Konsequenzen zu hüten verstehen, und von den Dirnen, die in die Gefahr
gar nicht kommen und von den Männern darum am meisten begehrt werden.
Ich hörte zu weinen auf und horchte hoch auf. O, die Kleine war gut
orientiert! War sie doch oft genug zu Botengängen benutzt worden und zur
intimsten Kenntnis des Lebens und Treibens der Halbwelt gelangt! Feine
Damen gab es darunter, die in Samt und Seide gingen und sich teuer
bezahlen ließen. »Bezahlen?!« -- ich kämpfte schon wieder mit den
Tränen. »Liebe bezahlen?!« Anna kicherte: »Liebe! --« und sie verfiel
wieder in Detailschilderungen. »Pfui! -- Pfui!« schrie ich auf und
preßte die Hände um den Kopf; mir war, als brächen dröhnend die Mauern
über mir zusammen. Halb von Sinnen richtete ich mich auf im Bett und
stieß mit der Faust gegen das Mädchen, so daß es aufheulend vom Stuhle
fiel.
Mama erkundigte sich am nächsten Morgen teilnehmend um ihr
geschwollenes Gesicht; sie sprach von »Zahnschmerzen«, ich schwieg.
Nicht ein Wort von dem, was geschehen war, hätte ich zu sagen vermocht.
Ich ging umher, und meine Scham war wie ein glühender Mantel, der meinen
ganzen Körper dicht umschloß. Ich wurde die Bilder nicht los, während
der Ekel mir die Kehle zukrampfte. Das -- das war Liebe -- Liebe, von
der ich geträumt hatte, an der alle meine Gedanken sich entzündeten, die
alle Dichter als das Schönste und Höchste priesen! -- Ich wollte nicht
mehr daran denken, -- ich wollte nicht. Aber dann stiegen neue Fragen
auf, und Zweifel, und an leise Hoffnungen klammerten sich die alten
Ideale. An wen hätte ich mich wenden sollen, als an Anna, vor der die
Scham am leichtesten überwunden war? »Nur die ganz schlechten, ganz
gemeinen Männer, nur die Verbrecher sind -- so?« Welch eine Erlösung
wäre ein Ja gewesen! Aber Anna unterstrich und erläuterte das »Nein«
doppelt und dreifach. Und nur in ganz hellen, frohen Stunden, -- sie
waren selten genug --, triumphierte mein Idealismus, und die alte
Schöpferkraft meiner Phantasie schuf sich reine Lichtgestalten.
Wenn aber nachts mein Herz und mein Blut mir keine Ruhe ließen, so
verfolgten mich unablässig die gräßlichsten Träume. Verzweifelt kämpfte
ich dagegen an, -- wie um meiner zu spotten, kamen sie mit doppelter
Gewalt wieder. Am Tage war ich totmüde, dunkle Ringe umschatteten meine
Augen, und die Überzeugung meiner abgrundtiefen Schlechtigkeit machte
mich scheuer und verschlossener noch als vorher. Wenn meine Mutter
abends an mein Bett trat und, dunkelrot im Gesicht, mit drohender Stimme
sagte: »Hüte dich vor der geheimen Sünde!« so verstand ich sie zwar gar
nicht, senkte aber doch schuldbewußt die Augen.
Mehr als je war ich damals mir selbst überlassen, aber nur ein Zufall
ließ mich erfahren, warum. Das Flüstern um mich her, das vielsagende
Lächeln, all die weißen Linnenhaufen, die genäht und sorgfältig vor mir
versteckt wurden, hatten mich schon neugierig gemacht. Daß Mama vielfach
leidend war, jeder Frage danach aber auswich und tief errötete, wenn sie
dennoch antworten mußte, erschien mir auch seltsam genug. Ein Satz in
einem Brief der Großmutter, den man mir achtlos zu lesen gegeben hatte,
klärte mich auf: Mama war guter Hoffnung. »Guter Hoffnung«, -- beinahe
komisch kam mir der Ausdruck vor, wenn ich sie beobachtete: ihre
zusammengezogenen Brauen, ihre aufeinandergepreßten Lippen, die sich
kaum mehr zu einem Lächeln öffneten, ihr Klagen und Seufzen. Nein, die
Hoffnung war für sie keine gute. Es schien fast, als schäme sie sich
ihrer, da sie sie sorgfältig verbarg. Und in Gedanken an Annas
Erzählungen errötete auch ich, wenn ich in Gegenwart der Eltern daran
dachte. Sie sprachen niemals von dem, was sich vorbereitete; und erst
als mein Schwesterchen geboren worden war, wurde mir das Ereignis vom
Vater angekündigt. Seine rührende Freude wirkte ansteckend auf mich, und
es gab Stunden, wo der Gedanke an das hülflose kleine Wesen in der Wiege
wie eine Erlösung über mich kam: hier war eine Aufgabe für mich, die
mich mir selbst entreißen konnte. Und hielt ich es in den Armen, das
süße weiße Körperchen, so gingen mir die Augen über vor zärtlicher
Liebe, und heimlich schwor ich mir zu: dich will ich behüten vor all der
Qual, die ich erlitt. Aber die polnische Amme, ein leidenschaftliches
Geschöpf, das mit der angstvollen eifersüchtigen Liebe wilder Tiere an
dem Säugling hing, als wäre er ihr eignes Kind, tat, was sie konnte, um
mich fernzuhalten; auch meine Mutter schien mich in der Kinderstube
ungern zu sehen, und so ging ich bald wieder meine einsamen äußeren und
inneren Wege.
Eines Tages, als ich verspätet wie immer an den Frühstückstisch trat, --
ich pflegte erst gegen Morgen tief und ruhig zu schlafen --, belehrte
mich ein Blick auf die Eltern, daß sie eine heftige Auseinandersetzung
gehabt hatten. Das war mir zwar nichts Neues, denn Mama sah neuerdings
häufig verweint aus, und Papa wurde beim kleinsten Anlaß heftiger denn
je, -- an der kurzen Begrüßung merkte ich aber, daß ich die Ursache
ihres Streits gewesen sein mußte.
»Da lies!« sagte mein Vater und reichte mir ein längeres Schreiben mit
der Unterschrift unseres Garnisonpfarrers. Es lautete:
Posen, den 6. Januar 1879
Hochverehrter Herr Oberst!
Sie werden es mir nicht verübeln können, wenn ich als Seelsorger unsrer
Gemeinde, dem das ewige Heil aller ihrer Glieder am Herzen liegt, im
Interesse Ihrer Tochter diese Zeilen an Sie richte.
Schon seit längerer Zeit habe ich beobachtet, und aus vielen mir
zugegangenen Berichten wohlwollender Männer und Frauen schließen
können, welch ernster Gefahr Alix entgegen geht. Das vielleicht durch
eine größere geistige Begabung irre geleitete Kind hat viel von jener
echten jungfräulichen Demut und Bescheidenheit, die der Schmuck jeder
christlichen Familie ist, verloren, und ihre junge Seele dem Teufel des
Hochmuts zu überliefern schon begonnen. Ich hätte mich aber trotzdem in
Ihre Entschlüsse und die Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin noch nicht
einzumischen gewagt, wenn mir nicht kürzlich eine Mitteilung gemacht
worden wäre, deren Richtigkeit ich nicht anzweifeln kann. Darnach hat
Ihre Tochter einem jungen, noch ganz unverdorbenem Mann gegenüber
erklärt, daß der Opfertod unsers Herrn und Heilandes ihr nicht
anbetungswürdig erscheine; jeder Mensch würde freudig zu sterben bereit
sein, wenn er wüßte, daß er dadurch die Menschheit erlösen könne. Für
einen Gottessohn, der seiner ewigen Seligkeit gewiß sei, wäre dies also
keine bewundernswürdige Tat. Sie fügte noch hinzu, daß Unzählige aus
weit geringeren Ursachen ruhig in den Tod gegangen wären.
Es ist mir, Gott sei Lob und Dank, mit des Herrn gnädiger Hilfe
gelungen, den jungen in seiner christlichen Überzeugung durch Ihre
Tochter erschütterten Mann auf den Weg des Glaubens zurückzuführen;
nunmehr aber habe ich die Pflicht, Sie, hochverehrter Herr Oberst,
inständig zu bitten, Ihr irregeleitetes Kind dem Einfluß eines
Seelsorgers anzuvertrauen, der diese Menschenblume in das Licht des
Gotteswortes rückt, und sie von all dem bösen Ungeziefer befreit, das an
ihr nagt.
Ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich in persönlicher Unterredung
meinen Rat zu einer Tat werden lassen könnte.
Genehmigen Sie, hochverehrter Herr Oberst, den Ausdruck meiner
ausgezeichneten Hochachtung,
mit der ich verbleibe
Ihr ganz ergebener
Eberhard
Pfarrer
»Nun, was sagst du dazu?« fragte mein Vater, der immer ungeduldiger mit
den Fingern auf dem Tisch trommelte, so daß Gläser und Tassen klirrten.
»Gemein!« war das einzige, was ich zunächst hervorbringen konnte.
