jenes Fieber gespannter Erregung auslöste, das den Hazardspieler packt,
wenn er die Elfenbeinkugel rollen sieht. Ich vergaß meine Unruhe -- den
Vater -- den peitschenden Regen --, meine Hand, die den Feldstecher vor
die Augen hielt, zitterte. Einen Moment trat das Antlitz des Kaisers in
mein Gesichtsfeld: seine Augen glühten, und seine Lippen zuckten. Ich
begriff plötzlich seine Leidenschaft für solch ein Schauspiel.
Gleich darauf hörte ich Trommeln und Pfeifen: im Sturmschritt rückte die
Infanterie von der anderen Seite vor, -- sie kam in unzählbaren Massen,
wie aus der Erde gestampft, mit Hurra und knatterndem Gewehrfeuer. Ich
sah den Fuchs meines Vaters, -- da plötzlich ein Signal: Das Ganze
Halt!, und still stand der Kampf.
Merkwürdig scheu wichen mir auf dem Heimweg unsere Offiziere aus. Kurz
vor Minden traf ich Hessenstein, den ich anrief. »Was ist geschehen?«
frug ich verängstigt.
»Es soll einen bösen Auftritt gegeben haben,« antwortete er. »Auf die
Mitteilung, daß er geschlagen sei, ist Ihr Herr Vater in helle Wut
geraten. 'Sie sind wohl des Teufels', soll er geschrien haben, 'ihre
ganze Kavallerie ist ja vernichtet'. Alle, die ich sprach, geben ihm
übrigens Recht. Der Sturm auf Nordhemmern und Holzhausen hätte
zweifellos seinen Sieg gesichert, wenn er nicht abgebrochen worden
wäre.«
Wir reisten noch an demselben Tage nach Münster zurück und erwarteten
dort meinen Vater. Er war ruhiger, als ich gefürchtet hatte, und erwog
mit solcher Sicherheit die Aussichten auf ein Armeekorps, daß wir selbst
kaum mehr daran zu zweifeln vermochten.
Als der nahende Karneval uns grade wieder an die geselligen »Pflichten«
zu erinnern begann, starb die alte Kaiserin Augusta, und es war für
diesen Winter mit Spiel und Tanz vorbei. Nichts hätte mich mehr
befriedigen können. Nun konnte ich mich ungestört der Aufgabe widmen,
deren Erfüllung ein neues Leben einleiten sollte.
Das kleine Buch, das ich in Hohenlimburg zu schreiben begonnen hatte,
enthielt die Skizzen, aus denen ich ein Gemälde schaffen wollte, so
stark an Farben, so lebendig an Gestalten, daß in Zukunft niemand daran
würde vorübergehen können. Aber so rasch jener erste Entwurf entstanden
war, so langsam gings mit der neuen Arbeit. Ich entdeckte Lücken in
meiner Bildung, die durch die mir zu Gebote stehenden Mittel
unausfüllbar blieben. Meine Unwissenheit auf den Gebieten der
Philosophie und der Naturwissenschaften stürzte mich oft in die tiefste
Verzweiflung. Mein ganzes bisheriges Leben erschien mir dann wertlos,
die Zukunft, wie ich sie erträumte, auf immer gefährdet. Oft saß ich bis
in die Nacht hinein grübelnd am Schreibtisch, und erst, wenn das letzte
Scheit Holz im Kamin erlosch und die Finger in der Winterkälte
erstarrten, huschte ich fröstelnd in mein Schlafzimmer.
Ich war in dieser Zeit so mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt, daß
ich mich automatenhaft in meiner Umgebung bewegte, bis mir eines Tages
meines Vaters klanglose Stimme auffiel. »Bist du krank, Papachen?« frug
ich besorgt. Er lachte gequält: »Ich sollte es sein!« Als ich am
nächsten Morgen zum Frühstück in sein Zimmer trat, lag er im Lehnstuhl,
leichenblaß, mit weit aufgerissenen Augen. Ich stürzte neben ihm in die
Kniee und griff nach seiner schlaff herabhängenden Hand. In dem
Augenblick kam er zur Besinnung; ein Ton, der nichts menschliches an
sich hatte, drang aus seiner Kehle, -- er sprang auf, schlug wild
aufschluchzend die Hände vors Gesicht, um in der nächsten Minute wieder
zurückzusinken. Da fiel mein Blick auf einen weißen Bogen, aus einem
blauen Umschlag halb herausgerissen, -- ich griff danach und las mit
verdunkeltem Blick nur die drei Worte: »... der Abschied bewilligt ...«
»Die dreizehnte Division!« murmelte mein Vater.
Nicht rasch genug konnten wir unseren Haushalt auflösen. Mein Vater
vertauschte noch an demselben Tage die geliebte Uniform mit dem
schwarzen Rock. Aber er wagte sich damit bei Tage nicht auf die Straße;
sein Gesicht färbte sich dunkelrot bei jedem Soldaten, der ohne Gruß an
ihm vorüberging. Ich folgte ihm wie sein Schatten; er sah aus wie einer,
dem der Tod nachschleicht. Ohne Anteilnahme hörte er zu, wenn meine
Mutter Zukunftspläne schmiedete; wenn sie aber in der Aussicht auf ein
ruhiges Leben förmlich froh zu werden vermochte, erhob er sich
schwerfällig und ging hinaus. Er kümmerte sich um nichts, äußerte keinen
Wunsch, ließ alles geschehen.
Meine Mutter verkaufte ein gut Teil der Möbel -- er merkte es nicht;
sein Adjutant verhandelte mit Hilfe des Reitknechts mit den
Pferdehändlern, -- er betrat den Stall nicht mehr. Als dann aber der
Morgen kam, wo die Pferde fortgeführt werden sollten und wir alle
versuchten, ihn in seinem Zimmer festzuhalten, lief er plötzlich auf den
Flur hinaus, -- hell hatte der Fuchs, sein Lieblingspferd, gewiehert,
auf dem Hofe unten stand er, sein goldiges Seidenhaar glänzte im
Sonnenlicht und lustig bellend, wie sonst vor dem Morgenritt, sprang ihm
Percy, der weiße Terrier, an die Nase. Gegen die Scheibe preßte mein
Vater die Stirn, ein Beben erschütterte seinen starken Körper, und
schwere Tränen rollten ihm über die Wangen. Der Fuchs verschwand im
Torweg; nur der Hund blieb noch unschlüssig stehen, kniff den Schwanz,
sah fragend zu uns hinauf und trottete dann erst nach -- langsam, ganz
langsam.
Fünfzehntes Kapitel
Märzsturm im Harz. Er schüttelte auf den Höhen die schweren Schneemassen
von den Bäumen und peitschte durch die Täler feuchtkalten, rieselnden
Regen. Hochauf geschwellt wie ein Gießbach rauschte die sonst so
bescheiden flüsternde Radau durch das Städtchen. Unter den kahlen,
schwarzbraunen Eichen stand in grauschillernden Lachen das Wasser; es
hing in hellen Tropfen in den Spinngeweben zwischen den Balken des
Musikpavillons und im dürren Weinlaubgerank um die muffig riechenden
Wandelhallen. Mit geschlossenen Fensterläden schliefen Häuser und
Gasthöfe noch den Winterschlaf, und auf den Wegen in die Wälder hatten
Regen und Schnee all die vielen Fußspuren des vergangenen Sommers
verwischt.
Jeden Morgen, wenn die blecherne Uhr von Juliushall -- das einzig
Lebendige zu dieser Stunde -- sieben schlug, trat aus dem kleinen
Häuschen gegenüber ein Mann heraus: mit zwei müden, blauen Augen unter
finster gefalteter Stirn sah er kühl und gleichgültig zum ewig grauen
Himmel auf; die vollen Lippen, die ein dichter blonder Bart beschattete,
preßten sich fest aufeinander, und die eine Faust auf dem Rücken, die
andere um den Krückstock gespannt, ging er rasch die Chaussee hinauf.
Er lief immer mehr, je weiter er kam; tauchte irgendwo ein Mensch auf,
so bog er seitwärts in die Wälder. Zuweilen folgte ihm vorsichtig
spähend ein junges blasses Mädchen, dem die schwarzen Locken im Wind
wild um die Stirne tanzten. Aber sie kam nicht weit, -- sie hätte
schließlich laufen müssen, um ihn im Auge zu behalten, und das Herz
klopfte ihr zu stark. So ging sie denn aufseufzend, mit einem
sorgenvollen Zug um den Mund, die schmale Treppe wieder hinauf, in die
Puppenwohnung mit den verschossenen Puppenmöbeln, den bunten Öldrucken
an der großblumigen Tapete, dem unbehaglich dürftigen Pensionsfrühstück
auf dem runden Tisch. Sie schluckte den dünnen Kaffee, aß widerwillig
ein winziges Brötchen und sprang mit nervöser Hast auf, als nebenan
Stimmen laut wurden. »Schwester!« rief die eine halb verschlafen --
»Alix!« klang eine andere, scharfe, spitze durch die zweite Tür. Vor dem
kleinen Mädchen knieend, das sich die goldenen Löckchen wohlgefällig
über die rosigen Fingerchen wickelte, zog sie ihm Strümpfe und Schuhe
an, um gleich darnach zur Mutter zu gehen, die vor dem Spiegel der
geschickten Hände ihrer Ältesten wartete.
