gemacht hatte -- erst dann war es dem alternden Jerome, dem letzten der
großen Napoleoniden, vergönnt, in Frankreich auszuleben. Zum Gouverneur
der Invaliden ernannt, hütete er den toten Bruder, wie er dem lebenden
gedient hatte, und starb, ein Greis, im Schatten des Titanen, unter dem
sein Leben verflossen war.
Ist das das Bild des "Königs Lustik", das uns von allen Moralpredigern
und guten Patrioten von klein auf als abschreckendes Beispiel
verderblicher Sündhaftigkeit vor Augen geführt wurde? Haben in diesem
Leben, vor allem in den sechs Jahren des westfälischen Königtums, von
denen ein Jahr immer reicher war an Kämpfen nach innen und außen als das
andere, alle jene schwülen Geschichten Platz, die die lange
Regierungszeit eines Ludwig -XV.- kaum ausfüllen könnten? Es scheint,
daß der Bruder des Mannes, den der Ruhm zu den Größten der Erde erhob,
ein Opfer der historischen Legende werden mußte, weil Haß und Neid nicht
emporreichte bis zu Napoleon selbst; die Ehre, den Namen dieses
Halbgottes zu tragen, mußte er mit Verfolgung und Verbannung bezahlen.
Jerome war ein lebensfroher Mensch, mit einem empfänglichen, leicht zu
entflammenden Herzen; der antike Schönheitskultus von Florenz, der Stadt
seiner Ahnen, schien vor allem in ihm wieder lebendig geworden zu sein.
In seiner Freigebigkeit kannte er keine Grenzen, und Freude zu bereiten,
war für ihn die größte Freude. Seine erste Jugend, seine ganze
Erziehung, in der die Frage nach dem materiellen Wert der Dinge nie eine
Rolle spielte, unterstützten die Entwicklung dieser Seiten seines
Wesens. Er war ein -grandseigneur-, -- es gibt keine deutsche
Bezeichnung dafür. Mit dem Maßstab des Kleinbürgers gemessen, war er ein
Verschwender. Daß er es in einem anderen Sinne nicht sein konnte, dafür
zeugt die finanzielle Lage seines Königreichs, der ständige Kampf mit
den durch die Forderungen der Napoleonischen Politik entstehenden großen
pekuniären Schwierigkeiten. Gewiß: sein Hof, der eines jungen
strahlenden Fürsten, war ein glänzender, die leeren Räume der Schlösser
von Kassel und Napoleonshöhe füllten sich bald nach seinem Einzug mit
den schönsten Erzeugnissen der feinen Kunst der Empire; er und die
Königin --, deren tatsächlich vorhandene Neigung zur Verschwendung zwar
von Reinhard wiederholt getadelt und noch im Exil von Jerome selbst im
Zügel gehalten werden mußte, aber von den Sittenrichtern Jeromes, die
den Franzosen, den "Erbfeind" treffen wollten und die deutsche
Prinzessin daher schonten, sorgfältig verschwiegen wurde[43] --, hatten
immer eine offene Hand für ihre Freunde. Gewiß: Jerome erwies sich oft
als allzu gutmütig, indem er Unwürdige mit Geschenken überschüttete;
noch für die Kinder seiner Freunde oder seiner im Kriege gefallenen
Offiziere sorgte er in einer Weise, die seine Kräfte überstieg, und den
Wünschen derer, die er liebte, konnte er niemals widerstehen. Aber der
finanzielle Ruin Westfalens war zum geringsten Teil seine Schuld: er war
schon vorhanden, als er die Regierung übernahm, und mußte durch die
furchtbaren Erfordernisse der Napoleonischen Kriegszüge notwendig zum
Äußersten führen. Was aber die Berichte über Jeromes wahnsinnige
Verschwendungen noch sicherer in das Bereich der Märchen verweist, ist
die Tatsache, daß Jerome, der beschuldigt worden ist, ein großes
Vermögen aus Westfalen mitgenommen zu haben, schon auf dem Wege von
Kassel nach Köln gezwungen war, seine letzten Pferde, ein herrliches
Gespann von sechs Schimmeln, für neunzehnhundert Frank zu verkaufen, und
daß er schließlich nur ein bares Vermögen von 80000 Frank besaß. Er und
die Königin waren genötigt, alles, was sie an Wertsachen ihr Eigentum
nannten, -- Brillanten, Perlen, Silber, Kunstgegenstände --, zu
verkaufen, um überhaupt existieren zu können.[44]
Aber wenn er schon kein verbrecherischer Verschwender war, so ist er
doch ein Wüstling gewesen, sagen die Tugendhaften, die zwar das
"Austoben" ihrer eigenen Jugend für selbstverständlich halten, aber an
den korsischen König von 23 Jahren den strengsten Maßstab der Moral
anlegen zu müssen glauben.
Seine Zeitgenossen erzählen von ihm, wie schön und verwegen, von welch
bestrickender Liebenswürdigkeit er gewesen ist. Noch als Greis wußte er
die Menschen zu faszinieren. Küster rühmte von Kassel aus seine große
Güte für hoch und niedrig, und sein strahlendes, alle mit sich
fortreißendes Temperament;[45] Reinhard, der ihm kritisch genug
gegenüberstand, schrieb: "Nichts ist der Leichtigkeit und Würde zu
vergleichen, mit der der König repräsentiert; nichts erscheint
angelernt, nichts studiert. Man sieht, daß ihn die Krone nicht drückt,
die er trägt, weil er sich würdig fühlt, sie zu tragen."[46] Und diese
Krone fiel ihm in den Schoß, da er kaum 23 Jahre alt war! Zu gleicher
Zeit aber fesselten ihn politische Rücksichten an ein Weib, das sein
Herz nicht begehrt hatte, das er erst nach und nach zu lieben lernte.
In Kassel strömte ein buntes Gemisch von Abenteurern und alten
Aristokraten seinem Hofe zu. Viele, die sich später als Freiheitskämpfer
ihrer Vaterlandsliebe nicht laut genug rühmen konnten, umschmeichelten
ihn und empfingen dankbar Geld und Orden und Würden aus seinen Händen.
Die Frauen vor allem, ehrgeizige und leichtsinnige, solche, die den
König beherrschen, und solche, die von dem schönen Manne geliebt sein
wollten, drängten sich in seine Nähe. Und er war kein prinzipienfester
Tugendbold, -- korsisches Blut ist wild und heiß --, er liebte die
schönen Frauen. Es bedurfte keiner Verführungskünste, um sie zu
besitzen; wie der Prinz im Märchen vom Rosengarten war er: die Rosen
schmiegten sich ihm von selbst zu Füßen, er brauchte sie nicht zu
brechen. Die Gräfin Truchseß-Waldburg, geborene Prinzessin von
Hohenzollern, kam mit der Absicht, ihn zu gewinnen, an den Hof, die
Gräfin Bocholtz war ihre Rivalin in diesem Kampf.[47] Reinhard, der in
seinen Berichten nach Paris jedes Detail eines Maskenballes sorgfältig
registrierte, allen Hofklatsch der Schilderung für wert befand, weiß
wohl von denen zu erzählen, die das Herz des Königs entflammten, aber
von den wüsten Orgien, die jene übel duftende, gleich nach dem Sturz des
Königs anonym erschienene "Geheime Geschichte des ehemaligen
westfälischen Hofes zu Kassel"[48] behaglich und weitschweifig
darstellt, weiß er nichts. Auch der kleine Page von Lehsten, dessen
Erinnerungen Otto von Boltenstern kürzlich veröffentlichte, weiß nichts
davon. Von schönen Frauen und frohen Festen erzählt er, auch davon, daß
der König die Liebe genoß, aber zu gleicher Zeit erklärt er, daß die
geringste Verletzung des Anstands, daß zweideutige Äußerungen und
öffentliche Galanterien am Hofe vom König selbst auf das strengste
bestraft wurden und "kein Beispiel bekannt war, wonach die Unschuld
eines jungen Mädchens von gutem Ruf durch Verführungskünste untergraben
worden wäre".[49] Neuerdings schien dagegen ein Buch Moritz von
Kaisenbergs über Jerome dem alten Klatsch neue Nahrung zu geben. Bei
näherer Prüfung aber zeigt es sich, daß ein großer Teil der
veröffentlichten Briefe fingiert ist und dem romanhaften Charakter des
Ganzen entspricht. Die darin erzählten Schauergeschichten sind vielfach
wörtlich jener ominösen "Geheimen Geschichte" entnommen, die auch vielen
ebenso wertlosen wie tendenziösen Romanen das Material geliefert
hat.[50] Kein Patriotismus ist ja auch wohlfeiler wie der der
Beschimpfung des Feindes, und durch nichts fühlt die eigene gemeine
kleine Seele sich wohltuender erhoben, als wenn sie Hochgestellte im
Schmutze findet. Ohne diese fatale menschliche Eigenschaft würden
Klatsch und Verleumdung es nicht so leicht haben, an Stelle der Wahrheit
zu treten. Auch nicht angesichts der Person des Westfalenkönigs, dessen
Charakter eine unumstößliche Rechtfertigung gefunden hat. Für ihn gilt,
wie für Faust: das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.
