hatte meine Großmutter auch die Freude, den Prinzen Napoleon bei sich zu
sehen. Bei ihrer Liebe für ihn und ihrem natürlicherweise zwischen
Preußen und Frankreich geteilten Herzen -- hatte sie doch überall
Verwandte, deren Schicksale ihr nicht gleichgültig sein konnten -- war
die Aussicht auf einen Krieg für sie doppelt furchtbar. An Wilhelmine
Froriep schrieb sie damals:
"Mein Alter hat viel Segen, und ich danke Gott dafür, bin aber doch oft
müde, und da ist es ein so beruhigender Gedanke, daß jetzt meine
irdische Aufgabe beendet erscheint, meine Kinder versorgt, meine
Geschäfte geordnet und daß ich in Frieden scheiden könnte; da ich aber
auch in innigster Liebe mit meinen Kindern lebe, so kann ich alles
erwarten und weiß, daß ich ihre Lebensfreude erhöhe und ihnen keine Last
bin. Wovor mir graut, daß ich es gar nicht erleben möchte, das ist der
Krieg, der mir wie ein Hohngelächter Satans immer in den Ohren klingt --
warum die Völker das Verbrechen begehen wollen, ist dies Mal unfaßlicher
wie je, und doch zweifeln gerade die nicht daran, die es am besten
wissen können."
Aber es war nicht nur die Kriegsfurcht, die das Gleichgewicht ihrer
Seele störte. "Meine wichtigen Gedanken und Gefühle werden nur dann zu
Sorgen, wenn meiner Kinder Sünden damit verwickelt sind," schrieb sie,
und die Sünden ihrer Kinder waren es, die ihr am Herzen zehrten.
Schweigsam, Hypochonder, im stillen und lauten Kampf mit seinen
Vorgesetzten, die oft, infolge Ottos langer Unterbrechung der
Dienstzeit, jünger waren als er, lebte ihr geliebter Ältester neben ihr.
"Mit stillem Entsetzen sehe ich, wie er zuhause wahllos Bücher um Bücher
verschlingt," schrieb sie, "ohne den geringsten Nutzen, denn bei seinem
schlechten Gedächtniß kann er unmöglich etwas davon behalten, auch
findet er niemals Anregung zu irgend einer Unterhaltung darin. Obwohl er
wissen muß, daß Niemand soviel Theilnahme und Verständniß für ihn haben
kann als ich, bleibt er auch mir gegenüber stumm und ich weiß von seinem
Innenleben so wenig, als wäre er ein Fremder." Ganz anderer Art waren
ihre Sorgen um ihren jüngsten Sohn, der sich in fröhlichem Lebensgenuß
keinerlei Zwang auferlegte und es für selbstverständlich zu halten
schien, daß die Mutter, wenn er mit seinem eigenen Einkommen nicht
reichte, immer wieder für ihn einsprang. Eine Empfindung, die ihr sonst
fremd war -- Bitterkeit -- drückt sich oft in ihren Briefen aus, wenn
sie dieser Erfahrungen gedenkt. Sie gehörte nicht zu jenen Müttern, die
ihre eigene Jugend vergessen haben und darum die Fehler ihrer Kinder mit
dem strengen Maßstab des Alters messen; wo sie konnte und wo es ihrer
Auffassung von Ehre und Anstand entsprach, verschaffte sie ihnen sogar
gern alle erreichbaren Lebensfreuden. Was sie nicht verstand, war jenes
lustige Indentaghineinleben, jenes Sichgenügenlassen nur an den
materiellen Freuden des Daseins. Dabei vergaß sie wohl auch zuweilen,
daß ihr Sohn ein blutjunger, hübscher Gardeleutnant war, nicht besser,
aber auch nicht schlechter als seine Kameraden, und hinzu kam, daß sie
ihn bei sich wohnen ließ, also aus nächster Nähe zu ihrer täglichen Qual
beobachten konnte, wovon sie sonst vielleicht gar nichts erfahren hätte.
Seine Offenherzigkeit blieb dabei ihr Trost und versöhnte sie immer
wieder. Aber auch die Herzensgeheimnisse, die er ihr rückhaltlos
anvertraute, riefen ernste Sorgen in ihr hervor. Sie, die frühe
Heiraten noch vor zehn Jahren eifrig propagiert hatte, schrak jetzt,
nachdem sie bei Nahen und Fernen so viel Tragödien der Ehe miterlebte,
davor zurück. "Ich glaube, daß seine Liebe ein Strohfeuer ist, aber auch
ein Strohfeuer steckt ein Gehöft an, wenn der Moment günstig ergriffen
wird. Und wenn ich wieder erleben müßte, ein von der zu frühen Fessel
wundes und blutiges Herz zu sehen und zu wissen, daß, wie sehr sie auch
drückt, ihr Entfernen noch schwerer sein würde -- es wäre zu traurig,"
schrieb sie an die Vertraute ihrer Mutterschmerzen, ihre Tochter.
Nur zwei Jahre hatte sie die Freude gehabt, auch diese in ihrer Nähe zu
haben; eine Freude, die ihr um so schattenloser war, als ihre Ehe
ungetrübt und ihre Zukunft in jeder Beziehung gesichert erschien. Eine
größere Erbschaft, die ihrem Schwiegersohn zugefallen war, verscheuchte
die einzige Sorge, die sie hatte: "Wenn ich auch weiß, daß Hans nie arm
zu sein verstünde, so weiß ich doch auch, daß er vom Reichtum nur den
edelsten Gebrauch machen wird." Und das Enkelkind, mit dem Sohn Ottos in
fast gleichem Alter, war ihr vollends ans Herz gewachsen, so daß sie die
abermalige Versetzung ihrer Kinder im Jahre 1869 sehr schmerzlich
empfand. Ihr Briefwechsel mit der Tochter, der einzige, der aus jenem
Jahr vollständig erhalten blieb, war ein sehr reger. Familienerlebnisse
und Erfahrungen, Bücherempfehlungen und Erziehungsratschläge spielten
eine große Rolle darin, aber die größte: die Sehnsucht nach den
Abwesenden. "Heute habe ich meinen Stuben die letzte Nuance von Seele:
Blumen, gegeben, habe sie allein, ohne mein Lilychen, die so gern
nebenher trippelte, gepflückt, und mir wäre sehr wohl, wenn ich meine
ruhigen, grünen Mauern um mich habe, nur müßten alle Kinder und Enkel
darin sein ..." heißt es in einem Brief. In einem anderen: "Ich gehe
nicht gern in das Haus, wo mir mein Lilychen nicht mehr entgegenjauchzt,
meine Tochter nicht mehr entgegenlächelt ... mich übergießt dabei eine
so schmerzliche Wehmut, daß ich sogar die Straße vermeide." In einem
ihrer Erziehungsbriefe schrieb sie: "Regt mein Lilychen nicht durch
viele Erzählungen und sogenannte freudige Überraschungen auf, das
Kindchen muß -terre à terre- gehalten werden, kochen, Sandkuchen backen,
laufen, mehr vegetieren, als mit Bewußtsein leben ... Wie mein das Kind
ist, könnt Ihr nicht glauben, darum weiß ich auch, was ihm schadet und
nützt ... So müßt Ihr Euch Beide die kleinen strengen Beschäftigungen
mit den Nebenmenschen abgewöhnen, ehe sie das Kind versteht und ihr
Herzchen erkältet. Du, mein Jennchen, mußt in Ton und Ausdruck weniger
streng und hart sein, das tut so zarten Seelchen weh ..." Es war der
Seherblick der Liebe, der sie von dem vierjährigen Kind so sprechen
ließ, jener Liebe, durch die ich vom ersten erwachenden Bewußtsein an in
dieser Frau alles fand, was ein Kind bedarf: Verständnis, Anregung,
Leitung, Freundschaft und Mütterlichkeit.
Im Sommer 1869 besuchte sie uns. Sie war voller Sorgen um ihre Söhne, um
Otto, dessen Kränklichkeit den Dienst fast unmöglich machte, um Werner,
der weniger denn je das Seinige zusammenhielt. Wie immer, so wirkte der
Kummer auch auf ihren körperlichen Zustand, das alte Leberleiden machte
sich mehr als früher geltend, und eine Müdigkeit beherrschte sie, die
ihr wie eine Vorahnung des Todes erschien. "Ich möchte den ganzen Tag
schlafen," hatte sie kurz vorher ihrer Tochter geschrieben, "auch das
Hinüberschlafen denke ich mir süß -- mir wird all das Harte, Grausame,
Gewalttätige, die Verirrungen, Sünden, Leidenschaften, Wehen in der Welt
so entsetzlich schwer mit anzusehen und anzuhören -- -- mir ist, als
hätte ich hier nicht mehr viel zu lernen, ich weiß immer alles, was ich
höre und lese, und kann doch nicht verhindern, daß Ihr, meine geliebten
Kinder, vom Leben noch gelehrt werdet, was Euch Eure treue Mutter lieber
lehrte und ersparte ..."
Meine Mutter, in ernster Sorge um sie, befürwortete, daß Mutter und
Söhne sich trennen möchten, um die Last täglicher Leiden von ihr zu
nehmen, und hätte der drohende Krieg sie nicht noch fester an ihre
Kinder gefesselt, so wäre sie dem guten Rat vielleicht gefolgt. So
entschloß sie sich nur zu einer Karlsbader Kur im Frühling 1870.
