An einem der letzten Abende vor der Abreise saßen wir zwischen
hochaufgetürmten Kisten um den Eßzimmertisch. Schwarz starrten die
vorhanglosen Fenster zu mir herüber, vor denen ich stets ein Grauen
empfand, wie vor offenen Gräbern. Mama trug ihren unscheinbarsten
Morgenrock, ich -- im Vollgefühl größter Selbstentsagung -- eine
Schürze. Nur der Wilhelm wahrte auch inmitten der Unordnung des Umzugs
die Form: tadellos, wie stets, war sein Frack, blank geputzt, wie immer,
der silberne Teller, auf dem er Mama einen Brief präsentierte. »Aus dem
Kabinett Ihrer Majestät der Kaiserin,« sagte er mit der Miene
ehrfurchtsvoller Devotion. Mamas Gesicht erhellte sich, während sie las.
»Das ist wirklich ein Glücksfall«, -- damit reichte sie den Brief meinem
Vater. Ihm stieg das Blut zu Kopf bei der Lektüre; die Adern schwollen
ihm auf der Stirn; er räusperte sich immer heftiger. »Das hast du ja mal
wieder fein eingefädelt,« rief er schließlich mit dröhnender Stimme,
warf den Brief auf den Tisch und sprang vom Stuhl auf. Ich erhob mich
gleichfalls, um möglichst rasch zu verschwinden. »Du bleibst!« schrie
Papa wütend, mein Handgelenk umklammernd. »Alix ist schließlich die
Hauptperson, -- mag sie entscheiden,« fügte er hinzu und reichte mir
trotz Mamas entrüstetem »Aber Hans, wie unpädagogisch!« den gewichtigen,
großen Bogen. Er enthielt die kurze Mitteilung, daß »Ihre Majestät
gnädigst geruht habe, Fräulein Alix von Kleve eine Freistelle im
Augustastift zu bewilligen,« und die Bemerkung von der Kaiserin eigener
Hand »sie freue sich, die Enkelin ihrer lieben Jugendfreundin Jenny in
die ihrem Herzen so nahe stehende Anstalt aufnehmen zu können.« Im Fluge
erschienen all die Bilder des Stifts vor mir, die ich bei meinen
Besuchen mit Großmama oft genug gesehen und meinem Vater oft genug
geschildert hatte: Alles war Uniform dort, von der Kleidung bis zur
Gesinnung, und von den weiten Schlafsälen bis zum Garten atmete alles
denselben Geist: den der Hygiene, der Pünktlichkeit, der Ordnung. Da gab
es kein stilles Plätzchen und keine Zeit zum Träumen. Das, was mir von
klein auf das tiefste Bedürfnis gewesen war: allein sein zu können mit
meinen Gedanken, wäre hier Tag und Nacht unbefriedigt geblieben. Aber
war es nicht vielleicht die Hand Gottes, die mir grade diesen Weg der
Buße wies? Würde ich nicht mit einem Schlage meine Eltern von drückenden
Sorgen befreien, wenn ich ihn, ohne Rücksicht auf meine Wünsche, tapfer
betrat? Erwartungsvoll fragend sah Papa mich an. Und leise, mit
gesenkten Augen sagte ich: »Es wird wohl das beste für mich sein!«
»Ihr habt ja das Mädel gut klein gekriegt,« höhnte Papa, »aber ich geb
das nie und nimmer zu! So stehts noch nicht mit mir, daß ich meine
Tochter das Gnadenbrot essen ließe! -- Sie bleibt zu Hause, wo sie
hingehört, sie wird nicht zum Hofschranzen erzogen -- und damit basta!«
Mama blieb still. Ich wurde ins Bett geschickt, hörte aber noch lange
des Vaters heftige Stimme: mein Schicksal, das fühlte ich, wurde dort
drüben entschieden.
Am Tage darauf mußte ich mich auf des Vaters Kniee setzen, und mit einer
weichen Zärtlichkeit, die er selten zu zeigen pflegte, sprach er auf
mich ein:
»Du bist mein einziges Kind, Alixchen, und meine ganze Lebensfreude.
Wenn ich dich von mir gebe, so heißt das, dich verlieren, denn fremde
Einflüsse werden auf dich wirken, die meinem Denken und Fühlen
entgegengesetzt sind. Glaube mir: niemand meint es so gut mit dir wie
ich, wenn ich auch oft grob und heftig bin, -- und niemand kann dich
lieber haben.« Mit feuchten Augen sah er mich an: »Willst du deinen
armen alten Vater wirklich verlassen, mein Kind?«
Schluchzend schlang ich die Arme um seinen Hals: »Ich bleibe bei dir,
Papa.«
Drittes Kapitel
Wir saßen um den runden Mahagonitisch beim Nachmittagskaffee; von der
Hängelampe mit dem grünen Schirm fiel ein warmes Licht auf den zierlich
gedeckten Tisch mit seinen Kristalltellern und Sahnennäpfchen und seinen
alten, weißen, wappengeschmückten Porzellantassen; die dickbauchige
silberne Kaffeekanne blitzte, und der große Napfkuchen duftete
sonntäglich. Mit lustigem Prasseln übertönten die brennenden Holzscheite
im Kamin die grämliche Herbststimme des Novemberregens draußen.
»Doktor Hugo Meyer,« meldete der Diener und öffnete die Tür vor dem
Erwarteten. Mein Vater stand auf. »Dein Erziehungsapparat,« flüsterte er
mir lächelnd zu. Ich war wenig neugierig. Sie waren bisher einander alle
ähnlich gewesen: grauhaarige Männer mit krummen Rücken und schmutzigen
Fingernägeln, ältliche, bebrillte Fräuleins mit blutleeren Lippen --
wirklich: nur gleichmäßig funktionierende »Erziehungsapparate«, aber
keine Erzieher.
Pflichtschuldigst erhob ich mich, als Papa mich dem neuen Lehrer
vorstellte, den er nach vielem Suchen für mich gefunden hatte. »Hier ist
unsere Alix, Herr Doktor! Ein großes Mädel, nicht wahr? Sie werden sich
tüchtig anstrengen müssen, damit der Geist sich streckt, wie der
Körper.« Ich reichte ihm die Hand; sein warmer, kräftiger Händedruck
ließ mich erstaunt zu ihm aufsehen, -- meine früheren Lehrer hatten mir
immer nur die Fingerspitzen berührt, was mich von vornherein hatte
frösteln lassen.
Ein großer, breitschultriger Mann stand vor mir; ein paar gute Augen von
einem so reinen Blau, wie es mir noch bei keinem Menschen begegnet war,
sahen mich forschend an. Und doch konnte ich nur schwer ein Lächeln
verbergen: wie schlecht paßte der Mann, dachte ich, in den langen
korrekten schwarzen Rock. Eines Arminius Lederwams und Panzer hätte ihm
besser gestanden, und unter einem Büffelhelm würde der breite
Germanenkopf mit dem gelockten rötlichen Haar und dem dichten Bart nie
den Gedanken an einen preußischen Gymnasiallehrer haben aufkommen
lassen. Er errötete unter meinem Blick und setzte sich mit einer
ungeschickt verlegenen Bewegung, den Zylinder immer noch in der Hand,
auf den Rand des ihm angebotenen Stuhles. Es bedurfte der ganzen
gesellschaftlichen Geschicklichkeit meiner Mutter und der jovialen
Liebenswürdigkeit meines Vaters, um eine Unterhaltung in Fluß zu
bringen. Erst als das Gespräch sich ausschließlich auf des Besuchers
eigentliches Gebiet konzentrierte, wurde er lebendig, und je mehr er den
schwarzen Rock und das Zeremoniell der Salonkonversation vergaß, desto
stärker trat seine Natur hervor: die eines Menschen voll Jugendkraft und
Enthusiasmus. Ich empfand sie, wie ich den schäumenden Gießbach und die
dunkeln, schattenden Bäume in dem kühlen, grünen Grund der Maxklamm
empfand, wenn ich von den sommerschwülen Wiesen Grainaus dorthin
flüchtete. Ein tiefes Aufatmen ging durch meine Seele. Ich öffnete den
Mund nicht während des ganzen Besuchs, und er richtete nie das Wort an
mich. Daß ich seinen Händedruck beim Abschied herzhaft erwiderte, war
das einzige Zeichen meines Willkommens.
Am Abend desselben Sonntags war es; die Stunde, in der mein Vater für
Wünsche am zugänglichsten, für Widerspruch am wenigsten empfindlich war.
Dann pflegte Mama mit gekreuzten Armen tief in der Sofaecke seines
Zimmers zu sitzen, der Patience zuschauend, die er, als bestes
Nervenberuhigungsmittel, wie er meinte, allabendlich zu legen pflegte.
Ich las währenddessen oder träumte vor mich hin.
»Wir hätten Alix doch in die Schule schicken sollen,« begann Mama.
»Damit sie mit fünfzig Cohns und Goldsteins in einer Klasse sitzt! Na,
Gottlob, ist das Thema seit heute erledigt,« antwortete er.
»Und daß er ihr keine Religionsstunde geben will, ist doch auch
bedenklich,« fuhr sie fort.