»Papa war heute wieder sehr böse über den schlechten Kaffee,« sagte sie,
während sie mit dem Kamm durch die noch immer vollen blonden Haare ihrer
Mutter fuhr, »und der Ofen will auch nicht brennen, -- wir sollten doch
lieber umziehen!«
»Du weißt, daß alle anderen Pensionen erheblich teurer sind,« antwortete
die Mutter gereizt, »Hans muß sich eben an Einschränkung gewöhnen.«
Kam der Vater gegen Mittag zurück, mißmutig und müde, so saß seine
Älteste schon seit ein paar Stunden neben dem Schwesterchen und spielte
Lehrerin. Des Nachmittags gingen sie zu viert spazieren; aber angesichts
der gramvollen Verschlossenheit des Vaters, der unnahbaren Kühle der
Mutter und einer Natur, die von der weißglänzenden Winterpracht und der
grünschimmernden Frühlingshoffnung gleich weit entfernt war, verstummte
selbst Klein-Ilschens Lachen und leichtsinniges Geplauder. Im stillen
atmete jeder auf, wenn der Familienausflug ein Ende nahm, und doch
versicherte einer dem anderen, daß er »herrlich« gewesen wäre.
Große Schmerzen bedürfen der Einsamkeit. Schwül und schwer lasten sie
wie Gewitterluft, wenn sie sich nicht entladen können; und die Qualen
des anderen mit ansehen, heißt die eigenen verdoppeln. Aber Tradition
und Sitte predigen in verlogener Sentimentalität, daß sie gemeinsam
getragen werden müssen; und ihnen beugten sich die drei Menschen, so
sehr sie auch auseinander verlangten.
Wenn alle schliefen, brannte bei der Schwarzen, Blassen noch lange die
Lampe. Aus den Schulbüchern der Schwester bereitete sie sich auf das
Pensum des nächsten Tages vor, -- sie hatte ja nie gelernt, zu lehren,
und mühsam wars, das Notwendige nachzuholen. Dabei war auch noch stets
der Arbeitskorb voll, geflickt mußte werden und genäht, -- niemand
durfte merken, daß die Verhältnisse der Familie ihrem Rang nicht mehr
entsprachen. Sehnsüchtig schweiften die dunkeln Augen der Arbeitenden
oft genug zu den Büchern, die erwartungsvoll mit blanken Goldlettern auf
dem Rücken von dem kleinen Regal zu ihr herübersahen. Stahlen sich dann
aber gar Tränen zwischen den Wimpern hervor, so zog sie einen
zerknitterten Brief aus der Tasche, mit feinen Schriftzügen dicht
bedeckt, und las ihn, den sie schon fast auswendig wußte, wieder und
wieder. Er lautete:
Pirgallen, 10. März 1890
»Mein geliebtes Enkelkind!
Deine Mutter schreibt mir, mit welch ruhigem Ernst Du Dich in die neue
Lage gefunden hast, und wie treulich Du all die Pflichten, die sie Dir
auferlegt, erfüllst, so daß ich Dich nun ganz besonders meiner
zärtlichen Liebe und freudigen Anerkennung versichern möchte. Ich habe
oft gefürchtet, die kleinen Teufel der Eitelkeit möchten von meiner Alix
reinem Herzen schließlich Besitz ergreifen; vielleicht hat die Führung
Gottes, die uns kurzsichtigen Menschen oft grausam erscheint, auch für
Dich den rechten Weg gefunden, auf dem Dein besseres Selbst sich voll
entfalten kann. Ich habe, wie Du weißt, von Anfang an den Abschied
Deines Vaters nicht so tragisch genommen als alle anderen, als vor allem
er selbst. Je älter wir werden, desto gleichgültiger erscheinen uns
solch äußerliche Begebenheiten. Daß es freilich eine harte Schule gerade
für Hans ist, der an seiner empfindlichsten Stelle, -- seinem
Selbstbewußtsein, seinem Ehrgeiz, -- getroffen wurde, weiß ich nur zu
wohl. Aber er ist stark und gut genug, um sie schließlich bestehen zu
können, wenn Ihr alle, Du besonders, mein Kind, an der er mit all seiner
Zärtlichkeit hängt, ihm in geduldiger Liebe beizustehen nie unterlassen
werdet und er für seine ungebrochene Kraft eine Tätigkeit findet, die
ihr entspricht.
Aber noch eine andere, und für Dich vielleicht schwerer zu erfüllende
Aufgabe muß ich Dir, meine Alix, übertragen. Ich hoffe, Du wirst daran
den Grad meines Vertrauens zu Dir ermessen können und es nicht als
Grausamkeit empfinden, wenn ich gerade Deinen jungen Schultern diese
Last auferlege. Ich bin 78 Jahre alt und kann jeden Tag abberufen
werden. Es ist mir möglich gewesen, meine einzige Tochter, Deine Mutter,
durch regelmäßige pekuniäre Zuwendungen, durch Geschenke, Badereisen und
dergleichen, vor quälenden Sorgen zu bewahren. Nichts konnte mich mehr
freuen, als daß ich dazu imstande war, denn seine Lieben mit dem zu
unterstützen, was man entbehren kann, ist niemals ein Opfer. Deine
Mutter hat es um so selbstverständlicher angenommen, als sie stets zu
dem Glauben berechtigt war, daß ihr künftiges Erbteil noch unangetastet
in meinem Besitz sich befinde. Um den Frieden ihrer Ehe nicht zu stören,
habe ich ihr die Wahrheit verschwiegen. Sterbe ich, so wird sie
erfahren, daß Hans auf Grund dieser Erbschaft von meinem Sohn Walter im
Laufe der Jahre Darlehen empfing, die sie sogar um ein beträchtliches
übersteigen. Das wird für Deine Mutter nicht nur eine große Enttäuschung
sein, es wird auch Einschränkungen aller Art nach sich ziehen, und auch
an bitteren Empfindungen zwischen Deinen Eltern wird es nicht fehlen.
Dir, meine Alix, teile ich das schon heute mit, damit Du bereits jetzt
Deinen Einfluß dahin geltend machst, daß Euer neues Leben sich möglichst
einfach gestalte, und Du fortfährst, ein fleißiges Hausmütterchen zu
sein. Deine Eltern glauben Deiner Jugend, Deiner Zukunft, einer
möglichen Heirat alle Rücksicht schuldig zu sein, sie werden sich gewiß
einen Aufenthaltsort aussuchen, wo Du die gewohnte Geselligkeit finden
und eine gesellschaftliche Rolle spielen kannst. Ich denke zu hoch von
meiner Enkelin, als daß ich nicht wüßte, daß Du höhere Werte zu schätzen
und höheren Zielen zu folgen weißt. Eine Ehe ist nur selten ein Glück,
am wenigsten eine solche, die im Ballsaal geschlossen wird, und Dich hat
Gott mit so vielen guten Gaben bedacht, daß Du auch außerhalb der
natürlichen weiblichen Lebenssphäre einen Dich und Andere befriedigenden
Lebensinhalt finden wirst. Suche Dir diesen Inhalt, nicht nur um Deiner
selbst willen, sondern auch, um Deinen Eltern die Sorge um Dich von der
Seele zu nehmen. Dein Vater freilich, immer ein Optimist in diesen
Dingen, rechnet für seine Töchter mit den Millionen der augsburger
Tante. Deine alte Großmutter, mein Kind, die stets in dem Rufe stand,
schwarz zu sehen, weiß aber aus Erfahrung, daß es mehr als töricht ist,
auf den wankelmütigen Sinn reicher Frauen Zukunftsburgen zu bauen.
Klotilde ist ebenso egoistisch wie launisch, und ihrer Eitelkeit zu
schmeicheln hast Du, Gott Lob!, noch nicht verstanden. Darum ist der
Rat, der letzte vielleicht, den ich Dir geben kann, der: stelle Dich auf
Deine eigenen Füße. Über das »Wie« zu entscheiden, wird freilich Deine
Sache sein. Nur an ein paar Beispiele möchte ich Dich erinnern: an Frau
v. W., die ein schönes, gefeiertes Mädchen, eine verwöhnte Frau gewesen
ist. Ihr Mann verjubelte, was sie besaß, und mußte, als unheilbar
Gelähmter, den Abschied nehmen, so daß ihr allein die Erhaltung der
ganzen Familie zufiel. Sie setzte sich an den Schreibtisch, schrieb
Romane und erwarb, was nötig war, um zu leben und ihre Kinder zu
erziehen. Oder denke an die kleine Gräfin B., deren Eltern starben, als
ihre fünf Geschwister noch unmündige Kinder waren. Mit den Künsten,
durch die sie bisher nur die Verwandten erfreut hatte, erhielt sie von
da an die Ihren. Ihre gemalten Teller, ihre gebrannten Wappen und
gepunzten Ledereinbände findest Du jetzt in den Auslagen großer Berliner
Geschäfte.