"Unbeschreiblich schön ist es in diesem gesegneten Ort," schrieb sie von
dort aus, "ich fühle mich jetzt schon wie neugeboren, genieße auf
stundenlangen einsamen Morgenspaziergängen Wald und Berge und begreife
nicht, wie es Menschen geben kann, die sich freiwillig in die
Steinwüsten der Städte begeben. Auf stillen Bänken lese ich alte und
neue Bücher: Humboldts Kosmos zum zweiten oder gar dritten Mal, und mit
wahrer Leidenschaft: Ut mine Stromtid von Fritz Reuter; es ist ein
eminentes Meisterstück und die Atmosphäre einfachen Lebens und redlicher
Menschen tut so wohl ... Verkehr habe ich so gut wie keinen, bin aber
neulich gegen meinen Willen in eine ganz interessante Unterhaltung
gezogen worden. Nicht Hände, nein Kiepen voll Schmutz wurden auf
Lassalle geworfen. Sein Auftreten, besonders seine eitle, großspurige
Manier, sein wüstes Hetzen, das so viel persönliche Eitelkeit und
Ehrgeiz durchblicken ließ, waren mir auch stets antipathisch. Aber sein
starkes Gerechtigkeitsgefühl erhebt ihn doch so sehr, daß man, nach
seinem Tode besonders, das Andere leichter vergessen sollte. In seinem
Eintreten für die Sicherung des Lebens der Armen bin ich unbedingt auf
seiner Seite. Ich gehe sogar noch weiter: denn da ohne die friedliche
Gewaltthat des Strikes auch die gerechteren Ansprüche der Handwerker
nicht erfüllt werden, kann man sie ihnen nicht verargen, und sie sind
doch besser als Barrikaden. So bin ich aus einem politischen Gespräch zu
einem politischen Brief an mein sehr konservatives liebstes Töchterchen
gelangt, das sicher dabei krebsrot wird ..."
Kurz vor dem Ausbruch des Krieges kehrte Jenny von Gustedt nach Potsdam
zurück, und als das lange Gefürchtete Wahrheit wurde und alles um sie
her im Paroxysmus der Begeisterung schwelgte, schrieb sie ihrer Tochter:
"Es ist selbstverständlich, daß wir Frauen uns mit den lieben Kindern
und Enkeln hier vereinen. Alles steht in Gottes Hand, aber mir erscheint
es doch wie Gotteslästerung, wenn mitten im Hurrahschreien und Toben der
Vater aller Menschen wie ein alter Kriegsgötze für uns allein in
Anspruch genommen wird ... Er verhüllt sein Haupt bei diesen größten
Sünden der Völker ..." Während des ganzen Feldzugs wohnten wir bei
Großmama in Potsdam. Noch sehe ich sie deutlich vor mir, wie sie
frühmorgens im Sommer mit mir nach Sanssouci ging, wo die Bäume so hoch
waren, daß ich glaubte, sie wüchsen in den Himmel, und die Stille so
zauberhaft, daß ich, wenn die Blätter zu rauschen begannen und die
Wellen auf den Teichen sich kräuselten, Elfen und Nixlein zu spüren
meinte. Gingen wir aber oben auf den Terrassen, wo im heißen
Sommersonnenschein die Rosen glühten, dann hätte ich mich kaum
gewundert, wenn hinter den Laubengängen der alte Fritz mit dem
Krückstock und den Windspielen gemächlich hervorspaziert wäre. Durch
Großmamas schöne Geschichten war er mir ganz vertraut geworden. Oft
saßen wir auf den weißen Marmorbänken und sahen dem Steigen und Fallen
des Springbrunnens zu -- auf jedem Tröpfchen tanzte ein lustiger
Sonnenelf, darum blitzte es so vergnüglich, und ganz, ganz oben, da
badete sich die Rosenkönigin, die täglich von den Terrassen herüberflog,
damit kein Stäubchen an ihrem duftenden Hemdchen hängen blieb. Ich habe
sie sogar gesehen, wie sie zu uns herunterlachte: zu dem kleinen Mädchen
und zu der alten Frau. Großmama war ja auch ihre gute Freundin, sonst
wüßte sie nicht so viele Geschichten von ihr und allen ihren Schwestern!
Hinter der Marmorbank war ein dichtes Gebüsch, und da gab es im feuchten
Schatten viele, viele Schnecken, große und kleine, schwarze, weiße und
rote mit buntem, komischem Häuschen auf dem Rücken. Die brauchten sich
vor keinem Franzosen zu ängstigen, sagte Großmama; wurde es ihnen
irgendwo ungemütlich, dann trugen sie eben ihr Häuschen, das ihnen kein
Feind wegnehmen konnte, anderswo hin. Ach, es war herrlich, mit Großmama
spazieren zu gehen, viel tausendmal schöner als mit Mademoiselle, bei
der man immer artig sein und beileibe nicht hinter die Bänke kriechen
durfte! Freilich: oft hatte sie keine Zeit für mich, und wenn sie mit
Mama und Tante Cecile im grünen Zimmer saß und alle ernste Gesichter
machten, dann liefen wir, mein Vetter Wawa, Onkel Ottos Sohn, und ich,
am liebsten in den Garten und bauten Wälle aus dem großen Sandhaufen,
der für uns in der Ecke lag. Kam eine Siegesnachricht, dann kriegten wir
immer was Schönes geschenkt und schrien darum aus Leibeskräften
"Hurrah!" Als die Kapitulation von Sedan bekannt wurde, tanzte meine
Mutter ganz allein im Zimmer umher und Großmama liefen zwei große Tränen
aus den Augen, so daß ich durchaus nicht entscheiden konnte, ob es zum
Lachen war oder zum Weinen. Auf dem Balkon aber wurde eine große Fahne
herausgesteckt, und viele, viele Lichtchen brannten abends hinter den
Fenstern. Wir durften aufbleiben, um die Herrlichkeit mit anzusehen. Und
dann warteten wir alle Tage, daß unsere Papas mit Sternen und
Lorbeerkränzen geschmückt nach Hause kommen sollten. Aber sie kamen
nicht; nicht einmal zu Weihnachten, und unsere Mamas weinten, und
Großmama sah sehr, sehr ernst aus. Trotz der großen Puppe war es darum
gar nicht schön.
Wie im Sommer unsere Morgenspaziergänge, so waren im Winter unsere
Abende das Schönste vom ganzen Tag: Großmama erzählte Märchen am
Kaminfeuer, und wenn die Lampe kam, dann schnitt sie Puppen und
Schlitten und Wagen und Pferde aus, zeichnete Häuser und Bäume dazu --
kein Spielzeug war uns so lieb wie dieses!
Nur ein einziges Brieffragment aus der Zeit des Krieges gibt einen
Begriff von den widerstreitenden Empfindungen, die Großmama bewegt haben
müssen. "Ich bin wohl zu alt für den Siegestaumel," schrieb sie, "oder
mein Herz ist wie immer zu sehr auf der Seite derer, die leiden. Wie
vielen armen Müttern bin ich schon begegnet, die ihr Liebstes haben
hergeben müssen und kein 'Tod fürs Vaterland' macht sie wieder lebendig.
Und ich habe täglich, stündlich um drei Söhne zu zittern! Und nicht nur
das: vor Metz lag Hans, während in Metz Berckheim und Henri (nahe
Verwandte) sich befanden; vor Paris ist Otto, in Paris meine geliebte
blinde Pauline, deren Kloster jeden Augenblick in Flammen aufgehen kann,
wenn mir auch meine gute Königin immer wieder versichert, daß Alles
geschehen sei, um es vor dem Bombardement zu schützen ... Das schöne
Frankreich, das friedliebende gute tüchtige Landvolk, wie müssen sie
leiden! Nachher wird dann aber noch die Saat des Bösen aufgehen: zum
grollenden Feinde wird der Bauer werden, der seine zertrampelten Felder,
seine vernichtete Ernte sieht ..." Wenn sie auch selbst vor dem
Furchtbarsten bewahrt blieb und der mörderische Krieg ihre Söhne
verschonte wie ihre Schwester, so traf sie das Unglück, das ihre
nächsten Verwandten traf, als hätte es sie selbst getroffen: die beiden
einzigen Söhne ihrer Schwester Cecile Beust fielen am gleichen Tage in
derselben Schlacht. Es war zugleich der Todesstoß für die unglückselige
Mutter, die auf die Schreckensnachricht hin zusammenbrach, um nicht
wieder aufzustehen. Wenn schon vorher die innigste Freundschaft meine
Großmutter mit ihrem Schwager Fritz Beust verband, so wurde sie jetzt
zum wärmsten geschwisterlichen Verhältnis. Wie hätte sie rückhaltlos mit
den Siegern jubeln können, da er so namenlos litt? Nur wo ihr Mutterherz
sich freuen durfte, da freute sie sich wirklich.
