hohe Mauern, Türme und Wehrgänge umschlossen. »Ists nicht schön hier?« lächelte Anna. »Aber mit meinem Fritz würd' ich auch in einer Rumpelkammer glücklich sein,« fügte sie rasch hinzu und flog ihrem Mann um den Hals, der eben auf uns zu trat. Stille Tage folgten. Von der Galerie der Schloßmauer träumte ich stundenlang ins Land hinaus; auf der Terrasse unter den hohen, knospenden Linden saß ich, wo vier alte Geschütze an die Zeit erinnerten, da die Grafen von Limburg noch selbständig Kriege führen und Münzen prägen konnten; und zu Fuß, zu Wagen und zu Pferde besuchten wir die Gegend ringsum. Noch gab es hier weltabgeschiedene Täler, mit lindenumgrünten Bauernhöfen, und steile Höhen, mit Burgen gekrönt, von den Sprossen alter Geschlechter bewohnt; fast überall aber dröhnten die Eisenhämmer, kreischten die Sägen und klapperten die Mühlen; und wer die Geister der Vergangenheit suchen wollte, der mochte sie wohl nur noch tief in den Felsenhöhlen der Berge finden. Viele Stätten erinnerten durch Namen und Sage an die Götter der Alten, an Wodan und Donar, an die Kämpfe der Römer gegen das mächtige Volk der Sachsen, an Wittekinds vergebliches Ringen mit dem gewaltigen Karl und seine Unterwerfung unter Kreuz und Krone, -- aber schon lauerte das gefräßige Ungeheuer, die neue Zeit, um sie alle zu verschlingen. Sieghaft stieg der Fabrikschornstein empor, wo der Burgturm langsam zusammenstürzte. Ich floh seinen Anblick und wäre so gern auf den ausgebreiteten schillernden Flügeln der Phantasie vor mir selbst entflohen ins sonnendurchglühte Märchenreich, aber die Wirklichkeit fing mich immer wieder mit ihren grauen, dichten Spinnenfäden. Mein Vater schrieb mir fast täglich, und selten nur blieb Syburgs Name unerwähnt in seinen Briefen. »Ich sah ihn auf dem letzten Rennen in Hamm,« hieß es zuletzt, »er frug voll aufrichtiger Teilnahme nach Deinem Befinden und freute sich Deines Wohlergehens. Er hofft Dich in Brake bei Bodenbergs zu sehen; Limburgs werden des alten Herrn siebenzigjährigen Geburtstag doch sicher mitfeiern helfen.« Daß er sich so gewaltsam in mein Leben hineindrängte und die Erwägungen der Vernunft, die Gefühle der Kindespflicht, die Sehnsucht nach Inhalt und Zweck des Daseins seine Wünsche unterstützten! Jene geheimnisvolle Gewalt des Instinkts, die mich in Münster von seiner Seite gerissen hatte, schien mich auch jetzt unter ihren Willen zwingen zu wollen. »Geh ihm aus dem Wege --« flüsterte sie mir zu. Aber von jeher hielt ich sie für meinen bösen Engel, mit dem ich glaubte ringen zu müssen. Zu tief hatte sich mir der Mutter einziges Erziehungsprinzip eingeprägt, das Selbstbeherrschung mit Selbstentäußerung gleich setzte. So saß ich denn am nächsten Morgen zur Abfahrt gerüstet am Frühstückstisch -- »ohne Mailaune,« wie Anna neckend bemerkte, -- als der Diener die Post brachte: »Revolution im Kohlenrevier« stand in fetten Lettern an der Spitze des Kreisblatts, und mein Vater schrieb: »In Gelsenkirchen haben sich ein paar dumme Bengels mausig gemacht, und die Kohlenfritzen flehen nun mit schlotternden Knien um militärischen Schutz. Obwohl etwas Angst und eine kleine Tracht Prügel den Protzen, die die armen Leute zum Besten ihres Geldsacks in die Gruben schicken, ganz gesund wäre, mußte ich heute schon eine Kompagnie Dreizehner nach Gelsenkirchen schicken, denen die Kürassiere morgen folgen werden. Ich finde solche Aktionen eines Soldaten unwürdig ...« »Zu dumm!« rief Anna ärgerlich. »Nun ists mit der ganzen Stimmung vorbei. Statt lustig zu sein, werden uns die Herren mit Politik anöden!« »Am besten wärs, wir blieben zu Hause,« meinte ihr Mann. Davon aber wollte sie nichts wissen. Sie weinte fast vor Erregung. »Angsthase, der du bist! Wenns in Münster brennt, wirst du in Limburg noch nach der Feuerspritze laufen!« Der Fürst lachte und streichelte der kleinen Frau begütigend die Wangen. »Sei ruhig, Kindchen -- natürlich fahren wir! Brake ist, Gottlob, weit vom Schuß, und im dortmunder Kreis scheint alles ruhig zu sein.« Aber je mehr wir uns auf der Fahrt aus den grünen Bergtälern entfernten, und je zahlreicher die zum Himmel starrenden Essen wurden, desto stärker sprach ihr Anblick für ungewöhnliche Vorgänge: das Leben, das ihnen sonst in grauen Wölkchen, in schwarzen Schwaden, in tollem Funkensprühen vielgestaltig entquoll, war erloschen. Ungehindert strahlte die Maiensonne vom wolkenlosen Himmel; wie ein Feiertag wars. Im grauen Herrenhaus zu Brake, das, von einem Wassergraben umgeben, mit seinen dicken Mauern und kleinen Fenstern düster ins weite ebene Land hinaussah, wurden wir freudig empfangen. Viele hatten im letzten Augenblick abtelegraphiert, vor allem fehlte es an jungen Herren für die tanzlustigen Mädchen, sie waren entweder mit ihrer Truppe im Streikgebiet um Gelsenkirchen oder mußten in ihren Garnisonen aller Befehle gewärtig sein. Nur Syburg trat mir entgegen -- mit einem so freudigen Aufleuchten in den sonst so unbeweglichen Zügen, daß es mir unwillkürlich warm ums Herz ward -- und Hessenstein, der mit seiner Schwadron in Dortmund in Quartier lag und herübergeritten war. »Am liebsten hätte ich alle meine Kerls mitgenommen,« sagte er. »Man schämt sich förmlich seines Säbelrasselns inmitten völliger Kirchenruhe.« »Wenn Sie nur nicht doch noch recht blutige Arbeit bekommen!« meinte Syburg. »Eine Rotte Betrunkener, -- und das Unglück ist geschehen.« Anna sollte Recht behalten: trotz der blumengeschmückten Tafel, der feurigen Weine und der launigen Toaste auf den Hausherrn und das Geburtstagskind wollte die echte Feststimmung nicht aufkommen. Alles war voll von den Ereignissen, und jeder wußte andere Details zu erzählen. Der Ortspfarrer war eben von Castrop zurückgekehrt. Er hatte die Streikenden der Zechen Erin und Schwerin gesehen und gesprochen. »Ihr Verhalten ist ein so würdiges,« sagte er, »daß die Aufregung der Zechenbeamten dem gegenüber einen peinlichen Eindruck macht.« »Dasselbe habe ich eben vom Oberpräsidenten gehört, den ich in Witten traf,« meinte Graf Recke. »Er kam aus Gelsenkirchen, wo er mit den Arbeitern der Hibernia verhandelt hat. Ihre Forderungen halten sich zunächst in durchaus diskutabeln Grenzen, und wenn die Presse wegen der Achtstundenschicht Zetermordio schreit, so weiß sie eben nicht, was uns alten Westfalen von Jugend an bekannt ist: daß nach unseren Bergordnungen vom 17. Jahrhundert an die Schicht schlechthin achtstündig war und erst das gesegnete 19. Jahrhundert, wie mit so vielen guten alten Bestimmungen, auch damit aufräumte. Die Knappschaften verlangen nichts anderes als das Recht ihrer Väter.« Baron Bodenberg bestätigte Reckes Behauptung. »Und mit ihren übrigen Wünschen steht es im Grunde nicht anders,« fügte er hinzu, »in meiner Jugend hatten die Grubenbesitzer den Knappen gegenüber keine freie Hand. Über Annahme und Entlassung der Arbeiter, Feststellung der Löhne, Regelung des Betriebs usw. usw. stand die Entscheidung damals ausschließlich der königlichen Bergbehörde zu. Jetzt, im Zeitalter der famosen freien Konkurrenz kann jeder Jude, der sich eine Grube kauft, aber nie in seinem Leben selbst die Nase hineinsteckt, machen, was er will. Opponieren ihm mal die alten Leute, so holt er sich polnisches Gesindel und ruiniert uns durch das hergelaufene Volk den guten Stamm und seine gute Gesinnung. Ich sprach erst gestern einen Häuer von der Zeche Schleswig, der hier vom Gutshofe stammt, ein Spielkamerad meiner Söhne war und ein Knappe vom guten alten Schlage ist. 