hohe Mauern, Türme und Wehrgänge umschlossen. »Ists nicht schön hier?«
lächelte Anna. »Aber mit meinem Fritz würd' ich auch in einer
Rumpelkammer glücklich sein,« fügte sie rasch hinzu und flog ihrem Mann
um den Hals, der eben auf uns zu trat.
Stille Tage folgten. Von der Galerie der Schloßmauer träumte ich
stundenlang ins Land hinaus; auf der Terrasse unter den hohen,
knospenden Linden saß ich, wo vier alte Geschütze an die Zeit
erinnerten, da die Grafen von Limburg noch selbständig Kriege führen und
Münzen prägen konnten; und zu Fuß, zu Wagen und zu Pferde besuchten wir
die Gegend ringsum. Noch gab es hier weltabgeschiedene Täler, mit
lindenumgrünten Bauernhöfen, und steile Höhen, mit Burgen gekrönt, von
den Sprossen alter Geschlechter bewohnt; fast überall aber dröhnten die
Eisenhämmer, kreischten die Sägen und klapperten die Mühlen; und wer die
Geister der Vergangenheit suchen wollte, der mochte sie wohl nur noch
tief in den Felsenhöhlen der Berge finden. Viele Stätten erinnerten
durch Namen und Sage an die Götter der Alten, an Wodan und Donar, an die
Kämpfe der Römer gegen das mächtige Volk der Sachsen, an Wittekinds
vergebliches Ringen mit dem gewaltigen Karl und seine Unterwerfung unter
Kreuz und Krone, -- aber schon lauerte das gefräßige Ungeheuer, die neue
Zeit, um sie alle zu verschlingen. Sieghaft stieg der Fabrikschornstein
empor, wo der Burgturm langsam zusammenstürzte. Ich floh seinen Anblick
und wäre so gern auf den ausgebreiteten schillernden Flügeln der
Phantasie vor mir selbst entflohen ins sonnendurchglühte Märchenreich,
aber die Wirklichkeit fing mich immer wieder mit ihren grauen, dichten
Spinnenfäden.
Mein Vater schrieb mir fast täglich, und selten nur blieb Syburgs Name
unerwähnt in seinen Briefen. »Ich sah ihn auf dem letzten Rennen in
Hamm,« hieß es zuletzt, »er frug voll aufrichtiger Teilnahme nach Deinem
Befinden und freute sich Deines Wohlergehens. Er hofft Dich in Brake bei
Bodenbergs zu sehen; Limburgs werden des alten Herrn siebenzigjährigen
Geburtstag doch sicher mitfeiern helfen.«
Daß er sich so gewaltsam in mein Leben hineindrängte und die Erwägungen
der Vernunft, die Gefühle der Kindespflicht, die Sehnsucht nach Inhalt
und Zweck des Daseins seine Wünsche unterstützten! Jene geheimnisvolle
Gewalt des Instinkts, die mich in Münster von seiner Seite gerissen
hatte, schien mich auch jetzt unter ihren Willen zwingen zu wollen. »Geh
ihm aus dem Wege --« flüsterte sie mir zu. Aber von jeher hielt ich sie
für meinen bösen Engel, mit dem ich glaubte ringen zu müssen. Zu tief
hatte sich mir der Mutter einziges Erziehungsprinzip eingeprägt, das
Selbstbeherrschung mit Selbstentäußerung gleich setzte.
So saß ich denn am nächsten Morgen zur Abfahrt gerüstet am
Frühstückstisch -- »ohne Mailaune,« wie Anna neckend bemerkte, -- als
der Diener die Post brachte: »Revolution im Kohlenrevier« stand in
fetten Lettern an der Spitze des Kreisblatts, und mein Vater schrieb:
»In Gelsenkirchen haben sich ein paar dumme Bengels mausig gemacht, und
die Kohlenfritzen flehen nun mit schlotternden Knien um militärischen
Schutz. Obwohl etwas Angst und eine kleine Tracht Prügel den Protzen,
die die armen Leute zum Besten ihres Geldsacks in die Gruben schicken,
ganz gesund wäre, mußte ich heute schon eine Kompagnie Dreizehner nach
Gelsenkirchen schicken, denen die Kürassiere morgen folgen werden. Ich
finde solche Aktionen eines Soldaten unwürdig ...«
»Zu dumm!« rief Anna ärgerlich. »Nun ists mit der ganzen Stimmung
vorbei. Statt lustig zu sein, werden uns die Herren mit Politik anöden!«
»Am besten wärs, wir blieben zu Hause,« meinte ihr Mann. Davon aber
wollte sie nichts wissen. Sie weinte fast vor Erregung.
»Angsthase, der du bist! Wenns in Münster brennt, wirst du in Limburg
noch nach der Feuerspritze laufen!« Der Fürst lachte und streichelte der
kleinen Frau begütigend die Wangen.
»Sei ruhig, Kindchen -- natürlich fahren wir! Brake ist, Gottlob, weit
vom Schuß, und im dortmunder Kreis scheint alles ruhig zu sein.«
Aber je mehr wir uns auf der Fahrt aus den grünen Bergtälern entfernten,
und je zahlreicher die zum Himmel starrenden Essen wurden, desto stärker
sprach ihr Anblick für ungewöhnliche Vorgänge: das Leben, das ihnen
sonst in grauen Wölkchen, in schwarzen Schwaden, in tollem Funkensprühen
vielgestaltig entquoll, war erloschen. Ungehindert strahlte die
Maiensonne vom wolkenlosen Himmel; wie ein Feiertag wars.
Im grauen Herrenhaus zu Brake, das, von einem Wassergraben umgeben, mit
seinen dicken Mauern und kleinen Fenstern düster ins weite ebene Land
hinaussah, wurden wir freudig empfangen. Viele hatten im letzten
Augenblick abtelegraphiert, vor allem fehlte es an jungen Herren für die
tanzlustigen Mädchen, sie waren entweder mit ihrer Truppe im
Streikgebiet um Gelsenkirchen oder mußten in ihren Garnisonen aller
Befehle gewärtig sein. Nur Syburg trat mir entgegen -- mit einem so
freudigen Aufleuchten in den sonst so unbeweglichen Zügen, daß es mir
unwillkürlich warm ums Herz ward -- und Hessenstein, der mit seiner
Schwadron in Dortmund in Quartier lag und herübergeritten war. »Am
liebsten hätte ich alle meine Kerls mitgenommen,« sagte er. »Man schämt
sich förmlich seines Säbelrasselns inmitten völliger Kirchenruhe.«
»Wenn Sie nur nicht doch noch recht blutige Arbeit bekommen!« meinte
Syburg. »Eine Rotte Betrunkener, -- und das Unglück ist geschehen.«
Anna sollte Recht behalten: trotz der blumengeschmückten Tafel, der
feurigen Weine und der launigen Toaste auf den Hausherrn und das
Geburtstagskind wollte die echte Feststimmung nicht aufkommen. Alles war
voll von den Ereignissen, und jeder wußte andere Details zu erzählen.
Der Ortspfarrer war eben von Castrop zurückgekehrt. Er hatte die
Streikenden der Zechen Erin und Schwerin gesehen und gesprochen. »Ihr
Verhalten ist ein so würdiges,« sagte er, »daß die Aufregung der
Zechenbeamten dem gegenüber einen peinlichen Eindruck macht.«
»Dasselbe habe ich eben vom Oberpräsidenten gehört, den ich in Witten
traf,« meinte Graf Recke. »Er kam aus Gelsenkirchen, wo er mit den
Arbeitern der Hibernia verhandelt hat. Ihre Forderungen halten sich
zunächst in durchaus diskutabeln Grenzen, und wenn die Presse wegen der
Achtstundenschicht Zetermordio schreit, so weiß sie eben nicht, was uns
alten Westfalen von Jugend an bekannt ist: daß nach unseren
Bergordnungen vom 17. Jahrhundert an die Schicht schlechthin achtstündig
war und erst das gesegnete 19. Jahrhundert, wie mit so vielen guten
alten Bestimmungen, auch damit aufräumte. Die Knappschaften verlangen
nichts anderes als das Recht ihrer Väter.«
Baron Bodenberg bestätigte Reckes Behauptung.
»Und mit ihren übrigen Wünschen steht es im Grunde nicht anders,« fügte
er hinzu, »in meiner Jugend hatten die Grubenbesitzer den Knappen
gegenüber keine freie Hand. Über Annahme und Entlassung der Arbeiter,
Feststellung der Löhne, Regelung des Betriebs usw. usw. stand die
Entscheidung damals ausschließlich der königlichen Bergbehörde zu.
