thut es, aus welchem Munde der Zufall sie auch fließen lasse, und nur
der Wahrheit spüre nach; ihre einzige Offenbarung und Besiegelung
findest du im Rechthandeln und -denken. Es giebt nichts auf der Welt
außer dem Rechtthun, was von Verwirrung, Unzufriedenheit, Kampf und
Irrthum frei wäre, es giebt nirgends Befriedigung als in der Tugend. Ich
sage dir nicht, sie ist leicht, aber es ehrt dich, wenn man dir, dem
Fünfzehnjährigen, das Schwere zumuthet. Du willst nicht, daß ich dir als
Beispiel deinen Großvater nenne. Ja, er war als Dichter ein Genie, aber
als Mensch war er das, was Jeder aus sich machen kann, der die Kraft,
den festen Willen, das heilige Pflichtbewußtsein in sich fühlt. Die
Bitterkeit in deiner Seele muß weg, sie ist ein Unkraut, eine Schwäche.
Die auf sich selbst gestützte Seele muß klar das Schlechte und
Erbärmliche in der Welt ins Auge fassen können, ohne daran irre zu
werden; es geht den Menschen nur insofern an, als er Krieg dagegen
führen muß, auf ihn selbst und seine Entwickelung aus dem Mittelpunkt
des tiefsten Inneren hat es gar keinen Bezug, es ist von anderem Schrot
und Korn als er.
2./4. 37.
"Du fragst mich, was ich von meinen Grundsätzen und den Bestrebungen,
ihnen zu folgen, habe? Alles, was mir lieb und werth ist, habe ich durch
sie; ich habe treue Freunde, auf die ich bauen kann, wie auf mich
selbst, solange ich das in mir erhalte, was mich ihnen achtungswerth
macht; ich habe Ruhe der inneren Gedanken, Trost für jeden Schmerz,
natürlich solange ich nicht durch physisches Kranksein unempfänglich und
also nicht zurechnungsfähig bin; ich habe den Genuß, in hohen Geistern
vertrauend, einstimmend schwelgen zu können, und so wenig ich noch das
Ideal meines Selbst erreicht habe, so weit ich auch hinter einem
Schleiermacher, hinter einer Rahel stehe, so bin ich doch schon hoch
genug geklommen, um sie zu erkennen; ich habe ein ausgefülltes Leben,
vollauf zu thun im kleinen Kreise der eigenen Ausbildung und der
Verkündigung des Wahren, Schönen und Guten, so weit meine Stimme reicht.
Es ist schon ein namenlos hohes Gefühl, sich als freiwilliger Soldat im
Heer zu fühlen, das gegen Lüge, Unrecht und Schwäche zu Felde zieht; da
ist von Dank oder Undank, Werth oder Unwerth in den Menschen gar nicht
mehr die Rede, man trägt die Fahne der Wahrheit und steckt sie freudig
auf, wo man ein Plätzchen erobern kann, und weil der Boden, auf dem die
Wahrheit lebt, der Menschen Seele ist, muß Seele zu Seele reden und sich
nicht darum kümmern, ob der Boden hart oder viel Unkraut darauf ist.
"Nun frage ich dich, was hast du wohl von deiner Denkungsweise?
Verachtung aller Dinge, selbst der höchsten, Mißtrauen in alle Menschen,
selbst in lang erprobte Freunde deiner Kindheit, ein mächtiges Streben
und kein festes Ziel, eine leidenschaftlich aufgeregte Kraft und
Langeweile, den Trieb zum Denken und keinen festen Mittelpunkt als
Stütze. Das Alles bist nicht du, das ist dein Irrthum, denn zu deiner
Kraft gehört ein edles Streben, zu deinem Streben gehört ein hohes Ziel,
zu deinem heißen Herzen gehört ein wahrer Freund und in dein Denken,
Wolf, gehört ein Gott!
"Ich könnte jedes Wort noch einzeln fassen und ein Capitel über jedes
schreiben, doch ich bin zaghaft, weil ich nicht weiß, ob dich der eine
Bogen nicht schon schreckt.
"Ich liebe nicht den Spott in deinem Munde und muß mich immer
überwinden, um meinen Glauben an dich diesem Spott auszusetzen; ich
liebe nicht deine Zweifel an jeder treuen, wahren Neigung und möchte dir
nie Gelegenheit geben, sie durch Mißverstehen zu nähren oder durch
Bitterkeit zu äußern.
"Ich wollte dir noch von deinen Kinderjahren reden und dir die erste
Wurzel zeigen, worauf der Baum treuer Freundschaft steht, den ich dir in
deinen Lebensgarten pflanzte, doch kannst du dies den zehn verflossenen
Jahren nicht glauben, so helfen auch die wärmsten Worte nicht."
Schon damals also, zwischen Wolfs 15. und 17. Jahre, zeigte sich bei ihm
jenes unheilvolle Gefühl, das sein Leben in steigendem Maße verbittern
sollte: das Mißtrauen. Mißtrauen gegen die Freunde, weil er glaubte,
ihre Freundschaft gehöre nicht ihm, sondern dem Enkel Goethes, Mißtrauen
gegen sich selbst, weil er an seine Leistungen den Maßstab der
Leistungen seines Großvaters anlegte. Ottiliens Erziehung wirkte dabei
nur nachteilig; sie verzärtelte ihre Söhne nie, aber sie erzog sie für
"einen anderen Stern". "Du weißt ja," sagte Wolf später einmal zu Jenny,
"wie wir durch unsere Mutter auf das Edle, auf große Gesinnung dressiert
worden sind mit Liebe und, wenn es sein mußte, auch mit Sporn und
Peitsche." Eingehüllt in diese um ihn geschaffene weltfremde Atmosphäre,
tat jede Berührung mit der Welt schon den Jünglingen weh. Sie gingen ihr
aus dem Wege und lebten nur in dem Kreise, den das Goethehaus um- und
abschloß. Zu denen, die ihnen von auswärtigen Freunden am nächsten
standen, gehörten zwei der beliebteren Gäste in Weimar, Felix
Mendelssohn, der Walters musikalische Begabung weckte, und Karl von
Holtei, der August Goethes Freund gewesen war. Beide traten auch zu
Jenny in nähere Beziehungen.
Felix Mendelssohns erster Besuch in Weimar wurde ihr brieflich
mitgeteilt, als sie noch in Straßburg in Pension war. "Bei meinen
Eltern," so erzählt sie, "war er auch einmal zu Tisch eingeladen, man
zeigte ihm ein Bild von mir, und er wünschte, mich nach seinen
'Ringelreihen' tanzen zu lassen. Die Abschrift einer kleinen Composition
von ihm --ich entsinne mich nicht mehr, welche es war -- versetzte mich
in helles Entzücken, und lange Zeit hindurch beschäftigte mich der
Gedanke an den 'wunderbaren Jüngling', an Goethes 'David'.
