im Garten um den Platz neben mir rauften; hoch auf klopfte mein Herz,
wenn der blonde Vetter mich beim Greifspiel stürmisch an sich riß;
weiche süße Gefühle beschlichen mich, saßen wir, lauter lebensprühende
Jugend, im Kahn eng beieinander, und streifte meine Hand im Wasser die
des schwarzäugigen Leutnants, meines getreuesten Kavaliers.
Triumphierende Siegesfreude trieb mir das Blut wild durch die Adern,
wenn meine braune Stute mich früh im Morgennebel über den Exerzierplatz
trug, wo rote Sonnenstrahlen auf den Stahlhelmen der Kürassiere blitzten
und Blicke mir folgten und Degen sich vor mir senkten, deren Gruß mehr
bedeutete als bloße Höflichkeit.
Und einmal kam ein Tag, heiß und gewitterschwül, der uns alle, eine
große lustige Gesellschaft, in blumengeschmückten und buntbewimpelten
Wagen hinausführte in den Wald, wohin unsere jungen Offiziere uns
geladen hatten. Unter grünen Bäumen in hellen Zelten waren Tische
gedeckt, Schieß- und Würfelbuden mit allerlei beziehungsvollen Gewinnen
standen im Hintergrund, auf kurzgeschorenem Rasenplan war durch bunte
Fahnenmasten der Tanzplatz abgesteckt. Mit einem Tusch empfing uns die
Musik, und Fredy, mein treuster Kavalier und meines Vaters jüngster
Leutnant, begrüßte mich mit einem Strauß dunkler, duftender Rosen. Er
wich nicht mehr von meiner Seite. Ich suchte mich zu befreien, aber --
war's Absicht oder Zufall -- man ließ uns immer wieder allein; niemand,
so schien's, wollte dem jungen Mann den Platz neben mir streitig machen.
Es wurde dämmernder Abend. Müde von Scherz und Spiel lagerten wir unter
den Bäumen und schöpften aus großen Kupferkesseln kühle, duftende
Erdbeerbowle, die den Durst nicht löschte und das Blut nicht kühlte, es
vielmehr unruhig pochend gegen die Schläfen trieb. Eine halbwelke gelbe
Rose löste sich mir vom Gürtel, -- der Mann zu meinen Füßen griff
danach, und ich sah seine Hände zittern, als er sie an die Lippen
drückte.
Es wurde Nacht. Bunte Lichterketten zogen sich von Baum zu Baum, Raketen
und Leuchtkugeln flogen zum Himmel empor, wie lebendig gewordene,
zuckend heiße Empfindungen unserer Herzen. Immer weicher und
sehnsüchtiger klang die Musik. Wir tanzten, eng aneinander geschmiegt;
selig erschauernd fühlte ich das pochende Herz an dem meinen schlagen,
den heißen Atem meine Stirne streifen. Tiefer in den Wald ließ ich mich
in halbem Traume führen. Erst als es still, ganz still um mich wurde,
sah ich auf -- in zwei Augen, die sich verzehrend auf mich richteten.
Stumm lehnte ich mich in den Arm, der sich um mich schlang, und mir war,
als versänke ich in ein Meer von rotem Feuer, als zwei Lippen sich
glühend auf die meinen preßten. Die Betäubung schwand nur halb, als
Geschwätz und Gelächter, Pferdestampfen und Peitschenknallen mir ans Ohr
tönten und die Wagen durch die Nacht heimwärts fuhren. Es
wetterleuchtete am Horizont.
Gewitterregen klatschte gegen die Fensterscheiben und weckte mich am
anderen Morgen. Trübselige Alltagsstimmung lagerte über Haus und Garten,
und mich fröstelte, wie immer, wenn mir ein Traum verloren ging. Mittags
kam der Vater aus dem Bureau herauf; sein erregtes Räuspern, sein
schwerer Tritt kündigten nichts Gutes an.
»Du bist ja eine nette Pflanze!« rief er, kaum daß er eingetreten war
»hinter dem Rücken deiner Eltern bändelst du mit meinen Leutnants an und
setzt ihnen Flausen in den Kopf. Hast du denn gar keine Ehre im Leibe?!«
Verständnislos starrte ich ihn an. »Tu doch nicht so naiv,« schrie er
wütend. »Du weißt ganz gut, was los ist, und meinst wohl, ich würde
meine Tochter jedem hergelaufenen Ladenschwengel in die Arme werfen!«
Ich erschrak -- war das möglich: der Fredy hatte um mich angehalten!
»Aber ich will ja gar nicht!« stotterte ich. Ein halbes Lächeln huschte
über das rote Gesicht meines Vaters: »Ja, zum Donnerwetter, was bildet
sich denn dann der Kerl ein --, er versichert hoch und teuer, deiner
Zustimmung gewiß zu sein!«
Es half nichts -- nun mußt' ich beichten. Und als ich so im grauen
Tageslicht den süßen, heißen Traum der Nacht mit kalten Worten wie mit
Messern zerschneiden mußte, faßte mich ein tiefer Groll gegen den Mann,
dessen rasches Vorgehen mich dazu zwang. Ein Kuß in der Julinacht, --
und früh tritt er an mit Helm und Schärpe und begehrt mich zum Weibe für
ein ganzes langes Leben!
»Man küßt doch nicht, wenn man nicht heiraten will!« sagte meine Mutter
kopfschüttelnd, als der Sturm des väterlichen Zorns sich etwas gelegt
hatte.
»Heiraten -- so einen fremden Mann!« kam es darauf zögernd über meine
Lippen. Die Wirkung meiner Worte war verblüffend: mein Vater lachte --
lachte, bis ihm die dicken Tränen über die Backen liefen. Und abends
schenkte er mir einen goldgelben Sonnenschirm, den ich mir schon lange
gewünscht hatte.
Um jede Klatscherei im Keime zu ersticken, verlangte Papa von dem
abgewiesenen Freier, daß er sich benehmen müsse, als sei nichts
geschehen. Fredy folgte, aber er folgte in einer Weise, die das
Gegenteil von dem erreichte, was beabsichtigt war: sein
finster-verkniffenes Gesicht, das er zu Schau trug, sobald er sich neben
uns zeigte, die offenbare Verachtung, mit der er mich strafte, fielen
weit mehr auf, als seine Abwesenheit aufgefallen wäre. »Du hast dem
Fredy einen Korb gegeben!« rief mir Vetter Fritz eines Tages strahlend
vor Freude zu, und bald pfiffen es die Spatzen von den Dächern. Mit
jenem Solidaritätsgefühl, das den preußischen Offizier charakterisiert
und sich selbst stärker erweist als die Subordination gegenüber dem
Vorgesetzten, wurden Fredys Kameraden nun zu seiner Partei: sie sprachen
nur das Notwendigste mit der Tochter ihres Kommandeurs; und tanzten sie
mit ihr, so waren es nur Pflichttänze. Selbst wenn ich gewollt hätte, --
diese geschlossene Phalanx würde allen Eroberungsversuchen getrotzt
haben. Aber ich wollte gar nicht; zähneknirschende Empörung erfüllte
mich, nicht, weil die Kurmacher mir verloren gegangen waren, sondern
weil ich zum erstenmal die Ungerechtigkeit empfand, mit der mein
Geschlecht im Vergleich zum männlichen behandelt wurde.
Als ich einmal wieder »pflichtschuldigst« von einem der Offiziere des
väterlichen Regiments bei einem Diner zu Tisch geführt worden war und
mich tödlich gelangweilt hatte, trat ein alter Major, der mir sein
besonderes Wohlwollen zugewendet hatte, lächelnd auf mich zu.
»Sie müssen sich darein finden, Kleine,« sagte er »das Kokettieren ist
nun mal eine böse Sache und straft sich immer.«
»Kokettieren?! Ich habe gar nicht kokettiert!« rief ich in dem
Bedürfnis, einmal auszusprechen, wie ich empfand, »ich hab' ihn gern
gehabt, sehr gern sogar, aber doch lange, lange nicht so, um seine Frau
zu werden.«
»Ein junges Mädchen darf es nicht so weit kommen lassen --«
»Wenn sie nicht heiraten will!« unterbrach ich den braven Mann lachend,
dessen spitze Schnurrbartenden zu zittern begannen. »O ich kenne die
Weise, und weiß daher, daß die ganze Musik falsch ist, grundfalsch!
Warum soll denn ein Mädchen sich gleich mit Leib und Seele verschreiben,
wenn sie Einen freundlicher anlächelt als den andern? Warum soll der ein
Recht haben auf ihre Hand, dem sie an einem schönen Julitag einmal von
Herzen gut war? Verlangen Sie etwa dasselbe von Ihren Leutnants, die
manch armes Ding durch ganz andere Liebesbeweise an die Echtheit ihrer
Gefühle glauben lassen?!«
»Aber -- mein gnädigstes Fräulein --« unterbrach der Major mit einer
verzweifelnden Gebärde meinen Redefluß und richtete sich steif und
gerade auf, so daß sein Kahlkopf mir bis an die Nasenspitze reichte.
