geblieben war, gehörte Jenny Gustedt. "Du bist ein Vermächtniß, eine
Erinnerung und ein Gegenwartstrost," schrieb ihr Walter, "Du, die Du
verstanden hast, in dieser Welt weiter zu leben." Und von Wolf erhielt
sie kurz vor ihrer Ankunft in Weimar diese Zeilen: "Seit der Mutter Tod
lebe ich nicht mehr. Ich passe auch zu nichts anderem, als allein zu
sein. Dich aber will ich wie ein Stück meiner selbst und wie das
Allerbeste begrüßen." Von nun an war sie wieder einer der häufigsten
Gäste in den Dachstuben. "Ich möchte Lebenswärme hineintragen, da es
keine Gottesliebe sein kann," sagte sie. Daß ich sie begleiten durfte,
war eine große Vergünstigung, die ich wie ein Geschenk aus einer höheren
Welt empfing. Mit angehaltenem Atem und pochenden Schläfen stieg ich mit
ihr die Treppe empor. Es schien mir wie Frevel, diese Stufen, die Goethe
gegangen war, mit denselben Schuhen zu betreten, an denen der Staub der
Straße haftete. Eine uralte Frau öffnete uns. Ich zitterte wie vor einer
Erscheinung: auch sie, die alte Dienerin, hatte Goethe noch gekannt! An
der Schwelle blieb ich wie verzaubert stehen: Goethe selbst mit lebendig
leuchtendem Blick sah mir entgegen. Es war das Stielersche Bild, das an
der Wand gegenüber hing. Und ich übersah angesichts dieser Gestalt den
unscheinbaren kleinen Mann, der uns entgegengekommen war: Walter
Goethe. Als dann aber die Türe aufging und sein Bruder eintrat und
plötzlich ein paar große, ernste, forschende Augen auf mich richtete,
kam ich zu mir. Während Großmama und Walter plauderten, stand Wolf auf
und ging mit mir herunter. Kein gläubiger Katholik kann die Kapelle der
wundertätigen Madonna mit inbrünstigeren Gefühlen betreten, als ich die
Zimmer Goethes. Wie ein Sturm brauste es mir dabei in den Ohren, so daß
ich nicht hörte, was mein Begleiter sprach. Im Arbeitszimmer des
Dichters ließ er mich allein. Wie lange ich dort in Andacht versunken
blieb, weiß ich nicht. Der kleine Garten lag im Sonnenlicht unter mir,
nichts regte sich; nur durch meinen Kopf und mein Herz spukten Träume
und Phantasien. Großmamas Stimme riß mich aus meiner Versunkenheit. Wir
gingen still nach Hause, während über die dunklen Bäume des Parks
rosenrote Abendwölkchen zogen. Zurück in die große Vergangenheit
schweiften die Gedanken der alten Frau, vorwärts in die unbekannte,
geheimnisvolle Zukunft wanderten die des Kindes neben ihr.
Fast drei Monate war ich bei Großmama geblieben, schweren Herzens
trennte ich mich von ihr, denn selbst der Briefwechsel, der von nun an
ein immer regerer wurde, war nur ein schwacher Ersatz für den täglichen
Umgang, für den ständigen Einfluß dieser in ihrer Güte, ihrer
Anteilnahme, ihrer freundlichen Stimmung sich stets gleichbleibenden
Frau. Nie hörte ich ein ungeduldiges Wort von ihr, nie kam das ein
weiches Kindergemüt so oft verbitternde "das verstehst du nicht" über
ihre Lippen, niemals verfiel sie in den Ton des Moralpredigers oder
suchte mir ihre religiösen Ansichten aufzudrängen; aber gerade weil sie
keine Autorität über mich zu gewinnen suchte, wurde sie mir zur höchsten
Autorität. --
Dasselbe Jahr führte uns noch einmal zusammen. Ihren jüngsten Sohn, den
schließlich die Verhältnisse genötigt hatten, sich von der Garde fort
nach dem fernen Osten versetzen zu lassen, hatte das Leben in die
Schule genommen und ihn gelehrt, was er von der Mutter nicht hatte
lernen wollen; sein Leben war, zu ihrer Beruhigung, in ein anderes
Fahrwasser geraten, und als er ihr seine Verlobung mitteilte, die die
Umwandlung des Offiziers in einen seßhaften Gutsbesitzer in Aussicht
stellte, freute sie sich dessen um so mehr, als all ihre Hoffnungen und
Träume, die sie einst an die Tätigkeit ihres Gatten als Gutsherrn
geknüpft hatte, nun mit alter Lebendigkeit wieder erwachten. Im Herbst
des Jahres 1877 vereinigte sich die ganze Familie in Ostpreußen zur
Hochzeit, und meine Großmutter benutzte die Gelegenheit, um Verwandte,
die sie seit ihrem Abschied von Rosenberg nicht gesehen hatte, wieder
aufzusuchen. Von der Besitzung ihrer Schwägerin, der Gräfin Kleist, aus
schrieb sie nach Weimar: "Wir bleiben noch diesen Monat hier, dann kehre
ich heim, und es wird mir sehr gut tun, wenn ich wieder in meiner grünen
Stube und bei meinen alten Freunden bin, obwohl es mir in meinem lieben
Preußen recht gut gefällt ... Körperlich ist mir nicht ganz wohl, und
das mahnt an die Weisheit bei alten Leuten, nicht zu reisen. Zwar sind
es nur kleine Unbehagen, die nicht stören, wenn man nicht immer die
Sorge wie eine beharrliche Herbstfliege verscheuchen müßte, außerhalb
seines zu Hause krank zu werden ... Ich habe 14 Tage in Lablacken
zugebracht und ein schönes Gut, eine liebe Schwiegertochter und einen
Sohn, der zufrieden ist, gefunden. Wenn ich Dir Alles erzählen wollte,
würde ich viele Seiten des dünnsten Papiers beschreiben müssen, so muß
ich für unsere Winterabende Alles aufbewahren, um so mehr, als Alles so
ganz anders ist, als was Du kennst, daß wirklich nur mündlich und mit
den Ausdrücken von Auge, Stimme und zeichnendem Finger eine Schilderung
möglich ist ..." In einem anderen Briefe heißt es: "Nun muß ich Dir noch
sagen, daß sich meine untergegangene Freudefähigkeit aus ihrem
Scheintode rührt durch das Glück meines geliebten Sohnes ... Aber noch
mehr durch seine zunehmende Ähnlichkeit mit seinem Vater, durch seinen
Ernst und seine Männlichkeit. Hier darf ich auf einen Ruhepunkt für
meine Gedanken und meine Muttergefühle hoffen, der um so notwendiger
ist, als es sonst der Sorgen gar zu viele giebt."
Ihr armes Sorgenkind Otto hatte, körperlich zum Militärdienst nicht mehr
fähig, den Abschied nehmen müssen, und sein Leben spielte sich zwischen
Plänen zu neuer Tätigkeit und steten Enttäuschungen, wenn es an ihre
Ausführung gehen sollte, ab. Dazu kam die zunehmende Schwierigkeit
seiner ökonomischen Lage, aus der die Mutter ihn immer wieder zu
befreien suchte. Aber auch dort, wo ihre Sorgen bisher die wenigste
Nahrung fanden, bei ihrer Tochter, war vieles anders geworden. Zwar war
die militärische Karriere meines Vaters eine ungewöhnlich gute, und die
Zukunft schien in der Richtung gesichert, aber mit jeder höheren
Stellung wuchsen die Ansprüche an sie und die Verpflichtungen, die sie
auferlegte, ohne daß ihr Einkommen in gleichem Verhältnis zunahm. Es
entstand jenes Mißverhältnis, dessen ganze nervenaufreibende Qual nur
der ermessen kann, der es selbst erlebte, zwischen einem glänzenden
Leben nach außen mit ausgedehnter Geselligkeit, schönen Toiletten und
einem großen Haushalt und der ängstlichen Sparsamkeit nach innen, die
meiner Mutter früh jeden Frohsinn nahm und das Familienleben mit jener
Gewitterschwüle erfüllte, die sich schwer auf die Brust eines jeden
legte und den freien Atem beengte. Wer anders war es, als wieder die
Großmutter, die helfend einsprang, sei es durch materielle Opfer, sei es
dadurch, daß sie Tochter und Enkelin monatelang zur Kräftigung ihrer
zarten Gesundheit und zur Erleichterung des Lebens mit sich nahm, wenn
sie nach Karlsbad, nach der Schweiz oder nach Tirol reiste. "Alle
irdischen Hoffnungen, die noch so sicher erschienen, erwiesen sich in
meinem Leben als auf Sand gebaut," schrieb Jenny Gustedt im Hinblick auf
das Schicksal ihrer Kinder; "es ist das der Weg, den Gott mit uns geht,
um uns zu der Erkenntniß zu führen, daß Alles eitel ist und nur Eins not
thut. Ich würde auch für mich selbst nicht klagen, denn ich verstehe
den Lehrmeister und habe immer mehr irdischen Ballast über Bord
geworfen. Aber meine Kinder verstehen ihn ganz und gar nicht. Ihnen wird
irdisches Unglück nicht zur Stufenleiter geistigen Wachstums; sie
vermögen ihm nicht ruhig ins Gesicht zu sehen, es willkommen zu heißen
mit der Frage: wohin führst Du mich? Ich bin bereit! Und was mich für
sie doppelt sorgenvoll in die Zukunft sehen läßt, das ist die Tatsache,
daß sie ja vom eigentlichen Unglück, von wirklichen Nahrungssorgen, von
leiblicher oder seelischer Gefährdung der Kinder noch gar nichts wissen;
wie würden sie das ertragen, da sie schon jetzt sich als zu schwach
erweisen ... Ich frage mich oft, was ihnen besser ist, wenn ich in ihrer
Nähe oder wenn ich fern von ihnen bin, aber da ich, so schmerzlich auch
diese Erkenntniß ist, mit meinem Rat und Beispiel gar nichts und nur mit
materieller Unterstützung helfen kann, so ist es besser, ich bleibe in
Weimar und erhalte mich in der dortigen, mir so wohltuenden Atmosphäre
ihnen so lange wie möglich."