Jetzt, im Zeitalter der famosen freien Konkurrenz kann jeder Jude, der
sich eine Grube kauft, aber nie in seinem Leben selbst die Nase
hineinsteckt, machen, was er will. Opponieren ihm mal die alten Leute,
so holt er sich polnisches Gesindel und ruiniert uns durch das
hergelaufene Volk den guten Stamm und seine gute Gesinnung. Ich sprach
erst gestern einen Häuer von der Zeche Schleswig, der hier vom Gutshofe
stammt, ein Spielkamerad meiner Söhne war und ein Knappe vom guten alten
Schlage ist. 'Wir wollen gar nicht randalieren,' meinte der, 'und hauen
unseren grünen Jungens selbst eine runter, wenn sie spektakeln. Auch um
den Lohn ists uns nicht so sehr zu tun, nur kürzere Schicht müssen wir
haben und anständige Behandlung.' Und solche Leute werden wie Aufrührer
mit Pulver und Blei bedroht!«
»Ich glaube, die Herren sehen die Dinge zu sehr durch die Brille der
Tradition,« mischte sich Fürst Limburg ins Gespräch. »Alte Bestimmungen
und altes Recht entsprechen doch kaum mehr der ganz veränderten
Betriebsweise. Und das wissen die einsichtsvolleren unter den Knappen
sicher ganz genau. Mir scheint daher, daß die eigentliche Triebkraft der
ganzen Bewegung nicht in der Sehnsucht nach der 'guten alten Zeit' zu
suchen ist.«
»Und worin sonst, wenn ich fragen darf?« warf der alte Bodenberg, der so
sehr das Orakel der Gegend war, daß er Widerspruch selten erfuhr,
gereizt ein.
»In demselben Gegensatz, der auch die Sozialdemokratie groß zieht: dem
zwischen den ungeheueren Reichtümern auf der Seite der Unternehmer und
der Besitzlosigkeit, um nicht zu sagen der Armut, auf der Seite der
Arbeiter --«
»Armut! Darin steht man wieder Ihre jugendliche Neigung zu starken
Worten!« polterte Bodenberg; »als ob unsere Bergleute von Armut auch nur
'ne Ahnung hätten! Haben alle ihr Häuschen, ihren Gemüsegarten und
mästen sich ein Schwein --«
»Und doch, Herr Baron, haben wir unten im Dorf manche Ehefrau, die schon
mitverdienen muß, und die Kinder schicken sie gewiß auch nicht aus
Vergnügen so früh als möglich -- mit gefälschten Geburtsscheinen, wenns
nicht anders geht -- in die Grube,« ließ sich der Pfarrer vernehmen.
»Von der verdammten Genußsucht kommt das, und von nichts anderem!«
unterbrach ihn der alte Baron, »zu meiner Zeit gingen die Knappenfrauen
noch in Kopftüchern und Schürzen in die Kirche -- heute muß jede einen
Federhut tragen und die Röcke auf dem Tanzboden schwenken --«
»Wenn die Leute sehen, daß die Herren Direktoren mit vierzig- und
fünfzigtausend Mark Gehalt auf Gummirädern fahren und Sektgelage geben
und die Aktionäre schmunzelnd enorme Dividenden schlucken, so ists doch
kein Wunder, daß sies ihnen auf der einen Seite nachmachen möchten und
auf der anderen vor Neid immer rabiater werden. Die ganze Bewegung ist
dadurch entstanden -- ich komme damit auf meinen Ausgangspunkt zurück
--, daß die glänzende Konjunktur der letzten Jahre ausschließlich den
Besitzern und Aktionären, nicht aber den Bergleuten zugute kam. Hier
hakt notwendigerweise die sozialdemokratische Agitation ein.«
»Sie sehen, was das betrifft, sicher zu schwarz, lieber Limburg,« sagte
Graf Recke, »jedenfalls, soweit unser hörder Kreis in Frage kommt.
Unsere frommen, königstreuen Bergleute -- und Sozialdemokraten! Selbst
ihre Versammlungen schließen sie mit einem Hoch auf den Kaiser!«
Hessenstein räusperte sich vernehmlich: »Und doch haben mir heute morgen
ein paar Kameraden von den Dreizehnern erzählt, daß die Direktoren der
Zeche Schleswig gleichfalls um militärischen Schutz gebeten haben. Man
fürchte Ausschreitungen gegen Streikbrecher, hieß es.«
Bodelschwing lachte, daß ihm die Tränen in den weißen Bart liefen: »Das
ist wirklich kostbar! -- Die Furcht ist schon die ansteckendste
Krankheit! -- Viel eher möcht' ich glauben, daß unsere Dorfschönen sich
auf diese ungewöhnliche Weise für den morgigen Feiertag die Tänzer
bestellten, die ihnen wahrscheinlich ebenso fehlen wie uns!«
Schweigsam hatte Syburg bis dahin zugehört. Sein kühler,
hochmütig-wissender Ausdruck -- der typische des altpreußischen Beamten
-- reizte mich.
»Ihre landrätliche Würde verbietet Ihnen wohl, sich auszusprechen?«
wandte ich mich spottend an ihn, und als er, unangenehm überrascht,
aufsah, fügte ich rasch hinzu: »Oder sollten Sie ketzerische Gedanken zu
verbergen haben?«
»Ketzerische Gedanken?!« -- er warf mir einen tadelnden Blick zu --
»vielleicht! Aber andere, als Sie anzunehmen scheinen! So milde, wie die
Herren hier, vermag ich die Dinge nicht zu beurteilen. Nach meiner
Ansicht hat eine gewissenlose sozialdemokratische Agitation die gut
bezahlten Bergarbeiter zum Kontraktbruch verführt, und es ist unsere
Pflicht, sie, wenn es sein muß, mit Gewalt auf den Weg des Rechts
zurückzuführen. Wortbruch und Pflichtvergessenheit sind überall der
Anfang vom Ende.«
»Ganz Ihrer Meinung, Herr von Syburg!« antwortete ich, während mir das
Blut heiß in die Schläfen stieg. »Es kommt nur darauf an, auf welcher
Seite Wortbruch und Pflichtvergessenheit zu finden ist! Wenn die
Grubenbesitzer, die in der glücklichen Lage sind, eine Havanna rauchend
vor dem Tischlein-deck-dich zu sitzen, den Arbeitern nicht so viel
geben, daß sie anständig leben können, so ist das Pflichtvergessenheit;
und wenn sie, die zu allen Vergnügungen der Welt Zeit haben, ihnen das
althergebrachte Recht auf eine geregelte Arbeitszeit vorenthalten, so
ist das Wortbruch!«
Syburg preßte die Lippen zusammen, -- er zwang sich offenbar zu einer
ruhigen Antwort.
»Sie sprechen aus der Gefühlsperspektive der Frau. Das ist
verzeihlich. Sie kennen, Gott sei Dank, diese aufrührerische, mit
sozialdemokratischen Phrasen vollgefütterte Bande nicht, die jetzt auf
den Gruben und in den Fabriken das große Wort führt und an allem
rüttelt, was uns heilig ist.«
Wie eine Vision sah ich plötzlich all die Gestalten des Elends wieder,
die mir im Leben begegnet waren: aus den Vorstädten Posens und
Augsburgs, aus den Dörfern des Samlands.
»Sie mögen recht haben,« sagte ich nachdenklich, »die kenn' ich nicht --
aber andere kenn' ich. Und das Eine weiß ich gewiß --« meine Stimme
zitterte vor Erregung -- »wäre ich eine von denen, meine Geduld wäre
erschöpft, und ich würde mich um Treue und Pflicht nicht kümmern.«
Syburgs blasses Gesicht hatte sich mit tiefer Röte überzogen; doch die
Herrin des Hauses hob die Tafel auf, und er unterdrückte noch rasch eine
scharfe Antwort, die ihm offenbar auf den Lippen schwebte. Während des
ganzen warmen Frühlingsabends, der uns alle in den Park hinauslockte,
mied er mich. Nur beim Abschied hielt er meine Hand fest in der seinen
und flüsterte: »Ich möchte, daß wir uns versöhnen -- ganz und auf immer
--, darf ich darauf hoffen, wenn ich nach Hohenlimburg komme?« Ich
nickte nur.
