schon im Mutterleibe vergiftet waren, starb die Hälfte vor dem zweiten Jahr. Sie kannten keine Pflege; schon drei bis vier Tage nach der Entbindung trieb die Not ihre Mütter zurück in die Fabrik; die Milch, durch die ihre Kleinen groß und stark hätten werden können, lief ihnen bei der Arbeit aus den Brüsten![441] Die deutsche Reichserhebung von 1874 erklärte mit einem eigenen Cynismus, daß die Arbeiterinnen in den Zündholzfabriken zwar an Nekrose litten und den Unterkieferknochen ganz oder teilweise verlören, ihnen das aber gar nichts schadete![442] Sie konstatierte ferner, daß die Atmosphäre der Fabriken diejenigen lungenkrank machen muß, die "Anlage dazu haben".[443] Und wer hatte diese Anlage nicht?! Die zunehmende körperliche Degenerierung der arbeitenden Bevölkerung sprach deutlicher als alle Erhebungen es vermocht hätten. Aber es blieb nicht bei der körperlichen allein. Die Zusammenarbeit der Geschlechter in glühender Hitze, fast unbekleidet, das fast völlige Fehlen gesonderter Wasch- und Ankleideräume, die gemeinsame Arbeit von Mann und Weib in den verschwiegenen, dunklen Gängen der Bergwerke und der frühe Eintritt der Kinder mitten in dieses Leben und Treiben, steigerte den ungeregelten Geschlechtsverkehr und verwüstete schon die Unschuld der Kinder. Die Wohnungszustände unterstützten diese moralische Degeneration. Nicht nur, daß die Geschlechter, die Schlafburschen und Schlafmädchen und die Kinder regellos in engen Räumen zusammen wohnen mußten, sie wurden von den Unternehmern selbst dazu gedrängt. In Ziegeleien, bei Bergwerken, zur Landarbeit--überall wurden ihnen elende Baracken zum Schlafen angewiesen, wo man sie zusammentrieb wie das Vieh. Weit mehr noch als diese äußeren Umstände, unter denen Männer und Frauen gleichmäßig litten, wirkten die Lohnverhältnisse der weiblichen Arbeiter auf ihre Sittlichkeit. Sie wurden durch die Bedürfnisse der verheirateten Frauen, die zum Verdienst des Mannes nur einen Zuschuß brauchten, und der bei den Eltern wohnenden Mädchen, die oft nur für ihre Kleidung zu sorgen hatte, bestimmt; die Alleinstehenden waren durch die bitterste Not gezwungen, sich nach einer andern Ergänzung umzusehen. Die einen,--die Glücklichsten von ihnen,--hatten keine eigene Schlafstelle, sie brachten die Nächte bei ihren Liebhabern zu[444], das Konkubinat verbreitete sich infolgedessen; so kam in Frankreich, wo das Gesetz es noch dadurch förderte, daß es das uneheliche Kind der Mutter allein zur Last fallen ließ, nach einer Enquête der vierziger Jahre in einer Industrie auf einen verheirateten zwölf im Konkubinat lebende Arbeiter.[445] Den anderen,--und das waren die Unglücklichsten,--lehrten Not und Hunger frühzeitig, ihren Körper verkaufen, wie ihre Arbeitskraft. Jede industrielle Krisis steigerte ihre Zahl. Wie oft siegten sie im Kampf ums Brot gegen die Konkurrentin um die Arbeitsstelle nur dadurch, daß sie sich dem Herrn oder dem Werkführer preisgaben. Das Fabrikmädchen stand infolgedessen häufig nicht höher im Ansehen, als die Straßendirne. Das ist der Weg, den die Industriearbeiterin im 19. Jahrhundert hat gehen müssen. Aus dem Hause vertrieben, um das tägliche Brot gebracht, glaubte sie in der Fabrik ihre Rettung zu finden. Sie opferte sich auf, unermüdlich Tag für Tag; endlich, so hoffte sie, sollte die Arbeit Erlösung bringen, Nahrung, Obdach, Kleidung ihr und ihren Kindern! Sie war ja so bedürfnislos, sie dachte kaum daran, den Reichen, für die sie schaffte, ihren Reichtum zu neiden. Was hatte sie erreicht? Kaum ein Dach über dem Haupt, kaum ein Kleid auf dem Leib, kaum das Nötigste, den Hunger zu stillen, und die drohenden Gespenster,--Not und Schande,--rastlos auf ihren Fersen. Warum strömten trotzdem die Frauen in immer wachsender Zahl diesem Elend zu? Waren sie als Landarbeiterinnen, als Dienstboten nicht in weit besserer Lage? Das ist oft behauptet worden, obwohl die Thatsachen dagegen sprechen. Den ersten klaren Einblick in die Verhältnisse der Landarbeiter vermittelte die englische Untersuchungskommission im Jahre 1867.[446] Das Bild, das sie entrollte, war ein schauerliches. Die Mädchen und Frauen wurden allgemein bei der schwersten und schmutzigsten Arbeit, z.B. Heu-, Korn- und Dungladen, verwendet.[447] Ihre Arbeitszeit war grenzenlos und ein Auflehnen dagegen schon deshalb oft ganz unmöglich, weil ihr Dienstgeber zugleich der Landlord war, ebenso wie der deutsche Gutsbesitzer sehr häufig zugleich Amtsvorsteher ist. Dabei war auch für die Wohnung der Landarbeiter in der unzureichendsten Weise gesorgt. Ganze Familien wohnten nicht nur in halb verfallenen, einzimmerigen Hütten, es wurden ihrer oft zwei und drei zusammengepfercht. An eine Trennung der Tagelöhner beiderlei Geschlechts dachte man kaum; Scheunen und leere Ställe dienten ihnen nur zu oft zum Aufenthalt und waren der Ausgangspunkt sittlicher Verwilderung. "Es ist unmöglich," sagt die englische Kommission, "den schädlichen Einfluß der Wohnungen nach der physischen sowohl wie der moralischen, sozialen, ökonomischen und intellektuellen Seite hin zu übertreiben."[448] Die traurigste Erscheinung aber im Leben der englischen Landarbeiter war das Gangsystem, das darin bestand, daß Agenten Scharen von Mädchen und jungen Männern,--den Mädchen wurde übrigens immer der Vorzug gegeben,--mieteten und sie zur Feldarbeit auf eine bestimmte Zeit aufs Land führten. Nicht nur, daß die in der Entwicklungszeit sich befindenden Mädchen durch die harte Arbeit körperlich schwer geschädigt wurden, frühzeitige geschlechtliche Ausschweifungen ruinierten sie vollends. Dachte doch keiner der Gutsherren daran, ihnen anständige Unterkunft und Beaufsichtigung zu gewähren. Für ihn waren sie nichts als billige Arbeitsmaschinen, die ihn im übrigen nichts angingen. Natürlich war die Konkurrenz dieser jungen Leute auch verderblich für die alten eingesessenen Tagelöhner. Für den Gutsherrn war es viel billiger und bequemer, zur Zeit dringender Arbeit über ein Heer von Arbeitskräften zu verfügen, die er entlassen konnte, wenn er wollte, als die Gutstagelöhner durch die stille Zeit mit durchfüttern zu müssen. Auch das Gangsystem trieb daher die Tagelöhner beiderlei Geschlechts vom Lande fort in die Stadt.[449] In der Sachsengängerei Deutschlands, deren erstes Aufkommen gleichfalls mit der Ausbreitung der Industrie zusammenfällt, haben wir eine ähnliche Erscheinung. Auch sie ist zugleich Folge und Ursache der Landflucht der Arbeiter. Welchen Umfang diese annahm und wie sie zunimmt, geht z.B. daraus hervor, daß in der Periode 1871 bis 1876 in Frankreich 600000, und 1876 bis 1881 800000 Personen vom Lande in die Industriestädte übersiedelten.[450] In England verringerte sich die Zahl der Landarbeiter von 1861 auf 1881 um 273000. Die Maschine spielte auch hierbei eine wichtige Rolle. So machte die Dreschmaschine nicht nur thatsächlich eine Menge Arbeiter überflüssig, sie führte auch eine andere Arbeitseinteilung herbei; das Dreschen, eine früher wochenlang sich hinziehende Arbeit vieler Hände, wurde jetzt in kürzester Zeit mit wenig menschlicher Hilfskraft erledigt.