»Genau dasselbe habe ich gesagt!« polterte Papa. »Ein netter
unverdorbener Jüngling, der mit frommen Augenverdrehen hingeht und meine
Tochter beim Herrn Oberbonzen verpetzt. Ich hätte Lust, dem Kerl die
Hosen stramm zu ziehen und dem Eberhard die blauen Flecke als einzige
Antwort zu zeigen!«
»Du solltest aber doch erst hören, lieber Hans, wie weit Alix schuldig
ist,« warf Mama erregt ein.
»Ich habe gesagt, was er schreibt, und bin bereit, es ihm ins Gesicht zu
sagen!« rief ich und warf trotzig den Kopf zurück.
Mama preßte die Lippen zusammen, was ihrem schönen Gesicht etwas
Grausames gab. »Da hörst du es,« sagte sie; »das sind die Früchte der
religionslosen Erziehung. Du hast es nicht anders gewollt, und ich habe
um des lieben Friedens willen nachgegeben. Jetzt aber hab ich genug,
übergenug davon! Pfarrer Eberhard werde ich antworten.«
Damit ging sie hinaus. Mein Vater sprang wütend auf. Mich packte die
Angst: nur keine neue Szene! Und all die Sünden fielen mir ein, deren
ich mich tatsächlich schuldig fühlte. Ich trat Papa in den Weg. »Sei
nicht böse, bitte, bitte nicht,« bat ich schmeichelnd, »es ist
vielleicht wirklich das Beste, wenn ich Religionsstunden bekomme. Ich
bin ja doch bald vierzehn Jahre alt. Und schaden werden sie mir gewiß
nichts!« Mein Vater, der mit ein wenig Zärtlichkeit gelenkt werden
konnte wie ein Kind, zog mich gerührt in die Arme, als ich, um meiner
Bitte Nachdruck zu geben, meine Wange auf seine Hand preßte. »Und der
Bengel, das schwatzhafte alte Weib?« brummte er noch. »Den strafe ich
mit Verachtung,« lachte ich.
Meine Mutter trat wieder ein. »Hier ist meine Antwort,« sagte sie: »Sehr
geehrter Herr Pfarrer! Sie sind unsern Wünschen zuvorgekommen. Die
rasche Entwicklung unsrer Tochter macht eine frühere Einsegnung nötig,
als es sonst üblich ist. Wir haben sie daher auf das nächste
Jahr festgesetzt und bitten Sie, uns mitzuteilen, wann der
Vorbereitungsunterricht beginnt, zu dem wir Ihnen unsre Alix anvertrauen
wollen. Auf die Klatscherei des jungen Mannes einzugehen, widerspricht
unsern elterlichen Empfindungen ...
»Ich habe damit nicht etwa dich, sondern unseren guten Ruf in Schutz
genommen,« fügte sie rasch, zu mir gewendet hinzu.
Bald darauf begann der Unterricht. Sehr befriedigt, von einer neuen
frohen Hoffnung erfüllt, kam ich aus der ersten Stunde nach Hause.
»Meine Türe und mein Herz stehen Euch jederzeit offen,« hatte der
Pfarrer gesagt, »Ihr könnt mit allem, was Euch bedrückt, mit Euren
Leiden und Zweifeln zu mir kommen. Ich werde mich immer bemühen, Euch zu
verstehen und Euch zu helfen.« Die harmlosen Kindergesichter meiner
Mitschülerinnen -- Offizierstöchter wie ich, die natürlich von den
übrigen Gemeindekindern gesondert unterrichtet wurden -- legten mir
unwillkürlich während unseres Zusammenseins bei ihm Schweigen auf. Um so
häufiger wollte ich allein zu ihm gehen. Herzklopfend trat ich das erste
Mal bei ihm ein. In vagen Andeutungen, die gewiß nur ein guter und
gütiger Physiologe hätte verstehen können, sprach ich ihm von den bösen
Gedanken und häßlichen Phantasien, die ich vergebens zu vertreiben
versuchte. Ein »hm, hm,« und »so, so« und ein erstauntes Kopfschütteln
war zunächst die einzige Antwort. In sichtlicher Verlegenheit, die
Handflächen nervös aneinanderreibend ging er im Zimmer auf und ab, blieb
abwechselnd vor dem Gummibaum am Fenster, dem Stahlstich des
Gekreuzigten über seinem Schreibpult und der Sammlung von
Familienphotographien auf dem Bücherbrett stehen, die er eingehend zu
betrachten schien, um sich endlich, wie unter dem Einfluß eines raschen
erleuchtenden Gedankens, mir wieder zuzuwenden. Über den Tisch hinweg
streckte er mir beide Hände entgegen, fleischige, weiche Hände, die sich
anfühlten, als hätten sie weder Knochen noch Muskeln. Eine physische
Abneigung ließ mich zögern, die meinen hineinzulegen. »Nun, mein Kind,«
sagte er und hob sie auffordernd, »habe Vertrauen zu Deinem Seelsorger!
Wie ich jetzt Deine Hände fasse,« -- seine runden Finger legten sich um
die meinen, als wären es lauter nackte, klebrige Schnecken, -- »so wird
Gott die flehend zu ihm erhobenen Hände deiner Seele ergreifen und dich
aufrichten vom Staube! Das sind Versuchungen des Bösen, denen du
ausgesetzt bist. Je mehr dein Glaube lebendig werden wird, je inniger du
zu beten lernst, desto sicherer wirst du ihn überwinden.« -- Ich zog
leise meine Hände aus den seinen und rieb sie unter dem Tisch heimlich
an meinem Kleide ab. Er fing an, mich zu examinieren, ob, wie
oft und wann ich bete, ob ich zu unserm Herrn und Heiland in
kindlich-vertrauendem Verhältnis stünde, ob ich fleißig die Bibel läse.
Nach kurzem Kampfe gegen ein starkes inneres Widerstreben antwortete ich
ihm, wie es der Wahrheit entsprach, war ich doch zu ihm gekommen,
beseelt von dem aufrichtigen Wunsch, erlöst zu werden von meinen Qualen,
getrieben von der Sehnsucht, mir einen neuen, dauernden Tempel bauen zu
können, wo ich zu einem lebendigen Gott zu beten vermöchte! Er runzelte
die Stirn, »das ist ja sehr, sehr traurig und unerhört für eine
christliche Familie!« rief er aus. Ich beeilte mich, die Eltern zu
verteidigen: »O wir beten immer bei Tisch, Mama liest jeden Morgen eine
Andacht, und in die Kirche gehen wir auch jeden Sonntag!« -- »Um so
unbegreiflicher, daß ein so junges Kind, wie du, der Verführung des
Bösen erliegen konnte.« Ein neuer Gedanke schien ihm durch den Kopf zu
gehen, scharf sah er zu mir hinüber; »Was liest du denn?« frug er. Ich
erschrak; sollte ich ihm das Geheimnis meiner schönsten Stunden
verraten?! Ein tiefes, schmerzliches Aufatmen -- es mußte sein -- mußte
sein, um meines Heiles willen! Zu jener Zeit hatte ich angefangen, mir
aus Papas Bücherschrank Goethes Werke zu holen, -- einen Band nach dem
anderen. Wenn ich mich darin vertiefte, so war ich am sichersten vor mir
selbst: wie hatte ich mich für Iphigenie begeistert, um Gretchen
geweint, und Werthers Leiden hatte ich mir gekauft, um sie immer in der
Tasche tragen zu können. Ich pflegte sie heraus zu ziehen, wie der
katholische Priester sein Brevier, wenn er sich vor Anfechtungen
schützen will.
»Das ist ja unerhört, unerhört!« unterbrach der Pfarrer meine Beichte,
und seine Stimme überschlug sich, wie in der Kirche, sobald er von der
Fleischeslust sprach. »Da es dein ernster Wille zu sein scheint, dich zu
bessern,« sagte er dann so laut, als hätte er die Rekruten der ganzen
Garnison vor sich, »so wirst du tun, was ich von dir verlangen muß:
du rührst diese verwerflichen Bücher während der Zeit des
Konfirmandenunterrichts nicht mehr an. Du liest nur, was ich dir gebe.
Du kommst jedesmal eine Viertelstunde früher zur Stunde zu mir als die
andern Kinder, damit sie in ihrer Unschuld nicht gefährdet werden.
Versprichst du mir das?« Ich senkte stumm den Kopf; noch einmal legten
sich seine Finger um die meinen, dann war ich entlassen. Wie zerschlagen
schlich ich nach Hause. Aber ich war fest entschlossen, zu tun, was er
verlangt hatte.
Am nächsten Morgen gab es zu Haus eine böse Szene: Pfarrer Eberhard
hatte meinen Eltern über meinen Besuch Bericht erstattet und sie
aufgefordert, sein »schweres Rettungswerk« zu unterstützen. Ich sah
wohl, daß meines Vaters Zorn sich mehr gegen den Pfarrer, als gegen mich
richtete, aber wie immer, wenn Mama mit ihrer ganzen Energie auftrat,
überließ er ihr das Feld, mir nur unter heftigem Händedruck ein
»verdammte Pfaffen« zuflüsternd. Alle meine Schubfächer wurden
untersucht, alle Bücher konfisziert, die in die Rubrik: Lehrbücher und
Backfischliteratur nicht hineinpaßten; der Schlüssel vom Bücherschrank
wurde abgezogen, -- nur die verborgenen Schätze im Sofa blieben
unentdeckt. Ich befand mich in einer unbeschreiblichen Aufregung: Der
erste Mensch, an den ich mich hilfesuchend gewandt, vor dem ich mein
Inneres enthüllt hatte, wie vor keinem bisher, vertraute mir so wenig,
daß er mich überwachen ließ wie einen Verbrecher! Auch mit meinem Lehrer
hatte Mama an demselben Tage eine längere Unterredung, von der er sehr
rot und verschüchtert zu mir kam. Er umging von da an noch vorsichtiger
als sonst jede Berührung religiöser Fragen. Er wurde überhaupt immer
scheuer vor mir und war seltsam zerstreut.
