sind!«
»Gar nichts weiß der Herr Baron, gar nichts« eiferte sie. »Im Krug, wo
die Kanalarbeiter sitzen, beim neuen Inspektor, wo die fainen Herren aus
der Stadt morgens und abends Wein trinken, in der Gesindestube, wo die
vornehmen Diener mit die Stadtmächens schäkern, da sind die Stänker; --
bei der alten Maruschken nich! Wir halten noch auf alte Art und Zucht,
wir lieben das liebe Landchen, die Burg, und die Kirche und die Kate.
Aber die anderen, das sind Ausländsche, die blos aufs Geld sind und
keinen Glauben nich haben. Warum holt sie der Herr Baron und unsere
Jungchens schickt er weg, daß sie auch so werden wie die Fremden? -- --
Zu Haus wollen wir bleiben --« ihre Stimme kreischte -- »mit die
Kindersch. Aber wo die rechte Liebe weg is, geht auch die Ehrfurcht und
der Gehorsam ... Die Peitsche ins Gesicht, -- das haben der alten
Maruschken ihre Jungchen nich verdient um die Herrschaft --«
Wütend erhob sich der Onkel: »Nun hab ich die Komödie satt, scher dich
zum Teufel.«
Mit aufgerissenen Augen starrte die Alte ihn an und beachtete Großmama
gar nicht, die begütigend ihre Hand auf ihre Schulter legte.
»Ich scher mich, ich scher mich, aber zum Teufel nich!« schrie sie, »der
Teufel is zu Haus jetzt auf Pirgallen, -- alle bösen Geister gehen um,
-- im Turm krachts, wo die gnädige Herrschaft die faulen Insten in
Ketten legte, und aus dem Haff steigen die toten Fischer auf -- die alte
Maruschken geht -- das liebe Herrgottche suchen --«
Wie unter einem Zwang waren wir alle verstummt. Die Steintreppe humpelte
sie hinab -- sie wandte den Kopf nicht mehr -- sie war jetzt ganz klein
und zusammengesunken. Am folgenden Tage stand ihre Kate leer, -- bei
Nacht und Nebel war sie mit ihren Kindern und Enkeln davongegangen,
ihren armseligen Hausrat auf zwei Karren mit sich schleppend. Die Leute
flüsterten noch lange mit leisem Grauen davon, wie sie drohend den
Krückstock erhoben habe, als sie an der Burg vorbeikam, und unaufhörlich
vor sich hinmurmelnd dem Zuge der ihren voran geschritten sei, vor jeder
Hütte am Wege inne haltend, um den aus dem Schlaf geschreckten Bewohnern
zu erzählen, daß der Herr von Pirgallen sie von Haus und Hof vertrieb.
Auch für mich war der Eindruck ein unverwischbarer. Ich ging oft ins
Dorf hinab und in die Ortschaften am Strande, und lernte die harten,
einsilbigen Menschen kennen, die für unaufhörliche Arbeit ein
spärliches freudloses Leben gewannen. Die meisten nahmen es noch hin wie
etwas Selbstverständliches, aber schon zuckte in ihren Augen hie und da
dieselbe Flamme auf, die in dem Blick der alten Maruschken gebrannt
hatte. Die Zeit, da sie sich vor dem Herren fühlten wie stumme Sklaven
oder wie willenlose Kinder, war vorüber. Es gingen wirklich böse Geister
um, auch in der alten Ordensburg.
Mein Onkel war, so viel er sich auch zu bilden strebte, den
Anforderungen moderner Landwirtschaft geistig nicht gewachsen. »Man
müßte Chemiker, Ingenieur, Naturforscher sein, um nicht von jedem Hans
Narren übersehen und betrogen zu werden; statt dessen hat unsereins nur
Leutnant gelernt,« sagte er einmal bitter. Er entschloß sich sogar zum
Verkehr mit einem alten Gegner aus der Nachbarschaft, einem
Freisinnigen, der der beste Landwirt im Lande war. Ich begleitete die
Herren zu Pferde bei ihren Inspektionsritten und hörte oft, wie der alte
Mann das Neue, das der junge schuf und plante, rückhaltlos gut hieß.
»Nur eins kann ich Ihnen nicht verhehlen, Herr Baron, mit der Angst
würde ichs kriegen, wenn ich Sie nicht für einen bedachtsamen Mann
hielte, der weiß, daß er Hunderttausende hier hineinstecken muß, ehe die
Millionen herausspringen.« Ich sah, wie Onkel Walter um einen Schein
blasser wurde, und erschrak mit ihm.
Er war sehr ernst geworden in den letzten Jahren. Sein fröhlicher
Leichtsinn brach nur dann immer wieder hervor, wenn seine Frau ihn
umschmeichelte -- wegen neuer Toiletten, neuem Schmuck oder neuen Hunden
-- und sein Söhnchen, das sie ihm vor drei Jahren geschenkt hatte, auf
seinen Knieen ritt. Dieser Stammhalter war der Mittelpunkt des Lebens.
Er besaß schon seinen eigenen kleinen Hofstaat, und zwei
Miniaturpferdchen -- Shetland-Ponies, die der Vater direkt hatte kommen
lassen -- spürten bereits, wenn er in seinem winzigen Wagen durch den
Park fuhr, die Peitsche des kleinen Junkers. Alle tyrannisierte er; für
mein Schwesterchen, das selbst gewöhnt war, daß die anderen sich ihr
unterordneten, war er der gefürchtetste Quälgeist, und vor ihm
flüchtend, klammerte sie sich leidenschaftlich an mich an. Mein
liebebedürftiges Herz empfand das sehr wohltätig, und mein, eingedenk
der eigenen Kinderqualen, leicht erregtes Mitleid kam ihren Wünschen
rasch entgegen. Schon früh morgens pflegte ich mit ihr in den
verstecktesten Teil des Parks zu fliehen; ich erfand die
phantastischsten Spiele und die buntesten Märchen, und der halbe Tag
ging vorüber, ehe ich zu mir selbst kam. Dann geschah es wohl, daß mich
heftiger Groll gegen die kleine Tyrannin erfaßte, die mich so in
Anspruch nahm; aber ein bittender Blick ihrer großen Blauaugen, ein
zärtlicher Druck ihrer runden Ärmchen um meinen Hals machte mich wieder
gefügig. Nein, sie sollte, sie durfte nicht erleben, was ich erlebt
hatte! Allmählich lernte ich sogar, ihr dankbar sein: die anderen
nannten mich einen »Blaustrumpf« -- »überspannt« -- »verdreht«, dem
süßen sechsjährigen Blondkopf aber konnte ich gar nicht phantastisch
genug sein. Sie wollte immer neue Märchen hören -- »ganz neue, die noch
kein Kind gehört hat« --, und unsere ganze Umgebung wurde zum
Ausgangspunkt meiner Geschichten, in die ich Götter- und Heldensagen
verflocht. Sie glaubte an mich -- felsenfest: wenn wir auf dem Haff
segelten, warf sie heimlich mitgebrachten Kuchen ins Wasser, -- für
Neringa, die Hafffrau, die drunten hungert, -- zwischen die Steine der
Parkmauer schob sie Töpfchen mit Milch, -- für die Wichtelmännchen, die
dort ihr Wesen treiben.