"Bald darauf kehrte ich nach Weimar zurück, wo Felix Mendelssohns Name
in Aller Mund war. Selbst August Goethe, der sehr selten ein liebevolles
Urtheil über fremde Menschen hatte, gab zu, daß er das Zeug dazu habe,
alle Welt, selbst ihn, mit sich fortzureißen. Es vergingen einige Jahre,
bis ich die persönliche Bekanntschaft des jungen Musikers machte;
vergessen jedoch konnte ich ihn nicht, da Goethe öfters Briefe von ihm
bekam, die Ottilie sofort mitgetheilt wurden und die ich dann vorlesen
hörte. Sie athmeten alle die unendliche Verehrung für seinen Gönner,
eine Verehrung, die nicht bei den Worten blieb, sondern sich durch
Thaten am schönsten äußerte. Das war es ja auch, was Goethe bezweckte,
was ich immer mehr an ihm bewunderte: der Einfluß, den er auf Alle, die
ihm nahe traten, ausübte, dem Keiner entging. Er weckte und förderte
jedes Talent, und wie Viele, die sonst im Dunkel verkommen wären, zog er
an das Licht seines herrlichen Geistes. Es ging eine Wirkung von ihm
aus, die mir, wenn sie auch heute noch nicht vergangen ist, doch damals
eine unbeschreibliche elektrische Kraft zu haben schien und die
Mendelssohn, der selbst ein genialer Mensch war, mit doppelter Gewalt
empfunden haben muß.
"Im Sommer 1830 war es, als Ottilie mir unter dem Siegel der
Verschwiegenheit mittheilte: Mendelssohn kommt. Daß ein musikalischer
Besuch erwartet wurde, ahnte ich schon, als ich die Treppe hinauf kam,
Goethes Thür offen fand und hinein sah: Riemer packte mit Friedrich,
Goethes Bedienten, Noten aus, die abgestäubt wurden, und der damals
einzige Mann, der kranke Flügelsaiten zu heilen verstand, entlockte dem
langen, braunen Kasten kläglich wimmernde Töne. Ich vermuthete Zelters
Besuch und freute mich darauf, denn der alte Herr mit seiner derben
Komik, seiner polternden Sprechweise und seinem liebewarmen Herzen war
mir sehr werth geworden. Statt seiner kam nun sein Schüler, das
Wunderkind, das Sonntagskind. Als ich ihm zuerst begegnete -- er ging zu
Goethe, ich kam von Ottilie --, beschlich mich ein leises Gefühl der
Enttäuschung, er sah zart aus, ging etwas gebückt, und sein Gesicht
machte mir keinen bedeutenden Eindruck. Denselben Nachmittag traf ich
ihn bei Gräfin Henckel und glaubte einen anderen Menschen zu sehen: die
Lebhaftigkeit seines Mienenspiels, seine Grazie, die doch durchaus
nichts Weibisches hatte, sein strahlendes Lächeln, als ob man einen
Vorhang vor einem Fenster wegzöge und nun in den schönsten Frühling sähe
-- das Alles machte seine Erscheinung zu einer sich der Erinnerung
dauernd einprägenden. Und nun sein Spiel, das so ganz er selber war:
kein Gefühl, das ins Bizarre ging, keine Disharmonie, die sich nicht
milde auflöste, keine Virtuosenkunststückchen, bei deren Anblick uns
schwindlig wird. Hummel schien mir mit mehr Feuer, mit mehr äußerer
Leidenschaft zu spielen, aber man empfand nicht, wie bei Mendelssohn,
daß so ganz das Herz im Spiele lag.
"Von Anfang an verbrachte er den größten Theil des Tages im Goetheschen
Hause. Er war wirklich Goethes David, denn er verscheuchte jede Wolke
von der Jupiterstirn unseres verehrten Dichters. Jedem, der damals
Mendelssohn kannte, wird es begreiflich sein, trat er doch mit dem
ganzen Zauber der Jugend, der Genialität, der glücklichen Zukunftsträume
in unseren Freundeskreis. Es fiel Niemandem ein, wie das heute in
anderen Städten der Fall sein würde, ihn seiner Abstammung wegen
mißtrauisch zu betrachten. Der Gedanke wäre im damaligen Weimar
unmöglich gewesen, und wird es sein, so lange die großen Traditionen
nicht zur Fabel geworden sind. Goethe schätzte die Menschen nach ihrem
Werth, Karl August hatte es stets gethan und war von seiner einmal
gewonnenen[TN2] Überzeugung selbst durch Gegenbeweise nicht abzubringen
gewesen. Am herrlichsten befolgte unsere geliebte Großfürstin diesen
Grundsatz, und wir Alle hätten uns geschämt, nicht diesen großen
Vorbildern nachzueifern. So gehörte Rahel, so gehörte Mendelssohn zu
unserer anerkannten Aristokratie.
"Vormittags war er meist allein mit seinem Gönner, der nie müde wurde,
ihm zuzuhören. Wie Goethe es bei allen Dingen liebte, nach einem
bestimmten System zu verfahren, so auch hier: er wünschte die Geschichte
der Musik in Tönen nach geordneter Zeitfolge zu hören. Irgendwo las ich
einmal, daß man daraus die Folgerung zöge, er habe von Musik nichts
verstanden und ihre äußerliche Kenntnis nur als für seine Bildung nöthig
erachtet. Das glaube ich nicht. Felix Mendelssohn war stets aufs Höchste
überrascht von Goethes tiefem Verständniß und sprach oft mit uns davon:
'Goethe erfaßt die Musik mit dem Herzen, und wer das nicht kann, bleibt
ihr sein Lebtag fremd.' In Ottiliens Zirkel, den gerade damals das
'Chaos' vereinigte, beschäftigte und belebte, trat er als neues,
willkommenes Element. Alles, was Kunst im weitesten Sinn berührte, faßte
er mit Begeisterung auf, während das wissenschaftliche Gebiet, besonders
das naturhistorische, nicht in seinen Interessenkreis zu ziehen war,
obwohl er es gut zu verbergen wußte. Goethe, dem, seiner eigenen
wunderbaren Natur nach, jede Einseitigkeit unverständlich blieb,
versuchte oft auf Felix einzuwirken. Es blieb vergebene Mühe; einmal
soll Goethe sogar -- ganz Saul! -- seinem Liebling zornig den Rücken
gekehrt haben, weil er ihn nicht verstand. Aufs Höchste erschrocken saß
Mendelssohn wie versteinert vor dem Flügel, bis er, fast unbewußt, mit
den Fingern die Tasten berührte und, wie zu eigenem Trost, zu spielen
begann. Plötzlich stand Goethe wieder neben ihm und sagte mit seiner
weichsten Stimme: 'Du hast genug, halt's fest!' So erzählte Felix, der
lange dem Sinn der Worte nachgrübelte. Ein andermal war er die indirekte
Ursache eines heftigen Auftritts, der freilich wortlos verlief. Er
spielte Nachmittags bei Ottilie; ein Freund nach dem andern kam herein,
das neueste 'Chaos' lag vor uns, wurde besprochen, belacht, sein Spiel
verhallte ziemlich ungehört. Da ging die Thür auf, Goethe erschien, warf
einen Blick so voll Zorn und Verachtung auf uns, daß unser Gewissen uns
sofort mindestens zu Räubern und Mördern stempelte, ging ohne Gruß an
uns vorüber, auf Mendelssohn zu, und ehe wir zur Besinnung gekommen
waren, hatte er mit ihm das Zimmer verlassen. Es war dies das einzige
Mal, daß ich Goethe oben sah. Später sagte mir Ottilie, der Vater habe
sie noch tüchtig ausgezankt und ihr befohlen, auch ihren Besuchern sein
Urtheil nicht vorzuenthalten.
