Zuhörern machten, aber während die einen,--zumeist solche, die seit
Jahren viele Studentinnen mit Studenten unterrichten, wie z.B. Professor
Winter in München[371],--ihnen das größte Lob erteilen und sie den
Männern völlig gleichstellen, sprechen andere, die zumeist nur wenige,
schlecht vorbereitete Schülerinnen haben, von ihrer durchgehenden
Mittelmäßigkeit im Studium. Sind sie Mediziner, so pflegen sie den
Frauen die Befähigung zum Hebammen- und Krankenpflegerinnenberuf
zuzuerkennen, sie ihnen aber für den ärztlichen vollständig
abzusprechen; sind sie Juristen, so möchten sie ihnen den Bureaudienst
zwar überlassen, halten sie aber für unfähig, als Advokaten oder Richter
zu praktizieren. Demgegenüber stößt uns nicht nur wieder die Frage auf,
ob denn die bisher gemachten ganz minimalen Erfahrungen zu solchen
Urteilen berechtigen, sondern wir schauen uns unwillkürlich unter den
männlichen Studenten, den männlichen Aerzten etc. um und fragen uns, ob
denn hier nicht auch die Mittelmäßigkeit dominiert, ja, ob die Begabung
überhaupt der Maßstab dafür ist, zu welchem Beruf ein junger Mann sich
vorbereitet. Giebt nicht der Geldbeutel und der Stand des Vaters fast
allein den Ausschlag? Sind aber die Männer trotzdem von der
Minderwertigkeit des weiblichen Geschlechts fest überzeugt, so brauchten
sie ja seine Konkurrenz nicht zu fürchten. Wer aber beiden Geschlechtern
durchschnittlich ähnliche Fähigkeiten zuerkennt, der sollte den Eintritt
der Frauen in die bürgerlichen Berufe schon darum befürworten, damit
eine genauere Auslese der Besten möglich ist und die Mittelmäßigkeit,
die männliche und die weibliche, etwas aus ihrer herrschenden Position
gedrängt wird. Dabei darf man sich nicht verhehlen, daß dieser als Folge
der Frauenbewegung auftretende und mit ihrem Fortschreiten immer
heftiger sich gestaltende Konkurrenzkampf notwendigerweise die
unerfreulichsten Nebenresultate zeitigen muß: der Egoismus, der
Brotneid, die geistige Ueberanstrengung und körperliche
Vernachlässigung, die dadurch schon unter den Männern hervorgebracht
werden, müssen nach und nach auch auf die Frauen korrumpierend wirken.
Das abzuleugnen, wäre ebenso thöricht, als es thöricht ist, von der
Zulassung zu den Universitäten und den bürgerlichen Berufen die
Befreiung der Frau zu erwarten.
Freunde der Frauen, die sich vor einseitigen Urteilen hüten und die
Notwendigkeit ihrer Berufsarbeit anerkennen, sehen aber neben diesen
daraus entstehenden Uebeln noch andere und behaupten, daß der Eintritt
der Frauen in das Berufsleben nicht nur auf sie selbst schädlich,
sondern vor allen Dingen auf den Fortschritt der Welt hemmend einwirken
muß. Und zwar berufen sie sich dabei auf den alten Erfahrungssatz: das
weibliche Geschlecht hat noch kein Genie hervorgebracht.
Urteilslose Anhänger des Feminismus pflegen dem unbedingt zu
widersprechen, indem sie ihren ganzen Namensvorrat berühmter Frauen von
Sappho und Hypatia an bis auf Sonja Kowalewska vor uns ausbreiten.
Betrachten wir sie aber genau und ohne Voreingenommenheit, so ist das
Ergebnis dieses: Von den Dichterinnen und Gelehrten des Altertums ist
uns fast nur der Name geblieben, mehr als ihre Werke interessierte stets
ihre Persönlichkeit. Die Leistungen der weiblichen Gelehrten neuerer und
neuester Zeit sind achtungswert, zum Teil hervorragend, sie zeugen von
ernstem Studium und großem Fleiß und überragen diejenigen vieler Männer
der Wissenschaft, aber eine wirklich geniale Leistung, eine
bahnbrechende wissenschaftliche That ist ihnen bisher nicht gelungen.
Die Freunde der Frauenbewegung pflegen hier die Erklärung abzugeben, daß
die Erziehung des weiblichen Geschlechts, seine soziale Gebundenheit,
seine Ausschließung von den wissenschaftlichen Lehranstalten die Ursache
hiervon sei. Sie haben nicht unrecht. Nur wenige Frauen haben freie Bahn
gehabt für ihre Entwicklung, erst die neueste Zeit beginnt sie langsam
auf gleiche Stufe zu stellen mit den Männern, und statt über die
geringen Leistungen der Frauen zu spotten, sollte man staunen über das,
was sie, trotz der Ungunst der Verhältnisse, geleistet haben. Der Mangel
an weiblichen Genies aber läßt sich dadurch noch nicht zur Genüge
erklären und er fällt noch mehr in die Augen, wenn wir das Gebiet der
Kunst, zu dem der Zutritt überdies den Frauen viel leichter gemacht
wird, mit in den Kreis der Beobachtung ziehen. Auch hier viel Talente,
starke Begabungen, besonders solche reproduzierender Art, aber keine
schöpferische Kraft. Selbst große Dichterinnen wie Annette v.
Droste-Hülshoff, Elisabeth Barrett-Browning, Ada Negri, erreichen auch
nicht von ferne die Höhen der Klassiker; im Drama stehen die Frauen
sogar zweifellos unter dem Durchschnitt der männlichen Dichter. Ihre
große Neigung zur Musik hat noch nicht eine Komponistin hervorgebracht,
die sich mit männlichen Komponisten zweiten und dritten Rangs messen
könnte, und keine der berühmten Malerinnen kann beanspruchen, mehr als
Tüchtiges geleistet oder gar neue Wege gewiesen zu haben. Greifen wir
noch auf andere Gebiete über, auf denen genialer Erfindungsgeist zum
Ausdruck kommen kann, so bleibt doch der Eindruck derselbe: Die Frauen
haben auch im Umkreis naheliegender Interessen, wie in der Kochkunst,
der Wäscherei und Schneiderei, keinerlei umwälzende Leistungen zu
verzeichnen, obwohl es eine ganze Reihe von Frauen giebt, die allerhand
sehr nützliche Erfindungen machten. Alledem gegenüber ist man häufig zu
dem Resultat gekommen, das die geniale Begabung der Frau keine
produktive, sondern eine reproduktive sei, da es mehr große
Schauspielerinnen als Schauspieler, mehr bedeutende weibliche als
männliche Virtuosen gäbe. Ich glaube, daß eine Entscheidung hierüber
sich kaum treffen läßt, und daß sie nur in Betreff der Schauspielerinnen
zu Gunsten der Frauen ausfallen könnte. Ich bin vielmehr der
Ueberzeugung, daß die Genialität der Frau auf einem ganz anderen Gebiet
sich zu äußern bestimmt ist, auf einem Gebiet, das sich erst jetzt der
Menschheit erschließt.
Wir haben gesehen, daß die von den Frauen bevorzugten Berufe--die der
Erzieherin und Schulinspektorin, der Pflegerin und Aerztin, der
Armenpflegerin und Fabrikinspektorin, der Handelsangestellten und
Bureaubeamtin--der Mütterlichkeit ihres Wesens entsprechen, und wir
können, trotz einer nicht allzulangen Erfahrung, doch heute schon
konstatieren, daß sie sich in den von ihnen gewählten Berufen ganz
besonders auszeichnen. Wir wissen ferner, daß fast alle
Wohlthätigkeitsbestrebungen, auch die größten Stils, fast ausschließlich
den Frauen ihr Entstehen und ihre Entwicklung verdanken, daß sie sich
überall in wachsendem Maße an allem beteiligen, was unter den Begriff
Sozialreform fällt, und sowohl als Agitatoren wie als Gelehrte hier ihr
Bestes leisten. Während sie im allgemeinen am Althergebrachten zu hängen
pflegten und die schwierige Position der Avantgarde stets den Männern
überließen, wenden sie sich jetzt mit erstaunlichem Verständnis
und seltener Energie den jüngsten der Wissenschaften, den
Sozialwissenschaften, zu, und kämpfen darum, in ihren Rahmen zu
praktischer Thätigkeit zu gelangen. Sie sehen ein ungeheures Feld vor
sich, dessen Bearbeitung ihnen entspricht, in der ihre Persönlichkeit
zum vollendeten Ausdruck kommen kann, denn es handelt sich hier darum,
Mittel und Wege zu finden, um den Elenden und Schwachen zu helfen, um,
wie einst die Oekonomie des Hauses, jetzt die Oekonomie der Welt zu
begreifen, zu leiten und zu beherrschen, um an Stelle des Schwertes
Hammer, Meißel und Pflugschar als Symbol des Völkerlebens aufzurichten.
Und besteht nicht Genialität im Ausdruck der Persönlichkeit?
Darum tritt die Frau gerade jetzt so sehr in den Vordergrund, darum
nimmt die Frauenbewegung so große Dimensionen an: weil die Atmosphäre
sich bildet, in der sie frei zu atmen vermag, weil Despotismus,
Sklaverei und Krieg im Bewußtsein der Menschheit mehr und mehr als
barbarische Reste einer überwundenen Vergangenheit angesehen werden,
weil die Kraft der Muskeln an Wert verliert und die Kraft des Geistes
und Herzens langsam an ihre Stelle tritt. Wenn es auch heute, wo die
ersten Schritte auf diesem Wege gemacht werden, noch keine weiblichen
Genies giebt, die bahnbrechend vorangehen, so steht es für mich außer
allem Zweifel, daß sie kommen werden. In diesem Sinne haben die Gegner
recht, wenn sie ein Zeitalter des Feminismus voraussehen; sie haben aber
unrecht, wenn sie meinen, daß es eins der Schwäche, der Degeneration
sein wird. Denn erst die Ergänzung der männlichen Begabung durch die
weibliche, erst das Zusammenarbeiten beider Geschlechter, die ja doch
mit gleichen Daseinsrechten die Erde bevölkern, kann Wirkungen
hervorbringen, die nicht durch ihre Einseitigkeit den einen Teil
schädigen. Wären die Fähigkeiten des Geistes und Herzens gleich, so wäre
der Eintritt der Frauen in das öffentliche Leben für die Menschheit
vollkommen wertlos und würde nur auf einen noch wilderen Konkurrenzkampf
hinauslaufen. Erst die Erkenntnis, daß das ganze Wesen des Weibes ein
vom Manne verschiedenes ist, daß es ein neues belebendes Prinzip im
Menschheitsleben bedeuten wird, macht die Frauenbewegung zu dem, was sie
trotz mißgünstiger Feinde und lauer Freunde ist: einer sozialen
Revolution.
