mein Körper und meine Seele nährten das neue Leben. Kein Tropfen Giftes
durfte in ihnen sein.
* * * * *
Ich wünschte mir einen Sohn. Einen, der ein Führer und Vorkämpfer werden
könnte. Aber die Erfüllung dieses Wunsches schien mir fast zu viel des
Glücks. Und so dachte ich auch der Tochter -- einer, die ein Vollmensch
und darum ein echtes Weib sein sollte. Von nun an stand Watts Ganymed
vor meinem Platz auf unserem großen Schreibtisch und neben ihm ein
süßes, blondes Mädelchen nach einem Porträt von Gainsborough. Ich sah
von einem zum anderen, und tief in mein Herz prägten sich die holden
Kindergesichter. Mein Mann brachte mir täglich frische Blumen für sie.
Einmal aber kam er nach Haus und stellte statt ihrer ein neues Bild
mitten auf den Schreibtisch. Es war Meister Dürers furchtloser Ritter,
der seelenruhig, im Schritt, den Kopf erhoben, das Auge gradaus
gerichtet, an allen Schrecken des Daseins vorüberreitet.
»Laß kommen die Höll, mit mir zu streiten, ich will durch Tod und Teufel
reiten --,« ist sein Wahlspruch. »Wenn's ein Bub wird,« sagte der
Liebste, »so soll's so einer sein.«
»Du hast recht,« antwortete ich und drückte ihm zärtlich die Hand, »ich
habe schon zu viel an das Kind und zu wenig an den Mann gedacht,« dabei
wies ich lächelnd auf die Wolken weißen Linnens, die mich umgaben, und
zeigte stolz die ersten winzigen Hemdchen, die daraus entstanden waren.
Mein Mann hatte zuerst von dieser Arbeit nichts wissen wollen. »Du
nimmst einer armen Näherin das Brot und hast selbst weit Besseres zu
tun,« war seine Ansicht gewesen. Aber zum erstenmal hatte ich ihm
widersprochen und meinen Willen durchgesetzt. Auf die Stoffe, die meines
Kindes Körper berühren sollten, durften keine Kummertränen fallen;
Mutterliebe mußte die Nadel führen, Mutterträume sich mit jedem Stich
hinein verweben. Nun kam es freilich vor, daß ich im Übereifer
stundenlang über der Arbeit saß und vernachlässigte, was ich sonst zu
tun hatte. »Das muß anders werden, Heinz,« sagte ich laut und faltete
die Leinwand zusammen. »Auch um des Kindes willen darf ich die Welt
außerhalb unserer vier Wände nicht vergessen, die doch auch seine Welt
sein wird. Schau, hier ist ein Brief von Wanda Orbin --,« ich reichte
ihn meinem Mann hinüber, der sich an den Schreibtisch gesetzt hatte;
»sie beklagt sich, weil ich zu wenig für die 'Freiheit' schreibe; hier
sind eine Reihe Aufforderungen zu Vorträgen, -- ich war nahe daran, sie
ablehnend zu beantworten --«
»Und hier,« unterbrach er mich, »habe ich Bücher, die deiner Besprechung
harren. An den Artikel, den du mir für mein Archiv versprochen hast,
will ich schon gar nicht erinnern --«
Ich stand auf und reckte mich mit einem Gefühl tiefen Wohlbefindens. »Du
wirst ihn bekommen! Ich verstehe nicht recht, warum so viele Frauen
jammern, wenn sie guter Hoffnung sind. Ich fühle Kraft für zwei!«
Und mit Feuereifer stürzte ich mich in die Arbeit, die ich nur
stundenweise unterbrach, um frische Luft zu schöpfen.
* * * * *
Ich sollte mir täglich Bewegung machen und vermied den nahen Tiergarten,
weil ich den Eltern zu begegnen fürchtete. Ich wußte: mein Herz würde
sich schmerzhaft zusammenkrampfen, und ich wollte mich jetzt nicht
grämen. So fuhren wir denn fast immer in den Grunewald und wanderten um
die stillen Seen, die zwischen entlaubten Bäumen und schwarzen Kiefern
dem Winter entgegenträumten, oder gingen auf den gepflegten Wegen der
jungen Kolonie, all die vielen Villen betrachtend, die rascher als die
Mietskasernen auf dem Kurfürstendamm aus der Erde wuchsen. Sie waren
anders als die, die noch vor wenigen Jahren entstanden waren, -- heller,
freundlicher. Die verlogenen Butzenscheibenerker und die altdeutschen
Sprüche über den Türen verschwanden mehr und mehr. Die Zeit wurde
selbstbewußter und schämte sich der erborgten Formen vergangener
Jahrhunderte. Oft freilich sahen wir halb staunend, halb lachend Häuser,
die aus lauter Originalitätssucht absurd geworden waren. Aber auch das
war im Grunde nichts anderes, als der tolle Ausbruch überschäumender
Jugendkraft, und wenn mein Mann spotten wollte, erinnerte ich an Goethes
Wort: Es ist besser, daß ein junger Mensch auf eigenem Wege irre geht,
als daß er auf fremdem recht wandelt.
Heute blieben wir in Schauen versunken vor einem Häuschen stehen, das
aus dem Märchenbuch ins Leben versetzt zu sein schien: ein tiefes Dach
hing schützend über den von rotem Weinlaub dicht umsponnenen Wänden,
hinter kleinen blitzenden Fenstern hingen weiße Vorhänge, auf den
braunen Holzaltanen blühten noch rote Geranien, und davor auf dem
glatten Rasenteppich warf ein kleiner Knabe jauchzend den bunten Ball in
die helle Herbstluft. »Wenn doch mein Kind wie dieses in Wald und Garten
wachsen könnte,« dachte ich. »Solch ein Haus möcht' ich euch bauen, dir
und dem Kinde,« sagte Heinrich im gleichen Augenblick. Ich lachte ein
wenig gezwungen. »Wie sollte das möglich sein, wo unsere Mietwohnung für
uns schon zu teuer ist!« »Wenn wir Zinsen statt Miete zu zahlen
hätten --,« meinte er nachdenklich; »Hall hat in dieser Weise schon
mancher Familie die Möglichkeit verschafft, im eigenen Häuschen und im
Freien zu wohnen!« Wir gingen schweigsam weiter, nur hier und da fiel
eine Bemerkung, die mir zeigte, das er denselben Gedanken weiter spann.
Am Wildgatter nach Hundekehle holte uns eine große Gesellschaft junger
Radler ein; ihre blanken Räder blitzten, knapp und elegant schmiegten
sich die Sportanzüge neuster Mode um die schlanken Gestalten. »Ist das
nicht --,« rief ich unwillkürlich, und mein Herz klopfte rascher, aber
schon wandte das reizende Mädchen, das dicht an mir vorbei geflogen kam,
dunkelerrötend den Kopf zur Seite. »Ilse, -- kein Zweifel,« antwortete
Heinrich. »Und sie grüßt mich nicht einmal!« Tränen verdunkelten mir den
Blick. »Wollen wir umkehren?« frug mein Begleiter sanft und zog meinen
Arm fest durch den seinen. »Nein,« entgegnete ich und versuchte zu
lächeln; »sie kann ja nichts dafür, die Kleine! Sie darf mich nicht
kennen.«
Unten vor dem Wirtshaus standen die Räder. Wir wollten gerade links
einbiegen, den Weg nach Paulsborn, der für uns so reich war an
Erinnerungen, als Ilse, nach einem Augenblick des Zögerns, quer über die
Straße zu uns herüberlief. Sie umarmte mich stürmisch.
»Sei nicht böse, Schwester,« rief sie atemlos und zog mich tiefer in den
Wald hinein. »Sie würden mich zu Hause verraten, wenn ich dich gegrüßt
hätte.« Zärtlich streichelte ich ihr das erhitzte Gesicht und drückte
ihr kleines Händchen, das immer noch so weich und zart war, so unfähig
zuzupacken und festzuhalten.
»Die Eltern wollen nichts von mir wissen?« fragte ich zaghaft.
»Wir reden viel von dir, Mama und ich,« antwortete sie, »aber vor Papa
dürfen wir deinen Namen nicht nennen. Trotzdem weiß ich, daß er sich
bangt nach dir,« fügte sie rasch hinzu, als sie sah, wie ich erschüttert
war. »Wir holen ihn manchmal vom Kasino ab; wenn wir über den
Lützowplatz fahren, läßt er deine Fenster nicht aus den Augen.«
»Und Mama, sagst du, spricht von mir?!«
»Ja. Sie hatte zuerst des Morgens rote Augen, aber jetzt ist sie ruhig.
Es quält sie nur, glaube ich, daß sie nicht weiß, ob -- ob --,« sie
errötete, ein forschender Blick glitt über meine Gestalt.