"Felix Mendelssohn machte Verse, wie wir alle, aber er beanspruchte
nicht den Ruhm eines Dichters. Gesellschaftsspiele, wobei in möglichster
Geschwindigkeit hübsche Reime gemacht werden mußten, waren an der
Tagesordnung. Der Ungeschickte oder der, dessen Versfüße zu sehr
humpelten, war verpflichtet, ein Pfand zu zahlen, das meist wieder durch
ein Gedicht eingelöst wurde. In Tiefurt, wenn wir genug getanzt oder
gespielt hatten, ruhten wir uns dabei aus, und vor Kurzem fand ich noch
ein Päckchen vergilbter Blätter, mit allen möglichen und unmöglichen
Reimen bekritzelt, die mich lebhaft an jene Zeit erinnerten. Darunter
befanden sich auch Mendelssohns Verse, mit denen er einmal in Tiefurt
sein Pfand eingelöst hatte:
Ihr wollt durchaus, ich soll ein Dichter werden,
Weil ich mit Euch in Weimar bin;
Ich aber kam als Musikant auf Erden,
Und meine Reime haben keinen Sinn.
Ich will in Tönen Eure Schönheit preisen,
Und Eure Macht, die mich zum Dichten zwingt;
Verfaßt die Lieder nur zu meinen Weisen,
Und dann versprecht mir auch, daß Ihr sie singt.
Vermessen scheint mir's, wollt ich weiter dichten,
Denn ich verscherze damit Eure Gunst;
Ihr Schönen seid zu streng im Strafen, Richten,
Mir hilft's doch nichts, ich lebe meiner Kunst.
"Als unser verwöhnter Musikant, der doch im Grunde ein Dichter war, wie
jeder echte Künstler, uns seine schon einige Male hinausgeschobene
Abreise verkündete, war der Kummer groß. Er mußte versprechen,
wiederzukommen, zu schreiben, uns einige Lieder zu schicken, die uns
seine Gegenwart etwas ersetzen sollten. Ulrike von Pogwisch beschäftigte
sich einen ganzen Abend damit, seine Silhouette auszuschneiden, die sie
dann unter uns vertheilte. Bei strahlendem Sonnenschein fuhr er fort,
sein Wagen war angefüllt mit Rosen, die wir ihm zugeworfen hatten;
Ottilie und Ulrike gaben ihm das Geleit, und so schied er von Weimar,
recht als ein Sonnenkind. Er hinterließ nur trauernde Freunde, nicht
einen Feind.
"Als ich ihn nach vielen Jahren in Berlin wiedersah, war zwar der
lachende Frühlingsglanz von seinen Zügen verschwunden, aber Herbst- und
Winterstürme hatten sie nicht umbraust und störten auch wohl nie sein
Sonnenschicksal. Sein Spiel war gehaltvoller, ruhiger geworden, die
stürmischen Phantasien seiner Weimarer Zeit wiederholten sich nicht
mehr. In der Erinnerung an die Vergangenheit leuchteten seine Augen auf,
und er sagte mit dem Tone tiefster Überzeugung: 'Wer weiß, was ohne
Weimar, ohne Goethe aus mir geworden wäre!'"
In persönlich nähere Beziehung als zu Mendelssohn trat Jenny zu Karl
von Holtei. "Er war einer der häufigsten Gäste unserer lieben
Musenstadt," schrieb sie. "Im Winter 1828 lernte ich ihn kennen, und
zwar nach einer seiner öffentlichen Vorlesungen, die wir eines Hoffestes
wegen nicht besuchen konnten. Bei Johanna Schopenhauer, wo er stets wie
ein Glied der Familie aufgenommen wurde, traf ich ihn zum erstenmal. Wir
erwarteten von ihm, dem Vielgereisten, viel Neues, Interessantes zu
hören. Welch eine Enttäuschung, als er eintrat.
"'Gott Lob, hier bin ich der Engländerpest entflohen,' sagte er. Das war
keine Empfehlung für ihn, da die Engländer eine große Rolle spielten.
Nach der allgemeinen Vorstellung begann er über die Interesselosigkeit
der Weimaraner in ziemlich derber Weise herzuziehen, weil seine
Vorlesung nicht besucht gewesen war. Wir bewiesen ihm, daß die
Carnevalszeit keine günstige für dergleichen sei, worauf er uns
vergnügungssüchtig schalt. Schnell legte unsere liebenswürdige Wirthin
sich ins Mittel, um einer allgemeinen Verstimmung vorzubeugen, und bat
ihn, uns durch einen Vortrag zu versöhnen, das würde uns zugleich
reizen, den Saal späterhin zu füllen. Er ließ sich nicht lange bitten,
las einzelne Gedichte und eine komische kleine Erzählung, improvisierte
sodann eine Art Entschuldigung in Versen wegen seines ersten Auftretens
im Kreise der Grazien und Musen, wobei er sich mit einem Satyr verglich,
der zwar einen Bocksfuß habe, aber trotzdem die Gutmüthigkeit selber
sei; damit war der unangenehme Eindruck verwischt, wir nahmen ihn von
nun an auf wie einen der Unseren. Bei Anderen, wo sein ungezwungenes
Wesen ebenso gegen das Hergebrachte verstieß, wurde es ihm oft sehr
schwer, ja manchmal unmöglich, sich so zu rehabilitieren wie bei uns. Um
ihn ganz zu würdigen, mußte man ihn näher kennen. Er gehörte zu den
Menschen, die, sei es aus falscher Bescheidenheit oder, was hier wohl
besser zutrifft, aus einer Art Hochmuth, ihre guten Seiten sorgfältig
verstecken. Sie bauen um ihr schönes Selbst eine Dornröschenburg und
wundern sich, wie selten ein Prinz die Dornhecke zu durchbrechen
versucht. Sehen wir uns Holteis Leben an, so wird es verständlicher, daß
er sein Bestes mißtrauisch verschloß. Er mußte mit viel Gemeinheit
umgehen, mit viel Gemeinheit rechnen; edler Umgang war ihm selten
geworden, und das, was den Menschen Zeit seines Lebens am meisten
verbittert, eine freudlose Kindheit in der Nähe unwürdiger Verwandter,
hatte er wie Wenige durchkosten müssen. Der Kampf mit dem Leben, der uns
so leicht zu uns selber sprechen läßt: 'Landgraf, werde hart,' hatte ihn
längst gestählt. Bisher war mir der Kampf zwischen Pflicht und Neigung,
zwischen Glauben und Zweifel allein schmerzlich bekannt geworden, in
Holtei trat mir zum ersten Mal jener andere harte Kampf gegen die
grauen Schwestern, Sorge und Not, entgegen.
