zunächst sitzenden Genossen sprang dazwischen.
»So diskutieren wir nicht!« rief er empört.
Der Beschluß, meinen Namen von der Rednerliste zu entfernen, wurde
aufgehoben. Das Verhalten Wanda Orbins mochte die Genossen stutzig
gemacht haben. Trotzdem war mein Sieg nur ein scheinbarer; in seinen
Folgen blieb der Beschluß bestehen.
Eine tiefe Niedergeschlagenheit bemächtigte sich meiner. Jeder Kampf um
Ideen wirkt erfrischend, selbst wenn er mit den schärfsten Waffen
geführt wird. Aber was ich erlebte, war so eng, so klein, hinterließ
einen so arm, mit einem so bitteren Geschmack auf der Zunge. Nicht
Gewitterschwüle war's, die lastend auf mir ruhte und die Hoffnung auf
Blitz und Wolkenbruch weckt, sondern feuchtwarmer Nebel, ganz dichter,
undurchdringlicher. Und er umschlang mit seinen langen Armen, die sich
nicht greifen, noch weniger zurückstoßen lassen, die ganze Partei.
* * * * *
Unter dem Zeichen der siegreichen russischen Revolution hatte der Jenaer
Parteitag gestanden, eine tiefe Erregung, die nach Taten schrie, hatte
sich aller bemächtigt; die Resolution zum Massenstreik hatte angesichts
dieser Stimmung, so vorsichtig sie gefaßt war, wie eine Fanfare
geklungen. Und nun war der Rausch vorüber; die Ernüchterung allein
blieb. In kleinlichem Hader, in gegenseitigen Vorwürfen machte sie sich
Luft.
Mit steigendem Mißbehagen empfanden die Nur-Politiker den leisen Hohn,
mit dem die Gewerkschafter ihnen begegneten. Sie hatten von jeher dem
Theoretisieren über den Massenstreik skeptisch gegenübergestanden, und
auf ihrem Kongreß in Köln sprachen sie sich rückhaltlos aus; von der
Unfruchtbarkeit der Partei, von dem stagnierenden Sumpf der
gegenwärtigen Situation, von der kläglichen Lage, in die wir durch die
wirkungslos verpuffte Landtagswahldemonstration gekommen seien, von dem
Mißverhältnis zwischen Worten und Taten war viel die Rede. Nicht ohne
berechtigten Stolz wiesen sie darauf hin, daß die anderthalb Millionen
gewerkschaftlich Organisierter eine stärkere Macht repräsentierten als
die viermalhunderttausend Mitglieder der sozialdemokratischen
Wahlvereine.
»Ich habe die Möglichkeit einer Spaltung der Partei immer weit von mir
gewiesen,« sagte einer der gewerkschaftlichen Führer; »aber wenn die
Dinge sich weiter entwickeln wie jetzt, dann reißt uns, weiß Gott, die
Geduld! Die Radikalen, die, wenn man den Firnis abkratzt, nichts sind
als gewöhnliche Spießer, bilden sich ein, wir tanzen nach ihrer Pfeife,
bloß weil sie so laut ist. Sie sollen sich wundern!«
Auf dem Parteitag zu Mannheim kam es zu einem Duell zwischen Bebel und
Legien. Keiner war unbestrittener Sieger, Wunden trugen beide davon, die
sogenannte Einigungsresolution war nichts als ein Pflaster. Und die
schweren Nebelschwaden senkten sich tiefer.
Plötzlich aber erhob sich ein Sturm, den kein Wetterkundiger
vorausgesehen hatte: die Regierung forderte einen Nachtragsetat für den
Krieg gegen die Hereros, der im Verhältnis zu den Millionen, die die
Reichstagsmehrheit bisher für die Kolonien bewilligt hatte, eine
Lappalie war. Von den Rednern des Zentrums und der Sozialdemokratie
wurde dabei die ganze Kolonialpolitik mit ihren Gewaltmaßregeln, ihren
Grausamkeiten aufgerollt, und zu allgemeiner Überraschung wurde der
Kredit für Südwest-Afrika abgelehnt. Das erschien der Regierung als der
geeignete Moment, dem Volke durch die Tat zu beweisen, daß der
Konstitutionalismus in Deutschland nur auf dem Papiere steht: nicht der
Kanzler und die Minister danken ab, wenn die Volksvertreter sie
desavouieren, sondern die Volksvertreter werden mit einem Fußtritt
hinausgeworfen, wenn sie das persönliche Regiment nicht jasagend
anerkennen.
Wir erfuhren die Nachricht der Reichstagsauflösung, als wir mit Romberg
im Kaffee des Kaiserhofs saßen. Und hier, wo eine Anzahl der politischen
Berichterstatter größerer Zeitungen zu verkehren pflegten, rief sie
einen Aufruhr hervor, wie ihn Berlin sonst nicht kannte.
»Eine unglaubliche Dummheit der Regierung!« rief der eine stirnrunzelnd,
der andere frohlockend.
»Nun geht's in den Kampf --« Ich mußte an mich halten, um es nicht
jubelnd herauszustoßen. Ich sah wieder entwölkten Himmel, weiten
Horizont.
»Wenn die Partei sich selbst zerfleischt, so ist noch immer die
Regierung zugesprungen, um die Wunden zu heilen,« sagte mein Mann.
Romberg zuckte die Achseln:
»Die Kolonialfrage als Wahlparole?! Ich fürchte, Sie täuschen sich über
ihre Bedeutung.«
* * * * *
Der Winter war ungewöhnlich hart damals. Gerade die Not, die ihn zum
Gefolge hat, macht ihn zu unserem Agitator, dachte ich. Alle unsere
Gegner, an ihrer Spitze der Reichsverband gegen die Sozialdemokratie und
der Flottenverein, rüsteten sich bis an die Zähne wider uns. Ich war
überzeugt: das steigere nur unsere Kampflust und festige unsere
Einigkeit wieder. Fürst Bülow selbst trat auf das Schlachtfeld und rief
die staatserhaltenden Kräfte gegen die Sozialdemokratie auf. Dieses
Eingreifen des höchsten Staatsbeamten wird selbst unsere lauen Anhänger
zu hellem Zorn entflammen, -- dessen war ich gewiß.
Und der Kampf begann. Über knirschenden Schnee flog der Schlitten, der
mich von einem Dorf zum anderen trug. Oft bestieg ich ihn, glühheiß von
der eben gehaltenen Rede, und die Luft, die mir den Atem am Munde
gefrieren ließ, schien mir eine Wohltat. In den niedrigen Sälen fanden
sich die Menschen ein wie sonst, aber der Sturm, der in den
Schornsteinen heulte, der Schnee, der in dichten Flocken gegen die
Fenster flog, trieb ihnen kühle Schauer über den Rücken.
Je näher der Tag der Entscheidung rückte, desto fieberhafter arbeiteten
wir. Den Husten, der mir des Nachts den Körper erschütterte, suchte ich
zu ersticken, meine Stimme, die versagen wollte, zwang ich unter meinen
Willen. Wir glaubten an den Sieg. Und in Augenblicken selbstvergessener
Hoffnung, wo die bösen Geister der Sorge vor unserer Zuversicht die
Flucht ergriffen, wo alle Furcht sich verkroch wie Schakale vor der
aufgehenden Sonne, da fühlte ich, wie mein Herz heiß wurde und der
Aberglaube Gewalt über mich bekam: von der Entscheidung hängt auch
unsere Zukunft ab.
* * * * *
Wieder, wie vor vier Jahren, saßen wir am Abend der Wahl im
Gewerkschaftshaus zu Frankfurt. Und wieder hatte die Gärtnersfrau den
Korb voll roter Nelken neben sich, und die Fahne lehnte eingerollt an
der Wand. Aber die Genossen, die sich allmählich hereindrängten, machten
ernste Gesichter, und die Boten, die kamen, brachten lauter Hiobsposten.