[451] Für die Frauen fiel besonders schwer der Umstand ins Gewicht, daß das Spinnen und Weben, die allgemeine Winterbeschäftigung der Landarbeiterinnen, durch die Konkurrenz der Maschine ihnen entrissen wurde. Die arbeitslosen Zeiten verlängerten sich daher für sie mehr und mehr, und diese wachsende Unsicherheit der Existenz trieb sie in die Stadt, wo sie sich eher durchschlagen zu können glaubten. Hatte doch auch der im Verhältnis hohe Lohn der Industriearbeiterin viel Verlockendes für sie. Eine französische Landmagd verdiente Mitte des vorigen Jahrhunderts z.B. selten mehr als 90 frs. im Jahr und erhielt als Ergänzung vielfach eine ungenügende Kost und Wohnung. Eine Tagelöhnerin brachte es nicht über 60 bis 75 c. täglich.[452] Aber noch andere Schwierigkeiten verbitterten das Dasein der Landarbeiterinnen: Sie waren soweit abhängig von ihren Herren, daß auch häufig die Eheschließung ihnen erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht wurde. Etwas von dem neuen Geist, der die Arbeiterwelt durchglühte, trugen erst die Eisenbahnen mit ihrer steigenden Ausdehnung in die fernen Dörfer und Gutshöfe. Den Druck der Abhängigkeit fingen die Landarbeiter an nach und nach zu spüren das Bewußtsein ihres Sklaventums, die Sehnsucht nach Freiheit dämmerte in ihnen. Stadt und Freiheit galt ihnen bald als verwandter Begriff. Je stärker das Klassenbewußtsein sich in ihnen regte, desto entschiedener strebten sie vom Lande fort. Das ländliche Gesinde, meist aus unverheirateten, daher leichter beweglichen jungen Leuten bestehend, verminderte sich am schnellsten. So kamen in Preußen auf 100 Personen der Bevölkerung gewerbliches (landwirtschaftliches) Gesinde: 1819: 8,5 1837: 7,0 1849: 6,9 1852: 6,4 1855: 6,7 1861: 5,7 1871: 3,6. In Bayern sank die Zahl des landwirtschaftlichen Gesindes von 10,8% im Jahre 1840 auf 6,6% im Jahre 1882, in Sachsen von 7,5% im Jahre 1861 auf 3,5% im Jahre 1882, in Hessen von 3,17% im Jahre 1861 auf 1,38% im Jahre 1882.[453] Wenn auch der Mangel an ländlichen Arbeitern durchaus keine neue Erscheinung ist--suchte man ihn doch schon vor fast 300 Jahren durch die Einführung des Gesinde-Zwangsdienstes zu bekämpfen--, in seiner heutigen Gestalt aber, wo er der Ausdruck des Klassenbewußtseins und nicht nur die sporadische Folge besonders drückender Verhältnisse ist, kann er als der Beginn ernster sozialer Kämpfe angesehen werden. Dasselbe gilt für die Entwicklung der Dienstbotenfrage. Es ist nicht nur die Thatsache, daß die häuslichen Arbeiter sich mehr und mehr in industrielle verwandeln, und die Hauswirtschaft zusammenschrumpft, durch die die Abnahme der häuslichen Dienstboten ihre natürliche Erklärung findet, denn thatsächlich übersteigt die Nachfrage überall das Angebot, es ist vielmehr das erwachende Selbstgefühl, das die Mädchen vom Dienstbotenberuf in immer stärkerem Maße zurücktreibt. Kaum giebt es einen Beruf, an dem die Verachtung der Handarbeit im allgemeinen, die das klassische Altertum aufweist, so unveränderlich haften geblieben ist, wie an diesem. Kein anderer erinnert aber auch bis in die neueste Zeit hinein so an die Sklaverei, wie er: Der Arbeiter verkauft hier nicht seine Arbeitskraft, sondern gewissermaßen seine ganze Person, er steht Tag und Nacht im Dienst und unter Aufsicht des Herrn. Luther gab seinerzeit nur der allgemein herrschenden Ansicht Ausdruck, wenn er das Gesinde als eine "Plage von Gott", als die "Allerunwürdigsten", als "Unflat" und "Madensack" bezeichnet, und die Zuchthaus- und Prügelstrafe als allein richtige Erziehungsmittel anführt.[454] Und der Geist Luthers spukte weiter in allen Köpfen. Die Klagen über die schlechten Dienstboten sind keine Errungenschaften moderner Damenkaffees, Am Anfang des 19. Jahrhunderts schrieb ein Arzt: "Noch nie war vielleicht eine Klasse von Menschen übermütiger, trotziger und widerspenstiger als der größte Teil unserer jetzigen Dienstboten."[455] Ueber Putzsucht und Unzucht, über Unredlichkeit und Untreue werden die beweglichsten Klagelieder angestimmt, den Ursachen dieser Fehler wird entweder gar nicht nachgeforscht, oder man sucht sie im Mangel an Erziehung und Religion. Wie diese Auffassung sich durch Jahrhunderte hindurch gleich geblieben ist, geht aus folgenden Aussprüchen hervor: "Bei den Gesindeschulen," sagt Kränitz[456], "muß man sein Hauptaugenmerk darauf richten, daß man darin frommes und gottesfürchtiges, in der Religion wohl unterrichtetes Gesinde zu erziehen suche"; und 1873 erklärt v.d. Goltz: "Die Ursache der sich durch die Jahrhunderte ziemlich gleich bleibenden Klagen über die dienende Bevölkerung liegen in der Unvollkommenheit und Sündhaftigkeit der menschlichen Natur begründet."[457] Amalie Holst sieht 1802 die Hauptursache der Sittenlosigkeit des Gesindes "in dem Mangel einer zweckmäßigen Erziehung der niederen Volksklassen,"[458] und Mathilde Weber ist keinen Schritt weiter gekommen, wenn sie 1886 schreibt: "Die Dienstbotenfrage ist vielfach ein Produkt der Nichterziehung."[459] Wo solche Ansichten über die Ursachen der "Dienstbotennot" herrschten, unter der man nicht die Not der Dienstboten, sondern die Not der Herrschaften an guten Dienstboten verstand, konnten auch die Besserungsversuche nur falsche Wege einschlagen. Keine Befreiung, sondern eine stärkere Knechtung war ihr wesentlicher Inhalt. Das spiegeln die Anfang des 19. Jahrhunderts entstandenen oder umgewandelten Dienstbotenordnungen ebenso wieder, wie alle privaten Bestrebungen auf diesem Gebiete. Die Wiederherstellung des "patriarchalischen Zustandes", jenes Märchens, das sich die deutschen Hausfrauen besonders so gern immer wieder als lautere Wahrheit einreden lassen, wird allseitig als das erwünschteste Ziel betrachtet. Daß es die rechtlichen, sozialen und ökonomischen Zustände sind, die einer Besserung dringend bedürfen, und aus denen sich sowohl die durch sie gezüchteten Eigenschaften der Dienstboten wie ihre Abnahme erklären lassen, ist bis zum 20. Jahrhundert nur sehr selten jemandem in den Sinn gekommen. Der Mangel an Dienstboten wurde immer fühlbarer und sie kehrten nicht nur ihrem Beruf den Rücken, sondern sie sprachen sich auch, wenn auch nur sehr schüchtern und vereinzelt, über ihre Lage aus. Im April 1848 fand in Leipzig sogar eine Versammlung weiblicher Dienstboten statt, die Erhöhung der Löhne, bessere Kost und längere Nachtruhe forderte. Wie es thatsächlich um alle diese Dinge stand, das schilderte 1867 ein deutscher Autor[460] folgendermaßen: "Man giebt ihnen die roheste Kost; sie müssen zu zwei und drei in Räumen schlafen, die nicht einmal den Namen einer Kammer verdienen, ja oft zu zwei in einem Bett. Und was das für Marterinstrumente, welche Pfühle voll Krankheitsstoff diese sind! Außerdem, daß die Dienstboten nicht allein vom frühen Morgen bis zum Sonnenuntergang zur Arbeit angehalten werden, können die Dienstherren doch nicht genug kriegen und verlangen darüber und immer noch mehr!" Was die Lage der häuslichen Dienstboten aber noch verschärfte, waren die sittlichen Gefahren, denen sie ausgesetzt waren. Mehr noch als andere Arbeiterinnen galten sie dem verrohten Teil der Männerwelt, besonders der gebildeten, für vogelfrei. 