Ich hatte zuerst laut und freudig, dann immer langsamer und leiser
gelesen. »Das nennen Sie eine gute Botschaft?« frug ich kopfschüttelnd.
»Gerade heute sah ich in der Presse, wie alles von rechts und links nach
einer neuen Auflage der Umsturzvorlage schreit. Und gestern erzählte
mein Vater, daß man im Kasino schon die Maßregeln erörtert, durch die
die Sozialdemokraten mundtot gemacht werden sollen --«
Brandt unterbrach mich: »Nun -- und? Wird Ihre Aufgabe dadurch etwa
überflüssig?«
»Gewiß nicht. Aber für mein Gewissen kann es eine größere Aufgabe geben:
mich in dem Augenblick der Verfolgung an die Seite derer zu stellen, die
verfolgt werden. Die eigene Überzeugung in die Tasche zu stecken, läßt
sich nur so lange entschuldigen, als es keine Feigheit ist.«
»Sie haben recht -- wie immer, wenn Ihre erste Empfindung spricht,« er
drückte mir die Hand, fest und kameradschaftlich, »und doch möchte ich
Sie bitten: überlegen Sie ruhig, ehe Sie antworten. Die Ausnahmegesetze
sind bisher nichts als Wünsche und Drohungen, und das klägliche Ende der
Umsturzvorlage dürfte kaum zu einer Wiederholung reizen.« -- --
»... Hängt am Tage von St. Sedan Trauerfahnen aus, erhebt feierlichen
Protest gegen den Massenmord und ehrt diejenigen, die zum Kriege hetzen,
wie es ihnen gebührt: steckt sie als Verbrecher ins Zuchthaus.« Mein
Vater hatte mir einen Zeitungsausschnitt geschickt, der diesen Satz aus
der sozialdemokratischen Breslauer 'Volkswacht' zitierte. Roh und
häßlich, unwürdig vor allem war er. Die geistigen Waffen, die wir
führen, sollten blanker und damit auch schärfer sein, dachte ich.
Wenige Tage später veröffentlichten die bürgerlichen Zeitungen in
Riesenlettern den Trinkspruch, den der Kaiser am Sedantag ausgebracht
hatte:
»... In die große hohe Festesfreude schlägt ein Ton hinein, der wahrlich
nicht dazu gehört; eine Rotte von Menschen, nicht wert, den Namen
Deutsche zu tragen, wagt es, das deutsche Volk zu schmähen; wagt es, die
uns geheiligte Person des allverehrten verewigten Kaisers in den Staub
zu ziehen. Möge das gesamte Volk in sich die Kraft finden, diese
unerhörten Angriffe zurückzuweisen. Geschieht es nicht, nun, dann rufe
ich Sie, um der hochverräterischen Schar zu wehren, um einen Kampf zu
führen, der uns von solchen Elementen befreit.«
Wortlos reichte ich Brandt das Blatt, als er kam. »Was haben Sie
beschlossen?«
»Die Rotte von Menschen sind meine Brüder und Schwestern. -- Ich lehne
ab.«
Drittes Kapitel
Ich stand in Wien auf der Rednertribüne des Ronachersaals und verneigte
mich noch einmal vor dem applaudierenden Publikum. Ich wußte: ich hatte
nicht gesprochen wie sonst. Schon als der Vorsitzende mich an den
dichtgedrängten Reihen vorbeigeführt hatte, an den eleganten, graziösen
Frauen, deren Toiletten nicht wie die der Berlinerin dazu da zu sein
schienen, die Trägerin unter der Last des Glanzes vergessen zu machen,
sondern ihre Individualität betonten, ihre Reize unterstrichen, an den
jungen und alten Herren im Frack und Smoking mit den geschmeidigen
Gestalten und dem süffisanten Lächeln des Weltmanns, war mir der
Kontrast zwischen dem kühlen Ernst meines Vortrags und dieser Umgebung
zum Bewußtsein gekommen. Dann war ein Wogen von bunten Hüten, ein
Knistern von seidenen Kleidern, ein Funkeln von Brillanten unter mir
gewesen. Operngläser aus Silber und Perlmutter hatten sich auf mich
gerichtet, und um das mattschimmernde Rokokoornament an den Decken und
Wänden des reizenden Konzertsaales hatte ein feiner, zarter Nebel
geschwebt, gewoben aus Zigarettenrauch und Parfüm.
Ich stieg die Stufen hinab. Man klatschte noch immer. Ich mußte wohl so
etwas wie eine neue Sensation gewesen sein, wie sie in Gestalt von
Sängern, Taschenspielern und Diseusen auf dieser Tribüne gewöhnlich zu
erscheinen pflegte.
»Ich gratuliere Ihnen --,« sagte eine dunkle Stimme neben mir. Nur ein
Mann in der Welt hatte solche Stimme! Es war Brandt. Und als meine Hand
in der seinen lag, war mir, als stünde ich allein mit ihm hoch auf einer
Felseninsel und in der Ferne nur brandete das Meer der Welt.
»Sie in Wien, -- meinem geliebten Wien, und ich nicht neben Ihnen, -- es
kam mir absurd vor,« hörte ich ihn leise sagen. Aber schon sah ich den
Kreis, der sich um uns gebildet hatte: Menschen, die warteten, mich
begrüßen zu können, mir vorgestellt zu werden, der Vorstand der Fabier,
der mich zum Essen geladen hatte. Ich gewann meine Fassung wieder, und
während mein Herz hoch aufschlug vor Freude, hatte ich das Bedürfnis,
gegen alle, die sich mir näherten, doppelt und dreifach freundlich zu
sein.
In einem halbdunkeln verräucherten Kaffee spät am Abend trafen wir uns
wieder. Brandt erwartete mich mit Dr. Geier, seinem Schwager, dem Führer
der österreichischen Sozialdemokratie, und einem Kreis von
Parteigenossen, die mitten in einer Debatte jäh verstummten, als ich
eintrat. Sie hatten sich offenbar gezankt, was ich mit der ganzen
Empfindlichkeit der Frohgelaunten sofort empfand. Man stand auf, man
begrüßte mich, aber meine Anwesenheit wirkte sichtlich störend. Eine
kleine brünette Frau mit glänzenden braunen Augen fühlte das Peinliche
der Situation und zog mich auf einen Stuhl neben sich.
»Ich bin Adelheid Popp,« sagte sie einfach, »ich habe mich so an Ihrem
Vortrag gefreut und wünschte nur, unsere Arbeiterinnen hätten ihn hören
können.« »Das hätte ich auch gewünscht, -- er wäre dann besser gewesen,«
antwortete ich. Ihre Augen lachten mich an. »Wissen Sie was?!« rief sie
lebhaft. »Wiederholen Sie ihn in einer Volksversammlung!« Mit freudiger
Zustimmung schlug ich in die dargebotene kleine, warme Hand. »Aber
garantieren kann ich nicht, daß es derselbe Vortrag wird!« Wir
vertieften uns in ein Gespräch, und ich erfuhr, daß diese zierliche Frau
eine arme Arbeiterin gewesen war, von dem Augenblick an aber, wo sie der
Sozialismus gewonnen hatte, zu einer begeisterten Vorkämpferin der
Arbeiterbewegung sich entwickelt habe. Ganz anders war sie wie unsere
deutschen Frauen: heiter und gutmütig, ohne eine Spur jener steifen
Zurückhaltung, die daheim all meinem Entgegenkommen zu spotten schien.
»Sie sollen mal schauen, was in Wien eine Volksversammlung heißt!«
Das Gespräch der anderen hatte indessen da wieder angeknüpft, wo ich den
Faden zerrissen hatte. Ich hörte zu.
»Ist es nicht unerhört für einen praktischen Politiker, sich auf Seite
der breslauer Hundertachtundfünfzig zu stellen und einen blutleeren
Theoretiker wie Kautsky zu verteidigen?!« rief Brandt, während die
dunkeln Brauen sich ihm eng zusammenzogen und die Augen dem Gegner
zornig entgegenblitzten.
»Bist du vielleicht in deiner gegenteiligen Stellung zur Agrarfrage
weniger Theoretiker als er?!« spöttelte Geier. »Die Güter, auf denen du
dir die Sporen des Praktikus verdient hast, liegen doch auf dem Monde!«
Mit einer entschuldigenden Gebärde wandte er sich mir zu. »Verzeihen
Sie, wenn wir uns auch in Ihrer Gegenwart noch mit so uninteressanten
Dingen beschäftigen --«
»Sie brauchen sich vor mir nicht zu entschuldigen,« antwortete ich,
»mich haben die Verhandlungen des breslauer Parteitags lebhaft
interessiert, und da ich leider bis heute noch nicht weiß, auf welcher
Seite ich stehe, so höre ich Debatten wie den Ihren besonders gerne zu.«
Und nun wogte der Streit wieder hin und her. Brandt verteidigte die von
der Mehrheit des breslauer Parteitages abgelehnten Vorschläge der
Agrarkommission, als »notwendige Forderungen der Gegenwartspolitik«, als
ein erfreuliches Zeichen für die wachsende Erkenntnis, daß eine Partei
von der Größe der deutschen Sozialdemokratie die Interessen weiterer
Volkskreise vertreten müsse, als nur die der Industriearbeiter.
