der Partei bezeichnet. Die Wirklichkeit strafte sie Lügen. Was ich sah,
war wie ein Strom, dessen Wassermassen der alten Dämme zu spotten
schienen und sich nun wahllos, ziellos ausbreiteten. Es fehlte nur das
neue Bett, um ihre große Kraft zu vereinen und nutzbar zu machen.
Ich fühlte, wie ich froh wurde angesichts der neuen Erkenntnis, wie
meine Hoffnung ihre Flügel regte und Überzeugungen, die im Sturm der
Zweifel geschwankt hatten, nur noch tiefere Wurzeln schlugen.
Aber es war, als stünde unser Leben unter einem bösen Zauber: Sahen
junge Triebe der Freude mit einem hellen Frühlingslächeln aus dem
Erdboden hervor, so prasselten Hagelkörner vom Himmel und schlugen sie
grausam nieder.
Mitten in einer Vortragsreise versagte meine Stimme völlig. Was die
Ärzte schon lange vorausgesagt hatten, geschah: von einer Tätigkeit wie
der bisherigen konnte keine Rede sein.
* * * * *
Was nun? Ich saß vor meinem Schreibtisch, -- einem ganz alten aus hellem
Birnbaumholz mit schwarzen Säulchen, der früher irgendwo in einem Winkel
gestanden hatte, -- und lehnte mich müde in den tiefen Stuhl zurück.
Großmutters Stuhl! Mir war, als sähe ich sie vor mir: das schmale,
dunkle Gesicht mit den großen Augen, und einem Lächeln um die feinen
Lippen, das über alles Erdenleid zu triumphieren schien. Viel, viel zu
früh hatte ich sie verloren! Plötzlich fielen mir die Papiere ein, die
ich von ihr besaß: Briefe, Tagebuchnotizen, Stammbücher. Sie hatte sie
mir hinterlassen, mir allein. Als ob sie mir sich selbst habe schenken
wollen. Ich suchte sie hervor und las und las. Aus den vergilbten
Blättern duftete der Frühling berauschend, und die Sonne schien bis tief
hinein in das winterstarre Herz, und aus schweren dunkeln Wolken strömte
warmer Regen, segenspendender. Und eine weiche Hand streichelte mich,
als wäre auch ich krank, sehr krank.
Ihr Leben war voll stiller Kämpfe gewesen, und aus einem jeden war sie
stärker hervorgegangen. Es hatte ihr den Geliebten ihrer Jugend, hatte
ihr Freunde und Kinder geraubt, und ihr Herz war bei jedem Verlust nur
reicher geworden an Kraft und Liebe. Dann war sie einsam
zurückgeblieben, zwischen lauter Fremden, und war doch nicht bitter
geworden, und verstand auch den Fernsten und den Ärmsten. Nur eins
überwand sie nie: das unverschuldete Elend in der Welt --.
Ich ging jeder Regung ihrer Seele, jeder Spur ihres Daseins nach. Dabei
entdeckte ich ein Gewebe feiner Fäden, das sich von ihr bis zu mir
herüberspann, eine ununterbrochene Folge von Ursache und Wirkung, eine
eherne Gesetzmäßigkeit.
Nun schrieb ich das Buch von ihr, weil ich es schreiben mußte. Von früh
bis spät arbeitete ich. Es war dabei sehr still um mich und in mir. Nur
wenn ein Brief von meinem Kinde kam, -- einer jener kurzen, frohen,
lebensprühenden Zeichen seiner Jugendkraft, -- nahmen meine Gedanken
eine andere Richtung an. Aber sie trieben mir nicht mehr die Tränen in
die Augen: denn mein Sohn lebte, mein Sohn blieb mir nah, auch wenn er
fern war. Meiner Großmutter Kinder waren ihr fern gewesen, wenn sie sie
mit Händen hatte greifen, mit Augen hatte sehen können. Und auch daran
war sie nicht zugrunde gegangen. Sie hatte standgehalten.
Ich schrieb wie im Fieber. Die Arbeit war wie eine Wünschelrute. Sie
schloß in meinem Innern lauter verschüttete Quellen auf.
Von dem glühenden Abendhimmel der klassischen Periode Weimars war der
Großmutter Jugend umstrahlt gewesen; die geistigen Heroen des
neunzehnten Jahrhunderts hatten auf ihren Lebensweg breite Schatten
geworfen. Je deutlicher mir der geistige Werdegang der Vergangenheit
entgegentrat, zu desto klareren Bildern schoben sich die scheinbar wirr
durcheinanderlaufenden Zeichen der Gegenwart zusammen. Unter dem Gesetz
dieses großen Entwicklungsprozesses stand auch ihr Leben; das gab ihm
seine Bedeutung, so eng, so still es an sich auch gewesen war.
Mein Buch erschien. Und plötzlich schien die Großmutter nicht nur für
mich lebendig geworden. Sie stand da, mitten in der Welt und redete mit
den Menschen. Selbst aus den verstimmten Instrumenten der Seelen lockte
sie wie einst Melodien hervor. Viele kamen und dankten mir, als ob ich
sie geschaffen hätte!
Nur in der Parteipresse gab es Leute, die mich beschimpften; es war in
dem Buch auch von Fürsten und Aristokraten die Rede, die keine Schufte
waren. Als ich es las und mein Herz dabei nicht einmal schneller
klopfte, erschrak ich: Sollte ich so stumpf geworden sein? Oder stand
ich den alten Genossen so fern? Erst allmählich fing ich an, mich selbst
zu verstehen.
»Geht es dir so nahe, daß du nicht darüber zu sprechen vermagst?« fragte
mich mein Mann.
»Es ärgert mich nicht einmal,« antwortete ich.
Sein Gesicht leuchtete auf: »So stehst du endlich über den Dingen und
wertest die Menschen, wie sie es verdienen.«
»Du verstehst mich nicht ganz,« wandte ich ein. »Nicht nur weil ich
weiß, daß sie mir in Wahrheit nichts anhaben können, gräme ich mich
nicht mehr über Urteile wie diese, sondern weil ich sie verstehe --«
Er sah mich ungläubig lächelnd an.
