überkommt, wenn wir eine Staatssoirée hinter uns haben. Mir träumte von
einem riesigen Wasserfall. Noch im Halbschlaf am Morgen hörte ich sein
Rollen und Rauschen, und je wacher ich wurde, desto stärker schwoll es
an. Vom Potsdamer Platz herauf klang es; Straßenbahnen, Omnibusse,
Lastwagen, eilende Menschenfüße waren die Instrumente dieses Konzertes;
Berlin ging auf Arbeit. Da war kein Winkel ohne Leben.
Drüben in der Leipzigerstraße waren unter der Spitzhacke alte
Mauern zusammengebrochen, und sieghaft erhob sich jetzt, von
Riesengranitpfeilern getragen, ein mächtiges Warenhaus, wie selbst Paris
es nicht kannte, aus dem märkischen Sand. Kein Basar, dessen Bau Gotik,
Barock und Renaissance durcheinanderwirft, wie seine reklameschreienden
Schaufenster die Waren, -- ein Stück neuer Kultur vielmehr, die die
Schönheit der Zweckmäßigkeit erkannte und doch allen Zauber der Kunst
über sie ausgoß. Die Menschen strömten aus und ein. Sie trugen von all
jenen glänzenden Goldblumen und köstlichen Steinreliefs, die seine
inneren Räume schmückten, von den farbenleuchtenden Onyxplatten und
gemalten Holzdecken, von den Feuertropfen und Lichtgirlanden einen
Schimmer von Schönheit mit sich nach Haus.
Jenseits des Platzes waren Baumriesen gestürzt, denn dem Verkehr mußte
die Straße sich weiten, und an der Peripherie der Stadt standen
reihenweise die Holzgerüste, wie gewaltige Pallisaden, -- Zeichen dafür,
daß das alte Kleid ihrem Riesenleibe zu eng wurde.
Ein Emporkömmling ist sie, -- gewiß! Aber keiner, den das Glück aufwärts
trug. Vielmehr einer, der sich durch die Kraft seiner Fäuste den Weg
bahnte.
Wie die Menschen liefen und hasteten! Sie kannten jenes gemächliche
Schlendern nicht, mit dem Lächeln der Behaglichkeit auf den Lippen und
kokettierenden Blicken hin und her. Aller Züge schienen gespannt von
nervöser Eile, von sorgender Angst, von lastenden Gedanken.
Klingendes Spiel, feste Schritte im Takt kündeten das Nahen von
Soldaten. Der Verkehr stockte. Wo in Preußen die bewaffnete Macht
erscheint, gehört ihr die Straße. Und hypnotisiert durch den Marsch,
durch die Masse, durch wehende Federbüsche und blinkende Uniformen,
drängte jung und alt ihr nach, ihr voran.
Die Alexander-Grenadiere bezogen heute ihre neue Kaserne: in nächster
Nähe des Schlosses war sie errichtet worden, eine Zwingburg mit Mauern
und Schießscharten; und vom Lustgarten aus führte der Kaiser selbst
seine Garde dem neuen Heime zu, während die Polizei in weitem Bogen das
gaffende Volk beiseitedrängte, damit der Herrscher allein blieb mit
seinen Truppen. »Ihr seid die Leibwache eures Königs,« sagte er, »und
wenn diese Stadt noch einmal wie Anno 48 sich wider ihn erheben wird, so
seid ihr berufen, die Frechen und Unbotmäßigen mit der Spitze eurer
Bajonette zu Paaren zu treiben.«
Fürwahr, wenn ich mich bis jetzt wie in einem Traum befunden hatte, nun
wußte ich: wir waren in Berlin.
* * * * *
Wir gingen mittags zu Erdmanns. Sie waren erst kürzlich von einer langen
Seereise zurückgekehrt, die der Arzt ihnen verordnet hatte, und
schienen, nach den Briefen meiner Schwester zu schließen, befriedigt von
ihrem Erfolg. Und nun standen sie mir gegenüber, so anders als ich sie
verlassen hatte. Scharf und eckig traten die Backenknochen aus meines
Schwagers Gesicht hervor, sein Anzug hing um ihn, als wäre sein Körper
nichts als ein Knochengerüst. Nur sein Geist schien lebensvoller als je
und sprühte Funken. Das Schwesterchen dagegen war ebenso still, wie sie
blaß und schmal war. Wo war das runde Kindergesicht und die glänzenden
Augen? Seltsam: auch aus ihren Haaren war der Goldschimmer
verschwunden; es lag wie Asche auf ihnen. Die einstmals lauter Wärme
ausströmte, hatte eine Atmosphäre abweisender Kühle um sich. Ihre Lippen
glichen jetzt denen meiner Mutter: scharf, schmal, blutlos. Ich sah, daß
sie sich mir nicht öffnen würden, und forschte in ihren Zügen; aber auch
sie blieben verschlossen. Ob sie unglücklich war, weil sie kein Kind
hatte? Erdmann spielte stundenlang mit meinem Buben, während sie ihn
kaum mit einem Blick streifte. Wir sprachen von der Mutter, die den
Winter in Italien verlebt hatte und Briefe schrieb wie ein junges
Mädchen, das zum erstenmal in die Welt sieht.
»Sie ist glücklich, seitdem sie allein ist,« sagte Ilse. Ein flehender,
gequälter Blick ihres Mannes traf sie.
»Was spielst du jetzt?« fragte ich, zum Flügel deutend, um das Gespräch
abzulenken.
»Ich habe die Musik aufgegeben, sie macht mich nervös,« antwortete sie.
»Auch die Oper??«
»Die erst recht! Die offenen Mäuler und gespreizten Arme all der dicken
Tenöre und Primadonnen zerstören jeden Rest von Illusion. Man kann sie
bestenfalls ertragen, wenn man geschlossenen Auges zuhört. Aber da man
immer den übrigen Pöbel um sich hat -- --«
Sie unterbrach sich und schürzte ein wenig spöttisch die Lippen: »Ach
so, -- entschuldige! Ich vergaß, daß ich euer proletarisches Empfinden
kränken könnte.«
Erdmann lachte. »Nun -- nun,« meinte er begütigend, »der Pöbel des
Parketts dürfte doch auch in euren Augen mit dem Proletariat nicht
identisch sein. Übrigens bin ich mit Ilse einer Meinung: der Zirkus und
das Überbrettl sind für unsereins allein noch erträglich. Hohe Kunst auf
der Bühne ist verletzend für Menschen von Kultur. Man sollte dafür
Marionettentheater schaffen, oder sechsfache Schleier vor die Darsteller
hängen, damit sie wie Schatten wirken.«
»Unvergleichliche Wirkungen müßten sich dadurch erzielen lassen,« sagte
Ilse, etwas lebhafter werdend, »zum Beispiel mit herrlichen Sachen, wie
diesen hier.« Sie wies auf das neuste Heft der Blätter für die Kunst,
das dramatische Gedichte von Schülern Stefan Georges enthielt.
»Ich lese sie noch immer nicht,« entgegnete ich lächelnd; »weniger denn
je kann ich heute die hochmütige Abkehr vom Leben vertragen, die das
Kennzeichen all dieser Menschen ist. Sie berauschen sich am Klang der
Sprache und bekommen, wenn es zu handeln gilt, zittrige Hände wie
Absinthtrinker.«
Wir gerieten in eine Debatte, die sich immer schärfer zuspitzte. Ilse
bekam heiße Wangen und mitten im Gespräch einen heftigen Hustenanfall,
der mich angstvoll aufhorchen ließ. Erdmann sah in diesem Augenblick wie
verstört drein. Und wie um gewaltsam den Eindruck abzuschütteln,
beschloß er, uns durch den Tiergarten zum Hotel zurückzubegleiten.
»Ich bin zu müde --,« sagte Ilse.
»In der frischen Luft wirst du schon munter werden,« damit drängte er
sie hinaus.