1866 waren in Paris fast die Hälfte der Frauen in den öffentlichen Entbindungsanstalten Dienstmädchen, und mehr als die Hälfte der unehelichen Kinder hatten Dienstmädchen zu Müttern. Wie tief die armen Mädchen sanken, beweist die Thatsache, daß zur selben Zeit unter zehn Prostituierten in Paris sich ein verführtes Dienstmädchen befand und sie den dritten Teil der Kindsmörderinnen in Frankreich ausmachten.[461] Die psychologischen, die ökonomischen und die moralischen Gründe sind nach alledem stark genug, um die Abnahme der Dienstboten begreiflich erscheinen zu lassen. Wie sich ihre Zahl im Verhältnis zur Bevölkerung veränderte, läßt sich, abgesehen von den letzten Zählungen, schwer feststellen, weil die Erhebungen ungenaue waren, das häusliche Gesinde auch vielfach mit dem landwirtschaftlichen zusammen gerechnet wurde. Einen annähernden Begriff von der Zu- resp. Abnahme der häuslichen Dienstboten giebt folgende Tabelle.[462] Auf 100 Personen der Gesamtbevölkerung kamen Dienstboten in Länder | 1811/19 | 1847/49 | 1861/66 | 1871 | 1880 | 1882 | 1885 ----------------+---------+---------+---------+------+------+------+------ Preußen| 0,9 | 1,1 |||| 3,2 | Hamburg|10,5 || 12,1| 7,5 | 6,3 | 5,7 | 4,8 Oldenburg |||| 3,1 | 2,4 || 2,5 Sachsen|||2,2||| 2,7 | Bayern || 0,9 |||| 1,7 | Mecklenburg |||| 3,6 || 2,2 | Hessen |||2,77 | 2,50 || 1,94 | Sachsen - ||||||| Altenburg |||2,1||| 1,7 | Sachsen - ||||||| Weimar |||2,4||| 1,5 | Schwarzburg- ||||||| Sondershausen |||2,0||| 1,6 | So unzulänglich und wenig beweiskräftig auch diese Zusammenstellung ist, so geht doch aus ihr schon hervor, daß auch dieser proletarische Frauenberuf,--der älteste vielleicht, den es überhaupt giebt,--im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts anfing, einer Umwandlung entgegenzugehen, die sich im weiteren Verlaufe der Zeit immer deutlicher ausprägt. Die wirtschaftliche und die soziale Entwicklung drängt eben immer stärker dazu, diejenigen Frauenberufe, die früher als die fast einzigen angesehen wurden und die in mehr oder weniger direkter Beziehung zum Hause und zur Hauswirtschaft standen, durch andere zu entwerten und abzulösen. Als ein ganz moderner Beruf, dessen rapide Ausbreitung in die jüngste Zeit fällt, ist der der Verkäuferinnen anzusehen. Während die fachmännisch vorgebildeten weiblichen Handelsangestellten meist aus bürgerlichen Kreisen stammen, strömen dem Beruf der ungelernten Verkäuferinnen immer mehr Proletariertöchter zu. Diese Bewegung begann schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts, aber es blieb bei vereinzelten Fällen. Erst als Schichten der Arbeiter sich durch Bildung und höhere Lebenshaltung, infolge besserer Arbeitsbedingungen, aus den Massen emporhoben, konnten sie für ihre Töchter an Stellungen denken, die ein gewisses Maß von feinerer Lebensart erforderten, und, äußerlich betrachtet, einige Stufen höher standen, als die der Fabrik- oder Werkstattarbeiterin. Wer näher zusah, bemerkte freilich vor lauter Schatten kaum mehr das Licht: niedriger Lohn und Ausbeutung bis zum äußersten gingen meist Hand in Hand und das enorm rasche Anwachsen der Zahl der Verkäuferinnen war leider großenteils darauf zurückzuführen, daß sie sich Bedingungen unterwarfen, die jeder Mann mit Entrüstung von sich wies. Sie thaten es nicht nur aus einer gewissen naiven Unkenntnis dessen, was sie hätten beanspruchen können, sondern auch im scharfen Konkurrenzkampf gegen die vielen Mädchen aus dem Mittelstand, die, weil sie Anschluß an ihre Eltern oder ein eigenes kleines Einkommen hatten, mit jedem Lohn, der ihnen nur ein Taschengeld war, sich zufrieden gaben. Die Zunahme der proletarischen Frauenarbeit im 19. Jahrhundert beschränkt sich auf die Industrie und den Handel. Sie ist hier wie dort eine rapide. Für die Industrie wird sie durch die großartige Entwicklung der Technik unterstützt, ja vielfach überhaupt erst durch sie ermöglicht. Das wachsende Mißverhältnis zwischen dem Einkommen der Männer und den Bedürfnissen der Familie trieb die Frauen zur Lohnarbeit; durch ihren massenhaften Eintritt in das Erwerbsleben übten sie jedoch wieder einen Druck auf die Löhne aller aus. Sie befinden sich demnach in einem Zirkel, aus dem ein Entrinnen unmöglich scheint. Die Abnahme der proletarischen Frauenarbeit in der Landwirtschaft und im Hausdienst ist teils auf ökonomische Motive,--niedrige Löhne und lange Arbeitszeit,--teils auf psychologische,--das Freiheits- und Freudebedürfnis erwachender Individualitäten,--zurückzuführen, und bei oberflächlicher Betrachtung gewinnt man den Eindruck, als sei dem entstehenden Mangel an Arbeitskräften in beiden Berufsgebieten ebensowenig abzuhelfen, wie dem Ueberangebot in Handel und Industrie. Die Erwerbsarbeit der Frauen war schon vor dem 19. Jahrhundert eine bekannte Erscheinung gewesen, aber sie bewegte sich im großen und ganzen in den Grenzen des Hauses und dessen, was man unter spezifisch weiblicher Arbeit verstand. Ihr massenhaftes Heraustreten aus dem Hause, ihr Zusammenströmen in den Betrieben der Großindustrie, ihre durch die Maschine bedingte veränderte Organisation, die die Frau von der Stellung eines gewissermaßen selbständigen Handwerkers, der seine Arbeit in all ihren Teilen allein ausführte, zur Teilarbeiterin und Bedienerin der Maschine herabsinken ließ, rief eine Umwandlung hervor, die einer Neuschöpfung gleich kam. Die moderne Proletarierin hat mit der Arbeiterin vergangener Zeiten nicht mehr viel gemein. Und sie hat vieles vor ihr voraus. Denn die Maschine, die sie in Not und Elend stürzte, hilft ihr auch, sich daraus zu befreien. Ohne sie wäre die Frau stets in ihrer allen Fortschritt hemmenden Vereinzelung geblieben. Durch sie wurde sie dem Heere der Proletarier eingegliedert, der reiche Strom ihrer Liebe und ihres Mitempfindens wurde über den Kreis der Familie hinausgeführt; sie lernte leiden mit ihren Arbeitsgenossen, und wird mit derselben Hingebung auch mit und für sie kämpfen lernen, mit der sie einst nur für ihr eigen Fleisch und Blut gekämpft hat. 5. Die Statistik der proletarischen Frauenarbeit nach den letzten Zählungen. Um ein klares Bild des gegenwärtigen Standes der proletarischen Frauenarbeit zu gewinnen, gilt es zunächst, ihre Ausbreitung zahlenmäßig festzustellen. Diesem Bestreben stellen sich jedoch große Schwierigkeiten entgegen: die Erhebungen der verschiedenen Länder sind, was ihre grundlegenden Prinzipien sowohl wie die Art ihrer Ausführung betrifft, so abweichend voneinander, daß eine Zusammenstellung internationaler Ergebnisse nicht zu unbedingt richtigen Resultaten führen kann. Selbst wenn wir uns im wesentlichen auf Deutschland, Oesterreich, Frankreich, England und die Vereinigten Staaten beschränken, haben wir es mit ganz ungleichartigen Zählungen zu thun. Schon der Begriff der Berufsthätigen überhaupt ist kein feststehender, Deutschland und Oesterreich zählen, zum Teil in hohem Maße, die mithelfenden Familienangehörigen dazu, während England z.B. sie vollständig ausscheidet. Ferner ist in Frankreich, England und Nordamerika die erste Voraussetzung einer Zählung der proletarischen Arbeit dadurch nicht erfüllt, daß die soziale