Die Entfernung allein war auch imstande, ihre Gedanken und Empfindungen
abzulenken und ihr noch ein persönlich reiches Leben zu sichern, wie
Weimar es ihr bieten konnte. Bald nach ihrer Rückkehr aus Ostpreußen
schrieb sie mir von dort: "Warm und freundlich haben meine stillen
Stuben mich wieder aufgenommen. Mein guter Schwager, der liebe
Großherzog, Walter Goethe und alle anderen Freunde und Freundinnen kamen
mir entgegen, als hätten sie mich alle sehr vermißt, und es gab ein
Fragen, ein Erzählen ohne Ende. Viele schöne Blumen haben mein Zimmer in
einen Garten verwandelt, eine Reihe schöner Bücher lassen mich schon die
Abendfeierstunden ahnen, bei denen Du, mein Lilychen, mir recht fehlen
wirst. Ich wünschte, Du wärst wieder unter meinem Dach, wo es Dir so gut
gefällt und Dein leider sonst so verschlossenes Herzchen Dir wieder
aufgehen würde. Jedenfalls sollst Du wissen, daß Du mir immer alles
sagen kannst, ohne ein Mißverstehen zu fürchten. Deine alte Großmama
war auch einmal jung und war wie Du ..." Nachdem ich es mit Großmamas
Hilfe erreicht hatte, daß meine Briefe nicht mehr als Stil- und
Schönschreibübungen betrachtet wurden, die vor der Absendung die Kritik
beider Eltern zu bestehen hatten, schrieb ich ihr oft, und jede Antwort
von ihr war ein Fest, das mich nach dem lieben Weimar zurückzauberte.
"Du würdest Dich wie ein Fischlein im Bache wohl fühlen," schrieb sie
mir im Sommer 1878, "wenn Du all die Herrlichkeit mit erleben könntest,
von der jetzt ganz Weimar voll ist. Im Juni war hier die Erstaufführung
von Wagners 'Rheingold'. Es wimmelte von Musikbeflissenen -- echten und
unechten -- aus aller Herren Länder, und jeder dritte Mensch, dem man
begegnete, war eine Berühmtheit oder eine, die es werden wollte. Da
hätte doch mein Lilychen hineingepaßt?! Ich habe den Strom an mir
vorüberfluten lassen, habe ganz im Stillen manches Schöne gehört, habe
unter anderem auch die Wagnersche Nibelungendichtung gelesen, die aber
dem Original nicht gerecht wird. Die germanischen Göttersagen haben mir
sowohl vom aesthetischen wie vom sittlichen Gesichtspunkt immer viel
höher gestanden als die griechischen; sie sind ein unerschöpflicher
Quell für die epische und die dramatische Dichtung, der aber in seiner
lebendigen Urkraft nur in den Dramen Hebbels zu spüren ist. Hebbel als
Dichter -- Wagner als Komponist -- das wäre vielleicht die richtige
Mischung gewesen, da einen Goethe und einen Wagner zusammen zu wünschen,
eine Vermessenheit wäre ... Was mir einen sehr fatalen Eindruck machte,
ist das genialische Geberden, das sich die Kunstjünger beiderlei
Geschlechts jetzt angewöhnt zu haben scheinen: wehende Locken und
vernachlässigte Toilette. Es erinnert mich an ein Wort Goethes, das er
einmal angesichts ähnlicher Erscheinungen sagte: Je mehr einer was
scheinen will, desto weniger ist er was ... Eben haben wir das
Jubiläumsfest des lieben Großherzogs überstanden. Es war ein gräßlicher
Trubel, mein armer Fritz aufs äußerste angestrengt. Den ganzen Tag
waren Husaren, Lakaien, Hofequipagen unterwegs. Wie Cyrus seinem
Großvater vor dessen üppiger Tafel sagte: Wie viel Umstände, um satt zu
werden, so sage ich: Wie viel Umstände, um zu leben. Eine Episode der
Feste war wunderschön: das Morgenkonzert im Park unter dem goldenen
flutenden Glanz der Sommersonne mit der schönen Greisengestalt Franz
Liszts am Dirigentenpult ..."
Ein altes Bild von Goethes Lili hatte Großmama dem Großherzog als
Jubiläumsgeschenk gegeben und mit folgenden Versen begleitet:
Anmutig im Vergangenen sich ergehen,
Das Schöne schöner noch zu sehen,
Die Schatten doppelt zu verdecken,
Viele Liebe geben und viele Liebe wecken:
Das ist des Tages festliches Beginnen,
Das Ziel von unserm Wünschen, unserm Sinnen.
Ein Frauenbild, das lieblichste von Allen,
Das irdisch längst der Zeit verfallen,
Bring ich Dir heut; es mahne Dich der Zeiten,
Die, ob auch tot, uns noch lebendig leiten.
So möge nie im Herzen uns veralten,
Was liebt und lebt in ewigen Gestalten.
Und wenn wir heut uns in Gedanken einen,
Wird über uns ein ander Bild erscheinen,
Im Glorienglanze steigt es vor uns auf.
Ich nenn' es nicht -- ich zeige nur hinauf!
Was groß und gut Dir heute kommt entgegen --
Das Beste dankst Du Deiner Mutter Segen.
Der Großherzog antwortete darauf:
"Zierlich denken und süß erinnern,
Ist das Leben im tiefsten Innern!"
"Nie hab ich die Wahrheit dieses Wortes von Lilis unsterblichem Freunde
tiefer empfunden als heute, als in diesem Augenblick, wo die innigst
verehrte Freundin mir jenes Bildniß durch meine Tochter übermitteln
läßt und die Gabe durch ein Gedicht begleitet, das mich unentschieden
läßt, was sinniger zu bezeichnen ist, Bild oder Gedicht. Indessen stammt
beides noch von einem Sinn und von demselben Herzen, das so glücklich zu
geben weiß, weil es so richtig empfindet und in der "Mutter Segen" den
Schlußstein für so bedeutungsreiche Erinnerungen, so viel bedeutende
Wünsche findet. Glauben Sie meinem Dank, weil er nicht die Worte zu
finden weiß, und Sie vor allem dem Herzen glauben,
Ihres wahrhaft ergebenen Freundes
Weimar, am 8. Juli 1878.
Carl Alexander."
Die nächsten Jahre verflossen, nur von Reisen zu ihren Kindern und nach
Karlsbad unterbrochen, still und friedlich. Meine Korrespondenz mit
meiner Großmutter drehte sich mehr und mehr um religiöse Fragen und
Zweifel, die mich um so stärker beschäftigten und quälten, als ich durch
einen ultraorthodoxen Geistlichen für meine Einsegnung vorbereitet
wurde, dessen Ansichten mit denen meiner Großmutter in schroffem
Widerspruch standen. Ihre aus diesem Anlaß an mich geschriebenen Briefe
bilden in ihrem Zusammenhang ihr religiöses Glaubensbekenntnis, das sie
in den letzten Jahren ihres Lebens nur noch wenig modifizierte. In einem
ihrer ersten Briefe schrieb sie: "Alle meine Gedanken sind bei Dir, mein
liebes, liebes Kind, nicht blos weil die Bestrebungen unserer Seelen
sich gleichen, sondern weil ich Dich vor allen Klippen, Rückfällen und
Kämpfen bewahren möchte, die auf meinem Wege lagen und einen langen Teil
meines Lebens recht rauh gemacht haben ... Das Erforschliche erforscht
zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren, giebt Goethe als des
Menschen würdigste Seeleneinrichtung an, und bei der Umarbeitung seiner
morphologischen Studien ein Jahr vor seinem Tode schrieb er: 'Man muß
ein Unerforschliches voraussetzen und zugeben, alsdann aber dem Forscher
selbst keine Grenzlinien ziehen. Muß ich mich denn nicht selbst zugeben
und voraussetzen, ohne jemals zu wissen, wie es wirklich mit mir
beschaffen sei, studiere ich mich nicht immerfort, ohne mich jemals zu
begreifen? Und doch kommt man frisch und fröhlich weiter!' Du siehst
daraus, daß der größte Geist, den seit Jahrhunderten die Welt gesehen
hat, nicht wie jetzt die naseweisen Schulbuben, ein letztes
Unerforschliches zugab. Die ganze Welt ist ja voller Materien, von der
Eichel an, die zur Eiche, bis zum Kinde, das zum Propheten, zum Dichter,
zum Helden wird. Für den klügsten Menschen bleibt also stets unendlich
viel, was sein Verstand nicht erreicht, was entweder zur Glaubenssache
wird, oder was dahingestellt bleiben muß. Unerkennbares zu glauben wird
gegeben, aber nicht ergrübelt. Es kommt aber auch gar nicht auf dies
'Glauben' im Sinne eines Fürwahrhaltens an. Laß Alles dahingestellt.