Wir begegneten vielen Menschen, die Erdmanns grüßten. Das stimmte ihn
fröhlich. »Lauter Leute, die ich einrichte,« sagte er. »Wenn ich erst
all den Berlin-W.-Protzen zu anständigem Wohnen verholfen haben werde,
kann ich den ganzen Kram an den Nagel hängen und Pinsel und Palette
wieder vorholen. Was, mein kleines Ilschen?!« Und zärtlich schob er
seinen Arm in den ihren. Aber sie senkte den Kopf nur noch tiefer.
* * * * *
Als die Mutter zurückkehrte, äußerlich und innerlich verwandelt, frisch
und strahlend, dabei mit gesteigertem Lebensdurst, der sich auf alles
stürzte, was sich ihr bot, lag Erdmann fiebernd zu Bett.
»Er wird sich erholen, sobald es warm wird,« sagte sie zuerst, und
erzählte voll freudigem Eifer von ihren schweizer Sommerplänen. Ein paar
Tage später sah ich sie wieder: gerade, steif, mit zusammengekniffenen
Lippen, wie damals, als der Vater noch lebte. Die Ärzte hatten sie
aufgeklärt. Erdmann hatte die Schwindsucht, Ilse schien angesteckt.
Wir nahmen Abschied von Erdmanns. Sie sollten in ein heidelberger
Sanatorium übersiedeln. Die seidene Decke, unter der er lag, bauschte
sich kaum sichtbar über dem Körper; die mageren Finger führten eifrig
den langen Bleistift über das Papier auf seinem Schoß. »Ich muß doch für
Prinzessin Ilse Geld verdienen,« und ein leidenschaftlicher Blick traf
die schöne junge Frau, die ihm mit gesenkten Lidern, ruhig und
pflichttreu, die Arznei zum Munde führte.
Ich kämpfte mit den Tränen, als ich nach Hause kam. Nicht nur, weil
meine Schwester in einem Augenblick, wo ich sie unglücklich wußte, mir
fremd, fast feindselig gegenüberstand, sondern weil sie das Opfer einer
Ehe war, von der ich sie vielleicht hätte zurückhalten können. Ich
empfand ihre Kühle wie einen Vorwurf.
»Vor Kinderschmerzen hast du mich einst gehütet,« schienen ihre Augen zu
klagen, »warum hast du mich vor dem schlimmsten nicht bewahrt?« Und wenn
sie meinen Buben geflissentlich übersah, so wußte ich, was sie damit
sagen wollte: »Du hast mich über ihm vergessen.«
* * * * *
Unser Einzug in die neue Wohnung, -- einem Gartenhaus der Uhlandstraße,
-- war kein fröhlicher. All die tausenderlei Dinge, die mit ihm
zusammenhingen, vom Auslösen der Möbel auf dem Speicher bis zu den
Löhnen der Handwerker, hatte unser letztes Geld verschlungen.
»So mach dir doch nichts draus, -- quäle nicht dich und mich mit
unnützen Sorgen,« rief Heinrich heftig, als ich ihm unsere Lage
auseinandersetzte. Ich schwieg verletzt. Er war wie ein geistig
Weitsichtiger, der das Nächste nicht sieht, dem immer nur das Ferne
gegenwärtig ist. Der Plan seiner Zeitschrift beherrschte ihn völlig. So
mußte ich mir selber helfen. Ich bat den Verleger meines Buches um mein
Honorar. Er erfüllte meinen Wunsch ohne weiteres. Heinrich aber wunderte
sich nicht einmal, wieso ich plötzlich Geld hatte. Für ihn schienen die
pekuniären Seiten des Lebenskampfes nicht zu existieren, mir dagegen
nahmen sie alle Schwungkraft und machten mich bis zur Grausamkeit bitter
gegen ihn. Bat ihn jemand um ein Almosen oder um ein Darlehn, so gab er,
was er in der Tasche hatte. Wagte ich einen leisen Vorwurf, so gruben
sich seine Stirnfalten noch tiefer, und es kam immer häufiger vor, daß
er mir mit einem: »Sieh lieber, daß deine Berta dich nicht betrügt!«
antwortete. Dann erst war die Entzweiung eine vollkommene. Nichts schien
mir ungerechter, als dieses Mädchen zu verdächtigen, das sich für uns
aufopferte und nicht einmal eine Aufwärterin zu ihrer Hilfe zuließ. Daß
sie allmählich in ihrem Aussehen und Benehmen zu einem »Fräulein«
geworden war, schien mir im Interesse meines Jungen nur vorteilhaft,
während Heinrich es als Folge meiner Verwöhnung ansah und behauptete,
ich verdürbe nur das einst so schlichte Bauernmädchen.
Lange freilich währten unsere gegenseitigen Verstimmungen nie. Vor den
klaren Augen unseres Kindes, denen nichts entging, schämten wir uns
ihrer. Seine Jugend sollte nicht durch den Unfrieden seiner Eltern
vergiftet werden, wie die meine.
»Nu lach doch wieder ein ganz kleines bißchen!« Damit kletterte er
schmeichelnd auf seines Vaters Knie. »Nich wahr, Mamachen, du gibst dem
Heinzpapa gleich einen dicken, runden Kuß!« Damit lief er zu mir und
legte das weiche Bäckchen zärtlich an meine Wange.
Waren wir so versöhnt, so fühlten wir den Stachel nicht, der sich
trotzdem immer tiefer in unsere Herzen bohrte.
* * * * *
Gleich nach unserer Ankunft hatte ich den Genossinnen meine Rückkehr
mitgeteilt. Auch das war der Anlaß zu einer kleinen Auseinandersetzung
zwischen uns gewesen.
»Willst du dich wirklich wieder in die unfruchtbare Arbeit stürzen?!«
sagte mein Mann ärgerlich.
»Gewiß,« entgegnete ich mit jener Gereiztheit, die mich immer überkam,
wenn ich meine persönliche Freiheit durch ihn gefährdet glaubte. »Ich
sehe die Frauenbewegung mehr denn je als das Gebiet an, auf dem ich
wirken muß.«
»Du wirst in unserer Zeitschrift genug für sie tun können, -- mehr als
in eurem Kaffeekränzchen!«
Ich zuckte spöttisch die Achseln und meinte gedehnt: »Wenn ich darauf
warten soll!« Im selben Moment aber bereute ich schon, ihn an seiner
empfindlichsten Stelle verletzt zu haben. Es lag wahrhaftig nicht an
ihm, wenn seine Idee noch nicht verwirklicht war.
Unsere Gesinnungsgenossen, mit Einschluß von Bernstein, der sie noch von
London aus in Briefen an meinen Mann lebhaft begrüßt hatte, stimmten ihr
rückhaltlos zu, aber es fand sich niemand, der auch nur einen Pfennig
für sie gegeben oder sich sonst um ihre Ausführung bemüht hätte. Daß
auch dies nur ein Symptom für die Uneinigkeit und Unklarheit des
Revisionismus war, empfand jeder von uns. Eine Bewegung war vorhanden,
aber es fehlte ihr die starke Hand eines Führers, der sie
zusammenzufassen und ihr Richtung zu geben vermag. Wir erwarteten für
die Sache wie für unseren Plan, der ja nur in ihren Diensten stehen
sollte, von dem persönlichen Eingreifen Bernsteins nicht wenig.
An einem Maienabend des Jahres 1901, dessen Luft vom Brodem
lebensschwangerer Erde so gesättigt war, daß er selbst mitten in der
steinernen Öde der Stadt fühlbar wurde, drängten sich die Menschenmassen
in einem engen Saal dicht zusammen; sie trugen in ihren Haaren und
Kleidern den Duft des Frühlings mit herein, und der ganze Raum schien
erfüllt von seinem Fieber. Es waren keine Arbeiter. Aber die
intellektuelle Jugend war es. Besann sie sich endlich auf sich selbst?