"Als Holtei einen tieferen Blick in unsere Welt gethan hatte und sah,
daß man hier frei athmen könne, fiel die rauhe Schale von selbst von ihm
ab. Sein natürlicher Frohsinn, sein weiches Gemüt, sein Humor, der zwar
immer etwas derb blieb, gewannen die Oberhand, er fühlte sich bald
heimisch und war ein gern gesehener Gesellschafter. Die junge,
einheimische Herrenwelt Weimars liebte ihn, weil er ihre Abneigung gegen
die Engländer unterstützte, die Damen freuten sich, wenn er kam, weil er
stets ein paar galante Verse bei sich hatte; Goethe empfing ihn häufig,
weil er Neues und Interessantes hübsch vorzutragen wußte.
"Sehr innig gestaltete sich die Freundschaft zu August Goethe. Holtei
sah in ihm eine höhere, nur auf falsche Wege geleitete Natur und gewann
den segensreichsten Einfluß über ihn, der sich sogar im häuslichen Leben
angenehm bemerkbar machte. August liebte Holtei innig, betheiligte sich
ihm zu Liebe an unseren geselligen Freuden, so daß eine Zeit
vollständiger Harmonie angebrochen zu sein schien, die aber nur so lange
andauerte, als Holtei anwesend war.
"Unter all den kleinen und großen Festen, die uns vereinigten, waren bei
schönem Frühlingswetter die Picknicks die beliebtesten. Zu Fuß, zu
Wagen, zu Pferde ging's hinaus nach Tiefurt, Ettersburg, Belvedere.
Tiefurt besonders, unter dessen herrlichen alten Bäumen schon unsere
Eltern jung und froh gewesen waren, galt als angenehmer
Vereinigungsplatz, wo bei Spielen, Spaziergängen, dicker Milch, auch
wohl bei einem ländlichen Ball im Pavillon große Heiterkeit herrschte.
Dorthin kam jeden Nachmittag Lord Charles Wellesley, der Sohn des
Herzogs von Wellington, und brachte uns Kirschen oder Erdbeeren mit, die
er selbst bei der Hökerin eingekauft hatte. Er war äußerlich
unansehnlich, etwas taub, sehr einfach und sehr liebenswürdig im
Gegensatz zu seinem Bruder, Lord Donero, der stolz und zurückhaltend
war, seinem Vater sehr ähnlich sah und nur unter Umständen liebenswürdig
sein konnte. Mit Ottilie Goethe und Emma Froriep waren wir zur Zeit von
Holteis Anwesenheit auch einmal hinausgefahren, eine Anzahl junger Leute
fanden sich noch dazu, und wir saßen schon fröhlich um unseren frugalen
Vespertisch, als Holtei in gehobener Stimmung vom alten Goethe aus zu
uns kam. Er war wohl deshalb liebenswürdiger als sonst zu den Engländern
und versprach sogar den Vortrag eines ganz neuen Gedichtes, wenn er
dafür noch -- dicke Milch bekäme. Die Satte wurde feierlich vor ihn
hingesetzt, er sprang auf einen Stuhl und recitierte ein Gedicht, das er
auf Weimar verfaßt hatte.
"Jubelnder Beifall belohnte den Dichter, der sich ruhig dem Genuß der
dicken Milch überließ, während Ottilie einen Zettel aus der Tasche zog
und ebenfalls höchst witzige Verse auf Weimar vortrug, zu denen sie
allerhand aus dem Stegreif dazu improvisirte.
"Nachdem ein Jeder seinen Imbiß mit poetischer Begleitung zu sich
genommen hatte, zerstreuten wir uns im sonnendurchleuchteten,
frühlingsduftigen Park an den Ufern der Ilm, die rauschend und flüsternd
von vergangenem Leid, vergangener Freude erzählte und immer wieder
denselben Lebenszauber voll Liebeslust und Jugendglück in ihren Fluthen
wiederspiegelte.
"Selbst Holtei wurde nach und nach bei uns ein Naturschwärmer, was ihm
sonst fern lag. Er sprach es wohl aus, wie schnell der Herbst des
Jahres, wie der Herbst des Lebens all die Freuden vernichtet und ihn,
den Wandervogel, wieder in die Fremde treibt. In solchen Stunden habe
ich ihn kennen und schätzen gelernt, in solcher Stimmung war es, wo er
mir folgende Zeilen in das Album schrieb:
'Ach' ist unser erstes Wort,
Denn des Seufzers bittre Kunde
Dringt in stillem Friedensort
Aus des Kindes zartem Munde.
Und des Frühlings Zauberhauch,
Und der ersten Liebe Beben
Will mit bangem 'Ach' sich auch
Kund den bunten Blüthen geben.
Und der Trennung ernster Schmerz
Macht sich Luft mit diesem Worte
Seinen Boten schickt das Herz
Aus der Lippen heil'gen Pforte.
Aber einmal noch umwehn
Freudig uns des Wortes Schauer.
Unerwartet Wiedersehn
Staunet: Ach -- nach langer Trauer.
Liebst du dieses Wortes Klang,
So verschmäh nicht diese Zeilen.
Jeder Vers wird zum Gesang,
Wird dein Aug auf ihm verweilen.
Weimar, März 1828.
Karl von Holtei.
"Im Herbst 1829 kam Holtei wieder nach Weimar. Er traf mit dem
französischen Bildhauer David zusammen, der sehr gefeiert wurde und sich
trotz seiner Jugend schon einen Namen gemacht hatte, dessen guter Klang
durch die Büste Goethes ihm weit über die Grenzen Deutschlands und
Frankreichs einen bedeutenden Ruf verschaffte. In der Gesellschaft
machte sein Talent, aus Brot die Köpfe der Anwesenden abzuformen, ihn
schnell beliebt, so daß Holtei, der etwas mißtrauisch und empfindlich
war, sich zurückgesetzt fühlte. 'Wenn nur die guten Weimaraner mal einen
Mondbewohner herbekämen, sie würden sogar Schiller und Goethe darüber
vergessen,' brummte er, und erst, als David fortreiste, kam der alte
gute Freund wieder zum Vorschein.