Die bürgerliche Frauenfrage, wie sie uns auf Grund der bisherigen
Untersuchungen entgegentritt, ist in erster Linie eine wirtschaftliche
Frage, die im Kampf um Arbeit am deutlichsten zum Ausdruck kommt. Sie
spitzt sich um so mehr zu, je größer der Frauenüberschuß ist, je
geringer die Heiratsaussichten, je schroffer die Gegensätze zwischen
Einnahmen und Bedürfnissen sich gestalten. Die Eröffnung der
Universitäten, der höheren Lehranstalten aller Art und der bürgerlichen
Berufe sind ein notwendiger Schritt zur Lösung der Frauenfrage; unter
den bestehenden Verhältnissen jedoch sind sie allein im Hinblick auf die
Hebung der Lage der alleinstehenden Frauen von Bedeutung, ziehen aber
auch eine Reihe von Uebelständen, die in dem immer heftiger werdenden
Konkurrenzkampf der Geschlechter zum schärfsten Ausdruck kommen, nach
sich. Angesichts dieser Folgen der Frauenemanzipation, die auch auf die
körperliche Kraft und die geistige Frische der Frauen und ihrer Kinder
nachteilig einwirken, und der Thatsache, daß von ihrer wirtschaftlichen
Befreiung erst dann die Rede sein kann, wenn die verheirateten Frauen,
die auch in der Bourgeoisie in immer ausgedehnterem Maße zum Erwerb
gezwungen sind, durch Arbeit ökonomisch selbständig zu werden vermögen,
ist eine tiefgreifende Veränderung der Arbeitsbedingungen, der Wohnungs-
und Hauswirtschaftsverhältnisse und der Formen des Familienlebens die
unausbleibliche Voraussetzung der Lösung der wirtschaftlichen Seite der
Frauenfrage. Ein Urteil über den Wert des Anteils der Frauen an der
bürgerlichen Berufsthätigkeit wird auch erst dann zu fällen möglich
sein, wenn ihre individuellen Fähigkeiten ungehemmt zur Entwicklung
gelangen können, und die eigentümliche Genialität der Frau sich
entfalten kann.
Damit ist auch über die heutige bürgerliche Frauenbewegung, die sich
weder ihrer treibenden Kräfte vollkommen bewußt wird, noch ihre letzten
Konsequenzen klar ins Auge faßt und eingesteht, das Urteil gesprochen.
Das höchste, was sie vermag, ist, die ersten Schritte auf einem Wege zu
führen, den die Frauen nur in der Gefolgschaft einer allgemeinen, beide
Geschlechter umfassenden sozialen Bewegung bis zum Ende werden gehen
können.
4. Die Entwicklung der proletarischen Frauenarbeit.
Wer die Geschichte der proletarischen Frauenarbeit im 19. Jahrhundert zu
schreiben unternehmen wollte, müßte zugleich die Geschichte der Maschine
schreiben. Sie war es, die wie ein Hexenmeister durch ihre eintönig
rasselnde Rede und ihren feuersprühenden Atem jene dunklen, endlosen
Scharen bleicher Frauen aus ihren stillen Heimstätten herauslockte und
in ihre Dienste nahm. Zwar hat es nie eine Zeit gegeben, in der nicht
durch die Handarbeit der Frau ein großer Teil der allgemeinen
Bedürfnisse befriedigt wurde, aber erst von der Zeit an, wo die Kraft
der Maschine anfing, die Muskelkraft des Menschen zu ersetzen, war es
möglich, Arbeiter ohne Muskelkraft in Massen anzustellen. Mit Hammer und
Zange, mit Hobel und Säge in der eigenen kräftigen Faust beherrschte der
Mann die Produktion; er beherrscht sie auch dann noch, wenn die
Triebkraft der komplizierteren Produktionsmittel auf Menschenkraft
beruht, aber er muß dem Weibe neben sich Platz machen, je mehr die
mechanischen Triebkräfte sich entwickeln und an Stelle der brutaleren
Eigenschaften des menschlichen Körpers Gewandtheit und Geschicklichkeit
erfordert werden. Frauen- und Kinderarbeit war daher die notwendige
Folge der aufblühenden Großindustrie.[372] Aber wie das rastlose Streben
nach technischen Vervollkommnungen keine moralischen Beweggründe--etwa
den Wunsch nach Entlastung des Menschen, nach verringerter Anstrengung
und verkürzter Arbeitszeit--hat, sondern von dem Verlangen nach
Verbilligung der Produktion beherrscht wird, so führt dasselbe Verlangen
zur Beschäftigung weiblicher Arbeiter. Die Maschine wählt die in der
Frau verkörperte billigste Arbeitskraft[373], und ihre Wahl für eine
Arbeit wird durch die Arbeitsarten bestimmt. Die Erfindung einer neuen
Maschine oder die Benutzung motorischer Kräfte kann ein ungeübtes
Mädchen den gelernten kräftigen Arbeiter ersetzen lassen. Erst die
Veränderung des Arbeitsprozesses ermöglicht also die Beschäftigung der
Frauen.[374]
Um die Wende des 18. Jahrhunderts vollzog sich jener große Umschwung auf
dem Gebiete der Technik, der von so weittragender Bedeutung für die
Entwicklung der Industrie sein sollte. Die Erfindung der Spinning-Jenny,
der Kämmmaschine, der Bobbinetmaschine, des mechanischen Webstuhls, des
Strumpfwirkerstuhls u.a.m., fiel in denselben Zeitraum wie die Erfindung
der Dampfmaschine, und eine ungeheure Umwälzung im gewerblichen Leben
war ihre Folge. In Wahrheit war es die Maschine, die den im Nebel
phantastischer Träume schwebenden demokratischen Ideen eine reale
Grundlage schaffen half: die gesteigerte Produktion entriß zahlreiche
Gebrauchsartikel dem Alleinbesitz privilegierter Klassen und führte sie
breiteren Massen des Volkes zu. An Stelle der einen Spindel, mit der der
Mensch früher spann, treten schon im Anfang des Jahrhunderts durch die
Maschine zwölf und mehr Spindeln, an Stelle der vier Nadeln, mit denen
gestrickt worden war, trat der Strumpfwirkerstuhl mit Hunderten von
Nadeln. Die Spinnmaschine war die erste, die ihren Eroberungszug durch
die Kulturwelt antrat; Ende des 18. Jahrhunderts wurde sie in England
zum erstenmal in Bewegung gesetzt, kurz darauf kam sie nach
Massachusetts, wo bis zum Jahr 1809 87 Spinnereien mit 80000
Spinning-Jennys und einem Stamm von 66000 weiblichen Arbeitern ins Leben
traten[375]; zu gleicher Zeit entstanden die drei ersten mechanischen
Spinnereien in den Rheinlanden; vom Jahre 1806 datiert die Einführung
der Spinnmaschinen in Deutschland, 1812 wurde eine von ihnen in
Mülhausen bereits mit Dampf getrieben[376], und sieben mechanische
Spinnereien waren im Oberelsaß allein im Gang.[377] Zwei Jahrzehnte
später rief die geniale Erfindung des Selbstspinners neue Umwälzungen
hervor. Aus der einen Spindel in der Hand der Frau ist die selbstthätig
arbeitende Spinnmaschine entstanden, die heute bis zu 1200 Spindeln
treibt. Aber auch sämtliche Vorbereitungsarbeiten, die früher in
langsamster und z.T. ungesundester Weise ausgeführt wurden, sind von der
Maschine übernommen worden: die Wollkämmer, die unter der
schrecklichsten Staubentwicklung, mit den primitivsten Werkzeugen
ausgerüstet, ihre Arbeit verrichteten, haben sie der bis zur höchsten
Vollkommenheit ausgebildeten Kämmmaschine übergeben müssen, und sowohl
das Waschen wie das Krempeln der Baumwolle und der Wolle geschieht auf
mechanischem Wege. Am längsten widerstand die Seidenspinnerei der
Einführung komplizierterer Maschinen. Erst neuerdings ist das
langwierige und durch die dauernde Hantierung im Wasser
gesundheitsschädliche Schlagen der Kokons mit der Hand durch Einführung
von Schlagmaschinen ersetzt worden.
Gleichen Schritt mit der technischen Vervollkommnung der Spinnerei hielt
die Weberei in allen ihren Arbeitszweigen. Während gemusterte Gewebe
früher nur auf sehr mühsame und kostspielige Weise hergestellt werden
konnten, ermöglichte die Erfindung Jacquards, die im wesentlichen auf
der Anwendung der mit dem Webstuhl in Verbindung gebrachten durchlochten
Musterkarten beruht, die Herstellung der Musterung auf mechanischem
Wege. Wozu vorher ein hoher Grad von Uebung und Kunstfertigkeit
notwendig war, das entstand jetzt mit Hilfe weniger, leicht gelernter
Handgriffe. Die Erfindung des selbstthätig arbeitenden Webstuhls, mit
dessen Problem sich schon Lionardo da Vinci beschäftigt hatte, bedeutete
einen neuen Fortschritt. Schon in den zwanziger Jahren des 19.