Eine unüberwindbare Bitterkeit ließ diese erste Erfahrung mit dem
Pfarrer in mir zurück; das persönliche Vertrauen war ein für allemal
vernichtet, aber ich hoffte trotzdem, daß das, was er lehrte, mir
Befreiung bringen würde. Und ich klammerte mich an diese Hoffnung. Ich
las in den Büchern, die er mir gab, und in der Bibel, ich klagte mich
vor mir selber an, wenn ich eine rechte Andachtsstimmung nicht
festhalten konnte und immer wieder an den Widersprüchen und
Unwahrscheinlichkeiten, die mir aufstießen, Anstoß nahm.
War die Bibel von Gott inspiriert, so mußte die Schöpfungsgeschichte
wahr sein; und war sie es, warum lehrte man uns dann die
naturwissenschaftlichen Forschungsergebnisse der Gelehrten kennen? Bei
allen Wundern, an die ich glauben sollte, stießen mir dieselben
Bedenken auf; und ebensowenig kam ich über die Lehre hinweg, daß der
Gott der Liebe, der Vater im Himmel mit dem grausamen, rachsüchtigen
Jehova des Alten Testaments identisch sein sollte. Furchtbarer aber als
alles bedrückte mich der Zweifel an der Erlösung der Menschheit durch
Christi Leiden und Sterben. Weder die Sünden noch die Sorgen der
Menschheit waren seit seinem Tode aus der Welt verschwunden, und jeder
büßte, -- wie schmerzvoll empfand ich es selbst --, nach wie vor seine
eigene Schuld. Ich sprach meine Zweifel und Bedenken offen aus -- wir
waren ja ausdrücklich dazu aufgefordert worden! -- und erwartete
sehnsüchtig, widerlegt, in unanfechtbarer Weise eines Besseren belehrt
zu werden. Pfarrer Eberhard wurde immer nervöser, sobald ich den Mund
auftat, und die andern starrten mich an, und stießen sich kichernd mit
den Ellbogen, wenn ich eine Frage stellte. Schließlich wurde mir ein für
allemal verboten, in ihrer Gegenwart meine Gedanken laut werden zu
lassen; ich benutzte zunächst die Viertelstunde des Alleinseins dazu,
für die der Pfarrer immer seltener Zeit zu haben vorgab, und besuchte
ihn schließlich außerhalb der Stunde, wenn meine Zweifel mir gar keine
Ruhe mehr ließen. Er wurde von einem Mal zum anderen ungeduldiger, und
warf mir meinen »geistigen Hochmut«, der mich verführe, mit den
unzulänglichen Mitteln menschlichen Verstandes an göttliche Geheimnisse
zu rühren, in immer heftigerer Weise vor. Auf all mein Warum? war seine
Antwort: darüber darf man nicht nachdenken, denn der Glaube allein
versetzt Berge, der Glaube allein macht selig, und so wir nicht werden
wie die Kinder, werden wir das Reich Gottes nicht schauen. -- Danach muß
geistiges Streben, Forschungstrieb, Wissenschaft ein Werk des Teufels
sein, -- folgerte ich. Unsere Unterhaltungen -- das sah ich endlich ein
-- waren zwecklos. Ich gab sie auf. In dem Bedürfnis, mich
auszusprechen, machte ich meine Kusine, die ich schon mit meinen
Herzensgeschichten aus allem Gleichgewicht gebracht haben mochte, zur
Vertrauten meiner religiösen Kämpfe. Es waren Monologe, die ich vor ihr
führte, und ich war so sehr mit mir selbst beschäftigt, daß ich gar
nicht bemerkte, wie das arme Ding unter mir litt: wie eine Blume war
sie, die in der Knospe welkt, wenn sie zu früh dem Schutz des Schattens
und der Kühle entrissen wird.
Zuweilen frug mein Vater mich nach meinen Stunden; er, der menschlicher,
feiner dachte, und der mich so lieb hatte wie niemand sonst, hätte mir
vielleicht helfen können, wenn nicht eine tiefe, innere Entfremdung
zwischen uns eingetreten wäre. Hatte seine aufbrausende Heftigkeit, die
zwar weniger im Verkehr mit mir, als der Dienerschaft und den
Untergebenen gegenüber hervortrat, ein inniges Verhältnis zwischen uns
schon nicht aufkommen lassen -- jedes laute Wort ließ mich erzittern --,
so machte meine allmähliche Erkenntnis unserer pekuniären Lage, als
deren Ursache ich ihn allein ansah, mich hart und unnahbar. Ich sah, wie
oft meine Mutter weinte, wenn unerwartete Rechnungen kamen; ich las in
den Briefen meiner Großmutter an Mama, die mir zuweilen gegeben wurden,
zwischen den Zeilen, wie die Geldsorgen auf der ganzen Familie lasteten.
Ich fing an zu begreifen, warum Mama sich über Geschenke ihres Mannes
nicht freute, was mir früher so herzlos erschienen war. Es kam vor, daß
ich ihr darin schon nachahmte, und erst ein Blick auf Papas trauriges
Gesicht, auf seine vor Enttäuschung zuckenden Lippen, löste meine
natürliche Freude über hübsche Dinge aus. Mitleid aber ist kein Mittel
des Vertrauens, besonders nicht bei einem Kinde und einem Weibe; Mitleid
erhebt über den Bemitleideten; das Kind, wie das Weib, muß emporsehen
können zu dem Menschen, dem sein ganzes Vertrauen gehören soll. So blieb
ich allein, auch in diesem, dem schwersten Kampf meiner Kindheit.
Niemand half mir, selbst Gott nicht, so oft und so verzweifelt ich ihn
auch anrief.
Um diese Zeit war es, daß meine englische Lehrerin mir von Shelley
erzählte, der mit sechzehn Jahren schon seiner antichristlichen
Ansichten wegen von der Schule entfernt worden war, später aus denselben
Gründen England verlassen mußte und, kaum dreißig Jahre alt, in den
Wellen des Adriatischen Meeres seinen Tod fand. Sein Schicksal ergriff
mich tief. Der Überzeugung Stellung, Wohlleben, Familie und Heimat
opfern, -- das erschien mir stets als ruhmwürdigste Tat.
Mit der Versicherung, daß ich sie doch nicht verstehen würde, gab mir
die lange, blonde Miß, die für mich bis dahin nur die Verkörperung der
Grammatik gewesen war, auf mein dringendes Bitten Shelleys Werke.
»Queen Mab« war das erste, was ich aufschlug. In einer Nacht las ich es
zweimal. Mir war, als wäre ich selbst Janthe, der Geist, dem die
Feenkönigin des Weltalls wundervolle Pracht, die Schauer der
Vergangenheit, das Elend der Gegenwart und das verklärte Bild der
Erdenzukunft zeigte: Ich sah die Reichen schwelgen, die Armen hungern;
die Toten sah ich auf den Schlachtfeldern, hingemordet um der Ländergier
der Könige willen, und sah, wie die Menschen einander zerfleischten wie
wilde Tiere, im Namen ihrer Götter! Und dann verklangen in weiter Ferne
all die Laute der Qual, das Weinen der Verlassenen, das Stöhnen der
Hungernden, Verzweiflungsschreie und Todesröcheln. »Die Wirklichkeit des
Himmels, die selige Erde« zeigte sich, die Welt der Zukunft, wo niemand
vergebens mehr nach Brot verlangen, niemand nach Erkenntnis verdursten,
wo die Menschheit sich selbst erlöst haben wird aus der Hölle irdischer
Verdammnis. »Spirit, behold thy glorious destiny!«, -- rief Mab, die
Königin, es mir nicht zu? Galt nicht mir ihre Mahnung: Fürchte dich
nicht! Führe den Krieg gegen Herrschsucht und Falschheit und Not, schlag
durch die Wildnis den Pfad hinüber in die Welt, die da kommen soll!
Ich empfand Shelleys Atheismus nicht, ich fühlte nur, daß er den Gott
verleugnete, an den auch ich nicht zu glauben vermochte, und wie eine
Offenbarung wirkte auf mich sein lebensstarker, hoffnungsreicher
Idealismus, sein Vertrauen in der Menschen eigene Kraft, sein feuriger
Appell an die Macht des Willens.
In langen Nächten voll innerer Kämpfe suchte ich mir klar zu werden über
den Weg, den ich zu gehen hatte, und baute mir langsam, Stein um Stein
mühselig zusammentragend, die Kirche meiner Religion auf. Ein heißes
Glücksgefühl erfüllte mich, als ich mein Werk vollendet sah und der
Entschluß in mir fest stand, mich zu keinem andern Glaubensbekenntnis
als zu meinem eigenen zwingen zu lassen, -- koste es, was es wolle.