Meine Korrespondenz mit Holtei begann durch das 'Chaos' und setzte sich
fort, nachdem es eingegangen war."
Einige Auszüge aus Briefen Jennys an ihn mögen hier folgen:
"14./5. 32.
"Meine Politik finde ich in der Geschichte und in der Philosophie, mein
Staatsminister ist Herders Nemesis, diese allein rechnet gut und
gerecht.
14./8. 32. Berka.
"Sie sehen am Datum meines Briefes, daß ich noch in meiner lieben
Einsamkeit bin; die Natur ist so schön, die physische und moralische
Luft so rein, daß die Brust freier athmet und alles Treiben und Drehen
und Quälen der politischen Welt in dem unreinen Nebel versinkt, welcher
unter den Bergen zu meinen Füßen liegt. Nicht Fröhlichkeit, aber Ruhe
und Frieden bedarf das Herz, und dieses findet es in den majestätischen
Wäldern, in der hehren Natur, welche, den Menschen zum Spott, in Frieden
und Krieg, in Sturm und Ruhe, im Ungewitter und Sonnenschein immer groß
bleibt. Möchten die Menschen, die Nationen, die Könige und Diplomaten
sich ein Beispiel daran nehmen!
22./9. 33.
"Sollte die biblische Sage vom Baume der Erkenntniß nicht dieselbe
Grundidee ausdrücken als die Fabel des Prometheus? Das Licht des
Himmels, die Erkenntniß, raubte er, die Frucht des Paradieses, die
Erkenntniß, raubte Eva. Ihre Schuld war die Begierde des Wissens, ihre
Unschuld ein unbewußtes Rechthandeln. Sie wollten wissen, so mußten sie
die Unschuld verlieren, denn nun begann das Forschen, das Streben, das
Ergründen, das Zweifeln. Auch die Strafen des Prometheus und der ersten
Menschen enthalten den tiefen Sinn der unbefriedigten Erkenntnißbegierde.
Das Paradies, nämlich das Glück, liegt so nah und ist so unerreichbar,
der Engel mit dem Flammenschwert: die Leidenschaften der Menschen, stehen
drohend vor der Pforte. Der grausame Adler und das zurückweichende Wasser
in den Strafen des Prometheus -- wäre es nicht die Darlegung des
Goetheschen Ausspruchs: daß nicht nur das Unmögliche, sondern so vieles
Mögliche dem Menschen versagt ist?
25./6. 36. Kochberg.
"Mit der Veredelung der Seele muß der Mensch denselben Proceß vornehmen,
dem der Maler bei den Mosaikgemälden folgt, der Geist muß erst in
schönem Umriß das Ganze vor sich haben, was er darstellen will: sein
eigenes Ich in höchster Vollkommenheit. Dann müssen alle Fähigkeiten,
alle Kräfte, alle Talente die bunten Steinchen zutragen, die das Gemälde
bilden sollen. Es gehört die Geduld eines ganzen Lebens, die redliche
Arbeit jeden Tages dazu, um das Werk zu fördern; jeder Gedanke, jede
Kenntniß, jede Handlung mag ein Steinchen sein -- glücklich, wer sich am
Ende seiner Tage vor das vollendete Bild stellen und in Wahrheit sagen
darf: es ist vollbracht.
4./7. 36.
"Ich halte es immer für einen Mangel an Menschenkenntniß, wenn man sich
über schnelle Untreuen wundert. Gerade in der Aufregung der Gefühle, in
der krankhaften geistigen An- und Abspannung, welche ein großer Schlag
hervorbringt, der zerstörend in unser gewohntes Geistes- und
Gefühlsleben eindringt, gerade in solchem Zustande ist das Herz eines
neuen Gefühls, eines neuen Anschmiegens am fähigsten, es steht gleichsam
offen. Später schließt es sich, andere Gewohnheiten wurzeln fest, und
unter ihnen hat eine liebe Erinnerung wieder einen festen, bestimmten
Platz; dann wird ihr Wegrücken schon bedeutend schwerer, und ich wundere
mich viel mehr über zweijährige als über zehnjährige Treue.
"Darum ist mir die Bemerkung Larochefoucaults immer so wahr erschienen:
'-On n'est jamais plus près d'une nouvelle passion qu'en sortir d'une
ancienne.-' Das ist schon ein sehr tiefes Gefühl, welches dem Reiz der
Leidenschaftlichkeit widersteht, den die Seele eben gekostet hat, das
ist schon die Kraft einer seltenen Liebe, welche mit Abscheu den Becher
des Genusses von sich stößt, den es nur einem Herzen verdanken will;
daher finden wir so sehr viel mehr Frauen, die nur eine Liebe empfunden
haben, als solche, die bei einem zweiten oder dritten Verhältniß dieser
Art stehen geblieben sind. Bildet nicht das tiefste, reinste Gefühl die
Grenze, so kettet sich Leidenschaft an Leidenschaft zu endloser Kette."
Von Holteis Briefen an Jenny sind nur die wenigen Zeilen vorhanden, von
denen sie selbst erzählt: "Holtei schrieb mir nach Goethes Tod, und
seine Worte bezeichnen am besten sein tiefes Empfinden: 'Es geht ein Riß
durch die Welt und durch die Herzen, nun Er geschieden ist. Wer weiß, ob
es uns, die wir ihn kannten, nicht besser wäre, wir sprängen hinein in
diese Kluft und gingen so dort hinüber, wo Er herkam und nicht zum
zweiten Mal kommen wird!'[TN3]"
Der intime Kreis um Ottilie und ihre Kinder schloß sich nach Goethes Tod
besonders eng zusammen. Es war, als ahnten alle, daß diese vier Menschen
es mehr als andere bedurften, von einer doppelten und dreifachen Mauer
der Freundschaft vor dem Leben, das wie ein barbarischer Eroberer
draußen stand, geschützt zu werden. Und doch war es schließlich stärker
als ihrer aller Liebe!
Neben Adele Schopenhauer und Alwine Frommann, gehörte Emma Froriep zu
den Intimen, die Tochter des Medizinalrats und späteren Leiters des
Landesindustriekontors Ludwig Froriep, dessen Haus auch eines der
Mittelpunkte des damaligen geistigen Lebens war. Jenny Pappenheim
befreundete sich innig mit Emma Froriep, in deren elterlichem Haus sie
viel verkehrte.