Jahrhunderts entstanden die ersten mechanischen Webereien in Amerika,
England und Frankreich, durch die auch die Vorbereitungsarbeiten der
Hausindustrie mehr und mehr entrissen wurden: statt daß eine Spulerin an
dem Aufwickeln einer Maschine arbeitete, drehen sich an der Maschine
fünfzig und mehr Spulen auf einmal; das Scheren und Aufbäumen, eine sehr
beschwerliche Arbeit für die Handwerker früherer Zeit, besorgt eine
Spule allein; auch das Schlichten oder Leimen, das durch Eintauchen der
Garnsträhne in verschiedenartige Lösungen oder durch Bürsten der schon
auf dem Webstuhl befindlichen Fäden besorgt wurde und nachher noch ein
langwieriges Trocknen nötig machte, besorgt eine Maschine in
erstaunlicher Geschwindigkeit. Während noch ein Jahrzehnt früher jedes
gewebte Stück zum Appretieren, Walken, Rauhen, Scheren, Färben, Drucken
und Pressen an ebensoviele andere Gewerbe überging, vereinigte die
Fabrik bald auch diese Arbeitsweisen in ihren eigenen Räumen. Das
Trocknen der appretierten Gewebe geschieht jetzt auf kupfernen, von
innen geheizten Zylindern, ist also nicht mehr von der Laune der Sonne
abhängig; das Walken des Tuchs, das unter großer Kraftanstrengung durch
die Hände des Arbeiters im warmen Wasser geschah, wird jetzt von den
schweren Hämmern der Walkmaschine besorgt; das Rauhen, das vor nicht
allzulanger Zeit in der Weise vorgenommen wurde, daß der Arbeiter mit
den rauhen Fruchtköpfen der Kardendistel das Tuch wiederholt stark
andrückend bestrich--eine sehr zeitraubende Thätigkeit--ist jetzt
durchweg Maschinenarbeit; das Scheren mit der Handschere, das Bedrucken
mit der Handpresse, wodurch große Gewerbe Beschäftigung fanden, ist
durch sie ersetzt worden. Wer heute neben der mit fabelhafter
Geschwindigkeit rotierenden Walzendruckmaschine, die bis zwanzig Farben
auf einmal in Anwendung bringen kann, den Handdrucker sehen könnte, der
sein Druckmodel dem Stoff nach und nach aufpreßt und für jede neue Farbe
immer wieder von vorne anfangen muß, oder wer zuschauen könnte, wie der
Samtweber früherer Zeiten die wie in Schläuchen aufliegenden Faden des
Gewebes mit dem Messer einzeln aufschneiden mußte, während der
mechanische Webstuhl zwei miteinander durch die Florkette verbundene
Stoffstreifen schafft, die zu gleicher Zeit mit dem Weben durch
Schneidvorrichtungen auseinandergeschnitten werden, so daß zwei
vollständig fertige Samtgewebe auf einmal entstehen--der würde sich von
dem riesigen Fortschritt der Technik ein Bild machen können, vor dem die
phantastischsten Märchenbilder verblassen müßten.
Aber noch tiefgreifender vielleicht, als auf das Spinnen und Weben, das
ja schon lange die Anwendung gewisser, wenn auch primitiver Maschinen
nötig machte, war der Einfluß der technischen Fortschritte auf die
Spitzenindustrie, die Stickerei und die Wirkerei. Alle drei Arbeitsarten
waren Jahrhunderte hindurch ausschließlich Handarbeit gewesen, die
Klöppel, die Nähnadel und die Stricknadeln die einzigen Werkzeuge. Die
Erfindung der Bobbinetmaschine, später noch vervollkommnet durch
Verbindung mit der Jacquardmaschine bedeutete geradezu eine Umwälzung
auf dem Gebiete der Spitzenerzeugung. Kaum ein Jahrzehnt nachher waren
bereits allein in England 920 solcher Maschinen im Gange und vom
einfachen Tüllgrund und dem Schleier angefangen bis zum gemusterten
Vorhang und der feinsten Besatzspitze lieferten sie in Massen, was einst
nur in wenigen Stücken den Reichsten zugänglich war. Noch tiefer griff
die erst Mitte des 19. Jahrhunderts erfundene Plattstichstickmaschine in
die häusliche Arbeit der Frauen ein. Statt daß mit der Nähnadel ein
Faden vorsichtig neben den anderen gelegt wurde, hat die Stickerin
nunmehr nichts weiter zu thun, als das kleine Musterbild mit dem Stift
des Pantographen (Storchschnabel) nachzuziehen, der die Maschine, die es
nachstickt, in Bewegung setzt. Diese Stickmaschine, bei der zunächst die
mechanische Triebkraft nicht in Anwendung gebracht werden konnte, drang
rasch in die fernsten Winkel der Hausindustrie, so daß die
Weißstickereiproduktion einen enormen Umfang annahm; sie wirkte in ihrer
weiteren Vervollkommnung aber auch noch revolutionierender auf die
Spitzenindustrie, als die Bobbinetmaschine. Indem man nämlich ein
Karbonisationsverfahren anwandte, durch das der Grundstoff oder
Stickboden der Stickerei weggeätzt wurde, entstanden außerordentlich
feine, sogenannte Luftspitzen, die manche künstlerische Gebilde früherer
Zeit in den Schatten stellen.
Wie die Plattstichmaschine, so bildete auch die erste Strickmaschine
eine Unterstützung der Hausindustrie, da sie mit der Hand getrieben
wurde, und statt des einen Paares grober Strümpfe, die eine
Handstrickerin in einem Tage fertigstellen konnte, deren 10 bis 12 Paar
erzeugte. Mit der Erfindung der mechanischen Strumpfstrickerei ging sie
notwendigerweise zum Fabrikbetrieb über. Heute erzeugt die selbstthätige
Standard-Rundstrickmaschine nicht weniger als sechs Dutzend fast völlig
fertiger Strümpfe täglich. Auch die der Strickerei so außerordentlich
ähnliche Wirkerei war zunächst für den Handbetrieb eingerichtet; ein
Handwirkerstuhl macht in der Minute bis 40000 Maschen, eine geübte
Handstrickerin höchstens 100. Neben diesen Stühlen, die nur einfache
gewirkte Stoffbreiten herstellen, entstand schon Anfang des 19.
Jahrhunderts der erste Rundstuhl, aus dem die Stoffe in Schlauchform
hervorgehen. Die Entwicklung der gewirkten Leibwäsche und des übrigen
gewirkten Unterzeuges ist auf sie zurückzuführen.
Die Thätigkeit des Arbeiters bei all diesen Maschinen, die Spinn- und
Webemaschinen eingeschlossen, beschränkt sich, sobald sie im Gang sind,
großenteils auf das Ausrücken des Stuhles, sobald ein Faden gerissen ist
und auf das Anknüpfen desselben. Neuerdings werden schon vielfach
mechanische Ausrückvorrichtungen in Anwendung gebracht, so daß die
Notwendigkeit dauernden, angestrengten Aufpassens in Wegfall kommt und
der Arbeiter nur, sobald die Maschine still steht, den gebrochenen Faden
zusammenzuknüpfen braucht. Daß diese Arbeit, die feine, gelenkige Finger
erfordert, zu einer Frauenarbeit wurde, ist selbstverständlich. Das
Weben am Webstuhl mit Hand- oder Fußbetrieb war fast immer Arbeit des
Mannes. Sobald statt der Muskelkraft die Kraft der Maschine der
Bewegungsmotor wurde, mußte er Frauen, ja selbst Kindern weichen.
Auf allen Gebieten wuchs der umgestaltende Einfluß der Maschine. Noch
erzählen unsere Großeltern, wie sie sich ihre Briefumschläge stets
mühsam selbst herstellten, wenn sie nicht in den Häusern der Aermsten
durch Kinder und Frauen mit keinen anderen Werkzeugen als Schere und
Pinsel hergestellt wurden. Heute schneiden und gummieren die Maschinen
die Kuverts und liefern bis zu 300000 täglich; und in einer anderen
Maschine braucht nur auf der einen Seite das Papier eingelegt zu werden,
damit sie die fertigen Umschläge--4000 in der Stunde!--auf der anderen
wieder herauswirft. Aehnliches geschieht in der Kartonage. An Stelle des
Zuschneidens, das kräftige Finger erfordert, stanzt die Maschine die
Formen aus, sie klebt, sie verbindet die einzelnen Teile und bei der
Ausnutzung aller Hilfsmittel der Technik bleibt der Hand wenig zu thun
übrig. Die ganze Papierfabrikation hat durch ihre große Veränderung die
Frauen in ihren Dienst gerissen. 1808 wurde der Handbetrieb zum
erstenmal durch eine Maschine ersetzt, die heute so vervollkommnet ist,
daß sie das Rohmaterial aufnimmt und selbstthätig zu fertigem Papier
verarbeitet. Auch eine andere ungeahnte Entwicklung ist das Verdienst
der Maschine: Die Verbreitung der Zündhölzchen. Sie wäre unmöglich
gewesen, wenn nicht die mechanische Herstellung der kleinen Hölzchen,
die früher Stück für Stück mit der Hand geschnitzt wurden, ihr zu Hilfe
gekommen wäre. Jetzt werden selbst die Schachteln, die die Handarbeit
armer Kinder gewesen sind, fabrikmäßig hergestellt und gefüllt--25000
täglich!
