gewirbelt, -- »Hessenstein!« rief ich überrascht.
»Kein anderer, gnädige Frau!« sagte er und küßte mir die Hand -- »ich
warte auf Sie -- ich konnte Europa nicht verlassen, ohne von Ihnen
Abschied zu nehmen --«
Wir begaben uns zusammen in unsere Wohnung. Seltsam fragend betrachtete
Georg den Gast, den ich so freudig willkommen hieß.
»Sie verlassen Europa?« frug ich, »und warum?«
»Seit meinen kriegerischen Erfahrungen im Bergwerksbezirk war mir nicht
mehr wohl im bunten Rock --« antwortete er, während sein Blick
sekundenlang peinlich überrascht zwischen Georg und mir hin und her flog
-- »und die neu eröffnete Aussicht, gelegentlich einmal auf Eltern und
Geschwister schießen lassen zu müssen, hat meinen militärischen Ehrgeiz
auch nicht wesentlich steigern können. -- -- Ich habe einen Bruder in
Java, -- dorthin will ich. Eigentlich auch kein erstrebenswertes Ziel!
Aber -- was soll man tun --, wenn man den Mut nicht aufbringt, unter die
Roten zu gehen!«
»Dann ist Ihre Wahl sicherlich die beste,« sagte Georg mit feindseliger
Schärfe. Rote Flecken brannten ihm über den Backenknochen.
Sichtlich verletzt, erhob sich Hessenstein. In dem Wunsch, gut machen zu
wollen, was Georg verfehlt hatte, war ich doppelt herzlich.
»Vielleicht treffen sich unsere Wege doch einmal wieder! Möchten Sie
recht, recht glücklich werden« -- damit reichte ich ihm beide Hände. Er
senkte tief den Kopf darauf. »Ich danke Ihnen!« flüsterte er bewegt.
Kaum war er fort, als Georg mich zu sich rief. Sein Kopf glühte -- seine
Hände waren heiß.
»Du fieberst!« rief ich erschrocken.
»Mir war schon diese Nacht nicht recht wohl, -- ich wollte nur heute die
Universität nicht versäumen --« ein harter Husten ließ ihn verstummen.
»Aber es ist nichts, Kindchen, nichts, -- ein Katarrh vielleicht!«
Wieder eine Pause. -- »Komm einmal her zu mir, Liebling, -- ganz nah --«
ich kniete neben ihm -- sein rascher, heißer Atem berührte mein Gesicht
-- »du -- du -- liebtest wohl jenen Hessenstein?«
»Georg!!« Mir stieg das Blut in die Schläfen. »Wie kommst du darauf?«
»Ihr -- ihr saht euch an -- wie -- wie Menschen, die zusammen gehören!«
Lächelnd drückte ich meine Wange an seine schmalen Hände. »Nie -- Georg,
-- nie -- gehörten wir zusammen!« meine Augen richteten sich klar auf
ihn. »Und wenn es gewesen wäre, -- bin ich heute nicht dein -- nur
dein?!«
»O du -- du!« stöhnte er; seine Arme preßten sich sich um meine
Schultern, -- in meinen Haaren vergrub er sein Gesicht, -- gegen meine
Brust pochte sein Herz in wilden Schlägen.
Er hatte keine Ruhe mehr vor dem Schreibtisch, ich mußte ihn auf und ab
fahren; der Husten nahm zu, und jedesmal, wenn er den armen Körper
schüttelte, verzogen sich schmerzhaft die Züge. Ich schickte zum Arzt.
Er untersuchte ihn und lächelte beruhigend, als Georgs Blick in
angstvoller Frage den seinen suchte.
»Eine Erkältung. Halten Sie sich hübsch ruhig, -- dann ists bald
vorbei.«
In der Nacht stieg das Fieber. Er ließ meine Hand nicht los. Von Zeit zu
Zeit sah er mich flehend an, und flüsterte kaum hörbar: »Küsse mich!«
Ich wich nicht von seiner Seite, drei Tage und drei Nächte lang.