Wichtiger als die geistige Anregung, die sie im Froriepschen Hause fand,
war für Jenny der Einfluß der ruhigen, charaktervollen Freundin. Sie
verkehrte täglich mit ihr, und die beiden jungen Mädchen sahen es als
eine besondere Weihe ihrer Freundschaft an, daß sie im Frühling und
Sommer zuweilen in dem lieblichen, nahegelegenen Berka wochenlang
allein zusammen hausen durften. Damals war es, nach den Zeichnungen in
Jennys Album, noch ein einfaches Dörfchen und das Landleben kein
Badeleben. Aber gerade das entsprach dem Geschmack der Freundinnen. Die
Liebe Jennys zur Natur beherrschte schon das junge Mädchen. In Wald und
Heide suchte sie den Frieden wieder, den sie im unruhigen geselligen
Leben der Stadt verloren hatte. Emma Frorieps Gestalt war wie ein
Stück dieser Natur. Jenny hat sie auf den folgenden Seiten gezeichnet:
"Inmitten der Mißlaute des Irrthums, der Leidenschaft, der Schmerzen,
inmitten der Verwirrungen des Schicksals und der Seele, inmitten der
Kämpfe zwischen Kopf und Herz, zwischen der Pflicht und dem Vergnügen
gab mir Gott eine reine Harmonie. Wenn sich über meinem Haupt das
Gewitter zusammenzog, der Donner über mir rollte und die Blitze hie und
da die Nacht in mir erhellten, dann kreuzte ich die Arme, hielt mich
gewaltsam aufrecht und wartete, denn bald sprach meine Harmonie in
sanften Tönen zu mir; wenn tausend verschiedene Stimmen mir tausend
verschiedene Worte zuschrien, wenn die Welt und das Leben mir ihre
gefälschten Werthscheine zuwarfen, wenn jedermann um mich nach eigenem
Tact sein eigenes Instrument spielte, wartete ich wieder, denn bald
übertönte der reine Gesang meiner Harmonie alles. Wenn das Schicksal mit
seiner Riesenstimme mir seine Befehle zurief, so flüchtete ich zitternd
zu meiner Harmonie, die jene schrecklichen Laute sanft und zärtlich
wiederholte, so daß ich ihnen ohne Angst zu folgen vermochte.
"Emma heißt meine Harmonie, mein Gewissen, meine Vernunft, Emma ist der
Name meines einzigen Ideals, das sich zur Wirklichkeit verkörpert hat.
Eins hier unten ist für mich vollkommen gewesen: die Freundschaft mit
ihr. Ich liebe meine anderen Freunde, ich spreche und lache mit ihnen,
ich theile ihre Freude wie ihren Schmerz, doch nur vor Emma enthülle
ich ganz mein Inneres, nur zu ihr sage ich: 'Ich leide,' -- und ich
habe viel gelitten!
"Lange schon bewohnten wir dieselbe Stadt, besuchten dieselbe
Gesellschaft und kannten uns nicht. Ich war eben aus der Pension
gekommen, war ein lebhaftes, leidenschaftliches Kind, dessen Herz und
Geist für nichts Anderes als für den Namen Goethe Platz hatte. Ich
stürzte mich in den geselligen Strudel, das Amusement war mein einziges
Ziel; Emma, obwohl viele Jahre älter als ich, stand betrachtend, wo ich
handelnd war, sie folgte instinctmäßig den Gewohnheiten der Übrigen, sie
erlaubte sich nichts, das nicht mit der Sitte übereinstimmte, ihr galten
die Männer als eine andere Art Geschöpfe, die sie sich immer fern hielt,
jeder freiere Blick empörte ihren Stolz, Liebe erschien ihr
erniedrigend, auch hatte sie keine Verehrer; ich war überzeugt, daß sie
sich entsetzlich langweilen müsse. Trotzdem fühlte sie sich glücklich.
Um fünf Uhr frühstückte sie schon mit ihrem Vater, der ihre einzige
Leidenschaft war, dann verbrachte sie den Tag in weißem Kleid mit
frischem, ruhigem Gesicht und noch ruhigerer Seele; sie nähte viel, buk
vorzüglichen Kuchen, sang harmlose Lieder, dachte wenig und schlief gut
und fest. Mir erschien sie als ein steifes, kühles Mädchen, das mir
imponirte, mich aber nicht anzog.
"Wie viel Thränen mußten auf die Flammen meines Inneren fallen, wie viel
Schicksalsstürme mußten das Feuer ihrer Seele anfachen, ehe unsere
Herzen sich fanden!
"Jetzt gehört das Amusement nicht mehr unter die Ziele meiner Tage und
die ihren haben die Farbe gewechselt. Zwar ist ihr Gang noch ruhig, zwar
beherrscht Gesetz und Sitte sie noch, doch sie erblaßt, wenn sie die
Herzenskämpfe ihrer Freunde sieht; oft steht sie nach einer
schlummerlosen Nacht erst um acht Uhr auf und sitzt stundenlang stumm
ihrem Vater gegenüber. Sie singt nicht mehr, sie näht wenig, liest viel
und denkt immer. Die Männer sind für sie keine fremden Wesen mehr, doch
ihre Kühle ihnen gegenüber ist noch nicht gewichen und ihre Natur wird
niemals die zarte Schmeichelei lernen, welche die Frau dem, den sie
liebt, entgegenbringt, diesen Instinct, der uns treibt, ohne Berechnung
das zu thun, was dem König unserer Seele gefällt, kurz, jenes Etwas,
fälschlich Coquetterie genannt. Und doch, als neulich vom weiblichen
Stolz gesprochen wurde, der die Liebe besiegen müsse, unterbrach Emma
ihre Freundin und sagte: 'Was hat der Stolz mit der Liebe zu thun?!'
"Ich weiß nicht, ob mein Herz oder meine glühende Phantasie Emma ihrer
glücklichen Gleichgültigkeit entriß; ich glaube, daß ich im Augenblick
des Erwachens zu ihr kam, als plötzlich der Vorhang der Vorurtheile und
Gewohnheiten zerriß und ihr die wirkliche Welt erschien. Ich sprach ihr
ohne Zweifel von lauter neuen Dingen, Alles, was ich vom menschlichen
Geist und Herzen wußte, kam ihr zunächst wie eine Fabel vor. Doch ich
vermochte sie zu überzeugen, und später frug ich sie, wenn ich ihr
meinen Gedankengang enthüllt hatte: 'Verstehst du ihn?' und fast immer
antwortete sie: 'Ja, ich verstehe ihn!'
"'Wir haben in unserem Leben keine andere Aufgabe, als in jedem
Augenblick so zu handeln, wie unser Gewissen es uns vorschreibt; die
Folgen gehören der Gewalt des Schicksals an, das ihrer doch immer Herr
bleiben wird, welches auch unsere thörichten Pläne sein mögen,' sagte
ich einst.
