die wirtschaftliche Entwicklung aus dem Frieden des Hauses hinaus in den
Kampf ums Dasein trieb, -- man wird uns mit Phrasen und kläglichen
Pflastern für unsere Wunden abspeisen, solange die politische Macht uns
fehlt ...«
Erneuter, dröhnender Beifall, -- aber von irgendwo her mischte sich ein
giftiger, zischender Laut hinein.
»... Von der geistigen Inferiorität der Frau höre ich große und kleine
Leute sprechen, die, darauf gestützt, unsere Forderung der politischen
Gleichberechtigung glauben ablehnen zu dürfen. Aber erst wenn die Frauen
ebenso viele Jahrhunderte lang wie die Männer die Hilfe der
Wissenschaften, die Schulung des Lebens und den Sporn des Ruhmes
genossen haben werden, wird es an der Zeit sein, zu fragen, wie es mit
ihrem Verstande steht. Das weibliche Geschlecht -- so wirft man weiter
ein -- habe noch kein Genie hervorgebracht. Hat man bei den Negern
Amerikas auf das Genie gewartet, ehe man ihnen politische Rechte gab?
Hat man ihre Gewährung beim Mann von einer Prüfung seiner Geisteskräfte
abhängig gemacht?... Sie können der Wehrpflicht nicht genügen, darum
kommt den Frauen das Stimmrecht nicht zu, lautet das letzte Argument der
in die Enge getriebenen Gegner. Ich aber frage: der Mann, der sein Leben
vor dem Feinde in die Schanze schlägt, und die Frau, die mit Gefahr
ihres Lebens dem Staate die Bürger gebiert -- haben sie nicht die
gleiche Berechtigung über das Wohl und Wehe des Vaterlands zu
entscheiden? Jede dreißigste Frau stirbt an diesem ihrem natürlichen
Beruf, und sie wird trotz aller Fortschritte der Wissenschaft auch dann
noch in Lebensgefahr schweben, wenn der Völkermord längst der Erinnerung
angehören wird ...«
Ich hatte geendet -- mir war, als versänke ich in einem vom Orkan
gepeitschten Ozean. Es dunkelte mir vor den Augen -- ich fühlte
Händedrücke -- sah in hundert unbekannte Gesichter, -- -- vor all diesen
fremden Menschen hatte ich eben gesprochen?! Wie war das nur möglich
gewesen?! -- Meine Mutter stand auf einmal vor mir, mit heißem, erregten
Gesicht -- meine Schwester umarmte mich stürmisch. -- An der Tür drängte
sich Martha Bartels durch die Menge, -- ich fühlte nur, wie sich ihre
heißen Finger schmerzhaft fest um die meinen preßten. Endlich -- endlich
sah ich Georg! Was galten mir die anderen alle, -- von ihm allein
erwartete ich die Wahrheit: seine Augen waren feucht, -- er beugte den
Kopf über meine Hand und küßte sie.
Die Menschen hatten sich verlaufen. Fast unbemerkt traten wir in die
stille, dunkle Ziegelstraße, und leise rollten die Räder des Fahrstuhls
über das Pflaster. An einer Straßenecke legte sich mir eine Hand auf
die Schulter. Erschrocken wandte ich den Kopf: Mein Vater stand vor
uns. »Ich habs zu Hause nicht ausgehalten, -- und nun ließ ich all deine
Zuhörer Revue passieren. Wie stolz bin ich auf deinen Erfolg!« Und er
ging den ganzen langen Weg durch die Karlstraße und den nachtdunkeln
Tiergarten mit uns.
Diese Nacht schlief ich nicht: die alten wachen Kinderträume umgaukelten
mich. Strahlte nicht auf meiner Fahne, wie auf der Johannas von Orleans,
das Bild der Mutter des Menschen? Heute hatte ich sie entfaltet, -- im
Sturme würde ich sie zum Siege führen!
Als mir Professor Tondern am nächsten Tage spöttisch von der
»Premieren-Publikums-Begeisterung« sprach, »an deren Feuer sich kaum ein
Nachtlicht anzünden läßt«, empfand ich seine Bemerkung nur als Ausfluß
seiner pessimistischen Weltanschauung. Georg bestärkte mich darin.
»Ihr Unglauben an die Menschennatur lähmt Ihre Tatkraft,« sagte er ihm.
»Und Ihr weltfremder Idealismus wird zwar nicht Sie, wohl aber Ihre Frau
in einem Meer von Enttäuschung untergehen lassen,« antwortete er
ärgerlich und fuhr sich nervös mit allen zehn Fingern durch die langen,
roten Haare.
»Warum halten Sie mich allein für gefeit?« frug Georg lächelnd.
»Weil Sie vom Frieden Ihres Zimmers aus die Welt betrachten -- und Ihre
Frau mit beiden Füßen zugleich mitten in den Strudel springt --«,
Professor Tondern ging aufgeregt im Zimmer auf und ab. »Weil Ihnen
gegenüber alle bösen Triebe der lieben Nächsten sich in den dunkelsten
Winkel verkriechen -- Verleumdungssucht, Ehrgeiz, Neid -- und sie Ihrer
Frau um so zähnefletschender an die Gurgel springen ...«
Ich sah ihm fest in die Augen: »Sie würden so nicht sprechen, wenn Sie
nicht gewichtige Gründe hätten. -- Trotzdem: ich will -- ich darf nicht
Ihrer Ansicht sein! Auf meinem Glauben an die Menschen beruht meine
Kraft.«
Er nagte nervös an der Unterlippe. »Glauben Sie an die Sache, -- das
wäre besser für Sie und uns!«
Frau Vanselows Besuch unterbrach unser Gespräch. Sie hatte nicht Worte
genug, um die Größe meines Erfolgs zu schildern. »Und nun dürfen Sie
sich uns nicht mehr entziehen,« sie richtete ihre feucht gewordenen
Augen mit einem Ausdruck zärtlichen Flehens auf mich, »sie müssen ihren
Vortrag in unserem Verein wiederholen!«
»Nein, verehrte Frau!« Meine Energie ließ mich fast erschrecken.
»Ich wiederhole weder diesen Vortrag, noch spreche ich vor
Vereinsmitgliedern. Veranstalten Sie eine Volksversammlung! Wir müssen
die gewinnen, die noch nicht die unseren sind, -- wir müssen vor der
breitesten Öffentlichkeit die Forderung des Frauenstimmrechts erheben!«
Sie starrte mich entgeistert an: »Eine Volksversammlung?! Aber das ist
ja -- das ist ja -- sozialdemokratisch!« Es bedurfte jedoch nur eines
kurzen Zuredens, an dem Georg sich lebhaft beteiligte, um sie zu
gewinnen.
»Sie haben ganz und gar meine Ansicht ausgesprochen, mein teuerster Herr
Professor, und der Verein Frauenrecht wird es sich nicht entgehen
lassen, auch in diesem Fall an der Spitze zu schreiten! -- Aber nicht
wahr -- meine liebe junge Freundin --, Sie werden ihre Wünsche vor
unserem Vorstand selbst vertreten?«
Ich versprach ihr, was sie wollte, und wandte mich, als sie fort war,
mit einem triumphierenden »Nun?!« an Tondern. Er fuhr, wie erschrocken,
aus seiner Schweigsamkeit auf: »Erlassen Sie mir die Antwort! Sonst
entdecken Sie am Ende noch Ihre Seelenverwandtschaft mit S. M., und
verlangen von dem Nörgler, daß er den Staub von seinen Pantoffeln
schüttele!« Und mit überstürzter Hast empfahl er sich.
Frau Vanselow führte mich im Vorstand des Vereins Frauenrecht ein: »Sie
werden sich mit mir freuen, meine Damen, daß es mir gelungen ist, diese
junge vielversprechende Kraft gerade unserem Verein gewonnen zu haben.«
Die Damen begrüßten mich mit neugierig-kühler Reserviertheit. Ich war
doch wieder in recht beklommener Stimmung. All diese Frauen, die seit
Jahrzehnten in der Bewegung standen, die an Wissen, an Erfahrungen, an
Verdiensten reich waren, sollte ich -- ein Neuling auf allen Gebieten --
meinem Willen gefügig machen!