Katharina von Württemberg war ihm ohne Liebe vermählt worden. Bald nach
der Hochzeit schon schrieb sie an ihren Vater: "Ich bin die glücklichste
der Frauen und kann der Vorsehung nicht genug danken, daß sie mein
Schicksal mit dem der besten der Männer vereint hat."[51] Reinhard
berichtete von Kassel aus an den Kaiser: "Das Leben der Königin ist nur
von der der Anbetung gleichkommenden Liebe zum König beherrscht."[52]
Das Tagebuch der Königin bringt auf jeder Seite die rührendsten Beweise
ihrer Liebe und ihres Vertrauens.[53] Während der häufigen Trennungen
korrespondierten die Gatten täglich miteinander, und über einen langen
Zeitraum verstreut finden sich in den Briefen der Königin folgende
Stellen: "Ich habe nur Dich in der Welt" -- "Lieber nehme ich alle
Unannehmlichkeiten auf mich, als das Unglück, Dir zu mißfallen" -- "Du
weißt, daß nichts mich so zur Verzweiflung bringt und mich so
unglücklich macht, als von Dir getrennt zu sein."[54]
Nach dem Sturze des Kaiserreichs, als Katharina für sich und ihr Kind
einer vollkommen unsicheren Zukunft entgegensah, bot ihr ihr Vater ein
Schloß in Württemberg und eine gesicherte, ihrem Rang entsprechende
Existenz an für den Preis ihrer Trennung von Jerome. Aber während
Napoleons Gattin den vom Glück Verlassenen ruhig verriet und seinen und
ihren Sohn um ihres Wohllebens willen an Österreich auslieferte, schrieb
Katharina ihrem Vater: "Durch die Politik gezwungen, den König zu
heiraten, hat das Schicksal es doch gefügt, daß ich die glücklichste
Frau wurde, die es geben kann. Alle meine Gefühle gehören ihm: Liebe,
Zärtlichkeit, Bewunderung," und sie erklärte zum Schluß: "Der Tod oder
mein Gatte, das ist die Devise meines Lebens!"[55]
Einem Mann, der ein Wüstling ist, kann eine Frau sich vielleicht aus
falschem Pflichtgefühl opfern, nie aber wird sie ihm die heiße Liebe
eines Lebens weihen, -- jene Liebe, die selbst die schwerste Probe
besteht: daß das Herz des anderen nicht stets in gleicher Liebe für sie
entbrannte.
Allen Schmutz, den Neid und Haß und böswillige Verleumdung auf Jeromes
Grab gehäuft haben, spült der Strom der Liebe Katharinas fort, und
gelingt es ihm nicht ganz, bleibt noch etwas von ihm an den bunten
Blumen der Erinnerung haften, die darauf wachsen wollen, so weiß ich von
einer anderen Liebe, einer heimlichen, stillen, die auch die letzten
Blättchen reinwäscht. Von ihr will ich erzählen.
Diana von Pappenheim
Ein alter Brief liegt vor mir, rauh das Papier, die Schrift verblaßt,
auf dem gelben, mit Stockflecken besäten Umschlag ein zerdrücktes
Siegel, das mit zierlichen Blumenkränzen umwundene Wappen der Freiherren
von Pappenheim: ein schwarzer Rabe im Schild und auf dem Helm -- ein
schwarzer Unglücksrabe. Die Adresse lautet: -A Mademoiselle Diane,
Comtesse de Waldner, Dame d'honneur de S. A. I. Madame la grande
Duchesse et Princesse héréditaire de Saxe-Weimar à Pyrmont.- Datiert ist
der Brief vom 15. Juli 1806 aus Stammen, dem Familiengut der
Pappenheims; der ihn schrieb, war der Kammerherr des Herzogs Karl August
von Weimar, Wilhelm Maximilian von Pappenheim. Der Werther-Geist der
Zeit atmet in seinem eleganten Hoffranzösisch, und seltsam warnend tönt
für den, der rückwärts schaut, die Stimme des Schicksals zwischen den
Zeilen. Also lautet er:
"Meine geliebte Freundin! Der Brief, den ich gestern das Vergnügen
hatte, Ihnen zu schreiben, wird schon in Ihren Händen sein. Ich reise
morgen früh nach Kassel und Fulda. In sechs Tagen hoffe ich wieder hier
zu sein und eine Menge Briefe von Ihnen vorzufinden .... Ich habe viele
gute Bücher eingepackt, die ich nach Weimar schicke, damit sie uns
nächsten Winter recht unterhalten mögen. Ich fühle mehr denn je, daß der
Geist immer beschäftigt werden muß, wenn wir nicht in Gefahr geraten
sollen, in unserer Entwickelung zurückzugehen, wovor uns Gott behüten
möge. Ich treffe hier alle Vorbereitungen, daß, wenn ich im Oktober oder
November auf acht Tage zurückkehren muß, Sie mich begleiten können und
gut untergebracht sind ...
Schreiben Sie mir bitte recht genau, wie Ihr Befinden ist! Sehen Sie
zuweilen meinen Freund Laffert? Rät er Ihnen nicht, das Tanzen, als ein
frivoles, für ein junges Mädchen gefährliches Vergnügen, aufzugeben?
Welche Vergnügungen haben Sie nicht, während ich es bitter empfinde,
von Ihnen getrennt zu sein ...
Ein kleiner Spaziergang in den Feldern hat mich eben zu einem Platze
geführt, wo ich vor vier Jahren begonnen hatte, einen Garten, eine
Einsiedelei, kurz einen Raum zu verwirklichen, so wie er Ihnen gefallen
würde. Das Herz klopfte mir: als ich Stammen verließ, um in Weimar
Dienst zu tun, mußte ich eine Unternehmung vernachlässigen, die mir so
viel Freude gemacht und von der ich mir so süße Freuden versprochen
hatte; die Mauer war schon zur Hälfte aufgeführt, da befahl ich, die
Arbeit zu unterbrechen, weil ich nicht mehr zurückzukehren glaubte;
jetzt, da ich mich mit einer so liebenswürdigen Frau verbinden will,
schlich sich der Wunsch, sie wieder aufzunehmen, leise in mein Herz. Wie
glücklich wäre ich, Sie mir zur Seite zu sehen in dem Lande, wo ich
geboren bin! Der Gedanke, daß Sie zu jung sind, um den Zerstreuungen der
Welt zu entsagen und auf dem Lande zu leben, stimmte mich traurig, und
ich sah, daß man nicht alles zusammen wünschen und haben kann. Wenn Sie
zum mindesten diesem Lande so viel Geschmack abgewinnen könnten, um den
Sommer hier zuzubringen! Dann hätte Weimar im Winter stets neuen Reiz
für uns beide. Das Land ist schön, man würde mit braven Menschen leben,
man genösse all das, was ich besitze, ohne jetzt irgend etwas davon zu
haben: die Jagd, die Fischerei, die Gärten, die Früchte bis hinab zu den
kleinsten Bedürfnissen des Lebens. O laß uns leben und lieben, wie
unsere guten Vorfahren hier lebten und liebten! Entschließen wir uns
dazu, uns in ein paar Jahren hier zurückzuziehen! Wollen Sie? Geben Sie
mir diese Hoffnung und glauben Sie denen nicht, die Ihnen sagen werden,
daß Sie für das Landleben nicht geschaffen sind. Sie haben Geist genug,
um mit einem Gatten, der Sie zärtlich liebt, überall leben zu können.
Während meines Lebens habe ich mich immer in den süßen Illusionen einer
vagen Hoffnung gewiegt; seitdem ich Ihnen verlobt bin, beginne ich an
ihre Wirklichkeit zu glauben. Mein Schicksal ist entschieden; ich bin
glücklich; wer aber wollte dann nicht dort leben, wo er die meisten
Freunde hat, wo er geboren ist -- in der Heimat! Wir können leicht auf
alle Karriere verzichten, wenn der Ehrgeiz und die Freuden der großen
Welt uns nicht verführen, die oft nichts als Reue hinterlassen oder nur
vorübergehende Vergnügungen bringen, bei denen Geist und Herz leer
bleiben ..."