»Übrigens, was zanken wir uns, lieber Viktor?« meinte er schließlich und
warf mit einer hochmütigen Geste den Kopf zurück. »Du wärst der Erste,
die Vorschläge nicht nur zu akzeptieren, sondern selbst zu machen und
gegen alle Welt zu verteidigen, oder -- wie Schönlank treffend sagte --
eine Revision der Vorstellungsweise in der Partei herbeizuführen, wenn
du in die Lage versetzt würdest, Landagitation treiben zu müssen.«
Geier hieb wütend auf den Tisch, daß die Tassen klirrten und der
Kellner, der verschlafen an einer Säule lehnte, erschrocken die Augen
aufriß und dienstfertig die Serviette schwenkte. »Da liegt doch gerade
der Hase im Pfeffer: ich bin eben nicht in der Lage und Ihr, trotz
Eurer anderthalb Millionen Stimmen auch nicht! Konzentriert doch Eure
Werbekraft auf die Millionen Lohnarbeiter, die Euch noch fehlen, und
laßt Eure Enkel sich über die höhere Bauernfängerei den Kopf zerbrechen!
Was du praktisch nennst, ist eben unpraktisch im höchsten Grade. Das
Aufrollen dieser schwierigen und gänzlich unaufgeklärten Fragen, -- ob
die Konzentration des Kapitals in der Landwirtschaft sich nach denselben
Gesetzen vollzieht wie in Industrie und Handel oder nicht, ob wir daher
mit der Proletarisierung der Bauern oder mit der Vermehrung der
ländlichen Kleinbetriebe zu rechnen haben werden, -- all das noch dazu
auf einem seiner ganzen Zusammensetzung nach inkompetenten Parteitag,
ist nur geeignet, die Parteigenossen zu verwirren. Über theoretischem
Gezänk, das Ihr Reichsdeutsche so liebt, wird ein gut Teil praktischer
Arbeit zum Teufel gehen --«
»Und glaubst du etwa, die Annahme der lendenlahmen Resolution Kautsky,
die die Agrarfrage doch nicht aus der Welt schafft, sondern ihre Lösung
nur auf die lange Bank schiebt, wird dies Gezänk verhindern? Im
Gegenteil! Die Bebel und Schönlank und David werden sich nicht mundtot
machen lassen,« entgegnete Brandt.
Geier schüttelte ärgerlich den großen Kopf mit den wirren blonden
Haaren. »Bebel wird sich dem Beschluß des Parteitages fügen; -- die
anderen freilich, geborene Krakehler, getrieben durch den eigentlichen
geheimen Generalstabschef des ganzen Feldzuges, Vollmar, werden die
Parteidisziplin ihrer Rechthaberei opfern.«
Die Diskussion der leidenschaftlichen Männer fing an, mich zu
beunruhigen, -- nicht ihrem Inhalt, wohl aber ihrer Form nach. Ich hatte
Brandt noch nie so erregt gesehen, und etwas wie Furcht befiel mich.
Kurz entschlossen erhob ich mich.
»Verzeihen Sie, wenn mein Weggehen Sie stört wie mein Kommen, aber ich
bin sehr müde.« Alles brach auf, sichtlich erleichtert. Kalter Regen,
mit kleinen spitzen Schneeflocken gemischt, schlug uns ins Gesicht, als
wir heraustraten. Menschenleer war's in den engen Gassen. Ist das
wirklich Wien, die Kaiserstadt? dachte ich fröstelnd. Geier und Brandt
begleiteten mich; wir verabredeten allerhand für den nächsten Tag. Ich
erzählte von den verschiedenen Einladungen, die ich bekommen hatte.
»Zu den Protzen werden Sie doch nicht gehen, die nur Staat mit Ihnen
machen wollen?!« Brandts Stimme klang grollend, wie ferner Donner, und
sein Blick ruhte beinahe drohend auf mir. Und doch erschrak ich nicht;
es lag im Ton etwas, das mir das Blut in Wallung brachte, etwas, das
klang, wie ein Besitzergreifen. »Bist du Frau von Glyzinskis Vormund?«
brummte Geier.
»Verzeihen Sie mir meine Heftigkeit --,« flüsterte Brandt, und im
raschen Wechsel seines Mienenspiels hatte seine Stirn sich wieder
geglättet, war sein Auge wieder klar geworden. Ich senkte stumm den
Kopf.
Zögernd, als fesselten sie magnetische Kräfte, glitten unsere Hände
auseinander. Er betrat mit mir das Hotel. »Du -- wohnst auch hier?!«
sagte Geier überrascht.
Ich schlief nicht in dieser Nacht. Es lag schwer und dumpf auf mir, und
ich wollte -- wollte nicht denken.
Wir fuhren am nächsten Morgen zusammen nach Schönbrunn.
Alle Einladungen hatte ich abgelehnt.
Graue Spätherbststimmung beherrschte die Natur. Die letzten Blätter
rieselten von den Bäumen, ohne daß ein Windhauch sich regte.
Im freien Walde sind selbst die dunkeln Tage schön: des Laubes beraubt,
reckt sich nackt und kraftvoll das starke schwarze Geäst gen Himmel, ein
wundervoller Teppich vom hellsten Gelb bis zum tiefsten Rot in halb
verblichenen weichen Farben spielend, breitet sich unter ihm aus. Aber
die Gärten, die des Menschen Kunst gestaltet, starren uns an wie der
Tod. Sie leben nur, wenn im Rasenteppich die bunten Beete blühen, wenn
das Laub der geschnittenen Hecken und der Kugelbäume die armen krummen,
um ihr natürliches Wachstum betrogenen Ästchen dicht umkleidet, wenn von
den Terrassen herunter, aus den Tritonenbecken empor das Wasser rauscht
und springt, und die Sonne sich lachend in den Scheiben der
Schloßfenster spiegelt. Dann spielen, wie große Schmetterlinge, Kinder
in hellen Kleidern auf den breiten gelben Kieswegen, sodaß der Garten
voll Freude sogar der schönen Damen in Reifrock und Puderperücke
vergißt, die einst mit dem graziösen Geschwätz ihrer roten Lippen und
dem lustigen Klappern ihrer Stöckelschuhe seine Gänge belebten.
Heute waren wir allein, zwei graue Gestalten, zwischen blätterlosen
Laubengängen und schlafenden Fontänen.
»Sie sind so blaß,« sagte Brandt, »der Heimweg gestern im Schnee hat
Ihnen geschadet --.« Ich schüttelte den Kopf. »Meine Roheit hat Sie
verletzt?« Ich sah zu ihm auf, aber das Lächeln, das ich ihm zeigen
wollte, erstarb mir auf den Lippen. So müde, so traurig war sein Blick.
In dem meinen blieb er hangen. Es war wie ein Abschiednehmen.
»Ich habe es mir überlegt, stunden-, nächtelang,« kam es tonlos über
seine Lippen, »ich muß fort von Berlin -- mit meiner Fr ... --,« er
stockte, »mit Rosalie --,« verbesserte er sich hastig, »bis -- bis die
Entbindung vorüber ist. Es ist besser, -- besser für uns alle.«
»Ja,« sagte ich, die Kehle schnürte sich mir zusammen.
Dann gingen wir. Wo waren wir doch nur noch an diesem Tage? Ich entsinne
mich nicht. Meine Augen nahmen Bilder auf, von denen meine Seele nichts
wußte.
Später trafen wir wieder irgendwo in einem Kaffee mit Geier zusammen. Es
kamen noch allerlei Menschen, die ich an meinem Vortragsabend gesehen
hatte, sie gingen mit kühlem Gruß und vieldeutigem Lächeln an uns
vorüber.
»Du siehst,« hörte ich Geier leise sagen, während er mich in die Zeitung
vertieft glaubte, »zum mindesten hättest du nicht im selben Hotel mit
ihr wohnen dürfen.« Brandt fuhr auf. Flehend sah ich zu ihm hinüber. Er
schwieg. Die Kellner brachten die Abendblätter. »Na, da haben wir's ja,«
rief Geier, nachdem er sie rasch überflogen hatte, und stürzte mit einem
kurzen Gruß davon in seine Redaktion.