Heiß strömte es mir zum Herzen, mein ganzes, reiches Glück überkam mich,
und alles Erinnerungsweh verschwand vor ihm. »Grüße Mama,« sagte ich
weich, »und sage ihr, daß ich guter Hoffnung bin.« Ihre Hand löste sich
aus der meinen, ein Schatten schien über ihre Züge zu huschen, etwas
Fremdes stand auf einmal unsichtbar zwischen uns. »Ich muß fort, -- sie
suchen mich sonst, -- lebwohl -- --!« und schon war sie wieder jenseits
der Straße.
»Verstehst du das?« fragte ich meinen Mann, der die ganze Zeit mit
gerunzelter Stirn neben uns gestanden hatte, und sah ihr kopfschüttelnd
nach. »Nein,« sagte er, »sie scheint mir aus Widersprüchen
zusammengesetzt, deine Schwester.«
Auf dem Rückweg ertappten wir uns gegenseitig bei einem verstohlenen,
sehnsüchtigen Blick nach dem weinumsponnenen Häuschen mit dem tiefen
Dach darüber. Der Rasenplatz war leer. Ob der Kleine da oben hinter den
zugezogenen weißen Vorhängen schlummern mochte? Und ich träumte, während
wir heimwärts fuhren, offenen Auges einen gar süßen Traum.
Mein Herz war heut übervoll. Als ich abends bei den Knaben saß, um ihre
Arbeiten zu beaufsichtigen, fühlte ich stärker als sonst, wie wenig ich
sie eigentlich kannte. Sie waren nachmittags wie gewöhnlich im
Zoologischen Garten gewesen. Es kam mir wie ein Unrecht vor, daß ich sie
dort allein ließ; ich wußte nicht, was sie hörten und sahen, welchen
Einflüssen sie inmitten der verdorbenen Großstadtjugend unterliegen
mochten. Und doch, nicht möglich wäre es gewesen, so große Jungen auf
Schritt und Tritt unter Aufsicht zu halten.
Ihr Verhältnis zueinander war kein brüderliches, sie klagten sich häufig
gegenseitig bei mir an, -- das einzige Mittel, wodurch ich etwas von
ihnen zu erfahren bekam. Hätte ich doch ihr volles Vertrauen besessen!
Aber freilich: ich hatte kein Recht darauf; für sie stand ich nicht
einmal an Stelle der Mutter, denn sie lebte noch. Je erfolgloser mein
Bemühen gewesen war, ihnen näher zu kommen, desto unbegreiflicher war es
mir, daß die Mutter sich hatte von ihnen trennen können. Ein Kind bedarf
der Mutter, die es besser versteht, als es sich selbst verstehen kann.
Tiefes Mitleid ergriff mich mit den beiden Buben, aber ein noch tieferes
fast mit ihrer Mutter. Welch Schicksal mußte sie getroffen haben, daß
sich ihr Herz so hatte verhärten können? Heinrich sprach nicht gern von
ihr; und meinen Gedanken, ihr zu schreiben, um wenigstens in bezug auf
die Erziehung der Kinder im Einvernehmen mit ihr zu handeln, hatte er
schroff und ärgerlich als einen ganz törichten und zwecklosen
zurückgewiesen. Ich hatte ihn trotzdem ausgeführt -- heimlich, um ihn
nicht zu ärgern. Da wir aber im Überschwang unseres jungen Eheglücks
einander gestattet hatten, unsere Briefe gegenseitig zu öffnen, so las
er ihre Antwort: ein paar kühle hochmütige Zeilen, im Tone der Herrin
gegenüber der Gouvernante. Heinrich war damals ernstlich böse geworden,
und -- was mir am tiefsten in die Seele schnitt -- traurig dazu. »Ich
kann alles vertragen,« hatte er gesagt, »nur eins nicht: daß du
unehrlich bist mir gegenüber. Ich muß dir unbedingt vertrauen können,
sonst ist unsere Ehe keine mehr.« Seitdem hatte ich die kaum begonnene
Korrespondenz wieder abgebrochen, und die Brücke zum Herzen der Kinder,
auf die ich gehofft hatte, blieb ungebaut. Und nun kam es plötzlich wie
eine Erleuchtung über mich: ich wußte, womit ich sie würde gewinnen
können.
»Erzähl uns was,« bettelte Wolfgang wie immer, wenn er aufatmend die
Schulbücher zuschlug. »Gleich!« antwortete ich lächelnd, und ging
hinaus, um mit dem Korb voll weißer Leinwand wiederzukommen.
»Was meint ihr wohl, was das ist?« fragte ich und hielt ein kleines
Hemdchen hoch, sodaß das Licht der Lampe rosig hindurchschimmerte. Sie
rissen erstaunt die Augen auf. »Eurem Brüderchen oder eurem
Schwesterchen gehört es, das ihr bekommen werdet. Habt ihr die Eicheln
gesehen, die von den Bäumen fallen? Wenn die Erde sie aufnimmt, und
weich und warm einhüllt, damit der Winter ihnen nichts Böses tun kann,
so wachsen im Frühling junge Bäumchen daraus ... Und ein Vogelei kennt
ihr doch auch? Da ist zuerst gar nichts drin, wie eine weißliche
Flüssigkeit. Wenn's aber eingebettet im Nestchen liegt, und die Henne es
mit ihrem Leib bedeckt, dann entwickelt sich zuerst die gelbe Dotter und
aus ihr ein winziger lebendiger Vogel. Sobald er groß genug ist,
zerbricht er das Ei und ist da! Wir sind so sehr daran gewöhnt, daß wir
uns des großen Wunders gar nicht mehr bewußt werden, -- eines Wunders,
das viel unfaßlicher ist, als wenn der Storch die kleinen Kinder
brächte, wie man es früher zu erzählen pflegte.« Ich machte eine Pause;
meine Zuhörer rührten sich nicht, und ich hatte nicht den Mut
aufzusehen. Wußte ich doch nicht, was für Blicken ich begegnen würde.
»Euch ist vielleicht auch einmal das Märchen vom Storch zu Ohren
gekommen,« fuhr ich leiser fort, »es ist dumm und albern! Die Wahrheit
ist tausendmal schöner: wie die Eichel im Schoß der Erde, ruht der
Menschensamen im Mutterleib, und wie das Vögelchen sich entwickelt, so
entwickelt sich das Kind, nur daß die Menschenmutter das Ei unter dem
Herzen trägt, bis es zerspringt und das junge Leben geboren wird.« Ich
schwieg wieder; es war so still, daß ich hätte meinen können, ich wäre
allein im Zimmer. »Weil ich euch lieb habe, euch beide --,« flüsterte
ich und senkte den Kopf tief auf die Arbeit, die meine zitternden Hände
hielten, -- »darum mag ich euch nicht belügen, darum will ich euch
anvertrauen, was mein glückseliges Geheimnis ist: ich werde auch ein
Kind bekommen!«
Eine beklemmende Stille; ich konnte die Nadel hören, wenn sie den Stoff
durchstach. Endlich sah ich empor. Die Köpfe gesenkt, mit dunkelroten
Wangen saßen die Knaben vor mir. Ein rascher scheuer Blick traf mich aus
Wolfgangs hellen Augen, um seine Lippen zuckte es. Waren es verhaltene
Tränen, oder war es am Ende gar -- Spott? Hans rutschte vom Stuhl auf
die Erde und machte sich, abgewandt von mir, an seiner Dampfmaschine zu
schaffen. Ich wußte nur zu gut, wie verdorbene Kinder das Geheimnis des
Lebens ihren Schulkameraden zu erklären pflegen: mit lüsternen
Augenzwinkern, mit der Freude am Schmutz. Hatten sie es so erfahren?!
Mir stieg die Schamröte bis unter die Haarwurzeln. Oder hatten sie,
während ich sprach, ihrer Mutter gedacht, hatten plötzlich empfunden,
daß ich sie nicht so würde lieben können wie mein eigenes Kind? Ich
seufzte tief auf. So war auch das vergebens gewesen; statt eine Schranke
einzureißen, hatte ich eine neue errichtet. Ich begegnete ihnen von nun
an mit doppelter Zärtlichkeit; ich suchte ihre Wünsche zu erfüllen, noch
ehe sie laut wurden. Aber ihre Scheu überwand ich nicht.
Vor Heinrich ließ ich mir nicht merken, was in mir vorging. Er hätte
mich mißverstehen, hätte glauben können, daß ich seine Bitte, die Kinder
lieb zu haben, nicht zu erfüllen vermöchte, -- dachte ich. Auch war er
den Kindern gegenüber oft so reizbar, daß ich Mühe hatte, ihn zu
besänftigen. Das Verlangen, mit mir allein zu sein, äußerte er zuweilen
in einer, wie mir schien, für die unschuldigen Buben empfindlichen
Weise. Ich lenkte ein, -- ich deckte zu, -- ich versteckte mein eigenes
Empfinden, das in derselben Sehnsucht gipfelte wie das seine. Wie viele
warme Worte und heiße Blicke und zarte kleine Aufmerksamkeiten, die wie
ein holder Frühlingsflor den Garten junger Ehe schmücken, wagten sich
vor den fremden Augen der Kinder nicht ans Tageslicht. Auch über das
Glück meiner Mutterhoffnung mußt' ich vor ihnen einen Schleier ziehen.