Und nun lebwohl, mein Herzensenkelkind; ich fühle, daß Du mich recht
verstehst, und weiß zuversichtlich, daß ich im Vertrauen auf Dich ruhig
meine Augen werde schließen können. Ich drücke Dich an mein Herz, als
Deine treue, sehr alte
Großmama.«
Viele schlaflose Nächte hatte mich dieser Brief gekostet, und noch war
keine Stunde am Tage vergangen, die mich nicht an ihn erinnert hätte. Im
ersten Überschwang des Gefühls hatte ich Großmama alles versprochen, was
sie von mir erwartete, und freudigen Herzens hatte ich mich in meine
Aufgabe gestürzt. Aber der Eifer erlahmte bald, und es blieb nichts
übrig als nüchterne, eiskalte Pflichterfüllung. Ich mußte Großmamas
Wünschen folgen, weil die Verhältnisse mir unweigerlich ihre Erfüllung
aufzwangen, und ich konnte es, soweit die häuslichen Pflichten in
Betracht kamen. Aber wie sollte ich es fertig bringen, mich »auf eigene
Füße zu stellen«?! Nach Selbständigkeit hatte ich mich gesehnt mein
Leben lang, -- nach Selbständigkeit und nach Freiheit --, aber das wars
ja gar nicht, was Großmama unter ihren eigenen Worten verstand, und was
ich zu erreichen genötigt werden würde. Nicht meiner Überzeugung leben,
mein geistiges Ich befreien sollte ich, sondern im Dienst der Familie
meine Begabungen in blanke Münze umsetzen.
Aus bunten Lappen, Blumen und Bildern hatte ich mir einst im
Zimmerwinkel einen heimlichen Tempel erbaut, der wertlos für mich wurde
und entweiht durch den ersten fremden Blick, der hineinfiel, -- und nun
sollte ich meine Gedanken, den ganzen Inhalt meines Seelenheiligtums
preisgeben, sollte für den Verkauf denken und träumen, wie man Spitzen
klöppelt, um sie nach dem Meter an den Mann zu bringen?! Ich hatte
gehofft, mit jenem kleinen schwarzen Büchlein einmal öffentlich wider
die Lüge zu kämpfen, -- aber nur um des Kampfes willen! In den Schmutz
ziehen hieß es die ganze große Sache, wenn auch nur ein Gedanke an
»Verdienen« sich mit ihr verband. Nein -- tief in den Koffer und noch
tiefer in den Hintergrund meines Herzens mußte ich das schwarze Büchlein
bannen, solange ich an »Verdienen« denken mußte. Ob ich wohl auch, wie
Frau v. W., Romane schreiben könnte? -- Eine tiefe Ehrfurcht vor dem
Schaffen der Dichter erfüllte mich von je her. Als höhere Wesen
erschienen sie mir, Gott ähnlich, da sie Menschen schufen, wie er. Sie
wurden geboren durch ein höheres Naturgesetz und nur durch ein solches
zum Schaffen gezwungen. Ein Frevler am Heiligtum, wer sich zu ihnen
erhob, um mit Phantasien und Versen zu schachern, -- lieber Hemden
nähen, oder Strümpfe stricken!
Flüchtig fiel mir meine Geschicklichkeit ein, Kleider zu machen und Hüte
zu garnieren, -- doch: ein Fräulein von Kleve eine Schneiderin, eine
Putzmacherin -- unmöglich! Aber wie viel Tischkarten hatte ich nicht
schon gemalt, wie viel Stühle und Tische und Kasten und Rahmen gebrannt,
-- hier war vielleicht ein Weg, der sich betreten ließ. Von nun an
benutzte ich jede freie Stunde, um mit dem Pinsel oder dem Brennstift
Seide und Sammet, Papier, Holz und Leder zu bearbeiten.
»Komisch,« meinte Papa eines Abends, »daß du plötzlich mit solchem Eifer
Dilettantenkünste treibst. Es ist doch noch lange Zeit bis Weihnachten.«
-- »An Alix' Geistessprünge solltest du eigentlich schon gewohnt sein,«
spottete Mama. Heiß stieg mir das Blut in die Schläfen; eine heftige
Antwort schwebte mir schon auf der Zunge, als ein für Hamburgs Stille
ungewohnter Lärm auf der Straße uns alle ans Fenster trieb.
»Extrablatt -- Extrablatt!« Mein Schwesterchen stürmte die Treppe hinab,
-- endlich ein Ereignis in diesem einförmigen Leben! --, und mein Vater
ihr nach, der immer irgend etwas Ungeheures erwartete und sich seit
seinem Abschied mehr denn je in Prophezeiungen gefiel.
»Bismarck ist entlassen --« atemlos rief er es uns von der Straße herauf
zu und stieg mit jugendlicher Elastizität die hohen Stufen wieder
hinauf. Hochrot war er im Gesicht, die Schweißtropfen standen ihm auf
der Stirn, und ein triumphierendes Leuchten war in seinen Augen.
Erstaunt sah ich zu ihm auf.
»Er auch!« sagte er wie zu sich selbst und lächelte. Nun verstand ich
ihn: ein Größerer war gefallen, von demselben Schützen getroffen, --
nicht mehr als der Gedemütigte stand er da, sondern als der Gefährte
dessen, der das Reich gegründet hatte und von des Reiches drittem
Kaiser aus dem Wege geräumt worden war. Von dem Tage an lebte er auf,
wurde gesprächig wie früher, verfolgte mit steigendem Interesse die
politischen Ereignisse, und seine oppositionelle Stellung zum »neuen
Kurs« wurde eine immer schroffere.
»Wir werden nach Berlin übersiedeln,« sagte er mit einer Bestimmtheit,
die jeden Widerspruch ausschloß. »Dort eröffnen sich mir alle
Möglichkeiten zu literarischer und politischer Tätigkeit.« Er begann für
die konservative Presse schärfster Observanz zu schreiben, die damals
der Ära Caprivi all ihren Widerstand entgegensetzte.
Die Aussicht auf Berlin elektrisierte selbst die Mutter: auf Theater,
Konzerte, Ausstellungen freute sie sich wie ein Kind. Ein unterdrückter,
ungestillter Hunger schien plötzlich bei ihr zum Ausbruch zu kommen.
Auch ich war mit der Wahl von Berlin zufrieden; dort würde es mir
leichter werden als anderswo, meine Arbeiten anzubringen, und die trübe
Nebelstimmung meines von der Pflicht und dem Erwerb ausgefüllten Daseins
würde doch vielleicht hier und da von einem Sonnenstrahl aus der Welt
geistigen Lebens -- der für mich unerreichbar fernen! -- durchbrochen
werden. Daß meine Freude eine so gedämpfte war, begriffen die Eltern
nicht. Mein Vater bemühte sich immer wieder, der Ursache nachzuspüren.
»Du wirst mit Mama die Hofbälle besuchen -- auch wenn ich nicht mittun
kann,« sagte er eines Tages mit gütigem Lächeln. »Nein, Papachen!«
antwortete ich, ihm dankbar die Wange küssend. »Ich bin lange genug
ausgegangen -- ich mache mir nicht das mindeste daraus.«
Er schüttelte bekümmert den Kopf, -- nun war er vollends ratlos. Wie
gut, dachte ich, daß seine Jüngste, Tischen mit dem Goldhaar, die
allzeit Fröhliche, ihm immer wieder die Sorgenfalten von der Stirne
lachte und schmeichelte. Oft schickte ich sie hinein, wenn ich ihn in
trüben Gedanken wußte. Sie verstand es, wie Sonnenschein, alle
Regentropfen glitzern zu machen. Und jeden Abend trieb sie die bösen
Geister, die sich am Tage heimlich eingeschlichen hatten, mit ihren
Wirbeltänzen zu Türen und Fenstern hinaus. Sie hatte Musik in den
Gliedern; jede Melodie wurde ihr zur rhythmischen Bewegung. Unermüdlich
pfiff der Vater, und auf und nieder, hin und her flog sie, ein
flatternder Irrwisch -- mit Feuerfunken in den Augen und glühenden Rosen
auf den Wangen. Ganz verängstigt flackerte die kleine Petroleumlampe, --
aufgestört aus ihrer würdevollen Ruhe, mit der sie sonst nur fleißige
Hände und stille Menschen zu bescheinen gewohnt war. Ich saß indessen am
Tisch und beugte den Kopf immer tiefer auf die Arbeit; oft schlich ich
still hinaus, -- ich wußte nur zu gut, daß mich niemand vermissen würde.