Die Erfolge ihres Schwiegersohnes, die Auszeichnung, die er mit Recht
erfuhr, bestärkten sie in der hohen Meinung, die sie von seinem Geist
wie von seinem Charakter hatte, und vertrieben die Sorgenwölkchen, die
sie hie und da auch am Lebenshimmel ihrer Tochter glaubte aufsteigen zu
sehen. Ganz besonders glücklich aber machten sie die Nachrichten von
Otto, ihrem Sorgenkind. Der Krieg hatte ihn zum begeisterten Soldaten
gemacht, hatte seine Schwermut vertrieben, und da er sah, daß sein Mut
nicht unbeachtet blieb, daß seine Leistungen als Ordonnanzoffizier des
Kronprinzen anerkannt wurden, schwand auch sein Mißtrauen und machte
frohen Zukunftshoffnungen Platz. Einen Teil eines Briefes, den er im
August 1870 an seine Frau geschrieben hatte, teilte seine Mutter einer
Freundin mit folgenden Worten mit: "Es scheint, daß eine Kur auf Leben
und Tod wie dieser Krieg notwendig war, um meines armen Otto Seele
gesund zu machen. Er schrieb seiner Frau: 'Denke Dir meine maßlose
Freude, als mir der Kronprinz, mein lieber gnädiger Herr, im Namen des
Königs das eiserne Kreuz überreichte, als Auszeichnung für mein tapferes
und umsichtiges Benehmen in der Schlacht bei Wörth. -- Das sind seine
eigenen Worte. Ich weiß mich nicht zu lassen vor Freude, denn es ist
eine sehr große Auszeichnung, die ich gar nicht erwartet habe. Ich
glaubte mich schon übermäßig belohnt, als mich der Kronprinz heute dem
König mit den Worten präsentierte: hier ist Otto Gustedt, er hat sich in
der Schlacht bei Wörth und Weißenburg besonders ausgezeichnet, seiner
muthigen Recognoszirung am Tage von Wörth verdanke ich die wichtigsten
Nachrichten. Die Thränen standen mir dabei in den Augen.' Vielleicht,
daß nicht nur für meinen Otto, sondern auch für Preußen die dunklen Wege
Gottes doch schließlich wieder die hellsten waren!"
Als die Friedensglocken feierlich ihre frohe Botschaft verkündeten und
ein Wald von Fahnen aus den kleinen Häusern Potsdams fast bis zum
holprigen Pflaster niederwehte und die engen Straßen noch enger machten,
da vermochte Jenny Gustedt zum erstenmal all des Jammers, den der Krieg
hervorgerufen hatte, zu vergessen: "So war es doch ein Seherblick, der
vor dreißig Jahren meinen Stiefvater jene Worte aussprechen ließ:
Preußen wird an der Spitze Deutschlands stehen, das ist die allein
mögliche Lösung des gordischen Knotens der deutschen Politik, und es war
mehr als ein Traum jugendlicher Begeisterung, wenn ich vor
dreiundzwanzig Jahren, als diese Auffassung noch in den Verdacht
revolutionärer Gesinnungen bringen konnte, für die Kaiserkrone
Deutschlands auf dem Haupte eines Hohenzollern schwärmte. Möchte der
Ruhm uns nicht übermütig machen und die Macht nur dazu führen, dem Wohle
des Volks zu dienen."
Nach dem Feldzug mußte sich Großmama wieder von ihrer Tochter trennen.
Die Hoffnung, daß mein Vater als Generalstabsoffizier im -IV.-
Armeekorps bleiben würde, erfüllte sich nicht, er wurde vielmehr nach
Karlsruhe versetzt, so daß die Trennung, der weiten Entfernung wegen,
eine recht schmerzliche war. Daß ihr Sohn Otto so fröhlich zurückkam und
beim Kronprinzen in Potsdam blieb, daß ihr Sohn Werner so viel ernster
und reifer geworden zu sein schien, erleichterte ihr den Abschied. Im
Sommer des folgenden Jahres verband sie eine Reise nach Karlsruhe mit
einem Besuch bei ihrer Schwester in Paris und beschloß sie mit der
gewohnten Karlsbader Kur. In einem Briefe aus dieser Zeit -- 1872 --
heißt es: "Es scheint, als ob ein sehr friedliches, sorgenloses Ausleben
mir beschieden wäre." Aber schon bald nach ihrer Rückkehr nach Potsdam
verdunkelte sich das helle Zukunftsbild wieder. Es wiederholte sich, was
gerade die besten Eltern am schmerzlichsten erfahren müssen: daß ein
Zusammenleben von jung und alt nicht gut tut. Bei allem Verständnis für
jugendliche Neigungen und Torheiten wird es jeder Mutter, jedes Vaters
berechtigtes Bestreben sein, dem Kinde die Erfahrungen des eigenen
Lebens zunutze zu machen. Nietzsches herrliches Wort: Nicht fort sollst
du dich pflanzen, sondern hinauf! entspricht dem Wunsch, der, seit es
Mütter gibt, ihr Denken und Fühlen beherrscht. Für ihr Kind wollen sie
Erfahrungen gesammelt, wollen sie gelitten haben; ihr Kind soll nicht
denselben Weg gehen, auf dem sie strauchelten, sondern ihn dort
fortsetzen, wo sie angelangt sind. Darum wachen sie über seine Schritte,
lassen es an Warnungen und Zukunftsprophezeihungen nicht fehlen, darum
kann nichts so schmerzhaft verwunden, als wenn sie sehen müssen, daß
der erwachsene Sohn oder die Tochter allem zum Trotz doch ihre eigenen
Wege gehen, und für die Angst der Mutter gar nur ein mitleidiges Lächeln
übrig haben. Was Güte und Liebe ist, empfindet Sohn oder Tochter nur als
Beeinträchtigung der Freiheit, und so spitzt sich ein ursprünglich
zärtliches Verhältnis oft so zu, daß es nur durch Trennung vor dem
Zerreißen bewahrt werden kann. "Er glaubt mich ganz zu übersehen,"
schrieb Jenny Gustedt von ihrem jüngsten Sohn, "ahndet nichts von meiner
Seele, weiß von der Würde einer Mutter nichts, und doch sprechen seine
zärtlichen Augen meist die innigste Liebe aus ..." Sie fühlte selbst,
daß sie ihren Sohn verlassen müsse, um ihn zu erhalten. Als daher mein
Vater in den Großen Generalstab nach Berlin versetzt wurde und die
begründete Aussicht bestand, daß er eine Reihe von Jahren in derselben
Stellung bleiben würde, entschloß sie sich, mit uns zusammen zu ziehen.
In der Hohenzollernstraße, ganz nahe dem Tiergarten, wo die Stadt sich
in ihrer aufdringlichen Häßlichkeit ihr weniger empfindlich bemerkbar
machte, wurde eine geräumige Wohnung gemietet, in der sie ihre
ungestörten Zimmer für sich haben konnte; mich allein hatte sie in
nächster Nähe: mein Schlafzimmerchen war nur durch eine dünne
Tapetenwand von ihrem Salon getrennt, und eine Portiere ersetzte die
Türe zwischen beiden. Entzückt war ich darüber und genoß das
Zusammenleben wie nie zuvor: wieder, wie in Potsdam, gingen wir zusammen
spazieren oder saßen während der Vormittage spielend und lesend im
Zoologischen Garten; wieder erzählte sie mir vor dem grauen Marmorkamin
Geschichten, viel schönere als früher, weil es nur selten noch Märchen
waren, sondern Erzählungen aus der eigenen Jugend, aus dem Leben großer
Geistes- und Kriegshelden. Auch sonst glich das äußere Leben sehr dem in
Potsdam: Freunde und Verwandte kamen zur Teestunde zu ihr, und jeden
Donnerstag abend rollte der Wagen der Kaiserin in den Torweg, und ich
durfte den Kuchen zum Tee in den grünen Salon tragen, wo die beiden
Freundinnen in lebhaftem Gespräch beieinander saßen. Einmal kam auch der
Kronprinz zu ihr hinauf, als ich gerade alle meine Papierpuppen auf
ihrem Tisch tanzen ließ. Das schadete aber gar nichts; er war nur um so
freundlicher und machte, wie immer, seine Scherze mit mir.
Bald jedoch sollte mir der Unterschied von dem damals in Potsdam und dem
heute in Berlin zum Bewußtsein kommen. Ob die Lombarden gestiegen oder
gefallen waren, das war angesichts der Morgenzeitungen das
Gesprächsthema, und abends, wenn man mich schlafend glaubte, dann saß
ich aufrecht im Bett und hörte Großmamas und ihrer Kinder erregte,
klagende und anklagende Stimmen. Ich verstand nicht alles, aber doch
genug, um zu wissen, daß Geld, viel Geld verloren worden war, viel mehr,
als Großmama es vorher gefürchtet hatte; als dann gar unsere schönen
Goldfüchse verkauft, der Kutscher entlassen wurde, und ich -- ein
unerhörtes Ereignis für mein Leben! -- in einer Droschke zu Kronprinzens
fahren mußte, wenn ich dort eingeladen war, da begriff ich Großmamas
sorgenvolles Gesicht, und mein Herz krampfte sich zusammen vor heißem
Mitgefühl.
Ihr Sorgenkind war es gewesen, das sich, dem Zuge der Zeit folgend, in
wagehalsige Spekulationen eingelassen und Schwager und Bruder mit
hineingezogen hatte. Sie verloren alle den größten Teil ihres Vermögens.
Welch ein Schlag für die Mutter! Sie selbst traute sich wohl zu, "unter
dem kategorischen Imperativ der Lebensmaxime: Auskommen! von der Stufe
der Zehntausend zu den Hunderttausend, ja zu den Millionen ruhig
hinabzusteigen und jedesmal liebgewordenen Ballast, der keinen Platz auf
der unteren Stufe hat, blutenden Herzens über Bord zu werfen -- wenn nur
derselbe Weg für die Seele ein Steigen ist," aber für ihre Kinder sah
sie Kämpfe und Sorgen ohne Ende voraus. "Nicht weil ich sie so verwöhnt
habe," schrieb sie einer Freundin, "sondern weil sie trotz all meiner
Anstrengung durch Wort und Beispiel das glänzende Blech bloß
materiellsten Lebensgenusses dem Golde geistiger und seelischer Freuden
vorziehen. Mein Jennchen macht noch am ersten eine Ausnahme, aber dafür
ist ihr Mann um so mehr der Sparsamkeit abgeneigt, und ist es mit so
viel Güte und Liebe, fast immer nur, um Andere zu erfreuen, daß man sich
fast schämt, ihm darum zu zürnen." Was sie fürchtete, sollte rasch zur
Gewißheit werden: die Söhne, auf ihre Güte vertrauend, lernten es nicht,
sich einzuschränken, und sie versagte sich eine liebe Gewohnheit nach
der anderen, um ihnen die Zulagen, die sie brauchten, gewähren zu
können. Mit der Hoffnung auf ein sorgenfreies Alter war es ein für
allemal vorbei. "Ich bin noch immer vergebens neugierig," heißt es in
bitterer Ironie in einem ihrer Briefe, "wann die Reihe des Gewinnens an
mich kommen wird, da ich bei allem Unerwarteten immer die schwarzen
Kugeln aus der Urne ziehe."
