ich zum erstenmal ein männliches Wesen mir gefügig zu machen. Die alte
Tante hatte einen Heidenspaß daran, nur war leider der arme Rudi, ihr
Enkel und mein Spielgefährte, ein gar zu ungeeignetes Objekt für meine
Künste! Er stotterte und war infolgedessen scheu und ängstlich; und ich,
die ich mit jener unbewußten Grausamkeit der Kinder, mein Licht vor ihm
leuchten ließ, verschüchterte ihn nur noch mehr. Armer Rudi! Das
Stottern hat man ihm später abgewöhnt, aber in seinem Gemüt ist doch
irgend etwas Angstvoll-Zitterndes zurückgeblieben: auf der Höhe des
Lebens hat er sich eine Kugel in die Schläfe gejagt, und keiner wußte,
warum.
Meine Erziehung durch die alte Tante war gewissermaßen nur eine
theoretische; am Anschauungsunterricht sollte es auch nicht fehlen. Wir
verbrachten die Herbstwochen häufig bei französischen Verwandten auf
ihrem Schlosse im Elsaß, einer sagenumwobenen alten Ritterburg.
Gefallene Größen des napoleonischen Hofes -- männliche und weibliche --
gaben sich dort zur Jagd und Weinlese ein Rendezvous. Ein Stück Pariser
Leben spielte sich vor meinen erstaunten Augen ab: da war der Herr des
Hauses, ein schwer reicher Emporkömmling, dessen kurze, dicke Hände, mit
denen er meine Wangen streichelte, mir in fatalster Erinnerung sind, --
neben ihm seine vornehme zarte Frau, immer in Spitzen gehüllt, an denen
ihre durchsichtigen Hände nervös hin und her zerrten. Eine ihrer Töchter
war Onkel Maxens Frau, die Mutter meines alten Spielgefährten Werner,
den ich zu meiner hellen Freude hier wiedersah. Sie war die schönere von
den beiden Schwestern, dabei still und phlegmatisch, eine
Haremsfrauennatur, während die andere von Geist und Leben sprudelte und
der Mittelpunkt eines Kreises ausgelassener junger Leute war. Mich
beachteten sie wenig, sie taten sich keinerlei Zwang an vor mir; »la
petite« hatte ihrer Meinung nach ebensowenig Augen und Ohren wie die
Zofen und Lakaien, ja sie galt zuweilen als der harmloseste Liebesbote.
Aber ich war nur allzubald gar nicht mehr harmlos: mit zitternder
Neugier beobachtete ich ihre Tändeleien, ihre Stelldicheins, ihr
Flüstern, ihre Küsse, und Wellen heißen Lebens, die mir über den Rücken
fluteten, ließen mich dabei erbeben.
Als wir das letztemal vom Elsaß nach Karlsruhe zurückkehrten -- acht
Jahre war ich damals --, kamen mir mein Garten und mein Spielzeug
merkwürdig fremd vor. Ein Stück harmloser Kindheit war mir inzwischen
verloren gegangen. Gierig stürzte ich mich über alle Bücher, deren ich
habhaft werden konnte, und wenn jemand mich zu ertappen drohte, steckte
ich sie rasch unter Puckchens Kissen, der fast immer auf dem alten
braunen Sofa neben mir lag. Wenn ich mir jetzt des Abends im Bett
Geschichten erzählte, so klopfte mein Herz nicht aus Angst vor den
Geistern, die ich rief und nicht zu bannen vermochte, sondern in heißer
Erregung über das abenteuerliche Schicksal, als dessen Heldin ich mich
selber träumte. Liebe, wie ich sie um mich gesehen hatte, Liebe, deren
Wonnen und Schmerzen im Mittelpunkt all der Lieder, all der Erzählungen
standen, die ich las, wurde zum Inhalt meiner Phantasien, und je kühler
ich die Luft empfand, die mich daheim umwehte, um so durstiger wurde
mein kleines Herz. Hatte ich doch schon lange den Feuerbrand im Innern
heimlich genährt und gehütet, weil ich niemanden besaß, vor dem ich ihn
als Opferflamme hätte aufsteigen lassen können, -- nun mußte ich mir
selber den Gegenstand meiner Leidenschaft schaffen. Eines der
erschütternsten Erlebnisse meiner Kindheit half mir dazu: das Theater.
Wagners Lohengrin war das erste, was ich sah. Konnte es für mich etwas
Herrlicheres geben als den Schwanenritter? Er erschien mir als die
Verkörperung idealen Heldentums. Meinen Eindruck vermochte ich nicht in
Worte zu fassen -- undankbar und empfindungslos wurde ich deshalb
gescholten --, aber meinem Herzen hatte er sich unauslöschlich
eingeprägt. In demselben Winter sah ich die Jungfrau von Orleans, und
nun stand es fest für mich: nicht eine Elsa, die dem Geliebten die Treue
brach, wollte ich sein, sondern eine Johanna, die seiner würdige Heldin
welterlösender Taten.
Bald aber genügte mir der Lohengrin als Gegenstand meiner Liebe nicht
mehr, -- er lebte nicht, und der seine Silberrüstung trug, hatte die
Rolle nur gespielt, mich aber verlangte nach einem lebendigen Menschen.
Wenn das Herz auf die Suche geht und die Phantasie die Führung
übernimmt, dann wird gar rasch gefunden! -- Bei meinen Eltern gingen
viele Gäste aus und ein. Ein junger, schlanker Dragonerleutnant mit
einem schmalen, blassen Gesicht war unter ihnen, der sich oft mit mir
unterhielt, -- nicht wie die andern nur mit mir scherzte und spielte.
Und durch nichts konnte man mich leichter gewinnen, als indem man mich
ernst nahm; -- daß man es immer nur drollig und kindisch findet,
erbittert jedes geistig reifere Kind. So flog denn mein sehnsüchtiges
Herz ihm zu, und meine Phantasie umkleidete ihn mit aller Romantik des
Lohengrinhelden meiner Träume. Er war nicht von Adel, also namenlos wie
Elsas Ritter: gewiß würde er sich einmal als eines Königs verschollener
Sohn entpuppen, und mir fiele die Aufgabe zu, ihm Reich und Krone zu
erobern! Die schönsten Blumen aus meinem Garten legte ich heimlich auf
seine Mütze im Flur, ehe er ging, und der ganze Tag war mir verklärt,
wenn er morgens vorüberritt und mich grüßte.
Rohe Menschen mögen lachen über solche Kinderliebe und moralische sich
darüber entrüsten. Mir ist, als wäre sie die reinste meines Lebens
gewesen.
Im Frühling 1874 wurde mein Vater nach Berlin versetzt. Zum letztenmal
versammelten sich des Hauses Freunde um unsern Teetisch. Noch weiß ich,
wie mirs vor den Augen dunkelte, als ich meinem Helden die Hand zum
Abschied reichte. Heiß lag sie in der seinen. Dann strich er mir noch
einmal über den Kopf. »Wenn wir uns wiedersehn, bist du ein großes
Mädchen,« sagte er, »wer weiß, wir tanzen vielleicht noch einmal
miteinander!« Wortlos lief ich hinaus in mein Zimmer und biß verzweifelt
in mein Kopfkissen, um mein Schluchzen zu ersticken.
Kinderschmerz ist so gut echter Schmerz wie der der Erwachsenen, -- nur
daß wir ihn so leicht vergessen.
Am nächsten Morgen schrieb ich meine ersten Verse in ein altes
Schreibheft:
Maiglöckchen zart und rein,
Läut'st schon den Frühling ein?
Nein, nein, er kommt noch nicht,
Du gehst zu früh ans Licht.
Werd ich dich welken sehn,
Dann werd auch ich vergehn,
Und in das kühle Grab
Senkt man uns beide hinab.
Bis ich erwachsen war, hat es niemand zu sehen bekommen, wie man eine
getrocknete Blume -- eine Zeugin holder Stunden -- vor der Berührung
bewahrt, die sie zerstören würde.
Mein Garten stand in vollem Frühlingsflor, als wir Abschied nahmen. Ich
lief durch das Haus, wo die Packer hantierten, in den Stall, wo August
die Wagen in Decken hüllte. »Puckchen, mein Puckchen,« rief ich. Noch
nie war ich fortgefahren, und wäre es auch nur auf ein paar Tage
gewesen, ohne ihm ein Stückchen Zucker zu geben. Aber diesmal kam
Puckchen nicht. Ich frug den August nach ihm, er sah verlegen zur Seite
und murmelte etwas Unverständliches. Da fiel mir ein, daß Mama vor
kurzem von seinem Alter, der Möglichkeit seines Todes gesprochen hatte.
Das Herz stand mir still. Noch einmal suchte und rief ich, die Stimmen
von Mademoiselle und Mama absichtlich überhörend, die mich zur Eile
mahnten. »Geh nur, geh, Alixchen,« sagte August, der mir nachgekommen
war, beruhigend, »Puckchen findest du nicht -- --.«
»Er ist tot!« schrie ich außer mir und warf mich weinend in Augusts
Arme. Alles lief zusammen, mich zu trösten, aber fassungslos blieb mein
Schmerz. »Sieh, mein Kind,« sagte schließlich Mama, die mich auf den
Schoß genommen hatte, »Puckchen war alt und krank, er hätte sich mit
seinen blinden Augen in der fremden Stadt nicht mehr zurecht gefunden.