Wir blieben über Nacht in Brake, um den bequemen Frühzug benutzen zu
können. Aber als wir am nächsten Morgen herunterkamen, trat uns der alte
Bodenberg mit ernstem Gesicht entgegen. »In Witten und Annen hat das
Militär scharf geschossen,« sagte er, »in Dortmund soll die Haltung der
Arbeiter eine drohende sein -- nach Hörde sind, wie mein Verwalter eben
berichtet, die Kürassiere unterwegs. Wenn auch die Stimmung der Leute in
unserer nächsten Nachbarschaft vollkommen friedlich ist, so möchte ich
Sie doch bitten, diesen Tag noch abzuwarten -- oder wenigstens Ihre
Damen hier zu lassen --« So sehr wir uns sträubten -- Anna, weil die
Gesellschaft des alten Ehepaars sie langweilte, ich, weil mir nichts
erwünschter gewesen wäre, als den Aufstand der Arbeiter in der Nähe zu
sehen, -- wir mußten uns fügen.
Ich lief in den Park, -- vielleicht, daß sich von hier aus irgend etwas
erspähen ließ. Das Abenteuerfieber der Jugend packte mich, dasselbe
Fieber, durch das Schulbuben auf Auswandererschiffe getrieben und
schwärmerische Byron-Seelen in phantastische Freiheitskämpfe gerissen
werden, das Fieber, das überall ausbricht, wo ein Gluthauch plötzlich
die Normaltemperatur des Alltags vertreibt. Hohe Mauern wehrten mir den
Ausblick. Sollten sie mich immer wieder von der lebendigen Welt da
draußen trennen?
Ich trat auf den Gutshof. Feiertägige Stille herrschte auch hier. Aber
drüben, wo zwei mächtige Linden am Ausgang zur Straße Wache standen, sah
ich einen Haufen lebhaft gestikulierender Menschen. Ein grauer Kopf mit
der Bergmannsmütze auf den kurzgeschorenen Haaren ragte aus ihrer Mitte
hervor. »Ich, ich bin dabei gewesen!« hörte ich ihn schreien, als ich
näher hinzutrat, -- »ein Wunder, daß ich mit heilen Gliedern davon kam!
Sie haben geschossen, wie verrückt.«
»So erzählt doch, Mann, erzählt!« -- »Wo -- wo ists denn gewesen?«
bestürmten ihn die Umstehenden. »In Bochum -- gestern abend. Ein
blutjunger Leutnant kommandierte Feuer -- grad, als die Menschen aus dem
Bahnhof strömten. Wie die Hunde die Hammelherde, so umschlossen die
Soldaten die Leute -- lauter harmloses Volk -- kaum einer von uns
darunter, -- und dann lag der Platz voller Toten --«
Irgend woher klang eine Kirchenglocke. Der Bergmann schwieg, riß die
Mütze vom Kopf und schlug mit der harten rissigen Hand das Kreuz über
Stirn und Brust. Erst jetzt sah ich ihn genauer. Der Kohlenstaub schien
sich in die Falten unter den Augen eingebrannt zu haben, so daß sie
aussahen wie die großen runden Augenhöhlen der Totenschädel. Farblos
fahl waren die Züge; eine breite, gelbe Narbe, die das Gesicht in zwei
Hälften teilte, entstellte sie zur Fratze. Er wandte sich zum Gehen, und
die Menge drängte ihm nach. Die gerade schwarze Straße, mit den kahlen
Pappeln zu jeder Seite und dem schweren Grau trübdunstigen
Frühlingshimmels ringsum, verschlang sie rasch. Drohend wie ein Galgen
ragten in der Ferne die Glockenstühle in die Luft, und die
Sonnenstrahlen scheuten sich vor der Berührung dieser Öde ...
Langsam, schweren Herzens, wandte ich mich wieder dem Schlosse zu. Die
Hausbewohner waren zur Sonntagsandacht in der Halle versammelt. Auf
hohem Stuhl saß der Hausherr und las aus der alten Bibel: »Kommet her zu
mir alle, die ihr mühselig und beladen seid ...«
Und die Vertreter christlicher Ordnung schossen auf die Mühseligen und
Beladenen! dachte ich bitter.
»Es läßt mir keine Ruhe,« sagte der alte Bodenberg, nachdem der letzte
Ton auf dem Harmonium verklungen war und die Dienerschaft sich entfernt
hatte. »Kommen Sie, Limburg, wir gehen ein Stück Weges zur Zeche
hinunter --«
Entsetzt schrie Anna auf: »Das darfst du mir nicht antun, Fritz!« Aber
begütigend legte die alte Baronin ihre feine Greisenhand auf den Arm der
Erregten: »Fürchten Sie nichts, kleine Frau, -- die Leute hier krümmen
unseren Männern kein Härchen.« Wir blieben trotzdem in kaum zu
bemeisternder Unruhe zurück. Wir horchten auf jeden Ton, während einer
den anderen durch eine möglichst harmlos-heitere Unterhaltung über die
Erregung hinwegzutäuschen suchte, und sprangen gleichzeitig erleichtert
auf, als nach einer Stunde Bodenbergs kräftige Stimme vom Hof herauf
durch das Fenster klang.
»Hab' ichs euch nicht gesagt?« lachte er uns entgegen. »Sie freuen sich
drunten ihres Feiertags, wie nur je. Die Kinder spielen auf den Straßen,
die Frauen stehen im Sonntagsputz vor den Türen und schwatzen mit den
Nachbarn.«
»Und doch heißt es, daß Soldaten kommen,« unterbrach ihn Limburg mit
einem Ausdruck schwerer Besorgnis in den Zügen.
»Mögen sie doch! Gegen die Kinder, die jetzt schon in der Vorfreude
hurraschreiend ihre Fähnchen schwingen, werden sie kaum zu Felde ziehen.
Sahen Sie nicht den krummbeinigen Schlingel, dem seine Gefährtin, ein
süßes Mädelchen mit Haaren wie rote Flammen, den Platz an der Spitze der
kleinen Gesellschaft streitig machte? Gefährliche Aufrührer sind das,
nicht wahr?!«
»Gewiß sah ich sie -- aber ich sah auch die Gesichter der Männer hinter
den Fenstern der Kneipe ...«
Ein Geräusch -- wie ein fernes Prasseln von Hagelkörnern auf
Glasscheiben -- unterbrach das Gespräch. Bodenberg wurde aschfahl --
»Gewehrsalven« -- murmelte Limburg. Wir standen, wie an den Boden
gebannt, -- in atemloser Erwartung. Unten auf dem Hof liefen die Leute
zusammen. »Sie schießen,« schrie einer. Wir stürzten hinunter bis ans
Tor, keiner sprach mehr ein Wort, aber von einer Angst erfüllt starrten
wir alle die lange, öde, schwarze Straße hinab. Die Zeit schien still zu
stehen, Ewigkeiten dünkten uns die Minuten. Endlich erhob sich in der
Ferne eine Wolke Staubs vom Boden: Menschen, die liefen, als wäre der
Teufel ihnen auf den Fersen. Näher und näher kamen sie: Weiber mit
wehenden Haaren und verzerrten Zügen -- schreiende Kinder mit rot
verquollenen Augen -- ihre Sonntagskleider bedeckt mit dem schwarzen Ruß
der Straße. »Sie morden uns --« stöhnte eine weißhaarige Alte, warf die
hageren Arme verzweifelt um den Kopf und brach vor uns zusammen ...
Tröstend und helfend gingen Brakes Bewohner von einem zu anderen, und
endlich gelang es, aus dem wirren Durcheinander des allgemeinen
Erzählens ein Bild dessen zu gewinnen, was geschehen war.
Der Ton der Pfeifen und Trommeln hatte alles auf die Dorfstraße gelockt.
Den Großen voran waren die Kinder jubelnd den einziehenden Soldaten
entgegengelaufen, als ein barsches »Platz da« ihres Führers, eines
jungen Leutnants, die Freude in Furcht verwandelt hatte. Die Kinder
hatten sich hinter den Großen verkrochen, die Männer eine drohende
Haltung angenommen.
»Nur das rothaarige Lieserl stellte sich keck mitten auf die Straße,«
sagte die Alte, die noch auf dem Boden hockte.
»Und den Franz sah ich, wie er einen Stecken aus unserem Zaun riß und
damit wild herumfuchtelte,« berichtete zungenfertig eine andere. »'Platz
da' -- rief der Leutnant dann noch einmal, und die Soldaten trieben uns
alle gegen die Häuser. Da drängte sich die Mutter vom Franz mit dem
Kleinsten an der Brust durch die Reihen -- der Junge ist ihr Ältester,
ihren Mann brachten sie ihr voriges Jahr tot aus der Grube --; sie hatte
ihn grade erwischt, als der Herr Offizier noch mal losschrie --«
»'Immer die Augen auf den Feind halten,' sagte er. Ich hab' es ganz
genau gehört,« ergänzte ein blasses Ding mit fanatisch funkelnden Augen
die Worte der Erzählerin.