'Wir wollen gar nicht randalieren,' meinte der, 'und hauen unseren grünen Jungens selbst eine runter, wenn sie spektakeln. Auch um den Lohn ists uns nicht so sehr zu tun, nur kürzere Schicht müssen wir haben und anständige Behandlung.' Und solche Leute werden wie Aufrührer mit Pulver und Blei bedroht!« »Ich glaube, die Herren sehen die Dinge zu sehr durch die Brille der Tradition,« mischte sich Fürst Limburg ins Gespräch. »Alte Bestimmungen und altes Recht entsprechen doch kaum mehr der ganz veränderten Betriebsweise. Und das wissen die einsichtsvolleren unter den Knappen sicher ganz genau. Mir scheint daher, daß die eigentliche Triebkraft der ganzen Bewegung nicht in der Sehnsucht nach der 'guten alten Zeit' zu suchen ist.« »Und worin sonst, wenn ich fragen darf?« warf der alte Bodenberg, der so sehr das Orakel der Gegend war, daß er Widerspruch selten erfuhr, gereizt ein. »In demselben Gegensatz, der auch die Sozialdemokratie groß zieht: dem zwischen den ungeheueren Reichtümern auf der Seite der Unternehmer und der Besitzlosigkeit, um nicht zu sagen der Armut, auf der Seite der Arbeiter --« »Armut! Darin steht man wieder Ihre jugendliche Neigung zu starken Worten!« polterte Bodenberg; »als ob unsere Bergleute von Armut auch nur 'ne Ahnung hätten! Haben alle ihr Häuschen, ihren Gemüsegarten und mästen sich ein Schwein --« »Und doch, Herr Baron, haben wir unten im Dorf manche Ehefrau, die schon mitverdienen muß, und die Kinder schicken sie gewiß auch nicht aus Vergnügen so früh als möglich -- mit gefälschten Geburtsscheinen, wenns nicht anders geht -- in die Grube,« ließ sich der Pfarrer vernehmen. »Von der verdammten Genußsucht kommt das, und von nichts anderem!« unterbrach ihn der alte Baron, »zu meiner Zeit gingen die Knappenfrauen noch in Kopftüchern und Schürzen in die Kirche -- heute muß jede einen Federhut tragen und die Röcke auf dem Tanzboden schwenken --« »Wenn die Leute sehen, daß die Herren Direktoren mit vierzig- und fünfzigtausend Mark Gehalt auf Gummirädern fahren und Sektgelage geben und die Aktionäre schmunzelnd enorme Dividenden schlucken, so ists doch kein Wunder, daß sies ihnen auf der einen Seite nachmachen möchten und auf der anderen vor Neid immer rabiater werden. Die ganze Bewegung ist dadurch entstanden -- ich komme damit auf meinen Ausgangspunkt zurück --, daß die glänzende Konjunktur der letzten Jahre ausschließlich den Besitzern und Aktionären, nicht aber den Bergleuten zugute kam. Hier hakt notwendigerweise die sozialdemokratische Agitation ein.« »Sie sehen, was das betrifft, sicher zu schwarz, lieber Limburg,« sagte Graf Recke, »jedenfalls, soweit unser hörder Kreis in Frage kommt. Unsere frommen, königstreuen Bergleute -- und Sozialdemokraten! Selbst ihre Versammlungen schließen sie mit einem Hoch auf den Kaiser!« Hessenstein räusperte sich vernehmlich: »Und doch haben mir heute morgen ein paar Kameraden von den Dreizehnern erzählt, daß die Direktoren der Zeche Schleswig gleichfalls um militärischen Schutz gebeten haben. Man fürchte Ausschreitungen gegen Streikbrecher, hieß es.« Bodelschwing lachte, daß ihm die Tränen in den weißen Bart liefen: »Das ist wirklich kostbar! -- Die Furcht ist schon die ansteckendste Krankheit! -- Viel eher möcht' ich glauben, daß unsere Dorfschönen sich auf diese ungewöhnliche Weise für den morgigen Feiertag die Tänzer bestellten, die ihnen wahrscheinlich ebenso fehlen wie uns!« Schweigsam hatte Syburg bis dahin zugehört. Sein kühler, hochmütig-wissender Ausdruck -- der typische des altpreußischen Beamten -- reizte mich. »Ihre landrätliche Würde verbietet Ihnen wohl, sich auszusprechen?« wandte ich mich spottend an ihn, und als er, unangenehm überrascht, aufsah, fügte ich rasch hinzu: »Oder sollten Sie ketzerische Gedanken zu verbergen haben?« »Ketzerische Gedanken?!« -- er warf mir einen tadelnden Blick zu -- »vielleicht! Aber andere, als Sie anzunehmen scheinen! So milde, wie die Herren hier, vermag ich die Dinge nicht zu beurteilen. Nach meiner Ansicht hat eine gewissenlose sozialdemokratische Agitation die gut bezahlten Bergarbeiter zum Kontraktbruch verführt, und es ist unsere Pflicht, sie, wenn es sein muß, mit Gewalt auf den Weg des Rechts zurückzuführen. Wortbruch und Pflichtvergessenheit sind überall der Anfang vom Ende.« »Ganz Ihrer Meinung, Herr von Syburg!« antwortete ich, während mir das Blut heiß in die Schläfen stieg. »Es kommt nur darauf an, auf welcher Seite Wortbruch und Pflichtvergessenheit zu finden ist! Wenn die Grubenbesitzer, die in der glücklichen Lage sind, eine Havanna rauchend vor dem Tischlein-deck-dich zu sitzen, den Arbeitern nicht so viel geben, daß sie anständig leben können, so ist das Pflichtvergessenheit; und wenn sie, die zu allen Vergnügungen der Welt Zeit haben, ihnen das althergebrachte Recht auf eine geregelte Arbeitszeit vorenthalten, so ist das Wortbruch!« Syburg preßte die Lippen zusammen, -- er zwang sich offenbar zu einer ruhigen Antwort. »Sie sprechen aus der Gefühlsperspektive der Frau. Das ist verzeihlich. Sie kennen, Gott sei Dank, diese aufrührerische, mit sozialdemokratischen Phrasen vollgefütterte Bande nicht, die jetzt auf den Gruben und in den Fabriken das große Wort führt und an allem rüttelt, was uns heilig ist.« Wie eine Vision sah ich plötzlich all die Gestalten des Elends wieder, die mir im Leben begegnet waren: aus den Vorstädten Posens und Augsburgs, aus den Dörfern des Samlands. »Sie mögen recht haben,« sagte ich nachdenklich, »die kenn' ich nicht -- aber andere kenn' ich. Und das Eine weiß ich gewiß --« meine Stimme zitterte vor Erregung -- »wäre ich eine von denen, meine Geduld wäre erschöpft, und ich würde mich um Treue und Pflicht nicht kümmern.« Syburgs blasses Gesicht hatte sich mit tiefer Röte überzogen; doch die Herrin des Hauses hob die Tafel auf, und er unterdrückte noch rasch eine scharfe Antwort, die ihm offenbar auf den Lippen schwebte. Während des ganzen warmen Frühlingsabends, der uns alle in den Park hinauslockte, mied er mich. Nur beim Abschied hielt er meine Hand fest in der seinen und flüsterte: »Ich möchte, daß wir uns versöhnen -- ganz und auf immer --, darf ich darauf hoffen, wenn ich nach Hohenlimburg komme?« Ich nickte nur. Wir blieben über Nacht in Brake, um den bequemen Frühzug benutzen zu können. Aber als wir am nächsten Morgen herunterkamen, trat uns der alte Bodenberg mit ernstem Gesicht entgegen. »In Witten und Annen hat das Militär scharf geschossen,« sagte er, »in Dortmund soll die Haltung der Arbeiter eine drohende sein -- nach Hörde sind, wie mein Verwalter eben berichtet, die Kürassiere unterwegs. Wenn auch die Stimmung der Leute in unserer nächsten Nachbarschaft vollkommen friedlich ist, so möchte ich Sie doch bitten, diesen Tag noch abzuwarten -- oder wenigstens Ihre Damen hier zu lassen --« So sehr wir uns sträubten -- Anna, weil die Gesellschaft des alten Ehepaars sie langweilte, ich, weil mir nichts erwünschter gewesen wäre, als den Aufstand der Arbeiter in der Nähe zu sehen, -- wir mußten uns fügen. Ich lief in den Park, -- vielleicht, daß sich von hier aus irgend etwas erspähen ließ. Das Abenteuerfieber der Jugend packte mich, dasselbe Fieber, durch das Schulbuben auf Auswandererschiffe getrieben und schwärmerische Byron-Seelen in phantastische Freiheitskämpfe gerissen werden, das Fieber, das überall ausbricht, wo ein Gluthauch plötzlich die Normaltemperatur des Alltags vertreibt. Hohe Mauern wehrten mir den Ausblick. Sollten sie mich immer wieder von der lebendigen Welt da draußen trennen? Ich trat auf den Gutshof. Feiertägige Stille herrschte auch hier. Aber drüben, wo zwei mächtige Linden am Ausgang zur Straße Wache standen, sah ich einen Haufen lebhaft gestikulierender Menschen. Ein grauer Kopf mit der Bergmannsmütze auf den kurzgeschorenen Haaren ragte aus ihrer Mitte hervor. »Ich, ich bin dabei gewesen!