War sie im Begriff, Ideale aufzurichten, die einer großen Kraft und
eines großen Kampfes würdig waren? Die sozialwissenschaftliche
Studentenvereinigung Berlins hatte diese Versammlung einberufen und
Eduard Bernstein zum Redner gewählt. Ihre berühmtesten Lehrer saßen
unter ihnen, dazwischen die politischen Führer jener Linken, -- die
Barth, die Naumann, die Gerlach, -- die, abgestoßen von allen anderen
bürgerlichen Parteien, zwischen ihnen und der Sozialdemokratie die
unfruchtbare Rolle des Puffers spielte. Sie alle hofften, -- bewußt oder
unbewußt, -- daß dieser Abend irgendeine Quelle erschließen würde, an
der sie nicht nur ihren Durst stillen könnten, sondern deren Wasser sich
zum Strome weiten und alle ihre irrenden Schiffe zu tragen vermöchten.
»Wie ist wissenschaftlicher Sozialismus möglich?« lautete die Frage, auf
die Bernstein die Antwort geben wollte. Er trat an das Rednerpult.
Hinter den Brillengläsern sahen seine kurzsichtigen Augen mit einem
verlegen-erstaunten Blick auf die Menge der Zuhörer. Dann sprach er.
Mit einer Stimme, die brüchig klang. In abgehackten Sätzen. Ein Mann,
der an die Enge der Studierstube gewohnt war, nicht an die
Volksversammlung. Schon zog der Schatten der Enttäuschung über den
hoffnungsfrohen Glanz auf den Gesichtern. Schüchtern und leise tauchte
hie und da schon die Frage auf: »Was hat er eigentlich? -- Was will er?«
Daß der Sozialismus von spekulativem Idealismus erfüllt und darum nicht
Wissenschaft sei, die im voraussetzungslosen Streben nach Erkenntnis
bestehe; daß die Arbeiterbewegung vom Wollen eines bestimmten Zieles,
vom Glauben an ein bestimmtes Zukunftsbild getragen sei und nicht vom
Wissen, -- es war kaum möglich, aus der langen Rede etwas anderes
herauszuhören, als diese wenigen, für den Ausgangspunkt einer neuen
Bewegung viel zu negativen Gedanken.
Zuweilen schien es, als ob der Vortrag nichts wäre als das laut
gewordene Grübeln eines Menschen über Dinge, die ihn selbst noch als
Probleme quälen. Er war so mit sich beschäftigt, daß er nicht fühlte,
jener elektrische Strom, der ihn zuerst mit den Zuhörern verband, sich
mehr und mehr verflüchtigte, statt daß er ihn benutzt hätte, um die
unerschütterten, befreienden Gedanken des Sozialismus diesen offenen
Seelen einzuprägen, ihnen den Willen zur Tat zu vermitteln, nach dem
ihre junge Kraft sich sehnte.
Wir hatten einen Künder neuer Wahrheit erwartet, und ein Zweifler war
gekommen, dem des Pontius Pilatus Frage Geist und Gewissen bewegte.
Ein feiner durchdringender Regen rieselte hernieder, als wir den Saal
verließen. Mich fröstelte. Ich wäre am liebsten still nach Hause
gegangen.
»Nun?! In diesem zweieinhalbstündigen Redefluß sind Ihnen wohl alle
Felle weggeschwommen?« sagte eine sarkastische Stimme neben mir. Ich sah
in Rombergs lächelndes Gesicht und machte eine abwehrende Bewegung; mir
war nicht zum Scherzen zumute. »Und nun rasch, kommen Sie beide mit, in
irgend einen gemütlichen Winkel. Wir haben uns eine Welt zu erzählen;«
damit versuchte er, einen Weg durch die Menge zu bahnen. Seine
aufrichtige Freude über unser Wiedersehen tat mir in diesem Augenblick,
in dem ich so viel verloren zu haben glaubte, doppelt wohl.
»Lassen wir's heute,« meinte mein Mann mißmutig, »wir würden nur Ihre
gute Laune verderben.«
»Oder ich Ihre schlechte, da meine die dauerhaftere ist,« lachte
Romberg.
Wir gingen zusammen in eins der zunächst gelegenen Restaurants, aber der
»gemütliche Winkel«, den wir uns aussuchten, wurde rasch zum
Kriegsschauplatz, denn eine ganze Gesellschaft Versammlungsbesucher fand
sich allmählich ein, und jeder hatte das Bedürfnis seinem Herzen Luft zu
machen. Es zeigte sich nun erst recht, wie unklar Bernstein gesprochen
hatte: je nach der politischen oder philosophischen Richtung, der der
einzelne zugehörte, gab er seinen Worten eine andere Deutung.
»Das Todesurteil des Marxismus!« triumphierte der Nationalsoziale.
»Nein,« antwortete scharf einer unserer radikalen Parteigenossen, »ein
Todesurteil seiner selbst! Er hat als wissenschaftlicher Sozialist
abgedankt.«
Und nun wurden aus seiner Rede einzelne Sätze herausgerissen, die der
und jener sich notiert hatte, und betrachtet und zerpflückt. Als eine
Rückkehr zum Utopismus wurde bezeichnet, daß er die »Wünschbarkeit einer
sozialistischen Gesellschaftsordnung« für den Hebel der Agitation und
die werbende Kraft der Partei erklärt hatte.
»Nur alte wundergläubige Weiber lockt man damit hinter dem Ofen hervor,«
spottete einer; »auch das himmlische Jerusalem war 'wünschbar', und doch
haben wir die Fahrt dahin aufgegeben, weil seine Existenz unbeweisbar
blieb.«
»Vollends lächerlich,« fügte ein anderer hinzu, »ist die Behauptung, daß
die Einsicht in die größere Gerechtigkeit sozialistischer Einrichtungen
uns zu Sozialisten gemacht hat. Mag sein, daß Mitleid mit den Armen,
Empörung gegen die Ungerechtigkeit manch einen zuerst in unsere Reihen
trieb. Aber bloße Empfindungen verflüchtigen sich, wenn die Erkenntnis
sie nicht auf realen Boden zwingt. Würde Bernstein wirklich die Frage
nach der Wissenschaftlichkeit des Sozialismus verneinen können, so wäre
er so viel wert, als das Christentum bisher gewesen ist.«
Romberg hatte zuerst ruhig zugehört.
»Jetzt zerzausen sie den armen Bernstein, weil er ihnen nicht die letzte
Wahrheit gab!« sagte er nun, während aller Augen sich auf ihn richteten.
»Die Wissenschaft ist doch nichts Fertiges, sondern ein ewiges Suchen!
Er sucht, und beweist dadurch, daß er denkt. Wissenschaftlich abgedankt
hat nicht er, sondern haben diejenigen seiner Gegner, die jeden Satz im
Lehrgebäude des Sozialismus für ein unersetzliches Glied in der Kette
der sozialistischen Beweisführung halten. Dieser Dogmatismus könnte die
Bewegung töten, nicht aber der Revisionismus, auch wenn er sich noch so
täppisch gebärdet.«
»Bernsteins Kritik vernichtet doch aber geradezu grundlegende Ideen des
Marxismus?« wandte der Nationalsoziale ein.
»Und wenn schon?!« antwortete Romberg. »Der Bau des marxistischen
Systems ist so genial, daß sich Mauern herausbrechen lassen, ohne ihn zu
gefährden. Die Tatsache des Klassenkampfes schaffen Sie nicht aus der
Welt, sie allein genügt, um die Naturnotwendigkeit des Sozialismus zu
beweisen.« Er trank sein Glas leer und erhob sich mit einem hochmütigen
Blick auf die verdutzten Gesichter der Tischgenossen. »Unser Schicksal
ist unentrinnbar, -- damit muß man sich abfinden,« sagte er, »aber
wünschbar -- weiß Gott! -- ist's für unsereinen nicht. Ich bin bloß
froh, daß die berühmte 'lutte finale' sich erst auf meinem Grabe
abspielen wird.«
Wir gingen zusammen.