Um die Weihnachtszeit 1879 besuchte ich Pfarrer Eberhard und erklärte
ihm, daß ich außerstande sei, das Apostolikum vor dem Altar zu
beschwören, daß er mich daher von der Einsegnung dispensieren möge.
Zugleich legte ich ihm eine schriftliche Zusammenfassung meiner
religiösen Ansichten vor, -- ein persönliches Glaubensbekenntnis, das
jeder der Konfirmanden niederzuschreiben verpflichtet war. Es lautet:
»'Ich glaube an Gott den Vater, allmächtigen Schöpfer Himmels und der
Erden.'
Ich glaube nicht an diesen Gott. Ich glaube nicht, daß er in sechs Tagen
die Welt geschaffen hat, daß er ihm zum Bilde den Menschen schuf. Ich
glaube der Wissenschaft mehr als den unbekannten Fabelerzählern des
Alten Testaments.
'Ich glaube an Jesum Christum, Gottes eingeborenen Sohn, unsern
Herrn, der empfangen ist von dem Heiligen Geiste, geboren von der
Jungfrau Maria, gelitten unter Pontio Pilato, gekreuziget, gestorben
und begraben, niedergefahren zur Hölle, am dritten Tage auferstanden
ist von den Toten, aufgefahren gen Himmel, sitzend zur Rechten
Gottes, des allmächtigen Vaters, von dannen er kommen wird, zu
richten die Lebendigen und die Toten.'
Ich glaube nicht an diesen Christus, denn ich halte es für heidnisch, an
eine Menschwerdung Gottes zu glauben. Ich glaube weder an seine
wunderbare Geburt, noch an seine Höllen-, noch an seine Himmelfahrt,
noch an seine Wunder.
'Ich glaube an den Heiligen Geist, eine heilige christliche Kirche,
die Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung des
Fleisches und ein ewiges Leben.'
Ich glaube nicht an diesen Heiligen Geist, ich glaube nicht an eine
heilige, christliche Kirche, die mordet, brennt, verfolgt, steinigt, die
Seelen martert, die Wahrheit leugnet. Ich glaube nicht an Vergebung der
Sünden, weil Sünde sich nur durch bessere Taten vergibt. Ich glaube
nicht an Auferstehung des Fleisches, denn das ist wissenschaftlich
unmöglich.
Ich glaube an eine höhere Gewalt, die wir Gott nennen, die der Ursprung
des ersten Lebens ist, die die Kraft des Werdens in das erste Atom
gelegt hat. Mein Geist ist ein Teil dieses Gottesgeistes.
Ich glaube an Jesus, als an einen edlen Menschen, der zuerst das Gebot
der Menschenliebe predigte und danach lebte. Ich glaube, daß er in
Niedrigkeit geboren wurde, damit wir daran erkennen sollen, daß die
Geburt nicht den Menschen macht, sondern eigene Arbeit und eigenes
Streben. Christi Gebot der Menschenliebe wird die nach ihm benannte
Kirche richten.
Ich glaube an den Geist Gottes, der sich in allem Schönen und Großen
offenbart, der nach dem Tode des Körpers in andern fortlebt, sei es auf
oder über der Erde. Die Kirche und ihre Dogmen halte ich für menschliche
Einrichtungen, denen ein freier Geist sich nicht zu beugen braucht.
Sollte dennoch die mir gelehrte christliche Religion die wahre sein, so
hoffe ich das mit der Zeit zu erkennen. Wenn es ein Verbrechen ist, daß
ich mich jetzt von ihr lossage, so scheint es mir ein noch größeres
Verbrechen zu sein, mich zu ihr zu bekennen, wo mein Herz nichts davon
weiß.«
Pfarrer Eberhard war zuerst keines Wortes mächtig. Dann aber entlud sich
sein Zorn schrankenlos über mir. Jede Selbstbeherrschung vergessend,
schlug er mit Anklagen, Vorwürfen, Drohungen auf mich ein, -- es war wie
eine Bastonnade! Aber ich ergab mich nicht. Durch Wochen und Monate
setzte der Kampf zwischen uns sich fort, von dem niemand wußte als wir
beide. War es Rücksicht, oder war es die Sorge, seine Niederlage
einzugestehen, -- er weihte diesmal auch meine Eltern nicht ein.
Zwischen jeder Zusammenkunft sammelte ich mein Rüstzeug aus meinem
verborgenen Bücherschatz, der um vieles gewachsen war, und grübelte zu
gleicher Zeit über die Ausführung abenteuerlicher Pläne. Gab der Pfarrer
nicht nach, so war ich entschlossen, zu fliehen. Um mir das nötige Geld
zu verschaffen, schickte ich Gedichte und Aufsätze an die
verschiedensten Zeitschriften -- natürlich vergebens! -- und verkaufte
in obskuren Läden ein Schmuckstück nach dem anderen. Als ich gerade im
Begriffe stand, das Kostbarste, -- eine alte Brillantbrosche, die meine
Großmutter mir einmal geschenkt hatte, -- fortzutragen, hörte ich im
Vorübergehen einen heftigen Wortwechsel zwischen meinen Eltern.
Aufhorchend blieb ich stehen: es handelte sich wieder einmal um eine
unbezahlte Rechnung. Mama schluchzte; Papa rief aufgeregt: »Ich brauche
mir deine Vorwürfe nicht gefallen zu lassen. Ich saufe nicht, ich rauche
nicht, ich rühre keine Karte an, ich habe keine Weibergeschichten -- was
willst du eigentlich von mir?!« -- »Du hast immer zwei Pferde zu viel
im Stall --« antwortete Mama heftig, »und Alix Privaterziehung, die
Tausende verschlingt, war auch überflüssig --.« »Laß mir das Kind in
Frieden!« brauste Papa auf -- »die einzige Freude, die ich habe, laß ich
mir nicht vergällen -- --.«
Jedes Wort traf mich ins Herz; mir hatten sie so große Opfer gebracht --
mir, die ich das Schwerste über sie heraufbeschwor; -- ich war meines
Vaters einzige Freude -- ich, die ihm das Herz brechen wollte! -- Ich
lief davon, verkaufte mein Schmuckstück und kam hochrot und atemlos nach
Hause zurück, nur von dem Gedanken getrieben, den armen Eltern eine Last
abzunehmen. Sie saßen versöhnt nebeneinander und sahen mich verwundert
an, als ich Mama hastig ein paar Goldstücke in die Hand drückte. »Was
soll denn das?« frug sie, und »Woher hast du das Geld?« mein Vater. Ich
erschrak; ich hatte in meinem Eifer an die Möglichkeit dieser Frage
nicht gedacht. Sollte ich die Wahrheit sagen? Das hieße auch meine
übrigen Verkäufe verraten und meine Flucht von vornherein unmöglich
machen. Mein Blick fiel auf das »Daheim« mit dem Anfang einer neuen
Erzählung an der Spitze. »Es ist -- es ist -- das Honorar für -- diese
Geschichte,« kam es mühsam und stockend von meinen Lippen. Nun war ich
im Netz meiner eigenen Lüge gefangen, und die Furcht vor den Folgen
hinderte mich, es zu zerreißen. Die Eltern glaubten mir; mein Vater
umarmte mich voll Rührung, und wenn er auch meine flehentliche Bitte,
das Geheimnis meiner Autorschaft zu wahren, zu erfüllen versprach, so
war er doch viel zu stolz auf den Erfolg seiner Tochter, als daß er
nicht wenigstens den nächsten Freunden und Verwandten davon Mitteilung
gemacht hätte. Die Aufklärung ließ nicht lange auf sich warten. Eine
Kusine meines Vaters war mit der Verfasserin des Romans, den ich vorgab,
geschrieben zu haben, befreundet und frug ihn brieflich nicht wenig
erstaunt nach dem Zusammenhang dieser seltsamen Historie. Es kam zu
einem furchtbaren Auftritt. Mein Vater kannte sich selbst nicht mehr.
»Mein guter Name! Mein guter Name!« stöhnte er immer wieder und lief wie
wahnsinnig im Zimmer hin und her. »Ich muß mich erschießen! Ich überlebe
die Schande nicht!« schrie er dazwischen, während Mama still vor sich
hin weinte. Stumm und regungslos stand ich mitten im Zimmer und rührte
mich auch dann nicht, als Papa mit funkelnden, rot unterlaufenen Augen
vor mir stehen blieb und die hoch erhobene Faust klatschend auf meine
Wange niedersausen ließ.