Folge Christus nur auf dem Wege, den er vorgeschrieben hat: 'Tut nach
meinen Worten und ihr werdet sehen, ob es Gottes Worte sind oder ich aus
mir selber rede.' Beten und arbeiten, mit den Menschen Frieden halten,
Alles fröhlich genießen, was sich ohne Sünde genießen läßt, barmherzig,
wahr, liebevoll sein -- das ist des Weges Anfang ... Das erste aller
Geheimnisse -- das Leben -- hat noch niemand ergründet, obwohl wir es
sehen, fühlen, haben; es ist auch ganz gleichgültig, wie wir uns seine
erste Entstehung denken -- einen allerallerersten Anfang uns denken zu
wollen, bleibt so wie so unmöglich -- aber darauf kommt es an, was wir
daraus machen. Christus ist mit seinen Jüngern auch nicht den Weg des
Grübelns gegangen, sondern den der Tat, die unter der ganz schlichten,
ganz begreiflichen Weisung stand: Liebe deinen Nächsten als dich selbst.
Er brauchte gar nicht existiert zu haben, wir brauchten gar nichts von
ihm zu wissen und dieses einzige Gebot -- 'darinnen hänget das ganze
Gesetz und die Propheten' -- würde die höchste Richtschnur sein ...
Niemals dürfte die Idee von der Erlösung von der Sünde so verstanden
werden, als ob etwa ihr bloßes Fürwahrhalten uns los und ledig spräche
von allem Unrecht, das wir begehen. Wir müssen sie uns vielmehr täglich
und stündlich im Kampf gegen das Böse, Selbstsüchtige in uns erringen.
Ist unser Wille darauf gerichtet, ist nicht das Glücklichsein im Sinne
einer Anhäufung materieller Genüsse, sondern das Gutsein, im Sinne des
Freiwilligendienstes der Menschheit, unser Ziel, so werden wir auch
glücklich sein, weil Schmerz und Unglück uns nicht mehr bitter, trotzig,
menschenverachtend machen, sondern milde, ergeben, liebevoll, stark." In
einem anderen Briefe heißt es: "Mit all meinen Gedanken bin ich bei Dir,
mein Kind, und es bekümmert mich tief, daß Du, wie es scheint, mehr von
einem Theologen als von einem Christen unterrichtet wirst. Es ist der
Fluch der Theologie, daß sie Glaubenssätze aufstellt und daran festhält,
wenn der wirkende Geist Gottes längst darüber hinausging, wenn sie
erklären will, was nur erfahren werden kann, und wenn sie oft so alberne
Erklärungen giebt, die sie Glauben nennt. Nicht nach dieser
vorgeschriebenen Weise glauben zu können, ist kein Unglauben, aber in
Hochmuth und Übereilung die Glaubenslehren wegwerfen, das führt zum
Unglauben, weil es verhindert, daß Geist und Herz nach dieser Seite hin
thätig sei, innere Erfahrungen machen und auf diesen weiter bauen kann.
Ich glaube jetzt an Christus als an den geistigen Sohn Gottes, an sein
liebevolles Werk, an sein Einssein mit dem Vater, an das großartige
Erziehungswerk, wodurch nach Aeonen alle Menschen selig werden; ich
glaube jetzt an den heiligen Geist als an die schaffende Kraft Gottes,
die das Universum erfüllt, in Menschen, Kunstwerken, Erkenntnissen der
Wissenschaft zu Form und Gestalt sich bildet ... Du fragst, wie es
möglich sei, eine Entscheidung zu treffen, wenn Glaube und Wissenschaft
einander widersprechen. Handelt es sich um echte Wissenschaft, um das
Ergebniß sorgfältiger Untersuchung, so ist sie Wahrheit, und der Glaube,
das Fürwahrhalten, wird ihr selbstverständlich weichen, wie er vor der
Erkenntniß der Kugelgestalt der Erde weichen mußte. Sagt dir aber jemand
im Namen der Wissenschaft, daß es z. B. eine Seele nicht geben könne,
weil er sie nicht unter dem Mikroskop gefunden habe, so fordere ihm den
Beweis für das Leben ab, denn alles Sichtbare ist todt, eigentliches
Leben ist unsichtbar. Das entflohene Leben des Körpers hast Du nie
gesehen, der todte Körper ist ja als Leiche derselbe, der Dir sichtbar
war. Liebe, Dankbarkeit, ja, sogar die unedlen Empfindungen sind
unsichtbar, und wo sie sichtbar sind, werden sie es nicht durch Form,
sondern durch Ausdruck und Gefühl. Der eben abgehauene Baum ist das, was
Du vom Baume siehst, sein Leben siehst Du nicht, den Duft der Rose
siehst Du nicht, die gewaltigsten Naturkräfte, Magnetismus,
Electricität, siehst du nicht ... Das Christenthum verlangt von seinen
Anhängern gar keinen Wunderglauben, es bekämpft nur den geistigen
Hochmut -- der übrigens auch menschlich ein Zeichen der Unbildung ist
--, der alles zu wissen und erklären zu können behauptet. Nicht Wunder
als Ausschreitungen der Natur brauchst Du anzunehmen, bekenne Dich nur
in Demuth, daß Deine Intelligenz noch nicht bis zur Erkenntniß aller
göttlichen Gesetze reicht, durch die diese Wunder erklärt werden. Hätte
Christus vor fast 2000 Jahren gesagt: 'Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr
ein Mikroskop hättet, ihr würdet Tausende von lebenden Geschöpfen in
einem Wassertropfen sehen, oder wenn ihr ein Fernrohr hättet, ihr
könntet Millionen Welten entdecken, wenn ihr ein Telephon hättet, ihr
würdet die Sprache eurer fernen Freunde hören,' sie hätten den Herrn
ebenso verspottet, als da er sprach: 'Wahrlich, ich sage euch, so ihr
Glauben hättet, ihr könntet Berge versetzen!'"
Auf meine Frage, ob ich nach ihrer Auffassung gezwungen wäre, an Gott zu
glauben -- mein Lehrer hatte mir mit allen Strafen der Hölle gedroht,
wenn ich die drei Artikel des Glaubensbekenntnis nicht eidlich zu
bekräftigen vermöchte -- antwortete sie: "Zum Glauben zwingen wollen ist
ein Verbrechen an der Menschenseele und kann nur zum Bösen führen, wie
es nur zum Bösen führt, wenn man einen Menschen dadurch zum treuen
Arbeiter machen will, daß man ihn in Sklavenketten legt. Gott wird die
Seelen nicht fragen: glaubst Du an dies und das? sondern: wie war Dein
Herz, was hast Du gethan? Dann wird Mancher, der sonntäglich in die
Kirche ging und den Morgen- und Abendsegen nicht vergaß, wohl aber die
thätige Menschenliebe, vor dem zurücktreten müssen, der sagte: wer darf
ihn nennen, wer ihn bekennen? und der betete: gieb mir große Gedanken
und ein reines Herz ...
"Beängstigend, einengend ist mir immer so Vieles gewesen, was aus dem
Christenthum herausgequält und als Glaubensartikel hingestellt wird, wie
z. B.: 'Gottes Gerechtigkeit fordert ein Opfer, deshalb stirbt der
Sündlose für den Sünder,' was aber die größte Ungerechtigkeit wäre.
Oder: 'Meine Sünden haben den Herrn ans Kreuz geschlagen,' was auch
unverständlich ist, fast 2000 Jahre nach Christus. Oder das
Allerschwerste: 'Das ist mein Leib, das ist mein Blut,' während das neue
Testament so einfach und erklärend hinzufügt: 'Solches thut, so oft ihr
es thut, zu meinem Gedächtniß' ... Da ich demnächst bei Euch zu sein
hoffe, so wollen wir vor Deiner Einsegnung uns noch gründlich
aussprechen. Es soll Dir in keiner Weise Gewalt angetan werden. Das Eine
aber laß Dir jetzt noch sagen und halte daran fest: Es kommt nicht auf
das Glauben an Gott, sondern auf das Handeln im Sinne Gottes an. Der
Glaube, jenes unerschütterliche Vertrauen in Gott, das uns seine Wege
nicht nur tapfer gehen läßt, sondern auch die härtesten zu denen macht,
die uns am meisten vorwärts führen, ist ein Geschenk höherer
Seelenentwickelung, eine Gnade, ein Glück, aber kein Sittengesetz ..."