« hörte ich ihn schreien, als ich näher hinzutrat, -- »ein Wunder, daß ich mit heilen Gliedern davon kam! Sie haben geschossen, wie verrückt.« »So erzählt doch, Mann, erzählt!« -- »Wo -- wo ists denn gewesen?« bestürmten ihn die Umstehenden. »In Bochum -- gestern abend. Ein blutjunger Leutnant kommandierte Feuer -- grad, als die Menschen aus dem Bahnhof strömten. Wie die Hunde die Hammelherde, so umschlossen die Soldaten die Leute -- lauter harmloses Volk -- kaum einer von uns darunter, -- und dann lag der Platz voller Toten --« Irgend woher klang eine Kirchenglocke. Der Bergmann schwieg, riß die Mütze vom Kopf und schlug mit der harten rissigen Hand das Kreuz über Stirn und Brust. Erst jetzt sah ich ihn genauer. Der Kohlenstaub schien sich in die Falten unter den Augen eingebrannt zu haben, so daß sie aussahen wie die großen runden Augenhöhlen der Totenschädel. Farblos fahl waren die Züge; eine breite, gelbe Narbe, die das Gesicht in zwei Hälften teilte, entstellte sie zur Fratze. Er wandte sich zum Gehen, und die Menge drängte ihm nach. Die gerade schwarze Straße, mit den kahlen Pappeln zu jeder Seite und dem schweren Grau trübdunstigen Frühlingshimmels ringsum, verschlang sie rasch. Drohend wie ein Galgen ragten in der Ferne die Glockenstühle in die Luft, und die Sonnenstrahlen scheuten sich vor der Berührung dieser Öde ... Langsam, schweren Herzens, wandte ich mich wieder dem Schlosse zu. Die Hausbewohner waren zur Sonntagsandacht in der Halle versammelt. Auf hohem Stuhl saß der Hausherr und las aus der alten Bibel: »Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid ...« Und die Vertreter christlicher Ordnung schossen auf die Mühseligen und Beladenen! dachte ich bitter. »Es läßt mir keine Ruhe,« sagte der alte Bodenberg, nachdem der letzte Ton auf dem Harmonium verklungen war und die Dienerschaft sich entfernt hatte. »Kommen Sie, Limburg, wir gehen ein Stück Weges zur Zeche hinunter --« Entsetzt schrie Anna auf: »Das darfst du mir nicht antun, Fritz!« Aber begütigend legte die alte Baronin ihre feine Greisenhand auf den Arm der Erregten: »Fürchten Sie nichts, kleine Frau, -- die Leute hier krümmen unseren Männern kein Härchen.« Wir blieben trotzdem in kaum zu bemeisternder Unruhe zurück. Wir horchten auf jeden Ton, während einer den anderen durch eine möglichst harmlos-heitere Unterhaltung über die Erregung hinwegzutäuschen suchte, und sprangen gleichzeitig erleichtert auf, als nach einer Stunde Bodenbergs kräftige Stimme vom Hof herauf durch das Fenster klang. »Hab' ichs euch nicht gesagt?« lachte er uns entgegen. »Sie freuen sich drunten ihres Feiertags, wie nur je. Die Kinder spielen auf den Straßen, die Frauen stehen im Sonntagsputz vor den Türen und schwatzen mit den Nachbarn.« »Und doch heißt es, daß Soldaten kommen,« unterbrach ihn Limburg mit einem Ausdruck schwerer Besorgnis in den Zügen. »Mögen sie doch! Gegen die Kinder, die jetzt schon in der Vorfreude hurraschreiend ihre Fähnchen schwingen, werden sie kaum zu Felde ziehen. Sahen Sie nicht den krummbeinigen Schlingel, dem seine Gefährtin, ein süßes Mädelchen mit Haaren wie rote Flammen, den Platz an der Spitze der kleinen Gesellschaft streitig machte? Gefährliche Aufrührer sind das, nicht wahr?!« »Gewiß sah ich sie -- aber ich sah auch die Gesichter der Männer hinter den Fenstern der Kneipe ...« Ein Geräusch -- wie ein fernes Prasseln von Hagelkörnern auf Glasscheiben -- unterbrach das Gespräch. Bodenberg wurde aschfahl -- »Gewehrsalven« -- murmelte Limburg. Wir standen, wie an den Boden gebannt, -- in atemloser Erwartung. Unten auf dem Hof liefen die Leute zusammen. »Sie schießen,« schrie einer. Wir stürzten hinunter bis ans Tor, keiner sprach mehr ein Wort, aber von einer Angst erfüllt starrten wir alle die lange, öde, schwarze Straße hinab. Die Zeit schien still zu stehen, Ewigkeiten dünkten uns die Minuten. Endlich erhob sich in der Ferne eine Wolke Staubs vom Boden: Menschen, die liefen, als wäre der Teufel ihnen auf den Fersen. Näher und näher kamen sie: Weiber mit wehenden Haaren und verzerrten Zügen -- schreiende Kinder mit rot verquollenen Augen -- ihre Sonntagskleider bedeckt mit dem schwarzen Ruß der Straße. »Sie morden uns --« stöhnte eine weißhaarige Alte, warf die hageren Arme verzweifelt um den Kopf und brach vor uns zusammen ... Tröstend und helfend gingen Brakes Bewohner von einem zu anderen, und endlich gelang es, aus dem wirren Durcheinander des allgemeinen Erzählens ein Bild dessen zu gewinnen, was geschehen war. Der Ton der Pfeifen und Trommeln hatte alles auf die Dorfstraße gelockt. Den Großen voran waren die Kinder jubelnd den einziehenden Soldaten entgegengelaufen, als ein barsches »Platz da« ihres Führers, eines jungen Leutnants, die Freude in Furcht verwandelt hatte. Die Kinder hatten sich hinter den Großen verkrochen, die Männer eine drohende Haltung angenommen. »Nur das rothaarige Lieserl stellte sich keck mitten auf die Straße,« sagte die Alte, die noch auf dem Boden hockte. »Und den Franz sah ich, wie er einen Stecken aus unserem Zaun riß und damit wild herumfuchtelte,« berichtete zungenfertig eine andere. »'Platz da' -- rief der Leutnant dann noch einmal, und die Soldaten trieben uns alle gegen die Häuser. Da drängte sich die Mutter vom Franz mit dem Kleinsten an der Brust durch die Reihen -- der Junge ist ihr Ältester, ihren Mann brachten sie ihr voriges Jahr tot aus der Grube --; sie hatte ihn grade erwischt, als der Herr Offizier noch mal losschrie --« »'Immer die Augen auf den Feind halten,' sagte er. Ich hab' es ganz genau gehört,« ergänzte ein blasses Ding mit fanatisch funkelnden Augen die Worte der Erzählerin. »Den Feind, -- damit meinte er uns!« riefen sie alle durcheinander und selbst auf den Wangen der Müdesten und Stillsten erschienen rote Flecken. »Da wars aus mit der Ruhe bei den Knappen -- sie drohten mit den Fäusten, sie schimpften, auch ein paar Steine flogen ...« Die Erzählerin schluchzte auf. »Dann schossen sie auf uns --« sagte mit tonloser Stimme die Alte. Und nun schwiegen sie alle -- nur verhaltenes Weinen unterbrach die Stille. Ich griff mir an den Kopf, -- es war doch wohl nur ein böser Traum, der mich narrte?! Es brauste mir in den Ohren, das Entsetzen schnürte mir die Kehle zusammen. »Dem Franz seine Mutter war die erste, die fiel --« wie aus weiter Ferne schlugen die Worte wieder an mein Ohr. »Ich sah sie dicht vor mir -- die Haare ganz voll Blut, -- das Jüngste an die Brust gepreßt -- und den Stock noch in der Hand, den sie dem Franz entrissen hatte ...« War ich es, die qualvoll aufstöhnte -- oder war es -ein- Ton, der sich uns allen entriß?! »... Ja, und die rote Liefe lag auch mitten auf der Straße -- sie guckte grade in den Himmel mit den toten Augen ...