»Das ists grade, was mir paßt,« sagte er mit etwas erhobener Stimme,
»den Katechismus kann sie am Schnürchen, die Kirchenlieder auch, alles
übrige läßt sich nicht lehren und nicht lernen, wenn mans nicht erfährt.
Und zu dieser Religionserziehung sind die Herren Eltern da.«
»Ich freue mich auf die Stunden,« unterbrach ich das Gespräch, in der
Angst, es könne sich zu einer Szene steigern.
»Jedenfalls muß ich immer dabei sein,« seufzte darauf Mama.
Ich erschrak. Vor niemandem vermochte ich so wenig aus mir herauszugehen
wie vor ihr. Lähmend wirkte ihre Kühle auf mich. Wie eine stumme Geige
war ich in ihrer Nähe: gehorsam geben die Saiten dem Spiel der Finger
nach, aber mit keinem Ton antworten sie ihnen.
»Warum denn, Mama?« frug ich mit zuckenden Lippen, die Augen bittend auf
sie gerichtet, »ich werde sicher gut aufpassen und immer fleißig sein.«
»Glaubst du vielleicht, ich tus aus Vergnügen?!« Ihre Stimme wurde
schärfer: »Es schickt sich einfach nicht, euch allein zu lassen!«
Eine unklare Empfindung, als habe mich etwas Unreinliches berührt, trieb
mir die Schamröte in die Wangen.
Wir verstummten alle. Tiefer senkte ich den Kopf auf mein Buch, aber ich
sah die Worte nicht; ich hörte auf den Regen, der eintönig gegen die
Fensterscheiben schlug. Das Kaminfeuer nebenan war erloschen.
Am nächsten Nachmittag begann der Unterricht. Mama saß richtig mit einer
Handarbeit dabei. Ihre Gegenwart schien auch der Lehrer peinlich zu
empfinden, er kam nicht in die Stimmung, die mich an ihm mit so viel
Hoffnung erfüllt hatte, und wir waren schließlich sichtlich enttäuscht
voneinander. Wochenlang blieb alles beim alten, und ich sagte mir mit
altkluger Bitterkeit, daß ich mich eben wieder einmal umsonst gefreut
hätte. Aber mit dem nahenden Winter nahm die Gefälligkeit zu, und
schließlich war sie dermaßen ausgedehnt, daß ich meine Eltern fast nur
zu Tisch noch sah. Besuche, Diners, Bälle, Wohltätigkeitsvorstellungen
folgten einander auf dem Fuß. Meine Mutter hatte nur noch Zeit, die
pflichtgemäße Mittagspromenade mit mir zu machen und meinen Lehrer zu
begrüßen, wenn er kam. Täglich wiederholte sich dabei dieselbe Szene:
mit linkischer Verbeugung und verlegenem Hüsteln, das sein gewaltiger
Brustkasten Lügen strafte, trat er ein. »Sind Sie zufrieden mit Alix?«
frug Mama. »O sehr,« antwortete er. Ihm freundlich zunickend, mir rasch
die Stirne küssend, verabschiedete sie sich, und mit einem Gefühl der
Erleichterung nahmen wir einander gegenüber Platz. Der Diener brachte
den Kaffee, der, wie Papa gemeint hatte, eine Unterhaltung und damit ein
näheres Bekanntwerden von Lehrer und Schülerin herbeiführen sollte. Aber
es kam nie dazu. Dr. Meyer schluckte hastig den gebotnen braunen Trank
herunter und zerbröckelte schweigsam den Kuchen zwischen den Fingern,
während er meine Hefte durchsah. Erst durch den Lehrstoff, den er
vortrug, taute er auf, und je mehr die Zeit vorrückte, desto heller
leuchteten seine Augen, desto reicher strömten ihm alle Mittel
eindrucksvoller Rede zu. War mein ganzer bisheriger Unterricht nichts
als eine Anhäufung von Regeln, Versen Namen, Zahlen und Daten gewesen,
so leblos und reizlos für mich, wie das Spielzeug, mit dem Onkels und
Tanten meine Schubläden füllten, so strömte jetzt mit ihm das Leben
selbst mir zu, dessen Fülle ich in atemloser Aufmerksamkeit, in
herzklopfender Erregung zu fassen und zu halten versuchte. Die toten
Helden der Geschichte wurden lebendig vor mir; alle, die um der Freiheit
und der Gerechtigkeit willen geblutet hatten, -- von Leonidas und
Tiberius Gracchus bis zu den Amerikanern, den Griechen, den Polen der
Neuzeit --, zeigten mir ihre Narben und Wunden, und meine Begeisterung
entflammte sich an ihren Taten und Leiden. Die Dichter sprachen zu mir,
und die Lehrer und die Propheten der Menschheit brachten dem kleinen
Mädchen die unvergänglichsten ihrer Schätze. Wenn sie auch ihren Wert
noch nicht zu würdigen verstand, so erkannte sie doch mit inbrünstigem
Schauern ihren Reichtum, und die Welt, bisher für sie nur erfüllt mit
den Nebelgestalten ihrer eignen Schöpfung, sah sie nun aus tausend
lebendigen Augen an.
Mündlich und schriftlich hatte ich Gelesenes und Gehörtes nicht nur
automatisch wiederzugeben, sondern meine eignen Eindrücke und Gedanken
daran zu knüpfen. Stets verteidigte ich leidenschaftlich meine Helden,
und um ihre Widersacher zu malen, war mir das tiefste Schwarz nicht
schwarz genug. Suchte der Lehrer meine Engel in Menschen zu verwandeln,
so bäumte sich meine Empfindung feindselig gegen ihn auf; und geschah
es, daß mein Verstand ihm recht geben mußte, so trauerte ich verzweifelt
vor dem gestürzten Heros, als wäre mir ein Freund gestorben.
Ein hoher hölzerner Fußschemel war meine Rednertribüne. Ich konnte nicht
zusammenhängend sprechen, wenn ich am Tische saß oder stand; ich
bedurfte eines merkbaren räumlichen Abstands zwischen mir und dem
Zuhörer und war daher instinktiv auf diesen Ausweg verfallen. Nur in
Mamas Gegenwart half auch der Fußschemel nichts, seitdem sie einmal
zugehört und über mein Pathos Tränen gelacht hatte. Mein Lehrer
verstand mich; kam sie zufällig herein, während ich sprach, so
wechselte er stillschweigend den Gegenstand des Unterrichts. Aber nicht
nur der Stoff und die Form, auch der Tenor des Inhalts wurde ein andrer,
wenn wir nicht allein blieben.
Meine Mutter hatte einmal ausnahmsweise der Geschichtsstunde beigewohnt,
als Dr. Meyer Friedrichs des Großen Polenpolitik einer abfälligen Kritik
unterzog. Er war Hannoveraner und hatte sich als solcher trotz aller
Begeisterung für das Deutsche Reich den Hohenzollern gegenüber einen
scharfen kritischen Blick bewahrt. Seine Auseinandersetzung unterbrach
meine Mutter plötzlich mit einer Leidenschaftlichkeit, die bei der sonst
so vornehm kühlen Frau wie etwas völlig neues erschien: »Herr Doktor,«
rief sie, »vergessen Sie nicht, wen Sie vor sich haben. Wir sind
Preußen!« -- »Verzeihen Sie, gnädige Frau,« entgegnete er, während
das Blut ihm in Wangen und Schläfen schoß, »die objektive
Geschichtsforschung ...« -- »Was geht mich die objektive
Geschichtsforschung an,« warf sie heftig dazwischen, »wir haben unser
angestammtes Fürstenhaus zu lieben und unsre Kinder im Respekt vor ihm
zu erziehen. Lehren Sie Alix einfache Tatsachen, keine zersetzende
Kritik. Sie ist sowieso schon superklug genug.« Ich erwartete eine
energische Antwort. Doch der große, starke Mann schien in sich zusammen
zu fallen, er senkte die Augen, und sein Gesicht färbte sich noch
dunkler. Als wollte er einen bösen Gedanken vertreiben, fuhr er sich mit
der Hand, deren Weiße zu ihrer breiten Derbheit einen seltsamen Kontrast
bildete, ein paarmal über die Stirn, sah mechanisch nach der Uhr, atmete
tief auf, da die abgelaufene Zeit seinen Aufbruch gestattete, und
verabschiedete sich noch unbeholfener als gewöhnlich. Mir gab es einen
Stich ins Herz: es war zwar nicht ein Heros, dessen Sturz mich
verletzte, es war nur ein erster schüchterner Trieb beginnenden
Vertrauens, der mir aus dem Herzen gerissen wurde. Ein Mann, der sich so
herunterputzen ließ! Der seine Überzeugung nicht zu vertreten vermochte!
Daß Mutter und Schwester daheim mit jedem Groschen rechnen mußten, den
er verdiente, -- das freilich wußte ich damals nicht.