Stumpfsinnig vor mich hinbrütend, lag ich ein paar Tage im Bett. Niemand
kümmerte sich um mich als die Anna, die mir auch mitleidig in die
Kleider half, als Pfarrer Eberhards Besuch mir gemeldet wurde. Mit
gefalteten Händen und tief bekümmerter Miene trat er ein. Daß sie keinem
echten Gefühle Ausdruck gab, sah ich an den Lichtern leisen Triumphs,
die in seinen Augen glänzten: Endlich war der Sieg sein -- endlich! Er
hielt mir eine wohlvorbereitete Rede, die ich mit keiner Silbe
unterbrach. Das furchtbare Ereignis habe hoffentlich, so sagte er,
meinen Hochmut gebrochen und mich belehrt, daß Gott seiner nicht spotten
ließe. Noch sei es Zeit für mich, umzukehren vom Wege der Sünde, und
demütig dem zu folgen, der allein Wahrheit, Licht und Leben wäre. »Nach
all dem Kummer, den du deinen Eltern bereitet hast, wirst du ihnen die
Schande nicht antun, vom Altar des Herrn fern bleiben zu wollen.« Ich
schwieg auch jetzt, trotz der beziehungsreichen Pause, die er eintreten
ließ. »Du wirst die Zeit bis dahin zur Einkehr, zur Buße, zum Gebet
verwenden.« Wieder eine Pause. »Und wie Gott im Himmel seine Hand nicht
von dir abziehen, und Jesu Christi Blut auch dich rein waschen wird von
deinen Sünden, so werden deine lieben Eltern dir verzeihn. Ich werde mit
Gottes Hilfe die Schwergeprüften aufrichten und dich ihnen wieder
zuführen.« Ich schwieg noch immer. »Wirst du tun, was ich, der Diener
deines Herrn und Heilandes, von dir fordere?« Ein mechanisches »Ja« war
meine Antwort.
Während der Wochen bis zu meiner Einsegnung lebte ich wie ein Automat;
ich fühlte weder Reue noch Kummer, und die Gedanken waren wie
ausgelöscht. Nur als ich zum erstenmal das lange weiße Konfirmandenkleid
anprobierte, zuckte mir ein krampfhafter Schmerz durch den Körper. Den
Mund kaum zu einem Lächeln verziehend, begrüßte ich die vielen
Verwandten, die zu dem feierlichen Tage nach Posen kamen: Onkel Walter
aus Pirgallen mit seiner jungen Frau, die eben auf der Hochzeitsreise
waren, Onkel Kleve aus Bayern, Tante Klotilde aus Augsburg, die
befriedigt die »würdige Stimmung« ihrer Nichte anerkannte. Als aber am
Sonnabend vor Pfingsten, einem herrlichen lachenden Maientag, vor dem
ich mich verschüchtert in mein dämmriges Zimmer verkrochen hatte, die
Türe aufging und wie getragen von einem breiten Strom von Licht, meine
Großmutter in ihrem Rahmen erschien, war mir plötzlich, als fiele ein
schwerer, eiserner Panzer von mir ab, der mich eingezwängt und aufrecht
erhalten hatte. »Großmama, liebe Großmama,« rief ich und brach
aufschluchzend vor ihr zusammen. Ach, warum war ich nicht zu ihr
geflüchtet, warum kam sie erst jetzt, -- jetzt, da es zu spät war?! Tief
erschüttert schloß sie mich in ihre Arme, und ich weinte mich aus. Aber
dann kam Mama, und der Abend im Kreise der Familie, und die Nacht ...
Widerstandslos ließ ich mich am nächsten Morgen schmücken, nahm den
Strauß weißer Rosen in die Hand und stieg mit den Eltern in den Wagen.
Die ganze Straße stand voll Menschen, -- wie bei einem Begräbnis, dachte
ich. Auch vor der Kirche sammelten sich die Neugierigen in ihren bunten
fröhlichen Festtagskleidern. Durch die Fenster flutete die Sonne, so daß
ich geblendet die vom Weinen heißen Augen schloß, als ich zwischen Vater
und Mutter auf rotem Teppich durch die weite, weiße Säulenhalle schritt.
Die Glocken läuteten, brausend setzte die Orgel ein, laut dröhnten über
mir die kräftigen Stimmen des Soldatenchors. Jeder Ton schnitt mir
messerscharf in die Seele. Es blitzte und funkelte ringsum von Uniformen
und Orden und raschelte von seidenen Kleidern. Ich sah nicht auf. Da
schlug ein ganz leiser, weher Laut, wie »Alix« an mein Ohr. Ich hob den
Kopf. Es war mein Lehrer, der mich mit einem Blick ansah, -- einem
Blick, der mir rätselhaft schien. Und dann standen wir vor dem Altar. Er
war ringsum mit einem Wald von Palmen umgeben, ohne eine einzige Blume
dazwischen. »Wie beim Begräbnis,« dachte ich noch einmal. Ich hörte
nicht, was der Pfarrer sprach; mir war plötzlich, als stünde ich dicht
vor dem Felsentor des Höllentals, und der brausende Bach drohte, mich zu
verschlingen. Mein Strauß entfiel mir; der ihn aufhob, war mein Lehrer;
ich begegnete seinen Augen dabei, -- seltsam, wie er mich ansah!
Verwirrt blickte ich um mich; meine Mitschülerinnen sprachen schon das
Apostolikum, und ein strenger Blick des Pfarrers mahnte mich an meine
Pflicht. Einem aufgezogenen Uhrwerk gleich, sagte ich, ohne zu stocken,
die drei Artikel auf. Und währenddessen fühlte ich die vielen hundert
Augen auf mich gerichtet, -- gespannt, höhnend, triumphierend. Darnach
war es einen Atemzug lang totenstill, ehe der Pfarrer von jeder
einzelnen das persönliche Bekenntnis zu den gesprochenen Worten abnahm
und den Segen erteilte. Ich war die letzte. Er erhob die Stimme
bedeutungsvoll, als er sich mir zuwandte. Sage nein -- sage nein --
klang es in mir. Angstvoll, hilfesuchend sah ich um mich: auf das
gütige, verzeihende Lächeln meines Vaters fiel mein Blick, auf den
leisen liebevollen Gruß meiner Mutter -- -- --
»Bekennst du dich von ganzem Herzen zu unserm allerheiligsten Glauben,
so antworte: Ja.« -- -- --
Irgendwo fiel ein Schirm -- ein Säbel rasselte -- jemand schluchzte auf,
-- und die vielen, vielen Augen durchstachen mich.
»Ja!« klang es laut und rauh durch die Kirche. War das wirklich meine
Stimme gewesen?! Mechanisch kniete ich nieder, wie die andern. Ob wohl
die Schleppe richtig lag, dachte ich stumpfsinnig, und etwas wie
Neugierde nach dem Spruch, den der Pfarrer mir geben würde, regte sich
in mir.
»Darinnen freuet euch nicht, daß euch die Geister untertan sind, sondern
daß eure Namen geschrieben sind im Himmel.«
Das fuhr wie ein Peitschenhieb auf mich nieder. Mein Name -- und im
Himmel geschrieben!! Hatte ich nicht eben vor Gottes Altar einen Meineid
geschworen?! -- --
Unter Tränen und Glückwünschen und Schmeichelworten umdrängte mich
alles. Zu Hause empfing mich ein Aufbau von kostbaren Geschenken, von
duftenden Blumen; Militärmusik spielte unter den Fenstern, und um die
geschmückte Tafel versammelte sich eine glänzende Gesellschaft. Mir
galten die Reden und Toaste, und immer aufs neue perlte der Sekt in
meinem Glase. In halber Betäubung kam ich abends in mein Zimmer; die
rote Ampel brannte über dem Bett; seltsam bedrückend war nach all den
wirren Geräuschen des Tages die Stille. Mein Blick fiel auf ein kleines
Paket, durch dessen Schnüre ein paar gelbe Rosen gezogen waren.
Verwundert öffnete ich das Geschenk, das nicht auf dem Tisch der
allgemeinen Gaben gelegen hatte. Es enthielt ein schmales Buch in blauem
Einband -- »Deutsche Liebe« von Max Müller, und einen Brief:
»Gnädiges Fräulein!
Da ich gezwungen bin, schon morgen Posen zu verlassen, und vor Ihrer
Abreise nicht zurück sein kann, gestatten Sie mir, Ihnen schriftlich
Lebewohl zu sagen und beifolgendes Buch als Andenken zu überreichen.
Seien Sie recht, recht glücklich!
In aufrichtiger Freundschaft
Ihr
Hugo Meyer.«
Ich strich mir über die Stirn, -- träumte ich denn? Aber nein, das Buch,
das ich las, bestätigte mir, was mich plötzlich seinen Blick in der
Kirche hatte verstehen lassen. Und ich -- ich war blind neben ihm
hergegangen, hatte nicht nach seiner Hand gegriffen, die mir aus dem
Abgrund herausgeholfen hätte, in den ich versank! Schwarz,
unergründlich, unüberbrückbar sah ich ihn vor mir: Ich hatte heute einen
Meineid geschworen, -- und mein Freund, mein einziger Freund hatte mich
verlassen!
Fünftes Kapitel
Wenn der Sommer im Samland Einzug hält, dann kommt er nicht als ein
züchtig Werbender, der sich die Erde in zäher Treue allmählich erobert;
er kommt vielmehr, ein stürmischer junger Held, der dem Freiwerber
Frühling gar nicht Zeit läßt, ihm den Weg zu bereiten. Die Sonne, die
eben noch umsonst mit den Winternebelwolken kämpfte, schießt, wenn er
naht, plötzlich mit glühenden Pfeilen vom blauen Himmel herab, und auf
einmal erwacht Wald und Feld und Wiese und gibt sich schrankenlos dem
ungestümen Liebhaber hin. Die Blumen, die das Jahr, als ein karger
Weiser, sonst über viele Monde verteilt, blühen hier zu gleicher Zeit in
verschwenderischer Fülle; das Schneeglöckchen begrüßt noch das Veilchen
und die gelbe Butterblume; üppig und grade im prangenden Schmuck ihrer
leuchtenden Farben stehen Malven und Georginen im Garten, während weiße
und gelbe und rote Rosen ihnen den Preis der Schönheit streitig machen.