Aber je öfter ich mit ihnen zusammenkam -- und es bedurfte zahlreicher
Sitzungen, um nur um kleine Schritte vorwärts zu kommen --, desto mehr
erstaunte ich. Es war, als ob der Verein um ihr Denken und Streben eine
Mauer gezogen hätte. Von dem, was jenseits lag, wußten sie nichts, und
nur widerstrebend ließen sie sich von mir an einen Ausguck ziehen, von
wo aus sie den Feminismus im Ausland, seine großen Kämpfe und Siege und
den Stand der Stimmrechtsbewegung überschauen konnten.
»Das ist alles ganz schön und gut, aber nichts für uns deutsche Frauen,«
meinte kopfschüttelnd ein rundliches, bebrilltes Persönchen, dessen
Doktortitel sie mir äußerst interessant erscheinen ließ; »wir würden das
Wichtigste gefährden: die endliche Zulassung der deutschen Frauen zum
Medizinstudium, wenn wir so bedenkliche Fragen wie die politischer
Rechte berühren wollten!«
»Und unser Verein, der sowieso schwer genug kämpfen muß, würde
zweifellos seine einflußreichen und opferwilligsten Mitglieder
verlieren,« jammerte ein dürre alte Jungfer.
»An das Gefährlichste denken Sie natürlich zuletzt, meine Damen,« fügte
eine Dritte hinzu und setzte eine geheimnisvoll-wissende Miene auf.
»Angesichts der jetzigen Strömung innerhalb der Regierungskreise würde
es unseren Verein politisch anrüchig machen und der Gefahr der Auflösung
aussetzen, wenn wir öffentlich eine sozialdemokratische Forderung
aufstellen würden.«
»So lassen Sie doch den Verein zugrunde gehen; sein Märtyrertum wird nur
der großen Sache nützen!« rief ich ungeduldig. Mitleidiges Lächeln,
mißbilligendes Kopfschütteln waren die Antwort. Es blieb bei der
Ablehnung, das letzte Argument war ausschlaggebend gewesen.
»So werde ich versuchen, Helma Kurz und ihren Verein zu gewinnen.« Ohne
jeden Nebengedanken hatte ich ausgesprochen, was mir eben durch den Kopf
gegangen war.
Frau Vanselow, die mir bisher nur vielsagend-melancholische Blicke
zugeworfen hatte, war aufgesprungen. »Helma Kurz?! -- Niemals!« rief
sie. »Das, meine Damen, werden Sie nicht zugeben!« Eine erregte, von
allen zugleich geführte Debatte entspann sich. Ihr Resultat war, daß der
Verein als solcher sich statutengemäß für die Stimmrechtsfrage nicht
engagieren könne, daß er jedoch unter der Hand das Arrangement und die
Kosten einer öffentlichen Versammlung und seine Vorsitzende ihre Leitung
übernehmen wolle.
Ich mußte mich nur noch verpflichten, meinen Vortrag vorher in extenso
der Zensur des Vorstandes zu unterwerfen.
Nicht wie eine Siegerin kam ich nach Hause. Vergebens suchte Georg mich
zu trösten: »Das Wichtigste ist doch, daß du die Sache durchgesetzt
hast!«
»Meinst du? -- Wenn aber der Sache die Träger, die Menschen, fehlen?!«
»Bist du nicht da? -- Und bin ich nicht bei dir?« Er streichelte mir
leise den herabhängenden Arm, eine Bewegung, bei der mich immer ein
Gefühl tiefer Ruhe überkam.
Dankbar küßte ich seine Stirn, -- unter meinen Lippen stieg es auf wie
eine Flamme.
»Sag, Georg -- lieber Georg -- sag es mir ganz ehrlich --« flüsterte ich
und trat beschämt von ihm zurück, »hast dus nicht gern, wenn ich dich
küsse?«
Mit einem langen, tiefen Blick aus dunkel erweiterten Pupillen sah er zu
mir auf. Und ich sank vor ihm in die Kniee, preßte das erglühende
Gesicht in die schwarze Pelzdecke und fühlte, wie seine zitternden
Finger mir zärtlich die Locken von den Schläfen strichen ...
Meinen neuen Vortrag schrieb ich wie im Fluge, kaum daß die Feder den
einstürmenden Gedanken zu folgen vermochte. Und die Stimme zitterte mir
vor Erregung, als ich ihn das erste Mal vorlas. Meine gestrengen
Zuhörerinnen aber blieben merkwürdig kühl. Nur Frau Vanselow nahm meine
beiden Hände mit einem verständnisinnigen Druck zwischen die ihren.
»Ich habe mir die Punkte notiert, die Sie ändern, respektive fortlassen
müssen,« sagte das rundliche Fräulein Doktor und rückte die Brille
fester auf ihr viel zu kurz geratenes Näschen. »Zunächst dürfen Sie
nicht sagen, daß die Existenz von Wohltätigkeitsvereinen ein
Armutszeugnis für den Staat sei und die Gebenden sich ihrer
Wohltätigkeitsakte ebenso schämen müßten, wie die Empfangenden. Sie
schlagen damit die Besten vor den Kopf --.«
Ich verteidigte meine Anschauung, aber die Abstimmung entschied gegen
mich.
»Auch Ihre Elendsschilderungen sind viel zu übertrieben und wirken in
höchstem Maße aufreizend,« meinte die Hagere.
»So sollen sie wirken!« entgegnete ich, »und überdies stammen all meine
Angaben aus amtlichen Quellen.« Nach einer kurzen, scharfen
Auseinandersetzung gab meine Kritikerin seufzend nach.
»Unbedingt notwendig aber ist es, daß Sie den Satz über die
Sozialdemokratie streichen,« erklärte eine andere Vorstandsdame, deren
verwandtschaftliche Beziehung zu einem freisinnigen Abgeordneten ihr
eine Art Respektstellung geschaffen hatte.
»Das ist im Rahmen meines Vortrags einfach unmöglich;« widersprach ich.
»Die Sozialdemokratie ist die einzige Partei, die für die
Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts eintritt.«
»Schlimm genug! Wir werden darum immer verdächtig erscheinen, wenn wir
ihre Wünsche zu den unseren machen, -- das habe ich ja schon oft betont,
ohne Gehör zu finden.«
Ich hielt hartnäckig an dem beanstandeten Satze fest und war nahe daran,
den ganzen Vortrag zurückzuziehen. Aber mußte ich nicht Konzessionen
machen, um nur überhaupt etwas durchzusetzen?! Ich wurde wieder
überstimmt, -- Frau Vanselow allein enthielt sich mit einem bedauernden
Achselzucken der Abstimmung.
In dem großen Saal des Konzerthauses in der Leipzigerstraße fand an
einem Sonntag Vormittag die Versammlung statt. Bis in die Gallerien
hinauf drängten sich die Menschen. An langen Tischen unter der
Rednertribüne saßen mit blasierten Gesichtern und gespitzten Bleistiften
die Journalisten. Mit triumphierendem Lächeln, den Kopf von einem
Spitzenschleier malerisch bedeckt, die ebenmäßige Gestalt eng von
schwarzer Seide umschlossen, stand Frau Vanselow neben mir. »Helma Kurz,
-- sehen Sie nur! Ganz grün ist sie vor Ärger --« hatte sie mir noch
hastig zugezischelt. Ein Polizeileutnant saß an meiner anderen Seite,
ein weißes Papier breit vor sich auf dem Tisch, an dessen Kopf zunächst
nichts weiter als mein Name stand.
Und dann sprach ich, und wieder trug mich die Woge, und ich empfand die
dunkle Menge vor mir wie Ton, der sich nach meinem Willen formte.
Achtlos zerknitterte ich mein Manuskript zwischen den Händen. Ich
bedurfte seiner nicht. Vor dem Rednerpult fielen mir kräftigere Worte
und stärkere Beweisführungen ein als am Schreibtisch. Gestern erst hatte
Martha Bartels mir von der polizeilichen Auflösung eines
Arbeiterinnenvereins berichtet. Gab es ein besseres Beispiel als dies,
um die Rechtlosigkeit der Frauen zu beleuchten? »Die Rücksicht auf die
Weiblichkeit gebietet solch ein Vorgehen, sagen die Männer,« rief ich
aus, »aber die Rücksicht auf dieselbe Weiblichkeit hat noch keinen Mann
verhindert, Frauen in die Steinbrüche und Bergwerke zu schicken, und
werdende Mütter in die Giftluft der Fabrik!« Frenetischer Beifall von
den Galerien herunter ließ mich minutenlang nicht zu Worte kommen. Der
Polizeileutnant stenographierte, -- entgeistert sah Frau Vanselow mich
an: »Das ist gegen die Abmachung!« flüsterte sie erregt. Ich lächelte.
