Auch in die Klöster, die in der ersten Zeit ihres Bestehens
Zufluchtsstätten aller Bildung waren, traten meist nur begüterte und
vornehme Frauen ein. Wurden Arme aus Gnade und Barmherzigkeit
aufgenommen, so fanden sie als Mägde Verwendung und nahmen keinen Teil
an dem vielfach reichen geistigen Leben des Klosters. Wenn daher die
Geschichte der geistigen Entwicklung des weiblichen Geschlechts verfolgt
werden soll, so darf nicht vergessen werden, daß sie sich im allgemeinen
auf die Kreise der Besitzenden beschränkt, wie die Geschichte der
Frauenarbeit fast ausschließlich nur von den besitzlosen Frauen sprechen
konnte.
Im frühen Mittelalter waren Geistliche und fahrende Spielleute die
Lehrer der vornehmen Frauen. Sie vermittelten ihnen einen Grad von
Bildung, der zwar an sich gering genug war, aber immerhin den der
Männer im allgemeinen übertraf. Hieß es doch, daß Gelehrsamkeit den Mann
furchtsam und weibisch mache und daher möglichst zu vermeiden sei.[136]
Manche Burgfrau konnte nicht nur die Heiligenlegenden, sondern auch die
Bibel im Urtext lesen. Die traurigen, durch die unaufhörlichen inneren
Wirren verursachten Zustände, verbunden mit dem Einfluß der
protestantischen Kirche, die aller Frauenbildung durchaus abhold war,
hemmten im Norden Europas die Weiterentwicklung der geistigen Hebung des
weiblichen Geschlechts. Im Süden dagegen, vor allem in Italien, wo nicht
wie im deutschen Reich die unter dem Deckmantel religiöser Kämpfe
geführten Kriege der Fürsten untereinander allen Wohlstand untergraben,
die Gemüter erhitzt und mit dem schlimmsten Fanatismus, dem religiösen,
erfüllt hatten, wurden die Thore der Wissenschaft den Frauen weiter
geöffnet als je vorher.
Auf klassischem Boden war die antike Kunst und Wissenschaft zu neuem
Leben erwacht. Alle Umstände wirkten zusammen, um diese Wiedergeburt zu
ermöglichen. Die Kleriker, die die Sprache des Horaz und des Cicero
nicht untergehen ließen, die Kreuzfahrer, die nicht nur das Morgenland,
sondern auch das Land Homers und Platos wieder entdeckten, die fahrenden
Sänger, die ihre Weisen nach denen heidnischer Dichter formten, sie alle
bahnten dem Zeitalter der Renaissance die Wege, und die blühenden
Handelsstädte mit ihrem freien Bürgertum, die glänzenden Fürstenhöfe mit
ihren an Mitteln und Muße reichen Bewohnern bildeten den Nährboden, aus
dem es seine Lebenskraft sog. Auch die Religion war kein Hindernis; der
Glanz der Kirche hatte die weltentsagenden Lehren des ursprünglichen
Christentums längst vergessen machen.
Die Frauen nahmen, soweit sie den begüterten Volksklassen angehörten,
ohne darum kämpfen zu müssen an den geistigen Schätzen teil, die in fast
unerschöpflicher Fülle gehoben wurden. Ihre Zeit und ihre Kräfte wurden
nicht mehr durch die umfangreiche hauswirtschaftliche Thätigkeit
früherer Jahrhunderte in Anspruch genommen, da Handwerk und Industrie
die Herstellung einer großen Menge Gebrauchsgegenstände übernommen
hatten und die grobe tägliche Arbeit ausschließlich den Mägden
überlassen blieb. So war es nur eine natürliche Folge der Befreiung des
begüterten Teils des weiblichen Geschlechts von einförmiger Arbeitslast,
daß er an der Kunst, die ihn umgab, an der Wissenschaft, von der er
reden hörte, lebhafteres Interesse nahm und daß einzelne, besonders
begabte Frauen gelehrte Berufe ergriffen, oder künstlerisch thätig
waren. In den Häusern der Handelsherrn und den Palästen der Fürsten
genossen die Kinder beiderlei Geschlechts von humanistisch gebildeten
Erziehern denselben Unterricht. Hervorragende Pädagogen widmeten ihre
ganze Kraft der Heranbildung ihrer Zöglinge, sodaß z.B. eine Cäcilia
Gonzaga unter Leitung Vittorinos de Feltre schon mit zehn Jahren die
klassischen Sprachen vollkommen beherrschte.[137] Aber nicht einseitige
Gelehrsamkeit war das Ziel der Erziehung, vielmehr war es die
harmonische Ausbildung der ganzen Persönlichkeit, die Individualisierung
des einzelnen Menschen.[138] Die große Errungenschaft der Renaissance
für das weibliche Geschlecht lag demnach nicht darin, daß die
Universitäten den Frauen geöffnet wurden und der Ruhm einzelner
weiblicher Gelehrten die damalige Welt erfüllte, sondern in der
Anerkennung der Frau als eines selbständischen Menschen. Die höhere Form
des Umganges zwischen den Geschlechtern, von dem die italienischen
Novellisten[139] und Biographen erzählen, ist allein schon ein Beweis
dafür. Der Inhalt der Geselligkeit bestand nicht mehr allein in den
Freuden der Tafel und der Liebe, das Weib war nicht mehr nur Schaffnerin
und Geliebte, sie nahm an wissenschaftlichen Unterhaltungen teil, vor
ihr trugen die Dante, Petrarca, Boccaccio ihre Dichtungen vor, und ihr
reifes Urteil wurde dem der Männer gleich geachtet, ja häufig wog es
schwerer, als jenes.[140] Frauen, wie Katharina Cornaro in Venedig,
Isotta Malatesta in Rimini, Aemilia Pia in Urbino, Isabella von Este in
Mantua, Veronica Gambarra in Bologna waren der Mittelpunkt geistig
lebendiger Kreise, von deren Meinung der Ruhm so mancher Dichter und
Künstler abhing. Die größere Freiheit, welche die Frauen der Renaissance
genossen, die Selbständigkeit, mit der sie ihren eigenen Ueberzeugungen
und Gefühlen folgten, hat religiöse und moralische Zeloten veranlaßt,
sie als ganz besonders sittenlose Geschöpfe hinzustellen, und manche
führen sie noch heute als Beispiele dafür an, daß das Weib verderbe,
wenn es dem Manne sich gleich stellen wolle. Ein Vergleich jedoch
zwischen den im allgemeinen geistig tief stehenden Frauen Frankreichs
und Englands im 15. und 16. Jahrhundert mit den hochgebildeten Frauen
Italiens zur gleichen Zeit, muß durchaus zu Gunsten dieser entschieden
werden.[141] Sie waren keine stillen stumpfen Dulderinnen oder
hinterlistige Intrigantinnen, sie zerrissen daher häufig die Bande
entwürdigender Ehen und folgten der Stimme ihres Herzens, und diese
höhere Sittlichkeit schloß von selbst leichtfertige Sittenlosigkeit
gerade bei den bedeutendsten unter ihnen aus.
Wo aber die allgemeine Bildung der Frauen in einseitige Gelehrsamkeit
ausartete und wo Frauen als Künstlerinnen, Dichterinnen oder Rednerinnen
öffentlich auftraten, machte sich ein Charakterzug besonders bemerkbar:
ihre Wissenschaft wie ihre Kunst trugen ein völlig männliches Gepräge,
und das höchste Lob, das ihnen gezollt wurde, war das, einen männlichen
Geist zu haben. Schon die Theologin Boulonnois, die im 13. Jahrhundert
in Bologna predigte und Professor wurde,[142] war wegen der "männlichen
Kraft" ihrer Rede berühmt. Novella d'Andrea, die holdselige Lehrerin des
kanonischen Rechts und Magdalena Buonsignori, die gepriesene Verfasserin
von "de legibus connubialibus"[143] waren Rechtsgelehrte von "männlichem
Scharfsinn". Isotta Nogarola, die vor Päpsten und Kaisern Vorträge
hielt, Cassandra Fedele, die in Padua dozierte, Ippolita Sforza, die auf
dem Kongreß zu Mantua den Papst begrüßte, Isikratea Monti und Emilia
Brembati, deren Redekunst Hunderte von Zuhörern anzog--sie alle sahen
ihren höchsten Ehrgeiz darin, ihr Geschlecht vergessen zu machen. Und so
sehr war diese Auffassung gang und gäbe, daß sogar bedeutende Frauen
vor sich selbst das Gelübde der Keuschheit ablegten, weil sie zwischen
dem Dienst der Wissenschaft oder Kunst und dem physischen Leben des
mütterlichen Weibes keine harmonische Verbindung fanden. Zu ihnen
gehörte Vittoria Colonna, die gefeierte Dichterin, die unsterbliche
Freundin Michelangelos.[144] Auch sie vermochte, trotz der geistigen
Höhe, auf der sie stand, trotz der geistigen Kraft, die ihr eigen war,
die Kluft zwischen dem Weibe als Geschlechtswesen und dem Weibe als
Künstlerin und Gelehrte nicht zu überbrücken. Und an diesem Punkt mußten
die Frauen der Renaissance scheitern, weil die Rolle, die sie als
ausübende, nicht nur als anregende und urteilende Kräfte im geistigen
Leben spielten, nicht das Ergebnis einer aus der inneren Entwicklung des
gesamten weiblichen Geschlechts herauswachsenden Bewegung, sondern nur
eine spontane Befreiung einzelner Frauen aus geistiger Gebundenheit war.