* * * * *
Wir lebten damals ganz still. Von geselligem Verkehr war selten die
Rede. Wir scheuten noch immer unliebsame Begegnungen, und unsere
Zurückhaltung, die mir als Hochmut ausgelegt wurde, steigerte nur unsere
Isoliertheit. Es kam vor, daß wir im Theater zwischen lauter alten
Bekannten saßen und uns doch wie auf einsamer Insel mitten im Meer
befanden. Man musterte uns neugierig, man tuschelte über uns, man grüßte
bestenfalls, und ich setzte dazu meine abweisendste Miene auf, um den
Menschenhunger, der mich manchmal überfiel, nicht merken zu lassen.
Zuweilen besuchten uns die Mitarbeiter an meines Mannes Zeitschrift:
Nationalökonomen, Juristen und Politiker aus aller Herren Länder, die er
mit dem ihm eigenen redaktionellen Geschick unter einen Hut zu bringen
gewußt hatte, und die, -- mochten sie sonst in ihren Ansichten noch so
weit auseinander gehen, -- unter seiner Führung gemeinsam am selben
Strange zogen.
»Ihr Mann ist ein wahres Redaktionsgenie!« sagte mir einmal einer von
ihnen, nachdem er sich nach langer Debatte doch wieder unterworfen
hatte, halb ärgerlich, halb bewundernd. »Meist erdrücken die Autoren den
Redakteur, er nimmt dankbar, was 'bewährte Mitarbeiter' ihm bringen und
ist eigentlich nur ihr Geschäftsführer. Ihr Mann aber zwingt uns in
seinen Dienst wie ein Feldherr seine Soldaten. Wenn er will, so müssen
wir alles andere stehen und liegen lassen, uns hinsetzen, die Feder
ergreifen und den gewünschten Aufsatz schreiben.«
Ich freute mich jedesmal dieser Gäste; denn mochten sie von Rußland oder
Frankreich, von England oder Italien kommen, -- eins war ihnen
gemeinsam: Tatkraft und Hoffnungsfreudigkeit. Ganz richtig äußerte sich
einer über diese innere Einheit, wenn er sagte: »Wir sind Leute mit der
Devise 'Ja, also!', im Gegensatz zu der älteren Generation der
kathedersozialistischen Nationalökonomen, die die Männer des 'Ja, aber!'
gewesen sind.« Sie zogen die Konsequenzen ihrer wissenschaftlichen
Erkenntnis und traten rückhaltlos auf Seite der Arbeiter in Fragen des
Arbeiterschutzes. In ihnen sah ich starke Verbündete der
Sozialdemokratie, und es schien mir kein Zweifel, daß die Logik der
inneren Entwicklung und der äußeren Geschehnisse sie schließlich zu
ihren offenen Parteigängern würde machen müssen.
Aber noch eine andere Tatsache unterstützte meinen Glauben an den
Fortschritt sozialer Erkenntnis: die Gründung der nationalsozialen
Partei.
Sie war eben in Frankfurt zur Welt gekommen und getauft worden; sie
hatte im Rausch der Festesfreude freilich den Mund sehr vollgenommen,
wie das nun einmal in solcher Situation deutsche Art zu sein pflegt:
»Wir stehen als Erben vor der Türe der Sozialdemokratie,« hatte Göhre
erklärt. »Wir stellen uns an die Spitze der Arbeiterbewegung, denn die
Zeit der Sozialdemokratie ist um,« hatte Sohm ihm sekundiert. Aber
solche rednerischen Entgleisungen, die unsere Parteipresse mit einem
übertriebenen Pathos rügte, statt über sie zu lächeln, wogen leicht
gegenüber dem Handeln dieser Männer und Frauen: sie anerkannten die
Gegenwartsforderungen der Sozialdemokratie, sie stellten sich, bei aller
Betonung nationaler Gesinnung, in bewußtem Gegensatz zur Regierung, die
die sozialen Pastoren maßregeln ließ, -- zum Kaiser, der ihre
Bestrebungen für sträflichen Unsinn erklärte.
Ein Ereignis trat ein, das vollends zwischen rechts und links wie
Scheidewasser wirken sollte: der Hafenarbeiterstreik in Hamburg. Hatte
wenige Jahre vorher die Cholera die Augen der ganzen Welt auf die
gräßlichen Elendsquartiere der reichen Kaufmannsstadt gerichtet, so
zeigte sich jetzt, daß selbst ihr Schrecken nicht imstande gewesen war,
die Brutstätten des Todes aus der Welt zu schaffen. Noch hausten zwanzig
Prozent ihrer Bewohner dicht zusammengedrängt in winzigen Räumen und
engen Gassen, -- zu fünft in einem Zimmer, zu neun in zweien! Und zu
diesen gehörten vor allem die Hafenarbeiter, die bei schwerer Arbeit,
die sie oft Tag und Nacht nicht los ließ, nicht genug verdienten, um
sich auch nur in Frieden ausruhen und frische Arbeitskräfte sammeln zu
können. Der Eindruck der Tatsachen, die der Streik enthüllte, war ein
ungeheurer, und die Haltung der Hamburger Reeder, die sich allen
Einigungsversuchen der Arbeiterorganisationen widersetzten und einen
Kampf um ein paar Groschen mehr Lohn zu einem Kampf um ihre Macht
erweiterten, empörte jeden, der vorurteilslos zu denken vermochte. In
höherem Maße als zur Zeit des Konfektionsarbeiterstreiks nahm die
Öffentlichkeit Partei für die Arbeiter, geführt von den jungen
sozialpolitischen Professoren und der nationalsozialen Partei. Das
waren, so schien mir, Symptome für das Erwachen eines Geistes, der nicht
mehr zu bannen sein würde. Und die Haltung der Gegner bekräftigte meine
Auffassung: Kleine Nadelstiche, wie die Ausweisungen englischer
Arbeiterführer, die, um Frieden zu stiften, nach Hamburg gekommen waren,
-- schroffe Erklärungen der Reichsregierung gegen die Streikenden, --
von ihr unwidersprochene Aussprüche, wie die des alten Reaktionärs
Kardorff im Reichstag: »Ich freue mich, daß man von den bedenklichen
Wegen des Erlasses von 1890 jetzt abgekommen ist,« -- Wünsche eines
Stumm und seiner Gesinnungsgenossen, die zur Bekämpfung
staatsgefährlicher Umtriebe eine Änderung der Vereinsgesetze forderten,
-- waren das alles nicht Zeichen der Angst und der Schwäche? Und war
nicht die Wandlung, die der Kaiser seit seinen sozialpolitischen
Erlassen durchgemacht hatte, ein unbewußtes Eingeständnis schwindenden
Einflusses? Erfüllt von seinem Gottesgnadentum, durchtränkt von der
Vorstellung, die Tradition und Erziehung den Fürsten unauslöschlich
einprägt: daß das Volk ihnen gegenüber im Verhältnis des Kindes zum
Vater steht, hatte er ein sozialer Kaiser sein wollen, indem er der
Arbeiterschaft als Geschenk brachte, was ihm gut schien für sie. Als sie
es ihm nicht dankte, als sie Rechte forderte, statt Gnaden zu erbitten,
sie sogar mit Gewalt ertrotzen wollte, -- da wurde der in seiner
Autorität verletzte Fürst zum zürnenden, strafenden Vater. Und derselbe
Kaiser, der 1890 für die Schaffung von Schiedsgerichten eintrat, stellte
sich 1896 auf die Seite der Hamburger Reeder und forderte die
Vereinigung aller Arbeitgeber gegen die Arbeiter.
Um diese Zeit besuchte uns mein alter Freund Professor Tondern, der ein
stiller Gelehrter irgendwo an einer Provinzuniversität geworden war, und
den ich für unsere Sache fast schon aufgegeben hatte. Er war zur Zeit
des Streiks in Hamburg gewesen, und mein Mann hatte ihn für das Archiv
zu einer Arbeit darüber aufgefordert. Statt aller Antwort kam er selbst,
ganz erfüllt von dem Erlebten.
»Da bilden wir uns nun wer weiß wie viel auf unsere Bildung, unsere alte
Kultur ein,« sagte er, »und müssen angesichts solcher Kämpfe beschämt
eingestehen, daß wir mit all dem lumpigen Rüstzeug ihren Forderungen
gegenüber jämmerlich Schiffbruch leiden würden, während die in Elend und
Unwissenheit Aufgewachsenen sich wie Helden bewähren. Sie hätten nur
sehen sollen, wie tapfer die Frauen, vom kleinen Mädchen bis zum
steinalten Mütterchen, ihren Vätern und Söhnen zur Seite standen. Da
steckt ungebrochene Jugendkraft --« Er brach seufzend ab.