»Ich danke Ihnen,« sagte ich, als wir draußen waren; der niederdrückende
Eindruck der Rede Bernsteins war verwischt.
»Im Grunde habe ich ja auch nur für Sie gesprochen --,« es war der
teilnehmende Blick eines Freundes, mit dem er mir bei den Worten in die
Augen sah, -- »ich bin so gewohnt, Sie stark zu sehen, daß mir Ihr
Kummer förmlich weh tat.«
Er begleitete uns bis nach Haus. Mein Mann weihte ihn in unsere Pläne
ein.
»Und Sie sind einverstanden? Sie wollen am Ende gar mittun?!« wandte er
sich an mich.
»Mit allen Kräften, -- gewiß!« antwortete ich. »Was können Sie dagegen
haben, nach all den Gedanken, die Sie heute über den Sozialismus
entwickelten.«
»Ich mag Sie mir nicht vorstellen, -- auf dem Drehschemel vor dem
Redaktionspult, -- die Schmierereien anderer Leute korrigierend. Sie
gehören ins achtzehnte Jahrhundert --«
»Gewiß! An die Seite der Madame Roland --!« unterbrach ich ihn rasch.
Nach und nach erwärmte er sich für unseren Gedanken. »Mit all dem
Kleinbürgerlichen, Philiströsen in Ihrer Partei werden Sie gründlich
abrechnen müssen,« meinte er im Laufe des Gesprächs, »weite Horizonte
geben, die über den Misthaufen des Nachbarn hinausgehen.« Und er
verbreitete sich über die Stellung der Partei zur auswärtigen Politik.
»Hier trennen sich unsere Wege, lieber Professor,« sagte mein Mann. »Sie
werden kaum erwarten, daß ich als Sozialdemokrat auf diesem Gebiet Ihre
Wandlungen mitmache.«
»Wandlungen?! Wieso?!« ereiferte sich Romberg. »Es entspricht der
Konsequenz meiner Entwicklung, daß ich für den Kolonialbesitz
Deutschlands eintrete und demzufolge für die Flottenvorlage agitiert
habe. Traurig genug, daß ihr Sozialisten euch, scheint es, erst belehren
lassen werdet, wenn ihr die Macht im Staate habt! Das ist, -- verzeihen
Sie, liebe Freundin! -- der unglückselige feministisch-sentimentale
Einschlag in der Sozialdemokratie, der sie für die notwendigen, großen,
-- wenn Sie wollen -- grausamen Forderungen der Kultur blind und taub
macht. Der Kampf um die Macht ist die Bedingung unserer Entwicklung.
Die Frage, die uns die Weltgeschichte stellt, ist einfach die: soll uns
die Erde gehören oder den Negern und den Chinesen? Die Antwort scheint
mir nicht zweifelhaft.«
Ich sah empört zu ihm auf: »So sind Sie für das Chinaabenteuer mit all
seinem Gefolge von Hunnentum und für die Kolonialkriege mit all ihrer
Unmenschlichkeit?! Das heißt doch nicht, Forderungen der Kultur
erfüllen, sondern die Kultur preisgeben, die wir haben!«
»Ich bin für die Erschließung Chinas, die für unseren Handel eine
Notwendigkeit ist; ich bin für die Kolonialkriege, die den Boden
gewinnen für unsere Volksvermehrung, aber daraus folgt doch nicht, daß
ich die Greuel des Krieges verteidige. Ich nehme sie nur um der größeren
Werte willen in den Kauf, wenn sie unvermeidlich sind ... Wir würden
heute noch in Urwäldern wohnen, wenn wir mit den wilden Tieren Mitleid
gehabt hätten.«
Eine lebhafte Debatte über die volkswirtschaftliche Bedeutung der
Kolonien und der »offenen Tür« Chinas entspann sich zwischen meinem Mann
und Romberg. Ich hörte kaum zu; der Gedanke an die Urwälder und die
wilden Tiere ließ mich nicht los und spann sich wie von selber weiter.
Ich horchte erst auf, als Romberg sagte: »Wenn die Sozialdemokratie sich
nicht entschließt, die Sache der Starken zu führen, so wird ihr Sieg
eine Niederlage der Menschheit sein.«
Vor unserer Haustür nahmen wir Abschied voneinander.
»Was wird denn aber mit dem Archiv?« wandte sich Romberg noch einmal an
Heinrich; »es wäre ein Jammer, wenn es zugrunde ginge!«
Mein Mann zuckte die Achseln. »Wissen Sie einen Käufer dafür?« fragte
er statt einer Antwort.
»Einen Käufer? -- Vielleicht!« meinte Romberg nachdenklich.
Eine leise Hoffnung stieg in uns auf.
* * * * *
An einem der folgenden Tage kam ich zum erstenmal seit meiner Rückkehr
mit den Genossinnen zusammen. Man empfing mich kühl, -- fast als bedaure
man, mich überhaupt wieder zu sehen. Ich unterdrückte den aufsteigenden
Ärger. Bald würden sie mir ganz anders begegnen. Lag erst mein Buch in
ihren Händen, -- das Buch, das eine wissenschaftliche Leistung und ein
Bekenntnis war, -- so würden sie mich alle freudig willkommen heißen.
In dem Jahr meiner Abwesenheit waren die Fortschritte der
Arbeiterinnenbewegung nicht erheblich gewesen. Man hatte versucht, durch
Einrichtung von Beschwerde- und Auskunftsstellen einen persönlichen
Zusammenhang mit den der Bewegung noch fremd gegenüberstehenden
Arbeiterinnen zu schaffen. Ich lächelte unwillkürlich, als ich davon
hörte. Vorschläge der Art hatte mein so leidenschaftlich bekämpfter Plan
eines Zentralausschusses für Frauenarbeit enthalten.
Für den Arbeiterinnenschutz und gegen die Beschränkung der Fabrikarbeit
verheirateter Frauen war auf Grund eines Parteitagsbeschlusses eine
größere Agitation entfaltet worden. Die Erfolge waren minimal.
»Es fehlt uns immer noch an packenden Schriften, die wir verbreiten
könnten,« meinte eine der Frauen.
»Ist denn Genossin Orbins Broschüre noch nicht erschienen?« fragte ich
und begegnete erstaunten Gesichtern.
»Genossin Orbins Broschüre?!« wiederholte Ida Wiemer. »Von der wissen
wir nichts!«
»Ich habe doch darauf hin meine eigene Absicht, eine solche zu
schreiben, aufgegeben!« rief ich aus, -- noch immer wollte ich nicht
glauben, woran doch nicht mehr zu zweifeln war: sie hatte mich nur an
der Arbeit hindern wollen! Martha Bartels lächelte ironisch. Ich hörte,
wie sie ihrer Nachbarin zuflüsterte: »Sie will sich nur aufspielen, --
uns glauben machen, daß sie auch mal was zu arbeiten die fromme Absicht
hatte --,« und ich sah wie ihre Worte von Mund zu Mund gingen und die
Mienen sich klärten.
»Wenn Sie sich mit der Frage beschäftigt haben,« sagte sie dann laut und
hochmütig, »so können Sie ja ein paar Referate übernehmen.«
Ich war bereit dazu.
»Vielleicht sprechen Sie auch bei uns?« fragte die Vorsitzende des
Arbeiterinnenbildungsvereins; »es müßte freilich ein anderes Thema
sein.«
»Gern!« antwortete ich und war entschlossen, die Frage der
Haushaltungsgenossenschaft bei der Gelegenheit zur Erörterung zu
bringen.
»Frauenarbeit und Hauswirtschaft« nannte ich meinen Vortrag, der schon
eine Woche später stattfand. Der niedrige, enge Raum der Arminhallen war
überfüllt, als ich eintrat. Eine Anzahl bürgerlicher Frauenrechtlerinnen
suchten sich in den Winkeln des Saales zu verbergen. Sie hatten mein
Auftreten bei Gelegenheit des internationalen Frauenkongresses nicht
vergessen und zeigten nicht gern ihr Interesse für mich.