Eine Wohltat wars für ihn, daß ich ihn vergiften ließ ...« -- Ich
zuckte zusammen, wie unter einem Peitschenschlag. Meine Tränen waren
versiegt. Von der Mutter Schoß glitt ich herunter und sah sie groß an:
»Du -- du -- hast mein Puckchen vergiftet?!«
Dann ließ ich mich still zum Wagen führen. Irgend etwas war entzwei
gegangen in mir. Ganz ruhig und empfindungslos sah ich vom Coupéfenster
aus, wie die Stadt allmählich vor mir verschwand.
Zweites Kapitel
Wer sich von Partenkirchen westwärts wendet, wo lockend in geheimnisvoll
düsterer Pracht die Zugspitze in die Wolken steigt, und, die staubige
Chaussee verschmähend, auf schmalem Pfad durch bunte Wiesen wandert, dem
zeigt sich plötzlich ein Bild voll stillen Friedens: in leisen
Wellenlinien erhebt sich das Tal, Hügel an Hügel von alten Baumriesen
gekrönt und blühenden Büschen; gradaus aber, wohin der Weg sich glänzend
wie ein Silberstreifen durch die Gründe schlängelt, schmiegt sich
vertrauensvoll, wie ein kleines Kind in den Schoß der Ahne, ein weißes
Kirchlein an die grauen Wände des Waxensteins. So oft ich es sah, -- mir
war immer, als lächele es. Und ein lichter Schimmer von Lebensfreude lag
auch auf den kleinen Häusern ringsum: ein heller Goldton überzog die
Wände des einen, in einem satten Himmelblau strahlte das andere, und
selbst die Heiligen und die Märtyrer, die irgendwo unter einem Baldachin
oder in einer Nische standen, hatten so lustige bunte Kleider an, daß
wohl keiner, der vorüberging, sich bei dem Anblick ihres gottseligen
Leidenslebens erinnerte. Von der Zeit gebräunt waren First und Dach und
Altanen, aber so leuchtend war der Nelkenflor, der von Fensterkasten
und Geländern niederschaukelte, daß das Dunkel auch hier nur da zu sein
schien, um den Glanz noch stärker hervorzuheben. Dazu plätscherte der
kleine Bergbach lustig durchs Dorf, der ganz, ganz oben in den Furchen
und Spalten dem Felsen entspringt und vom Schnee sich nährt und vom Eis,
um erst unten im Tal, berauscht von den Blumen, die über ihm nicken, die
helle Stimme zu verlieren.
Vor den letzten Häusern beginnt der Wald. Als müßte er ein Kleinod
schützen, so schlingt er sich dicht um den leuchtenden Smaragd des
Badersees, der seine grüne Farbe auch unter der schönsten Himmelsbläue
nicht verliert und trotz des bösesten Unwetters durchsichtig bleibt bis
zum Grunde. Aber während eine breite Straße ihm den Strom der Menschen
zuführt und den Wald gezwungen hat, Platz zu machen, liegt sein
kleinerer Zwillingsbruder, der Rosensee, noch immer still und versteckt
zwischen den Bäumen. Selten nur verirrt sich einer auf die engen Steige,
die in seine Nähe führen, und das Riesenpaar über ihm -- der Waxenstein
und die Zugspitze -- scheint sich darum besonders wohlgefällig in seinen
stillen Wassern zu spiegeln. An seinem Ufer, das an dieser Seite von
Rosen in allen Farben und Formen umkränzt ist, steht nur ein einziges
kleines Haus; von wildem Wein und Efeu ist es so dicht umsponnen, daß es
an dunkeln Tagen mit dem Wald, der es umgibt, in eins verschwimmt.
Vor vier Jahrzehnten kaufte Ulysses Artern den Rosensee und baute seinem
jungen Eheglück das grüne Nest daran. Jedes Jahr, wenn die Maiglöckchen
blühten und ihr Duft süß und schwer über Wasser und Wald sich legte,
zog seine Witwe auch nach seinem Tode hierher und blieb, bis der Schnee
über die Bergspitzen hinunter ins Tal sich streckte.
Seitdem wir in Augsburg bei ihr gewesen waren, hatte sie uns jedes Jahr
zu sich eingeladen. Aber nur mein Vater hatte sie besucht; meiner Mutter
war die Schwägerin nie sympathisch gewesen, und so hatte sie lange
gezögert, zu ihr zu gehen. Mich freilich zog die Sehnsucht in die Berge,
seitdem sie mir in der Schweiz Augen und Seele entzückt hatten; und wenn
der Vater von Grainau erzählte und vom Rosensee, so wünschte ich nichts
mehr, als dort zu sein. Und nun hatte sich mein Wunsch erfüllt!
Schon in Weilheim, der Endstation der Eisenbahn damals, wo das Tor des
Loisachtals sich vor mir öffnete und tief im Hintergrunde die Umrisse
der weißen Bergspitzen in den Wolken verschwanden, waren mir die Augen
übergegangen -- wie stets, wenn ein Eindruck mich überwältigte. Still
und stumm ließ ich ihn auf der ganzen langen Wagenfahrt auf mich wirken,
und als ich dann abends oben im Giebelstübchen des Rosenhauses stand,
den Blick auf die vom dunkelblauen Nachthimmel grausilbern sich
abhebenden Berge gerichtet, während die reine, kühle Luft mir um die
Stirne wehte, da fiel all mein Kinderleid von mir ab, wie ein schwerer,
drückender Mantel. Frei atmen konnte ich wieder.
Mit jedem Morgen, an dem ich erwachte, nach festem, traumlosem Schlaf,
mit jedem Abend, an dem ich mich niederlegte, müde von dem Reichtum des
Tages, steigerte sich diese Empfindung. Ein Vollgefühl des Lebens
durchströmte mich, und wenn niemand mich sah, dann warf ich mich wohl
vor lauter Seligkeit mit ausgebreiteten Armen in die blühende Wiese und
lag so still und atmete so leise, daß die Schmetterlinge sich ruhig auf
den blauen Glockenblumen, die über mir blühten, niederließen, oder ich
legte den Kopf ins Waldmoos, wo die Maiglöckchen am dichtesten standen,
und sah den tanzenden Sonnenstrahlen zu. Keine Mademoiselle legte meiner
Freiheit Zügel an; meine Tante fand mich zwar »schlecht erzogen«, weil
ich nicht ruhig mit meiner Handarbeit neben ihr saß, und ließ es meiner
Mutter gegenüber an Anspielungen darauf nicht fehlen, aber da sie mit
Kindern gar nichts anzufangen verstand, ließ sie mich laufen und
beschränkte ihre Erziehungskünste auf strenge Toilettenvorschriften,
wenn ich zu Tisch erschien oder mit ihr spazieren fuhr. Dann saß ich
nach guter karlsruher Gewohnheit steif und grade auf dem Rücksitz der
Equipage, wie Johann auf dem Bock, der Kutscher, der mit dem »gnädigen
Fräulein« nur vertraut war, wenn es morgens in den Stall kam und -- ohne
väterliche Aufsicht! -- auf dem großen Fuchs, von allen Bauernkindern
bewundert, durch das Dorf ritt. Ich hatte bald viele Freunde unter den
Buben und Mädeln. Alle Waldwege und Bergsteige lernte ich durch sie
kennen; die schönsten Erdbeerplätze zeigten sie mir und lehrten mich
klettern, wenn es galt, zu den Alpenrosen zu gelangen, die rotleuchtend
die grauen Felsen belebten.
Die Kinder des Landvolks im Norden Deutschlands tragen das Zeichen der
Dienstbarkeit noch immer auf der Stirn: wie selbstverständlich ordnen
sie sich im Spiel mit dem »Herrschaftskind« diesem unter und sehen es
fast als Auszeichnung an, die Rolle der Untergebenen zu übernehmen. Wo
die frische Luft der Berge weht, hat selbst die Sklavenmoral der
katholischen Kirche Freiheitsgefühl und Selbstbewußtsein nicht zu
unterdrücken vermocht. Der Sepp vom Bärenbauern, der am verwegensten
kletterte und am schönsten jodeln konnte, -- mein Hauptspielgefährte, --
behandelte mich ganz auf gleich und gleich, ja er sah zuweilen mit
unverhohlenem Stolz auf mich herab, und seiner urwüchstgen Kraft
gegenüber kam selbst meine sonst so ausgeprägte Empfindlichkeit nicht
auf: ich biß nur in stillem Ingrimm die Zähne zusammen, wenn er mich
verspottete, weil ich ohne seine Hilfe den Fels nicht hinaufkam. Es gab
viel zerrissene Kleider dabei; und wäre die alte Kathrin nicht gewesen,
die sie heimlich flickte und immer dafür sorgte, daß ich in möglichst
tadelloser Toilette bei den Mahlzeiten erschien, -- ich hätte mich nicht
lange meiner Freiheit erfreuen dürfen.