Ließ sie mich frei, so vergrub ich mich in die Bibliothek. Unter dem
Vorwand, die Bücher ordnen zu wollen, hatte ich mir dieses Asyl, das nur
selten jemand betrat, gesichert. Es war dunkel und roch nach moderndem
Papier; aber was kümmerte das mich, die ich tief im Ledersessel kauerte
und über dem Lesen alles vergaß! Eine kuriose Sammlung enthielten die
Schränke: alte landwirtschaftliche Broschüren und Zeitschriften,
Reichstagsprotokolle der jüngsten Zeit, Modeblätter, die sich seit
Jahrzehnten angesammelt hatten, französische Romane verfänglicher Art,
-- Zolas »Nana« und »Assommoir« mitten darunter, -- deutsche moderne
Familienromane und schließlich in billigen, schlecht gebundenen Ausgaben
die deutschen Klassiker. Mit der Hast einer Heißhungrigen verschlang ich
alles: von den Memoiren der Cora Pearl bis zu Wieland und Herder. Ich
muß aber wohl in jener Zeit weder für die Schlüpfrigkeit noch für den
Realismus sehr empfänglich gewesen sein; was ich von dieser Art las,
interessierte mich kaum, es rief höchstens ein Gefühl des Ekels in mir
wach. Noch weniger fesselten mich die deutschen Romane. »Unsere
Unterhaltungsliteratur ist flach, kraft- und saftlos,« schrieb ich an
meine Kusine, »sentimental und nüchtern, weil die Schriftsteller sich
nach ihrem fast nur aus Frauen bestehenden Publikum richten. Männer
lesen keine Romane mehr, weil sie zu weibisch geschrieben sind, und
Frauen werden immer weibischer, weil sie sich mit dem faden Zeug ihren
geistigen Magen verderben. Am schlimmsten ists, wenn auch noch Frauen
die Romane schreiben: mit der gestohlenen Gloriole der Poesie verklärte
Klatschgeschichten. Ein neuer Grund für meine Antipathie gegen die
Frauen. Ich frage mich nur: sind wir so klein, so leer, so unweiblich --
oder hat man uns so gemacht?«
Mit um so heißeren Wangen und klopfenderem Herzen vertiefte ich mich in
Goethe. Auch das, was ich schon längst kannte, war voll neuer
Offenbarungen für mich. In ein kleines Heft, das ich ständig bei mir
trug -- sorgfältig in ein grünseidenes Tüchlein gewickelt --, schrieb
ich ein, was mir am besten gefiel und schlug es in stillen Stunden auf,
wie der Priester sein Brevier, um zu lesen und wieder zu lesen, bis ich
Satz für Satz auswendig konnte. Zwei standen doppelt unterstrichen an
der Spitze: »Er gehörte zu den vielen, denen das Leben keine Resultate
gibt und die sich daher im Einzelnen vor wie nach abmühen;« -- -- und:
»Unsere Wünsche sind Vorgefühle der Fähigkeiten, die in uns liegen,
Vorboten desjenigen, was wir zu leisten imstande sein werden.« Der eine
sollte sein, wie ein drohend aufgerichtetes Zeichen, eine stete Warnung,
das Leben nicht zu verzetteln, sondern ihm nach großen Zielen die feste
Richtung zu geben, -- der andere ein Tröster in Zeiten der Mutlosigkeit,
wenn ich zu mir selbst das Vertrauen verlor oder andere mich dessen zu
berauben versuchten. Mit bewußter Auflehnung gegen die asketischen
Erziehungsmaximen meiner Mutter schrieb ich mir vor allem solche
Stellen ab, die das Recht auf Persönlichkeit und den Wert der Freude
betonten; »Ein Kind, ein junger Mensch, die auf ihren eigenen Wegen irre
gehen, sind mir lieber, als manche, die auf fremden Wegen recht
wandeln;« -- »Fröhlichkeit ist die Mutter aller Tugenden;« -- »ein
glücklicher Mensch, ein Wesen, das sich seines Daseins freut, ist das
Endziel der Schöpfung.«
Erfüllt von dem, was ich innerlich erfuhr, konnte es nicht ausbleiben,
daß ich zuweilen auch davon sprach. Meine Begeisterung konnte nicht
immer stumm bleiben; ich sehnte mich nach Menschen, um mich ihnen
mitzuteilen, nach jungen vor allen Dingen, bei denen weder Spott noch
die Weisheit des Alters mich hätte zurückstoßen können. »Ich suche
Menschen, wie Diogenes,« schrieb ich an meine Kusine, mit der ich aus
demselben inneren Bedürfnis heraus lebhaft korrespondierte, »und sehe
dabei immer deutlicher, daß unsere miserable Erziehung uns um das Beste
im Leben betrogen hat. Das bißchen Kunst und Wissenschaft hat man uns
nur gelehrt, damit wir darüber schwatzen können. Es ist kein Teil
unserer selbst geworden; es bleibt in Museen und Büchern wie die
Religion in der Kirche. Hätten wir den rechten Ernst, das tiefe
Verständnis für sie, -- Geist und Herz würden so sehr davon erfüllt
sein, daß sie am Gemeinen oder Oberflächlichen gar keine Freude
empfänden.«
Kamen junge Leute nach Pirgallen, die, wie Onkel Walter spottend zu
sagen pflegte, beim »Alix-Examen noch nicht durchgefallen waren,« so
streckte ich vorsichtig die Fühlhörner meines Geistes aus. Meist
begegnete ich einem verlegenen Lächeln, einem erstaunten Blick, und
meine Mutter, die solch einem mißglückten Versuch zuweilen zuhörte,
sagte mir einmal:
»Daß du das Nüsseknacken gar nicht aufgeben magst! Du stehst doch, daß
sie alle taub sind.«
»Ich glaubs aber nicht -- ich will es nicht glauben,« antwortete ich,
»mein eigene Existenz bürgt mir dafür, daß es noch andere meiner Art
geben muß!« Mama kräuselte spöttisch die Lippen: »Die Mehrzahl ist
gemein -- die Dummen sind noch die besten.« Aber je häufiger sie ihrer
tiefen Menschenverachtung Ausdruck verlieh, desto empörter lehnte ich
mich dagegen auf, desto übertriebener wurde mein Triumphgefühl, wenn
irgend eine Wesenssaite des Anderen, die ich berührte, leise zu klingen
begann.
Da war besonders einer, ein junger Nachbar, der oft herübergeritten kam.
Tiefere Bildung besaß er nicht, aber das einsame, durch keine
Abwechselung unterbrochene Leben an den grauen Wassern des Haffs hatte
ihn nachdenklich gemacht, so daß es uns nie an Gesprächsstoff fehlte.
Unser Verkehr dauerte nicht lange. Onkel Walter nahm mich eines Tages
beiseite und erklärte mir, daß der Brandenstein keine »Partie« für mich
wäre.
»Ich denke ja auch gar nicht daran, ihn zu heiraten,« rief ich.
»So benimm dich nicht so dumm! Die ganze Gegend spricht schon davon, und
er selbst muß sich Hoffnungen machen, wenn du dich stundenlang mit ihm
allein abgibst,« entgegnete er. Ich war außer mir: ein junges Mädchen
benimmt sich also unpassend, wenn es länger als fünf Minuten mit einem
und demselben Herrn redet. -- »Die lieben Nächsten drücken nur dann ein
Auge zu, wenn sie dabei eine Verlobung wittern,« heißt es in einem
Brief an Mathilde. »Fühlst du, wie ekelhaft das ist? Welch eine
faustdicke Beleidigung unseres ganzen Geschlechts darin liegt? Die
Hündin wertet man nicht anders als uns. Pfui Teufel!«
Ich zog mich nach jenem Erlebnis immer mehr zurück und unterdrückte
meinen Menschenhunger, bis Onkel Walter seinem Unwillen über meine
»Haberei« energischen Ausdruck gab. Ich kam grade dazu, als er mit Mama
über mich sprach.
»Sie wird sich die besten Aussichten verscherzen und eine verdrehte alte
Schraube werden,« sagte er. »Oder willst du am Ende nicht heiraten?«
Damit wandte er sich an mich.
»Gewiß will ich -- sehr gern sogar, wenn der Mann danach ist!« lachte
ich.
Mama sah von ihrer Handarbeit auf: »Du weißt, daß ich dich nicht zwingen
werde. Ein Mädchen, das wie du, eine gesicherte Zukunft hat, ist viel
glücklicher, wenn sie nicht heiratet.«
»Mit eurer Zuversicht auf Alixens Zukunft!« warf Onkel Walter ärgerlich
dazwischen. »Die berühmte Tante Klotilde kann noch zehn Mal heiraten,
oder hundert Jahre alt werden, oder ihr Geld den Hottentotten vermachen.
Wir müssen sie unter die Haube bringen, solange sie hübsch ist, -- das
allein ist eine Gewähr für die Zukunft. Sie darf sich freilich nicht mit
Flausen den Kopf verdrehen und verzauberte Prinzessin spielen, sonst
nimmt ein vernünftiger Kerl von vorn herein Reißaus.«
Hochmütig warf ich den Kopf zurück und sagte spöttisch: »Beruhige dich,
lieber Onkel, ich kriege noch zehn für einen. Ich werde dir den Kummer
nicht antun, eine alte Jungfer zur Nichte zu haben.«
Und nun nahm ich wieder an der Geselligkeit teil, -- nicht allein, weil
ich ihm beweisen wollte, daß ich recht hatte, sondern auch, weil die
Tante mich ärgerte, die -- wie ich herausfühlte -- aus reinem Egoismus
das Einsamkeitsbedürfnis ihrer Rivalin zu fördern suchte. »Laß sie doch,
wenn es ihr kein Vergnügen macht, -- wir werden auch ohne sie fertig!«
hatte sie erst kürzlich ihrem Mann zugerufen, als er noch vom Wagen aus
mich zur Teilnahme an einem Ausflug nötigen wollte. Außerdem -- wer
weiß?! -- konnte der Gralsritter, von dem ich doch immer wieder heimlich
träumte, nicht auch hier, am grauen Gestade der Ostsee landen?!