Es läßt sich schwer abmessen, welche von all diesen genialen Erfindungen
die Frauenarbeit am meisten beeinflußte; wohl aber kann ohne weiteres
behauptet werden, daß keine eine so nachhaltige, sich immer weiter
ausdehnende Wirkung hatte, als die zur selben Zeit wie die Spinn- und
Webstühle in ihrer einfachsten Gestalt auftauchende Nähmaschine. Sie
blieb lange unbeachtet. Erst als der Amerikaner Elias Howe 1844 die
erste, wirklich brauchbare Maschine erfunden hatte, verbreitete sie sich
mit einer Geschwindigkeit, die insofern nichts Erstaunliches an sich
hatte, als ihre verhältnismäßige Kleinheit, der Betrieb durch Hand oder
Fuß, ihr in jedem Haus Eingang verschaffte und sie eine Arbeit
verrichtete, die mehr als irgend eine andere, von jeher in den Händen
der Frauen gelegen hatte. Sie verzwölffachte überdies die Leistung der
Handnäherin und gab somit Aussicht auf besseren Verdienst.[378]
Auf ihrem Prinzip beruhen eine Menge anderer Maschinen: die
Knopfloch- und Knopfannäh-, die Kurbel- und Festoniermaschine, die
Handschuh-Nähmaschine, und endlich die verschiedenen, in der
Schuhwarenindustrie benutzten Nähmaschinen, deren erstes Aufkommen schon
das altehrwürdige Schuhmacherhandwerk zu untergraben anfing und den
Frauen den Eingang dazu verschaffte. Heute hat die mechanische
Herstellung der Schuhwaren einen Grad von Vollkommenheit erreicht, die
der der Weberei annähernd gleich kommt. Auch hier sind fast alle
Vorbereitungs- und Vollendungsarbeiten von der Maschine übernommen
worden: vom Ausstanzen der einzelnen Teile des Schuhs, wodurch das
Zuschneiden entbehrlich gemacht wird, dem Walken des Schaftes, das das
für den Kleinschuhmacher sehr beschwerliche Façonbiegen des Oberleders
mühelos ausführt, bis zum Glätten des fertigen Schuhs, dem Nähen der
Knopflöcher und Annähen der Knöpfe. Die moderne Schuhfabrik, in der die
meisten Maschinen durch Kraftmotoren in Bewegung gesetzt werden und die
alte vielseitige Thätigkeit des Schusters beinahe zu einer bloßen
Aufsicht führenden zusammenschrumpfte, ist eine der letzten großen
Errungenschaften des 19. Jahrhunderts. An seiner Wiege stand, wie einst
die Gaben spendenden Feen an der Wiege der Märchenprinzessin, der graue
König Dampf und ließ über ihr sein erstes, prophetisches,
eintönig-dröhnendes Lied erklingen. Er beherrschte sein Leben; unter
seinem Regiment wuchsen die subtilsten Maschinen und die gewaltigsten
Eisenkolosse hervor, er hüllte die Scharen seiner Diener und Dienerinnen
in sein eigenes schwarzgraues Gewand--das Kleid der Armut und der
Trauer. Einen neuen Zauberer sah das alternde Jahrhundert erstehen, der
mit stillem weißleuchtendem Licht seine letzten Lebensjahre überstrahlte
und der mit seiner jungen Kraft den alten Dampf zu ersticken droht. Wird
er seine Unterthanen in die Kleider des Lichts sich hüllen helfen?----
Wer seine Blicke auf die ununterbrochene Folge staunenswerter
Erfindungen richtet, die das 19. Jahrhundert hervorbrachte, und von der
sozialen und politischen Entwicklung nichts weiß, der muß erwarten, eine
von schwerer Arbeit befreite, durch die enorm gesteigerte Produktion
reich gewordene, gesunde und glückliche Menschheit vor sich zu sehen.
Aber er findet nichts von alledem. Die Maschinen, von denen hier nur
einige der für unseren Zweck wichtigsten genannt werden konnten, machten
die große Masse des Volks abhängig von ihren Besitzern; sie rissen,
soweit sie infolge ihrer große und Kompliziertheit oder der Einführung
des motorischen Betriebs das Fabriksystem zur Bedingung hatten, die
Menschen aus dem eigenen Haus, der eigenen Werkstatt heraus, beraubten
sie ihrer selbständigen Existenz und zogen auch die Frauen in ihre
Dienste, weil sie ungelernte Arbeitskräfte brauchten und die billigsten
die willkommensten waren. Darum ist die Zunahme der Frauenarbeit da am
rapidesten, wo die Benutzung der Maschine am höchsten entwickelt
ist.[379] Das zeigt sich besonders in dem Mutterlande der Großindustrie,
in England. Schon 1839 gab Lord Ashley an, daß von den 419560
Fabrikarbeitern in Großbritannien 242296 Frauen waren; in den
Baumwollfabriken waren 56-1/4%, in den Wollfabriken 69-1/2%, den
Seidenfabriken 70-1/2% und den Flachsspinnereien 70-1/2% aller Arbeiter
weiblich.[380] Und zwanzig Jahre später konstatierte der englische
Fabrikinspektor Robert Baker, daß die männlichen Arbeiter seit 1835 um
92%, die weiblichen dagegen um 131% zugenommen hatten. Auf einen
größeren Zeitraum berechnet, erhöht sich die Ziffer zu Gunsten der
Frauen noch bedeutend: Von 1841 bis 1891 ist die Zahl der männlichen
Industriearbeiter um 53%, die der weiblichen um 221% gestiegen.[381] Die
absoluten Zahlen veranschaulichen dieses Wachstum noch deutlicher[382]
(s. Tabelle).
| 1841 | 1851 |1861 |1871 |1881 |1891
| Männer|Frauen|Männer |Frauen|Männer | Frauen| Männer| Frauen|Männer | Frauen| Männer| Frauen
-------------------+-------+------+-------+------+-------+-------+-------+-------+-------+-------+-------+-------
Töpferei | 23600| 7400| 34800| 11100| 42500| 13400| 49700| 17700| 52200| 19700| 64300| 23800
Gas, Chemikalien|5800|300| 16400| 1700| 24800|1500| 34900|4100| 44000|4000| 66400|6300
Pelzwerk, Leder,| || || | | | | | | |
Leim | 31600| 2400| 44500| 6500| 47300|2300| 49400| 10200| 49400| 13300| 59100| 18200
Holzwaren, Wagen| 147500| 4900| 180200| 8900| 202200| 14100| 214200| 19500| 221600| 18400| 253600| 23300
Papier etc. |8900| 3200| 13600| 8300| 14600| 10700| 20300| 13400| 24600| 23200| 28600| 34200
Textilwaren, | || || | | | | | | |
Färberei| 346200|257600| 462400|472100| 439700| 526500| 414500| 555500| 396400| 566200| 430500| 585600
Bekleidung| 343600|177200| 397500|471200| 378600| 550900| 363300| 552700| 344700| 609300| 353800| 681300
Ernährung,| || || | | | | | | |
Getränke, Tabak | 82700| 8000| 120100| 12400| 133400| 15600| 145700| 18500| 152300| 28900| 173100| 50200
Uhren, Instrumente,| || || | | | | | | |
Spielzeug | 19600|800| 23500| 1300| 32800|2900| 35900|3000| 41700|3400| 44600|5500
Buckdruckerei, | || || | | | | | | |
Buchbinderei etc.| 21100| 1800| 30400| 3800| 41300|6200| 57600|8600| 75000| 13100| 102100| 19100
-------------------+-------+------+-------+------+-------+-------+-------+-------+-------+-------+-------+-------
Total: |1030600|463600|1324200|997900|1357200|1150100|1385500|1203200|1401900|1299500|1576100|1447500
Selbst in solchen Industrieen, für die die Frauenarbeit ganz ungeeignet
zu sein scheint, wie in den Gelbgießereien, der Minen- und
Kohlenproduktion, der Ziegelei und Backsteinmacherei waren fast
ausschließlich Frauen beschäftigt.[383]
Obwohl sich für andere Länder genauere auf längere Zeiträume sich
erstreckende Berechnungen nicht machen lassen, so spricht alles dafür,
daß die Entwicklung überall dieselbe gewesen ist. Seit 1840, wo die
Textilindustrie in Deutschland überhaupt erst anfing, Bedeutung zu
gewinnen, nahm die Frauenarbeit in erschreckender Weise zu. Die
Landmädchen strömten in Scharen in die Fabrikstädte; kleine Orte, wie
z.B. Gladbach, riefen in einem Jahr Hunderte von Frauen in ihre Mauern,
und in Krefeld war ein Frauenüberschuß von 50% die Folge.[384] In
Nord-Amerika wurden allein in den Spinnereien von Massachusetts 1816
neben 10000 Männern 66000 Frauen gezählt[385], und in den
Baumwollfabriken von 25 Staaten der Union waren 1850 schon 62661
weibliche Arbeiter beschäftigt, die zehn Jahre später auf 75169
angewachsen waren, während sich zur selben Zeit in den Wirkereien
dreimal so viel Frauen als Männer befanden.[386] Für die Vereinigten
Staaten im allgemeinen zeigt es sich, daß 1870 in der Industrie auf 100
arbeitende Männer gegen 17 Frauen, 1890 dagegen auf 100 Männer über 25
Frauen beschäftigt waren. Natürlich trat, wie es uns die Entwicklung der
Maschine schon ohne weiteres lehrt, in den verschiedenen
Industriezweigen eine mehr oder weniger starke Verschiebung der
Geschlechter ein, die, besonders in der ersten Zeit, einer Verdrängung
der Männer durch die Frauen gleich kam. So arbeiteten in 412 Fabriken in
Lancashire im Jahre 1840 10721 verheiratete Frauen und nur 5314 ihrer
Ehemänner waren in denselben Fabriken thätig, während 3927 als
anderwärts beschäftigt, 821 als arbeitslos angegeben wurden und für 659
nähere Nachrichten fehlten. Es kamen demnach auf jede Fabrik zwei bis
drei Männer, die von der Arbeit ihrer Frauen lebten. Das Bild einer vom
arbeitslosen Mann geleiteten Hauswirtschaft, für deren Unterhalt die
Frau allein sorgt, war zu jener Zeit durchaus kein seltenes.[387] Die
Maschine brauchte ihre gelenken Finger und das Unternehmertum ihre
billige Arbeitskraft. Nach Adam Smith produzierten zehn Männer zu seiner
Zeit durch Teilung der Arbeit etwa 48000 Nähnadeln täglich, Marx
berichtet, daß die Maschine in elf Stunden 145000 Nähnadeln
hervorbringt, und eine Frau vier solcher Maschinen beaufsichtigen kann,
was einer Produktion von 600000 Stück täglich gleichkommt.[388] Eine
Frau ersetzte also fast 130 Männer! In Rheims waren im Anfang des 19.