Mit dem herben Duft des Hollunders eint sich der süße, zarte der Linden,
der schmeichelnde der blauen Fliederdolden und der berauschende,
liebeskranke des Jasmins.
Weit, weit hinab, bis zu den graublauen Fluten des Kurischen Haffs
dehnen sich saftgrüne Wiesen und gelbe Kornfelder; wenn der Wind darüber
streicht, ist es wie ein einziges wogendes Meer, aus dem nur hie und da
die Strohdächer dürftiger Häuser hervorlugen. Aber auch ihr Elend hat
der Sommer, als könnte er nichts Trauriges sehen, mit rasch wucherndem
Schlingkraut verschleiert, so daß ihre trüben Scheiben wie verschlafene
Augen verwundert darunter hervorsehen. Es ist so ruhig hier wie im
Dornröschenzauber; nur hie und da unterbricht das klägliche Weinen eines
verlassenen Säuglings die tiefe Stille. Was Füße und Arme regen kann,
ist hinaus mit Harke oder Sense, Spaten oder Beil, Ruder oder Fischnetz.
Der heiße Sommer weckte jung und alt aus dem langen, dumpfen
Winterschlaf, und von früh bis spät gilt es schaffen, um seiner Gaben
Reichtum rasch, wie er sie brachte, zu bergen. Wie sie alle lebendig
geworden sind, diese schwerblütigen Menschen: sie gehen nicht -- sie
springen --, sie lachen nicht -- sie kreischen, und der Haffwind, des
Samlandsommers treuer Knecht, peitscht ihre strohgelben Haare, daß sie
rings von den breiten Schädeln abstehen, wie Blätter der Sonnenblume um
den Kelch, und bläht die roten Röcke der Weiber, daß die nackten Beine
bei jeder Bewegung darunter hervorleuchten. Sie sind mit der Natur noch
eins, diese Männer und Frauen: sie schlafen auch den Winterschlaf mit
ihr; denn nach der langen Tagesarbeit klingts und singts noch durch die
helle warme Sommernacht; es kichert und raschelt zwischen den Garben, es
atmet heiß und schwer in den Geißblattlauben. Vom Dorfkrug aber lärmt
und tobt es herüber: da sitzen sie hinter schwälender Lampe, vertrinken
und verspielen ihre Habe, und wenn sie glühend vom Branntwein
heimkehren, mischt sich wohl auch wilder Wehlaut aus Weiberkehlen in all
die vielen wirren Töne der Nacht.
In solch eines Sommers heißes Leben kam das blasse Stadtkind mit den
trüben Augen und dem matten Lächeln. Das Turmzimmer von Pirgallen nahm
es wieder auf, wo es zuerst das von der alten Linde vor dem Fenster grün
verschleierte Licht des Tages erblickt hatte. »Hier soll mein Alixchen
wieder rund und rosig werden,« sagte die Großmama bei der Begrüßung, das
Enkelkind bekümmert musternd. »Und all die Gelehrsamkeit soll sie
vergessen,« fügte Onkel Walter lachend hinzu. »Und trinken und tanzen
soll sie, bis sie schwindlig wird,« rief Tante Emmy, seine Frau, während
in ihren lustigen braunen Augen alle Kobolde des Frohsinns ein Feuerwerk
entzündeten. Seit sie vor kaum einem halben Jahr hier Einzug gehalten
hatte, mochte das alte Schloß sich selbst kaum wieder erkennen: Die
Gäste kamen und gingen, helle Kleider raschelten durch die sonst so
einsamen Gänge, die Mauern hallten wider von Lachen und Scherzen.
Wenn morgens der Rasenteppich, der hinter dem Schloß bis zum Wasser
herunterführt, unter Tauperlen und Sonnenstrahlen glänzte und glitzerte
wie ein Riesensmaragd, dann gingen die Gäste von der breiten Terrasse
die hohe Steintreppe hinab und verteilten sich in Park und Wald; die
einen träumten still in der Hängematte, die andern lockte das Haff,
dessen weiße Schaumköpfchen vom Horizont herüberglänzten, zum Bad und
zur Segelfahrt; die Ruhigen liebten es, am Strande Muscheln zu suchen;
die Waghalsigen wollten, mit Kutschern und Reitknechten um die Wette,
junge Pferde hinter Zaum und Zügel zwingen. Freiheit der Bewegung war
Gesetz für alle. Nur wenn laut der Gong durch Schloß und Hof und Garten
gellte, fanden sie sich allmählich wieder zusammen.
Allabendlich füllte sich der dunkle Speisesaal, in dem so lange nur
Mutter und Sohn einander schweigsam gegenübergesessen hatten, mit
lebenslustiger Jugend, und die kulinarischen Genüsse, die der
französische Koch zu bereiten verstand, steigerten mit dem perlenden
Sekt, den der alte Haushofmeister unermüdlich in die Gläser schenkte,
die lebendige Stimmung. Wenn dann hinter den Flügeltüren die
zärtlich-lockende Weise des Donauwalzers klang, gab es ein heftiges
Stühlerücken, und gleich darauf flogen die Paare durch den hohen weißen
Saal. Viele schmale Spiegel, von Goldleisten eingefaßt und von
musizierenden Amoretten bekrönt, warfen das Bild immer wilder tobender
Tänzer zurück, während so manche durch das Alter blind gewordene
Scheiben heimlich die Erinnerung an graziös und feierlich im Menuett
sich schlängelnde und wiegende Rokokopaare zu bewahren schienen. Mit
leisem Klirren schlugen die Kristallprismen des Kronleuchters
aneinander, und die Lichter flackerten im Takt, als hätte die Tanzweise
auch ihnen Leben verliehen; sie bewegten sich noch lange hin und her,
wenn die duftende Schwüle der Sommernacht die Tanzenden durch weit
offene Türen in den dämmernden Park gelockt hatte. Da gab es
verschnittene Laubengänge und weiße Bänke im Jasmingesträuch, und auf
stillen Weihern kleine Kähne. Spät erst, wenn feuchte Nebel vom Haff
herüber die nackten Schultern der Frauen unter den Spitzengeweben
zittern ließen, gingen Pirgallens Bewohner zur Ruhe.
Unaufhaltsam riß mich das Leben in seinen Strudel. Geistig müde und
stumpf, getrieben von dem Wunsch, nur nicht zu mir selbst kommen zu
können, war es mir zuerst der Rausch, der Vergessen bringt. Aber dann
siegte Jugend und Lebenslust, und der Genuß wurde zum Selbstzweck.
Niemand dachte angesichts des großen reifen Mädchens an ihre vierzehn
Jahre; ich galt allen als erwachsene junge Dame, als Tochter des Hauses
überdies, und was an männlicher Jugend ins Schloß kam, das teilte seine
Huldigungen zwischen der lustigen Hausfrau und ihrer Nichte. Zuweilen,
das merkte ich wohl, war ich der Tante, die gewohnt war, der Mittelpunkt
der Gesellschaft zu sein, ein Dorn im Auge. Dann begann jener stille
Frauenkampf um den ersten Platz, der, mit allen Waffen der Koketterie
geführt, nicht minder aufregend ist als der der Männer im Fechtsaal oder
beim Hasard. Triumphierte meine Jugend über ihre Grazie und ihren Witz,
so behandelte sie mich plötzlich als das Kind, das zur Strafe nicht
mitgenommen wird, wenn die Großen sich amüsieren; doch »das Kind«
durchkreuzte nur zu rasch ihre pädagogischen Einfälle. So wurde ich
einmal von einer Segelpartie ausgeschlossen -- aus Mangel an Platz,
sagte sie --; im Augenblick aber, als die Jacht den Hafen
verließ, erschien ich hoch zu Roß in Begleitung des feschesten
Kürassierleutnants, den meine Tante -- ich wußte es genau! -- von allen
Gästen am meisten entbehrte. Und ein andermal, als ihre neuste Pariser
Toilette mich ausstechen sollte, zog ich durch einen rasch
zusammengestellten phantastischen Schmuck von Vogelbeeren auf meinem
weißen Kleid und in meinen schwarzen Haaren alle Blicke zuerst auf mich.
Es war gerade von der großen Dampferfahrt die Rede, die der konservative
Verein des Kreises mit seinen Damen durch den Friedrichskanal zum
Moorbruch unternehmen wollte. Wir freuten uns alle darauf, ein Stück
altlitauer Landes und Lebens kennen zu lernen.