»Ja, ich verstehe sie,« wiederholte ich. »Uns trennt ein
unüberbrückbarer Abgrund: der der inneren Kultur. Wie die Genossinnen
sich ständig über mein Äußeres ärgerten, -- weil ich eben anders war als
sie, -- so muß der Durchschnitt der Genossen an meinem Wesen Anstoß
nehmen.«
»Hm --,« machte mein Mann, »das klingt --«
»Sehr hochmütig,« vollendete ich. »Ganz gewiß! Und doch ist es weit von
jedem Hochmut entfernt. Was ich wurde, bin ich anderen schuldig: Nicht
nur meinen Vorfahren, sondern auch den vielen Tausenden, die deren
gesicherte Existenz, deren geistige Entwicklung durch ihr sklavisches
Arbeitsleben erst möglich machten.«
»Folgerst du nun aus deiner Behauptung, daß Menschen wie du sich von der
Partei fern halten müßten? Daß also der Satz: 'Die Befreiung der
Arbeiterklasse kann nur ein Werk der Arbeiterklasse selbst sein' im
Sinne der radikalen Genossen, die heute jeden Überläufer zurückweisen
möchten, aufgefaßt werden darf?« fragte Heinrich interessiert.
»Damit würde ich mich selbst negieren,« rief ich lebhaft. »Ich folgere
zunächst etwas rein Persönliches: daß ich den Genossen unrecht tat, wenn
ich ihnen ihre Feindseligkeit zum Vorwurf machte; daß es himmelblauer,
allen realen Erfahrungen spottender Idealismus war, wenn ich von ihnen
Anerkennung, Verständnis, Anteilnahme erwartete. Sind sie uns denn in
ihrer Masse persönlich anziehend? Stören uns nicht schon eine Menge
bloßer Äußerlichkeiten? Verstehen wir sie denn so gut?«
»Du vergißt, wie mir scheint,« warf Heinrich ein, »daß eine Reihe
Akademiker ganz im Proletariat aufging --«
»Ich glaube es nicht, so demagogisch sie sich auch gebärden mögen, um
den Anschein zu erwecken, es wäre so,« entgegnete ich. »Wenn ihre Kultur
nicht nur Tünche ist, so rächt sich ihre Heuchelei in stillen Stunden
bitter an ihnen. Weißt du --,« fügte ich langsam hinzu, »sobald ich mir
Wanda Orbins früh gealterte, durchfurchte Züge vergegenwärtige, bin ich
gewiß, daß sie empfindlich darunter leidet --«
Heinrich runzelte die Stirn: »Du gehst denn doch ein wenig weit in
deinem Mitgefühl. Willst du vielleicht auch ihr Verhalten gegen dich
beschönigen?«
»Beschönigen -- nein; erklären -- ja! Sie muß herrschen, um die
Preisgabe der inneren Freiheit ertragen zu können. Infolgedessen
beseitigt sie jeden, der ihr im Wege steht, -- ganz abgesehen davon, daß
ich ihrem fanatischen Radikalismus als Schädling erscheinen mußte!«
»Das Endresultat deiner Erwägungen,« sagte mein Mann mit einem leisen
Spott im Ton der Stimme, »ist demnach ein erhaben christliches: Liebet
eure Feinde, segnet, die euch fluchen --«
Ich hob abwehrend beide Hände. »Nein, nein, nein!« rief ich aus und
stand auf, um mit raschen Schritten im Takt meines Herzschlages auf und
ab zu gehen. »Vom Christentum bin ich weiter entfernt denn je. Die tief
eingewurzelte christliche Auffassungsweise ist es ja, die uns zu so
falscher Stellungnahme getrieben hat. Da ist zunächst die christliche
Idee der Selbstaufopferung. Keiner von uns Überläufern, mich selbst
eingeschlossen, hat sich nicht zuweilen mit einer Art pfäffischer
Selbstzufriedenheit an seinem eigenen Opfermut berauscht, hat sich nicht
innerlich vorgerechnet, was er alles um der Sache willen aufgab, hat
sich nicht das Leben in dem Gefühl verbittert, daß die Genossen dieses
Opfer nicht zu würdigen verstehn. Wenn ich schon als Kind außerstande
war, den Opfertod Christi als solchen zu empfinden, -- nicht nur, weil
er als Gottessohn die Gewißheit ewigen Lebens besaß, sondern weil es mir
nicht so heldenhaft erschien, in der Ekstase des Glaubens für die
Erlösung der ganzen Menschheit zu sterben, -- so weiß ich jetzt, daß
unser Opfer gar kein Opfer ist, sondern im Gegenteil Selbstbehauptung.
Es wäre ein Opfer gewesen, -- und eine Sünde wider den Geist wie jedes
'Opfer', -- wenn ich mich nicht zum Sozialismus bekannt hätte. Seiner
Überzeugung nicht folgen, die Stimmen seines Innern nicht hören wollen,
-- das allein sind Opferungen; die sie bringen, sind arme
Lebensschwache. Auch ich habe mich solcher Sünden schuldig gemacht: als
ich mich einmal Wanda Orbin unterwarf, als ich Forderungen meines
Geistes und Herzens zum Schweigen brachte.«
»Auch des Herzens?« unterbrach mich mein Mann.
»Weißt du nicht mehr, -- damals, -- als meine Sehnsucht nach dir rief --
und ich sie unterdrückte!«
Er nickte mit gesenktem Kopf. »Ich habe mir schweren Schaden getan,«
bekannte ich, als spräche ich jetzt nur mit mir selber, »die Liebe ist
eine Quelle der Kraft. Daß so viele Frauen so klein sind und so
armselig, liegt wohl nur daran, daß sie sich selbst verurteilen, daneben
zu stehn, während die anderen die freien Glieder in ihrem brausenden
Strome baden.«
Heinrich sah auf. Sein Blick forschte in meinen Zügen. »Hast du -- noch
andere Opfer gebracht? Herzensopfer -- meine ich,« fragte er langsam.
Ich preßte die Handflächen krampfhaft aneinander.
»Mein Kind --,« kam es mühsam über meine Lippen.
Wir schwiegen beide. Ich mußte mir ein paarmal mit der Hand über die
Stirne streichen; mit schweren, grauen Schwingen strichen die Vögel
meiner Schmerzen mir um das Haupt.