Picknicks und ländliche Feste, wo schrecklich viel gegessen, noch mehr
getrunken und wenig geredet wurde, Jagd- und Manöverdiners und
häuslicher Trubel fingen an, mir sogar wieder Spaß zu machen. Wenn ein
paar lustige Leutnants, um vom Manöver aus Pirgallen zu erreichen,
meinetwegen ein paar Nächte um die Ohren schlugen; wenn abends am
Strande von Kranz, dem nahen Seebad, wohin wir häufig fuhren,
prasselndes Feuerwerk mir zu Ehren in die Luft stieg; wenn Blicke mir
folgten, die mehr sagten als schmeichelnde Worte, -- dann schlürfte ich
mit wonnigem Wohlgefühl den berauschenden Trank der Bewunderung, und die
kleinen Teufel der Eitelkeit triumphierten über die guten Geister im
Bücherschrank von Pirgallen. Aber »er« blieb unsichtbar, und so war
meine Gesellschaftspassion immer nur ein Wechselfieber. »Die
Gesellschaft ists gar nicht, die mich amüsiert, sondern die Rolle, die
ich in ihr spiele,« schrieb ich an Mathilde, »denn an sich ist sie
tödlich langweilig und leer -- leer -- leer wie ein ausgeblasenes Ei.
Damit es was taugt, muß ich es erst mit meinen Farben bemalen.«
Ein paar Wochen vor unserer Abreise kam ein Freund meines Onkels, Herr
von Ollech, Rittmeister bei den Gardedragonern, nach Pirgallen. Schon
auf den Königsberger Rennen hatte ich ihn kennen gelernt, und als wir
abends zum Souper in großer Gesellschaft, die aus lauter Dohnas,
Eulenburgs und Lehndorfs bestand, zusammen saßen, war er der
Rettungsring gewesen, an den ich mich gehalten hatte, um nicht in dem
unvermeidlichen Meer kindlicher Spiele unterzugehen. Er war eben in
Bayreuth gewesen und hatte den Parsifal gehört. Das allein hätte genügt,
um ihn mir interessant zu machen; sein ernstes musikalisches Verständnis
war eine weitere starke Anziehungskraft. Ich freute mich, daß er mit uns
heimwärts fuhr.
Abend für Abend saß er dann im Halbdunkel des großen leeren Saals und
entlockte dem alten Klavier klagende und jauchzende, zärtliche und
sehnsüchtige Töne. Die kleinen Amoretten über den Türen, auf deren runde
Körperchen das Licht weniger Kerzen einen rosigen Schein warf, schienen
zu atmen, und die Blätter der Linden draußen bebten im Takt. Ich saß vor
der offnen Türe, den mondhellen Garten vor mir, und das Zaubernetz
wogender Rhythmen umspann mir dichter -- immer dichter Herz und Sinne.
Dankbar hingerissen erwiderte ich den Druck der Hand des Spielers, wenn
er schließlich zu mir heraustrat und mir Gute Nacht bot. Sah ich ihn
morgens wieder, den überschlanken, großen Mann, mit den wässerigen
Augen, der roten Nase und den ergrauenden Haaren, hörte ich seine rauhe
Stimme, sein Lachen, das wie tonlos war, so war er mir ein Fremder, --
eine Seele voll Wohlklang, die sich auf der Suche nach Menschwerdung in
den Körper eines Dekadenten verirrt hatte.
Angstvoll empfand ich, daß er mich liebte, und sah zugleich an der
Selbstverständlichkeit, mit der man mich mit ihm allein ließ, was alle
erwarteten. Ich fürchtete die Aussprache -- aber nicht weniger die
Trennung. Ich kürzte den Augenblick des Gutenachtsagens mehr und mehr
ab; ich wußte, daß ich in seiner Macht war, wenn der Zauber seiner Musik
mich gefangen genommen hatte.
Sein Urlaub ging zu Ende; ich fesselte mein Schwesterchen so sehr als
möglich an mich, um ein Alleinsein zu verhindern. Aber eines schönen
Morgens lief sie mir davon, als wir grade im Begriffe waren, in den Kahn
zu steigen. Stumm ruderte er mich auf dem schmalen Kanal, der sich, von
Bäumen und Büschen dicht umstanden, durch den Park zog. Schon tanzten
gelbe Blätter auf seinen dunkelgrünen Spiegel nieder, während die Glut
des Spätsommertages wie eingeschlossen unter dem Laubdach lag. Ich
starrte ins Wasser und spielte mit der Hand darin. Ein »Fräulein von
Kleve«, mit rauherer Stimme als sonst hervorgestoßen, ließ mich
zusammenfahren. »Wollen Sie meine Frau werden?« -- -- Ich antwortete
nicht. »Ich bin nicht jung, nicht schön,« fuhr er nach einer Pause leise
fort. »Ich habe Ihnen nichts zu bieten, als --« er zögerte, und eine
flüchtige Röte stieg ihm heiß in die Stirn -- »meinen Namen, mein
Vermögen und -- meine Liebe.« Wieder eine lange Pause -- ich brachte
keinen Ton über die Lippen. Mein Gegenüber seufzte tief auf. »Ich will
keine rasche Antwort, wenn Ihr Herz Sie nicht dazu zwingt. Nur eins
sagen Sie mir, bitte: lieben Sie einen andern?«
»Nein!« entgegnete ich, ihm grade in die Augen sehend. Seine Züge
leuchteten so hell auf, daß ich erschrak. Er griff nach meiner Hand.
»Dann will ich warten, und -- hoffen. Es ist ja so wie so vermessen, daß
ein alter Knabe wie ich so viel Jugend und Schönheit begehrt. Ich reise
morgen früh -- in vier Wochen kommen Sie durch Berlin. Ihre verehrte
Frau Mutter soll mich Ihre Ankunft wissen lassen, wenn -- wenn Sie für
mich entschieden haben; -- ists recht so?«
»Ja,« war alles, was ich hervorbringen konnte. Wir landeten. Als er mir
beim Aussteigen die Hand reichte, traf mich ein Blick, -- ein Blick so
voll Liebe, so voll Leid, daß ich ihm aus lauter Mitgefühl fast in die
Arme gesunken wäre. Abends saß er zum letztenmal am Klavier und ließ
seinen Phantasien freien Lauf; ich konnte der aufsteigenden Tränen nicht
Herr werden, lief fort und verschloß mich in mein Zimmer, um es erst zu
verlassen, als ich am nächsten Tag den Wagen über den Burghof rollen
hörte.
Es verletzte mich, daß jedermann um unsere Beziehungen zu wissen schien.
Ich wurde rücksichtsvoll behandelt, wie eine Kranke, während
widerstreitende Empfindungen mir alle Ruhe raubten. Mußte ich wirklich
mit meinen achtzehn Jahren über solch eine Lebensfrage nachdenken wie
über ein Rechenexempel? Wenn mein Verstand zehnmal ja gesagt hatte, so
warf das Nein meiner Sinne all seine Weisheit über den Haufen. Meiner
Sinne -- nicht meines Herzens. Allzu häufig floß es von Mitleid über,
das der Liebe so ähnlich sieht; wenn ich mir dann aber vorstellte: der
Mann soll dich küssen, soll von dir Besitz ergreifen -- körperlich! --,
dann haßte ich ihn beinahe.
Wir waren noch in Pirgallen, als ein Telegramm meines Vaters eintraf.
»Brigade in Schwerin« -- nichts weiter stand darin. Die Freude war
allgemein und bei mir am größten; meine Abneigung, nach Brandenburg
zurückzukehren, beeinflußte im Stillen meine Entscheidung Ollech
gegenüber. Die neue Garnison, der kleine Hof, die fremde, Neugier und
Hoffnung in gleicher Weise wachrufende Umgebung gaukelten mir lauter
lichte Zukunstsbilder vor. Als wir auf dem Wege nach Berlin im Zuge
saßen und meine Mutter die Schicksalsfrage stellte: »Soll ich Ollech
benachrichtigen?« bedurfte es keiner Überlegung mehr. Ordentlich komisch
kam mirs vor, daß ich jemals zwischen »Ja« und »Nein« hatte schwanken
können.
Während der Übersiedelung der Möbel blieben wir in Berlin. Meine Mutter
kannte keine größere Freude, als ohne Haushaltungs- und
Gesellschaftszwang in der Hauptstadt zu sein. Während sie unermüdlich
von einem Museum, einem Theater zum anderen ging, jede Ausstellung
durchwanderte, die Läden von innen und außen betrachtete, verschwanden
die scharfen Linien um ihren Mund und machten dem Ausdruck kindlichen
Genießens Platz. Sie vergaß dabei sogar ihre Erziehungsgrundsätze und
nahm mich in Possen und Operetten mit, die sich im Grunde gar nicht
»schickten«.