Seine kleinen wasserhellen Augen drückten dabei ein so komisches
Entsetzen aus, daß meine Empörung verflog und ich das Lachen nicht
unterdrücken konnte. »Beruhigen Sie sich nur, Papa Schrott« -- damit
streckte ich ihm begütigend die Hand entgegen -- »wenn ich mal so alt
bin, wie Sie, werd' ich gewiß gerad' so moralisch sein!« Aber er nahm
meine Hand nicht --
Was gings mich an?! Mochten sie alle die Gekränkten spielen! Mein Vater
irrte sich offenbar: der gleiche Rock macht nicht zu Gleichen! Die
Kürassiere tanzten und ritten nicht nur viel besser, sie waren auch
fröhlichere Partner bei jenem Spiel mit dem Feuer, -- dem einzigen, das
ich mit steigender Leidenschaft spielte, je mehr Gefahr es in sich
schloß, und je höher der Einsatz war. Wie ein Raubvogel mit weit
gestreckten schwarzen Schwingen schwebte die Phantasie über den grünen
lachenden Blumenmatten meines Lebens. Stark genug wäre sie gewesen, mich
empor zu tragen in ihr Höhenreich, wo ich zu ihrem Herrn geworden wäre;
aber zur Furcht vor dieser Fahrt mit ihr hatte man mich dressiert, nun
lauerte sie hungrig und rachgierig auf tägliche Beute, und ich mußte
mich ihr unterwerfen.
Das gleichmäßige Tiktak des Alltags vertrug ich nicht, beschleunigt
mußte es werden bis zum Fiebertempo, oder übertönt von Fanfaren der
Freude. Wenn ich den Pflichten des Hauses nachkam, so umwand ich ihre
langweilige Dürre mit Blumen, wenn ich mit meinem Schwesterchen spielte,
so spielte ich nicht mit ihr, mich ihrer Kindlichkeit unterwerfend,
sondern führte vor ihr meine bunten Träume auf. Mir genügte nicht ein
kurzes, harmlos improvisiertes Tänzchen, es mußte ein wogender,
leidenschaftlicher Tanz bis zur Erschöpfung daraus werden. Und eine
Stunde zu Pferde in der Morgenkühle stachelte nur mein Verlangen nach
wilden Ritten über Stock und Stein.
Ich glaube, mein Vater war auf nichts so stolz als auf meine Reitkunst,
die das Ergebnis seiner eigensten Erziehung war, und nie so geneigt, mir
nachzugeben, als wenn meine Wünsche dieses Gebiet berührten. Schon früh
am Morgen begleitete ich ihn, aber am Nachmittag durfte ich mir die
Stute wieder satteln lassen, oder den großen Braunen mit der
sternzackigen weißen Blässe auf der Stirn, dessen spielende Ohren sich
auf jeden leisen Zuruf verständnisvoll spitzten, der schon dem
sanftesten Druck nachgab und wie ein vom Bogen geschnellter Pfeil über
Hecken und Gräben flog. Fast immer hatte ich Schmerzen, wenn ich ritt,
jene alten Schmerzen in der rechten Seite, die sich in Augsburg so
gesteigert hatten, aber der Genuß ließ mich die Zähne zusammenbeißen. Im
Sattel fühlte ich mich frei; und wie meine Füße nicht den Staub der
Straße berührten, so war meine Seele fern von allem, was grau und
schmutzig unten liegt. Ich habe mich nie in der Mark heimisch zu fühlen
vermocht, aber wenn ihr weicher Sand den Hufen meines Pferdes nachgab,
so daß das Reiten war wie ein sanftes Wiegen und ihre Wiesen und Wälder
sich schier endlos vor mir dehnten, eine wundervolle Bahn für einen
langen Galopp, -- dann liebte ich sie, dann ergriff ich Besitz von ihr
und träumte mich als Herrin des Bodens, den mein Brauner trat.
Freiheits- und Herrschaftsgefühl, -- das ists, was nur der Reiter kennt,
darum war Reiten von je her Herrenrecht. Im Schweiße seines Angesichts,
wie ein Sklave, schwer mit den Muskeln arbeitend, wie er, treibt der
Radler sein Stahlroß vorwärts; nur auf gebahnten breiten Wegen vermag
der Kraftwagen ratternd und pustend durch die Welt zu rasen, indes der
Reiter sich leise durch tiefe Waldeinsamkeit tragen läßt und das edle
Tier unter ihm den reinen ruhigen Genuß der Natur nicht stört. Lockt ihn
die Ferne, begehrt er, seine Kräfte zu erproben, um seinem Mute vor sich
selbst ein Zeugnis abzulegen, so genügt ein Druck der Sporen, und er
spottet aller Hindernisse. Er ist der Künstler, der freie, starke, --
arme Arbeiter aber sind jene anderen, abhängig von ihrer Maschine, ihr
untergeben. Wir ritten oft weit: bis nach Rathenow hinüber, wo der tolle
Rosenberg seine Husaren zu lauter Meistern der Reitkunst erzog und trotz
Sekt und Morphium von keinem der Schüler je übertroffen wurde, oder
westwärts zu den blauen Potsdamer Havelseen, wo die Berliner Touristen
uns freilich oft genug die Laune verdarben. Ein Mensch, der sich auf
Schusters Rappen vorwärts bewegt, ist der geborene Feind dessen, der
vier Pferdebeine unter sich hat, und der strengste Vater steht ohne ein
Scheltwort mit heimlicher Befriedigung seinem Sprößling zu, wenn er mit
Steinchen nach den Reitern wirft oder durch lautes Indianergeheul die
Pferde zum Scheuen bringt. Die einstige Identität von Reiter und Ritter
ist unvergessen, und unter der Schwelle des Bewußtseins schlummert
vielleicht irgend eine altmärkische Erinnerung an die Krachts und
Quitzows, die den Haß steigern hilft.
Im Spätherbst wars, an einem jener lichtfunkelnden Oktobertage, wo die
Buchen im Schmuck ihres roten Goldlaubs glänzen und die dunkeln
Silhouetten der Kiefern sich vom hellen Himmel phantastisch abheben. Ein
paar Rathenower Husaren begleiteten uns, und die Eitelkeit reizte mich,
vor ihnen zu zeigen, was ich konnte. Die Stoppelfelder boten freie Bahn,
und kein Hindernis im Gelände war mir fremd. Bis zur alten Eiche im
Plauer Wald, schlug ich vor, sollten wir reiten.
»Der Schleier an Ihrem Hut sei der Preis!« rief lachend einer der
Herren. »Sie vergessen, daß ich siegen werde!« antwortete ich, den Kopf
in den Nacken werfend, und klopfte meinem Braunen aufmunternd auf den
schlanken Hals. »Für den Fall wünschen Sie sich ruhig die Krone vom
Kaiser von China!« spottete ein anderer, und fort gings in gestrecktem
Galopp. Dicht nebeneinander nahmen wir den ersten Graben, -- aber schon
flog ich voraus, eine halbe Pferdelänge hinter mir der Fuchs meines
Vaters, der unter Vetter Fritzens leichtem Gewicht gewaltig ausgriff.
Über die Mauer setzte ich und wieder über eine, die das Gehöft eines
armen Käthners umschloß. Ich war allein. Jauchzen wollte ich im
Vollgefühl nahen Sieges -- aber der Ton blieb mir in der Kehle stecken
--, ein scharfer Schmerz zuckte durch meinen Körper. Unwillkürlich
fuhren die Sporen meinem Gaul in die Flanke. Überrascht von der
unverdient schlechten Behandlung, stieg er mit den Vorderbeinen hoch in
die Luft, um im nächsten Moment in wahnsinniger Pace vorwärts zu jagen.
Jeder Sprung steigerte meine Schmerzen, es dunkelte mir vor den Augen,
-- ich hing nur noch im Sattel. Mit dämmerndem Bewußtsein sah ich eine
große blaue Wasserfläche dicht vor mir: den Plauer See. Wie eine Bitte
stieg es auf in mir: trag' mich hinein, mein treues Roß, trag' mich
hinein -- daß die brennenden Schmerzen sich kühlen! Und mir war, als
schlügen die Wellen über mir zusammen.
Im grünen Rasen lang ausgestreckt, kam ich zu mir und sah in das guten
Vetters verängstigtes Gesicht, das sich dicht über mich beugte. Tränen
standen in seinen Augen, und unterdrücktes Schluchzen erschütterte seine
Stimme, als er rief: »Du lebst! Gott Lob -- du lebst!« Als mein Vater
kam, stand ich schon auf den Füßen und machte krampfhafte Anstrengungen,
ihm möglichst sorglos entgegenzulächeln.