Aus einem Bilde der Zeit, zu dem meine Augen hinüberschauen, lächelt der
üppige kleine Mund der Braut, eines entzückenden, kaum achtzehnjährigen
Mädchens mit tief in die Stirn fallendem blondem Kraushaar mir entgegen.
Diesen Brief, diesen einzigen Brief bewahrte sie von dem, der ihr Gatte
wurde, ihr Leben lang.
Im Schlosse der Eltern in Ollwiller im Elsaß, zu Füßen der alten Ruine
Freundstein, der ihr Geschlecht seinen Namen verdankte, war sie im Jahre
1788 geboren worden. Wieso sie nach Weimar kam und Maria Paulownas, der
jungen Erbgroßherzogin Hofdame wurde, weiß ich nicht. Kaum zwei Jahre
scheint sie dort gewesen zu sein. Im Herbste 1806 heiratete sie den mehr
als 20 Jahre älteren Pappenheim, ein Jahr darauf, als ihr erster Sohn
geboren worden war, erreichte ihren Gatten das Dekret des Königs von
Westfalen, das an alle im Auslande lebenden Kurhessen erging, bei
Androhung der Einziehung seiner Güter nach Westfalen zurückzukehren. Was
Pappenheim von seiner Braut vergebens erfleht, von seiner Frau vergebens
verlangt hatte, Jeromes Befehl sollte es erzwingen: das Leben in der
Heimat.
Anders freilich, als er es sich geträumt hatte: statt in den stillen
Frieden des ländlichen Besitzes führte der Weg in die rauschenden Feste
des Kasseler Hoflebens. War es sein Ehrgeiz, war es ihre Lebenslust, die
solche Entscheidung traf, -- wer weiß es? Im Sommer 1808 kam er mit
seinem kleinen Sohn und seiner hochschwangeren Frau, die im September
ihrem zweiten Sohn das Leben gab, nach Kassel.[56] Bereits im Winter
danach muß das Pappenheimsche Paar am Hof erschienen sein, und die junge
Frau mit der herrlichen Gestalt, der schneeweißen Haut, den lachenden
blauen Augen und jenem unbeschreiblichen Liebreiz, der weniger in der
Regelmäßigkeit der Züge als in der Anmut des ganzen Wesens bestand, muß
schon bei ihrem ersten Auftreten die Aufmerksamkeit aller auf sich
gezogen haben. Ihre Jugend allein, die der künstlichen Mittel nicht
bedurfte, um zu bezaubern, stellte die älteren Damen des Hofes in den
Schatten und reizte ihren Neid. Bei Gelegenheit eines Maskenballes, am
5. Februar 1809, erlaubte sich eine von ihnen unter dem Schutze der
Maskenfreiheit, Herrn von Pappenheim mit seiner so viel jüngeren Frau zu
necken; Gräfin Truchseß, so berichtete der Allerweltsgeschichtenträger
Reinhard nach Paris, machte aus dem Spaß eine große Klatschgeschichte,
die dem König zu Ohren kam und wohl bösartiger Natur gewesen ist, denn
bereits am 16. Februar erhielt die ebenso ehrgeizige wie eitle Frau den
Befehl, den Hof auf immer zu verlassen,[57] Pappenheim aber wurde zum
Grafen und zum ersten Hofmarschall ernannt, während Diana als Palastdame
in den Hofstaat der Königin eintrat.[58]
Ein Nervenleiden, das Pappenheim bereits 1795 gezwungen hatte, den
Soldatendienst als Major der kurhessischen Leibgarde aufzugeben und sich
einige Jahre in der Stille von Stammen zu erholen, machte sich
inzwischen wieder geltend; und neben ihm, dem alternden kranken Mann,
sah Diana in der Blüte ihrer Schönheit und Jugend den jungen strahlenden
König. War es ein Wunder, daß ihr Herz sich ihm hingab, vielleicht
lange, bevor sie es sich selbst gestand? Daß sie sich wehrte gegen die
erwachende Leidenschaft, daß sie dem heimlichen Werben des Königs aus
dem Wege ging, dafür zeugt ein Bericht Reinhards aus dem Jahre 1809.
Nach der Rückkehr des Königs aus Sachsen, so erzählten die bösen Zungen
in Kassel, sollte es zu einer Einigung zwischen beiden gekommen sein.
"Die Abreise der Gräfin nach Weimar," so fügt Reinhard hinzu, "straft
das Gerücht Lügen." Sie kehrte erst zurück, nachdem die Königin wieder
in Kassel eingetroffen und Pappenheim aus Aix-la-Chapelle, wo er
Genesung gesucht hatte, heimgekehrt war. "Noch kann man also," schloß
der alte Zyniker seinen Bericht, "an die Tugend der Gräfin glauben."[59]
Im März 1810 begleitete sie die Königin nach Paris. Ihr Mann jedoch wird
im Gefolge des Königs nicht genannt. Der Glanz des Pariser Lebens, wo
ein Zauberfest das andere jagte, die lachenden Frühlingstage, die bis in
den Juni hinein eine Schar fröhlicher, junger Menschen auf Frankreichs
glücklicher Erde festhielt, enthielten jene süße berauschende Luft, in
der die Blume der Leidenschaft rasch emporblüht und sich wundervoll
entfaltet. Niemand freilich wußte davon, die Lästerzungen schwiegen,
auch als es wieder heimwärts ging nach Kassel, erwähnte Reinhard in
seinen Berichten den Namen der Gräfin Pappenheim nicht, nur von der
zunehmenden Krankheit ihres Mannes war hier und da die Rede.[60] Da kam
der trübe Winter 1810/11 nach der Zurücknahme Hannovers durch den
Kaiser. Vor allen Festen fliehend, zog sich das Königspaar mit wenigen
Getreuen, unter ihnen Diana von Pappenheim, nach Napoleonshöhe zurück.
Hier, wo sie des Königs zerrissene Seele sah, wo zu der großen Liebe
jene Empfindung hinzutrat, die dem Weibe die letzten Waffen nimmt, --
das Mitleid --, öffnete sich ihm ihr Herz. In dem kleinen Landhaus
Schönfeld, zwischen Kassel und Napoleonshöhe, trafen sich die Liebenden
und vergaßen im Feuer ihrer Leidenschaft den harten Winter, der draußen
mit starren Fingern an die Fenster klopfte, und das eisige Schicksal,
das alle Blumen der Hoffnung zu knicken drohte.
Am 7. September 1811 brachte Diana das Kind ihrer Liebe zur Welt: Jenny,
die Jerome über die Taufe hielt und die, da der Gatte Dianens noch nicht
von ihr getrennt lebte, als seine eheliche Tochter anerkannt wurde. Bis
dahin hatten selbst die böswilligsten Lästerer das Geheimnis von
Jeromes und Dianens Liebesbund nicht zu entdecken vermocht, das Kind mit
den leuchtenden, dunkeln Augen, der gelblichen Haut, dem fein
geschwungenen Näschen war seine Offenbarung. War es wohl auch sein
Händchen, das den unglücklichen Pappenheim, dessen Geist sich mehr und
mehr umnachtet hatte, in das Dunkel stieß, aus dem es ein Entweichen
nicht mehr gab? Diana geleitete den Schwerkranken nach Paris und blieb
bei ihm, bis die Ärzte ihr keine Hoffnung mehr gaben. Welche Qualen
mögen sie gefoltert haben in dieser Zeit, wie zerrissen mag ihr Herz
gewesen sein von der Not des Gewissens, von der unbesiegbaren Glut
sehnsüchtiger Liebe!
1812 schrieb Reinhard nach Paris: "Die Gräfin Pappenheim ist
zurückgekehrt und wohnt gegenüber dem Schloß in der Wohnung, die der
Oberhofmarschall zuletzt innegehabt hat. Ihr Mann ist noch immer in
Paris in der Behandlung des -Dr.- Pinel."[61] Kurze Zeit später zog ein
stiller Gast in Stammen ein, und zwei Jahre noch blickten die armen,
blöden Augen über die Fluren seiner Väter hinaus, die er so sehr
geliebt hatte. Diana besuchte ihn zuweilen, er kannte sie nicht mehr.