»Und nun frage ich euch, meine Schwestern, habt ihr wirklich nichts zu
tun für euer Geschlecht? -- Denkt an die jüngste Vergangenheit, wo der
Vertreter Sr. Majestät des Kaisers, der Kanzler Leist, Frauen schändete,
aber dessen ungeachtet für einen 'tüchtigen und pflichttreuen Beamten'
erklärt wurde, -- und dann wagt es noch, zu sagen: wir haben keine
Bürgerpflicht!... Von Ort zu Ort will ich wandern und jene heilsame
Unzufriedenheit, die die Mutter aller Reformen ist, in die Herzen der
Frauen pflanzen!...« Der Polizeileutnant wurde rot vor Eifer, ich hörte
das Kritzeln seines Stifts durch alles Klatschen hindurch. Und ich
vergaß mein Versprechen und sprach von der Sozialdemokratie, von »den
Rittern der Arbeit, die heute die einzigen Ritter der Frauen sind.«
Jetzt brauste der Beifall wie der Frühlingssturm, der die dürren Blätter
jauchzend niederschüttelt, um den jungen Knospen Licht und Luft zu
schaffen ...
Die folgenden Tage waren ein einziger Ikarussturz, -- nur daß die Arme
der Liebe mich auffingen, ehe ich den harten Boden berührte. Im Verein
Frauenrecht kam es fast zu einem Staatsstreich, um den Vorstand aus dem
Sattel zu heben; mit Vorwürfen wurde ich überschüttet. Die Zeitungen
berichteten halb höhnisch, halb wegwerfend über die »verkappte
Genossin«, konservative Blätter unterließen nicht, den »unerhörten
Seitensprung der Frau eines preußischen Universitätsprofessors« an die
große Glocke zu hängen, und Georg kam eines Morgens ernst und versonnen
aus seiner Vorlesung zurück: »Althoff hat mir einen wohlmeinenden Wink
gegeben!« sagte er. Auch mein Vater erschien und machte mir eine Szene,
als wäre ich noch zu Haus.
»... Mit Fingern weisen die Leute auf mich ... Im Reichstag -- im Klub
kann ich mich nicht mehr sehen lassen ...« schrie er. Georg hatte sich,
auf beide Hände gestützt, hoch aufgerichtet.
»Exzellenz vergessen,« sagte er kalt und scharf, »daß Sie sich bei mir
befinden!« Einen Moment lang maßen sich die beiden Männer mit einem
Blick angriffsbereiter Feindschaft, dann verließ mein Vater wortlos das
Zimmer, und erschöpft sank Georg in den Stuhl zurück.
Von Mama erhielt ich einen langen Brief: »Ich bin viel zu erregt, um
Dich sehen zu können. Wie könnt Ihr Ethiker es vor Eurem Gewissen
verantworten, dem eigenen Vater die Türe zu weisen! In welche Abgründe
die Gottlosigkeit Euch treibt, das hast Du freilich durch Deinen Vortrag
schon bewiesen: Was ist es anders als eine teuflische Eingebung, in
einer Zeit, wo dem Volke nichts so nottut als christliche Ergebenheit
und Demut, die Unzufriedenheit zu predigen!...«
So schwer es mir wurde, Georg allein zu lassen, dessen fahle Blässe mich
jetzt oft entsetzte, so empfand ichs persönlich doch wie eine
Erleichterung, daß meine Delegation zur Generalversammlung der Ethischen
Gesellschaft mich für einige Tage von Berlin fortführte. Wir fuhren
zusammen: Geheimrat Frommann, Frau Schwabach, die Leiterin der
Auskunftsstelle, Professor Tondern und ich. Schon unsere
Eisenbahnunterhaltungen gaben einen Vorgeschmack der kommenden
Diskussionen. Mit einer Schärfe, die von der milden, versöhnlichen Form
kaum abgeschwächt wurde, gab unser Vorsitzender mir zu verstehen, wie
wenig unsere Zeitschrift der Aufgabe, allgemein menschliche Ethik zu
verbreiten, entspräche, und Frau Schwabach hielt mir ernstlich vor, wie
unethisch meine Angriffe auf die bürgerliche Gesellschaft in meiner
letzten Rede und in jedem meiner Artikel wären.
»Sie würden unendlich viel stärker wirken, wenn Sie alle Negation
beiseite ließen --« sagte sie.
»Und die guten Leute streichelten, damit sie im besten Fall schnurren
wie die Katzen,« fügte Tondern höhnisch hinzu. »Wer keine Kritik
verträgt und dem Spiegel nicht dankbar ist, der alle Flecken und Falten
wiedergibt, -- der soll sich nur gleich begraben lassen!«
Noch am Abend in Leipzig zeigte er mir den Antrag, den er stellen
wollte: »Die Ethische Gesellschaft nimmt mit Genugtuung davon Kenntnis,
daß der Kongreß für Hygiene sich für den Achtstundentag ausgesprochen
hat, und erklärt, von ethischen Gesichtspunkten ausgehend, sich dieser
Forderung anzuschließen.«
»Das wird uns vorwärts bringen!« sagte ich und gab ihm freudig meine
Unterschrift.
Er verzog die Mundwinkel zu einem spöttischen Lächeln: »Vorwärts
bringen?! Gewiß, die reinliche Scheidung der Geister ist allemal ein
Fortschritt!«
Zwei Tage später saßen wir einander an demselben Tisch gegenüber: seine
Augenwinkel zuckten nervös, unruhig trommelten seine Finger auf der
Tischplatte, während ich, totmüde von den langen Verhandlungen,
gedankenlos in einer Zeitung blätterte.
»Was sagen Sie nun?!« unterbrach er unser langes Schweigen. »Ich -- ich
bin noch ein Optimist gewesen! Eine Ethische Gesellschaft, die
geschlossen gegen uns beide den Achtstundentag ablehnt! -- Weil er ein
'Schlagwort' ist! -- Weil seine Annahme den Verein sprengen würde! --
Weil es 'unethisch' ist, andere zu 'verletzen'! -- Was meinen Sie: ist
es vom Standpunkt unserer Privatethik aus zu rechtfertigen, wenn wir
immer noch nichts als heimliche Sozis sind?!«
Ich senkte den Kopf tiefer. Ich dachte an Georg, an seine strahlenden,
hoffnungsvollen Kinderaugen, an seine zarten, schmalen Hände, seinen
armen gelähmten Körper. »Nur eine Aufgabe kann ich erfüllen,« hatte er
einmal gesagt, »von meinem Katheder aus die Jugend 'vergiften'!« Und
dann fiel mein Blick auf den breiten Trauring an der Hand meines
Gefährten, -- er hatte ein Weib daheim und vier kleine Kinder.
»Sind wir so frei, um tun zu können, was wir wollen?« kam es mir leise,
wie im Selbstgespräch über die Lippen.
»Sie haben recht -- wir müssen uns abfinden -- so oder so!« ...
Früher, als Georg mich erwartet hatte, kam ich nach Haus. Ganz leise
schloß ich die Wohnungstür auf, -- um die Zeit war er immer in seine
Studien vertieft, dann hörte und sah er nichts. Aber kaum hatte ich den
Fuß über die Schwelle gesetzt, klang mir schon seine Stimme entgegen --
»Alix!!« -- Ein einziger Laut, -- und der Jubel, die Sehnsucht, die
Liebe eines ganzen Herzens darin! Ach, und wie seine Lippen bebten und
brannten, -- zum erstenmal hatte er mich auf den Mund geküßt.
»Das Leben ist kurz, Alix, viel -- viel zu kurz! Du mußt mich nie mehr
verlassen!«
»Nie mehr, Georg -- nie mehr!« -- Angstvoll forschte ich in seinen
Zügen. -- »Hast du gelitten, -- mehr als sonst?«
»Sprechen wir nicht davon, -- jetzt ist es ja gut -- alles gut!« Und er
lächelte mit seinem strahlendsten Lächeln.