Im Oktober kamen wir nach Schwerin. Der erste Eindruck war ein
deprimierender: ein Bahnhof wie in einem abgelegenen Provinznest, dicht
daneben eine riesige Holzbaracke -- das Interims-Theater --, enge,
holprige Straßen, kleine Häuser mit niedrigen Fenstern, Menschen, deren
Aussehen einen um Jahre zurückversetzte. Aber schon unser neues Heim
veränderte das Bild: eine kleine Villa, dicht am Park, die in fröhlichem
Weiß zwischen Bäumen und Büschen einladend hervorlugte. Und ich hatte
zwei Zimmer darin: das Schlafstübchen, weiß und blau wie einst, der
kleine Salon in mattem Grün, -- eine Überraschung meines Vaters.
Glückselig war ich: zur Arbeit und zum Träumen ein stiller,
abgeschloßner Winkel für mich! Nicht rasch genug konnte ich meine Bücher
in die zierlichen Etageren räumen, meinen Schreibtisch mit Bildern
schmücken. Viele verborgene Schätze kamen ans Licht, die teils aus
Mangel an Platz, teils aus Angst vor Mama in Koffern und Kisten
verborgen gewesen waren. Da waren Makarts Fünf Sinne in großen
Photographien, Böcklins Insel der Seligen. Ich hatte mich berauscht an
der glänzenden Schönheit Makartscher Frauengestalten, ich hatte die
Wirklichkeit vergessen gehabt vor dem dunkelblauen Wasser und der
leuchtenden Ferne auf Böcklins vielgeschmähtem Bild. Mitten auf meinem
Schreibtisch prangten sie nun. Eine bunte Gesellschaft, von denen jeder
einzelne vom anderen weiter entfernt war als Böcklin von Makart,
versammelte sich auf meinem Bücherregal: Goethe und Julius Wolff, dessen
sentimentale Sinnlichkeit mich vorübergehend fesselte, Gottfried Keller
und Felix Dahn, dessen germanische Götter- und Heldengeschichten meiner
alten Neigung begegneten, Scherers Geschichte der Deutschen Literatur,
die eben erschienen war, und die ich eifrig studierte, Webers Welt- und
Lübkes Kunstgeschichte und daneben in wirrem Durcheinander griechische
Klassiker, russische Novellisten, altdeutsche Heldenlieder in braunen
Reclambänden, moderne Lyriker in goldüberladenem Prachtgewand.
Noch spät am Abend kramte ich in meinem Zimmer, überzeugt, daß niemand
mich stören würde, da sich die Schlafstuben der Eltern ein Stockwerk
höher befanden, als meine Mutter eintrat. »Noch nicht zu Bett?!« rief
sie und musterte ärgerlich meine Umgebung. Dabei fiel ihr Blick auf
Bilder und Bücher. »Du bildest dir doch nicht ein, daß ich dergleichen
dulden werde: diese schamlosen nackten Frauenzimmer und dies Bild eines
Verrückten?«
Mir stieg das Blut zu Kopf. »Das ist mein Zimmer, so viel ich weiß,«
sprudelte ich hervor, meine Worte überstürzend, wie stets, wenn die
Erregung mir den Mut zur Rede gegeben hatte, »und ich bin alt genug,
meinem Geschmack zu folgen. Soll ich vielleicht Thumann aufbauen, der
Germanen malt wie Salonhelden, und dessen Frauen aussehen wie lauter
wohl erzogne und gut toilettierte Bazardamen? Solche Verlogenheit mag
ich nicht, -- sie ist schamloser, als nackte Schönheit. Es ist mir auch
ganz gleichgültig, ob die Leute Böcklin für verrückt halten. Ich finde,
es wäre zum davonlaufen in der Welt, wenn nicht die paar Verrückten sie
noch erträglich machten.«
»Das magst du halten, wie du willst«, antwortete Mama, und nur ihre
heißen Wangen verrieten ihren Zorn. »Solange du im Elternhause bist,
hast du dich mir zu fügen, und zwar lediglich in deinem Interesse. Was
meinst du wohl, was man von dir sagen würde, wenn man solche Dinge auf
deinem Schreibtisch sähe?!« Damit ging sie hinaus, und ich nahm tief
verletzt meine Bilder, um sie im Schlafzimmer aufzustellen, -- hier
sollte sie mir niemand verekeln dürfen.
Früh am Morgen weckte mich Papa:
»Du, Alixchen -- wie wärs mit einem Ritt? Die kleine Braune wartet!« Mit
einem Sprung war ich aus dem Bett und in wenigen Minuten in den
Kleidern. Vergessen hatte ich den Ärger, noch mehr die Vorschrift des
Arztes. Ein herrlicher Herbsttag war es, mit jenem geheimnisvoll blauen
Dunst zwischen den Bäumen und jenem leisen Rieseln und Tanzen goldener
Blätter darin. Durch eine grade Allee ritten wir an beschnittenen
Laubengängen und verwitterten Götterbildern vorbei, vorüber an einem
kleinen Gartenhäuschen, das zwischen welkenden Rosen träumte, und hinein
in den Dom gewaltiger grauer Buchenstämme, durch deren hohe gelbgrüne
Wölbung nur hie und da ein Sonnenstrahl bis zur Erde drang. Wir ritten
langsam und sprachen kein Wort, selbst der Hufschlag der Pferde klang
gedämpft, als ob sie auf tiefen Teppichen gingen. Plötzlich, wo der Weg
sich jäh zur Seite wandte, empfing uns ein blendender Strom flimmernden
Lichts: Vergißmeinnichtblau dehnte sich der See bis zum nebelgrauen
Horizont, und aus ihm empor stieg mit Türmen und Zinnen, Erkern und
Balkonen, funkelnd und blitzend im hellsten Morgenglanz, ein
Märchenschloß.
Uns heimwärts wendend, verfolgten wir die Uferstraße bis zur Stadt. Das
Wasser, die feierlich breite Brücke darüber; ein öder, sandiger Platz
trennte sie vom Palast des Herrschers. Demütig und zusammengeduckt, in
nüchternem Werktagskleid, scheu und anbetend, aus kleinen Fenstern
hinüberblinzelnd, lag sie zu seinen Füßen.
»Das ist Mecklenburg!« sagte mein Vater.
Die ersten Wochen in Schwerin waren ausgefüllt mit offiziellen Besuchen
und Gegenbesuchen, die für mich lauter Enttäuschungen waren. Die
Menschen entsprachen der Stadt, ob es nun Hofmarschälle, Minister oder
Kammerherrn und Leutnants waren. Das Resultat »guter« Erziehung sprang
in die Augen: vollkommene Gleichartigkeit des Wesens, der Ansichten, der
Bildung; unerschütterlicher Gleichmut, selbstverständliche Kirchlichkeit
-- eine Vornehmheit, die, in ihrem Abscheu vor jeder Extravaganz,
äußerlich und innerlich vollkommen farblos machte. Und die Frauen! Glatt
gescheitelt, streng und kühl die Verheirateten; eine Schar alternder
Mädchen -- das Kennzeichen jeder kleinen Residenz -- mit dem bitteren
Zug enttäuschter Erwartungen um blutleere Lippen; wenige junge, und auch
die sich zu vorschriftsmäßigem Gleichmaß zwingend. Der Hoftrauer wegen
-- im Frühjahr war der alte, sehr geliebte Großherzog gestorben, sein
kränklicher Nachfolger war noch im Süden -- gab es keine großen
Gesellschaften, dagegen zahllose Nachmittagstees von gähnender
Langerweile und steife Abendgesellschaften, die ihnen nichts nachgaben.
Kleine Diners bei der alten Großherzogin-Mutter, der Schwester Kaiser
Wilhelms, bildeten eine wohltätige Ausnahme. Die originelle alte Dame
liebte die Jugend und war, bei allem strengen Urteil über Manieren, die
ihr nicht vollkommen schienen, ihr gegenüber nachsichtig und
freundlich, dabei voll sarkastischen Witzes. In ihrem kleinen »Palais«,
einem baufälligen Häuschen, das sie zu verlassen sich standhaft
weigerte, klang an einem Nachmittag oft mehr frohes Lachen, als an zehn
geselligen Abenden bei den übrigen Würdenträgern der Stadt. Was den
Verkehr noch besonders erschwerte, war die Abneigung der eingesessenen
Mecklenburger Familien gegen die Preußen und die strenge Scheidung der
Gesellschaft nach der Herkunft. Nur der Adel war hoffähig; mühsam hatte
Preußen es durchgesetzt, daß wenigstens der Offizier, auch wenn er
unadlig war, empfangen wurde. Seine Frau jedoch empfing man nicht, die
nicht adlig geborene Frau eines Adligen ebensowenig.
Die Rolle der duldenden Teilnehmerin in der Öde dieser Gesellschaft
hielt ich nicht lange aus. Mich ganz zurückziehen, was ich am liebsten
getan hätte, war bei der Stellung meines Vaters, mit der die
Verpflichtung, »ein Haus auszumachen«, unweigerlich verbunden war, nur
soweit möglich, als die Rücksicht auf meine Gesundheit es verlangte.