Die drohenden Gewitterwolken, die sich um das Schicksal ihres Geliebten
zusammenzogen, vor denen so manche, die ihn in Tagen des Glücks
umschmeichelt hatten, feige entflohen, fesselten sie nur noch mehr an
seine Seite, gaben ihrer Liebe die Weihe gemeinsam getragenen Leids. Und
ein Kind von ihm trug sie wieder unter dem Herzen, ein Kind, das vor der
Welt keinen Vater haben würde. Sie prunkte nicht mit ihrer Liebe, denn
nicht Glanz und Einfluß verlangte sie von ihm, und der König war weit
davon entfernt, sich wie ein prahlerischer Roué vor der Welt mit der
schönen Geliebten zeigen zu wollen. Darum legte sich schützend der
Schleier des Geheimnisses um sie, darum enthalten selbst die späteren
Skandalgeschichten kein Wort von Diana von Pappenheim.
Ihre Entbindung stand nahe bevor, als die Russen in Kassel einzogen. Die
Angst um sie, die den König folterte, trieb ihn noch einmal nach Kassel
zurück zu jenem kurzen Aufenthalt, den niemand begriff und den seine
Feinde dahin deuteten, daß er im Schloß verwahrte Reichtümer noch
heimlich habe entfernen wollen. Er hatte noch gerade Zeit, die Geliebte
in Schönfeld in Sicherheit zu bringen, dann war mit dem Königstraum der
Liebestraum vorbei, und niemals sahen sie sich wieder!
In der Zelle des stillen Pariser Klosters -Notre-Dame des Oiseaux- saß
ein Vierteljahrhundert später eine junge Nonne am Schreibtisch und
schrieb einer fernen, unbekannten deutschen Schwester diese Zeilen:
"... Und nun, meine liebe Jenny, will ich die Zweifel zerstreuen, die
Deine Gedanken zuweilen bewegen, denn mehr als einmal habe ich, meine
geliebte Schwester, mit Madame Duperré von Deiner und meiner Geburt
gesprochen. Sie war, wie Du ganz richtig sagst, die intimste Vertraute
unseres Engels von Mutter, ihr übergab mich Mama im Augenblick meiner
Geburt. Damals, 1813, brachte der König, -- genötigt, sein Reich zu
verlassen --, noch die geliebte hochschwangere Frau nach dem Schlosse
Schönfeld, wo ich geboren wurde und dessen Namen ich trug. Da Mama
genötigt war, in Deutschland zu bleiben, und mich nicht mit sich nehmen
konnte, denn Herr von Pappenheim war schon seit langem wahnsinnig und
von ihr getrennt, vertraute sie mich ihrer besten Freundin an, nachdem
sie ihren Schmuck und alle ihre Wertsachen verkauft hatte, um meine
Existenz sicherzustellen. In der Verzweiflung dieser Stunden, wo sie
glaubte, als Buße für ihre Sünden alle Bande zwischen sich und dem König
zerreißen zu müssen, folgte sie dem Rate der Freundin und teilte ihm
mit, ich sei gestorben. Madame Duperré sagte mir, daß sie in ihrem
ganzen Leben nichts so bitter bereut habe, wie diesen Rat, den sie
erteilte, denn des Königs damals tiefverwundetes Herz litt nicht nur
sehr unter der Nachricht, es wäre für ihn eine Freude gewesen, für mich
sorgen zu können. Bei Dir lagen die Verhältnisse anders. Du wurdest
geboren, als unser Vater noch regierte und Mama und Herr von Pappenheim
formell zusammenlebten. Das ermöglichte Deine scheinbare Legitimität;
der ganze Hof jedoch wußte, daß Du des Königs Tochter seiest, und die
Natur selbst schien es beweisen zu wollen, indem sie Dich schon als
kleines Kind zu Deines Vaters genauem Ebenbild formte. Aber auch Mama
hat es wiederholt Madame Duperré versichert, und als ich mit unserem
Vater, der sich inzwischen überzeugen konnte, daß ich nicht gestorben
und nicht mit Dir identisch bin, das erstemal zusammenkam, sprach er mir
sofort von Dir und erzählte mir alles genau so, wie Madame Duperré es
mir schon tausendmal wiederholt hatte. Wir beide sind die einzigen
Kinder aus dem Liebesbund zwischen unserer Mutter und dem König.
Gottfried und Alfred sind nicht unsere rechten Brüder, denn der eine war
schon geboren, als die Pappenheims an den Hof kamen, und den anderen
trug sie gerade unter dem Herzen. Ich verstehe vollkommen, meine
geliebte Schwester, daß die Rücksicht auf das Andenken Deiner Mutter und
die Wohlfahrt Deiner Kinder Dich dazu bestimmen, Deine Beziehungen zu
Papa vor ihnen zu verschleiern. Mein und sein Wunsch beschränken sich
darauf, daß Du Deinem Herzen freien Lauf läßst, Deinem Vater all die
Liebe entgegenbringst, die er verdient und die unsere verklärte Mutter
für ihn von uns fordert.
Immer wieder hat sie in ihrem Briefwechsel mit mir von unserer Herkunft
erzählt und mir das Versprechen abgenommen, Dir nichts davon zu sagen.
'Im Augenblick aber,' so schrieb sie mir, 'wo die Verhältnisse Dir eine
Begegnung mit Deinem Vater gestatten werden, was so lange unmöglich ist,
als er im Exil lebt, und wo er Dir von Deiner Schwester spricht, soll es
Deine erste Aufgabe sein, Jenny aufzuklären und sie in meinem Namen zu
bitten, all die Liebe und Zärtlichkeit, die ein Kind seinem Vater
schuldig ist, ihm entgegenzubringen und ihn nicht des Glückes zu
berauben, der Zuneigung seiner Tochter sicher sein zu dürfen.' Dieser
Brief, liebste Schwester, aus dem ich Dir diese Zeilen abschreibe, ist
der einzige, den ich noch von unserer Mutter besitze, -- auf ihren
Wunsch mußte ich ihre Briefe vernichten --, aber dieser eine genügt
auch, um alle Deine Zweifel zu beseitigen. Nachdem er seine Aufgabe
erfüllt hat, will ich auch ihn verbrennen. In diesen stürmischen Zeiten
wissen wir niemals, was geschehen kann. Gerade uns Klosterschwestern
kann die Revolution gefährlich werden, und ich will nicht, daß irgend
etwas von unserem Engel von Mutter in Hände fallen soll, die es
entweihen. Schweren Herzens trenne ich mich von dieser letzten Reliquie,
aber dem Andenken und der Liebe zu unserer Mutter muß ich dies Opfer
bringen ...
Papa verläßt mich soeben, er trägt mir alles Zärtliche an Dich auf. Wie
sehnt er sich danach, Dich zu umarmen, aber da es in diesen Zeiten nicht
möglich ist, mußt Du ihn und mich dadurch entschädigen und unsere
Trennung erträglich machen, daß Du recht oft schreibst. Je näher ich
unseren Vater kenne, desto mehr liebe und verehre ich ihn. Ich
versichere Dich, meine liebe Jenny, man hat viel Böses von ihm erzählt,
dessen er nie fähig gewesen ist. Viel ist in seinem Namen geschehen,
wovon sein gütiges Herz nichts wußte, und Neid und Haß, die dem Glück
wie der Größe auf den Spuren folgen, haben sein Bild beschmutzt und
verzerrt. Wir haben die Aufgabe, ihn durch unsere Liebe viel
unverdientes Leid vergessen zu machen ...
Deine Schwester Pauline."
Das Leben hatte das Haar des Vaters bleichen, der Tod die schönen Augen
der Mutter schließen müssen, ehe Jenny erfuhr, von wessen Blut sie war,
und daß hinter Pariser Klostermauern ihr noch eine Schwester lebte.
In der Familie wußte jeder, daß diese Frau mit den napoleonischen Zügen
eine fremde Blume war, nicht dem friedlichen Hausgärtchen deutscher
Familiensippe entsprossen. Ihr selbst war es ein nur dunkel geahntes
Geheimnis geblieben. Auf welche Weise sie es erfuhr, weiß ich nicht,
denn die ersten Briefe der Nonne, ihrer Schwester, an sie, befanden sich
nicht in dem mir übergebenen Paket. Es enthielt nur die folgende kleine
Auswahl aus der während vieler Jahre bis zu Jeromes Tode im Jahre 1861
und bis zu dem der Nonne in den achtziger Jahren lebhaft geführten
Korrespondenz, die bloß durch wiederholten Aufenthalt meiner Großmutter
in Paris unterbrochen wurde. Die Briefe bedürfen keines Kommentars. Nur
tote Blätter sind es, und die sie schrieben, schlafen schon lange den
ewigen Schlaf, aber die Liebe, die in ihnen atmet, füllt sie mit warmem
Blut und lebendigem Leben.