»Ich habe dich aus deinem Gedankengang gerissen, -- verzeih!« knüpfte
Heinrich das Gespräch nach einer langen Pause wieder an. »Von der
christlichen Idee der Selbstaufopferung gingst du aus --«
»Mit ihr haben wir nur immer uns selbst irre geführt,« fuhr ich fort,
»aber mit den anderen führen wir die Massen irre: mit der Gleichheit
aller im Sinne gleichen Wertes und gleicher Entwicklungsfähigkeit, mit
der Brüderlichkeit im Sinne gegenseitigen Verständnisses. Als ob die
Natur, die jeden Grashalm vom anderen unterschied, den Menschen nicht
eine noch reichere Mannigfaltigkeit ermöglichen sollte; -- als ob wahre
Brüderlichkeit nicht immer seltener, dafür aber immer tiefer würde, je
mehr wir uns entwickeln! Natürliche Schranken respektieren, statt sie
niederzureißen, -- Distanzen anerkennen, statt sie mit Phrasen zu
überbrücken, -- kurz, im Sinne der Entwicklung handeln, die stets vom
Einförmigen zum Vielfachen schreitet, -- das wäre unsere Aufgabe! Statt
dessen ziehen wir unter der Maske der Brüderlichkeit den Dünkel groß,
rotten die Ehrfurcht vor den Heroen des Geistes aus, so daß schließlich
jeder Hans Narr einen Goethe Bruder nennt. Von dem Dreigestirn der
Forderungen, das die Revolution vom Christentum übernahm und der
Sozialismus von beiden, wird nur eins übrig bleiben: die Freiheit!«
Es wurde wieder sekundenlang still zwischen uns. »Vielleicht begegnen
wir einander allmählich in unseren Gedankengängen und könnten dann
wenigstens noch zu jener seltenen Brüderlichkeit gelangen --,« sagte
Heinrich schließlich.
Mit einer raschen Bewegung näherte ich mich ihm und legte den Arm um
seinen Hals. Der Klang seiner Stimme tat mir zu weh. Er löste sich sanft
aus der Umschlingung. »Nicht so, Alix --,« sagte er leise; »weißt du
noch, wie du einmal zu mir sagtest: der Stunde sollten wir warten, der
wir gehorchen müssen?! -- Ich fürchte, sie ist noch fern --!« Und in
ruhigem Gesprächston fuhr er fort: »Du wirst dich darüber in keiner
Täuschung befinden: Alles, was du sagtest, ist für die heutige
Sozialdemokratie Ketzerei.« Ich nickte.
»Noch kennt sie niemand als du. Aber sollten die losen Gedanken sich zur
Kette zusammenschieben, so werde ich den Schatz nicht in meine Truhe
legen.«
»Auch wenn sie dich bezichtigen, falsches Gold zu fabrizieren?!«
Ich warf den Kopf zurück. Ein heißes Gefühl der Kampflust strömte mir
durch die Adern und bewies mir, daß ich lebte. »Auch dann!«
* * * * *
Das Erbe meiner Großmutter befreite mich von einem gut Teil äußerer
Sorgen. Und jetzt erst, da die Not, dieser Sklavenhalter, nicht mehr
hinter mir stand, fühlte ich alle Striemen, mit denen ihre
Peitschenschläge meinen Körper gezeichnet hatten. Ich sah die Blässe
meiner Wangen, die Falten um meinen Mund, die müden Augen. Und doch
wollte ich nicht alt sein, denn noch lag ein Leben vor mir, und ich
wollte nicht häßlich sein, denn eine tiefe, tiefe Sehnsucht trieb mir
heißes Blut durch die Adern.
Ich ging in ein Sanatorium in die Nähe von Dresden, um gesund zu werden.
Unter dem Menschenschwarm aus der alten und neuen Welt, der sich dort
ein Stelldichein zu geben schien, traf ich auch einen Bekannten:
Hessenstein. Meinen alten Tänzer, einen der glänzendsten Kavaliere der
Westfälischen Gesellschaft, hätte ich in dem grauhaarigen Mann mit dem
gebeugten Rücken kaum wiedererkannt.
»Merkwürdig,« sagte er nach der ersten Begrüßung, »Sie sind immer noch
Alix von Kleve! -- Eben las ich Ihr Buch. Daraus erfuhr ich, daß Sie
auch innerlich noch Alix von Kleve sind, oder -- besser gesagt -- daß
Sie heimkehrten.«
»Wie meinen Sie das?« fragte ich lächelnd. »Ich brauchte nicht
heimzukehren, denn ich war immer bei mir!«
»Auch als Sie noch zu den Singer, Stadthagen, Luxemburg, und wie die
Zierden der Partei alle heißen mögen, gehörten?!«
»Ich war und bin Sozialdemokratin, -- damit gehöre ich meiner
Überzeugung, nicht den Menschen,« antwortete ich merklich kühler
werdend.
»Wie, Sie sind nicht aus der Partei ausgetreten und konnten dies
schreiben --,« er zog das Buch von der Großmutter aus der Tasche,
»-- das Werk eines vollendeten Aristokraten --«
»Sie haben einmal andere Ansichten gehabt, Herr von Hessenstein,«
unterbrach ich ihn.
»Wer von uns hätte nicht törichten Träumen nachgehangen?!« meinte er.
Wir sahen einander oft, und es tat mir wohl, einem teilnehmenden
Menschen von meinem Leben zu erzählen.
An einem kühlen Herbsttag, -- dem letzten vor meiner Abreise, wanderten
wir auf die Heide hinaus. »Ich liebe sie,« sagte Hessenstein, »sie geht
mit so stiller Würde dem Winter entgegen, ohne sich durch überflüssige
Stürme über die Hoffnungslosigkeit der Situation aufzuregen.«
»Nun weiß ich endlich, warum ich sie nicht liebe,« antwortete ich;
»diese Ergebung in das Schicksal wird mir immer fremd sein. Ich würde
mich an den Sommer klammern, wenn es Winter werden wollte.«
Er sah mich kopfschüttelnd an: »Nach all Ihren Erfahrungen diese
Lebenskraft?! Nachdem all Ihre Opfer nutzlos waren?!«
Ich schwieg betroffen still. Die Frage, ob ich genutzt hatte oder nicht,
hatte ich mir selbst nie gestellt. Ich überlegte: all die Reformen, für
die ich in hartem Kampf gegen die Genossen eingetreten war, kamen mir
jetzt, aus der Vogelperspektive, nicht mehr so welterschütternd vor.
Aber immerhin; sie hatten sich durchgesetzt. Die Dienstbotenbewegung
war im Gang, die Mutterschaftsversicherung war zur Forderung der Partei
geworden; die Haushaltungsgenossenschaft stand wenigstens
auf dem Diskussionsprogramm; selbst jene Zentralstelle der
Arbeiterinnenbewegung, deren Forderung mir fast den Hals gekostet hatte,
war vor ein paar Jahren geschaffen worden und funktionierte
vortrefflich. Und wie viele mochte ich dem Sozialismus gewonnen haben?