Für mich, für die ein Erlebnis, das andre kaum empfanden, so oft zum
erschütternden Ereignis wurde, blieb diese Stunde bedeutungsvoll. Noch
immer sah ich Tag für Tag meinem Lehrer voll Erwartung entgegen, aber er
war doch nur der Türhüter am Museum der Menschheitsgeschichte, nicht der
Führer, dessen Leitung sich der Laie anvertraut: er öffnete mir einen
Saal nach dem andern, aber ich ging schließlich doch allein. Wenn es
auch sein höchstes Verdienst war, daß ich allein gehen lernte, -- nicht
auf den Stelzen fremder Anschauungen, die unbrauchbar werden, sobald es
gilt, über Felsen zu klettern --, so ist doch die Seele des Kindes zu
weich, zu schutz- und anlehnungsbedürftig, als daß sie auf einsamer
Wanderung durch das fremde Leben nicht Wunden über Wunden davontragen
müßte und ihr beim Sammeln von Blumen und Beeren nicht allzuviel giftige
in die Hände fielen.
Ich war ein frommes Kind gewesen -- mit jener Frömmigkeit, die an den
lieben Gott und an die Engel und an den Herrn Jesus ebenso innig glaubt,
wie an die sieben Zwerge, an die Knusperhexe und an die kleine
Seejungfrau; mit jenem Glauben, der gar kein Glauben ist, weil noch
kein Schatten eines Zweifels ihn erprobte.
Bei mir wie bei jedem Kinde wiederholte sich, was die Kindheit der
Völker kennzeichnet: ihre Phantasie ist das Mittel, durch das sie sich
mit dem ungeheuern Geheimnis des Lebens und des Schicksals
auseinandersetzen. Sie überwinden die Furcht vor dem Unbegreiflichen
durch den Glauben an die waltenden Wesen über ihnen. Schon als kleines
Kind flüchtete ich, wenn irgend ein Ereignis mich aus dem Gleichgewicht
brachte, in die Stille, um inbrünstig den Vater im Himmel um Hilfe zu
bitten. Auf meine religiösen Empfindungen blieben die Gebete, Sprüche
und Gesangbuchverse, die ich in der Schule gelernt hatte, und der
Luthersche Katechismus vor allem, der, wäre er chinesisch geschrieben,
den Kindern nicht weniger verständlich sein würde, so einflußlos wie die
nüchterne Ode der protestantischen Kirche. Die Heiligenbilder, das
geweihte Wasser, die durch rotes Glas mystisch schimmernde ewige Lampe
unter dem geheimnisvollen Bilde der schwarzen Madonna von Ezenstochau,
die die Wände in der Kammer unsrer polnischen Köchin schmückten, zogen
mich weit mehr an.
Das Licht des grellen Tages fiel nun in diese unberührte traumdunkle
Märchenwelt meiner Religion.
In der Geschichtsstunde, zu der in spätern Jahren ein besondrer
religionsgeschichtlicher Unterricht hinzukam, lernte ich, wie nicht nur
innerhalb des Christentums eine Kirche, eine Sekte die andre auf das
heftigste bekämpfte, wie jede im Besitz des alleinseligmachenden
Glaubens zu sein behauptete, und für jede Märtyrer geblutet hatten, ich
sah auch, daß Juden, Muhamedaner und Buddhisten nicht weniger fromm
waren als die Nachfolger Christi und mit derselben Hingabe wie sie für
ihren Glauben lebten und starben. Die Fabel von den drei Ringen kannte
ich noch nicht, aber ich empfand schon die Schwere ihrer Fragestellung.
Mein Lehrer, der dem Mißtrauen meiner Mutter, als er sich weigerte, mir
Religionsstunden zu geben, dadurch begegnet war, daß er versprochen
hatte, keinerlei Glaubenszweifel in mir zu erwecken, beschränkte sich im
wesentlichen auf die Darstellung historischer Ereignisse und wich meinen
bohrenden Fragen so lange aus, bis ich es aufgab, sie zu stellen. In
meinem Innern aber wurden sie zu Quadersteinen eines babylonischen
Turms, von dem auch ich über die Wolken zu sehen hoffte. Da ich noch zu
schwach und ungeschickt war, sie ohne Hilfe fest und sicher aufeinander
zu schichten, brach mein Bau frühzeitig zusammen. Nicht zu neuen Wundern
hatte er mich emporgeführt, doch meinen Kinderglauben begrub er unter
seinen Trümmern.
Im mystischen Dunkel der Tempel und Kirchen waltet die Phantasie
ungestört, die große Bannerträgerin allen Glaubens, und flößt den
Marmorsteinen der Götter und den Bildern der Heiligen rotes, warmes
Leben ein. Dringt aber Licht und Lärm durch zerrissene Vorhänge und
zerbrochene Scheiben, so wandeln sie sich wieder zu toten Gebilden von
Menschenhand. Die Phantasie aber baut in stillen Winkeln neue Tempel für
die glaubensdurstigen Kinderseelen, die Denker und Dichter noch nicht
sind, oder niemals werden können.
Einmal, nach der Rückkehr von einer längeren Sommerreise, führte mich
mein Vater mit besondrer Feierlichkeit in unsre Wohnung. Hatte ich
bisher ein Zimmer neben der Schlafstube der Eltern bewohnt, in dem sich
tags über meist auch die Jungfer aufzuhalten pflegte, so öffnete er mir
jetzt die Tür zu einem bis dahin unbenutzten Raum. »Das ist dein Reich,
mein Kind,« sagte er. Ich konnte das Glück kaum fassen: ein eignes
Zimmer! Dieser Traum jedes zu selbständigem Leben reifenden
Menschenkindes sollte mir so wundersam in Erfüllung gehen! Keine
rasselnde Nähmaschine durfte mich hier mehr stören, niemand konnte mir
den Platz am eignen Schreibtisch streitig machen! Nur das alte braune
Sofa erinnerte trotz seines neuen blau-weißen Kleides noch an die
Kinderstube. Die erste Nacht unter dem schneeigen Betthimmel und der
roten Ampel fand ich keinen Schlaf: mein Zimmer, und doch -- das
allereigenste fehlte ihm noch, das geheimnisvolle, das niemand sehen
durfte als ich allein. Ich richtete mich auf, zündete die Ampel an und
schlüpfte aus dem Bett. Bunte Seidenreste und einen großen gelben Schal
holte ich aus meinem Wäscheschränkchen und kauerte damit am Fenster
nieder, wo zwischen dem Sofa und der Wand eine Ecke leer war. Mit Nadeln
und Reißnägeln spannte ich den gelben Schal wie ein Zeltdach zwischen
der hohen Seitenlehne des Sofas und der Fensterwand, fütterte die Wände
innen mit rotem Atlas und breitete himmelblauen Sammet als Teppich auf
dem Boden aus. Einen weißen, mit Blumen bemalten Kasten stellte ich wie
einen Altar in die Mitte, bunte Kerzen von meinem Geburtstagskuchen
befestigte ich ringsum, und eine kleine Schale von Malachit, mit
Rosenblättern gefüllt, legte ich als Opferstein davor. Nur der Gott
fehlte noch, dem der Weihrauch duften sollte. Leise, mit angehaltnem
Atem, schlich ich zum Eßzimmer hinüber, holte vom Ofensims die kleine
Statuette des Apoll vom Belvedere und erhob ihn zum Heiligen meines
farbenglühenden Tempels. Tief mußt ich mich neigen, um hineinzusehen;
aber daß ich fast die Erde mit den Lippen berührte, entsprach nur meiner
feierlichen Andacht. »Baldur« nannte ich den Apollo, denn die Götterwelt
der Germanen war mir vor allem vertraut geworden, und mit einer ersten
instinktiven Auflehnung gegen die Schmerzensgestalt des Gekreuzigten
betete ich den blühenden Gott des steigenden Lichtes an.
Kindisch mags denen erscheinen, die nichts wissen von den Tiefen der
Kindesseele, ich aber weiß, daß keines gläubigen Christen Frömmigkeit
inniger sein konnte als die, die mich erfüllte, wenn ich vor dem
selbstgeschaffnen Heiligtum in die Knie sank.
