der Partei bezeichnet. Die Wirklichkeit strafte sie Lügen. Was ich sah, war wie ein Strom, dessen Wassermassen der alten Dämme zu spotten schienen und sich nun wahllos, ziellos ausbreiteten. Es fehlte nur das neue Bett, um ihre große Kraft zu vereinen und nutzbar zu machen. Ich fühlte, wie ich froh wurde angesichts der neuen Erkenntnis, wie meine Hoffnung ihre Flügel regte und Überzeugungen, die im Sturm der Zweifel geschwankt hatten, nur noch tiefere Wurzeln schlugen. Aber es war, als stünde unser Leben unter einem bösen Zauber: Sahen junge Triebe der Freude mit einem hellen Frühlingslächeln aus dem Erdboden hervor, so prasselten Hagelkörner vom Himmel und schlugen sie grausam nieder. Mitten in einer Vortragsreise versagte meine Stimme völlig. Was die Ärzte schon lange vorausgesagt hatten, geschah: von einer Tätigkeit wie der bisherigen konnte keine Rede sein. * * * * * Was nun? Ich saß vor meinem Schreibtisch, -- einem ganz alten aus hellem Birnbaumholz mit schwarzen Säulchen, der früher irgendwo in einem Winkel gestanden hatte, -- und lehnte mich müde in den tiefen Stuhl zurück. Großmutters Stuhl! Mir war, als sähe ich sie vor mir: das schmale, dunkle Gesicht mit den großen Augen, und einem Lächeln um die feinen Lippen, das über alles Erdenleid zu triumphieren schien. Viel, viel zu früh hatte ich sie verloren! Plötzlich fielen mir die Papiere ein, die ich von ihr besaß: Briefe, Tagebuchnotizen, Stammbücher. Sie hatte sie mir hinterlassen, mir allein. Als ob sie mir sich selbst habe schenken wollen. Ich suchte sie hervor und las und las. Aus den vergilbten Blättern duftete der Frühling berauschend, und die Sonne schien bis tief hinein in das winterstarre Herz, und aus schweren dunkeln Wolken strömte warmer Regen, segenspendender. Und eine weiche Hand streichelte mich, als wäre auch ich krank, sehr krank. Ihr Leben war voll stiller Kämpfe gewesen, und aus einem jeden war sie stärker hervorgegangen. Es hatte ihr den Geliebten ihrer Jugend, hatte ihr Freunde und Kinder geraubt, und ihr Herz war bei jedem Verlust nur reicher geworden an Kraft und Liebe. Dann war sie einsam zurückgeblieben, zwischen lauter Fremden, und war doch nicht bitter geworden, und verstand auch den Fernsten und den Ärmsten. Nur eins überwand sie nie: das unverschuldete Elend in der Welt --. Ich ging jeder Regung ihrer Seele, jeder Spur ihres Daseins nach. Dabei entdeckte ich ein Gewebe feiner Fäden, das sich von ihr bis zu mir herüberspann, eine ununterbrochene Folge von Ursache und Wirkung, eine eherne Gesetzmäßigkeit. Nun schrieb ich das Buch von ihr, weil ich es schreiben mußte. Von früh bis spät arbeitete ich. Es war dabei sehr still um mich und in mir. Nur wenn ein Brief von meinem Kinde kam, -- einer jener kurzen, frohen, lebensprühenden Zeichen seiner Jugendkraft, -- nahmen meine Gedanken eine andere Richtung an. Aber sie trieben mir nicht mehr die Tränen in die Augen: denn mein Sohn lebte, mein Sohn blieb mir nah, auch wenn er fern war. Meiner Großmutter Kinder waren ihr fern gewesen, wenn sie sie mit Händen hatte greifen, mit Augen hatte sehen können. Und auch daran war sie nicht zugrunde gegangen. Sie hatte standgehalten. Ich schrieb wie im Fieber. Die Arbeit war wie eine Wünschelrute. Sie schloß in meinem Innern lauter verschüttete Quellen auf. Von dem glühenden Abendhimmel der klassischen Periode Weimars war der Großmutter Jugend umstrahlt gewesen; die geistigen Heroen des neunzehnten Jahrhunderts hatten auf ihren Lebensweg breite Schatten geworfen. Je deutlicher mir der geistige Werdegang der Vergangenheit entgegentrat, zu desto klareren Bildern schoben sich die scheinbar wirr durcheinanderlaufenden Zeichen der Gegenwart zusammen. Unter dem Gesetz dieses großen Entwicklungsprozesses stand auch ihr Leben; das gab ihm seine Bedeutung, so eng, so still es an sich auch gewesen war. Mein Buch erschien. Und plötzlich schien die Großmutter nicht nur für mich lebendig geworden. Sie stand da, mitten in der Welt und redete mit den Menschen. Selbst aus den verstimmten Instrumenten der Seelen lockte sie wie einst Melodien hervor. Viele kamen und dankten mir, als ob ich sie geschaffen hätte! Nur in der Parteipresse gab es Leute, die mich beschimpften; es war in dem Buch auch von Fürsten und Aristokraten die Rede, die keine Schufte waren. Als ich es las und mein Herz dabei nicht einmal schneller klopfte, erschrak ich: Sollte ich so stumpf geworden sein? Oder stand ich den alten Genossen so fern? Erst allmählich fing ich an, mich selbst zu verstehen. »Geht es dir so nahe, daß du nicht darüber zu sprechen vermagst?« fragte mich mein Mann. »Es ärgert mich nicht einmal,« antwortete ich. Sein Gesicht leuchtete auf: »So stehst du endlich über den Dingen und wertest die Menschen, wie sie es verdienen.« »Du verstehst mich nicht ganz,« wandte ich ein. »Nicht nur weil ich weiß, daß sie mir in Wahrheit nichts anhaben können, gräme ich mich nicht mehr über Urteile wie diese, sondern weil ich sie verstehe --« Er sah mich ungläubig lächelnd an. »Ja, ich verstehe sie,« wiederholte ich. »Uns trennt ein unüberbrückbarer Abgrund: der der inneren Kultur. Wie die Genossinnen sich ständig über mein Äußeres ärgerten, -- weil ich eben anders war als sie, -- so muß der Durchschnitt der Genossen an meinem Wesen Anstoß nehmen.« »Hm --,« machte mein Mann, »das klingt --« »Sehr hochmütig,« vollendete ich. »Ganz gewiß! Und doch ist es weit von jedem Hochmut entfernt. Was ich wurde, bin ich anderen schuldig: Nicht nur meinen Vorfahren, sondern auch den vielen Tausenden, die deren gesicherte Existenz, deren geistige Entwicklung durch ihr sklavisches Arbeitsleben erst möglich machten.