Ich sah wieder glänzende Augen auf mich gerichtet, fühlte den Druck
schwieliger Hände, hörte den Siegesjubel mich umbrausen --.
»Nein,« sagte ich hell und laut, »meine Arbeit ist nicht nutzlos
gewesen! Es gibt kein Wort, das nicht die Luft in Schwingung versetzt,
keinen Gedanken, der sich nicht weiterpflanzt! -- Und daß ich in der
Partei aushalte?! Meinen Sie denn, es würde an meiner Überzeugung irgend
etwas geändert werden, wenn ich ihr nicht offiziell angehörte, oder wenn
sie, -- was ich nicht für unmöglich halte, -- mich noch einmal gehen
heißt? Gewiß, ich zweifle an der Richtigkeit mancher ihrer
Programmforderungen, ich halte ihre Taktik sehr oft für falsch, ich
sehe, daß sie von hundert Schönheitsfehlern behaftet ist, -- aber all
das vermag die Hauptsache nicht zu erschüttern. Der Sozialismus ist das
einzige Mittel, um die Menschheit aus dem Zustand der Barbarei auf die
erste Stufe der Kultur zu erheben --«
Er legte beschwichtigend seine schmale, blaugeäderte Hand auf die meine.
»Sie sind in keiner Volksversammlung,« sagte er; »sie brauchen nicht so
starke Farben aufzutragen --«
»Ich trage sie nicht auf. Ich spreche in ruhigster Überlegung,« fuhr ich
fort. »Oder ist es etwa keine Barbarei, daß die überwiegende Masse der
Menschheit, daß Millionen, viele Millionen, von Kindheit an bis zum
Greisenalter zu härtestem Frondienst verurteilt sind, daß sie von dem
einzigen Sinn des Lebens, der Entfaltung der Persönlichkeit zur höchsten
Potenz ihrer Leistungs- und Genußkraft, durch den Zufall der Geburt und
des Besitzes ausgeschlossen sind?! Die Befreiung des Menschen von den
blinden Gesetzen des Schicksals, die vollkommene Unterjochung der
Materie unter den Geist, -- das ist uns das Ziel; einer fernen Zukunft
aber wird es zweifellos erst als der Anfang der Menschheitsentwicklung
erscheinen.«
Mein Begleiter blieb stumm. Erst als wir droben von der Heide in den
herbstbunten Wald schritten, sprach er wieder. »Ich bewundere Ihren
Glauben. Sollte wirklich die Vergesellschaftung der Produktionsmittel
solchem Ziel entgegenführen?! Dann wäre es allerdings sträflich, sich
ihrer Durchsetzung entgegenzustemmen!«
»Ich sehe zunächst kein anderes,« antwortete ich. »Freilich: ein
aktuelles Problem ist sie nicht. Aber so etwas wie eine regulative Idee.
Im übrigen: ich schwöre ja nicht darauf. Ich kann mir vorstellen, daß
sie einmal durch andere Forderungen ergänzt werden müßte. Aber das Ziel
ist für mich unverrückbar.«
Wir näherten uns wieder dem Sanatorium. »Sie gehen nach Java zurück?«
fragte ich, ehe wir uns trennten. »Nein,« entgegnete er. »Dreizehn Jahre
habe ich da unten gelebt, -- eine böse Zahl! -- Ich bin dabei ein
reicher Mann geworden. Aber kein glücklicher. Jetzt will ich --,« er
schürzte in bitterer Selbstverhöhnung die Lippen, »-- mein Leben als
Europäer genießen. Sie sehen: Ihre ersehnte Beherrschung der Materie ist
keine zuverlässige Grundlage des Glücks.«
»Glücklichsein -- im Sinne der Befriedigung unserer Triebe ist doch auch
nur ein Herdenideal. Wessen Leben es ausfüllt, der ist entweder ein
Schwächling oder ein Greis --«
Er drückte mir die Hand. »Sie sind eine merkwürdige Frau. Vielleicht
komme ich nach Berlin und lerne auf meine alten Tage noch leben. Nur
eins geben Sie mir bitte jetzt schon auf den Weg: Sind Sie so kalt, daß
Sie das Glück ganz auszuschalten vermögen, und -- wenn nicht -- was
verstehen Sie darunter?«
Ich atmete tief auf. Ich sah mich an einem Tage wie diesem mit dem
Geliebten im Wald, -- die Sehnsucht packte mich, so heiß, so stark, daß
ich erschauerte. Aber dem fremden Mann, der erwartungsvoll vor mir
stand, hätte ich nicht sagen können, was mich bewegte. »Kampf, --
Kraftentfaltung, -- Widerstände beseitigen, -- sie aufsuchen, wenn sie
sich nicht von selbst ergeben, -- darin kulminiert das Lebensgefühl der
Starken,« sagte ich.
Er verabschiedete sich. Ich sah ihn im Hause verschwinden, mit gebeugtem
Rücken, sehr müde.
* * * * *
Auf der Heimfahrt klopfte mir das Herz unruhiger als sonst. Ich dachte
an Heinrich. Seine Lebensauffassung war's, der ich Worte geliehen, an
der ich mich selbst zuerst aufgerichtet hatte, und die nun wie
ein Fluidum in meine Seele geströmt war. Ein Gefühl tiefer
Zusammengehörigkeit überkam mich, das ich noch nie empfunden hatte, --
am wenigsten dann, als wir, an den gleichen Pflug gespannt,
unzertrennlich waren. Vielleicht, daß Freunde so miteinander leben und
arbeiten können; -- Liebende nicht, sicher nicht! Aber sind es nicht die
besten Ehen, die zur Freundschaft werden? Oder ist das nicht auch eine
jener alle Natürlichkeit knechtenden Anschauungen, die wir armen
Menschen uns von der Moral des Christentums einpauken ließen, einer
Moral, für die die Sinne und die Sünde identisch waren, der ihre
Überwindung als der Tugend Krone erschien?! Ehe ist der Bund zweier
Liebenden; wo sie zur bloßen Freundschaft wurde, sind die Sinne tot oder
äugen sehnsüchtig nach anderer Befriedigung.
Die Ehe von einst beruhte auf der Autorität des Mannes gegenüber der
Frau, der Autorität der Eltern gegenüber den Kindern, -- ein Staat im
kleinen mit Herren und Knechten. Jetzt aber stehen Individualitäten
einander gegenüber. Das Leben von einst läßt sich ihnen wohl noch
aufzwingen, aber sie zerbrechen daran. Zur Herdflamme wird die Liebe
nicht mehr. Aber zum lodernden Opferbrand an den hohen Festen des
Lebens!