Meiner Mutter erzählte ich herzklopfend, daß ich den Apollo »zerbrochen«
hätte, und bat sie, wie alle Hausbewohner, die mit einem dunkeln Tuch
sorgfältig verhüllte Ecke meines Zimmers nicht zu untersuchen, der
»Weihnachtsüberraschungen« wegen, die ich dort verwahrt hätte. Als aber
Weihnachten vorüber war, machte ich keinerlei Anstalten, meinen
geheimnisvollen Bau dem Besen und dem Scheuertuch zu opfern. Heimlich
kaufte ich mir Blumen, um ihn stets frisch zu schmücken, und eine kleine
ewige Lampe, an deren Brennen und Erlöschen sich allmählich allerlei
abergläubische Vorstellungen knüpften, und Räucherkerzchen, die
allabendlich den Gott auf dem Altar in bläuliche Wolken hüllten. Schon
oft hatte Mama mich gemahnt, das »unnütze Zeug« fort zu räumen;
schließlich, als ich eines Morgens von der Klavierstunde kam, trat sie
mir mit hochrotem Gesicht entgegen. »Wirst du dir denn nie das Lügen
abgewöhnen?!« rief sie und zog mich in mein Zimmer. Mein Tempel war
verschwunden, in wirrem Durcheinander lagen Stoffe und Blumen, Lichter
und Räucherwerk auf dem Tisch, erloschen stand das Lämpchen neben
Baldur-Apoll. »Weißt du, wie man das nennt, wenn man sich fremdes
Eigentum aneignet?!« Vor diesen Worten wich die Erstarrung des ersten
Entsetzens von mir. Aufschreiend warf ich mich vor meinem Bett in die
Kniee; meine Glieder flogen, und mein Herz klopfte, als wollte es mir
die Brust zersprengen. Meine Mutter hielt diesen Ausbruch der
Verzweiflung offenbar für Reue. »Na, beruhige dich, Alixchen,« sagte
sie, mir die Hand auf den Kopf legend, eine Berührung, die mich zwang,
ihn nur noch tiefer in die Kissen zu vergraben, »ich will die ganze
Geschichte noch einmal als bloße Kinderei betrachten. Belügst du mich
aber noch ein einziges Mal, so muß ich andre Saiten aufziehen.«
Ich baute von nun an keine Tempel mehr. Mein äußeres Leben war das einer
korrekten Schülerin und wohlerzogenen Tochter. In der schwülen
Treibhausluft meines Innern aber wucherten die Wunderblumen meiner
Träume, und berauschend umwehte mich ihr Duft, wenn ich allein war und
zu mir selber kam. Oft hielt ich mich krampfhaft wach, bis alle
schliefen, um dann bei der trübe flackernden Kerze noch lange am
Schreibtisch zu sitzen, wo ich mit glühendem Kopf und frostbebendem
Körper Verse zu Papier brachte, die nach Freiheit schrieen und nach
Liebe.
Nur der Unterricht meines Lehrers wirkte noch beruhigend auf die Stürme
meines Innern und lenkte mein Interesse in andere Bahnen. Die
Literaturgeschichte besonders fesselte mich mehr und mehr. Sie bestand
nicht nur aus den Namen der Dichter, den Titeln ihrer Werke und fix und
fertigen Urteilen über sie, mit denen ausgerüstet unsere Jugend Bildung
zu heucheln pflegt, sie vermittelte mir vielmehr, soweit es meiner
geistigen Entwicklung entsprach, die Kenntnis der Werke selbst. In
kleinen gelben Heftchen brachte sie mir mein Lehrer, der nicht die
Mittel hatte, kostbarere Ausgaben anzuschaffen. Die nordische und die
ältere deutsche Literatur, die griechischen und römischen Klassiker
lernte ich auf diese Weise kennen; mit der Lektüre wuchs mein Verlangen
nach immer neuen Büchern, und statt des Weihrauchs und der Blumen für
meinen Tempel kaufte ich mir ein Reklamheft nach dem andern. Nachdem ich
erst den Katalog in Händen hatte, ließ es mir keine Ruhe mehr: ich mußte
lesen, lesen -- alles lesen. Was mir der Lehrer empfahl, genügte meinen
von Neugierde und Wissensdurst aufgepeitschten Wünschen längst nicht
mehr, noch weniger, was mir die Eltern gaben und erlaubten. In acht
Tagen pflegte ich meine Weihnachts- und Geburtstagsbücher auszulesen,
und wenn ich mich auch immer aufs neue in Grubes »Charakterbilder« --
meine Fundgrube, wie Papa sagte -- und in Gustav Freytags »Bilder aus
der deutschen Vergangenheit« vertiefte, so füllte das alles die freie
Zeit doch nicht aus.
Andere Kinder meines Alters spielten; meine Puppen und mein Kochherd
wurden nur dann der Vergessenheit entrissen, wenn ich Besuch hatte, was
ich darum zumeist nur als unangenehme Störung empfand. Was hatte ich
gemeinsames mit den »dummen Schulgöhren«? Ihren Schulklatsch verstand
ich nicht, und ließ ich mich hinreißen, ihnen meine Interessen zu
verraten, so lachten sie mich aus. Mama hielt es für ihre Pflicht, mir
Verkehr mit Altersgenossen zu verschaffen, auch ich empfand ihn nur als
eine Pflicht, die nach meiner Erfahrung stets das Gegenteil des
Vergnügens war. Mit in die Höhe gezogenen Beinen in der Sofaecke kauern,
vertieft in ein Buch, vor dessen Zauber die ganze Welt um mich versank,
-- diesem Genuß glich kein andrer! Nur die ständige Angst, entdeckt zu
werden, beeinträchtigte ihn. Denn, was ich las, -- dessen war ich sicher
--, gehörte nicht zu der erlaubten »Mädchenlektüre«, und doch fühlte ich
instinktiv, daß es tausendmal wertvoller war als die zuckersüßen
Backfischgeschichten von Clementine Helm, für die sich meine Freundinnen
damals begeisterten.
In dem neuen Bezug meines alten Sofas hatte ich eine Naht aufgetrennt;
hörte ich Schritte draußen, so verschwand mein gelbes Heft in dies
sichere Versteck, und ich beugte mich rasch andachtsvoll über Webers
Weltgeschichte, die auf dem Tische bereit lag. Nach und nach wurde das
gute verschwiegene Möbel meine Schatzkammer. Da lagen sie alle friedlich
beisammen, deren Gestalten in meinem Hirn und Herzen in tollen Tänzen
durcheinanderwirbelten: Die Arnim und Brentano, die Hauff und Zschokke,
die Scott und Bulwer, die Gogol und Turgenjeff. Sie ließen mich nachts
oft nicht zur Ruhe kommen, und wenn ich schlief, verfolgten sie mich bis
in meine Träume.
Eines Winterabends war mir der Lesestoff ausgegangen. Meine Eltern
waren nicht zu Haus; ich konnte unbemerkt zum nächsten Buchhändler
laufen, um zu holen, wonach ich Verlangen trug. Von E. T. A. Hoffmann
hatte ich in der Literaturgeschichte gelesen -- »das ist noch nichts für
dich« war mir geantwortet worden, als ich, in der Meinung, es handle
sich um Kindermärchen, den Lehrer darum gebeten hatte. Und dies »das ist
nichts für dich« war mir längst zum Empfehlungsbrief der Bücher
geworden. Mit »Klein-Zaches« und dem »Goldnen Topf« in der Tasche kam
ich zurück. Dann fing ich an zu lesen. Mein Abendbrot, das man mir
brachte, blieb unberührt, die Mahnung der Jungfer, schlafen zu gehen,
unbeachtet. -- Saß ich nicht selbst unter dem Holunderbusch und sah die
grüne Schlange, und hörte die klingenden Glöcklein? Grinste mir nicht
von der Tür her das Bronzegesicht der zauberhaften Äpfelfrau entgegen?
-- Da öffnete sich die Tür. »Wie, du bist noch nicht im Bett?!« tönte
mir die Stimme meines Vaters entgegen. »Ich muß wohl eingeschlafen
sein,« stotterte ich und versteckte hastig mein Buch. »So zieh dich
rasch aus -- ich werde Mama nichts sagen -- gute Nacht.« Damit schloß er
die Türe wieder. Ich löschte die Lampe und kroch mit den Kleidern ins
Bett; als Mama leise eintrat, glaubte sie mich schlafend. Und dann las
ich weiter: von Klein-Zaches mit den drei goldnen Haaren, von der
Nachtigall und der Purpurrose, von der Lotosblume und dem Goldkäfer. Es
ließ mich nicht los, bis ich zu Ende war, und ich lebte von da an in der
Welt Hoffmanns, so daß mir jede Berührung der Wirklichkeit weh tat, wie
ein Nadelstich. Schwerer als je wurde mir jetzt der Unterricht, der mir
schon immer qualvoll gewesen war: die Musikstunde. Ich liebte die Musik;
durch Hoffmann erschien sie mir wie ein Himmelszauber; -- schon als
kleines Kind konnte ich stundenlang still zuhören, wenn jemand sang oder
spielte, -- meine eigne Klimperei, bei der ich nie über den Kampf mit
der Technik hinauskam und vor Noten und Vorsatzzeichen von der Musik
nichts hörte, wurde mir immer unerträglicher. Vergebens bat ich Mama,
mich meiner offenbaren Talentlosigkeit wegen davon zu befreien --
Klavierspielen gehörte zur guten Erziehung, also bliebs dabei. Ich
suchte mir selbst einen Ausweg: statt zur Lehrerin, ging ich spazieren,
oder ich entschuldigte mich mit »Kopfweh«. Um niemanden von den Meinen
zu begegnen, mußt ich dann freilich abgelegene Wege suchen.