« »Folgerst du nun aus deiner Behauptung, daß Menschen wie du sich von der Partei fern halten müßten? Daß also der Satz: 'Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur ein Werk der Arbeiterklasse selbst sein' im Sinne der radikalen Genossen, die heute jeden Überläufer zurückweisen möchten, aufgefaßt werden darf?« fragte Heinrich interessiert. »Damit würde ich mich selbst negieren,« rief ich lebhaft. »Ich folgere zunächst etwas rein Persönliches: daß ich den Genossen unrecht tat, wenn ich ihnen ihre Feindseligkeit zum Vorwurf machte; daß es himmelblauer, allen realen Erfahrungen spottender Idealismus war, wenn ich von ihnen Anerkennung, Verständnis, Anteilnahme erwartete. Sind sie uns denn in ihrer Masse persönlich anziehend? Stören uns nicht schon eine Menge bloßer Äußerlichkeiten? Verstehen wir sie denn so gut?« »Du vergißt, wie mir scheint,« warf Heinrich ein, »daß eine Reihe Akademiker ganz im Proletariat aufging --« »Ich glaube es nicht, so demagogisch sie sich auch gebärden mögen, um den Anschein zu erwecken, es wäre so,« entgegnete ich. »Wenn ihre Kultur nicht nur Tünche ist, so rächt sich ihre Heuchelei in stillen Stunden bitter an ihnen. Weißt du --,« fügte ich langsam hinzu, »sobald ich mir Wanda Orbins früh gealterte, durchfurchte Züge vergegenwärtige, bin ich gewiß, daß sie empfindlich darunter leidet --« Heinrich runzelte die Stirn: »Du gehst denn doch ein wenig weit in deinem Mitgefühl. Willst du vielleicht auch ihr Verhalten gegen dich beschönigen?« »Beschönigen -- nein; erklären -- ja! Sie muß herrschen, um die Preisgabe der inneren Freiheit ertragen zu können. Infolgedessen beseitigt sie jeden, der ihr im Wege steht, -- ganz abgesehen davon, daß ich ihrem fanatischen Radikalismus als Schädling erscheinen mußte!« »Das Endresultat deiner Erwägungen,« sagte mein Mann mit einem leisen Spott im Ton der Stimme, »ist demnach ein erhaben christliches: Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen --« Ich hob abwehrend beide Hände. »Nein, nein, nein!« rief ich aus und stand auf, um mit raschen Schritten im Takt meines Herzschlages auf und ab zu gehen. »Vom Christentum bin ich weiter entfernt denn je. Die tief eingewurzelte christliche Auffassungsweise ist es ja, die uns zu so falscher Stellungnahme getrieben hat. Da ist zunächst die christliche Idee der Selbstaufopferung. Keiner von uns Überläufern, mich selbst eingeschlossen, hat sich nicht zuweilen mit einer Art pfäffischer Selbstzufriedenheit an seinem eigenen Opfermut berauscht, hat sich nicht innerlich vorgerechnet, was er alles um der Sache willen aufgab, hat sich nicht das Leben in dem Gefühl verbittert, daß die Genossen dieses Opfer nicht zu würdigen verstehn. Wenn ich schon als Kind außerstande war, den Opfertod Christi als solchen zu empfinden, -- nicht nur, weil er als Gottessohn die Gewißheit ewigen Lebens besaß, sondern weil es mir nicht so heldenhaft erschien, in der Ekstase des Glaubens für die Erlösung der ganzen Menschheit zu sterben, -- so weiß ich jetzt, daß unser Opfer gar kein Opfer ist, sondern im Gegenteil Selbstbehauptung. Es wäre ein Opfer gewesen, -- und eine Sünde wider den Geist wie jedes 'Opfer', -- wenn ich mich nicht zum Sozialismus bekannt hätte. Seiner Überzeugung nicht folgen, die Stimmen seines Innern nicht hören wollen, -- das allein sind Opferungen; die sie bringen, sind arme Lebensschwache. Auch ich habe mich solcher Sünden schuldig gemacht: als ich mich einmal Wanda Orbin unterwarf, als ich Forderungen meines Geistes und Herzens zum Schweigen brachte.« »Auch des Herzens?« unterbrach mich mein Mann. »Weißt du nicht mehr, -- damals, -- als meine Sehnsucht nach dir rief -- und ich sie unterdrückte!« Er nickte mit gesenktem Kopf. »Ich habe mir schweren Schaden getan,« bekannte ich, als spräche ich jetzt nur mit mir selber, »die Liebe ist eine Quelle der Kraft. Daß so viele Frauen so klein sind und so armselig, liegt wohl nur daran, daß sie sich selbst verurteilen, daneben zu stehn, während die anderen die freien Glieder in ihrem brausenden Strome baden.« Heinrich sah auf. Sein Blick forschte in meinen Zügen. »Hast du -- noch andere Opfer gebracht? Herzensopfer -- meine ich,« fragte er langsam. Ich preßte die Handflächen krampfhaft aneinander. »Mein Kind --,« kam es mühsam über meine Lippen. Wir schwiegen beide. Ich mußte mir ein paarmal mit der Hand über die Stirne streichen; mit schweren, grauen Schwingen strichen die Vögel meiner Schmerzen mir um das Haupt. »Ich habe dich aus deinem Gedankengang gerissen, -- verzeih!« knüpfte Heinrich das Gespräch nach einer langen Pause wieder an. »Von der christlichen Idee der Selbstaufopferung gingst du aus --« »Mit ihr haben wir nur immer uns selbst irre geführt,« fuhr ich fort, »aber mit den anderen führen wir die Massen irre: mit der Gleichheit aller im Sinne gleichen Wertes und gleicher Entwicklungsfähigkeit, mit der Brüderlichkeit im Sinne gegenseitigen Verständnisses. Als ob die Natur, die jeden Grashalm vom anderen unterschied, den Menschen nicht eine noch reichere Mannigfaltigkeit ermöglichen sollte; -- als ob wahre Brüderlichkeit nicht immer seltener, dafür aber immer tiefer würde, je mehr wir uns entwickeln! Natürliche Schranken respektieren, statt sie niederzureißen, -- Distanzen anerkennen, statt sie mit Phrasen zu überbrücken, -- kurz, im Sinne der Entwicklung handeln, die stets vom Einförmigen zum Vielfachen schreitet, -- das wäre unsere Aufgabe! Statt dessen ziehen wir unter der Maske der Brüderlichkeit den Dünkel groß, rotten die Ehrfurcht vor den Heroen des Geistes aus, so daß schließlich jeder Hans Narr einen Goethe Bruder nennt. Von dem Dreigestirn der Forderungen, das die Revolution vom Christentum übernahm und der Sozialismus von beiden, wird nur eins übrig bleiben: die Freiheit!