Für die Liebe ist der sicherste Tod die Unfreiheit. Sie wächst mit dem
Pathos der Distanz.
Wie ein kleines Mädchen, das zum ersten Male liebt, wagte ich kaum mir
selbst zu gestehen, was ich fühlte. Als mein Mann mich am Bahnhofe
empfing und mir die Hand küßte, errötete ich. Und abends ertappte ich
mich dabei, wie ich im Spiegel forschend meine Züge musterte und die
Haare anders zu stecken versuchte. -- Er war jetzt immer so förmlich,
so ritterlich zu mir! Ob ich am Ende zu alt war: -- Zweiundvierzig
Jahre! In Paris hatte ich Frauen gesehen, die älter waren als ich und
doch noch schön. Freilich: das Leben hatte mich gezeichnet! -- Ganz
heimlich -- ich hätte mich sonst vor ihm zu sehr geschämt! -- fing ich
an, mich mehr zu pflegen als sonst, die Farbe meiner Kleider, die Form
meiner Hüte sorgfältiger auszuwählen. Ich verschwendete fast. Ganz, ganz
in der Ferne sah ich einen neuen Sommer voll Glanz und Glut. Noch lag er
im Zauberschlaf, tief unten in der winterstarren Erde. Aber meine
Sehnsucht trog mich nicht: er mußte kommen.
Neunzehntes Kapitel
In Eis gepanzert, einen langen Mantel von Schnee um die Schultern, trat
das neue Jahr seine Herrschaft an. Gleichgültig sahen seine kalten Augen
über die Menge hinweg, die jammernd die Arme zu seinem Thron erhob.
Die Not war groß. Brot und Fleisch waren teuer, und für die
Menschenkraft, die sich billig anbot, gab es keine Arbeit. Der Winter
trieb die Arbeitslosen in Scharen in die Wärmehallen; vom frühen
Nachmittag an drängten sich die Obdachsuchenden vor den Asylen. Wer in
ihre Nähe kam, den trafen Blicke, in denen der Haß gegen die
Herrschenden, der Groll mit dem Schicksal flammte. Das waren keine
Almosen heischenden Bettler mehr, keine in ein gottgewolltes Geschick
Ergebenen.
Das Proletariat füllte den ganzen Winter über die Säle, um gegen eine
Politik zu protestieren, die zwar mit den Insignien des
Konstitutionalismus prunkte, aber nur ein Werkzeug des Absolutismus war.
Es wußte von den Millionen neuer Steuern, die drohten, es hatte
erfahren, daß es gegen die geeinte Reaktion machtlos war, daß die
eiserne Hand Preußens auf ihm ruhte, wenn es sich aufrichten wollte. Es
erkannte, daß es Mauern und Gräben zu bewältigen galt, ehe die feste
Burg, der Staat, ihm zufiele. Junker und Pfaffen hielten sie besetzt,
bereit, nur über ihre Leichen den Weg frei zu geben.
Der erste Akt des Dramas begann.
* * * * *
Vor dem Abgeordnetenhaus in Berlin eine dichtgedrängte Menschenmasse.
Polizisten zu Fuß und zu Pferd, den Revolver im gelben Gürtel, halten
die Zufahrt frei. Und hinter ihnen stehen Tausende, Männer, Frauen,
Kinder. Sie warten. Sie besetzen die Auffahrt des gegenüberliegenden
Kunstgewerbemuseums. Sie halten Umschau von oben. Und plötzlich biegt in
scharfem Trabe eine Karosse um die Ecke der Prinz Albrechtstraße. »Der
Reichskanzler!« gellt es laut. Die Menge flutet ihm entgegen, ihm nach,
eine einzige dunkle Welle. Und brausend tönt es um ihn: »Hoch das freie
Wahlrecht!« Dann wieder Stille. Sie wartet weiter.
Und auf der Rednertribüne des Abgeordnetenhauses erscheint Fürst Bülow
zur Beantwortung des freisinnigen Antrags: Einführung des allgemeinen,
gleichen und direkten Wahlrechts mit geheimer Stimmabgabe für den
preußischen Landtag. Mit unterschlagenen Armen, ruhig und selbstbewußt,
den harten Ausdruck geborener Herrscher auf den Zügen, sitzt die
Mehrheit vor ihm. Sie weiß, was sie zu erwarten hat; dieser Mann ist ein
Erwählter des Kaisers, nicht des Volkes, und der Kaiser ist der Ihre.
»... Für die Königliche Staatsregierung steht es nach wie vor fest, daß
die Übertragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen dem Staatswohl
nicht entspricht und daher abzulehnen ist. Auch kann die Königliche
Staatsregierung die Ersetzung der öffentlichen Stimmabgabe durch die
geheime nicht in Ansicht stellen.«
Scharf, ohne die liebenswürdigen Floskeln des Weltmannes, ohne das
verbindliche Lächeln des Diplomaten, klingt die Erklärung durch den
Saal.
Das Volk draußen wartet. Da nahen neue Schutzmannspatrouillen; hart
schlägt ihr Tritt auf den Asphaltboden auf, Pferdehufe klappern
dazwischen, -- die Begleitung zum Text des Kanzlerliedes.
Das Volk zieht sich zurück.
* * * * *
Zwei Tage später. Ein heller Wintersonntag. Mittags Unter den Linden das
gleiche Bild wie immer: flanierende Damen und Herren, Offiziere und
Studenten, hinter den Spiegelscheiben der Kaffees neugierige
Sonntagsbummler.
Wir gehen langsam dem Schloßplatz entgegen. Schutzleute erscheinen. Aus
allen Nebenstraßen blitzen ihre Helmspitzen auf. Im Zeughaus, vor dem
Museum, am Dom und rings um das Schloß -- lauter Pickelhauben. Mit
klingendem Spiel zieht die Wache auf, bunt und glänzend, eine Augenweide
für alle Farbenfrohen. An der Kreuzung der Friedrichstraße stockt der
Zug der Soldaten, ein anderer überschreitet seinen Weg, ein einförmig
dunkler: Arbeiter, die aus dem Innern der Stadt kommen, wo heute die
Wahlrechtsversammlungen tagen. Schweigend zieht er vorüber. Es ist, als
ob er auf alle Gesichter seinen Schatten geworfen habe.