Ich las. »Aus Berlin wird uns soeben mitgeteilt: Nachdem seit einiger
Zeit die politische Polizei eine fieberhafte Tätigkeit entwickelte und
Haussuchungen umfassender Art bei fast allen bekannten Mitgliedern der
sozialdemokratischen Partei stattfanden, bringt der Reichs- und
Staatsanzeiger heute folgende Bekanntmachung: 'Es wird hiermit zur
öffentlichen Kenntnis gebracht, daß nachstehende Vereine: die sechs
sozialdemokratischen Wahlvereine, die Preßkommission, die
Agitationskommission, die Lokalkommission, der Verein öffentlicher
Vertrauensmänner, der Parteivorstand der sozialdemokratischen Partei
Deutschlands auf Grund des §8 des Versammlungs- und Vereinsrechts
vorläufig geschlossen sind.'«
* * * * *
Kurz vor der Volksversammlung, in der ich sprechen sollte, besuchte ich
Geier in seiner Redaktion, engen, halbdunklen Räumen im Souterrain eines
alten Hauses. Von fast undurchdringlichem Tabaksqualm war sein Zimmer
gefüllt, das den merkwürdigen Mann, der grundhäßlich war und hinreißend
schön sein konnte, der stotterte und doch der glänzendste Redner war,
phantastisch umwogte. »Ich habe nur eine kurze Frage an Sie,« sagte ich,
-- nichts war ihm widerwärtiger, wie überflüssiges Weibergeschwätz, --
»ich möchte in die Partei eintreten, -- was halten Sie davon?«
Er sah mich prüfend an, von oben bis unten, strich sich mit der feinen
Hand den wirren rotblonden Schnurrbart und zuckte die Achseln. »Bleiben
Sie draußen,« antwortete er schroff, »eine Krokodilshaut gehört dazu, --
ich zweifle, daß Sie die haben --«
»Und wenn ich Sie hätte?!«
»Dann, -- ja dann tragen Sie wie wir Ihre Knochen auf den Markt der
Partei --.« Er reichte mir mit kurzem Kopfnicken die Hand, -- ich war
entlassen.
* * * * *
Und wieder stand ich auf der Rednertribüne, vor mir ein großer Saal,
nüchtern wie eine Scheune, von flackernden Gasflammen erhellt. Von
rechts und links strömten die Menschen herein: junge und alte Frauen in
Kopftüchern und Schürzen, die verfrorenen roten Hände andächtig
gefaltet, Männer in Arbeitsblusen, tiefen Ernst auf den durchfurchten
Gesichtern. Sie richteten alle die Augen auf mich, staunend, fragend,
erwartungsvoll. Kopf an Kopf drängten sie sich um die schmale, niedrige
Stufe, die mich über sie emporhob. Sie kauerten zu meinen Füßen, eng
aneinandergeschmiegt: ein kleines Fabrikmädchen mit zerzaustem
Blondhaar, ein junger Mann mit den klassischen Römerzügen des
Südtirolers, ein altes Mütterchen, die welke Hand horchend hinter das
Ohr gelegt. Und mir war, als wölbe sich der niedrige Saal zum Dom; als
träten die Abgesandten der Menschheit durch seine hohen weitgeöffneten
Pforten. Tiefe, demütige Andacht erfüllte mich. Die Welt, die draußen
war, versank. Denen, die mich umringten, gehörte von dieser Minute an
meine Kraft und meine Hoffnung. Daß ich mich ihnen gab: meinen Arm den
Schwachen, meine Beredsamkeit den Stummen, meinen an Gipfelwanderungen
gewohnten Fuß den Lahmen, und den Blinden mein Auge, das die Befreiung
sah, -- das war dieser Stunde stilles Gelöbnis.
»Genossen und Genossinnen --« Hell und scharf, wie ein Schlachtruf,
klang meine eigene Stimme mir ins Ohr. Der Jubel der Menge umbrauste
mich, während ich weiter sprach. Das blasse Gesicht des kleinen
Fabrikmädchens vor mir fing an zu glühen, dem alten Mütterchen rollten
die Tränen über die welke Wange und die klassischen Römerzüge des
Tirolers strafften sich in eiserner Energie.
Als ich geendet hatte, war es sekundenlang still, -- dann eine
Beifallssalve, zahllose Händedrücke von schwieligen Fäusten, und lauter
und lauter anschwellend der Kriegsgesang der Arbeitermarseillaise. In
ihrem Takt schob sich die Menge hinaus, auf der Straße klang sie fort,
zog mit den Wandernden rechts und links in die nachtstillen Gassen, und
auf dem ganzen Heimweg verfolgte mich ihre Melodie: aufreizend,
siegesbewußt.
* * * * *
Einen Tag später als Brandt kam ich nach Berlin zurück. Er empfing mich
am Bahnhof, bleicher, übernächtiger als je. Wir fuhren zusammen nach der
Kleiststraße, wo wir nun schon zwei Monate wohnten, er mit seiner
Familie im Vorderhaus, ich im Gartenhaus, in den zwei kleinen Stübchen.
Wir konnten einander an der Mauer mit der Schweizer Landschaft vorbei in
die Fenster sehen. Oft, wenn er bei mir gewesen war, tauchte hinter den
weißen Vorhängen drüben ein Schatten auf, der mit gespenstischer
Schnelle sein Gesicht zu verdunkeln schien. Dann erhob er sich, sah mich
kaum an und verließ das Zimmer.
»Rosalie will nicht reisen, mit mir nicht,« erzählte er während der
Fahrt. »Sie behauptet, meine Nähe steigere nur ihr Übelbefinden, deshalb
habe sie sich entschlossen, allein zu gehen und zwar -- nach England.«
»Nach England?« fragte ich erstaunt. »In dieser Jahreszeit?! Hat sie
Freunde dort?«
»Niemanden! -- Die fixe Idee einer Schwangeren, sagt der Arzt.«
Ich schwieg, auf das tiefste betroffen. Mir, dem Weibe, schien
sonnenklar, was ihre Beweggründe waren. Das Recht der Abwesenden wollte
sie zur Geltung bringen, und ein instinktives Gefühl trieb sie nach
England --, woher ich gekommen war, wo ich, wie sie meinte, mir an
Kenntnissen und Interessen erworben hatte, was ihren Mann an mich
fesselte.
Der Wagen hielt. »Ich komme gegen Abend hinüber,« sagte ich und
verabschiedete mich hastig vor der Haustür. Ich mußte allein sein. Meine
Zimmer fand ich mit Blumen geschmückt, wie zu einem Fest. »Der Herr
Doktor --,« sagte die Aufwärterin mit süßlichem Lächeln und einem
vertraulichen Blick.
»Schon gut --,« unterbrach ich sie hastig und warf die Türe hinter mir
ins Schloß.
Was nun?! Sie durfte nicht fort. Wirklich nicht?! Ein kalter Schauer
lief mir über den Rücken. War es Furcht? Oder nicht vielmehr Freude --
Freude, die wie ein orkangepeitschtes Meer alle Dämme überflutete, alles
Denken begrub?! Allein -- allein mit ihm -- tage-, wochen-, monatelang!
Ein ganzes Leben der Entsagung war kein zu teurer Preis dafür! Wenn sie
wiederkam, würde ich gehen, -- aus seinem Gesichtskreis still
verschwinden, -- und zu ihr würde er zurückkehren, -- zu ihr -- und dem
Kinde ...
Es klopfte. »Frau Dr. Brandt läßt gnädige Frau zum Abendbrot bitten --«
»Ich komme --«
Wir saßen um den gedeckten Tisch: Brandt schweigsam, mit gerunzelten
Brauen, die beiden kleinen Knaben -- seine Söhne aus seiner ersten Ehe
-- verschüchtert und ängstlich von einem zum anderen blickend, ich, eine
Unterhaltung mühsam aufrecht erhaltend; sie allein schien lustig, fast
übermütig, ihre Augen flimmerten, ihre großen weißen Hände, die mir
immer vorkamen, als hätten sie ein eigenes Leben, als wären sie junge
Raubtiere, -- bewegten sich ruhelos, streichend, klopfend, sich dehnend,
um sich gleich wieder zur Faust zu ballen, auf dem Tisch. Das Mädchen
kam und brachte einen Eiskübel mit einer Flasche Champagner. Brandt sah
mißbilligend auf seine Frau. »Wie kannst du, Rosalie, -- in deinem
Zustand!«
Sie lachte.
»Nur heute, -- wo wir ein Fest miteinander feiern und ihr dasitzt wie
Ölgötzen und nicht lustig seid, -- lustig wie ich! -- Trinkt, Kinder,
trinkt, so ein Abend kommt nicht so leicht wieder!« Sie stürzte das
erste Glas in einem Zug hinunter. Und dann sprach sie unaufhörlich,
fieberhaft. Von der Reise, die sie machen werde, von den Herrlichkeiten,
die sie dafür schon eingekauft habe -- »drei seidene Kleider und Hüte
dazu, und einen Rohrplattenkoffer für zweihundert Mark, -- mach' keine
entsetzten Augen, Heinrich; ich weiß ja, du bezahlst es gern, -- so
gern!« --, von ihren Träumen. »Ich sehe immer denselben Mann, der mir
winkt, zu dem ich hin muß,« -- ihre Stimme sank und ihre Augen weiteten
sich, daß das Weiße unheimlich groß um die dunklen Pupillen stand --
»und der mir helfen wird.«
»Trinken Sie nicht mehr --,« bat ich erschüttert und legte meine Hand
auf die ihre, die eiskalt war. Sie schüttelte sie ab wie eine lästige
Fliege.
»Sie glauben, ich spräche im Rausch?!« sagte sie. »Sie irren. Ich bin
nüchtern, ganz nüchtern, -- ich weiß nur mehr als Sie, viel mehr, und --
und ich glaube an Träume!«
»Bist du denn nicht eifersüchtig auf deinen Rivalen, zu dem ich reise?«
Damit wandte sie sich mit einem lauernden Blick aus halb geschlossenen
Augen an ihren Mann.