« Es wurde wieder sekundenlang still zwischen uns. »Vielleicht begegnen wir einander allmählich in unseren Gedankengängen und könnten dann wenigstens noch zu jener seltenen Brüderlichkeit gelangen --,« sagte Heinrich schließlich. Mit einer raschen Bewegung näherte ich mich ihm und legte den Arm um seinen Hals. Der Klang seiner Stimme tat mir zu weh. Er löste sich sanft aus der Umschlingung. »Nicht so, Alix --,« sagte er leise; »weißt du noch, wie du einmal zu mir sagtest: der Stunde sollten wir warten, der wir gehorchen müssen?! -- Ich fürchte, sie ist noch fern --!« Und in ruhigem Gesprächston fuhr er fort: »Du wirst dich darüber in keiner Täuschung befinden: Alles, was du sagtest, ist für die heutige Sozialdemokratie Ketzerei.« Ich nickte. »Noch kennt sie niemand als du. Aber sollten die losen Gedanken sich zur Kette zusammenschieben, so werde ich den Schatz nicht in meine Truhe legen.« »Auch wenn sie dich bezichtigen, falsches Gold zu fabrizieren?!« Ich warf den Kopf zurück. Ein heißes Gefühl der Kampflust strömte mir durch die Adern und bewies mir, daß ich lebte. »Auch dann!« * * * * * Das Erbe meiner Großmutter befreite mich von einem gut Teil äußerer Sorgen. Und jetzt erst, da die Not, dieser Sklavenhalter, nicht mehr hinter mir stand, fühlte ich alle Striemen, mit denen ihre Peitschenschläge meinen Körper gezeichnet hatten. Ich sah die Blässe meiner Wangen, die Falten um meinen Mund, die müden Augen. Und doch wollte ich nicht alt sein, denn noch lag ein Leben vor mir, und ich wollte nicht häßlich sein, denn eine tiefe, tiefe Sehnsucht trieb mir heißes Blut durch die Adern. Ich ging in ein Sanatorium in die Nähe von Dresden, um gesund zu werden. Unter dem Menschenschwarm aus der alten und neuen Welt, der sich dort ein Stelldichein zu geben schien, traf ich auch einen Bekannten: Hessenstein. Meinen alten Tänzer, einen der glänzendsten Kavaliere der Westfälischen Gesellschaft, hätte ich in dem grauhaarigen Mann mit dem gebeugten Rücken kaum wiedererkannt. »Merkwürdig,« sagte er nach der ersten Begrüßung, »Sie sind immer noch Alix von Kleve! -- Eben las ich Ihr Buch. Daraus erfuhr ich, daß Sie auch innerlich noch Alix von Kleve sind, oder -- besser gesagt -- daß Sie heimkehrten.« »Wie meinen Sie das?« fragte ich lächelnd. »Ich brauchte nicht heimzukehren, denn ich war immer bei mir!« »Auch als Sie noch zu den Singer, Stadthagen, Luxemburg, und wie die Zierden der Partei alle heißen mögen, gehörten?!« »Ich war und bin Sozialdemokratin, -- damit gehöre ich meiner Überzeugung, nicht den Menschen,« antwortete ich merklich kühler werdend. »Wie, Sie sind nicht aus der Partei ausgetreten und konnten dies schreiben --,« er zog das Buch von der Großmutter aus der Tasche, »-- das Werk eines vollendeten Aristokraten --« »Sie haben einmal andere Ansichten gehabt, Herr von Hessenstein,« unterbrach ich ihn. »Wer von uns hätte nicht törichten Träumen nachgehangen?!« meinte er. Wir sahen einander oft, und es tat mir wohl, einem teilnehmenden Menschen von meinem Leben zu erzählen. An einem kühlen Herbsttag, -- dem letzten vor meiner Abreise, wanderten wir auf die Heide hinaus. »Ich liebe sie,« sagte Hessenstein, »sie geht mit so stiller Würde dem Winter entgegen, ohne sich durch überflüssige Stürme über die Hoffnungslosigkeit der Situation aufzuregen.« »Nun weiß ich endlich, warum ich sie nicht liebe,« antwortete ich; »diese Ergebung in das Schicksal wird mir immer fremd sein. Ich würde mich an den Sommer klammern, wenn es Winter werden wollte.« Er sah mich kopfschüttelnd an: »Nach all Ihren Erfahrungen diese Lebenskraft?! Nachdem all Ihre Opfer nutzlos waren?!« Ich schwieg betroffen still. Die Frage, ob ich genutzt hatte oder nicht, hatte ich mir selbst nie gestellt. Ich überlegte: all die Reformen, für die ich in hartem Kampf gegen die Genossen eingetreten war, kamen mir jetzt, aus der Vogelperspektive, nicht mehr so welterschütternd vor. Aber immerhin; sie hatten sich durchgesetzt. Die Dienstbotenbewegung war im Gang, die Mutterschaftsversicherung war zur Forderung der Partei geworden; die Haushaltungsgenossenschaft stand wenigstens auf dem Diskussionsprogramm; selbst jene Zentralstelle der Arbeiterinnenbewegung, deren Forderung mir fast den Hals gekostet hatte, war vor ein paar Jahren geschaffen worden und funktionierte vortrefflich. Und wie viele mochte ich dem Sozialismus gewonnen haben? Ich sah wieder glänzende Augen auf mich gerichtet, fühlte den Druck schwieliger Hände, hörte den Siegesjubel mich umbrausen --. »Nein,« sagte ich hell und laut, »meine Arbeit ist nicht nutzlos gewesen! Es gibt kein Wort, das nicht die Luft in Schwingung versetzt, keinen Gedanken, der sich nicht weiterpflanzt! -- Und daß ich in der Partei aushalte?! Meinen Sie denn, es würde an meiner Überzeugung irgend etwas geändert werden, wenn ich ihr nicht offiziell angehörte, oder wenn sie, -- was ich nicht für unmöglich halte, -- mich noch einmal gehen heißt? Gewiß, ich zweifle an der Richtigkeit mancher ihrer Programmforderungen, ich halte ihre Taktik sehr oft für falsch, ich sehe, daß sie von hundert Schönheitsfehlern behaftet ist, -- aber all das vermag die Hauptsache nicht zu erschüttern. Der Sozialismus ist das einzige Mittel, um die Menschheit aus dem Zustand der Barbarei auf die erste Stufe der Kultur zu erheben --« Er legte beschwichtigend seine schmale, blaugeäderte Hand auf die meine. »Sie sind in keiner Volksversammlung,« sagte er; »sie brauchen nicht so starke Farben aufzutragen --« »Ich trage sie nicht auf. Ich spreche in ruhigster Überlegung,« fuhr ich fort. »Oder ist es etwa keine Barbarei, daß die überwiegende Masse der Menschheit, daß Millionen, viele Millionen, von Kindheit an bis zum Greisenalter zu härtestem Frondienst verurteilt sind, daß sie von dem einzigen Sinn des Lebens, der Entfaltung der Persönlichkeit zur höchsten Potenz ihrer Leistungs- und Genußkraft, durch den Zufall der Geburt und des Besitzes ausgeschlossen sind?! Die Befreiung des Menschen von den blinden Gesetzen des Schicksals, die vollkommene Unterjochung der Materie unter den Geist, -- das ist uns das Ziel; einer fernen Zukunft aber wird es zweifellos erst als der Anfang der Menschheitsentwicklung erscheinen.