Kein Ort, ohne einen Rückgang unserer Stimmen! Dazwischen die Depeschen
aus anderen Kreisen: Verlust um Verlust. Noch ehe die letzten
Nachrichten gekommen waren, leerte sich die Straße unter unseren
Fenstern, und aus dem Saal schlich sich leise einer nach dem anderen. Es
schlug Mitternacht, -- die Nelken welkten schon im Korbe. Wir waren nur
noch ein Häuflein in dem großen öden Raum, -- wir wollten uns nichts
ersparen: die Schlacht war endgültig verloren.
Wenige Tage später -- in der Nacht nach den Stichwahlen -- gingen wir
durch die Straßen Berlins: da kamen sie in langen Zügen, unsere
Überwinder -- kein Polizeisäbel, kein Schutzmannskordon hielt sie auf.
Vor dem Königsschloß sammelten sie sich in schwarzen Massen. »Heil dir
im Siegerkranz --« brausend stiegen die Töne durch die klare Winterluft
zu dem hellen Fenster empor, an dem der sich zeigte, der heute in
Wahrheit der Sieger war: der Kaiser.
Siebzehntes Kapitel
Vor einem halben Menschenalter war's. Ich stand allein auf Bergesspitze
im Gewittersturm. Dicht über mir hingen die Wolken, aus denen das Wasser
brausend in die Tiefe schoß, unter mir ballten sie sich zusammen und
verdeckten jeden Ausblick auf stille Dörfer und freundliche Heimstätten.
Der Donner rollte; die Berge antworteten ihm, -- ein Gelächter der
Riesen über das kleine Menschengeschlecht. Jeder Blitz öffnete die
Wolkenwand; das Himmelsgewölbe dahinter stand in Flammen.
Ich aber konnte nicht vor, -- nicht zurück. Ich mußte mich dem Wetter
preisgeben, -- und ich fürchtete mich -- --
* * * * *
Wir lagen nächtelang wach. Jeder tat, als schliefe er, aus Schonung für
den anderen. Unsere Arbeit lähmte Hoffnungslosigkeit. Wir lächelten, als
wären wir froh, um dem anderen nicht wehe zu tun.
»Ilse meldet sich an --,« sagte Heinrich, als er eines Morgens die Post
durchsah.
»Jetzt?!« rief ich erschrocken. Sie kam schon am nächsten Tage, hatte
einen seltsam verängstigten Zug im Gesicht und ein erzwungen
leichtsinniges Lächeln um die Lippen.
»Ich muß einmal wieder Großstadtluft atmen,« meinte sie; »die Stille bei
uns ist oft schaurig.«
Mir schien, als zittere sie dabei. Von nun an war der Telegraphenbote
unser häufigster Gast. Zuerst glaubte ich, ihres Mannes besorgte,
sehnsüchtige Liebe käme in diesem Depeschenwechsel zum Ausdruck. Warum
hatte sie denn nur jedesmal rote Augen, wenn ein Telegramm gekommen war?
Da, eines Morgens, stürmte einer in unser Zimmer, die Haare zerzaust,
die Augen rot unterlaufen, -- der Gatte meiner Schwester. Vor seinen
Verfolgern sollten wir ihn schützen, schrie er verzweifelt und barg den
dunkeln Kopf in Ilsens Schoß, die mit erloschenem Blick auf ihn
niedersah, die kleinen schwachen Hände auf seinem Haar. Noch am selben
Tage kam er ins Irrenhaus. Er war tobsüchtig. Dann brach auch Ilse
zusammen; aber sie weinte nicht, sie sprach nicht über ihr Schicksal,
sie war nur wie erstarrt. Auch als sich herausstellte, daß ein großer
Teil ihres Vermögens am Sanatorium ihres Mannes verloren gegangen war,
zuckte sie nur die Achseln.
Um so furchtbarer traf es uns. Bisher wäre der Verlust des Geldes, mit
dem sie sich an der Neuen Gesellschaft beteiligt hatte, keine ernste
Frage für sie gewesen. Jetzt war sie es. Hatte ich vor ihrem Kommen
geglaubt, zusammenzubrechen, jetzt kam mir die Kraft zurück, eine des
Fiebers.
»Wir müssen aushalten, Heinz, wir müssen!« sagte ich, und wenn eine
seiner vielen Bemühungen, Hilfe zu schaffen, wieder vergeblich gewesen
war, so trieb ich ihn zu immer neuen Versuchen an. Und hie und da
glückten sie. Für ein paar Monate konnten wir weiter schaffen, konnten
leben. Aber jedesmal, wenn wir Hoffnung schöpften, erschien sicherlich
irgendein Hetzartikel in der Parteipresse gegen uns, oder in den
Wahlvereinen wurden wir von radikalen Genossen einer neuen Ketzerei
beschuldigt, oder der alte Vorwurf des Geschäftssozialismus wurde laut.
Wir spürten das alles an der Abnahme der Abonnenten.
Wie kann ich Geld schaffen, -- wie?! Die Frage beherrschte meine
Gedanken immer mehr. Ein »freier« Schriftsteller war ich, -- einer von
den Tausenden, die ausziehen, ihre Feder zu führen wie ein Schwert. Aber
die Not heftet sich an ihre Füße, zuerst ein Zwerg, und dann ein Riese,
der sie in seine Dienste zwingt.
»Lieber sterben!« stöhnte ich.
Doch dann sah ich mein Kind, -- wie es blaß war, welch forschende Augen
es auf mich richtete! Ich riß es in meine Arme:
»Unter jedes Joch beuge ich meinen Nacken für dich,« dachte ich
verzweifelt.
Ich beschloß, Vorträge zu halten gegen Entree. Das war nichts
Erniedrigendes. Jeder Dozent an der Universität bekommt ein Honorar für
die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die er den Hörern vermittelt.
Trotzdem widerstrebte es mir. Ein Gefühl grenzenloser Scham trieb mir
den Angstschweiß jedesmal auf die Stirn, wenn ich die Rednertribüne
betrat. Ich hatte immer einen vollen Saal. Ich »zog«, -- ich war eine
Sensation. Wie ein gezähmter Löwe im Zirkus. Gegen ein paar Mark
Eintritt konnte sich nun die beste Gesellschaft, ohne sich etwas zu
vergeben, die berüchtigte Sozialdemokratin ansehen, -- mit dem Opernglas
sogar. Meine Zuhörer trugen rauschende Kleider und viele Brillanten an
den weißen Händen, mit denen sie Beifall klatschten, um zu erzwingen,
daß ich mich vor ihnen verbeugte.
»Unglaublich von einer Genossin, in diesem goldstrotzenden Saal zu reden
und sich von diesem Publikum bezahlen zu lassen --,« sagte eine
Besucherin, als ich gerade an ihr vorüber ins Freie trat. Ich preßte die
Lippen zusammen, um nicht heftig aufzufahren --.
Sobald ich sprach, erschrak ich vor der Stimme, die nicht mehr die meine
war. Im letzten Wahlkampf hatte sie ihren Klang verloren, war heiser und
rauh geworden. Und ich hatte sie geliebt, weil sie meine Worte so leicht
und willig bis in jeden Winkel trug. Doch: -- was bedeutete das jetzt?!
Es war mehr verloren gegangen als der helle Ton meiner Stimme.
Ich fing an zu reisen; von einer Stadt in die andere. Zuweilen auf die
Einladung irgendeines literarischen Vereines hin. In Hannover sagte mir
der Vorsitzende:
»Nicht wahr, Sie richten sich darauf ein, daß Offiziere unter unseren
Mitgliedern sind.«
In Köln hieß es: »Wir rechnen darauf, daß Sie auf unsere jungen Mädchen
Rücksicht nehmen.«
Hätte ich ihnen doch den Rücken kehren können!