An einem heißen Julinachmittag kam ich einmal, einen großen Buschen
Alpenrosen im Arm, eilig vom Ochsenhügel heruntergelaufen, in heller
Angst, zur Teestunde zu spät zu kommen. Ich suchte darum möglichst
schnell an dem Wagen vorbeizuschlüpfen, der vor unserem Gartentor hielt,
als eine Hand mir in die wehenden Locken griff und eine lachende Stimme
rief: »Das ist doch die Alix, das Nichtchen!« Eine große blonde Frau,
von einem kleinen Mädchen und einem halberwachsenen Knaben begleitet,
stand vor mir, und nun mußte ich Rede und Antwort stehen, während meine
Augen ängstlich an meinem fleckigen Lodenrock und den schmutzigen
Stiefeln hingen. Kurz vor dem Haus riß ich mich unter dem Vorwand, die
Blumen ins Wasser stellen zu wollen, los, und erschien, noch glühend vor
Erregung, nach zehn Minuten im weißen Musselinkleid wieder, das mir die
alte Kathrin mit einem »Kind, Kind, was wird die Tante sagen -- das war
ja die Prinzessin Friedrich!« hastig übergeworfen hatte. Aber es kam
nicht einmal zu einem strafenden Blick, denn die Prinzessin nahm mich in
die Arme und erzählte lachend, wie sie eben schon meine Bekanntschaft
gemacht habe. Ihre Worte überstürzten sich wie ein Wasserfall und wurden
von ebenso hastigen und burschikosen Gebärden begleitet. Eine komische
»Prinzessin«, dachte ich mir im stillen und sah mit gesteigertem
Erstaunen zu ihren Kindern herüber, die sich grade nach allen Regeln der
Kunst zu prügeln begannen und des wohlgepflegten Rasens nicht achteten,
auf den sich sonst nicht einmal mein Ball verirren durfte.
»Der Helmut sagt, die Alix wär eine Zigeunerin,« schrie das kleine
Mädchen plötzlich.
»Zigeunerinnen sind viel hübscher als semmelblonde Frauenzimmer, wie du
eins bist,« entgegnete der Knabe, und es bedurfte des Dazwischentretens
der Mutter, um mit einer Ohrfeige nach rechts und links dem Streit ein
Ende zu machen.
Mein Schicksal hatte sich dabei entschieden: selbst der Kuchen, in den
das Prinzeßchen mit Behagen hineinbiß, hinderte sie nicht, mir
feindselige Blicke zuzuwerfen, während ihr Bruder mir die
Aufmerksamkeiten eines vollendeten Kavaliers erwies. Er mochte sieben
Jahre älter sein als ich, war schlank und hochaufgeschossen, mit
lustigen grauen Augen und aufgeworfenen roten Lippen. Die kleine
Friederike glich ihm wenig; sie war ein dürftiges Persönchen mit jenen
neidisch heruntergezogenen Mundwinkeln, die die Gesichter solcher Kinder
zu entstellen pflegen, die sich früh ihrer Reizlosigkeit bewußt werden.
Als Helmut nach dem Tee zum Badersee hinüber wollte, um dort Kahn zu
fahren, weigerte sie sich, mitzukommen, wohl in der Hoffnung, daß er
dann allein gehen müsse und der Spaß ihm verdorben wäre. Ihre Mutter
aber meinte: »Um so besser werden sich Helmut und Alix amüsieren,« und
so brachen wir auf, vom Diener begleitet, der uns rudern sollte.
Geheimnisvoll und spiegelklar, wie immer, lag der See vor uns. Vor dem
kleinen Wirtshaus, das damals noch bescheiden an seinem Ufer lag, saßen
nur wenige Touristen.
»Jetzt wollen wir uns erst gütlich tun und den schlabbrigen Tee
herunterspülen,« sagte Helmut und bestellte Tiroler Wein, mit dem wir
lustig unsre neue Freundschaft leben ließen. Als der Diener im
Hintergrund, vertieft in die »Fliegenden«, ruhig vor seinem Seidel saß,
schlichen wir davon. Die Abneigung gegen irgendwelche Beaufsichtigung,
die Helmut dadurch bekundete, steigerte meine Sympathie für ihn. Er
löste den Kahn selbst von der Kette, und wir ruderten, glückselig über
unsre gelungene Kriegslist, in den See hinaus. Bald kamen wir in
lebhafte Unterhaltung; Helmut erzählte mir von Berlin, wo er wohnte, und
wo ich nun bald hinkommen sollte, soviel des Schönen und Interessanten,
daß meine Abneigung dagegen sich rasch in erwartungsvolle Neugierde
verwandelte. Die uns zugestandene Stunde war längst verstrichen, als
heftige Rufe vom Ufer her uns zur Rückkehr mahnten. Die ganze Familie
war dort versammelt: unsere Mütter, die Tante, das schadenfroh lächelnde
Prinzeßchen, -- und wir wurden mit Vorwürfen überschüttet, kaum daß wir
das Boot verlassen hatten.
»Mach dir nichts draus,« flüsterte Helmut und wandte sich mit eleganter
Verbeugung meiner Tante zu. »Alix ist unschuldig, Frau Baronin,« sagte
er lächelnd, »sie wollte nicht ohne den Diener fahren und mahnte dann
unausgesetzt zur Rückkehr.« Mit einem raschen dankbaren Blick lohnte ich
Helmuts Ritterlichkeit, und mit einem herzlichen »Aufwiedersehn«
schieden wir.
Auf dem Wege heimwärts konnte die Tante es nicht unterlassen, ihrer
Befriedigung über den »passenden Verkehr«, den ich nun endlich gefunden
hätte, und ihrer Hoffnung Ausdruck zu geben, daß er mich hindern würde,
weiter »mit den Dorfbuben herumzuschlampen«. Das empörte mich, und ich
nahm mir vor, ihre Hoffnung auf das gründlichste zu täuschen. Schon am
nächsten Tag lief ich in aller Frühe mit dem Sepp in die Wälder und ließ
mich nur grade zu den Mahlzeiten sehen. Aber ganz so wie ehemals wurde
es trotzdem nicht mehr. Wir fuhren oft nach Partenkirchen hinauf, wo die
Prinzessin eine Villa besaß, und sie kam häufig ins Rosenhaus. Vergebens
hatte ich versucht, meine alten Freundschaften mit meiner neuen in
Einklang zu bringen; Helmut kehrte dem Sepp und seinen Kameraden
gegenüber zu sehr den Herren heraus, so daß sie sich fern hielten, wenn
er da war. Auch sonst war irgend etwas nicht mehr so recht in Ordnung;
wie mir die Adern stets hoch auf zu schwellen pflegen, wenn ein Gewitter
im Anzuge ist, so empfand ich auch seelischen Atmosphärendruck mit
peinvoller Sicherheit.
Meine Tante und meine Mutter hatten sich nie gemocht. Sie waren beide
gewöhnt, in der Gesellschaft eine Rolle zu spielen: die eine um ihrer
Schönheit und Vornehmheit willen, die andere ihres Reichtums und der
unangefochtenen Selbständigkeit ihrer Stellung wegen. Schmeichelei und
Unterwürfigkeit begegneten der Baronin Artern auf Schritt und Tritt;
jeder, der von ihr etwas erreichen wollte -- und wer hätte das nicht
gewollt! --, beugte sich ihrem Willen und ihren Ansichten. So kam es,
daß sie allmählich Widerspruch überhaupt nicht mehr ertrug ... Um mit
ihr auszukommen, mußte man Ja und Amen zu allem sagen, was sie
behauptete, -- oder schweigen. Meine Mutter schwieg, aber sie schwieg
mit allen Zeichen inneren Widerspruchs: einem sarkastischen Lächeln,
einem hochmütigen Achselzucken. Das reizte die Tante; was sie jedoch
weit mehr reizte, war der Schwägerin unzweifelhafte Vornehmheit, die
kein Reichtum und keine Toilettenpracht ersetzen konnte. Daß ihre Mutter
einer einfachen Bürgerfamilie entstammte, das war für sie ein dunkler
Punkt ihres Lebens, und in ihr lebte etwas von jenem Pöbelhaß, der stets
das eine Ziel verfolgt: Rache zu nehmen an den Vornehmen. Sie tat es in
grober und feiner Weise: sie ließ in Gegenwart meiner Mutter das Licht
ihres überlegenen Geistes am hellsten strahlen; sie zeigte ihre
vollendete Meisterschaft am Klavier und ließ in ihrer dunkeln Altstimme
alle Skalen der Leidenschaft vor dem entzückten Zuhörer tönen. Genügte
ihr das nicht, um meine Mutter, die nichts Gleichwertiges zu bieten
hatte, in den Schatten zu stellen, so griff sie sie an ihrer schwächsten
Stelle an: ihrem preußischen Patriotismus. Wie oft ging meine Mutter mit
hochrotem Kopf und zusammengepreßten Lippen hinaus, wenn die Schwägerin
wieder einmal preußische Sitten, preußische Ansichten, preußische
Politik geringschätzig kritisiert hatte. Daß sie es trotzdem bei ihr
aushielt, war nur ein Ergebnis ihres Pflichtgefühls: von der reichen,
kinderlosen Frau hing die Gestaltung meiner Zukunft ab, ihr galt es
Opfer zu bringen.