Ein Wagen vom Planer Schloß brachte mich nach Hause, und der rasch
geholte Arzt machte mit der Morphiumspritze meinen Qualen ein Ende.
Zwischen Bett und Liegestuhl spielte sich von nun an mein Leben ab. Mein
Lieblingsplatz war draußen vor der Mauer, wo der Hollunderbusch geblüht
hatte, als ich im Mai gekommen war. Der kleine Liebesgott stand immer
noch grade auf den dicken Beinchen, aber die Vöglein zwitscherten nicht
mehr im Weinlaub. Dunkelrot hatte der Herbst es gefärbt. Darunter lag
ich und sah in den Himmel und hörte die Blätter fallen. Vetter Fritz war
fast immer neben mir, meiner Wünsche gewärtig, -- er hatte das Lernen
nun wohl ganz aufgegeben.
Mit dem berauschenden Gift, nach dem ich immer heftigeres Verlangen
trug, kam der Arzt zweimal des Tages, und süße, traumhafte Stunden waren
es, wenn der Körper schwer und schwerer und der Geist immer leichter
wurde. Zu überirdischer Größe fühlte ich ihn wachsen, und Kräfte
durchströmten mich, stark genug, mit einer ganzen Welt den Kampf zu
bestehen. Panzerumgürtet sah ich mich wieder, wie einst, wenn ich zur
Jungfrau von Orleans mich träumte, und ich schämte mich des tatenlosen,
bunten Spiels, das ich getrieben hatte. Aber auch andere Träume kamen,
die mich streichelten oder mir heiß das Blut in die Wangen trieben; dann
ließ ichs geschehen, daß der Knabe neben mir meine Hände küßte und von
der Glut seiner Liebe unsinnige Dinge sprach.
»Erlaube nur, daß ich dich liebe und daß ichs dir sagen kann --« flehte
er -- »bald werde ich dich nicht mehr sehen dürfen wie jetzt, ferner und
ferner wirst du mir sein, -- eine Balldame, und ich -- ein Schuljunge!«
Stöhnend vergrub er den Kopf in meine Kleiderfalten, um gleich darauf
mit heißen Augen wieder zu mir aufzusehn: »Aber lieben -- lieben werd'
ich dich immer!«
»Immer?!« -- Wird nicht ein einziger Herbststurm den kleinen Liebesgott
wieder vom Sockel werfen? -- Ich lächelte wehmütig. Kühl wehte der
Abendwind vom Wasser, das die Nebel schon zu verhüllen begannen, und
fröstelnd wickelte ich mich dichter in mein Tuch.
Achtes Kapitel
»Nun wird sie schlafen -- --« hörte ich in halbem Traum den Arzt zu
meiner Mutter sagen, während sich leise die Türe hinter ihnen schloß.
Seit vier Tagen hatte ich mich in Schmerzen gewunden, die selbst der
Morphiumspritze stand hielten. Heute war ich chloroformiert worden.
Durstig hatte ich unter der Gazemaske den süßen Duft wachsender
Betäubung eingesogen. Jetzt lag ich schwer, wie in Ketten gebunden, auf
dem Bett, -- schmerzlos, schlaflos. Ein mattes, rosig flackerndes Licht
ging von dem Nachtlämpchen neben mir aus. Die gelben Blätter auf der
Tapete zuckten hin und her -- zuerst langsam, dann immer schneller,
schneller --, mir wurde schwindlig dabei. Ich schloß die Augen. Gott,
war ich müde! -- Plötzlich sprang die Türe auf, und es schwebte herein,
groß, weiß und kalt; Augen sahen mich an, ohne Farbe, wie Mondlichter,
-- und andere tauchten wie aus Nebelschleiern auf, blutunterlaufene, --
in schmerzverzerrten Gesichtern, -- hungrige, die gierig nach Beute
suchten, -- lüsterne, in denen kleine, rote Flammen tanzten. Dabei
rauschte es wie von vielen Gewändern, und tappte und klapperte, wie von
zahllosen Tritten ... Die Wände rückten auseinander vor der schiebenden
drängenden Masse gräßlicher Gespenster ... Nun stand sie vor mir, ganz,
ganz dicht, die Weiße mit den Mondaugen, und eine Hand, wie von Eis und
zentnerschwer, legte sich auf mein Herz. »Queen Mab« schrie ich auf --
jetzt saß sie schon auf meinem Bett, und ihre Finger bohrten sich in
meine Seite ... Ich aber lag in Ketten gebunden und konnte sie nicht von
mir stoßen.
Wir kämpften miteinander -- Tage -- Wochen. Meine Jugend besiegte sie.
Es kamen ganz stille Zeiten, wo die Schneeflocken leise vor meinen
Fenstern niederfielen und nur hie und da von weitem ein lauter Ton an
mein Ohr schlug: das Stampfen der Pferde im Stall, der Schlag der
Domuhr, das lustige Lachen Klein-Ilschens.
Nun wußten die Arzte endlich, woran ich litt: die Nierenentzündung, die
mich so überwältigt hatte, ließ keinen Zweifel mehr daran. Ich mußte
bewegungslos, grade gestreckt im Bette liegen, auch dann noch, als die
Weiße mit den Mondaugen mich längst verlassen hatte. Statt ihrer spitzen
Eisfinger in meinem Körper bohrten sich viele kalte Gedanken in mein
Hirn.
Wo war ich? Hatte nicht der Morphiumrausch des Leichtsinns alles Gute,
Starke in mir eingeschläfert? War ich nicht meinen großen
Kinderhoffnungen untreu geworden? Oder: sie mir?! Tanzen, reiten,
lachen, mit Herzen spielen, wie mit Federbällen -- das Schwesterchen ein
bißchen hätscheln, das Haus ein bißchen schmücken --, sollte das des
Lebens einziger Inhalt sein? War ich mit sechs Jahren nicht reicher
gewesen, wo ich mich als Jungfrau von Orleans träumte, als heute, nach
einem Jahrzehnt? Und viel reicher damals, da ich mir den Baldurtempel
baute? Ich grub -- grub rastlos im verschütteten Schacht meines Innern.
Halb verhungert im dunkelsten Winkel, saß sie in sich versunken und
grau, meine arme Seele. Wie arm, wie elend war ich! Wo war ein Ziel für
mich, des Ringens wert? Wo eine große Flamme, um des Lebens dunkle Asche
wieder anzufachen?!
Ein schmales, blasses Antlitz, von schwarzen Spitzen umschlossen, beugte
sich über mich. »Großmama,« flüsterte ich, und es war, als ob die
Hoffnung eine Türe öffnete, die ins Helle führte. »Nur still, mein
Liebling, ganz still --« sagte sie lächelnd, und eine Träne fiel mir auf
die Stirn, eine Freudenträne.
Mit einer Pflichttreue, die keine Schwäche aufkommen ließ, hatte meine
Mutter mich Tag und Nacht gepflegt. Großmama war gekommen, sie
abzulösen. Sie war es auch, die, wie immer, wenn es zum Wohle ihrer
Kinder und Enkel notwendig war, die Mittel hergab, durch die ich gesund
werden sollte. Als der Arzt mir eine karlsbader Kur verordnete, wußte
ich wohl, warum Mama die Lippen zusammenpreßte und Papa sich unruhig
räusperte: was sie hatten, verschlang des Lebens notwendiger Aufwand.
So fuhr ich denn mit Großmama, sobald ich transportfähig war, nach
Karlsbad, wo sie selbst so oft schon Heilung gefunden hatte. Ihr alter
Arzt, zu dem sie mich brachte, schüttelte den Kopf über mich, einen
dicken kahlen Mönchskopf, der auf einem dünnbeinigen Zwergenkörper saß.
»Nur Seelenaufruhr, wo es nicht das Alter ist, führt zu solchen
Körperkatastrophen« -- ein fragender Blick aus kleinen blitzenden
Äuglein richtete sich auf mich. »Wie alt ist denn das Fräulein?«
»Siebzehn Jahr!«
»Siebzehn Jahr!« Er sprang auf vom Stuhl und durchmaß das Zimmer mit
kleinen hastigen Schritten, wobei der runde Kopf sich immer von einer
Schulter zur andern neigte.
»Liebesschmerzen?!« -- Dabei bohrte sich sein Blick in den meinen. Ich
lachte verneinend und schwieg. Hätte er andere Schmerzen verstanden,
auch wenn ich sie ihm erklärt haben würde?
Mit jener taktvollen Zurückhaltung, die jeden Zwang auf das Vertrauen
eines Menschen, -- auch des Nächsten, -- sorgfältig vermeidet, forschte
auch Großmama nicht weiter, und ich, so gar nicht gewöhnt, mich
auszusprechen, fürchtete mich fast davor. Aber wenn wir im
Morgensonnenschein unsre Spaziergänge machten, auf bequemen Wegen durch
duftenden Tannenwald, der grade seine grünen Frühlingskerzchen
aufgesteckt hatte, und die Gipfel der sanft geschwungenen Höhenzüge
erreichten, die dem Kranken Kraftleistungen so freundlich vortäuschen,
dann durchströmte mich linde, lösende Lenzluft, und schüchtern tastend
wagten sich Fragen hervor und Geständnisse.