Wenn ich nach Hause kam, umklammerte mich mein Sohn mit überströmender
Zärtlichkeit. Wie ich ihm fehlte! Niemand hatte Zeit für ihn! Und doch
bedurfte er immer mehr der Freundschaft der Eltern! Über hundert
Rätselfragen des Daseins begann er in seinen vielen einsamen Stunden
nachzugrübeln. Und seine Phantasie, deren üppige Ranken ohne Stütze
blieben, ohne die Hand des Gärtners, der sie zur rechten Zeit zu
beschneiden versteht, überwucherten sein Gefühl. Er fürchtete sich oft
vor seinen eigenen Träumen, so daß ich ihn des Nachts zu mir betten
mußte.
»Du verzärtelst den Jungen --,« sagte Heinrich dann ärgerlich. Und für
übertriebene Sentimentalität hielt er es, wenn ich von der Atmosphäre
des Unglücks sprach, die sichtlich auf des Kindes Seele lastete. So
lernte ich schweigen, auch über das, was mir am tiefsten das Herz
bewegte. Und in sehr dunkeln Stunden bemächtigte sich meiner ein
fremdes, böses Gefühl. Dann häufte ich auf meinen Mann alle Schuld.
In solch einer Stimmung traf mich Romberg. Er war voll aufrichtiger
Teilnahme.
»Lange halte ich es nicht mehr aus,« sagte ich, den Kopf in den Händen
vergraben. Er sollte nicht sehen, daß meine Kraft nicht einmal mehr
ausreichte, um die Tränen zurückzuhalten.
»Ich wüßte eine Hilfe,« begann er dann langsam, »eine, durch die Sie
frei würden und sorgenlos.«
Ich hob den Kopf; alles Blut strömte mir zum Herzen. Eine Hilfe! Er
zögerte. Dann sah er mich an mit einem festen warmen Blick, der die
Freundschaft langer Jahre in sich schloß und sagte, jedes Wort betonend:
»Trennen Sie sich von Ihrem Mann.«
Als Minuten vergingen, ohne daß ich antwortete, erhob er sich.
»Zürnen Sie mir?« fragte er.
»Nein,« antwortete ich, ihm die Hand entgegenstreckend. Dann überliefs
mich kalt. Auch jetzt lag die seine schlaff und kraftlos zwischen meinen
Fingern.
Ich überlegte seinen Rat und erschrak nicht einmal vor der kühlen Ruhe,
mit der ich es zu tun vermochte. Er hatte recht: allein mit meinem Sohn,
der Last der Zeitschrift ledig, die das meiste verschlang, was ich
verdiente, würde ich, wenn auch noch so bescheiden, von meiner Arbeit
leben können. Und ich wäre frei, -- frei! Unwillkürlich streckte ich die
Arme weit aus, als gelte es, die Welt zu umfassen. Aber dann sah ich
ihn: meinen Mann, meinen Kampfgefährten, meinen Leidensgenossen, -- den
Vater meines Kindes! Ich fing an, ihn zu beobachten. Wie er leiden
mußte. Und wie er mich liebte!
Er brachte mir täglich ein paar Blumen mit, und wenn es nur wenige
Veilchen waren. Das schlimmste suchte er mir aus dem Wege zu räumen, so
lange es ging. Er hatte eine ritterliche, zurückhaltende Zärtlichkeit
für mich. Und mein Junge hing an dem Vater.
»Ich kann nicht, lieber Freund,« sagte ich mit einem wehen Lächeln, als
Romberg wiederkam. Er runzelte die Stirn und wandte sich ab. Ich legte
ihm die Hand auf den Arm.
»Sie müssen versuchen, mich zu verstehen, Sie vor allem!« bat ich.
»Haben Sie mich nicht selbst verspottet, als ich einmal die freie Liebe
predigte, weil ich überzeugt war, das Eheproblem dadurch lösen zu
können? Heute weiß ich, daß der Zettel auf dem Standesamt nicht die
stärkste Fessel ist, die sie unfrei macht. Ich habe Frauen gesehen, die
sich voll Idealismus dem Mann ihrer Wahl vermählten, ohne ihren Bund
nach außen sanktionieren zu lassen. Nach kurzer Zeit sind sie
bedauernswertere Sklavinnen geworden als die staatlich abgestempelten
Ehefrauen. Ihre und ihres Kindes Existenz war von ihrem Manne abhängig,
und jeden Tag konnte er sie verlassen. Darum klammerten sie sich an ihn,
unterwarfen sich ihm, ertrugen seine Brutalität, seine Launen, seine
Treulosigkeiten. Ich erkannte, daß die wirtschaftliche Selbständigkeit
der Frau die Voraussetzung des freien Liebesbundes sein muß..«
»Nun -- und sind Sie etwa wirtschaftlich abhängig?! Sie, mit Ihrer
Begabung, Ihrer Arbeitskraft?« unterbrach er mich heftig.
»Nein, gewiß nicht,« entgegnete ich; »diese Fessel trag' ich nicht mehr,
und keine Frau brauchte ihre Menschenwürde von ihr erdrosseln zu lassen,
wenn sie arbeiten gelernt hat. Aber es gibt andere Fesseln, -- zart und
weich wie Seide, -- die unzerreißbar sind. Mein Sohn liebt seinen Vater.
Wie kann ich sein Kinderherz verwunden, solch einen Zwiespalt in seine
Seele tragen?«
»Ein Kind überwindet rasch,« antwortete Romberg mit einer wegwerfenden
Handbewegung.
Ich verstummte. Er, der mir so nahe gewesen war, rückte plötzlich weit,
weit von mir ab. Ihm von Heinrichs Liebe, von seinem Unglück und den
anderen für mich unzerreißbaren Fesseln zu reden, wäre mir wie eine
Preisgabe vorgekommen.
Und doch: irgend etwas mußte geschehen.
»Bald, -- bald reise ich nicht mehr fort ohne dich,« hatte ich immer
wieder beim Abschiednehmen mein Kind getröstet.
»Wann bleibst du wieder bei mir, Mamachen?« fragte es, und jedesmal
wurde der Ausdruck seines Gesichtchens quälender.
* * * * *
Meine nächste Vortragsreise führte mich nach Leipzig. Dort wohnte einer
jener stillen Genossen, der für den Revisionismus eine offene Hand zu
haben pflegte. Als mein Mann sich im Interesse der Neuen Gesellschaft
einmal schriftlich an ihn gewandt hatte, war seine Antwort ein
unfreundliches glattes Nein gewesen. Trotzdem hoffte ich noch auf die
Wirkung einer persönlichen Unterredung. Es galt einen letzten
verzweifelten Versuch.
Ich werde die Reise nie vergessen, nie den Augenblick, wo ich, zitternd
vor Scham und Angst, in des reichen Mannes Zimmer trat. Er mochte ahnen,
daß ich als Bittende kam. Es dauerte Sekunden, ehe er mich zum Sitzen
nötigte. Vielleicht würde er es gar nicht getan haben, wenn er nicht
gesehen hätte, daß mir die Kniee bebten. Ich hatte einen Mantel an.
Während der Zeit, die ich bei ihm war, nahm er ihn mir nicht ab. Er ließ
mich reden, ohne eine Miene zu verziehen. Und dann sprach er -- langsam,
jedes Wort betonend, sodaß es mir weh tat, wie lauter Schläge: »Ihr
Mann ist ein guter Redakteur; das hat er am Archiv bewiesen. Aber er ist
ein schlechter Geschäftsmann, sonst hätte er das prosperierende Archiv,
das ihm eine sichere und angesehene Stellung bot, nicht hingegeben, um
ein aussichtsloses Unternehmen zu beginnen. Ich mag nicht Wasser in ein
hohles Faß schöpfen.«
»Und doch erkannten Sie, wie ich hörte, selber an, daß die neue Aufgabe,
die er sich stellte, wichtig, ja notwendig war,« wandte ich ein.