Zwanzigstes Kapitel
An einem schönen Sommersonntag besuchten uns die Eltern wieder. Sie
berührten das Vergangene nicht mehr. Und von da an kamen sie oft, aber
meist jeder allein. »Bei Euch ist's so schön ruhig!« pflegte Mama zu
sagen, wenn sie sich tief in den Lehnstuhl gleiten ließ. »So viel Sonne
habt Ihr!« bemerkte der Vater und stellte sich mit dem Rücken ans
Fenster in die hellsten Strahlen, als fröstle ihn. Auch das
Schwesterchen lief oft herüber. Sie war ein bildhübscher Backfisch
geworden, mit einem suchenden Glanz in den Augen. »Papa brummt immer, --
wir gehen ihm so viel als möglich aus dem Wege!« erzählte sie.
Sonntags mußte ich zu Tisch zu den Eltern kommen, oder zu Onkel Walters.
Es war jedes Mal eine Quälerei, denn um zwecklosen Auseinandersetzungen
aus dem Wege zu gehen, blieb mir nichts übrig, als zu schweigen, während
mir das Blut oft vor Zorn in den Schläfen klopfte. Man vermied zwar von
der Ethischen Bewegung zu sprechen, schimpfte aber um so mehr auf Juden,
Kathedersozialisten und Egidyaner, als den »Hilfstruppen« der
Sozialdemokratie, und die Tante besonders fand ein Vergnügen darin, mich
durch ihre schwärmerische Kaiser-Verehrung zu reizen.
Einmal nahm mich der Onkel beiseite, und ich erwartete schon eine
wohlgemeinte politische Belehrung, als er von Egidy zu sprechen begann.
»Er ist ein Phantast, aber trotz alledem ein Edelmann und dein Freund,«
sagte er, »da gehört sich's, daß du ihn vor Schaden bewahrst. Er hat
sich droben bei uns mit einem meiner Nachbarn, einem notorischen
Schwindler -- Wohlfahrt heißt der Kerl zum Überfluß! --, wie ich höre,
das Näheren eingelassen. Warne ihn, ehe es zu spät ist.« Ich ließ mir
die nötigen Details geben und bat Egidy um seinen Besuch.
Wir hatten einander ein paar Monate lang nicht gesehen. Er aber sah um
Jahre gealtert aus. Kaum hatte ich den Mut, diesem müden Gesicht
gegenüber zu sagen, was ich wußte. Er starrte mich an, die Finger
ineinandergekrampft, die Augen weit aufgerissen. Und plötzlich sank sein
Kopf auf die gefalteten Hände, und seine breiten Schultern bebten, von
lautlosem Schluchzen erschüttert. Fassungslos stand ich vor ihm: er, der
dem Spott und Haß einer ganzen Welt getrotzt hatte, dessen sieghafter
Glaube an die Menschen ihn unüberwindlich zu machen schien, -- er saß
hier vor mir, zusammengebrochen, als wäre ein Fels ihm auf den starken
Nacken gestürzt, -- und weinte!
»Meine Kinder -- meine armen Kinder!« stieß er abgebrochen hervor --
»alles habe ich diesem Menschen geopfert, -- mein Letztes!«
Georg kam nach Hause. Egidy raffte sich auf, um ihn zu begrüßen, aber
die Kniee wankten ihm. Und dann war's, als müßte er sein Herz
ausschütten, aussprechen, was er vielleicht vor sich selbst noch
verhehlt hatte: Wie seine Hoffnungen ihn betrogen, die Scharen seiner
Gefolgschaft ihn verlassen hatten, sein Haus leer geworden war, seitdem
er nicht mehr Wein und Braten aufzutischen vermochte.
»Jetzt erst, wo die Menschen Sie nicht mehr als einen Märtyrer
bewundern, werden Sie zeigen können, daß Sie ein Mann sind!« sagte
Georg, als er schwieg.
Mit einer raschen Bewegung, als wolle er jeden Rest von Schwäche
verscheuchen, strich sich Egidy über die Stirn und reichte Georg die
Hand: »Weiß Gott, -- ich werde es beweisen!« Und sich zu mir sich
wendend, fuhr er fort: »Erinnern Sie sich, was ich Ihnen in Hannover
sagte: 'Im schlimmsten Fall reite ich allein -- langsamen Schritt
vorwärts -- nach Zählen -- im Kugelregen.' -- Leben Sie wohl.«
Mich ließ er schweren Herzens zurück. »Allein -- im Kugelregen!«
wiederholte ich leise und kreuzte fröstelnd die Arme unter der Brust.
»Meine Alix fürchtet sich?! -- Vergiß niemals, was der große
Sklavenbefreier William Lloyd Garrison sagte: Einer mit der Wahrheit im
Bunde ist mächtiger als alle. In diesem Glauben siegte er!« Georgs
blasse Haut leuchtete im Abenddämmer.
War ich so schwach, daß ich immer Menschen suchte -- Gleichgesinnte? --
und mich freute wie ein Kind, das hinter den Felsen hundert Gespielen
wähnt, wenn irgendwo ein Echo meiner Stimme mir entgegenklang?...
Der Verein Frauenrecht hatte mich trotz meiner Sünden in seinen
Vorstand gewählt: Ich war ein »Name«, -- damit hatte Frau Vanselow die
Mitglieder für ihren Plan gewonnen. Und ich hatte trotz meiner inneren
Abneigung die Wahl angenommen: der Verein war am Ende doch ein wirksames
Mittel zum Zweck. Vor allem galt es eins durchzusetzen: die deutsche
Frauenbewegung aus ihrem Veilchen-Dasein zu befreien. Fünfundzwanzig
Jahre hatte ich selbst gelebt, ehe ich von ihrer Existenz etwas erfuhr.
Die deutsche Presse nahm noch jetzt kaum je irgendwelche Notiz von ihr.
Es gelang mir zunächst -- nachdem ich von vornherein die Arbeit dafür
auf mich genommen hatte --, eine Zeitungs-Korrespondenz durchzusetzen,
und ich hatte die Genugtuung, daß meine Notizen in zahlreichen Blättern
Aufnahme fanden. Nun mußte ein Organ geschaffen werden, -- eine weithin
sichtbare Fahne für unsere Sache. Ich gewann den Verleger der Ethischen
Blätter für die Idee und kam strahlend über diesen Erfolg in die
Vorstandssitzung des Vereins. Aber statt allgemeiner Freude begegnete
ich allgemeinem Widerstand. Über die Verantwortung, die wir damit auf
uns nehmen müßten, jammerte die eine, über die »seit Jahren
liebgewordenen« Vereinsmitteilungen, an deren Stelle die Zeitschrift
treten sollte, die andere.
»Und die Frage der Redaktion ist doch vor allem eine schwer zu
entscheidende,« meinte mit bedenklich hoch gezogenen Augenbrauen Frau
Vanselow und sah mich prüfend an. Ich begriff.
»Selbstverständlich wird sie unserer verehrten Vorsitzenden anvertraut
werden,« sagte ich rasch. »Und meine liebe Frau von Glyzcinski wird mir
hilfreich wie immer zur Seite stehen,« ergänzte Frau Vanselow und
streckte mir über den Tisch hinweg die Hand entgegen.
»Ich halte dies Vorgehen für unethisch,« tönte Frau Schwabachs scharfe
Stimme dazwischen. Erstaunt sah ich auf: »Das begreife, wer kann!«
»Unser liebes, heute leider fehlendes Fräulein Georgi hat die
Mitteilungen bisher als Schriftführerin zu unser aller Zufriedenheit und
-- unentgeltlich --« ein vielsagender Blick traf mich -- »in selbstloser
Hingabe an die Sache geleitet. Ich gebe meine Zustimmung nicht, wenn man
sie beiseite schiebt!«
Empört fuhr ich auf: »Es handelt sich hier um die Sache und nicht um die
Personen, um ein öffentliches Unternehmen und nicht um ein
Vereinsblättchen! Jeder Fortschritt verletzt irgendwen, -- und wenn Ihre
Ethik im Gegensatz zum Fortschritt steht, so gebe ich sie preis und
wähle diesen!«
Ich erhob mich rasch und überließ den Vorstand sich selber.