Eines Tages kam es zur Explosion. Meine Mutter machte irgend eine
wegwerfende Bemerkung über die zweifelhafte Herkunft einer Dame, die
eben, eine Wolke von Parfüm hinterlassend, die Terrasse verlassen hatte;
die Tante widersprach und redete sich so in den Zorn hinein, daß sie
schließlich Mama vorwarf, ihren eignen Mann beleidigt zu haben, denn
nach der von ihr ausgesprochenen Ansicht, wäre auch seine Mutter »von
zweifelhafter Herkunft«. Mama verteidigte sich; ein Wort gab das andere,
Tante Klotilde spielte ihren letzten Trumpf aus, indem sie mit
haßfunkelnden Augen hervorstieß: »Du am wenigsten hast ein Recht von
zweifelhafter Herkunft zu sprechen. Weiß man doch, wer deine Großmutter
war!«
Zwei Tage später verließen wir das Rosenhaus, nicht ohne daß vorher eine
konventionelle Versöhnung stattgefunden hätte. Unsre Zeit war sowieso
beinahe abgelaufen, und das kalte, trübe Wetter, das meinem
empfindlichen Halse schaden konnte, war Erklärung genug für unsre
beschleunigte Abreise. Die Rosen am See waren längst entblättert; bis
tief ins Tal hingen die Wolken, als das weiße Kirchlein mehr und mehr
meinen Blicken entschwand. An einer Biegung des Wegs kam der Sepp
gelaufen, einen Strauß von blauem Enzian in der Hand, aus dessen Mitte
zwei große weiße Sterne leuchteten. »Von der Zugspitz,« stotterte er,
auf die Edelweiß zeigend, dann brach ich in Tränen aus und weinte --
weinte noch, als schon Garmisch weit hinter uns lag. Das Wetter hellte
sich indessen allmählich auf, und wie ich von Weilheim aus rückwärts
sah, lagen die Wolken, wie bezwungene Sklaven, tief im Tal, während die
Berge, mit der glänzenden Silberkrone des Neuschnees auf ihren Häuptern,
stolz und siegesbewußt gen Himmel ragten. Dies Bild nahm ich mit, und
ich wußte: nie wird es mir entschwinden.
Papas Freude, als er uns in Berlin empfing, war grenzenlos. In unserm
neuen Heim in der Hohenzollernstraße hatte er mir einen Aufbau von
Geschenken vorbereitet, grade wie zu Weihnachten. Ich wagte zunächst gar
nicht, mich zu freuen in Erwartung von Mamas bekannten, vorwurfsvollen:
»Aber Hans!« Doch diesmal blieb es aus; stand doch mein guter Engel
daneben: die Großmutter. Wie einst in Potsdam, so war sie jetzt mit uns
in ein Haus gezogen; wir glaubten eines langen Aufenthalts in Berlin
sicher zu sein.
»Ist mein Herzenskind aber groß geworden!« rief sie, mich gerührt in die
Arme schließend. -- Großmama, wie alt wurdest du, -- hätte ich beinahe
erwidert, wenn die Regeln der guten Erziehung mich nicht rasch genug
daran gehindert hätten. Ihr glänzendes dunkles Haar war ganz grau, und
tiefe Falten zogen sich von Nase und Mund herab. Sie schien mich auch
ohne Worte zu verstehen, denn mit einem wehmütigen Lächeln sagte sie:
»Ich bin jetzt eine alte Frau, mein Alixchen, -- das Leben ist nur
selten ein Jungbrunnen!«
War meine Stimmung jetzt schon gedämpft, so wurde sie noch mehr
herabgedrückt, als ich mich umsah bei uns: alles kam mir beschränkter
vor als sonst, fremde Leute wohnten mit uns im gleichen Haus, und statt
des großen Karlsruher Gartens fand sich nur ein Vorgärtchen an der
Straße, dessen Rasen man nicht zertrampeln, dessen Blumen man nicht
abpflücken durfte. Ich frug nach August und nach den Pferden. Der Stall
lag jenseits der Straße, Papa führte mich hinüber; meine Enttäuschung
über diese Entfernung war groß, sie steigerte sich, als ich eintrat:
unsre Goldfüchse waren fort, nur drei Pferde standen darin, ein fremder
Reitknecht trat mir entgegen. »Weißt du, in Berlin gibt es so schöne
Droschken, da braucht man Kutscher und Wagen nicht,« sagte Papa
lächelnd, aber ich sah recht gut, daß seine Schnurrbartenden
verräterisch zuckten und seine Harmlosigkeit Lügen straften. Ich biß mir
auf die Lippen und ging nachdenklich nach Hause, und mehr als einmal
zuckte ich angstvoll zusammen, wenn Papa -- ein Zeichen seiner tiefen
inneren Erregung -- ohne besondere Ursache heftig wurde.
Bald darauf kam ich in die Schule, ein Privatinstitut in der Königin
Augustastraße, das erst seit kurzem bestand und nur wenig Zöglinge
hatte. Meine Großmutter stellte mich der Vorsteherin vor, einer
kleinen, dicken Dame mit fettglänzendem Gesicht und feuchten Händen, mit
denen sie mir zu meinem Entsetzen die Backen tätschelte. Der erste
Eindruck, den ich von den Stunden empfing, war der einer grenzenlosen
Langenweile. Erst als man mich in eine höhere Klasse nahm, wo die
Mädchen alle älter waren als ich, gewann die Sache mit dem Erwachen
meines Ehrgeizes an Interesse. Der trockne Memorierstoff, auf den der
ganze Unterricht hinauslief, vermochte mich freilich auch hier nicht zu
fesseln, aber es den andern zuvortun, die Beste in der Klasse sein, --
das spornte mich an. Und ich brauchte mich nicht einmal anzustrengen, um
mein Ziel zu erreichen, denn ich lernte leicht und bekam immer die
besten Noten. Meine Kameradinnen konnten mich deshalb alle nicht leiden,
und ich hatte vor ihnen ein unbestimmtes Schuldbewußten, da ich überdies
ihre Interessen nicht teilte, -- spielte ich doch trotz meines großen
Kochherds und meiner vielen Puppen nur selten mit dergleichen, und den
Austausch bunter Oblaten, ein Hauptsport damals, fand ich albern, -- so
blieb ich ganz isoliert. Neben mir in der Klasse saß ein Mädchen, das
mir zuerst auch nichts andres war, als eine Konkurrentin, durch die ich
mich nicht überflügeln lassen durfte, und eine gefährliche dazu. Bald
merkte ich, daß sie noch mehr gemieden wurde als ich, daß man sie mit
Neckereien und Bosheiten verfolgte. »Judenmädel« stand einmal mit roter
Tinte auf ihrem Pult, ein andermal mit weißer Kreide auf ihrem Mantel.
Sie weinte stets, wenn sie es sah, wagte aber nicht, sich zu
verteidigen.
Einmal, nach der Religionsstunde -- wir hatten grade die
Leidensgeschichte Christi durchgenommen -- sah ich sie plötzlich
inmitten der andern, die sie dicht umdrängten und auf ein gegebenes
Zeichen gemeinsam losbrüllten: »Judenbalg hat Christus gekreuzigt --
Judenbalg hat Christus gekreuzigt!« Dann tanzten sie im Kreise um sie
herum, und auf ein »Eins, Zwei, Drei« der Anführerin spieen sie alle vor
ihr aus. Ich kochte vor Wut und stürzte mich besinnungslos zwischen sie.
»Gemeine Bande,« schrie ich, während sie überrascht auseinanderprallten,
»schämt ihr euch nicht: zehn gegen eine?« -- »Sie ist aber doch eine
Jüdin,« knurrte die mir Zunächststehende. »Und wenn sie es ist -- wißt
ihr denn nicht, daß Christus auch ein Jude war?« gab ich zur Antwort.
Dann wandte ich mich der noch immer Weinenden zu: »So heule doch nicht,
Edith,« flüsterte ich, »sonst lassen sie dich gar nicht in Ruh.«
Von da ab befreundeten wir uns mehr und mehr. Wir waren beides einzige
Kinder, die durch ihr stetes Zusammensein mit Erwachsenen reifer zu sein
pflegen als andre; Bücher waren unsre Leidenschaft, und ein eifriger
Austausch zwischen uns begann, gab auch stets neuen Stoff zur
Unterhaltung. Wir wohnten überdies Haus an Haus, so daß wir unsern
Schulweg zusammen machen konnten. Aber das sollte nicht die einzige
Wirkung meines Eintretens für die Angegriffene sein. Eines Tages ließ
mich die Schulvorsteherin zu sich rufen. »Du hast gesagt, Christus sei
ein Jude,« fuhr sie mich mit zornigem Stirnrunzeln an, »wie kommst du
dazu?« »Maria und Joseph,« stotterte ich in höchster Verlegenheit,
»waren doch auch Juden, und -- und David doch auch, von dessen Stamm er
ist.« -- »Christus ist Gottes Sohn, merke dir das,« schrie sie, wobei
ihre Stimme sich überschlug, »und streue nicht Unfrieden in die
gläubigen Seelen deiner Kolleginnen.« Ich schluckte krampfhaft an den
aufsteigenden Tränen. »Ich sehe, du bereust deine Sünde,« sagte sie
würdevoll, »so sei dir für diesmal vergeben,« und ihre feuchten Hände
fuhren mir übers Gesicht. Am liebsten wär ich davongelaufen, aber meine
Empörung über die gemeine Art, wie die Mädchen sich an mir gerächt
hatten, hielt mich fest, und ich erzählte den ganzen Zusammenhang der
Geschichte. Die Wirkung war für mich verblüffend. »Das ist ja natürlich
sehr, sehr unartig von ihnen gewesen,« erklärte sie mit hochgezognen
Augenbrauen, »entschuldigt aber in keiner Weise deine weit größere
Sünde.«
Verwirrt und erregt trat ich den Weg nach Hause an. Religiöse Zweifel
hatten mich noch nie gequält. Ich glaubte an den lieben Herrn Jesus, von
dem Großmama mir immer erzählte, der die Unglücklichen tröstet, den
Armen Hilfe, den Kranken Heilung bringt und die Kinder lieb hat. Daß
Christi Gotteskindschaft von so ungeheurer Bedeutung sein sollte, -- das
war mir noch nie in den Sinn gekommen. Geradenwegs zu Großmama ging ich
und erzählte ihr alles.