"'Schon längst ist dies auch meine Überzeugung. Manchmal erschwert sie
das Leben, doch als allgemeine Regel giebt sie uns Gesetze, Sicherheit,
Ruhe und verscheucht auf immer Selbstvorwürfe und Reue. Nur nenne ich
das, was du Schicksal nennst, Gott!' erwiderte Emma.
"'Du weißt,' unterbrach ich sie, 'daß ich Gott im Goetheschen Sinn
verstehe.'
"'Verstehst du ihn? Ich nicht!'
"'Auch weiß ich, daß Goethe einst sagte: Es ist ganz einerlei, was für
einen Begriff man mit dem Namen Gott verbindet, wenn man nur göttlich,
das heißt gut handelt!'
"'Mir,' lächelte Emma, 'ist Gott der Gott der Liebe, der liebe Gott der
Christen.'
"Doch genug davon -- verwelkte Blumen sind die Worte, denen Blick und
Händedruck fehlt; ich kenne keine Sprache, die das lebendige Gespräch
ebenso lebendig wiederzugeben vermag; Herz, Gefühl und Geist haben ihre
eigene Sprache. -- Eine Erinnerung wird dauernd frisch in meinem Herzen
bleiben, es ist die an unsere in Berka gemeinsam verlebte Frühlingszeit.
Ein Tag daraus mag für das Bild unserer unschuldigen Freuden der Rahmen
sein.
"Auf einer kleinen Erhöhung in jenem Theil von Berka, der Dorf Berka
genannt wird, erhob sich inmitten eines Gartens ein kleines Haus. Wie
oft, sobald es am Horizont aufstieg, beschleunigte sich mein Schritt,
und mein Herz, alle Sorgen von sich werfend, klopfte vor Freude und
Hoffnung; es war keine andere Hoffnung als die auf Frieden und Ruhe, und
doch war ich noch nicht zwanzig Jahre alt! In den oberen Räumen
richteten Emma und ich unseren Haushalt ein. Wir hatten eine kleine
Küche, einen großen Flur, ein Zimmerchen für unsere Jungfer und konnten
im Nothfall sogar einen Gast beherbergen. Unser Schlafraum war einfach,
aber bequem, unser kleines Wohnzimmer war reizend: ein Schrank, zwei
Bücheretageren, ein rosa und weiß drapirter Toilettentisch, darauf ein
Spiegel mit goldenem Rahmen, zu jeder Seite eine Vase, mit jenen
palmenartigen Farren gefüllt, die im Tannenwald an den verstecktesten
Plätzen wachsen; dann unsere Schreibtische, nur durch die Fensterwand
getrennt, an der auf weichem Teppich zwei Lehnstühle standen. Neben den
tausend Dingen, die auf keinem Schreibtisch vermißt werden, standen drei
blumengefüllte Gläser auf einem jeden; wir liebten vor allem die wilden
Rosen, von denen ein einziger Zweig schöner ist als alle Centifolien.
Auch ein Sopha, ein runder Tisch, verschiedene Bilder fehlten nicht; auf
allem lachte die Frühlingssonne, die bis zum Abend auf unserer Diele
ihre Strahlen tanzen ließ, und aus jedem Winkel des Zimmers fiel der
Blick auf das helle Grün der Hügel, auf die dunklen Tannen, auf drei
breite, sich durch das Thal schlängelnde Wege, in nächster Nähe auf die
Häuser der Bauern und jene regelmäßige Thätigkeit, um die man sie
beneidet, sobald ein böser Gedanke drückend auf der Seele liegt. Aus dem
anderen Fenster sah man den kleinen Fluß, die Kirche, die Brücke und den
Markt, von dessen Häusern man nur die Dächer bemerkte, in der Ferne ein
weites Thal, durch ein Dorf und einen alten Thurm geschlossen, dann
Hügel auf Hügel und jedes Jahr ein neues rothes Dach, das sich darauf
erhob; schließlich ein spitzer, kahler Berg, auf dem der Fluch der alten
Frau zu ruhen schien, die im Anfang des vorigen Jahrhunderts dort
verbrannt worden ist. Dieser freundlichen Landschaft gebührt der
dankbare Blick, mit dem wir jede Gegend betrachten, die das Glück mit
uns bewohnt hat, der freundliche Gedanke für die Zukunft, eine Handlung
der Barmherzigkeit für die Gegenwart, die Hand eines mitfühlenden
Freundes in der unseren.
"Bei meinem Erwachen stand Emma neben mir, zum Ausgehen bereit; sie
ging, der Natur ihren Morgengruß zu bringen. Als sie zurückkam, war ich
angezogen, die Stube aufgeräumt, frische Rosen, die ich im Garten
gepflückt hatte, auf dem Tisch und das Frühstück daneben. Nachher mußten
die Wirtschaftssorgen erledigt werden, bis daß Jede sich an ihre
Vormittagsbeschäftigung begab, die wir bis drei Uhr ausdehnten, nur hier
und da durch gegenseitiges Vorlesen aus Büchern und Briefen
unterbrochen. Der ruhige Schritt unserer blonden, freundlichen Jungfer
mahnte uns an die Essenszeit; ihr strahlender Blick galt heute ihren
Küchenerfolgen, die unsere vollste Anerkennung fanden. Hastiges Klopfen
störte unsere sehr materiellen Freuden, und auf unser 'Herein' flogen
zwei Knaben lachend auf uns zu. 'Wolf -- Walter' riefen wir wie aus
einem Munde, und nun überstürzten beide sich im Erzählen, wie es
gekommen war, daß der Großvater sie im eigenen Wagen hierhergeschickt
habe.
"'Ich habe ihm gestern vorgespielt.'
"'Ich habe einen guten Aufsatz geschrieben.'
"Es gab viel zu fragen und zu erzählen, dazwischen wurde unserer
Erdbeerspeise tapfer zugesprochen. Wolf berichtete von den
Stadtneuigkeiten, von dem Großvater, der sich wieder einmal mit Tante
Ulrike gezankt habe. Er ging, nach Art desselben, langsam, die Hände auf
dem Rücken, den Oberkörper etwas geneigt, den Kopf gehoben, die weit
offenen Augen auf uns gerichtet, im Zimmer auf und nieder, dabei sagte
er mit grollender Stimme: 'Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, ihr
treibt's mir bald zu arg.' Ich mußte lachen, ermahnte aber doch meinen
jungen Freund, des Großvaters nicht etwa zu spotten. 'Zu spotten?!' rief
er, 'Du glaubst, ich könnte das? Ist er nicht unser liebster, bester,
einzigster Großvater?' Dann erzählten sie von den Eltern; dem Vater, der
viel Kopfweh habe und selten zu Hause sei, der Mutter, die sich eifrig
mit dem Plan zu einem Sommerfest beschäftigte, und schließlich sprangen
sie hinaus und fuhren davon, uns in einer Art Betäubung zurücklassend.