Ich weiß nicht mehr, warum, aber Großmama kam nicht. Ich blieb allein,
auch innerlich, denn in der tiefen Zerrissenheit meines Gemüts -- einer
Folge des Religionsunterrichts, den ich genoß -- blieben ihre Worte ohne
tieferen Eindruck, und ich wagte ihr nicht zu schreiben. Erst am Tage
meiner Einsegnung, als die Kirchenglocken mir wie die Stimmen des ewigen
Gerichts in die Ohren gellten und ich das Glaubensbekenntnis sprach in
der Überzeugung, einen Meineid zu leisten, sah ich sie wieder. Mit den
Sorgen um ihren ältesten Sohn und das Ergehen ihrer Tochter mehr denn je
beschäftigt, hatte sie für die blasse, stille, vierzehnjährige Enkelin
wohl Worte zärtlicher Liebe, aber sie pochten nur an die Türe meines
Herzens, die eine fremde Gewalt in das Schloß geworfen hatte und darin
festhielt. Wir reisten zusammen nach Ostpreußen, aber ich ging dem
Alleinsein mit ihr aus dem Wege. Dann kam ich aus dem Hause, und die
Korrespondenz schlief ein, weil die gestrenge Tante, bei der ich mich
zur Erwerbung des letzten Erziehungsschliffs aufhielt, die Briefe las,
die ich schrieb oder zu bekommen pflegte. Aber die Erinnerung an Weimar,
an Großmama war um so lebendiger in mir und steigerte sich um so mehr
zur Sehnsucht, je schroffer der Gegensatz zwischen dort und hier mir
fühlbar wurde, und ich ergriff schließlich die erste Gelegenheit, die
sich mir bot, um wieder in die alte Verbindung mit ihr zu treten. "Du
wirst vor all dem Neuen an Menschen und Dingen, die Dir begegnen, Deine
alte Großmutter wohl fast vergessen haben," schrieb sie mir, "aber sie
denkt um so mehr an Dich, mein Herzenskind. Deine Mutter teilte mir nur
Gutes von Dir mit und schickte mir einige Deiner neuesten Gedichtchen,
die in der Form sehr hübsch, im Inhalt aber gar zu einförmig sind. Liebe
und Frühling sind sehr schöne Dinge und können ein junges
sechzehnjähriges Herz wohl ausfüllen, aber mein Enkelkind kenne ich zu
gut, als daß ich nicht wüßte, daß sie mehr zu sagen hat. Die
hauswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Talente, die Deine Tante bei
Dir pflegt, sind sehr nützliche, aber die wertvolleren sind die des
Geistes. Weder darfst Du das Große und Gute von Dir werfen, noch über
die Gaben stolpern, die Gott Dir vor die Füße legte, Du mußt sie
aufheben und pflegen.
"Ich sehe jetzt gerade die preußische Geschichte von Voigt; selten ist
ein Werk so treu, so vollständig und so langweilig geschrieben worden.
Ich möchte Dir nur raten -- als Anregung zu poetischer Gestaltung -- die
ungeheuer poetische und und brillante Episode aus der Ritterzeit in
Marienburg nachzulesen, wo Johann von Bendorf wegen Bruchs der
Ordensgesetze vom Kriegszug der Ritter nach Livland ausgeschlossen wird
und aus Rache und Verzweiflung den Hochmeister Winrich von Kniprode
ermordet im Augenblick, da dieser die Kapelle verläßt. Johann wird im
Hof der Burg enthauptet, während die Ritter an ihm vorüber in den Krieg
ziehen. Was meinst Du dazu? Wage Dich an große Stoffe, spanne Deinen
Bogen so stark Du kannst, damit die Pfeile Deines Geistes weitgesteckte
Ziele erreichen! ... Und dann habe ich ein anderes Büchlein wieder
gelesen, das mir mein armer, lieber Wolf Goethe wortlos übergab, ehe er
auf immer von hier Abschied nahm: seine Erlinde. Sie hat mich sehr
ergriffen, und ich schrieb ihm darüber nach Leipzig, wo er jetzt lebt.
Da sein rechter Arm durch furchtbare neuralgische Schmerzen beinahe
gelähmt ist, antwortete er mir nur diese wenigen Zeilen: 'Rühre die
Wunde nicht an, denn nur dünn ist die Haut, die darüber wuchs; daß meine
Erlinde einen lebenskräftigen Keim hatte, glaube auch ich, aber es war
niemand da, der sie pflegte.' -- Hier hast Du das Buch, mein
Herzenskind. Wenn es Dir etwas sagt, wird doch vielleicht, auch ohne es
in Worte zu kleiden, ein warmes Gefühl das Herz des einsamen
Unglücklichen berühren, dessen letztes, tragisches Bekenntniß er in
diesen Versen niederlegte:
Alle Blumen sind gepflückt,
Alle Lieder sind verstummt,
Und ich geh einher gebückt
In mein dumpfes Leid vermummt.
Ich stehe stets daneben,
Ich trete niemals ein;
Nur einmal möcht ich leben!
Und Mensch nur einmal sein! ..."
Dieser Brief griff mir ans Herz. Mit der überschwenglichen Schwärmerei
eines sechzehnjährigen Mädchenherzens träumte ich mich in den Gedanken
hinein, dem Enkel Goethes ein Glück bereiten zu können. Und der Zufall
wollte es, daß ich einen Theaterdirektor kennen lernte, der die
Aufführung Erlindens wagen wollte. Meine Großmutter übermittelte dem
Verfasser seine Absicht. Wolf Goethe sandte ihr folgende Antwort.
"Leipzig, den 1. Januar 1881.
"Theuerste Jenny!
"Wie wunderbar und doch wie natürlich ist es, daß Dir jetzt die Erlinde
nahe getreten. Welche Reihe von Gedanken und Empfindungen sich hieran
für mich knüpfen muß, wirst Du Dir vorstellen können.
"Es giebt Dinge, die wir ablehnen müssen, ja die es unsere Pflicht ist,
abzulehnen, es giebt Dinge, bei denen wir zweifelhaft sein mögen, ob wir
nicht den Willen der Vorsehung stören, wenn wir hemmend eingreifen. Zu
solchen gehört wohl: später Erfolg, spätes Glück. Das Glück liebt es,
uns verhüllt, in fremder Gestalt zu nahen. Erst wenn es im Weggehen das
Haupt wendet und das unverhüllte Antlitz zeigt, erkennen wir es oft. Es
wäre unnatürlich gewesen, wenn ich nicht an die Erlinde Hoffnungen
geknüpft hätte. Daß sie nicht von den Menschen, von den Vielen,
aufgenommen wurde, hat auf mein Leben großen Einfluß ausgeübt; aber ich
empfinde keine Bitterkeit mehr deshalb! Es hat nicht sein sollen! Ob die
Zeit der Erlinde gekommen ist, weiß ich nicht. Ob gar meine Zeit
gekommen?! Ich glaube es nicht und wünsche es auch nicht. Der Mensch
steht in der Welt erst im Augenblick nach seinem Tode vollendet da, bis
dahin ist er für sie eine Gestalt ohne Haupt, sind die Glieder formlos.
"Wie Du, theuerste Jenny, halte ich die Erlinde für aufführbar, mit
einigen Abänderungen und Auslassungen ... Erlinde bedarf bei der
Aufführung einer mäßigen Ausstattung und einer mit Maß angewandten
Musik. Die Frage des Theaterdirektors, welche Du mir freundlichst
mitteilst, hat mir große Freude bereitet, die Antwort wird mir aber
nicht leicht. Die Gründe für sie, ja sie selbst, liegen schon in dem,
was ich früher ausgesprochen habe. Soll ich die Gestaltung für die
Aufführung der Erlinde ganz in die Hände von Anderen legen, Anderen ganz
überlassen? Denn ich selbst vermöchte nicht, mich an ihr zu beteiligen.
Wer weiß denn, ob sie nicht auch jetzt zurückgewiesen wird!? Soll ich
selbst mir noch etwas Neues, Schweres, Schmerzliches heraufbeschwören?
Ich weiß wohl, daß ein Erfolg viel unerwartetes Gutes für mich mit sich
führen könnte. Ich weiß wohl, daß es zu den großen Seltenheiten gehört,
wenn einer Dichtung die Stelle, die sie bei ihrem Erscheinen nicht
erlangte, später eingeräumt wird, und daß etwas Entscheidendes darin
liegt, auf einen bedeutenden Versuch in dieser Richtung nicht
einzugehen. Nun aber bleibt mir nach meiner ganzen Lage nichts anderes
übrig, als Dich zu bitten, in möglichst unscheinbarer Form, vielleicht
durch die Güte Deiner verehrten Enkelin, zu antworten, daß der Verfasser
der Erlinde, weil er nicht in der Lage ist, sich an ihrer Gestaltung für
die Bühne zu beteiligen, gegenwärtig auf eine solche verzichten müsse.
"Nun, theuerste Jenny, nimm, was ich schrieb, freundlich auf und lege
alles an die rechte Stelle."
Bis hierher ist der Brief ein Diktat. Darunter aber steht mit großer
zitternder Schrift:
"Treulichst
Dein Wolf.
Und wenn ich doch noch an dem Leben hinge?!"
Meine Großmutter antwortete ihm mit folgenden Zeilen:
"Mein lieber Wolf!
"Du mußt Dir eine Antwort auf Deinen herrlichen -- mir herrlichen --
Brief gefallen lassen; es giebt auch mit 70 Jahren Lichtstrahlen, wie
sie das 17te beleuchten, aber es sind nur Blitze, und unter einem
solchen stand die Landschaft meines Jugendlebens vor mir, Deine Mutter,
die ich nie aufgehört habe zu lieben, Du als Knabe, dunkle Wolken und
nun milder Regen. Das mußte erst wieder still bei mir werden. Ich hoffte
auch auf einen Brief meiner Enkelin, um zu erfahren, weß Geistes Kind
der Theaterdirektor ist, ob verstehend oder nur berechnend, -- sie hat
aber noch nicht geschrieben, und ich glaube in Deinem Sinn gehandelt zu
haben, als ich ihm gleich bei Lilys Anfrage, ehe ich Dir schrieb, sagen
ließ, Du seist verreist, ich rate zu keiner direkten Anfrage, gab ihm
auch nicht Deine Adresse. So bist Du, ohne ihn zu kränken, aus dem Spiel
und frei, eventuell hervorzutreten. Ich verstehe Deine Auffassung -- ich
fühle ganz die letzten Zeilen Deines Briefes -- dann siegt aber doch die
ungeheure Scheu vor den Krallen des Lebens, und wir behalten unsere
Narben und unsere Ruhe!