»Das hat Fräulein Patze gewiß nicht so schlimm gemeint, wie du das
auffaßt,« sagte sie, »wir sind alle Gottes Kinder; wer aber, wie
Christus, den Willen des Vaters in höchster Vollkommenheit erfüllt, der
ist sein liebster Sohn.« Ich war zunächst beruhigt, merkte aber in den
Religionsstunden mehr auf den Sinn der Worte als vorher und fühlte bald
den Widerspruch zwischen dem, was dort gelehrt wurde, und dem, was
Großmama sagte, heraus. Mein Herz und mein Verstand entschieden für sie,
und für die Lehrerinnen blieb nichts als Geringschätzung übrig. Ich
lernte zwar nach wie vor vortrefflich, aber für mein inneres Leben, für
meine geistige Entwicklung blieb die Schule ebenso bedeutungslos, wie
jede Art von Unterricht bisher.
Mein Schulerlebnis sollte auch nach andrer Richtung nicht ohne Folgen
bleiben. Edith und ich waren natürlich noch mehr als früher aufeinander
angewiesen, und oft genug hatte sie mich schon zu sich eingeladen, ohne
daß es mir erlaubt worden wäre, der Einladung zu folgen. Erst nachdem
sich Großmama ins Mittel gelegt und ich Papas Herz erweicht hatte,
durfte ich zu ihr gehen. Es war alles sehr schön bei ihr, und ihre
Eltern, die die Tochter nicht ohne Absicht in die vornehme Schule
schicken mochten, wußten sich vor Freundlichkeit gar nicht zu lassen.
Mein Besuch galt ihnen vielleicht als die erste Stufe zu dem Ziel, das
ihnen für ihr einziges Kind vorschwebte, eine adlige Heirat, -- denn er
sollte den Verkehr mit aristokratischen Kreisen einleiten. Mir war es
unbehaglich in der Nähe des Ehepaars: der Frau mit dem bei jeder
Bewegung krachenden Korsett und den vielen Ringen auf den fleischigen
Händen, des Mannes mit der dicken Uhrkette über dem Spitzbauch. Nach
einem reichlichen Imbiß spielten wir ein Gesellschaftsspiel. Ich verlor,
wie immer, -- meine Ungeschicklichkeit in solchen Spielen war nicht
leicht zu übertreffen, da meine Gedanken dabei stets spazieren gingen
--, bekam aber trotzdem eine Menge der reizendsten Gewinne, unter denen
ein kleiner Muschelwagen mit einem silbernen Ziegenbock davor das
schönste war.
Daheim schüttete ich meine Schätze vor den Eltern aus, aber sie teilten
meine Freude nicht; Papa räusperte sich heftig, und Mama kniff die
Lippen zusammen. Und dann kams, das viel gefürchtete Ungewitter: sie
warfen einander gegenseitig vor, daß sie mich zu der »protzigen
Judensippschaft« gelassen hatten, die sich »erlaubte, dem Kinde solche
Geschenke zu machen«. Schluchzend kroch ich in mein Bett. Ich durfte nie
wieder hinüber. In der Schule ging ich Edith, die vergebens auf eine
Gegeneinladung wartete und von den gekränkten Eltern nun wohl auch ihre
bestimmten Instruktionen bekommen hatte, scheu aus dem Wege. Im
sonntäglichen Familienkreis bei Großmama kam noch einmal die Rede auf
die Geschichte. Tante Jettchen, ihre Schwägerin, der gefürchtete
Kleinkinderschreck und Sittenwächter, geriet heftig aneinander mit ihr
und erklärte schließlich kategorisch: »Juden sind kein Umgang für
Mädchen, die eine Position in der Gesellschaft haben.« Manch einer
lächelte verstohlen zu diesem Ausspruch, wußte man doch, daß sie um so
empfindlicher war, was diesen Punkt betraf, als sie es nie verwinden
konnte, daß Baron Wolkenstein ihr Schwiegersohn geworden war. Sein
Ahnherr war Hofjude bei Friedrich dem Großen gewesen, und dieser hatte
ihn mit der Bemerkung geadelt: »Machen wir den Kerl zum Baron, ein
Edelmann wird doch nie draus.« Selbst in der vierten Generation hatte
das Taufwasser die Erinnerung an den Familienstammbaum nicht zu
verwischen vermocht.
Es war eine Ironie des Schicksals, daß mir als Ersatz für Edith Onkel
Wolkensteins ältester Sohn Hermann als Spielkamerad zudiktiert wurde. Er
war etwas älter als ich, in der Schule sehr zurückgeblieben, und ich
sollte ihm zum Vorbild dienen. Wir kamen einander demnach nicht gerade
mit liebevollen Gefühlen entgegen, vertrugen uns aber schließlich doch
ganz leidlich. Auf der Erde in meinem Zimmer bauten wir Dörfer und
Gutshöfe auf, die wir aus bunten Bilderbogen selbst ausschnitten.
Hermanns Vater besaß ein Gut in Sachsen, so daß landwirtschaftliche
Interessen ihm am nächsten lagen; die Erinnerung an Grainau zauberte mir
alle Wonnen des Landlebens vor Augen und belebte mein Spiel. Wenn aber
Hermann anfing, sich aufs Kaufen und Verkaufen von Vieh, Korn und Heu
beschränken zu wollen, wobei er stets in den höchsten Eifer geriet, und
ich Ediths Muschelwagen als Feenfahrzeug durch die Lüfte fliegen ließ,
um den Menschen in meinen Dörfern alle möglichen Herrlichkeiten zu
bringen, dann wars mit dem Frieden vorbei. Hermann liebte nur die
»wirklichen« Geschichten, und ich erklärte seinen Handel für »ekelhaft«.
Schließlich verschloß ich gekränkt den silbernen Ziegenbock in meinem
Schrank, gerade, wie ich lernte, meine Träume für mich zu behalten. Es
war nun einmal nicht anders mit den Menschen, philosophierte ich, jeder
war immer nur für eine Seite meines Wesens zu brauchen; es galt daher,
die andre zu verstecken, bis auch für sie die rechten Gefährten sich
finden würden.
Mit einer Schar kleiner Mädchen und Knaben bekam ich in demselben Winter
die ersten Tanzstunden, die abwechselnd in ihren Familien stattzufinden
pflegten. Da saßen dann all die Mamas und Großmamas und Tanten
ernsthaft im Kreise herum und musterten die junge Generation und
spannen Zukunftspläne und wetteiferten mit unserm Tanzmeister, der uns
besonders interessant war, weil er in »Flick und Flock« den großen Krebs
zu tanzen pflegte, in der Ausübung ihrer Erziehungskünste. Sie konnten
stolz sein auf ihr Werk: So gut wir französisch parlierten, so zierlich
tanzten wir Quadrille und Polka, -- der Walzer war als »unschicklich« zu
jener Zeit in der Hofgesellschaft verboten --, und so tadellos war unser
Hofknix. »Eine Position in der Gesellschaft« war uns gesichert, ja wir
besaßen sie, dank unsrer Familienbeziehungen, schon jetzt. Mir war sie
etwas so Selbstverständliches, daß jener Hochmut, der nur entstehen
kann, wenn man sie als etwas Besonderes ansieht, der daher am sichersten
den Emporkömmling kennzeichnet, bei mir gar nicht aufkam. So war mir die
Ehrfurcht und die Bewunderung, mit der Edith mich über die
Kindergesellschaften bei »Kronprinzens« auszufragen pflegte, immer
komisch erschienen. Ich hätte wirklich nicht gewußt, was mich im
kronprinzlichen Palais zum Bewundern und Verehren hätte bewegen können:
die kleine unansehnliche Kronprinzessin, die mit der Miene einer
Gouvernante unsre Spiele beaufsichtigte, der lustige Kronprinz, dessen
derbe Späße die Märchenprinzenillusionen unsrer Kinderträume gar nicht
aufkommen ließen, die einfachen, mit Spielzeug wenig verwöhnten Kinder,
der Teetisch, auf dem ich bald aufgegeben hatte, etwas zu suchen, was
Kindergaumen reizt, -- es gab doch immer nur dieselben Albert-Kakes --
das alles gab ein Gesamtbild, das der Glanz der Kaiserkrone nicht zu
treffen schien. Ich ging nicht allzu gerne hin: Prinzessin Charlotte,
die mir am besten gefiel, war viel älter als ich; Prinzessin Viktoria,
mit der ich spielen sollte, hatte nur Spaß am Kommandieren, was ich mir
nicht gefallen ließ, die jüngern Geschwister waren Babys in den Augen
der bald Zehnjährigen. Kam Prinz Wilhelm dazu mit dem kurzen lahmen Arm
und dem finstern Gesicht, so wurde mirs vollends unheimlich. Es war
jedesmal ein Seufzer der Erleichterung, mit dem ich mich in die Kissen
des Wagens lehnte, der mich heimwärts fuhr. Schön waren nur die großen
Feste: das Baumplündern, die Kinderbälle, die Aufführungen. Wenn ich mit
offnen Locken, im Spitzenkleid und Atlasschuhen die lichterstrahlenden
Säle betrat und gnädig die ersten Huldigungen kleiner Kavaliere
entgegennahm, -- dann ging mir eine Ahnung vom üppigen Freudenmahl des
Lebens auf, die mir alle Fibern mit Sehnsucht füllte. Bei einem solchen
Fest war es, als Helmut mir entgegentrat und mir auf dem Wege zum
Ballsaal den Arm reichte. »Wie eine Prinzessin aus Tausendundeiner Nacht
siehst du aus,« flüsterte er dicht an meinem Ohr. Tausend und eine
Nacht! Heiß überflutete es mich! Und als wir uns dann im schimmernden
Glanz der Kerzen, bei rauschender Musik im Tanze wiegten, war mirs, als
hörte ich verlockend die Worte zu seiner Melodie: schön sein --
herrschen -- genießen!