Ich wurde blaß und schmal, und blaue Ringe umschatteten meine Augen.
Da kam eines Tages ein Telegramm aus Pirgallen: »Mama im Sterben.
Walter«. Mir lähmte der Schreck die Glieder; stumpfsinnig sah ich zu,
wie meine Mutter in Tränen ausbrach. Ich kannte den Tod ja nur vom
Hörensagen; noch war mir niemand von denen gestorben, die mir die
liebsten waren. Erst als ich sah, wie meine Mutter hastig den Koffer
packte, kam ich zu mir.
»Ich komme mit«, sagte ich rasch und riß ein paar Sachen aus dem Schrank
und aus der Kommode. »Du?!« Mama sah erstaunt von ihrer Arbeit auf.
»Davon kann selbstverständlich keine Rede sein. Entweder wir reisen alle
-- und das ist zu kostspielig --, oder du mußt bei Haus und Ilse
bleiben. Die Kleine kann nicht allein sein.« Ich zitterte vor Aufregung:
Plötzlich ward mir klar, daß der einzige Mensch, der mich verstand, der
mich liebte -- mich selbst, so wie ich wirklich war --, mit dem Tode
rang; daß ich ihn verlieren sollte, ohne daß ich ihn je ganz besaß, ohne
in das kostbare offene Gefäß seines großen Herzens all mein Leid, all
meine Zweifel ausgegossen zu haben und Kraft und Klarheit und
Verständnis von ihm zu empfangen.
»Ilse ist groß genug -- und Papa sorgt für sie -- besser als ich. Ich
bitte dich -- laß mich mit! --« rief ich verzweifelt.
»Du weißt, daß es unmöglich ist --« Mamas Stimme wurde scharf, »oder
hast du vielleicht das Geld für die Reise?«
Tränen des Zorns, der Empörung, der Scham stürzten mir aus den Augen:
Großmama starb, -- und von Geld konnte gesprochen werden! --
Meine Mutter fuhr allein, aber auch sie kam zu spät: in der Nacht vor
ihrer Ankunft hatte die Greisin ausgeatmet.
Jetzt erst dachte ich all dessen, was bevorstand, und der Schmerz wich
mehr und mehr der Angst. Ich beobachtete Papa: er vermochte seiner
Aufregung kaum Herr zu werden. Wenige Tage nach der Beerdigung kam ein
Brief von Mama. Er öffnete ihn nicht, sondern ging damit aus dem Zimmer
und schloß sich in seiner Schlafstube ein. Ich horchte an der dünnen
Wand: ein Stuhl fiel zu Boden -- ein unterdrücktes Stöhnen -- ein
bitter-grelles Auflachen klang an mein Ohr. Mein ganzes Herz trieb mich
zu ihm, aber ich hatte den Mut nicht, meinem Gefühl zu folgen. Als Papa
nach ein paar Stunden zu Tisch erschien, sah er so müde, so zerfallen
und verzweifelt aus wie damals, als ihm der Abschied ins Haus geschickt
worden war.
Eine Woche später kehrte Mama zurück. Ihre Schläfen waren grau geworden,
und noch fester als sonst preßten sich die schmalen Lippen aufeinander.
Mit einem kühlen Blick streifte sie den Vater und mich, reichte uns
flüchtig die Hand und hatte nur für Ilschen einen zärtlichen Kuß. Zu
Hause übergab sie mir ein großes Packet. »Ihren schriftlichen Nachlaß
hat Mamachen dir hinterlassen,« sagte sie, »du kannst damit machen, was
du willst.« Mir traten die Tränen in die Augen. Die liebe, gute
Großmama! Nun würde sie doch für mich eine Lebendige bleiben! So rasch
wie möglich zog ich mich mit meinem Schatz in mein Zimmer zurück. Aber
ich hatte kaum die Siegel gelöst, die vielen Bänder geöffnet, als ein
heftiger Wortwechsel zu mir herübertönte. »Hinter meinem Rücken hast du
mein Erbteil verbraucht,« sagte Mama, »und daß auch meine Mutter mir
verschwieg, was mich doch wohl am nächsten anging, -- das verbittert mir
noch die Erinnerung an die Tote ...«
»Habe ichs etwa für mich gebraucht?!« brauste Papa auf, »oder nicht
vielmehr für dich, deinen Haushalt, deine Toiletten, und für die Kinder
--«
»Und für deine Pferde, und die überflüssigen Geschenke, und dein ganzes
großspuriges Auftreten!« setzte sie heftig hinzu. »Warum hast du mich
behandelt wie ein unmündiges Kind, und mir nicht gesagt, daß wir von
deinem Gehalt nicht auskommen?! Ich hätte mich, weiß Gott, auch an
größere Einschränkung gewöhnt -- wie an so vieles andere!«
»Weil ich dich schonen, dir ein angenehmes Leben schaffen wollte! --
Aber beruhige dich, liebe Ilse -- beruhige dich. Ich hatte zwar gerade
gehofft, daß wir nun endlich ein gemeinsames, ein menschliches Leben
miteinander führen würden, -- aber du erinnerst mich beizeiten daran,
daß ich auch jetzt nichts weiter bin, als dein Portemonnaie....«
»Mit solchen Phrasen verschone mich bitte, -- sie täuschen mich über die
Tatsache nicht hinweg, daß es doch nur mein Geldbeutel war, den du --
angeblich in meinem Interesse! -- geleert hast.«
Ich erwartete zitternd eine wütende Antwort, -- statt dessen hörte ich,
wie des Vaters Stimme umschlug und weich und flehend wurde.
»Ilschen -- sei doch nicht so grausam -- siehst du denn nicht, wie mich
die Selbstvorwürfe schon gemartert haben? -- Im Grunde hast du ja recht
-- ganz recht -- aber es war doch nur meine große Liebe zu dir -- die
stete Angst, die deine zu verlieren, die mich dir all das verschweigen
ließ, die immer wieder -- in jeder Form -- um deine Gunst werben mußte,
-- ich würde auch Millionen für dich ausgegeben haben, wenn ich sie
gehabt hätte...«
Das konnt ich nicht mehr mit anhören, -- wie gejagt lief ich in den
Garten hinunter.
Und böse war die Zeit, die folgte: der Vater in der gedrücktesten
Stimmung, jeder Blick, den er auf seine Frau warf, ein Betteln um Liebe,
während sie kaum die notwendigsten Worte mit ihm wechselte und mit
peinigender Betonung bei jeder Gelegenheit Sparsamkeit predigte, -- das
Schwesterchen dazwischen, das sich um so leidenschaftlicher an mich
anklammerte, je unheimlicher es ihm bei den Eltern zumute wurde, -- und
schließlich ich selbst, müde und herzenswund, und dabei krampfhaft
bemüht, der Kleinen Lehrerin und Spielkamerad zugleich zu sein und dem
Vater Frohsinn vorzutäuschen, um ihn zu erheitern.
Draußen glühte und glänzte der Sommer. Ein einziger grüner Dom war der
Wald, die grauen Stämme der Buchen seine gewaltigen Säulen, der Duft der
Tannen sein würziger Weihrauch. Und doch floh ich vergebens hinaus, um
hier zu finden, was ich einst im Hochgebirge gefunden hatte: Kraft und
Weihe. Menschenmassen überfluteten jetzt Berge und Täler; ihre niedrigen
Eitelkeiten, ihre verstaubten Interessen trieben den Frieden und die
Andacht aus den Wäldern. Und die Natur hatte sich ihnen allmählich
angepaßt: mit ihren geebneten Parkwegen, ihren umzäunten Rasenflächen
und gepflegten Blumenbeeten war sie nichts, als ein Salon im Freien.
Alte Freunde aus Münster, die zur Reitschule nach Hannover kommandiert
worden waren, besuchten uns um diese Zeit, und ihr Entsetzen über mein
Aussehen machte meine Eltern erst darauf aufmerksam.
»Was fehlt dir bloß?« rief mein Vater besorgt.
»Ein bißchen Leben, Exzellenz,« schnitt Rittmeister von Behr mir die
Antwort ab. »Bäume, Berge und Wasserfälle sind keine rechte Gesellschaft
für Ihr Fräulein Tochter. Geben Sie sie uns mit nach Hannover; hat sie
mit uns erst ein paar Pullen Sekt geleert und ein paar Gäule kaput
geritten, dann wird das Blut ihr schon wieder in die Wangen schießen.«
Ich lehnte die Einladung ab: »Wir sind in tiefer Trauer, Herr von Behr,
und mein schwarzes Kleid paßt kaum in Ihre Gesellschaft.« Als wir allein
waren, sagte meine Mutter mit einem kaum merklichen Zögern: »Wenn das
schwarze Kleid allein dich zurückhält, so kannst du es ruhig mit einem
weißen vertauschen. Hier ist Mamachens letzter Brief an mich, worin sie
den Wunsch ausspricht, daß ihre Enkel keine Trauer anlegen sollen.« --
»Und das sagst du mir jetzt erst?!« entfuhr es mir, -- hatte ich es doch
die ganze Zeit über wie eine Beleidigung der Toten empfunden, die Trauer
um sie den neugierig-mitleidigen Blicken aller Welt preiszugeben. Meine
Mutter verstand mich falsch.