« »Das süße Mädelchen mit den Flammenhaaren ...« flüsterte der alte Bodenberg mit erstickter Stimme. * * * * * Wir fuhren noch an demselben Tage auf einem großen Umweg zurück. Dicht hinter Unna wies der Fürst aus dem Fenster. »Wir passieren hier den historischen Boden der Zukunft,« sagte er, »dort drüben auf der Heide stand noch zu meines Vaters Lebzeiten jener uralte sagenumwobene Birkenbaum, und jenseits, von den Schlückinger Höhen, sahen die Bauern, wie die blutige Schlacht um ihn tobte.« »Vielleicht ist sie heute schon keine Sage mehr,« antwortete ich. Mit steigender Erregung verfolgte ich in den nächsten Tagen die Ereignisse. Noch mehr als durch die Zeitungen erfuhren wir durch Briefe und durch die Erzählungen der Augenzeugen. Kaum eine Stimme war, die für die Zechendirektoren Partei ergriffen hätte, und die Empörung war allgemein, je häufiger sie den Bergleuten, die im Vertrauen auf ihre Versprechungen die Arbeit wieder aufgenommen hatten, ihr Wort brachen. »Habt ihr endlich Hunger genug?!« Damit empfingen die Zechenbeamten von Gelsenkirchen die wieder einfahrenden Knappen, und in Hörde trieben sie kranke Weiber und Kinder aus den Zechenhäusern, wenn die Männer im Ausstand beharrten. »Ich glaube, daß wir vor einer großen Umwälzung stehen,« schrieb ich an meine Kusine, »die Macht des Kapitals muß gebrochen werden. Vor hundert Jahren hat die Revolution den Absolutismus und den Feudalismus gestürzt, -- sie waren dessen wert! --, eine künftige Revolution wird den Kapitalismus vernichten, und wir werden das wunderbare Schauspiel erleben, daß der Adel und die Arbeiter zusammen gehen.« Die Deputation der Bergleute zum Kaiser schien mir der Auftakt des großen Schauspiels, das ich erwartete. Und die ersten Nachrichten von ihrem Empfang, von der Anerkennung ihrer Wünsche durch den Monarchen bestätigten meine Hoffnungen. Dann aber sickerten allerlei andere Gerüchte durch: die drei Deputierten waren keineswegs befriedigt zurückgekommen; kaum zehn Minuten hatte er Zeit gehabt, sie anzuhören, mit einer Drohung gegen alle, die sich den Anordnungen der Behörden widersetzen würden, hatte er seine Antwort geschlossen. Und was folgte, schien die Wahrheit der Gerüchte zu bestätigen: das ganze Streikkomitee wurde verhaftet, der Oberpräsident, der stets zu vermitteln gesucht hatte, mußte einem Nachfolger weichen, dem der Ruf eines Scharfmachers voran ging. »Studt ist ein glatter Höfling,« schrieb mir mein Vater, »der mir neulich mit dem verbindlichsten Lächeln erklärte, daß meine offenbare Verkennung so trefflicher Leute, wie der Grubenmagnaten, höheren Orts unliebsam empfunden würde. Mich solls nicht wundern, wenn wir in Preußen noch mal so weit kommen, vor jedem Geldsack auf dem Bauche zu rutschen.« Unter den Enttäuschungen litt ich, als beträfen sie mich selbst. Mit der Märtyrergloriole hatte ich das Haupt der erschossenen Bergmannsfrau und das rote Köpfchen des Proletarierkindes umwoben und den gräßlichen Eindruck in der eigenen Erinnerung verklärt; nun waren sie umsonst gestorben, und nichts als der schwarze Straßenruß umgab sie. Ich war in wehmütig weicher Stimmung, als Syburg kam. Am Morgen desselben Tages hatte mir Anna mit einem selig-verschämten Lächeln von ihrer Mutterhoffnung erzählt, hatte mich in das weiße Zimmer geführt, das den jungen Erdenbürger erwartete, und all die weichen, duftigen Dinge aus Spitzen und Battist waren mir durch die Finger geglitten. Meine Hände waren heiß geworden dabei, und die Tränen waren mir in die Augen gestiegen. Und die kleine Anna hatte sich emporgereckt, um mich mit einem altklug wissenden Ausdruck auf den Mund zu küssen. Nun ließ sie all die Kupplerkünste spielen, in denen junge, glückliche Frauen Meisterinnen sind. Sie pries neckend meine Schönheit und meine Tugenden, erzählte allerlei Abenteuerliches von meinen vielen Verehrern und ließ uns schließlich, Müdigkeit vorschützend, im Park allein. Syburg schien nur darauf gewartet zu haben. »Ich möchte Klarheit haben zwischen uns, volle Klarheit, Fräulein Alix,« begann er, zum erstenmal vertraulich meinen Namen nennend. Ich fuhr unwillkürlich erschrocken zusammen. Aber die Frage, die er stellte, war nicht die erwartete -- gefürchtete. »Man hat mir erzählt, Sie hätten sich neulich nach dem Aufstand auf der Zeche Schleswig mit größter Schärfe für die Streikenden ausgesprochen.« Ich bezwang meinen Zorn über diese Art, mich auf Herz und Nieren zu prüfen. »Und wenn ich es getan hätte,« sagte ich rasch und abwehrend, »ist es nicht eine der ersten Forderungen Ihres Christentums, den Unschuldigen beizustehen? -- Gebietet es nicht Ihre Religion, sich opfermütig zwischen die Kinder und ihre Mörder zu werfen?« »Mein Christentum?! Meine Religion?!« Er sah mich groß an. »Sie haben sich falsch ausgedrückt, wie ich hoffe! Unser Glaube ist der gleiche -- nicht wahr, Fräulein Alix?« »Sie spielen ein männliches Gretchen, Herr von Syburg!« fuhr ich auf, »mit welchem Recht behandeln Sie mich wie ihr Beichtkind?!« »Mit dem Recht des Mannes, der das Jawort ihrer Eltern erhielt!« Er griff nach meiner Hand, die ich ihm heftig entriß. »So erfahren Sie denn, daß ich dies Recht nicht anerkenne! Niemand hat über mich zu verfügen -- niemand -- als ich, ich ganz allein. Und ich -- ich werfe Ihnen ihr Jawort vor die Füße!« Ich wandte ihm den Rücken, schritt ruhig durch die Lindenallee, über den Burghof, die Treppen hinauf in mein Zimmer -- warf die Tür ins Schloß, riegelte zu -- reckte die Arme weit aus: nun war ich frei! Anna ließ ich vergebens klopfen -- fragen -- bitten. Ich wäre außerstande gewesen, irgend jemandem Rede und Antwort zu stehen. Ich mußte allein sein. Noch stand ich mit einem Gefühl des Schreckens vor dem Abgrund, der zwischen mir und meiner Welt auseinanderklaffte. Unter den Speerwürfen blendenden Sonnenlichts war der Nebel zerrissen, den ich, mich selbst belügend, so lange für eine Brücke gehalten hatte. Ich stand auf fremdem Boden, -- zurecht finden mußt ich mich, meine Gedanken sammeln, über meine Zukunft entscheiden. Am nächsten Morgen, in aller Frühe schrieb ich an meine Eltern und trug den Brief selbst zur Stadt hinunter. Schneidend pfiff der Wind über die Höhen, als ich abwärts schritt. In grauen Wolken verschwanden die Türme der Burg, und aus der Tiefe grüßten mich sieghaft die schwarzen Schlote. Vierzehntes Kapitel Und nun kamen stille Wochen auf Hohenlimburg. Die Mutterhoffnung hatte Anna völlig verändert. Sie lernte die Einsamkeit lieben und überließ mich stundenlang mir selbst. In den ersten Tagen fürchtete ich mich vor jedem Postwagen, der ankam. Die Briefe, die er brachte, waren fast noch schlimmer, als die Ankunft des Vaters gewesen wäre, die ich erwartet hatte. Die Gründe, die mich bewogen hatten, Syburgs Werbung abzulehnen, hatte dieser natürlich in einer Weise dargestellt, die mich kompromittieren sollte. Über meine Sympathie mit den Bergarbeitern wurden, wie es schien, nicht ohne Syburgs Hilfe, wahre Räubergeschichten verbreitet, denen mein Vater zunächst Glauben schenkte. Und derselbe Mann, der eben erst gegen die Unternehmer gewettert hatte, gefiel sich jetzt in wilden Übertreibungen und beschuldigte mich, sein Unglück zu sein. »Daß ich, ein königstreuer Edelmann und Offizier, es erleben mußte, daß meine Tochter mit diesen wortbrüchigen Hallunken sympathisiert!