Eine Kugel, die ich mir einst im Schloß vom Weihnachtsbaum
herunterholte, und in der sich noch heute alljährlich die Lichter unsres
Tannenbaums spiegeln, ist das einzige, was mir zur Erinnerung an jene
Feste übrig blieb. Ich hielt sie damals für eitel Silber. Aber sie ist
auch nur aus Glas und hat schon lange einen Sprung! ...
Im Frühjahr wurde ich krank. Wiederholte Schwindelanfälle waren der
Anlaß gewesen, mich schon Wochen vorher aus der Schule zu nehmen. Dann
bekam ich die Masern und lag lange Zeit zu Bett. Als ich wieder
aufstehen durfte, konnte ich mich durchaus nicht erholen. Eine
Herzschwäche war zurückgeblieben. Ich sollte viel an der Luft sein und
war daher vor- und nachmittags im Zoologischen Garten, wo ich mit
Großmama auf einer sonnigen Bank zu sitzen pflegte, die recht schmal
gewordenen Hände müßig im Schoß, den Kopf, der mir immer so schwer war,
hinten übergelehnt. Sie las mir vor und hatte sich zu dem Zweck eine
besondre Art von Lektüre ausgewählt: Schilderungen der Jugendzeit
bedeutender Männer, die sie ihren Lebensbeschreibungen und
Selbstbiographien entnahm. Zwei davon machten mir einen unauslöschlichen
Eindruck: die Napoleons und die Goethes. Wie der große Kaiser ein armer
Junge gewesen war und sich dem niederdrückenden Einfluß von Not und
Verlassenheit nicht nur nicht unterwarf, sondern beide ihm zu Mitteln
seiner Stärke wurden, und wie der Genius des großen Dichters sich schon
an des Knaben Puppentheater, vor den staunend aufhorchenden Freunden
offenbarte, denen er seine Märchen erzählte, -- wundervoll war es! »Das
muß das Schönste sein im Leben, Großmama: zu sein wie ein Stern, der
allen leuchtet« -- sagte ich einmal nachdenklich. Und ihre Antwort tönt
mir noch in den Ohren: »Den alle lieben, meinst du wohl, weil er alle
wärmt!«
Legte sie das Buch weg, so erzählte sie von ihrer eignen Jugendzeit,
die sie in der Stadt des Dichters, fast ständig in seiner Nähe, verleben
durfte. Wie arm kam mir, mit der ihren verglichen, meine Kindheit vor!
Ich konnte überhaupt gar nicht mehr recht froh werden. Es lag irgend
etwas Dumpfes, Schweres in der Luft, das die Mienen immer verstörter,
das Lachen immer seltner werden ließ. Selbst meines Vaters Humor
versiegte mehr und mehr, und häufiger als je flüchtete ich vor seiner
tobenden Heftigkeit zu Großmama hinunter. Aber auch sie war zerstreut
und sorgenvoll, so sehr sie sich auch vor mir zusammen nahm. Jeden
Morgen vertiefte sie sich in den Kurszettel, und die mir rätselhafte
Bemerkung: »Die Lombarden fallen« störte unsre sonst so gemütliche
Frühstücksstunde. Eines Abends hatte Papa meine Mutter aus irgendeinem
geringfügigen Anlaß heftig angefahren, was mich immer ganz besonders
entsetzte, und ich lief, so rasch ich konnte, davon, um mich verängstigt
im tiefen Sessel von Großmamas Boudoir zu vergraben. Da hörte ich
nebenan das Geräusch von Stimmen: Onkel Walter war tags vorher aus
Ostpreußen angekommen und betrat mit Großmama in starker Erregung, wie
es schien, den Salon.
Sie setzten sich zusammen auf das weiche, grüne Sofa, das mir so oft zum
Schmollwinkel diente, und nun hörte ich jedes Wort ihrer Unterhaltung:
Großmamas weiche, von aufsteigenden Tränen verschleierte Stimme, Onkel
Walters hartes, durch die Aufregung immer rauher klingendes Organ.
»Du kennst unsre finanzielle Lage,« sagte sie. »Hans hat sein kleines
Vermögen völlig verloren, und was Ilsens Mitgift betrifft, so fürchte
ich das Schlimmste. Dazu haben sich meine Einkünfte bedeutend
verringert, und ich muß mich jetzt schon sehr einschränken, um Ilse und
Max, die beide Familie haben, nicht im Stich zu lassen. Du hast nicht
Frau, nicht Kind, hast ein schönes Gut, -- du solltest ohne weiteres
auskommen.«
»Klotilde kann bei Hansens für dich eintreten,« entgegnete er.
»Klotilde!« Großmama seufzte. »Jede Inanspruchnahme ihrer Hilfe heißt
Alixchens ganze Zukunft gefährden.«
Onkel Walter stöhnte schwer.
»Hast du noch etwas, was du mir verschweigst? -- Sprich dich doch aus,
mein Junge!« schmeichelte Großmamas Stimme.
Und nun kams, wie ein Sturzbach wilder, leidenschaftlicher Worte, die
schließlich Großmamas leises Weinen so wehevoll begleitete, daß sich mir
das Herz schmerzhaft zusammenzog.
Ich verstand nicht alles, aber die Hauptsache prägte sich mir ein:
irgendwo in der Schweiz oder in Italien bei einer der vielen
Spielbanken, die damals wie Pilze aus der Erde schossen, hatte Onkel
Walter sehr, sehr viel Geld verloren, und in Pirgallen standen die Dinge
schlecht, da die Heuernte wieder einmal durch Überschwemmungen zerstört
worden war -- »ich schieße mir eine Kugel durch den Kopf, wenn du nicht
hilfst,« schloß er außer sich. Ich schrie entsetzt auf. Großmama erhob
sich, ich hörte ihre Kleider rauschen, duckte mich schnell tief in die
Kissen und hielt den Atem an.
»Also ein Verschwender und ein Feigling dazu!« sagte sie; ihr hatte
seine Drohung zu meinem Erstaunen keinen Eindruck gemacht. »Schämst du
dich nicht? Wie viele fristen ihr und ihrer Familie Leben mit wenigen
Groschen am Tag, und du wirfst Tausende zum Fenster hinaus, noch dazu
Tausende, die dir gar nicht gehören! Oder ist es etwas andres als
Diebstahl, wenn du deine Lieferanten, deine Handwerker und ihr Geld dem
schlimmsten aller Teufel, dem Spielteufel, in den Rachen wirfst?! Wenn
du noch eine Spur von Ehrgefühl hast, so wirst du dir selber helfen und
nicht verlangen, daß deine Schwester und dein Bruder sich dir opfern.
Setz dich auf dein Gut und arbeite!«
Niemals hatte ich Großmama so reden hören, auch Onkel Walter mochte
erstaunt sein, denn er schwieg lange Zeit. Dann brachs von neuem los,
nicht heftig, wie vorher, sondern jammernd, verzweifelnd. Und nun
tröstete ihn Großmama, wie ein krankes Kind, ohne in der Sache
nachzugeben. Sie wollte zu ihm ziehen, ihm ein neues Leben aufbauen
helfen, in der Wirtschaft nach dem Rechten sehen, bis er eine gute Frau
gefunden haben würde ...
»Ich habe eine Geliebte,« stieß er hervor.
»Auch das noch!« murmelte sie. »Kannst du sie heiraten?« fügte sie rasch
hinzu.
»Damit wir beide am Hungertuch nagen?« höhnte er.
Auf Großmamas Bitten berichtete er von seinem Verhältnis zu dem Mädchen.