Darum blieb diese Erscheinung auch ohne tiefgreifende Folgen; sie war
nicht einmal ein ausreichender Beweis für die geistige Ebenbürtigkeit
der Frauen, weil sie zu ängstlich in die Fußstapfen der Männer traten,
statt zu zeigen, daß sie auch ihren eigenen Weg zu gehen wissen.
Durch oberflächliche Beurteilung könnte aus den zahllosen Schriften
jener Zeit über die Frauen, ihren Ruhm und ihre Fähigkeiten eine
tiefgehende Frauenbewegung gefolgert werden. Eine nähere Kenntnis jedoch
beweist, daß viele Schriftsteller, der antikisierenden Mode folgend,
einen wahren Heroenkultus trieben und jeder ein Plutarch zu sein
glaubte, wenn er Biographien berühmter Männer schrieb. Solche berühmter
Frauen konnten nicht ausbleiben, da sie überall mit im Vordergrund des
geistigen Lebens standen. Boccaccio ging zuerst mit dem Beispiel voran
und schilderte in seiner lateinisch geschriebenen Abhandlung: De casibus
virorum et feminarum illustrium eine Reihe hervorragender Frauen von den
Griechen an bis zu seiner Zeit. Wie wenig er dadurch zu einem Vorkämpfer
der Frauenfrage wurde, zeigt seine heftige Satire auf das weibliche
Geschlecht: Il Corbaccio. Zahlreich waren seine Nachahmer;[145] sie
suchten einander nicht durch Geist und Witz, sondern durch die Masse
der verherrlichten Frauen zu übertreffen, bis schließlich Peter Paul
Ribera durch sein Werk über die unsterblichen Triumphe und heldenhaften
Abenteuer von 845 Frauen alle in den Schatten stellte. Es war nur ein
Schritt weiter auf dem einmal betretenen Wege, wenn mit großem Aufwand
von tönenden Worten nunmehr der höhere Wert des weiblichen Geschlechts
vor dem männlichen gepriesen[146] und die Frage zum Stoff
gesellschaftlicher Unterhaltung wurde, an dem Redekunst und geistreicher
Witz sich übten. Einen tieferen Eindruck hinterließ diese ganze
Litteratur auf die Dauer in Italien nicht, weil sie dem Bedürfnis zu
fern lag und nur für jene wenigen Frauen von Interesse sein konnte, die
dank ihrer günstigen äußeren Verhältnisse sich mit gleichen geistigen
Waffen mit den Männern zu messen vermochten.
Ihre Zahl war, trotz der 845 berühmten Frauen Riberas, im Verhältnis zur
Allgemeinheit und zu der Zeitspanne, auf die sie sich verteilten, nur
gering. Auch Spanien, dessen Frauen sich damals mehr als andere ihres
männlichen Geistes wegen rühmten, brachte nur wenige wirklich
hervorragende weibliche Gelehrte hervor, unter denen die Theologin
Isabella von Cordoba[147] und die in vierzehn Sprachen gleich gewandte
Rednerin Juliana Morelli von Barcelona sich besonders auszeichneten.
Während in Italien und Spanien die Frauen, ohne darum kämpfen zu müssen,
gewissermaßen selbstverständlich an den geistigen Errungenschaften teil
nahmen--als Empfangende, wie als Gebende, war ihre Lage in Frankreich,
England und vor allem in Deutschland eine durchaus andere. Sie waren
gedrückt durch die wirtschaftliche Lage, und Wissenschaft und Kunst
gelangte nur durch zweite und dritte Hand zu ihnen. Darum entstand
zunächst nur in wenigen Frauen durch das Beispiel der Italienerinnen der
Wunsch nach geistiger Fortbildung, nach intellektueller
Gleichberechtigung. Und er trat--bezeichnend genug für die Zustände in
Mitteleuropa--häufig in Gemeinschaft mit dem Bedürfnis nach einem
Broterwerb auf. Die französische Schriftstellerin Christine de Pisan ist
ein klassisches Beispiel dafür.[148] Früh verwitwet, sah sie sich
gezwungen, ihre Kinder zu ernähren und groß zu ziehen. Da sie eine, für
die Ansichten ihrer Zeit, des 15. Jahrhunderts, gute Erziehung genossen
hatte, bildete sie sich mit eiserner Energie weiter aus und ermöglichte
es, von ihrer Schriftstellerei mit ihren Kindern leben zu können. Ihr
Roman von der Rose, ihre geistvolle Geschichte Karls V. machten ihr über
die Grenzen ihres Vaterlandes hinaus einen Namen. Für die Beurteilung
der Frauenfrage jener Zeit ist jedoch ihre Streitschrift "La cité des
dames" besonders interessant. Sie schilderte darin das Leben und Wirken
der italienischen Juristin Novella d'Andrea, um, daran anknüpfend, für
die wissenschaftliche Bildung der Frauen einzutreten, und erklärte zum
Schluß, daß die Männer nur aus dem Grunde dagegen seien, weil sie
fürchteten, die Frauen könnten klüger werden als sie. Christine de Pisan
genießt den Ruhm durch diese Arbeit die erste Schrift zur Frage der
Emanzipation der Frauen geschrieben zu haben; sie war, infolge ihres
eigenen Lebenskampfes, prädestiniert dazu. Nicht der Süden, der über
seine Kinder einen solchen Ueberfluß an Reichtum und Schönheit
ausschüttete, daß auch die Frauen nicht abseits stehen konnten, sondern
die Länder Mittel- und Nordeuropas, wo der Kampf ums Dasein alle, auch
die Frauen erfaßte, waren der Nährboden der Frauenfrage und der
Frauenbewegung. Diejenigen, die sich der Not und Unterdrückung ihres
Geschlechts zuerst bewußt wurden und sie in Worte zu fassen wagten,
konnten natürlich nicht die Allermißhandeltsten sein; sie mußten auf
einer gewissen Höhe der Bildung und des Verständnisses stehen. Denn die
tiefste Not macht stumpf; sie zerstört alle Thatkraft; sie läßt selbst
das Gefühl der Unzufriedenheit mit dem eigenen Elend nicht aufkommen.
Die erste Nachfolgerin Christinens in Frankreich war darum auch eine
Frau desselben Standes wie sie: Mademoiselle de Gournay, die
Adoptivtochter Montaignes. Sie proklamierte die Gleichberechtigung der
Geschlechter mit Ausnahme der Wehrpflicht. Einen direkten praktischen
Erfolg hatten diese Bemühungen selbstverständlich nicht, aber sie
wirkten im Verein mit dem Einfluß des Humanismus, dem Aufblühen von
Kunst und Litteratur und dem durch zunehmende Ausbeutung des Volks
wachsenden Wohlstand der oberen Klassen auf die Erhöhung der
Frauenbildung. Was Geist und Wissen betrifft, ragte eine Königin, die
beinahe zu einer sagenhaften Gestalt geworden ist, aus der Menge
gelehrter Frauen hervor: Margarete von Navarra, die Schwester Franz'
I.[149] Ihre Erzählungen, ihre Gedichte, vor allem aber ihr
Briefwechsel, geben den Geist des 16. Jahrhunderts mit all seinem
Leichtsinn und seiner Grazie lebendig wieder, sie weisen aber auch
überall die Spuren der Nachahmung italienischer Vorbilder auf. Ihre
gleich kluge, aber, im Gegensatz zu ihr, sittenlose Namensschwester,
Margarete von Valois, die Gattin Heinrichs IV.[150], schrieb fünfzig
Jahre später einen selbständigeren Stil und verfaßte, voller Verachtung
für die sie umgebende schwächliche und gemeine Männerwelt, trotzend auf
ihren energischen Geist, eine Schrift über die Ueberlegenheit des
weiblichen Verstandes.
Bedeutende Leistungen auf wissenschaftlichem Gebiet haben die Frauen
Frankreichs jedoch nicht aufzuweisen. Eine einzige nur ragt aus der
Menge hervor: Anna, die Tochter des gelehrten Philologen Tanneguy
Lefèbre und Gattin seines unbedeutenden Schülers André Dacier. Die
ersten französischen Uebersetzungen des Plautus und Aristophanes, des
Terenz und vor allem des Homer stammen von ihr, und ihre Streitschrift:
Traité des causes de la corruption du goût, worin sie die Angriffe
Lamottes gegen die Ilias und die Odyssee energisch zurückwies, hat einen
dauernden Wert behalten. Daß Anna Dacier so allein steht, ist leicht
begreiflich, denn die Gelehrsamkeit, die ein Mittel geistiger Befreiung,
vertieften und verfeinerten Lebens für alle hätte werden sollen, wurde
zur Modelaune der "guten Gesellschaft", die sich schließlich bis zu
lächerlichen Verzerrungen verstieg. Die Frauen fanden, wie in
Italien, die Harmonie zwischen ihrer weiblichen Natur und ihrer
wissenschaftlichen Bildung nicht. Auch sie entsagten vielfach der Liebe
und der Mutterschaft, um sich ungestört ihren Studien zu widmen. So
brachten z.B. die Précieuses des Hotel Rambouillet die gelehrten Frauen
in berechtigten Verruf, und wenn Molière in seinen Lustspielen
Précieuses ridicules und Femmes savantes ihrer Unnatur tödliche Streiche
versetzte, so zeigte er sich damit nicht als Feind, sondern als Freund
des weiblichen Geschlechts.