In einem regenreichen Frühjahr des Jahres 1877 war der polnische
Stadtteil Posens, wo die Ärmsten wohnten -- die Walischei -- durch die
aus den Ufern tretende Warthe vollkommen unter Wasser gesetzt
worden. Krankheit und Not nahmen überhand, so daß auch in den
Gesellschaftskreisen meiner Eltern auf dem üblichen Wege der
Wohltätigkeitsvorstellungen Hilfe geschaffen werden sollte. Ich wirkte
nicht mit, wie früher in Karlsruhe, -- mit dem langen, dünnen, blassen
Mädchen war wohl kein Staat zu machen --, aber den Proben und
Aufführungen wohnte ich bei, weil meine Mutter zu den Hauptdarstellern
gehörte. Da erfuhr ich denn mancherlei von den Unglücklichen, denen der
Ertrag dieser Eitelkeitsparaden zugute kommen sollte. Armut -- was wußte
ich von ihr? Sie hatte mich bis zu Tränen erschüttert, als sie mir in
den hungernden Sklaven Roms zur Zeit Neros, in den um Brot schreienden
Weibern von Paris zu Beginn der großen Revolution, in den
Jammergestalten der schlesischen Weber in den Elendsjahren Preußens
entgegengetreten war. Aber jetzt, in der Herrlichkeit des Deutschen
Reichs, unter dem Zepter des guten alten Kaisers -- jetzt gab es doch
keine Armut mehr! Daß uns gegenüber in der polnischen Kneipe Tag für Tag
Betrunkene vor der Türe saßen, daß selbst Weiber im Rausch in den
Rinnstein fielen, erregte nur meinen Ekel, nicht mein Mitleid. Ihr
Laster wars ja und nicht ihr Elend, dem sie verfallen waren. Ich
beschloß, die Armut, die ich nicht kannte, zu suchen; und die Angst, die
mich angesichts des Abenteuers zittern ließ, erhöhte noch die Romantik
meines Unternehmens. All die phantastischen Irrwege der Helden
Hoffmannscher Erzählungen standen mir lockend vor Augen.
Es war ein naßkalter Märzmorgen, als ich, mit der Musikmappe am Arm,
über den Wilhelmsplatz zum Markt hinunterging. Ein bekanntes Gesicht
trieb mich in den dunkeln Dom, wo mir eine schwere Wolke von
verbrauchter Winterluft, von Menschendunst und Weihrauch entgegenschlug.
Die Tapsen vieler schmutziger Füße hatten den Boden mit einer schwarzen
klebrigen Schicht überzogen. Von ein paar dicken Altarkerzen flackerte
das Licht bläulich in den Raum, und die Züge des Priesters, der mit
heiserem Krächzen in der Stimme die Messe zelebrierte, erschienen fahl,
wie die eines Toten. Von unbestimmten Grauen getrieben, lief ich der
nächsten Türe zu; kurz vorher aber glitt ich aus und fiel auf die
Fliesen. Der zähe Schmutz blieb an Händen und Knien kleben, mühsam nur,
unter aufsteigender Übelkeit, rieb ich ihn ab. Ein böser Anfang! dachte
ich, als ich durch immer engere und dunklere Straßen meinem Ziele
zustrebte. Schon sah ich hie und da, wie das Wasser aus den Kellern
gepumpt und mit Eimern heraufgetragen wurde; dann wurden die Häuser
immer kleiner, so daß die Dächer fast mit den Händen zu fassen waren,
und über immer breitere Wasserrinnen vermittelten primitive Brücken den
Übergang. In den tiefer gelegenen Gassen stand das Wasser so hoch, daß
Flöße aus Brettern die Passanten hin und her führten. Auf den
schwarzgelben Fluten schwammen Küchenabfälle, zerbrochene Töpfe,
übelriechende Kehrichthaufen, in denen dürftig gekleidete Kinder, oft
bis zu den Knieen im Wasser watend, mit schmutzigen Fingern nach
Spielzeug suchten. Mir wars, als stiege eine Kälte an mir empor, mich
umwindend wie eine graue, feuchte Schlange. Der gellende Ton eines
Glöckchens ließ mich zur Seite sehen: ein Chorknabe schwang es, dem der
Geistliche folgte. Vor der Tür des grellgelben Häuschens, hinter der sie
verschwanden, drängten sich Weiber und Kinder, barfüßig, schmutzig,
zerlumpt; nur ein paar faltige rote Röcke und bunte Kopftücher zeugten
von einstigen, besseren Zeiten. Ihr Schwatzen wurde allmählich zum
Gekreisch, ihre Gebärden machten, je lebhafter sie wurden, den Eindruck
konvulsivischer Zuckungen; aus allen Häusern der Straße strömten sie
zusammen, -- wie war es nur möglich, daß ihrer so viele darinnen wohnen
konnten?! Angstvoll hatte ich mich in einen Torweg verkrochen, als sich
neben mir eine Tür knarrend öffnete: rückwärts torkelnd, fluchend und
schimpfend kam ein Mann heraus, eine Flasche als Waffe gegen seine
Verfolger schwingend. Da klang der gellende Ton des Glöckchens wieder,
und jeder andere verstummte vor ihm; die schwatzenden Weiber, die
betrunkenen Männer und die johlenden Kinder sanken in die Kniee, wo
irgend ein Stein oder eine Stufe aus dem Wasser hervorsah. An ihnen
vorüber schritt der Gebete murmelnde Priester; schwarz und schwer
breitete sich sein Talar hinter ihm auf den Fluten aus.
Ein Mann und ein Weib folgten ihm, hager und gebückt alle beide; in
wirren Strähnen hingen strohgelbe Haare ihr in das von Weinen
aufgedunsene Gesicht; ihre grauen knochigen Finger umklammerten den
Griff des schmalen schwarzen Schreines, den sie gemeinsam trugen; ein
Myrtenkränzlein aus Papier, mit dem Bilde der schwarzen Madonna war sein
einziger Schmuck. Stumm, wie die beiden, folgte ihnen die Menge, -- ein
langer Zug des Elends, den der Betrunkene, die leere Flasche zwischen
den gefalteten Händen, schwankend beschloß. Kein Laut war mehr hörbar,
als das Plätschern des Wassers zwischen den vielen, vielen Füßen der
langsam Schreitenden.
Wie aus bösem Traum erwachend, fuhr ich zusammen. An der weit offnen Tür
des Hauses, aus dem der Sarg getragen worden war, mußt ich vorüber. Es
war ganz dunkel darin, und doch sah ich, daß etwas am Boden hockte und
mich anstarrte mit großen, leeren Augen, -- die Armut. -- So rasch meine
zitternden Beine mich tragen konnten, entfloh ich. Frostgeschüttelt warf
ich mich zu Hause auf mein Bett. Am nächsten Morgen erkannte ich
niemanden mehr.
Viele Wochen schwebte ich zwischen Tod und Leben. Noch Jahre darnach
konnte ich mich nicht ohne Entsetzen der wilden Fieberträume erinnern,
die mich damals gepeinigt hatten. Den Dom sah ich, und der Priester am
Altar war ein Gerippe, und in den unergründlich tiefen schwarzen Schlamm
des Bodens zogen mich lauter schmutzige Knochenhände; -- durch gelbe
Fluten lief ich atemlos, hinter mir endlose Scharen von Männern und
Weibern, denen Hunger, Betrunkenheit, Mordlust aus den rot unterlaufenen
Augen glühte. Dazwischen tanzte Klein-Zaches auf der Bettdecke und
bohrte mir seinen winzigen Degen ins Gehirn, und Serpentine mit den
großen blauen Augen ringelte sich erstickend um meinen Hals.
»Wie kommt sie nur zu solchen Phantasien?« hörte ich dazwischen meine
Mutter sagen, die in aufopfernder Pflichterfüllung nicht von meinem
Lager wich.
»Wie ists nur möglich, daß die Malaria sie packen konnte?« sagte wohl
auch der Arzt, der dem mörderischen Sumpffieber nur unten bei den
Überschwemmten begegnet war.
Ich schwieg, viel zu müde, viel zu apathisch zum Sprechen; denn einer
großen Schwäche machte das Fieber Platz. Ich glaubte fest an meinen
baldigen Tod, wunschlos, widerstandslos. Auch durch meiner Mutter
gleichmäßig-freundliches Lächeln, das so beruhigend auf einen Kranken
wirken konnte, wollte ich mich nicht täuschen lassen. Die Angst, die
sich in meines Vaters Zügen malte, wenn er an mein Bett trat, schien mir
mehr der Wahrheit zu entsprechen.
Und doch erholte ich mich, und langsam, ganz langsam kam mit der
wachsenden Kraft die Freude am Leben wieder. Als ob er mir Dank schuldig
wäre, weil ich lebte, so überschüttete mich mein Vater nun mit
Geschenken: erwartungsvoll sah ich schon nach der Tür, wenn ich mittags
den Schritt des Heimkehrenden hörte; Bücher, Blumen, Obst, Bonbons, --
irgend etwas brachte er mir täglich. Wie gut waren überhaupt die
Menschen, sie kümmerten sich alle um mich: jeden Tag hatte mein Lehrer
den Arzt vor dem Hause erwartet, um direkte Nachricht zu haben, und
jetzt schickte er mir seine schönsten Bücher; kein Regiment in der Stadt
gab es, dessen Musikkorps der Genesenden nicht ein Ständchen gebracht
hätte, und der gute alte General Kirchbach kam selbst in mein
Krankenzimmer, um mir eine -- Puppe auf die Kissen zu legen.
»Mit der Puppe, Mama, soll mal mein Töchterchen spielen!« sagte ich
lächelnd, als er weg war, -- denn mit dem Spielen war es für mich
endgültig vorbei.
Nach drei Monaten sollte ich aufstehen; als ich mich grade erheben
wollte und, von heftigem Schwindel gepackt, nach dem Bettpfosten griff,
sah ich Blut auf dem Laken. Ich erschrak, denn ich wollte gesund sein.