»Sie müssen Hilfe haben,« -- sagte schließlich der Arzt. Ich schüttelte
nur den Kopf. Am Nachmittag des vierten Tages schien das Fieber zu
sinken. Die Augen wurden wieder klar.
»Ich habe mit dir zu sprechen, meine Alix,« begann der Kranke mit
ruhiger, fester Stimme. »Es geht zu Ende mit mir, -- weine nicht,
Kindchen, -- bitte, weine nicht! -- Ich habe, glaube ich, meine
Schuldigkeit getan --; was ich ungetan ließ, -- du, du wirst es
vollenden! -- -- Du wirst mir treu sein, -- im höchsten Sinne treu --«
fassungslos brach ich neben ihm zusammen -- seine Hände lagen auf meinem
Kopf -- »über alles in der Welt habe ich dich geliebt --.« Nur wie ein
Hauch kamen die Worte über seine Lippen -- »zum Paradiese hast du mir
das Leben gemacht, -- hab Dank, -- Dank --.« Ich verlor die Besinnung --
Auf meinem Bett fand ich mich wieder; es war tief in der Nacht, nur ein
Licht brannte im Zimmer, die Mutter war neben mir, -- so sanft und gut
und leise, wie immer, wenn sie Kranke pflegte.
»Alix --« klang es tonlos aus dem Nebenzimmer. Ich stürzte hinein.
Aufrecht auf seinem Stuhl saß Georg. Ich schlang den Arm um seine
Schulter.
»Warum -- warum läßt du mich sterben?!« flüsterte es vor meinem Ohr.
Sein Kopf sank an meine Schläfe. Tiefe, röchelnde Atemzüge kamen aus
seiner Brust.
Wie lange ich regungslos saß, -- ich weiß es nicht. -- Fahl dämmerte der
Tag durch die Scheiben. Der Arzt trat ein und umfaßte die wachsbleiche
Hand --
»Es ist vorüber --«
Einundzwanzigstes Kapitel.
Ein heißer Sommertag. Auf den Wiesen Grainaus brannte die Sonne. In
üppiger Farbenpracht glänzten die bunten Blumen, ein sprühender
Perlenregen war der Bach. Die Zugspitze spiegelte ihre leuchtenden
Schneefelder im Rosensee. Schwül duftete um das Haus der Jasmin.
Ich lag in Decken gehüllt auf der Altane, -- ich sah das alles, und doch
sah ichs nicht. Tante Klotilde ging ab und zu. Sie war in Berlin eines
Tages in mein Zimmer getreten, hatte mich tränenüberströmt in die Arme
geschlossen und immer wieder die zwei Worte wiederholt: verzeih mir! Ich
hatte ihr versprechen müssen, im Sommer zu ihr zu kommen.
Und nun war ich hier, -- zu einer letzten, stillen Rast. Ich wußte, was
ich zu tun hatte, wenn ich ihm, der unter grünem Epheu und roten Rosen
lag, treu sein wollte. Mein Entschluß war gefaßt. In meinem Schreibtisch
lag mein Abschiedswort an die Leser der Zeitschrift, die wir miteinander
geleitet hatten, -- und der Brief an meine Eltern, von dem ich wußte,
daß er sie schmerzen würde, wie nichts vorher. »Sie werden es überwinden
--« dachte ich in meinen schlaflosen Nächten, -- »ich werde ihnen von
da an eine Gestorbene sein!«
All das war mir nicht einmal schwer geworden, solange ich zu Hause in
meinen einsamen Räumen war. Losgelöst fühlte ich mich schon von aller
Vergangenheit: Zu den Eltern zurückkehren sollte ich, hatten Vater und
Mutter in sorgender Liebe gemeint, -- so wenig wußten sie von mir!
Großmamas Heim im Schloß von Pirgallen hatte mir Onkel Walter als
Ruhesitz angeboten, -- so wenig ahnten sie, daß ich nicht ruhen durfte!