« Mein Begleiter blieb stumm. Erst als wir droben von der Heide in den herbstbunten Wald schritten, sprach er wieder. »Ich bewundere Ihren Glauben. Sollte wirklich die Vergesellschaftung der Produktionsmittel solchem Ziel entgegenführen?! Dann wäre es allerdings sträflich, sich ihrer Durchsetzung entgegenzustemmen!« »Ich sehe zunächst kein anderes,« antwortete ich. »Freilich: ein aktuelles Problem ist sie nicht. Aber so etwas wie eine regulative Idee. Im übrigen: ich schwöre ja nicht darauf. Ich kann mir vorstellen, daß sie einmal durch andere Forderungen ergänzt werden müßte. Aber das Ziel ist für mich unverrückbar.« Wir näherten uns wieder dem Sanatorium. »Sie gehen nach Java zurück?« fragte ich, ehe wir uns trennten. »Nein,« entgegnete er. »Dreizehn Jahre habe ich da unten gelebt, -- eine böse Zahl! -- Ich bin dabei ein reicher Mann geworden. Aber kein glücklicher. Jetzt will ich --,« er schürzte in bitterer Selbstverhöhnung die Lippen, »-- mein Leben als Europäer genießen. Sie sehen: Ihre ersehnte Beherrschung der Materie ist keine zuverlässige Grundlage des Glücks.« »Glücklichsein -- im Sinne der Befriedigung unserer Triebe ist doch auch nur ein Herdenideal. Wessen Leben es ausfüllt, der ist entweder ein Schwächling oder ein Greis --« Er drückte mir die Hand. »Sie sind eine merkwürdige Frau. Vielleicht komme ich nach Berlin und lerne auf meine alten Tage noch leben. Nur eins geben Sie mir bitte jetzt schon auf den Weg: Sind Sie so kalt, daß Sie das Glück ganz auszuschalten vermögen, und -- wenn nicht -- was verstehen Sie darunter?« Ich atmete tief auf. Ich sah mich an einem Tage wie diesem mit dem Geliebten im Wald, -- die Sehnsucht packte mich, so heiß, so stark, daß ich erschauerte. Aber dem fremden Mann, der erwartungsvoll vor mir stand, hätte ich nicht sagen können, was mich bewegte. »Kampf, -- Kraftentfaltung, -- Widerstände beseitigen, -- sie aufsuchen, wenn sie sich nicht von selbst ergeben, -- darin kulminiert das Lebensgefühl der Starken,« sagte ich. Er verabschiedete sich. Ich sah ihn im Hause verschwinden, mit gebeugtem Rücken, sehr müde. * * * * * Auf der Heimfahrt klopfte mir das Herz unruhiger als sonst. Ich dachte an Heinrich. Seine Lebensauffassung war's, der ich Worte geliehen, an der ich mich selbst zuerst aufgerichtet hatte, und die nun wie ein Fluidum in meine Seele geströmt war. Ein Gefühl tiefer Zusammengehörigkeit überkam mich, das ich noch nie empfunden hatte, -- am wenigsten dann, als wir, an den gleichen Pflug gespannt, unzertrennlich waren. Vielleicht, daß Freunde so miteinander leben und arbeiten können; -- Liebende nicht, sicher nicht! Aber sind es nicht die besten Ehen, die zur Freundschaft werden? Oder ist das nicht auch eine jener alle Natürlichkeit knechtenden Anschauungen, die wir armen Menschen uns von der Moral des Christentums einpauken ließen, einer Moral, für die die Sinne und die Sünde identisch waren, der ihre Überwindung als der Tugend Krone erschien?! Ehe ist der Bund zweier Liebenden; wo sie zur bloßen Freundschaft wurde, sind die Sinne tot oder äugen sehnsüchtig nach anderer Befriedigung. Die Ehe von einst beruhte auf der Autorität des Mannes gegenüber der Frau, der Autorität der Eltern gegenüber den Kindern, -- ein Staat im kleinen mit Herren und Knechten. Jetzt aber stehen Individualitäten einander gegenüber. Das Leben von einst läßt sich ihnen wohl noch aufzwingen, aber sie zerbrechen daran. Zur Herdflamme wird die Liebe nicht mehr. Aber zum lodernden Opferbrand an den hohen Festen des Lebens! Für die Liebe ist der sicherste Tod die Unfreiheit. Sie wächst mit dem Pathos der Distanz. Wie ein kleines Mädchen, das zum ersten Male liebt, wagte ich kaum mir selbst zu gestehen, was ich fühlte. Als mein Mann mich am Bahnhofe empfing und mir die Hand küßte, errötete ich. Und abends ertappte ich mich dabei, wie ich im Spiegel forschend meine Züge musterte und die Haare anders zu stecken versuchte. -- Er war jetzt immer so förmlich, so ritterlich zu mir! Ob ich am Ende zu alt war: -- Zweiundvierzig Jahre! In Paris hatte ich Frauen gesehen, die älter waren als ich und doch noch schön. Freilich: das Leben hatte mich gezeichnet! -- Ganz heimlich -- ich hätte mich sonst vor ihm zu sehr geschämt! -- fing ich an, mich mehr zu pflegen als sonst, die Farbe meiner Kleider, die Form meiner Hüte sorgfältiger auszuwählen. Ich verschwendete fast. Ganz, ganz in der Ferne sah ich einen neuen Sommer voll Glanz und Glut. Noch lag er im Zauberschlaf, tief unten in der winterstarren Erde. Aber meine Sehnsucht trog mich nicht: er mußte kommen. Neunzehntes Kapitel In Eis gepanzert, einen langen Mantel von Schnee um die Schultern, trat das neue Jahr seine Herrschaft an. Gleichgültig sahen seine kalten Augen über die Menge hinweg, die jammernd die Arme zu seinem Thron erhob. Die Not war groß. Brot und Fleisch waren