»Den Feind, -- damit meinte er uns!« riefen sie alle durcheinander und
selbst auf den Wangen der Müdesten und Stillsten erschienen rote
Flecken.
»Da wars aus mit der Ruhe bei den Knappen -- sie drohten mit den
Fäusten, sie schimpften, auch ein paar Steine flogen ...« Die Erzählerin
schluchzte auf.
»Dann schossen sie auf uns --« sagte mit tonloser Stimme die Alte. Und
nun schwiegen sie alle -- nur verhaltenes Weinen unterbrach die Stille.
Ich griff mir an den Kopf, -- es war doch wohl nur ein böser Traum, der
mich narrte?! Es brauste mir in den Ohren, das Entsetzen schnürte mir
die Kehle zusammen.
»Dem Franz seine Mutter war die erste, die fiel --« wie aus weiter Ferne
schlugen die Worte wieder an mein Ohr. »Ich sah sie dicht vor mir -- die
Haare ganz voll Blut, -- das Jüngste an die Brust gepreßt -- und den
Stock noch in der Hand, den sie dem Franz entrissen hatte ...«
War ich es, die qualvoll aufstöhnte -- oder war es -ein- Ton, der sich
uns allen entriß?!
»... Ja, und die rote Liefe lag auch mitten auf der Straße -- sie guckte
grade in den Himmel mit den toten Augen ...«
»Das süße Mädelchen mit den Flammenhaaren ...« flüsterte der alte
Bodenberg mit erstickter Stimme.
* * * * *
Wir fuhren noch an demselben Tage auf einem großen Umweg zurück. Dicht
hinter Unna wies der Fürst aus dem Fenster. »Wir passieren hier den
historischen Boden der Zukunft,« sagte er, »dort drüben auf der Heide
stand noch zu meines Vaters Lebzeiten jener uralte sagenumwobene
Birkenbaum, und jenseits, von den Schlückinger Höhen, sahen die Bauern,
wie die blutige Schlacht um ihn tobte.«
»Vielleicht ist sie heute schon keine Sage mehr,« antwortete ich.
Mit steigender Erregung verfolgte ich in den nächsten Tagen die
Ereignisse. Noch mehr als durch die Zeitungen erfuhren wir durch Briefe
und durch die Erzählungen der Augenzeugen.
Kaum eine Stimme war, die für die Zechendirektoren Partei ergriffen
hätte, und die Empörung war allgemein, je häufiger sie den Bergleuten,
die im Vertrauen auf ihre Versprechungen die Arbeit wieder aufgenommen
hatten, ihr Wort brachen.
»Habt ihr endlich Hunger genug?!« Damit empfingen die Zechenbeamten von
Gelsenkirchen die wieder einfahrenden Knappen, und in Hörde trieben sie
kranke Weiber und Kinder aus den Zechenhäusern, wenn die Männer im
Ausstand beharrten.
»Ich glaube, daß wir vor einer großen Umwälzung stehen,« schrieb ich an
meine Kusine, »die Macht des Kapitals muß gebrochen werden. Vor hundert
Jahren hat die Revolution den Absolutismus und den Feudalismus gestürzt,
-- sie waren dessen wert! --, eine künftige Revolution wird den
Kapitalismus vernichten, und wir werden das wunderbare Schauspiel
erleben, daß der Adel und die Arbeiter zusammen gehen.«
Die Deputation der Bergleute zum Kaiser schien mir der Auftakt des
großen Schauspiels, das ich erwartete. Und die ersten Nachrichten von
ihrem Empfang, von der Anerkennung ihrer Wünsche durch den Monarchen
bestätigten meine Hoffnungen. Dann aber sickerten allerlei andere
Gerüchte durch: die drei Deputierten waren keineswegs befriedigt
zurückgekommen; kaum zehn Minuten hatte er Zeit gehabt, sie anzuhören,
mit einer Drohung gegen alle, die sich den Anordnungen der Behörden
widersetzen würden, hatte er seine Antwort geschlossen. Und was folgte,
schien die Wahrheit der Gerüchte zu bestätigen: das ganze Streikkomitee
wurde verhaftet, der Oberpräsident, der stets zu vermitteln gesucht
hatte, mußte einem Nachfolger weichen, dem der Ruf eines Scharfmachers
voran ging. »Studt ist ein glatter Höfling,« schrieb mir mein Vater,
»der mir neulich mit dem verbindlichsten Lächeln erklärte, daß meine
offenbare Verkennung so trefflicher Leute, wie der Grubenmagnaten,
höheren Orts unliebsam empfunden würde. Mich solls nicht wundern, wenn
wir in Preußen noch mal so weit kommen, vor jedem Geldsack auf dem
Bauche zu rutschen.«
Unter den Enttäuschungen litt ich, als beträfen sie mich selbst. Mit der
Märtyrergloriole hatte ich das Haupt der erschossenen Bergmannsfrau und
das rote Köpfchen des Proletarierkindes umwoben und den gräßlichen
Eindruck in der eigenen Erinnerung verklärt; nun waren sie umsonst
gestorben, und nichts als der schwarze Straßenruß umgab sie.
Ich war in wehmütig weicher Stimmung, als Syburg kam. Am Morgen
desselben Tages hatte mir Anna mit einem selig-verschämten Lächeln von
ihrer Mutterhoffnung erzählt, hatte mich in das weiße Zimmer geführt,
das den jungen Erdenbürger erwartete, und all die weichen, duftigen
Dinge aus Spitzen und Battist waren mir durch die Finger geglitten.
Meine Hände waren heiß geworden dabei, und die Tränen waren mir in die
Augen gestiegen. Und die kleine Anna hatte sich emporgereckt, um mich
mit einem altklug wissenden Ausdruck auf den Mund zu küssen.
Nun ließ sie all die Kupplerkünste spielen, in denen junge, glückliche
Frauen Meisterinnen sind. Sie pries neckend meine Schönheit und meine
Tugenden, erzählte allerlei Abenteuerliches von meinen vielen Verehrern
und ließ uns schließlich, Müdigkeit vorschützend, im Park allein. Syburg
schien nur darauf gewartet zu haben.
»Ich möchte Klarheit haben zwischen uns, volle Klarheit, Fräulein Alix,«
begann er, zum erstenmal vertraulich meinen Namen nennend. Ich fuhr
unwillkürlich erschrocken zusammen. Aber die Frage, die er stellte, war
nicht die erwartete -- gefürchtete. »Man hat mir erzählt, Sie hätten
sich neulich nach dem Aufstand auf der Zeche Schleswig mit größter
Schärfe für die Streikenden ausgesprochen.«
Ich bezwang meinen Zorn über diese Art, mich auf Herz und Nieren zu
prüfen.
»Und wenn ich es getan hätte,« sagte ich rasch und abwehrend, »ist es
nicht eine der ersten Forderungen Ihres Christentums, den Unschuldigen
beizustehen? -- Gebietet es nicht Ihre Religion, sich opfermütig
zwischen die Kinder und ihre Mörder zu werfen?«
»Mein Christentum?! Meine Religion?!« Er sah mich groß an. »Sie haben
sich falsch ausgedrückt, wie ich hoffe! Unser Glaube ist der gleiche --
nicht wahr, Fräulein Alix?«
»Sie spielen ein männliches Gretchen, Herr von Syburg!« fuhr ich auf,
»mit welchem Recht behandeln Sie mich wie ihr Beichtkind?!«
»Mit dem Recht des Mannes, der das Jawort ihrer Eltern erhielt!« Er
griff nach meiner Hand, die ich ihm heftig entriß.
»So erfahren Sie denn, daß ich dies Recht nicht anerkenne! Niemand hat
über mich zu verfügen -- niemand -- als ich, ich ganz allein. Und ich --
ich werfe Ihnen ihr Jawort vor die Füße!«
Ich wandte ihm den Rücken, schritt ruhig durch die Lindenallee, über den
Burghof, die Treppen hinauf in mein Zimmer -- warf die Tür ins Schloß,
riegelte zu -- reckte die Arme weit aus: nun war ich frei!