Ich stellte in großen Zügen die Entwicklung der Frauenarbeit dar, von
ihrer ersten Beschränkung auf das Haus bis zu ihrer heutigen Ausdehnung
auf alle Berufe, und die parallel laufende Evolution der Hauswirtschaft
von jenen Zeiten an, wo innerhalb ihres Kreises alle Bedürfnisse der
Familie hergestellt wurden, bis zur Gegenwart, wo nichts von ihr übrig
geblieben war als der Herd. Ich schilderte die Lage der erwerbstätigen
Familienmütter, die physischen und seelischen Gefahren, denen ihre
Kinder ausgesetzt sind, und ich erörterte die Zunahme der Berufsarbeit
verheirateter Frauen nicht nur auf dem Gebiet der manuellen, sondern
auch auf dem der geistigen Arbeit. »Die unausbleiblichen Folgen dieser
Tatsachen liegen auf der Hand: entweder bricht der weibliche Körper
unter der doppelten Arbeitslast des Hauses und des Berufs vorzeitig
zusammen und der Geist büßt seine Leitungskraft ein, oder die
Häuslichkeit wird vernachlässigt, und die junge Generation wird durch
Mangel an Pflege und hygienisch einwandfreier Ernährung aufs äußerste
geschädigt ... Die Gefahr ist zu groß, zu dringend, als daß wir uns mit
dem Appell an die Hilfe des Staats genügen lassen dürften, wir müssen zu
gleicher Zeit zur Selbsthilfe greifen.« Und nun entwarf ich
meinen Plan. »Hungernde englische Weber waren die Schöpfer der
Konsumgenossenschaften, deren Kauffahrteischiffe heute die Meere
durchziehen; der Wohnungsnot armer Arbeiter entsprang die Idee
der Baugenossenschaften, deren Häuser überall aus der Erde
wachsen, -- sollte der Jammer der Frauen und der Kinder nicht die
Haushaltungsgenossenschaft ins Leben rufen können?«
Ich fühlte die wachsende Erregung, die sich der Zuhörerschaft
bemächtigte. Es war das Zentrum der Interessensphäre der meisten, in das
ich getroffen hatte. Aber auf den Sturm, der sich erhob, war ich doch
nicht gefaßt gewesen. Alle jene Gründe, mit denen die Sozialdemokratie
vor Jahrzehnten der Selbsthilfe der Gewerkschaften entgegengetreten war,
mit denen sie heute noch vielfach den Genossenschaften entgegentritt, --
als Ablenkungen vom Hauptziel, der Verwirklichung des Sozialismus, und
vom allein wichtigen Kampf: dem politischen; als Versöhnungen des
Proletariers mit dem Gegenwartsstaat, -- wurden mir wie ein Hagel von
Pfeilen entgegengeschleudert. Es fehlte nicht an scharfen Seitenhieben
auf meinen Revisionismus, der sich darin dokumentiere, daß ich innerhalb
der kapitalistischen Gesellschaftsordnung sozialistische Ideen
verwirklichen wolle, wie die alten, überwundenen Utopisten.
Nur wenige unterstützten mich. Die Frauenrechtlerinnen schwiegen.
Bereits am nächsten Morgen ging mein Vortrag durch die Presse,
entstellt, verspottet, beschimpft.
»Der Zukunfts-Karnickelstall, wo sich das Familienleben auf das
Schlafzimmer beschränkt«, hieß es in der konservativen Presse; von der
»Kaserne als Idealzustand« sprach die liberale. Als die Spottlust
befriedigt war, kamen die pathetischen Artikel, die angesichts der
drohenden Zerstörung der Familie ihre Kassandrastimme erhoben. Und in
den »Sprechsälen« und »Frauenecken« zeterten die guten Hausfrauen, deren
einziges Zepter der Kochlöffel war. Hatte ich sie schon durch die
Dienstbotenbewegung gegen mich aufgebracht, -- jetzt standen sie mir als
ein Heer gerüsteter Feinde gegenüber. Der Kochherd war wirklich nicht
nur der Inhalt, sondern die Grundlage ihres Familienlebens.
»Die Männer werden überhaupt nicht mehr heiraten, wenn sie keine
Hausfrau brauchen,« jammerte eine ehrliche Naive.
Ich wartete vergebens auf die Unterstützung der Frauen, die mir ihre Not
oft selbst geklagt hatten: der Schriftstellerinnen, Ärztinnen,
Künstlerinnen.
»Nur ein Jahr lang sollten unsere männlichen Kollegen Suppe kochen und
Strümpfe stopfen,« hatte einmal eine von ihnen ausgerufen, »und wir
würden an dem Fehlen großer Leistungen ihre geistige Minderwertigkeit
beweisen können!«
In den Blättern der Frauenbewegung fand mein Plan keinen Widerhall.
Helma Kurz rief Ach und Wehe über mich, die ich »alle Frauen aus der
trauten Häuslichkeit in die Kaserne« treiben wolle. Keine der
Führerinnen der Frauenbewegung begriff, daß die Befreiung der
erwerbstätigen Frau von der Sklaverei der Küche eine ihrer
Programmforderungen sein müßte. Nur eine kleine Gruppe Menschen, die in
der Öffentlichkeit unbekannt waren, schloß sich mir allmählich an, und
ein paar Baumeister meldeten sich, die den Mut gehabt hätten, ein Haus
nach meinem Plan aufzuführen, -- mit abgeschlossenen kleinen Wohnungen
und Speiseaufzügen aus der Zentralküche. Wir waren überzeugt, nur ein
lebendiges Beispiel würde genügt haben, um die Bewegung in Fluß zu
bringen. Aber wir waren zu wenige, um das Bestehen des Hauses zu
sichern, und mein Name, -- der der Sozialdemokratin, -- schreckte viele
ab. Sie fürchteten den kommunistischen Zukunftsstaat im Kleinen.
Inzwischen kam Wanda Orbin nach Berlin und bat mich, da sie krank sei,
»in wichtiger Angelegenheit« um meinen Besuch. Sie reichte mir nur die
Fingerspitzen, als ich eintrat.
»Sie haben die Interessen der Partei auf das schwerste verletzt,« begann
sie im Ton eines Inquisitors, »und da es nicht das erste Mal geschieht,
so bin ich verpflichtet, Sie zu warnen.«
Ich griff mir an die Stirn: was war es nur, was ich verbrochen hatte?!
»Ihre Agitation für die Haushaltungsgenossenschaft --« ich lachte ihr
ins Gesicht; sollte sie mit so strenger Miene scherzen?! Aber sie
runzelte die Stirn, -- es war ihr Ernst, blutiger Ernst! -- »hat weitere
Kreise gezogen, als gut ist. Dergleichen verwirrt die Köpfe, stört die
Einheitlichkeit des Vorgehens --«
Ich stand auf. »Möchten Sie mir wohl noch mitteilen, worin meine erste
Verletzung der Parteiinternen bestand?« fragte ich ruhig.
»Sollten Sie Ihren Plan eines Zentralausschusses für Frauenarbeit schon
vergeben haben?« rief sie aus.
»Und durch ihn habe ich die Partei geschädigt?! -- Sie sind ja jetzt
schon im Begriff, teilweise auszuführen, was ich wollte --!«
Wanda Orbins Augen funkelten mich zornig an: »Wenn Sie die Unterschiede
nicht verstehen, so beweist das nur wieder Ihren Mangel an
proletarischem Bewußtsein --;« dabei kreischte ihre Stimme wie auf der
Rednertribüne.
»Mag sein!« entgegnete ich scharf. »Mir fehlt das Demagogentalent, um
mich zur Proletarierin aufzuspielen.« Damit wandte ich mich zum Gehen,
auf das tiefste verwundet.