»Schade, daß Alix zu Hause bleiben muß,« hörte ich plötzlich die hohe
scharfe Stimme der Tante sagen; »nur persönlich Geladene haben Zutritt.«
Mir stiegen Tränen der Enttäuschung und des Zorns in die Augen. Onkel
Walter, der den Zusammenhang nicht begriff, sah mich an und rief über
den Tisch hinüber: »Beruhige dich, Alix, das ist eine bloße Formalität,
die ich rasch erledigen werde.«
Tante Emmys gereizte Stimmung verriet mir am nächsten Morgen, daß es
zwischen dem Ehepaar noch eine Szene gegeben hatte und der Sieg nicht
auf ihrer Seite gewesen war. Die offizielle Einladung wurde mir mit
einer gewissen Absichtlichkeit überreicht, und ich konnte das leise
Lächeln nicht unterdrücken, mit dem ich die Tante dabei ansah.
Am frühen Morgen des großen Tages fuhren wir in zwei Vierspännern gen
Labiau, die Kreisstadt. Als die Wagen über das holprige Pflaster
rollten, flogen links und rechts die Fenster auf, und neugierige
Gesichter starrten den berühmten Gespannen Pirgallens nach. Auf der
Straße blieben die Leute stehen, zogen die Mützen oder knixten
respektvoll; und am Anlegeplatz, wo der Dampfer schon fauchte und
prustete, wartete die Menge der Geladenen auf den vornehmsten Mann, den
größten Besitzer und den eben zum Reichstagskandidaten des Kreises
aufgestellten Freiherrn. Er und seine Frau wurden umringt, ich stand
abseits und musterte mit heimlichem Naserümpfen die Gesellschaft: Die
Frauen, fast alle groß und hager, in seidene Staatskleider gezwängt,
über den kantigen Gesichtern und den glatten Scheiteln kleine
Kapotthütchen, mit allen Zeichen jener nicht zu überwindenden
Verlegenheit, die ungewohnte, mit Wetter und Tagesstunde unvereinbare
Kleidung hervorruft; die Mädchen, hochrot vor Erregung, in
steifgestärkten Kattunfähnchen, Zwirnhandschuhe über den Händen,
klirrende Armbänder über den breiten Gelenken, in einem dichten Haufen
ängstlich zusammengeschart, als gelte es, sich gegenseitig vor den
Angriffen der Männer zu schützen. Die hatten sich schwarz und dicht
gegenüber postiert, nur hier und da von einer Reserveleutnantsuniform
irgend eines hundertsten Infanterieregiments unterbrochen. Sonst lauter
Bratenröcke und Zylinder. Mich grauste es; ganz anders hatte ich mir die
Sache gedacht, und beinahe wäre ich rasch wieder in unseren Wagen
gesprungen, als Onkel Walter sich nach mir umdrehte: »Erlaube, daß ich
dir einige der Herren vorstelle: Herr v. Trebbin, v. Wanselow, v.
Warren-Laukischken.« So alte Namen und solche Bauern! dachte ich,
während mein Blick auf ihren roten Händen sekundenlang haften blieb.
»Ah, da sind Sie ja auch, mein lieber Rapp,« hörte ich meinen Onkel
lachend sagen, »trauen Sie sich wirklich einmal in Damengesellschaft?!«
Ich wandte mich rasch nach dem Angeredeten um: das also war der
Frauenfeind, von dem Tante Emmy im Wagen gesagt hatte, er sei der
einzige, der sie interessiere. Sie hatte zweifellos vor, den
wunderlichen Einsiedler zu bekehren und freund-nachbarliche Beziehungen
anzuknüpfen. Ich dachte nicht mehr daran, davon zu fahren, sondern
folgte dem Menschenstrom, der über den Schiffssteg zum Dampfer flutete.
Die Labiauer Stadtkapelle konzertierte, als hätten alle verstimmten
Flöten und Trompeten sich hier ein Stelldichein gegeben, und zwischen
den Eichenlaubgewinden knisterten die grellbunten Papierblumen. Das
kleine Schiff schien die Geladenen kaum fassen zu können. Nur die
Honoratioren, darunter auch meine Verwandten, wurden an einen gedeckten
Tisch genötigt, auf dem ein kreisrunder Strauß in weißer
Papiermanschette prangte. Alle anderen suchten sich eilig einen Platz;
wie aufgescheuchte Vögel liefen die Mädchen umher, bis sie glücklich
wieder eng gedrängt in einer Ecke beieinander saßen. Ich blieb ruhig
stehen; Laufen und Hasten war mir immer antipathisch, und aufs
Geradewohl mich irgendwo einklemmen, vollends. Das Schiff setzte sich
schon in Bewegung, als ich Herrn von Rapp in meiner Nähe sah, sichtlich
unschlüssig, in welchen Winkel er sich mit seiner Menschenfeindschaft
flüchten sollte. »Wir sind Leidensgefährten,« sprach ich ihn an, »ich
glaube, in der Kajüte sind Sessel, wollen Sie so gut sein, mir einen
bringen?« Mit zweien kam er zurück, -- ich wußte, als höflicher Mann
konnte er mich nicht allein lassen. Wir unterhielten uns, zuerst gequält
und konventionell, dann immer lebhafter. Der kleine Mann mit dem
frühzeitig kahlen Schädel hatte seine Landeinsamkeit ausgenutzt: er war
belesen, und -- was in dieser Umgebung noch erstaunlicher schien -- er
hatte selbständig über Welt und Menschen nachgedacht. Was ich geplant
hatte, um die Tante zu ärgern und mir die Zeit zu vertreiben, war rasch
vergessen, -- so sehr fesselte mich unser Gespräch. Inzwischen fuhren
wir im leuchtenden Sonnenschein den Friedrichskanal entlang, durch das
dunkelgrüne Moosbruch, an niedrigen Häuschen vorbei, um die verkrüppelte
Obstbäumchen blühten, vorüber an Agilla und Juwendt, uralten litauer
Ansiedlungen, wo die Strohdächer fast zur Erde reichten und die kleinen
struppigen Pferdchen, denen des Litauers zärtlichste Sorgfalt gilt,
lustig zwischen den Scharen schmutziger Blondköpfchen umhersprangen.
Mein Nachbar kannte Land und Leute gut; er wußte von den hartnäckigen
Kämpfen gegen die Ordensritter zu erzählen, die mit einer -- was die
Religion betrifft, freilich nur scheinbaren -- Unterwerfung der Litauer
erst dann endeten, als die Zahl ihrer Männer auf das äußerste dezimiert
war, und kannte all ihre seltsamen Gebräuche, die sich noch aus der Zeit
des Heidentums erhalten hatten.
Ein heftiger Stoß, der unseren Dampfer erzittern ließ, unterbrach seine
Schilderungen: wir saßen fest, vergebens arbeitete die Maschine, der
Kapitän, der gestand, hier noch nie gefahren zu sein, war ratlos, und
alles Geschrei vermochte niemanden ans Ufer zu locken als die Kinder.
»Setzen Sie ein Boot aus und fahren Sie hinüber,« damit wandte sich mein
Onkel an den Kapitän. Unter dem Vorwand, sich mit den Litauern nicht
verständigen zu können, lehnte er es ab. »Begleiten wir ihn!« sagte
ich, entzückt von der Aussicht auf ein Abenteuer, leise zu Rapp, der
mir eben klangvolle Strophen litauischer Dainos zitiert hatte. Rasch
entschlossen verständigte er sich mit dem Kapitän, und ebenso
rasch folgte ich den Männern in den Kahn, begleitet von dem
erstaunt-unwilligen Gemurmel der Zurückbleibenden. Am Ufer angelangt,
traten wir in eines der ersten Häuser und stießen die Türe auf, als uns
auf unser Klopfen niemand antwortete.
Der Raum war fast dunkel, und beißender Rauch hinderte uns überdies, die
Augen zu öffnen; ein paar Hühner flogen vor uns auf, Schweinegrunzen
tönte uns aus dem äußersten Winkel entgegen, auf dem Herd, dessen
Glutaugen uns ansahen, wurde hastig ein Topf beiseite gerückt, dann
näherten sich uns schlurfende Schritte. Ein Weib, dem weiße lange Haare
wirr und tief über die Schultern fielen, trat uns entgegen, kreuzte die
Arme über das grobe Hemd, das mit einem dicken gelben Wollrock ihre
einzige Bekleidung bildete, und küßte mit einer Gebärde demütiger
Unterwürfigkeit den Saum meines Kleides. Rapp erklärte ihr rasch die
Situation. War sie es, oder war es der Klang der eigenen Sprache, der
ihr ein Lächeln in das Antlitz trieb? Ablehnend zuckte sie die Schultern
und wies auf die Bank in der Ecke, auf der ein Mann, in eine Pferdedecke
gehüllt, schnarchend lag.