Anna ließ ich vergebens klopfen -- fragen -- bitten. Ich wäre
außerstande gewesen, irgend jemandem Rede und Antwort zu stehen. Ich
mußte allein sein.
Noch stand ich mit einem Gefühl des Schreckens vor dem Abgrund, der
zwischen mir und meiner Welt auseinanderklaffte. Unter den Speerwürfen
blendenden Sonnenlichts war der Nebel zerrissen, den ich, mich selbst
belügend, so lange für eine Brücke gehalten hatte. Ich stand auf
fremdem Boden, -- zurecht finden mußt ich mich, meine Gedanken sammeln,
über meine Zukunft entscheiden.
Am nächsten Morgen, in aller Frühe schrieb ich an meine Eltern und trug
den Brief selbst zur Stadt hinunter. Schneidend pfiff der Wind über die
Höhen, als ich abwärts schritt. In grauen Wolken verschwanden die Türme
der Burg, und aus der Tiefe grüßten mich sieghaft die schwarzen Schlote.
Vierzehntes Kapitel
Und nun kamen stille Wochen auf Hohenlimburg. Die Mutterhoffnung hatte
Anna völlig verändert. Sie lernte die Einsamkeit lieben und überließ
mich stundenlang mir selbst. In den ersten Tagen fürchtete ich mich vor
jedem Postwagen, der ankam. Die Briefe, die er brachte, waren fast noch
schlimmer, als die Ankunft des Vaters gewesen wäre, die ich erwartet
hatte. Die Gründe, die mich bewogen hatten, Syburgs Werbung abzulehnen,
hatte dieser natürlich in einer Weise dargestellt, die mich
kompromittieren sollte. Über meine Sympathie mit den Bergarbeitern
wurden, wie es schien, nicht ohne Syburgs Hilfe, wahre Räubergeschichten
verbreitet, denen mein Vater zunächst Glauben schenkte. Und derselbe
Mann, der eben erst gegen die Unternehmer gewettert hatte, gefiel sich
jetzt in wilden Übertreibungen und beschuldigte mich, sein Unglück zu
sein. »Daß ich, ein königstreuer Edelmann und Offizier, es erleben
mußte, daß meine Tochter mit diesen wortbrüchigen Hallunken
sympathisiert!« schrieb er. Aber die Anschuldigungen, mit denen er mich
in der ersten Aufregung überhäufte, trafen mich weit weniger als der
tiefe Schmerz über mein Schicksal, der in seinen späteren, ruhigeren
Briefen zum Ausdruck kam. »Wie hatte ich mich gefreut, dich versorgt zu
sehen, ehe ich sterbe --« dies Wort tat mir bitter weh. Meiner Mutter
Briefe dagegen mit ihrem: »ich habe es vorausgesehen«, -- »ich wußte,
daß du dich nie in geregelten Bahnen bewegen würdest« -- »deine Romane
sind nur um ein Kapitel reicher geworden« empörten mich.
Auch meine Tante schrieb mir. »Deine Ablehnung einer, wie mir Hans
mitteilte, so ungewöhnlich guten Partie ist ein Schaden, den du dir
selbst zugefügt hast, und dessen Folgen du ebenso zu tragen haben wirst
wie die sonstigen Folgen deines Eigensinns ...«
Schweigend ließ ich alle Vorwürfe über mich ergehen. Ich machte weite
Spaziergänge, auf denen mir der schwarze Cäsar, der treue Hofhund, nicht
von der Seite wich. Dem Zusammenhang meines Lebens suchte ich
nachzuspüren: Was war es gewesen -- was wollte es von mir? Und wenn es
Abend wurde, schrieb ich nieder, was mir durch den Kopf gegangen war,
und meine Feder brachte Ordnung in das Chaos meiner Gedanken.
»Der Bildhauer bildet sein Werk aus einem rohen Marmorblock, er behaut
es, er glättet es, er sucht die weichen Formen einer Venus aus dem
harten Material herauszuarbeiten. Es dauert lange, ehe er sich selbst
genügt; nicht das lebende Modell will er kopieren, er will ein
Schönheitsideal, das ihm beständig vorschwebt, verwirklichen. Anders der
Handwerker, der rasch ein effektvolles Dekorationsstück schaffen will:
er fertigt ein Holzgerüst, drapiert es mit Sackleinwand, wirft Gyps
darüber und setzt eine fertig gekaufte Allerweltsgipsbüste darauf. Aus
einiger Entfernung wirkt seine Arbeit nicht übel, dem Rohen täuscht sie
dauernd ein Kunstwerk vor, -- nur in der Nähe schau sie nicht an und
hüte sie wohl vor Regen und Sturm, das Holzgerüst möchte sonst allzu
schnell zum Vorschein kommen! -- Hat ein Künstler oder ein Handwerker
mich geschaffen? Habe ich die Nähe zu fürchten und das Wetter? Oder
stürzt mich kein Sturm? Bin ich, oder scheine ich nur?« -- --
Bald ließ es mir keine Ruhe mehr, -- kaum daß ich den nötigsten Schlaf
mir gönnte --, ich schrieb und nannte das kleine schwarze Buch, über
dessen Seiten meine Feder fiebernd flog: Wider die Lüge. Seine ersten
Seiten lauteten:
»Die Lüge ist der Anfang alles Verderbens, ist das Verderben selbst.
Alle Schäden, an denen unsere Zeit, an denen wir selber kranken,
entspringen aus diesem Grundübel. Wir sprechen in volltönenden Phrasen
von Wahrheit, und doch trennen uns von ihr tote Jahrhunderte. Denn die
Wahrheit der Vergangenheit wird zur Lüge der Gegenwart. Wie ein
Verbrechen verstecken wir, was in die alten Formen und Formeln nicht
passen will, und sehen nicht, daß es vielmehr Verbrechen ist, diese
Formen und Formeln aufrecht zu erhalten. Wir beugen uns unter Gesetze,
gegen die wir uns innerlich empören, und triumphieren, wenn wir
schließlich selbst das Gefühl der Empörung unterdrückt haben. Und die
Diener der Kirche und des Staates lehren uns, daß wir damit den Himmel
erwerben.
»Was ist Wahrheit? -- Zweifelnd und verzweifelnd, schüchtern und wild
flog diese Frage durch die Jahrtausende. Oft glich die Antwort einem
Achselzucken, noch öfter dem Befehl eines Tyrannen, der jeden
Widerspruch mit dem Beil des Henkers lohnt. Der Muhamedaner schwört auf
den Koran, der Jude auf den Talmud, der Christ auf die Bibel. Und jeder,
der ein neues Gedankengebäude gen Himmel türmt, sagt: das ist Wahrheit.
»Gibt es eine Wahrheit? Eine unumstößliche, an der kein Steinchen sich
lockert? Eine unbedingt gültige für alle Zeiten, alle Kreaturen, alle
Welten?
»Wie ein fernes Licht hinter einem dunkeln Vorhang leuchtet sie, und
langsam, Schritt für Schritt, dringt die Erkenntnis erobernd vor und
raubt dem Glauben einen Fußbreit Boden nach dem anderen. Der Weg wird
heller, aber fern bleibt das Licht. Das Ende aller Dinge fällt zusammen
mit seiner Enthüllung. Wir aber leben, und darum haben wir die reine
Wahrheit nicht.
»Wir müssen wählen zwischen fremder Wahrheit und unserer Wahrheit. Wir
werden zu Lügnern, wenn wir bequem und gedankenlos nach den fertigen
Wahrheiten der anderen greifen.
»Wer wahr sein will, muß frei sein. Frei von den Ketten, in die
Erziehung, Bildung, Tradition uns geschmiedet haben, frei von den
Zauberbrillen, mit denen die Priester unser Augenlicht verdunkelten,
frei von der Tracht der Lakaien, in die die Machthaber der Erde die
Abhängigen zwingen. Was du nicht selbst erwarbst, nicht selbst bist, das
ist Lüge und Sklaverei.
»Die Erziehung ist wie eine eiserne Form, in die die weichen
Kinderseelen hineingepreßt werden. Und sollte doch nur ein Stab sein,
zum Halt für das junge wachsende Bäumchen. Im Leben des Kindes bedeutet
das 'Warum?' die Geburt des Menschen. Die Erziehung schlägt es tot, kaum
daß es die Glieder regt. Das Schulzuchthaus spannt in dasselbe Joch den
Begabten und den Unbegabten, den Phantasiereichen und den Nüchternen. Es
stopft die Gehirne voll mit Namen, Zahlen und Regeln, und der beste
Schüler ist, der rasch aufnimmt, der schlechteste, der sich grübelnd das
Gehörte zu eigen machen will. Darüber stirbt das 'Warum', das Gehirn
trocknet ein, das Herz verschrumpft, und an Stelle selbständigen
Denkens, lebendiger Begeisterung für das Gute, Wahre und Schöne treten
Geschichtstabellen, Bibelsprüche, Urteile über Welt und Menschen.