Schichtung, d.h. die Einteilung der Berufsthätigen in Selbständige, Angestellte, Arbeiter u.s.w., ganz fehlt oder sehr unzureichend ist. Frankreich, das in den allerdings ungenügenden Zählungen von 1881 und 1891 die soziale Schichtung in Unternehmer, Angestellte und Arbeiter vorgenommen hatte, ist in der Zählung von 1896 davon abgegangen und hat Angestellte und Arbeiter unbegreiflicherweise wieder zusammengeworfen, sodaß sie, trotz ihrer sonstigen Vorzüge, für unseren Zweck nur mit Einschränkungen brauchbar ist. England kennt nur die Einteilung in Arbeitgeber, Arbeitnehmer und auf eigene Rechnung Arbeitende, und auch diese erst in der letzten Zählung von 1891, der von 1881 fehlt fast jede Einteilung, und nur die große Detaillierung der Arbeitszweige ermöglicht eine annähernd richtige Feststellung der proletarischen Arbeit. Dasselbe gilt für Nordamerika, wo die soziale Schichtung so gut wie vollständig fehlt und nur die Ausführlichkeit in der Darstellung der einzelnen Berufe darüber hinwegzuhelfen vermag. In Oesterreich, zum Teil auch in Deutschland, sind die letzte und die vorletzte Zählung nach so verschiedenen Prinzipien erfolgt, daß auch hier ein Vergleich schwer ist. So hat man in Oesterreich neben den Selbständigen, Angestellten und Arbeitern eine vierte Schicht, die der Tagelöhner geschaffen, die bei internationalen Vergleichungen sehr störend wirkt, weil sie sich in dieser Form nirgends wiederfindet. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, daß der Begriff der "Selbständigen" ein sehr schwankender ist. Die deutsche Statistik versteht darunter sowohl die Besitzer landwirtschaftlicher Zwergbetriebe, als jede Näherin oder Putzmacherin, die auf eigene Rechnung arbeitet. Die Betriebszählung hilft diesem Uebelstande zum Teil ab, und man kann wenigstens mit ihrer Hilfe die ausgesprochen proletarischen Existenzen aussondern. Unmöglich dagegen ist es in England, wo die Schicht der "auf eigene Rechnung Arbeitenden" die große Schneiderin, ebenso wie die arme Näherin umfassen kann; und in Frankreich wieder hat man die Kleinmeister (petits patrons), die früher besonders berechnet wurden, in der letzten Zählung ohne weiteres den Arbeitern zugezählt. Ganz abgesehen von all diesen Bedenken in Bezug auf die einzelnen Länder, gilt für alle das gleiche: daß nämlich gerade die proletarische Frauenarbeit in ihrem ganzen Umfang schwer zu erfassen ist; teils versteckt sie sich in fast unerreichbare Erden- und Häuserwinkel, teils sind die befragten Frauen selbst zu schwerfällig und unaufgeklärt, um genaue Antworten geben zu können. Die folgenden Tabellen, die auf Grund eines so unzureichenden Materials zusammengestellt wurden, machen daher nicht den Anspruch, den Stand der proletarischen Frauenarbeit unbedingt richtig wiederzugeben. Eine Betrachtung der proletarischen Arbeit im Verhältnis zur Erwerbsthätigkeit überhaupt giebt den besten Begriff für ihre Bedeutung. | | | || |Davon||Auf 100 erwerbs- | Zähl |Erwerbs-|Davon ||Erwerbs-|waren||thätige Männer | ungs-|thätige |waren ||thätige |Arbeite-||resp. Frauen Länder |periode| Männer |Arbei- ||Frauen |rinnen || kamen | | |ter || | ||Arbei-|Arbeite- | | | || | || ter | rinnen -----------+-------+--------+-------++--------+--------++------+-------- | | | || | ||| Deutschland| 1882 |13415415|8020114|| 5541517| 4408116|| 59,78| 79,55 "| 1895 |15531841|9295082|| 6578350| 5293277|| 59,85| 80,47 | | | || | ||| Oesterreich| 1880 | 6823891|3670338|| 4688687| 3642864|| 53,79| 77,69 "| 1890 | 7780491|4363074|| 6245073| 5310639|| 56,07| 85,04 | | | || | ||| Frankreich | 1881 |10496652|4376604|| 5033604| 3635802|| 41,69| 72,23 "| 1891 |11137065|4990635|| 5191084| 3584518|| 43,91| 69,05 | | | || | ||| Verein. | 1880 |14744943|7053702|| 2647157| 2041466|| 47,84| 77,12 Staaten | 1890 |18821090|8735622|| 3914571| 2864818|| 46,41| 73,18 | | | || | ||| England u. | | | || | ||| Wales| 1891 | 8883254|5368965|| 4016230| 3113256|| 60,44| 77,51 Zunächst geht aus der Zusammenstellung hervor, daß die Frauenarbeit überhaupt einen ausgesprochen proletarischen Charakter hat: etwa drei Viertel aller erwerbsthätigen Frauen sind Arbeiterinnen. Wenn das übrigbleibende eine Viertel bisher in der Frauenbewegung allein zu Worte kam und sich mit seinen Wünschen in den Vordergrund zu drängen verstand, so ist dies ein Beweis mehr für die traurige Lage der Arbeiterinnen: sie bildeten jene große Armee der Stummen, denen die Not den Mund verschloß. Für ihre Zunahme scheint die vorstehende Tabelle nicht zu sprechen; nur in Deutschland und Oesterreich verschiebt sich der Anteil der Arbeiterinnen am weiblichen Erwerbsleben zu ihren Gunsten; in Frankreich und Nordamerika findet ein Rückgang statt, der sich für Frankreich sogar in den absoluten Zahlen ausdrückt. Diese frappierende Thatsache, die uns nur in Frankreich begegnet, wird durch die Zählung von 1896 berichtigt, da hier nur eine relative und zwar sehr geringfügige Abnahme zu konstatieren ist. Da sie jedoch, wie gesagt, Arbeiter und Angestellte zusammenrechnet, müssen beide Kategorien, um einen Vergleich zu ermöglichen, auch für 1891 zusammengezählt werden. Das Resultat ist folgendes: | | | || |Davon||Auf 100 erwerbs- | Zahl |Erwerbs-|Davon ||Erwerbs-|waren||thätige Männer | ungs-|thätige |waren ||thätige |Arbeite-||resp. Frauen Land |periode| Männer |Arbei- || Frauen |rinnen || kamen | | |ter und|| |und An- ||Arbei-|Arbeite- | | |Ange- || |gestell-|| ter | rinnen | | |stellte|| |te|| -----------+-------+--------+-------++--------+--------++------+-------- | | | || | ||| Frankreich | 1891 |11197065|5563898|| 5191084| 3735904|| 49,96| 71,97 " | 1896 |11725978|8290204|| 6152983| 4287006|| 70,61| 69,67 Was Amerika betrifft, so wird die Verschiebung in der Zusammensetzung der Erwerbsthätigen aus bürgerlichen und proletarischen Elementen durch die Zunahme der ersteren, infolge des starken geistigen Aufschwungs und der erheblich gesteigerten Anteilnahme der Frauen an bürgerlichen Berufen im Laufe des zehnjährigen Zeitraumes zur Genüge erklärt. Aber noch eine andere Thatsache springt aus der vorliegenden Tabelle ins Auge: Die enorme Vermehrung der proletarischen Frauenarbeit in Oesterreich; sie hat um fast zwei Millionen zugenommen und übersteigt die Zahl der männlichen Arbeiter um ca. eine Million--ein nirgends wiederkehrendes Verhältnis! So wenig Wert, der verschiedenen angewandten Methoden wegen, auf den Vergleich beider Zählungsresultate zu legen ist, so wichtig bleibt das Ergebnis der letzten Zählung, mit dem wir uns noch werden beschäftigen müssen. Hier sei nur darauf hingewiesen, daß es hauptsächlich dem Umstand der starken Erfassung der verheirateten arbeitenden Frauen entspringt und zweifellos Fehler schwerwiegender Art mit untergelaufen sind. Die Frage des Wachstums der proletarischen Arbeit muß aber noch von anderen Seiten beleuchtet werden, und zwar zunächst im Vergleich mit dem Wachstum der Bevölkerung: |Auf 100 männ- |Auf 100 weib- |Auf 100|Auf 100 |liche Personen|liche Personen|Arbeiter |Arbeiterinnen Länder |der ersten |der ersten |der ersten|der ersten |Zählungs- |Zählungs- |Zählungs- |Zählungs- |periode |periode |periode|periode |kommen in der |kommen in der |kommen in der|kommen in der |zweiten |zweiten | zweiten |zweiten -----------+--------------+--------------+-------------+------------- Deutschland|115 |114 | 116|120 Oesterreich|108 |108 | 119|147 Frankreich |101 |102 | 114| 99 Vereinigte | | | | Staaten |126 |124 | 124|140 Aus vorstehender Berechnung geht hervor, daß eine normale Zunahme der Arbeiter, d.h. eine, die der Zunahme der Bevölkerung entspricht, nur soweit die Männer in Betracht kommen und zwar bloß in Deutschland und Nordamerika stattgefunden hat. Die Zunahme der Arbeiterinnen ist überall eine anormale, sie übersteigt, mit Ausnahme von Frankreich, zum Teil, und wie in Oesterreich um ein Bedeutendes, die Zunahme der weiblichen Bevölkerung. In Frankreich ist die Differenz keine sehr große, ja es zeigt sich auch hier eine weit stärkere Zunahme der weiblichen Arbeiterschaft, als der weiblichen Bevölkerung, wenn wir der Berechnung die Zählungen von 1891 und 1896 zu Grunde legen. |Auf 100 männ- |Auf 100 weib- |Auf 100 |Auf 100 Ar- |liche Personen|liche Personen|Arbeiter|beiterinnen Land |der Zählung|der Zählung|der Zählung|der Zählung |von 1891 kamen|von 1891 kamen|von 1891|von 1891 |1896[463] |1896 |kamen 1896 |kamen 1896 -----------+--------------+--------------+-----------+----------- Frankreich | 100| 100,35 | 151 | 115 Für England ist es unmöglich, den Fortschritt der proletarischen Frauenarbeit allein festzustellen, weil nur die letzte Zählung eine soziale Schichtung kennt. Betrachten wir die gesamte erwerbsthätige weibliche Bevölkerung über zehn Jahr in ihrem Verhältnis zur weiblichen Bevölkerung im allgemeinen, so kann von einer wesentlichen Vermehrung nicht die Rede sein: 1881 waren von je 100 weiblichen Personen über zehn Jahr 34,05 erwerbsthätig, 1891 dagegen 34,42. Aber auch der Prozentsatz der männlichen Erwerbstätigen hat sich nicht verschoben, er betrug in beiden Zählungsperioden 83%.[464] Das Verhältnis der männlichen und weiblichen Arbeiter zu einander und seine Verschiebung im Laufe der Zeit muß gleichfalls einer näheren Betrachtung unterzogen werden. Folgende Tabelle giebt Aufschluß darüber: Länder|Zählungs-| | |Von |periode |Männer |Frauen |100 Arbeitern || | |sind || | | || | |Männer|Frauen ------------------+---------+-------+-------+------+------ Deutschland |1882 |8020114|4408116| 64,53| 35,47 "|1895 |9295082|5293277| 63,65| 36,35 Oesterreich |1880 |3670338|3642864| 50,19| 49,81 "|1890 |4363074|5310639| 45,10| 54,90 Frankreich[465]|1881 |4376604|3635802| 54,62| 45,38 "|1891 |4990635|3584518| 59,36| 40,64 "|1891 |5563898|3735904| 53,44| 46,54 "|1896 |8290204|4287006| 65,86| 34,14 England und Wales |1881 |-- |-- |-- |-- " " "|1891 |5368965|3113256| 63,30| 36,70 Vereinigte Staaten|1880 |7053702|2041466| 77,56| 22,44 " "|1890 |8735622|2864818| 75,30| 24,70 Mit Ausnahme von Frankreich wäre der Eindruck eines Zurückdrängens der Männer durch die Frauen hiernach der vorherrschende, wenn nicht aus der Tabelle auf Seite 248 schon hervorgegangen wäre, daß thatsächlich die Zunahme der männlichen Arbeiter mit der Zunahme der Bevölkerung gleichen Schritt hält, ja sie zum Teil übersteigt. Es handelt sich also wohl um eine andere Zusammensetzung, nicht aber um einen Rückgang der männlichen Arbeiter. Interessant ist bei vorliegender Tabelle das Bild, das Frankreich bietet. Auch nach der neuesten Zählung scheinen die Frauen den Männern bedeutend nachzustehen. Ein Blick auf die absoluten Zahlen der männlichen Arbeiter bringt die Erklärung dafür: danach sollen die Angestellten und Arbeiter im Laufe von nur fünf Jahren eine Zunahme von fast drei Millionen erfahren haben! Das ist, angesichts der minimalen Zunahme der Bevölkerung, selbst dann eine Unmöglichkeit, wenn in Betracht gezogen wird, daß die Zählung von 1896 die Kleinmeister (petits patrons) den Arbeitern zugerechnet hat, und es kann als das Wahrscheinlichste angenommen werden, daß die Statistik von 1891 einen großen Teil der Arbeiter nicht erfaßte. Ist das der Fall, so würde die Zusammensetzung der Arbeiter nach Geschlechtern eine andere werden. Die starke Zunahme der proletarischen Frauenarbeit wird fast immer mit einer Verdrängung der Männerarbeit in Zusammenhang gebracht. Zum Beweise dafür beruft man sich auf die oft beobachtete, im vorigen Abschnitt auch von uns angeführte Thatsache, daß durch die Einführung neuer, leichter zu handhabender Maschinen in gewissen Fabrikationszweigen Frauen an Stelle der Männer treten. Ganz abgesehen davon, daß es auch Maschinen giebt,--z.B. die Setzmaschine,--die ihrerseits wieder die Frauenarbeit verdrängen, zeigt es sich an der Hand der Statistik, daß im allgemeinen von einem Ersatz der Arbeiter durch Arbeiterinnen kaum die Rede sein kann, es sich vielmehr um Verschiebungen handelt. Die gegenteilige Behauptung ist auch eines jener auf ungenügender Kenntnis der Thatsachen beruhenden Schlagworte der Frauenbewegung. Folgende Tabelle diene zum Beweis dafür.[466] Es verblieben nämlich in der Stellung von berufslosen Familienangehörigen: Von je 1000 Personen|Deutschland|Oesterreich in der Altersklasse |-----------------+----------------- |männlich|weiblich|männlich|weiblich --------------------------+--------+--------+--------+-------- unter 20 Jahr | 742| 812| 655| 691 von 20-30 Jahr|24| 531|28| 268 " 30-40 " | 9| 743|11| 340 " 40-50 " | 7| 710| 7| 304 " 50-60 " |10| 632| 8| 267 " 60-70 " |22| 553|18| 261 " 70 Jahr und darüber| 106| 469|54| 253 Daraus geht hervor, daß in den für die Berufsarbeit entscheidenden Altersklassen kaum 1% Männer zum Eintritt in den Erwerb übrig bleibt. Man kann annehmen, daß dieses eine Prozent großenteils aus jenen physisch und moralisch Kranken besteht, die überhaupt von der Berufsarbeit ausgeschlossen sind, daß daher fast alle verfügbaren Männer zur Arbeit herangezogen wurden. Anders steht es mit den Frauen. Ihr Anteil an der Berufsarbeit fällt wesentlich in das 20. bis 30. Lebensjahr, aber auch hier ist noch fast die Hälfte der Frauen erwerbslos und diese Erwerbslosigkeit steigert sich erheblich in den Jahren, wo Mutter- und Hausfrauenpflichten die Frauen in Anspruch nehmen. Erst in späteren Jahren, zu einer Zeit, wo der Rücktritt der Männer in die Reihen der Berufslosen beginnt, wächst wieder, infolge der großen Zahl von Witwen, der Anteil der Frauen am Erwerbsleben. Jedenfalls bleiben in allen Altersklassen noch viele erwerbsfähige Frauen verfügbar, und aus ihren Reihen nimmt besonders die Industrie die ihr nötigen, aus der Männerwelt nicht zu deckenden Arbeitskräfte. Infolgedessen wird auf absehbare Zeit hinaus die proletarische Frauenarbeit im Verhältnis stärker zunehmen als die Männerarbeit, ohne daß diese durch jene gefährdet wird. Diese Auffassung kann scheinbar durch den Hinweis auf die große Zahl der Arbeitslosen entkräftet werden. Aber nur scheinbar! Denn die Arbeitslosigkeit entspringt wesentlich dem Saisoncharakter zahlreicher Berufsarten, auch die mangelhafte Organisation des Arbeitsmarkts spielt dabei eine Rolle, und Männer und Frauen werden gleicherweise von ihr heimgesucht. Die Betrachtung der proletarischen Frauenarbeit verlangt