Jahrhunderts 10000 häusliche Wollkämmer vollauf beschäftigt; nach
Einführung der Kämmmaschine gab es bald keinen einzigen mehr, während
junge Mädchen an der Maschine standen.[389] In die Nägel- und
Schraubenfabrikation Englands drangen schon 1843 weibliche Arbeiter ein:
die Maschine machte die männliche Kraft entbehrlich.[390] Fünfzig Jahre
früher führte der Teppichweber das Schiffchen mit der Hand, und
produzierte 45 bis 50 englische Ellen, jetzt produziert die von einem
Mädchen beaufsichtigte Maschine 360 Ellen wöchentlich[391], d.h. sie
schafft die Arbeit von sieben Männern. Ueberall zeigt sich dasselbe
Bild: So war die Gravierung der Banknoten in England bis vor kurzem die
schwierige Arbeit von Männern, eine neue Maschine ermöglicht es,
ungelernte Frauen anzustellen, die für dieselbe Leistung statt 18 sh.
nur 12 sh. wöchentlich erhalten. In den Konservenbüchsenfabriken, wo
früher auch nur Männer für 15 bis 20 sh. wöchentlich thätig waren,
arbeiten jetzt gleichfalls Frauen für den halben Lohn und die Arbeit des
Stempelns vergoldeter Buchstaben auf Büchereinbände haben sie sogar für
ein Drittel des Männerlohnes übernommen.[392] Den größten Einfluß nach
dieser Richtung hatte die Einführung der mechanischen Spinnerei und
Weberei. An Stelle des Spuljungen, der eine Spule füllte, trat das
Spulmädchen, das zwanzig und mehr an der Maschine beaufsichtigte;
zahlreiche selbständige Kleinmeister sahen sich gezwungen, in die Fabrik
zu gehen, wo ihre Frauen und Töchter, die die alten schweren Webstühle
nicht hatten beherrschen können, ihre siegreichen Konkurrenten geworden
waren.[393] Ueberall dort, wo eine handwerksmäßige Ausbildung früher
unausbleiblich schien, aber neue Erfindungen sie überflüssig machten,
drangen die Frauen vor. So führte die Papiermachémasse sehr bald schon
weibliche Arbeitskräfte in die Spielwarenindustrie ein, die, solange das
Schnitzen und Bossieren ihren wesentlichen Inhalt gebildet hatte, ein
Privilegium der Männer gewesen war.[394] Und die Handmaler für
Porzellan, die bis 1840 ihr gutes und reichliches Einkommen hatten,
sahen sich sofort durch die Frauen beiseite geschoben, als die
Möglichkeit, Porzellan zu bedrucken, den Anlaß bot, ungeübte Mädchen für
einen Hungerlohn anzustellen.[395] Die Schuhmacherei ist, wie wir schon
gesehen haben, neuerdings derselben Wandlung unterworfen; die
Schneiderei fängt an, denselben Weg zu gehen, seitdem in den großen
Fabriken zu Leeds selbst der für ganz unentbehrlich geltende Mann, der
Zuschneider, durch die Maschine, die die Stoffe in zahllosen Lagen
ausstanzt, ersetzt wurde.
Es ist nun zwar notwendig, um von vornherein jedes schiefe Urteil zu
vermeiden, sich stets vor Augen zu halten, daß dieses scheinbare
Verdrängen der Männer durch die Frauen fast immer nur ein Verschieben
ist, und die Zahlen fast überall beweisen, daß zwar das Wachstum der
Frauenarbeit im Verhältnis bedeutend größer ist als das der Männer, jene
aber von diesen, sobald die absoluten Zahlen in Frage kommen, noch immer
bedeutend überflügelt werden; aber es ist auch begreiflich, daß die
vollständig neue Erscheinung der weiblichen Konkurrenz im Erwerbsleben,
wie sie zuerst im Anfang des 19. Jahrhunderts hervortrat, die Gemüter
außerordentlich erregte. In Verbindung mit der gefährlichen Bedrohung
des Handwerks durch die Maschine rief sie allerorten stürmische
Empörungen hervor, die zu Anfang einen revolutionären Charakter
annahmen. Jeder einzelne dieser fruchtlosen Kämpfe gegen den eisernen
Riesen, der den Boden unterwühlte, auf dem der Arbeiter fest zu stehen
glaubte, der die Bande der Familie lockerte, an denen das Glück und der
Frieden des Volkes hing, hat etwas von jener antiken Tragik an sich, die
den Helden mit der Gewalt eines Naturgesetzes der Vernichtung preis gab.
Die erste Wut richtete sich in geheimen Verschwörungen und offenen
Revolten gegen ihre blinden Werkzeuge, die Maschinen selbst. Unter dem
Jubelgeheul der Massen zerstörten die Bewohner Blackburns Hargreaves
Spinning-Jenny; kaum glaubte er in Nottingham eine Zuflucht gefunden zu
haben, als die Empörung gegen ihn und sein Werk sich bis zum
Volksaufstand steigerte und sein Haus, mit allem was es enthielt, dem
Erdboden gleich machte. Er selbst starb im Armenhause, von denen am
meisten verfolgt und verachtet, denen er sein Bestes gegeben hatte.
Gegen Cartwrights Kämmmaschine richtete sich eine so wütende Agitation
der Handkämmer, daß ihre Einführung erst Jahrzehnte nach ihrer Erfindung
möglich wurde. Jacquards Webemaschinen gingen wiederholt in Flammen auf;
er selbst sah sich wie einen Verbrecher von Land zu Land vertrieben und
Heathcoats Spitzenmaschine fiel jener geheimen Verbindung der Ludditen
zum Opfer, die sich gegen alle Maschinen verschworen hatte und ganz
England in Schrecken versetzte. Ein Kampf, wenn auch ohne Feuer und
Schwert, war es auch, wenn der Handwerker sich krampfhaft gegen die neu
eingeführte Maschine zu behaupten versuchte, indem er die Produkte
seiner Arbeit so lange im Preise herabsetzte[396], bis er auf der
untersten Stufe der Existenzmöglichkeit angekommen war, und sich nun mit
Frau und Tochter in den Dienst des Feindes begeben mußte. Systematisch
war der Feldzug, den die englischen Gewerkvereine um die Mitte des 19.
Jahrhunderts gegen die Maschine führten. Sie widersetzten sich mit allen
ihnen zu Gebote stehenden Mitteln gegen ihre Einführung; sie nahmen
lieber die Entbehrungen wochen- und mondelanger Streiks auf sich--wie
z.B. die Schuster von Northamptonshire--, als daß sie nachgegeben
hätten.[397] Und mit derselben zähen Energie versuchten sie die
Frauenarbeit nicht aufkommen zu lassen. So entspann sich ein heftiger
Kampf der Setzer gegen die 1848 zuerst angestellten Frauen, und er wurde
um so bitterer, als der Streik der Setzer von Edinburgh infolge der
weiblichen Streikbrecher mit einer Niederlage endete.[398] Zu dem Siege,
den die Pariser Setzer errungen hatten, indem die Frauen durch
gesetzliche Bestimmung von den Setzereien ausgeschlossen wurden,
gelangten sie freilich nicht.[399] Dagegen griffen die Gewerkschaften
vielfach zur Selbsthilfe. Die Bestimmung, daß kein Mitglied neben einer
Frau arbeiten dürfe, fand sich in zahlreichen Statuten und findet sich
zum Teil heute noch darin. Wo weibliche Arbeiter zum erstenmal die Thore
der Fabrik durchschritten, begegneten sie allgemeiner Verachtung, wenn
nicht gar Beleidigungen gröbster Art. Es kam häufig vor, daß sie sich
durch Hinterpförtchen in die Arbeitsräume schleichen mußten, um
überhaupt hinein zu gelangen. Was in England, wo die industrielle
Entwicklung eine rapide war, in besonders krasser Weise zu Tage trat,
das wiederholte sich, wenn auch in abgeschwächter Form, auf dem
Kontinent. Ueberall betrachteten die Männer ihre weiblichen
Arbeitsgenossen mit Haß und Mißtrauen und versuchten sich ihrer zu
entledigen. Die deutsche Handwerkerbewegung der Revolutionszeit führte
an verschiedenen Orten des Landes sogar zu kleinen Revolten gegen die
Frauen und die Berliner Schneiderinnung ging so weit, beim
Gewerbeministerium zu beantragen, daß den Frauen, mit Ausnahme der
Witwen von Schneidermeistern, das Schneiderhandwerk verboten werden
sollte, und die Modemagazine fertige Damenkleider nicht mehr verkaufen
dürften.[400] Dasselbe Gefühl, das die Innung zu diesem Antrag trieb,
beherrschte auch das Frankfurter Handwerkerparlament des Jahres 1848,
als es kategorische Gesetze gegen das Fabriksystem, durch das der große
Markt für die Frauenarbeit vorbereitet wurde, forderte.