»Ich kann nicht glauben, Großmama,« sagte ich einmal, als sie von dem
inneren Frieden durch den Glauben gesprochen hatte. Wir saßen grade vor
der großen, alten Fichte, mit dem verwitterten Muttergottesbild daran,
die auf dem Wege zum Freundschaftstempel den ganzen Wald zu beherrschen
scheint.
»So laß alle Fragen des Glaubens dahingestellt, und handle nur im Geiste
Christi, erfülle deine Pflichten, diene den Menschen, unterdrücke die
bösen Triebe in dir und pflege die guten, dann wird der Glaube von
selbst kommen, und es wird stille werden in dir.«
Ich schwieg, mechanisch zeichnete mein Schirm Kreise in den Sand. War
der Baum vor mir nicht auf Kosten derer, die er besiegte, denen er die
Sonne nahm, so gewaltig emporgewachsen? Ein lebendiger Protest erschien
er gegen das Madonnenbild mit den Schwertern im Herzen, das sich in
seine Rinde grub. Etwas in mir empörte sich gegen die gütige alte Frau
neben mir. Meine Kraft täglich in kleinen Opfern verbluten lassen, hieß
das nicht schließlich mich selber morden? Und ich begehrte ja gar nicht
des Ziels, ich wollte nicht stille werden, ich wollte den Kampf und das
laute, sprühende Leben. Aber der Mut fehlte mir, zu sagen, was ich
dachte. Darum frug ich nur leise: »Und das Glück, Großmama?«
Sie lächelte, und eine ganz kleine, wehe Falte erschien zwischen ihren
Brauen.
»Das Glück! -- Wir sitzen, wenn wir jung sind, immer wie vor einem
Vorhang und starren gebannt darauf hin und erwarten ein Zaubermärchen
von dem Augenblick, wo er aufgeht. Indessen versäumen wir all die echten
Gaben des Glücks, die es um uns ausstreut: die Liebe der Unseren, die
Gaben des Geistes, die Frühlingsblumen und den Sommerhimmel. Mache nur
die Augen auf und strecke die Hände aus, dann hast du sie.«
»Ist das alles?!«
»Nein, mein Kind,« entgegnete die Großmutter, und ein feierlicher Ernst
legte sich über ihre Züge. »Du wirst Weib werden und Mutter, und Liebe
empfangen und tausendfältige Sorgen. Und dann wirst du wissen, daß sie
auf sich nehmen und Liebe geben, mehr als dir gegeben wurde, das Glück
ist.«
Wir gingen weiter; ich kämpfte mit den Tränen. Meine Mutter fiel mir
ein: sie erfüllte bis zur Erschöpfung ihre Pflicht, aber ihre Lippen
preßten sich immer enger aufeinander, als müßten sie krampfhaft die Qual
zurückdrängen, die nach Ausdruck verlangte. Und an Onkel Walter dachte
ich und an jenen unvergessenen Auftritt mit seiner Mutter in Berlin; und
an all die leisen Zurücksetzungen und Kränkungen, die sie, die immer
Gute, von ihren Kindern zu ertragen hatte. Ich wußte: auch sie hatte
gelebt und geliebt und nach schwindelnden Höhen gestrebt, und dies war
das Ende, das von ihr gepriesene, von all dem Sehnen, all den heißen
Hoffnungen, die einzige Frucht, die aus dem blühenden Leben so vieler
Talente, so vieler Kräfte hervorging? Mich überliefs, wenn ich mein
Leben an diesem maß. Ich fühlte schmerzhaft die große Kluft zwischen
ihrem abgeklärten Alter und meiner gährenden Jugend. Liebe und Verehrung
kann bestehen zwischen beiden, auch wohlwollendes Verständnis, und
starke Wirkungen können ausgehen von einem zum anderen, aber jene
magnetischen Ströme fehlen, durch die das Feinste und Tiefste lebendig
vom Menschen zum Menschen flutet. Auf dem Wege zu schwindelnden
Bergeshöhen kann der Greis nicht mehr Schritt halten mit dem Jüngling,
und grausam ist es, wenn er ihn an sich fesselt, aber noch viel
grausamer gegen sich selbst, wenn Jugend, ihre Triebe hemmend, sich
freiwillig dem Alter unterwirft. Trennung -- auch wenn sie Wunden reißt
-- ist eine Bedingung des Lebens.
Sich beherrschen, sich unterwerfen war die Quintessenz meiner -- und
aller -- Erziehung gewesen. Darum schämte ich mich meines inneren
Widerstandes, sprach nicht von ihm und versuchte, ihn unter der reifen
Weisheit, die mir zufloß, zu ersticken. Großmama verlangte es freilich
nicht von mir: sie gab nur, wie sie stets nichts als das eine Bedürfnis
hatte, mit dem Besten, was sie besaß, andere zu überschütten. Aber ein
junges Pflänzlein ertrinkt nur zu leicht unter der warmen Fülle des
Frühlingsregens, die dem starken Baum zur Quelle üppigen Lebens wird.
Mit meiner fortschreitenden Genesung flohen wir die Nähe der Menschen
allmählich immer weniger, und ein großer Kreis von Bekannten und
Verwandten fand sich allmählich zusammen, aber nur wenige wurden zu
unserm ständigen Verkehr und zu Begleitern unsrer langen Spaziergänge.
Einen von ihnen hatte ich in Augsburg kennen gelernt: es war Baron Franz
Stauffenberg, der gerade damals wegen seiner scharfen oppositionellen
Stellung gegen die Wirtschaftspolitik Bismarcks eine in unsern Kreisen
berüchtigte und gemiedene Persönlichkeit war. Daß er, der
Großgrundbesitzer, Freihändler war und blieb, daß er, der Aristokrat,
sich der Fortschrittspartei näherte, machte ihn »unmöglich«.
Großmama stand jenseits solcher Vorurteile. Geist und Bildung zog sie
an, gleichgültig, wer ihr Träger auch sein mochte, und Stauffenberg
gehörte zu jenen immer seltener werdenden Menschen, die sie an ihre
Jugend in Weimar gemahnen konnten, wo der Beruf den Einzelnen noch nicht
mit Haut und Haaren auffraß und die Vielseitigkeit lebendiger Interessen
einen geselligen Verkehr höherer Art möglich machte. Stauffenberg
vermied es sogar, über Politik zu sprechen, während er auf jedem
anderen Gebiet, das berührt wurde, zu Hause zu sein schien. Noch nie
war ich mir so klein und unwissend vorgekommen wie im Verkehr mit ihm.
In seiner Vorliebe für englische Literatur traf er sich mit Großmama;
dabei schlugen Namen an mein Ohr, und von geistigen Strömungen war die
Rede, von denen ich noch nie gehört hatte: Robert Browning -- Ruskin --
William Morris.
Die bildende Kunst pflegte man in den achtziger Jahren außerhalb der
Museen nicht zu suchen; die Beziehung zu ihr war für die meisten
dieselbe, wie die zur Religion: sie hörte auf, sobald die Türen der
Galerien und der Kirchen sich hinter ihnen schlossen. Daß Leben und
Kunst eins sein können, fiel in unseren Kreisen niemandem ein. Eine
gewisse Leichtigkeit der Existenz, ein durch Generationen sich
fortpflanzender Wohlstand ermöglichen erst ihr Ineinanderfließen;
Preußen hatte keine künstlerische Kultur. Was ich von Ruskin, und
besonders von Morris, erfuhr, zauberte phantastische Bilder in mir
hervor: ein perikleisches Zeitalter, ein Florenz der Mediceer. Die
Wirklichkeit voll Not, voll Ungerechtigkeit und Häßlichkeit, die
Großmama demgegenüber heraufbeschwor, weckte mich unsanft aus meinen
Träumen. Es sei so viel, so schrecklich viel zu tun, um für die Masse
der Menschen nur das nackte Leben möglich zu machen, sagte sie, daß es
ihr vermessen erschiene, Bedürfnisse nach Schönheit zu wecken, wo die
vorhandenen Bedürfnisse nach Nahrung und Obdach nicht im entferntesten
gestillt wären. Und meine Phantasie zerflatterte vor den Empfindungen
meines Herzens, die Großmama ohne weiteres recht gaben. Ich blieb auch
dann auf ihrer Seite, wenn sie von diesem Standpunkt aus Bismarcks
Sozialpolitik verteidigte, und ihre innere Erregung, Stauffenbergs
Einwendungen gegenüber, sich in der leichten Röte kund gab, die das
feine Elfenbeinweiß ihrer Wangen färbte. Warum, wie Stauffenberg sagte,
die Schutzpolitik die möglichen Vorteile der Versicherungsgesetzgebung
illusorisch machen würde, darüber grübelte ich um so vergeblicher nach,
als national-ökonomische Terminologie für mich Hieroglyphen bedeutete.