Aber schon hatte der Arzt mich umfaßt und sanft in die Kissen
zurückgedrückt. Er lachte: »Also so stehts mit dem kleinen Fräulein! Die
Kinderschuhe hat es richtig ausgetreten.« Verständnislos sah ich die
Mutter an, der das Blut in die Schläfen gestiegen war. »Alles Nötige
werden Sie Ihrer Tochter erklären,« damit wandte er sich zum Gehen. »Sie
ist erst zwölf Jahre, Herr Doktor --« entgegnete sie zögernd. »Tut
nichts -- tut nichts -- so schwere Krankheiten bedeuten immer eine
große Umwälzung«; er drückte mir nochmals die Hand: »Nun stehen wir
hübsch ein paar Tage später auf.«
»Du brauchst dich nicht zu ängstigen, Alixchen,« damit wandte Mama sich
mir wieder zu, als er fort war, und erklärte mir mit wenig Worten meinen
Zustand. Ein Gefühl des Stolzes erfüllte mich: nun war ich also wirklich
kein Kind mehr, -- und meine Träume suchten die Zukunft: so kam denn
endlich das Leben, das lockende, zauberreiche!
Während meiner Krankheit hatte ich mich so sehr gestreckt, daß kein
Kleid mir mehr paßte. In den Wochen, die ich noch zwischen Bett und Sofa
verlebte, trug ich meiner Mutter schleppende Schlafröcke, was mir sehr
gefiel. Mein Bild im Spiegel, das mir so lange gleichgültig gewesen war,
suchte ich wieder; und so blaß und so schlank ich auch war, es gefiel
mir nicht übel: die großen dunkeln Augen, die schwarzen Locken über der
weißen Stirn, die schmalen Hände mit den rosigen Fingerspitzen, -- wer
weiß, ob nicht doch noch etwas aus mir werden konnte!
Als wir mit unsern Koffern zum Bahnhof fuhren, von wo der Zug uns wieder
gen Süden tragen sollte, hatte ich kein einziges verbotenes Buch mit
durchzuschmuggeln versucht; mich verlangte es nicht, zu lesen, denn
leben -- leben und genießen -- wollte ich!
Viertes Kapitel
Nach monatelangem Aufenthalt in den Bergen kehrten wir heim. Der Wind,
der um den weißen Schaum der Gießbäche und über das blauschimmernde
Firneis fegt, bringt soviel frische Kühle zu Tal, daß krankhafte
Fieberhitze ihm nimmer stand hält; und der friedliche Klang der
Herdenglocken und das nächtliche Zirpen der Grillen im Gras zaubert den
ruhigen Schlaf zurück, auch wenn er noch so lange untreu war. Ein
überraschtes »Aber, Alixchen!« von einem strahlenden Lächeln begleitet,
war alles, was mein Vater zu sagen vermochte, als er uns in Posen wieder
in Empfang nahm. Am nächsten Tage besuchten uns Verwandte, die dorthin
versetzt worden waren; meine Kusine, die so alt war wie ich, ein kleines
unansehnliches Geschöpfchen im kurzen Kinderkleid, sah staunend zu mir
empor und sagte: »Du bist ja ein Fräulein!« Bald darauf kam mein Lehrer.
Wortlos blieb er einen Augenblick an der Türe stehen. »Wie -- wie geht
es -- Ihnen?« kam es dann zögernd über seine Lippen. Noch nie hatte er
mich bis dahin »Sie« genannt! Der Sepp von Grainau fiel mir ein, den ich
in diesem Sommer nur mit Mühe dazu gebracht hatte, bei dem gewohnten
»Du« zu bleiben, und der Hans Guntersberg, der wieder in Garmisch
gewesen war, und dessen huldigende Gedichte mir nur darum keinen
Eindruck machten, weil ich die unreine Haut und die Schweißhände ihres
Verfassers nicht vergessen konnte.
Ich war wirklich kein Kind mehr! Stillschweigend packte ich all mein
Spielzeug in einen großen Korb und ließ ihn auf den Boden schaffen.
Die neugewonnene Lebenskraft war wie ein Motor, der das ganze Räderwerk
der Maschine auf einmal in Bewegung setzt: mit Feuereifer stürzte ich
mich über meine Studien; dabei galt mir jeder Tag für verloren, an dem
ich nicht ein Gedicht gemacht oder an irgend einem meiner Dramenentwürfe
gearbeitet hätte, zugleich aber schmückte ich mich mit Vergnügen für die
Tanzstunde, und genoß die Erlaubnis, an der Geselligkeit im Hause der
Eltern teilzunehmen, mit vollen Zügen...
Da liegen sie vor mir mit vergilbtem Umschlag und verblaßter Schrift,
die alten Aufsatzhefte jener Tage, in denen ich vom Lehrer gestellte
oder selbstgewählte Themen behandelte: kindischer Unsinn und frühreife
Weisheit in buntem Gemisch. Daß meine Ansichten denen des Lehrers oft
widersprachen, beweisen seine kritischen Randbemerkungen; trotzdem
findet sich meist ein »Gut« oder »Recht gut« darunter, -- als ein
Zeugnis für seine Objektivität mehr als für die Richtigkeit meiner
Auffassungen. Meine Frondeurnatur, die mich dazu trieb, allem, was ich
hörte, zunächst einmal meinen Widerspruch entgegenzusetzen, zeigt sich
fast in jeder dieser Arbeiten. Während mein Lehrer z. B. Schiller über
alles liebte, pries ich Goethe; so heißt es in einem Aufsatz über die
Balladen der beiden Dichter: »Goethe ist ein Naturdichter, das heißt
ein Dichter von Gottes Gnaden. Daß das Werk, welches er schafft, ein
Kunstwerk sein wird, ist ihm die Hauptsache. Schiller dagegen ist von
andrer Art, denn ihm ist das Werk nur ein Mittel zum Moralpredigen,« --
hier steh ein »Oh!!« des Lehrers daneben -- »das sieht man an allen
seinen Balladen, denen alle möglichen Lehren zugrunde liegen: Der Gang
nach dem Eisenhammer lehrt, daß Gott die Unschuld beschützt; der Kampf
mit dem Drachen, daß der Sieg über sich selbst größer ist als der über
das Ungeheuer; die Bürgschaft und Ritter Toggenburg zeigen den Wert der
Treue, und die Glocke ist fast ganz ein Lehrgedicht. Vergleichen wir
damit Goethes Erlkönig, der nicht einen reflektierenden Gedanken
enthält, aber den Hergang so plastisch malt, daß wir ihn mit erleben,
oder seine prachtvollste Ballade, Die Braut von Korinth, woraus uns der
vernichtende Gegensatz des Heidentums gegenüber dem Christentum deutlich
entgegentritt,« hier steht ein Fragezeichen, »so sehen wir ein, daß
Goethe mehr ein Dichter und Schiller mehr ein Prediger ist.« -- An einer
andren Stelle sage ich über den Meistersang, den mein Lehrer sehr
schätzte: »Er war trocken und langweilig und zeigte deutlich den
Gegensatz des braven, aber engherzigen Handwerkertums gegenüber der
ritterlichen Bildung der Minnesänger«; und über Luther, für den mein
Lehrer mich trotz aller Mühe nicht erwärmen konnte, heißt es: »Er hat
das große Verdienst, die Macht des Papsttums gebrochen zu haben, aber
seine Roheit, sein Unverständnis für die Kunst hat seiner Kirche den
Charakter des Gewöhnlichen und Nüchtern-Häßlichen aufgeprägt«, --
daneben steht: »Der Kölner Dom?« »Dürer?« »Bach?« -- In den zahlreichen
historischen Aufsätzen schwelgte ich förmlich im »Tyrannenhaß«. In einer
Arbeit von nicht weniger als vierundsechzig Seiten, die die politischen
Umwälzungen in Europa vom Dreißigjährigen Krieg bis zur französischen
Revolution zum Gegenstand hatte, suchte ich nachzuweisen, »wohin
ungerechte Regierung, Volksbedrückung, Verachtung alles Göttlichen führt
... Schlechte, nur auf ihr Vergnügen bedachte Fürsten, eine verdorbene
Aristokratie, ein armes, durch übertriebene Aufklärungsschriften
irregeleitetes Volk standen sich gegenüber. Alles bereitete eine Zeit
vor, die schrecklich, aber notwendig war.« Unter den Fürsten der Neuzeit
beehrte ich Friedrich Wilhelm III. mit meinem ganz besondern Zorn, den
»die Taten seiner Untertanen berühmt gemacht haben, und der sich dadurch
bei ihnen bedankte, daß er sein Versprechen brach ...« Stein feierte ich
als den »Retter des Vaterlandes, der in Frieden erreichen wollte, was
der Zweck der französischen Revolution gewesen war.«
Häufig pflegte mein Vater meine Aufsätze einer Kritik zu unterwerfen,