»Ja. Für einen Mann, der ausreichende Mittel hat, um die Sache
durchzuführen.« Damit erhob er sich.
Ich war entlassen. Mir klebte die Zunge am Gaumen. Nun war der Moment,
der einzige, der mir noch blieb. Ich war ja nicht gekommen, um einen
Rechtsanspruch durchzusetzen, -- ich mußte bitten -- bitten. Ich fühlte
die Tränen der Aufregung mir heiß die Augen füllen. Nur nicht weinen, --
jetzt nicht weinen, dachte ich und biß die Zähne aufeinander. Da aber
sah ich plötzlich mein Kind vor mir -- ganz deutlich: mit dem ernsten
Blick und der sehnsüchtigen Frage auf den Lippen. Mein Kind! Glühende
Schweißtropfen bedeckten meine Stirn, der Atem stockte. Mit einer
raschen Bewegung warf ich den schweren Mantel von mir und riß das
Fenster rücksichtslos weit auf. Ein konvulsivisches Schluchzen, dessen
ich nicht Herr werden konnte, erschütterte meinen Körper. Dann wandte
ich mich um und hob den Mantel von der Erde auf.
»So will ich gehen --,« kam es tonlos über meine Lippen, -- ich konnte
nicht bitten, ich konnte nicht!
»Setzen Sie sich!« -- Es war wie ein Kommando. Die Erschöpfung, nicht
der Gehorsam zwang mich, ihm zu folgen.
»Ich werde Ihnen helfen, -- Ihnen persönlich, -- dieses eine Mal --«
Ich kehrte zum Hotel zurück. Plötzlich fiel mir ein, daß ich die kühle
Hand mit meinen Fingern dankend umschlossen hatte. Die Hand des Mannes,
vor dem ich mich so erniedrigt hatte!
* * * * *
Und nun ging es zu Ende. Unweigerlich. Trotzdem ich noch hergab, was ich
eben empfangen hatte. Ein einziges Mal noch stieg unsere Hoffnung hoch
auf, wie eine Leuchtkugel. Heinrich erhielt von einem, der helfen
konnte, ein festes Versprechen. Er schloß darauf hin aufs neue mit dem
Drucker ab und mit dem Papierlieferanten. -- Aber die Leuchtkugel
zerplatzte, und es wurde ganz, ganz dunkel.
Ich verlangte Klarheit von meinem Mann, -- rückhaltlose. Er gab sie mir
mit einer Ruhe, von der ich glaubte, daß sie eine erzwungene sei: Alles
war verloren. Da wir den Konkurs vermeiden wollten, blieb uns eine
Schuldenlast, an der wir Jahre zu tragen haben würden. Um die
allernächsten Zahlungen leisten und selbst leben zu können, gab es nur
einen Ausweg.
»Wir verpfänden unsere Möbel --,« sagte Heinrich, mit einem Ton, als
spräche er von dem Gleichgültigsten von der Welt.
Bisher hatte ich zusammengekauert auf dem großen Stuhl gesessen, der mir
immer wie etwas Lebendiges gewesen war, weil seine Lehne den müden Kopf
stützte, seine Arme sich schützend an mich schmiegten.
Jetzt fuhr ich auf. »Das Letzte soll ich hergeben?! Und du meinst, ich
täte das so kaltblütig wie du es aussprichst?!« rief ich, vor Entrüstung
am ganzen Körper zitternd. »Das hier ist der Rest Heimat, den ich habe.
Fast jedes Stück erinnert mich an den Vater, -- die Großmutter, -- an
Georg, an meine Jugend --« Tränen erstickten meine Stimme.
Mein Mann maß mich mit einem kühl-erstaunten Blick. »Stellung, Vermögen,
Familie, -- alles hast du geopfert ohne ein Wort der Klage, und nun
jammerst du um diesen Trödel,« sagte er kopfschüttelnd. Mein Verstand
gab ihm recht, aber mein Herz blutete, als wäre ihm die schwerste Wunde
geschlagen worden.
In der Nacht darauf öffnete sich die Tür zu meines Sohnes Zimmer, er
stürzte auf mich zu, umschlang meinen Hals und schluchzte verzweifelt:
»Warum weinst du nur so? Warum weinst du nur so?!«
In diesem Augenblick wußte ich, daß ich ein Opfer bringen mußte wie
keines zuvor. Ich weinte nicht mehr. Ich war ganz still und ganz
entschlossen. »Otto darf den Zusammenbruch nicht mit erleben,« sagte ich
zu meinem Mann. »Schon jetzt ist er wie vergiftet, -- gar kein Kind
mehr --«
Ich erwartete eine heftige Szene.
Statt dessen erhellten sich Heinrichs Züge. »Nun bist du wieder meine
tapfere Alix« -- damit drückte er mir die Hand, so herzlich wie seit
Monden nicht -- »natürlich ist das für alle Teile das Beste. Wir beide
bauen ungehindert ein neues Leben auf, und er wird irgendwo auf dem Land
wieder ein starker, froher Junge ...«
Ich hörte seine Stimme nur noch wie ein fernes Brausen. So nahm er auf,
wovon ich nie gesunden würde: -- fast froh! Ich starrte ihn an; die
schreckliche Erregung verzerrte mir sein Bild, als hätte ich ihn noch
nie gesehen. Mit diesem Mann hatte ich mein Leben verknüpft, -- und eben
noch den Gedanken an eine Trennung weit, weit von mir gewiesen?! Mir
schien, als wäre die Trennung vollzogen, lange schon, sonst hätte er in
dieser Stunde, da mein ganzes Leben zusammenbrach, so nicht zu mir
sprechen können, -- so nicht!
* * * * *
Ich schrieb an einen Freund Egidys, den ich seit der Zeit, da ich ihn in
dessen Hause traf, hie und da wiedergesehen hatte. So selten das gewesen
war, mit einem Gefühl warmer gegenseitiger Anteilnahme waren wir uns
immer begegnet. Jetzt leitete er eine Schule hoch oben im Thüringer
Wald. Ich sprach ihm rückhaltlos von der Lage, in der wir uns befanden.
»Mein Sohn leidet darunter, halb unbewußt, und ich will ihm das
Schlimmste ersparen, will seine Jugend nicht hineinreißen in den Strudel
unseres künftigen Lebens. Sie sehen, es ist ein Freundschaftsopfer das
ich von Ihnen erwarte --,« hier zitterte mir die Hand und versagte den
Dienst.
Er antwortete umgehend, mit einem zarten Takt, der mir wohltat: »Ihr
Sohn soll uns von Herzen willkommen sein. Und kein drückendes Gefühl
darf Ihnen daraus entspringen. Überlassen Sie ruhig der Zukunft die
materielle Seite der Sache. Da er Ihr Kind ist, wird er unserer Schule
mehr geben, als er erhält und sich durch Gold aufwiegen läßt..«
Zu Ostern wollte ich ihn hinbringen, aber ich verschob es von Tag zu
Tag, mit ihm davon zu sprechen; er war so glücklich, daß ich auf einmal
immer bei ihm war, mit ihm spielte, mit ihm spazieren ging, ihm
Geschichten erzählte wie in der schönen alten Zeit.
* * * * *
Indessen erschien die letzte Nummer der Neuen Gesellschaft, mit einem
kurzen Abschiedswort an die Leser. Keiner von unseren Gesinnungsgenossen
hatte ein Wort des Bedauerns dafür, niemand von denen, für deren
Überzeugung sie gekämpft hatte, ohne sich durch gehässige Angriffe und
gemeine Verleumdungen vom Wege ablenken zu lassen, der ihr als der
rechte erschien, kümmerte sich um uns. Keinem konnte es ein Geheimnis
sein, daß wir alles verloren hatten, aber kaum ein einziger hatte auch
nur eine teilnehmende Frage danach. Wir waren abgetan, -- fertig. Die
Genossen gingen über uns hinweg wie die Soldaten im Krieg über die
gefallenen Kameraden auf dem Schlachtfeld.