Vier Wochen später erschien die erste Nummer der »Frauenfrage« unter
Frau Vanselows und meiner Redaktion. Georg eröffnete sie mit einem
Artikel für das Frauenstimmrecht. Etwa zu gleicher Zeit versandte Helma
Kurz ein Zirkular an die deutschen Frauenvereine, durch das sie zur
Gründung eines nationalen Frauenbundes aufforderte, der sich dem bereits
bestehenden in Amerika ins Leben gerufenen internationalen Verbande
anschließen sollte.
Mit einem harten »Niemals« begegnete Frau Vanselow meiner Begeisterung
für diesen Zusammenschluß. »Aufspielen will sich die Kurz, von sich
reden machen, nachdem ihr angesichts unserer Erfolge längst schon die
Galle überläuft ...« Nur schwer gelang es mir, sie zu beruhigen und zur
Teilnahme an den vorbereitenden Sitzungen zu bewegen. Ein Heer von
Frauen, in der ganzen Welt zu einer Organisation zusammengeschlossen, --
war das nicht die welterobernde Macht der Zukunft?! Hier würde die
Arbeiterin neben der Bourgeoisdame, die Sozialdemokratin neben der Frau
des Ostelbiers zu Worte kommen; im friedlichen Austausch der Ideen würde
schließlich die lebenskräftigste siegen, -- durch die Mütter der
kommenden Generation würde leise und natürlich die Quelle in die
Menschheit gelenkt werden, die bestimmt war, als Strom die Schiffe der
Zukunft zu tragen!
»Also eine Ethische Gesellschaft der Frauen, -- nach unserem Plan!«
meinte Georg. Ich benutzte den nächsten freien Augenblick, um mit Martha
Bartels die Sache zu besprechen. Seltsam: sie wußte von nichts, das
Zirkular war ihr nicht zugegangen. »Und wenn ich es schon erhalten
hätte,« sagte sie, »es ist mir zweifelhaft, ob meine Genossinnen eine
Beteiligung für nützlich gehalten haben würden.«
»Aber bedenken Sie doch, welch ein Agitationsgebiet sich Ihnen eröffnen
würde« -- eiferte ich, auf das schmerzlichste überrascht durch ihre
ablehnende Haltung, -- denn daß die Aufforderung sie nur durch irgend
einen Zufall nicht erreicht hatte, davon war ich überzeugt, -- es war ja
im Zirkular die Rede von »allen Frauen«.
»Unser Agitationsgebiet ist das gesamte Proletariat, -- groß genug für
die gewaltigsten Arbeitskräfte! Eine Vereinigung mit der bürgerlichen
Frauenbewegung würde zersplitternd und verwirrend wirken. Die große
Masse unserer Arbeiterinnen ist noch nicht so selbstbewußt, um sich den
Damen gegenüber als Gleichberechtigte zu fühlen.«
Mir schien, als ob aus ihren Worten mehr Gekränktheit über die
Zurücksetzung als Überzeugung sprach.
»Wir reden noch darüber,« sagte ich, innerlich ordentlich froh über die
Aufgabe, die sich mir eröffnete: Ich sah sie schon erfüllt, sah in
Gedanken Martha Bartels auf der Tribüne stehen und durch ihre schlichte
Wahrhaftigkeit die Frauen gewinnen. Ich schrieb an Helma Kurz, um sie
auf das Versäumte aufmerksam zu machen, -- ich erhielt keine Antwort.
Bei dem Begrüßungsabend der deutschen Delegierten erwartete ich mit
Ungeduld das Ende des Diners, um sie persönlich zu sprechen. Ich fand es
zum mindesten geschmacklos, solch ein Werk bei Wein und Rehbraten in
großer Toilette zu beginnen und einander durch Toaste anzuhimmeln, noch
ehe irgend etwas geschehen war. Endlich erreichte ich Helma Kurz; sie
wurde dunkelrot, als sie mich sah. »Hier ist nicht der Ort, prinzipielle
Fragen zu erörtern,« sagte sie heftig und drehte mir den breiten Rücken
zu.
Am nächsten Morgen in der Sitzung meldete ich mich als eine der ersten
zur Debatte. Es wurden endlose Reden gehalten: über die Einigkeit aller
Frauen, über die gemeinsamen großen Ziele, -- vergebens wartete ich
Stunde um Stunde, daß mir das Wort erteilt werden würde. Ich meldete
mich noch einmal. »Sie müssen Ihren Antrag schriftlich formulieren!«
schrie Helma Kurz mich bitterböse an. Ich tat es. Ein erregtes Tuscheln
um den Vorstandstisch -- »Ihr Antrag steht außerhalb der Tagesordnung«
-- verkündete die Vorsitzende. Ich versuchte mir gewaltsam Gehör zu
verschaffen. Um mich kreischten erregte Stimmen: »Schweigen Sie!« --
»Hinaus!« -- »Wie unethisch!«
Majestätisch richtete sich die schwere Gestalt der Kurz hinter dem
Vorstandstisch auf: »An dieser Störung unserer schönen Harmonie sehen
Sie, meine Damen, wes Geistes Kind diejenige sein muß, die sie
hervorrief!« erklärte sie mit feierlicher Würde, jedes Wort betonend.
»Ich werde trotzdem, nicht aus Rücksicht auf die Delegierte des Vereins
Frauenrecht« -- sie lächelte spöttisch -- »sondern auf unsere hier
anwesenden bewährten Mitkämpferinnen die Erklärung abgeben, die in einer
Weise gefordert wird, wie sie bis dato nur in sozialdemokratischen
Radauversammlungen üblich war. Sämtliche deutsche Frauenvereine
sind zu dieser Zusammenkunft aufgefordert worden, mit Ausnahme
derjenigen natürlich, die nicht auf dem Boden unserer Staats- und
Gesellschaftsordnung stehen.« -- Ein langanhaltendes Bravo-Rufen
unterbrach sie -- »Ihre Teilnahme würde die Auflösung des Verbandes zur
notwendigen Folge gehabt haben ...« Ich sprang auf und warf noch einmal
meine Karte auf den Vorstandstisch. »Im Interesse der ruhigen
Fortführung unserer Verhandlungen haben wir beschlossen, Frau von
Glyzcinski das Wort zu verweigern.« Erneuter allgemeiner Beifall --
Ich hatte rasch einen Protest gegen den Ausschluß der
Arbeiterinnenvereine zu Papier gebracht und benutzte die Pause zum
Sammeln von Unterschriften. Aber wem ich auch in die Nähe trat, --
schon vor meiner Person zog man sich scheu zurück. Entrüstet blitzte
mich Frau Schwabach mit ihren klugen dunkeln Augen an: »Und Sie sind
eine Ethikerin, die das allen Gemeinsame pflegen und betonen soll!« Ich
fand in der großen Versammlung nur zwei Stimmen, die sich mir
anschlossen, unter ihnen die Frau Vanselows. »Sie schicken das an die
Presse? -- Famos! Ein empfindlicher Schlag für Helma Kurz!« sagte sie.
»Rom ist nicht an einem Tage gebaut worden,« tröstete mich Georg, als
ich verstimmt und enttäuscht nach Hause kam. Es dauerte lange, ehe der
heilende Trank seines Menschenglaubens mir die tiefe Verbitterung aus
dem Herzen trieb. Aber den letzten Keim der Krankheit tötete er nicht.
Was ich in unserer Zeitschrift und in der »Frauenfrage« veröffentlichte,
wurde immer schärfer im Ton. Die Menschen, denen ich begegnete, die
Bücher, die ich las, die dramatischen Werke, die ich sah, -- ich
beurteilte sie alle nur von dem einen Gesichtspunkt aus: ihrer Stellung
zur sozialen Frage, zum Sozialismus.
* * * * *
Aus der Dichtung und aus der bildenden Kunst verschwand damals
allmählich die Elendsschilderung, die in Hauptmanns Webern noch die
Peitsche gewesen war, die rücksichtslos blutige Striemen zog, und in
seinem »Hannele« das Bettlerkind schon in Märchenkleidern zeigte.
Künstlerische Begeisterung entzündet sich an jungen Ideen, solange sie
flackernde Flammen sind und die Gefahr des Erlöschens ihnen
phantastisch-spannenden Reiz verleiht. Mit ihrer Reife erstarren sie zu
Schwertern, die der Kämpferarme bedürfen, während das Seherauge des
Künstlers schon sehnsüchtig nach neu auftauchenden Lichtern im fernen
Dunkel Ausschau hält. Aber was Notwendigkeit ist, erschien mir wie
Treulosigkeit und Schwäche, und der Ich-Kultus, der an Stelle des Kultus
der Menschheit trat, wie ein frevelhafter Rückschritt.