Man hat häufig versucht, den erbitterten Kampf der Männer gegen die
Frauenarbeit ihnen zum persönlichen Vorwurf zu machen, ein Versuch, der
sich nur aus einer völligen Unkenntnis der wirtschaftlichen und sozialen
Entwicklungsgeschichte erklären läßt. Thatsächlich war und ist zum Teil
heute noch dieser Kampf ihre notwendige Begleiterscheinung. Wollte man
überhaupt einen Vorwurf erheben,--was allgemeinen Erscheinungen des
Wirtschaftslebens gegenüber immer thöricht ist,--so müßte er sich weit
eher gegen die Frauen richten. Nicht, weil sie überhaupt arbeiteten, das
war eine bittere Notwendigkeit für sie, sondern weil sie die männlichen
Konkurrenten statt durch bessere Leistungen, durch geringere Ansprüche
zu besiegen suchten. Aus der häuslichen Vereinzelung, aus der sie früher
großenteils auch dann nicht herauszutreten brauchten, wenn sie um Lohn
arbeiteten, traten sie unvorbereitet in das Gemeinschaftsleben der
Industriearbeiter hinein. Sie dachten nur an die Befriedigung der
nächsten persönlichsten Bedürfnisse, die außerordentlich geringe waren;
die jahrhundertelange Niederdrückung des weiblichen Geschlechts, die
unaufhörliche Predigt von der Demut und Bescheidenheit, die ewige
Wiederholung von der Minderwertigkeit der Frauen, an die sie schließlich
selber glaubten, rächte sich nun an den Männern: die weiblichen Arbeiter
waren mit Löhnen zufrieden, die ihnen grade nur ein Stück Brot
gewährleisteten; sie, die zu Sklaven erzogen worden waren, hatten nichts
von einer Rebellennatur mehr in sich. Sie wurden zu Streikbrechern, ohne
etwas anderes dabei zu empfinden, als Freude über Arbeitsgelegenheit;
sie ließen sich ausbeuten bis aufs äußerste und nahmen es hin, wie ein
Fatum, wenn sie nur ihren Kindern dafür einen Tag lang den schlimmsten
Hunger stillen konnten. Das Gefühl von Solidarität mit den Genossen
ihrer Arbeit müßte denen völlig fremd sein, deren höchste Tugend bisher
die gewesen war, ihr Haus allein als ihre Welt zu betrachten. So mußten
sie werden, was sie waren, und leider noch sind,--ein Jahrhundert
verwischt nicht die Spuren von Jahrtausenden--: Schmutzkonkurrenten der
Männer. Sie drückten die Löhne und machten es infolgedessen immer mehr
Männern unmöglich, ihre Familien allein zu erhalten; so zog jede neu
eintretende Industriearbeiterin Scharen anderer nach sich. Daß die
Männer eine Gefahr darin sahen, daß sie nicht blinden Auges und kalten
Herzens an der Zerstörung der Häuslichkeit und der Verwahrlosung der
Kinder vorübergehen konnten, war nur natürlich.
Nicht allzu lange sollten die Männer allein unter dem Wachstum des
Großbetriebs leiden. Ihr eigenes Schicksal wurde bald auch das der
Frauen: die Maschine, die sie in die Fabrik gezogen hatte, trieb sie
wieder hinaus. Während früher z.B. je 2 Seidenhasplerinnen 1 Mädchen zum
Schlagen der Kokons nötig hatten, versorgte die Schlagmaschine 25 und
mehr Hasplerinnen, warf also mindestens 6 Mädchen aufs Pflaster. Die
Einführung verbesserter Maschinen in den Webereien des Oberelsaß hatte
zur Folge, daß die Arbeiterzahl trotz der starken Vermehrung der
Fabriken von 23000 im Jahre 1828 auf 19000 im Jahre 1851 gesunken
war[401]; in 35 englischen Spinnereien waren 1829 1060 Spinner mehr
angestellt als 1841, obwohl die Zahl der Spindeln sich um 99000 vermehrt
hatte[402] und in den sechziger Jahren beseitigte eine einzige
verbesserte Spinnmaschine die Hälfte aller Arbeiterinnen.[403] Am
furchtbarsten waren die Folgen der Einführung der Nähmaschine. Eine
einzige Fabrik New-Yorks, die 1862 400 Nähmaschinen aufstellte, von
denen eine die Arbeit von 6 Handnäherinnen ausführte, machte ca. 2000
Näherinnen brotlos. Der Segen, den viele sich von der Nähmaschine
versprachen, weil sie der Frau ermöglichte, im eigenen Heim ihrem Erwerb
nachzugehen, verwandelte sich rasch zum Fluch: sie erschlug die
schwächsten Handarbeiter; in London lief die Zunahme des Hungertods
parallel mit ihrer Ausbreitung.[404] Da die Einführung neuer oder die
Verbesserung alter Maschinen nun keineswegs eine Steigerung der Löhne
zur Folge hatte, sondern die Entlassung von Arbeitern nur dem
Kapitalisten zu Gute kam, mußte die überflüssig gewordene menschliche
Arbeitskraft sich nach anderen Arbeitsgebieten umsehen. Sie fand sie
dort, wo auch der Handwerker seine letzte, elende Zufluchtsstätte fand,
in der Hausindustrie.
Der Begriff, der sich mit diesem Namen verbindet, ist durchaus kein
feststehender. Die deutsche Reichsstatistik, die sich in ihren beiden
letzten Berufszählungen eingehend mit der Hausindustrie beschäftigte,
versteht darunter die "Arbeit zu Hause für fremde Rechnung". Die
Bezeichnung ist vieldeutig, sie kann z.B. nur die Heimarbeiter, d.h.
diejenigen, die im eignen Wohnraum für die Unternehmer beschäftigt sind,
umfassen und die Werkstattarbeiter ausschließen. Das geschieht
ausdrücklich durch die neueste belgische Statistik, die als
Hausindustrielle nur diejenigen ansieht, "die bei sich zu Hause auf
Rechnung von Fabrikanten oder Kaufleuten arbeiten". Das österreichische
Handelsministerium hat gleichfalls den Begriff der Hausindustrie darauf
beschränkt, indem es "Erwerbsarbeiter in eigener Werkstätte ohne
gewerbliches Hilfspersonal" höchstens mit Angehörigen des eigenen
Hausstands, darunter verstanden wissen will. Auch die Gelehrten sind
verschiedener Meinung: so wird z.B. auf der einen Seite die
Hausindustrie als Großvertrieb von Waren, die im Kleinbetriebe
hergestellt werden[405], bezeichnet, während nicht die Art des
Vertriebes, sondern die des Betriebes sie kennzeichnet, auf der anderen
erklärt man sie für großindustrielle Arbeit in kleinen Werkstätten und
in der Wohnung[406], wobei wieder die Bezeichnung "klein" ein
schwankendes Bild giebt. Die sinngemäßeste, die Sache klar bezeichnende
Erklärung dagegen ist diese: Hausindustrie ist diejenige Betriebsform
der kapitalistischen Unternehmung, bei welcher die Arbeiter in ihren
eigenen Wohnungen oder Werkstätten beschäftigt werden.[407]
Mit der Hausindustrie früherer Zeiten hat diese fast nur noch den Namen
gemein, sie ist ein modernes Erzeugnis der Großindustrie. Einerseits
nährt sie sich vom untergehenden Handwerk,--der einst selbständige
Meister wird zum Verleger,--andererseits von der um jeden Preis sich
verkaufenden menschlichen Arbeitskraft, die in den Industriestädten
infolge der sich zusammendrängenden proletarischen Bevölkerung
massenhaft emporschießt oder vereinzelt in abseits liegenden
Gebirgsthälern und Hochplateaus zu finden ist. Besonders das billige
Produktionsmittel, die weibliche Arbeitskraft, konnte die Industrie sich
nicht entgehen lassen. Mit der Möglichkeit der Arbeitszerlegung, der
Ausgabe von Teilarbeiten aus dem Betrieb, verstärkte sich noch die
Tendenz, die Hausindustrie groß zu ziehen. Dazu kam, daß nicht nur die
Ersparnisse in Bezug auf die Löhne sich als bedeutende erwiesen: sowohl
die Kosten für Miete, Instandhaltung der Fabrik, Beleuchtung,
Beaufsichtigung kamen in Fortfall und das beförderte selbstverständlich
eine weitere Dezentralisierung des Großbetriebs. Beweis hierfür ist
unter anderem die Rückentwicklung des Cigarrengroßbetriebs zur
Hausindustrie; 1882 betrug in Deutschland die Verschiebung vom Groß- zum
Kleinbetrieb 57%, 1895 59%. Die Schwächsten, die die Fabrik als die
wenigst Brauchbaren abschob, die Aermsten, die in ihrem versteckten
Elend kein Hauch der neuen Zeit berührte, die Frauen, die Kinder und die
Greise wurden die ersten Opfer der Hausindustrie. Und wieder war es die
Maschine, durch deren Hilfe sie bis in die einsamsten Berggehöfte, die
entlegensten Landstädtchen vordrang, sich in die Dachkammern und die
Keller der Großstädte einschlich. Alle Maschinen, die zum Antrieb
menschliche Kraft gebrauchen konnten und klein genug waren, um überall
Platz zu finden, sind in der Hausindustrie vertreten; der
Hausindustrielle kauft sie auf Abzahlung, nimmt sie in Pacht, oder
bekommt sie vom Fabrikanten, für den er arbeitet, geliefert.
Nähmaschinen aller Art, von der einfachsten bis zur komplizierten
Stiefelstepp- und Knopflochmaschine, rasseln in den engen Behausungen
der elendesten Sklaven des Kapitalismus; über die Strickmaschine sitzen
sie gebückt, und die Plattstichmaschine, die sich besonders in der
Schweiz verbreitet hat, macht aus den blühenden Kindern der Berge
dieselben flachbrüstigen, blassen Gesellen, wie die Fabrikarbeiter der
Großstädte es sind. Und so lange die menschliche motorische Kraft
billiger ist als Dampf und Elektrizität, werden die Unternehmer sie für
sich ausnutzen und die Hausindustrie, dieser Bastard der Großindustrie,
den sie mit der Not, ihrem Kebsweib, gezeugt hat, wird wachsen, daß sie
fast ihren Vater überragt.