"Ich kann es nicht lassen, die Erlinde nur noch eifriger, eingehender
und mit Berücksichtigung der Bühne zu lesen; da könnte allerdings nur
Deine Hand die Bühnenfähigkeit geben. Gestrichen dürfte wenig werden,
aber verbunden viel, sowohl in den einzelnen Scenen, die in lebendigere
Beziehungen zueinander treten müßten, als in den Personen. Ich kann
nicht leugnen, daß ich glaube, nur in Weimar würde man Erlinde ganz
verstehen und mit Sorgfalt und Liebe zur Aufführung bringen, so daß das
nahe und ferne Publikum ein Verständniß dafür bekäme. Ich hätte gern
noch einen Stern in Euer Wappen gebracht und das Licht dazu war da -- es
lagen nur Nebel dazwischen, aber sie haben es verhindert,
durchzudringen.
"Mein lieber Wolf, das soll kein Zureden sein; mir würde so bang werden
wie Dir, daß Du Dir neue Schmerzen für Seele und Körper bereiten
könntest; es liegt die Atmosphäre einer ganz anderen Welt zwischen Dir
und den Menschen; was sie Dir bieten, achtest Du zu gering, und das
'Sesam, thu dich auf', das zu Deinen Schätzen führt, vertraust Du
wenigen an ..."
Er antwortete nicht auf diesen Brief. Monate später sandte er diese
Zeilen, deren Buchstaben noch größer, noch zitteriger sind.
"Ich schreibe Dir Briefe in Gedanken; ich kann sie Dir aber nicht
senden, weil wir auf der Erde sind, und später kannst Du sie nicht mehr
erhalten, weil wir drüben nicht lesen können.
Dein
Wolf Goethe."
Der Umschlag trägt das Wappensiegel: ein Stern -- für einen anderen
war daneben kein Platz mehr! Ein Jahr später folgte ein kleiner Zug von
Trauernden einem einfachen Sarge, dessen Blumenschmuck schon auf dem Weg
der rauhen Winterkälte erlag.
"Heute haben Sie meinen lieben Wolf neben seiner Mutter begraben,"
schrieb Jenny Gustedt an diesem Tage. "Napoleons Sohn ging jammervoll zu
Grunde wie er: an der Kraft, die nach innen zehrte, weil sie sich nach
außen nicht entfalten durfte. Viele Generationen müssen sang- und
klanglos versinken, ehe der Eine aus ihnen hervorgeht, dessen Name in
die ewigen Sterne geschrieben wird -- das ist eine gerechte Entwicklung
--, aber daß die Nachkommen an der Größe dieses Einen zu Grunde gehen,
gehört zu den grausamen Räthseln, die wir nicht lösen können! -- Bald
wird Walter dem Bruder folgen -- ich wollte, es wäre auch Zeit für mich
zu gehen."
Der Kummer, der aus diesen Zeilen spricht, hatte seinen Ursprung nicht
in der Erlösung des Freundes von einem Leben der Schmerzen, auch um sie
hatten sich die Nebel wieder zusammengeballt. "Daß ich meinen Kindern so
fern bin," schrieb sie, "daß mein Alter mir das Reisen zu ihnen fast
unmöglich macht, daß ich sie in meinen eigenen Räumen nicht beherbergen
kann und nicht die Mittel habe, mir zu dem Zweck eine geeignete Wohnung
zu nehmen -- ich muß ängstlich zusammen halten, denn immer wieder
kommen Überraschungen, die mich nötigen, einzuspringen, -- das macht
meine letzten Lebensjahre zu recht traurigen." Nach langen Kämpfen, die
ihr durch ihre Weimarer Freunde und deren inständiges Bitten, sie nicht
zu verlassen, noch schwerer gemacht wurden, als sie durch den Zwiespalt
ihres eigenen Herzens sowieso schon waren, entschloß sie sich, nach
Lablacken, dem Gute ihres jüngsten Sohnes, überzusiedeln. "Ich bedarf
eines Heims, wo ich ohne Skrupel meine Kinder bei mir haben kann, und
eines Lebens, dessen völlige Einfachheit mir ermöglicht, ihnen, was ich
erübrige von meinem Einkommen, zuzuwenden," heißt es in einem ihrer
letzten Briefe aus Weimar.
Im Frühling 1883, als der Park seine erste duftende Lenzespracht
entfaltete, kam ich zu ihr. Vierzehn Tage blieben wir zusammen dort. Nur
wenige Freunde wußten, daß sie von der Karlsbader Reise, die sie
vorhatte, nicht mehr nach Weimar zurückkehren wollte. Leise, ohne
Abschiedsschmerzen, sollte die Trennung sich vollziehen. Wir gingen noch
einmal all die schönen Wege nach Tiefurt, nach Belvedere, in die
geheimnisvolle Stille von Goethes Gartenhaus, und auf den Kirchhof an
das Grab ihrer Mutter und an das von Ottilie -- von Wolf; wir schritten
hinab in die Dämmerkühle der Fürstengruft und standen schweigend vor den
irdischen Resten ihres väterlichen Freundes. Dann aber stiegen wir
hinauf zu dem letzten Lebendigen, den er hinterlassen hatte: über die
klassische Treppe in die kleinen, stillen Dachstuben. Ich ließ die
beiden Freunde allein und betrat die Zimmer wieder, wo Goethe wirkte,
bis der Tod ihn von der Arbeitsstätte mit sich nahm. Es war eine Stunde
heiliger Andacht, aus der Großmamas leise Stimme mich weckte. "Komm,"
sagte sie leise, und ihre Augen schwammen in Tränen. Ich gab ihr den
Arm. Zum erstenmal sah ich, daß sie alt, sehr alt war, denn sie ging
gebückt, und ihre Füße zitterten auf den breiten Stufen der Treppe, die
sie nie wieder betreten sollte.
Dem Ende entgegen
Nordwärts von Königsberg führt die Chaussee durch ein Land, das sich
glatt wie ein Tischtuch bis zum Kurischen Haff erstreckt. Wogende
Kornfelder, grüne Wiesen, soweit das Auge reicht, nur hie und da von
schmalen Waldstreifen unterbrochen, deren Eichen ihre knorrigen,
zackigen Äste in tausend abenteuerlichen Formen nach allen Richtungen
der Windrose recken -- ein Zeichen all der Stürme, mit denen sie um ihr
Leben kämpfen mußten. Nach ein paar Stunden glatter Fahrt, vorüber an
strohgedeckten Häuschen und großen schmutzigen, lärmenden Kneipen,
wendet sich der Weg nach links. Dicke, kurzgeschnittene Weidenstämme,
deren lichte junge Kronen so drollig wirken wie blondes Lockengewirr
über einem runzligen Greisengesicht, fassen ihn zu beiden Seiten ein.
Über die tiefgefahrenen harten Geleise holpert der Wagen, während das
junge, unruhige Viergespann, die Nähe des Stalles witternd, weiter
ausgreift. In eine breite Allee, über die sich uralte Linden zu
lebendigem Dome wölben, schwere Duftwellen ringsum verbreitend, mündet
der Weg. Und durch ein Tor, von dicken Steinmauern flankiert, die, aus
unbehauenen Blöcken, wie von Zyklopenhänden aufgerichtet erscheinen und
das Ganze einer Festung ähnlich machen, geht es hinein auf den breiten,
vom Reichtum seiner Besitzer Zeugnis ablegenden Gutshof von Lablacken.