aber auch ein näheres Eingehen auf ihre Beteiligung an den einzelnen Berufsabteilungen. Sie gestaltet sich im Verhältnis zu den Männern folgendermaßen: Länder |Zählungs-|Landwirtschaft |periode | ||Männer |Frauen |Von 100 Arbeitern || | |sind || | |männlich|weiblich -------------------------+---------+-------+-------+--------+-------- Deutschland | 1882|3629959|2251860| 61,71 | 38,29 Deutschland | 1895|3239646|2388148| 57,57 | 42,43 Oesterreich | 1880|1646317|2088985| 43,70 | 56,30 Oesterreich | 1890|1962688|3652445| 34,95 | 65,05 Frankreich (nur Arbeiter)| 1881|1858131|1542407| 54,67 | 45,33 Frankreich (nur Arbeiter)| 1891|2120799|1452924| 59,34 | 40,66 Frankreich (Arbeiter u. | 1891|2166351|1482772| 59,37 | 40,63 Angestellte)|| | | | Frankreich (Arbeiter u. | 1896|3818509|1487123| 71,97 | 28,03 Angestellte)|| | | | England und Wales | 1881| 807608| 40346| 95,26 | 4,74 England und Wales | 1891| 734984| 24150| 96,82 | 3,18 Vereinigte Staaten | 1880|2208400| 399309| 84,69 | 15,31 Vereinigte Staaten | 1890|2316399| 363544| 86,43 | 13,57 Länder |Zählungs-|Industrie |periode | ||Männer |Frauen |Von 100 Arbeitern || | |sind || | |männlich|weiblich -------------------------+---------+-------+-------+--------+-------- Deutschland | 1882|3551014| 545229| 86,69 | 13,31 Deutschland | 1895|4963409| 992302| 83,35 | 16,65 Oesterreich | 1880|1193265| 449746| 72,63 | 27,37 Oesterreich | 1890|1558914| 585692| 72,69 | 27,31 Frankreich (nur Arbeiter)| 1881|1869639|1161960| 61,67 | 38,33 Frankreich (nur Arbeiter)| 1891|2146156|1173061| 64,72 | 35,28 Frankreich (Arbeiter u. | 1891|2262222|1219217| 64,98 | 35,02 Angestellte)|| | | | Frankreich (Arbeiter u. | 1896|3048030|1611078| 65,42 | 34,58 Angestellte)|| | | | England und Wales | 1881| | | | England und Wales | 1891|3926934|1466130| 72,81 | 27,19 Vereinigte Staaten | 1880|2878133| 690798| 80,65 | 19,35 Vereinigte Staaten | 1890|4236760|1206807| 77,83 | 22,17 Länder |Zählungs-|Handel und Verkehr |periode | ||Männer |Frauen |Von 100 Arbeitern || | |sind || | |männlich|weiblich -------------------------+---------+-------+-------+--------+-------- Deutschland | 1882| 582885| 144777| 80,11 | 19,89 Deutschland | 1895| 868042| 365005| 70,40 | 29,60 Oesterreich | 1880| 131043| 31039| 80,86 | 19,14 Oesterreich | 1890| 189281| 59246| 76,16 | 23,84 Frankreich (nur Arbeiter)| 1881| 304605| 119115| 71,89 | 28,11 Frankreich (nur Arbeiter)| 1891| 497655| 228656| 68,52 | 31,48 Frankreich (Arbeiter u. | 1891| 909310| 334038| 73,10 | 26,90 Angestellte)|| | | | Frankreich (Arbeiter u. | 1896|1223919| 527073| 69,90 | 30,10 Angestellte)|| | | | England und Wales | 1881| | | | England und Wales | 1891| 638423| 12556| 98,07 | 1,93 Vereinigte Staaten | 1880| 91502|4803| 95,90 | 4,10 Vereinigte Staaten | 1890| 127619| 10027| 92,72 | 7,28 Länder |Zählungs-|Persönlicher Dienst und |periode |Lohnarbeit wechselnder Art ||Männer |Frauen |Von 100 Arbeitern || | |sind || | |männlich|weiblich -------------------------+---------+-------+-------+--------+-------- Deutschland | 1882| 213746| 183836| 53,76 | 46,24 Deutschland | 1895| 198626| 233865| 45,91 | 54,09 Oesterreich | 1880| 495425| 501500| 49,70 | 50,30 Oesterreich | 1890| 620301| 588169| 51,23 | 48,77 Frankreich (nur Arbeiter)| 1881| | | | Frankreich (nur Arbeiter)| 1891| | | | Frankreich (Arbeiter u. | 1891| | | | Angestellte)|| | | | Frankreich (Arbeiter u. | 1896| | | | Angestellte)|| | | | England und Wales | 1881|5728| 95826| 5,65 | 94,35 England und Wales | 1891| 10097| 124253| 7,50 | 92,50 Vereinigte Staaten | 1880|1715733| 70179| 99,60 | 0,40 Vereinigte Staaten | 1890|1828265| 53096| 99,72 | 0,28 Länder |Zählungs-|Häusliche Dienstboten |periode | ||Männer|Frauen |Von 100 Arbeitern ||| |sind ||| |männlich|weiblich -------------------------+---------+------+-------+--------+-------- Deutschland | 1882| 42510|1282414| 3,20 | 96,80 Deutschland | 1895| 25359|1313957| 1,89 | 98,11 Oesterreich | 1880|204288| 571594| 26,53 | 73,67 Oesterreich | 1890| 31890| 424387| 6,99 | 93,01 Frankreich (nur Arbeiter)| 1881|344229| 812320| 29,76 | 70,24 Frankreich (nur Arbeiter)| 1891|226015| 699877| 24,30 | 75,70 Frankreich (Arbeiter u. | 1891|226015| 699877| 24,30 | 75,70 Angestellte)||| | | Frankreich (Arbeiter u. | 1896|199746| 661732| 23,19 | 76,81 Angestellte)||| | | England und Wales | 1881| 66262|1230406| 5,11 | 94,89 England und Wales | 1891| 58527|1386167| 4,06 | 95,94 Vereinigte Staaten | 1880|159934| 876377| 15,43 | 84,57 Vereinigte Staaten | 1890|226679|1231344| 15,50 | 84,50 Es zeigt sich dabei, daß in der Landwirtschaft die Frauenarbeit, mit Ausnahme von Deutschland und Oesterreich, wesentlich abgenommen hat, eine Abnahme, die sich für England und Amerika auch in den absoluten Zahlen ausdrückt. In der Industrie ist ihre Zunahme in Deutschland und Amerika eine raschere als die Männerarbeit, während sie in Oesterreich und Frankreich von dieser überrannt wird, obwohl eine absolute Zunahme stattfand. Ganz bedeutend rascher wächst dagegen die Frauenarbeit im Handel und Verkehr und zwar gilt das für alle Länder. Für die Lohnarbeit wechselnder Art hat überall eine Verschiebung zu Gunsten der Männer stattgefunden, die sich in Amerika sogar auf die absoluten Zahlen erstreckt. Die weiblichen Dienstboten dagegen haben, mit Ausnahme von Amerika, rascher zugenommen als die männlichen, die, wieder mit Ausnahme von Amerika, überall an Zahl bedeutend zurückgingen. Eine absolute Verminderung fand in Oesterreich und Frankreich auch für die weiblichen Dienstboten statt. Diese Darstellung illustriert aber noch nicht genau genug die Gestaltung der proletarischen Arbeit in den einzelnen Berufsabteilungen. Das prozentuale Verhältnis des Wachstums zeigt am besten die Tabelle. Zunahme resp. Abnahme der Arbeiter und Arbeiterinnen. |Landwirtschaft | Industrie | Handel und Verkehr | | | |-------------------+-------------------+------------------- |Auf 100 Länder|-------------------+-------------------+------------------- |männliche|weibliche|männliche|weibliche|männliche|weibliche |----------------------------------------------------------- | Arbeiter der ersten Zählungsperiode kommen in der zweiten ---------------+---------+---------+---------+---------+---------+--------- Deutschland |||||| 1882 bis 1890| 89|106|140|182|149|253 Oesterreich |||||| 1880 bis 1890|119|175|131|130|144|191 Frankreich |||||| 1881 bis 1891|114| 94|116|101|163|192 Frankreich |||||| 1891 bis 1896|176| 100 3/10|135|132|134|158 Vereinigte |||||| Staaten|||||| 1880 bis 1890|105| 92|113|176|139|209 |Lohnarbeit| |wechselnder Art |Dienstboten |-------------------+------------------- | Auf 100 Länder|-------------------+------------------- |männliche|weibliche|männliche|weibliche |--------------------------------------- | Arbeiter der ersten Zählungsperiode | kommen in der zweiten ---------------+---------+---------+---------+--------- Deutschland |||| 1882 bis 1890|108|127| 60|103 Oesterreich |||| 1880 bis 1890|125|117| 16| 72 Frankreich |||| 1881 bis 1891| --| --| 66| 86 Frankreich |||| 1891 bis 1896| --| --| 87| 95 Vereinigte |||| Staaten|||| 1880 bis 1890|106| 76|142|141 