»Rosalie!« stöhnte er gequält. Rasch stand ich auf. Ich konnte die
Blicke der Kinder nicht mehr ertragen.
»Es ist schon zu spät für euch,« redete ich sie an und griff nach ihren
Händen, »kommt, -- ich bring' euch zu Bett.« Sie lachten dankbar.
»Ach, Tante, bring uns doch immer zu Bett!« flüsterte der Älteste, als
er in den Kissen lag, und seine melancholischen Zigeuneraugen sahen mich
flehend an. »Und morgen, bitte, bitte, erzähl uns eine Geschichte,«
fügte der Jüngste hinzu und richtete sich im Bett noch einmal auf.
Indessen war es im Wohnzimmer zu einer heftigen Szene gekommen. Rosalie
lag schluchzend auf dem Diwan. »Er will mich nicht reisen lassen, er
will mich umbringen, -- mich und das Kind,« schrie sie. »So mäßige dich
doch, um Gottes willen!« beschwor sie Brandt mit einem Blick auf die
Glastür, hinter der sich der Schatten des Mädchens hin und her bewegte.
Sie achtete nicht auf ihn, ihre Stimme wurde nur noch lauter und
heftiger. »Ich halte es nicht mehr aus, -- ich mag deine Bevormundung
nicht, und deine schlechte Laune. Ich laufe davon --« Und ihr Schluchzen
wurde zum Weinkrampf.
Der Arzt wurde geholt. »Sie müssen ihrem Willen nachgeben, wenn Sie
nicht das schlimmste riskieren wollen,« entschied er schließlich.
»Natürlich darf sie nicht ohne Pflegerin reisen, -- ich kann Ihnen eine
empfehlen, auch eine gute deutsche Pension in London.«
Schon am nächsten Morgen kam Rosalie zu mir, um Abschied zu nehmen. Sie
war völlig verwandelt, weich, freundlich, ruhig. Es war fast ein
strahlendes Lächeln, mit dem sie mir im Weggehen sagte: »Nun weiß ich
gewiß: Alles -- Alles wird gut werden.«
Wie unter dem Zwang einer stillschweigenden Verabredung sahen Brandt und
ich uns in der nächsten Zeit selten und nie allein. Ich aß drüben bei
ihm mit den Kindern, nahm sie mit bei meinen Ausgängen und sorgte für
sie, soviel mir an Zeit dafür übrig blieb. Mit wehmütiger Freude sah
ich, wie sie täglich mehr an mir hingen und mit all ihren kleinen
Wünschen und Kümmernissen zu mir kamen. Weihnachten stand vor der Tür.
»Einen richtigen Weihnachtsbaum machst du uns, Tante, nicht wahr?«
bettelte Wölfchen, der Jüngste. »Im vorigen Jahr war er man soo klein.«
»Ich möchte am liebsten zur Mutter fahren, -- wie ganz früher,« meinte
Hans, der Älteste, und seine Augen schimmerten feucht. »Zur Mutter --?!«
staunte ich.
»Nun ja, du weißt doch, unsere richtige Mutter wohnt weit, weit weg in
Wien,« plauderte Wolf; »sie ist immer krank. Aber im Sommer, da dürfen
wir sie besuchen, wenn sie in Schruns ist oder in Klobenstein --« »Die
Rosalie ist gar nicht mit uns verwandt, aber auch gar nicht,« unterbrach
ihn Hans eifrig, und mit einem fragenden Blick auf mich fuhr er zögernd
fort: »Unsere Marie sagt, sie kommt nicht wieder und -- und du bleibst
bei uns?!«
Ich blieb ihm die Antwort schuldig. Jäher Schreck lähmte mir die Zunge.
Ich hatte Brandt nach seiner ersten Frau nie gefragt, hatte geglaubt,
sie sei früh gestorben. Welche Schicksale lasteten auf dem Mann, den ich
liebte -- täglich verzehrender, sehnsüchtiger --, und rissen die jungen
Seelen dieser Kinder in ihren Wirbeltanz?!
Zärtlich zog ich die Knaben in meine Arme: »Seid brav, recht brav, daß
der Vater sich an euch freut, dann sollt ihr einen Weihnachtsbaum haben
wie noch nie!«
Mit glühendem Eifer, der mich alles andere vergeben ließ, bereitete ich
das schönste Fest des Jahres vor. Freude wollte ich um mich verbreiten,
lauter überschwengliche Freude. Mit dem Geld, das ich mir von Brandt für
seine Kinder erbat, und das er mir verwundert gab -- er hatte an
Weihnachten gar nicht gedacht --, und den Goldstücken, die mir ein paar
Artikel eben eingetragen hatten, kaufte ich einen ganzen Jahrmarkt voll
Spielzeug; und Pfefferkuchen und Marzipan und Schokolade, dazu Schürzen,
Bänder, und ein himmelblaues Kleid für das Dienstmädchen, das mich mit
ihren kleinen blanken Augen immer so lustig anlachte. Am Morgen des
Weihnachtstages schloß ich mich im Eßzimmer ein und putzte die große
duftende Edeltanne mit lauter blitzendem Kram, mit roten Rosen und
bunten Lichtern. Leuchten sollte sie wie das lebendig gewordene Glück.
Vielleicht wird sie ihm ein einziges frohes Lächeln entlocken! dachte
ich.
Nachmittags mußte ich zuerst zu den Eltern. Es wurde früh beschert, weil
alle Familienmitglieder bei Onkel Walters geladen waren. Im Salon stand
wie immer der Baum: farblos, schneeweiß, sehr kühl, sehr vornehm. Und
davor unsere Tische, beladen mit Geschenken. Der Vater hatte sich einmal
wieder nicht genug tun können. Er war in letzter Zeit für mich von einer
Güte, die mir wehe tat, weil ich wußte, daß sie nur einer Täuschung ihr
Dasein verdankte. Meine wiener Volksversammlungsrede hatte die deutsche
Presse ignoriert, auch sonst mußte es ihm scheinen, als zöge ich mich
mehr und mehr zurück. Was ich für die Tagespresse schrieb, -- ich fing
damals an, auch am »Vorwärts« gelegentlich mitzuarbeiten --, erschien
ohne meine Unterschrift; die wesentlich literarisch-kritischen Artikel
in den Wochenblättern hatten meist seinen Beifall. »Ich wollte dir
handgreiflich zeigen, wie zufrieden ich mit dir bin«, -- damit
entschuldigte er gleichsam die Fülle der Gaben. Daß ich das weiße Kleid
und den Spitzenschal und die seidenen Strümpfe und zierlichen Schuhe mit
solcher Freude empfing, weil ich allein dessen gedachte, für den sie
mich schmücken sollten, -- er ahnte es nicht! Nur die Mutter hatte schon
hie und da mißtrauisch nach Brandts Gattin gefragt, wenn sie ihn allein
bei mir traf, und zuweilen war uns die Schwester begegnet und hatte uns
mit vielsagendem Lächeln begrüßt.
Der Vater wollte mich durchaus nicht heimgehen lassen, wollte bei Onkel
Walters absagen: »Wenn sie meine Tochter nicht haben wollen, so mögen
sie auch auf mich verzichten.« Es kostete Mühe, ihn umzustimmen.
»Ich bin ja nicht allein«, sagte ich schließlich -- sehnsüchtig dachte
ich an die erwartungsvollen Knabengesichter, an den stillen Abend mit
ihm --, »ich muß noch zur Bescherung im Kinderheim«, dabei wandte ich
den Kopf dunkel erglühend zur Seite.
Endlich konnt' ich gehen. Und mein bunter, lustiger Weihnachtsbaum
funkelte und sprühte, ein Fanal der Freude, ein Sonnwendfeuer, ein Gruß
an das steigende Licht. Der Jubel der Kinder klang durch die Räume. »Du
-- du Zauberin,« flüsterte eine tiefe Stimme mir ins Ohr.
Still und feierlich, in ihr weiches glitzerndes Schneekleid gehüllt,
erwachte die Erde am nächsten Morgen. Der Arbeitslärm des Alltags war
verstummt, und Räderrollen und Menschenschritte klangen gedämpft auf dem
Winterteppich. Es war Feiertag.
Und im Festgewand stand ich und wartete dessen, der kommen mußte.
Mein Herzblut, das ich bereit war, restlos für ihn zu vergießen, hatte
es mit roten Rubinen bestickt, Schnüre, an denen die Tränen meiner
Sehnsucht schimmernd gereiht waren, schmückten mir den Nacken, mit
Smaragden der Hoffnung waren die seidenen Schuhe besetzt an meinen
Füßen, die ihm entgegengingen, und auf meinen Armen, die ihn umfassen
wollten, funkelten, alle Farben und allen Glanz der Welt in sich
vereinend, die Diamanten meiner Leidenschaft. Und er kam, er sah mich,
-- und die armen kleinen Liebesworte schämten sich ihrer millionenfachen
Entweihung und verstummten.
Nicht wie die Tage, die wie Kugeln am Zählbrett gleichgültig rechnend
weiter geschoben werden, waren die jenes sonnendurchleuchteten Winters.