Ringsum langgestreckte, massive Ställe, auf die, von der Weide kommend,
die vierbeinigen Bewohner gemächlich zuschreiten; die schwarz weiß
gefleckten Rinder von der einen Seite, die sich ängstlich
zusammendrängende Herde der Schafe von der anderen, und schließlich in
hellem Galopp unter fröhlichem Wiehern der Trupp der jungen Pferde,
deren schmale Fesseln und schlanken Hälse von ihrer edlen Abstammung
Zeugnis ablegen. Am Herrenhaus, das nur eine niedrige Mauer und ein paar
himmelhohe Pappeln vom Gutshof trennen, müssen sie alle vorüber. Ein
seltsames Haus ist es: Jahrhunderte haben an ihm gebaut, ohne Rücksicht
auf Stil und Schönheit, nur bestrebt, Platz zu schaffen für die mit dem
Wohlstand steigenden Bedürfnisse der Bewohner. Im Grunde sind es drei im
Halbkreis aneinandergereihte zweistöckige Gebäude; über jedem der Tore
prangt ein in Stein gehauenes Wappenschild, das derer von Ostau und von
Wnuk und zuletzt das der Gustedts: die drei eisernen Kesselhaken im
goldenen Felde. Der Mittelbau enthält die Eingangshalle: Elchfelle auf
dem Boden, Elchgeweihe an den Wänden, schwere alte Eichensessel, Tische
und Schränke als Einrichtung, dazwischen als einzige helle Flecke in dem
dämmigeren Raum ein paar Ritterrüstungen, auf denen das Licht in weißen
Reflexen spielt. Zu beiden Seiten steigt im Hintergrund die dunkle,
braune Treppe empor, nur geradeaus, wo die große gedeckte Veranda nach
dem Park mündet, schimmert das Grün der hohen Linden herein. Fast
endlos, so scheint es, ist die Flucht der Zimmer, die sich oben und
unten, von Fluren, Treppen und Winkeln vielfach unterbrochen, rechts und
links durch die langgestreckten Häuser ziehen. Alle Zeiten, alle Stile
spiegeln sich ab in ihnen: verblaßte Rokokostühlchen, von deren alter
Pracht nur noch flüchtige Reste von Vergoldung zeugen, mächtige Truhen
und Schränke, die einst den selbstgesponnenen und gewebten Leinenschatz
der Hausfrau bargen, steife, feierliche Empiremöbel mit Bronzebeschlägen
und gelbem Seidenbezug, und die ehrbar-gemütlichen Biedermeierkommoden,
Servanten und breiten, schwerfälligen Sofas aus der Großväterzeit
erinnern an die Generationen, die hier geboren wurden, arbeiteten,
lebten und starben. Auch am lichtesten Sommertage ist alles wie von
graugrünen Schleiern umhüllt, und ein Geruch, wie von feuchtem, welkem
Herbstlaub durchströmt die Räume, denn dicht um das Haus stehen alte
Pappeln und Linden, so daß ihre rissigen Stämme die Mauern berühren,
ihre Äste an die Fenster klopfen, ihre Kronen sich über das Dach hinweg
grüßen. Zu ebener Erde, im Eßsaal, vor dessen breiter Glastür die
älteste der Linden Wache hält, hängen ringsum dunkelgerahmte Bilder an
den Wänden: Männer mit dem Lockenhaupt des großen Kurfürsten, mit
Allongeperücken und Galanteriedegen, mit dem steifen Zopf des großen
Friedrich, im braunen Wertherfrack oder mit hohen Vatermördern -- alte
und junge, harte, finstere, und fröhliche, weiche Gesichter, ohne einen
gemeinsamen Zug darin, der darauf deuten ließe, daß sie eines
Geschlechtes wären -- und zwischen ihnen die Frauen, solche mit dichter
Haube und glatt gescheiteltem Haar, die Arme verschränkt unter der
züchtig bedeckten Brust, oder die Hände, das weiße Tüchlein haltend,
gekreuzt über dem Leib, und solche mit gepudertem Köpfchen,
hochgeschnürtem Busen und enger Taille, oder im klassisch frisierten
Lockengewirr und tief ausgeschnittenem Empiregewand -- alte und junge
auch unter ihnen, und doch alle einander ähnlich, wie Schwestern.
Es ist des Hauses seltsam geheimnisvolles Schicksal, das aus diesen
Bildern spricht: Schon lange, lange ist es her, daß hier nur Mädchen
geboren wurden, daß der alte Besitz sich vererbte von Tochter zu
Tochter, mit den Namen ihrer Gatten den Namen des Besitzers wechselnd.
Und eine dieser Frauen, aus deren todblassem Gesicht ein paar dunkle
Augen feindselig funkeln, hat, so erzählt man, von irgendeinem finsteren
Geheimnis belastet, keine Ruhe gefunden im Grabe; mit hohen
Stöckelschuhen geht sie allnächtlich durchs Haus, und das Klappern ihrer
Tritte, das Rauschen ihrer seidenen Röcke, die tiefen, schweren Seufzer,
die sie ausstößt, will schon manch einer gehört haben, wenn der Sturm,
vom Kurischen Haff herüberbrausend, draußen heulte und pfiff und die
alten Baumäste knarrten und die Blätter an die Fenster schlugen. Auch
die Buchenallee im Park, die vor hundert Jahren ein zierlich
beschnittener Laubengang war, soll sie zuweilen auf und nieder gehen.
Vielleicht war sie es, die diese Bäume, die die geraden Wege mit den
Blumenrabatten zu beiden Seiten anlegen ließ und die undurchdringlich
dichten Lauben von Flieder und Jasmin! Einer der Wege durchschneidet
den großen Garten von Osten nach Westen. Wo er beginnt und wo er
aufhört, ist die Mauer von einem hohen hölzernen Bogenfenster
unterbrochen. Wer abends durch das eine gen Westen hinausschaut, der
sieht, wie jenseits der Felder und Wiesen am äußersten Horizont der rote
Sonnenball in den grauen Fluten des Kurischen Haffs versinkt, und wer
durch das andere am frühen Morgen die Blicke schweifen läßt, den soll
auch der dämmernde junge Tag an das Scheiden gemahnen, denn hinter dem
fernen Kirchturm von Legitten, unter dem die Toten von Lablacken
begraben werden, steigt er auf. -- -- --
Hier war es, wo Jenny Gustedt ihres Lebens letzte Station gefunden
hatte. In der geräumigen Wohnung des Erdgeschosses von einem der drei
Häuser richtete sie sich in alter, vertrauter Weise ein. Ihr zuliebe --
denn Luft und Licht war ihr ein Lebensbedürfnis -- ließ ihr Sohn zwei
der großen beschattenden Bäume vor ihren Fenstern fällen, so daß die
Sonne von allen Seiten freien Zutritt hatte. Monatelang versammelten
sich jeden Sommer ihre Kinder und Enkel um sie, und da die
Gastfreundlichkeit ihres Sohnes und ihrer Schwiegertochter keine Grenzen
kannte, so war in der schönen Jahreszeit für sie fast zu viel der
Unruhe, der sie freilich durch ein mit dem zunehmenden Alter immer
häufigeres Zurückziehen in ihre stillen Stuben entgehen konnte. Die
fremden Gäste brachten ihr auch allzu wenig, denn so sehr sie sich
fröhlicher Jugend freute und für harmlosen Witz ein heiteres Verständnis
besaß, so vertrug sie doch schwer den herrschenden Ton der dortigen
Gesellschaft. Die Signatur ihrer Unterhaltung war die Oberflächlichkeit;
man hätte fast ein stillschweigendes Übereinkommen aller vermuten
sollen, durch die jede Vertiefung eines Gesprächs verhindert wurde.
Meiner Großmutter Auffassung, wonach Vornehmheit Ruhe ist, erschien hier
in ihrer Karikatur: man war ruhig, weil man sorgfältig alles zu berühren
vermied, was Uneinigkeit und damit Unruhe hätte hervorrufen können.
Seine tiefsten Gedanken, seine eigensten Sorgen behielt ein jeder für
sich. Durch Reiten und Kutschieren, durch Jagd und Segelfahrt und durch
den ostpreußischen Nationalfehler langer und häufiger Mahlzeiten war der
Tag für die Gäste ausgefüllt; um gesellschaftlichen und nachbarlichen
Klatsch drehte sich die allgemeine Unterhaltung; kam das Gespräch auf
politische Fragen, so wurde es ausschließlich eins der in der Hauptsache
-- in ihrer parteipolitischen Stellung dazu -- von vornherein einigen
Männer. Auch der beste, naheliegendste Anknüpfungspunkt zur Entwicklung
tieferer Interessen, die praktischen Fragen der Landwirtschaft, bildeten
das Sondergebiet des Gutsherrn, für das er ein ernsteres Verständnis bei
anderen weder voraussetzte noch zu wünschen schien. Selbst seiner
Mutter, die seine Pläne und seine Tätigkeit, zwischen Freude und Sorge
schwankend, verfolgte, gewährte seine Zurückhaltung nicht den Einblick,
den sie sich so dringend gewünscht hätte.
Das schöne große Gut, ein kleines Fürstentum nach mitteldeutschen
Begriffen, bot dem tätigen Landwirt die größten, abwechslungsreichsten
Aufgaben. So hatte es seit Menschengedenken durch die Überschwemmungen
der Wasser des Kurischen Haffs zu leiden gehabt; Felder, Wiesen und
Weiden waren so und so oft auf Jahre hinaus dadurch ihres Wertes beraubt
worden. Jetzt erhoben sich unter der Leitung des neuen Besitzers
allmählich Dämme und Deiche gegen die anstürmenden Wogen, und Kanäle
durchzogen nach allen Richtungen hin die Felder, so daß ganze Strecken
sumpfigen Landes in üppige Wiesen verwandelt wurden. Der Wald, dessen
uralter Baumbestand und dessen Bewohner, die riesigen Elche, an jene
dunkle Vorzeit erinnerten, wo noch kein menschlicher Fuß die öde Wildnis
des Samlandes betrat, wurde allmählich licht und schön. Das Haff, das
bisher nur wenigen armen Fischern kärgliche Nahrung geboten hatte und
allen wie ein finsterer Feind erschien, in dessen unergründlicher Tiefe
die letzte der heidnischen Göttinnen, Neringa, die Riesin, hauste, Jahr
um Jahr Steinblöcke emporschleudernd, um die Menschen zu verderben,
wurde nicht nur zu einem fröhlichen Tummelplatz für die elegante Jacht
des Gebieters, auch ein fester Hafen wurde gebaut, wo die Fischer
Zuflucht fanden und wo allmählich mehr und mehr große Kähne landeten, um
den Reichtum an Steinen zu verfrachten. Alljährlich hatte der Landmann
die seltsamen, immer wieder neu auftauchenden erratischen Blöcke beim
Bestellen der Felder sprengen und sammeln müssen, hatte überall, nur um
sie beiseitezuschaffen, breite Mauern aufgeschichtet; jetzt fuhr eine
Feldeisenbahn sie zum Hafen, und sie wurden zur Quelle reicher
Einnahmen. Die Vermehrung der Wiesen und ihres Ertrags führte zu einer
Vergrößerung und Modernisierung der Milchwirtschaft. Für alle Gebiete
der Landwirtschaft wurden neue Maschinen aller Art angeschafft und, als
einer der ersten, der den Versuch wagte, wurden in Haus und Gut
telephonische Verbindungen angelegt. Aber neben diesen großen
praktischen Reformen steigerten sich die Luxusbedürfnisse: der
altmodische Garten, mit seinen Georginen und Malvengängen, seinen
verwachsenen Lauben und versumpften Teichen wurde in einen englischen
Park verwandelt, das Haus wurde vielfach erweitert, die alten Möbel
wanderten in die Fremdenzimmer und machten neuen Platz; die Zahl der
Reit- und Wagenpferde vermehrte sich, eine kostbare Pferdezucht, eine
Fasanerie wurde eingerichtet -- kurz, wenn sich die Mutter auf der einen
Seite der rastlosen landwirtschaftlichen Tätigkeit ihres Sohnes freute,
so wuchsen auf der anderen ihre Sorgen.