Gegen eine Welt von Widersachern hatten die Ibsen und Nietzsche die
Freiheit der Persönlichkeit verkündet, in jahrelangem, schmerzvollem
Ringen hatten wir sie erobert; ein Heiligtum war sie uns, dessen ewige
Lampe sich von unserem Herzblut tränkte. Und nun kamen die vielen
lärmenden Leute und griffen nach ihr ohne Ehrfurcht, und nichts als ein
neues Spielzeug war sie ihnen. Dem gebildeten Pöbel galt jeder als ein
Freier, der schrankenlos seinen Begierden folgte. Die entgötterte
Menschheit suchte nach Götzen, und jeder fand eine anbetende Gemeinde,
der alte Werte mit Füßen trat.
»Die sexuelle Freiheit ist doch nicht die Freiheit an sich!« sagte ich
einmal voller Empörung zu Polenz, der mir Hartlebens »Hanna Jagert«
gebracht hatte. »Gewiß gibt es Frauen mit denselben sinnlichen
Leidenschaften, wie Männer sie haben, aber in ihnen den 'großen freien
Weibtypus der Zukunft' zu suchen, ist ebenso frevelhaft, als wenn man
den modernen Lebemann für das Ideal der Männlichkeit erklären würde.«
»Sie kennen eben unsere jungen Dichter nicht, die zumeist aus dem
engsten Kleinbürgertum stammen und von da aus direkt der Großstadtbohême
in die Arme laufen. Eine andere Welt ist ihnen fast allen fremd und
bleibt ihnen fast immer verschlossen. Gerade Sie sollten es wagen, in
die Höhle der Löwen zu kommen,« antwortete Polenz.
Ich zögerte noch, aber Georg, dem jedes Mittel willkommen war, das ihm
geeignet schien, mich heiterer zu stimmen, redete zu, und so folgte ich
eines Abends Polenz' Einladung. Er hatte eine heterogene Gesellschaft
zusammen gebeten: alte Regimentskameraden und anarchistelnde
Schriftsteller, sächsische Gesandschaftsattachés und die Blüte der
berliner Kaffeehaus-Literaten. Eine unbehagliche Stimmung herrschte; die
Herren von der Feder fühlten sich sichtlich nicht wohl in ihren Fräcken,
und die Damen, die sich von ihnen etwas ungeheuer Interessantes erwartet
hatten, vermochten trotz aller Mühe die genierte Steifheit der fremden
Gäste nicht zu überwinden. Erst bei Tisch und beim Wein wurde es ein
wenig lebendiger. Einer der modernsten und beliebtesten Schriftsteller,
der mit einer gewissen Grazie die gewagtesten Dinge zu schildern
pflegte, saß neben mir, ein anderer, der die Hoffnung der Moderne war,
mit dunkler Brille über den lebhaften Augen, mir gegenüber. Ich ließ
alle meine oft erprobten, geselligen Künste spielen, schlug alle Saiten
an, von denen ich einen Ton erwarten konnte, -- vergebens. Wie
Backfische, die zuerst in Gesellschaft kommen, antworteten sie mit einem
Ja, einem Nein und einem verlegenen Lächeln, wenn ich glaubte, gerade
ihre Interessen berührt zu haben. Ich sah forschend die lange Tafel
herauf und herunter: überall dasselbe Bild, -- und langsam legte sich
eine bleierne Langeweile über die zu krampfhaftem Höflichkeitsgrinsen
verzerrten Züge. Man atmete schließlich erleichtert auf, als das Essen
zu Ende war; und so rasch sie konnten, verschwanden die Herren im
Nebenzimmer, von wo bei Kognak und Zigarrren bald dröhnendes Lachen
herrüberscholl.
Als ich, die Elektrische erwartend, auf der Straße stand, trat eine
kleine Frau mit blitzenden Saphiraugen, ein Spitzentuch lässig über den
dicken, blonden Schopf geworfen, auf mich zu. »Er ist wohl noch immer da
drin, der Franzl,« sagte sie und wies mit dem Daumen zu der erleuchteten
Etage herauf, die ich eben verlassen hatte. Überrascht sah ich sie an --
»Juliane Déry! Was machen Sie denn hier?« -- »Ich warte! -- mit dem
letzten Bissen im Munde wollte er diesem Menschenragout entlaufen. Aber
es muß doch pikanter ausgefallen sein, als ich prophezeite ...« Ich
lachte hellauf und gab ihr eine Schilderung der letzten drei Stunden.
»Und Sie dachten wirklich an gedeckten Tischen, zwischen Grafen und
Baroninnen, unsere jungen Genies kennen zu lernen?!« Sie konnte sich vor
Vergnügen nicht lassen, amüsiert blieben die Vorübergehenden bereits
neben uns stehen. »Kommen Sie!« mahnte ich leise und schob meinen Arm in
den ihren.
»Richtig! -- Wir haben ja schon einmal eine nächtliche Promenade
gemacht! Seitdem sind Sie ethisch geworden und haben --« sie stockte ein
wenig -- »geheiratet!«
»Und Sie?« Ich frug ohne Interesse, im Grunde nur, um irgend etwas zu
sagen.
»Ich? -- Gott -- Sie sehen: ich lebe! Was sollte unsereins auch sonst
noch tun!« Ein düsterer Schatten verdunkelte einen Augenblick lang ihre
Augen, dann lächelte sie wieder: »Wissen Sie was? Kommen Sie heute mit
mir, -- ich bin ein besserer Cicerone der Bohème als Ihre Gastgeber
eben! Überdies --« sie musterte mich unter der nächsten Laterne von
oben bis unten -- »werde ich mit Ihnen Furore machen.«
Bis zu unserem Ziel, einer kleinen Weinstube in der Friedrichstadt,
erzählte sie mir mit der ihr eigenen sprühenden Lebhaftigkeit von all
den freien Geistern, die ich finden würde. »Der große...«, »der
geniale...«, »der einzige...«, -- mit diesen Adjektiven begleitete sie
Namen, die mir kaum bekannt waren.
Als wir eintraten, schlug ein Wolke dicken Rauches uns entgegen; ein
paar Lampen, ein paar Lichtpünktchen brennender Zigaretten leuchteten
hindurch. Ein Chor schwatzender Stimmen machte jedes Wort
unverständlich. Erst als wir im Lichtkreis der Gasflammen standen,
verstummte die Gesellschaft. Die Herren erhoben sich und umringten uns.
Sie rochen nach Kognak, -- unwillkürlich trat ich einen Schritt zurück.
Man hörte meinen Namen. »Bist wohl verrückt geworden, Juliane!« brummte
eine Männerstimme, und ein Arm legte sich um ihre Taille. Ich setzte
mich abseits in eine Ecke. Nach einer Weile schien ich vergessen und
fühlte mich wie eine Zuschauerin vor der Bühne. Es war zweifellos ein
interessantes Spektakelstück, das ich sah, und Menschen eigener Art, die
darin spielten.
Zu Füßen eines großen, tiefbrünetten Mannes, um den sich allmählich die
leeren Flaschen häuften, saß eine blasse Frau mit blonder Haarkrone auf
dem vornehmen Köpfchen. Das mußte die dänische Gräfin sein, die der
»satanische« Dichter, wie die Déry ihn nannte, entführt hatte. Wenn er
redete, sah sie andächtig zu ihm auf, und die Nächststehenden schwiegen.
»Ja -- was ich sagen wollte -- --« er sprach mit einem scharfen
slawischen Akzent -- »was -- was war es doch?« Er goß sich roten Wein in
das Glas, -- ein paar Tropfen spritzten der Frau zu seinen Füßen auf die
weiße Stirn, -- er vergaß zu trinken und starrte sie an: »wie schön das
ist: die Dornen deines unsichtbaren Kranzes haben dich verwundet, -- wie
ein Rubin leuchtet dein königliches Blut ...«
»Zum Donnerwetter, was schweigt ihr,« brüllte er im nächsten Augenblick
und stürzte den Wein hinunter, »was geht das Euch Kanaillen an?!« Die
anderen lachten.