teuer, und für die Menschenkraft, die sich billig anbot, gab es keine Arbeit. Der Winter trieb die Arbeitslosen in Scharen in die Wärmehallen; vom frühen Nachmittag an drängten sich die Obdachsuchenden vor den Asylen. Wer in ihre Nähe kam, den trafen Blicke, in denen der Haß gegen die Herrschenden, der Groll mit dem Schicksal flammte. Das waren keine Almosen heischenden Bettler mehr, keine in ein gottgewolltes Geschick Ergebenen. Das Proletariat füllte den ganzen Winter über die Säle, um gegen eine Politik zu protestieren, die zwar mit den Insignien des Konstitutionalismus prunkte, aber nur ein Werkzeug des Absolutismus war. Es wußte von den Millionen neuer Steuern, die drohten, es hatte erfahren, daß es gegen die geeinte Reaktion machtlos war, daß die eiserne Hand Preußens auf ihm ruhte, wenn es sich aufrichten wollte. Es erkannte, daß es Mauern und Gräben zu bewältigen galt, ehe die feste Burg, der Staat, ihm zufiele. Junker und Pfaffen hielten sie besetzt, bereit, nur über ihre Leichen den Weg frei zu geben. Der erste Akt des Dramas begann. * * * * * Vor dem Abgeordnetenhaus in Berlin eine dichtgedrängte Menschenmasse. Polizisten zu Fuß und zu Pferd, den Revolver im gelben Gürtel, halten die Zufahrt frei. Und hinter ihnen stehen Tausende, Männer, Frauen, Kinder. Sie warten. Sie besetzen die Auffahrt des gegenüberliegenden Kunstgewerbemuseums. Sie halten Umschau von oben. Und plötzlich biegt in scharfem Trabe eine Karosse um die Ecke der Prinz Albrechtstraße. »Der Reichskanzler!« gellt es laut. Die Menge flutet ihm entgegen, ihm nach, eine einzige dunkle Welle. Und brausend tönt es um ihn: »Hoch das freie Wahlrecht!« Dann wieder Stille. Sie wartet weiter. Und auf der Rednertribüne des Abgeordnetenhauses erscheint Fürst Bülow zur Beantwortung des freisinnigen Antrags: Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts mit geheimer Stimmabgabe für den preußischen Landtag. Mit unterschlagenen Armen, ruhig und selbstbewußt, den harten Ausdruck geborener Herrscher auf den Zügen, sitzt die Mehrheit vor ihm. Sie weiß, was sie zu erwarten hat; dieser Mann ist ein Erwählter des Kaisers, nicht des Volkes, und der Kaiser ist der Ihre. »... Für die Königliche Staatsregierung steht es nach wie vor fest, daß die Übertragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen dem Staatswohl nicht entspricht und daher abzulehnen ist. Auch kann die Königliche Staatsregierung die Ersetzung der öffentlichen Stimmabgabe durch die geheime nicht in Ansicht stellen.« Scharf, ohne die liebenswürdigen Floskeln des Weltmannes, ohne das verbindliche Lächeln des Diplomaten, klingt die Erklärung durch den Saal. Das Volk draußen wartet. Da nahen neue Schutzmannspatrouillen; hart schlägt ihr Tritt auf den Asphaltboden auf, Pferdehufe klappern dazwischen, -- die Begleitung zum Text des Kanzlerliedes. Das Volk zieht sich zurück. * * * * * Zwei Tage später. Ein heller Wintersonntag. Mittags Unter den Linden das gleiche Bild wie immer: flanierende Damen und Herren, Offiziere und Studenten, hinter den Spiegelscheiben der Kaffees neugierige Sonntagsbummler. Wir gehen langsam dem Schloßplatz entgegen. Schutzleute erscheinen. Aus allen Nebenstraßen blitzen ihre Helmspitzen auf. Im Zeughaus, vor dem Museum, am Dom und rings um das Schloß -- lauter Pickelhauben. Mit klingendem Spiel zieht die Wache auf, bunt und glänzend, eine Augenweide für alle Farbenfrohen. An der Kreuzung der Friedrichstraße stockt der Zug der Soldaten, ein anderer überschreitet seinen Weg, ein einförmig dunkler: Arbeiter, die aus dem Innern der Stadt kommen, wo heute die Wahlrechtsversammlungen tagen. Schweigend zieht er vorüber. Es ist, als ob er auf alle Gesichter seinen Schatten geworfen habe. Da -- Signaltöne aus der Hupe. Die Spaziergänger stutzen; drei gelbe Automobile rasen vorbei, dem Schlosse zu. Der Kaiser. Kein Hurra, kein Gruß, alles bleibt still, -- wie benommen. Und plötzlich, als hätte die Erde sie ausgespieen, wimmelt es auf der breiten Straße von Menschen; im selben Augenblick bildet sich vor dem Schloß eine Mauer von Polizistenleibern. Die Menge mißt ihre Gegner mit dem spöttischen Blick der Überlegenheit: Wenn wir wollten --! Aber sie wollen nicht. Sie haben stärkere Mauern zu stürmen. Aus der Ferne klingen Töne, wie Donnerrollen. Sie schwellen an. Sie begleiten den gleichmäßigen Tritt Tausender: -- soweit das Auge die Friedrichstraße hinunter gen Süden reicht -- ein Meer von Menschen. Es überflutet die Linden. Rechts und links weichen die Spaziergänger zurück. Noch nie hat die Allee der Fürstentriumphe solch einen Aufzug gesehen! Eine Schwadron Berittener sprengt den Demonstranten entgegen, mitten in ihren Zug hinein. Ein Aufkreischen ängstlicher Weiberstimmen, -- dann gewitterschwangere Stille. Einsam liegt das Königsschloß. Leer gefegt ist der weite Raum ringsum. Schwer hängt die Kaiserstandarte in der unbewegten Luft. Hier hält das Leben seinen Atem an. Aber ringsum, von Norden und Osten, von Süden und Westen, strömen sie jetzt herbei in hellen Scharen. Sie singen. Niemand hat den Taktstock geschwungen, sie sehen einander nicht einmal, und doch ist es dasselbe Lied, das aus den Kehlen aller dringt, das die Bastille gestürmt hat und die Barrikaden: die Marseillaise. Es schlägt gegen die Mauern der Kirchen und der Paläste, -- und ihr Echo muß es wiedergeben. Es braust sieghaft hinweg über die Ketten der Hüter der Ordnung. Hoch über dem Königsschloß fluten seine Töne zusammen, -- es klingt wie das Klirren scharfer Klingen, -- wie Wotans gespenstisches Heer. Und nun hüllt der Abend die Stadt in seinen dunkeln Mantel. Der Gesang