Nur Martha Bartels hatte mich verstehen gelernt, während sie mir in den
schwersten Tagen der ersten Einsamkeit viele Arbeitsstunden opferte.
»Sie werden uns eine liebe Genossin sein --« hatte sie gesagt.
Eine Genossin! -- Keines Menschen Geliebte, keines Kindes Mutter, --
eine Gefährtin nur der Elenden und der Verfolgten. Es war fast ein
Gefühl von Freude gewesen, mit dem ich Abschied genommen hatte.
Und nun wurde es mir auf einmal so bitter schwer!
O du Sommertag über den Bergen, wie wunderschön bist du!
Es liegt in der Luft wie eine große Sehnsucht, -- und jubelnde Erfüllung
zwitschern die Vögel und duften die Blumen. In den Sonnenstrahlen glüht
jedes Blatt wie Gold, blutrot färben sich zur Abendstunde die grauen
Felsen. Und ein ganzer, großer Korb blühender Alpenrosen steht vor mir.
-- Ich will die Augen schließen, will das prangende Leben nicht sehen,
-- aber dann schleicht auf unhörbar linden Sohlen die Erinnerung in
meine Träume ... Hier begegnete mir vor Zeiten das Glück ...
In der Morgenfrühe gleitet mein Kahn über den Badersee. Tief, tief bis
zum Grund kann ich sehen, wo um samaragdne Moose glitzernd die Forellen
streichen und versteinerte Baumriesen schlafen. Langsam schlepp ich
meine müden Füße heimwärts durch den Wald, wo die Orchideen blühen.
Drüben beim Bärenbauern herrscht jetzt der Sepp als Hausherr. Sein
junges blondes Weib trägt den ersten Buben an der Brust. Verlegen, die
Mütze zwischen den Händen drehend, hatte er die alte Spielgefährtin
begrüßt. Sie wußten im Dorf von mir: daß ich die »heilige Kirche«
bekämpfte und es mit den Freidenkern hielt! Warum schmerzt mich das
alles so sehr? Was konnten die Wenigen mir sein, da ich den Vielen
gehörte?
* * * * *
»Übermorgen muß ich fort,« sagte ich entschlossen zu meiner Tante, --
»du weißt, die Arbeit wartet nicht, und ich bedarf ihrer --«
»Bleib noch, mein Kind, bleib noch, -- du bist noch so schwach --« bat
sie.
»Ich werde dir morgen beweisen, daß ich stark bin --« lächelte ich ...
* * * * *
Es läutete gerade zur Frühmesse, als ich aus dem Gartentor trat. Einen
Atemzug lang stand ich still, die Hände auf dem pochenden Herzen. Mir
war, als hätte ich drüben, zwischen den Bäumen einen Menschen gesehen,
-- eine Erscheinung aus ferner, ferner Vergangenheit.
Dann ging ich festen Schrittes weiter und warf ohne Besinnen meine
Briefe in den blauen Kasten an der Post. Hörte ich nicht einen Schritt?
-- Es war wohl nur das Klopfen und Rauschen meines eigenen Blutes in den
Ohren.
Auf den Stock gestützt, schritt ich langsam bergauf. Wie doch die Bäume
gewachsen waren auf der Schonung! Früher reiften hier in der Sonne die
süßesten roten Beeren. Und weiter droben war ein neuer Schlag, --
kleinwinzige Tannenpflänzchen guckten schon neugierig zwischen
Grasbüscheln und alten Wurzeln hervor.
Über die Steinhalde lief ich sonst, -- heute wurde mir das Atmen recht
schwer!
Nun gings durch den Wald über Sturzbäche, höher und höher, bis der Weg
nur als schmales Band an der schroffen Felsenwand des Waxensteins
entlang führt. Tief unten braust und schäumt der Höllentalbach.
O, ich kenne noch keinen Schwindel, -- findet meine Sohle nur einen Fuß
breit Erde, so stehe ich sicher!