In unseren Frieden war die Welt mit ihrem Zwiespalt gedrungen.
"Bald darauf rüsteten wir uns zum Spaziergang: weiße Kleider, runde
Hüte, das schottische Tuch über dem Arm, ein Buch in der Hand, das
freilich nur selten geöffnet wurde. Wir gingen stumm Arm in Arm neben
einander, meine Gedanken waren in jenem klassischen Hause, in dem ein
über alles Erdenleid erhabener Jupiter zu thronen schien und dessen
Mauern doch so viel Kummer verbargen; ist es nicht auch immer die mühsam
zu ersteigende Jakobsleiter, an deren Sprossen nicht Engel, sondern
Dämonen stehen, gegen die der Kletternde kämpfen muß, damit sie ihn
nicht hinunterwerfen; wie wenige sind stark genug, um den strahlenden
Tempel menschlicher Größe zu erreichen, wie wenige sind so stark, um die
schwächeren Genossen nach sich zu ziehen. Ich wäre längst am Boden
zerschellt ohne den vorschreitenden erhabenen Führer!
"Wir hatten den Wald erreicht, sein Duft ließ uns freudiger athmen, und
ein weicher Moossitz entschädigte uns, wenn wir zu hastig gegangen
waren. Manchmal tönten aus der Ferne Axtschläge gegen einen zum Tode
verurtheilten Baum; ein Krach, ein Fall, der wie schluchzend verklang,
entlockte uns einen Seufzer -- der Tag war schön, wer wünschte sich, zu
sterben? Nach und nach verlängerten sich die Schatten, unsere
Unterhaltung hatte zwischen Gefühl und Erzählung, zwischen Philosophiren
und Schweigen, zwischen Vergangenem und Zukünftigem, zwischen Ernstem
und Heiterem gewechselt. Wir hatten neue Pfade entdeckt, neue
hochgelegene Matten, auf denen sich schöne Luftschlösser bauen ließen,
und traten aus dem Wald, als der Mond schon hoch am Himmel stand. Sobald
wir die ersten Häuser erreichten, begrüßten wir die freundlichen
Bewohner, deren rosige Kinder schon schlafen gegangen waren, um den
nächsten Morgen noch rosiger zu erwachen; die Eltern saßen vor der
Hausthür, der Vater rauchte seine Pfeife, die Mutter legte die Hände in
den Schoß. Kennt ihr solch ein beseligendes Ausruhen, ihr Unthätigen,
die ihr euch mit euren leeren Gedanken gelangweilt in den Lehnstuhl
werft?! -- Zwei Schritte weiter sahen wir ein neues Häuschen entstehen;
es hatte, wie die anderen, nur eine Stube, eine Kammer, Küche und
Ziegenstall. Wir hatten oft in bewohnte Räume gesehen, überall fanden
wir die peinlichste Sauberkeit; vor der Thür neben der Steinbank einen
blühenden Rosenstock, ein kleines Gärtchen hinter dem Hause mit gut
gepflegten Gemüse- und Blumenbeeten, ein Höfchen daneben mit ordentlich
aufgeschichtetem Holzvorrath, einige unglückliche Vögel in Käfigen, die
sangen und die weißen Wände garnirten, und dazu zufriedene Gesichter,
einen freundlichen Gruß für Jedermann.
"Unsere Jungfer erwartete uns: 'Der Pächter hat schon wiederholt nach
Ihnen gefragt, und das Abendbrot wartet. Auch hat der Bote Briefe in
Menge gebracht.'
"Der Mond leuchtete uns zu unserem einfachen Imbiß, den wir in
Gesellschaft unseres guten alten Pächters, der zugleich unser Hauswirth
war, einnahmen. Er erzählte uns von einem armen Tagelöhner, der sich
beim Holzfällen verwundet habe und nun für sich und seine Familie nichts
verdienen könne; dabei sah er uns erwartungsvoll an. Ich wollte sofort
hinstürzen, Emma hielt mich zurück.
"'Morgen in aller Frühe packen wir unseren Korb mit Fleisch und Brot,
vergessen auch unser Verbandzeug nicht, und freuen uns, daß es Menschen
giebt, denen mit so wenig Mühe geholfen werden kann.'
"'Und denken an all das namenlose Elend, dem wir nicht steuern können!'
"Der Abend war herrlich, wir saßen noch lange vor der Thür und sahen,
wie nach und nach ein Licht nach dem anderen hinter den Fenstern
erlosch. Die Stille herrschte und schien durch die Majestät des Mondes
zu regieren; die Ilm flüsterte kaum, sie fürchtete durch ihr Gemurmel
das silberne Licht zu stören, das friedlich auf ihrem Wasser flimmerte.
Füllest wieder Busch und Thal
Still mit Nebelglanz --
Lösest endlich auch einmal
Meine Seele ganz,
Breitest über mein Gefild
Ruhig deinen Blick,
Wie des Freundes Auge mild
Über mein Geschick.
Zukunftsbilder stiegen vor mir auf, Träume von Glück wurden lebendig;
weit in der Ferne verschwand die Vergangenheit.
"Die Lampe im Zimmer machte uns wieder gesprächig, während eine Schleife
nach der anderen sich langsam löste. Wir dachten mit Schrecken an die
Stadt, an den Winter, den Schnee, den Kerzenglanz, an die falschen
Blumen und an das falsche Lächeln, an Toiletten und Gesellschaftsklatsch,
und freuten uns der Gegenwart, in die nichts von alledem gehörte. Noch
eine zärtliche 'Gute Nacht' und es wurde still in Haus und Herzen.
"In den Rahmen dieses Tages gehört das Bild meiner Freundin; dann ist
alles Harmonie, Friede, Klarheit. Ihre schöne Gestalt, ihr ruhiger Gang,
ihre glatten, über der sanften Stirn gescheitelten Haare, dieser ganze
Typus einer deutschen Schloßfrau, paßten so gut zu den schlanken,
ernsten Tannen, zu dem majestätischen Wandel des silbernen Mondes auf
dem klaren Firmament; ihr verschleiertes weibliches Herz, ihre
angeborene Reinheit des Charakters paßten so gut in diese ruhig
träumende Landschaft ohne zerrissene Felsen, ohne feuerspeiende Berge.
Und in mein Leben gehörte dieser Engel des Friedens."
In einem direkten Gegensatz zu diesem Engel des Friedens stand eine
andere Freundin Jennys, Gräfin Louise Vaudreuil. Aber auch bei ihr,
der Weltdame großen Stils, bewährte sich das Talent, das Jenny in ihren
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