Die Nacht gebar einen jeden als Wesen göttlicher Art, ewigen Lebens
voll. Hoch über die Erde trugen sie uns auf starken Flügeln, und mochte
drunten riesenhaft die schwarze Gestalt der Schuld die Arme drohend
gegen uns recken, -- wir sahen sie nicht. -- Bis einer kam, der häßlich
war und neidisch, und mit Faustschlägen an der Türe uns weckte aus
unserem erdenfernen Liebestraum.
Wir kehrten vom Wannsee zurück, wo wir unter blauem Himmel auf
spiegelglattem Eis gemeinsam unsere Kreise gezogen hatten. Mit
ängstlichem Gesicht hielt die gute Marie uns einen Brief entgegen.
»Rohrpost -- und Rosaliens Schrift --« Heinrichs Gesicht entfärbte sich.
»Ich bin in Berlin und ersuche dich, mich vom Hotel aus abzuholen. Unser
Kind soll im Vaterhause geboren werden,« schrieb sie. Noch am Abend traf
sie ein. Ich sah ihren dunklen Schatten hinter den Vorhängen. Ich wußte,
was er mir bedeutete: kein Verzichten nach kurzem gestohlenem Glück, wie
ich es einst geglaubt hatte, sondern Kampf um den Einsatz des ganzen
Lebens. Mit dem Recht der Liebe gehörte Heinrich mir. Alles andere
»Recht« ist nur verschleiertes Unrecht.
Sie verlangte meinen Besuch. Ich fand sie im Bett liegend, vollkommen
ruhig, während die Pflegerin damit beschäftigt war, das Zimmer
umzuräumen. »In vierzehn Tagen etwa erwarte ich,« sagte sie nach
gemessener Begrüßung, »Heinrich ist natürlich sehr unglücklich, daß ich
ihn jetzt schon ausquartiere,« mit spöttischem Lächeln sah sie zwischen
uns hin und her. Ich verabschiedete mich so rasch als möglich und nahm
mir vor, diese Komödie freundschaftlicher Besuche nicht weiter zu
spielen.
Daß es jetzt für mich an der Zeit gewesen wäre, zu gehen, fern von
Berlin in aller Stille die Entwicklung der Dinge abzuwarten, -- das
fühlte ich instinktiv. Aber die Leidenschaft, die mich beherrschte,
machte mich taub für die leisen Stimmen meines Inneren. Ich konnte ja
gar nicht fort, beruhigte ich mein Gewissen, ich hatte kaum die Mittel,
um zu leben, wie viel weniger, um zu reisen, -- ich war gerade jetzt
unentbehrlich in Berlin, wo der Konfektionsarbeiterstreik täglich
ausbrechen konnte.
Es kamen auch viele einsame Stunden, wo meine Phantasie böse Träume
spann: Ich sah ein winziges Kinderhändchen von unheimlicher Kraft, das
mir den Geliebten entreißen wollte. Nein: ich konnte nicht fort!
Er besuchte mich seit Rosaliens Rückkehr nur selten. Sie hatte ihr Bett
und ihren Stuhl am Fenster so gestellt, daß sie zu mir herübersehen
konnte. Auch einen kleinen Spiegel hatte sie anbringen lassen, durch den
ihr niemand entging, der den Hof betrat. Oft, wenn ich das Haus verließ,
um ihn zu treffen, war mir, als verfolge mich dies glänzende runde Ding
mit dem bohrenden Auge darin durch alle Straßen. Zuweilen bemerkte ich
auch, wie die Pflegerin, eine Johanniterschwester mit einem
ausgemergelten fanatischen Asketengesicht mir von ferne nachschlich. Im
Traum sah ich sie dann auf meinem Bette sitzen und mit hungrigen Augen
die Schrift glutheißer Liebe lesen, die mir im Herzen geschrieben stand.
Wir wählten immer andere Orte für unsere Zusammenkunft: kleine
Weinstuben, stille Konditoreien, wo es nach saurem Wein und altem Kuchen
roch und die Kellner die Wissenden spielten. Es war so widerwärtig, daß
wir es schließlich vorzogen, in Wind und Wetter draußen im Wald zu sein,
wo reine Luft unsere Stirnen kühlte. Einmal führte uns der Weg durch den
Wald nach Paulsborn. Dicht lag der Nebel über dem See, ein feiner Regen
stäubte vom Himmel. Er hatte mit seinem Arm seinen Mantel auch um mich
geschlungen.
»Vergiß mich, Alix, wenn du kannst,« sagte er, »laß den armen Kerl
laufen, der allen Unglück bringt, die ihm zu nahe kommen.«
Ängstlich forschte ich in seinen verschlossenen Zügen. »Willst du, daß
ich gehe?« frug ich mit Betonung.
Er zog mich fester an sich. »Ich müßte es wollen, um deinetwillen! Und
doch, wenn ich mir vorstelle, du tätest es -- lieber brächt' ich dich
um!« Zärtlich drückte ich meine Wange an seine Schulter. »Wenn das der
Tod ist, den ich allein zu fürchten habe, so werd' ich ewig leben.«
»Weißt du denn auch, was dir bevorsteht --?« »Ja,« lächelte ich, »dein
Weib werde ich sein, dein glückseliges Weib!«
»Glaubst du so sicher, daß sie in die Scheidung willigt, daß sie nicht
vielmehr alles tun wird, um dich, um uns zu verderben?«
Ich dachte schaudernd ihrer lauernden Blicke und ihrer Raubtierhände.
Aber ich verscheuchte das Angstgefühl, das mich zu unterjochen drohte.
»Nur die Trennung von dir wäre mein Verderben, und die erzwingt sie
nicht. Dir werd' ich gehören, auch wenn ich's vor der Welt nicht darf!«
»Sie werden alle mit Steinen nach dir werfen --«
»Hast du mich lieb, bin ich unverwundbar --«
Stärker strömte der Regen, dicht über den schwarzen Kiefern schienen die
Wolken zu lagern. Am warmen Ofen im Wirtshaus trockneten unsere Mäntel.
An Heimkehr war zunächst nicht zu denken. O, daß eine Sintflut uns
umschlösse wie eine Insel und kein Schiff den Weg zurückfände in die
Welt!
»Kaum ein Jahr ist es her, daß ich Rosalie heiratete,« begann er
nachdenklich, »wie heller Wahnsinn erscheint mir heute, was ich tat. In
zarter Rücksicht hast du, Gute, nie gefragt und hast doch ein Recht,
mehr von mir zu wissen, als daß ich dich liebe. Nach sechsjähriger Ehe,
-- Jahren steigender Qualen, in denen wir uns immer weiter voneinander
entwickelten, -- verließ mich meine erste Frau. Ich hätte es ihr längst
verziehen -- sie litt ja wie ich! --, aber daß sie die beiden kleinen
Kinder im Stiche ließ, das begriff ich nicht, werde es nie begreifen. Im
Scheidungsprozeß wurden sie mir zugesprochen. Und nun begann ein Leben
dauernder Aufregung. Wohl zehnmal am Tage, wenn ich im Redaktionsbureau
saß, packte mich die Angst um die Kleinen. Ich sah sie von den
unzuverlässigen Wärterinnen unbeaufsichtigt gelassen, von der Mutter
heimlich entführt, und fuhr gehetzt zwischen der Wohnung und dem Bureau
hin und her. Ständig war ich auf der Suche nach jemandem, dem ich die
Kinder anvertrauen konnte. Ich klagte meine Not einem Freunde. 'Ich
wüßte eine Dame, mit der Sie das große Los ziehen würden,' sagte der,
'aber sie wird eine Stellung kaum annehmen wollen. Sie ist reicher Leute
einziges Kind, ist aus Liebe zur leidenden Menschheit Krankenpflegerin
geworden, und dabei die schönste Frau der Welt.' Ich war wie
elektrisiert. Er mußte mir Namen und Adresse nennen, und in der nächsten
Stunde schon war ich bei ihr. Wie ein Geschenk des Himmels schien es
mir, daß sie ohne viel Überlegung ja sagte. Sie war gut zu meinen
Kindern. Ich konnte ruhig arbeiten. Ich fand ein behagliches Zuhause,
wenn ich heimkam. Daß sie weder die schönste Frau der Welt, noch reicher
Leute Kind war, sondern irgendwo im Osten in einer Tagelöhnerkate das
Licht der Welt erblickt hatte, war mir eher willkommen, als daß es mich
enttäuscht hätte. Ihre Vorliebe für seidene Kleider, auf die sie all
ihren Verdienst verwandte, mochte das Märchen um sie gesponnen haben.
Ich ließ es geschehen, daß -- daß sie mich liebte. Ich hatte Jahre und
Jahre jede Liebe entbehrt und hielt nun meine Dankbarkeit für Liebe. Nur
daran, mich zu fesseln, dachte ich nicht. Zu schwer lastete die
Erinnerung an die Ehe auf mir. Da warf mich ein heftiges Nervenfieber
aufs Krankenlager. Und während ich noch matt und elend zu Bette lag,
erklärte mir Rosalie, mich noch am selben Tage verlassen zu wollen, wenn
ich ihr nicht die Heirat verspräche. Ich war empört, aber viel zu
schwach zu energischem Widerstand. Ich dachte an meine Kinder. Sie ging
schon am nächsten Tage mit unseren Papieren aufs Standesamt, um das
Aufgebot anzumelden. So wurden wir Mann und Frau --«. Er schwieg. »Und
trotz alledem wirst du mich lieb behalten?« fragte er dann leise.