Da -- Signaltöne aus der Hupe. Die Spaziergänger stutzen; drei gelbe
Automobile rasen vorbei, dem Schlosse zu. Der Kaiser. Kein Hurra, kein
Gruß, alles bleibt still, -- wie benommen.
Und plötzlich, als hätte die Erde sie ausgespieen, wimmelt es auf der
breiten Straße von Menschen; im selben Augenblick bildet sich vor dem
Schloß eine Mauer von Polizistenleibern. Die Menge mißt ihre Gegner mit
dem spöttischen Blick der Überlegenheit: Wenn wir wollten --! Aber sie
wollen nicht. Sie haben stärkere Mauern zu stürmen.
Aus der Ferne klingen Töne, wie Donnerrollen. Sie schwellen an. Sie
begleiten den gleichmäßigen Tritt Tausender: -- soweit das Auge die
Friedrichstraße hinunter gen Süden reicht -- ein Meer von Menschen. Es
überflutet die Linden. Rechts und links weichen die Spaziergänger
zurück. Noch nie hat die Allee der Fürstentriumphe solch einen Aufzug
gesehen! Eine Schwadron Berittener sprengt den Demonstranten entgegen,
mitten in ihren Zug hinein. Ein Aufkreischen ängstlicher Weiberstimmen,
-- dann gewitterschwangere Stille.
Einsam liegt das Königsschloß. Leer gefegt ist der weite Raum ringsum.
Schwer hängt die Kaiserstandarte in der unbewegten Luft. Hier hält das
Leben seinen Atem an.
Aber ringsum, von Norden und Osten, von Süden und Westen, strömen sie
jetzt herbei in hellen Scharen. Sie singen. Niemand hat den Taktstock
geschwungen, sie sehen einander nicht einmal, und doch ist es dasselbe
Lied, das aus den Kehlen aller dringt, das die Bastille gestürmt hat und
die Barrikaden: die Marseillaise. Es schlägt gegen die Mauern der
Kirchen und der Paläste, -- und ihr Echo muß es wiedergeben. Es braust
sieghaft hinweg über die Ketten der Hüter der Ordnung. Hoch über dem
Königsschloß fluten seine Töne zusammen, -- es klingt wie das Klirren
scharfer Klingen, -- wie Wotans gespenstisches Heer.
Und nun hüllt der Abend die Stadt in seinen dunkeln Mantel. Der Gesang
verstummt. Das Pferdegetrappel der Polizisten, das Geschrei der
Verfolgten tönt nur noch von weit her.
Mir aber ist, als sähe ich in einen unermeßlichen Saal. An seinen Wänden
prangen die Bilder verflossener Jahrhunderte: die Geschichten von den
Königen und den Kriegen; Marmorstatuen stehen ringsum: Feldherrn und
Fürsten, Priester und Propheten. In der Mitte aber auf goldenem Stuhl
thront Er. Um das Haupt den Krönungsreif wie einen Heiligenschein; die
Finger der Linken um den Reichsapfel gespannt, -- die Weltenkugel; in
der rechten das Zepter, -- eine Peitsche, um Nacken zu beugen,
Widerspenstige zu zähmen; auf der Brust ein großes leuchtendes Kreuz.
Ich staune ihn an: Alles Vergangene lebt in ihm. Alles, was uns tot ist,
umgibt ihn. Gegen die Nacht, die nur sein Glanz erhellt, erscheint das
Licht des Tages grau und kalt.
Er ist kein einzelner. Er ist die Welt, die wir überwinden müssen.
* * * * *
Eine kleine Gruppe von Parteigenossen fand sich in einem Restaurant der
Friedrichstadt in der Nacht nach den Wahldemonstrationen zufällig
zusammen. Die Erregung, die in allen noch nachzitterte, verscheuchte
jede Müdigkeit. Große Ereignisse lösen die Lippen. Auch die Kühlen waren
warm geworden. Man diskutierte lebhaft: über die heutige Eroberung der
Straße, über die künftige Entwickelung der Bewegung, über die
Möglichkeit, in diesem Augenblick, wo es sich nicht um die Aufrichtung
des Zukunftsstaates, sondern um die Niederwerfung der Junkerherrschaft
handelte, das liberale Bürgertum und alle Schmollenden, die unsicher
abseits standen, mobil zu machen. »Ein Riesenkampf gegen die Reaktion,
-- das ist's, was die stagnierenden Gewässer in Fluß bringen würde!«
sagte einer.
»Er würde die Geister scheiden, wie nichts zuvor --,« ergänzte
enthusiastisch ein anderer.
»Sie glauben wirklich, daß das Ziel des allgemeinen Wahlrechts für den
preußischen Landtag solch weltbewegende Kräfte entfesseln könnte?«
fragte ich. Mein Spott rötete die Gesichter der Begeisterten noch mehr.
»Und gerade Sie waren vor einer Stunde bis zur Stummheit ergriffen!«
meinte vorwurfsvoll mein Nachbar.
»Ich bin es noch,« antwortete ich; »mir war, als hätte ich wirklich den
Flügelschlag der neuen Zeit gefühlt. Ich fürchte nur, sie rauscht an uns
vorüber.«
»Das aber liegt doch an uns!« rief über den Tisch herüber ein jungem
Literat, der darauf brannte, sich die politischen Sporen zu verdienen.
»Wir müssen sie festhalten, wir müssen das Eisen schmieden, solange es
warm ist.«
»Womit, wenn ich fragen darf?« --
Die Antworten schwirrten von allen Seiten durcheinander: »Durch die
Aussicht auf eine wahrhaft liberaldemokratische Ära,« -- »auf
wirtschaftliche Reformen großen Stils,« -- »Verminderung der Steuern,«
-- »der Militärlasten,« -- »Trennung von Kirche und Staat --«
»Lauter Einzelforderungen, die große, heute noch indifferente Massen
kaum begeistern, die heterogene Elemente nicht zusammenschweißen werden,
die, vor allen Dingen, kein sicher wirkendes Scheidewasser sind,« sagte
ich ruhig.
»So nennen Sie es, wenn Sie es wissen!«
Ich sah mich scheu im Kreise um. Sobald ein Gespräch Fragen berührte,
die mir sehr nahe gingen, überkam mich oft eine gewisse verlegene
Unbeholfenheit. »Stünde ich vor einer Volksversammlung, so würde es mir
leichter werden als vor all Ihren forschenden, erwartungsvollen und --
lächelnden Mienen,« meinte ich.