Damals hatte ich dafür nur eine verächtliche Gebärde. Große Schmerzen
sind ein Palliativmittel gegen die kleinen.
Nur eins erfüllte mich mit tiefer Bitterkeit: daß auch Romberg nicht
wiederkam. Er hatte eine Auseinandersetzung mit meinem Mann gehabt, bei
der seine lange im stillen herrschende Feindschaft gegen ihn zu offenem
Ausbruch gekommen war. Ich erfuhr nicht viel davon. Aber um mich mochte
sich's gehandelt haben und darum, daß Romberg meinem Mann vorwarf, unser
Unglück verschuldet zu haben, und dieser sich jede Einmischung in unser
Tun und Lassen verbat. War das Grund genug, um mich gerade jetzt im
Stich zu lassen? Und an seine aufrichtige Freundschaft hatte ich
geglaubt!
* * * * *
Ein Ostermorgen war es, hell und leuchtend. Ein Auferstehungsfest, das
die geflügelten Musikanten der Natur mit hundertstimmigem Gesang
begrüßten. Mit lauter lustigen goldgelben Flecken bedeckte die Sonne den
Erdboden unter den Kieferstämmen. Wir gingen durch den Grunewald nach
Schildhorn, mein Sohn und ich. Wie er sich freute! Jedes armselige
Blümlein, das der karge Sand hervorsprießen ließ, bewunderte er. Und die
Luft, die ein Odem erwachenden Lebens war, sog er ein mit tiefen
durstigen Zügen.
»Ich hasse die Stadt,« sagte er mit der ganzen Energie seiner zehn
Jahre. »Warum können wir nicht auf dem Lande leben?«
Das war der rechte Augenblick, um ihm von Waltershof zu sprechen, der
Schule im Thüringer Wald. Mit stockender Stimme begann ich, und erzählte
von dem freien Leben dort und den vielen Kindern.
Seine Augen glänzten. »Das denke ich mir riesig fein!« rief er.
»Möchtest du am Ende gar selber hingehen?« fragte ich zögernd.
Er machte einen Luftsprung. »Natürlich! Aus der scheußlichen Stadt
heraus auf die Berge, -- was gibt es Schöneres!«
Ich hätte mich freuen müssen, -- aber die Tränen traten mir in die
Augen. So würde ihm der Abschied nicht allzu schwer werden!
* * * * *
Ein paar Tage später reisten wir ab. Er war wie umgewandelt; in
leuchtenden Farben malte er sich das Leben aus, das seiner wartete.
Zuweilen schien er zu stutzen, wenn er mich ansah.
»Und du besuchst mich oft, sehr oft, nicht wahr, Mamachen? Und zu den
Ferien komme ich immer nach Haus?« sagte er dann, im Gefühl, mich
trösten zu müssen.
Von der Station fuhren wir mit dem Wagen bergauf durch dichte
Tannenwälder. Mein Sohn verstummte und schmiegte sich an mich. Ob ihn
nun der Abschiedsschmerz packen würde? Das Herz klopfte mir
erwartungsvoll. »Ein bißchen geniere ich mich doch vor den fremden
Jungens,« meinte er.
Oben auf der Hochebene, wo der Wind über freie Felder strich und mit den
kleinen runden Frühlingswölkchen spielte wie ein Kind mit dem Fangball,
verlor er seine scheue Stimmung wieder.
»Wie wunder -- wunderschön das ist,« sagte er mit einem Blick in die
Ferne.
In stiller großer Einsamkeit reihte sich Berg an Berg; die kleinen
grauen Menschenwohnungen verschwanden in den tiefen Tälern.
Der Direktor begrüßte uns wie vertraute Freunde. Die Schüler
betrachteten aus gemessener Entfernung den Ankömmling. Er umfaßte wie
schutzsuchend meine Hand. Jetzt, -- jetzt wird er bei mir zu bleiben
verlangen! -- Da trat ein brauner Bursche aus der Schar.
»Sieh mal die Wiese dort,« sagte er zu meinem Jungen und wies auf den
gelbblühenden Abhang, der sich hinter dem Hause in die Tiefe senkte;
»willst du da hinunter mit mir um die Wette laufen?«
Und im selben Augenblick, -- kaum daß er Zeit gefunden hatte, mir Mantel
und Mütze zuzuwerfen, -- flog er mit ihm davon. Wie heller Sonnenschein
tanzten ihm die blonden Locken um den Kopf. Ich starrte ihnen nach. Mir
gingen dabei die Augen über. Hinter den Fichtenstämmen, -- weit, weit im
Tal, erloschen sie.
»Er wird sich rasch zu Hause fühlen,« sagte der Direktor.
Er wird sich rasch zu Hause fühlen --!
Ich verließ Waltershof schon am nächsten Morgen. Jede Stunde, die ich
blieb, kam wie ein verschlagener Räuber und stahl mir stückweise mein
Liebstes.
Ehe ich in den Wagen stieg, umarmte mich mein Sohn mit stürmischer
Heftigkeit. Nun endlich wird es ihn übermannen --! Ich preßte ihn an
mich, ich hielt ihn fest. Dieser Schoß hat dich geboren, an diesem
Herzen wuchsest du empor, -- schrie es in mir, -- nur ein Wort der Liebe
sag mir, ein Wort der Sehnsucht, und ich verteidige deinen Besitz gegen
Hölle und Himmel! Aber er schwieg. Seine Augen blieben hell. Ringsum
standen die Lehrer und die Schüler --. Ich nahm seinen Kopf zwischen
meine Hände und küßte ihn. Ich grüßte noch einmal lächelnd nach rechts
und links. Dann zogen die Pferde an --
* * * * *
Damals, vor einem halben Menschenalter, als ich im Gewittersturm auf dem
Berge stand, dem Wetter preisgegeben, fürchtete ich den Tod. Was hätte
ich jetzt noch fürchten können?
Achtzehntes Kapitel
In Schleier aus durchsichtigem Silber gewoben hüllte sich der blaue
Frühlingshimmel. Milde lächelnd glänzte sein großes Sonnenauge. Und die
kleinen weißen Wolken standen ganz still wie erwartungsvoll staunende
Kinder, ehe der Vorhang vor dem Märchenspiel aufgeht. Die Luft
streichelte mit weichen Händen die Erde, als wäre sie sehr, sehr krank.
Jetzt trugen sie den letzten Hausrat aus der alten Wohnung. Der große
gelbe Wagen vor der Tür wartete darauf, ihn in die neue hinüberzufahren.
Ich sah mich um in den leeren Räumen: auf dem Boden lag Papier und Stroh
und Scherben, in den Winkeln Staub in großen grauen Flocken. Zögernd,
als hielte eine unsichtbare Hand mich zurück, öffnete ich die Tür zu
meines Sohnes Zimmer. Von seinen unruhigen Füßchen war die Diele
zertreten. Dunkel zeichnete sich der Platz am Boden ab, wo sein Bett
gestanden hatte; -- wie oft, seitdem er fort war, hatte ich den Kopf in
die leeren Kissen vergraben --
Eine Hand berührte meine Schulter.
»Komm, Alix,« sagte Heinrichs weiche, tiefe Stimme hinter mir. Auf
seinen Arm gestützt, mit tief gebeugtem Nacken ging ich die Treppen
hinab. Auf der Straße versagte mir der Atem; mein Begleiter hatte einen
so raschen, elastischen Schritt, daß ich ihm nicht zu folgen vermochte.