»Zeugt die arbeiterfreundliche Haltung gewisser bürgerlicher Kreise
nicht auch dafür?« fragte ich.
Er schüttelte heftig den Kopf, daß die dünn gewordenen roten
Haarsträhnen flogen. »Immer noch die alte Optimistin!« murmelte er. »Zu
einem guten Teil haben Sie freilich recht --« fügte er dann laut hinzu.
»Der Streik hat die Verschlafenen aufgerüttelt, hat die
sozialpolitischen Probleme wieder in den Fluß der Diskussion gebracht,
hat die brennende Feindschaft, die der Generalstab des Kapitals, das
heißt das Kapital in seiner bedrohten politischen Machtsphäre gegen die
freie Wissenschaft empfindet, zu hellen Flammen werden lassen, -- und
das kann dem echten, dem kritischen wissenschaftlichen Geist nur heilsam
sein.«
»Diese Feindschaft muß aber auch mehr und mehr zu uns herübertreiben,«
entgegnete ich.
»Zur Sozialdemokratie? Nein! Erinnern Sie sich unserer Haltung nach der
frankfurter Tagung der Ethischen Gesellschaft? -- Seitdem hat sich für
uns nichts verändert. Wir sind sogar nur noch fester an die
Staatskrippe, und damit an den Dienst der kapitalistischen Gesellschaft
geschmiedet, weil unsere Kinder inzwischen größer und anspruchsvoller
wurden. Eine Ausnahme, wie Sie, bestätigt nur die Regel. Marx hat keine
größere Wahrheit ausgesprochen als die, daß die gesellschaftliche
Umwandlung nur das Werk der Arbeiterklasse sein kann.«
Er stand auf. »Ich muß eilen, -- meine Frau wartet auf mich,« sagte er
hastig, und strich sich gleich darauf mit einer verlegen ungeschickten
Bewegung den roten Bart. Ich verstand. Es war gewissermaßen nur ein
Geschäftsbesuch gewesen. Mit Damenbesuchen wurde ich nicht verwöhnt! Er
schüttelte meinem Mann die Hand: »Sie bekommen den Aufsatz in spätestens
vierzehn Tagen.« Dann wandte er sich abschiednehmend zu mir: »Sie dürfen
mir auch die Hand geben. Meine Stellung zu Alix Brandt ist genau
dieselbe geblieben wie zu Alix von Glyzcinski.«
Kurze Zeit darauf meldete sich einer der geistvollsten
Archiv-Mitarbeiter, Professor Romberg, bei uns an. Ich sah ihm mit
gespannter Erwartung entgegen, denn ihm war ein Buch vorausgegangen, das
ihn wie ein Herold mit Fanfarenstößen angekündigt hatte. Ein schmaler
roter Band war es nur, aber das Wort »Sozialismus« prangte in goldenen
Lettern darauf, und sein Inhalt war nichts anderes als eine Verteidigung
der Lehren von Karl Marx, als eine Anerkennung der sozialdemokratischen
Arbeiterbewegung. Das Katheder eines wohlbestallten ordentlichen
preußischen Universitätsprofessors hatte sich der Verfasser wohl auf
immer verscherzt, aber eine Zuhörerschaft hatte er sich erobert, aus der
für die Sache des Sozialismus eine große Gefolgschaft werden mußte.
Mein Mann lächelte über meinen Enthusiasmus, er spielte sogar ein wenig
den Eifersüchtigen, als ich zum Empfang dieses Gastes ganz besondere
Vorkehrungen traf, den Tisch mit buntem Herbstlaub schmückte und eine
Flasche Wein besorgen ließ, -- zum erstenmal seit unserer
Hochzeitsfeier.
Als er eintrat, hatte ich jene seltsame Empfindung, die ich als Kind
besonders häufig gehabt hatte: daß mir derselbe Mann in derselben
Situation schon einmal begegnet war; selbst die gleichgültige
Begrüßungsphrase und der Ton seiner Stimme dabei war mir bekannt, ehe er
sie aussprach. Im ersten Augenblick war ich verwirrt und überließ
Heinrich die Unterhaltung, dann musterte ich den Gast, und dabei
verwischte sich das Gefühl langen Bekanntseins wieder, ähnlich wie ein
Traum uns um so gewisser entgleitet, je mehr wir über ihn nachdenken.
Diesen großen, tiefbrünetten Mann mit den lebhaften braunen Augen und
der hochgewölbten Stirn hatte ich gewiß noch nie gesehen. War es
Sympathie, die ich für ihn empfand? Der dunkle Bart beschattete dicke
Lippen, die von stark entwickelter Sinnlichkeit zeugten, die großen
Hände mit den breiten Fingerkuppen und den abgebrochenen Nägeln
widersprachen der vornehmen Eleganz seiner schlanken Gestalt. Aber diese
Mischung von Roheit und alter Kultur prädestinierte ihn vielleicht
gerade für die Rolle eines Führers der öffentlichen Meinung, die er,
unserer Ansicht nach, zu spielen bestimmt war.
In einer Rede, die von Geist und Wissen sprühte, setzte er meinem Mann
die Ideen auseinander, die er in einer Abhandlung für das Archiv
zusammenfassen wollte. »Wir müssen der Sozialpolitik die Krücken nehmen,
die Ethiker, Christlichsoziale und neuerdings Rassenhygieniker ihr
glaubten geben zu müssen, um sie dem von ihnen willkürlich gesteckten
Ziele entgegenhumpeln zu lassen. Sie kann und muß auf eigenen Füßen
gehen, eigene Ziele verfolgen. Ich verlange die Autonomie des
sozialpolitischen Ideals, das nicht nur nicht ethisch, nicht religiös,
nicht rassenhygienisch, sondern diesen Idealen direkt entgegengesetzt
sein kann.«
»Das sei Ihnen in bezug auf das religiöse Ideal zugegeben,« warf mein
Mann ein, »aber das ethische, das rassenhygienische?! Die 'Befreiung des
gesamten Menschengeschlechts, das unter den heutigen Zuständen leidet',
ist doch wohl ein ethisches Postulat!«
Romberg bewegte lebhaft abwehrend die Hände: »Bleiben Sie mir mit der
Zukunftsmusik des Erfurter Programms vom Leibe! Sie könnten ebenso gut
die 'Versöhnung der Klassengegensätze', die die Ethiker unter den
Nationalökonomen der Sozialpolitik als Aufgabe zuschieben, predigen.
Nein: wir stehen im Klassenkampf, wir müssen in diesem Kampf Partei
ergreifen, und zwar nicht für die Schwachen nach christlicher
Auffassung, sondern für das höchst entwickelte Wirtschaftssystem, für
die den wirtschaftlichen Fortschritt repräsentierende Klasse, das heißt
auf Kosten der anderen.«
»Mit anderen Worten: für das Proletariat?« fragte ich. Er wandte sich
mir zu.
»Gewiß: für das Proletariat, soweit seine Ideale sich mit dem Ideal der
Sozialpolitik decken: der wirtschaftlichen Vollkommenheit, und,« -- er
betonte scharf den letzten Satz, -- »soweit sie sich dauernd mit ihm
decken werden. Denn es ist einerseits in dauerndem Fluß begriffen und
ist andererseits kein absoluter Endzweck, sondern nur ein Mittel zur
Verwirklichung höherer Zwecke. Das wirtschaftliche Leben ist die
Schranke, in der unser ganzes Dasein, auch in seinen höchsten
Äußerungen, eingeschlossen ist. Wir müssen sie erweitern, so rasch als
möglich, ohne Rücksicht auf die Bedenken empfindsamer Seelen, um zu
Licht und Luft zu gelangen.«
»Und mit diesen Ansichten können Sie es verantworten, außerhalb unserer
Partei zu stehen!« rief ich aus. Er schien erstaunt.
»Alles, was ich sagte, was ich schrieb, beweist doch, daß ich es
verantworten kann!« meinte er langsam. »Oder glauben Sie, ich würde mehr
erreichen, wenn ich mich in Ihr Heer einreihen, Ihre Uniform anziehen
würde, wenn ich jede meiner Ideen, ehe ich sie auszusprechen mich
getraute, dem Votum Ihres Parteitages unterwerfe?!«
»Ich verstehe Sie nicht!« antwortete ich. »Wie reimt sich Ihre Abneigung
gegen die Partei mit diesem Buch zusammen,« -- ich hielt ihm den roten
Band entgegen, -- »mit Ihrer Verteidigung des Klassenkampfes, mit Ihrer
Prophezeiung der dauernden, der notwendigen Einheit der Bewegung?«
»Ich muß Ihre Frage mit einer Frage beantworten: Ist die Zugehörigkeit
zur Bewegung abhängig von der namentlichen Einschreibung in einen
Wahlverein? Ist es für meine Stellung wichtiger, wie ich mich nenne, als
was ich leiste?! Die Frage des Eintritts in die Partei kann für
unsereinen nur individuell gelöst werden. Ich zum Beispiel würde in dem
Augenblick flügellahm werden, wo ich in -der- Gesellschaft aushalten
müßte.«
»Für einen Augenblick vielleicht, aber in dem Moment, wo Sie sich
durchsetzen, wo Sie Einfluß gewinnen würden, hätten Sie die Kraft Ihrer
Flügel in doppeltem Maße wieder --,« mischte sich mein Mann ins
Gespräch.