»Wenn du mich lieb behältst nach meiner Beichte,« antwortete ich und
erzählte ihm von meiner Jugendliebe. »Weißt du --« sagte ich zum Schluß
träumerisch, während seine Hand leise die meine streichelte, »mein Herz
ist wie die Erde: ohne den Frühling wäre der Sommer mit seiner glühenden
Sonne und seinen voll erblühten Rosen nicht gekommen. Und darum werde
ich noch im Winter an ihn denken müssen.«
Spät kamen wir nach Hause. Vor dem Tore stand die Johanniterschwester.
Wie Fledermäuse flatterten ihre schwarzen Haubentücher im Wind.
An meiner Tür empfing mich die Aufwärterin mit grinsender
Untertänigkeit. »Herr Reinhard ist da,« sagte sie, »ich wußte nicht, daß
gnädige Frau so lange fort bleiben würden -- bei dem Wetter.« Ich hörte
seine Krücke hart und heftig aufschlagen.
»Fast wäre ich wieder gegangen,« grollte er, »ich --« er legte starken
Nachdruck auf dies 'ich' -- »ich habe keine Zeit, um Ausflüge zu
machen.«
»Verzeihen Sie, daß Sie warten mußten. Hätten Sie mir Ihren Besuch mit
einem Worte angekündigt --«
Er lachte besänftigt. »Schon gut -- schon gut! Wir wollen uns bei
Präliminarien nicht aufhalten. Die Entscheidung steht vor der Tür --, an
eine friedliche denke ich, nach der allgemeinen Stimmung zu urteilen,
nicht mehr. Werden wir auf Sie rechnen können?«
»Selbstverständlich. Aber daß Sie gerade jetzt, wo die öffentliche
Meinung sich mehr und mehr auf Seite der Arbeiter stellt, wo
einflußreiche Kreise der Bourgeoisie öffentlich für sie eintreten, an
einer befriedigenden Lösung verzweifeln, begreife ich nicht.«
»Welch ein Neuling Sie doch sind!« Er schüttelte verwundert den breiten
Kopf. »Weil einigen bürgerlichen Idealisten all das aufgedeckte Elend an
die Tränendrüsen geht, darum, meinen Sie, werden die Unternehmer
nachgeben?! Wo der eigene Geldbeutel in Frage kommt, hört die
Sentimentalität auf. Immerhin: wir werden bis zum äußersten warten,
und --« seine Lippen kräuselten sich höhnisch -- »hoffen. Bei der
miserablen Organisation, trotz der Hundearbeit der ganzen letzten
Monate, ist es kein Kinderspiel, die Verantwortung für den Streik auf
sich zu nehmen.«
Er erzählte mir noch von den intimen Verhandlungen mit den Meistern der
Damenmäntelkonfektion, von der mühseligen Ausarbeitung eines
detaillierten Lohntarifs, von den Plänen für die nächste Zukunft, und
empfahl sich, nachdem ich ihm nochmals versprochen hatte, als Rednerin
überall zur Stelle zu sein, wo er mich würde brauchen können. Mein
Gewissen schlug. Über dem eigenen Schicksal war ich nahe daran gewesen,
das Geschick der Hunderttausende zu vergessen. Schon waren Schriften
aller Art erschienen, die das Leben der Konfektionsarbeiter malten, wie
ich es oft genug gesehen hatte. Warum war keine von mir? Und in den
Versammlungen der bürgerlichen Frauenvereine wurde plötzlich entdeckt,
daß die Not der Arbeiterin größer war als die höherer Töchter, in der
Ethischen Gesellschaft wurden die Mittel zu ihrer Abhilfe lebhaft
debattiert. Und ich allein schwieg!
Von nun an fehlte ich nirgends mehr. Und ich fühlte: je weiter ich mich
von mir selbst entfernte, desto stärker wurde ich. In einer Reihe großer
Versammlungen wurden die Forderungen der Konfektionsarbeiter noch einmal
klargelegt, ihre Lage beleuchtet, der sie Abhilfe schaffen sollten. Ich
war in den Feensaal gegangen, wo Martha Bartels sprach. Kaum, daß ich
noch Einlaß fand, denn auf der Straße schon stauten sich die Menschen.
So viel Armut war wohl noch nie aus ihren dunklen Höhlen
hervorgekrochen. Und noch nie hatten sich so viel elegante Frauen in
ihrer nächsten Nähe befunden.
In dem tief eingewurzelten Gefühl, das noch immer hinter dem schönsten
Kleid die größte Respektsperson vermutet, drängten sich die Armen
schüchtern an den Wänden entlang. Alte Frauen mit müden, rot geränderten
Augen standen auf, um seidenrauschenden Damen Platz zu machen. Keinen
Blick des Neides sah ich, keinen des Hasses. Als Martha Bartels sprach,
schlicht, fast nüchtern, und ihnen die Geschichte ihres eigenen Leides
erzählte, da weinten viele. Aber es waren nicht die fruchtbaren Tränen
der Erkenntnis, unter deren heißer Flut die Kraft des Widerstandes
gedeiht, es waren die Tränen der Verzweiflung, die armseligen Tropfen,
die in den Kirchen fließen, wenn der Pfarrer von der Kanzel die
Ergebenheit in Gottes Willen predigt. Zorn und Leid stritten in mir:
Zorn, -- daß Armut und Religion die Menschheit so um ihre Würde hatten
betrügen können, Leid, -- daß von dieser Menschen Kampfeslust und
Ausdauer Sieg oder Niederlage abhängen würde.
Beim Ausgang traf ich meine Mutter. Mit einer Anzahl bekannter Damen
hatte sie der Versammlung beigewohnt. Sie waren alle erfüllt von dem
Gehörten. Die Ruhe der Rednerin und der Zuhörer hatte den Eindruck nur
verstärkt.
In weitesten Kreisen, von den Nationalsozialen bis in die Reihen der
Konservativen hinein, schien das Interesse für die Heimarbeiter rege zu
sein. Meine Mutter war voll Eifer; ich hatte sie um einer solchen Sache
willen nie so erregt, so lebhaft gesehen. Sie zwang mich förmlich, an
einer Zusammenkunft teilzunehmen, die am nächsten Tage bei einem
bekannten berliner Geistlichen stattfinden sollte.
Ich holte sie ab, um mit ihr hinzugehen, und fand selbst meinen Vater
voller Teilnahme. »Da ist dein Platz, da kannst du was leisten,« sagte
er, mir die Hand schüttelnd, »da findest du uns alle an deiner Seite,
wenn es gilt, den jüdischen Konfektionären, diesen Menschenschindern und
Ausbeutern, das Handwerk zu legen.« Eine ähnliche Stimmung beherrschte
die Sitzung, wenn auch der Wunsch nach einer friedlichen Lösung des
Konflikts und die bestimmte Hoffnung auf seine Erfüllung von dem
Einberufer sehr betont wurde.
Er berichtete von dem Komitee, das sich kürzlich auf Anregung der
Ethischen Gesellschaft gebildet hatte, um zwischen den Arbeitern und den
Unternehmern eine Verständigung anzubahnen. Männer und Frauen der
verschiedensten Parteirichtungen, deren Namen in der Öffentlichkeit
einen guten Klang hatten, gehörten ihm an. Man beschloß, sich ihm
gleichfalls anzuschließen. »Kommt es trotz alledem zum Streik, so
schaffen wir eine Hilfskasse,« rief eine lebhafte kleine Dame, deren
Energie beim Durchsetzen ihrer Pläne sie bekannt gemacht hatte. Man
stimmte ihr ohne weiteres zu. »Wir müssen alle Geschäfte boykottieren,
die die Forderungen der Arbeiter nicht bewilligen,« erklärte eine
andere, und man überbot sich in steigender Erhitzung in Vorschlägen
zugunsten der Sache. Ich erinnerte mich im stillen des Streiks der
westphälischen Bergarbeiter. Auch damals sprach sich die öffentliche
Meinung, soweit sie mir zu Ohren kam, zugunsten der Kämpfenden aus, aber
sie tatkräftig zu unterstützen, daran wagte noch niemand zu denken. Also
doch ein Fortschritt?! Mein Optimismus regte sich wieder.
Ich berichtete Reinhard von dem Erlebten. »Halten Sie die Leute vor
allen Dingen bei ihrem Unterstützungsversprechen fest. Alles andere ist
Mumpitz,« sagte er. Und ich lief von einem zum anderen, und ließ mir, wo
es irgend anging, schriftliche Zusicherungen geben. Inzwischen
arbeiteten im stillen auch die Vermittler, und zu gleicher Zeit sah ich
Martha Bartels und ihre Gefährtinnen, wie sie unermüdlich nach ihrer
eigenen Arbeit treppauf, treppab stiegen, um die Begeisterung für den
Kampf anzufachen, der ihnen nicht nur unausbleiblich, sondern erwünscht
war. Sie schimpften laut und leise über das Zögern und Warten der
Fünferkommission: »Wir pfeifen auf alle Versöhnungsduselei, bei der wir
doch nur den kürzeren ziehen. Wir wollen eine ehrliche Entscheidung auf
dem Schlachtfeld.« Die Ereignisse schienen ihnen recht zu geben.