Zu fragen hatte ich nicht den Mut; es gehört echte Bildung dazu,
Unwissenheit einzugestehen. Mein Bedürfnis nach Heldenverehrung war
überdies zu groß, als daß ich Verlangen nach Mitteln getragen hätte, die
Bismarck hätten entgöttern können. Von Politik wurde von jener
Unterhaltung ab kaum mehr gesprochen.
Irgend eine naturwissenschaftliche Broschüre, wie sie damals, wenige
Monate nach Darwins Tod zahlreich erschienen, brachte die Rede auf den
großen Forscher. Nichts hätte mich mehr verblüffen können, als daß ein
ernster Mann wie Stauffenberg, dessen Wissen ich bewunderte, ihn nicht
nur verteidigte, sondern die Ergebnisse seiner Untersuchungen ernst
nahm. Bei Erwähnung seines Namens hatte man doch sonst immer nur
spöttisch gelacht, und daß wir, nach ihm, vom Affen abstammen sollten,
hatte zu nichts als zu zahllosen Witzen und Karikaturen den Anlaß
gegeben. Für mich persönlich kam hinzu, daß meine naturwissenschaftliche
Bildung gleich Null war, mir also zu selbständigem Nachdenken alles
geistige Rüstzeug fehlte. Großmama ging es nicht viel besser: zu ihrer
wie zu meiner Zeit war die Bildung der Frauen eine rein schöngeistige
gewesen. Stauffenberg hielt uns daher förmliche kleine Vorträge zur
Einführung in die Ideenwelt Darwins, -- im Ton des geistvollen
Plauderers, wie immer, und doch so klar und durchdacht in der
Gedankenfolge, daß kein Buch aufklärender hätte wirken können. Großmama
war auffallend still und nachdenklich nach solchen Gesprächen und warf
nur immer wieder die Frage auf, mit welchen Gründen die Gegner Darwins
seinen Anschauungen entgegenzutreten pflegten. Erst allmählich hellten
sich ihre Züge wieder auf, und einmal sagte sie mit dem ihr eignen, das
ganze Antlitz durchleuchtenden Lächeln:
»Sie haben mich alte Frau auf dem gewohnten Wege förmlich taumeln
lassen, lieber Baron. Aber nun gehe ich dafür um so sichrer. Ich empfand
in allem, was Sie sagten, das heraus, was Sie nicht sagten, und wohl
auch gar nicht sagen wollten, was aber, meiner Ansicht nach, der
Grundzug der Lehre Darwins ist: ihre Gegnerschaft zum Christentum. Daß
Gott den Menschen schuf nach seinem Bilde, daß die Sünde die Ursache
alles menschlichen Elends ist und es keine Erlösung daraus gibt, als
durch die göttliche Gnade, -- daß es unsre höchste Aufgabe ist, zu leben
wie Jesus, den Schwachen zu helfen, den Niedrigen und Verachteten
beizustehen, und daß der rohe Kampf ums Dasein überwunden werden wird
durch die Liebe, -- widerspricht das nicht bis ins Kleinste den Lehren
Darwins? Der Glaube an das christliche Evangelium aber, die Befolgung
dessen, was es verlangt, hat mich nach den Kämpfen meiner Jugend zu
innerem Frieden geführt, und die Überzeugung lebt unerschüttert in mir,
daß die tragischsten Probleme der Welt, Armut und Unglück, gelöst wären,
wenn nur alle Menschen echte Christen wären. Soll ich mir am Ende
meines Lebens diesen Glauben nehmen lassen? Eine Anerkennung Darwinscher
Theorien bedeutet doch für uns, die wir Laien sind, auch nichts anderes
als Glauben an ihn. Und Sie sagen selbst, daß Koryphäen der Wissenschaft
ihn mit wissenschaftlichen Gründen bekämpfen. Wäre es nicht heller
Wahnsinn, wenn ich, wie ein ungeübter Schwimmer, mich vom sicheren Port
erprobten Glaubens in die brandenden Wogen fremder Ideen stürzen wollte,
nur weil vielleicht -- vielleicht! -- irgendwo in weiter Ferne ein neues
festes Land zu finden ist?! Ich bin zu alt dazu -- --«
Statt aller Antwort küßte Stauffenberg Großmama stumm die Hand. Meine
Erregung war aber so stark, daß sie nach Ausdruck verlangte.
»Und wenn ich das neue feste Land nie erreichen sollte, -- ich würde
lieber im Meere untergehen, als immer nur sehnsüchtig vom sicheren Port
aus zusehen, wie es tobt und schäumt«, sagte ich, und meine Stimme
zitterte dabei.
Ein Schatten flog über Großmamas Züge. Sie legte ihre schmale kühle Hand
auf meine heißen Finger. »Das Leben wird schon dafür sorgen, daß es beim
bloßen Wünschen nicht bleibt, mein Kind«, dann sich wieder zu
Stauffenberg wendend, fügte sie hinzu: »Sie sehen, wie wenig unsere
Lebenserfahrungen unseren Enkeln nützen. Jeder fängt von vorn an, und
wir können schließlich nur Tränen trocknen und Wunden verbinden.«
Bald darauf reiste Stauffenberg ab, und ein andrer trat mehr und mehr an
seine Stelle. Es war Karl von Gersdorff, ein Neffe meiner Großmutter,
der auch zu jenen aus der Art geschlagenen Sonderlingen gehörte, die
aristokratische Familien sich gern von den Rockschößen abschütteln. Wie
oft hatte ich in Pirgallen über ihn spotten hören, der »wie ein
Schulmeister« aussah, ein »Fräulein so und so« geheiratet hatte, und mit
»Kreti und Pleti« befreundet war, wie geringschätzig zuckten sie die
Achseln, wenn Großmama ihn verteidigte. Er war ein begeisterter Freund
Friedrich Nietzsches, hatte ihm sogar einmal, zum Entsetzen der
Verwandtschaft, sein Gut zum Asyl angeboten. Durch Nietzsches Abkehr von
Richard Wagner war eine leise Entfremdung zwischen beiden eingetreten,
denn Gersdorff wurde ein um so leidenschaftlicherer Wagnerianer, je mehr
sich der Meister zu den Ideen seines Parsifal entwickelte. Als wir in
Karlsbad zusammentrafen, war Wagner kaum ein Jahr tot, und sein Wesen,
seine Werke, seine Weltanschauung bildeten den Inhalt fast aller
Gespräche. Hatte seine Musik mich in jenen Zustand höchster Ekstase
versetzt, der das ganze Ich in Andacht und Entzücken auflöst, so
erschienen mir seine Gedanken überraschend und doch vertraut. Sein Groll
gegen die bestehende Zivilisation mit ihrem Inhalt an materieller und
geistiger Not, sein Glaube an die Möglichkeit einer künftigen
Regeneration, seine Kritik des gegenwärtigen Christentums, mit dem
wahren Geiste des Evangeliums verglichen, und seine Erhebung der Kunst
zur Höhe lebendig dargestellter Religion, -- hatte nicht irgendwo, tief
verborgen, all das auch in mir geschlummert? Ich begrüßte es jetzt mit
der freudigen Überraschung, wie wir längst vergessene alte Freunde, die
plötzlich aus dem Gewühl der Gleichgültigen vor uns auftauchen, zu
begrüßen pflegen. Im stillen verurteilte ich Nietzsche, -- dessen Namen
ich übrigens zum elften Male hörte, -- der dem großen Freunde hatte
untreu werden können, und begriff nicht Gersdorffs Anhänglichkeit an
ihn.
Eines schönen Maienmorgens saßen wir in großer Gesellschaft eben
eingetroffner Verwandter auf der »alten Wiese« vor dem »Elefanten«;
Großmama war mit ihnen in die Besprechung alter und neuer
Familiengeschichten vertieft, die mich immer sehr langweilten; Gersdorff
las in einem der vielen Bücher, ohne die er das Haus nicht zu verlassen
pflegte. Ich machte mich im stillen über die bademäßig herausgeputzte,
mit rosa Brottüten bewaffnete, rührig, wie zum ernstesten Geschäft,
ihrem Ziel, dem lockenden Frühstück, zustrebende Menge lustig, die an
uns vorüberflutete. Mir war sehr wohl, sehr behaglich zumute, wie nur
einem jungen Gesundgewordnen sein kann, der die gekräftigten Glieder in
der warmen Frühlingssonne dehnt. Da fiel mein Blick auf die »Fröhliche
Wissenschaft«, Nietzsches jüngstes Werk, das neben Gersdorffs Tasse lag.
Er hatte Großmama zuweilen einzelne Abschnitte daraus vorgelesen, von
denen mir die Empfindung des unheimlich Fremden zurückgeblieben war.