Von Diana blieb nicht viel erhalten. Ein paar Bilder, von denen jedes
ein anderes Antlitz zeigt: das süße, lachende Mädchen zuerst, eine
schöne, kühle Frau zuletzt. Und ein Brief an Jenny, ihre Tochter. Wie
der des liebenden, hoffnungsvollen Bräutigams der einzige ist, der von
des unglücklichen Pappenheim Hand, trotz des Jahrhunderts, das über ihn
hinwegging, erhalten blieb, so ist der Brief der sterbenden Diana der
einzige, der von ihr zeugt. In jenem lag, dunkler Ahnungen voll, die
Zukunft verborgen, in diesem weint und schluchzt der Schmerz der
Vergangenheit. Hier ist er:
Weimar, 20. Oktober 1844.
Meine liebe Jenny!
Ich frage nicht mehr, ob ich schreiben darf -- ich schreibe! Denn ich
kann Dich versichern, daß es mir schlechter geht als im Augenblick der
Abreise. Eine tiefe Melancholie erfüllt meine Seele, eine schreckliche
Mutlosigkeit beherrscht mich. Wer nur trösten will, glaubt mir
versichern zu müssen, daß gar keine Gefahr vorhanden ist, und ich kann
nicht einmal daran zweifeln! Schon ein Monat schrecklichster Qualen, und
noch kein Schritt näher der Ewigkeit. Und all diese Leiden sollen sich
noch oft wiederholen, ehe das Ziel erreicht ist. -- O mein Gott, welchen
Prüfungen willst Du mich noch unterwerfen!
Ich möchte mich einsperren können und mich vor keines Menschen Augen
zeigen; meine Nächte sind immer schlecht, am Morgen habe ich die
Empfindung, als hätte ich eine Schlacht gewonnen. Man umgibt mit Sorge
und Liebe dieses nutzlose Leben, das zwischen Bett und Lehnstuhl hin und
her vegetiert. Wenn diese Zeilen Dir Tränen erpressen, -- ich kann's
nicht ändern, ich kann nicht anders schreiben, und Du weißt ja, daß ich
nicht sterben werde! Du darfst auch nicht daran denken, herzukommen. Du
kennst meinen Grundsatz meinen Töchtern gegenüber: daß ihre erste und
heiligste Pflicht sie neben ihre Gatten und ihre Kinder stellt. In
meinem Zustand wirken auch Schmerz und Freude gleichmäßig stark auf
mich; erlaubt man jemand bei mir einzutreten, den ich lange nicht
gesehen, so ergießt sich ein Strom von Tränen aus meinen Augen, und dann
kommt das Fieber. Vielleicht werden Monate, Jahre über meine
tiefeingewurzelte Krankheit vergehen -- wie könntest Du darüber auch nur
eine Deiner nächsten Pflichten vernachlässigen, während ich nichts
brauche als Ruhe, Stille und Einsamkeit .... Ach, könnte ich von dort
oben zu Dir hinuntersehen, dann hättest Du den schönsten Trost: meine
Mutter hat die dunkle Schranke überschritten, sie ist dort, wo mein
Wunsch und mein Gebet sie hingeleitete.
Ich schließe, meine Jenny, meine geliebte Tochter, denn kein Wort könnte
ich äußern, das nicht das Echo eines kranken Körpers und einer
tieftraurigen Seele wäre. Bete für mich, mein Kind, aber bete nicht, daß
der Gott der Güte mir dies Leben erhalten möchte, das auf mir lastet und
immer auf mir lasten wird ...
Briefe der Nonne -mère- Marie de la Croix (Gräfin Pauline Schönfeld) und
des Königs Jerome Napoleon
Paris, den 5. Februar 1848.
Im Augenblick verlasse ich meinen teuren Vater, meine liebste Schwester,
und ich beeile mich, mit Dir zu reden; da dieser beste Vater mir sehr
ans Herz gelegt hat, Dich nicht lange ohne Antwort zu lassen -- ein
überflüssiger Rat, denn meine Liebe zu Dir würde mir nicht gestatten,
Dir nicht so rasch als möglich von demjenigen zu sprechen, der uns so
sehr liebt, und dem ich so viel an Liebe weihe, als mein Herz zu geben
imstande ist. Deinen Brief, meine Jenny, erwartete ich mit größter
Ungeduld, denn jedesmal, wenn ich unseren geliebten Vater sah, frug er
danach; er schien zu ahnen, daß dieser Brief seinem Herzen wohl tun
würde. Und das geschah, meine geliebte Schwester: ich wollte, Du hättest
seine tiefe Bewegung sehen können, als er von den warmen Gefühlen
erfuhr, die für ihn in Deinem Herzen Eingang zu finden scheinen; große
Thränen füllten seine Augen, und von Zeit zu Zeit wiederholte er: "So
werde ich denn auch die Liebe meiner Jenny besitzen! Und Dir, meine
Pauline, verdanke ich dieses Glück! O sage es Deiner Schwester, daß sie
einen Vater hat, der sie zärtlich liebt und der sehr darunter gelitten
hat, sich ihrer Nähe und ihrer Zärtlichkeit nicht erfreuen zu dürfen!"
Du wirst gut tun, meine Jenny, ihm selbst zu schreiben, sein Vaterherz
würde dafür sehr empfänglich sein. Ja, meine Jenny, wir müssen uns
bemühen, ihn mit allem erdenklichen Glück zu umgeben; das ist eine
Pflicht, deren Erfüllung unser Engel von Mutter vom Himmel herab von uns
verlangt. Unser Vater sagt von ihr, daß sie eine Frau ohne Gleichen
gewesen wäre und er ihr immer das zärtlichste Andenken bewahrte.
den 6. Februar.
Wenn Du an Papa schreibst, so adressiere den Brief an mich; ich kann Dir
seine Adresse nicht geben, weil er in wenigen Tagen seine Wohnung zu
wechseln gedenkt. Es ist keine Rede davon, daß er sich etwa in der Nähe
von Paris ankauft; er hat noch keine festen Pläne, solange seine
Geschäfte nicht ganz geregelt sind. Alle Welt scheint ihm wohl gesinnt,
aber die Welt ist zuweilen falsch, darum ist er in großer Unruhe, bis
das Gesetz von der Kammer angenommen ist. Sobald die Entscheidung fällt,
teile ich sie Dir mit. Ich hoffe sehr, daß die Pension, die er fordert,
ihm bewilligt wird, denn unser guter Vater lebt auf großem Fuß, will
immer schenken und helfen und Andere glücklich machen. Für sich selbst
braucht er fast nichts, aber Anderen gegenüber ist er von einer beinahe
zu großen Generosität. Was Napoleon betrifft, so ist er der beste Sohn,
der sich denken läßt; kein Tag vergeht, ohne daß er seinen Vater, den er
vergöttert, sieht; er arbeitet viel und sucht seinem Vater alles
Unangenehme aus dem Wege zu räumen; da es aber keine vollkommenen Wesen
giebt, so amüsiert er sich und macht leider viel von sich reden, was
unseren Vater sehr beunruhigt. "Aber," so sagt Papa, "meine Predigten
packen ihn nicht, weil das Beispiel fehlt, das ihnen Gewicht geben
könnte! Die Sünden der Jugend, die wir an unseren Kindern büßen!"
Napoleon hat ein weiches Herz, was für Papa notwendig ist, da er es sehr
gern hat, von seinen Kindern zärtlich behandelt zu werden. Mathilde ist
der Gegensatz ihres Bruders, sie ist kalt, vor allem ihrer Familie
gegenüber. Sie scheint nichts zu lieben als ihre Freiheit, besucht den
Vater nur an seinen Empfangstagen und hat keinerlei Bedürfniß, ihn
allein zu sehen; sein Kommen und sein Gehen ist ihr vollkommen
gleichgültig. Sie ist eine reizende Salondame, sehr graziös, die überall
gefällt, und bei der das Amüsement an Stelle jeder Art von
Herzensbeziehungen tritt. Papa sagt, daß ihr Charakter dem von Napoleon,
dem Deinen und dem meinen vollkommen entgegengesetzt ist, und weder ihm
selbst noch ihrer Mutter gleicht. Er hofft, daß sie sich in einigen
Jahren geändert haben wird. Während der zwei Jahre ihrer Ehe war sie so
unglücklich, daß sie jetzt nichts so genießt als ihre Freiheit.
Glücklicherweise hat sie keine Kinder ... In diesem Moment ist von Papas
Familie nur Prinz Paul von Württemberg, sein Schwager, in Paris; er
sieht ihn oft. Papa ist so gut, daß alle Menschen, die ihn kennen, ihn
lieben; er will nichts anderes, als Allen Gutes tun, die ihn umgeben.