Er trug auch den Kopf ganz hoch, wie einer, der noch als Eroberer ins
Leben tritt. Und waren wir nicht Geschlagene?! Ich hatte meinen Gedanken
laut werden lassen. Heinrich blieb stehen.
»Hast du die Waffen gestreckt?!« fragte er stirnrunzelnd mit scharfer
Betonung. »Ich nicht! Was uns nicht umbringt, das macht uns stärker.«
Ich senkte den Kopf noch tiefer; eine jähe Röte schoß mir in die
Schläfen.
Er hatte die Türe zu unserer neuen Wohnung mit Blumen bekränzen lassen.
Daß ich sie nicht abriß, geschah nur, um ihm nicht wehe zu tun. Drinnen
empfingen uns schon die stummen vertrauten Gefährten unseres Lebens.
Aber an dem großen Schreibtisch stand jetzt nur noch ein Stuhl. Ich
hatte ein eigenes kleines Zimmer.
»Das ist der erste Schritt zur Ehetrennung,« lächelte mein Mann, mit
einem Blick auf mich, in dem eine ernste Frage lag. Ich blieb ihm die
Antwort schuldig.
»Freust du dich denn gar nicht, daß all der Kram dir nun doch erhalten
blieb?!« sagte er nach einer Pause in einem erzwungen leichten Ton. »Wie
hast du darum gezittert, du armer Angsthase du!« Und wieder stieg mir
das Blut ins Gesicht. Ich schämte mich, daß ich so hatte empfinden
können.
»Dem, der mir dazu verhalf, werde ich immer dankbar sein,« sagte ich
leise, -- es war keiner der alten Freunde, keiner der offiziellen
Vertreter der »Brüderlichkeit« gewesen! -- »Aber mehr darum, weil ich
doch noch einen Menschen mit warmem Herzen gefunden habe, als um der
Stühle und Schränke und Kisten und Kasten willen ...«
Heinrich drückte mir die Hand. Dann nahm er eine der letzten Nummern der
Neuen Gesellschaft aus dem Bücherschrank.
»'Solchen Menschen, welche mich etwas angehen, wünsche ich Leiden,
Verlassenheit, Mißhandlung, Entwürdigung, -- ich wünsche, daß ihnen das
Elend der Überwundenen nicht unbekannt bleibt: ich habe kein Mitleid mit
ihnen, weil ich ihnen das einzige wünsche, was heute beweisen kann, ob
Einer Wert hat, oder nicht, -- daß er standhält ...'« las er. »Diese
Worte Nietzsches habe ich abgedruckt, weil sie meine eigene tiefe
Überzeugung aussprechen.«
Seine Kraft verletzte mich fast. Ich wollte nicht überwinden. Es kam mir
wie ein Verrat an meinem Kinde vor, wenn auch mich ein Gefühl ergriff,
als ginge ich gestärkt einem neuen Leben entgegen. Ich pflegte mein Leid
mit selbstquälerischer Wollust. Ich liebte es.
Aber -- seltsam --: Je länger es neben mir herging, desto mehr wandelte
sich sein gräßliches Medusenhaupt in das stille, ernste Antlitz eines
Freundes. Es nahm mich bei der Hand und führte mich langsam, Schritt vor
Schritt, -- mein Herz ertrug es nicht anders, -- einen hohen Berg
hinauf. Und von da oben sah ich in das Tal meines Lebens. Ich erkannte
seine großen Umrisse und geraden Linien, aber all die Hindernisse auf
den Wegen -- den Unrat auf den Straßen -- sah ich nicht mehr.
* * * * *
Eines Tages trat mein Mann mit einem großen Strauß duftender Rosen in
mein Zimmer.
»Zum Zeichen, daß ich dir wieder Blumen bringen kann,« sagte er
lächelnd. Nun erfuhr ich erst von seiner Arbeit, von den Plänen, die
ihrer Verwirklichung entgegengingen, -- rein geschäftlichen
Unternehmungen, denen er neben seiner literarischen Tätigkeit all seine
Kräfte widmete, ohne sich eine Stunde der Ruhe, eine Pause der Erholung
zu gönnen, -- nur das eine Ziel im Auge: die drückenden Schulden zu
zahlen, uns eine Existenz zu gründen und -- er sprach es so leise aus,
als ob er sich scheue, daran zu rühren -- »dir dein Kind zurückzugeben.«
»Heinz!« rief ich, -- die Tränen stürzten mir aus den Augen, -- ich
griff nach seinen beiden Händen und drückte sie zwischen den meinen.
»Was meinst du, wenn du den Buben holen gingst?!« Und vorsichtig, als
wäre ich etwas sehr Zerbrechliches, zog sein Arm mich an sich.
Ich fuhr schon am nächsten Morgen nach Waltershof. Wie langsam schlich
der Zug durch die blühende Sommerpracht, wie endlos hielt er sich an all
den vielen Stationen auf! Endlich, endlich kam ich an. Droben auf der
Höhe, wo jetzt das Korn in hohen Garben stand und alle Ähren grüßten und
nickten, als wüßten sie um mein Glück, kam mir mein Junge
entgegengelaufen -- --
Wie groß und wie braun, und wie stark und wie froh er war! Sonderbar,
daß irgend etwas dabei mich schmerzte. Er küßte und herzte mich immer
wieder, -- aber nicht mit dem Bedürfnis nach Schutz, nach Anlehnung,
wie die kleinen Kinder, wenn sie sich an die Mutter schmiegen. Ich sah
ihn dann im Kreise der Kameraden auf der grünen Wiese, im Tannenwald:
wie er seine Kräfte an den ihren maß. Ich dachte an unsere Straße,
unsere enge Wohnung; -- ich wagte noch nicht, ihm zu sagen, warum ich
gekommen war. Und als ich am nächsten Vormittag dem Unterricht
beiwohnte, in Klassen, wo kaum mehr als zehn Kinder beieinandersaßen und
der Lehrer imstande war, sich mit jedem einzelnen zu beschäftigen, auf
seine Interessen und Fähigkeiten einzugehen, -- da dachte ich an die
überfüllten städtischen Gymnasien mit all ihrem Gefolge von Krankheit
und Laster und Stumpfsinn; ihre unglückseligen Opfer fielen mir ein, die
den Martern des Geistes und Körpers den Tod vorzogen. Mich schauderte:
hatte ich ein Recht, über mein Kind zu verfügen nach meinem Gefallen?
Kein Zweifel: sein Instinkt hatte für Freiheit und Natur entschieden.
»Ich komme morgen nach Haus, und komme -- allein,« schrieb ich an meinen
Mann. »Otto ist ein selbständiger Mensch geworden, und ich habe hier
gelernt, was keine pädagogische Buchweisheit mir hätte beibringen
können: daß auch die Kinder sich selbst gehören, nicht uns; daß die
Kindheit einen Wert an sich hat. Es mußte so sein, wie es ist. Wenn
unser Sohn stark genug ist, um auch neben uns ein Eigener zu bleiben,
wird er vielleicht freiwillig zurückkehren ... Ich schreibe das Alles so
hin, und die Worte sehen aus, als kosteten sie mich nichts. Ich glaube,
ich brauche Dir nicht erst zu sagen, was ich überwinden mußte. Es wird
noch lange dauern, bis ich von meiner Mutterliebe abgestreift haben
werde, was jeder Liebe eigentümlich ist: den Willen zum Besitz. Seitdem
Du mich fühlen ließest, daß auch Du unser Kind entbehrst, weiß ich: Du
wirst Geduld mit mir haben.«
Jetzt erst wurde ich mir der ganzen Leere meines Lebens bewußt: war ich
schon so alt, um nur noch in philosophischer Ruhe seine Resultate zu
ziehen? Um abseits zu stehen wie Zuschauer am Schlachtfeld?