Getanzt aber wurde nicht, also blieb mir kein Vorwand; nur hie und da,
wenn ich in ein Buch besonders vertieft war, oder eine Phantasie
unbedingt zu Papier bringen mußte, schützte ich Schmerzen vor, legte
mich zu Bett, und stand, im köstlichen Besitz ungestörter Freiheit,
wieder auf, sobald die Eltern das Haus verlassen hatten.
Dann kamen sie, die holden Gestalten meiner Träume, und viele blaue
Hefte füllten sich allmählich mit Gedichten und Betrachtungen, Märchen
und Geschichten.
Ging ich aus, so setzte ich alle Hebel in Bewegung, um der Langenweile
Herr zu werden. Zum Kampf gegen sie zettelte ich unter meinen wenigen
Altersgenossinnen eine förmliche Verschwörung an: wir »schnitten« die
Alten und Grämlichen, wir protestierten durch die Tat gegen die
Gewohnheit der Trennung der Geschlechter, sobald das Essen vorüber war,
wir spielten Theater und stellten lebende Bilder, wozu ich die
verbindenden Texte zu dichten pflegte. Und unsere Jugend siegte
allmählich; meine geselligen Künste fanden Anerkennung, und ich mußte
sie überall glänzen lassen. Aber solche Erfolge genügten mir nicht. Ich
»suchte Menschen« -- verlangender und sehnsüchtiger denn je --, und wenn
ich mich scheinbar am besten amüsiert hatte, kam ich oft heim, um
verzweifelt in mein Bett zu schluchzen.
»Du hast das beste Leben von der Welt. Warum bist du nicht zufrieden?«
schrieb mir meine Kusine, die kurze Zeit bei uns gewesen war und meine
Zerfahrenheit nicht begriff.
Ich antwortete ihr:
»Du sagst, und zwar mit dem Ton moralischen Vorwurfs, daß ich nur darum
die hiesige Gesellschaft so abfällig beurteile, weil ich noch niemanden
fand, der mich persönlich interessiert. Das ist doch selbstverständlich!
Oder gehst du der vielen Gleichgültigen wegen in Gesellschaft, die sich
nach deinem Befinden erkundigen, obwohl es ihnen ganz einerlei ist, wie
du dich befindest, die die kostbare Zeit mit Geschwätz totschlagen, von
dem du absolut gar keine Anregung empfängst, die ein verbindliches 'Auf
Wiedersehen' flöten und schon am nächsten Tag an deiner Leiche
gleichgültig vorübergehen würden?! Aber du treibst deinen Vorwurf noch
weiter und sagst entrüstet, ich wäre wieder einmal reif, mein Herz
wegzuwerfen. Ich gebe das ohne weiteres zu: findet mein Geist kein
Interesse, so muß das Herz daran glauben. Hier im heiligen Mecklenburg
ist kein Mensch, den ich nicht schon ausgepreßt hätte wie eine Zitrone,
und der nicht immer sauer geblieben wäre wie sie. Nun gilts, ihm das
Zuckerwasser der Verliebtheit beizumengen, um ihn überhaupt genießbar zu
machen. Deine Moralpauke schließt mit den Worten: nicht wieder
'sträflich' mit dem Feuer zu spielen. Sei beruhigt: ich bin grade auf
das intensivste mit dem Schüren der Flamme beschäftigt. Und -wie- sie
brennt!! 'Er' ist hübsch, elegant, leichtsinnig, oberflächlich, --
kurz, ganz was ich brauche! 'Er' ist Löwe, Herzensbrecher, -- kurz, ein
Holz, aus dem ich mit Vergnügen meine Ritter schnitze! Du hast natürlich
wieder Mitleid mit ihm, wie mit Vetter Fritz, mit Fredy usw. -Warum hat
denn niemand Mitleid mit mir-?! Oder ist es nicht vielleicht
mitleidswürdig, daß ich mein heißes Herzblut tropfenweise mit dem
Allerweltsleitungswasser des Flirts verdünne?! Ich lechze nach Licht,
flammendem Geisteslicht, selbst wenn ich bei seinem Anblick erblinden
sollte, und nach einer Leidenschaft, an der ich mich verzehren kann.«
Es kamen Stunden, in denen mein pochendes Herzblut mich in wild
aufwallende Gefühle verstrickte. Dann flatterte es mir vor den Augen in
tausend Flämmchen, heiße Schauer liefen mir über den Rücken, und
feuriger begegnete mein Blick dem des Mannes, der grade neben mir über
die spiegelnde Eisfläche glitt oder beim Diner klingend sein Sektglas an
das meine stieß. Ich galt für kokett; die jungen Mädchen zogen sich von
mir zurück; ich hatte immer eine Korona von Kavalieren um mich.
In grausamer Selbstzerfleischung schrieb ich in eines meiner blauen
Hefte:
»Irgendein unheimliches, wildes Tier haust in meinem Innern. Es zerreißt
die festesten Eisenketten. Es treibt mich seit meiner Kindheit von
Leidenschaft zu Leidenschaft. Wie erbärmlich, sich erheben zu wollen
über die Mädchen der Straße. Wären wir nicht so gut erzogen, und wohl
gehütet, wie viele von uns gingen denselben Weg wie sie!« Und an anderer
Stelle heißt es: »O über das trostreiche Verweisen auf häusliche
Pflichten! Als ob ich sie nicht alle erfüllte, ohne die geringste
Befriedigung zu spüren! Staub wischen, Hüte garnieren, Deckchen sticken,
Strümpfe stopfen, -- soll das das Herz beruhigen, den Geist ausfüllen?!
Es ist nichts als eine tugendhafte Bemäntelung des Zeittotschlagens.
Meine Lebenskräfte schreien nach Betätigung. Ich möchte etwas erleben,
das keine Nervenfaser unberührt, kein Äderchen ohne Glut läßt, etwas
leisten, das Wunden kostet ...«
Einmal -- ich saß grade am Bett meines kranken Schwesterchens und baute
ihr aus Goldpapier ein »Walhall« auf, dessen göttliche Bewohner aus
Perlen und bunten Knöpfen bestanden -- ließ mich Papa zu sich herunter
rufen. Herr von Landsberg, der Hoftheater-Intendant, war bei ihm.
»Ich habe eine Bitte an Sie, mein gnädigstes Fräulein,« wandte er sich
an mich. »Wir wollen nach beendeter Trauer den Geburtstag des
Großherzogs durch eine Festvorstellung feiern. Uns fehlt ein
einleitender Prolog. Dürfen wir dafür auf Ihre Mitarbeit rechnen?«
Mir klopfte das Herz vor Freude: Ich sollte für die Bühne dichten!
Sollte von einem großen Publikum gehört werden! Trotzdem kamen mir
Bedenken:
»Ich kenne den Großherzog nicht. Und ihn anhimmeln, bloß weil er der
Großherzog ist, -- das widerstrebt mir.«
»Niemand verlangt das von Ihnen. Das rein Menschliche, daß er krank,
fern seinem Lande im Süden ist, daß seine Abwesenheit schwer auf Handel
und Wandel, Leben und Geselligkeit drückt, daß wir ihm und uns seine
Genesung wünschen, gibt, scheint mir, Anregung genug zu dichterischer
Gestaltung!« Mir leuchtete ein, was er sagte; die Gelegenheit, zum
erstenmal öffentlich hervorzutreten, war auch viel zu verlockend, als
daß mein Widerstand sich hätte aufrecht erhalten lassen.
Ich schrieb in schwungvollen Versen irgend etwas, das von den Seen und
Wäldern Mecklenburgs, von den guten heimischen Göttern und dem
trügerischen Zauber des Südens mehr enthielt als von dem Landesfürsten,
den es feiern sollte. Da man ihn seiner, wie man glaubte, unnötig langen
Abwesenheit wegen nicht allzu hoch schätzte, so entsprach meine Dichtung
den Intentionen der Auftraggeber. Bei Landsbergs, in kleinem Kreise, las
ich sie vor und erntete von den anwesenden Schauspielern einen
geräuschvollen Beifall, der um so größeren Eindruck auf mich machte, als
ich noch nicht wußte, daß es bei ihnen ebenso üblich ist, den Gefühlen
übertrieben lauten Ausdruck zu geben, wie es bei uns guter Ton ist, sie
bis auf ein Mindestmaß zu unterdrücken.
Hier, -- das schien der eine Augenblick mir zu enthüllen --, fand ich
die Menschen, die mich verstanden, denen die Kunst Lebensinhalt war.