die fast immer dem Stil, sehr selten nur der Gesinnung galt. Nach
rückwärts radikal zu sein, wie sein Töchterchen, sich für vergangene
Völkerfreiheitskämpfe zu begeistern, sich über die Schandtaten der
Fürsten, die lange schon moderten, zu entrüsten, widersprach im
allgemeinen nicht den Ansichten der Offizierskreise, in denen wir
lebten. Sie befanden sich damals, besonders in der Provinz, in einem
scharfen Gegensatz zu den Ideen und Gewohnheiten, die an unsern
Fürstenhöfen herrschten. Der Luxus galt als verächtlich, die Ehrbarkeit
eines einfachen Familienlebens als größtes Gut. Das persönliche
Verhältnis, in dem der unbemittelte Linienoffizier noch oft zum Soldaten
stand, war die Brücke des Verständnisses für viele Wünsche und
Bedürfnisse des Volks. Mit wieviel Heftigkeit hörte ich oft darüber
reden, daß es »oben« an der nötigen Sorge für vorhandene Not fehle, daß
das »Hofgeschmeiß« vor lauter Lustbarkeit die preußische Tradition der
Pflichterfüllung immer mehr vergesse. Als mein Vater einmal von
irgendeiner Meldung aus Berlin zurückkam, vermochte kein warnendes »Aber
Hans!« meiner Mutter, keiner ihrer bedeutungsvollen Seitenblicke auf
mich seine Empörung zu besänftigen, die sich in drastischen Erzählungen
über das, was er gehört und gesehen hatte, Luft machte. Der zunehmende
Einfluß der Finanzkreise, die Demoralisierung der Garde durch ihre
Intimität mit »Theaterprinzessinnen« und ihre Verschwägerung mit
»Börsenjobbern«, der unpreußische Prunk der Hoffeste, die
Vetternwirtschaft, wo es sich um Avancements handelte, -- das alles
wurde immer wieder besprochen, und ein »Da wird noch was Gutes dabei
herauskommen« blieb der Refrain. Aber Hand in Hand mit dieser abfälligen
Kritik derer »oben«, ging eine schroffe Verurteilung jeder
Auflehnungsversuche derer, die »unten« sind. Das patriarchalische
Verhältnis war das Ideal, was dagegen verstieß, ein Verbrechen. So war
mein Vater ein grimmiger Feind des großindustriellen Unternehmertums, --
Worte wie »Ausbeuter« und »Blutsauger« hörte ich oft von ihm --, mit
derselben Heftigkeit aber verurteilte er die Ausgebeuteten und
Ausgesogenen, die sich selbst Recht verschaffen wollten. Beide standen
nach seiner Auffassung auf demselben Standpunkt materiellen
Lebensgenusses; nur daß die einen ihn besaßen, ihn bis zum letzten
Tropfen auskosten wollten, die andern mit allen Mitteln um seinen Besitz
kämpften. Inhalt und Ziel des Lebens war für beide gleich; -- so schien
es auch mir nach allem, was ich hörte und las, darum habe ich bei all
meiner Begeisterung für die Freiheitshelden der Geschichte, die
Sozialdemokraten nicht mit ihnen zu identifizieren vermocht, und meine
Abneigung stieg zu fanatischem Abscheu, als Kaiser Wilhelm, der für uns
alle das geweihte Symbol der Einheit und Größe Deutschlands war, von
Hödel bedroht und von Nobiling verwundet wurde.
Oben auf dem Fort Winiary, wo ein großer schattiger Kasinogarten die
Posener Offizierskreise im Sommer zu vereinigen pflegte und ich, die
verwöhnte Tochter des allmächtigen Korpschefs, mit den Erwachsenen
Krocket und Boccia spielt, saßen wir gerade fröhlich um den Kaffeetisch,
als ein blutjunger Leutnant atemlos auf uns zugestürzt kam. »Herr
Oberst, Herr Oberst --« mehr brachte er nicht heraus, die dicken Tränen
liefen ihm über die Wangen. »Zum Donnerwetter, was gibts denn?«
herrschte mein Vater ihn an. »Seine Majestät unser allergnädigster
Kaiser --« er versuchte stramm zu stehen wie zur Meldung, aber die Knien
zitterten ihm -- »ist -- ist erschossen.« Mit einem wilden Aufschluchzen
brach er ab. Mein Vater wurde aschfahl. »Das ist nicht wahr,« schrie er.
Stumm reichte ihm der Unglücksbote ein halb zerknülltes Papier, -- das
Extrablatt. Aus dem ganzen Garten waren inzwischen die Menschen
zusammengelaufen, Soldaten und Offiziere, Männer und Frauen, jung und
alt. Alle weinten. Mein Vater allein stand wie erstarrt zwischen ihnen,
nur das stahlblaue Funkeln seiner Augen verriet, wie es in ihm aussah.
Wortlos, von jener gemeinsamen Empfindung getrieben, die uns angesichts
erschütternder Ereignisse stets beherrscht: daß etwas geschehen müsse --
irgend etwas, das die gräßliche Spannung löst --, eilten wir alle dem
Ausgang zu. Als wir uns der Stadt näherten, -- aus den Fenstern der
ersten Häuser wehten vereinzelt schon schwarze Tücher, vom Turm der
Garnisonkirche läuteten die Glocken --, und wir die weite Sandfläche des
in der Sonne glühenden Kanonenplatzes betraten, kam uns ein Mann mit
einem Stelzbein entgegen, auf dem abgetragnen Arbeitsrock ein sichtlich
in aller Eile befestigtes eisernes Kreuz. »Der Kaiser lebt, der Kaiser
lebt,« rief er, eine neue Depesche hochhaltend. Wir hatten das Neue,
Überraschende noch kaum gefaßt, als er seinen schäbigen Hut zwischen die
harten Fäuste preßte: »Lieber Vater im Himmel«, -- alle Mützen flogen
von den Köpfen, alle Hände falteten sich --, »schütze unsern guten
Kaiser!«
Mein Vater war in jenen Tagen in unbeschreiblicher Aufregung; mitten im
Gespräch oder bei der Lektüre konnte er auffahren und zähneknirschend
murmeln: »Aufhängen soll man die Kerle -- einen neben den andern!« Ich
aber verkroch mich in mein Zimmer und versuchte die große Erschütterung
dadurch zu bemeistern, daß ich sie in Worte faßte. In Versen und in
Prosa brachte ich meine Empfindungen zu Papier, und eines Morgens legte
ich meinem Vater das Niedergeschriebene auf den Schreibtisch. Seine
Freude war so groß, daß er es kopieren ließ und Bekannten und Freunden
zeigte; auch mein Lehrer, der entzückt schien, verbreitete es. Wenn auf
einen Punkt konzentrierte, fieberhaft gesteigerte Empfindungen die
Massen beherrschen, so wird von ihnen stets begrüßt, was diesen Gefühlen
Ausdruck verleiht. So kommts, daß oft künstlerisch Wertloses in
aufgeregten Zeiten Bedeutung erlangt; so kam es wohl auch, daß meine
Verse mich über den engern Kreis der Freunde hinaus bekannt machten.
Begegnete man mir schon anders als sonst dreizehnjährigen Mädchen, weil
ich erwachsen aussah und hübsch und meines Vaters Tochter war, so umgab
man mich jetzt mit einer Treibhausluft, in der Eitelkeit und Hochmut wie
Tropenpflanzen wuchern konnten. In der Tanzstunde, die ich besuchte,
nahm ich die Huldigungen der Gymnasiasten entgegen, die nicht nur meiner
frischen Jugend galten, sondern auch den literarischen Leistungen, die,
wie ich erfuhr, in Gestalt meiner Aufsätze durch meinen Lehrer in der
Klasse bekannt wurden. In den häuslichen Gesellschaften und auf dem Fort
Winiary suchten die jungen Offiziere die Unterhaltung des
»interessanten« Backfischs, und meine einzige Freundin Mathilde -- jenes
blasse Kusinchen, das mich bei der Heimkehr begrüßt hatte, -- war eine
Bewunderung für mich. Meine Mutter war die einzige, die ernüchternd
wirken wollte. Da sie aber meine Interessen in Bausch und Bogen als
»dummes Zeug« bezeichnete und die Methode hatte, jede, auch die reinste
Flamme meiner Begeisterung mit dem kalten Wasser ihrer sarkastischen
Kritik zu begießen, so erreichte sie das Gegenteil von dem, was sie
bezweckte, und entfremdete mich ihr dadurch vollkommen. So allein wurde
es möglich, daß sie ahnungslos neben mir hergehen konnte, als die
schwersten körperlichen und geistigen Kämpfe mich zu vernichten
drohten.