Weit mehr als auf die geistige Entwicklung Frankreichs hatte die
Wiederbelebung des klassischen Altertums auf die Deutschlands
eingewirkt. Aber die Zeiten waren zu schwer, die Masse des Volks zu arm,
die Frauen zu tief befangen in dem engen Kreis ihrer häuslichen Sorgen,
als daß sie in nennenswerter Weise daran hätten teilnehmen können. Erst
sehr allmählich drang der Geist der neuen Zeit aus den Stuben der
Gelehrten und den Hörsälen der Universitäten auch zu ihnen. Während das
fünfzehnte und sechzehnte Jahrhundert die Blütezeit weiblicher
Gelehrsamkeit in Italien, in Spanien, zum Teil auch in Frankreich war,
setzte sie in Deutschland erst im Anfang des siebzehnten Jahrhunderts
ein. Viel früher beschäftigten sich jedoch die Humanisten mit der
theoretischen Erörterung der Frauenfrage, wie sie die italienische
Renaissance dadurch aufgestellt hatte, daß sie den Frauen die Pforten
zur klassischen Bildung nicht verschloß. Was dort ohne Kampf unter dem
unmittelbaren Eindruck der großen geistigen Errungenschaften geschah,
darüber mußte der grüblerische Deutsche erst langatmige Theorieen
aufstellen, und der langsame, künstlich niedergehaltene Geist der
deutschen Frau konnte die fremde Nahrung nur in homöopathischen Dosen
vertragen. Der erste Gelehrte, der als Vorkämpfer dieser Art Frauenfrage
gelten kann, war der merkwürdige platonisch-christliche Philosoph
Cornelius Agrippa von Nettesheim. Seine Schrift über den Vorzug des
weiblichen Geschlechts,[151] die 1505 erschien, liest sich zum Teil wie
eine moderne Verteidigung des Rechts der Frauen auf Bildung. Er geißelt
die Erziehung der Mädchen zur Faulheit und erklärt, daß nur sie daran
schuld sei, wenn die Frauen ihre Fähigkeiten nicht entwickeln und den
Beweis ihrer der männlichen gleichwertigen Geisteskraft nicht liefern
könnten. Das mystisch-phantastische Beiwerk erdrückt freilich häufig den
klaren Gehalt seines Werkes. Von seinem Erscheinen ab nahm der
Federkrieg für und wider die höhere Frauenbildung kein Ende. Die Gegner
verstiegen sich sogar bis zu der Behauptung, daß die Weiber keine
Menschen seien und forderten dadurch die Freunde, wie Simon Gedicke,
Andreas Schoppius und Balthaser Wandel zur Verteidigung heftig
heraus.[152] Trotz aller theoretischen Auseinandersetzungen aber blieb
die weibliche Bildung auf die elementarsten Kenntnisse beschränkt; eine
Charitas Pirkheimer, die im Hause ihres Bruders die Leuchten deutscher
Kunst und Wissenschaft versammelt fand, und, ähnlich den Prinzessinnen
an den Höfen italienischer Mäcene, zwischen ihnen lebte, gehörte zu den
sehr vereinzelten Ausnahmen.[153] Der Adel war verroht, das Bürgertum
beschränkt und nüchtern, die Fürstenhöfe arm und klein. Erst mit dem 17.
Jahrhundert trat ein Wandel ein. Aber gerade jetzt, wo die Gelehrsamkeit
der Männer etwas Müdes, Unproduktives, Epigonenhaftes an sich trug,
konnte auch das endlich zum Vorschein kommende Bedürfnis der Frauen nach
höherer Bildung nicht in lebenspendender Weise befriedigt werden. Wohl
lernten Fürstinnen und Gelehrtentöchter die klassischen Sprachen, wohl
wurden Wunderkinder, wie Anna Marie Kramer, angestaunt, die mit 12
Jahren alte Professoren in der Disputation besiegten, wohl brachten
einzelne Frauen[154] es zu einem solchen Grade von Gelehrsamkeit, daß
ihre Arbeiten nicht gleich mit ihnen starben, wohl wurden Ströme von
Tinte zu ihrem Lobe verschrieben,[155] aber keine einzige, wirklich
durchbildete, geistig reife, und dabei weibliche Persönlichkeit ist
unter ihnen zu finden. Die Gelehrsamkeit haftete nur an der Oberfläche,
sie war nichts weiter als jener "Wissenskram" Fausts, den starke Naturen
abschütteln, wie bunte Lappen, um von innen heraus erst sie selbst zu
werden. Einen Versuch der Art hat vielleicht Elisabeth von der Pfalz,
die Tochter des unglücklichen Winterkönigs gemacht, die durch großes
Elend zu tieferer Weltanschauung gelangte. Sie war zuerst eine eifrige
Schülerin von Descartes gewesen, mit dem sie in regem Briefwechsel
gestanden hatte, und warf schließlich all ihre gelehrten Bücher bei
seite, die ihr Gemüt unbefriedigt ließen, und der Hunger nach einem
vollen Lebensinhalt durch alle eingelernte Weisheit nicht zu stillen
war. So wandte sie sich der mystischen Sekte der Labadisten und
schließlich den Quäkern zu, weil auch sie die Einheit zwischen Leben und
Wissen nicht fand. Zu ihren Freunden gehörte jene weit über ihr
Verdienst bewunderte Niederländerin Anna Maria von Schurmann. Man pries
sie als das Wunder des Jahrhunderts, als zehnte Muse. Und doch litt auch
sie Schiffbruch im Glauben an sich selbst und ihre Weisheit und folgte
ebenfalls, eine schlichte Büßerin, dem neuen Propheten Jean Labadie.
Das Schicksal der gelehrten Königin Christine von Schweden gestaltete
sich kaum anders; auch ihr Wissen wurde nicht Gehalt und Bereicherung
ihres Daseins, auch sie suchte schließlich durch ihren Uebertritt zum
Katholizismus in der Religion das was sie bisher nicht gefunden hatte:
Befriedigung für ihr vernachlässigtes Gemüt.
Die Erkenntnis von der Notwendigkeit einer allgemeineren Bildung des
weiblichen Geschlechts, die nicht gelehrte, sondern denkende, für die
Erziehung der eigenen Kinder fähige Frauen schaffen sollte, ließ
allenthalben den Wunsch nach höheren Schulen für Mädchen laut werden. In
England, wo die weibliche Schulbildung eine sehr mangelhafte war, trat
der Dissenter und treue Anhänger Wilhelms von Oranien, Daniel
Defoe,[156] für die Gründung einer Frauenakademie ein, indem er
erklärte: Wenn Wissen und Verstand überflüssige Zuthaten für das
weibliche Geschlecht wären, so hätte ihnen Gott nicht die Fähigkeiten
dazu verliehen,[157] und Mary Astell,[158] die mit Christine de Pisan
als Vorkämpferin der Frauenbewegung in eine Reihe gestellt werden kann,
unterwarf die Erziehung des weiblichen Geschlechts einer scharfen
Kritik. Sie schlug vor, Anstalten zu gründen, in denen nicht nur die
Mädchen in den Wissenschaften unterrichtet, sondern auch die
alleinstehenden, unzufriedenen, weil unthätigen Frauen zu nützlicher
Arbeit im Dienste der Armen und Kranken angehalten werden sollten.[159]
Mit logischer Schärfe wandte sie sich gegen das Recht des Stärkeren:
"Wenn durch Naturgesetz jeder Mann jeder Frau überlegen ist, so dürfte
selbst die größte Königin nicht regieren, sondern ihrem letzten Diener
gehorsam sein ... Wenn bloße Stärke das Recht zu herrschen giebt, so
sind wir jedem Lastträger Gehorsam schuldig ... Aber der kräftigste ist
nicht immer der weiseste Mann ... Geist ist ein Geschenk, das Gott
unparteiisch unter die Geschlechter verteilte."
Aus dem Ton ihrer Sprache geht deutlich hervor, daß keine zaghafte,
unselbständige Frau ihn gebraucht hat. Denn trotz der mangelhaften
Bildung stand die Engländerin, was ihre Stellung in der Gesellschaft und
ihren Charakter betrifft, über den Frauen des nördlichen Kontinents. Die
freiheitliche politische Entwicklung, die schon damals aus jedem Mann
einen Staatsbürger mit den Rechten und Pflichten eines solchen gemacht
hatte, konnte auch an der Frau nicht spurlos vorübergehen. Und die
großen Herrscher ihres Geschlechtes mußten die gesamte Meinung über die
Frau günstig beeinflussen; vor allem aber lebten Traditionen einer
Vergangenheit in ihnen fort, in der die Frauen der höheren Stände
politische Rechte besessen hatten. Die Großgrundbesitzerinnen aus den
alten eingesessenen Familien und die freien Bürgerinnen der Städte
sandten ihre Vertreter ins Parlament. Staatliche Aemter, so das der
Friedensrichter, wurden häufig von Frauen bekleidet. Erst auf das
Betreiben des berühmten Juristen, Sir Edward Coke, der sich auf die
Vorschriften des Neuen Testaments berief und eine Frau nicht einmal als
Zeugin vernehmen wollte, wurde das weibliche Geschlecht Anfang des 18.
Jahrhunderts vom Wahlrecht ausdrücklich ausgeschlossen.[160] In Anna
Clifford verkörperte sich kurz vorher noch einmal die ganze stolze
Selbständigkeit der englischen Staatsbürgerin. Jahrelang protestierte
sie gegen die Vergewaltigung ihrer Rechte; als sie unter Karl II. ihr
Wahlrecht ausübte, ihre Wahl jedoch beanstandet wurde und die Regierung
an Stelle ihres Kandidaten einen anderen aufstellte, erklärte sie ihr:
"Ein Usurpator hat mich vergewaltigt, ein König hat mich verachtet, aber
ein Unterthan wird mich nicht beherrschen. Ihr Mann wird Westmoreland
nicht vertreten."