Hinter der Tapetenwand hörte ich bald so viel, daß es für ein
empfindliches neunjähriges Kindergemüt drückend wurde wie Zentnerlast.
Aber ich sprach nicht darüber, am wenigsten mit Großmama, vor der ich
doch sonst nie ein Geheimnis gehabt hatte! Ich mochte wohl fühlen, welch
unerträglicher Schmerz es für sie gewesen wäre, wenn sie mich in alles
Leid der Familie eingeweiht wüßte. Auseinandersetzungen zwischen Mutter
und Söhnen gab es besonders oft, und wenn sie sporenklingend das Zimmer
verließen, hörte ich noch lange Großmamas leisen Schritt auf und nieder
gehen und die qualvollen Seufzer, die von ihren Leiden zeugten.
Viele Jahre später kleidete sie mancherlei Ansichten, Gedanken und
Erinnerungen in eine novellistische Form, deren Mittelpunkt, "Gräfin
Thara", sie selber war. Die Gespräche darin, die sich um Offiziersehre,
um Schuldenmachen, Spielen und Trinken drehten, riefen mir jene Berliner
Abende lebhaft ins Gedächtnis zurück. Wie oft hatte ich dieselben Worte
gehört:
"Wieder ein Liebesmahl? Und wieder Sect?"
"Thust du nicht, als wäre das eine Sünde? Schadet das Jemandem, wenn ich
Sect trinke?"
"Direct nur dir!"
"Das ist doch meine Sache!"
"Außerdem ist es Sünde, sobald das Bedürfniß nach Trank und Speise zur
Lust, Erweckung desselben zum Ziel wird! Nimmst du dir nicht etwa oft
die ruhige Selbstbeherrschung, bringst dich in einen unwürdigen Zustand,
machst auf viele Stunden deinen Körper krank, giebst den Leuten, denen
du befehlen sollst, ein gefährliches Beispiel und übertrittst dabei sehr
oft das einfache Ehrengebot: was ich nicht bezahlen kann, muß ich mir
versagen."
"Das war falsch, versagen darf ich mir das unter meinen Kameraden nicht,
und bezahlen kann ich eine Flasche Sect."
"Eine, ja, fünfzig, nein, wenigstens nicht ohne Opfer der Deinigen, oder
ohne Rechnungen armer Handwerker stehen zu lassen. Und das Alles um das
Bischen Nasenkitzel, um das jämmerliche Lustigsein mit dem Ende, das du
Katzenjammer nennst!"
"Darin liegt gerade der Schneid, dem Katzenjammer zu trotzen, und so
lange ich den Körper habe, will ich mich mit ihm vertragen und ihm seine
Freude gönnen, ist er einmal weg, so hat er auch keinen Durst mehr ..."
Und wie oft, wenn der Sohn sich mit dem Hinweis auf die notwendigen
Verpflichtungen verteidigte, hörte ich sie die Vorgesetzten anklagen,
die "mehr verlangen, als die reichlichsten Zuschüsse leisten können,
glänzende Regimentsfeste, übermäßig kostbare Geschenke, Pferde und
Uniformen, Jagden, Rennen und dergleichen, und die jüngeren Offiziere
auf ein Eitelkeitspiedestal heben, von welchem aus sie glänzen sollen.
Ich habe selbst gehört, wie ein Regimentscommandeur Kartoffeln in den
Bann erklärte, weil es für Gardecavallerie-Officiere ein zu gemeines
Essen sei -- die Kartoffeln des großen Fritz! Und wie ein Anderer in dem
preußischen Schnarr- und Nasenton einen jungen Officier, der, seinen
Paletot auf dem Arm, zum Bahnhof ging, frug, ob sein Bursche den
Wadenkrampf habe, daß er sich selbst so bepacke."
Gingen die Wogen der Erregung hoch, wurde der Mutter weiche Stimme
schärfer und härter, dann waren es die "falschen Ehrbegriffe inbezug auf
Geld und Geldverwertung", die sie immer wieder bekämpfte. "Der, welcher
am versprochenen Termin sein Geld fordert," heißt es in der "Gräfin
Thara", "gilt für gemein und unzart, nicht der, welcher empfangen und
versprochen hat und sein Wort nicht hält; der, welcher eine Rechnung
schickt, wird mit jedem Schimpfnamen bezeichnet und als unverschämt
abgewiesen, nicht der, welcher auf Rechnung genommen hat. Der, welcher
mahnt, wird als Tretender bezeichnet, nicht der, welcher die Mahnung
verdient. Der Vater, der seinen Sohn versetzen läßt, weil er Schulden
macht, wird verdammt, der Sohn wird bedauert, und es geschieht, meinen
die Kameraden, dem Vater ganz Recht, wenn der Sohn nun noch mehr
Schulden macht; der Vater hat ja nur das Vermögen der Kinder zu
verwalten, lebt auch zu lang, steht blos dem berechtigten Lebensgenuß
des Sohnes im Wege! Mit ritterlichem Muth tritt er auf das Herz der
Mutter, die für zwanzig- bis dreißigjährige Liebe und Treue Spott und
Undank erntet. Das ist das Porträt eines 'charmanten Kerls', der
unsinnige Wetten macht, eine Maitresse hat, die schöner wohnt, besser
lebt, kostbarere Kleider hat als Schwester und Mutter! Wie könnte er
drei Monate lang z. B. nicht nach Berlin fahren, wie kann er nicht Sect
trinken, nicht spielen! Nein, da muß man den Muth haben, durch seine
noblen Gewohnheiten dem Regiment Ehre zu machen, und ginge es über den
Sarg von Vater und Mutter, über alle göttlichen Gesetze, über alle
Pflichten der Liebe und der Ehre, und opferte man die Altersruhe der
Eltern, die Unabhängigkeit der eigenen Zukunft, die Gesundheit des
Leibes und der Seele! Und zuletzt giebt es ja, Gott sei Dank, Pistolen
zum Selbstmord."
Aber auch die erregteste Auseinandersetzung schloß mit allen Zeichen der
Liebe, einer sorgenden, schmerzlichen, aber doch immer wieder hoffenden
Liebe. "Laß die Sonne nie über deinem Zorn untergehen", war einer der
Grundsätze Jenny Gustedts, und oft schloß sie ein ernstes Gespräch mit
den Worten: "Das Alles giebt Stoff zu guten Monologen bei der Zigarre im
Lehnstuhl oder vor dem Einschlafen. Bei Dialogen tritt Eitelkeit,
Rechthaberei, Kränkung so leicht in den Weg, aber die Selbstgespräche,
die folgen, die können Frucht bringen."
Aus jener schweren Berliner Zeit datiert ein Brief von ihr, der ihre
Stimmung am besten wiedergibt. "Die Gewohnheit meiner abendlichen
Selbstprüfung", so heißt es darin, "hat mir niemals so viele schlaflose
Nächte gemacht, als jetzt. Was habe ich versäumt an meinen Kindern?
Welche Schuld habe ich ihnen gegenüber begangen? Das sind die Fragen,
die mich quälen und auf die ich keine Antwort weiß ... Mein Mann und ich
haben nie über unsere Verhältnisse gelebt, unseren Kindern gaben wir
immer das Beispiel unbedingter Rechtschaffenheit. Aber freilich, diese
Verhältnisse waren eben sehr gute; was hätte geschehen müssen, um die
Kinder vor der Verwöhnung durch sie zu schützen? Wir hatten nach
menschlichem Ermessen die Sicherheit, daß ihre Lebensführung dieselbe
bleiben könnte wie unsere ... Ich habe ihnen immer durch mein Leben und
Denken meine Geringschätzung rein materieller Genüsse gelehrt, habe
Geist und Natur ihnen als Höchstes gepriesen und zugänglich gemacht,
habe ihnen das Christentum niemals durch Kasteiungsideen und
Weltverachtung verekelt, sondern im Gegenteil gezeigt, daß der beste
Christ auch stets der fröhlichste, genußfähigste Mensch sein wird. Und
dennoch diese Resultate. Bin ich vielleicht doch im Urteil zu hart? Sind
sie zu jung und vergebe ich ihre Jugend? Als ich so alt war, bin ich
doch auch lebensfroh gewesen, aber die geistigen Genüsse gingen mir über
Alles ... Ich bin zwar unter ungewöhnlich günstigen Verhältnissen
aufgewachsen, und das ist vielleicht die Ursache dafür, daß ich mich so
ganz anders entwickelte. So wäre also die Schuld in der Zeit zu suchen,
in dieser oberflächlichen, genußsüchtigen, nur nach Geld und Vergnügen
jagenden Zeit, wo ein junger Lieutnant die Nase rümpfen würde, wenn er
ein Schlafzimmer wie das Goethes bewohnen müßte, und ein Student empört
wäre, wenn man ihm Goethes Arbeitszimmer anwiese ... Wenn das die Folgen
unserer Siege sind, dann wäre es wahrlich besser, wir wären das arme,
unscheinbare Preußen geblieben ... Ich fühle mich recht müde, recht alt
und recht fremd in dieser Welt. Neulich besuchte mich R., seiner
Gesundheit hat das Studentenleben, das das Lieutnantsleben fast zu
übertrumpfen scheint, einen Knacks gegeben, den er vielleicht noch als
Greis spüren wird -- wie jammerschade, Lust, Tatkraft, Tüchtigkeit so zu
vergeuden. Und wie unbegreiflich bei einem Menschen wie er, der
ehrgeizig ist und dieses Leben für das einzige hält, also logischerweise
alle Kraft darauf konzentrieren müßte, es durch Leistungen zu erfüllen.