»Wenn der Litauer nicht trinkt, dann stiehlt er, und wenn er nicht
stiehlt, dann schläft er,« sagt das Sprichwort. Rapp wurde ungeduldig
und sprach lauter. Inzwischen hatten sich die Kinder aus der Türe
hereingeschlichen und umringten die Mutter; in all den vielen Augen --
graublau wie das Haff -- spielten feindselige Lichter; und je heftiger
Rapp wurde, desto straffer richtete sich das Weib aus ihrer gebeugten
Stellung auf, bis ihre Stirn den niedrigen Balken der Hütte fast
streifte. »Wie eine verwunschene Schicksalsgöttin,« dachte ich und wich
scheu vor ihr zurück. Rapp aber war an ihr vorbei an den Herd getreten
und hatte den Kessel aus Licht gerückt. »Rehbraten!« rief er. »Dacht'
ichs mir doch! Also ein Wilddieb.« Schon lag die Frau ihm jammernd zu
Füßen, und, sich die Augen reibend, war der Mann bei dem Lärm vom Lager
gesprungen. Es bedurfte nur noch einer kurzen Unterhandlung, um sie
gefügig zu machen. Kaum zum Dampfer zurückgekehrt, entwickelte sich ein
merkwürdiges Schauspiel vor unsern Augen: lange schmale Kähne umringten
ihn von allen Seiten, in jedem stand aufrecht, mit dem Ruder kräftig
stoßend, ein Weib. Eine sah aus wie die andere: groß, schlank,
helläugig, mit buntem Rock, einem Hemd, das oft reiche Stickerei
aufwies, ein grelles Tuch um die weißblonden Haare geschlungen. Sie
wußten so genau Bescheid in ihren heimatlichen Gewässern wie der beste
Lotse, und bald waren wir wieder flott und fuhren in gutem Fahrwasser
den voranrudernden Frauen nach. Allmählich wurde ihre Zahl immer
kleiner, und nur die grauhaarige Schicksalsgöttin blieb übrig, um uns
den Weg zu der Mittagsstation, wo das ersehnte Diner unsrer wartete, zu
zeigen. Schließlich verschwand auch sie, nachdem der Weg, wie sie sagte,
nicht mehr zu fehlen sei; irgendwo aus der Ferne hörten wir noch das
Rufen und Lachen, mit dem die Heimkehrende von den Gefährtinnen
empfangen wurde. Aber zu unserm Mittagessen gelangten wir nicht -- für
die entdeckte Wilddieberei hatte die Alte sich gerächt! Unser Schiff
enthielt Proviant; aber man hatte mehr an den Durst als an den Hunger
der Passagiere gedacht; und da bei stundenlanger Fahrt auch so ergiebige
Gesprächsstoffe wie Getreidepreise, Leutemangel, Erntesorgen und
Viehzucht schließlich erschöpft waren, so blieb den biederen
Vereinsgenossen nichts übrig, als zu trinken und Skat zu spielen. Um dem
Sehbereich ihrer teuren Ehehälften zu entgehen, zogen sie sich, soweit
es der Raum erlaubte, in die Kajüten zurück. Zigarrendampf, knallende
Pfropfen, ein immer brüllenderes Gelächter, hier und da aus der Tiefe
auftauchende blaurote Köpfe kündigten an, wie es dort unten aussah. Die
Frauen, bei denen die drei berühmten Gesprächsthemen -- Klatsch, Küche
und Kleider -- zwar etwas länger vorhielten, waren bald übel daran.
Vorsorgliche Hausfrauen zogen resigniert eine Häkelarbeit aus der
Tasche, die jungen Mädchen, zu denen ein paar unternehmende Jünglinge
sich gesellt hatten, spielten kindliche Spiele, wobei ihr Kichern den
Grad ihres Amüsements bezeichnen sollte; viele schliefen mit
Mäntelpolstern unter den Köpfen.
Indessen glitt unser Dampfer mit leisem Plätschern durch die traumhafte
Stille endloser gleichmäßig grüner Einsamkeit.
Seltsam, wie wenig Menschen schweigend genießen können, wie der Begriff
der Unterhaltung sich bei den meisten mit Schwatzen deckt und ein
Unbeschäftigtsein der Zunge oder der Hände ihnen gleichbedeutend ist mit
Langerweile. Ich saß stundenlang still und sah in die Ferne, wo das Grün
der Wiesen mit dem Blau des Himmels zusammenstieß und sich in
schimmerndem Silberglanz aufzulösen schien. Ich träumte von andern
Menschen als diesen hier: von Menschen, die die Kultur ihrer Zeit
verkörpern, Menschen, denen Natur, Kunst und Wissenschaft unendlicher
Gegenstand ihres Genießens, ihres Nachdenkens, ihrer Unterhaltung ist.
Herrn von Rapps Stimme rief mich in die Wirklichkeit zurück. Ich
lächelte: der kleine Mann mit dem glatten Schädel war gewiß unter diesen
der beste, aber er sah aus wie ein Bauer, und zu meinem Begriff der
Menschenkultur gehörte das Aussehen eines Märchenprinzen.
Es fing an zu dämmern als der Nemonien uns aufnahm, ein breiter Strom,
dessen Wellen so weich und melodisch fließen wie sein Name. Wir
erreichten das Haff, von einem Lotsen geführt. Groß und rot versank der
Sonnenball langsam hinter dem schmalen gelben Streifen der Nehrung, eine
lange goldene Straße auf dem Wasser malend. »Der Weg zum Himmel!« sagte
Herr von Rapp, von dem wundervollen Anblick ergriffen wie ich. »Zwei
Fischerkinder von Nemonien sind einmal des Abends auf dieser Straße
davongerudert. Sie bekamen daheim nur Schläge und böse Worte und wollten
zum lieben Gott. Sie kamen niemals wieder -- ob sie ihn wohl gefunden
haben?!« Wie er mich ins Herz traf mit dieser Zweifelfrage, wie er die
alten Wunden aufriß! -- »Ich glaube es nicht,« antwortete ich mit
zuckenden Lippen. Dann schwiegen wir wieder. Die Nacht brach an, die
Sterne glänzten vom hellen Himmel und die Mondsichel warf lauter Perlen
auf das Haff. Mich fror. Auf eine so lange Fahrt waren wir nicht
vorbereitet gewesen. Herr von Rapp hüllte mich sorglich in seinen Mantel
und brachte mir Tee und Wein. Eigentlich ist es doch seltsam, dachte
ich, daß die Menschen uns so rücksichtsvoll allein lassen. Ich hatte
mich ja freilich auch nicht um sie gekümmert.
Um Mitternacht waren wir wieder im Hafen von Labiau. Ich war sehr müde
und fühlte nur noch den Druck einer Hand, den ich herzhaft erwiderte.
Schweigsam fuhren wir nach Hause.
Am nächsten Morgen neckte mich Onkel Walter mit meiner »Eroberung«,
während Tante Emmy behauptete, ich hätte mich kompromittiert.
Nachmittags fuhr ein Wagen durchs Tor, dem Herr von Rapp, mit einem
Rosenstrauß bewaffnet, entstieg. Er war noch verlegener als ich, und sah
in diesem Kreise, wie ich fand, recht plebejisch aus. Während der ganzen
folgenden Woche kam er täglich. Ich lief oft davon, aber auch auf
einsamen Wegen, zu Pferd und zu Fuß, wußte er mich einzuholen, und
schließlich ließ ich mir seine Nähe mit einer gewissen Herablassung
gefallen. Als ich eines Morgens auf die Terrasse zum Frühstück kam, fand
ich Onkel und Tante in ausgelassenster Heiterkeit: Herr von Rapp hatte
um mich angehalten. Soll ich leugnen, daß meine erste Empfindung die
geschmeichelter Eitelkeit gewesen ist?! Der erste Antrag -- und kaum
fünfzehn Jahre alt! Dann aber dachte ich an den schwerblütigen Mann, der
sich aus seiner menschenscheuen Einsamkeit herausgerissen hatte, um eine
so bittere Erfahrung zu machen. Die Vorwürfe meiner Mutter verschärften
meinen Kummer: meine Koketterie, sagte sie, sei schuld an der ganzen
Sache. Ich war sehr unglücklich und malte mir des armen Abgewiesenen
Zustand in so düsteren Farben aus, daß ich mich verpflichtet fühlte, ihn
zu »retten«, -- ich wollte ihn um Verzeihung bitten, mich ihm heimlich
verloben, ihm ewige Treue schwören.
In aller Herrgottsfrühe ließ ich mir die »weiße Dame« satteln und ritt
durch einen feuchtkalten Septembermorgen zu ihm hinüber. Vor der
Stalltür sprang ich vom Pferde und warf dem ersten erstaunt
herbeieilenden Knecht die Zügel zu. Mit wild klopfendem Herzen zog ich
die Glocke an dem einstöckigen, einfachen Herrenhaus. Wie heldenhaft kam
ich mir vor, wie ungeheuer das Opfer, das ich brachte! Eine dicke
Wirtschafterin trat mir entgegen. Stotternd frug ich nach dem Herrn. Mit
offnem Munde starrte sie mich an, um dann spornstreichs im Hintergrunde
zu verschwinden. Gleich darauf stand Rapp vor mir. In äußerster
Verlegenheit vermochte ich nur das eine Wort »Verzeihung« zu murmeln. »O
gnädiges Fräulein hatten einen Ohnmachtsanfall!« rief er so laut, daß
die Mamsell, die den Kopf neugierig durch die nächste Türe steckte, es
hören konnte, »ich werde sofort für eine Erfrischung sorgen.« Er holte
ein Glas Wein und flüsterte mir, während ich trank, mit scharfer Stimme
zu: »Ich kann Ihnen nur raten, schleunigst in die Kinderstube
zurückzukehren. Spielen Sie vorläufig mit Puppen, statt mit Menschen!«
Langsam und müde ritt ich nach Pirgallen zurück.
Mein heimlicher Spazierritt und sein Ziel blieben nicht unbekannt, sogar
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