8. Februar.
Ich sah Papa soeben, der, wie immer, viel von Dir gesprochen hat: "Wie
wären wir glücklich," sagte er, "wenn Jenny, als die dritte, unter uns
sein könnte. Es gehört zu meinen größten Entbehrungen und zu den
schmerzhaftesten Strafen für meine Sünden, daß ich nicht mit Euch
zusammen leben kann!" Mathildens Kälte läßt Dich uns doppelt vermissen!
... Ich sehe jetzt häufig Frau Duperré, die sehr an Papa hängt, und für
die Papa eine dauernde, aufrichtige Dankbarkeit empfindet. Sie läßt Dich
aufs herzlichste grüßen. Laß uns nicht lange auf einen Brief warten, der
für Papa ein Herzensbedürfniß ist ... Jedes Mal, wenn wir zusammen sind,
fühlen wir, daß Du uns fehlst; wir würden uns so gut verstehen, und Papa
würde so glücklich sein! Er kommt alle anderen Tag zu mir und wiederholt
mir stets, daß seine besten Augenblicke die sind, die er bei mir
verlebt. Gestern war Papa beim König, der ihn und Napoleon sehr
liebenswürdig empfangen hat. Napoleon, der die gegenwärtige Regierung
nicht liebt, widersetzte sich zuerst, hin zu gehen, als aber Papa
bemerkte: wer das Ziel will, muß auch den Weg wollen, erklärte er
sofort, seinem Vater zu Liebe wolle er nachgeben. Sein Verdienst hierbei
ist um so größer, als er für gewöhnlich einen eisernen, unbeugsamen
Willen hat ...
Paris, 15. März 1848.
Eben erhalte ich Dein Brief, meine geliebte Schwester, und gleich setze
ich mich zum Schreiben nieder, denn um Dir eingehend zu schreiben,
brauche ich mehrere Tage. Das Schreiben wird mir sehr schwer und bei
jedem Brief zittere ich, daß es der letzte sein könnte, den ich zu
schreiben imstande bin ... Ich war recht in der Sorge um Dich, da ich
aus unseren Zeitungen erfuhr, daß auch in Deutschland und zwar besonders
in Preußen die Revolution ausgebrochen ist; Papa ließ jeden Tag, an dem
er mich nicht selbst sehen konnte, nach Nachrichten von Dir fragen, so
groß war seine Sorge in dem Gedanken, daß Preußen wie unser armes
Frankreich in fieberhafter Unruhe lebt. In diesem Augenblick ist es
ruhig in Paris, aber die Zukunft ist recht dunkel; der Handel liegt
darnieder, die Finanzen stehen schlecht; man sieht nichts als ruinierte
oder unglückliche Menschen. Ich bedaure auch von ganzem Herzen die arme
Herzogin von Orleans, die sich in ihrem Unglück so tapfer und edel
gezeigt hat; -- freilich glaube ich, daß sie glücklicher sein wird, als
sie auf dem Throne gewesen wäre! Ich gebe Dir keine politischen Details,
ich sage Dir nur, daß alle Welt traurig ist und vor den Wahlen und vor
der Nationalversammlung zittert. Papa und Napoleon haben sich, Gott sei
Dank, in nichts eingemischt und werden es auch ferner nicht tun; Papa
hat den Posten eines General-Gouverneurs der Invaliden abgelehnt. Man
hatte ihm auch eine Stellung innerhalb der provisorischen Regierung
angeboten, aber er will zu meiner Freude nichts annehmen. Ich wäre vor
Angst gestorben, wenn ich ihn in diesem Augenblick in einflußreicher
Stellung hätte sehen müssen. Er denkt nicht daran, Paris zu verlassen,
weil, wie er sagt, sein Herz fern von mir zu sehr gelitten haben würde.
Sieben Tage lang konnten wir uns nicht sehen, weil die Barrikaden jede
Kommunikation unmöglich machten. Unsere erste Zusammenkunft nachher hat
uns fast ebenso erschüttert, wie die, die ich zu allererst mit meinem
geliebten Vater gehabt habe. Wir entschädigen uns jetzt für die
Trennung, denn es vergehen nicht zwei Tage ohne ein Zusammensein. Du
bist am häufigsten der Gegenstand unserer Unterhaltung.
Was ich am meisten in Papas Charakter bewundere, ist seine
unbeschreibliche Güte. Nie wird man ihn irgend etwas Schlechtes von
anderen sagen hören; er findet immer noch eine Entschuldigung oder
Erklärung, selbst für eine Handlungsweise, die sich gegen ihn richtet,
und weiß bei Jedem eine gute Seite zu entdecken.
den 16. März.
Ich kehre heute zu Dir zurück, in Erwartung des Besuchs von Papa. Ich
habe ihm soeben einen Eilboten geschickt, um ihn wissen zu lassen, daß
es Dir gut geht und ich einen langen Brief von Dir habe, er hat mir
daraufhin sagen lassen, er werde in zwei Stunden hier sein, um Näheres zu
erfahren. Du siehst, liebste Schwester, wie sein Herz an Dir hängt, und
meins erfreut sich seiner Liebe zu Dir ebenso wie der zu mir selber ...
Paris, den 3. April 1848.
Meine liebe, gute Jenny!
Dein Brief, den ich eben durch Deine Schwester erhalte, macht mich sehr
glücklich, er ist für mich ein wahrer Trost inmitten der großen
Umwälzungen, von denen Niemand (er mag welche persönlichen
Lebenserfahrungen immer haben) sagen kann, wohin sie führen werden!!
Du hast sehr recht, mein geliebtes Kind, die Bande, die uns verbinden,
sind heilig wie die Natur; ihr Geheimniß soll, solange wir leben, unter
uns bleiben: Deine wundervolle Mutter hat es mit sich gen Himmel
genommen. Dich, liebes Kind, das ich in meinen Armen gehalten habe, noch
ehe Deine Augen sich dem Licht öffneten, Dich, von der ich lange
glaubte, Du seist Pauline, die Nonne, -- Dich habe ich nie vergessen;
Dich in meine Arme schließen, Dir meinen Segen geben zu können, wie ich
ihn Dir jetzt nur schriftlich senden kann, wird ein Tag des Glückes für
mich sein. Küsse Deine Kinder im Namen des alten, bis zu dieser Stunde
ihnen unbekannten Freundes: in Zukunft wird meine Jenny es verstehen,
ihnen Zärtlichkeit und Liebe für ihn einzuflößen! Wenn Werner jetzt um
Dein Geheimniß weiß, so drücke ihm dankbar die Hand für das Glück, das
er Dir gegeben hat. Ich drücke Dich an mein Herz und segne Dich als Dein
Dich liebender Vater
Jerome.
Paris, 24. Mai 1848.
Meine liebe Jenny!
Auf Deinen lieben Brief vom 12. vorigen Monats habe ich lange nicht
geantwortet -- nicht etwa, weil ich mich nicht mit Dir beschäftigt
hätte, mein liebes Kind, bist Du doch der Mittelpunkt aller Gespräche
zwischen mir und Deiner vortrefflichen Schwester, sind doch die Stunden,
die ich bei ihr bin, meinem Herzen die teuersten!! Wir leben hier auf
einem Vulkan, mein Kind, aber ich vertraue dem Stern dieses großen und
edlen Frankreich, für das ich noch mit Freuden die letzten Jahre, die
mir zu leben übrig bleiben, opfern möchte! Es scheint mir nebenbei, daß
es auch in Eurem Lande nicht friedlicher ist, was mich sehr beunruhigt
-- habe ich doch auch dort Wesen, die meinem Herzen teuer sind! Küsse
aufs zärtlichste Deine lieben kleinen Kinder; lehre sie, mich zu lieben,
ohne daß sie einen Augenblick aufhören, das Andenken ihrer herrlichen
Großmutter zu ehren! Ich verlasse mich auf meine Jenny, daß dieses Ziel
erreicht wird! Drücke Deinem Mann in meinem Namen herzlich die Hand; in
diesen Zeiten müssen die Männer vor allem einander entgegenkommen;
vielleicht ist die Zukunft nicht so dunkel, als Viele es glauben
annehmen zu müssen. Ich segne Dich, meine liebe Jenny, und drücke Dich
an mein Herz.
Jerome N.