Mein Vortrag erschien im Verlag des »Vorwärts« als Broschüre. Wanda
Orbin »vernichtete« ihn in vier Leitartikeln, und ihre Autorität war
viel zu gewichtig, als daß sich innerhalb der Partei irgendeine Stimme
für ihn erhoben hätte. Wie die Schnecke, wenn ihre Fühlhörner unsanft
berührt werden, sich in ihr Haus zurückzieht, so hatte ich das
Bedürfnis, mich zu verkriechen.
»Laß deine Ideen erst Wurzel fassen, Liebste,« tröstete mich mein Mann;
»sind sie lebenskräftig, so fällt dir die Frucht von selbst in den
Schoß.«
Ich lächelte wehmütig über den Irrtum, in dem er sich befand. Was mich
schmerzte, war nicht das momentane Scheitern eines Planes, sondern daß
ich Wanda Orbin so klein gesehen hatte, die mir, auch mit ihren Fehlern,
so groß erschienen war. Und daß sie die anderen beherrschte, zum Teil
mit Mitteln, gegen die ich mich waffenlos fühlte!
Nun galt es, statt alle Kräfte auf den Kampf für die gemeinsame Sache zu
konzentrieren, sich für den eklen Streit im eigenen Lager stets
gewappnet zu halten.
Wenn ich mich abseits stellen, einer jener Eigenbrödler werden könnte,
mit Scheuklappen vor den Augen, immer nur ein Teilchen des allgemeinen
Zieles verfolgend?! Daß ich unfähig dafür war, bewies mir die Erfahrung
mit meinem eigenen Plan. Hätte ich das Talent und die Zähigkeit des
Organisators gehabt, ich würde ihn in jahrelanger steter Arbeit,
unbekümmert um die Spötter, haben durchsetzen können. Und nun stand ich
da und sah erschrocken auf meine Hände, die so leer geworden waren und
so kraftlos.
* * * * *
Die Sonne brannte auf dem Asphalt, braun und verdorrt hingen die Blätter
an den armen Bäumen, zu ihren steingepanzerten Wurzeln drang keine Luft
und kein Tau. Grauer Staub deckte die Büsche wie mit Trauerschleiern.
Wer draußen im Wald den Sommer suchen ging, den empfingen die Kiefern
schwarz und ernst und die blumenlosen Felder. O, daß ich empor auf einen
Berg steigen könnte zu reiner Luft und klaren Quellen! Heimweh packte
mich, -- Heimweh nach den schmalen Pfaden zwischen duftenden,
buntblühenden Wiesen, nach dem stillen See im Buchenwald, wo zwischen
Moos und Gestein Märchenblumen ihre Kelche öffnen. Heimweh nach der
großen Einsamkeit!
Ob nicht der Geist der Frauen verkümmert und ihr Gemüt verdorrt, weil
sie nicht einsam sein dürfen?
»Geh, -- erhole dich, -- ruh' dich aus, und wenn es nur ein paar Tage
sind, -- es wird dir gut tun,« sagte mein Mann, dem meine
Schlaflosigkeit, meine Blässe anfiel; »ich und die Berta hüten den
Jungen.«
Es bedurfte keiner Überredungskünste, meine Sehnsucht, allein zu sein,
ganz allein, war zu groß. Ich fuhr nach dem Harz. Aber schon unterwegs
packte mich die Unruhe: was konnte dem Kleinen inzwischen nicht alles
geschehen! Tausend Fragen und Sorgen schreckten mich am Tage, ängstliche
Träume verfolgten mich bei Nacht. Und die Berge hier, die mir fremd
waren, blieben mir stumm, und die rauschenden Quellen sprachen eine
fremde Sprache.
Da erreichte mich ein Brief meiner Mutter aus Heidelberg. »Erdmann ist
aufgegeben,« hieß es darin, »und Ilse hat Lungenentzündung, deren
Ausgang unabsehbar ist. Sie spricht oft von Dir ...«
Am selben Abend schrieb ich an meinen Mann: »Liebster! Ich halte es
nicht aus ohne Dich, ohne Otto. Aber ehe ich zurückkehre, muß ich Ilse
wiedersehen. Nach den Andeutungen meiner Mutter ist alles zu fürchten.
Du hast mich ausgelacht, als ich Dir einmal sagte, daß ich mich ihr
gegenüber schuldig fühle. Es kommt ja aber auch nicht darauf an, ob eine
Schuld im Sinne landläufiger Moral besteht, sondern darauf, ob ich sie
empfinde. Ich muß das gut machen, -- damit ich mich nicht quäle, wenn
das arme Kind sterben sollte, und damit sie mir wieder vertraut, wenn
sie lebt und meiner bedarf ...«
Ich reiste am selben Abend noch ab. Meine Mutter empfing mich am
Bahnhof.
»Es geht zu Ende,« sagte sie auf meinen fragenden Blick. »Und Ilse?«
»Sie fiebert noch immer! Meine Ahnung betrog mich nicht. Diese
unglückselige Ehe!«
Die letzten drei Worte stieß sie zwischen den Zähnen hervor. Es war kein
zärtliches Mitleid, das sie empfand, sondern Empörung gegen das
Geschick.
»Das ist lieb, daß du kommst, gute Schwester,« rief mir Ilse entgegen,
als ich an ihr Bett trat. Seit langem hörte ich wieder den alten warmen
Ton in ihrer Stimme, und ihr Gesichtchen hob sich rund und rosig von den
weißen Kissen ab, als wäre es wieder das des süßen kleinen Mädchens von
einst. Wußte sie nicht, daß ein paar Türen weiter ihr Mann im Sterben
lag? Der Arzt trat ins Zimmer mit den Tropfen und dem Fieberthermometer.
Ich sah, wie ihre Augen jeder seiner Bewegungen folgten, wie sie ihn
anlächelte, voll dankbaren Vertrauens. Und in der Sorgfalt, mit der er
ihr die Kissen rückte und den Vorhang am Fenster weit zurückschlug,
damit die Sonnenstrahlen ihre Haare umspielen konnten, lag tiefere
Empfindung, als die des Arztes. Blühte dem armen Kinde eine Herbstrose
auf dem Totenacker?
»Du gehst zu ihm?« fragte sie und lehnte sich mit geschlossenen Augen
müde zurück.
»Ja,« antwortete ich leise. Das Lächeln aus ihrem Antlitz verschwand,
die Lippen preßten sich zusammen.
In Decken gehüllt, am weit offenen Fenster lag er. Die weißen Wände des
Zimmers, die Betten, das weiße Geschirr, von blinkenden Metall
unterbrochen, die weiße Schürze der Pflegerin strahlten über sein
eingefallenes gelbes Gesicht eine grausame Helle aus. Er war so
geistvoll, so lebendig wie je; das hätte täuschen können, wenn mein Auge
nicht eben auf die Morphiumspritze in der Hand der Diakonissin gefallen
wäre.
»Sieh nur, wie wunderschön das ist!« sagte er und sein Blick umfaßte in
leidenschaftlicher Liebe das bunte Herbstlaub der Bäume draußen. Er
hatte den Schoß voll kleiner Skizzen und ließ den Pinsel nur aus der
Hand, wenn die Schwäche ihn übermannte.
»Hast du Ilse gesehen?« fragte er schließlich.
Ich nickte.
»Sie ist noch viel, viel schöner als die Berge und der Wald,« flüsterte
er sehnsüchtig.
Am nächsten Tage verließ ich Heidelberg wieder. Eine bleierne Müdigkeit
bemächtigte sich meiner. Ich hätte immerfort schlafen mögen. Dabei fand
ich lauter dringende Briefe vor: der Verleger wünschte eine raschere
Erledigung der Korrekturen, der Verein für Haushaltungsgenossenschaften
lud mich zur nächsten Sitzung, ein paar Parteigenossen erinnerten an die
ihnen bereits zugesagten Vorträge.