Der Kampf um die mit Füßen getretenen Grundrechte des englischen Volkes
und die Declaration of rights, sowie ihre gesetzliche Bestätigung im
Jahre 1689 mußten auch in das geistige Leben der Frau eingreifen, wenn
sie auch persönlich unberücksichtigt blieb. Steigerte doch die
Erweiterung und Befestigung der Rechte der Bürger, die Einschränkung der
Befugnisse der Krone die allgemeine Sicherheit und das Selbstbewußtsein
jedes Einzelnen. Alle diese Ursachen wirkten zusammen, um die Anfänge
der Frauenfrage in England anders zu gestalten, als auf dem Kontinent.
Sie spitzte sich gleich zu einer rechtlichen und politischen Frage zu,
und der Kampf um die intellektuelle Gleichberechtigung trat mehr in den
Hintergrund. Daher werden wohl die Namen derer genannt, die wie Anna
Clifford, ihre politischen Rechte verteidigten, aber der Typus der
gelehrten Frau tritt nur ganz vereinzelt auf. Das Interesse für die
Wissenschaften äußerte sich weit mehr durch Gründung und Unterstützung
gelehrter Anstalten--nicht weniger als zwölf Colleges wurden vom 14. bis
zum 16. Jahrhundert von Frauen gegründet[161]--als durch produktive
Geistesarbeit. Keiner dieser Frauen fiel es ein, eine Hochschule für ihr
eigenes Geschlecht ins Leben zu rufen. Defoes Plan und Mary Astells
Vorschlag blieben somit unbeachtet.
In Deutschland fanden sie--soweit es sich eben nur um Pläne
handelte--zahlreiche Nachahmer. Die moralischen Wochenschriften im
Anfang des 18. Jahrhunderts erörterten das Thema nach allen Richtungen
hin. In Hamburg war man sogar nahe daran, eine Akademie zu gründen. Aber
es kam nicht dazu. Statt dem weiblichen Geschlecht eine fruchtbare
allgemeine Bildung zu vermitteln, vermehrte sich nur die Zahl
einseitiger "gelehrter Frauenzimmer". Gottsched, der lange Zeit der
litterarische Alleinherrscher war, sang ihnen unverdiente Loblieder,
während seine weit klügere Frau sich in ihren Briefen wiederholt über
die Frauen lustig machte, deren sehnsüchtig erstrebtes Ziel der
Doktorhut war. Thatsächlich erwarben ihn Frauen, die durch den Mangel
selbständiger Leistungen deutlich genug zeigten, daß mehr Eitelkeit und
Ehrgeiz, als Talent und Wissensdurst die Triebfedern ihres Strebens
waren. Zu den wenigen Ausnahmen gehörte Dorothea von Schlözer, die unter
anderem ein dem weiblichen Geschmack scheinbar so fernab liegendes
Thema, wie die russische Münzgeschichte, behandelte. Die hervorragendste
aller gelehrten Frauen Deutschlands, die freilich weit in die moderne
Zeit hineinreicht, bedurfte zur Erhöhung ihres Ruhmes der akademischen
Würden nicht: es war Karoline Herschel,[162] die Entdeckerin von sechs
Kometen, die große Gehilfin ihres großen Bruders.
Trotz des absprechenden Urteils, das im allgemeinen über die weiblichen
Gelehrten des 17. und 18. Jahrhunderts zu fällen ist, dürfen doch die
Dienste nicht vergessen werden, die sie der Frauenbewegung leisteten:
sie brachten durch eigenes energisches Heraustreten aus dem gewöhnlichen
Rahmen des Frauenlebens die Frage der höheren weiblichen Bildung in Fluß
und auf sie ist es mit zurückzuführen, daß ihre Lösung die erste Aufgabe
der deutschen bürgerlichen Frauenbewegung, ja die eigentliche Triebfeder
ihrer Entstehung wurde.
Um aber das Bild der Frau der oberen Stände bis zur Schwelle des 19.
Jahrhunderts, also bis zu der Zeit, von der ab eine planmäßige
Frauenbewegung überall zum Durchbruch kam, zu vollenden, darf die
französische Beherrscherin der Salons des vorigen Jahrhunderts nicht
vergessen werden. In den zahllosen Memoiren jener Zeit spiegelt sich
das Bild ihres Wesens wieder: ihre Grazie und ihre Frivolität, ihre
Gefühlsroheit und ihre Sentimentalität, ihre tiefe Erniedrigung und ihr
Erwachen. Selbst durch die dicken Mauern der Klöster, in denen die
jungen Mädchen erzogen wurden, schlüpfte die Lascivität: so schmiedete
eine der Maitressen Ludwigs XV. hier schon als Schülerin den Plan, durch
den sie den König einfangen wollte.[163] Glanz und Vergnügen war Aller
Sehnsucht; eine Ehre war's, die Heldin eines Skandals zu sein und die
Kavaliere des Hofes konnten sich der Verfolgungen hoher Damen kaum
erwehren.[164] Die Ehe war ein zwischen den Eltern des Paares
abgemachtes Geschäft. Es widersprach durchaus der Sitte, galt für
altmodisch und lächerlich, wenn die Gatten einander Liebe zeigten. Die
Frau hatte ihre Liebhaber, der Mann seine Maitressen. Bei der
umständlichen Morgentoilette empfing die Dame des Hauses ihre ersten
Besuche; abends in der kleinen, dicht verschlossenen Theaterloge, die
auch gegen den Zuschauerraum durch Vorhänge geschützt werden konnte,
nachts auf den üppigen Maskenbällen hatte sie ihre rendez-vous. Wie die
Mode alle Natur unterdrückte, die Taille gewaltsam einzwängte, die
Hüften durch Reifröcke ins Ungeheuerliche vergrößerte, die Haare durch
Puder ihrer Farbe beraubte, das Gesicht durch Schminken und
Schönpflästerchen zur Maske machte, so waren auch alle natürlichen
Gefühle erstickt und verzerrt. Liebe, Kunst, Wissenschaft--alles stand
nur im Dienst der Genußsucht. Die vielgerühmte geistreiche Konversation
des 18. Jahrhunderts war schillernd und oberflächlich, nur auf Triumphe
der Eitelkeit berechnet. Für die Korruption des weiblichen Geschlechts
spricht jedoch eine Thatsache lauter als alles andere: die Verachtung
der Mutterschaft, das Verleugnen des Kindes. Kaum geboren, schickte die
Mutter es aufs Land zu einer Amme; es selbst zu nähren, verbot die
Rücksicht auf die Gestalt und die Forderung des geselligen Lebens.
Zurückgekehrt, wurde es einem Hofmeister, oder einer Gouvernante
übergeben, die so früh als möglich einen jungen Herrn oder eine junge
Dame aus ihm machten. Daß es eine fröhliche Kindheit für diese armen
Geschöpfe nicht gab, beweisen die steifen Toiletten--Miniaturausgaben
der Anzüge Erwachsener--die geschminkten Kinderwangen und gepuderten
Löckchen. Das Kloster löste schließlich die Erziehung durch die
Gouvernante ab.[165] Und währenddessen ging die Mutter dem Vergnügen
nach, ohne selbst zu wissen, daß sie in dieser Hetzjagd dasjenige
suchte, was ihr verlassenes Kind ihr hätte bieten können: ein innerlich
reiches Leben.
Aber während auf der einen Seite ihr Gemütsleben abstarb und über all
den schönen und klugen Frauen jener Zeit ein Schatten von Trauer ruht,
entwickelte sich auf der anderen Seite ihr Verstand, ihr kritisches
Urteil in einem bisher unbekannten Grade, und die Frau wurde die
Herrscherin nicht nur im Reiche der Geselligkeit, der Mode, der schönen
Künste, sondern auch im Reiche der Politik. Die Könige, die Minister und
Diplomaten wurden in ihren Entschlüssen von ihr gelenkt, in ihren
Sympathieen und Antipathieen von ihr beeinflußt.[166] In den Salons der
Gräfin Boufflers, der Freundin des Prinzen Conti, der Du Barry, der
Estrades, der Herzogin von Gramont, der Prie und der Langeac liefen die
Fäden der inneren und äußeren Politik zusammen. Das Reich der Frauen
war, wie Montesquieu sagte, ein Staat im Staate: "Wer die Minister
handeln sieht und die Frauen nicht kennt, die sie beherrschen, ist wie
jemand, der eine Maschine arbeiten sieht, aber die Kräfte nicht kennt,
durch die sie bewegt wird."[167] Diese Hintertreppenpolitik, welche die
Frauen treiben mußten, weil sie öffentliche Rechte nicht besaßen, wirkte
natürlich äußerst nachteilig auf ihren Charakter; denn je schlauer und
intriganter sie waren, desto mehr erreichten sie. Andererseits wurde ihr
Interesse für die Fragen des öffentlichen Lebens dadurch erweckt, und
während die große Courtisane und begabte Diplomatin, Marquise de Tencin
zu Gunsten ihrer Liebhaber und ihrer korrumpierten Gesellschaft
politisierte und intriguierte,[168] traten die Frauen des Bürgertums,
eine Necker, eine Roland, für die Vorkämpfer der Revolution in die
Schranken der politischen Arena.
Auch die Revolution des Geistes, die von Diderot, d'Alembert, und ihren
Freunden, den Encyklopädisten, getragen wurde, fand Unterstützung durch
die Frauen. Aber diese Unterstützung darf nicht überschätzt werden. Nur
zu oft war es das Bedürfnis nach neuen Sensationen, das den modernen
Philosophen die Salons und die Herzen öffnete. Alle Genüsse hatten diese
Frauen durchkostet; sie haschten nur begierig nach einem neuen Genuß.