»So wollen wir streng parlamentarisch verfahren,« sagte mein Nachbar
sichtlich belustigt; »wir sind die letzten Gäste, beherrschen also im
Moment die Situation. Silentium, meine Herren! Frau Alix Brandt hat das
Wort.«
Ich sah zu meinem Mann hinüber. Er nickte mir zu. Ich klammerte meinen
Blick an den seinen und erhob mich. Was mir diese Nacht zum erstenmal
klar vor Augen gestanden hatte, das sollte ich in Worte fassen. -- Mir
war die Kehle wie zugeschnürt. Und doch fühlte ich, es mußte sein.
Nicht um dieser Tafelrunde willen, -- sondern meinetwegen. Der Gedanke
zerflattert, wenn er nicht in die Form der Sprache gepreßt wird.
»Mir scheint,« begann ich zögernd, »daß es nicht so sehr darauf ankommt,
einzelne praktische Ziele zu setzen. Das haben die Parteien schon längst
getan und sind über die Verschiedenheit ihrer Einzelforderungen in
Gruppen und Grüppchen auseinander gefallen. Alle großen entscheidenden
Weltbewegungen sind von -einem- Geist getragen worden --« »Und die
materialistische Geschichtsauffassung?!« unterbrach mich ein Genosse.
»Von -einem- Geist --,« fuhr ich unbeirrt fort, »der sich
selbstverständlich erst aus den allgemeinen wirtschaftlichen und
sozialen Verhältnissen heraus entwickeln konnte und immer erst dann
entstand, wenn der Widerspruch der Gegenwart zur Vergangenheit überall
schmerzhaft fühlbar geworden war. Das gilt für das Christentum, -- den
Muhamedanismus --« »die Revolution,« rief einer dazwischen.
»Nein,« antwortete ich. »Es gibt Zeiten, in denen der Geist der
Verneinung, wie ich ihn einmal nennen will, nicht zu reinem, vollem
Ausdruck kommt, wo er nur beschränkte Schichten des Volkes ergreift, --
wie zur Zeit der Renaissance, der Revolution, -- und wo er darum
schließlich gezwungen wird, mit dem Geist der Vergangenheit zu
paktieren. So baute die Renaissance christliche Kirchen, und die
Revolution übernahm die Phraseologie des Christentums. Auch wir
versuchen mit jener Geistesfaulheit, die sich scheut, zu Ende zu denken,
neuen Wein in alte Schläuche zu gießen. Ich erinnere an die Bemühungen,
die Kirche zu modernisieren, an das Bestreben, in der Partei die Ethik
Kants für den Sozialismus in Anspruch zu nehmen.«
Hier unterbrach mich mein Nachbar, ein begeisterter Kantianer, und
vergaß im Eifer des Widerspruches die von ihm selbst gewollte
parlamentarische Ordnung.
»Der kategorische Imperativ, von seiner transzendentalen Herkunft
losgelöst, ist tatsächlich der dirigierende Geist, auf den Sie offenbar
hinauswollen,« rief er.
»Das bestreite ich. Schon weil er sich von dieser transzendentalen
Herkunft nicht loslösen läßt, weil er Geist vom Geist des Christentums
ist, weil wir auf Grund unserer Kenntnis der historischen Entwicklung
und Umwandlung sittlicher Ideale wissen, daß es ein allgemein gleiches,
verpflichtendes Sittengesetz nicht gibt, weil nicht einmal zwischen
Einzelindividualitäten eine Äquivalenz der Handlungen besteht --«
»Ich höre Alix Brandt, und es ist Friedrich Nietzsche!« spottete jemand.
Die anderen lächelten vielsagend.
»Sie haben mir vorgegriffen,« entgegnete ich ruhig. »Ich hätte den Namen
des Mannes genannt, der zwar nicht der Erlöser, wohl aber sein Prophet
sein kann.«
»Aber, Genossin Brandt, Sie verirren sich,« hörte ich entrüstet rufen;
»wie vermögen Sie Ihre sozialdemokratische Gesinnung mit dem Nachbeten
Nietzschescher Lehren zu vereinigen?! Denken Sie doch an seine
Vergötterung der 'Herrenmenschen', an seine Verhöhnung jedes
'Sklavenaufstands'!«
»Diesen Einwand mußte ich erwarten. Ich erinnere Sie demgegenüber
zunächst nur daran, daß es derselbe Nietzsche war, der anerkannte, daß
die einzelne starke Individualität am leichtesten in einer
demokratischen Gesellschaft sich erhalten und entwickeln könne. Aber
diese Idee ist zwischen uns, wie ich glaube, schon so sehr zum
unbestreitbaren Gemeinplatz geworden, daß ich nicht weiter darauf
einzugehen brauche. Natürlich gebe ich -den- Nietzsche preis, der unsere
große soziale Bewegung weder kannte, noch kennen wollte. Und ich kann
das um so leichter, weil er unbewußt selbst im Flusse dieser Bewegung
schwamm, weil er dem Sozialismus das gab, was wir brauchen: eine
ethische Grundlage.«
Von allen Seiten wurde mir heftig widersprochen, aber jetzt, da ich mir
selbst immer klarer wurde, störte mich das nicht mehr.
»Alle seine großen Ideen leben in uns: der Trieb zur Persönlichkeit, die
Umwertung aller Werte, das Jasagen zum Leben, der Wille zur Macht. Wir
brauchen die blitzenden Waffen aus seiner Rüstkammer nur zu nehmen, --
und wir sollten es tun. Mit dem Ziel des größten Glücks der größten
Anzahl, -- an das ich glaubte, wie Sie alle, -- schaffen wir eine
Gesellschaft behäbiger Kleinbürger.... Und spüren Sie den Geist der
Verneinung nicht in allem, was heute lebenskräftig ist und vorwärts
will? Kunst und Literatur, Wissenschaft und Politik setzen ihr Nein der
Vergangenheit entgegen, die noch Gegenwart sein will. Was ihr Tugend
war, -- Unterwürfigkeit, Demut, Ergebung in das Schicksal, Ungehorsam
gegen sich selbst, wenn der Gehorsam gegen Obere es fordert, --
erscheint uns mindestens als Schwäche, wenn nicht als Unrecht. Der
Glaube an die gottgewollten Zustände von Armut und Reichtum, von
Herrschaft und Dienstbarkeit ist weit über die Kreise der Partei hinaus
zerstört. Und mit alledem, das wir unbewußt und bewußt von uns geworfen
haben, panzert sich der Riese der Reaktion. Vor neunzehnhundert Jahren
unterwarf die Moral des Christentums die heidnische Welt. Vergebens hat
die Renaissance und die Revolution sich gegen sie empört, -- die Zeit
war noch nicht reif. Heute aber ist sie es; der Sozialismus hat ihr den
Boden bereitet. Wäre ihre Fahne voll entfaltet, so würden sich vor ihr
die Feigen von den Mutigen, die Schwachen von den Starken sondern, und
alles würde ihr zuströmen, was jungen Geistes ist, was Zukunft in sich
hat. Den Weg zu unserem Ziel finden wir nur, wenn die Idee der ethischen
Revolution der Idee der ökonomischen Umwälzung Flügel verleiht....«
Die Türe ging auf. Ein verschlafener Kellner musterte mißmutig die
seßhaften Gäste. Ich erwachte wie aus einem Traum. Die anderen blieben
stumm. Ob aus Überraschung, aus Empörung, aus Müdigkeit? »Ich möchte
heim,« sagte ich leise zu meinem Mann. Wir gingen allein und schweigsam
nach Hause.