Am Abend des Kaisergeburtstages kam ich durch die menschenwimmelnde
Friedrichsstadt. Nüchtern wie immer glänzten die Tausende elektrischer
Birnen an den Geschäftshäusern, verschlangen sich zur Kaiserkrone, zum
W. II, und nirgends zeigten sich Spuren einer von Liebe befruchteten
Phantasie, die neue persönlichere Huldigungen hätte schaffen können.
Irrte ich mich, oder waren die Fassaden der großen Konfektionshäuser
sogar um einen Schein dunkler als sonst? Das Kaisertelegramm an den
Burenpräsidenten Krüger schien, so hieß es, den Absatz deutscher Waren
nach England lahmzulegen. Und während Alldeutsche und Antisemiten
jubelten, ballten die Unternehmer die Fäuste im Sack.
Die Versammlung, in die ich kam, bot ein anderes Bild als die letzte: es
war vor allem eine der Männer. Und die Arbeiterinnen, die erschienen
waren, gehörten zu den besser Bezahlten, zu den Aufgeklärteren, den
Selbstbewußten. Etwas wie Siegeszuversicht schien sie zu beherrschen.
Sie wiesen mit Fingern auf die Herren im Gehrock und Zylinder, sie
tuschelten einander die Namen der Chefs und Zwischenmeister zu, die der
Einladung der Arbeiterkommission heute gefolgt waren, sie warfen
hochmütig den Kopf zurück, wenn einer von ihnen eine vertrauliche
Begrüßung zu wagen versuchte. Reinhard sprach. Er erläuterte die
Forderungen der Arbeiter. Seinem Temperament tat er sichtlich Gewalt an.
Eisige Ruhe begleitete während der ersten Viertelstunde seine Rede. Dann
unterbrach ihn eine gröhlende Stimme: »Bezahlter Agitator --«, das war
das Signal für die anderen. Kein Satz blieb ohne Zwischenruf. Je
dunkler die Flecken auf Reinhards Backenknochen sich röteten, je mehr
die straffen Haarsträhnen ihm an den feuchten Schläfen klebten, und je
heftiger die knochigen Hände ihm zitterten, desto lauter, roher,
unflätiger wurde das Gebrüll der Zuhörer. Er sprach ruhig weiter -- von
den elenden Löhnen der Frauen, von ihrer sittlichen Gefährdung. »Sei man
stille, Quasselkopp,« schrie dicht neben mir ein dicker Kerl, mit
Brillantringen auf den roten Wurstfingern, »die Mächens wissen schon,
wofür wir jut zahlen.« Alles lachte. »Frag mal, von wo die Kleene da
ihren süßen, roten Lockenkopp hat,« rief ein anderer. »Von de sittliche
Jefährdung,« brüllte aus dem Hintergrund eine ölige Stimme. Es war kein
Halten mehr. Man überbot sich in zynischen Witzen. Und die Frauen, die
vorhin so kampfbereit, so unnahbar schienen? Sie kicherten in ihre
Taschentücher, einige lachten kokett die ärgsten Zotenreißer an.
Reinhard schwieg erschöpft. Die Diskussion war von der allgemeinen
Ulkstimmung beherrscht. Nur zuletzt, als es zur Abstimmung gehen sollte,
erhob sich einer der Meister, um eine Programmrede zu halten. Er sprach
vom Mittelstand, »dem sittlich gesunden Kern des Volkes, der wahre
Religion und echtes deutsches Familienleben pflegt und hochhält,« und
den »die Sozialdemokratie in ihrer Respektlosigkeit angesichts der
heiligsten Güter der Nation« vernichten wolle. »Auch dieser uns
angedrohte Kampf ist nichts anderes als ein Vorstoß der Umsturzpartei
gegen die Staatsordnung, und zum Kanonenfutter lassen die Dummen unter
den Arbeitern sich gebrauchen. Wir aber stehen wie ein Fels im Meer;« --
unter dem Bravogeschrei der Zuhörer warf er sich stolz in die Brust und
bewegte pathetisch die Arme. »Wir sagen nein und abermals nein und
wissen, daß wir trotz dem Geschrei der Gegner, trotz Streikdrohung,
immer noch so viel Arbeiter kriegen, als wir brauchen, -- und wenn wir
sie von den Hottentotten nehmen sollten.«
Am Ausgang erwartete ich Reinhard. Ich sah, wie Martha Bartels, von
einer Schar lebhaft gestikulierender Frauen umgeben, erregt auf ihn
einsprach. »Es ist kein Halten mehr,« sagte er im Nähertreten. »Nun
ist's aber auch höchste Zeit,« rief ich, noch heiß vor Entrüstung. »Wir
müssen das Eisen schmieden, solange es warm ist, -- in allen Kreisen
findet der Streik Unterstützung.« »Sachte, sachte, liebe Genossin,«
wehrte er ab. »Im Augenblick sind uns stärkere Knüppel zwischen die
Beine geworfen worden, als Ihre hilfsbereiten Damen aufheben können.
Wenn England die deutsche Konfektion boykottiert, so können wir
einpacken.«
Der Termin für die Antwort der Unternehmer wurde abermals
herausgeschoben. In den Arbeiterkreisen begann es bedenklich zu gären;
es gab Leute, die schon von Intrigen, Schmiergeldern und offenem Verrat
munkelten. In Hamburg, in Erfurt, in Stettin, in Breslau brach der
Streik aus, -- in Berlin zögerte man noch immer, scheinbar um dem
Vermittelungskomitee Zeit für seine Verhandlungen zu gewähren, in
Wirklichkeit aber, um die Entwickelung der Dinge in England abzuwarten.
Man glaubte an einen Krieg, zum mindesten an einen wirtschaftlichen.
Endlich liefen, so zahlreich wie sonst, bei den großen Konfektionären
die Bestellungen ein; und in einer Versammlung der Ethischen
Gesellschaft wurde, zugleich mit einer rückhaltlosen Sympathieerklärung
an die kämpfende Arbeiterschaft, das völlige Scheitern der
Einigungsversuche mitgeteilt.
Im Bureau der Schneider-Gewerkschaft trat die Arbeiterkommission
zusammen. Es war wie im Hauptquartier eines Krieges. Wir empfingen die
Streikerklärung als unsere Parole und unseren Marschbefehl. In riesigen
Plakaten wurde die Bevölkerung am nächsten Morgen zu den Versammlungen
eingeladen, mein Name stand unter denen der vierzehn Referenten.
Ich saß mit meiner Rede beschäftigt am Schreibtisch, als es draußen
zweimal heftig klingelte. Der Vater! -- »Dein Name steht auf den
Litfaßsäulen unter lauter Sozialdemokraten,« brauste er mich an.
»Du bist auf der Seite der Streikenden, wie ich weiß, du selbst hast
mich ermuntert.« Er ließ mich nicht ausreden. »Nicht um ein
ungesetzliches Vorgehen zu unterstützen, -- du mußt deinen Namen
augenblicklich zurückziehen --«. Er stierte mich an mit dem wilden
Blick, den ich so fürchtete. Ich lehnte mich zitternd an den
Schreibtisch. »Fahnenflüchtig?! Nein! Wär' ich's, du würdest dich bei
ruhiger Überlegung meiner schämen müssen.« Er umklammerte mein
Handgelenk. »Soll ich mein Kind verlieren?« stieß er hervor, sein Atem
keuchte, die Augen traten aus den Höhlen.
»Ich kann mein Wort nicht brechen, -- auch mir selbst gegenüber nicht,«
flüsterte ich. Ein Ruck ging durch seinen Körper, meine Hand stieß er
von sich, faßte sich ein paarmal mit den Fingern an den Kragen, als
würde er ihm zu eng, und schritt festen Schrittes, wortlos, der Türe
zu. Ich hörte sie zufallen, -- eine zweite knarrend sich öffnen, --
heftig ins Schloß zurückschlagen; ich lief ans Fenster: ein alter Mann
ging über den Hof, sehr langsam, tief gebückt, schwer auf den Stock sich
stützend. O, daß er nur ein einziges Mal den Kopf noch wenden möchte, --
aber der starre Nacken bewegte sich nicht. Schluchzend brach ich
zusammen.
»Alix!« Heinrichs entsetzter Ruf brachte mich wieder zu mir. Er hatte
den Vater fortgehen sehen und war, alle Vorsicht vergessend, zu mir
geeilt. »Wirst du heut abend sprechen können?!« »Gewiß, -- nun bin ich
ja ganz -- ganz frei!« Die Tränen waren versiegt, mir war, als läge mein
Herz zu Eis erstarrt in meiner Brust. Selbst der Geliebte kam mir
plötzlich fern und fremd vor.