Daher ist die entschieden frauenfeindliche Richtung der Encyklopädisten
leicht zu erklären, ebenso wie der bei dem lebendigen geistigen Leben
zunächst überraschende Umstand, daß keine Frau es zu großen
schöpferischen Leistungen brachte. Während aber ein Voltaire die Frauen
verspottete, ein Montesquieu ihnen alle Gaben des Geistes absprach und
nur ihre körperlichen Reize gelten ließ,[169] war es Rousseau, der die
Fehler und Schwächen des weiblichen Geschlechts erkannte, um mit feinem
psychologischen Verständnis ihren Ursachen nachzuspüren und sie von da
aus zu bekämpfen. Wenn er dabei über das Ziel hinausschoß und die
Frauen, die, losgerissen von jedem festeren Grund ihres Daseins, zu
seiner Zeit halt- und ziellos umherschweiften, nur im Haus und für das
Haus erzogen wissen wollte, so wiegte diese eine Uebertreibung sehr
leicht gegenüber den Diensten, die er den Frauen geleistet hat.
Unnachsichtig in seiner Kritik, erklärte er doch zugleich viele ihrer
Schwächen: eine Frau, die sechs Stunden am Tage zum Anziehen braucht,
meinte er, zeigt dadurch, daß sie nichts Besseres zu thun hat, um ihre
Langeweile zu töten.[170] Der Kindheit und der Jugend wollte er die
harmlose, ungebundene Heiterkeit,[171] dem Weibe die reine Liebe
wiedergeben, denn nicht ihre Eltern haben den Gatten zu wählen, sondern
ihr eigenes Herz.[172] Er hielt ihr den Spiegel der Natur vor Augen,
damit sie ihre eigene innere und äußere Unnatur beschämt erkennen
möchte. Er geißelte rücksichtslos ihren Müßiggang, und wandte sich an
beide Geschlechter, wenn er ausrief: Wer in Unthätigkeit verzehrt, was
er nicht selbst verdient hat, ist ein Dieb.[173] Das erlösende Wort
jedoch für die eingeschnürte Frauenseele war dies noch nicht; er fand es
in der kurzen Weisung: werde Mutter! Nähre dein Kind an deinem eigenen
Busen, hüte es, erziehe es, und von selbst wird die Sittenlosigkeit
verschwinden, das Gefühlsleben zur Natur zurückkehren, werden die
Eheleute sich innig verbunden fühlen; denn sobald die Frauen wieder
anfangen, Mütter zu sein, werden die Männer es lernen, wieder Gatten und
Väter zu werden.[174]
Mit diesem Hinweis auf die Verachtung der Mutterschaft hatte Rousseau
die verborgene Wunde der Frau des 18. Jahrhunderts aufgedeckt. Da er
aber kein Prophet im Sinne naiver Gläubiger war, aus dessen Kopf völlig
neue Gedanken unvermittelt aufsteigen, wie Athene aus dem Haupte des
Zeus, sondern nur einer jener genialen Männer, die das geheime Leid
ihrer Nebenmenschen, ihr wortloses Seufzen und Sehnen zuerst vernehmen
und aussprechen, so begrüßten zahllose ihn als ihren Erlöser. Sagte er
doch nur, was sie selbst dumpf empfunden hatten, wies er ihnen doch nur
den Weg, den sie unsicher tappend, wie Blinde, selbst schon suchten.
Nirgendwo zeigt sich diese Wirkung deutlicher als in den wundervollen
Memoiren der Madame d'Epinay. Für eine kommende Zeit und ein neues
Geschlecht mit jugendkräftigen Gliedern und warm pulsierendem
Herzensblut, schrieb Rousseau, derselbe Mann, der der Gegenwart das
Grablied sang, den feurigen Morgengruß: Der Mensch ist frei geboren....
Stärke gewährt kein Recht.... Auf seine Freiheit verzichten, heißt auf
seine Menschheit, seine Menschenrechte, ja selbst auf seine Pflichten
verzichten.... Der Grundvertrag der Gesellschaft muß an Stelle der
physischen Ungleichheit eine sittliche und gesetzliche Gleichheit
setzen.[175]
Wie er damit die Grundlinien einer Revolutionierung des bestehenden
Gesellschaftssystems zog, so bezeichnete er dadurch zu gleicher Zeit die
Leitsätze für eine Revolutionierung der Stellung der Frau. Da aber die
kräftigste Saat unfruchtbar bleiben muß, wenn sie nicht auf fruchtbaren
Boden fällt, so wäre auch keiner dieser Gedanken in die Köpfe und
Herzen des Volkes eingedrungen, wenn nicht die wirtschaftliche und
politische Entwicklung sie dafür empfänglich gemacht hätte. Nicht die
wenigen Männer, deren spekulativer Verstand ihnen die Erkenntnis der
Notwendigkeit tiefgreifender Wandlungen vermittelte, machten die
Revolution, sondern sie wuchs mit der Gewalt eines Naturgesetzes aus den
gesamten verrotteten Zuständen heraus; und nicht die wenigen Frauen, die
infolge persönlicher Begabung die ihrem Geschlecht gesteckten Grenzen
überschritten, oder infolge persönlicher Schicksale ihre unwürdige Lage
erkannten, machten die Frauenbewegung--zu der sittlichen mußte die
materielle Not der Masse der Frauen kommen, die, herausgerissen aus Haus
und Familie, in harter Arbeit den Kampf ums Dasein kämpften, damit sie
entstehen konnte.
5. Die Frauen im Zeitalter der Revolution.
Nach schwächlichen, unzureichenden Versuchen friedlicher Reformen brach
die Revolution aus. Sie mußte von Frankreich ausgehen, obwohl in allen
Kulturstaaten die gleichen Konflikte zu Tage traten, weil gerade hier
alle Umstände zusammentrafen, aus denen allein sie in ihrer ganzen
welterschütternden Gewalt hervorwachsen konnte: die durch ein
jahrhundertelanges frivoles Lasterleben erzeugte Korruption der
herrschenden Klassen, die damit in engstem Zusammenhang stehende
Verelendung des arbeitenden Volks und--nicht zuletzt--die geistige
Revolutionierung der Bourgeoisie durch die Voltaire, Rousseau und die
Encyklopädisten. In der französischen Philosophie des 18. Jahrhunderts
finden sich alle jene Ideen, die in den Stürmen der Revolution nach
Verwirklichung strebten.[176]
Wie diese Ideen gerade die Frauen erobert hatten, beweisen die Memoiren
und Briefwechsel jener Zeit. Mit neun Jahren las Manon Philipon den
Plutarch und begeisterte sich an den Gestalten antiker Helden, mit
vierzehn Jahren verlor sie, eine Klosterschülerin, durch die Schriften
Diderots und d'Alemberts ihren Glauben und wurde eine feurige Schülerin
Rousseaus;[177] ähnlich entwickelte sich ihre reizende Rivalin in der
Herrschaft über die Helden der Anfänge der Revolution, Sophie de
Grouchy, Marquise de Condorcet, deren erstes Andachtsbuch Mark Aurels
Meditationen war und die mit kaum zwanzig Jahren Voltaires und Rousseaus
Geist in sich aufnahm, um ihnen bis zum Ende treu zu bleiben.[178] Aber
auch andere Frauen, die in der Geschichte der Revolution eine Rolle zu
spielen nicht bestimmt waren, nährten ihren Geist an denselben Quellen
und gaben ihren Kindern, denen sie sich, beeinflußt durch Rousseau,
wieder zu widmen lernten, das Beste, was sie selbst besaßen. Es ist kein
Zufall, daß die Zeit der ersten Begeisterung für "Emile" mit der Zeit
der Geburt und Kindheit der Helden der Revolution, der Robespierre,
Danton, Desmoulins und vieler anderer zusammenfällt, denn in den Händen
ihrer Mütter lag der Contrat social, mit der Muttermilch sogen sie die
Ideale der Freiheit und Gleichheit ein.[179] Die Theorieen der Denker,
die Träume der Philosophen appellierten wie nie zuvor an das Gefühl und
machten daher die Frauen zu ihren glühendsten Vertreterinnen. In ihren
Salons versammelten sich die führenden Geister und achteten ihr Urteil
als ein dem der Männer durchaus gleichwertiges, die ganze Geselligkeit
war erfüllt von jenem elektrischen Fluidum, dem niemand sich entziehen
kann, der in seinen Strom gerät, und das alle schlummernden Kräfte des
Geistes zu reger Bethätigung auslöst.[180] Während der eine Teil der
Frauen sich damit begnügte für Natur, Freiheit und Gleichheit zu
schwärmen, zog der andere die Konsequenzen der neuen Wahrheit und
griff--es sei hier nur an eine Roland, eine Staël erinnert--nicht nur
urteilend, sondern auch leitend in das Getriebe der inneren Politik
ein.[181] Bei der Beurteilung der Teilnahme der Frauen Frankreichs am
politischen Leben darf aber ein Umstand nicht außer acht gelassen
werden: der Einfluß Amerikas. Wie er sich in der Erklärung der
Menschenrechte in der Nationalversammlung geltend machte, und der
freiheitliche Luftzug, der von den Unabhängigkeitskriegen ausging, manch
mittelalterlichen Trödel aus Europa austreiben half, so ist auch die
Frauenbewegung der Revolutionszeit in vielen ihrer Züge auf ihn
zurückzuführen.