»Sie überschätzen mich, lieber Freund. Über gewisse Dinge komme ich
nicht hinweg. Sie wissen, mein 'Sozialismus' hat einen ungeahnten
Erfolg; ich brauche mich in meiner Schriftstellereitelkeit wahrhaftig
nicht gekränkt zu fühlen. Aber die Behandlung, die mir -- mir, der ich
den Sozialismus verteidige! -- von einem Teil Ihrer Presse zuteil
geworden ist, hat mir die ganze Gesellschaft auf lange verekelt!«
Der Gegensatz zwischen dem Enthusiasmus, der ihn wenige Minuten vorher
erfüllt hatte, und der morosen Stimmung, die jetzt aus Wort und Ton und
Haltung sprach, war so verblüffend, daß wir verstummten. Aber Romberg
forderte uns zur Antwort heraus:
»Sie mißbilligen meinen Standpunkt?« Fragend sah er von einem zum
anderen.
»Ganz und gar!« antwortete ich heftig. »Glauben Sie, daß wir um der
schönen Augen der Parteigenossen willen Sozialdemokraten geworden sind,
-- oder der Partei entrüstet den Rücken kehren würden, weil ein paar
Nasen uns nicht gefallen?! Wir dienen der Sache, nicht den Personen.«
»Eine so reinliche Scheidung zwischen der Sache und den Personen läßt
sich in Wirklichkeit nicht durchführen,« sagte er, sichtlich verletzt.
»Es kann sehr wohl der Fall eintreten, daß eine Sache durch eine
bestimmte Personengruppierung rettungslos verloren geht, und ich bin der
Meinung, daß in Ihrer Partei Leute den Ton angeben, die Ihre Sache
diskreditieren.«
»Wenn Sie dieser Ansicht sind, müßten Sie erst recht in die Partei
eintreten, um die Sache, die doch auch die Ihre ist, vor solchen
Einflüssen zu retten!«
Er biß sich auf die Lippen und schwieg sekundenlang. Dann ließ er sich,
wie ermüdet, in den Lehnstuhl fallen und sagte langsam: »Sie mögen recht
haben, -- auf Grund Ihrer Individualität. Ich würde einfach zugrunde
gehen, wenn ich mit dem Gesindel, das Ihre Partei groß gefuttert hat,
auf gleich und gleich verkehren müßte. Übrigens,« er lächelte ein wenig,
»Sie sind ja erst seit vorgestern 'Genossin', -- wir wollen unser
Gespräch in zehn Jahren zu Ende führen! Und Sie, mein lieber Brandt,
sind doch auch nur im Nebenberuf 'Genosse'. Wenn Sie Ihrer Frau
beistimmen, warum treten Sie nicht in die politische Arena?«
Mein Mann ging ein paarmal im Zimmer auf und nieder, ehe er antwortete.
»Ich habe nicht Ihre Begabung, die Sie zum Agitator stempelt. Und ich
bin nicht unabhängig wie Sie, was, meiner Ansicht nach, eine wichtige
Voraussetzung ist, wenn man in der Partei Wertvolles leisten will. Das
Archiv ist mein Brotgeber. Es könnte seine wertvollsten Mitarbeiter
verlieren, wenn sein Redakteur politisch hervorträte. Sonst, -- lieber
heute als morgen würde ich ein tätiger Parteigenosse sein!«
Ich hatte Heinrich noch nie so sprechen hören; eine tiefe Unbefriedigung
enthüllte sich mir, eine Seite seines Wesens, die sich selbst dem
durchdringenden Blick meiner Liebe bisher versteckt hatte. Ich konnte
den Gedanken daran nicht los werden und vergaß fast unseres Besuchers
darüber.
Beim Abschied reichte ich ihm die Hand. Ein unbehagliches Gefühl überkam
mich: die seine lag, so groß sie war, schwach und leblos in der meinen.
Menschen ohne Händedruck waren mir immer unsympathisch gewesen. Und
doch zog dieser Mann mich an.
»Wollen wir nach all dem Ernst nun nicht Berlin ein wenig genießen?«
fragte er. »Wir armen Provinzler müssen uns mit Großstadtluft auf Monate
versorgen, wenn wir einmal von unserer Kette loskommen.« Wir
verabredeten allerlei, und er ging.
»Nun?!« fragte Heinrich, als die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte.
»Ein interessanter Mensch, ob ein Kämpfer?!« antwortete ich
nachdenklich. »Aber was interessiert mich dies Problem, wo mein eigner
Mann mir eins aufgegeben hat!«
Er zuckte lachend die Achseln: »Kümmere dich nicht darum, Schatz, es ist
doch zunächst unlösbar.« »Du würdest wirklich gern politisch tätig
sein?« drängte ich unbeirrt. »Wäre es dir willkommen?« fragte er statt
der Antwort. Mir stieg das Blut in die Wangen. Ich sah den Geliebten an
der Stelle, die ich Romberg zugedacht hatte; ich sah uns beide Schulter
an Schulter im Kampfe stehen. »O wie schön wäre das!« flüsterte ich.
Die nächsten Tage nahm uns Romberg sehr in Anspruch. Er war von einer
fast kindlichen Genußfähigkeit, dabei voller Interesse für Kunst und
Literatur, in allem das Gegenspiel des typischen deutschen Professors.
* * * * *
Berlin war damals reich an neuem Leben für den, der es zu finden
verstand. Denn die Oberfläche trug noch immer das Stigma geschmackloser
Alltäglichkeit. Mein Instinkt war doppelt wach; meine Sinne schienen
geschärft für alles Werden, und meine Hoffnung umschlang mit üppigen
Ranken jede neue Erscheinung.
Wir sahen Gerhart Hauptmanns »Versunkene Glocke«, die zum erstenmal zur
Aufführung kam. Alles stritt um des schönen Märchens eigentlichen Inhalt
und riß ihm im Streit grausam die Schmetterlingsflügel aus. Den einen
erschien es als das tragische Bekenntnis eigener Schwäche: denn die im
Tal gegossene, für die Höhe bestimmte Glocke Meister Heinrichs stürzte
vom Berge hinab in die Tiefe, und als er selbst emporstieg, um droben
ein neues Wunderwerk zu schaffen, zog sie ihn nach sich ins Grab. Den
anderen war es nichts als ein Zeichen geistiger Reaktion: der Dichter
der 'Weber' floh vor dem wirklichen Leben. Ich aber hörte darin das
immer wiederkehrende Leitmotiv der Sehnsucht, das den Glockengießer
emporzog, auch als er an seiner Schwäche sterben mußte, ich sah die
Sonnenpilger, die den Marmortempel suchten, dessen Baumeister zugrunde
ging, dem aber Kräftigere als er Hammer und Kelle aus den toten Händen
nahmen.
Und dieselbe Sehnsucht, die der Hoffnung Schwester ist, die aus unserer
nüchternen, auf praktisch-greifbare Ziele gerichteten Zeit
hinwegverlangt in reichere, blühendere Gefilde, wo die arme gehetzte
Seele nicht mehr zu dursten und zu frieren braucht, schien einer jungen
noch unbekannten Künstlerschaft die Hand zu führen. Wir sahen Gläser,
deren zart schimmernde Blumenkelche in Märchenfarben strahlten, und
Teppiche, auf denen die ganze Fülle des Frühlings ausgestreut erschien.
Wir kamen in eine Ausstellung, die eine Welt fremder Wunder enthielt,
deren Schöpfer ein noch Unbekannter war. Staunend stand ich vor dem
schönsten, das sie bot: einem Fenster voll leuchtender Glut, mit den
Gestalten Tristans und Isoldens. In ihren Augen, in ihrer Gebärde
steigerte sich die Sehnsucht zum Verlangen; die Farben waren eine Hymne
des Lebens: das Rot jauchzte, das Blau verging in zärtlichen Melodien,
wie ein mystischer Orgelton stand das Violett dazwischen.
Achselzuckend ging die Masse an alledem vorüber. Auch die beiden Männer,
die mich begleiteten, waren mehr erstaunt als betroffen. Ob wohl nur
eine, die schwanger war, die verborgenen Lebenskeime dieser Zeit zu
schauen vermochte? Ich sog mit allen Sinnen ein, was der Menschenknospe
in meinem Schoß zur Nahrung dienen konnte.