Ein riesiges Arbeitsfeld eröffnete sich den Frauen durch die
Konfektionsindustrie. Vor der Erfindung der Nähmaschine gehörte die
Herstellung der Wäsche und der Kleidung im wesentlichen in das Bereich
häuslicher Thätigkeit. Hausfrau und Haustöchter, eventuell die
verfügbaren Dienstmädchen, beschäftigten sich damit. In einer späteren
Periode erst kam die im Hause der Kundschaft arbeitende Näherin als
Hilfskraft hinzu und die bei sich für die Kunden arbeitende Schneiderin
war schon ein Produkt der Neuzeit. Modegeschäfte, die mit Hilfe der
hausindustriell thätigen Näherinnen fertige Kleider verkauften, kamen
erst Mitte des 19. Jahrhunderts auf, als die Nähmaschine die
Massenproduktion ermöglichte. Sie wuchsen wie Pilze aus der Erde und
suchten sich gegenseitig zu unterbieten, was nur durch steigende
Ausbeutung der Arbeiterinnen möglich war. "Alle Näherinnen," sagte ein
englischer Arzt, "leiden an dreifachem Elend--Ueberarbeit, Luftmangel
und Mangel an Nahrung." Während der Saison saßen in London gegen 30
Mädchen in Räumen zusammen, die kaum für ein Drittel die nötige Luft
gewährten, sie schliefen zu zweien in einem Bett in engen Sticklöchern,
wenn sie überhaupt zum Schlafen kamen, denn eine ununterbrochene
Arbeitszeit von 18 bis 24, ja 26 Stunden gehörte durchaus nicht zu den
Ausnahmen; die physische Unfähigkeit, die Nadel noch länger zu führen,
war die einzige Grenze ihrer Arbeitsleistung. Gingen sie nicht
infolgedessen an Ueberarbeitung zu Grunde,--wie die arme Mary Anne
Walkley, von der Marx erzählt[408],--so drohte ihnen in der toten Zeit
der Hunger. Für 4-1/2 sh. wöchentlich arbeiteten in den vierziger Jahren
Londoner Kleidernäherinnen 16 und mehr Stunden täglich. Und doch waren
sie noch in glänzender Lage im Vergleich zu ihren Kolleginnen, die
Wäsche nähten: Für ein gewöhnliches Hemd bekamen sie--1-1/2 pence, für
elegante Hemden, deren Fertigstellung 18 Stunden Arbeitszeit erforderte,
betrug ihr Lohn 6 pence. Wochenlöhne von 2-1/2 bis 3 sh. waren bei
angestrengter Thätigkeit gang und gäbe.[409] Aber Thomas Hoods Lied vom
Hemde, das der Not der Arbeiterinnen so ergreifenden Ausdruck gab, galt
nicht nur für die armseligsten Töchter des reichen England; ihre
Unglücksgefährten verteilten sich über die ganze zivilisierte Welt. Mit
Tagelöhnen von 20 bis 50 cents sollten nicht weniger als 20000
Arbeiterinnen Bostons ihr Leben bestreiten; dieselbe Zahl von Frauen
lebte in New-York in ständigem Kampf mit Hunger und Pauperismus.[410]
Die Pariser Näherinnen der fünfziger und sechziger Jahre, die, infolge
der hohen Entwicklung der Pariser Konfektion, zu den bestgestellten
gehörten, mußten sich mit Löhnen von 40 und 60 c. täglich begnügen[411],
während, nach Berechnungen jener Zeit, 60 c. ein Minimum allein an
täglicher Nahrung gewährleisteten.[412] Dabei hatten diese sogenannt
freien Arbeiterinnen, die thatsächlich ein weit elenderes Leben führten,
als die schwarzen Sklaven Amerikas, für deren Befreiung eine ganze Welt
sich begeisterte, noch dauernd gegen eine Konkurrenz anzukämpfen, die
großenteils von jenen geschaffen wurde, die sich Wohlthäter der Armen
nennen ließen. So nötigten die Armenhäuser Londons, deren Insassen
Hemden nähten, die Näherinnen zur Herabsetzung ihrer Preise auf dasselbe
niedrige Niveau und die Klöster Frankreichs, in denen Männerhemden für
10 bis 25 c., und Babyausstattungen von 20 Stück für 1,10 fr.
hergestellt wurden, die im Jahre 1870 allein 150000 Frauen beschäftigten
und von denen Jules Simon berichtete, daß von 100 Dutzend Hemden, die in
Paris in den Handel kamen, allein 85 Dutzend in den Klöstern hergestellt
wurden[413], warfen sie mitleidlos dem Hunger oder der Prostitution in
die Arme.[414] Kein Wunder, daß 1866 doppelt so viel Frauen als Männer
der Armenpflege anheim fielen.
Dieselbe Konkurrenz drückte auch auf die Spitzenindustrie, die durch
Colberts Einfluß in Frankreich eine riesige Verbreitung gefunden hatte;
1866 waren 250000 Frauen in ihr beschäftigt. Zwanzig Jahre früher sah
Blanqui in Dieppe Arbeiterinnen, die bei fünfzehnstündiger Arbeitszeit
nicht mehr als 52 c. täglich verdienten und in den Vogesen, wo der Wert
der jährlich produzierten Spitzen auf 3 Millionen Franken berechnet
wurde, betrug ihr höchster Verdienst 80 c.[415]! Noch 1860 konstatierte
Jules Simon, daß für die Herstellung der points d'Alençon, jener
kostbaren Spitzen, bei denen Hunderte von Arbeiterinnen ihr Augenlicht
einbüßten, 75 c., und für die wunderbarsten Spitzen Belgiens, die
Brüsseler, gar nur 30 c. täglich an Lohn gezahlt wurde.[416] Die
Stickerinnen waren in derselben Lage: Von den ca. 200000, 1866 in
Frankreich beschäftigten, verdiente die größte Mehrzahl nicht mehr als
20 bis 30 c. Das Bild jener Arbeiterfamilie von Lille,--Mitte der
vierziger Jahre,--wo der Mann in guten Zeiten 2 frs., die Frau als
Spitzenarbeiterin 10 bis 15 c.(!) täglich verdiente und die vier Kinder
betteln gingen, weil sie, trotz angestrengter Arbeit, bei der
kümmerlichsten Lebenshaltung und einer Behausung 3 m unter dem
Erdboden, allein für Wohnung und Nahrung 12,75 frs. wöchentlich
gebrauchten[417],--dürfte für das Proletariat jener Zeit typisch sein.
Die Fabrikarbeiterinnen waren in keiner wesentlich besseren Lage. In den
dreißiger Jahren betrugen die Frauenlöhne in den englischen
Leinenwebereien bei einer zwölf- bis sechzehnstündigen Arbeitszeit 4 bis
5 sh. die Woche, von denen für Material noch 1 bis 2 sh. abgingen; in
den Baumwollfabriken sanken die Löhne auf 1 bis 4 sh., junge Mädchen
unter sechzehn Jahren verdienten bei zwölfstündiger Arbeitszeit oft
nicht mehr als 4 sh. in drei Wochen![418] In der Periode von 1830 bis
1845 überstieg der Verdienst der französischen Fabrikarbeiterinnen
selten 1,60 frs. pro Tag.[419] Die Seidenweberinnen Lyons erreichten bei
vierzehnstündiger Arbeitszeit nur ausnahmsweise einen höheren
Jahresverdienst als 300 frs.[420] Zwar stiegen die Löhne sowohl in der
Wollmanufaktur Frankreichs wie in der Baumwollmanufaktur des Oberelsaß
in den dreißiger Jahren von 1840 bis 1870, aber der niedrigste Lohn
betrug auch dann noch l bis 1,25 frs. und der höchste, selten erreichte,
3 frs.[421], und die Steigerung hielt weder Schritt mit der Steigerung
der Wohnungen, der Lebensmittel und sonstigen Bedürfnisse, noch war sie
eine stetig fortschreitende. Alle Krisen, denen die Großindustrie im 19.
Jahrhundert so oft unterworfen war, bedeuteten für die Arbeiterin Hunger
und Entbehrung. Die geringfügigste Trübung des geschäftlichen Horizontes
wurde von den Unternehmern gleich zu Lohnreduktionen ausgenutzt. In den
dreißiger Jahren sanken die Löhne der Weber am Niederrhein bei einer
Arbeitszeit von 1/2-5 Uhr morgens bis in die sinkende Nacht auf 1-1/2
bis 3 Thaler die Woche[422] in den schlimmen Jahren von 1845 bis 1850
waren in Krefeld allein 12000 Personen vollständig brotlos[423],--von
dem Weberelend in Schlesien gar nicht zu reden! Die große
wirtschaftliche Krisis, die infolge des Krieges zwischen den Nord- und
Südstaaten Amerikas über Europa hereinbrach, steigerte die Not aufs
neue. In Rouen feierten nicht weniger als 40000 Arbeiter, in Belfort
sanken die Frauenlöhne bis auf 20 c.[424] Kaum weniger empfindlich für
die deutschen Arbeiter waren die Jahre nach dem französischen Krieg. Die
Einnahmen sanken vielfach um 25 bis 30% und Tausende von Webstühlen
gerieten vollständig in Stillstand.[425]
Aber die industriellen Umwälzungen und die wirtschaftlichen Krisen waren
nicht die einzigen Gefahren, die die Existenz der Arbeiter bedrohten und
untergruben. Der Kapitalismus machte keinen Unterschied zwischen dem
Arbeiter und der Maschine: er verausgabte für beide nur genau so viel,
als notwendig war, um sie in Bewegung zu erhalten, und wie er jede neue
Errungenschaft der Technik freudig ergriff, wenn sie ihm einen höheren
Profit zusicherte, so war ihm jedes Mittel recht, durch das er aus der
menschlichen Maschine mehr Gewinn herauspressen konnte. Das Trucksystem
war eines dieser Mittel. Der Arbeiter wurde statt mit Geld mit
Nahrungsmitteln entlohnt, deren Preis der Unternehmer willkürlich
stellen konnte. Um die Frauen noch besonders willfährig zu machen, wurde
auf ihre Eitelkeit spekuliert: an Stelle des baren Verdienstes traten
Schürzen und Bänder, Tücher und Mützen. Wie oft kam die arme Arbeiterin
am Ende der Woche nach Hause und hatte, trotz angestrengter Arbeit
nichts, um den Hunger ihrer Kinder zu stillen. Vergebens wartete sie auf
die Heimkehr des Mannes--er saß im Kramladen seines Chefs und ließ sich
in Branntwein den Lohn auszahlen. Vielleicht brachte er noch einen Laib
Brot nach Hause,--um den doppelten Preis als er ihn von seinem Geld
hätte kaufen können! Das unverschleierte Trucksystem, d.h. die
Auszahlung des Lohnes durch Waren, war um die Mitte des neunzehnten
Jahrhunderts überall zu finden. Nach und nach versteckte es sich hinter
den Thüren der Kaufläden, die der Fabrikherr oder seine Beamten hielten,
und in denen einzukaufen der arme Arbeiter gezwungen war, wenn er die
Entlassung nicht fürchten wollte. So verkaufte der Konfektionär wie der
Zwischenmeister den Näherinnen Garn und Seide und zog ihnen durch die
Preise, die er dafür anrechnete, ein Bedeutendes von ihrem so wie so
schon kärglichen Lohne ab. So verkauft noch heute der kleine Krämer des
Dorfes, der zugleich der Verleger oder Zwischenhändler der
Hausindustriellen ist, das Material für ihre Arbeit zu Wucherpreisen an
sie.