« schrieb er. Aber die Anschuldigungen, mit denen er mich in der ersten Aufregung überhäufte, trafen mich weit weniger als der tiefe Schmerz über mein Schicksal, der in seinen späteren, ruhigeren Briefen zum Ausdruck kam. »Wie hatte ich mich gefreut, dich versorgt zu sehen, ehe ich sterbe --« dies Wort tat mir bitter weh. Meiner Mutter Briefe dagegen mit ihrem: »ich habe es vorausgesehen«, -- »ich wußte, daß du dich nie in geregelten Bahnen bewegen würdest« -- »deine Romane sind nur um ein Kapitel reicher geworden« empörten mich. Auch meine Tante schrieb mir. »Deine Ablehnung einer, wie mir Hans mitteilte, so ungewöhnlich guten Partie ist ein Schaden, den du dir selbst zugefügt hast, und dessen Folgen du ebenso zu tragen haben wirst wie die sonstigen Folgen deines Eigensinns ...« Schweigend ließ ich alle Vorwürfe über mich ergehen. Ich machte weite Spaziergänge, auf denen mir der schwarze Cäsar, der treue Hofhund, nicht von der Seite wich. Dem Zusammenhang meines Lebens suchte ich nachzuspüren: Was war es gewesen -- was wollte es von mir? Und wenn es Abend wurde, schrieb ich nieder, was mir durch den Kopf gegangen war, und meine Feder brachte Ordnung in das Chaos meiner Gedanken. »Der Bildhauer bildet sein Werk aus einem rohen Marmorblock, er behaut es, er glättet es, er sucht die weichen Formen einer Venus aus dem harten Material herauszuarbeiten. Es dauert lange, ehe er sich selbst genügt; nicht das lebende Modell will er kopieren, er will ein Schönheitsideal, das ihm beständig vorschwebt, verwirklichen. Anders der Handwerker, der rasch ein effektvolles Dekorationsstück schaffen will: er fertigt ein Holzgerüst, drapiert es mit Sackleinwand, wirft Gyps darüber und setzt eine fertig gekaufte Allerweltsgipsbüste darauf. Aus einiger Entfernung wirkt seine Arbeit nicht übel, dem Rohen täuscht sie dauernd ein Kunstwerk vor, -- nur in der Nähe schau sie nicht an und hüte sie wohl vor Regen und Sturm, das Holzgerüst möchte sonst allzu schnell zum Vorschein kommen! -- Hat ein Künstler oder ein Handwerker mich geschaffen? Habe ich die Nähe zu fürchten und das Wetter? Oder stürzt mich kein Sturm? Bin ich, oder scheine ich nur?« -- -- Bald ließ es mir keine Ruhe mehr, -- kaum daß ich den nötigsten Schlaf mir gönnte --, ich schrieb und nannte das kleine schwarze Buch, über dessen Seiten meine Feder fiebernd flog: Wider die Lüge. Seine ersten Seiten lauteten: »Die Lüge ist der Anfang alles Verderbens, ist das Verderben selbst. Alle Schäden, an denen unsere Zeit, an denen wir selber kranken, entspringen aus diesem Grundübel. Wir sprechen in volltönenden Phrasen von Wahrheit, und doch trennen uns von ihr tote Jahrhunderte. Denn die Wahrheit der Vergangenheit wird zur Lüge der Gegenwart. Wie ein Verbrechen verstecken wir, was in die alten Formen und Formeln nicht passen will, und sehen nicht, daß es vielmehr Verbrechen ist, diese Formen und Formeln aufrecht zu erhalten. Wir beugen uns unter Gesetze, gegen die wir uns innerlich empören, und triumphieren, wenn wir schließlich selbst das Gefühl der Empörung unterdrückt haben. Und die Diener der Kirche und des Staates lehren uns, daß wir damit den Himmel erwerben. »Was ist Wahrheit? -- Zweifelnd und verzweifelnd, schüchtern und wild flog diese Frage durch die Jahrtausende. Oft glich die Antwort einem Achselzucken, noch öfter dem Befehl eines Tyrannen, der jeden Widerspruch mit dem Beil des Henkers lohnt. Der Muhamedaner schwört auf den Koran, der Jude auf den Talmud, der Christ auf die Bibel. Und jeder, der ein neues Gedankengebäude gen Himmel türmt, sagt: das ist Wahrheit. »Gibt es eine Wahrheit? Eine unumstößliche, an der kein Steinchen sich lockert? Eine unbedingt gültige für alle Zeiten, alle Kreaturen, alle Welten? »Wie ein fernes Licht hinter einem dunkeln Vorhang leuchtet sie, und langsam, Schritt für Schritt, dringt die Erkenntnis erobernd vor und raubt dem Glauben einen Fußbreit Boden nach dem anderen. Der Weg wird heller, aber fern bleibt das Licht. Das Ende aller Dinge fällt zusammen mit seiner Enthüllung. Wir aber leben, und darum haben wir die reine Wahrheit nicht. »Wir müssen wählen zwischen fremder Wahrheit und unserer Wahrheit. Wir werden zu Lügnern, wenn wir bequem und gedankenlos nach den fertigen Wahrheiten der anderen greifen. »Wer wahr sein will, muß frei sein. Frei von den Ketten, in die Erziehung, Bildung, Tradition uns geschmiedet haben, frei von den Zauberbrillen, mit denen die Priester unser Augenlicht verdunkelten, frei von der Tracht der Lakaien, in die die Machthaber der Erde die Abhängigen zwingen. Was du nicht selbst erwarbst, nicht selbst bist, das ist Lüge und Sklaverei. »Die Erziehung ist wie eine eiserne Form, in die die weichen Kinderseelen hineingepreßt werden. Und sollte doch nur ein Stab sein, zum Halt für das junge wachsende Bäumchen. Im Leben des Kindes bedeutet das 'Warum?' die Geburt des Menschen. Die Erziehung schlägt es tot, kaum daß es die Glieder regt. Das Schulzuchthaus spannt in dasselbe Joch den Begabten und den Unbegabten, den Phantasiereichen und den Nüchternen. Es stopft die Gehirne voll mit Namen, Zahlen und Regeln, und der beste Schüler ist, der rasch aufnimmt, der schlechteste, der sich grübelnd das Gehörte zu eigen machen will. Darüber stirbt das 'Warum', das Gehirn trocknet ein, das Herz verschrumpft, und an Stelle selbständigen Denkens, lebendiger Begeisterung für das Gute, Wahre und Schöne treten Geschichtstabellen, Bibelsprüche, Urteile über Welt und Menschen. »Wehe, wer dem Lehrenden widerspricht: Denken führt auf Abwege, Zweifeln schafft Ketzer und Aufrührer. »Verschling ihn getrost, den weichen süßen Brei, den man dir mundgerecht vorsetzt, du Päppelkind, du verlernst dabei selbst den Gebrauch deiner Zähne! »Nicht als mythendurchwebte Geschichte der Juden werden dem Kinde uralte Urkunden der Menschheit vorgetragen, als Wahrheit vielmehr, daran zu zweifeln Sünde ist. Rauben und Morden, Verfolgen und Betrügen, -- das Volk Gottes tat es auf Jehovas Befehl, unter seinem Schutz, und demselben Kinde, das diesen Gott anbeten, seine Auserwählten verehren soll, wird die Religion der Liebe gepredigt. »Nimm auch das hin, du arme kleine Menschenmaschine: Rüttelst du nur mit einem eigenen Gedanken daran, so fällt das ganze Haus in Trümmer. Bringe deinen Verstand hübsch zum Schweigen, werde wie alle, die es in der Welt zu Geld und Ansehen bringen: eine lebendige Lüge. »Ein gebildeter Mensch ist das Ziel der Erziehung. Herrlich! Wenn es wahr wäre. Bilden heißt den gegebenen Stoff zur höchsten Vollkommenheit entwickeln, -- nicht aus Gips Marmorsäulen, aus Holz Eisenkonstruktionen, aus Glas Diamanten machen. Aber an Stelle des Seins die Täuschung setzen, ist das Zeichen unserer Bildung. Wer über alles mitredet, stets mit einem fertigen Urteil bei der Hand ist, selten bewundert, gilt als gebildet. Urteilsfähigkeit ist Kriterium der Bildung, aber doch nur dann, wenn das Urteil ein eigenes ist. Zu dieser Bildung aber ist der Weg lang und steil, und mißtrauisch sollte stets fertiges Urteil machen. »Der Gebildete unserer Tage scheint, was er nicht ist; er belügt andere, oft auch sich selbst; er begeht geistigen Diebstahl, indem er fremde Weisheit als eigene ausgibt; er beraubt sich der wundervollsten Lebensfreude, indem er zwar lernte, sich durch stete Verneinung hochmütig über alle zu erheben, nicht aber offnen Sinnes zu genießen, was Natur