»Seit ich Sie kenne, begreife ich nicht, wie Sie Genossin werden
konnten,« sagte Romberg beim Abschied, »mit Ihrem starken
Kulturbedürfnis, ihrem Schönheitsdurst!«
»Für mich war das nur ein Motiv mehr, um es zu werden,« antwortete ich.
»Auch den Seelenhunger der Massen nach höheren Lebenswerten möchte ich
stillen helfen.«
»Sie haben kaum einen --,« meinte er wegwerfend.
»Dann ist meine Aufgabe doppelt groß: ich muß sie hungrig machen -- --«
* * * * *
Mein Zustand hinderte mich zunächst nicht an der Parteitätigkeit. Ich
hielt Versammlungen ab, solang es ging, obwohl die schlechte Luft sich
mir immer schwerer auf den Kopf legte; ich besuchte die Sitzungen der
Frauenorganisation regelmäßig trotz der ekelerregenden Düfte der Lokale,
in denen sie stattfanden. Wenn die Polizei, die uns ständig auf den
Fersen war, gewußt hätte, wie wenig welterschütternd die Fragen waren,
über die wir debattierten, sie würde uns ruhig unserem Schicksal
überlassen haben. Seitdem Wanda Orbin nicht mehr in Berlin war, schien
zwar auch den Nur-Ja-Sagerinnen der Mund geöffnet zu sein, aber was sie
vorbrachten, das drehte sich meist um die kleinlichsten Dinge. Derselbe
Zank, derselbe Neid, der mir die bürgerliche Frauenbewegung vergällt
hatte, fand sich auch hier, nur daß er sich in gröberen Formen äußerte.
Ich wäre bitter enttäuscht gewesen, wenn ich nicht allmählich Einblicke
gewonnen hätte, die mir die Dinge in anderem Licht erscheinen ließen.
Ich lernte das Leben dieser Frauen kennen. Da war eine, die tagaus,
tagein in dieselbe elende Zwischenmeisterwerkstatt ging, um, wenn sie
todmüde heimkam, von dem betrunkenen Mann mit Schlägen oder
zudringlichen Zärtlichkeiten empfangen zu werden; -- sollte sie nicht
verbittert sein? Da war eine andere, die, obwohl sie einen braven Gatten
hatte, auf ihre alten Tage in die Fabrik zurückgekehrt war, weil sie nur
auf diese Weise ihrem kranken Sohn den Besuch eines Sanatoriums
ermöglichen konnte; -- sollte sie die glücklicheren Mütter nicht
beneiden, die die Gesundheit ihrer Kinder nicht so schwer erkaufen
mußten? Und ein verblühtes Mädchen war zwischen uns, die ihrer gelähmten
Mutter ihre ganze Jugend hatte opfern müssen, -- war's nicht
begreiflich, daß etwas wie Haß in ihren Augen aufblitzte, wenn ich
sprach?
Einmal besuchte ich die kleine dicke Frau Wengs; sie war vor drei Tagen
ihres siebenten Kindes genesen, und ich fand sie schon wieder hinter dem
Waschfaß. War es erstaunlich, daß sie reizbar war? All diese Frauen
standen in harter Arbeitsfron; war es nicht viel merkwürdiger, daß sie
sich dabei die Kraft, den Opfermut, die Begeisterungsfähigkeit erhalten
hatten, die es ihnen möglich machte, ihre spärliche Freizeit, ihre ihnen
so bitter nötige Nachtruhe dem Dienst der Partei zu widmen? Sie
leisteten das äußerste, was sie leisten konnten; es war nicht ihre
Schuld, daß es trotzdem so wenig war.
Ich grübelte lange nach, wie hier zu helfen wäre. Mein alter Plan eines
Zentralausschusses für Frauenarbeit tauchte wieder auf. Wenn man mit
Hilfe der Partei solch einen Mittelpunkt schaffen, die begabtesten der
Frauen dabei beschäftigen, von ihrer Erwerbsarbeit dadurch befreien
könnte? Frau Wengs war nach dem Parteitag zur »Vertrauensperson für ganz
Deutschland« gewählt worden. War es nicht wie ein Hohn auf die
Frauenbewegung, daß sie, die kaum Zeit hatte, eine Zeitung zu lesen, für
die das Schreiben eines Briefes eine fast unüberwindliche Aufgabe war,
an ihrer Spitze stehen sollte? Man hatte mir freilich erzählt, Wanda
Orbin habe ihre Wahl unterstützt, um die Leitung um so sicherer in der
eigenen Hand zu behalten, Wanda Orbin, die uns so fern war, deren
unzureichende Kenntnis der Verhältnisse schon daraus hervorging, daß
sie ihre Zeitschrift in einem Tone schrieb, der einen hohen Grad von
Wissen bei dem Leser voraussetzte. Ja, wenn sie in Berlin wäre, wenn sie
offiziell die Führung in die Hände bekäme, wenn die Gestaltung der
'Freiheit' dem Einfluß der Genossinnen zugänglich gemacht werden könnte!
Schon damit, so schien mir, wäre viel geholfen. Ich schrieb ihr in
diesem Sinne, ich fragte sie, ob sie kommen würde, wenn man die
Anstellung einer weiblichen Parteisekretärin durchgesetzt hätte. Sie
antwortete ausweichend: es fessele sie vieles, vor allem die Erziehung
ihrer Söhne in Stuttgart. Ich gab die Sache noch nicht verloren. Ich
legte meinen Plan der Schaffung eines Sekretariats für die
Frauenbewegung den Genossinnen vor, ich entwickelte ihn in einem
längeren Artikel in der 'Freiheit' und hütete mich zunächst, Wanda
Orbins Namen zu nennen, da ich wußte, daß auch sie Gegnerinnen hatte.
Die Wirkung war verblüffend: die Frauen gerieten in eine Aufregung, die
in keinem Verhältnis zur Sache zu stehen schien. Man fand es
ungeheuerlich, daß ich, die ich noch nichts, aber auch rein gar nichts
geleistet hätte, mir herausgenommen habe, an der Arbeiterinnenbewegung
Kritik zu üben; man bekämpfte meinen Plan durch Wort und Schrift, als
bedeute er eine Gefahr für die Partei. Bei der Abstimmung erhob sich
keine Hand für ihn. Ich erfuhr erst allmählich die wahre Ursache dieser
wütenden Gegnerschaft: die Frauen hatten angenommen, daß ich für mich
selbst eine einträgliche Stellung schaffen wolle. Und Wanda Orbin hatte
sie offenbar in diesem Glauben gelassen. Es gab Momente, in denen diese
Erfahrung mir wehe tat, -- trotz aller Mühe, überall nur das Gute zu
sehen. Und die Entrüstung meines Mannes, der jeden Nadelstich, der mich
traf, wie einen Dolchstoß empfand, trug nicht dazu bei, mich zu
beruhigen.
Aber die öffentlichen Ereignisse sorgten dafür, Gedanken und Interessen
auf wichtigere Dinge zu lenken, und die Verstimmung zwischen mir und den
Genossinnen in einmütige Kampflust gegen die Feinde, die unsere Sache
von außen bedrohten, zu verwandeln.
Hatten die Parlamentsreden der Herren der Rechten, vom Geiste Stumms
beherrscht, schon kriegerisch genug geklungen, so kündigten die
kaiserlichen Worte auf dem brandenburger Provinzial-Landtag Kampf bis
aufs Messer an: »Die Aufgabe, die uns allen aufgebürdet ist, die wir
verpflichtet sind zu übernehmen, ist der Kampf gegen den Umsturz mit
allen Mitteln... Ich werde mich freuen, in diesem Gefecht jedes Mannes
Hand in der meinen zu sehen, er sei edel oder unfrei,« hieß es darin,
und zum Schluß: »Wir werden nicht nachlassen, um unser Land von dieser
Pest zu befreien, die nicht nur unser Volk durchseucht, sondern auch das
Heiligste, was wir Deutsche kennen, die Stellung der Frau, zu
erschüttern trachtet.«
Kein Zweifel: ein Gewitter stand bevor, das unsere Saaten bedrohte; dem
Blitz, der die Situation grell beleuchtet hatte, folgte der Donner und
der prasselnde Regen in Gestalt einer Vereinsgesetznovelle, die dem
reaktionären preußischen Landtag zur Entscheidung vorlag und nichts
anderes bedeutete, als eine Knebelung des Koalitionsrechts, eine
Auslieferung unserer Organisationen an die Willkür der Polizei. Da war
niemand unter uns, dem nicht das Herz stürmisch geschlagen hätte, --
vor Empörung über das drohende Unrecht, vor Freude über den
aufgezwungenen Kampf. Es gab keinen kleinlichen Zank mehr; man drängte
sich zur Arbeit und übernahm auch die geringfügigste mit dem
Pflichtbewußtsein des Soldaten, der seinen Posten bezieht. Ich konnte
der vorgeschrittenen Schwangerschaft wegen nur mit der Feder tätig sein,
und Zorn und Begeisterung führte sie. Ich sah eine Zeit nahe
bevorstehen, wo die besten Elemente des Bürgertums, wo vor allem die
Vertreter der freien Wissenschaft, vor die Wahl gestellt zwischen der
Reaktion und dem Proletariat, sich auf die Seite der Arbeiter stellen
müßten.