verstummt. Das Pferdegetrappel der Polizisten, das Geschrei der Verfolgten tönt nur noch von weit her. Mir aber ist, als sähe ich in einen unermeßlichen Saal. An seinen Wänden prangen die Bilder verflossener Jahrhunderte: die Geschichten von den Königen und den Kriegen; Marmorstatuen stehen ringsum: Feldherrn und Fürsten, Priester und Propheten. In der Mitte aber auf goldenem Stuhl thront Er. Um das Haupt den Krönungsreif wie einen Heiligenschein; die Finger der Linken um den Reichsapfel gespannt, -- die Weltenkugel; in der rechten das Zepter, -- eine Peitsche, um Nacken zu beugen, Widerspenstige zu zähmen; auf der Brust ein großes leuchtendes Kreuz. Ich staune ihn an: Alles Vergangene lebt in ihm. Alles, was uns tot ist, umgibt ihn. Gegen die Nacht, die nur sein Glanz erhellt, erscheint das Licht des Tages grau und kalt. Er ist kein einzelner. Er ist die Welt, die wir überwinden müssen. * * * * * Eine kleine Gruppe von Parteigenossen fand sich in einem Restaurant der Friedrichstadt in der Nacht nach den Wahldemonstrationen zufällig zusammen. Die Erregung, die in allen noch nachzitterte, verscheuchte jede Müdigkeit. Große Ereignisse lösen die Lippen. Auch die Kühlen waren warm geworden. Man diskutierte lebhaft: über die heutige Eroberung der Straße, über die künftige Entwickelung der Bewegung, über die Möglichkeit, in diesem Augenblick, wo es sich nicht um die Aufrichtung des Zukunftsstaates, sondern um die Niederwerfung der Junkerherrschaft handelte, das liberale Bürgertum und alle Schmollenden, die unsicher abseits standen, mobil zu machen. »Ein Riesenkampf gegen die Reaktion, -- das ist's, was die stagnierenden Gewässer in Fluß bringen würde!« sagte einer. »Er würde die Geister scheiden, wie nichts zuvor --,« ergänzte enthusiastisch ein anderer. »Sie glauben wirklich, daß das Ziel des allgemeinen Wahlrechts für den preußischen Landtag solch weltbewegende Kräfte entfesseln könnte?« fragte ich. Mein Spott rötete die Gesichter der Begeisterten noch mehr. »Und gerade Sie waren vor einer Stunde bis zur Stummheit ergriffen!« meinte vorwurfsvoll mein Nachbar. »Ich bin es noch,« antwortete ich; »mir war, als hätte ich wirklich den Flügelschlag der neuen Zeit gefühlt. Ich fürchte nur, sie rauscht an uns vorüber.« »Das aber liegt doch an uns!« rief über den Tisch herüber ein jungem Literat, der darauf brannte, sich die politischen Sporen zu verdienen. »Wir müssen sie festhalten, wir müssen das Eisen schmieden, solange es warm ist.« »Womit, wenn ich fragen darf?« -- Die Antworten schwirrten von allen Seiten durcheinander: »Durch die Aussicht auf eine wahrhaft liberaldemokratische Ära,« -- »auf wirtschaftliche Reformen großen Stils,« -- »Verminderung der Steuern,« -- »der Militärlasten,« -- »Trennung von Kirche und Staat --« »Lauter Einzelforderungen, die große, heute noch indifferente Massen kaum begeistern, die heterogene Elemente nicht zusammenschweißen werden, die, vor allen Dingen, kein sicher wirkendes Scheidewasser sind,« sagte ich ruhig. »So nennen Sie es, wenn Sie es wissen!« Ich sah mich scheu im Kreise um. Sobald ein Gespräch Fragen berührte, die mir sehr nahe gingen, überkam mich oft eine gewisse verlegene Unbeholfenheit. »Stünde ich vor einer Volksversammlung, so würde es mir leichter werden als vor all Ihren forschenden, erwartungsvollen und -- lächelnden Mienen,« meinte ich. »So wollen wir streng parlamentarisch verfahren,« sagte mein Nachbar sichtlich belustigt; »wir sind die letzten Gäste, beherrschen also im Moment die Situation. Silentium, meine Herren! Frau Alix Brandt hat das Wort.« Ich sah zu meinem Mann hinüber. Er nickte mir zu. Ich klammerte meinen Blick an den seinen und erhob mich. Was mir diese Nacht zum erstenmal klar vor Augen gestanden hatte, das sollte ich in Worte fassen. -- Mir war die Kehle wie zugeschnürt. Und doch fühlte ich, es mußte sein. Nicht um dieser Tafelrunde willen, -- sondern meinetwegen. Der Gedanke zerflattert, wenn er nicht in die Form der Sprache gepreßt wird. »Mir scheint,« begann ich zögernd, »daß es nicht so sehr darauf ankommt, einzelne praktische Ziele zu setzen. Das haben die Parteien schon längst getan und sind über die Verschiedenheit ihrer Einzelforderungen in Gruppen und Grüppchen auseinander gefallen. Alle großen entscheidenden Weltbewegungen sind von -einem- Geist getragen worden --« »Und die materialistische Geschichtsauffassung?!« unterbrach mich ein Genosse. »Von -einem- Geist --,« fuhr ich unbeirrt fort, »der sich selbstverständlich erst aus den allgemeinen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen heraus entwickeln konnte und immer erst dann entstand, wenn der Widerspruch der Gegenwart zur Vergangenheit überall schmerzhaft fühlbar geworden war. Das gilt für das Christentum, -- den Muhamedanismus --« »die Revolution,« rief einer dazwischen. »Nein,« antwortete ich. »Es gibt Zeiten, in denen der Geist der Verneinung, wie ich ihn einmal nennen will, nicht zu reinem, vollem Ausdruck kommt, wo er nur beschränkte Schichten des Volkes ergreift, -- wie zur Zeit der Renaissance, der Revolution, -- und wo er darum schließlich gezwungen wird, mit dem Geist der Vergangenheit zu paktieren. So baute die Renaissance christliche Kirchen, und die Revolution übernahm die Phraseologie des Christentums. Auch wir versuchen mit jener Geistesfaulheit, die sich scheut, zu Ende zu denken, neuen Wein in alte Schläuche zu gießen. Ich erinnere an die Bemühungen, die Kirche zu modernisieren, an das Bestreben, in der Partei die Ethik Kants für den Sozialismus in Anspruch zu nehmen.