Die Folgen dieser Ausbeutung im einzelnen darzustellen, hieße ein Buch
schreiben, dessen Bilder in seiner Grauenhaftigkeit die Phantasie eines
Höllenbreughel weit hinter sich ließen. Blicken wir in die Wohnungen
jener Sklaven der Industrie: In einem Arbeiterviertel Londons, einer
ihrer Hochburgen, hausten 1844 in 1400 kleinen Häusern 12000 Personen;
ganze Familien, ja ganze Generationen besaßen nur ein kleines Zimmer, in
dem sie lebten und arbeiteten, oft fehlte jede Art von Einrichtung, ein
Haufen Lumpen war das Bett aller. Und doch waren sie noch glücklich zu
nennen, denn nicht weniger als 50000 Menschen besaßen überhaupt kein
Obdach; sie drängten sich nachts, soweit es irgend ging, in den
Logierhäusern zusammen--Männer, Weiber, Alte, Junge, Kranke und Gesunde,
Nüchterne und Betrunkene, alle durcheinander, zu fünf und sechs in einem
Bett. Nicht anders sah es im Zentrum der Baumwollindustrie, aus dem die
Millionäre des Landes herauswuchsen, in Manchester aus. Am Irk, einem
schwarzen, stinkenden Fluß voll Schmutz und Unrat, ragten die
Arbeiterkasernen auf; um fürchterlich kleine Höfe drängten sie sich,
verräuchert, verfallen, oft ohne Thüren und Fenster, mit winzigen
Stübchen, die für zahlreiche Familien kaum zwei Betten fassen konnten;
die meisten enthielten nichts als Strohhaufen.[426] In derselben
Verfassung waren die Arbeiterquartiere in Frankreich. Schmale Straßen,
in denen kaum zwei Menschen nebeneinander gehen konnten, trennten in
Lille die Häuser voneinander. In der Mitte befand sich ein stinkender
Rinnstein, der alle Abwässer aufnahm; aus Sparsamkeitsgründen waren die
Fenster der Zimmer nicht zum Oeffnen eingerichtet und in den
überfüllten, nur mit Stroh und Lumpen eingerichteten Räumen herrschte
ein pestilenzialischer Geruch. Greisenhafte Kinder mit geschwollenen
Gliedern, zerfressen von Ungeziefer, starrten mit blöden Augen dem
Fremden entgegen, der sich in diese Hölle verirrte.[427] Welch ein Glück
für sie, daß der Tod sie fast immer von der Verdammnis zum Leben
erlöste, denn von 21000 Kindern starben 20700 vor dem fünften Jahr![428]
Zwanzig Jahre später hatten sich die Verhältnisse noch um kein Haar
gebessert![429] In Rouen waren die Zustände ähnlich: Der Eingangsflur
war zugleich offener Kanal für die Abwässer; Wendeltreppen ohne Licht
und ohne Geländer führten in die oberen Stockwerke.[430] Entsetzlich ist
das Bild, das Villermé von Mülhausen entwirft, wo infolge des raschen
industriellen Aufschwunges auf demselben Raum, den früher 7000 Menschen
innehatten, nun 20000 sich zusammendrängten. Jules Simon sah in Reims
einen feuchten, dunklen, über einem Kloset befindlichen Raum, den zwei
Arbeiterinnen und ein Ehepaar gemeinsam bewohnten; in Roubaix fand er
einen dunklen Hängeboden über einem kleinen von sechs Personen bewohnten
Zimmer, in dem eine Arbeiterin mit einem Säugling, der Tags über im
Bett angebunden wurde, hauste, und einen dunklen Raum unter einer
Treppe, 2 zu 1-1/2 m groß, den eine andere schon 2-1/2 Jahre bewohnte.
Wie groß das Elend war, bewies eine alte Frau, die, auf ihr feuchtes
Kämmerchen zeigend, ausrief: "Ich bin nicht reich, aber ich habe einen
Strohsack, Gott sei Dank!"[431] Wo die Industrie den Fuß hinsetzte,
folgte ihr die Not und der Jammer, wie ihr Schatten. So spotteten die
Wohnungsverhältnisse Berlins in den fünfziger Jahren jeder Beschreibung.
Charakteristisch für sie waren besonders die zahlreichen
Kellerwohnungen, in denen das Wasser oft 1/2 bis 3 Fuß hoch stand. Noch
1875 machten sie 10% aller Wohnungen aus; ein einziger solcher
feuchtdunkler Raum war vielfach von einem Ehepaar, Kindern,
Schlafburschen und Schlafmädchen zugleich besetzt.[432]
Kamen die Arbeiter aus ihren elenden Höhlen,--denn der Ausdruck Wohnung
erscheint solchen Behausungen gegenüber ganz ungeeignet,--in die
Werkstatt oder in die Fabrik, so fanden sie hier ähnliche Zustände
wieder. Die ersten Fabriken wurden bis tief in die zweite Hälfte des
neunzehnten Jahrhunderts hinein in alten Häusern, Klöstern und
Schlössern eingerichtet. Die Räume wurden ohne Rücksicht auf
die Sicherheit der Arbeiter auf das äußerste ausgenutzt,
sodaß sich der Einzelne nur mit großer Vorsicht zwischen den
schwingenden Rädern hindurchwinden konnte. Weder Sicherheits-, noch
Ventilationsvorrichtungen waren vorhanden. In der furchtbaren Hitze der
Baumwollspinnereien,--bis zu 37° Celsius,--schlugen die Arbeiterinnen
bis in die fünfziger Jahre die Baumwolle behufs Lockerung und Reinigung
mit Ruten, und atmeten den dichten Staub 14 bis 16 Stunden lang ein. Die
Spinnerinnen standen halbnackt vor den Maschinen, bis zu den Knöcheln im
Wasser, das zur Feuchterhaltung des Fadens notwendig war.[433] In den
Seidenspinnereien saßen die Frauen selbst im heißesten Sommer zwischen
glühendem Ofen und kochendem Wasser, in das sie immerfort ihre Finger
tauchen mußten, was schwere Erkrankungen zur Folge hatte.[434] In
feuchten, halbdunklen Kellern saßen die Spitzenarbeiterinnen, weil die
feuchtkalte Luft der Feinheit der Arbeit zu Gute kam. Dabei gab es für
diese Unglücklichen kaum ein Ausruhen; mitten im Schmutz und Staub
mußten sie hastig ihr Essen hinunterschlingen; den Kindern wurde es von
den Aufsehern häufig in den Mund geschoben, damit die Maschine keine
Sekunde still zu stehen brauchte und dem Unternehmer kein Atom Profit
entging.[435] Wohnten sie außerhalb der Fabrikstädte, so hieß es früh um
vier schon sich aufmachen, um abends um zehn erst heim zu kehren.[436]
Eine Schar bleicher, magerer Frauen, in Schweiß gebadet, ohne schützende
Hülle, bloßfüßig waten sie im Schmutz,--so schildert ein Augenzeuge die
Heimkehrenden,--daneben laufen eine Menge Kinder, nicht minder
schmutzig, nicht minder abgezehrt, bedeckt mit Lumpen, triefend vom Oel
der Maschine, das in der Fabrik dauernd auf sie niederträufelte.[437]
Kartoffeln und wieder Kartoffeln, im besten Fall etwas Hafermehl oder
ein Stückchen Hering sollen die Körperkräfte aufrecht halten, um sie
täglich aufs neue im Dienst das Kapitals aufzureiben. Und selbst dafür
reicht der karge Lohn kaum aus. Fast alle sind verschuldet, die Zahl der
Pfandleiher, zu denen nur zu oft das letzte Bett wanderte, nahm in allen
Industriezentren erschreckend rasch zu.[438]
Aus der Qual endloser Arbeit, die keinen Sonntag kannte, der die Nacht
nicht heilig war, aus den überfüllten, schmutzstarrenden Häusern, aus
den Wolken von Staub und glühendem Dampf, der die Fabriken erfüllte,
wuchs in riesenhafter Größe jenes hohläugige Gespenst hervor, das von
nun an rastlos, erbarmungslos durch die Straßen der Armen schritt und
die Luft mit seinem Hauch vergiftete: die Schwindsucht. Allein in der
Spitzenindustrie Englands kam im Jahre 1852 ein Schwindsüchtiger auf 45
Arbeiter und zehn Jahr später schon einer auf acht.[439] Kein Weber
konnte darauf rechnen, das Alter von 25 Jahren zu überleben[440] und
dann schon sah er aus wie ein Greis; von den Kindern der Weber, die
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