»Wehe, wer dem Lehrenden widerspricht: Denken führt auf Abwege, Zweifeln
schafft Ketzer und Aufrührer.
»Verschling ihn getrost, den weichen süßen Brei, den man dir mundgerecht
vorsetzt, du Päppelkind, du verlernst dabei selbst den Gebrauch deiner
Zähne!
»Nicht als mythendurchwebte Geschichte der Juden werden dem Kinde uralte
Urkunden der Menschheit vorgetragen, als Wahrheit vielmehr, daran zu
zweifeln Sünde ist. Rauben und Morden, Verfolgen und Betrügen, -- das
Volk Gottes tat es auf Jehovas Befehl, unter seinem Schutz, und
demselben Kinde, das diesen Gott anbeten, seine Auserwählten verehren
soll, wird die Religion der Liebe gepredigt.
»Nimm auch das hin, du arme kleine Menschenmaschine: Rüttelst du nur mit
einem eigenen Gedanken daran, so fällt das ganze Haus in Trümmer. Bringe
deinen Verstand hübsch zum Schweigen, werde wie alle, die es in der
Welt zu Geld und Ansehen bringen: eine lebendige Lüge.
»Ein gebildeter Mensch ist das Ziel der Erziehung. Herrlich! Wenn es
wahr wäre. Bilden heißt den gegebenen Stoff zur höchsten
Vollkommenheit entwickeln, -- nicht aus Gips Marmorsäulen, aus Holz
Eisenkonstruktionen, aus Glas Diamanten machen. Aber an Stelle des Seins
die Täuschung setzen, ist das Zeichen unserer Bildung. Wer über alles
mitredet, stets mit einem fertigen Urteil bei der Hand ist, selten
bewundert, gilt als gebildet. Urteilsfähigkeit ist Kriterium der
Bildung, aber doch nur dann, wenn das Urteil ein eigenes ist. Zu dieser
Bildung aber ist der Weg lang und steil, und mißtrauisch sollte stets
fertiges Urteil machen.
»Der Gebildete unserer Tage scheint, was er nicht ist; er belügt andere,
oft auch sich selbst; er begeht geistigen Diebstahl, indem er fremde
Weisheit als eigene ausgibt; er beraubt sich der wundervollsten
Lebensfreude, indem er zwar lernte, sich durch stete Verneinung
hochmütig über alle zu erheben, nicht aber offnen Sinnes zu genießen,
was Natur und Kunst geschaffen haben. Vergiftet ward uns der frische
sprudelnde Quell der Bildung, ertötend rinnt er nun durch die Adern des
Volks und trübt seinen Blick, so daß es den Vieles-Wissenden an Stelle
des Selbst-Seienden zum Götzen erhebt.
»Wer wider die Lüge streiten will, muß die neue Wahrheit verkünden.
Welches ist sie?
»Die Wahrheit von den Kindern zunächst:
»Das Ziel der Erziehung sei kein Lexikon, sondern ein freier Mensch.
Wissen sei nicht Selbstzweck, sondern Mittel zu dem Zweck, das Leben
reich, den Menschen stark zu machen. Töte kein 'Warum', locke es
vielmehr hervor, wie der Gärtner durch sorgsame Pflege die jungen Triebe
hervorlockt. Leite, -- meistere nicht. Wisse, daß deine Wahrheit nicht
die des Kindes ist, daß du es lügen lehrst, wenn du sie ihm aufzwingst.
Märchenglaube ist Kindeswahrheit. Laß sie ihm. Erzähle ihm darum die
Mythen der Völker wie Märchen: von Isis und Osiris zu Odin und Baldur,
von Jehova zu Jupiter bis zum himmlischen Vater der Christen. Zeig ihm,
wie die Menschen unter tausend Namen und Formen vor dem heiligen
Geheimnis schaffenden Lebens anbetend knieten. Lehre es ihn schauen und
bewundern in jeder duftenden Blume, jeder Wolke, jedem Stern, jedem
Gesetz der Natur.
»Und dann führe es ein in die Geschichte der Menschen. Schaffe keine
Engel und Teufel aus deiner Machtvollkommenheit -- aber störe das Kind
nicht, wenn es sich eigene Helden bildet. Tritt bescheiden zurück mit
deinem eigenen Ich hinter dem werdenden Ich des anderen. Was er nicht
selbst beurteilen kann, lehre ihn nicht beurteilen. Es ist
Sentimentalität, durch unsere Erfahrungen dem Kinde die eigenen ersparen
zu wollen. Denn eigene Erfahrung ist die allein sichere Stufenleiter der
Entwicklung. Führt sie das Kind fort von dir, so jammere nicht, denn
nicht dein Eigentum ist es, sondern sein eigenes und das der Menschheit.
Präge ihm nicht Lebensregeln ein, weise ihm vielmehr den Weg, um seines
Lebens eigene Regeln zu finden.
»Und seines Herzens eigene Religion.
»Welches ist die Wahrheit von ihr? Der Entwickelungsgang der Menschheit
ist vom ersten Ursprung an ein stetig fortschreitender. Kindlicher
Märchenglaube ist der vom verlorenen Paradiese; der Mann glaubt an das
zu erobernde.
»In der Natur gibt es keinen Stillstand: der Fluß strebt dem Meere zu,
der Baum wächst empor, zum Menschen wird das Kind. Dies 'Vorwärts' ist
ein Gesetz, das sich nie verleugnet; so oft seine Kraft zu schwinden
drohte, so oft brach es auch machtvoll durch alle Schranken, die
menschliche Torheit mühsam aufrichtete. Die Überzeugung von der
Unumstößlichkeit dieses Gesetzes weitet unser Herz und unseren Geist.
Wir werden es aus allen Verdunkelungen, aus allen Leiden, von denen die
Geschichte der Völker und der Menschen erzählt, heraus erkennen, wenn es
unser eigenes Lebensprinzip geworden ist. Wir werden es auch dann
bejahen, wenn es tötet, weil wir wissen, daß welke Blätter fallen
müssen, um jungen Trieben Platz zu machen, daß die Blüte sterben muß,
wenn die Frucht reifen soll.
»Der Pessimismus sagt: Es gibt kein Glück; der Pietismus versichert: Die
Erde ist ein Jammertal. Aber die neue Wahrheit lehrt: Es gibt ein Glück,
das über alles Leid hinweghilft; jede Blume auf dem Felde, jede Eichel
am Baum, jeder Säugling am Mutterherzen zeugt davon. Sein Gesetz ist:
Wachse! Werde! Soll es allein für die Religion nicht gelten?
»Was ist Religion? Der Zug nach oben, die Ehrfurcht vor dem Unerkannten,
Nichtzuerkennenden. Sollte sie unwandelbar feststehen, weil sie sonst
kein Halt, keine Stütze wäre für so viele? Was ist denn das Feststehende
an ihr? Etwa der Glaube, daß Gott Eins und doch Drei, oder daß Christus
einer Jungfrau Sohn ist? Oder der Glaube an die Speisung der Tausende,
an die feurigen Zünglein des heiligen Geistes? Selbst der strengste
Christ wird darin nicht den Urquell seiner Herzensreligion finden. Was
ihn zu dem macht, was er ist, ihm die Kraft gibt zum Handeln und zum
Ertragen, das ist nichts anderes als die Überzeugung von der
Unendlichkeit des Werdens, -- theologisch ausgedrückt: der
Unsterblichkeitsglaube. Für ihn mag er in der Form des persönlichen
Fortlebens, der Auferstehung des Fleisches, Wahrheit sein. Uns ward er
zur Wahrheit im Gesetz von der Erhaltung der Kraft. Wie ein Stoß
fortwirkt ohne Aufhören, wirkt die Tat fort und der Gedanke ohne Ende.