Die Frauen Amerikas schürten von Anfang an den Widerstand ihres
Vaterlandes gegen die englische Herrschaft. Mercy Otis Warren, die
Schwester des feurigen Freiheitskämpfers James Otis, vereinigte in ihrem
Salon die Führer der Bewegung; als sogar Washington von der endgültigen
Trennung der Kolonieen vom Mutterlande noch nichts wissen wollte,
forderte sie die Unabhängigkeit Amerikas. Sie stand mit Jefferson in
lebhaftem Briefwechsel und die Unabhängigkeitserklärung zeigt deutlich
die Spuren ihres Geistes. Sie und ihre Freundin Abigail Smith Adams, die
Gattin des ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten, waren aber auch
die ersten Vorkämpferinnen der Gleichberechtigung des weiblichen
Geschlechts. Als im Jahre 1776 der kontinentale Kongreß die Verfassung
zu beraten hatte, schrieb Abigail Adams ihrem Gatten: "Wenn die künftige
Verfassung den Frauen keine gründliche Aufmerksamkeit schenkt, so sind
wir zur Rebellion entschlossen, und halten uns nicht für verpflichtet
uns Gesetzen zu unterwerfen, die uns keine Stimme und keine Vertretung
unserer Interessen zusichern." Zu gleicher Zeit verlangte sie die
Zulassung des weiblichen Geschlechts zu den öffentlichen Schulen und
begründete ihre Forderung, indem sie erklärte, daß ein Staat, der
Helden, Staatsmänner und Philosophen hervorbringen wolle, zuerst
wahrhaft gebildete Mütter haben müsse. Infolgedessen wurden die Schulen
den Frauen geöffnet, während der Wunsch nach politischer
Gleichberechtigung für die Gesamtheit der Vereinigten Staaten unerfüllt
blieb. Nur New-Jersey und Virginia verliehen als erste Staaten der Welt
ihren weiblichen Bürgern das Wahlrecht--eine gesetzgeberische That, die
weit über die Grenzen Amerikas hinaus das größte Aufsehen erregte.[182]
Alle diese Thatsachen zusammengenommen fachten die Begeisterung für die
Frauenbewegung in Frankreich zu hellen Flammen an. Da der Boden dafür
vorbereitet war, konnte sie nicht unfruchtbar bleiben. Der Wunsch nach
höherer Bildung, um durch sie wirkungsvoller in die Kämpfe der Zeit
eingreifen zu können, machte sich zunächst geltend. Die Konversation in
den Salons, die Privatlektüre genügten nicht mehr und so wurde im Jahre
1786 unter Leitung von Montesquieu, Laharpe und Condorcet ein Lyceum
gegründet, das bald der Sammelpunkt der hervorragendsten Frauen wurde,
denen sich ein kleiner Kreis von Männern,--im ganzen etwa 700
Personen,--anschloß. Die letzten der Encyklopädisten und ihre Nachfolger
lasen dort über Mathematik, Chemie, Physik, Geschichte, Litteratur und
Philosophie; aber unter dem Gluthauch der Revolution wurden ihre
gelehrten Vorlesungen bald zu feurigen Agitationsreden. Laharpe erschien
in der phrygischen Mütze auf der Tribüne,[183] und die Schüler, zu denen
Madame Roland, Marquise Condorcet und Madame Tallien gehörten, wurden
aus Zuhörern handelnde Personen in dem Drama, das sich draußen
entwickelte.
Durch die Gründung des Lyceums war das Recht der Frauen auf Bildung
anerkannt worden; sobald die Nationalversammlung zusammentrat, forderten
die Frauen in Petitionen und Flugschriften die Anerkennung dieses
Rechtes auch vom Staat.[184] Die Konstitution von 1791 nahm zu diesen
Forderungen Stellung. Talleyrand, der der Nationalversammlung den
Bericht über die Neuordnung des öffentlichen Unterrichts vorlegte,
widmete der Frage der Frauenerziehung und Bildung einen Abschnitt, der
von den übrigen ruhigen theoretischen, ja oft trockenen Ausführungen
durch seinen agitatorischen Ton auffallend absticht.[185] Um die von ihm
gewünschte Einschränkung der Frauenbildung auf das geringste Maß zu
begründen, griff er bis auf die Frage zurück, ob Frauen als Staatsbürger
anzusehen seien. Er gab von vornherein zu, daß es wie eine mit den
Idealen der Revolution in schroffstem Widerspruch stehende
Ungerechtigkeit erscheine, wenn eine Hälfte des Menschengeschlechts
außerhalb der Verfassung stehe, aber, so fügte er hinzu, ein anderer
wichtiger Umstand müsse dabei in Betracht gezogen werden: der Zweck
aller staatlichen Einrichtungen muß das Glück der größten Anzahl sein;
wenn die Ausschließung der Frauen von allen öffentlichen Rechten für
beide Geschlechter ein Mittel ist, die Summe ihres Glücks zu erhöhen, so
muß jeder Staat sie in seine Verfassung aufnehmen. Da nun die Erziehung
der männlichen Jugend das Ziel hat, Bürger heranzubilden, die allen
Rechten und Pflichten dem Staate gegenüber gewachsen sind, die Natur den
Frauen dagegen das Leben im stillen Kreise des Hauses inmitten ihrer
Kinder bestimmt hat, und jede Uebertretung der Naturgesetze eine Quelle
des Unglücks ist, so müssen die Erziehungsmethoden für beide
Geschlechter durchaus verschieden sein. Im Anschluß an Talleyrands
Bericht beschloß die Nationalversammlung die Mädchen nur bis zum achten
Lebensjahr in öffentlichen Schulen zuzulassen und sie von da ab der
häuslichen Erziehung durch die Eltern anzuvertrauen. Wo diese fehlt,
sollen an Stelle der früheren klösterlichen Erziehungsanstalten
weltliche treten, in denen die Mädchen in allen ihrem Geschlecht
angemessenen Kenntnissen und Fertigkeiten unterrichtet werden. Der
Konvent von 1793 ging etwas weiter, indem er bestimmte, daß alle Kinder,
ohne Unterschied des Geschlechts, vom 5. bis zum 12. Jahre in
sogenannten maisons d'égalité gemeinsam erzogen werden sollten.[186]
Eine andere Spur eines Versuchs, die Erziehung des weiblichen
Geschlechts zu heben oder gar der männlichen gleichzustellen, findet
sich nicht. Die politischen und wirtschaftlichen Fragen standen viel zu
sehr im Vordergrund des allgemeinen Interesses, als daß diese Forderung
der Frauen eingehende Berücksichtigung hätte finden können. Sie wurde
auch von ihnen selbst ohne großen Nachdruck verfolgt; die Frauen der
Bourgeoisie saßen sowieso schon als Gleichberechtigte an der
reichbesetzten Tafel geistiger Genüsse, und die Frauen der arbeitenden
Klassen waren noch nicht imstande, geistigen Hunger zu spüren, wo der
physische ihren Körper verzehrte.
Ihre Lage war von Jahr zu Jahr entsetzlicher geworden. Die Jahre 1789
bis 1799 waren für die französische Industrie verderblich, nicht nur
weil die machtvolle Konkurrenz Englands sie förmlich erdrückte,
sondern,--und das spürten die arbeitenden Frauen besonders
empfindlich,--weil infolge der Emigration und der Stockung des großen
geselligen Hoflebens die Seiden-und Spitzenmanufaktur rapide
zurückging.[187] Dabei stiegen die Lebensmittelpreise und die Scharen
der hungernden Arbeitslosen wuchsen erschreckend an.
Zwanzig Jahre vor Ausbruch der Revolution zählte man 50000 Bettler in
Frankreich; obwohl auf die Bettelei drei Jahre Galeerenstrafe stand,
wuchs die Zahl der Bettler in den nächsten zehn Jahren bis auf 1-1/2
Millionen;[188] in Lyon, dem Hauptsitz der Seidenindustrie, waren um
1787 30000 Arbeiter auf Almosen angewiesen, in Paris fanden sich auf
680000 Einwohner 116000 Bettler.[189] Vielfach wurden die Frauen unter
ihnen jahrelang in engen, schmutzigen Arbeitshäusern interniert, wo die
gräßlichsten Krankheiten nie aufhörten, und man die Armen, als ob sie
nicht durch das eigene Unglück genug gegeißelt würden, mit
Peitschenhieben züchtigte.[190] Die größte Not aber herrschte in den
Pariser Proletariervierteln von St. Antoine und du Temple. Hier wuchs
mit dem Elend der Haß empor, und er richtete sich nicht nur gegen den
Absolutismus, die Feudalherrschaft und das Kirchenregiment, wie der Haß
der Bourgeoisie, sondern in erhöhtem Maße gegen die Ausbeuter und
Kornwucherer, die den politisch Rechtlosen auch noch um das tägliche
Brot bestahlen oder es durch verdorbenes Mehl vergifteten, so
daß Skorbut und Dysenterie besonders massenhaft die Kinder
hinwegrafften.[191] Hier war der Herd jener furchtbaren Seuche, der
Prostitution, die entsetzenerregende Dimensionen annahm. Schätzte doch
Pater Havel im Jahre 1784 die Zahl der Prostituierten in Paris auf
70000![192] Aber von hier entstammten auch jene Frauen, die, ohne von
den Menschenrechten und den philosophischen Redeturnieren etwas zu
verstehen, in den Gang der Revolution bestimmend eingreifen sollten,
weil die gewaltigsten Triebkräfte der Natur, Hunger und Liebe,--Liebe zu
den jammernden, schuldlosen Erben ihres Elends,--sie in den Kampf
jagten. Die Frauen der Bourgeoisie schienen vor 1789 gegenüber den
Leiden und Forderungen der Frauen des arbeitenden Volks mit Blindheit
geschlagen; sie schwärmten für Freiheit und Gleichheit, für ein
friedliches Leben in der Natur, für Brüderlichkeit und allenfalls für
Gleichberechtigung ihres Geschlechts in Bezug auf Bildung und politische
Rechte, aber sie waren, wie die gesamte Bourgeoisie jener Epoche, weit
entfernt davon, über die Kluft, die sie vom Proletariat trennte,
hinwegzuschreiten oder auch nur hinüberzusehen. Selbst die Memoiren der
bedeutendsten unter ihnen enthalten keine Schilderung, ja nicht einmal
einen Hinweis auf das Elend ihrer ärmsten Geschlechtsgenossinnen. So
merkwürdig nun auch dieser Umstand erscheint, so wenig kann daraus auf
bewußte Herzlosigkeit geschlossen werden. Wie es noch heute selbst
vortrefflichen Menschen schwer fällt, den Kreis ihrer Gefühle so über
die eigene Klasse auszudehnen, daß keinerlei Regung des Klassenegoismus
mehr bei ihnen aufkommen kann, so war es vor hundertzehn Jahren, wo die
inneren und äußeren Schranken zwischen den Ständen weit größere waren,
noch viel schwerer. Das Proletariat mußte seine Sache selbst führen,
wenn es überhaupt beachtet werden wollte; erst das Heer schuf die
Heerführer, nicht umgekehrt. Erst als die Schlösser des Adels in Flammen
aufgingen und die Bastille, die Zwingburg des Absolutismus, unter dem
wütenden Ansturm des Volkes zusammenbrach, entschlossen sich die
Deputierten der Nationalversammlung zur Aufhebung des Frondienstes und
der Feudallasten und wiesen, halb entsetzt, halb erfüllt von dem Wunsch,
Abhilfe zu schaffen, auf die verödeten Werkstätten und die Massen der
Arbeitslosen hin.[193] Und die Frauen, die, soweit sie Mütter waren, vom
Unglück doppelt getroffen wurden, fanden nicht eher Beachtung, als bis
sie endlich aus ihrem stumpfen Dulderdasein zu selbständigem Handeln
erwachten.