Mechanisch fing ich an, darin zu blättern, bis ein Satz mir ins Auge
sprang: »Das Leben sagt: Folge mir nicht nach; -- sondern dir! sondern
dir! Leidenschaft ist besser als Stoizismus und Heuchelei, Ehrlichsein,
selbst im Bösen, besser, als sich an die Sittlichkeit des Herkommens
verlieren ...«
Wenn ein eisiger Luftstrom durch plötzlich weit aufgerißne Fenster den
im warmen Zimmer Sitzenden trifft, so schauert er zuerst frierend und
angstvoll zusammen, um im nächsten Augenblick mit tiefen durstigen
Zügen den reinen Quell einzusaugen, der ihm die dunstig-schwere Schwüle
ringsum erst zum Bewußtsein bringt. Wie solch einem war mir zumute.
Kämpfte ich nicht ständig, um mich dem Leben und dem Herkommen
unterzuordnen? Versuchte ich nicht, mir einzureden, jeder Sieg über
meine innersten Triebe sei ein Zeichen wachsender Tugend? Und hatte doch
stets ein schlechtes Gewissen dabei!
Lustige Stimmen schlugen an mein Ohr:
»Auf Wiedersehen beim Konzert nachmittag ...«
»Gehst du zur Reunion heut abend? ...«
»Wir gehen ins Theater ...«
Halb abwesend starrte ich von einem zum andern.
»Alix hat Tagesträume,« hörte ich Großmama sagen; verwirrt schlug ich
das Buch zu. Abends vor dem Schlafengehen trug ich den Satz aus dem
Gedächtnis in mein Notizbuch ein -- zwischen lauter Adressen, Gedichten
und Rezepten. Mit Großmama wechselte ich kein Wort darüber; ich
fürchtete mich; wie ein Dieb kam ich mir vor, der ängstlich den
gestohlenen Brillanten hütet, und instinktiv fühlte ich, daß es keinen
größeren Gegensatz geben könne, als den zwischen diesen Worten und der
Lehre von der Nachfolge Christi, zu der Großmama sich bekannte. Ein
Schleier war zwischen uns niedergefallen, der nicht trennt, aber die
Klarheit der Züge verwischt.
Ende Mai machten wir unserem Arzt die Abschiedsvisite.
»Na also!« sagte er zufrieden, »da wären die roten Backen wieder! Aber
nun gilts brav sein und gehorchen und das Herzchen festhalten! ...«
Nachdem er eine Reihe von Verordnungen gegeben hatte, hielt er zögernd
inne. »Und nun das Schlimmste für so ein junges, hübsches Fräulein: für
die nächsten sechs -- acht Monate ist jede Art starker Bewegung
verboten. Also kein Reiten -- kein Tanzen --«
Er erwartete offenbar meinen heftigsten Widerspruch und sah mich auf
mein freimütiges »Gewiß, Herr Doktor« mit unverhohlenem Erstaunen an.
»Du bist ein tapfres Kind!« sagte Großmama, als wir die Treppe
hinuntergingen.
»Gar nicht, Großmama!« erwiderte ich. »Denn nur eins wünsch ich mir,
Ruhe zum Lernen, zum Lesen und Arbeiten.«
Ein Besuch in Weimar, den wir vorhatten, und der dem langen Aufenthalt
in Pirgallen vorausgehen sollte, erschien mir zunächst nur wie eine
Störung. Aber je mehr wir uns der Stadt Goethes näherten, desto mehr
freute ich mich darauf. Während Großmama versuchte, das Enkelkind mit
dem, was ihrer an Menschen und Dingen dort wartete, vertraut zu machen,
verlor sie sich in den Erinnerungen ihrer Jugend. Und ich sah sie vor
mir, die Männer mit den feinen glatten Gesichtern über den hohen
Vatermördern, die Frauen mit den kunstvoll frisierten Köpfchen und den
schlichten Mullfähnchen, wie sie auf den Wiesen von Tiefurt Blindekuh
spielten und zierlich-gravitätisch im Schloßsaal die Gavotte tanzten;
ich hörte, wie sie mit Lamartine und mit Byron weinten und schwärmten,
ich fühlte, wie ihre Gemüter sich tiefer Freundschaft erschlossen, wie
ihre Herzen schlugen in Liebesglück und Leid. Zu Goethes Füßen sah ich
die Großmutter sitzen, stumm, ehrfurchtsvoll -- ein Lauschen, ein
Empfangen. Zur ärmsten Zeit Deutschlands, -- wie reich war sie gewesen!
Und eine Heimat hatte sie gehabt, aus der die Wurzeln ihrer Seele noch
heute Lebenskräfte sogen.
Ich saß am Kupeefenster im Abenddämmerlicht; Großmama schlummerte mir
gegenüber, noch ein Lächeln der Erinnerung auf den Zügen. Wälder und
Felder, Häuser und Gärten flogen an mir vorbei. So ist mein Leben,
dachte ich. Alles entschwindet mir, kaum daß ichs betrachten konnte;
nirgends wurzle ich. Dabei fielen mir Verse ein, die ich hastig in mein
Notizbuch kritzelte:
Ein Vagabund bin ich genannt,
Will niemand von mir wissen;
Die Sohlen hab ich durchgerannt,
Mein Wams ist längst zerschlissen.
Zur Arbeit ruft man mich umsunst,
Trag nicht danach Verlangen,
Steh bei der Lerche hoch in Gunst,
Die läßt sich auch nicht fangen;
Die singt ihr Lied auf freiem Feld
Mit freier, lustger Kehle,
Die schmettert hoch in alle Welt,
Und hörts auch seine Seele.
Doch eines ist, das wurmt mich schwer:
Sie hat ein Nest, ein kleines; --
Ich zog die Lande hin und her --
Wo aber, sagt, ist meines?!
In Weimar wohnten wir bei Großmamas Bruder an der Ackerwand, dicht
neben dem Hause der Frau von Stein, wo die Lorbeerbäume in ihren großen
Kübeln noch ebenso auf dem Vorplatz standen, wie zu der klassischen
Zeit, da die »liebe Lotte« unter ihnen zum Nachmittagtee ihre Freunde
empfing. Aus unseren Fenstern sah man weit hinein in den Park.
Am ersten Morgen, als die Sonnenstrahlen nur gerade die Wipfel der alten
Bäume trafen, schlüpfte ich hinaus. Zauberhaft still und einsam war es;
nur ein heimliches Vogelzwitschern, ein fernes Flüstern der Ilm verriet
das Leben. Auf dem grünen Wiesenplan vor dem Hochmeisterhaus funkelten
die Tautropfen an den Zittergräsern; die roten und weißen, die gelben
und blauen Blüten an den Büschen strahlten im Glanze eben entfalteter
Pracht. Weiter unten, wo im Felsen die steile Treppe abwärts führt zum
Ilmtal, stieg feuchter würziger Erdgeruch zu mir empor. Die
geschlossenen Fensteraugen der Einsiedelei sahen aus wie die eines
Schlafenden, minutenlang stand ich davor, traumbefangen, und wartete auf
den geheimnisvollen Bewohner, der sie öffnen sollte. Aber die Ilm
plätscherte, als lachte sie mich aus.
Über der Brücke, hinter den dunkeln Büschen und Bäumen, lag die Erde
noch eingehüllt in ein durchsichtig-weißes Nebeltuch, das kecke
Sonnenstrahlen zu zerreißen sich bemühten. Und ein helles Häuschen
schimmerte lockend vom jenseitigen Hügel, das mir vertraut entgegensah,
als wäre ich drüben daheim. War es nicht aus dem Rahmen getreten, der in
Pirgallen in Großmamas Zimmer hing? Dort hatte ich es gesehen von klein
auf, und wenn ich vom Zuckerhäuschen im Walde hatte erzählen hören,
konnte ich mirs nie anders vorstellen. Ob ich mich wohl hinüber wagen
könnte durch den Nebel? Erlkönigs Töchter tanzten hier, wie einst, da
sie den hellsehenden Augen des Dichters erschienen.
Und nun war ich drüben. Aber die weiße Tür zwischen den grünen Hecken
verschloß das stille Reich hinter ihr. Scheu sah ich mich um; niemand
weit und breit! Der niedrige Holzzaun hinter der zweiten breiteren
Pforte war kein unüberwindliches Hindernis -- ein paar Risse im Rock,
eine Schramme am Arm --, und in Goethes Garten stand ich. Der Ton
knarrender Wagenräder trieb mich den langen, Unkraut bewachsenen Weg
hinunter bis hinter das Haus. Grünes Dämmerlicht nahm mich auf, kein
Blättchen rührte sich über mir; auf der Lehne der morschen Bank saß
regungslos mit hochgestellten Flügeln ein großer blauschwarzer
Schmetterling. Die Stille herrschte -- eine Stille, als wäre die Erde
versunken --, und nur dieser Raum mit dem toten Hause davor schwebte in
der ungeheueren Weite des Weltraums. Ich preßte meine Hände auf das
wildklopfende Herz, und große Tränen tropften unaufhaltsam aus meinen
Augen. Aber dann schämte ich mich: wie konnte ich -- ich! mit meinem
unnennbaren Weh diesen heiligen Ort entweihen! Leise auf den
Zehenspitzen, das Kleid gerafft, damit sein Rascheln nicht störe,
schlich ich davon.