»Du prophezeist trotz einem Bebel,« lachte mein Mann, wenn ich mich
fortreißen ließ, alles zu sagen, was ich erträumte, und dann erinnerte
er mich an jene anderen Kaiserreden, die den Dreizack des Meergottes für
die deutsche Faust verlangten, und den Beifall derselben Männer fanden,
auf die ich rechnete. Aber ich hörte nicht darauf, ich wollte nicht
hören.
* * * * *
Die Fähigkeit, Dunkles zu sehen, war meinem inneren Auge mehr und mehr
abhanden gekommen. Wo immer ich den Blick hinwandte: überall war es
hell, überall strahlte die Welt voll Frühlingsahnen. Und als es draußen
in den Gärten und auf den Plätzen wirklich zu blühen begann, da schien
mir's, als wäre dies der erste Lenz, den ich erlebte. Ich saß in der
Sonne auf dem Balkon und sah staunend, wie aus den braunen saftig
glänzenden Knospen auf den Kastanienbäumen kleine zartgrüne Blätter
leise ans Licht strebten. Ich ging am Arm des Geliebten durch den
Tiergarten, den ein starker würziger Erdgeruch erfüllte, und stand vor
dem Wunder still, das in Hunderten bunter Frühlingsblumen aus dem
Rasenteppich emporwuchs. Und die Sonne schien so mild und warm, -- wenn
sie meine Wange traf, war mir, als streichle sie mich. In der Nacht lag
ich oft stundenlang wach; ich war nicht müde. Regte sich dann in meinem
Schoß das junge Leben, so strömte es mir durch die Glieder wie Feuer.
Frühzeitig war alles zu seinem Empfang bereit. Oft, wenn niemand es
merkte, schloß ich mich ein in dem hellen Zimmer, wo alles seiner
wartete, und kniete vor dem kleinen Bettchen, und vergrub meine heißen
Wangen in seinen kühlen Kissen.
Einmal, als ich mit Heinrich am Ufer entlang heimwärts ging, an der
Bucht vorbei, wo die Weiden ihre grünen Schleier tief bis zum Wasser
hinuntergleiten lassen, kam uns ein alter grauhaariger Mann entgegen.
Ich hörte zuerst nur seinen schleppenden Schritt, denn die Abendsonne,
die im Westen verglühte, blendete mich. Aber ich wußte: das war mein
Vater. Meine Knie zitterten. Und schon war er vorbei. Er schien in
Gedanken verloren und hatte uns wohl nicht erkannt. Ich wandte den Kopf
nach ihm, -- da stand er wie angewurzelt und starrte mich an, so voll
Zärtlichkeit --! Ich wäre ihm fast zu Füßen gestürzt, aber er machte
eine rasche, abwehrende Bewegung und ging weiter. An dem Abend weinte
ich. Und ich hatte doch mein Kind vor allem Kummer schützen wollen!
Wenige Tage später waren wir wieder zur gewöhnlichen Zeit fort gewesen.
Mit geheimnisvollem Lächeln öffnete mir das Mädchen die Tür, als ich
heimkam. Ins Kinderzimmer sollt' ich kommen, sagte sie. Da brannte die
Lampe unter dem Rosenschleier und auf dem weißen Tisch lagen lauter
spitzenbesetzte Hemdchen und Jäckchen, und kleine Schuhe und
Steckkissen, und lange Tragekleidchen; durch die blauen Bänder, die sie
zusammenhielten, waren Sträuße duftender Maiblumen gezogen. »Das gnädige
Fräulein brachte alles selbst,« berichtete lächelnd das Mädchen und
übergab mir einen Brief von Mama:
»Mein liebes Kind! Das alles schickt Dir Dein Vater. Er hat mir und
Deiner Schwester erlaubt, zu Dir zu gehen, und Dir seine Grüße zu
bringen. Schreibe mir, wann wir Dich besuchen können,« schrieb sie. Bald
darauf kam sie selbst. Ich hatte vor Erregung eine böse Nacht gehabt und
empfing sie auf dem Diwan liegend. Sie aber war so ruhig, so
teilnahmsvoll, als läge höchstens eine Reise zwischen ihrem ersten
Besuch und heute. Drohte eine verlegene Pause, so half das Geplauder
Ilschens darüber hinweg, die mir von ihren ersten Ballfreuden und ihren
Triumphen nicht genug erzählen konnte.
»Wie geht es dem Vater?« fragte ich schließlich zaghaft, da sie zu
vermeiden schienen, seiner Erwähnung zu tun. »Er ist recht alt
geworden,« antwortete Mama langsam. »Aber noch so rüstig,« fiel die
Schwester ein, und berichtete zum Beweis dafür von den Diners und den
Bällen, zu denen er sie begleitet hatte. Sie nannte Namen, die ich nicht
kannte, und erwähnte Gesellschaftskreise, die er früher auf das
peinlichste gemieden hatte: Tiergartensalons, in denen, wie er zu sagen
pflegte, der jüngere Offizier nur als Mitgiftjäger, der alte nur als
Tafeldekoration auftritt. Ich fühlte jetzt: er mußte sehr alt geworden
sein.
Ehe sie gingen, bat ich Ilschen, nun aber recht oft zu mir zu kommen.
Sie sah, statt zu antworten, ängstlich fragend auf Mama. »Allein darf
sie euch nicht besuchen,« sagte diese mit dem alten harten Ton in der
Stimme, während sich tiefe Falten um ihre Mundwinkel gruben. Als sie
fort waren, trat ich auf den Balkon. Ich hatte das Bedürfnis, frische
Luft zu schöpfen. Da fiel mein Blick auf die Straße: mit kleinen,
hastigen Schritten ging der Vater vor unserer Haustür auf und ab, und
als Ilse ihm entgegentrat, wandte er sich ihr mit einer raschen Bewegung
zu, und ich sah, wie sie sprach und sprach, und wie er horchte, den Kopf
ihr zugeneigt, als fürchte er, auch nur ein einzig Wort zu verlieren. An
diesem Abend mußt' ich wieder weinen.
* * * * *
Der Sommer kam. Ich schleppte mich nur noch mühsam die hohen Treppen
herauf und hinunter. Ich zählte nicht mehr nach Wochen, sondern nach
Tagen. Meine Zimmer standen voll Junirosen.
Ich war noch einmal mit den Kindern in die Stadt gegangen, um zu
besorgen, was ihnen für die Ferienreise zu ihrer Mutter noch fehlte. Als
ich daheim die Sachen in den Koffer legte, dunkelte es mir plötzlich vor
den Augen. Ein jäher Schmerz zog mir den Leib zusammen. Ich schlich ins
Wohnzimmer und fiel meinem Mann, der erschrocken vom Schreibtisch
aufgesprungen war, in die Arme. »Nun ist's so weit,« flüsterte ich und
sah ihn glückselig an. Er schickte zu meiner Ärztin. Ich aber saß still
im Lehnstuhl und spottete seiner Ängstlichkeit. Wie hätte ich mich auch
nur einen Augenblick lang fürchten können! Wenn ich die Augen schloß,
sah ich Großmamas gütiges Antlitz vor mir und hörte sie tröstend
wiederholen, was sie mir früher so oft versichert hatte: Ein Kind
gebären ist das leichteste von der Welt. Aber der Abend kam und die
Nacht, -- ich wartete noch immer. Und am folgenden Tag war ich zu
schwach, um vom Bett aufzustehen, und in der Nacht standen zwei
Ärztinnen um mein Bett, und Heinrich wich nicht von mir. Ich allein
spürte nichts von Angst; wenn ich vor Schmerzen stöhnte, so war mir's,
als wäre ich's nicht.
Am Morgen des dritten Tages strahlte der Himmel in wolkenloser Pracht;
von der Gedächtniskirche herüber klang tiefer Glockenton, und von allen
Seiten antworteten ihm hellere Stimmen. »Es will ein Sonntagskind sein,«
flüsterte ich lächelnd dem Liebsten zu, der neben mir saß, und an den
ich mich klammerte, wenn es gar zu wehe tat.