Ich nahm an den Proben teil und wurde allmählich ein immer häufigerer
Gast im Hause des Intendanten. Seine geistvolle, liebend würdige Frau
verhätschelte mich; er selber -- wie selten war mir das begegnet! --
nahm mich ernst und gab mir derlei gute Ratschläge, um mein Talent zu
fördern. Die Hauptanziehungskraft aber war mir Lisbeth Karstens, die
junge, reizende Schauspielerin, die meinen Prolog sprechen sollte. Aus
Begeisterung für die Kunst hatte sie das warme Nest ihres Elternhauses
verlassen und war allein und mittellos in die Fremde gegangen. Not,
Gemeinheit und Verkennung hatten sich ihr in den Weg gestellt, -- ihr
Enthusiasmus war stärker gewesen als alles. Landsberg, der es wie wenige
verstand, Begabungen zu entdecken und die häßliche Bretterbude am
Bahnhof infolgedessen über viele kostbare Theater Deutschlands erhob,
hatte sie erst kürzlich engagiert. Sie war ein ausgezeichnetes
»Gretchen«, eine rührende »Ophelia«, ein hinreißendes »Käthchen von
Heilbronn«, und selbst der blutleeren »Thekla« verhalf sie zu lieblichem
Leben. Mein Prolog, von ihr gesprochen, erschien mir wirklich wie ein
Kunstwerk. Aber, ach, wieviel Tränen vergoß ich seinetwegen!
Mit aufrichtigem Beifall hatte mein Vater ihn beurteilt; es schmeichelte
seiner Eitelkeit, seine Tochter anerkannt zu sehen, aber seine
hochmütige Mißachtung des Publikums war zu groß, als daß er ihm ein
Urteil über mich hätte gestatten können. Mein Name durfte nicht genannt
werden. Ich suchte vergebens, ihn umzustimmen.
»Damit unser guter Name durch die schmutzigen Mäuler aller Menschen
gezogen wird?!« herrschte er mich an, »und jeder Federfuchser sich
erlauben kann, dich herunterzureißen?!« Als der große Abend hereinbrach,
flüsterte man sich meinen Namen nur unter dem Siegel der
Verschwiegenheit zu. Der Beifall aber, der das Theater durchbrauste,
klang wie eine Fanfare bis ins Innerste meiner Seele, und alte
Kinderträume wachten auf, und junger Ehrgeiz breitete seine Flügel aus,
um mich weit in die Zukunft zu tragen, -- dahin, wo der Ruhm auf ehernen
Stühlen thront und immergrüner Lorbeer im Glanze der nie untergehenden
Sonne eichenstark gen Himmel wächst.
Seitdem hatte ich keine Ruhe mehr. Oft trieb michs des Nachts aus dem
Bett an den Schreibtisch. Mit Lisbeth Karstens verband mich eine immer
innigere Freundschaft. Sie war meine Vertraute, eine geduldige, leicht
begeisterte, fast immer kritiklose Zuhörerin meiner Dichtungen. Im
Theater, das ich fast täglich besuchte, denn in der Loge des Intendanten
war Platz für mich, sobald meine Eltern mich nicht begleiteten, fand ich
immer neue Anregung, der Künstlerkreis im Landsbergschen Haus, der für
nichts Sinn hatte als für das Theater, fachte die Glut meines Innern zur
Fieberhitze an. Noch waren es Nebelgestalten, die ich sah und nicht zu
fassen vermochte. Sie nahmen festere Formen an, wenn der alte
Wagnerfänger Hill am Flügel stand und seine machtvolle Stimme den Raum
erfüllte; wenn Alois Schmitt -- einer der künstlerischsten Menschen, die
ich kannte -- am Dirigentenpult saß und sein geschultes Orchester die
Fidelio-Ouvertüre intonierte; und sie wurden mir sichtbar, wie
Geistererscheinungen, wenn ich einsam durch den Wald ritt und droben auf
dem Götterhügel fern der Stadt, wo vor Jahrhunderten Walvaters
Opferstein rauchte, die rauschenden Buchen miteinander flüsterten.
Es war Sigrun, König Högnis Tochter, die ich sah, -- Sigrun, die
Schildjungfrau, die in heißem Freiheitsdrang und starker Liebe den
Todfeind ihres Vaters, Helgi, den Hundingstöter, vor seinen Mördern
schützte und sich ihm als Gattin verband, -- Sigrun, die Treueste der
Treuen, und die geliebteste, um deretwillen Helgi Walhalls Wonnen
verschmähte. Zu einem Drama wollt' ich ihre Geschichte gestalten; der
Konflikt zwischen kindlichem Gehorsam und Mannesliebe war sein
Mittelpunkt, seine Lösung der freiwillige Tod der Heldin.
Meist schrieb ich des Nachts. Am Tage fürchtete ich zu sehr die Störung,
die mich aus allen meinen Himmeln riß. Die Friseuse, die Schneiderin,
die Wäsche, die Besuche, -- nichts durft ich versäumen. »Wäre ich ein
Mann, es würde dir nicht einfallen, mich von der Arbeit abzurufen!« rief
ich bei solcher Gelegenheit einmal verzweifelt Mama entgegen.
»Gewiß nicht!« antwortete sie mit herbem Lächeln, »da du aber ein Weib
bist, mußt du frühzeitig lernen, daß wir nie uns selbst gehören.«
Tante Klotilde fiel mir ein, die mir vor Jahren etwas ähnliches gesagt
hatte, und Groll gegen mein Schicksal erfüllte mich.
Mit dem Fortschritt der Arbeit wurde meine Stimmung immer trüber. Ich
fühlte, daß ich meinem Werk den ganzen Gluthauch des Lebens, den ich
dunkel empfand, nicht einzuflößen vermochte. Der guten Lisbeth Beifall
machte mich stutzig, nachdem ich erfuhr, wie wahllos sie für alles
schwärmte; der laute Ton des Künstlervölkchens bei Landsbergs, der mir
früher ersehnte Offenbarung natürlichen Fühlens gewesen war, tat mir
weh, je mehr ich die falsche Note hörte. Das Tiefste versteckten
schließlich alle: wir durch schweigende Zurückhaltung, sie durch
lärmende Heiterkeit. Ich zeigte Landsberg einige Szenen meines Werks,
die mir am besten gelungen schienen. »Bringen Sies mir, wenn es
vollendet ist, vielleicht läßt es sich aufführen,« sagte er nach der
Lektüre, -- nichts weiter. Wäre es das Außerordentliche gewesen, das ich
hatte schaffen wollen, er hätte sicherlich anders gesprochen!
Ich hielt mich streng an klassische Vorbilder und übertrug das
ursprünglich in Prosa oder in freien Rhythmen Geschriebene in fünffüßige
Jamben. Alle Wärme, alle Kraft ging dabei verloren. Je mehr ich
umarbeitete, feilte, mit der Form und der Technik kämpfte, desto
nüchterner und fremder sah mich meine eigene Arbeit an. Und schließlich
kam ein Tag, an dem ich verzweifelt vor den vollgeschriebenen Blättern
saß, und wußte, daß ich meiner Aufgabe nicht gewachsen war. Wie ein
steuerloses Schiff auf brandendem Meere war ich wieder; eine Fata
Morgana waren meine Hoffnungen gewesen; das Leben sah mich an, eine
leere, dunkle, feuchtkalte Höhle, die von den Fackeln meiner Träume noch
eben in magischem Zauber geleuchtet hatte.
»Ganz oder gar nicht,« -- das war mir allmählich zum Wahlspruch
geworden. So verurteilte ich denn fast alles, was ich seit meiner
Kindheit geschrieben hatte, zum Feuertode, verschnürte und versiegelte
das Übriggebliebene -- darunter auch mein verunglücktes jüngstes Werk
-- und warf den Schlüssel der kleinen Truhe, in der ich es verwahrte,
zum Fenster hinaus.
Und nun überfiel mich ein Heimweh nach den Bergen, so stark, so
unüberwindlich, als wäre ich dort zu Hause und überall sonst in der
Fremde. Auf meine Bitte, zu ihr ins Rosenhaus kommen zu dürfen,
antwortete Tante Klotilde umgehend, daß sie zwar noch nicht dort sei,
die alte Kathrin aber alles zu ihrer Ankunft vorbereite und ich sie mit
ihr dort erwarten möge. Ehe ich ging, zog ich meinem Schwesterchen noch
zwei Puppen an, -- Helgi und Sigrun. Sie liebte sie zärtlich, und noch
Jahre nachher lachten mir ihre starren Porzelangesichter entgegen, als
höhnten sie meiner, die ich lebendige Menschen hatte schaffen wollen.
Zehntes Kapitel
Allein in Grainau! -- Noch lag der Schnee bis zum Tal hinunter, und die
Sonne stand noch nicht hoch genug am Himmel, um mehr als ein paar
Stunden am Tage das Dörflein wieder zu grüßen, vor dem sie sich im
Winter monatelang hinter den steilen Wänden des Waxensteins versteckte.
Nur im Rosensee spiegelte sie schon länger ihr strahlendes Antlitz, als
wollte sie sich überzeugen, ob sie würdig des kommenden Frühlings wäre.