Nach einem langen Aufenthalt bei ihr schrieb sie mir: "Als der Wagen,
der mein bestes, geliebtes Kind und ihre zwei trautsten Töchter auf
lange entführte, verschwunden war, ging ich wie im Traum in meine Stube
und sammelte meine Gedanken und Gefühle. Mein großmütterliches Herz war
überfließend weich, als ich mit Rührung die 5 Monate an mir vorübergehen
ließ, in der mein liebes Enkelkind mir nur noch mehr ans Herz wuchs ...
Ruhe und Friede ist um mich, auch treue, gute kindliche Liebe. Wer aber
kürzlich doppelt so viel besaß, muß sich erst an Herzensgenügsamkeit
gewöhnen, um so mehr, als ich mir auch wieder das Schweigen angewöhnen
muß über all die vielen Dinge, die wir, mein Lilychen, miteinander
beredeten ... Ich bekomme von allen Freunden Kondolenzbriefe über meine
bevorstehende Einsamkeit, wenn Werners ihren Winteraufenthalt in
Königsberg nehmen, aber ich empfinde sie doch nur an solchen Tagen
ernst, wo meine Augen zur Schonung mahnen und Freundschaftsstündchen wie
in Weimar wohltätig wären. Ich habe aber Gott Lob eine Virtuosität, in
Gedanken und Briefen mit meinen Lieben in der Ferne weiter zu leben, und
mein Körper bedarf immer mehr der Ruhe und Einförmigkeit, so daß ich den
Winter nicht allzusehr fürchte."
In einem anderen Briefe heißt es: "Werners fahren diese Woche zum
Rennen, da ihre Pferde beteiligt sind. Auch diese Sache hat nicht meine
Billigung, doch mache ich meinen Tadel nicht breit, wenn ich weiß, daß
er nichts nützt. Hier sind in diesem Jahr ungeheure Arbeiten gemacht
worden, Gott segne sie und lasse aus dem Überstürzen keine Sorgen
entstehen und aus der zu vielen Arbeit keine Abspannung für meinen
lieben Sohn. Er ist jetzt oft recht hypochonder, was bei dem vielen
Regen, der Erschwerung der Kanalarbeiten, den sich mehrenden Lasten
durch Verwöhnungen und der vollkommenen Unfähigkeit, sich
einzuschränken, mich nicht Wunder nimmt. Seine Frau hat es dann um so
leichter, um ihre Abneigung gegen das Landleben -- das herrliche,
segensreiche, natürliche Landleben! -- einzuimpfen und ihm den
Aufenthalt in Königsberg oder Berlin als viel angenehmer erscheinen zu
lassen. Und dann wundern sich die Gutsbesitzer, wenn ihre Arbeiter
demselben Zug nach der Stadt folgen! ..."
Einem Brief des folgenden Jahres entnehme ich diese Zeilen: "Mein Werner
war drei Tage hier. Sie könnten so schön sein, wenn die Flut
unangenehmer Geschäfte ihn nicht immer unter Wasser brächte und die
Sorgen ihn mir gegenüber nicht so verschlossen machten, daß ihn selbst
mein stilles ängstliches Lesen in seinen müden Zügen nervös macht. Dabei
immer neue Pläne und Wünsche, die er befriedigen soll, unaufhörliche
Ansprüche an Amüsements, wo doch hier aus der täglichen Erfüllung der
Pflichten ein so tiefes, reiches Glück blühen könnte, vor dem jedes
Vergnügen nichts ist als ein Rausch, aus dem man krank erwacht ... Glück
suchen die lieben Beiden, d. h. stete Erfüllung ihrer Wünsche, und es
ist doch so leicht zu sehen, daß auf Erden nichts darauf eingerichtet
ist. Im alltäglichen Leben kommt ähnliches Erkennen so ganz von selbst,
z. B. eine Schulstube nicht für ein Theater, eine Scheune nicht für
einen Ballsaal zu halten, sie sind eben nicht darauf eingerichtet. Man
sollte das Leben gleich klar und tapfer und freudig nehmen als das, was
es ist: als Schule, Schule mit Freistunden, Sonntagen, Ferien, aber
immer Schule. Es giebt selten Schüler, die die Schule lieben, aber alle
lieben das Gelernte ... Nimm dir kein Beispiel, mein Lilychen, an dem
Styl dieses Briefes, der meinen alten französischen Professor noch im
Grabe ängstigen könnte: ein Brief, sagte er, muß wie ein Bächlein
fließen, das tausend kleine Wellen hat, aber nur einen Lauf. Ein Thema
muß unweigerlich aus dem andern sich entwickeln, ohne daß der Faden
verloren geht! ..."
Zu den Sorgen um die Kinder und ihr Ergehen kamen die um die Enkel
hinzu: da war der Sohn ihres armen Ältesten, der nicht recht
fortzukommen vermochte in der Welt, da war das Töchterchen ihres
Jüngsten -- wieder ein Mädchen, ein einziges, das unter Lablackens Dach
geboren worden war --, dessen Leiden eine langwierige Kur notwendig
machte, an deren Erfolg die Großmutter nicht glauben konnte, da war
meine schwere Erkrankung, die mich ein paar Jugendjahre kostete.
"Ich wache jetzt regelmäßig im Morgengrauen mit starkem Herzklopfen
auf," schrieb sie damals, "wobei alle meine Angst um Kinder und Enkel
mir recht lebendig wird. Dann wird es recht schwer, den kategorischen
Imperativ, den ich am Tage zu meinen Pflichten stelle: Sorget nicht! zu
erfüllen. Menschliche und Herzensgründe habe ich wohl nach allen Seiten
hin: hier die durch überwältigende Lasten eines Luxuslebens gesteigerten
landwirtschaftlichen Nöte, die auch meines lieben Sohnes Gesundheit
erschüttern, dazu der Stoizismus des Schweigens über die Dinge, die man
glaubt, nicht ändern zu können oder die man nicht ändern will, und der
allmählig bei meinen Kindern zur Verkehrstradition geworden ist. Und bei
Ottos die Existenz auf einem Ast, der sie widerwillig trägt, bei ihm wie
bei Werner Gedankenwechsel auf eine große Zukunft, bei denen die
Millionen in der Luft hängen -- das ist, mein Lilychen, nicht die Art
Deiner alten soliden Großmutter, aber leider die Art unserer
Gesellschaft, die sich selbst ihr Grab gräbt ... Die Vertrauensfähigkeit
ist bei mir zu sehr ausgegangen, als daß ich mit hoffen könnte ..."
Ich befand mich damals, als die Krankheit mir Zeit zum Grübeln ließ, in
jenem inneren Konflikt, den viele Mädchen unserer Kreise, die nicht im
oberflächlichen Genußleben aufzugehen vermögen und weder einen ernsten
Beruf haben noch heiraten wollen ohne Liebe, durchkämpfen müssen. Als
ich einmal wieder in Lablacken war, erriet meine Großmutter mehr, was
mich quälte, als daß ich es verraten hätte -- zum "Stoizismus des
Schweigens" war auch ich dressiert worden. Es kam zu ernsten Aussprachen
zwischen uns, und was sie sagte, gipfelte immer in dem Rat: schaffe dir
durch dein Talent so viel innere und äußere Selbständigkeit, um nicht
heiraten zu müssen! Sie regte mich mündlich und brieflich immer wieder
zu schriftstellerischer Arbeit an, bat mich, ihr alles zu schicken, was
ich geschrieben hatte, "Du brauchst Dich dabei vor mir nicht zu
fürchten, mein geliebtes Herzenskind," schrieb sie, "höchstens binde
ich einige zu üppige Schlingpflanzen Deiner Phantasie an, damit der
Sturm sie nicht zerzaust." "Entschließe dich," heißt es in einem anderen
Brief, "nicht zu einer Heirat, weil irgend jemand Dir zuredet, oder etwa
gar aus Mitleid mit einem Kurmacher -- das ist schon das allerdümmste!