und Kunst geschaffen haben. Vergiftet ward uns der frische sprudelnde Quell der Bildung, ertötend rinnt er nun durch die Adern des Volks und trübt seinen Blick, so daß es den Vieles-Wissenden an Stelle des Selbst-Seienden zum Götzen erhebt. »Wer wider die Lüge streiten will, muß die neue Wahrheit verkünden. Welches ist sie? »Die Wahrheit von den Kindern zunächst: »Das Ziel der Erziehung sei kein Lexikon, sondern ein freier Mensch. Wissen sei nicht Selbstzweck, sondern Mittel zu dem Zweck, das Leben reich, den Menschen stark zu machen. Töte kein 'Warum', locke es vielmehr hervor, wie der Gärtner durch sorgsame Pflege die jungen Triebe hervorlockt. Leite, -- meistere nicht. Wisse, daß deine Wahrheit nicht die des Kindes ist, daß du es lügen lehrst, wenn du sie ihm aufzwingst. Märchenglaube ist Kindeswahrheit. Laß sie ihm. Erzähle ihm darum die Mythen der Völker wie Märchen: von Isis und Osiris zu Odin und Baldur, von Jehova zu Jupiter bis zum himmlischen Vater der Christen. Zeig ihm, wie die Menschen unter tausend Namen und Formen vor dem heiligen Geheimnis schaffenden Lebens anbetend knieten. Lehre es ihn schauen und bewundern in jeder duftenden Blume, jeder Wolke, jedem Stern, jedem Gesetz der Natur. »Und dann führe es ein in die Geschichte der Menschen. Schaffe keine Engel und Teufel aus deiner Machtvollkommenheit -- aber störe das Kind nicht, wenn es sich eigene Helden bildet. Tritt bescheiden zurück mit deinem eigenen Ich hinter dem werdenden Ich des anderen. Was er nicht selbst beurteilen kann, lehre ihn nicht beurteilen. Es ist Sentimentalität, durch unsere Erfahrungen dem Kinde die eigenen ersparen zu wollen. Denn eigene Erfahrung ist die allein sichere Stufenleiter der Entwicklung. Führt sie das Kind fort von dir, so jammere nicht, denn nicht dein Eigentum ist es, sondern sein eigenes und das der Menschheit. Präge ihm nicht Lebensregeln ein, weise ihm vielmehr den Weg, um seines Lebens eigene Regeln zu finden. »Und seines Herzens eigene Religion. »Welches ist die Wahrheit von ihr? Der Entwickelungsgang der Menschheit ist vom ersten Ursprung an ein stetig fortschreitender. Kindlicher Märchenglaube ist der vom verlorenen Paradiese; der Mann glaubt an das zu erobernde. »In der Natur gibt es keinen Stillstand: der Fluß strebt dem Meere zu, der Baum wächst empor, zum Menschen wird das Kind. Dies 'Vorwärts' ist ein Gesetz, das sich nie verleugnet; so oft seine Kraft zu schwinden drohte, so oft brach es auch machtvoll durch alle Schranken, die menschliche Torheit mühsam aufrichtete. Die Überzeugung von der Unumstößlichkeit dieses Gesetzes weitet unser Herz und unseren Geist. Wir werden es aus allen Verdunkelungen, aus allen Leiden, von denen die Geschichte der Völker und der Menschen erzählt, heraus erkennen, wenn es unser eigenes Lebensprinzip geworden ist. Wir werden es auch dann bejahen, wenn es tötet, weil wir wissen, daß welke Blätter fallen müssen, um jungen Trieben Platz zu machen, daß die Blüte sterben muß, wenn die Frucht reifen soll. »Der Pessimismus sagt: Es gibt kein Glück; der Pietismus versichert: Die Erde ist ein Jammertal. Aber die neue Wahrheit lehrt: Es gibt ein Glück, das über alles Leid hinweghilft; jede Blume auf dem Felde, jede Eichel am Baum, jeder Säugling am Mutterherzen zeugt davon. Sein Gesetz ist: Wachse! Werde! Soll es allein für die Religion nicht gelten? »Was ist Religion? Der Zug nach oben, die Ehrfurcht vor dem Unerkannten, Nichtzuerkennenden. Sollte sie unwandelbar feststehen, weil sie sonst kein Halt, keine Stütze wäre für so viele? Was ist denn das Feststehende an ihr? Etwa der Glaube, daß Gott Eins und doch Drei, oder daß Christus einer Jungfrau Sohn ist? Oder der Glaube an die Speisung der Tausende, an die feurigen Zünglein des heiligen Geistes? Selbst der strengste Christ wird darin nicht den Urquell seiner Herzensreligion finden. Was ihn zu dem macht, was er ist, ihm die Kraft gibt zum Handeln und zum Ertragen, das ist nichts anderes als die Überzeugung von der Unendlichkeit des Werdens, -- theologisch ausgedrückt: der Unsterblichkeitsglaube. Für ihn mag er in der Form des persönlichen Fortlebens, der Auferstehung des Fleisches, Wahrheit sein. Uns ward er zur Wahrheit im Gesetz von der Erhaltung der Kraft. Wie ein Stoß fortwirkt ohne Aufhören, wirkt die Tat fort und der Gedanke ohne Ende. »Staat und Kirche lehren die Religion Christi wie vor achtzehnhundert Jahren. Was die Apostel, einfache Männer des Volks, in orientalischer Phantasie und kindlichem Glauben von ihres Herren und Meisters Geburt und Leben erzählten, soll uns noch Wahrheit sein. Was aber bleibt für uns, wenn wir hinter den Mythen die Wahrheit suchen? Die göttliche Geburt Christi? Des Menschen Geist ist göttlichen Ursprungs, und wer seiner Bestimmung folgt bis zum Tode, -- der ist Gottes Sohn. Wir aber, die wir uns nennen nach dem Namen des Nazareners, der, wie wenige vor und nach ihm, der alten Lüge die neue Wahrheit entgegensetzte und sich ans Kreuz schlagen ließ von den Frommen seiner Zeit, -- wir verleugnen das größte, was uns ward: den Geist. Wir stempeln seine göttliche Kraft zur Sünde und lehren im Namen des Gekreuzigten, daß wir nicht zweifeln, das heißt: nicht denken dürfen. Aber die neue Wahrheit von der Religion predigt die Pflicht des Zweifelns, weil der Zweifel die neue Wahrheit gebiert und die Wurzeln des Werdens in ihm ruhen. »Denke bis zu den letzten Konsequenzen, reiße nieder, was deinem Denken im Wege steht; selbst das Heiligste, das Unantastbare ist unheilig und ein Frevel, wenn es dem Gedanken zur Schranke ward. Denke, -- und du wirst reich, denke, -- und du wirst stark und froh. Wer, und ob er gleich hundert Jahre lebte, wird solchen Werdens ein Ende finden? Darum, statt Christi wundersame Geburt zu verkünden, verkündet die Heiligkeit unseres Lebens! -- Und sein Opfertod? Wer an ewige Höllenstrafen glaubt, den lehrt die Angst, daß die eigene Schuld von einem anderen gesühnt werden könnte. Jesus aber starb nicht für andere, sondern für seine Überzeugung, -- er lehrte die Tat, nicht die Reue. Und seine Auferstehung? Wer vermöchte an ihr zu zweifeln? Lebt nicht sein Geist -- und wird er nicht ewig leben, auch wenn seine Lehre nicht die Wahrheit an sich ist, sondern nur eine Stufe zu ihr? -- »Nun aber bleibt mir noch die Rätselfrage nach der neuen Wahrheit vom Leben! Warum all die Qual und Not, all das Elend und die Verzweiflung? Im Kampf ums Dasein sind Milliarden Lebewesen untergegangen, um höheren Formen, reiferen Gehirnen Platz zu machen. »Über Tote geht alle Entwicklung. »Die rohe Kraft wich den feineren Kräften des Geistes, und die Kräfte des Geistes warten ihrer Ergänzung durch die der Seele. Ohne Qualen gäbe es keine Kraft, die an ihnen wächst und sich bewährt. »Wer am Leiden zugrunde geht, ist des Lebens nicht wert gewesen. »Wächst nicht selbst aus dem Hunger der Massen der Riese, der ihn überwinden wird? Schafft die Not nicht die Einigkeit und den Kampf, grünt nicht heimlich unter Blutlachen und Tränen die junge Saat der kommenden Menschen? »Nur Eins ist not: daß wir in dem ungeheuern Triebrade der Entwicklung kein Staubkorn sind, das hindert, bis es zermalmt wird, kein Rostfleck, der den Mechanismus anfrißt, bis er verrieben ist. Wenn wir kein Teil der motorischen Kraft sein können, seien wir wenigstens ein Tröpflein Öls, ein winziges Zähnchen. »Das ist die neue Wahrheit vom Leben.