Von den zwei Arbeiterdeputationen, die, Hilfe heischend, vor der
Nationalversammlung erschienen, bestand eine aus Frauen und war von
Frauen entsandt. Ihr Auftreten war so naiv und ungeschickt wie möglich.
Sie kamen wie die Kinder zum Vater: sie klagten ihre Not, sie baten um
Hilfe, aber sie wußten selbst nicht, wie man ihnen helfen sollte;[194]
daß sie kamen, war schon Wagnis genug, wie hätten sie sich auch noch zur
Aussprache bestimmter Forderungen entschließen können? Ihre That, so
ergebnislos sie an sich zu sein schien, wurde von weittragender
Bedeutung: die Frauen fühlten den Mut, zu sagen, was sie quälte; die
durch die wirtschaftliche Entwicklung der voraufgehenden Jahrhunderte
immer klarer in Erscheinung tretende soziale Seite der Frauenfrage
gelangte zu klarem Bewußtsein. Zahlreiche, meist anonym erscheinende
Broschüren beschäftigten sich mit der Frauenarbeit und ihrer Regelung;
die ganze Not des armen alleinstehenden Mädchens, das von der
ehrlichen Arbeit ihrer Hände nicht leben kann und der Schande
gewaltsam in die Arme gestoßen wird, klang aus der "Motion de la
pauvre Javotte"[195] erschütternd heraus; als eine notwendige Folge der
wirtschaftlichen Zustände wurde in anderen Schriften,--ein bis dahin
unerhörter Schluß!--die Prostitution betrachtet und Mittel, sie
einzuschränken, gesucht. Auf die Zurückdrängung der Frauen von guten
Erwerbsmöglichkeiten wurde die Korruption der nur aus geschäftlichen
Gründen geschlossenen Ehen zurückgeführt, und die Forderung, dem
weiblichen Geschlecht die Wege zu ehrlicher, den Lebensunterhalt
ermöglichender Arbeit zu eröffnen, wurde immer lauter und bestimmter. In
einer Petition der Frauen an den König fand sie ihre klarste Fassung.
Die Männer, so heißt es darin, sollen die den Frauen zukommenden
Gewerbe, Schneiderei, Stickerei, Putzmacherei etc., nicht ausüben
dürfen, dafür würden die Frauen sich verpflichten, weder den Kompaß noch
das Winkelmaß zu führen; "wir wollen Beschäftigung haben, nicht um die
Autorität der Männer an uns zu reißen, sondern um unser Leben zu
fristen."[196] Ein Resultat hatten ihre Wünsche natürlich nicht, aber
die einmal aufgeworfene Frage der Frauenarbeit konnte nicht mehr
überhört und vergessen werden. Sie beeinflußte die Diskussion über die
Lage der Zünfte, die bekanntlich das weibliche Geschlecht nach und nach
ganz aus ihren Verbänden herausgedrängt hatten, und deren Auflösung im
Jahre 1791 daher von seiten der Frauen jubelnd begrüßt wurde. Sie
bedeutete für sie, gleichgültig welches die weiteren Folgen waren, die
Anerkennung der Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts auf dem
Gebiete manueller Arbeit.
Das öffentliche Auftreten der Frauen des arbeitenden Volks beschränkte
sich jedoch nicht auf Petitionen und Pamphlete, und es ist bekannt, wie
die Gegner der Revolution sich darin gefallen, ihr Eingreifen in die
Kämpfe des Tages in den grausigsten Farben zu schildern, indem sie
Schillers Ausspruch von den Weibern, die zu Hyänen werden, zu
illustrieren suchen. Gewiß ist, daß der Sturm entfesselter
Leidenschaften nirgends verderbenbringender auftritt, als dort, wo er
mit allen Mitteln der Gewalt unterdrückt worden war, und daß es unter
den Frauen wie unter den Männern Abenteuerer und Verbrecher gab, wie sie
in erregten Zeiten überall aufzutauchen pflegen. Die Heldinnen der
Revolution sind aber von diesen wohl zu unterscheiden. Der 9. Oktober
1789 war der Tag ihres Triumphes. Die Hungersnot in Paris, die Gerüchte
der skandalösen Vorgänge in Versailles hatten die Aufregung des Pariser
Volks aufs äußerste gesteigert, aber nicht die Männer, sondern die
Frauen, die Arbeiterinnen der Vorstädte, die Händlerinnen der Hallen
waren es, die sich zur That entschlossen. Nachdem sie zuerst das Rathaus
gestürmt und vergebens Brot gefordert hatten, zogen sie, 8000 an der
Zahl, nach Versailles.[197]
Diese revolutionäre Aktion vom 6. Oktober, die unvorbereitet aus dem
natürlichen Gefühl des Volks herauswuchs, gehört den Frauen, wie die des
14. Juli den Männern gehört hatte. Die Männer eroberten die Bastille,
die Frauen den König und damit das Königtum.[198] Denn obwohl es
zunächst den Anschein hatte, als wäre die Revolution beendet, fing sie
in Wahrheit erst an. Die Frauen des Volks aber hatten sich aus eigener
Kraft ihren Platz im öffentlichen Leben erkämpft; mochten sie auch der
Rechte der Staatsbürger noch lange verlustig gehen, ihre Stimme konnte
nicht mehr überhört, ihre Lage nicht mehr übersehen werden. Dabei war
ihr eigenes Interesse an den Fragen der inneren und äußeren Politik
geweckt worden, sie hatten einsehen gelernt, wie tief diese Fragen auch
in ihr Leben und das ihrer Kinder eingreifen, und wurden auf Grund
dieser Erkenntnis zu treibenden Kräften der revolutionären
Propaganda.[199] Sie traten nicht nur in die politischen Klubs der
Männer ein und beteiligten sich an den Debatten, sie gründeten nunmehr
auch in fast allen großen Städten Frauenvereine, deren Mitgliedschaft
eine sehr bedeutende war. Der Verein Amies de la Constitution zählte
allein in Bordeaux 2000 Mitglieder,[200] und der Verein der Femmes
républicaines et révolutionnaires brachte es in Paris bis zu 6000. Dem
der Patriotes des deux sexes défenseurs de la Constitution, der unter
dem Saale des Jakobinerklubs zu tagen pflegte, gehört auch Madame
Roland, die einflußreichste Politikerin der Revolution als Mitglied an.
Sie war die Seele der Gironde; ihrem Ruf und Einfluß verdankte ihr Gatte
seine Bedeutung und seine Wiederberufung ins Ministerium; die
französischen Archive enthalten zahlreiche diplomatische Akte, die von
ihrer Hand geschrieben sind. Sie übertraf an Kenntnissen, an Reinheit
der Gesinnung, an moralischem Mut die meisten ihrer Zeitgenossen; nur
sie war im stände jenen Brief an den König zu schreiben, der die
Ereignisse des 21. Juni und 10. August vorbereitete. So sehr demnach
ihre Person den Beweis für die Berechtigung der Forderungen der
Frauenbewegung lieferte, so wenig übte sie irgend welche direkten
Einfluß auf ihren Fortschritt und ihre Organisierung.