»Du hast uns deinen Helden schildern wollen!« sagte jemand.
»Meinen Helden!« begann er wieder, »das wird ein Kerl sein! Kein
waschlappiger Schmachtfetzen, der die Weiber anhimmelt, sondern einer,
der zupackt, wie ich!« -- seine Riesenfaust umklammerte den Arm der
blonden Frau, die schmerzhaft zusammenfuhr, -- »keiner, der den Lahmen
Krücken schenkt und den Blinden Brillen, sondern einer, der beiseite
stößt, was ihm im Wege steht. Oder meint ihr, das Gesindel um uns sei
was besseres wert?! Glaubt mir, wenn wir nicht empor kommen, die
Starken, die Hartherzigen, dann wird das Gewürm, das Junge wirft wie die
Kaninchen, uns auffressen. Den Schwachen helfen, winselt ihr mit dem
verwässerten Christenblut in den Adern? Nein, sage ich: den Schwachen
den Gnadenstoß geben, damit die Starken Platz haben!«
Ich hielt mich nicht länger. »Es muß sich aber erst erweisen, wer die
Starken sind,« rief ich.
»Erweisen? Nein, schönste Frau, -- wenn wirs nur von uns selber wissen,«
antwortete er, stand auf und trat auf mich zu, -- er schwankte ein
wenig -- »Sie sind ja so Eine, die sich opfert -- der Menschheit -- der
Ethik -- pfui Teufel! Mit so einem Gesicht und solcher Gestalt --« seine
große Hand streckte sich, ich wich ihr erschrocken aus -- »sich
behaupten sollten Sie, -- Glück schenken und Liebe, -- das ist mehr als
Traktätchen -- und -- und -- Kinder kriegen --«
Er fiel wie ein gefällter Baum der Länge nach zu Boden. Ich strebte
hastig der Türe zu. Juliane Déry kam mir nach und drängte ihr glühendes
Gesicht dicht an das meine.
»So bleiben Sie doch -- Schönste -- Beste,« schmeichelte sie -- ich
fühlte ihre Hand auf meiner Hüfte. »Ist er nicht groß? -- herrlich? Und
jetzt wird es erst schön -- komm! komm! -- laß uns Freundinnen sein --«
Sie versuchte mich zu küssen. Ich schüttelte sie ab. »Hochmütige Närrin
--« knirschte sie.
»Sie -- sie hat kein Herz -- kein Herz -- wie all die -- die
Tribünenweiber!« lallte der Betrunkene, der sich halb aufgerichtet
hatte.
Ich lief hinaus wie gejagt und sprang in den nächsten Wagen. Warum nur
brach ich schluchzend in den Kissen zusammen, -- warum?!
Leise schlich ich in die Wohnung, in mein Zimmer. Zum erstenmal
verschwieg ich Georg, was ich erlebt hatte; nur von dem Abend bei Polenz
erzählte ich und von den Menschen dort, die »auch nicht die unseren
sind«.
Er hörte kaum zu, seine Gedanken waren bei dem Brief, den er zwischen
den Fingern rollte und mir lächelnd reichte.
»Hier werden wir die unseren finden!« sagte er.
Es war eine Einladung zu einem Festkommers »unserem verehrten Genossen
Friedrich Engels zu Ehren«, von den Mitgliedern des Parteivorstands
unterschrieben. »Du willst hingehen?« frug ich erstaunt, »als
preußischer Universitätsprofessor?!«
»Die Freude will ich mir nicht entgehen lassen, einmal im Leben dazu zu
gehören! -- und den Kragen wird es nicht kosten!«
* * * * *
Ein großer Saal. Grüne Girlanden, mit roten Blumen besteckt, schwebten
in runden Bogen um die Galerien, von einer Säule zur anderen.
»Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« leuchtete es in riesigen
Goldbuchstaben auf rotem Grund von der Tribünenwand herab den
Eintretenden entgegen. Unter Lorbeerbüschen glänzten die weißen Büsten
von Marx und Lassalle. Als wir kamen, war der Riesenraum schon dicht
gefüllt: Männer im Festtagsrock, Frauen und Mädchen in bunten Blusen und
hellen Kleidern, die Gesichter verklärt, wie die der Kinder von
Weihnachtsvorfreude. Ein Glanz der Jugend strahlte aus allen Augen und
verwischte die Furchen, die Leidenszüge, die Kummerfalten, und gab den
früh gebleichten Wangen die Röte der Kinder des Glücks.
Neugierig richteten sich alle Blicke auf uns: den bleichen Mann im
Rollstuhl und die junge Frau ihm zur Seite. Der alte Bartels führte uns
bis nach vorn, wo an gedeckten Tischen die Plätze für die Gäste
reserviert waren.
»Daß ich das noch erlebe -- Herr Professor -- das noch erlebe,«
wiederholte er immer wieder, mit dicken Freudentränen in den kleinen,
zwinkernden Äuglein.
Brausende Hochrufe erschütterten die Luft. -- Alles erhob sich --
schwenkte die Hüte und wehte mit den Taschentüchern -- auf die Tische
und auf die Schultern wurden die Kinder gehoben, so daß ihre Köpfchen
wie Blumen aus dichtem Wiesengrund über die Massen emporragten. Und
durch den breiten Mittelgang, an dem sich rechts und links, eine
undurchdringliche Mauer, die Menge staute, kamen sie alle, die alten
Kämpfer, deren Namen ein blutiger Schrecken für die einen, ein Symbol
künftiger Glückseligkeit für die anderen war.
Mein Blick blieb nur auf den vier Voranschreitenden haften, die ich um
mich herum immer wieder flüsternd nennen hörte: Liebknecht -- Bebel --
Auer -- Engels. Groß war der eine, mit grauem Vollbart, hoher Stirn,
geistvoll sprühenden Augen, einen feinen Zug von Sarkasmus um den Mund,
klein der andere, mit widerspenstiger voller Haarsträhne, die ihm immer
wieder nach vorne fiel, so daß sein Blick sich noch mehr verschleierte,
-- jener merkwürdige Blick, wie ihn nur Dichter und Träumer haben. Einen
breiten, hellen Germanenkopf trug der Dritte stolz auf den starken
Schultern, ein paar Augen, die gewiß kampflustig zu blitzen verstanden
wie die alter Häuptlinge, sahen über die Menge hinweg. Vorne aber ging
der alte gefeierte Gast mit einem Lächeln so voll gerührter Güte und
freudiger Menschenliebe, als wären das alles seine Kinder, die ihm
entgegenjauchzten.
Gesang, Musik, Begrüßungsreden wechselten miteinander ab, wie bei einem
großen Familienfest. Nichts Pathetisches, aber auch nichts, das an
Aufruhr und revolutionäre Schrecken erinnerte, störte die Stimmung. Das
Rot der vielen Schleifen und Fahnen im Saal schien heute nur die Farbe
der Freude zu sein, nicht die des Bluts. Auch die 'Freiheit', die
auftrat, mit der phrygischen Mütze auf dem schwarzen Krauskopf, ihre
Verse skandierend wie ein Schulkind, glich mehr einem Boten des
Frühlings als der Revolution.
Drunten im Saal, wie oben auf der Tribüne herrschte eitel Fröhlichkeit.
Von einem Tisch zum anderen begrüßten sich die Bekannten, und er, der
Held des Tages, drängte sich mit den Freunden immer wieder durch die
Reihen und schüttelte die Hände alter Kampfgenossen aus den schweren
Zeiten der Verfolgung. Sie kamen auch zu uns und setzten sich um Georgs
Rollstuhl, und seine Lippen zuckten, und seine Augen wurden feucht vor
Bewegung. Mit einer altväterisch-chevaleresken Verbeugung schenkte mir
Engels ein paar Blumen aus der Fülle, die ihm gegeben worden war. »Ein
gefährliches Zeichen,« lachte Liebknecht und wies auf die rote Nelke
darunter. »Eins des Sieges, wie ich hoffe,« antwortete ich.
Wir gingen still nach Haus. Eine große Freudigkeit erfüllte uns.