»Ich hätte nicht geglaubt, daß du so wenig Herz hast,« meinte sie
gekränkt, »dann wirf nur den Krepp beiseite und geh deinem Vergnügen
nach.«
In der nächsten Viertelstunde war ich bereits umgezogen, aber bei meiner
Weigerung Herrn von Behrs Einladung gegenüber blieb ich. Erst Papas
Bitten, seinen Vorwürfen und seinen sorgenvollen Blicken, die ich stets
auf mir ruhen fühlte, gab ich schließlich nach.
Der schneidigste Kavallerist der Armee war zu jener Zeit Leiter der
Reitschule, und der Kursus der Stabsoffiziere hatte gerade eine große
Zahl der besten Reiter nach Hannover geführt. Kraft und Kühnheit,
Lebenslust und Leichtsinn gaben sich ein Stelldichein; der Tretmühle des
Kasernenhofdienstes entronnen, von der Familie entfernt, die mehr als
alles andere an die schmerzvolle Würde des Alterns erinnerte, feierten
all diese reifen Männer ein stürmisches Wiedersehen mit der Jugend. Sie
tranken und spielten die Nächte durch und saßen beim Morgengrauen wieder
im Sattel; sie fanden sich strahlend und heiter, ihrer eigenen grauen
Haare spottend, zur üppigen Mittagstafel ein und tanzten abends
ausdauernder als die jüngsten Leutnants. Ich war das einzige junge
Mädchen in diesem Kreis, und der Verkehr inmitten dieser bunten
Gesellschaft, die die Kavallerie ganz Deutschlands vertrat, war um so
ungezwungener, als der Gedanke, der sich sonst störend und trennend
zwischen die männliche und die weibliche Jugend schiebt, -- »Kann er
mich heiraten?« -- »Ist sie eine Partie?« -- hier nicht aufkam, wo jeder
Mann -- wenigstens solange er in unserer Gesellschaft war -- den
Trauring am Finger trug.
Ah, wie gut tat es doch, wieder fröhlich zu sein! Zu vergessen -- im
Lebensrausch der Stunde!
Einmal war ein kleiner sächsischer Husar mein Tischnachbar -- »Herr von
Egidy«, hatte man ihn mir vorgestellt, -- und ich hatte die gedrungene
Gestalt mit dem runden Schädel kaum im Gedächtnis behalten. Jetzt fielen
mir plötzlich ein paar große blaue Augen auf, die mich mit einem so
reinen Ausdruck anstrahlten, wie er mir bei einem Manne selten begegnet
war. Wir kamen in ein Gespräch, das mich, je überraschender sein Inhalt
wurde, desto mehr fesselte. Dieser Husarenmajor hatte andere Gedanken
hinter seiner breiten Stirn als die über Schwadronsexerzieren und
Jagdreiten. Man hatte sich gerade über die jüngsten Verordnungen des
Kaisers gegen den Luxus unterhalten, und bei aller Wahrung der Form war
doch der Ausdruck des Unmuts ein allgemeiner.
»Mich haben die Worte Sr. Majestät geradezu beglückt,« sagte Egidy. »Wir
nennen uns Christen, und verleugnen die Lehre Christi fast täglich.«
Erstaunt sah ich auf. Noch nie hatte jemand zwischen Austern und
Mocturtle-Suppe über die Lehre Christi mit mir gesprochen. War das ein
schlechter Witz? Ich begegnete einem ernsten Blick, der meine Vermutung
Lügen strafte.
»Wir sollen doch Christen sein, nicht heißen!« fuhr er fort »und der
Heiland saß mit den Zöllnern bei Tisch. -- Verzeihen Sie, gnädiges
Fräulein -- ich vergaß -- das ist kaum ein Dinergespräch mit einer
jungen Dame -- aber meine Gedanken kreisen immer mehr um denselben Punkt
--«
»Sie deuten meine Verwunderung falsch, Herr von Egidy,« antwortete ich,
»Sie warfen meine ganze gesellschaftliche Erfahrung über den Haufen, --
und das verblüffte mich. Wir alle pflegen doch sonst unsere Gedanken,
besonders wenn sie so ketzerischer Natur sind, für uns zu behalten. Ich
wenigstens --«
»So haben Sie welche und verschweigen sie nur?!« Er lächelte -- sein
ganzes Gesicht leuchtete auf dabei, »Meinen Sie denn nicht auch, daß
nur einer öffentlich auszusprechen braucht, was alle an -- wie Sie sagen
-- ketzerischen Gedanken in sich tragen, um jedem die Zunge zu lösen?!
Wie ein großes befreiendes Aufatmen würde es durch die Menschheit gehen
--«
In diesem Augenblick schlug einer ans Glas: »Das höchste Glück der Erde
liegt auf dem Rücken der Pferde, und am Herzen des Weibes -- --« Es gab
ein allgemeines Stühlerücken -- Anstoßen -- Gelächter. Alles umringte
mich und forderte von mir eine Antwort. Ohne viel Überlegung brachte ich
auf die lustigen Majore, die am Jungbrunnen von Hannover wieder zu
Leutnants geworden wären, einen Trinkspruch aus. Und wieder klangen die
gefüllten Gläser aneinander, und alle Rosen, die die Tafel geschmückt
hatten, häuften sich vor mir. Aber ich lächelte nur mechanisch über die
Huldigung. »Wie ein großes befreiendes Aufatmen wird es durch die
Menschheit gehen, wenn nur einer auszusprechen wagt, was alle an
ketzerischen Gedanken in sich tragen,« -- das ließ mich nicht los. In
meinem Koffer zu Haus lag ein schwarzes Buch, -- war es wirklich meine
höhere Pflicht, das Schwesterchen zu unterrichten, der Mutter die Haare
zu kämmen und mit schlechter Dilettantenarbeit ein paar Taler zu
verdienen -- statt das erlösende Wort in die Welt zu rufen? Denn
felsenfest glaubte ich daran, daß es ein erlösendes Wort sein würde.
Am nächsten Vormittag besuchte mich Egidy. Er hatte ein Manuskript bei
sich, mit den klaren, großen Schriftzügen des Soldaten bedeckt, wie ich
sie bei meinem Vater gewohnt war. »Ernste Gedanken« nannte er es. Wir
waren ungestört, und er begann mir daraus vorzulesen, -- eine Kritik
der Kirchenlehren war es, ein Bekenntnis zu einem Christentum Christi
ohne Dogmen, ohne Wunder, in einfachen lapidaren Sätzen geschrieben,
durchglüht von einem kindlich-naiven Glauben an die eigene Sache, an
ihren sicheren Sieg, an die Menschheit. Mir war das alles vertraut, und
ich konnte mich einer leisen Enttäuschung, daß es nicht mehr war, nicht
erwehren. Er schien meine Gedanken zu erraten.
»Ihnen ist das nichts Neues,« sagte er, »das freut mich. Neu daran ist
doch nur, daß es jemand ausspricht.«
»Aber das haben schon viele vor Ihnen getan,« wandte ich ein, »Strauß,
Renan, die Protestantenvereinler --«
»Ich kenne die Leute nicht,« antwortet er brüsk, »und das beweist, das
sie nichts taugten, -- sonst hätten ihre Schriften wirken -müssen- --«
»Sie denken an eine Veröffentlichung?!«
»An was sonst? Jedes Wort wendet sich doch an die Masse! Ich muß
handeln, weil kein anderer es getan hat!« Seine blauen Augen funkelten
dabei.
»Und -- die Folgen?! Bangt Ihnen davor nicht?« Mit aufrichtiger
Bewunderung sah ich zu dem Mann in dem bunten Husarenrock auf, der jetzt
erregt, straff aufgerichtet, vor mir hin und her ging. Er lächelte
wieder sein vertrauendes Kinderlächeln.
»Ich kann mich doch nur freuen! Ein paar Unverständige werden
räsonnieren, die wenigen, wirklich noch vorhandenen Altgläubigen werden
Zeter-Mordio schreien, aber die Masse des Volkes -- wir alle sind
'Volk', wissen Sie -- wird in Bewegung gesetzt werden. Und der Kaiser
--«
»Der Kaiser?!« rief ich, auf das äußerste überrascht.