Der riß hie und da keck an der grauen Wolkendecke und guckte mit seinem
hellen blauen Himmelsauge neugierig auf die arme, kahle Erde herunter.
Seltsam, wie wohl mir war, kaum daß die Loisach, voll und gelb von
Schneewasser, mich lärmend, wie ein übermütiger Bub, willkommen hieß.
Mich störten der Regen nicht und der Sturm, die mir kühlend um Stirn und
Wangen strichen; in den Lodenmantel gewickelt, ging ich all die
vertrauten Wege, und niemand zankte mich, wenn ich zerzaust und
beschmutzt nach Hause kam, oder gar die Mahlzeit versäumte. Die gute
Kathrin schüttelte nur nachsichtig lächelnd den Kopf, streichelte mir
mit einem zärtlichen: »Ach die liebe Jugend« die heißen Wangen und ließ
es sich nicht nehmen, mir die gewärmten Strümpfe und Schuhe selbst über
die Füße zu ziehen.
War das eine Wonne, allein zu sein! Über mein Tun und Lassen selbständig
zu entscheiden! Ein Schmetterling, der aus dem Puppenpanzer kriecht,
konnte nicht froher sein als ich! Plötzlich -- ich saß grade unter
tropfenden Bäumen auf der nassen Bank, die der Sepp mir gezimmert hatte
-- fielen mir meine achtzehn Jahre ein; -- Himmel, war ich jung! Ganz
überwältigt von dieser Erkenntnis, lief ich in großen Sprüngen den Berg
hinab und konnte mich vor Lachen nicht fassen, als ich der Länge nach im
Moose lag.
Tante Klotilde verschob ihre Ankunft von einer Woche zur andern. Wenn
sie den Schnupfen hatte und das Wetter schlecht war, zitterte sie um
ihre Stimme, und vor der Rücksicht auf deren Gefährdung mußte alles
andere zurückstehen. Sie schickte mir ermahnende Briefe, in denen sie
genau vorschrieb, wie weit ich allein gehen dürfe -- eine Viertelstunde
im Umkreis wars höchstens --, und schärfte der Kathrin ein, gut auf mich
aufzupassen.
Indessen kam der Frühling, und die Bäume steckten ihm zu Ehren ihre
ersten grünen Blätterfähnchen aus. Ich saß schon stundenlang auf der
Veranda in Tantens Schaukelstuhl -- ohne Handarbeit, ohne Buch -- und
sonnte mich. Außer mir und der Kathrin waren nur der alte Gärtner und
sein uralter Pudel im Haus, der im Stoizismus seines Greisentums das
Bellen sogar schon aufgegeben hatte. Es war daher mäuschenstill bei uns.
Um so mehr erstaunte ich, als eine kräftige Männerstimme eines Morgens
an mein Ohr schlug.
»Machen Sie mir doch nichts weiß,« rief sie, »ich hab doch meine Augen
im Kopf, -- und wette zehn gegen eins: das Rosenhaus ist bewohnt.«
»Aber wahr und wahrhaftig, Durchlaucht, die Frau Baronin sind noch nicht
hier!« greinte die Kathrin. Ein helles Gelächter war die Antwort.
»Da könnten Sie am Ende recht haben -- aber in der ganzen Welt gibt es
nur einen so schwarzen Lockenkopf, wie der Alix ihrer, und den sah ich
vom Ufer drüben. Gespenster sind nicht so hübsch.«
Hellmut wars! Ich lief hinaus und streckte ihm beide Hände entgegen. Die
paar Jahre seit unserem letzten Zusammensein waren wie ausgewischt, und
erst als ich sah, daß ein hochgewachsener Mann mit gebräuntem Gesicht
und keckem Schnurrbärtchen über den vollen Lippen vor mir stand,
errötete ich unwillkürlich.
»Wollen -- Sie nicht näher treten!« sagte ich zögernd.
»Aber Alix -- 'Sie!' Wir sind doch alte Freunde,« damit faßte er meine
Hand mit kräftigem Druck und ging mit mir an den eben verlassenen
Frühstückstisch, während Kathrin uns ganz blaß und geistesabwesend
nachstarrte.
Das Ungewöhnliche der Situation machte uns verlegen. Schweigend holte
ich eine Tasse aus dem Schrank und goß ihm Tee ein, während ich fühlte,
wie sein Blick auf mir ruhte.
»Wie schön bist du geworden!« -- flüsterte er wie zu sich selbst. In dem
Augenblick trat die Kathrin herein und rumorte mit eifriger
Geschäftigkeit im Zimmer. Das zwang uns zur Konversation, die, zuerst
steif und gezwungen, allmählich immer natürlicher wurde. Nach dem Wie
und Warum unseres Hierseins frugen wir einander, und ich erfuhr, daß ihn
auf dem Wege nach Oberitalien in München plötzlich die Lust gepackt
habe, die Berge von Garmisch wieder zu sehen. »Unserem Verwalter in
Partenkirchen kam ich nicht gerade gelegen,« lachte er, »der hatte
Gesellschaft in Mamas Salon, als ich eintrat. Ich habe ihm unter der
Bedingung gnädig verziehen, daß er über meine Anwesenheit gegen jeden
den Mund halten soll.«
»Dann sind wir beide inkognito,« rief ich fröhlich, »die Tante findet
nämlich im Grunde mein Alleinsein so kompromittierend, daß ich
versprechen mußte, mich in Garmisch nicht sehen zu lassen.«
Bis gegen Mittag blieb er. Der guten Kathrin warnende Blicke, die ich
zuweilen auffing, nahmen mir den Mut, ihn zu Tisch einzuladen. Am
nächsten Morgen aber, vor seiner Weiterreise, versprach er, mir eine
»feierliche Abschiedsvisite« zu machen.
»Wenn das die Frau Baronin wüßte!« sagte die Kathrin seufzend, als er
weg war.
Es regnete in Strömen, als ich am folgenden Tage erwachte »Nun kommt er
sicher nicht,« war mein erster Gedanke, und mißmutig zog ich die Decke
wieder über die Schultern. Aber eine leise Hoffnung tauchte gleich
darnach auf und zwang mich, statt des alltäglichen Lodenrocks ein
hübsches, helles Hauskleid aus dem Schrank zu holen. Kaum saß ich am
summenden Teekessel, als ich draußen sein fröhliches »Grüß Gott,
Fräulein Kathrin« hörte. »Naß bin ich wie 'ne Katze, aber pudelwohl, --
Sie sehen, die Viecher vertragen sich auch im Menschen,« fügte er hinzu,
und selbst die wohlerzogene Dienerin erlaubte sich, zu lachen. Sie ließ
uns sogar allein -- es war ja das letztemal, mochte sie sich zur eigenen
Beruhigung sagen.
Wie war es behaglich im Zimmer, während draußen der Regen an den
Fenstern niedertroff! Wir frühstückten und plauderten miteinander, ganz
wie alte Vertraute, und setzten uns schließlich vor den kleinen Kamin,
der eine wohlige Wärme ausstrahlte. »Wie wärs mit einer Zigarette? frug
er und hielt mir die gefüllte Dose hin.
»In diesen heiligen Hallen?« antwortete ich, halb erschrocken.
»Bis die Gestrenge kommt, ist der Duft verflogen. -- -- Ich muß dir was
erzählen, Alix, und das geht nicht ohne den Glimmstengel. Der macht Mut,
weißt du!« Wir rauchten eine Zeitlang schweigend.
»Du mußt mich nicht so ansehen,« fing er schließlich wieder an, »sonst
kommts mir gar zu komisch vor, daß ich dir Geständnisse mache, wie einem
Kameraden.« Ich rückte lächelnd den Stuhl zur Seite und sah geradaus ins
Feuer. »Ists recht so?«
»Fein! -- Wenn du nur nicht ein so verdammt hübsches Profil hättest! --«
Er schwieg aufs neue. Nach ein paar Minuten aber begann er: »Ich habe --
Dummheiten gemacht in Berlin. Es hat der armen Mama, die so nicht auf
Rosen gebettet ist, einen tüchtigen Happen Geld gekostet, die Sache in
Ordnung zu bringen --.« Ein bißchen erschrocken wandte ich den Kopf nach
ihm -- »es war nichts Gemeines, Alix -- Kind, gewiß nicht. Du kannst ja
nicht wissen, wies unsereinem geht. Wir sind nicht von Stein -- die
jungen Mädels der Gesellschaft sind steif und langweilig wie
Holzpuppen, -- und wenn sies nicht sind, ists ihr Unglück.« Ich fuhr
zusammen. -- »Kannst am Ende selbst ein Lied davon singen, was?! -- Kurz
und gut, siehst du, ich verliebte mich eines Tages in eine Ballettratte
-- einen süßen, kleinen Käfer, sag ich dir --«, zu dumm, daß ich mich in
diesem Augenblick bis zu Tränen ärgerte -- »aber gräßlich ungebildet.