* * * * *
Als mir von seiten der Gewerkschaften die Aufforderung zuging, einige
ausschließlich Bildungszwecken dienende Vorträge im internen Kreise
organisierter Arbeiter zu übernehmen, ergriff ich die Gelegenheit, von
der ich glaubte, daß sie mir wenigstens eine befriedigende Tätigkeit
eröffnen würde. Seit dem Jahre 1906 hatten die Partei und die
Gewerkschaften, einem Beschluß des Mannheimer Parteitags folgend, den
Bildungsbestrebungen tatkräftigeres Interesse zugewandt. Außer der
Partei- und Gewerkschaftsschule in Berlin und ähnlichen Einrichtungen in
den größeren Provinzstädten, wo eine beschränkte Zahl ausgewählter
Schüler systematischen historischen und nationalökonomischen Kursen
regelmäßig folgte, wurden Referate gehalten, die Allen zugänglich waren,
die ihre Mitgliedschaft zu einer Arbeiterorganisation nachweisen
konnten. Die Lehrer der Parteischule waren Radikale strengster
Observanz. Sie sprachen von »bürgerlicher« Wissenschaft, »bürgerlicher«
Kunst, zu der die vom Zukunftsstaat zu erwartende in scharfem Gegensatz
stünden. Sie waren Geist vom Geist des preußischen Kultusministers, der
einen Privatdozenten abgesetzt hatte, weil er Sozialdemokrat war. In
ihrem Kreise waren die kühnen Sätze gefallen, daß die Philosophie eine
ideologische Begleiterscheinung der Klassenkämpfe und ihre Geschichte
eine Geschichte bürgerlichen Denkens sei.
Die Gewerkschaften standen zu ihnen in einem leisen aber darum nicht
weniger starken Gegensatz, der auch in der Wahl ihrer Referenten zum
Ausdruck kam. Schon als ich zum erstenmal sprach, -- vor einer
Zuhörerschaft von ein paar hundert Arbeiterinnen, -- wurde mir erzählt,
wie empört die führenden Genossinnen seien, daß man mich dazu
aufgefordert habe.
Durch Fragen, durch Bitten um Ratschläge für ihre selbständige
Fortbildung, durch Bücher, die ich auslieh, und die mir persönlich
zurückgebracht wurden, kam ich in Berührung mit Männern und Frauen, die
noch nicht zu den »gehobenen Existenzen« gehörten. In der Nüchternheit
des Alltagslebens, fern der Begeisterung, die Feste und Kämpfe
entzünden, lernte ich ihr Leben, ihr Denken und Fühlen kennen. Es stand
fast ausnahmslos unter dem Zeichen der Unzufriedenheit, des Mangels an
einem Inhalt, der über die Misere des Daseins hinaus stark und
hoffnungsfroh macht. Eine gewisse seelische Leere kam vielen zum
Bewußtsein, etwa wie ein Gefühl dauernden Frierens. Die Ideale des
Sozialismus hatten, da ihre Verwirklichung so fern gerückt war, für das
persönliche Leben viel von ihrem Feuer verloren.
Aber gerade in der zum Ausdruck kommenden Unzufriedenheit mit den
äußeren Erfolgen und den inneren Werten der Partei lag eine starke
latente Kraft, die bereit war, jeden Augenblick alles Lastende,
Hindernde fortzuschieben, wenn nur irgendwo der Weg ins Freie sich
zeigte.
Nach einer meiner Versammlungen begrüßte mich Reinhard. Er war zuerst
ein wenig verlegen, als ich aber harmlos und freundlich blieb, taute er
auf. Ich erzählte ihm von meinen Beobachtungen. »Ich bilde mir natürlich
nicht ein, daß sie maßgebend sind, aber ich halte sie doch für
Symptome.«
Er gab mir recht. »Wir befinden uns zweifellos in einer inneren Krisis,«
sagte er, »die sich immer wieder nach außen bemerkbar macht. Jetzt
beginnt der Zank schon wieder. Diesmal um die Frage der
Budgetbewilligung. Sobald wir versuchen durch eine Politik, die immer
mehr oder weniger auf Konzessionen beruht, Schritte nach vorwärts zu
tun, Vorteile oder Einfluß zu gewinnen, kommen die anderen und schwenken
mit Geschrei die angeblich von uns verratene Fahne des Prinzips. Ich
möchte wissen, was geschehen soll, wenn wir einmal in den Parlamenten
eine Vertretung haben, mit der gerechnet werden muß? Ob wir dann das
prinzipienfeste Neinsagen unseren Wählern gegenüber verantworten können?
-- Ich sehe schwarz in die Zukunft, Genossin Brandt, sehr schwarz! Ich
fürchte, wenn erst einmal unsere Alten tot sind, dann fällt die Partei
auseinander.«
»Und wäre das wirklich so fürchterlich?« wandte ich ein. Er fuhr auf.
Seine Augen blitzten mich an wie früher.
»Genossin Brandt!« rief er entrüstet. »Sollten die Leute recht haben,
die von Ihnen behaupten, daß Sie nicht mehr die unsere sind?!«
»So --,« sagte ich gedehnt, »das also erzählt man von mir?! Und Ihnen
erscheint es möglich, weil ich eine Spaltung der Partei nicht für den
schrecklichsten der Schrecken halte?! Es zeugt für ein sehr geringes
Vertrauen in die Notwendigkeit der Entwicklung zum Sozialismus, wenn wir
annehmen wollten, daß solch ein Ereignis einen mehr als vorübergehenden
Nachteil nach sich zöge. Unser Ziel bleibt doch unverändert dasselbe, in
wie viel Heerscharen wir ihm auch entgegenmarschieren!«
Reinhards Gesicht färbte sich dunkelrot. »Sie scheinen ja ein solches
Unglück fast zu wünschen!« sagte er mit verbissenem Grimm.
»Davon bin ich ebensoweit entfernt wie Sie,« antwortete ich. »Ich suche
nur, Sie und mich von der Angst davor zu befreien. Dabei frage ich mich,
ob es nicht viel korrumpierender für den einzelnen und lähmender für die
Aktion der Masse ist, wenn immer wieder um der äußeren Einheit willen
Resolutionen angenommen werden, die für sehr viele nur auf dem Papiere
stehen, und das Erfurter Programm krampfhaft aufrecht erhalten wird,
obwohl immer weitere Kreise von Genossen ganze Sätze daraus für
unrichtig halten. Die Radikalen, die in der Form des Ausschlusses aus
der Partei eigentlich nichts anderes wollen als eine Spaltung, gehen
dabei von einer ganz richtigen Empfindung aus: daß die innere Einheit
die Voraussetzung der äußeren sein muß. Nur daß sie wie Kurpfuscher an
den Symptomen herumkurieren.«
»Und Sie wüßten ein Mittel, die Krankheit zu heilen?« Dabei sah Reinhard
mich an, als erwartete er eine Offenbarung von mir.
Ich lachte. »Wenn ich ein Mittel wüßte, glauben Sie, ich hätte es nicht
schon längst auf allen Gassen ausgeschrien?! Nur einen Weg dahin glaube
ich zu wissen. Die Übel, unter denen wir leiden, lassen sich alle auf
eine Ursache zurückführen: die fehlende richtige Grundlage unserer
Bewegung. Was bisher als solche galt, hat sich zu einem Teil als falsch
oder nicht ausreichend erwiesen.«
Er machte ein enttäuschtes Gesicht: »Also ein neues Programm! Wenn es
weiter nichts ist!«
»Ich las gestern in einem Brief von Hegel einen Satz, der sich mir ins
Gedächtnis geprägt hat,« fuhr ich fort, »'die theoretische Arbeit bringt
mehr in der Welt zustande als die praktische; ist das Reich der
Vorstellung revolutioniert, so hält die Wirklichkeit nicht stand'.