»Ja der Kaiser!« wiederholte er mit fester Stimme. »Ihm vertraue ich vor
allem. All dein Tun ist von wahrhaft christlichem Geiste erfüllt: seine
Erlasse, seine Arbeiterpolitik -- denken Sie nur an die
Arbeiterschutz-Konferenz!«
»Ich bin ganz und gar anderer Meinung, Herr von Egidy, und Ihr Vertrauen
ist mir viel zu wertvoll, als daß ich Ihnen nicht die Wahrheit schuldig
wäre,« antwortete ich in tiefer Bewegung. »Sie sollen Ihre Schrift
erscheinen lassen -- gewiß --, aber die Bewegung, die Sie erwarten, wird
ausbleiben. Denn was heute not tut, ist nicht eine Erneuerung, sondern
eine Überwindung des Christentums, dazu werden Sie beitragen, weil auch
Ihr Werk Steine abbröckelt vom Bau der Kirche. -- Sie lächeln?! Nun --
ich gebe zu, daß in meinem Mund vermessen klingen mag, was ich sage, --
vielleicht irre ich mich, vielleicht haben Sie recht, aber eins weiß ich
ganz gewiß: der Kaiser wird Sie nicht unterstützen -- doch den schönen
bunten Rock ausziehen, -- das wird er Ihnen!«
Ungläubig erstaunt sah mich Egidy an: »So jung und so pessimistisch!
Dieser Rock und dies Buch sind einander doch nicht unwürdig. Und wenn
ich als Soldat und als Christ meine Pflicht erfülle, -- wie könnte mein
Kaiser mich dieses Rocks entkleiden?!«
Ich schwieg. Wie eine Entweihung wäre mirs vorgekommen, dieses Mannes
rührenden Kinderglauben noch einmal anzutasten.
Der nächste Tag war der letzte meines Aufenthalts in Hannover, und mit
einer Schleppjagd sollte an demselben Morgen der Kursus der
Stabsoffiziere abgeschlossen werden. Schon früh um fünf Uhr fuhren wir,
Frau von Behr und ich, im leichten Jagdwagen hinaus zum Rendezvous.
Taufrisch lag die weite Heide vor uns, von Gräben und Hecken und von dem
im Sonnenlicht glitzernden blauen Band der kleinen Witze durchschnitten.
Zwischen Weidenstämmen und gelbem Ginster hatte sich eine große
Gesellschaft zusammengefunden: junge Offiziere der Reitschule, Mädchen
und Frauen der Gesellschaft in hellen Sommerkleidern, Burschen und
Ordonnanzen mit Decken und Mänteln und der Koch des Kasinos mit seinem
weißbeschürzten Stab vor dem mit Kisten und Fässern hochgetürmten
Kremperwagen. Mit Feldstechern und Opernguckern bewaffnet, warteten wir
alle der Reiter. Und plötzlich brauste es heran, wie ein
farbensprühendes Märchen aus Tausend und einer Nacht: blau, grün, gelb,
rot, weiß, -- hatte ein Regenbogen sich dicht über die Erde gespannt?!
Näher kam es und näher -- das Schnauben der Rosse, das Sausen der
Gerten, der vielstimmig-aufmunternde Zuruf der Reiter vereinten sich zu
einem einzigen fiebrisch-wirbelnden, wild aufreizenden Ton. Da flog ein
Brauner, den schlanken Leib lang gestreckt dicht vor mir über das
Flüßchen, hinter ihm ein Fuchs -- ein Schimmel mit wehendem Schweif kaum
eine Nasenlänge weiter, und nun -- zehn, zwanzig, hundert rassige Tiere,
Schaum vor dem Maul, mit bebenden Nüstern, -- mir klopfte das
Herz, und noch minutenlang nachher fühlte ich nichts als die
wundervoll-leidenschaftliche Erregung dieses Augenblicks. Dann lagerten
wir auf dem grünen Rasen, duftige Erdbeerbowle kredenzten die
Ordonnanzen, und mitten in der Schar dieser durch die eigene Leistung
froh bewegten Männer kam ich mir einmal wieder wie zu Hause vor. Da fiel
mein Blick auf einen, der mit verschränkten Armen und gefurchter Stirne
abseits stand: Egidy, -- und ich erwachte aus der Betäubung. Nein --
hier war meinesgleichen nicht mehr, -- ich erhob mich hastig aus dem
lustigen Kreise und trat auf ihn zu.
»Ihre Worte kommen mir nicht aus dem Sinn« -- sagte er, »ich ging nach
Hannover in der Meinung, noch einmal fröhlich sein zu können, und
überzeugte mich für immer, daß der Frohsinn gebannt ist und, -- bleiben
die ernsten Gedanken in meinem Schreibtisch --, nimmer wiederkehren
würde. Und nun empfind' ich, daß die Veröffentlichung dem Frohsinn erst
recht den Weg sperren wird.« Seine Stimme sank. Mit einer raschen
Bewegung legte er die Hand vor die Augen: »Und es ist doch so schön
gewesen!«
Ein Blick voll tiefem Abschiedsweh flog über die Haide, den schimmernden
Fluß, die lachenden Kameraden. Mir wurden die Augen feucht. Ich griff
nach seiner Hand. »Gehen wir,« sagte ich leise, »losreißen müssen wir
uns doch -- ehe die anderen uns verleugnen.« Und stumm, schweren
Herzens, zögernd, als schleppten wir eine unsichtbare Kette nach,
schritten wir durch den Wald zur nächsten Station.
Abends war ich wieder in Harzburg. Noch in der Nacht nahm ich mein
schwarzes Büchlein aus dem Koffer, schrieb ein paar Zeilen dazu und
sandte es frühmorgens an Egidy. Eine unbestimmte Hoffnung, daß er doch
vielleicht der Befreier -- auch mein Befreier -- werden könnte, ließ mir
das Herz dabei höher schlagen. Wenige Tage später bekam ich seine
Antwort. »Wir sind Bundesgenossen,« schrieb er, »denn nicht darauf kommt
es an, was wir glauben, sondern was wir sind; nicht darauf, wie wir uns
nennen, sondern ob wir wollen, daß etwas werde. Ich rechne auf Sie. Zu
wirken gilt es, solange es Tag ist, mein ganzes Dasein gehört diesem
Wirken.
In wahrster respektvoller Ergebenheit
M. von Egidy.«
Nun verflossen meine Tage wieder in alter Einförmigkeit; aber ihr trübes
Grau war wie Frühlingsnebel, der die Sonne ahnen läßt, und meine träge
gewordene Phantasie griff wieder nach der Palette, um Zukunftsbilder zu
malen. Ich konnte unsere Abreise kaum mehr erwarten. In Berlin würde der
große Strom des Weltgeschehens die Rinnsale des Eigenlebens aufnehmen,
das enge Beieinandersein innerlich entzweiter Menschen würde aufhören,
und »das Wunderbare« würde vielleicht doch noch erlösend in mein Dasein
treten.
Meine Mutter war, um Wohnung zu suchen, schon vorausgereist, als ich von
Professor Fiedler, dem Herausgeber der Goethe-Zeitschrift, einen Brief
erhielt. Er hatte sich nach Großmamas Tod zuerst an Onkel Walter
gewandt, um zu erfahren, welche Erinnerungen ihr Nachlaß an den großen
Freund ihrer Jugend enthielte, und dieser hatte ihn an mich verwiesen.
Ob ich für seine Zeitschrift einen Artikel schreiben wolle, frug er, --
ich staunte: wie kam es nur, daß ich bisher so blind gewesen war?! Die
Lebende hatte mich ernst und eindringlich auf den Weg des Erwerbs
gewiesen, und die Tote gab mir die Mittel an die Hand, durch die es mir
möglich sein sollte, ihn zu betreten!
Gewiß, mit Freuden würd' ich den Aufsatz schreiben, antwortete ich;
viele wertvolle Erinnerungsblätter von der Hand der Verstorbenen seien
in meinem Besitz, die ich zu veröffentlichen die Absicht hätte, und
überaus dankbar würde ich ihm sein, wenn ich dabei auf seine Hilfe
rechnen könne. Umgehend erhielt ich noch einen Brief, worin mir der
Gelehrte seinen Beistand zusicherte. Ich strahlte: das war ein Anfang,
-- der erste Schritt zur Unabhängigkeit, und vielleicht -- zum Ruhm!
An einem jener leuchtenden Herbstabende, wie sie nur im Norden
Deutschlands vorkommen, näherten wir uns Berlin. In hellem Violett, das
hie und da ins Rosenrote überging, lag der Dunst der Großstadt über den
Häusern, verwischte ihre Häßlichkeit und verlieh ihnen einen Schimmer
phantastischen Lebens. Feuchtglänzende Schienenstränge liefen vor uns
her und dehnten sich nach allen Seiten, -- zahllose Polypenarme, die
sich verlangend dem gewaltigen Ungeheuer der Stadt entgegenstreckten,
das mit roten, grünen und weißen grell-glotzenden Augen gierig Ausschau
hielt nach neuer Beute. Ein schwarzer Rachen, öffnete sich die Halle des
Bahnhofs. Mit Gezisch und Geratter brauste der Zug hinein --
Rauchschwaden stiegen auf -- ein letztes Ausatmen seiner Maschine -- ein
kurzer, harter Stoß noch -- und Berlin hatte ihn verschlungen.