Ich habe sie eigentlich nur zwei Tage gern gehabt, nachher wars
Gewohnheit, Mitleid, -- was weiß ich« -- er war aufgestanden und ging
unruhig im Zimmer hin und her, die Zigarette zwischen den Fingern
zerdrückend. »Ich konnte schließlich nicht länger -- ich mußte frei
sein! Ihr Vater lief spornstreichs zu Mama und heulte ihr was von
zerstörtem Leben, geraubter Ehre usw. vor. Mir gegenüber hatte er bis
dahin den untertänig-dankbarsten Diener gemimt. Das übrige kannst du dir
am Ende vorstellen!«
Ich zitterte vor Erregung. Mich hatte ein Gedanke gepackt, der mich
nicht minder los ließ. »Hat sie -- ein -- Kind?« stieß ich mit aller
Anstrengung hervor. Verblüfft blieb er vor mir stehen. »Du bist wirklich
aus der Art geschlagen, Alix,« damit streckte er mir die Hand entgegen.
»Meine Hand drauf: nein! Wäre das Unglück geschehen, ich hätte anders
gesprochen! -- Aber wir sind noch nicht zu Ende. Man hat mich auf Urlaub
geschickt -- nach Italien, wie du siehst! --, und wenn die Galgenfrist
zu Ende ist, soll ich -- heiraten!« Mit komischem Entsetzen rang er die
Hände.
»Wen?« frug ich, während mir das Herz hörbar schlug.
»Wen?! Ein kleines Prinzeßchen natürlich, semmelblond -- du weißt, wie
ich so was liebe! --, bleichsüchtig, eine Figur wie ein wohlgehobeltes
Brett.« Ich spürte mit heimlicher Freude den raschen Blick, der zu mir
herüberzog. »Die Ebenbürtigen mit dem nötigen Mammon laufen nicht zu
Dutzenden in der Welt herum. Und eine Ebenbürtige muß es sein, Mama
träumt doch ständig, daß ihrem Einzigen Vetter Georgs Krone eines
schönen Tages auf den Dickkopf fällt! Eine Reiche natürlich auch, -- du
weißt ja, in wie schmerzlichen Widerspruch unser Portemonnaie zu dem
Glanz unseres Namens steht!«
»Und du?«
»Ich wünsche ihm ein langes Leben, eine tüchtige Frau und ein Dutzend
Jungens! Zum Regieren hab ich kein Talent, und zum Heiraten am
allerwenigsten. Das weiß ich eigentlich erst seit gestern. In der
Stickluft Berlins, angesichts des versammelten Familienrats war ich ganz
klein. Aber wie ich gestern von dir ging, bin ich noch bis in die Nacht
hinein in den Bergen herumgeklettert und habe mir einen ordentlichen
Gletscherwind um die Nase pfeifen lassen. Heute weiß ich: es geht nicht
-- mögen sie mich meinetwegen zu den Insterkosaken versetzen, ich kann
die Ebenbürtige nicht heiraten.«
Er wandte mir den Rücken und sah in den Regen hinaus.
»Ich kann nicht« -- wiederholte er leise, »ich muß Eine haben, die ich
liebe --«
Es war ganz still zwischen uns. Nur die Uhr tickte laut und heftig.
»Ich möchte hier bleiben, Alix,« sagte er nach einer Weile mit ruhigem
Ernst. »Ich brauche die Einsamkeit und -- dich. Du mußt mir helfen
überlegen, was aus mir werden soll!«
»So bleibe, Hellmut,« antwortete ich rasch, aber im selben Augenblick
fiel mir die Kathrin ein, und die Tante, und das Gerede der Leute; und
schon kam sie selbst, meine getreue Wächterin, und sagte, nachdem sie
das Geschirr möglichst langsam abgeräumt hatte:
»Soll der Christoph für Durchlaucht einen Wagen bestellen? Er geht gerad
ins Dorf hinunter.«
Hellmut stieg das Blut in den Kopf. Er verstand. »Nein,« sagte er, »ich
gehe zu Fuß. Es ist nicht nötig, daß noch mehr Leute von meinem Hiersein
wissen.« Die Kathrin sah ihn zweifelnd an. »Fürchten Sie nichts für Ihr
gnädiges Fräulein, Kathrin,« fuhr er fort, »ich bin ihr bester Freund
und werde nicht dulden, daß ihr auch nur ein Härchen gekrümmt wird.« Als
sie sich daraufhin stumm entfernt hatte, wandte er sich zu mir:
»O über die verdammten Rücksichten auf die Gemeinheit der anderen! Ists
nicht das natürlichste von der Welt, daß wir hier zusammen sitzen? Und
nun --! Ich kann nicht wiederkommen, -- deinetwegen nicht!«
Ich hatte einen bitteren Geschmack auf der Zunge. Zugleich kam mirs
feige und erbärmlich vor, ihn so gehen zu lassen.
»Ich bin viel draußen,« sagte ich zögernd und verlegen, »wenn du mich
brauchst, wie du sagst, dann -- dann könnten wir uns irgendwo treffen.«
»Hab Dank, herzlichen Dank, Alix. Aber das macht die Sache nicht besser.
-- Uns ein heimliches Rendezvous geben, wie -- wie ... nein, das kann
ich dir nicht antun. Machen wirs kurz: Lebwohl.« Er zog meine Hand an
die Lippen und wandte sich, ohne eine Antwort abzuwarten, rasch zur
Türe.
In mir kochte es. Ah, wer diesen Götzen der Konvention zerschmettern
könnte, auf dessen Altar unsere besten Gefühle und schönsten Stunden
verbluteten, dem zu Ehren wir unsere freien Glieder in Fesseln schlugen.
Gegen Abend, als ich aus der Gartentür trat, sprang mir ein kleiner Bub
in den Weg und hielt mir einen Strauß Schneeglöckchen entgegen. Schon
zog ich die Börse, um sie zu kaufen, da drückte der Überbringer ihn mir
schelmisch lachend in die Hand und rannte davon. Jetzt entdeckte ich
erst den Brief, der um die Stiele gewickelt war.
»Im Begriff, abzureisen,« schrieb Hellmut »sende ich meiner lieben
Freundin diese Blümchen, die einzigen, die ich auftreiben konnte. Ich
fahre direkt nach Berlin. So leid es mir Mamas wegen tut, -- mein
Entschluß steht fest: ich will frei bleiben. Auch wenn ich den Adler auf
dem Helm opfern muß. Ich werde mich zu den Ludwigsluster Dragonern
versetzen lassen und scheide von Dir mit der Hoffnung auf ein frohes
Wiedersehen in Schwerin und auf eine freundliche Fortsetzung unserer
unterbrochenen Gespräche.
Dein alter Freund
Hellmut.«
Meine Freude war so groß, daß ich sie allein gar nicht tragen konnte.
Die alte Kathrin mußte, so sehr sie sich auch zierte, beim Abendessen
neben mir sitzen und den Wein mit mir trinken, den ich mir selbst aus
dem Keller geholt hatte. Schließlich rief ich den Pudel herein und
trieb ihn im Zimmer so lange im Kreise umher, bis vergessene
Jugenderinnerungen in ihm aufdämmerten und er, fröhlich mit dem Schwanze
wedelnd, in ein heiseres Bellen ausbrach.
* * * * *
Mitte Juni war ich wieder in Schwerin. In vier Wochen stand der Einzug
des Großherzogs bevor, dem eine Reihe von Festlichkeiten aller Art
folgen sollte. Unmöglich konnte ich meiner Mutter alle Toilettensorgen
allein überlassen, und meine Tante, die kurz nach Hellmuts Abreise in
Grainau eingetroffen war, schenkte mir aus lauter Rührung über meine
Pflichttreue ein rosaseidenes Kleid, von weißem, goldgesticktem Tüll
überrieselt. Nun saß ich zu Mamas hellem Erstaunen selbst in der
Schneiderstube. »Das sind ja ganz neue Talente, die du entwickelst,«
sagte sie, während ich unermüdlich anprobierte, steckte und heftete, nur
die mechanische Vollendung der Arbeit der Näherin überlassend. Niemand
sollt' es merken, daß unsere Kleider nicht bei Gerson gearbeitet worden
waren. Es war mir beinahe störend, daß ein paar unentwegte Verehrer vom
vorigen Winter zu meinem Geburtstag eine Landpartie arrangiert hatten,
die mich einen ganzen Tag Arbeitsunterbrechung kosten würde. Schließlich
aber amüsierte ich mich dabei köstlich und ließ mir vergnügter denn je
den Hof machen. Wir lagerten gerade unter den Buchen und ließen die
Sektpfropfen knallen, als mein Vater erschien, der am Vormittag nicht
hatte abkommen können, und eine himmelblaue Uniform neben ihm
auftauchte.
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