»Staat und Kirche lehren die Religion Christi wie vor achtzehnhundert
Jahren. Was die Apostel, einfache Männer des Volks, in orientalischer
Phantasie und kindlichem Glauben von ihres Herren und Meisters Geburt
und Leben erzählten, soll uns noch Wahrheit sein. Was aber bleibt für
uns, wenn wir hinter den Mythen die Wahrheit suchen? Die göttliche
Geburt Christi? Des Menschen Geist ist göttlichen Ursprungs, und wer
seiner Bestimmung folgt bis zum Tode, -- der ist Gottes Sohn. Wir aber,
die wir uns nennen nach dem Namen des Nazareners, der, wie wenige vor
und nach ihm, der alten Lüge die neue Wahrheit entgegensetzte und sich
ans Kreuz schlagen ließ von den Frommen seiner Zeit, -- wir verleugnen
das größte, was uns ward: den Geist. Wir stempeln seine göttliche Kraft
zur Sünde und lehren im Namen des Gekreuzigten, daß wir nicht zweifeln,
das heißt: nicht denken dürfen. Aber die neue Wahrheit von der Religion
predigt die Pflicht des Zweifelns, weil der Zweifel die neue Wahrheit
gebiert und die Wurzeln des Werdens in ihm ruhen.
»Denke bis zu den letzten Konsequenzen, reiße nieder, was deinem Denken
im Wege steht; selbst das Heiligste, das Unantastbare ist unheilig und
ein Frevel, wenn es dem Gedanken zur Schranke ward. Denke, -- und du
wirst reich, denke, -- und du wirst stark und froh. Wer, und ob er
gleich hundert Jahre lebte, wird solchen Werdens ein Ende finden? Darum,
statt Christi wundersame Geburt zu verkünden, verkündet die Heiligkeit
unseres Lebens! -- Und sein Opfertod? Wer an ewige Höllenstrafen glaubt,
den lehrt die Angst, daß die eigene Schuld von einem anderen gesühnt
werden könnte. Jesus aber starb nicht für andere, sondern für seine
Überzeugung, -- er lehrte die Tat, nicht die Reue. Und seine
Auferstehung? Wer vermöchte an ihr zu zweifeln? Lebt nicht sein Geist --
und wird er nicht ewig leben, auch wenn seine Lehre nicht die Wahrheit
an sich ist, sondern nur eine Stufe zu ihr? --
»Nun aber bleibt mir noch die Rätselfrage nach der neuen Wahrheit vom
Leben! Warum all die Qual und Not, all das Elend und die Verzweiflung?
Im Kampf ums Dasein sind Milliarden Lebewesen untergegangen, um höheren
Formen, reiferen Gehirnen Platz zu machen.
Ȇber Tote geht alle Entwicklung.
»Die rohe Kraft wich den feineren Kräften des Geistes, und die Kräfte
des Geistes warten ihrer Ergänzung durch die der Seele. Ohne Qualen gäbe
es keine Kraft, die an ihnen wächst und sich bewährt.
»Wer am Leiden zugrunde geht, ist des Lebens nicht wert gewesen.
»Wächst nicht selbst aus dem Hunger der Massen der Riese, der ihn
überwinden wird? Schafft die Not nicht die Einigkeit und den Kampf,
grünt nicht heimlich unter Blutlachen und Tränen die junge Saat der
kommenden Menschen?
»Nur Eins ist not: daß wir in dem ungeheuern Triebrade der Entwicklung
kein Staubkorn sind, das hindert, bis es zermalmt wird, kein Rostfleck,
der den Mechanismus anfrißt, bis er verrieben ist. Wenn wir kein Teil
der motorischen Kraft sein können, seien wir wenigstens ein Tröpflein
Öls, ein winziges Zähnchen.
»Das ist die neue Wahrheit vom Leben.«
* * * * *
Mir war, als hätte ich mir ein Rüstzeug geschmiedet, das mich
unüberwindlich machte. Glückselig sah ich jedem jungen Tage entgegen und
wanderte mit frischen Kräften tief in den Wald, die Lenzluft einatmend,
die starke, würzige, -- den echten Jugendborn für Geist und Körper.
Es war hoher Sommer, als ich mich entschloß, meines Vaters Wunsch Folge
zu leisten und zum Kaisermanöver nach Münster zurückkehren.
Am Tage meiner Ankunft prangte die Stadt schon in vollem Schmuck: Fahnen
und Wimpel in bunter Farbenpracht flatterten im Winde, aus den Fenstern
hingen Teppiche, über die Straßen zogen sich grüne Girlanden, mit roten
und blauen Sommerblumen besteckt. Eine bunte Volksmenge füllte die
Straßen. Alte Trachten tauchten auf: Frauen mit schweren,
goldgestickten Hauben, Männer mit weißen Strümpfen und roten Westen, auf
denen dicke Silberknöpfe glänzten. Als am nächsten Morgen in glühendem
Sommersonnenschein das Kaiserpaar einzog, schien die ganze Luft erfüllt
von dem gewaltigen Konzert der Glocken, und der Donner der Geschütze
klang nur wie der tiefe Akkord der Begleitung. Alle Pracht und allen
Reichtum hatte der Adel Westfalens aufgeboten; in altertümlichen
Kaleschen, gemalt und goldverziert, gepuderte Kutscher und Lakaien in
roten, blauen, gelben und weißen Röcken auf Bock und Trittbrett, fuhren
seine Vertreter mittags zum Empfang ins Schloß.
Kein Prunkzelt der Medizeer konnte üppiger sein als das auf dem
Ludgeriplatz, wo die Mitglieder des Landtags den Landesherrn zum
Mittagsmahl empfingen. Und kein florentinischer Palast konnte größeren
Glanz entfalten als das Haus des Damenklubs, das am Abend die
kaiserlichen Gäste erwartete. Auf den Treppenstufen standen die Jäger
der Herzoge von Croy, von Ratibor, von Rheina-Wolbeck, der Fürsten
Bentheim und Salm; mit kostbaren Gobelins, alten Venetianer Spiegeln,
Waffen aller Länder und Zeiten, goldenen und silbernen Schaugefäßen
waren die Säle geschmückt, aber die Fülle der Edelsteine auf den Köpfen,
den Schultern, und den Armen all der schönen, rassigen Frauen
überstrahlte alles. Mit schimmernden Seidenkleidern und bunten Uniformen
füllten sich die Räume; eine Fanfare, -- und unter dem Bogen der Türe
erschien das Kaiserpaar: in Husarenuniform, den Dolman über dem kurzen,
linken Arm der Kaiser, in weißem Brokat die Kaiserin. Zum erstenmal sah
ich ihn wieder seit meiner Kinderzeit: das gebräunte Gesicht war noch
finsterer geworden, der emporgewirbelte Bart konnte über die
herabgezogenen Mundwinkel nicht täuschen, und das gleichmäßig
verbindliche Lächeln der blonden Frau neben ihm war zu konventionell,
ihr helles Antlitz zu ausdruckslos, als daß es den Blick von ihm hätte
ablenken, die Empfindung von Eiseskälte, die uns alle überkam, hätte
vertreiben können.
Der Ball begann. Ich fühlte, wie die jungen Damen mehr als sonst von mir
abrückten, wie man, trotz der Erregung des Augenblicks, Zeit fand, über
mich zu tuscheln und zu raunen. Hessenstein stand wie ein riesiger
Wächter neben mir. Er war es auch, der mir zuflüsterte, noch ehe eine
»gute Freundin« mich schadenfroh davon unterrichten konnte, daß Syburg
sich verlobt habe. Und an seinem Arm flog ich durch den Saal, als der
erste Walzer seine Schmeichelweise ertönen ließ. Unten, dicht vor der
Estrade, wo die Kaiserin Cercle hielt, stand der Kaiser. Im Rausch des
Tanzes bemerkte ich ihn erst, als die Schleppe meines Kleides ihn
streifte. Einen Augenblick lang sah er mir nach und lächelte, während
mir mit einem Gefühl des Triumphes durch den Sinn schoß, daß kein Tänzer
im Saal so schön war wie der meine und keine Dame so gut tanzte wie ich.