« * * * * * Mir war, als hätte ich mir ein Rüstzeug geschmiedet, das mich unüberwindlich machte. Glückselig sah ich jedem jungen Tage entgegen und wanderte mit frischen Kräften tief in den Wald, die Lenzluft einatmend, die starke, würzige, -- den echten Jugendborn für Geist und Körper. Es war hoher Sommer, als ich mich entschloß, meines Vaters Wunsch Folge zu leisten und zum Kaisermanöver nach Münster zurückkehren. Am Tage meiner Ankunft prangte die Stadt schon in vollem Schmuck: Fahnen und Wimpel in bunter Farbenpracht flatterten im Winde, aus den Fenstern hingen Teppiche, über die Straßen zogen sich grüne Girlanden, mit roten und blauen Sommerblumen besteckt. Eine bunte Volksmenge füllte die Straßen. Alte Trachten tauchten auf: Frauen mit schweren, goldgestickten Hauben, Männer mit weißen Strümpfen und roten Westen, auf denen dicke Silberknöpfe glänzten. Als am nächsten Morgen in glühendem Sommersonnenschein das Kaiserpaar einzog, schien die ganze Luft erfüllt von dem gewaltigen Konzert der Glocken, und der Donner der Geschütze klang nur wie der tiefe Akkord der Begleitung. Alle Pracht und allen Reichtum hatte der Adel Westfalens aufgeboten; in altertümlichen Kaleschen, gemalt und goldverziert, gepuderte Kutscher und Lakaien in roten, blauen, gelben und weißen Röcken auf Bock und Trittbrett, fuhren seine Vertreter mittags zum Empfang ins Schloß. Kein Prunkzelt der Medizeer konnte üppiger sein als das auf dem Ludgeriplatz, wo die Mitglieder des Landtags den Landesherrn zum Mittagsmahl empfingen. Und kein florentinischer Palast konnte größeren Glanz entfalten als das Haus des Damenklubs, das am Abend die kaiserlichen Gäste erwartete. Auf den Treppenstufen standen die Jäger der Herzoge von Croy, von Ratibor, von Rheina-Wolbeck, der Fürsten Bentheim und Salm; mit kostbaren Gobelins, alten Venetianer Spiegeln, Waffen aller Länder und Zeiten, goldenen und silbernen Schaugefäßen waren die Säle geschmückt, aber die Fülle der Edelsteine auf den Köpfen, den Schultern, und den Armen all der schönen, rassigen Frauen überstrahlte alles. Mit schimmernden Seidenkleidern und bunten Uniformen füllten sich die Räume; eine Fanfare, -- und unter dem Bogen der Türe erschien das Kaiserpaar: in Husarenuniform, den Dolman über dem kurzen, linken Arm der Kaiser, in weißem Brokat die Kaiserin. Zum erstenmal sah ich ihn wieder seit meiner Kinderzeit: das gebräunte Gesicht war noch finsterer geworden, der emporgewirbelte Bart konnte über die herabgezogenen Mundwinkel nicht täuschen, und das gleichmäßig verbindliche Lächeln der blonden Frau neben ihm war zu konventionell, ihr helles Antlitz zu ausdruckslos, als daß es den Blick von ihm hätte ablenken, die Empfindung von Eiseskälte, die uns alle überkam, hätte vertreiben können. Der Ball begann. Ich fühlte, wie die jungen Damen mehr als sonst von mir abrückten, wie man, trotz der Erregung des Augenblicks, Zeit fand, über mich zu tuscheln und zu raunen. Hessenstein stand wie ein riesiger Wächter neben mir. Er war es auch, der mir zuflüsterte, noch ehe eine »gute Freundin« mich schadenfroh davon unterrichten konnte, daß Syburg sich verlobt habe. Und an seinem Arm flog ich durch den Saal, als der erste Walzer seine Schmeichelweise ertönen ließ. Unten, dicht vor der Estrade, wo die Kaiserin Cercle hielt, stand der Kaiser. Im Rausch des Tanzes bemerkte ich ihn erst, als die Schleppe meines Kleides ihn streifte. Einen Augenblick lang sah er mir nach und lächelte, während mir mit einem Gefühl des Triumphes durch den Sinn schoß, daß kein Tänzer im Saal so schön war wie der meine und keine Dame so gut tanzte wie ich. So sollte es sein: nicht allmählich, wie die alternden Mauerblümchen, wollte ich mich losreißen vom Jugendleben, -- auf der Höhe vielmehr wollte ich Abschied feiern! In den Pausen drängten sich die jungen Mädchen in die Nähe der Kaiserin und kehrten mit verklärten Gesichtern zurück, wenn es ihnen gelungen war, vorgestellt zu werden. »Wollen Sie nicht auch --?« meinte Hessenstein bedenklich. »Wozu?« antwortete ich lachend »um eines Handkusses und einer Phrase willen meine Spitzen in Gefahr bringen!« Im Speisesaal war auf erhöhtem Platz die Kaisertafel gedeckt; aus Gold waren Bestecke, Schüsseln und Schalen, phantastische Orchideen nickten aus hohen Kristallkelchen, Kränze von gelben Rosen hoben sich leuchtend von der mattvioletten Seide der Wände. Tisch an Tisch reihte sich in dem weiten Raum darunter, und den Dreihundert, die sich hier zusammenfanden, wurde von silbernen Schüsseln auf silbernen Tellern serviert. Ich saß in einem fröhlichen kleinen Kreis abseits unter dem Schatten großblätteriger Palmen; zwischen ihren Stämmen hindurch konnte ich hinauf zur Kaisertafel blicken. Das Profil Wilhelms II. stand scharf gegen den hellen Hintergrund. Ich sah, wie er das Sektglas wieder und wieder zum Munde hob und wie er lachte, -- der kleine dicke Herzog von Croy, der ihm gegenüber saß, liebte derbe Späße, -- aber es war das Lachen eines Ausgelassenen, das mit Heiterkeit nichts zu tun hat. Die starke rechte Hand gestikulierte lebhaft und benutzte nur hie und da das Doppelbesteck, um ein paar Bissen zu schneiden und zum Munde zu führen. Kraftlos, bewegungslos wie ein fremdes Glied hing die behandschuhte Linke an dem kurzen Kinderarm. Sommerschwüle brütete in den Straßen, als wir heimwärts fuhren, und ein Sommernachtsmärchentraum hielt die alte Stadt umfangen. Exotische Glühwürmchen schienen um die Pfeiler der Laubengänge zu tanzen, sich, allen Linien des Maßwerks folgend, bis hoch in die Spitzen der Kirchtürme zu schwingen. Die grauen Steine verschwanden; aus Licht und Farben waren die spitzen Giebel, die schlanken Säulen, die hohen Fensterbogen gebaut. Hinter dem dunkeln Laubdach der alten Linden schimmerte der Dom wie ein gewaltiger Tempel des Lichtgotts. Wir fuhren langsam in unseren hellen Kleidern, Ballblumen im Haar, und die Menge jubelte uns zu, wo wir vorüberkamen. Aus den offenen Fenstern und den Gärten tönte Gesang und Musik. Lebensfreudiges Heidentum lachte und leuchtete um uns, jenes Heidentum, das die katholische Kirche klug zu erhalten verstand. Wo der Protestantismus mit seiner kunstfeindlichen Nüchternheit einzog, entfloh es; wo der Bischof im goldgestickten Ornat dem Prediger im schwarzen Trauerkleid Platz machen mußte, wo die lustigen rotröckigen Chorknaben verschwanden und in das mystische, weihrauchgeschwängerte Dunkel der Kirchen grelles Tageslicht eindrang und duftloser Alltag, da verlor das Volk allmählich den Kindersinn, der sich in phantastischem Prunk und bunten Spielen äußert. Zu Füßen der Porta Westfalica waren vierzehn Tage später die Kaisermanöver. Mit einer Parade vor den Toren von Minden wurden sie eröffnet. Es war dasselbe Bild wie immer bei solchen Gelegenheiten: schwarze Menschenmassen, graue Staubwolken, geschmacklos dekorierte Tribünen, von Fremden und Einheimischen dicht besetzt; auf dem Felde davor, wohin das Auge reichte, blitzende Uniformen, wehende Helmbüsche, stampfende Pferde. In der Ferne die blauen Höhenzüge des Wesergebirges, -- ein ruhig-ernster Abschluß des lebendigen Bildes. Wenn ein altes Roß, das schon lang vor dem Lastwagen keucht, die Trompete hört, so spitzt es die Ohren, hebt den müden Kopf und versucht mit den lahmen Beinen graziös zu tänzeln; und wenn der Mensch, der die Soldatenspielerei