Ich glaube, sie war anständiger armer Leute Kind; Onkel Walter hatte sie
fürs Theater ausbilden lassen und an irgendeiner Bühne untergebracht:
»Talent hat sie keins, aber sie ist hübsch, damit wird sie sich schon
weiter helfen! Für das Kind aber, dessen Vaterschaft mir einigermaßen
sicher ist, muß gesorgt werden!«
»Und du -- du bist mein Sohn!« hörte ich Großmama mit halberstickter
Stimme sagen. Hätte ich ihr nur zu Füßen fallen und ihre Hände küssen
können!
Nach langer, peinvoller Stille fing sie wieder zu sprechen an: mit
ruhiger Geschäftsmäßigkeit, wie zu einem völlig Fremden, setzte sie
Onkel Walter auseinander, welche Schritte zur Regelung seiner
Angelegenheiten zu tun seien, und zu welchem Zeitpunkt sie ihre
Übersiedlung nach Pirgallen vornehmen würde. »Für das unschuldige
Würmchen und die arme Mutter sorge ich,« schloß sie, »und nun gute
Nacht!«
Ohne ein Wort zu erwidern, verließ Onkel Walter das Zimmer.
Wieviel Schleier, unter denen bisher das Leben sich mir verborgen hatte,
waren in dieser kurzen Stunde zerrissen! Wild klopfte mir das Herz. Da
trat Großmama über die Schwelle. »Alixchen!« rief sie entsetzt. Ich
sprang auf, und den heißen Kopf in die kühlen Sammetfalten ihres Kleides
pressend, erzählte ich ihr, daß ich alles, alles gehört hätte.
»Ich, ich will dir helfen, Großmama,« rief ich, ohne eine Antwort von
ihr abzuwarten, während die abenteuerlichsten Pläne sich in meinem Hirne
kreuzten. »Ich komme mit nach Pirgallen, und dann pflege ich das kleine
Kind, und du brauchst keine Kinderfrau.« Bittend sah ich auf zu ihr; mit
wehmütigem Lächeln streichelte sie mir die glühenden Wangen, und durch
ihre Liebkosung ermuntert, fuhr ich noch eifriger fort: »Weißt du, wenn
ich das tue, sind doch auch die Eltern mich los und brauchen kein Geld
für mich auszugeben« -- -- Großmama war noch immer still -- --
»vielleicht kann ich sogar selbst Geld verdienen. Du hast einmal
gesagt, daß viele arme Kinder für Geld arbeiten müssen. Ich tanze doch
so gut -- Herr Ebel hat mich doch selbst unterrichtet -- der nimmt mich
gewiß zum Theater.«
»Du kleiner Hitzkopf du -- was für törichte Gedanken du dir machst,«
unterbrach mich Großmama. »Komm, laß uns ruhig miteinander reden,« damit
ließ sie sich in dem tiefen Stuhl nieder, dessen Bezug noch Spuren
meiner Tränen zeigte, und ich kauerte mich ihr zu Füßen, wie in jenen
glücklichen Stunden, wo ich ihren Märchen lauschte. Lange und liebreich
sprach sie auf mich ein: daß ich mir die Dinge nicht so schwarz ausmalen
solle, daß wir zwar nicht mehr reich, aber auch nicht arm seien, daß ich
viel helfen könne, wenn ich meiner Mutter das Leben erleichtere, wenn
ich überflüssige Wünsche unterdrücke und tüchtig lerne, damit ich
einmal, falls es nötig sein sollte, auf eignen Füßen zu stehen
vermöchte. Meine heroische Opferwilligkeit wurde nicht wenig
herabgestimmt. Gar kläglich kam mir vor, was Großmama mir als eine
Aufgabe ans Herz legte. »Und -- das kleine Kind?« wagte ich noch einmal
schüchtern zu bemerken. Die feinen Adern auf Großmamas Schläfen
schwollen. »Versprich mir, daß du niemandem sagst, was du von ihm gehört
hast,« sagte sie, mir ernst und fest ins Auge blickend. »Ich verspreche
es,« hauchte ich.
Großmama küßte mir beide Wangen. »So, nun komm! Ich bring dich in dein
Bettchen, und morgen ist das alles nichts als ein Traum für dich.« Still
und in mich gekehrt folgte ich ihr.
Als sie aber die Decke an den Bettpfosten befestigt hatte, -- ich
pflegte sie sonst im Traume von mir zu werfen --, und, die Hände
gefaltet, neben mir stand, mein Abendgebet erwartend, richtete ich mich
noch einmal auf: »Großmama, liebe Großmama,« kam es mit Anstrengung über
meine Lippen, »sag mir doch, ist eine Geliebte dasselbe wie eine Frau?«
Und sie gab mir eine Antwort, wie ich sie noch auf keine Frage von ihr
erhalten hatte: »Kind, das verstehst du nicht.«
Mein Abendgebet vergaßen wir danach alle beide.
Trotz des gemeinsamen Geheimnisses, um das meine Gedanken sich in der
Stille unaufhörlich drehten, trat seitdem eine leise und noch lange
nachwirkende Entfremdung zwischen uns ein. Ich aber achtete von nun an
genau auf meine Umgebung, auf alles, was geschah und was gesprochen
wurde. Ich merkte, daß Papa mir seltner etwas mitbrachte als früher, wo
er fast immer eine Schachtel Bonbons oder ein Spielzeug für mich in der
Tasche gehabt hatte. Und wenn er es jetzt noch tat, so war Mamas
Empörung über die »Verschwendung« so groß, daß mir von vornherein jede
Freude verging. Ich sah, wie im stillen überall gespart und geknausert
wurde, ohne daß sich nach außen viel veränderte: unsre alte französische
Köchin machte einer deutschen Platz, die keine Kuchen und Pasteten
backen konnte, an Stelle der Jungfer trat ein Hausmädchen, unter deren
Händen Mamas blonder Kopf nicht mehr zu einem Kunstwerk wurde wie
früher. Nur der Wilhelm, der Diener, blieb, und seine stets gleichmäßig
unbeweglichen Züge verrieten niemandem, wie anders es im Hause der
Herrschaft geworden war; er schenkte den billigen Mosel bei Tisch mit
derselben Würde ein, wie den teuren Rheinwein früher.
Aber noch mehr, als ich sah, hörte ich, und lernte rasch ein halbes
Wort, ein vielsagendes Lächeln verstehen: da mußte der eine den Abschied
nehmen, weil er sein »Verhältnis« geheiratet hatte, und der andre
ruinierte sich eines »Frauenzimmers« wegen; da wurde einer im Duell
erschossen, weil seine Frau auf dem Zimmer eines Schauspielers gefunden
worden war, und eine andre wurde in der Gesellschaft »unmöglich«, weil
sie ihren Mann heimlich verlassen hatte. Bei alledem schwebte mir immer
Onkel Walters Geliebte vor, die Mutter seines Kindes, der meine
Phantasie die Gestalt der duldenden Madonna gegeben hatte, und ich nahm
im Innern unentwegt Partei für ihre Leidensgefährtinnen.
Im Sommer gingen wir wieder nach Oberbayern. Mein schwaches Herz, das
sich in Ohnmachtsanfällen allzu häufig bemerkbar machte, bedurfte der
Stärkung durch die Bergluft. Aber meine Freude über das Reiseziel sollte
eine erhebliche Einbuße erfahren: statt im Rosenhaus zu wohnen, bei
Tante Klotilde, blieben wir in Garmisch im Hotel. Als wir das erstemal
zu ihr kamen, war ich steif und still. Selbst als der Sepp mit einem
Strauß von Orchideen, die ich ihrer märchenhaften Formen wegen immer
besonders liebte, vor mir stand, ließ ich mich nicht bewegen, mit ihm zu
spielen. »Das Fräulein ist wohl ganz preußisch geworden,« sagte Tante
Klotilde spöttisch. Ich sah sie böse an. Sie hatte keine Spur von
Verständnis für mich; sie wußte nicht, daß ich die Kosthäppchen des
Lebens nie leiden konnte. Wer nicht das ganze köstliche Gericht haben
kann, für den ist eine Probe davon nur eine grausame Mahnung an das, was
er entbehrt.
Es blieb bei kurzen Besuchen am Rosensee; nur selten holte die Tante
uns zum Spazierenfahren ab und unterließ es dabei nie, ihrem Ärger über
die Nichte, die eine »gelbe Hopfenstange« geworden wäre, Luft zu machen.
Ich war bisher so gewöhnt gewesen, bewundert zu werden, daß mich ihre
Bemerkung einigermaßen in Erstaunen setzte. Der Spiegel sprach für ihre
Richtigkeit. Diese Entdeckung steigerte nur meine morose Stimmung. Ich
hatte niemanden, der mich ihr hätte entreißen können; Mama hielt mich
abwechselnd für unartig oder für launisch; sie befand sich überdies bald
in einer ihr sehr angenehmen Gesellschaft und war daher ganz zufrieden,
daß ich gar keine Ansprüche an sie stellte, sondern am liebsten allein
mit meinem Buch im Hotelgarten saß. Die Bäume darin standen in Reih und
Glied, wie Soldaten, und verbargen, trotz ihrer Dürftigkeit, den Kranz
der fernen Berge; um aber jedes Gefühl für die Großartigkeit der Natur
vollends zu verwischen, plätscherte ein dünner, kleiner Springbrunnen in
der Mitte. Hier konnte ich zeitweise vergessen, daß ich dem alten grauen
Freund, dem Waxenstein, so nahe und er mir doch so unerreichbar fern
war.