« Hier unterbrach mich mein Nachbar, ein begeisterter Kantianer, und vergaß im Eifer des Widerspruches die von ihm selbst gewollte parlamentarische Ordnung. »Der kategorische Imperativ, von seiner transzendentalen Herkunft losgelöst, ist tatsächlich der dirigierende Geist, auf den Sie offenbar hinauswollen,« rief er. »Das bestreite ich. Schon weil er sich von dieser transzendentalen Herkunft nicht loslösen läßt, weil er Geist vom Geist des Christentums ist, weil wir auf Grund unserer Kenntnis der historischen Entwicklung und Umwandlung sittlicher Ideale wissen, daß es ein allgemein gleiches, verpflichtendes Sittengesetz nicht gibt, weil nicht einmal zwischen Einzelindividualitäten eine Äquivalenz der Handlungen besteht --« »Ich höre Alix Brandt, und es ist Friedrich Nietzsche!« spottete jemand. Die anderen lächelten vielsagend. »Sie haben mir vorgegriffen,« entgegnete ich ruhig. »Ich hätte den Namen des Mannes genannt, der zwar nicht der Erlöser, wohl aber sein Prophet sein kann.« »Aber, Genossin Brandt, Sie verirren sich,« hörte ich entrüstet rufen; »wie vermögen Sie Ihre sozialdemokratische Gesinnung mit dem Nachbeten Nietzschescher Lehren zu vereinigen?! Denken Sie doch an seine Vergötterung der 'Herrenmenschen', an seine Verhöhnung jedes 'Sklavenaufstands'!« »Diesen Einwand mußte ich erwarten. Ich erinnere Sie demgegenüber zunächst nur daran, daß es derselbe Nietzsche war, der anerkannte, daß die einzelne starke Individualität am leichtesten in einer demokratischen Gesellschaft sich erhalten und entwickeln könne. Aber diese Idee ist zwischen uns, wie ich glaube, schon so sehr zum unbestreitbaren Gemeinplatz geworden, daß ich nicht weiter darauf einzugehen brauche. Natürlich gebe ich -den- Nietzsche preis, der unsere große soziale Bewegung weder kannte, noch kennen wollte. Und ich kann das um so leichter, weil er unbewußt selbst im Flusse dieser Bewegung schwamm, weil er dem Sozialismus das gab, was wir brauchen: eine ethische Grundlage.« Von allen Seiten wurde mir heftig widersprochen, aber jetzt, da ich mir selbst immer klarer wurde, störte mich das nicht mehr. »Alle seine großen Ideen leben in uns: der Trieb zur Persönlichkeit, die Umwertung aller Werte, das Jasagen zum Leben, der Wille zur Macht. Wir brauchen die blitzenden Waffen aus seiner Rüstkammer nur zu nehmen, -- und wir sollten es tun. Mit dem Ziel des größten Glücks der größten Anzahl, -- an das ich glaubte, wie Sie alle, -- schaffen wir eine Gesellschaft behäbiger Kleinbürger.... Und spüren Sie den Geist der Verneinung nicht in allem, was heute lebenskräftig ist und vorwärts will? Kunst und Literatur, Wissenschaft und Politik setzen ihr Nein der Vergangenheit entgegen, die noch Gegenwart sein will. Was ihr Tugend war, -- Unterwürfigkeit, Demut, Ergebung in das Schicksal, Ungehorsam gegen sich selbst, wenn der Gehorsam gegen Obere es fordert, -- erscheint uns mindestens als Schwäche, wenn nicht als Unrecht. Der Glaube an die gottgewollten Zustände von Armut und Reichtum, von Herrschaft und Dienstbarkeit ist weit über die Kreise der Partei hinaus zerstört. Und mit alledem, das wir unbewußt und bewußt von uns geworfen haben, panzert sich der Riese der Reaktion. Vor neunzehnhundert Jahren unterwarf die Moral des Christentums die heidnische Welt. Vergebens hat die Renaissance und die Revolution sich gegen sie empört, -- die Zeit war noch nicht reif. Heute aber ist sie es; der Sozialismus hat ihr den Boden bereitet. Wäre ihre Fahne voll entfaltet, so würden sich vor ihr die Feigen von den Mutigen, die Schwachen von den Starken sondern, und alles würde ihr zuströmen, was jungen Geistes ist, was Zukunft in sich hat. Den Weg zu unserem Ziel finden wir nur, wenn die Idee der ethischen Revolution der Idee der ökonomischen Umwälzung Flügel verleiht....« Die Türe ging auf. Ein verschlafener Kellner musterte mißmutig die seßhaften Gäste. Ich erwachte wie aus einem Traum. Die anderen blieben stumm. Ob aus Überraschung, aus Empörung, aus Müdigkeit? »Ich möchte heim,« sagte ich leise zu meinem Mann. Wir gingen allein und schweigsam nach Hause. Ich hörte danach, daß man mich verspottete: Die Sozialdemokratin und Verkünderin der »Herrenmoral«! Mir schien, als gingen mir die Genossen noch mehr als sonst aus dem Wege. Aber es kränkte mich nicht. * * * * * Ein feuchter Märzwind strich durch die Straßen. Die Bäume und Büsche zitterten in seiner Umarmung, denn er flüsterte ihnen vom Frühling die frohe Botschaft zu. Auch um meine Stirne wehte sein weicher Atem. Hatte ich nicht geglaubt, daß ich den Lenz wie alte Leute grüßen würde: versunken in Erinnerungen? -- Ich saß am Fenster und las meines Sohnes Briefe. Seit einiger Zeit schrieb er mir oft: Seiten und Seiten voller Fragen und erregter Geständnisse. Zum erstenmal stand sein junger Geist in offenem Kampf mit der Wahrheit und den Autoritäten. Und er unterwarf sich nicht. Er war mein Kind. Noch immer hatte ich mich gescheut, Heinrich zu zeigen, was er schrieb. Wir waren früher heftig aneinander geraten, weil ich schon des kleinen Kindes Selbständigkeit respektierte. Und jetzt hatte ich mehr zu fürchten als nur den väterlichen Zorn. Ein Prüfstein würde es sein auch für unsere Beziehungen. Ich liebte meinen Mann. Viel mehr, viel tiefer als zu jener Zeit, da ich mich ihm zuerst verband. Denn damals kannte ich ihn nicht. Aber meine Liebe war zu groß, um Unterwerfung ertragen zu können. Wenn er das Kind nicht verstand, so würde er auch mich nicht verstehen. Wieder aneinander gebunden sein, so daß jeder selbständige Schritt des einen den anderen ins Fleisch schneiden muß; die Blume der Liebe, die nichts als der Persönlichkeit reichste Entfaltung ist, abpflücken, nur damit sie die Brust des anderen schmückt, zu frühem Welken verurteilt, -- das vermochte ich nicht mehr -- Es läutete draußen, lang und heftig. Ich sprang auf, beide Hände auf das wild klopfende Herz gepreßt. Wer lärmte zu früher Morgenstunde so ungeduldig an der Türe? Wer?! Schon sprang sie auf, und ins Zimmer flog es herein wie ein Wirbelwind, und zwei Arme umschlangen mich, und ein glühendes Gesicht mit zwei glänzenden Augen hob sich zu mir empor. »Mein Kind! Mein Kind!