24. Mai 1848.
Papa verläßt uns soeben, und ich kehre zu Dir zurück, meine Jenny. Ich
habe ihm das Bild der Mutter gezeigt, er hat es ähnlich, aber lange
nicht hübsch genug gefunden, er wird es kopieren lassen, da er sich
nicht mehr davon trennen mag. Auch eins von ihm selbst will er für Dich
malen lassen, und sobald beide fertig sind, sollst Du sie bekommen. Im
Gedanken daran, Dir eine Freude zu machen, ist er jetzt schon ganz
glücklich. Er küßt Dich so zärtlich, wie er Dich liebt, und er läßt mich
noch hinzufügen, daß die Größe dieser Liebe der Größe seiner ganzen
Liebesfähigkeit entspricht. Lebewohl, liebste Schwester, antworte bald
und glaube an die aufrichtige Liebe Deiner Schwester
Pauline.
Schicke doch ja Deine Lithographie, das würde Papa so große Freude
machen!
Paris, den 16. Juni 1848.
Meine liebe, gute Jenny!
Ich bin seit einigen Tagen im Besitz Deines Briefes vom 3., ohne daß ich
bisher einen Augenblick gefunden hätte, um Dir zu schreiben und Dir zu
sagen, wie Deine Zärtlichkeit mich stets aufs neue beglückt. -- Ich höre
mit Freuden, daß es bei Euch ruhiger ist; was uns betrifft, so sind wir
einer vollkommenen Organisation und der notwendigen Ruhe, um zu ihr zu
gelangen, noch sehr fern; hoffen wir, daß es nicht mehr lange dauern
wird, und daß unsere konstituierende Kammer, die die besten Absichten
hat, bald eine von dieser edeln und großmütigen Nation anzunehmende
Verfassung schaffen wird -- dieser Nation, die noch immer bereit war,
für die Sache der Gerechtigkeit und die Größe ihres Namens die größten
Opfer zu bringen! -- -- Ich habe das Bild Deiner herrlichen Mutter
kopieren lassen und Pauline für Dich übergeben, die es jedoch nicht eher
abschicken will, als bis sie das meine beilegen kann, was die Sendung um
einige Tage verzögert. Ich hoffe, meine Jenny, daß die Dinge sich so
einrichten lassen, um unser Zusammensein zu ermöglichen und mir zu
gestatten, Dir vor meinem Tode meinen väterlichen Segen zu geben. Grüße
Deinen Mann, küsse Deine Kinder zärtlich von mir und sei versichert,
liebes Kind, daß Du nicht lebhafter als ich wünschen kannst, einander zu
sehen -- es wäre ein Augenblick des Glücks nach Jahren des Kummers. Ich
küsse Dich zärtlich.
Jerome.
Paris, 16. Juni 1848.
Du wirst angenehm überrascht sein, liebste Schwester, so rasch einen
Brief von uns zu erhalten, aber Papa hat einen Augenblick der Ruhe mit
Eifer ergriffen, um mit Dir zu sprechen, um Dir zu sagen, wie er Dich
liebt. Die politischen Ereignisse verjüngen den geliebten Vater nicht;
er ist sehr müde, ohne eigentlich krank zu sein. Übrigens wünscht er
sehnlich, daß wir uns alle acht Tage schreiben möchten, da es ihm recht
lang erscheint, immer vierzehn Tage warten zu müssen. Das Bild der
Mutter habe ich; ich zögere aber mit der Absendung, bis das von Papa
fertig ist; zu gleicher Zeit werde ich Dir Haare von ihm und vom Kaiser
schicken. Der Ausdruck Deiner Liebe macht unseren Vater sehr glücklich!
Je mehr ich ihn kenne, desto mehr liebe ich ihn, aber mein armes Herz
blutet, wenn ich sehe, wie die politischen Verhältnisse sich scheinbar
zu seinen Gunsten umgestalten; sein Name hallt überall wider; eine
starke Partei steht auf Seiten seiner Familie und wünscht, sie am Ruder
zu sehen. Doch der Wankelmut des Volks, seine Unbeständigkeit in der
Neigung läßt mich den Moment fürchten, wo sie die Regierung in Händen
haben könnten. Der Gedanke macht mich zittern, daß traurige Ereignisse,
in die die Familie verwickelt wird, die alten Tage unseres Vaters zu
beunruhigen vermöchten. Ich wäre außer mir, wenn dieses gütige Herz noch
einmal durch Kummer zerrissen würde. Unser geliebter Vater sieht die
Dinge anders an; er glaubt, wenn Gott die Bonapartes wieder an die
Spitze der Regierung stellt, so wird es für die Dauer sein.
Unglücklicherweise denken andere nicht wie er, sie wissen, wie wenig man
auf die Sympathien und Antipathien der Völker bauen kann, wie wenig
besonders auf die des französischen Volks. (Unter uns gesagt! Denn Papa
kann es gar nicht genug loben, und wir sind darin immer verschiedener
Ansicht.) Louis ist nicht in Paris; er hat Kandidaturen, die man ihn in
verschiedenen Departements anbot, abgelehnt, aber seine Anhängerschaft
ist eine so große, daß er wohl bei einem neuen Anerbieten zur Annahme
gezwungen werden wird. Ich sehe mit Beunruhigung, daß Papa vielleicht
gezwungen werden wird, sich in die Dinge zu mischen, obwohl er es bisher
vermieden hat; der Wunsch, seinem Vaterland nützlich zu sein, sein
schönes Frankreich dem Sumpf zu entreißen, in den es zu versinken droht,
wird ihn vielleicht dazu bestimmen ... Lebwohl, liebste Schwester. Ich
bin zu erregt, um genau zu wissen, was ich schreibe. Die Angst, daß
Ereignisse eintreten könnten, die dem geliebten Vater Unglück bringen,
foltert mich ... Wenn Du Nachrichten von der Herzogin von Orleans hast,
teile sie mir mit, da sie mich sehr interessieren ... Hoffen wir, daß
glückliche Umstände uns bald zusammenführen. Schreibe unserem Vater
immer recht liebevoll, weil er Dich so zärtlich liebt.
Deine treue Schwester Pauline.
Paris, den 15. November 1848.
Meine liebe, gute Jenny!
Es ist grade an diesem Tage, daß ich Dich in meine Arme schließen
möchte, aber ich hoffe (wenn die Ereignisse sich nicht ändern), daß ich
im Laufe des nächsten Jahres dies Glück haben werde: es wäre das größte
Glück für Deinen Vater, mein Kind; es würde mich wieder jung machen,
meine Jenny, und indem ich Dich und Deine Kinder segnen könnte, würde
ich hoffen, ihnen Glück zu bringen. Deine kleine Zeichnung hat mir die
größte Freude gemacht; in Gedanken sehe ich Dich auf deiner hübschen
Terrasse sitzen, Deinen kleinen Werner um den Blumenkorb springend!
Küsse Deine Kinder in meinem Namen, und drücke dem Manne
freundschaftlich die Hand, der über dem Glück meiner Jenny wacht. Ich
schreibe bei Deiner Schwester, damit mein Brief sich nicht länger
verzögert. Ich drücke Dich an mein Herz und segne Dich.
Dein Dich liebender Vater Jerome.
Paris, den 11. Oktober 1849.
Meine liebe Jenny!
Trotz meines Schweigens liebe ich Dich nicht weniger zärtlich und denke
nicht weniger an Dich, mein liebes Kind, die ich noch viel mehr liebe,
seit ich das Glück habe, Dich bei mir zu sehen: ich bitte Dich, sage
Deinem Mann, wie ich ihm immer dafür dankbar sein werde, daß er Dir
erlaubte, einige Tage bei mir zuzubringen. Ich hoffe, liebe Jenny, daß
ich, sobald die Zeiten bei Euch und bei uns ruhigere sind, wieder das
Glück haben werde, Dich in meine Arme zu schließen, und daß Du dann mit
Deinem Mann und Deinen Kindern kommst. Dein Brief, so gütig wie Du
selbst, meine Jenny, hat mich sehr glücklich gemacht. Ich küsse Dich
zärtlich.
Dein Dich liebender Vater Jerome.
Sprich oft von mir mit Deinen Kindern!
Paris, den 1. Februar 1850.
Meine liebe Jenny!