Ich blieb nicht lange allein. Ein junger Mensch mit fuchsig rotem Haar
und einem Gesicht voll gelber Sommersprossen, der mit seiner Mutter,
einer Schriftstellerin, an der Table d'hote neben uns saß, gesellte sich
immer häufiger zu mir und rümpfte immer deutlicher die Nase über meine
Lektüre. Freilich: das ganze Elend der damaligen Jugendliteratur konnte
nicht deutlicher zum Ausdruck kommen als hier. Gegen den gräßlichen
Nieritz mit seiner Zuckerwassermoral hatte ich schon selbst protestiert,
dafür herrschten jetzt Ottilie Wildermut und Elise Polko, die der
gesitteten höhern Tochter in hundert Variationen stets dasselbe
predigten: der Mann ist deines Lebens Ziel und Zweck. Hans Guntersberg,
froh, eine so dankbare Zuhörerin für seine Primanerweisheit gefunden zu
haben, erzählte mir von seinen Lieblingsbüchern, und von niemandem
schwärmte er mehr als von Paul Heyse. Ein Buch nach dem andern brachte
er mir, um mir daraus die seiner Meinung nach schönsten Stellen mit dem
Pathos eines Vorstadttragöden vorzulesen. Sein ganzer Koffer steckte
voller Bücher und sein Kopf voller Liebesgeschichten, wobei es kein
Wunder war, daß es in dem einen an Platz für frische Kragen, in dem
andern an Interesse für klassische Sprachen fehlte. Er war nämlich schon
zwanzig Jahre alt. Seine körperliche Nähe war mir widerwärtig, und meine
Sehnsucht nach seinen Büchern stand immer in hartem Kampf mit meiner
Antipathie gegen seine Persönlichkeit. Er mochte fühlen, was ihn allein
für mich anziehend machte und gab daher seine Schätze nicht aus der
Hand. Plötzlich kam er nicht mehr und antwortete mir ausweichend, als
ich ihn abends nach der Ursache frug. Am nächsten Tag schlich ich ihm
nach und fand ihn in der Laube des Nebenhauses mit einem Mädchen, das
nicht nur erheblich älter, sondern auch viel hübscher war als ich. In
seiner bekannten Schauspielerpose stand er vor ihr und deklamierte,
während der Schweiß ihm in Perlen auf der sommersprossigen Stirn stand.
Halb belustigt, halb verärgert wandte ich mich ab. Ich gönnte der
Rivalin den Kurmacher, aber seine Bücher gönnte ich ihr nicht.
Vielleicht gab er sie mir jetzt, da seine Person anderweitig
untergebracht war. Er lachte mich aus, als ich ihn darum bat: »Für
dumme Göhren wie dich ist das noch nichts.« Mir fiel ein Laden in
Partenkirchen ein, der alle leiblichen und geistigen Bedürfnisse der
Sommergäste zu befriedigen pflegte. Heyses Novellen hatte er gewiß. Das
Schlimme war nur, daß ich kein Geld besaß. An meinem Geburtstag hatte
ich in Erinnerung an Großmamas Ratschläge das Goldstück von Tante
Klotilde unberührt gelassen. Mama sollte mir zum Winter ein Kleid davon
kaufen, dieser Wunsch -- ein erstes Zeichen praktischen Verständnisses
-- war durch einen der seltnen mütterlichen Küsse belohnt worden. Sie
für diesen Zweck nun doch um das Geld zu bitten, wäre töricht gewesen;
bestenfalls hätte sie meinen Lesehunger durch einen neuen Band Wildermut
gestillt. Und doch hatte ich ein Recht darauf -- es war mein Eigentum
--, ich konnte tun damit, was ich wollte; Mama hatte es sogar selbst in
mein Portemonnaie gesteckt, das in der Kommode unter den Taschentüchern
lag. Tagelang kämpfte ich mit mir, -- aber das Verlangen wurde um so
stärker, als ich Stunden und Stunden nichts mit mir anzufangen wußte;
endlich konnt ich nicht länger widerstehen: unter dem Vorwand, ein
Taschentuch haben zu müssen, verschaffte ich mir den Schlüssel und nahm
mein Portemonnaie an mich. In fliegender Hast, als brenne der Boden
unter mir, lief ich die Treppen hinunter durch die Straße nach
Partenkirchen. Für meine Mutter, sagte ich verwirrt und stotternd im
Laden, sollte ich Heyses Novellen kaufen. Verwundert sah man mich an,
als ich ein ganzes Goldstück vorwies. Mit mehreren Bänden beladen lief
ich zurück; die Eile, die Angst vor Entdeckung, das klopfende Gewissen
ließen mein Herz immer stürmischer schlagen. Glühende Funken tanzten
vor meinen Augen; zuweilen wars dann wieder, als hüllten schwarze
Schleier sie ein. Ungesehen kam ich ins Hotel zurück und hatte noch
gerade so viel Kraft, mein Paket in die leere Reisetasche zu stecken,
als der Schwindel mich packte und ich zusammenbrach. Auf meinem Bett,
umringt von der Mutter, dem Arzt, dem Stubenmädchen, das mich zuerst
gefunden hatte, fand ich mich wieder. Die Hotelküche sei nichts für mich
-- es fehle mir an Bewegung -- Garmisch sei zu heiß -- die Baronin
Artern müsse mich ins Rosenhaus nehmen, da würde das dumme Herzchen
schon zur Räson kommen -- hörte ich des alten Doktors freundliche Stimme
sagen. Er fuhr selbst nach Grainau, um mit der Tante zu reden. Schon am
nächsten Tag sollte ich hinüber. Der Gedanke an die versteckten Bücher
ließ zunächst meine Freude nicht aufkommen. Ich benutzte den Augenblick,
wo Mama zum Essen hinunter ging, um mich hastig anzuziehen, nahm das
verhängnisvolle Paket und trug es mit wankenden Knien in den Garten.
Dort, unter einem Fliederbusch, vergrub ich ein Buch nach dem andern in
der Erde; nur eins -- das letzte, ein dünnes Bändchen, versenkte ich in
meine Kleidertasche. Dann erst kam mir die bedenkliche Moralität des
Ereignisses zum Bewußtsein: statt der Strafe für meine Sünden erwartete
mich das Rosenhaus, meiner ständigen stillen Sehnsucht Ziel!
Ich verlebte stille, wundervolle Wochen dort. Da ich weder Kraft noch
Lust hatte, soviel umherzuklettern wie im vorigen Jahr und die alte
Kathrin mich überdies mehr denn je in ihren Schutz nahm, fand die Tante
nicht allzuviel Ursache zum Schelten. Und der Sepp erwies sich als der
treuste, rücksichtsvollste Kamerad. Er strahlte über das ganze braune
Gesicht vor Freude über meine Ankunft; er ließ sich willig mit Plaid und
Mantel bepacken, wenn ich dafür nur wieder mit ihm gehen durfte; er hob
mich, das lange Mädel, das ihn an Größe beträchtlich überragte, über
jeden Bach, jede sumpfige Stelle. Und gleich am ersten Tage führte er
mich mit geheimnisvoll verlegenem Lächeln durch den Wald bis zu dem
Hügel, unter dem der Badersee grün aufleuchtete und Waxenstein und
Zugspitze herübergrüßten, als wäre es nur ein Vogelflug bis zu ihnen.
Dort unter der alten Buche hatte er mir eine Bank gezimmert und in
ungefügen Buchstaben ein »Alix« in die Lehne geschnitten. Dort nahm ich
zum erstenmal mein gerettetes Buch aus der Tasche: »L'Arrabiata« war es.
Ich weiß heute nichts mehr von seinem Inhalt; ich weiß nur, daß das
kleine Werk mich in einen Traum von Schönheit verstrickte, daß ein
Gluthauch von Leidenschaft mir daraus entgegenströmte, die mich mir
selbst entrissen. Wenn ich morgens erwachte, solange noch alles still im
Hause war, zog ich immer häufiger mein Notizbuch unter dem Kopfkissen
hervor und schrieb in Versen nieder, was mich bewegte, und was ich
niemandem hätte sagen können.
Im Spätherbst kehrten wir heim. Es war mir eine Erleichterung, Großmama
nicht mehr vorzufinden, -- ich hätte ihr nicht in die Augen zu sehen
vermocht. Wie wenig hatte ich mich ihres Vertrauens würdig gezeigt, wie
schwach, wie schlecht war ich gewesen! Das sollte nun anders, ganz
anders werden. Durch tägliche Opfer wollte ich gut machen, was ich
verbrochen hatte. Mit wahrer Leidenschaft stürzte ich mich in die
selbstgewählte Aufgabe und nahm gleich das schwerste auf mich, was es
für mich geben konnte: Handarbeiten. Der Eifer, mit dem eine büßende
Nonne sich geißelt, konnte nicht hingebungsvoller sein als der, mit dem
ich Strümpfe stopfte! Rascher, als er erlahmte, machte meines Vaters
Versetzung nach Posen ihm ein Ende. Ich sah dieses Verschlagenwerden
nach einer Stadt, von der niemand etwas Gutes zu sagen wußte, als eine
gerechte Strafe für meine Sünden an. Keine Lockungen der Eitelkeit und
des Vergnügens würden mich dort dem Ernst des Lebens entreißen.
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