« -- Der Rucksack flog im Bogen von den Schultern. »Davongelaufen bin ich -- bei Nacht und Nebel, -- ich hielt's nicht länger aus,« sprudelte es hervor, atemlos, triumphierend. Ich hörte kaum, was er sprach, ich sah nur, daß er da war, wirklich da war! Ein fester Tritt auf dem Flur weckte mich aus meiner Versunkenheit. »Der Vater!« rief ich angstvoll und legte wie schützend den Arm um meinen Sohn. Der aber riß sich los, lachte mich an und lief mit einem: »Ich fürchte mich nicht!« dem Kommenden entgegen. Ich stand wie angewurzelt. Ich hörte einen Wortwechsel, dann ein langes, ernstes Gespräch. Frage und Antwort. Hand in Hand kamen sie zu mir ins Zimmer. »Nun werden wir den Schlingel doch wohl behalten müssen,« lächelte mein Mann, »und heute soll für uns drei ein Feiertag sein.« Wir gingen durch den Wald nach Paulsborn. Die Kiefern standen schwarz gegen den hellen Himmel, und lichtgrün schmiegten sich die Büsche ihnen zu Füßen. Auf dem See tanzten die Sonnenstrahlen. Und weit voraus sprang unser Sohn. »Weißt du noch?!« sagte Heinrich. »Ich weiß! Damals schüttelte der Sturm die Bäume. Mich fror, und du schlugst deinen Mantel um mich --« »Und habe dich doch nicht schützen können --« »Ich danke es dir, denn dadurch wurde ich stark.« »So stark, daß du allein zu gehen vermagst --,« seine Stimme schwankte dabei. Mich traf's wie blendendes Licht, -- ich sah auf dem Wasser nichts mehr als die goldene, schimmernde Sonnenstraße. »Damals warnte ich dich vor mir,« fuhr er fort. »Ich aber ließ dich nicht --« »Und heute?! --« »Du siehst: ich gehe auf eigenen Füßen, aber neben dir --« Wo die dunkle Allee sich der weiten, sonnenbeglänzten Wiese öffnet, tauchte die schlanke Gestalt unseres Sohnes auf. Er hielt einen Zweig jungen Grüns in der hochgehobenen Hand. Der wehte über ihm wie eine Fahne. * * * * * Und dann kam das Leben wieder und der Alltag, und sein Pfad blieb rauh. Aber ich hatte ihn freiwillig gewählt, und meines Herzens Glut schützte mich vor dem Frost. Er blieb einsam. Aber ich wußte vorher: wer eigene Wege sucht, findet wenig Gefährten. Und über das Donnern der Sturzbäche hinweg flog siegreich hin und her der Gruß der Liebe. Einmal, als der Föhn mich umheulte und die Steine meine Füße verwundeten, sah ich forschend zurück. Und ich erkannte, daß ich nicht irre gegangen war. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 136 137 138 139 140 141 142 143 144 145 146 147 148 149 150 151 152 153 154 155 156 157 158 159 160 161 162 163 164 165 166 167 168 169 170 171 172 173 174 175 176 177 178 179 180 181 182 183 184 185 186 187 188 189 190 191 192 193 194 195 196 197 198 199 200 201 202 203 204 205 206 207 208 209 210 211 212 213 214 215 216 217 218 219 220 221 222 223 224 225 226 227 228 229 230 231 232 233 234 235 236 237 238 239 240 241 242 243 244 245 246 247 248 249 250 251 252 253 254 255 256 257 258 259 260 261 262 263 264 265 266 267 268 269 270 271 272 273 274 275 276 277 278 279 280 281 282 283 284 285 286 287 288 289 290 291 292 293 294 295 296 297 298 299 300 301 302 303 304 305 306 307 308 309 310 311 312 313 314 315 316 317 318 319 320 321 322 323 324 325 326 327 328 329 330 331 332 333 334 335 336 337 338 339 340 341 342 343 344 345 346 347 348 349 350 351 352 353 354 355 356 357 358 359 360 361 362 363 364 365 366 367 368 369 370 371 372 373 374 375 376 377 378 379 380 381 382 383 384 385 386 387 388 389 390 391 392 393 394 395 396 397 398 399 400 401 402 403 404 405 406 407 408 409 410 411 412 413 414 415 416 417 418 419 420 421 422 423 424 425 426 427 428 429 430 431 432 433 434 435 436 437 438 439 440 441 442 443 444 445 446 447 448 449 450 451 452 453 454 455 456 457 458 459 460 461 462 463 464 465 466 467 468 469 470 471 472 473 474 475 476 477 478 479 480 481 482 483 484 485 486 487 488 489 490 491 492 493 494 495 496 497 498 499 500 501 502 503 504 505 506 507 508 509 510 511 512 513 514 515 516 517 518 519 520 521 522 523 524 525 526 527 528 529 530 531 532 533 534 535 536 537 538 539 540 541 542 543 544 545 546 547 548 549 550 551 552 553 554 555 556 557 558 559 560 561 562 563 564 565 566 567 568 569 570 571 572 573 574 575 576 577 578 579 580 581 582 583 584 585 586 587 588 589 590 591 592 593 594 595 596 597 598 599 600 601 602 603 604 605 606 607 608 609 610 611 612 613 614 615 616 617 618 619 620 621 622 623 624 625 626 627 628 629 630 631 632 633 634 635 636 637 638 639 640 641 642 643 644 645 646 647 648 649 650 651 652 653 654 655 656 657 658 659 660 661 662 663 664 665 666 667 668 669 670 671 672 673 674 675 676 677 678 679 680 681 682 683 684 685 686 687 688 689 690 691 692 693 694 695 696 697 698 699 700 701 702 703 704 705 706 707 708 709 710 711 712 713 714 715 716 717 718 719 720 721 722 723 724 725 726 727 728 729 730 731 732 733 734 735 736 737 738 739 740 741 742 743 744 745 746 747 748 749 750 751 752 753 754 755 756 757 758 759 760 761 762 763 764 765 766 767 768 769 770 771 772 773 774 775 776 777 778 779 780 781 782 783 784 785 786 787 788 789 790 791 792 793 794 795 796 797 798 799 800 801 802 803 804 805 806 807 808 809 810 811 812 813 814 815 816 817 818 819 820 821 822 823 824 825 826 827 828