Aufgeregt, rücksichtslos, erwartungsvoll schoben und drängten sich die
Menschen. Mir aber war, als müßten meine Füße den grauschwarzen Asphalt
sanft und schmeichelnd berühren: Neuland war es, das ich betreten hatte.
Sechzehntes Kapitel
Berlin, 28. 12. 90
Liebe Mathilde!
Du beklagst Dich über mein monatelanges Schweigen, und solltest doch
froh sein, daß ich Dich während einer Zeit innerer und äußerer
Zerrissenheit mit Briefen verschonte. Womit ich nicht behaupten will,
daß ich Dir jetzt das Bild abgeklärter Weisheit geben könnte. Aber ich
habe zum mindesten den Taumel überwunden und sehe das Verwirrende,
Vielgestaltige des neuen Lebens. -- Doch Du willst zunächst seinen
Rahmen kennen lernen. Er ist -- um ihn mit zwei Worten zu kennzeichnen
-- bronzierter Gips, den der Fremde für vergoldete Holzschnitzerei zu
halten verpflichtet ist. Wir wohnen -- natürlich! -- im 'vornehmen'
Westen, aber an jener Grenzscheide, wo die neuesten Mietskasernen mit
ihren dunkeln Höfen und protzigen Fassaden sich mit den Kartoffelfeldern
begegnen. Unsere Wohnung hat einen Aufgang 'nur für Herrschaften' und
ist selbstverständlich 'hochherrschaftlich': über den Türen tanzen
Stuckamoretten mit verrenkten Armen und Beinen, die Öfen sind
Prachtgebäude aus den buntesten Kacheln, das Eßzimmer -- ein wahrer
Tanzsaal -- hat Holzpaneele und eine Holzdecke aus Papier, der Salon
weist gar eine imitierte Seidentapete auf, die der Wirt uns als ganz
besonders 'vornehm' anpries, und das Herrenzimmer prunkt im papierenem
Leder! Dazu hat der Tapezier die Gardinen von acht Zimmern an die
Fenster und Türen dieser drei Räume gehängt, so daß die Üppigkeit eine
geradezu überwältigende ist und unsere verschossenen Möbel und
zertretenen Teppiche in einem vorteilhaften Zwielicht Glanz und Reichtum
vortäuschen. Die nüchterne Wahrheit beginnt erst mit dem langen dunkeln
Korridor, an den sich drei Kammern -- Schlafzimmer genannt -- anlehnen.
Eine davon bewohne ich. Es ist mir gelungen, sie mittelst
Kretonnevorhängen in zwei Räume zu verwandeln, die sich freilich beide
mit einem Fenster begnügen müssen und von der Existenz des Himmels keine
Ahnung haben, geschweige denn von der der Sonne.
Und doch muß zwischen meiner Seele und der Sonne irgendein
geheimnisvoller Zusammenhang bestehen: mein Denken und Fühlen friert ein
ohne sie. Wenn ich arbeiten will, muß ich darum immer zuerst über Felder
und Sturzäcker laufen, wo kein Haus und kein Baum Schatten werfen.
Trotzdem will meine Arbeit nicht so recht hell und warm werden ...
Bald nach unserer Ankunft besuchte uns Professor Fiedler. Mein Artikel
über Großmamas Goethe-Erinnerungen gefiel ihm -- unter uns gesagt: mir
gar nicht! --, und für alles, was ich sonst noch von ihr habe, war er
aufs höchste interessiert. Er empfahl mich an Rodenberg, an Lindau, an
Westermanns Monatshefte, und ich habe auf Monate, vielleicht auf Jahre
hinaus zu tun, ohne daß der Eintritt in die Literatur mir irgendwelche
Schwierigkeiten gekostet hätte. Auch sonst bin ich vom 'Glück'
begünstigt: Meine Brennarbeiten hat der Offizierverein zum Verkauf
angenommen, und meine Erfindung -- die Vereinigung von Brennen und Malen
auf Sammet und Tuch -- hat eine Frauenzeitung geschildert und mich dabei
als Verfertigerin empfohlen. Ich habe meinen Eltern infolgedessen das
Taschengeld schon 'kündigen' können, und dieser erste Schritt zur
Selbständigkeit ersetzt mir etwas den Mangel an seelischer und geistiger
Befriedigung. Da ich den Eltern überdies durch Schneidern, Putzmachen
und Gouvernantenspielen bei Ilse ein Mädchen für alles und ein Fräulein
erspare, so kann ich mir einbilden, mich bereits selbst zu erhalten. Nur
daß dies bloße Erhalten des Lebens vom Leben selbst weit entfernt ist.
Ich sehe dich heimlich lächeln. 'Ihr fehlt einmal wieder der Mann,'
sagst Du. Du irrst: ich komme mir mit meinen 25 Jahren so alt vor, daß
ich bereits großmütterlich mitleidig lächle, wenn andere von Liebe
reden. Besinnst Du Dich auf Vetter Fritz in Brandenburg? Du warst damals
sittlich entrüstet, daß ich dem guten Jungen den Kopf verdrehte. Nachdem
er in den letzten acht Jahren meinen Geburtstag nicht einmal vergessen
hatte, stellte er sich hier wieder bei uns ein, -- noch immer derselbe
kindliche Mensch, trotz seiner Gardeulanenuniform. Mit Blumen und
Blicken wirbt er um mich, und seine Treue rührt mich oft so, daß ich
mich frage, ob es nicht das Beste wäre, seine Frau zu werden. Dann hätte
die liebe Seele Ruhe, und allen Ambitionen und Befreiungsgelüsten wäre
ein für allemal ein Riegel vorgeschoben. Die gesamte Familie -- die
durch Onkel Walters und Maxens, durch Tante Jettchen und ihre Kinder und
Enkel erschreckende Dimensionen angenommen hat -- unterstützt natürlich
im stillen die Sache, und das reizt mich zum Widerspruch.
Na, überhaupt die Familie! Die Familiensonntage vor allem, wo man sich
mittags und abends genießt, meist fünfzehn bis zwanzig Mann hoch! Nur
eins ist für mich dabei wohltuend: daß ich mich wieder einmal so recht
intensiv als das einzige schwarze Schaf empfinde.
Seit Stöckers Abschied ist der Antisemitismus geradezu epidemisch
geworden, gerade so, wie der Kultus Bismarcks -- wenigstens in den
Kreisen meiner lieben Verwandtschaft -- erst nach seinem Sturz ins Kraut
schoß. Und ein Staatsanwalt würde Karriere machen, wenn er das
Geschimpfe auf S. M. mit anhören könnte, -- vorausgesetzt, daß die
Delinquenten nicht preußische Edelleute, sondern internationale Sozis
wären! Der adlige Klub am Pariser Platz, wo nur die Alleredelsten der
Nation aufgenommen werden und Papa und die Enkels täglich verkehren, ist
der Mittelpunkt der Fronde; Ströme von Skandalosa fließen aus seinen
Türen in die Welt, und ich könnte aus lauter Widerspruchsgeist -- der
zuweilen zur Objektivität erzieht -- fast zur Verteidigerin des 'neuen
Herrn' werden, wenn er nicht selbst der sich kaum schüchtern
entwickelnden Anerkennung immer wieder einen Fußtritt gäbe, so daß sie
zusammenknickt wie ein Veilchen unter dem Nagelschuh. Du kannst Dir
denken, wie es mich z. B. begeisterte, als er in der Schulreform die
Initiative ergriff, und welche Hoffnungen ich an die Konferenz knüpfte.
Und dann stellte ihr S. M. keine andere Aufgabe, als die Schule in ein
Kampfmittel gegen die Sozialdemokraten zu verwandeln und blindwütigen
Hurrapatriotismus noch mehr als bisher zu verbreiten. Natürlich bestand
die Antwort der zusammengerufenen 'Führer der Jugend' in devotester
Verbeugung vor dem allerhöchsten Willen, und befriedigt von dem 'Erfolg'
des 'offenen' Gedankenaustausches schloß S. M. die Versammlung mit einer
Verbeugung seinerseits vor der Kirche.
Für Egidy war dies Ereignis, seit er den Abschied bekam, wohl der größte
Schmerz. Ich stehe mit ihm in Briefwechsel, und so sehr ich mich im
Gegensatz zu vielen seiner Grundanschauungen befinde, genieße ich diese
lebens- und glaubensstarke Individualität, wie ein Durstiger frisches
Quellwasser. 'So schwer auch die Gegenwart mich belastet,' schrieb er
mir kürzlich, 'so kraftvoll ich auch ringen muß, um die Erinnerung
niederzukämpfen, die gerade in diesen Tagen furchtbar an mir zehrt, da
das Regiment, das acht Wochen nach dem Erscheinen der Ernsten Gedanken
das meine werden sollte, sein Jubiläum feiert, -- so beseelt mich doch
die Hoffnung, daß ich dem Vaterlande, der Welt noch dienen kann, und daß
das, was ich tat, nicht fruchtlos war. Auch auf den Kaiser ist meine
Hoffnung unzerstörbar, -- es gilt nur sein Ohr zu erreichen....'