Statt dessen wird Gesundheit, Nerven- und Geisteskraft im Genußleben
ertränkt. Ich suche sein Verantwortlichkeitsgefühl zu wecken, und da er
immer wieder kommt, muß doch irgend etwas ihn herziehen, was eine alte
ernste Frau kaum sein kann ... Wie arm an Liebe muß die Welt sein, daß
mein wirkliches aufrichtiges Wohlwollen mir immer so unerwartet Herzen
gewinnt und ohne mein Wissen und Zutun es jedermann für Liebe nimmt,
während ich eigentlich wirkliche Liebe für sehr wenige Menschen
empfinde, deshalb nur mit sehr Wenigen lieber zusammen, als mit mir
selbst allein bin ... Laute, lärmende Heiterkeit in meiner Nähe schmerzt
mich jetzt ganz besonders. Meine Seele, die unter den Fröhlichen den
Druck wie von heißer Sonnenhitze fühlt, empfindet den Umgang mit
Trauernden, als träte sie in einen milden Schatten."
Die Schmerzen, die ihr diesen Brief diktiert hatten, bezeichneten noch
nicht den Gipfel des Leids, zu dem diese Jahre sie emporführen sollten.
Selbst die Bäume am rauhen Lebensweg, in deren Schatten sich zuweilen
von der mühseligen Wanderung ruhen ließ, hörten auf, und die Steine
wurden spitzer und der Pfad immer steiler. Ihr Sorgenkind, ihr ältester
Sohn, wurde ohne seine Schuld in einen tragischen Familienkonflikt
verwickelt, aus dem es nur einen Ausweg für ihn gab: das Duell. Die
Kugel seines Gegners traf ihn in den Unterleib. Leben und Tod standen in
langem, schwerem Kampf an seinem Lager, und als er sich endlich von ihm
erhob, war er ein an Leib und Seele gebrochener Mann. Nun war der Platz
der Mutter wieder an der Seite des Sohnes. Sie, die ihm das Leben
gegeben hatte, sah es als ihre Aufgabe an, es aus Schutt und Trümmern
ihm wieder aufbauen zu helfen.
Da ihr Schwiegersohn gegen alle Erwartung nach einem kaum
anderthalbjährigen Aufenthalt in Berlin nach Posen versetzt wurde und
sie nun abermals heimatlos war, erschien es ihr wie eine Fügung Gottes.
"Ich bin wohl noch zu egoistisch gewesen," schrieb sie, "als ich mich
vor ein paar Jahren auf ein friedliches Ausleben in der Mitte meiner
Kinder vorbereitete. Bei der Art eurer Generation, alle Lasten, die seit
Beginn der Welt Jeder getragen hat, unerträglich zu finden, sind die
großen Familien sehr zu fürchten; wer ein egoistisch ruhiges süßes Alter
träumt, muß kein zehnfaches Leben mit hineinnehmen, wie es bei Kindern
und Enkeln geschieht und um so mehr geschieht, je mehr man sie liebt.
Ich fühle die Schmerzen meiner Kinder doppelt und dreifach und würde sie
freudig tausendfach fühlen wollen, wenn ich auch nur ein Sandkörnchen
ihrer Last dadurch von ihren Schultern nehmen würde. Aber ich kann
nichts, als im Stillen für sie beten, und da sein, wenn sie ein allzeit
offnes Ohr und Herz brauchen, um ihren Jammer hinein zu schütten ... Es
müssen glückliche Menschen gewesen sein, die sich Hölle und Fegefeuer
erträumten, sonst hätten sie wissen müssen, daß die Erde Beides zugleich
ist ... Glaube nicht, daß ich klage: mit dem Leid wächst die Kraft. Das
wird auch Dein Mutterherz noch erfahren. Der Glaube, der Berge versetzt,
ist nicht stärker, als die Mutterliebe, die den Kampf mit Hölle und
Fegefeuer aufnimmt, um ihres Kindes willen."
Ausleben
Wieder daheim
Jenny Gustedt war 64 Jahre geworden, ein Alter, von dem sie zu sagen
pflegte, daß es ihm angemessen sei, "sich in den Schatten, sich aus dem
Wege der Welt zu stellen, um seiner selbst willen, weil die Grenze des
Diesseits schon das Jenseits streift, um Anderer willen, weil in den
Lebensverhältnissen das Greisenalter, ich möchte sagen, über dem Etat
ist und oft beengend auf die nächste Generation wirkt". Und wenn sie
auch äußerlich fast unverändert blieb und die Pforten ihres geistigen
Lebens sich nicht, wie bei den meisten alten Leuten, vor der Außenwelt
und ihren Eindrücken zuschlossen, nur das Besitztum der Vergangenheit
hütend, so zeigte sich doch ein untrügliches Merkmal hoher Jahre:
Heimweh. Es befällt nicht nur den einen, der lange in fremden Ländern
war, als eine Sehnsucht nach den Wäldern und Wiesen, wo seine Jugend
reifte; noch stärker und schmerzhafter macht es sich vielmehr dem
anderen fühlbar, der in geistiger Fremde lebte, und nun heim verlangt
nach dem vertrauten Boden, in dem sein inneres Leben wurzelt, der seiner
Seele die erste Nahrung gab. Nicht die Zahl der Jahre bestimmt den
Zeitpunkt, wann dieses Heimweh unüberwindlich wird, sondern das Maß der
Entfernung und die Menge der begrabenen Hoffnungen. Am längsten vermag
die Mutterliebe, die das Weib an das innere und äußere Leben des Kindes
fesselt, die Stimmen der Sehnsucht zu übertönen. Aber schließlich, wenn
der müde Fuß den raschen Schritten der Jugend nicht mehr folgen kann und
das Auge nichts als eine fremde Welt vor sich sieht, dann siegt das lang
unterdrückte Verlangen, dorthin zurückzukehren, von dannen wir gekommen
sind.
Nach dem Tode ihres Gatten war der erste Gedanke der Witwe gewesen, sich
von nun an dauernd in Weimar niederzulassen. Liebe und Pflichtgefühl
hatten sie daran gehindert. Jetzt, zehn Jahre später, sah sie, daß ihre
Kinder ihrer nicht bedurften, daß sie ihnen, selbst wenn sie litten,
kaum zu helfen vermochte, weil ihr Trost ihnen kein Trost war, und es
regte sich nun wohl auch in ihr der Wunsch, zum Schlusse des Lebens noch
einmal sich selbst zu leben. Im Hause ihres Schwagers, des Grafen Beust,
am Ende der Ackerwand, wo die alten Bäume des Parks in die Fenster
hineingrüßten und der Brunnen dasselbe Lied rauschte und murmelte, wie
vor einem halben Jahrhundert, fand sie eine kleine, freundliche Wohnung.
"Meine Stuben würden Dir sehr gefallen," schrieb sie mir, "sie sind
kleiner als die in Berlin, aber sehr harmonisch, und enthalten Alles,
was mir notwendig, nützlich, angenehm und lieb ist; meine Freunde sind
sehr gern darin, meistens zwischen 6 und 8 Uhr, dann brennen meine
Lampen, alles ist still und friedlich, voll Blumen sind die Tische ...
Morgens nach dem Frühstück gehe ich fast ohne Rücksicht auf das Wetter
im Park, der immer schön ist, spazieren und vergesse vor lauter Erinnern
zuweilen das halbe Jahrhundert, das zwischen meiner Jugend und meinem
Alter liegt. Um 1 Uhr esse ich und habe neben der Güte der einfachen
Mahlzeit die Freude stets unbestellter Gerichte, die Du, mein
Herzensenkelkind, auch empfinden wirst, wenn Du einmal jahrzehntelang
Hausfrau warst und -- leider muß ich das vermuthen -- wie ich, gar kein
Talent dafür hattest. Oft esse ich auch bei meinem lieben Schwager
Fritz, der dann schon am Abend vorher sagt: Auf morgen freue ich mich,
dann bist Du bei mir! Selten vergeht ein Tag, ohne daß ich liebe
Verwandte oder Freunde besuche oder empfange, und wie ein weicher,
warmer Mantel legt sich die vertraute geistige Luft Weimars um mich ...
Abends lese ich viel und mache mir darüber kurze Notizen, die Dir
vielleicht einmal nützlich sein werden. Man vergeudet so viel Zeit mit
schlechter Lektüre, daß es ein großer Gewinn wäre, wenn Kinder und Enkel
sich darin wenigstens von den Alten raten und leiten ließen. Um 11 Uhr
bin ich zu Bett und schlafe mit Gedanken und Gebet für meine Kinder und
Enkel ein ... Ich denke, wir Beide, mein geliebtes Kind, könnten jetzt
schon besser plaudern, als auf unseren Wegen in Berlin, und im Lieben
und Denken wirst Du mich immer besser verstehen ..."