Auf den mächtigen Würfel aus Granit mit der Kugel darauf lehnte ich mich
und vergrub, bitterlich weinend, das Gesicht in den Händen. Da stimmte
ein Vöglein über mir sein Morgenlied an, und aus dem nächsten Baum
antwortete ihm ein anderes, bis es zwitschernd, tirlierend und flötend
von allen Zweigen klang, -- ein jubelnder Gruß an die siegende Sonne.
Tief aufatmend streckte ich die Arme und dehnte die Brust, und plötzlich
freute ich mich, daß ich gar nichts war als ein junges Menschenkind mit
dem ganzen reichen großen Leben vor mir. In schwärmerischer Verzückung
sank ich vor dem Altar des guten Glücks in die Kniee und betete den
Unsterblichen an, dessen Atem ich zu fühlen meinte.
Noch am selben Tage ging ich mit Großmama nach dem Frauenplan, um in
Goethes Stadthaus den letzten seines Namens zu besuchen, der ihr
Jugendfreund war. Still und zurückgezogen, sich ängstlich vor der
Berührung mit der Welt hütend, lebte Walter Goethe oben in den
Giebelzimmern seiner verstorbenen Mutter. Ein großes Bild des Dichters
hing im Empfangsraum; es erdrückte die kleine Stube und noch mehr den
kleinen, armen Nachkömmling darin. Ich konnt es nicht fassen, daß dies
ein Goethe war! Erst als die beiden Freunde miteinander sprachen, fühlte
ich die andere Welt, aus der sie stammten. Wie warm und echt waren die
Empfindungen, denen sie Worte liehen, wie lebendig die Interessen, an
denen sie Anteil nahmen, -- so sprach man heute nicht mehr miteinander,
wo Gefühl ein Spott und Blasiertheit Trumpf war.
Je länger wir in Weimar blieben, desto mehr empfand ich seinen Geist.
Freilich, die Menschen, mit denen Großmama verkehrte, waren alle alt,
alles ihre Zeitgenossen, und doch, weil sie treu ihrer Jugend waren,
seelenjung. Da war der Onkel, bei dem wir wohnten, ein Mann von jener
schlichten Vornehmheit, die allein das Zeichen echter Kultur ist; da
war der Großherzog mit seiner leidenschaftlichen Liebe für Weimars
Tradition, der er bescheiden sich selbst unterordnete, überall nach
geistigen Werten Umschau haltend und sich der Funde freuend, wie ein
Sammler an seinen Schätzen; da waren Frauen, die begeistert und
begeisternd nicht Namen und Titel und bunte Uniformen zu Gaste luden,
sondern führende Geister, werdende und gewordene. Ich taute allmählich
auf in dieser Umgebung und lernte, ohne Scheu vor dem Ausgelachtwerden
oder dem erstaunten Verstummen der andern, von dem reden, was mich
interessierte, und fragen nach dem, was ich zu wissen begehrte. Der
Vorsatz befestigte sich in mir: ich wollte nicht mehr zurück in die Welt
der Konvention und der kühlen Phrase, wo feste Schlösser vor Herz und
Mund Bedingung guter Erziehung sind.
Großmama sprach von einem künftigen Hofdamenposten für mich. So ganz
nach meinem Geschmack war das allerdings nicht; von all den Tanten und
Kusinen, die ihn inne hatten, wußte ich, wie viel drückende
Dienstbarkeit er mit sich brachte. Aber viel besser erschien es mir
immerhin, in Weimar abhängig zu sein, als von einer Garnison zur andern
stets in derselben Leutnantsatmosphäre leben. Meine heimlich gehegten
Dichterträume würden hier vielleicht reifen können, und ganz im
Verborgenen tauchte dazu eine romantische Hoffnung auf: ihn hier zu
finden, den märchenhaften Schwanenritter, dem mein Herz gehören sollte!
Gegen Ende unseres Aufenthalts ging ich noch einmal mit Großmama zu
Walter Goethe. Er war ungewöhnlich freundlich zu mir und erfüllte ohne
weiteres meinen Wunsch, allein in Goethes Zimmer gehen zu dürfen. Ich
schloß sie mir auf und öffnete die kleinen Läden und stand dann still
und stumm mit gefalteten Händen vor dem Stuhl, in dem er gestorben war,
an seinem Bett. Wie einem, der auszieht zum Kampf und Abschied nimmt,
unsicher, ob er jemals wiederkehrt, war mir zumute. Goethes Gebet kam
mir unwillkürlich auf die Lippen: Gib mir große Gedanken und ein reines
Herz.
Ich mochte blaß und verweint genug aussehen, als wir abreisten;
sorgenvoll sah mich Großmama an: »Bist du nicht wohl, mein Kind?«
Da kam mir zum Bewußtsein, was ich ihr alles verdankte: Zu dem heißen
Wunderquell hatte sie mich geführt, der meinen Körper heilte, und
erschlossen hatte sie die Quellen, die meine Seele nährten. Mit beiden
Händen griff ich nach ihrer Hand und preßte die Lippen darauf: »Ich bin
ganz, ganz gesund, Großmama!«
Neuntes Kapitel
Auf dem Wege nach Pirgallen machten wir bei einer Reihe von Verwandten
Station. Ich kam mir vor, als wäre ich von luftiger Bergeshöhe in
schwüle Niederung geschleudert worden. »Wir haben eine Vetternreise
hinter uns: in Sachsen, in der Mark, in Pommern -- überall derselbe
Schlag Krautjunker, je nach der Größe der Geldbeutel echt oder unecht
überfirnißt, bei allen dieselbe souveräne Verachtung geistiger Werte --«
schrieb ich an meine Kusine Mathilde. »Meine Vettern in Ingershausen --
übrigens ein pompöses Schloß, das August dem Starken, seinem Erbauer,
alle Ehre macht --, die früher an beängstigender Wasserscheu litten,
sind Gigerl par excellence geworden, gardereif. Ihre Schwester, eine
Venus von Milo, hat schon mit siebzehn Jahren geheiratet, kriegt ein
Kind nach dem andern und den fatalen Zug um den Mund, den ich noch bei
jeder jungen Frau entdeckt habe: ich glaube, es ist der der
Enttäuschung. Ein paar Kindheitsfreundinnen, die ich wiedersah, und die
mir vor Jahr und Tag mit allen Zeichen des Triumphes -- sie hatten mich
ja im Rennen um den Mann um ein paar Pferdelängen geschlagen! -- ihre
Verlobung mitgeteilt hatten, traten mir jetzt als hochschwangere Frauen
entgegen: blaß, mißmutig. Ich hätte nun gern meinerseits triumphiert,
aber das Mitleid mit den armen Würmern, die sie mit solcher Giftlaune
unter dem Herzen tragen, überwog. Ein Weib, das ein Kind erwartet,
sollte sein wie eine Siegerin!«
Ich atmete auf, als wir endlich in Pirgallen waren, wo ich hoffte, mich
meinen Studien und Arbeiten ganz überlassen zu können. Dort hatte sich
inzwischen mancherlei verändert. Mein Onkel hatte sich in den Reichstag
wählen lassen, -- auf vieles Zureden seiner Parteigenossen, denn in ihm
selbst regte sich zu stark das alte Herrengefühl des ostdeutschen
Junkers, als daß es ihm nicht widerstrebt hätte, die durch das
allgemeine Wahlrecht nun einmal festgesetzte Gleichheit zwischen Herr
und Knecht auch nur äußerlich anzuerkennen. Daß er, dessen Verkehr mit
den Untergebenen nur im Befehlen, Tadeln und Strafen bestand, von ihrer
Gunst abhängig war, ja sogar um sie werben mußte, erschien ihm als eine
Entwürdigung. Er war dabei ein so ehrlich überzeugter Konservativer, so
durchdrungen davon, daß jede Erweiterung der Freiheit und der Rechte der
unteren Volksklassen zu ihrem eigenen Verderben ausschlagen würde, daß
er sich vollkommen berechtigt glaubte, auch durch ungesetzliche Mittel
den Einfluß liberaler oder gar sozialdemokratischer Strömungen zu
bekämpfen. Seinen ehemaligen Viehhirten, einen notorischen Säufer, der
sozialdemokratisch gestimmt hatte, weil »der Herr Baron dem Krugwirt
verboten hatte, ihm mehr als zwei Glas Schnaps zu geben,« pflegte er
seiner Mutter gegenüber immer wieder zu zitieren, wenn sie das »Recht
auf die persönliche Überzeugung« verteidigte. »Gar nichts wußte der
Kerl sonst von der Sozialdemokratie,« sagte er, »er konnte weder lesen
noch schreiben. Jeder, der ihm Fusel gibt, dessen 'Überzeugung' hat er.