So sollte es sein: nicht allmählich, wie die alternden Mauerblümchen,
wollte ich mich losreißen vom Jugendleben, -- auf der Höhe vielmehr
wollte ich Abschied feiern! In den Pausen drängten sich die jungen
Mädchen in die Nähe der Kaiserin und kehrten mit verklärten Gesichtern
zurück, wenn es ihnen gelungen war, vorgestellt zu werden. »Wollen Sie
nicht auch --?« meinte Hessenstein bedenklich. »Wozu?« antwortete ich
lachend »um eines Handkusses und einer Phrase willen meine Spitzen in
Gefahr bringen!«
Im Speisesaal war auf erhöhtem Platz die Kaisertafel gedeckt; aus Gold
waren Bestecke, Schüsseln und Schalen, phantastische Orchideen nickten
aus hohen Kristallkelchen, Kränze von gelben Rosen hoben sich leuchtend
von der mattvioletten Seide der Wände. Tisch an Tisch reihte sich in dem
weiten Raum darunter, und den Dreihundert, die sich hier zusammenfanden,
wurde von silbernen Schüsseln auf silbernen Tellern serviert. Ich saß in
einem fröhlichen kleinen Kreis abseits unter dem Schatten
großblätteriger Palmen; zwischen ihren Stämmen hindurch konnte ich
hinauf zur Kaisertafel blicken. Das Profil Wilhelms II. stand scharf
gegen den hellen Hintergrund. Ich sah, wie er das Sektglas wieder und
wieder zum Munde hob und wie er lachte, -- der kleine dicke Herzog von
Croy, der ihm gegenüber saß, liebte derbe Späße, -- aber es war das
Lachen eines Ausgelassenen, das mit Heiterkeit nichts zu tun hat. Die
starke rechte Hand gestikulierte lebhaft und benutzte nur hie und da das
Doppelbesteck, um ein paar Bissen zu schneiden und zum Munde zu führen.
Kraftlos, bewegungslos wie ein fremdes Glied hing die behandschuhte
Linke an dem kurzen Kinderarm.
Sommerschwüle brütete in den Straßen, als wir heimwärts fuhren, und ein
Sommernachtsmärchentraum hielt die alte Stadt umfangen. Exotische
Glühwürmchen schienen um die Pfeiler der Laubengänge zu tanzen, sich,
allen Linien des Maßwerks folgend, bis hoch in die Spitzen der
Kirchtürme zu schwingen. Die grauen Steine verschwanden; aus Licht und
Farben waren die spitzen Giebel, die schlanken Säulen, die hohen
Fensterbogen gebaut. Hinter dem dunkeln Laubdach der alten Linden
schimmerte der Dom wie ein gewaltiger Tempel des Lichtgotts.
Wir fuhren langsam in unseren hellen Kleidern, Ballblumen im Haar, und
die Menge jubelte uns zu, wo wir vorüberkamen. Aus den offenen Fenstern
und den Gärten tönte Gesang und Musik.
Lebensfreudiges Heidentum lachte und leuchtete um uns, jenes Heidentum,
das die katholische Kirche klug zu erhalten verstand. Wo der
Protestantismus mit seiner kunstfeindlichen Nüchternheit einzog, entfloh
es; wo der Bischof im goldgestickten Ornat dem Prediger im schwarzen
Trauerkleid Platz machen mußte, wo die lustigen rotröckigen Chorknaben
verschwanden und in das mystische, weihrauchgeschwängerte Dunkel der
Kirchen grelles Tageslicht eindrang und duftloser Alltag, da verlor das
Volk allmählich den Kindersinn, der sich in phantastischem Prunk und
bunten Spielen äußert.
Zu Füßen der Porta Westfalica waren vierzehn Tage später die
Kaisermanöver. Mit einer Parade vor den Toren von Minden wurden sie
eröffnet. Es war dasselbe Bild wie immer bei solchen Gelegenheiten:
schwarze Menschenmassen, graue Staubwolken, geschmacklos dekorierte
Tribünen, von Fremden und Einheimischen dicht besetzt; auf dem Felde
davor, wohin das Auge reichte, blitzende Uniformen, wehende Helmbüsche,
stampfende Pferde. In der Ferne die blauen Höhenzüge des Wesergebirges,
-- ein ruhig-ernster Abschluß des lebendigen Bildes.
Wenn ein altes Roß, das schon lang vor dem Lastwagen keucht, die
Trompete hört, so spitzt es die Ohren, hebt den müden Kopf und versucht
mit den lahmen Beinen graziös zu tänzeln; und wenn der Mensch, der die
Soldatenspielerei der Völker schon längst für frevelhaft hält, die alten
Kriegsmärsche hört, so muß er an sich halten, um nicht mit zu
marschieren; tauchen aber die Truppen selbst vor seinen Augen auf, --
all die Tausende junger, lebensstarker Menschen zu Fuß und zu Pferde, im
silber- und goldverschnürten Rock, im glänzenden Küraß und die Sonne
spiegelnden Stahlhelm, mit schwarzweißen wehenden Fähnchen, den
rasselnden Säbel zur Seite, oder mit dem dröhnenden Gleichmaß des Tritts
zahlloser Bataillone, -- so pocht das Herz ihm höher, so fest ers auch
halten möchte.
Ich stand in der Mittelloge der Tribüne. Dicht vor mir die Suite des
Kaisers, die fremdländischen Fürsten, er selbst, und an ihnen vorüber
ein glänzender Strom von Soldaten, den die Tonwellen schmetternder
Fanfaren zu tragen und zu treiben schienen. Ich wollte nicht staunen,
nicht bewundern, aber die Worte des Spottes erstarben mir auf den
Lippen. Wecken jene Klänge verlorene Erinnerungen aus barbarischer
Vorzeit? Peitscht der Anblick kriegerischer Wehr jenen Tropfen Blutes
auf, der von unseren Vorfahren, denen Kampf Lust und Leben war, noch in
unseren Adern rollt? Oder ist es nicht bloß die Suggestion der Masse,
der Musik, der Farben, die unsere Sinne berauscht? Würde es uns nicht in
dieselbe Erregung versetzen, wenn diese Soldaten Männer der Arbeit
wären, ihre Waffen blanke Werkzeuge, ihre Uniformen Festgewänder, das
ganze strahlendbunte Bild eine gewaltige Revue der Arbeit?
Ich grübelte noch darüber nach, als ein brausendes »Hurrah« mich
aufsehen ließ. Der Kaiser hatte sich an die Spitze der 53er gesetzt und
führte das Regiment seines Vaters an den Tribünen vorüber. Als spontane
Gefühlsäußerung wurde jubelnd begrüßt, was nur eine Ausübung
höfisch-militärischer Sitte war.
»Wird ihm diesmal schwer geworden sein,« meinte Fürst Limburg leise, der
neben mir stand. »Warum?« frug ich verwundert. »Der Spuk im aachener
Kasernenhof soll ihn nicht wenig erregt haben!«
Am nächsten Morgen ritt ich mit Limburgs unter Führung eines
Korps-Gendarmen ins Manövergelände. Mit trüben Gedanken, die der
regnerische Tag nicht heller machte, war ich zu Pferde gestiegen. Meinen
Vater hatte ich seit meiner Rückkehr so wortkarg und finster gefunden,
wie nie vorher; in diesen Tagen aber war er von haltloser Heftigkeit, so
daß alles vor ihm zitterte. Ob er wohl auch an das pommersche
Kaisermanöver vom Jahre 87 dachte?! -- In einem Gehöft fanden wir Verdy,
den Kriegsminister, dessen sarkastischer Witz mich immer ebenso anzog,
wie sein vernachlässigtes Äußere mich abstieß. »Sauwetter!« brummte er,
mir die Hand schüttelnd »Sie hätten sich auch was Besseres aussuchen
können, als diesem Manöver beizuwohnen.«
»Was bedeutet die seltsame Betonung, Exzellenz?« frug ich unruhig.
»Na, Sie sehen doch, -- es regnet,« wich er aus, »und dann -- all das
Hofgeschmeiß, über das man stolpert! Wissen Sie übrigens, -- Majestät
hat Herrn von Wittich in letzter Stunde die Führung des markierten
Feindes übertragen.« Ich erschrak. Wittich, der Generaladjutant und
Günstling des Kaisers, ein Mann, dessen militärische Leistungen mein
Vater zu verhöhnen pflegte, -- stand ihm heute als Gegner gegenüber!
Wir ritten weiter. Unterwegs begegnete uns ein Ordonanzoffizier vom
Stabe meines Vaters. Er strahlte.
»Das war ein Bravourstück,« rief er mir schon von weitem entgegen. »Die
dreizehnte Division hat einen Marsch hinter sich, der alles in Erstaunen
setzte. Natürlich kam die feindliche Kavallerie zu spät und wurde
glänzend abgewiesen.«
Ich atmete auf. Vor der Mühle Habichtshorst wehte die Kaiserstandarte.
Wir ritten so nah heran wie möglich.
Im nächsten Augenblick brauste und dröhnte es dicht vor uns: unter
tausenden von Pferdehufen bebte die Erde, die ganze Kavallerie-Division
stürmte zum Angriff, -- ein Anblick, der den Herzschlag stocken ließ und
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