Seit meiner Krankheit hatte ich allerlei Beschwerden, die sich von Jahr
zu Jahr steigerten. Blutwallungen, die mir den Kopf zu sprengen drohten
und den Herzschlag bis in die Kehle hinauf trieben, hatten mich schon in
Grainau gequält. Instinktiv war ich dann auf die Berge gelaufen, oder
war beim ersten Morgengrauen heimlich im eisigen Wasser des Rosensees
untergetaucht. In Posen aber war ich fast immer zu Haus; die kleinen
Spaziergänge, das in Rücksicht auf meinen stets empfindlichen Hals nur
bei Sonnenschein und Windstille gestattete Schlittschuhlaufen halfen mir
natürlich nichts; turnen durfte ich nicht, weil das -- wie Mama sagte --
die Hände breit macht; und die Tanzstunde mit der guten Bowle, an der es
nie fehlte, steigerte nur das Quälende meines Zustands. Etwas Heißes,
Dunkles beherrschte mich mehr und mehr; abends, wenn ich schlafen
wollte, flogen Glutwellen über meinen Körper. Meine tobenden
Freiheitsgesänge machten Liebesliedern Platz, die ich aus Scham und
Furcht zu tiefst in meinem Schreibtisch versteckte. Ihr Gegenstand war
zuerst ein Phantasiegebilde, ein erlösender Lohengrin, wie in meiner
frühen Kindheit, bald aber wurden es Menschen von Fleisch und Blut.
Nicht aus der Schar meiner Tanzstundenfreunde wählte ich sie, sondern
aus dem Bekanntenkreise meiner Eltern. Die Schönheit gab dabei allein
den Ausschlag, mit allem übrigen -- dem Glanz der Geburt, dem
überragenden Geist und der Güte des Herzens -- schmückte sie meine
Phantasie verschwenderisch. Ganze Romane erlebte ich in wachen Träumen;
alle Stadien der Leidenschaft empfand ich: Abschied und Wiedersehen,
Eifersucht und Untreue, Besitz und Verlust; und mit fieberheißen Händen
füllte ich Bücher um Bücher mit meinem erträumten Glück und Leid.
Wie sie mich seltsam anmuten, die alten Poesiealbums mit ihren bunten
geschmacklosen Einbänden: Asche, die von verpufftem Feuerwerk stammt.
Der Schmerz bildet überall den Grundakkord, die Qual der Verlassenheit
kommt immer wieder zum Ausdruck, und der Wunsch, zu sterben, steigert
sich oft zu brennendem Verlangen nach dem Tod:
Einstmals blühtest du wunderbar,
Rose, du prächtige, süße,
Sandtest zum Himmel blau und klar
Duftend-berauschende Grüße.
Einstmals füllte der Liebe Macht
Mich mit Wonnen und Schmerzen,
Und es strahlte des Lenzes Pracht
Wider in meinem Herzen.
Jetzt ist die Rose verwelkt, verweht,
Herbstlich umbraust mich das Wetter;
Eines nur blieb, das den Sturm besteht:
Dornen und dürre Blätter.
* * * * *
Im dunklen Buchengang
Zur schönen Frühlingszeit
Hast du mich heiß geküßt
Voll Liebesseligkeit.
Im dunklen Buchengang
Fielen die Blätter ab,
Als ich zum Abschied dir
Weinend die Hände gab.
Im dunklen Buchengang
Liegt unter Eis und Schnee,
Begraben all mein Glück --
Wach blieb mein Weh.
* * * * *
Ich möchte zu Roß durch die Wälder jagen,
Ich möchte, der Meersturm umbrauste mich,
Ich möchte jauchzen und schluchzend klagen,
Zu deinen Füßen, ach, stürbe ich!
Ich möchte entfliehen und dich vergessen,
Den Lippen fluchen, die ich dir bot.
Ich möchte noch einmal ans Herz dich pressen,
Und dann umarmen den Bräut'gam Tod.
* * * * *
In artigen Reimen mit wohlerzogenen Gefühlen stellte ich zu gleicher
Zeit meine arme Muse zu allen Festtagen in den Dienst der Familie und
nahm für mein »hübsches Talent« die allgemeine Anerkennung entgegen. Nur
eine erfuhr zuweilen von den Geheimnissen meines Schreibtisches:
Mathilde, das blasse Kusinchen, die allsonntäglich zu mir kam, und zu
der ich lief, wenn das Herz mir gar zu voll war. Sie war, als ich sie
kennen lernte, noch ein Kind ihrem Alter, ihrer geistigen und
körperlichen Entwicklung nach, und ich hätte sie nicht beachtet, wenn
sie mir nicht in einem Moment begegnet wäre, wo ich einen Menschen
brauchte, wie der schmelzende Schnee auf den Bergen ein Bett, in das er
sich ergießen kann. Ich hatte kein andres Interesse für sie als das, daß
sie mich aufnahm. Abends in der Dämmerstunde, oder in den Zeiten, wo ich
zu Bett lag, halb verhüllt von den weißen Vorhängen, während das rote
Licht der Ampel über mir strahlte, mußte sie bei mir sitzen. Dann
erzählte ich von meiner Liebe, meiner Sehnsucht. Was ich im Traum
erlebte, gestaltete sich vor ihr wie Wirklichkeit. Sie glaubte mir
alles, sie weinte und seufzte mit mir; und je mehr sie es tat, desto
mehr verwischte sich vor mir selbst Phantasie und Leben, desto mehr
verirrte ich mich in den Irrgängen meiner Einbildungen.
Um jene Zeit war es, daß meine Mutter eine neue Kammerjungfer
engagierte, die, im Gegensatz zu der entlassenen, auch mich anzuziehen
und zu frisieren hatte. Sie war ein hübsches, blondes Ding mit einem
unschuldigen Madonnengesichtchen, Tochter einer ehrbaren Beamtenwitwe,
die durch Zimmervermieten ihre große Familie erhielt und ihre Kinder in
strenger Zucht und Frömmigkeit erzog, weshalb sie meiner Mutter ganz
besonders empfohlen worden war. Anna -- so hieß unsre neue Hausgenossin
-- fand besonderes Gefallen an mir und wiederholte mir täglich, wie
hübsch ich sei, wobei sie es nicht unterließ, jeden einzelnen meiner
Vorzüge zu preisen und mir alle Mittel anzugeben, um sie ins rechte
Licht zu setzen. Ich war eitel, aber es war mir von selbst nie
eingefallen, auf gut sitzende Korsetts, enge Schuhe und feine Strümpfe
irgend ein Gewicht zu legen. Jetzt wurde ich Annas gelehrige Schülerin,
und freudeheiß stieg mir das Blut ins Gesicht, wenn sie nicht müde
wurde, mir zu versichern, daß der und jener mich bewundernd ansähe, daß
ich die Herzen einmal im Sturm erobern werde. Allmählich nahm sie die
Gewohnheit an, bei mir zu bleiben, wenn ich nicht schlafen konnte und
die Eltern nicht zu Hause waren. Flink, wie ihre geschickten Hände die
Nadel führten, um aus einem scheinbaren Nichts immer noch ein hübsches,
kokettes Etwas zu machen, war ihre Zunge im Erzählen. Aber sie kannte
nur ein Thema: Liebesgeschichten, die sie gelesen oder erfahren hatte.
Von der unnahbaren Höhe ihrer Tugend herab war ihre Entrüstung über das,
was sie berichtete, eine ganz ehrliche, und doch schwelgte sie mit kaum
versteckter Lüsternheit in ihren Schilderungen. Und so riß sie nach und
nach einen Schleier nach dem andern von all den Dingen, die mir trotz
meiner heimlichen Lektüre doch unbekannt geblieben waren. Schon als Kind
hatte sie durchs Schlüsselloch die Zimmerherrn ihrer Mutter beobachtet,
hatte Damen aller Art bei ihnen aus und ein gehen sehen. Sie selbst, --
das erzählte sie voll Stolz --, war niemals den Verführungskünsten der
Herren erlegen, wie die dummen, jungen Dinger, die sie mit aufs Zimmer
nahmen. Aber all die guten Sachen, den Sekt und die Austern, hatte sie
servieren helfen und neugierig beobachtet, wie die Mädels sich an Liebe
und Alkohol berauschten. Freilich -- nachher mußten sie ihre Dummheit
büßen; denn sobald das Kind da war, ließen die Herren sie laufen. -- Das
Kind! -- Noch fühle ich, wie etwas Schreckhaft-Geheimnisvolles mir die
Glieder lähmte, als mir, der Dreizehnjährigen, dies Wort aus Annas Mund
feuerrot entgegensprang. -- Das Kind! -- An den Storch glaubte ich
längst nicht mehr, aber wie die Liebe in meinen Augen immer von
überirdischem Strahlenglanz umgeben erschien, so schwebte um das
Geheimnis des der Liebe entspringenden Lebens ein mystischer
Heiligenschein.
Wie Anna mich auslachte, mit einem hellen quiekenden Lachen, als ich
zögernd meine Unkenntnis gestand! Und wie das junge Ding mit den naiven
blauen Frageaugen mich aufklärte! -- -- Sie war so vertieft in alle
Details der Beschreibung, daß sie gar nicht bemerkte, wie das Entsetzen
mich schüttelte und meine Brust vor verhaltenem Schluchzen flog; das
fröhliche Kichern, mit dem sie ihre Rede begleitete, verriet ihre Freude
an ihrem Gegenstand, so daß sie schließlich ratlos und kopfschüttelnd
vor der Verzweiflung stand, die mich gepackt hatte. »Am Ende« -- so
mochte sie denken -- »fürchtet sie jetzt schon den Moment des Gebärens,
dessen Analen ich beschrieb?!« Und mit noch größrer Zungenfertigkeit
erzählte sie von den Vorsichtigen und Klugen, die sich vor solchen
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