Ich hörte danach, daß man mich verspottete: Die Sozialdemokratin und
Verkünderin der »Herrenmoral«! Mir schien, als gingen mir die Genossen
noch mehr als sonst aus dem Wege. Aber es kränkte mich nicht.
* * * * *
Ein feuchter Märzwind strich durch die Straßen. Die Bäume und Büsche
zitterten in seiner Umarmung, denn er flüsterte ihnen vom Frühling die
frohe Botschaft zu. Auch um meine Stirne wehte sein weicher Atem. Hatte
ich nicht geglaubt, daß ich den Lenz wie alte Leute grüßen würde:
versunken in Erinnerungen? --
Ich saß am Fenster und las meines Sohnes Briefe. Seit einiger Zeit
schrieb er mir oft: Seiten und Seiten voller Fragen und erregter
Geständnisse. Zum erstenmal stand sein junger Geist in offenem Kampf mit
der Wahrheit und den Autoritäten. Und er unterwarf sich nicht. Er war
mein Kind.
Noch immer hatte ich mich gescheut, Heinrich zu zeigen, was er schrieb.
Wir waren früher heftig aneinander geraten, weil ich schon des kleinen
Kindes Selbständigkeit respektierte. Und jetzt hatte ich mehr zu
fürchten als nur den väterlichen Zorn. Ein Prüfstein würde es sein auch
für unsere Beziehungen. Ich liebte meinen Mann. Viel mehr, viel tiefer
als zu jener Zeit, da ich mich ihm zuerst verband. Denn damals kannte
ich ihn nicht. Aber meine Liebe war zu groß, um Unterwerfung ertragen zu
können. Wenn er das Kind nicht verstand, so würde er auch mich nicht
verstehen. Wieder aneinander gebunden sein, so daß jeder selbständige
Schritt des einen den anderen ins Fleisch schneiden muß; die Blume der
Liebe, die nichts als der Persönlichkeit reichste Entfaltung ist,
abpflücken, nur damit sie die Brust des anderen schmückt, zu frühem
Welken verurteilt, -- das vermochte ich nicht mehr --
Es läutete draußen, lang und heftig. Ich sprang auf, beide Hände auf das
wild klopfende Herz gepreßt. Wer lärmte zu früher Morgenstunde so
ungeduldig an der Türe? Wer?! Schon sprang sie auf, und ins Zimmer flog
es herein wie ein Wirbelwind, und zwei Arme umschlangen mich, und ein
glühendes Gesicht mit zwei glänzenden Augen hob sich zu mir empor. »Mein
Kind! Mein Kind!« --
Der Rucksack flog im Bogen von den Schultern. »Davongelaufen bin ich --
bei Nacht und Nebel, -- ich hielt's nicht länger aus,« sprudelte es
hervor, atemlos, triumphierend.
Ich hörte kaum, was er sprach, ich sah nur, daß er da war, wirklich da
war!
Ein fester Tritt auf dem Flur weckte mich aus meiner Versunkenheit. »Der
Vater!« rief ich angstvoll und legte wie schützend den Arm um meinen
Sohn. Der aber riß sich los, lachte mich an und lief mit einem: »Ich
fürchte mich nicht!« dem Kommenden entgegen.
Ich stand wie angewurzelt. Ich hörte einen Wortwechsel, dann ein langes,
ernstes Gespräch. Frage und Antwort. Hand in Hand kamen sie zu mir ins
Zimmer. »Nun werden wir den Schlingel doch wohl behalten müssen,«
lächelte mein Mann, »und heute soll für uns drei ein Feiertag sein.«
Wir gingen durch den Wald nach Paulsborn. Die Kiefern standen schwarz
gegen den hellen Himmel, und lichtgrün schmiegten sich die Büsche ihnen
zu Füßen. Auf dem See tanzten die Sonnenstrahlen. Und weit voraus sprang
unser Sohn.
»Weißt du noch?!« sagte Heinrich.
»Ich weiß! Damals schüttelte der Sturm die Bäume. Mich fror, und du
schlugst deinen Mantel um mich --«
»Und habe dich doch nicht schützen können --«
»Ich danke es dir, denn dadurch wurde ich stark.«
»So stark, daß du allein zu gehen vermagst --,« seine Stimme schwankte
dabei. Mich traf's wie blendendes Licht, -- ich sah auf dem Wasser
nichts mehr als die goldene, schimmernde Sonnenstraße.
»Damals warnte ich dich vor mir,« fuhr er fort.
»Ich aber ließ dich nicht --«
»Und heute?! --«
»Du siehst: ich gehe auf eigenen Füßen, aber neben dir --«
Wo die dunkle Allee sich der weiten, sonnenbeglänzten Wiese öffnet,
tauchte die schlanke Gestalt unseres Sohnes auf. Er hielt einen Zweig
jungen Grüns in der hochgehobenen Hand. Der wehte über ihm wie eine
Fahne.
* * * * *
Und dann kam das Leben wieder und der Alltag, und sein Pfad blieb rauh.
Aber ich hatte ihn freiwillig gewählt, und meines Herzens Glut schützte
mich vor dem Frost. Er blieb einsam. Aber ich wußte vorher: wer eigene
Wege sucht, findet wenig Gefährten. Und über das Donnern der Sturzbäche
hinweg flog siegreich hin und her der Gruß der Liebe.
Einmal, als der Föhn mich umheulte und die Steine meine Füße
verwundeten, sah ich forschend zurück. Und ich erkannte, daß ich nicht
irre gegangen war.
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