Wenn es auch nicht das alte Weimar war, das meine Großmutter wieder
aufnahm, so war es doch in der Hauptsache das alte geblieben. Es schien,
als ob jeder im Umfang seiner Kräfte sich bemühte, die Tradition
aufrechtzuerhalten, die vorschrieb, geistige Interessen in den
Mittelpunkt des Lebens zu stellen. Und der Großherzog Karl Alexander
war es, der darin mit dem guten Beispiel voranging. Er besaß jene
Fürstentugend, die wir heute vergebens suchen: Talente heranzuziehen und
zu beschützen, ihnen freie Bahn zu schaffen, ohne sie beeinflussen zu
wollen. Seine Ehrfurcht vor geistiger Bedeutung war so groß, daß er vor
ihr bescheiden zurückzutreten verstand. Niemals hätte er einem Künstler
seinen Willen aufgezwungen und ihn dadurch auf das Niveau eines bloßen
Handwerkers herabgedrückt. Die geistige Atmosphäre, die er dadurch schuf
oder vielmehr erhielt, denn sie war Karl Augusts kostbares Vermächtnis,
ermöglichte es, daß aus dem Weimar Goethes und Schillers noch ein Weimar
Liszts und Wagners wurde. Obwohl die Welt Franz Liszt zu Füßen lag,
wählte er sich die kleine Stadt, um alljährlich sein Haus an der
Hofgärtnerei zum Mittelpunkt der Musikbewegung zu machen. Von Weimars
unscheinbarem Theater aus trat Wagners "Lohengrin" den Siegeszug durch
die Welt an. Ohne den Großherzog hätte Liszt seine Aufführung nicht
durchzusetzen vermocht. Daß der Hof der modernen Musik so viel
Verständnis und Förderung zuteil werden ließ, zog eine Reihe anderer
Musiker, die später zu großer Bedeutung gelangten -- es sei hier nur an
Männer wie Eugen d'Albert und Richard Strauß erinnert -- nach Weimar.
Und wie die moderne Musik, so fand die moderne bildende Kunst hier zwar
nicht einen Mittelpunkt des Lebens, wohl aber eine stille Wiege, wo sie
die jungen Glieder strecken, von wo aus auch sie den Weg in die Welt
antreten konnte. Graf Kalkreuth und Schillers liebenswürdig-geistvoller
Enkel, Herr von Gleichen-Rußwurm, waren Ende der siebziger Jahre ihre
Hauptvertreter in Weimar. Wie viele Dichter, Maler und Musiker haben
außerdem, wenn nicht den Beginn oder den Höhepunkt ihres geistigen
Schaffens, so doch Stunden der Anregung und Befriedigung -- jener
seltenen Feiertage des Lebens, die ihnen notwendig sind, wie dem
Arbeiter die Sonntagsruhe -- der lieblichen Stadt an der Ilm zu
verdanken. Dem Fürsten aber, dem es gelang, im brandenden Meer des
modernen Weltlebens diese Insel der Ruhe, des stillen Schaffens und
Werdens, zu erhalten, blieb das Schicksal nicht erspart, das auf die
eine oder andere Weise alle traf, die im Schatten der Titanen geboren
wurden. Derselbe Mann, der vor seinen Freunden ein lebendiger,
geistvoller Plauderer und immer ein vornehmer Mensch im besten Sinne des
Wortes war, schien der verantwortungsvollen Last der großen
Vergangenheit seines Hauses und Landes oft fast zu erliegen, wenn er
sich unter Freunden im großen Kreise bewegte: er fühlte sich bedrückt,
wenn alle Augen auf ihn sahen, wenn jeder darauf wartete, was er sagen
würde, und seine Zerstreutheit, seine Schüchternheit und Verlegenheit
machten ihn in der breiten Öffentlichkeit zu einer lächerlichen Figur.
Meine Großmutter schrieb einmal von ihm: "Daß mein guter Großherzog so
oft mißverstanden, ja, was noch schlimmer ist, verhöhnt wird, schmerzt
mich um so mehr, als er im Grunde seines Wesens und seiner Anschauungen
der Typus dessen ist, was ein Fürst in unseren konstitutionellen Staaten
überhaupt noch sein kann: ein Grandseigneur, der die alte schöne
Tradition pflegt und die Entwicklung einer neuen Kultur fördert, indem
er wie ein guter Gärtner dort der wildwuchernden Rosenranke eines
Talents eine Stütze giebt, dort einer andern, die im Verdorren ist,
Wasser, Luft und Licht zuführt und allmählich einen Park anlegt, in dem
Natur und Kunst den Gärtner gleichmäßig preisen, weil er die Natur nicht
knebelte und die Kunst nicht degradierte."
Neben ihrem Schwager Beust, der ein ungemein liebenswürdiger Mensch war,
und trotz seiner lebenslangen Hofstellung -- was ebenso für den Fürsten
wie für seinen Hofmarschall spricht -- nie ein Höfling wurde, gehörte
der Großherzog zu meiner Großmutter vertrautestem Umgang. Er besuchte
sie oft, und sie war ein häufiger Gast im Schloß, wenn sie allein kommen
konnte oder nur ein kleiner Kreis versammelt war. Bei solchen
Gelegenheiten war es, wo sie Liszts herrliches Spiel genoß, sich des
genialen, geistvollen Gesellschafters freute, und durch ihn Wagners
Musik kennen lernte. Es war eine neue Welt für sie und eine, die sich
der altgewohnten harmonisch anschloß.
"Ich habe zu viel Sinn für Musik," schrieb sie einmal, "um es nicht
unerträglich zu finden, bei einem Kaffeekonzert, wo zwischen: 'wie freue
ich mich, Sie zu sehen' -- 'Kellner, eine Portion Kaffee' -- 'nein, sieh
nur diese Toilette' -- wo zwischen diesen und ähnlichen Gedanken und
Gesprächen einige Töne von Mendelssohn oder Beethoven und dann zum
lauten Entzücken des Publikums das 'Pariser Leben' ertönt. Das Ideal von
Musik, das ich in der Seele trage, ist Verklärung, Seligkeit reinster
Liebe, Auflösung des Innern in Ton und Klang. Wenn ich still in
dämmeriger Ecke saß und Liszt spielte, wenn mir in Karlsbad, hoch über
dem Konzert, auf einsamer Waldbank Wagners wunderbarer Pilgerchor
entgegenklang, wenn ich in Freiburg in der stillen dunklen Kirche saß
und die Orgel über mir brauste -- das Alles war Musik. Es beeinträchtigt
schon meinen Genuß, wenn ich, um eine Wagnersche Oper zu hören, in ein
volles Theater mit im Zwischenakt schwatzenden und kokettierenden
Menschen gehen muß. -- Wie ich den Faust nicht auf der Bühne sehen kann
-- den zweiten Teil aufzuführen, ist überhaupt eine Blasphemie -- so ist
für mich jede Art Kunst, Musik insbesondere, entwertet, oder besser
entweiht, wenn sie auf das Niveau des Massenamüsements heruntergezogen
wird. Wertvoller für den Menschen ist ein schönes Bild im eigenen
Zimmer, als Hunderte weltberühmter Bilder im Museum, an denen er mit
einer Karawane Fremder vorüberziehen muß. Eine Welt höchster
künstlerischer Kultur müßte alle Museen auflösen und die Kunstwerke in
den Wohnungen verteilen, müßte in gothischen Domen mit gemalten Fenstern
täglich musizieren und singen lassen, wobei einem Jeden der Eintritt zu
Genuß und Andacht frei stünde ..."
Das Interesse für den Musiker Wagner führte sie zu dem Dichter und
Denker, und nichts zeugt mehr für ihre geistige Regsamkeit und
Auffassungsfähigkeit, als die Tatsache, daß er bei aller
Grundverschiedenheit der geistigen Tendenz so stark auf sie wirkte. "Ich
lese mit wachsender Anteilnahme, wobei Staunen, Entzücken, Empörung,
Bewunderung in lebhaftem Streit mit einander liegen, Richard Wagners
Prosaschriften und Dichtungen," schrieb sie 1877 aus Weimar; "Alles
darin ist bedeutend und sehr klar; in schöner bündiger Weise
unterrichtend sind alle Artikel über Musik. Wie Wagner selbst die Musik
versteht, ist mir sonnenklar vor die Seele gesprungen in den wenigen
Worten: 'Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an'. Nicht allein ihre
wortlose Herrlichkeit hienieden wird damit bezeichnet; aber man fühlt
sie als Sphärensprache der Ewigkeit. Die Aufsätze: 'Eine Pilgerfahrt zu
Beethoven', 'Ein Ende in Paris', 'Ein glücklicher Abend' erinnern
ausnehmend in Tendenz, Empfindungen, spöttischer, tiefer
Menschenverachtung, von der man sich selbst fast allein ausschließt, an
Byron, der einmal mein Lieblingsdichter war, bis ich Goethe und sein
Urteil über die von ihm so richtig bezeichnete 'Lazarethphilosophie'
begreifen lernte. Es muß wohl Jeder, der von innen heraus wächst, dieses
Seelenstadium durchmachen -- auch Goethe mußte es und hat es im Werther
geschildert und überwunden -- aber wehe dem, der darin stecken bleibt:
nicht nur, daß er selbst ein dauernd unglücklicher Mensch wird, auch
seine Schaffenskraft zerbricht. In welcher herrlichen Verklärung tritt
im klarsten Gegensatz zu der ganzen Lazarethphilosophie und
Menschenverachtung das Christentum vor meine Seele. Die
Menschenverachtung, die dort zu Spott, Haß und Verzweiflung führt, die
Lebensbeziehungen der Menschen untereinander vergiftet und zerstört,
führt hier zu tiefem Mitleid mit dem Sünder, der noch blind für die
Wahrheit ist: 'die Sünde ist der Leute Verderben', führt zu sorgfältiger
Prüfung der Ursachen, die Gemeinheit und Schlechtigkeit nähren und
entstehen lassen, und zum rücksichtslosen Kampf gegen sie. Auf der Seite
der Menschenverächter ein Schrei der Verzweiflung neben dem anderen, auf
der anderen Seite das himmlische: Freuet euch in dem Herrn, und abermals
sage ich euch, freuet euch. Auf der einen Seite Krieg mit oder
Abgeschlossenheit von den Menschen, auf der anderen Seite hülfreiches,
thätiges Zusammenleben und Lieben ... Ich kann Richard Wagner gegenüber
den Eindruck nicht überwinden, der mich z. B. auch bei Heinrich Heine
immer wieder überwältigte, daß sein Menschliches noch mit seinem
Göttlichen -- und jeder Künstler und Dichter ist gottbegnadet -- im
Kampfe liegt. Seine Musik, seine Dichtung, z. B. im Tannhäuser --
widerspricht seiner, nicht vom Genie, sondern vom irdischen Verstand
diktierten Lazarethphilosophie. In Beethovens neunter Symphonie ist das
rein Göttliche zu unvergleichlichem Ausdruck gekommen; ich warte nun auf
Richard Wagners Neunte! ..."