Doch ich sehe, daß mein Brief sich zu einem Buch auszuwachsen beginnt,
-- hoffentlich ein Beweis für die künftige Regsamkeit unseres
Briefwechsels.
Was soll ich Dir nun ohne Phrase und ohne Komödie zum neuen Jahre
wünschen? Glück? Wer glaubt daran? Befriedigung? Wer findet sie, solange
das Blut noch heiß durch die Adern rollt! Soll ich auf ewige Seligkeit
vertrösten? Ein schwacher Trost für den, der die irdische noch nicht
durchkostet hat. Lerne dich bescheiden, werde so rasch wie möglich alt
und kühl, -- ist das nicht am Ende der beste Wunsch?!
In treuer Freundschaft
Deine Alix.«
Berlin, 20. 2. 91
Liebe Mathilde!
Seit meinem letzten Brief und Deiner Antwort -- die meiner Erwartung
vollkommen entsprach, alldieweil Du meine Arbeitswut nur als Intermezzo
zwischen zwei Romankapiteln betrachtest -- sind wieder einige
inhaltreiche Wochen vergangen. Ich fange allmählich an, den Pulsschlag
des Weltlebens zu empfinden und den meinen auf denselben Takt
einzustellen, wobei ich allerdings immer deutlicher den Gegensatz
zwischen mir und der lieben Verwandtschaft empfinde, deren Blut so träge
fließt, daß es eigentlich Anno 70 noch kaum überwunden hat. Der jüngste
Familienzuwachs ist nach der Richtung besonders charakteristisch. Du
entsinnst Dich, daß Papa einen jüngeren Bruder hatte, der Geistlicher
war und im Irrenhaus starb. Er hinterließ eine Wittwe mit fünf Kindern
in bedrängtester Lage, und Tante Klotilde mußte sich wohl oder übel
entschließen, das Ihre zur Erhaltung der Familie beizutragen, was sie
natürlich von vornherein gegen sie einnahm. Die mütterlichen Verwandten
taten desgleichen; Papa verschaffte den Söhnen ein Unterkommen im
Kadettenkorps, Mama erreichte, daß eine der Töchter die mir zugedachte
Freistelle im Augustastift bekam, so daß Tante Marie schließlich nur
für ein Kind zu sorgen hatte. Jetzt wills das Unglück, daß die Mädchen
erwachsen sind und die Söhne in die Armee eintreten, und was das Malheur
voll macht: die ganze Gesellschaft ist aus der Art der Kleves
geschlagen. Tante Klotilde entrüstet sich darüber, und Papa schimpft wie
ein Rohrspatz, daß die mütterliche Verwandtschaft das Blut verdorben hat
und er nun genötigt ist, die Jungens weiter zu bringen. Er war ja von je
der hilfreiche Geist, wenn irgendein Vetter durch das Einjährige
bugsiert werden oder in ein anständiges Regiment Aufnahme finden sollte.
So hat er denn für Erich, den ältesten dieser mißratenen Kleves, sein
altes Regiment gefügig gemacht und ihm -- in der goldenen Zeit der
eigenen Korpshoffnungen! -- die nötige Zulage versprochen. Das Einlösen
dieses Versprechens wird ihm jetzt gewaltig sauer, und es macht mir eine
Riesenfreude, daß ich bald imstande sein werde, einen Teil davon auf
mich zu nehmen.
Tante Marie lebt mit ihren Töchtern in Potsdam, die Söhne sind in
Lichterfelde und Frankfurt, und diese Nähe verschafft uns das Glück
ihrer Sonntagsbesuche. Ich sitze dabei immer wie auf Nadeln in Erwartung
von Papas sarkastischen Bemerkungen und überbiete mich in
Liebenswürdigkeit, wenn mir auch gar nicht darnach zumute ist. Alle
miteinander sind kaiserlich bis in die Knochen, ist doch Tante Marie mit
der neuen Hofclique verschwägert, mit den Eulenburgs vor allem, die nahe
daran sind, das Hausmeiertum an sich zu reißen. Infolgedessen sind sie
natürlich auch kirchlich-orthodox; -- darnach kannst Du Dir die
Harmonie unserer Beziehungen ungefähr vorstellen! Mama, mit ihrem oft
ganz fanatischen Gerechtigkeitsgefühl ist die einzige, die sie aus
Überzeugung verteidigt und es sogar unternahm, Tante Klotilde, die jede
persönliche Zusammenkunft mit ihren Neffen und Nichten bisher vermieden
hat, freundlicher zu stimmen. Sie wirft mir Herzlosigkeit vor, weil ich
sie darin nicht unterstützen mag, und zankt sogar mit ihrem
Lieblingsbruder, der sie warnte, sich 'kein Kuckucksei ins Nest zu
legen'. Die Gefahr ist, scheint mir, sehr gering, denn um bei Tante
Klotilde etwas zu erreichen, müßte Mama ungefähr das Gegenteil von dem
verlangen, was sie erreichen will. Außerdem würde ich den armen Würmern
einen tüchtigen Anteil an Tante Klotildes Reichtümern von Herzen gönnen.
In schroffem Gegensatz zu diesem Zwangsverkehr steht ein anderer, den
ich mir erkämpft habe, -- obwohl Du mich bereits vorher vor meinen
'jüdischen Beziehungen' warntest: der im Hause Fiedlers und Rodenbergs.
Papa war zuerst entrüstet, als ich ihn um die Erlaubnis bat, den
freundlichen Einladungen der beiden, meine literarische Tätigkeit so
lebhaft unterstützenden, folgen zu dürfen. Nach einigem Brummen,
Räuspern und Toben -- wobei ich verängstigt wie immer aus dem Zimmer
floh, während Ilschen lachte und den Papa zu meinen Gunsten
umschmeichelte -- entschloß er sich freiwillig zu offiziellen
Familienvisiten und gestattete mir dann, die Gesellschaften allein zu
besuchen. Nun genieße ich den geistig anregenden Verkehr ungeheuer und
fange an, meine Schüchternheit angesichts dieser mir doch sehr neuen
Menschen und fremden Verkehrsformen zu überwinden. Ich bin seit langem
daran gewöhnt, meine Ansichten nur im höchsten Affekt auszusprechen, so
daß ich erst eine gewisse Schwerfälligkeit niederkämpfen, ja sogar mit
dem Ausdruck ringen muß. Das steigert sich, wenn Namen genannt und
Ereignisse lebhaft erörtert werden, von denen ich keine Ahnung habe.
Im Mittelpunkt des Interesses steht auf der einen Seite die neue
literarische Bewegung, die sich in der Freien Bühne ein eigenes Theater
schuf, und deren Vertreter stark realistische und sozialistische
Tendenzen haben, und auf der anderen der neu aufsteigende Stern am
Dichterhimmel -- Sudermann --, dessen Dramen, wie Du sicher aus den
Zeitungen weißt, wahre Stürme für und wider hervorrufen. Ich kenne von
alledem noch nichts. Onkel Walter erklärt, daß 'ein junges Mädchen'
Sudermanns Werke unmöglich sehen könne, -- aber ins Residenztheater und
in den Wintergarten werde ich ohne Bedenken mitgenommen! --, und im
Kreise meiner literarischen Bekannten sieht man den Jungen von
Friedrichshagen -- einem Vorort von Berlin, wo sie, wie man munkelt, ein
gemeinsames Leben führen, das das kommunistische Prinzip sogar auf --
die Frauen ausdehnt! -- skeptisch gegenüber. Ich bin zwar sehr geneigt,
mich, wenn auch nicht der Autorität Onkel Walters, so doch dem reifen
Urteil meiner neuen Freunde von vornherein anzuschließen, um so mehr,
als Dr. Friedrich, der hervorragendste Kritiker Berlins und ein tiefer
Goethe-Kenner, an ihrer Spitze steht, aber mich interessiert jede
moderne Erscheinung viel zu sehr, als daß ich sie nicht aus eigner
Anschauung kennen lernen wollte.
Wegen Vetter Fritz sei ganz ruhig. Ich habe besseres zu tun, als zu
kokettieren. Meine Haltung ihm gegenüber ist eine ganz passive: ich
empfinde mit wohligem Behagen die Atmosphäre seiner Zuneigung, und
vielleicht ist solch ein sich lieben lassen für mich ein
Lebensbedürfnis, ebenso wie das sich bescheinen lassen von der Sonne.
Von Herzen
Deine Alix.«
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