* * * * *
An einem grauen, naßkalten Dezembertag war es. Das Reichshaus sollte
eingeweiht werden. Am Brandenburger Tor stand ich, Eindrücke zu sammeln
für das, was ich schreiben wollte. Man lachte -- schwatzte -- höhnte
rings um mich her: vom »Gipfel der Geschmacklosigkeit« sprach der Eine,
-- so hatte S. M. jüngst in Italien den Bau Wallots bezeichnet --, von
der leeren Tafel über den Toren erzählte der andere, die auf die
Inschrift »Dem deutschen Volke« vermutlich vergebens warten würde; --
»den Junkern und Pfaffen, -- wirds statt dessen heißen,« fügte bissig
ein Dritter hinzu. »Wenn man die Umsturzvorlage det janze Dings nich
umstürzen wird,« zischelte es dicht neben mir. Der stramme
Polizeileutnant, der hier Wache hielt, wandte stirnrunzelnd den Kopf. In
offenem Wagen fuhren die Abgeordneten vorüber: Zivilisten mit glänzenden
Zylindern auf dem Kopf und bunten Bändchen im Knopfloch, auf den Zügen
den Ausdruck ernsthafter Wichtigkeit, Geistliche in der schwarzen
Soutane mit runden glänzenden Gesichtern; Reserveoffiziere, denen der
enge Kragen das Blut blaurot in die Stirne trieb, und deren bunter Rock
sich in Falten über Brust und Leib spannte. »Drum müssen sie doch alle
stramm stehen vor dem obersten Kriegsherrn, -- die M. d. R.s --«
zischelte dieselbe Stimme wie vorhin.
Aufgeregt sprengten die Polizisten noch einmal hin und her, -- ihre
Pferde drängten die angstvoll aufkreischenden Zuschauer zur Seite.
Vom Schloß die Linden hinunter trabte eine Schwadron Garde du Korps in
glänzender Uniform mit wehenden Fähnlein. Da plötzlich ein klirrender
Stoß -- ein Schrei, -- und zwei Reiter wälzten sich unter ihren Pferden.
Im gleichen Augenblick nahte ein Wagen: der Kaiser! Schweigend --
erwartungsvoll -- kaum, daß ein paar Hüte von den Köpfen flogen --
harrte die Menge, -- schwankend, mit totblassem Gesicht richtete der
eine der gefallenen Soldaten sich auf die Kniee, -- dicht vor ihm
schlugen die Hufe des Viergespanns schon auf das Pflaster.
Das Bronzegesicht des Monarchen tauchte sekundenlang auf -- ein einziger
kalter Blick streifte den Garde du Korps -- die feindselig-stumme Menge
hinter ihm, -- und vorüber raste der Wagen.
Erregt, mit verbissenem Grimm stoben die Menschen auseinander. Das war,
so schien mir, der rechte Auftakt für das kommende Schauspiel: den Kampf
um die Umsturzvorlage, die als erster Gesetzentwurf den Volksvertretern
im neuen Hause zur Entscheidung vorlag.
Unter kriegerischem Gepränge war es heute geweiht worden, --
Kriegszeiten standen bevor.
Auf dem Wege durch den feuchtdunstigen Tiergarten war mein Plan gefaßt,
und noch ehe Georg aus der Universität zurückkam, lag meine »Erklärung«
schon auf dem Schreibtisch. »Im Namen des weiblichen Geschlechts
protestieren wir unterzeichneten Frauen gegen die Umsturzvorlage,«
begann sie, und weiter hieß es darin: »'Beschimpfende Äußerungen gegen
Ehe und Familie' gefährden das sittliche Leben des Volkes nicht so sehr
wie die gesetzliche Sanktionierung der Unsittlichkeit; und nicht durch
'Kundgebungen' werden 'weite Bevölkerungkreise' zu dem Glauben verführt,
daß die Grundlagen unseres Lebens auf 'Unwahrheit und Ungerechtigkeit'
beruhen, sondern durch eine Gesetzgebung, die die Hälfte des
Menschengeschlechts, die Mütter der Staatsbürger, mit Unmündigen,
Wahnsinnigen und Verbrechern auf eine Stufe stellt und durch
wirtschaftliche Zustände, die Millionen von Frauen in den Kampf ums
Dasein treiben, das Familienleben zerstören, die Ehe erschüttern ...«
Ich versandte noch an demselben Abend meine Erklärung mit der Bitte um
Unterschriften an die Presse. Kaum war sie veröffentlicht, als Onkel
Walter mich mit seinem Besuch überraschte. »Ich komme, dich zu warnen,«
sagte er, »man hat ein Auge auf dich, man kennt im Polizeipräsidium
deine geheimen Beziehungen zur sozialdemokratischen Partei, und heute im
Reichstag hat der Minister des Innern mir im Vertrauen gesagt, daß, wenn
die Umsturzvorlage oder ein dem Sinne nach ihr ähnliches Gesetz in Kraft
treten sollte, du zu den Ersten gehören wirst, die davon getroffen
werden; -- vorausgesetzt natürlich --,« er sprach langsam und betonte
jede Silbe -- »daß du nicht klug genug bist, vorher andere Wege
einzuschlagen.«
»Ich danke dir für deine Freundschaft, lieber Onkel, -- aber daß ich
deinem Rat folgen werde, wirst du von mir kaum erwarten.«
»So sind wir geschiedene Leute!« rief er, und krachend fiel hinter ihm
die Tür ins Schloß.
Seltsam, -- er hatte mir niemals nahe gestanden, und doch: in diesem
Augenblick krampfte sich mir das Herz zusammen, -- ein Stück der
Kindheitsheimat nahm er mit sich fort. Was wird der Vater sagen, dachte
ich furchtsam. Aber er kam nicht, er schrieb mir nur zwei Zeilen ohne
Anrede und Unterschrift: »Nach Deinem letzten Benehmen wirst Du Dich
nicht wundern, wenn wir Dir eine Zeitlang fern bleiben. Wir hoffen zu
Gott, daß er Dich wieder auf den rechten Weg leiten möge! ...«
* * * * *
Eisig fegte der Ostwind durch die Straßen, feine, schimmernde
Eiskristalle tanzten in der Luft, und der Rauhreif wandelte den
Tiergarten in ein Wintermärchen. Jeden Morgen begleitete ich jetzt Georg
in die Universität. Seine Vorlesungen über soziale Ethik füllten das
Auditorium bis in den fernsten Winkel und leidenschaftlich erregte
Menschen -- alte und junge -- Männer und Frauen -- begrüßten ihn mit
heftigem Beifallsgetrampel. Hinter dem Pult war nichts von ihm zu sehen
als der bleiche, dunkel umrahmte Kopf mit den strahlenden Kinderaugen.
Er sprach, wie er noch nie gesprochen hatte, er geißelte die Sünden des
Kapitalismus mit einer Schärfe, wie sie in diesen Räumen noch nie gehört
worden war, und verteidigte die Rechte der Frauen und die der Arbeiter
mit einer Begeisterung, die alles mit sich fort riß.
»Der Glaube, daß wir jetzt vor tief gehenden Wandlungen, vor einer
Weltwende stehen, wie die Menschheit noch keine erlebt hat, ist eine
Überzeugung, die immer weitere Kreise ergreift ... Jetzt ist keine Zeit
mehr zu beschaulichem Träumen ...« -- Seine Stimme hob sich in
ungewohnter Kraft und bekam einen Klang wie eine tiefe Glocke. »... Wir
müssen uns klar werden über die Lage der Dinge und wach sein für die
Nöte des Tages ... Wir müssen uns bewußt werden, wohin wir gehören ...«
»Er spricht sein Todesurteil ...« hörte ich leise flüstern. Kirchenstill
war es. Er wurde vom Katheder heruntergehoben, sein Rollstuhl setzte
sich in Bewegung, mit scheuer Ehrfurcht grüßten ihn die Studenten.
Fauchend schlug ihm der Wind in das heiße Gesicht, als wir ins Freie
traten, und fröstelnd zog er sich den Pelzkragen höher. Vergebens bat
ich ihn, sich aus seinem offenen Rollstuhl in einen geschlossenen Wagen
heben zu lassen. Den ganzen langen Weg über die Linden, durch den
Tiergarten, über den Lützowplatz kämpften wir mühsam wider den
Schneesturm.
Vor unserem Hause ging ein Herr auf und ab: groß und schlank, den
feingeschnittenen Kopf zurückgeworfen, den Bart keck in die Höhe
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