Eine mir selbst Fremde stand ich auf der Rednertribüne. Jene Glut der
Leidenschaft, die allein fähig ist, den Eisenmantel zu schmelzen, den
Kummer und Not um die Herzen der Ärmsten schmiedete, jene Klarheit der
Überzeugung, die allein das Dunkel des Vorurteils und der Unwissenheit
zu durchleuchten vermag, fehlten mir und ließen sich nicht erzwingen.
»Ich bin unfähig, zu sprechen, -- erlassen Sie es mir diesmal,« bat ich
einen der Genossen; »die Menschen kehren heim, ohne einen Gran Kraft und
Klugheit gewonnen zu haben.«
Aber er bestand auf seinem Schein: »Ihr Name zieht, und wir brauchen
einen vollen Saal.«
Eines Abends sollte ich bei den Textilarbeitern referieren. Als ich kam,
war der Saal leer, und der Wirt erzählte mir, daß die Versammlung schon
vor zwei Tagen stattgefunden und man mich vergebens erwartet habe. Ich
zog die Einladungskarte aus der Tasche: nur das Datum war angegeben,
nicht der Tag, und dieses stimmte. Der Vertrauensmann der Gewerkschaft,
zu dem ich ging, mußte mir bestätigen, daß der Irrtum nicht auf meiner
Seite lag. Wenige Tage später hörte ich, eine der Genossinnen habe
behauptet, ich hätte das Datum gefälscht, um mich der Aufgabe zu
entziehen, und habe hinzugefügt, sowas sei bei mir schon öfter
vorgekommen. Auf das äußerste empört, verlangte ich eine Untersuchung
der Angelegenheit. Ein Schiedsgericht trat zusammen. In endlosen
Sitzungen wurden Zeugen vernommen, die Einladungskarte geprüft,
verglichen. Ich ballte die Fäuste unter dem Tisch vor Erregung und
konnte mich doch dem Eindruck nicht entziehen, den die ruhige
Gründlichkeit all dieser Arbeiter auf mich machte. An Ernst und
Objektivität, an Takt und Würde standen sie turmhoch über ihren
weiblichen Klassengenossen, mit denen ich bisher zusammengekommen war.
Eine formelle Ehrenerklärung, die mir schriftlich zuging, war das
Resultat der Verhandlungen. Aber die Empfindung, besudelt zu sein, wurde
ich lange Zeit nicht los.
Ich vertiefte mich in die Korrekturen meiner »Frauenfrage«. Und die
Genugtuung über meine Arbeit wirkte wie ein stärkendes und reinigendes
Bad.
Mitten in der Arbeit an den letzten Druckbogen besuchte mich die
weibliche Vertrauensperson meines Wahlkreises. Für eine große
Volksversammlung, die in den allernächsten Tagen stattfinden und sich
mit den von der Regierung angekündigten Zollerhöhungen beschäftigen
sollte, hatte man mir den Vortrag zugedacht. Ich lehnte ab. Meine
Besucherin wurde immer dringender.
»Sie müssen kommen,« erklärte sie schließlich.
»Ich muß?! Warum?!« fragte ich verwundert.
»Wir haben Ihren Namen schon auf die Plakate gedruckt!«
»Das ist Ihre Schuld, -- nicht die meine,« entgegnete ich; »selbst wenn
ich Zeit hätte, mich binnen zwei Tagen auf ein schwieriges Thema, wie
den drohenden Zolltarif, vorzubereiten, würde ich bei meiner Ablehnung
bleiben und Sie die Folgen eines so unverantwortlichen Vorgehens tragen
lassen.«
Sie warf mir noch einen rachsüchtigen Blick zu und ging.
* * * * *
Mein Buch erschien. Die Aufnahme, die ihm zuteil wurde, entschädigte
mich für viele Schmerzen und gab mir das Vertrauen in die eigene Kraft
zurück.
»Sie haben mehr geleistet, als ich erwartet hatte, und das will viel
sagen,« schrieb mir Romberg. »Ihr Werk ist eine wissenschaftliche
Leistung, dem keine Kritik und keine Zeit den Charakter eines standard
work nehmen wird, und -- was für mich seinen größten Wert ausmacht --
der Ausdruck einer starken Persönlichkeit. Die objektive Wissenschaft
ist zweifellos etwas sehr Großes, aber der Mensch bleibt immer das
Allergrößte ...«
Nur zwei Zeitschriften rissen meine Arbeit herunter: die Monatsblätter
von Helma Kurz und -- die »Freiheit« von Wanda Orbin.
»Alix Brandts Buch ist jeder Mütterlichkeit und jeder
Wissenschaftlichkeit bar,« hieß es in dem einen Blatt; »die Genossin
Brandt hätte in der Kleinarbeit der Agitation erst lernen und sich
bewähren müssen, ehe sie etwas für die Arbeiterinnenbewegung wirklich
Nützliches hätte schaffen können,« lautete das Endurteil in dem
anderen.
Ich lachte zuerst und dachte daran, wie ich von einer meiner
bürgerlichen Gegnerinnen einmal pathetisch als ein »Tribünenweib«
bezeichnet worden war, »deren Lenden nie ein Kind getragen haben«, und
eine Genossin mir als schwere Unterlassungssünde die Tatsache
vorgehalten hatte, daß ich eine wichtige Parteipflicht -- die,
Flugblätter auszutragen -- noch nicht erfüllt hätte.
Aber dann verging mir das Lachen. Mein ganzes Ich lag in dem Buch, all
mein Wissen, mein Glauben, mein Hoffen. »Meinem Mann und meinem Sohn«
stand als Widmung vor dem Titel. Das war keine bloße Form, es war ein
Bekenntnis: ich hätte es nicht schreiben können ohne das Doppelerlebnis
der Liebe und der Mutterschaft, das aus dem Kinde erst den Menschen
macht, das Schleier von den Augen reißt und eiserne Klammern von den
Herzen. Es sind Männer gewesen, die die Madonna zur Mutter Gottes
erhoben, denn nur der lebendig befruchtete Schoß vermag Lebendiges zu
gebären. Und arme Irre waren es, die die Jungfrauschaft mit dem
Heiligenschein krönten. Denn die Voranleuchtenden sind nur, die des
Lebens Tiefen erschöpften.
An die Mütterlichkeit hatte ich appelliert mit jedem Satz, den ich
niederschrieb. Aus einem primitiven Empfinden, das über die Wiege des
eigenen Kindes kaum hinausging, sollte sie zu weltumspannender Kraft
sich entfalten. All die Tausende und Abertausende Hilfloser und
Entrechteter hatte ich aufgeboten, daß sie die Mütter suchen sollten.
Einst pochte ihr Murmelgebet: »Heilige Maria, bitte für uns!« umsonst an
das Tor des Himmels, -- sollte ihre stumme Not auf der Erde keine
Antwort finden?
Waffen hatte ich geschmiedet für die Proletarierinnen, Waffen, -- ich
wußte es, -- die unzerbrechlich waren. Ich erwartete keinen Dank dafür,
denn daß ich sie schaffen konnte, war Dank genug. Nur nehmen, nur
gebrauchen sollten sie meine Klingen und Pfeile.
»Warte die Zeit ab,« sagte mein Mann. Aber ich fieberte nach Tat, nach
Wirken, -- ich konnte nicht warten.
* * * * *
Dem Arbeiterinnen-Bildungsverein und einzelnen der führenden Genossinnen
hatte ich mein Buch zur Verfügung gestellt. Eines Morgens bekam ich
einen Brief von Martha Bartels. Schon freute ich mich, -- ich werde sie
wiedergewonnen haben, dachte ich, und erinnerte mich, wie sie mir, der
Fremden, einst entgegengekommen war, als ich noch Alix von Glyzcinski
hieß.