der Völker schon längst für frevelhaft hält, die alten Kriegsmärsche hört, so muß er an sich halten, um nicht mit zu marschieren; tauchen aber die Truppen selbst vor seinen Augen auf, -- all die Tausende junger, lebensstarker Menschen zu Fuß und zu Pferde, im silber- und goldverschnürten Rock, im glänzenden Küraß und die Sonne spiegelnden Stahlhelm, mit schwarzweißen wehenden Fähnchen, den rasselnden Säbel zur Seite, oder mit dem dröhnenden Gleichmaß des Tritts zahlloser Bataillone, -- so pocht das Herz ihm höher, so fest ers auch halten möchte. Ich stand in der Mittelloge der Tribüne. Dicht vor mir die Suite des Kaisers, die fremdländischen Fürsten, er selbst, und an ihnen vorüber ein glänzender Strom von Soldaten, den die Tonwellen schmetternder Fanfaren zu tragen und zu treiben schienen. Ich wollte nicht staunen, nicht bewundern, aber die Worte des Spottes erstarben mir auf den Lippen. Wecken jene Klänge verlorene Erinnerungen aus barbarischer Vorzeit? Peitscht der Anblick kriegerischer Wehr jenen Tropfen Blutes auf, der von unseren Vorfahren, denen Kampf Lust und Leben war, noch in unseren Adern rollt? Oder ist es nicht bloß die Suggestion der Masse, der Musik, der Farben, die unsere Sinne berauscht? Würde es uns nicht in dieselbe Erregung versetzen, wenn diese Soldaten Männer der Arbeit wären, ihre Waffen blanke Werkzeuge, ihre Uniformen Festgewänder, das ganze strahlendbunte Bild eine gewaltige Revue der Arbeit? Ich grübelte noch darüber nach, als ein brausendes »Hurrah« mich aufsehen ließ. Der Kaiser hatte sich an die Spitze der 53er gesetzt und führte das Regiment seines Vaters an den Tribünen vorüber. Als spontane Gefühlsäußerung wurde jubelnd begrüßt, was nur eine Ausübung höfisch-militärischer Sitte war. »Wird ihm diesmal schwer geworden sein,« meinte Fürst Limburg leise, der neben mir stand. »Warum?« frug ich verwundert. »Der Spuk im aachener Kasernenhof soll ihn nicht wenig erregt haben!« Am nächsten Morgen ritt ich mit Limburgs unter Führung eines Korps-Gendarmen ins Manövergelände. Mit trüben Gedanken, die der regnerische Tag nicht heller machte, war ich zu Pferde gestiegen. Meinen Vater hatte ich seit meiner Rückkehr so wortkarg und finster gefunden, wie nie vorher; in diesen Tagen aber war er von haltloser Heftigkeit, so daß alles vor ihm zitterte. Ob er wohl auch an das pommersche Kaisermanöver vom Jahre 87 dachte?! -- In einem Gehöft fanden wir Verdy, den Kriegsminister, dessen sarkastischer Witz mich immer ebenso anzog, wie sein vernachlässigtes Äußere mich abstieß. »Sauwetter!« brummte er, mir die Hand schüttelnd »Sie hätten sich auch was Besseres aussuchen können, als diesem Manöver beizuwohnen.« »Was bedeutet die seltsame Betonung, Exzellenz?« frug ich unruhig. »Na, Sie sehen doch, -- es regnet,« wich er aus, »und dann -- all das Hofgeschmeiß, über das man stolpert! Wissen Sie übrigens, -- Majestät hat Herrn von Wittich in letzter Stunde die Führung des markierten Feindes übertragen.« Ich erschrak. Wittich, der Generaladjutant und Günstling des Kaisers, ein Mann, dessen militärische Leistungen mein Vater zu verhöhnen pflegte, -- stand ihm heute als Gegner gegenüber! Wir ritten weiter. Unterwegs begegnete uns ein Ordonanzoffizier vom Stabe meines Vaters. Er strahlte. »Das war ein Bravourstück,« rief er mir schon von weitem entgegen. »Die dreizehnte Division hat einen Marsch hinter sich, der alles in Erstaunen setzte. Natürlich kam die feindliche Kavallerie zu spät und wurde glänzend abgewiesen.« Ich atmete auf. Vor der Mühle Habichtshorst wehte die Kaiserstandarte. Wir ritten so nah heran wie möglich. Im nächsten Augenblick brauste und dröhnte es dicht vor uns: unter tausenden von Pferdehufen bebte die Erde, die ganze Kavallerie-Division stürmte zum Angriff, -- ein Anblick, der den Herzschlag stocken ließ und 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 136 137 138 139 140 141 142 143 144 145 146 147 148 149 150 151 152 153 154 155 156 157 158 159 160 161 162 163 164 165 166 167 168 169 170 171 172 173 174 175 176 177 178 179 180 181 182 183 184 185 186 187 188 189 190 191 192 193 194 195 196 197 198 199 200 201 202 203 204 205 206 207 208 209 210 211 212 213 214 215 216 217 218 219 220 221 222 223 224 225 226 227 228 229 230 231 232 233 234 235 236 237 238 239 240 241 242 243 244 245 246 247 248 249 250 251 252 253 254 255 256 257 258 259 260 261 262 263 264 265 266 267 268 269 270 271 272 273 274 275 276 277 278 279 280 281 282 283 284 285 286 287 288 289 290 291 292 293 294 295 296 297 298 299 300 301 302 303 304 305 306 307 308 309 310 311 312 313 314 315 316 317 318 319 320 321 322 323 324 325 326 327 328 329 330 331 332 333 334 335 336 337 338 339 340 341 342 343 344 345 346 347 348 349 350 351 352 353 354 355 356 357 358 359 360 361 362 363 364 365 366 367 368 369 370 371 372 373 374 375 376 377 378 379 380 381 382 383 384 385 386 387 388 389 390 391 392 393 394 395 396 397 398 399 400 401 402 403 404 405 406 407 408 409 410 411 412 413 414 415 416 417 418 419 420 421 422 423 424 425 426 427 428 429 430 431 432 433 434 435 436 437 438 439 440 441 442 443 444 445 446 447 448 449 450 451 452 453 454 455 456 457 458 459 460 461 462 463 464 465 466 467 468 469 470 471 472 473 474 475 476 477 478 479 480 481 482 483 484 485 486 487 488 489 490 491 492 493 494 495 496 497 498 499 500 501 502 503 504 505 506 507 508 509 510 511 512 513 514 515 516 517 518 519 520 521 522 523 524 525 526 527 528 529 530 531 532 533 534 535 536 537 538 539 540 541 542 543 544 545 546 547 548 549 550 551 552 553 554 555 556 557 558 559 560 561 562 563 564 565 566 567 568 569 570 571 572 573 574 575 576 577 578 579 580 581 582 583 584 585 586 587 588 589 590 591 592 593 594 595 596 597 598 599 600 601 602 603 604 605 606 607 608 609 610 611 612 613 614 615 616 617 618 619 620 621 622 623 624 625 626 627 628 629 630 631 632 633 634 635 636 637 638 639 640 641 642 643 644 645 646 647 648 649 650 651 652 653 654 655 656 657 658 659 660 661 662 663 664 665 666 667 668 669 670 671 672 673 674 675 676 677 678 679 680 681 682 683 684 685 686 687 688 689 690 691 692 693 694 695 696 697 698 699 700 701 702 703 704 705 706 707 708 709 710 711 712 713 714 715 716 717 718 719 720 721 722 723 724 725 726 727 728 729 730 731 732 733 734 735 736 737 738 739 740 741 742 743 744 745 746 747 748 749 750 751 752 753 754 755 756 757 758 759 760 761 762 763 764 765 766 767 768 769 770 771 772 773 774 775 776 777 778 779 780 781 782 783 784 785 786 787 788 789 790 791 792 793 794 795 796 797 798 799 800 801 802 803 804 805 806 807 808 809 810 811 812 813 814 815 816 817 818 819 820 821 822 823 824 825 826 827 828 829 830 831 832 833 834 835 836 837 838 839 840 841 842 843 844 845 846 847 848 849 850 851 852 853 854 855 856 857 858 859 860 861 862 863 864 865 866 867 868 869 870 871 872 873 874 875 876 877 878 879 880 881 882 883 884 885 886 887 888 889 890 891 892 893 894 895 896 897 898 899 900 901 902 903 904 905 906 907 908 909 910 911 912 913 914 915 916 917 918 919 920 921 922 923 924 925 926 927 928 929 930 931 932 933 934 935 936 937 938 939 940 941 942 943 944 945 946 947 948 949 950 951 952 953 954 955 956 957 958 959 960 961 962 963 964 965 966 967 968 969 970 971 972 973 974 975 976 977 978 979 980 981 982 983 984 985 986 987 988 989 990 991 992 993 994 995 996 997 998 999 1000