Gerade wir Revisionisten haben diese tiefe Wahrheit fast vergessen. Sie
auch, wie ich sehe. Und doch glaube ich, hätten wir ein Programm, das
alle inzwischen zweifelhaft gewordenen Theorien beiseite ließe, alle
praktischen Forderungen den Entscheidungen des Tages anheimgäbe und nur
den Ausgangspunkt feststellte, -- den Klassenkampf, -- und das Ziel, --
die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln; wir würden
weniger zerrüttende Kämpfe in unseren Reihen haben, und Millionen
Außenstehender würden nicht Mitläufer, sondern Parteigenossen werden.«
»Ich wundere mich, daß Sie bei Ihrem gründlichen Aufräumen den
Klassenkampf nicht auch zum Fenster hinauswerfen,« spottete Reinhard mit
einem Anflug von Ärger.
»Sie sind hellsehend, lieber Genosse,« entgegnete ich, »denn die Form,
in die er vor einem halben Jahrhundert gezwängt wurde, ist freilich
unbrauchbar geworden. Leute wie ich zum Beispiel haben keinen Platz in
ihr. Man redet uns ein, und wir glaubten es, daß wir aus reinem
selbstlosen Edelmut in die Partei eintraten; wir blieben infolgedessen,
als nicht recht dazu gehörig, unsichere Kantonisten in den Augen der
geborenen Klassenkämpfer. Ich bin inzwischen schon für mich allein von
dem Kothurn dieses Edelmuts herabgestiegen und habe gefunden, daß ich
mit demselben Recht wie der Arbeiter im Klassenkampf stehe. War ich
nicht, mittellos, auf meine Arbeit angewiesen? War ich nicht abhängig
von meiner Familie, also unfrei? Der hungernde Arbeiter sucht freilich
in erster Linie Brot; aber das könnte ihm auch eine vernünftige
bürgerliche Sozialreform sicherstellen. Er ist Sozialdemokrat, weil er
mehr will: Freiheit. Genau dasselbe, wonach ich verlangte, als es mich
in die Partei trieb; genau dasselbe, wonach Hunderttausende sich sehnen,
-- lauter Abhängige, -- lauter geborene Klassenkämpfer, die die Partei
mit ihrem engen: 'die Befreiung der Arbeiter kann nur das Werk der
Arbeiter selbst sein', mit der 'Diktatur des Proletariats' als
notwendiges Befreiungsmittel zurückstößt, im besten Falle nur
duldet ...«
Wir waren vor der Tür meiner Wohnung angekommen.
»Selbst wenn Sie recht hätten, -- was ich nicht weiß --,« sagte
Reinhard; »die radikale Tradition ist viel zu stark innerhalb der
Arbeiterschaft, als daß solch eine Programmänderung möglich wäre. Mir
scheint auch, es würde immer noch etwas fehlen --«
Ich nickte. »Es fehlt noch immer etwas, -- ja --,« meinte ich
nachdenklich. Dann trennten wir uns.
* * * * *
Als mein Vortragskursus zu Ende war, bekam ich keine Aufforderungen
mehr. An meinen Zuhörern lag das nicht; ihr regelmäßiges Erscheinen, ihr
wachsendes Interesse zeugte dafür. Aber der Einfluß der Zionswächter des
Radikalismus war stärker als sie.
»Nun haben sie dich wieder an der Arbeit verhindert,« sagte mein Mann
ärgerlich.
»Es ist vielleicht für mich das beste,« meinte ich. »Zuviel
Zweifelfragen sind in mir wach geworden. Jahrelang hat das Fieber der
Tagesforderungen sie immer wieder unterdrückt. Jeder denkende Mensch
sollte eigentlich die Möglichkeit haben, sich hie und da von der Welt
zurückziehen zu können, um zu sich selbst zu kommen. Trappistenklöster
für Ungläubige, -- das wäre eine erlösende Einrichtung.«
»Möchtest du den Schleier nehmen?!« fragte er, -- etwas wie Besorgnis
sprach sich in seiner Frage aus.
»Für ein paar Monate, ja!« entgegnete ich. »Um als ein starkes und
frohes Weltkind zurückzukehren.«
Aber wenn ich ihn ansah, schämte ich mich, solche Wünsche zu haben. Er
war abgespannt und müde. Er bedurfte mehr als ich einer Zeit der Ruhe.
So wenig er von sich selber sprach, ich erfuhr doch, daß das Mißlingen
sich mit grausamer Hartnäckigkeit an seine Fersen heftete.
Die Sorgen, die er hatte von unserer Türe fernhalten wollen, krochen
durch die Fenster herein; aber wenn ich sah, wie er ruhig blieb, wie
neue Hindernisse nur immer neue Widerstände in ihm entwickelten, dann
überkam mich das Bedürfnis, mich an ihn zu schmiegen, ganz dicht,
geschlossenen Auges, voll tiefen Vertrauens ...
Im Herbst begann ich meine Vortragsreisen wieder. Ich mußte Geld
verdienen. Und was dies Publikum verlangte: ein wenig Anregung, ein
wenig Sensation, war ich fähig zu geben. Es wurde mir diesmal leichter
als sonst. Viele Menschen kreuzten meinen Weg, und was mir bei den
Proletariern begegnet war, das fand ich in anderer Form wieder: wer
nicht im Genußleben ertrank oder im Kampf ums Dasein zerrieben wurde,
den beherrschte ein Gefühl brennender Unzufriedenheit, ein unbestimmtes
Suchen.
Es war die Zeit, wo Fürst Bülow, in der Hoffnung auf diese Weise die
Steuerforderungen der Regierung durchzusetzen, die unnatürliche
Verbindung zwischen Liberalen und Konservativen herbeigeführt hatte. Wer
noch vom echten Liberalismus einen Blutstropfen in sich fühlte, mußte
sich dieser Paarung schämen.
Die besten Elemente des Bürgertums waren politisch obdachlos. Ihr
steuerloses Schiff näherte sich unwillkürlich wieder der Flut des
Sozialismus.
»Den Kulturwert der Arbeiterbewegung erkennt wohl jeder von uns an,«
sagte mir ein junger Gelehrter in einer kleinen Universitätsstadt. »Und
daß ihr ökonomisches Streben zugleich ein sittliches ist, wird kein
objektiv Denkender bestreiten. Sie ist im Kampf gegen die Reaktion auch
die Hoffnung derer, die nur zusehen müssen.«
Der Kreis der modernen Snobisten, die aus der Erkenntnis der
Notwendigkeit sauberer Wäsche und reiner Nägel eine Weltanschauung
konstruiert und Rombergs Ausspruch, daß Bildung und Politik unvereinbare
Begriffe wären, zu dem ihren gemacht hatten, schrumpfte sichtlich
zusammen.
Und auch auf anderen Gebieten geistiger Interessen wuchs die
Innerlichkeit, der Ernst. Aus einer Spielerei müßiger Stunden wurde die
Kunst zu einer Angelegenheit persönlichen Lebens, -- eine Kunst, die von
den Göttern und Madonnen zur Erde herabgestiegen war, die den
charakteristischen Stempel innerer Notwendigkeit allem aufprägte, -- vom
geringfügigen Gebrauchsgegenstand bis zum hamburger Bismarckdenkmal. Aus
einer Tradition, der man sich nur an jedem Feiertag erinnerte, wurde die
Religion zu einer die Gemüter erregenden Bewegung; daneben drängten
pädagogische und sexuelle Probleme sich mehr und mehr in den
Vordergrund, und neben den alten Werten der Schule, der Ehe, der
Familie, erschienen wie aus Flammen gebildet riesengroße Fragezeichen.
Als eine reaktionäre Masse wurde die Bourgeoisie nach altem Rezept von
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