Ich ließ ihren Brief in den Schoß fallen, als ich seine wenigen Zeilen
durchflogen hatte, und lehnte mich mit einem Gefühl von Schwindel in den
Stuhl zurück.
»Nachdem Ihre Unzuverlässigkeit in der Ausführung übernommener
Parteipflichten wieder offenbar wurde,« schrieb sie, »haben die
Genossinnen einstimmig beschlossen, Sie zu unseren Sitzungen nicht mehr
einzuladen.«
Ein formeller Ausschluß also, -- ohne Gründe anzugeben, -- ohne mich zu
hören! Und das in einer Partei, die die Ideale der Demokratie vertritt!
Ich verlangte, mir zu gewähren, was die Gesetzgeber des kapitalistischen
Staates den Mördern und Dieben zugestehen: mich vor meinen Richtern
verteidigen zu können. Man antwortete mir nicht. Ich erfuhr schließlich,
daß jene Genossin, die mich vergebens zu einem Vortrag hatte pressen
wollen, die Sache so dargestellt hatte, als ob ich mein gegebenes Wort
gebrochen hätte. Und ich hörte weiter, daß meine »Fälschung« jener
Einladungskarte zum Referat bei den Textilarbeitern noch immer in aller
Munde sei. Ich sandte die Ehrenerklärung der Gewerkschaft ein, ich zwang
die Lügnerin, ihre Behauptung zu widerrufen. Es nützte nichts.
»Wir erkennen an, daß in diesen beiden Fällen ein Irrtum vorlag,«
schrieb Martha Bartels, »aber es stehen noch so viele andere fest, wo
Sie sich als unzuverlässig erwiesen haben, daß die Genossinnen an ihrem
einstimmigen Beschluß, Ihre Mitarbeit abzulehnen, festhalten.«
Ich ging zum Parteivorstand, um die Einsetzung eines Schiedsgerichts zu
fordern. »Liebe Genossin,« sagte Auer, mir gutmütig die breite Hand auf
die Schulter legend, »tun Sie das nicht! Lehren Sie mich unsere Weiber
kennen! Jedes Schiedsgericht wird Ihnen recht geben, -- natürlich! Aber,
glauben Sie, daß damit geholfen ist?! Schon am nächsten Tag werden die
Klatschmäuler, denen Sie nun einmal ein Dorn im Auge sind, neue, noch
schlimmere Sünden über Sie zu verbreiten wissen, und das modernisierte
Gerichtsverfahren der heiligen Fehme wird alle demokratischen
Schiedssprüche umstoßen. Überlassen Sie der Wanda die Weiber! Für Ihren
Tätigkeitsdrang ist in der Partei noch Raum genug.«
Ich fügte mich seiner Ansicht. Ob aus Einsicht, aus Müdigkeit, aus
Ekel? Ich weiß es nicht mehr. Auers Hand umspannte die meine schmerzhaft
fest.
»Wollen Sie von mir alten Kerl noch einen Rat auf den Weg nehmen?«
fragte er. »Wer auf hoher Warte steht, dem sollten die leid tun, die
sich von unten im Schweiße ihres Angesichts abmühen, mit Steinen zu
werfen. Er sollte immer über sie hinwegsehen. Dann hören sie von selber
auf und besinnen sich, daß ein Weg da ist, auf dem auch sie
aufwärtssteigen könnten ... Wer die Distanz nicht wahren kann, ist kein
Politiker.«
»Die Distanz, -- das bedeutet Fernsein, Kühle,« antwortete ich mit einem
leisen Seufzer, »-- ich liebe die Menschen; ich möchte von ihnen geliebt
sein.«
»Sie lieben die Menschen, -- diese Menschen?! Sie scherzen!« Er reckte
sich zu seiner ganzen Größe. »Wir würden sie erhalten, wenn wir sie
lieben würden. Aber wir wollen sie überwinden -- mit dem gewaltigen
Erziehungsmittel einer neuen Gesellschaftsordnung --, also hassen wir
sie.«
Ich schüttelte den Kopf. War das eine hohe Warte? Würde ich sie je
erreichen, -- erreichen wollen?!
Zwölftes Kapitel
Probleme werden nicht durch Resolutionen aus der Welt geschafft. Auch
der beste Wille der Streitenden, -- und es gab Augenblicke, wo selbst
Eduard Bernstein die Schwäche dieses »guten Willens« hatte und
Hervorragende unter seinen Anhängern den »Revisionismus« als eine neue
Richtung innerhalb der Partei abschworen, -- vermag das Streitobjekt
nicht aus der Welt zu schaffen. Einmal ausgesprochene Gedanken lösen
sich gleichsam von dem, der sie dachte, ab und haben ein selbständiges
Leben.
Die Beschlüsse des Parteitags von Hannover hatten nichts zur Folge, als
einen Waffenstillstand. Bernsteins Rede im sozialwissenschaftlichen
Studentenverein eröffnete den Kampf von neuem. In Artikeln, Reden und
Broschüren wurde er mit steigender Erbitterung geführt. Und die
aufreizenden Zurufe der Zuschauer, die vom nächsten Tage die Spaltung
der Sozialdemokratie erwarteten und erhofften, erhitzte die Kämpfenden
noch mehr. Die wachsende Leidenschaft tötete jede Objektivität. Keiner
gestand dem anderen die Ehrlichkeit der Gesinnung zu. Hinter jeder
Äußerung eines Revisionisten entdeckte der orthodoxe Marxist
Parteiverrat, in jeder Verteidigung des radikalen Standpunktes sah der
Revisionist dogmatische Verbohrtheit und bewußtes Demagogentum. Er
überhörte geflissentlich die Lehren der Psychologie und der Geschichte,
aus denen er hätte folgern können, daß die Verteidigung der Tradition,
der grundlegenden Dogmen des Sozialismus notwendig zu demselben Haß,
derselben Verfolgung der Angreifer führen muß, wie einst die des
Heidentums gegen die Christen, der römischen Kirche gegen die
Reformation.
Aber ein noch merkwürdigeres Zeichen dafür, wie wenig bloße Erkenntnisse
des Verstandes die ursprüngliche, nur auf die Einflüsse des Gefühls
reagierende Natur des Menschen zu ändern vermögen, war die Haltung der
Radikalen. Sie verleugneten in ihrem Zorn eine der Grundlagen ihrer
eigenen Anschauung: die materialistische Geschichtsauffassung. Es war
die befreiendste Lehre, die Marx hinterließ, zu der sich allmählich,
bewußt oder unbewußt, auch Nichtsozialisten bekannten: daß, da »alles
fließt«, auch die Theorien sich entwickeln müssen, entsprechend den
Wandlungen des wirtschaftlichen und sozialen Lebens. In diesem Sinne war
der Revisionismus marxistisch und der Radikalismus reaktionär.
Die ernsten Kämpfe zwischen den beiden Richtungen spielten sich zwischen
den geistigen Führern ab, von denen die einen die Masse der
Arbeiterschaft hinter sich hatten, die anderen noch Offiziere waren ohne
Armee. In dem harten Schädel der Proletarier saß jeder Buchstabe des
sozialistischen Apostolikums noch fest; wurde der Kampf daher in die
Volksversammlungen getragen, so äußerte er sich in wüstem Geschimpfe
gegen die Neuerer, die dem Armen das Beste zu erschüttern drohten, was
ihnen der Sozialismus gegeben hatte: ihren Glauben. Es kam aber noch ein
anderes hinzu: der Respekt vor der Wissenschaft, zu dem der Sozialismus
sie verpflichtete, ging Hand in Hand mit einem glühenden Verlangen nach
Wissen. Bildungsschulen, wissenschaftliche Vorträge und Kurse kamen
diesem Verlangen entgegen und pfropften auf den lebensschwachen Baum der
Volksschule ein Reis, unter dessen Früchten Dilettantismus und
Bildungsdünkel am besten gediehen. Wozu ernste Denker Jahrzehnte
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