-- oder weil Du fürchtest, zu alt zu werden. Glaube fest, daß die späten
Heiraten die besten sind. Junge Eheleute entwickeln sich fast immer
auseinander, und da Scheidungen, so notwendig sie oft sein mögen, immer
ein Gefolge schwerer Schmerzen und Bitterkeiten nach sich ziehen, so ist
es besser, zu warten, bis der reife Verstand, das reife Herz ihre Wahl
treffen." Ein paar Jahrzehnte früher hatte Jenny Gustedt im Hinblick auf
Lewes' und George Sands Apostelschaft für freie Ehen noch geschrieben:
"Ich betrachte die Ehe in ihrer Heiligkeit und Unauflösbarkeit als einen
Hebel des Göttlichen, als die Stütze wahrer Reinheit und Liebe, als
Schutz und Schirm von Frauenehre und Frauentugend, als das festeste Band
bürgerlicher Ordnung und geselliger Anmuth. Diese außerehelichen
Verhältnisse, auch bei edleren Naturen, lassen immer in Kampf und
Irrgängen mit der Welt und mit sich selbst, sie tragen das Gepräge des
selbstgemachten Geschickes, sie werden nicht wie ein Gegebenes fest und
demüthig hingenommen, weil sie eben lösbar sind und dem Menschen den
Versuch gestatten, einen Mißgriff durch einen zweiten und dritten
Mißgriff zu verbessern. Es ist deshalb nicht genug zu betonen, wie groß
Goethes Charakter sich zeigte, als er sich gerade mit der alternden
Geliebten ehelich verband und sich selbst damit befahl: Sie ist Dir
gegeben, bleibe ihr treu! Wir kommen schnell dahin, weltliche Stellungen
und Verhältnisse als etwas Gegebenes anzunehmen, uns ihnen in Treue und
Demuth anzupassen, und wir sollten vor allen Dingen Menschen als
Gegebene betrachten und uns dahin erziehen, wie Goethe es that, uns,
unser Glück und unser ganzes Wesen so zu bilden, daß wir damit an keinem
der uns gegebenen Menschen Schiffbruch leiden. Von den Verhältnissen
zwischen Eltern und Geschwistern wird dies noch eher eingesehen, bei der
Ehe wird es so selten und so spät verstanden, weil man sich einbildet,
den Mann oder die Frau gewählt und nicht empfangen zu haben. Wer hat
aber je die und vollends den Gewählten im engsten Zusammenleben
wiedergefunden? Besser -- schlimmer -- jedenfalls anders, und dem echten
Menschen -- ich erinnere wieder an Goethe -- muß es dann so recht sein,
er muß dem Gegebenen halten, was er dem Gewählten versprach."
Und sie hatte, als man sie auf die vielen unglücklichen Ehen verwies,
gesagt: "Ich bin trotz alledem ein Advokat der Ehe, die doch, trotz Wenn
und Aber und Ach und Leider, das beste ist, was man wählen kann." Jetzt,
auf der Höhe ihrer Lebenserfahrung, schrieb sie mir: "Ich habe meine
alten Ansichten vielfach modifiziert, nachdem ich Menschen kennen
lernte, die nichts zusammenhielt als ihre treue Liebe, und Ehen sah, die
auch vom strengsten christlichen Standpunkt aus nicht aufrecht erhalten
werden durften, ohne die sittliche Verderbniß von Eltern und Kindern
nach sich zu ziehen. Auch die unbedingte Empfehlung der Ehe vermag ich
nicht mehr aufrecht zu erhalten. Jedenfalls sollte sie nicht wie bisher
als einziger Beruf des Weibes aufgefaßt werden; das Resultat davon ist
auf der einen Seite die Tragik der beschäftigungslosen alten Jungfer,
die vergebens auf die Ehe gewartet hat, auf der anderen die oft noch
größere der Frau, die den Gatten verlor, die Kinder fortgeben mußte und
nun verzweifelnd vor einem leeren Leben steht. Darum mag Dir bescheert
sein, was da will, sichere Dir auf alle Fälle den inneren Schatz, den
der Rost und die Motten nicht fressen und der unter allen Umständen die
reichsten Zinsen trägt ... Ich möchte Dir gerne dabei behülflich sein
und kann es nicht in dem Maß, wie ich möchte. Mir fehlt leider gute
Lektüre, wie sie mir in Weimar von allen Seiten zufloß. Ich scheue die
Anschaffungskosten wertvoller Werke, und was Werners aus der
Leihbibliothek kommen lassen, ist zwar ein Zweig der Litteratur, den ich
bisher zu gering schätzte -- Tendenzromane und Sittennovellen -- und der
manches Gute und Belehrende bringt, aber doch nur für ein Publikum, das
es in anderer Form nicht annehmen mag. In meinen stillen Stunden würde
ich mich noch gern mit Übersetzen beschäftigen, da das Selbstproduzieren,
wozu ich früher Kräfte hatte und keine Zeit, und jetzt Zeit habe und
keine Kräfte, doch nicht mehr mit 73 Jahren in Angriff genommen werden
kann; aber auch dazu fehlt Gelegenheit und Material ..."
Es war die geistige Einsamkeit, die ihr dann am drückendsten fühlbar
wurde, wenn sie unter Menschen war. Sie empfand, was Goethe aussprach,
der bis in seine letzten Lebensjahre ein freudig Empfangender blieb und
darum als Geber so überschwenglich reich sein konnte: "Wir sind Alle
kollektive Wesen ... Wir müssen empfangen und lernen, sowohl von denen,
die vor uns waren, als von denen, die mit uns sind. Selbst das größte
Genie würde nicht weit kommen, wenn es Alles seinem eigenen Innern
verdanken wollte." Und wenn sie auch niemals darüber sprach, so mochte
die Sehnsucht nach Weimar, das ihre Heimat war und blieb, doch oft ihr
Herz mit stiller Wehmut füllen. Die Liebe zu ihren Kindern hatte sie
fortgetrieben, aber was sie ihnen von den Schätzen ihres Innern geben
konnte, das galt ihnen nichts, und was sie empfing, war nicht viel mehr
als ein wenig pflichtmäßige Zärtlichkeit, die einer Mutter galt, deren
tiefstes Wesen allen ihren Kindern fremd und unverständlich war. Wie oft
krampfte sich mir das Herz zusammen, wenn ich sah, wie ihre Gedanken und
Empfindungen mit einer Art nachsichtigen Mitleids belächelt wurden, wie
ein spöttisches Wort über ihren "liederlichen" Freund Goethe sie
verstummen machte, welch beziehungsreiche Stille eintrat, wenn "die gute
Mama" von Seelenerfahrungen zu sprechen versuchen wollte. Nein, hier
fand sie die Saiten nicht, aus denen ihr Spiel Töne hätte hervorlocken
können, hier war niemand, der für ihren nie verlöschenden geistigen
Durst einen frischen Trunk bereithielt.
Auch mit ihrer Anteilnahme für das Wohl und Wehe der Gutsinsassen, der
Knechte und Mägde, der Instleute und Dorfbewohner stand sie allein. Hier
geschah nichts, das an jene umfassende Tätigkeit erinnerte, die sie in
Garden und Rosenberg ausgeübt hatte. "Am Notwendigsten fehlt es zwar
nicht," schrieb sie, "aber dafür am Freiwilligen vollständig, und es
wird, fürchte ich, so lange daran fehlen, bis dies unterwürfige demütige
Volk aufhören wird, den Rocksaum der Herrin und die Hand des Gebieters
zu küssen, und fordern wird, was man ihm von selbst nicht gab.
Unendliches wäre hier zu leisten: den armen elenden Weibern die
notwendigsten Begriffe von Reinlichkeit und Haushaltung beizubringen,
die Männer in ihren Feierstunden mit unterhaltender und belehrender
Lektüre zu versorgen, statt daß sie im Krug alles Verdiente durch die
Gurgel jagen. Und was wäre Alles für die Kinder zu tun, bei denen
überhaupt jede Arbeit anzufangen hat! Sie wachsen buchstäblich zwischen
den Schweinen und im Straßenkot auf, von klein an gewöhnt an die
widerlichsten Eindrücke der Unzucht und der Trunkenheit, und von der
Schule, die für sie der lichte Punkt des Lebens, der Ausgang von
geistiger Erweckung, Sittlichkeit und Frohsinn sein sollte, erwarten sie
nichts als Prügel." Um den Wünschen und Ratschlägen der Mutter in etwas
nachzugeben, richtete ihr Sohn einen Kindergarten ein, für den eine
ehemalige Krankenschwester als Leiterin gewonnen wurde. Meine Großmutter
hatte die größte Freude an den vielen strohgelben Kinderköpfchen, die
sich nun zu fröhlichem Spiel alltäglich versammelten, und den ärmsten
unter ihnen, den armen vaterlosen, wandte sie wie immer ihr größtes
Mitleid, ihre weitestgehende Sorgfalt zu. Es waren ihrer nicht wenige,
denn uneheliche Geburten waren an der Tagesordnung, Trunksucht und
Roheit förderten ihre Vermehrung. Da gab es z. B. ein armseliges Weib --
Großmamas Hauptschützling --, das als ganz junges Ding von ein paar
Burschen betrunken gemacht und im Straßengraben vergewaltigt worden war;
nachher hatten sie ihr ein paar Eimer eiskaltes Wasser über den Kopf
gegossen, und als sie zu sich kam, war sie halb gelähmt und blödsinnig.
Sie erholte sich so weit, um die Puten hüten und -- fast alljährlich ein
neues elendes Würmchen in die Welt setzen zu können. Der Kindergarten
nahm sie alle auf und brachte ein bißchen Sonnenschein in das dunkle
Leben der Kleinen, etwas Freude in das graue Leben der Mutter. Wo sie
meine Großmutter sah, den einzigen Menschen, der ihr anders begegnete
als mit Fluchen, Schelten und Spotten, humpelte sie von weitem schon
eilig auf sie zu, um ihr die Hand zu küssen; dabei huschte über ihr
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