Vergleichen wir diese Tabelle mit dem Wachstum der Bevölkerung, wie die Tabelle es wiedergiebt, so zeigt es sich, daß die proletarische Frauenarbeit in Industrie und Handel überall bedeutend rascher zugenommen hat als die Bevölkerung, daß die Landarbeiterinnen und die Dienstboten dagegen eine starke Abnahme zeigen, oder zum mindesten weit hinter dem prozentualen Wachstum der Bevölkerung zurückblieben. Die verschiedenartige Zusammensetzung innerhalb der weiblichen Arbeiterschaft während der letzten und der vorletzten Zählungsperiode giebt einen noch drastischeren Beweis dafür: ||Von 100 Arbeiterinnen waren beschäftigt in ||------------------------------------------------- || ||Handel | |Häusliche Länder |Zählungs-|Land- || und |Lohnarbeit| Dienst- | periode |wirtschaft|Industrie|Verkehr|wechs. Art| boten -----------+---------+----------+---------+-------+----------+--------- Deutschland| 1882|51,08 |12,37 | 3,29 |4,17| 29,09 " | 1895|45,16 |18,70 | 6,90 |4,42| 24,82 Oesterreich| 1880|57,34 |12,35 | 0,85 | 13,77| 15,69 " | 1890|68,78 |11,03 | 1,12 | 11,08|7,99 Frankreich | 1891|39,69 |32,64 | 8,94 | -- | 18,73 " | 1896|34,69 |37,58 | 12,29 | -- | 15,44 Vereinigte | 1880|19,56 |32,84 | 0,24 |3,44| 42,92 Staaten | 1890|12,69 |42,13 | 0,35 |1,85| 42,98 Die Verschiebung geht danach fast durchweg zu Gunsten der Handelsangestellten und der Industriearbeiterinnen vor sich. In Bezug auf diese ist es nicht ohne Interesse, die Zählungen der Gewerbeaufsichtsbeamten zu Hilfe zu nehmen, obwohl sie immer nur einen beschränkten Kreis von Arbeitern umfassen. Nach den Berichten der deutschen Inspektoren hat sich die Zunahme der Industriearbeiterinnen folgendermaßen gestaltet:[467] | Weibliche Arbeiter | Zählungs-|------------------------- periode |absolute | Zunahme |Zahl |--------------- ||absolut|Prozent ---------+---------+-------+------- 1895| 739 755| | 1896| 781 882| 41,127| 5,7 1897| 822 462| 40,580| 5,2 1898| 859 203| 36,741| 4,5 1899| 884 239| 35,036| 4,1 Wir sehen daraus, daß zwar die Zunahme alljährlich eine sehr starke ist, daß sie aber von Jahr zu Jahr an Intensität abnimmt. Ein Schluß auf eine rasche Zunahme der männlichen Arbeiter läßt sich daraus nicht ziehen, obwohl ein Vergleich aus Mangel an statistischem Material nicht möglich ist. Die Wahrscheinlichkeit aber spricht dafür, daß auch das Tempo des Wachstums der männlichen Arbeiter sich verlangsamt hat, weil die industrielle Entwicklung gleichfalls ruhiger vorschreitet. Die entsprechenden Zahlen für Frankreich,--so vorsichtig sie auch wegen der mangelhaften Berichterstattung aufgenommen werden müssen,--sind besonders merkwürdig. Es zeigt sich nämlich, wie nachstehende Tabelle angiebt, daß dem starken Wachstum von 15% zwischen 1894 und 1896 in den nächsten zwei Jahren ein empfindlicher Rückschlag folgte: |Weibliche Arbeiter | Männliche Arbeiter |--------------------------+-------------------------- Zählungs-|absolute Zu- resp. Abnahme|absolute Zu- resp. Abnahme periode |--------------------------+-------------------------- | Zahl |absolut | Prozent| Zahl |absolut | Prozent ---------+--------+--------+--------+--------+--------+-------- 1894| 732760 | | | 1722183| | 1896| 844911 | 112,151| 15,9 | 1828403| 106,220|6,2 1898| 812591 | -32,320| -3,9 | 1820979| -7,424|0,4 Es zeigt sich aber auch, daß für die Männer, wenn auch nicht in genau demselben Maß, doch das gleiche gilt.[468] Die proletarische Frauenarbeit wird nun aber keineswegs allein durch die soziale Schicht der Arbeiterinnen erschöpft. Es giebt zweifellos auch unter den Selbständigen eine große Zahl proletarischer Existenzen, die sich allerdings nur an der Hand einer eingehenden Betriebs- und Gewerbezählung annähernd feststellen lassen und diese liegt nur für Deutschland vor.[469] Wir müssen daher hierbei auf internationale Vergleichungen ganz verzichten. Wir können aber auch in Deutschland die Proletarier unter den Selbständigen nicht völlig erfassen, weil die Einteilung der Betriebe nach ihren Größenklassen uns daran verhindert: Sie werden nämlich nur in Alleinbetriebe und Betriebe von 2 bis 5, 6 bis 20, 21 und mehr Personen eingeteilt. Für unsere Zwecke müssen wir daher bei den Alleinbetrieben stehen bleiben, während Betriebe mit 2 Personen zweifellos noch einen proletarischen Charakter tragen. Um von der Verteilung, der Zu- resp. Abnahme der Frauen in den Alleinbetrieben ein klares Bild zu bekommen, muß die Zahl der Frauen in den Gehilfenbetrieben ihnen gegenübergestellt werden, wie es in folgender Tabelle geschieht: Gewerbearten | Frauen | Ihre Zu-|Frauen in|Ihre Zu- |in Allein|resp. Ab-|Gehilfen-|resp. Ab- |betrieben| nahme |betrieben| nahme |1895 |seit 1882|1895 |seit 1882 ----------------------+---------+---------+---------+---------- Gärtnerei, Tierzucht |||| und Fischerei | 708 | 285 |17998 |10505 Industrie, Bergbau,|||| Baugewerbe | 443333 | -87753 | 1114986 | 479030 Handel, Verkehr, Gast-|||| und Schankwirtschaft| 145165 |42500 | 617115 | 385591 Wir sehen daraus, daß die weiblichen Leiter von Alleinbetrieben nur in der Industrie erheblich abgenommen haben, ein Umstand, der, wie wir aus der Zunahme der Arbeiter in den Gehilfenbetrieben sehen, nur auf die Verschiebung zu Gunsten des Mittel- und Großbetriebs zurückzuführen ist. Eine Betrachtung der Gewerbearten, in denen das weibliche Geschlecht besonders stark vertreten ist, erläutert das Gesagte noch deutlicher: Gewerbearten |Frauen in|Zu- resp.||Frauen in|Zu- resp. |Allein- |Abnahme ||Gehilfen-|Abnahme |betrieben|||betrieben| -----------------------+---------+---------++---------+--------- Strickerei und Wirkerei|15472 | -2324 || 28164 | 14950 Häkelei und Stickerei | 6178 |-336 ||6049 | 3413 Spitzen-Verfert.,||||| Weißzeugstickerei | 7802 | -8737 || 11532 | 7017 Näherei | 185716 | -58183 || 28078 | 3848 Schneiderei|89250 | 35227 || 84350 | 46746 Kleider- und ||||| Wäschekonfektion | 585 | -3886 || 35409 | 15946 Putzmacherei, ||||| künstl. Blumen |12429 | -1150 || 28874 | 11213 Handschuh, Kravatten, ||||| Hosenträger | 3995 | -4109 ||7760 | 1754 Wäscherei, Plätterei|66029 | -17662 || 27687 | 14057 Die Abnahme in den Alleinbetrieben wird fast überall durch die Zunahme in den Gehilfenbetrieben mehr als wett gemacht. Trotz dieser Konstellation, die im Interesse des Fortschritts wie in dem der Frauen selbst liegt, ist die Zahl der alleinstehenden Selbständigen immer noch eine außerordentlich hohe, wie aus folgender Tabelle hervorgeht: |Von 100|Von 100 Gewerbearten |selbständigen|selbständigen |Frauen sind |Männern sind --------------------------------+-------------+------------- Inhaber von Alleinbetrieben | 84,4 | 50,0 "" Gehilfenbetrieben| 15,6 | 50,0 " mit bis zu 5 Personen| 13,9 | 40,5 "" 6-20 Personen |1,5 |6,9 "" 21 und mehr Personen|0,2 |2,6 Aus diesen Ziffern ist die gedrückte Lage der erwerbthätigen Frauen mit aller Deutlichkeit zu ersehen: Fast alle selbständigen Frauen arbeiten allein, d.h. sie sind fast ausnahmslos Proletarierinnen. Das zeigt sich noch deutlicher, wenn wir ins Auge fassen, daß, während die männlichen Alleinmeister sich auf viele Gewerbe verteilen und häufig die Stellung kleiner