»Und in der Johannisnacht geboren werden,« hörte ich wie von ferne
sagen. Müde sank ich in die Kissen. Mir träumte von den Bergen, die zum
Himmelszelt stolz ihre weißen Häupter heben, und von grünen Matten, die
sich zart und weich zu Füßen grauer Felsen schmiegen. Und ich sah, wie
alle Spitzen zu glühen begannen, als hätten sich die Sterne auf sie
herniedergesenkt, und von allen Hügeln die Flammen loderten. Plötzlich
aber war mir, als stünde ich selbst auf dem Scheiterhaufen, -- schon
züngelte das Feuer an meinem nackten Körper empor, -- ich schrie laut
auf -- --
War ich gestorben, -- und darum so seliger Ruhe voll?! Ich schlug die
Augen auf. »Heinz!« kam es ganz, ganz leise von meinen Lippen. Ich
tastete mit den Händen auf dem Bett, -- ich fühlte seinen Kopf, -- seine
Schultern, -- warum bebten sie nur so?! Heiße Augen, die durch Tränen
leuchteten, richteten sich auf mich. Von der anderen Seite öffnete sich
die Türe, ein breiter Strom von Licht ergoß sich in das dunkel
verhangene Zimmer, auf der Schwelle stand eine Frau, ein weißes
Bündelchen auf den Armen. »Mein Kind --!« rief ich. »Unser Sohn!«
antwortete Heinrich und legte ihn mir an die Brust. Ehrfürchtig
berührten meine Lippen die von wirren Löckchen dunkel umrahmte Stirn.
Und zwei große blaue Augen, in denen des Werdens tiefes Geheimnis noch
zu schlafen schien, blickten mich an.
Siebentes Kapitel
Drei Monate später saß ich an unserem Schreibtisch, in einen Artikel
vertieft, den ich Wanda Orbin versprochen hatte.
»Fast schien es, als sollte der Züricher Arbeiterschutz-Kongreß den
Beweis erbringen, daß die Anhänger der verschiedensten politischen und
religiösen Weltanschauungen auf dem Gebiete praktischer Sozialreform zu
gemeinsamen Resultaten gelangen könnten. Die Fragen der Kinder- und der
Sonntagsarbeit riefen keinerlei tiefere Differenzen hervor. Nur hie und
da fiel ein Wort, das wie Wetterleuchten die Abgründe erhellte, die
tatsächlich zwischen den Rednern auseinanderklafften. Aber erst die
Frage der Frauenarbeit vollzog schließlich die Trennung der Geister.
Schon in der vorbereitenden Sektion kam es zu hitzigen Debatten: auf der
einen Seite standen die katholischen Sozialreformer Belgiens und
Österreichs, unter ihnen Männer in langem Priesterrock und brauner
Mönchskutte, auf der anderen die Führer der internationalen
Sozialdemokratie, die Bebel und Liebknecht, die Vandervelde und Geier an
ihrer Spitze. Und als wir uns am nächsten Morgen in dem hohen Saal der
Tonhalle wieder versammelten -- einem Saal, der nur für Festesfreude
geschaffen schien, -- und der blaue See und die weißen Berge durch die
breiten Fenster zu uns hereinstrahlten, ein Bild glücklichen Friedens,
da wußten wir: heute kommt es zur Schlacht. Die Tribünen waren
überfüllt: die ganze studierende Jugend Zürichs drängte sich dort oben
zusammen. Erwartungsvolle Erregung brannte auf ihren Wangen. Und unten
sammelten sich die Delegierten um ihre Tische: die Luft schien zu
vibrieren unter dem Einfluß all der klopfenden Pulse, all der
kampfheißen Blicke. Der katholische Demokrat Carton de Wiart trat hinter
das Rednerpult zur Verteidigung seines Antrags: Verbot der
großindustriellen Frauenarbeit. Mit tiefem Glockenklang erfüllte seine
schöne Stimme den Riesenraum und steigerte sich zum tragischen Pathos,
wenn sie die zerstörenden Folgen der Frauenarbeit schilderte: 'Der
Säugling verkommt in Hunger und Schmutz, die heranwachsenden Kinder
werden ein Opfer der Straße; vom erloschenen Herdfeuer flieht der Mann
und sucht Trost und Wärme im Trunk ...' Er malte nicht zu schwarz, und
auch aus den Reihen der Gegner hätte ihm niemand widersprechen
können. Aber während die tatsächlichen Zustände ihm und seinen
Gesinnungsgenossen als eine beklagenswerte Verirrung der Menschheit
erschienen, die durch ein gebieterisches 'Zurück!' von dem alten
kleinbürgerlichen Familienleben wieder abgelöst werden könnten, sahen
die Sozialdemokraten in ihnen eine notwendige Begleiterscheinung der
kapitalistischen Wirtschaftsordnung, die nur durch ein 'Vorwärts!' zum
Sozialismus zu überwinden ist. 'Auch wir sind für die Verkürzung der
Arbeitszeit, für gesetzlichen Mutterschutz, für Verbot der Frauenarbeit
in gesundheitsschädlichen Betrieben,' erwiderte Frau Alix Brandt dem
Redner; 'aber für ein Verbot der Frauenarbeit überhaupt sind wir nicht.
Denn nicht jenes idyllische Bild glücklichen Familienlebens, das Herr de
Wiart in so leuchtenden Farben malte, würde seine Folge sein, sondern
eine noch größere Zerstörung der Familie, eine noch gefährlichere
Untergrabung weiblicher Kraft. Weder Laune noch Neigung treibt die
Frauen in Scharen in die Fabriken, sondern Not. Schließt ihnen deren
Tore, und dieselbe Not wird sie in das Elend der Heimarbeit treiben, wo
schrankenlos die Ausbeutung herrscht, wird sie demjenigen Frauenberuf
zuführen, vor dem weder die christliche Sittlichkeit des Staates, noch
die Ritterlichkeit der Männer das weibliche Geschlecht jemals gehütet
haben: der Prostitution.' Und in einer Rede voll hinreißender
Leidenschaft verteidigte Frau Wanda Orbin die Berufsarbeit der Frau als
die Grundlage ihrer sozialen Befreiung: 'Die Arbeit ist ihre
Menschwerdung. Was sie auf der einen Seite zerstört, baut sie auf der
anderen wieder auf für die sittliche und geistige Einheit von Mann und
Frau. Aus den Konflikten zwischen Beruf und Haus erwachsen dem Weibe
zwar die größten Schmerzen, aber auch die größte Kraft. Nicht nur, weil
ein Verbot der Frauenarbeit heute die Not steigern würde, wie meine
Vorrednerin Ihnen auseinandersetzte, stimmen wir geschlossen gegen den
Antrag Wiart, sondern weil wir Frauen die Arbeit wollen um unserer
Selbstbefreiung willen, um einer künftigen Neugestaltung der Ehe und der
Familie willen, die die ökonomische Unabhängigkeit des Weibes zur
Voraussetzung hat.' Minutenlang umbrauste der Jubel aus dem Saal
hinauf, von den Tribünen herab die Rednerin. Und als die Baronin
Vogelsang, eine zarte, schlichte Frauengestalt, sie ablöste, -- mit
niedergeschlagenen Augen und leise zitternden Händen, ungewohnt des
öffentlichen Auftretens, -- erschien sie wie die Personifizierung jener
fernen versunkenen Welt, die sie mit leisen, weichen Worten, mit einem
Appell an das Gefühl wieder glaubte heraufbeschwören zu können: 'Um der
Kinder willen, denen die Industrie die Mütter raubt, nehmen Sie den
Antrag an --;' ihre erhobenen Blicke flehten und rührten manch einem ans
Herz, so daß die rauhe Wahrheit, die der Verstand erkennt, hinter den
weichen Schleiern, die die Empfindung webt, zu verschwinden drohte ...«
Ich legte die Feder aus der Hand und seufzte tief auf. Seit meines
Kindes Geburt waren die Probleme der Frauenbefreiung für mich keine
bloßen Theorien mehr. Sie schnitten in mein eigenes Fleisch, -- und ich
war keine Industriearbeiterin, -- ich brauchte nicht von früh bis spät
in der Fabrik zu schuften, fern meinem Liebling. Mir grauste, wenn ich
daran dachte, daß so etwas möglich, ja notwendig sein konnte. Es gab
Augenblicke, in denen meine Überzeugungen auf tönernen Füßen zu stehen
schienen.
Schon die Reise nach Zürich war mir schwer genug geworden, obwohl ich
mein Kind in bester Obhut zurückgelassen hatte. Meine Phantasie malte
sich täglich neue Schrecken aus, die ihm zustoßen konnten. Und wie viele
Stunden des Tages mußte ich jetzt fern von ihm sein! Wie oft sprang ich
vom Schreibtisch auf und sah sehnsüchtig auf den sonnigen Platz
hinunter, wo es, in seinen weißen Wagen gebettet, auf- und
niedergefahren wurde. Wie viele Blicke aus seinen blauen Augen, wieviel
krähendes Babylachen von seinem roten Mündchen gingen mir verloren! Und
abends, und nachts: wie oft mußte ich, statt an seinem Bettchen zu
sitzen, in Versammlungen sprechen, an Partei-Zusammenkünften teilnehmen.
Manche meiner Genossinnen kamen aus der Werkstatt und der Fabrik, auch
sie hatten kleine Kinder zu Hause und kein Dienstmädchen, um sie zu
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