Eine der eigentümlichsten Persönlichkeiten, welche die an Originalen so
reiche Revolutionsperiode hervorbrachte, sollte die erste Organisatorin
und Agitatorin der Frauenbewegung werden: Olympe de Gouges. Ihr
eigentlicher Name war Marie Gouze, ihre Eltern einfache Bürger von
Montauban, doch scheint es nicht ausgeschlossen, daß sie einem
Verhältnis ihrer Mutter Olympe,--nach der sie sich später nannte,--mit
dem Dichter Le Franc de Pompignan ihr Dasein verdankte.[201] Noch sehr
jung heiratet das blühend schöne Mädchen, deren bourbonische Züge zu
dem Gerücht Anlaß gaben, daß Ludwig XV. ihr Vater gewesen sei, aber
schon nach wenigen Jahren warf sie die Fesseln ihrer tief unglücklichen
Ehe von sich. Olympe begab sich nach Paris, wo sie trotz ihrer sehr
mangelhaften Bildung infolge ihres sprühenden Geistes und ihrer
Schönheit der Mittelpunkt fröhlicher Geselligkeit wurde. Daß das
unerfahrene Geschöpf dabei ihr Herz vor stürmischen Leidenschaften nicht
behüten konnte, darf nicht Wunder nehmen. Sie lernte die Abgründe und
die Höhen des Lebens nach jeder Richtung kennen, ehe sie dazu gelangte,
die Vorkämpferin ihres Geschlechts zu werden. Ihre reiche Phantasie
suchte sich zunächst einen Ausweg in litterarischer Produktion für das
Theater, natürlich, trotz geistreicher Aperçus, bei ihrer geringen
Bildung mit wenig Erfolg.[202] Bald jedoch wandte sie unter dem Eindruck
der fortschreitenden Revolution dieser Thätigkeit und ihrem ganzen
bisherigen Leben den Rücken. "Ich brenne darauf," schrieb sie, "mich der
Arbeit für das öffentliche Wohl rückhaltlos in die Arme zu werfen." Sie
that es mit der ganzen Energie ihres Charakters. Ihre Genialität
überwand spielend alle Schwierigkeiten, die ihr entgegenstanden. Das
Elend des Volks und ihres Geschlechts war es, was ihr ungewöhnliche
Kräfte verlieh. Sie überraschte nach dem Urteil der Zeitgenossen immer
wieder durch den Reichtum ihrer Ideen und die Macht ihrer Sprache.
Selbst die Nationalversammlung hörte staunend dieser glänzenden Rednerin
zu und folgte vielfach ihren praktischen Anregungen. Aus allem aber, was
sie schrieb und sagte, sprach die weibliche Natur in ihren schönsten
Zügen. Angesichts der Hungersnot veranlaßte sie durch einen öffentlichen
Aufruf und durch ihr Beispiel, daß zahlreiche Frauen in wetteiferndem
Opfermut ihren Schmuck dem Staate schenkten. Ergreifend schilderte sie
das Elend im Armenhaus von St. Denis und beschäftigte sich mit der
brennenden Frage der Zunahme der Bettelei. Zuerst verlangte sie
Einrichtung öffentlicher Unterstützungskassen zu seiner Bekämpfung, dann
aber, als ihr das Erniedrigende des Almosenempfanges zum Bewußtsein kam,
agitierte sie in Wort und Schrift für die Errichtung staatlicher
Musterwerkstätten für Arbeitslose, ein Gedanke, der teilweise zur
Verwirklichung kam.
Alle diese Bestrebungen aber waren gegenüber ihrer Thätigkeit zu gunsten
ihres eigenen Geschlechts nur von ephemerer Bedeutung. Auf dem Gebiete
der Frauenbewegung war ihr Auftreten epochemachend. Schon in ihrer
Adresse an die Frauen hatte sie ausgerufen: "Ist es nicht Zeit, daß auch
unter uns Frauen eine Revolution beginnt? Sollen wir immer vereinzelt
sein? Werden wir nie an der Gestaltung der Gesellschaft thätigen Anteil
nehmen?" Als aber die Erklärung der Menschenrechte erschien und alles
begeisterte, veröffentlichte sie ein Manifest, die Erklärung der Rechte
der Frauen, das in kurzen kräftigen Zügen das Programm der
Frauenbewegung enthält. Nach einigen einleitenden Worten, in denen sie
nachweist, daß das Verkennen, Vergessen oder Verachten der Rechte der
Frauen die Ursache nationalen Unglücks und sittlicher Korruption wäre,
fährt sie fort:
"Die Frau ist frei geboren und von Rechtswegen dem Manne gleich. Das
Ziel jeder gesetzgebenden Gemeinschaft ist der Schutz der
unveräußerlichen Rechte beider Geschlechter: der Freiheit, des
Fortschritts, der Sicherheit und des Widerstands gegen die
Unterdrückung.... Die Ausübung der Rechte, die der Frau von Natur
gebühren, ist aber bisher in engen Schranken gehalten worden. Aus der
Gemeinschaft von Männern und Frauen besteht die Nation, auf der der
Staat beruht; die Gesetzgebung muß der Ausdruck des Willens dieser
Allgemeinheit sein. Alle Bürgerinnen müssen ebenso wie alle Bürger
persönlich oder durch ihre gewählten Vertreter an ihrer Gestaltung
teilnehmen. Sie muß für alle die gleiche sein. Daher müssen alle
Bürgerinnen und alle Bürger, entsprechend ihren Fähigkeiten, zu allen
öffentlichen Stellungen, Auszeichnungen und Berufen gleichmäßig
zugelassen werden; nur die Verschiedenheit ihrer Tugenden und Talente
dürfen den Maßstab für ihre Wahl abgeben. Die Frau hat das Recht, das
Schaffot zu besteigen, die Tribüne zu besteigen, sollte sie dasselbe
Recht besitzen. Die Rechte der Frau aber sollen der Wohlfahrt aller, und
nicht dem Vorteil des Geschlechts allein dienen.
"Die Frau trägt ebenso wie der Mann zum Vermögen des Staates bei, sie
hat dasselbe Recht wie er, über dessen Verwaltung Rechenschaft zu
fordern. Eine Verfassung ist ungültig, wenn nicht die Mehrheit aller
Individuen, aus denen die Nation besteht, an ihrer Gestaltung
mitgearbeitet hat.... Erwacht, ihr Frauen!... die Fackel der Wahrheit
hat die Wolken der Thorheit und der Tyrannei zerstreut; wann werdet ihr
sehend werden? Vereint euch; setzt der Kraft der rohen Gewalt die Kraft
der Vernunft und Gerechtigkeit entgegen. Und bald werdet ihr sehen, wie
die Männer nicht mehr als schmachtende Anbeter zu euren Füßen liegen,
sondern, stolz darauf, die ewigen Rechte der Menschheit mit euch zu
teilen, Hand in Hand mit euch gehen."[203]
Ihre Erklärung blieb nicht ohne Folgen. Zahlreiche Broschüren für und
gegen die Forderungen der Frauen erschienen. Aus der unbedeutenden
Modenzeitung Journal des femmes entstand die erste Zeitschrift für die
Frauenbewegung: l'Observateur féminin. Die Nationalversammlung wurde mit
Petitionen bestürmt, die politische und soziale Gleichstellung
verlangten. "Ihr habt eben die Privilegien abgeschafft, beseitigt auch
die des männlichen Geschlechts," hieß es in der einen; "das Volk wird in
den Besitz seiner Rechte eingesetzt, die Neger werden befreit, warum
befreit man nicht auch die Frauen?" in der anderen.[204] Olympe de
Gouges hielt in richtiger Erkenntnis den Augenblick für gekommen, die
vereinzelten Kämpferinnen für Frauenrechte zu vereinigen, um ihrem
Vorgehen größeren Nachdruck zu verleihen. Sie gründete die ersten
politischen Frauenvereine, deren Leiterin und glänzendste Agitatorin sie
wurde. Leider sollte ihrer Wirksamkeit ein frühzeitiges Ende bereitet
werden. Ihrem Gefühl widerstrebte jede Grausamkeit, die sie im Namen der
Freiheit verüben sah, und sie gehörte nicht zu denen, die es verstehen,
der Klugheit zu Liebe die Sprache des Gewissens zum Schweigen zu
bringen. "Selbst das Blut der Schuldigen, das grausam vergossen wurde,
schändet die Revolution," rief sie aus. Wohl war sie eine begeisterte
Republikanerin; schon im Jahre 1789 hatte sie in einem Brief an die
Nationalversammlung die Absetzung des Königs gefordert und angesichts
der Hungersnot in einer Adresse an ihn ausgerufen: "Es ist Zeit für Sie,
um sich selbst und um ihr Volk zu zittern. Wollen sie über Pyramiden von
Toten und Berge von Asche regieren?" aber gegen die Art, wie der Prozeß
des Königs geführt wurde, empörte sich ihr mitleidiges Herz. "Wenn ihr
mit rauher Hand den Baum der Monarchie umhaut, hütet euch, daß ihr nicht
unter ihm begraben werdet," schrieb sie. Schon dieser Ausspruch erregte
Verdacht. Man warf ihr vor, von den Royalisten gekauft zu sein, wogegen
sie sich mit dem Hinweis auf ihre Armut,--sie hatte den Armen alles
gegeben, was sie besessen hatte,--zu verteidigen suchte. Man wollte
jedoch der unbequemen Mahnerin nicht trauen, die durch ihre Beredsamkeit
die Massen hinzureißen verstand und klagte sie im Jakobinerklub an, an
der Spitze einer royalistischen Verschwörung zu stehen, zu der sie, als
natürliche Tochter Ludwigs XV., sich besonders berufen fühle. Statt nun
in ihren öffentlichen Angriffen auf die Führer der Revolution
vorsichtiger zu werden, wurde sie nur noch rücksichtsloser, denn das
Todesurteil über den König versetzte sie in die äußerste Erregung. Sie
sah darin nicht nur eine Grausamkeit, sie fürchtete auch die Folgen für
die Entwicklung der Revolution: "Blut verwandelt die Geister und Herzen;
eine tyrannische Regierungsform wird nur von der anderen abgelöst
werden." In dem Bedürfnis, nichts unversucht zu lassen, um das
Verhängnis, das sie nahen sah, abzuwenden und in dem allen
leidenschaftlich empfindenden Naturen gemeinsamen Drang, bis zum
äußersten für ihre Ueberzeugung einzustehen, bot sie sich dem Konvent
zur Verteidigung des Königs an. Nach seiner Hinrichtung schrieb sie,
ungeachtet der Gefahr, die sie heraufbeschwor, die schärfsten Pamphlete,
in denen sie besonders Robespierre heftig angriff und prophetisch
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