Ich beantworte Deine liebevollen Briefe, die ich immer voller Freude
wieder lese; heute, mein liebes Kind, bestätige ich Dir auch den Empfang
Deines Briefes vom 24. an Deine Schwester. Ach, meine gute Jenny, diese
teure Schwester verliert ihr Augenlicht vollkommen, nachdem sie während
mehr als vierzehn Tagen die schrecklichsten Schmerzen ausgestanden und
mit einem wahren Heldenmut ertragen hat! Ich komme eben von ihr; sie
hört nicht auf zu weinen, was ihr Auge noch mehr angreift; ich will sie
nun einer homöopathischen Kur unterwerfen; nicht weil ich große
Hoffnungen daran knüpfe, aber weil ich nichts unversucht lassen will. --
Was das geliebte Kind vor allem verzweifelt macht, ist der Gedanke,
ihren Vater, ihren Bruder und ihre geliebte Jenny, an die sie bald nicht
einmal mehr schreiben darf, nicht mehr sehen zu können! Du wirst meinen
Schmerz verstehen!
Küsse zärtlich Deine Kinder, grüße Deinen vortrefflichen Mann, und
zweifle niemals an meiner väterlichen Liebe. Ich drücke Dich an mein
Herz, mein liebes Kind.
Dein treuer Vater Jerome.
Paris, 10. Juli 1850.
Mein geliebtes Kind!
Deinen lieben entzückenden Brief vom 12. April habe ich längst
beantwortet; Deine Schwester wird Dir gesagt haben, durch welches
Mißverständniß er nicht in Deine Hände gelangte; damit sich das nicht
wiederholt, übergebe ich ihr diesen Brief zur Weiterbeförderung. Du
kannst, meine liebe Jenny, nichts Gutes und Zärtliches an Deinen Vater
schreiben und für ihn empfinden, was ich nicht mindestens in gleicher
Stärke für Dich und Deine liebe Familie empfinde; ich hoffe bestimmt,
daß die Dinge sich so einrichten lassen, daß ich Euch alle während
einiger Wochen bei mir haben kann. Es ist das ein schöner Traum in
meinem Leben, den ich zu verwirklichen hoffe, ehe ich sterbe, denn ich
liebe Dich und Deine Kinder, als hätte ich Euch alle erzogen und vor mir
aufwachsen sehen; ich liebe meine Jenny so sehr, daß ich wünschte, ich
könnte für meinen lieben Napoleon eine Frau finden, die ihr ähnlich ist.
Meine liebe Pauline ist mein ganzer Trost, sie ersetzt mir M., die ich
nicht mehr sehe!!! Ich küsse Dich zärtlich, geliebtes Kind, mit Deinen
Kindern, die hoffentlich wissen, daß ich noch lebe; alles Gute Deinem
lieben Mann, und Dir, mein liebes Kind, all meine Zärtlichkeit und
väterliche Liebe.
Dein Dich liebender Vater
Jerome.
Chateau de Gourdex, 17. September 1850.
Meine gute und innig geliebte Jenny!
Dein lieber Brief vom 10. vorigen Monats beweist mir wieder, daß mein
liebes Kind ihren Vater, der sie so zärtlich liebt, nicht vergißt, und
das macht mich um so glücklicher, als mein Herz von andrer Seite so
unnatürlich erkältet wird! Es ist ein Ersatz, den Gott mir gab, und für
den ich ihm täglich danke. Unsere liebe Pauline ist immer gut, zärtlich,
liebevoll und befindet sich trotz des schlechten Sommers nicht übel. Ich
bin seit gestern hier, beim schönsten Wetter der Welt, in einer
reizenden Gegend, in vollster Ruhe und allein, ich habe nicht einmal
einen Adjutanten bei mir; ich bedarf der Ruhe, denn die Dinge stehen
schlecht bei uns, und Niemand kann voraussehen, wohin sie führen werden.
Ich habe mich vollkommen von der Politik zurückgezogen, und indem ich
aufs Land ging, habe ich dies öffentlich konstatieren wollen. Ich
vermisse nur meine liebe Pauline, denn Napoleon wird mich nächsten
Sonnabend besuchen. Daß ich Euch, meine Jenny, nicht Alle bei mir haben
kann: Dich, Deinen Mann und Deine Kinder, von denen ich hoffe, daß sie
sich um ihre Liebe für mich nicht erst bitten lassen müssen! Lebwohl,
meine Jenny, ich drücke Dich an mein Herz; küsse Deine Kinder und ihren
Vater, der Dich glücklich macht.
Dein Dich liebender Vater
Jerome.
Gourdex, den 14. Okt. 1850.
Meine geliebte Jenny!
Ich erhalte soeben Deinen lieben Brief vom 4., und ich antworte sofort,
um mich mit Dir, die mich so gut versteht, zu unterhalten. Ich bin
wirklich in einem reizenden, bequemen Haus sehr gut und nach jeder
Richtung hin angemessen unterbracht; die Marquise und ich sind fast
immer allein, selbst mein Adjutant darf nur kommen, wenn er gerufen
wird. Mein lieber Napoleon kommt alle acht Tage, um 24 Stunden mit uns
zuzubringen und dann nach Paris zurückzukehren, wo er eine Arbeit
vollendet, die ihm Ehre machen wird. Ich verlasse Gourdex nur, um meine
liebe Pauline, die recht leidend war, zu sehen; der Weg von Chartres
nach Paris ist eine Spazierfahrt von nur drei Stunden.
Ich bin weit davon entfernt, liebste Jenny, der Politik zuzustimmen, die
die Regierung einschlägt; ich habe mich auch vollkommen von den
Geschäften zurückgezogen; ich bleibe in meinen alten Tagen mit meinen
Erfahrungen allein.
Mit Freude sehe ich, meine Jenny, daß, wenn die politische Situation es
nicht verhindert, die Dinge sich so arrangieren, daß Du binnen kurzem
mit Deinem Mann und Deinen Kindern einige Wochen in Gourdex zubringen
kannst. Ich werde Dir demnächst Näheres darüber schreiben, ebenso über
einen schon halb reifen Plan, den ich für meinen lieben Napoleon habe.
-- Lebwohl, geliebtes Kind, grüße Deinen Mann, küsse zärtlich Deine
Kinder im Namen von Mamas altem Freunde, der ihnen seinen Segen schickt.
Ich drücke Dich an mein Herz, mein liebes Kind.
Dein Dich liebender Vater
Jerome.
Paris, 26. Januar 1851.
Meine geliebte Jenny!
Alle Tage seit längerer Zeit greife ich zur Feder, um Deine guten
zärtlichen Briefe, die mich so beglücken, zu beantworten, und alle Tage
lege ich sie wieder fort, weil ich hoffe, Dir endlich einmal über die
Situation, die mich so sehr bewegt, etwas Tröstliches sagen zu können.
Ich hoffe, daß der gute Genius meines Vaterlandes es dem Unheil
entreißen wird: Du weißt, liebes Kind, daß ich es mir zum Gesetz gemacht
habe, ungefragt keinen Rat zu erteilen, und mich aller Politik fern zu
halten; auch sehe ich meinen Neffen höchst selten, damit man nicht
behaupten kann, daß ich ihn nach irgend einer Richtung hin beeinflusse.
Ich sehe aber nur zu deutlich die ganze Gefahr der Lage, die, durch die
Intrigen der Herren Thiers und Konsorten, alle Tage kritischer wird.
Ich habe voller Freude die Bilder Deiner Kinder erhalten, ich habe sie
einrahmen lassen und sie stehen vor mir; küsse sie zärtlich von mir. --
Unserer lieben Pauline geht es besser, und ich hoffe, ihr Auge wird
erhalten werden. Ich freue mich, daß das gerechte Avancement Deines
Onkels Dich beglückt hat; ich habe sehr wenig Teil daran; er hat es sich
durch seine Talente und seinen eigenen Wert selbst geschaffen. Ich
bedaure nur, daß er den alten Invaliden vergessen hat und ich ihm nicht
die Hand drücken kann.
Ich presse Dich an mein Herz, geliebtes Kind, und segne Dich. Wollte
Gott, alle meine Kinder wären so gut wie Du und die liebe Pauline!
Jerome.
Gourdex, den 22. Februar 1851.
Das Bildchen unseres lieben Otto, meine geliebte Jenny, macht mir die
größte Freude; von Dir gemalt, liebes Kind, ist es eine doppelte Freude
für Deinen alten Vater. Ich danke Dir und segne Dich für die Freude, die
Du mich empfinden läßt. Umarme Deine Kinder, indem Du meiner gedenkst!
Ich hoffe, meine Jenny, daß ich nicht sterben werde, ohne Dich und Deine
Kinder wiederzusehen. Wenn Gott es will, daß die Geschicke meiner
Familie sich konsolidieren, so sollen die, die meinem Herzen nahe
stehen, nicht vergessen werden! -- Seit einem Monat erfreue ich mich
hier der vollkommensten Ruhe bei einem Wetter, einer Sonne, die ich in
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