Einige Jahre später las meine Großmutter, noch ehe sie die Musik kannte,
den "Parsival" und schrieb mir darüber: "Ich begann ihn gleichgültig,
werde aber immer mehr davon hingerissen und begreife nicht, wie
Eitelkeit, Weltlichkeit und Genußsucht einen Geist beschatten konnten,
der solcher Gedanken, Anschauungen und Gefühle fähig ist. Die
Verherrlichung und Weihe des Mitleids, das er als die höchste Liebe
hinstellt, die Heiligung durch Buße und Gnade aller seiner Helden, die
Auffassung des Abendmahls werfen Lichter in meine Seele, wie noch kein
theologisches Buch es gethan hat.
"Wie oft habe ich mich geprüft, ob es denn nicht Falschheit und
Schmeichelei sei, was mich so liebevoll hinzog zu Menschen, deren mein
Herz für mich gar nicht bedurfte. Wagners Auffassung des Mitleids
erklärt mir meinen eigenen inneren Widerspruch. Das Mitleid, welches ich
in seiner höchsten, mir oft krankhaft erscheinenden Potenz von je her
für Menschen und Thiere empfand, ist eben die höhere und bessere Liebe,
weil das Mitleid nichts für sich will, auch nicht Gegenseitigkeit, die
meiste Liebe aber etwas sucht und braucht für sich."
In einem anderen Briefe heißt es: "Ich habe nun auch einen großen Teil
der Musik zum Parsival kennen gelernt. Sie gehört zu den
erschütterndsten Eindrücken meines Lebens. Wunderschön war mir schon
seine Sprache, um wie viel herrlicher ist seine Musik. Wenn ich sagen
müßte, welches die höchsten Emanationen des Göttlichen im Menschen sind,
die ich kenne, so würde ich heute antworten: Goethes Faust und Wagners
Parsival. Sie stehen mir auch in anderer Weise gleich: wie ich den Faust
nicht auf der Bühne sehen mag, möchte ich den Parsival nicht sehen. Zwar
ist der Bayreuther Gedanke, der den Ort zu einer Art Wallfahrtsort macht
und die Menschen dadurch schon aus der Alltagsstimmung herausreißt, mir
sympathisch, aber da es leider auch dort weniger die stillen, auf
seelischen Genuß gestimmten Seelen sein werden, die sich zusammen
finden, sondern die jeder neuen Sensation auf dem Fuße folgenden großen
Geldbeutel, so möchte ich um Alles in der Welt nicht unter ihnen
sitzen."
Mit vollen Zügen, mit einer fast ungebrochenen jugendlichen Kraft genoß
Jenny Gustedt das geistige Leben, das wieder in breiten Fluten zu ihr
hereinströmte. "Ich empfinde mit täglichem Dankgefühl," schrieb sie
ihrer Tochter, "wie wertvoll der Mensch dem Menschen ist, sofern wir uns
entschließen, die Präliminarien des Konventionellen rasch zu erledigen,
und uns dann geben, wie wir sind, d. h. mit dem Besten, was in uns ist.
Eure Art, das Innerste zu verschweigen, also im Konventionellen stecken
zu bleiben, so daß der Verkehr mit Menschen schließlich zum
überflüssigsten Zeitvertreib wird, ist nur eine Folge Eures Mangels an
echter menschlich-christlicher Gesinnung: Ihr fürchtet jede
Meinungsverschiedenheit, weil Ihr andere Ansichten in Eurer egoistischen
Rechthaberei gar nicht mehr vertragen könnt. Das ist nicht nur ein Nagel
zum Sarg der Geselligkeit, sondern auch zum Sarg der Freundschaft, der
Ehe, ja selbst der Beziehungen zwischen Eltern und Kindern. Bereichert
wird unser Leben, erweitert unser Gesichtskreis nur durch andere
Ansichten als die unseren, und nur durch ihren Austausch können wir
fördernd und anregend aufeinander wirken. Übrigens gilt dasselbe auch
vom Lesen: Nichts törichter, als nur lesen zu wollen, was in unseren
engen geistigen Horizont, in unsere Seelenstimmung, in unsere
Glaubensauffassung hineinpaßt, und zu sagen: Das und das kann man
nicht lesen. Man kann es nicht nur, man soll es sogar. Wie ein gesunder
Körper sich Wind und Wetter aussetzt und davon nur gekräftigt wird, so
muß ein gesunder, reifer Geist sich allen geistigen Luftströmungen
aussetzen, um immer gesunder zu werden ..."
Die Bücherliste der Weimarer Zeit ist erstaunlich reichhaltig und
umfangreich, und Auszüge aus dem Gelesenen füllen einige Bände.
Memoiren, Korrespondenzen und Biographien aus der Zeit Goethes und
Napoleons, Friedrichs des Großen philosophische und historische Werke
und seine Korrespondenz mit Voltaire, Chateaubriands zwölfbändiges
Memoirenwerk nehmen auch in bezug auf die Auszüge einen breiten Raum
ein. Kants Metaphysik der Sitten, Schopenhauers Ethik, Nietzsches
Geburt der Tragödie, Strauß' Leben Jesu und sein Voltaire wurden
studiert; kleinere historische und kulturhistorische Schriften,
Reisebeschreibungen und hier und da auch ein Roman finden sich daneben
verzeichnet. In ihren Briefen erwähnte sie meist, was sie gerade
beschäftigte; da ich damals noch ein Kind war, blieben ihre Äußerungen
mir gegenüber meinem Alter angepaßt. An die elfjährige Enkelin schrieb
sie: "... Ich wünschte Dir, mein Kind, die Weimarer Luft, die Deiner
Entwicklung notwendiger wäre, als die Offiziersinteressen-Atmosphäre,
in der Du lebst ... Wie oft finde ich im Laufe meiner Lektüre Vieles,
was ich Dir jetzt vorlesen und über das ich mit Dir sprechen könnte.
Ganze Abschnitte aus Goethes Faust, aus Wahrheit und Dichtung, viele
seiner herrlichen Briefe an seine Freunde würden Dich besser vorwärts
bringen als Deine stupende Geschichtstabellenweisheit, die mir als
Gedächtnisleistung zwar sehr imponiert, aber sonst doch gar keinen Zweck
hat, als etwa den Eitelkeitszweck, damit zu prunken. Aber Bildung
bedeutet nicht eine möglichst große Ansammlung von Wissensstoff, sondern
ein persönliches Gewordensein ... Über all das wollen wir miteinander
reden, wenn ich Dich bei mir habe, mein Herzenskind."
Bald darauf, im Frühling 1877, kam ich zum ersten Male zu Großmama nach
Weimar. Während einer langen, schweren Krankheit, die ich im Jahre
vorher durchgemacht hatte, war ich aus den Kinderschuhen
herausgewachsen, und noch sehe ich mich im Spiegel von Großmamas grünem
Salon vor ihr stehen: einen hoch aufgeschlossenen Backfisch, blaß und
schmal, die blonden Haare straff aus der so schrecklich hohen Stirn
gekämmt, und daneben die schöne alte Frau mit dem feinen Gesicht und den
graziösen Bewegungen, die mich gerührt in die Arme schloß. Ich weiß
nicht, warum ich herzbrechend weinen mußte, vielleicht wußte sie es
besser als ich; ihre ersten Worte waren: "Mein armes Kind", und sanft
und vorsichtig behandelte sie mich wie eine Kranke.
Wer keine Großmutter hat, der weiß nichts vom schönsten Märchenwinkel
des Kindheitsparadieses, der ist um das kostbarste Erbe der
Vergangenheit betrogen worden. Und wer von den armen Kindern der
Gegenwart besitzt sie noch, auch wenn sie nicht gestorben ist? Jene
gütige, verstehende, auf der Höhe der Lebenserfahrung milde gewordene
Frau, die nicht nur unsere Schmerzen besser mitempfindet als die Mutter,
die auch die Ruhe des Alters besitzt, die notwendig ist, um sie zu
heilen? Die für sich selbst nichts mehr will und darum Zeit hat für uns;
der wir alles sagen dürfen, weil sie alles versteht.