Handwerker einnehmen, bei den Frauen davon kaum die Rede ist. Ueber ein Fünftel von ihnen finden wir in der Hausindustrie, zwei Fünftel in der Bekleidung und Reinigung, 18,8% im Handel, 11,3% in der Textilindustrie, 4,8% in der Gast- und Schankwirtschaft, 3,4 % in sonstigen Gewerben. Diese noch dazu auf so wenige Gewerbe sich konzentrierende Vereinzelung der Frauen ist ein schweres Hindernis auf dem Wege zu besseren Arbeitsbedingungen. In der Landwirtschaft ist das äußere Bild ein ähnliches. Rechnen wir die Selbständigen, soweit sie ein Areal von unter 2 bis 5 ha bewirtschaften, zu den Proletariern, so sind von den selbständigen Landwirtinnen nicht weniger als drei Viertel Arbeiterinnen in unserm Sinne. Nachstehende Tabelle giebt die genaueren Zahlen: Areal |Selbständige in der Landwirtschaft |Von je |------------------------------------|100 Selb- | Absolut |in Prozenten|ständigen | ||sind | Männer | Frauen | Männer | Frauen |weiblich ---------------+--------+--------+--------+---------+--------- unter 2 ha | 248209 | 177088 | 15,96 | 52,24 | 33,71 2 bis 5 " | 604562 | 74565 | 27,70 | 22,00 | 10,98 5 " 10 " | 501482 | 40059 | 22,98 | 11,82 | 7,40 10 " 50 " | 636275 | 41167 | 29,15 | 12,14 | 6,08 50 " 100 " | 62920 |4182 | 2,88 |1,23 | 6,23 100 und mehr ha| 28921 |1918 | 1,33 |0,57 | 6,21 Ueber die Zu- resp. Abnahme läßt sich leider nichts Genaueres, nach Geschlechtern gesondert, feststellen. Im allgemeinen aber kann, obwohl ein schwacher Rückgang der betreffenden Betriebe stattfand,--von 76,63% auf 76,51%,--angenommen werden, daß wenigstens die Zahl der selbständigen Inhaberinnen von Zwergbetrieben zugenommen hat; man kann darunter nämlich meist solche Frauen verstehen, die an den Grenzen der Industriestädte sogenannte "Lauben" besitzen, und hier im kleinsten Maß Gemüse, Blumen und Obst ziehen. Im Gegensatz zur Industrie, wäre diese Vermehrung von Alleinbetrieben freudig zu begrüßen, weil sie der Gesundheit der Frauen und Kinder zu Gute kommt. Auch im Handel, wo die von Frauen geleiteten Alleinbetriebe um 41% zugenommen, die von Männern geleiteten dagegen um 5% abgenommen haben, sind die Folgen keine schädlichen, die Ursachen aber sind dieselben, wie die für die steigende Erwerbsthätigkeit der Frauen überhaupt: Not, und die durch die Erträgnisse des männlichen Erwerbs nicht zu deckenden gesteigerten Bedürfnisse. Wie sehr die Thatsache, daß das Haupt der Familie sie nicht allein ernähren kann, ins Gewicht fällt, beweist ein Blick auf eine andere Seite der Frauenarbeit: die Zahl der mithelfenden Familienangehörigen. Sie für alle Berufsabteilungen festgestellt zu haben, ist bisher allein das Verdienst der deutschen Berufsstatistik von 1895. Das Ergebnis ist, daß, während fast sämtliche männliche Arbeiter,--99,2%,--Berufsarbeiter sind, von den weiblichen mehr als ein Fünftel zu den helfenden Familiengliedern gehören. Das genauere Verhältnis ist, auch unter Bezugnahme auf die Größe der Betriebe, dieses: || Von 100 berufsmäßigen||Von 100 mithelfenden || Arbeitern sind weiblich ||Familienangehörigen || in Betrieben ||sind weiblich in Betrieben Berufsarten||--------------------------||--------------------------- ||bis 5|6 bis 20|über 20 ||bis 5 |6 bis 20|über 20 ||Personen|Personen|Personen||Personen |Personen|Personen --------------++--------+--------+--------++---------+--------+-------- Landwirtschaft|| 14,3 | 25,6 | 19,9 || 76,5| 85,6 | 85,7 Industrie ||9,8 | 15,2 | 19,9 || 84,4| 77,9 | 44,2 Handel und || | | ||| | Verkehr || 44,0 | 34,0 | 20,2 || 92,9| 85,9 | 79,7 --------------++--------+--------+--------++---------+--------+-------- 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 136 137 138 139 140 141 142 143 144 145 146 147 148 149 150 151 152 153 154 155 156 157 158 159 160 161 162 163 164 165 166 167 168 169 170 171 172 173 174 175 176 177 178 179 180 181 182 183 184 185 186 187 188 189 190 191 192 193 194 195 196 197 198 199 200 201 202 203 204 205 206 207 208 209 210 211 212 213 214 215 216 217 218 219 220 221 222 223 224 225 226 227 228 229 230 231 232 233 234 235 236 237 238 239 240 241 242 243 244 245 246 247 248 249 250 251 252 253 254 255 256 257 258 259 260 261 262 263 264 265 266 267 268 269 270 271 272 273 274 275 276 277 278 279 280 281 282 283 284 285 286 287 288 289 290 291 292 293 294 295 296 297 298 299 300 301 302 303 304 305 306 307 308 309 310 311 312 313 314 315 316 317 318 319 320 321 322 323 324 325 326 327 328 329 330 331 332 333 334 335 336 337 338 339 340 341 342 343 344 345 346 347 348 349 350 351 352 353 354 355 356 357 358 359 360 361 362 363 364 365 366 367 368 369 370 371 372 373 374 375 376 377 378 379 380 381 382 383 384 385 386 387 388 389 390 391 392 393 394 395 396 397 398 399 400 401 402 403 404 405 406 407 408 409 410 411 412 413 414 415 416 417 418 419 420 421 422 423 424 425 426 427 428 429 430 431 432 433 434 435 436 437 438 439 440 441 442 443 444 445 446 447 448 449 450 451 452 453 454 455 456 457 458 459 460 461 462 463 464 465 466 467 468 469 470 471 472 473 474 475 476 477 478 479 480 481 482 483 484 485 486 487 488 489 490 491 492 493 494 495 496 497 498 499 500 501 502 503 504 505 506 507 508 509 510 511 512 513 514 515 516 517 518 519 520 521 522 523 524 525 526 527 528 529 530 531 532 533 534 535 536 537 538 539 540 541 542 543 544 545 546 547 548 549 550 551 552 553 554 555 556 557 558 559 560 561 562 563 564 565 566 567 568 569 570 571 572 573 574 575 576 577 578 579 580 581 582 583 584 585 586 587 588 589 590 591 592 593 594 595 596 597 598 599 600 601 602 603 604 605 606 607 608 609 610 611 612 613 614 615 616 617 618 619 620 621 622 623 624 625 626 627 628 629 630 631 632 633 634 635 636 637 638 639 640 641 642 643 644 645 646 647 648 649 650 651 652 653 654 655 656 657 658 659 660 661 662 663 664 665 666 667 668 669 670 671 672 673 674 675 676 677 678 679 680 681 682 683 684 685 686 687 688 689 690 691 692 693 694 695 696 697 698 699 700 701 702 703 704 705 706 707 708 709 710 711 712 713 714 715 716 717 718 719 720 721 722 723 724 725 726 727 728 729 730 731 732 733 734 735 736 737 738 739 740 741 742 743 744 745 746 747 748 749 750 751 752 753 754 755 756 757 758 759 760 761 762 763 764 765 766 767 768 769 770 771 772 773 774 775 776 777 778 779 780 781 782 783 784 785 786 787 788 789 790 791 792 793 794 795 796 797 798 799 800 801 802 803 804 805 806 807 808 809 810 811 812 813 814 815 816 817 818 819 820 821 822 823 824 825 826 827 828 829 830 831 832 833 834 835 836 837 838 839 840 841 842 843 844 845 846 847 848 849 850 851 852 853 854 855 856 857 858 859 860 861 862 863 864 865 866 867 868 869 870 871 872 873 874 875 876 877 878 879 880 881 882 883 884 885 886 887 888 889 890 891 892 893 894 895 896 897 898 899 900 901 902 903 904 905 906 907 908 909 910 911 912 913 914 915 916 917 918 919 920 921 922 923 924 925 926 927 928 929 930 931 932 933 934 935 936 937 938 939 940 941 942 943 944 945 946 947 948 949 950 951 952 953 954 955 956 957 958 959 960 961 962 963 964 965 966 967 968 969 970 971 972 973 974 975 976 977 978 979 980 981 982 983 984 985 986 987 988 989 990 991 992 993 994 995 996 997 998 999 1000