Stellt Euch vor, alle Viehhirten und Konsorten stimmten wie er und kämen
zur Macht, -- eine nette Wirtschaft würde das.« Und als Großmama
einwarf: »So gebt dem Volk eine bessere Bildung,« antwortete er: »Damit
jeder Instmannsjunge Professor werden und keiner mehr arbeiten will!
Dann sollen wir wohl unsere Frauen vor den Melkeimer setzen und uns
hinter den Pflug stellen?«
»Vielleicht entspräche solch ein Wechsel der göttlichen Gerechtigkeit,«
meinte Großmama lächelnd, »seit Jahrhunderten gingen sie hinter dem
Pfluge -- am Ende ist jetzt die Reihe an Euch!« Mit hochgeschwollener
Stirnader sprang der Onkel vom Stuhl und warf die Türe hinter sich zu.
Er war reizbarer als sonst. Zu deutlich pochte die neue Zeit an das
schwere Burgtor von Pirgallen, und er selbst hatte die Zugbrücke, die
unliebsamen Gästen den Eingang wehrte, in eine feste, steinerne
verwandelt. Er selbst hatte bei der Regierung all seinen Einfluß daran
gesetzt, damit die Eisenbahn bei ihm vorbei gelegt, der Hafen am
Kurischen Haff an seine Gutsgrenze gebaut werde. Nun konnten seine
Steine zu fernen Bauten über die Ostsee entführt werden, und die
Erträgnisse seines Gutes fanden in Berlin zahlungskräftige Käufer, --
aber neue Gedanken waren mit den fremden Ingenieuren und Arbeitern
eingeführt worden. Er selbst strebte danach, sein Besitztum, das seine
Väter schlecht und recht ernährt hatte, in eine kapitalistische
Unternehmung zu verwandeln, von der er Millionen erwartete. Aber mit den
Maschinen, mit den Kanälen, den Wiesenmeliorationen, den neuen
Bebauungsweisen, der ganzen intensiven Art der Bewirtschaftung kamen
Scharen neuer Arbeitskräfte ins Land, von denen die Alteingesessenen
Ansichten und Bedürfnisse rasch, Handfertigkeit und Verständnis aber um
so langsamer lernten. Die Unzufriedenheit wucherte wie Unkraut, und am
üppigsten in den kleinen strohgedeckten Katen, deren Bewohner seit
Generationen im Dienste der Golzows standen.
In einer der ältesten hauste die alte Maruschka mit Kindern und Enkeln,
ein verhutzeltes, zitteriges Weiblein. Wie braune Fichtenrinden waren
ihre Wangen und ihre Stirn, die Augen eingesunken, weiß und gelb wie
versteckte Harzlöcher. Nur wenn sie Großmama sah, verzog sie die dünnen
Lippen zu einem Grinsen. Vor Jahren hatte ich sie, die seit ihrer
frühsten Mädchenzeit in der Burg diente, noch in einem der dunkelsten
Räume, dicht über dem Wassergraben, von morgens bis abends vor dem alten
mächtigen Webstuhl sitzen sehen. Alle Mägde trugen die Stoffe, die sie
wob: feste harte, aus groben blauen und roten Fäden. Die »junge Frau
Baronin« hatte sie aufs Altenteil gesetzt, -- sie brauchte das Zimmer,
und die hübschen Dienstmädchen trugen das altmodische Zeug nicht mehr.
Nun haßte die Alte die neue Zeit und alles, was sie mit sich führte. An
ihrem schwälenden Herdfeuer in der engen Stube mit dem grauen
schmierigen Lehmboden, wo Hühner, Gänse, Ferkel und Kinder durcheinander
gackerten, quiekten und schrieen, war die Freistatt aller Murrenden. Sie
hetzte die Schüchternen auf, die noch in blinder Unterwürfigkeit an der
Herrschaft hingen, sie lobte die Unbotmäßigen und hatte trotz all ihrer
Armseligkeit stets den Schnaps bereit für die, die im Krug mit den
»Neuen«, den »Städtischen« nicht zusammen sitzen mochten.
Ihr Jüngster, der Franz, war Stallknecht, dem mein Onkel seiner
Gewandtheit wegen häufig die wertvollsten Pferde überließ. Eines abends
sah er, daß die »Delilah«, die der Franz hatte bewegen sollen,
schweißtriefend und ohne Decke in ihrer Box stand, während er auf seinem
Bett daneben seinen Rausch ausschlief. Ehe ich, die ich dabei stand, es
verhindern konnte, sauste meines Onkels Reitpeitsche ihm quer übers
Gesicht. Taumelnd erhob er sich, sah meinen Onkel mit blöden Augen an
und fiel ihm heulend zu Füßen. Ich wollte mich schon empört abwenden, --
empörter noch über den Feigling, der vor mir winselte, als über den
Onkel --, als mich aus dem Augenwinkel des auf dem Boden Kauernden ein
Blick traf, wie der eines wilden Tieres. Am nächsten Morgen lag eine der
Zuchtstuten verendet im Paddock. Keiner von uns zweifelte, daß Franz der
Täter war, ich, die ich hartnäckig schwieg, am wenigsten. All seine
Arbeitskollegen jedoch standen auf seiner Seite und lenkten den Verdacht
auf die Kanalarbeiter. Zu beweisen aber war nichts. Onkel Walter entließ
den Knecht und verbot ihm mit allem Nachdruck, den Boden Pirgallens
wieder zu betreten. Wir saßen gerade in der Halle beim Frühstück, als
die alte Maruschken unangemeldet auf der Freitreppe erschien, die
verschrumpelten braunen Hände über ihrem Krückstock gefaltet, im
selbstgewebten Sonntagsstaat, den eisgrauen Kopf von einem schwarzen
Tuch umwunden, die kleinen Bernsteinaugen funkelnd auf uns gerichtet,
wie die Waldhexe aus dem Märchen.
»Verzeihen die gnädige Herrschaft«, hob sie mit stockender Stimme an --
»Was willst du, Maruschken?« frug Großmama, ihr gütig die Hand
entgegenstreckend, während Onkel sich ungeduldig räusperte.
»O mai allerkutestes gnädiges Frauchen«, -- schluchzend stürzte die Alte
vor ihrer einstigen Herrin nieder und zog demütig ihren Rock an die
Lippen, »mai Jung hat das Perdchen, das liebe kute Perdchen, nich
erstochen! Schickens ihn nich in die Fremde! Mai Vater, mai Großvater,
mai Ahne -- alle, alle haben der gnädigen Herrschaft gedient mit Leib
und Leben -- schickens uns nich fort!« Ihre Stimme wurde krächzend wie
Rabenstimmen, wenn sie im Herbst auf den Stoppelfeldern sitzen.
»Mein Sohn schickt euch ja nicht fort, Maruschken,« antwortete Großmama.
»Nur den einen von deinen Kindern, und -- wenn er sich draußen gut führt
--« bittend sah Großmama zu Onkel Walter herüber -- »darf er gewiß
wieder nach Hause kommen.«
Die Alte richtete sich auf. Stumm sah sie von einem zum anderen.
»Nimmt der gnädige Herr Baron den Befehl zurück?« kam es leise und
zischend über ihre halbgeöffneten Lippen.
»Nein!« Ein Faustschlag auf den Tisch bekräftigte Onkel Walters heftige
Antwort. »Und nun geht, Maruschken. Mein letztes Wort habt Ihr!«
Fest auf den Stock gestützt, reckte die Alte den krummen Rücken und hob
den Kopf, daß die Sehnen an ihrem Halse wie braunrote Stricke
hervortraten.
»Die alte Maruschken geht, mai kutestes Herrchen, -- geht weit -- weit
weg und nimmt mehr mit, viel mehr, als bloß ein Perdchen! -- -- Auf
diesen alten Armchen trug ich den jungen Herrn -- gab ihm die Brust,
statt dem eignen Jungchen. Und gearbeitet hab ich an die vierzig Jahr
auf Pirgallen -- und Söhne und Töchter hab ich geboren und aufgezogen in
Gehorsam vor der Herrschaft und Gottesfurcht, und sie arbeiten auch auf
Pirgallen, für die gnädige Herrschaft« -- --
Ungeduldig unterbrach der Onkel ihren Redefluß. »Ich bin der letzte, der
deine treue Arbeit nicht anerkannt und redlich belohnt hat. Aber einen
widerhaarigen Trunkenbold -- und wenn er zehnmal dein Sohn ist -- kann
ich nicht brauchen. Meine Geduld ist erschöpft -- hüte dich, Alte, mich
noch zu reizen. Ich weiß recht gut, wo die Stänker und Hetzer zu Hause
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