Die Stadt der Epigonen, von der Dingelstedt sagte: "Sie mahnt mich
selber wie ein Sarkophag", wurde mir zu einer Stadt geistiger
Auferstehung. Meiner Großmutter Erzählungen, das Zusammensein mit ihren
Freunden, die mir durch die Gloriole der Vergangenheit, die sie umgab,
wie Wesen aus einer anderen Welt erschienen, belebten die Straßen, die
Häuser, die Alleen und die stillen Waldwege mit den Gestalten Goethes
und Schillers. Hier durfte ich, ohne daß das Lachen der anderen meinen
Mund versiegelte, von all meinen phantastisch-törichten Kinderträumen
reden, hier konnte ich meiner Begeisterung für Menschen und Werke den
überschwenglichsten Ausdruck geben, ohne daß ich zu fürchten brauchte,
für "dumm" oder "albern" gehalten zu werden. Großmama verstand mich,
denn nur altkluge Kühle hätte sie nicht begriffen. Täglich wanderte ich
mit ihr, die bis in ihr spätestes Alter eine rüstige Fußgängerin war,
morgens durch den Park und nachmittags nach Tiefurt oder nach Belvedere.
Nie versiegte unser Gespräch, nie ermüdete sie, meine Fragen zu
beantworten. Abends und bei schlechtem Wetter lasen wir zusammen die
"Iphigenie" aus dem alten blauen Buch, den Osterspaziergang aus dem
Faust und manches, was Großmama selber in ihrer Jugend geschrieben
hatte. Ihre Verwandten und ihre Freunde besuchte ich mit ihr, und
seltsam muteten die Räume, die ich betrat, das heimatlose, von Ort zu
Ort verschlagene Soldatenkind an: Großeltern, Eltern, Kinder hatten
nacheinander darinnen gehaust, an den Bildern, den Möbeln, den tausend
Kleinigkeiten der Umgebung haftete der Duft der Tradition; sie waren wie
ein Kleid, das sich, je älter es wird, desto genauer und
selbstverständlicher um den schmiegt, der es trägt, und das die
Ausstrahlung seines Wesens aufnimmt. Jene Harmonie, die denen verloren
gehen muß, die auch die Wohnung und ihre Einrichtung dem Wechsel der
Mode unterwerfen, umfing mich ebenso wohltätig wie der große Kreis der
Familie, für die ich, als Großmamas Enkelin, von Anfang an keine Fremde
war. Meiner Großmutter starker Familiensinn, der durch ein erstaunliches
Gedächtnis für die verwickeltsten verwandtschaftlichen Beziehungen
unterstützt wurde, war sehr oft ein Gegenstand des Amüsements für ihre
Kinder; ich habe ihn immer nur als die Grundlage einer großen
Lebenswohltat empfunden: der Gedanke, nirgends verlassen und vereinsamt
zu sein, gibt eine gewisse innere Sicherheit, die freilich meist der
erst schätzen lernte, der sie verlor. Doch was sind alle diese Eindrücke
und Empfindungen gegenüber der Erinnerung an jenes eine Ereignis meiner
Kindheit, dessen tief erschütterndes Erleben bestimmend für mich werden
sollte: mein erster Besuch in Goethes Haus.
Zwischen jener Zeit, wo Jenny Pappenheims zierliche Mädchenfüße täglich
die breite, klassische Treppe emporgestiegen waren, und der Gegenwart
lag ein Menschenleben. Als sie heimkehrte nach Weimar, eine alte Frau,
hatte Ottilie Goethe die Augen geschlossen, Ulrike, ihre Schwester, war
ihr gefolgt, und einsam und menschenscheu, um ihr Lebensanrecht an Glück
betrogen, niedergebeugt unter der Last der weithin leuchtenden Krone,
die Goethes Name bedeutete, lebten Walter und Wolf in den stillen
Dachstuben des großen Hauses am Frauenplan. Die alte Freundin ihrer
Jugend war immer mit ihnen in Verbindung geblieben und hatte von Jahr zu
Jahr gehofft und gewartet, daß sie sich doch noch einen selbständigen
Platz in der Welt erobern würden. Vergebens! Walters musikalisches
Talent, das vielleicht ausgereicht hätte, einem Menschen mit unbekanntem
Namen eine Durchschnittsstellung ohne Prätensionen von Berühmtheit zu
schaffen, war wie eine Pflanze, die, wenn man sie künstlich treiben
will, vor der Entfaltung verdorrt. "Er versuchte den Kampf mit dem Leben
nicht mehr, er ergab sich darein," schrieb meine Großmutter von ihm. "Er
nahm es mit tiefem, aber verborgenem Schmerze auf, als seine
Compositionen nicht beachtet wurden. Er dachte unendlich gering von sich
selbst. Mit rührender Treue hing er an seiner Mutter, opferte ihr Geld,
Zeit, Gesundheit, Lebensfreude. Pietät war der Cultus seines Lebens,
doch auch hier in schroffen Gegensätzen zur Welt. Nicht mittheilend,
unter vielem Kleinlichen auch die großartigen Kundgebungen der deutschen
Nation abweisend, waren er und sein Bruder mißverstehend und
mißverstanden. Mit allen Opfern persönlichen Behagens erstrebten sie das
pietätvollste Erhalten des Überkommenen, aber ihre größte und verborgene
Pietät bestand darin, Weimar, welches durch Goethe groß geworden und aus
dem seine Größe herausgewachsen war, durch keine selbstische
Vertheidigung, durch keine Anklage, Enthüllung, Preisgeben von
Controversen, literarischen Klatsch in Wort und That zu schädigen."
Weit schwerer ertrug Wolf die Tragik seines Lebens, die ihn -- den Enkel
-- zum Schattendasein verdammte, denn die Kraft, die in ihm zerstört
wurde, war eine bedeutend größere als die des Bruders, ihr Kampf gegen
die Unerbittlichkeit des Schicksals daher länger und schmerzhafter. Mit
neunzehn Jahren schrieb er eine romantisch-philosophische Tragödie, die
den Kampf des Menschen gegen die Natur und den Zwiespalt zwischen
heidnisch-naturreligiöser und kirchlich-christlicher Anschauung zum
Gegenstand hatte und eine nicht gewöhnliche Begabung verriet. Meine
Großmutter, die Wolf von klein an in ihr Herz geschlossen hatte und ihn
auch als den geistigen Erben Goethes ansah, schrieb von ihm:
"Niemand staunte, Niemand begriff, was in einem Menschen liegen mußte,
der mit neunzehn Jahren 'Erlinde' schrieb. Humboldt und Varnhagen
schienen es zu begreifen, ihr Lob war aber nicht mächtig und nicht
nachhaltig genug, und so kam es, daß sein Werk, wie sein ganzes Leben,
durch Enttäuschung, Überreizung und Stolz vereinzelt verloren ging." Er
vergrub sich später in archivalische Studien, wurde zeitweise
Legationssekretär bei einer Gesandtschaft, aber seine zunehmenden
schweren neuralgischen Leiden hinderten ihn an allem und verbitterten
ihm immer dann das Leben, wenn es eine glücklichere Wendung zu nehmen
schien. "Er litt unter seinem Zustand wie unter einem Fluch, er litt
ebenso unter dem Fluch eines Namens, den er nicht überbieten konnte ...
Seine Vernunft paßte nicht zur Welt und die Vernunft der Welt nicht zu
ihm. Das empfand er und hüllte sich stolz und stumm in sein einsames
geistiges Leben, durchschritt ernst, forschend, lernend und denkend ein
langes Lebensdasein.
"Er hat sich einmal um ein Amt in Weimar beworben, es hätte ihn zu einer
ersehnten glücklichen Häuslichkeit geführt. Der Minister von Watzdorf
stemmte sich dagegen; später allerdings wurden ihm sehr wohlwollende
Anerbietungen gemacht, aber sein Leben war abgelaufen.
"Im Jahrhundert der Geldgier und des Ehrgeizes verachtete Wolf Geld und
äußere Ehre; für nichts und niemand war ihm seine Würde feil. Seine
großen, tiefen Gedanken blieben verschlossen in seiner Seele, sein
leidenschaftliches Herz wurde stumm.
"Es fand ein Mann am Meer eine Muschel, und weil sie keine Auster war,
schleuderte er sie zurück in die wogende See, nicht ahnend, daß sie die
köstlichste Perle enthielt. Der Mann war Deutschland, die geschlossene
Muschel Wolfs liebe, edle, große Seele ..."
Mit jener unglückseligen Eigenschaft der Nachgeborenen begabt, die jeden
Luftzug des Mißverstehens wie ein Ungewitter, jeden leisen Nadelstich
der Lieblosigkeit wie ein Ans-Kreuz-Schlagen empfinden läßt, zogen sich
die beiden Brüder immer mehr von der Außenwelt zurück -- "zwei in
Nachtvögel verzauberte Prinzen, die einen vergrabenen Schatz bewachen".
In dem fatalistischen Glauben an den notwendigen Untergang ihres
Geschlechts, hatten die Brüder auch die Liebe zum Weibe in sich
unterdrückt -- niemand sollte von neuem geboren werden, um den Namen
Goethe fortzusetzen. Schon in den vierziger Jahren, nach dem Tode der
reizenden Alma, des letzten Sonnenstrahls der Familie, hatte Walter
Goethe an den Sekretär Schuchardt geschrieben: "Wenn Sie so in den
Sammlungsräumen oder dem Arbeitszimmer des Großvaters Staub und böse
Geister bannen, so gereut es Sie vielleicht doch nicht, daß Sie treu an
uns festhalten, den Überbliebenen aus Tantalus' Haus. Aber glauben Sie
mir: das Reich der Eumeniden geht zu Ende ...!" Und seitdem war eine
neue Welt neben ihnen emporgeblüht, aber sie sahen sie nicht, wollten
sie nicht sehen, und empfanden es doch peinigend, daß sie selbst von ihr
auch übersehen wurden.
Zu den wenigen Freunden, denen ihr Heim und ihr Herz immer offen
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