* * * * *
Für die Kriegserklärung, die ich heute abzugeben hatte, war es die
rechte Vorbereitung: kein weiches Gefühl konnte mich überwältigen,
eiserne Entschlossenheit beherrschte mich. Zu -einer- Riesenkraft wollte
ich die schwarze Menschenmasse vor mir zusammenschweißen, von -einem-
unbeugsamen Willen beseelt. Und ich richtete die Paläste der Unternehmer
vor ihren Augen auf, die ihre Arbeit gebaut hatte, und wies auf ihre
üppigen Tafeln, die ihr Hunger deckte. Ich zeigte ihnen die seidenen
Kleider ihrer Frauen und ihrer Mätressen, an denen der Schweiß der
Arbeiterinnen klebte, und ihre Edelsteine, in denen das Augenlicht derer
gefangen war, die es in nächtlicher Arbeit verloren hatten. Ich fühlte:
schon war die Luft erfüllt vor unsichtbarem Sprengstoff. Und nun sprach
ich von der kommenden Schlacht, die nichts sei als ein Teil des großen
Krieges zwischen unverschuldeter Armut und schuldbeladenem Reichtum;
sprach von alledem, was der Preis ihres Mutes, ihrer Ausdauer sein
würde, und doch nur darum von unschätzbarem Werte sei, weil es sie
geistig und körperlich fähig mache, den Menschheitsfeldzug bis zu Ende
zu führen. »Eure Sache ist die Sache der ganzen Arbeiterschaft. Jede
Schwäche von euch ist ein Verrat an ihr ...«
»Eine demagogische Hetzrede,« sagte jemand, als ich die Tribüne verließ.
»Prachtvoll« -- versicherte mir ein sozialdemokratischer
Reichstagsabgeordneter händeschüttelnd. Ich sah fragend um mich:
erstaunte, bewundernde, auch tränenfeuchte Blicke begegneten den meinen,
aber vom Fieberfanatismus der Kriegslust bemerkte ich nichts.
Verständnislose Verlegenheit lag zum Teil auf den abgehärmten Zügen der
Frauen. »Was hat sie gemeint?« hörte ich flüstern. »Was sollen wir tun?«
»Und wie gerade die Damenmäntel dann bezahlt werden, sagte sie nicht« --
»ob wir gleich in die Betriebswerkstätten kommen?« -- Mir sank der Mut.
Heinrichs Lob -- er hatte sich's nicht nehmen lassen, mich zu begleiten
-- schien mir von Mitleid diktiert.
Zu Hause fiel ich sofort in den Schlaf der Erschöpfung. Mitten in der
Nacht fuhr ich entsetzt aus dem Traum; irgendein langgezogener Ton
weckte mich. Ich sprang aus dem Bett. Aus den Fenstern drüben drang
helles Licht. Die Schatten vieler Menschen bewegten sich hastig hin und
her. Gellende Schreie klangen über den Hof.
Jetzt -- jetzt wand sich das unglückselige Weib, das ich betrogen
hatte, in gräßlichen Schmerzen, -- und das Kind -- meines Geliebten
Kind! -- kam zur Welt. Kalter Schweiß trat auf meine Stirne. Das
flackernde Licht von drüben malte gespenstische Gestalten in mein
Zimmer. Ein großes Ungeheures beugte sich über mich, die
zusammengekauert, frostgeschüttelt am Fenster hockte. Es griff mir in
den Nacken mit spitzen Krallen, es wuchs -- wuchs, erfüllte den ganzen
Raum -- die Wohnung -- das Haus -- die Welt. »Ich bin die Schuld --
deine Schuld!« gellte es in meinen Ohren mit dem letzten Schrei des
Weibes drüben ...
»Es steht gut -- Mutter und Kind sind wohl --« Heinrich stand vor mir,
leichenblaß; »aber du --« er sah mich erschrocken an, wie eine schwere
Krankheit lag die Nacht hinter mir, -- »wenn du jetzt schon
zusammenbrichst, wo das Schwerste bevorsteht!«
»Nachdem ich das überstanden, gibt es nichts Schwereres --«
Ich war in der nächsten Zeit fast nie zu Hause. Wenn ich früh erwachte,
müde, als hätte ich kein Auge zugetan, so schien mir's, als stünde jenes
große Ungeheure hinter mir, vor dem ich unaufhörlich die Flucht
ergreifen mußte. Nur wenn ich draußen war, fern dem Bannkreis dieses
Hauses, wenn die Not der anderen, die der Streik aufdeckte und gebar,
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52
53
54
55
56
57
58
59
60
61
62
63
64
65
66
67
68
69
70
71
72
73
74
75
76
77
78
79
80
81
82
83
84
85
86
87
88
89
90
91
92
93
94
95
96
97
98
99
100
101
102
103
104
105
106
107
108
109
110
111
112
113
114
115
116
117
118
119
120
121
122
123
124
125
126
127
128
129
130
131
132
133
134
135
136
137
138
139
140
141
142
143
144
145
146
147
148
149
150
151
152
153
154
155
156
157
158
159
160
161
162
163
164
165
166
167
168
169
170
171
172
173
174
175
176
177
178
179
180
181
182
183
184
185
186
187
188
189
190
191
192
193
194
195
196
197
198
199
200
201
202
203
204
205
206
207
208
209
210
211
212
213
214
215
216
217
218
219
220
221
222
223
224
225
226
227
228
229
230
231
232
233
234
235
236
237
238
239
240
241
242
243
244
245
246
247
248
249
250
251
252
253
254
255
256
257
258
259
260
261
262
263
264
265
266
267
268
269
270
271
272
273
274
275
276
277
278
279
280
281
282
283
284
285
286
287
288
289
290
291
292
293
294
295
296
297
298
299
300
301
302
303
304
305
306
307
308
309
310
311
312
313
314
315
316
317
318
319
320
321
322
323
324
325
326
327
328
329
330
331
332
333
334
335
336
337
338
339
340
341
342
343
344
345
346
347
348
349
350
351
352
353
354
355
356
357
358
359
360
361
362
363
364
365
366
367
368
369
370
371
372
373
374
375
376
377
378
379
380
381
382
383
384
385
386
387
388
389
390
391
392
393
394
395
396
397
398
399
400
401
402
403
404
405
406
407
408
409
410
411
412
413
414
415
416
417
418
419
420
421
422
423
424
425
426
427
428
429
430
431
432
433
434
435
436
437
438
439
440
441
442
443
444
445
446
447
448
449
450
451
452
453
454
455
456
457
458
459
460
461
462
463
464
465
466
467
468
469
470
471
472
473
474
475
476
477
478
479
480
481
482
483
484
485
486
487
488
489
490
491
492
493
494
495
496
497
498
499
500
501
502
503
504
505
506
507
508
509
510
511
512
513
514
515
516
517
518
519
520
521
522
523
524
525
526
527
528
529
530
531
532
533
534
535
536
537
538
539
540
541
542
543
544
545
546
547
548
549
550
551
552
553
554
555
556
557
558
559
560
561
562
563
564
565
566
567
568
569
570
571
572
573
574
575
576
577
578
579
580
581
582
583
584
585
586
587
588
589
590
591
592
593
594
595
596
597
598
599
600
601
602
603
604
605
606
607
608
609
610
611
612
613
614
615
616
617
618
619
620
621
622
623
624
625
626
627
628
629
630
631
632
633
634
635
636
637
638
639
640
641
642
643
644
645
646
647
648
649
650
651
652
653
654
655
656
657
658
659
660
661
662
663
664
665
666
667
668
669
670
671
672
673
674
675
676
677
678
679
680
681
682
683
684
685
686
687
688
689
690
691
692
693
694
695
696
697
698
699
700
701
702
703
704
705
706
707
708
709
710
711
712
713
714
715
716
717
718
719
720
721
722
723
724
725
726
727
728
729
730
731
732
733
734
735
736
737
738
739
740
741
742
743
744
745
746
747
748
749
750
751
752
753
754
755
756
757
758
759
760
761
762
763
764
765
766
767
768
769
770
771
772
773
774
775
776
777
778
779
780
781
782
783
784
785
786
787
788
789
790
791
792
793
794
795
796
797
798
799
800
801
802
803
804
805
806
807
808
809
810
811
812
813
814
815
816
817
818
819
820
821
822
823
824
825
826
827
828
829
830
831
832
833
834
835
836
837
838
839
840
841
842
843
844
845
846
847
848
849
850
851
852
853
854
855
856
857
858
859
860
861
862
863
864
865
866
867
868
869
870
871
872
873
874
875
876
877
878
879
880
881
882
883
884
885
886
887
888
889
890
891
892
893
894
895
896
897
898
899
900
901
902
903
904
905
906
907
908
909
910
911
912
913
914
915
916
917
918
919
920
921
922
923
924
925
926
927
928
929
930
931
932
933
934
935
936
937
938
939
940
941
942
943
944
945
946
947
948
949
950
951
952
953
954
955
956
957
958
959
960
961
962
963
964
965
966
967
968
969
970
971
972
973
974
975
976
977
978
979
980
981
982
983
984
985
986
987
988
989
990
991
992
993
994
995
996
997
998
999
1000