Wie frei weht die Luft hier oben, -- wie leicht läßt es sich atmen! Über
himmelhohem Abgrund schwingt sich die eiserne Brücke von Berg zu Berg,
und jenseits führen Leitern wieder empor. Auf weichem Moos unter einer
Tanne, die ihre Wurzeln keck um einen Felsvorsprung klammert, halte ich
Rast. Im Halbkreis schieben sich hier die Berge aneinander, ein Zirkus,
von Riesen gebaut, bestimmt für die Spiele unsterblicher Götter.
Da hör' ich Schritte, -- Nagelschuhe auf Felsstufen, -- ein Wilddieb
vielleicht, oder ein Bergführer, der über die Knappenhäuser zur Hochalm
will. Ich stehe auf -- die Hand fest um den Stock --, hier gibt es kein
Ausweichen. Und schon sehe ich ihn vor mir, den einsamen Wanderer, die
Spielhahnfeder am grünen Hut, ein gebräuntes Antlitz darunter, mit Augen
-- --! Ein Zittern durchläuft meinen Körper --
»Warum erschrickst du vor mir, Alix, -- ich bin ja nur ein Gespenst
unserer Jugend --«
Ich raffe mich zusammen und seh ihm gerad' ins Gesicht. Wie hart sind
die weichen Züge geworden, denke ich. Das Blut strömt mir wieder zum
Herzen.
»Laß mich vorüber, -- ich glaube nicht an Gespenster,« sag' ich, den Ton
meiner Stimme zur Kälte zwingend.
»Du gingst denselben Weg, wie ich: hinauf!« gibt er leise zurück und
rührt sich nicht von der Stelle.
»Denselben Weg?! Nein, -- unsere Wege sind längst auseinandergegangen,
-- und daß der deine emporführt, -- daran erlaubst du mir wohl, zu
zweifeln!« antworte ich höhnisch, -- meine eigenen Worte stechen mich
wie lauter Nadeln.
»Ich suchte dich, Alix, -- seit Wochen, -- kein Zufall ists, daß ich
hier bin --;« aus seinen Augen dringt ein blaues Blitzen --
»Du -- mich?!« Ich lache, daß es vom Felsen wiederklingt, -- aber in
meinem Herzen weint es.
»Ich liebe dich,« flüstert er -- »ich habe geglaubt, ich könnte dich
vergessen, -- aber meine Sehnsucht bliebst du, -- mein ganzes Leben war
ein einziges Warten auf dich. Endlich hab' ich dich gefunden! Alix, mein
Lieb, -- verlaß mich nicht wieder!« Und flehend, wie ein Hungernder,
streckt er die geöffneten Hände mir entgegen.
»An eine Nacht denke ich, Hellmut, in der ich vor dir stand und dir
schenken wollte, was du heut' begehrst; -- jetzt hab' ich nichts mehr,
bin bettelarm! -- Ich liebe nur noch die Erinnerung, -- nicht dich; --
du bist ein fremder Mann für mich, -- an dem ich vorüber muß --«
In meinem Herzen zuckt es, wie ein verborgenes Leben, das mit dem Tode
ringt --
»Ich will um dich werben, Alix, -- demütig -- geduldig, -- an meiner
Liebe wirst du Kalte wieder warm werden --«
Ich schüttle den Kopf. »Nein!« sagt eine harte Stimme. War das die
meine?!
Er richtet sich auf, sein Blick erstarrt, -- er tritt zurück, und ohne
aufzusehen, schreite ich an ihm vorbei, -- sehr langsam, schwer atmend,
auf den Stock gestützt.
Hoch oben, wo auf grüner Halde um die Ruinen der Knappenhäuser in
dichten Büschen dunkelblaue Vergißmeinnicht blühen, sah ich noch einmal
hinab: auf dem Wege zu Tal steht eine graue Gestalt, vom Dunst der Tiefe
halb verwischt: meine Jugend.
Und der steile Steg, den ich gehen will, wohin führt er?
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