|Land|Zählungs-|Von 100 Industriezweige | | jahr|Arbeiterinnen | ||waren | ||verheiratet | || --------------------+-------------------------+---------+------------- |Massachusetts| 1885|14,9 |Lancashire and Cheshire | 1894|22,2 |Burnley||30,3 |Blackburn ||29,4 Baumwollindustrie|Stockport ||26,3 |Oldham ||23,2 |Bolton ||12,6 |Wigan || 5,7 --------------------+-------------------------+---------+------------- |Massachusetts| 1885|14,6 |England| 1894|24,5 Streichgarnindustrie|Gloucestershire und|| | Somersetshire | 1894|37,4 |Sächsische Bezirke || | Krimmitschau und Werdau| 1892|31,3 Am wertvollsten für die Beurteilung der Arbeit verheirateter Frauen je nach den Berufsarten sind die Ergebnisse der Untersuchungen der deutschen Gewerbeinspektoren für das Jahr 1899.[482] Danach verteilen sich die Ehefrauen einschließlich der Verwitweten und Geschiedenen in folgender Weise auf die verschiedenen Industriezweige: |Verheiratete |Von 100 |Arbeiterinnen|verheirateten Industriezweige| |Arbeiterinnen | |in dem betr. | |Industriezweig | |beschäftigt. --------------------------------+-------------+-------------- Bergbau-, Hütten-, Salinenwesen,| | Torfgräberei |1333| 0,58 Industrie der Steine und Erden | 19475| 8,49 Metallverarbeitung | 10739| 4,68 Industrie der Maschinen, | | Instrumente und Apparate|4493| 1,99 Chemische Industrie |4380| 1,91 Industrie der forst-| | wirtschaftlichen Nebenprodukte|1162| 0.51 Textilindustrie | 111194| 48,49 Papierindustrie | 11049| 4,82 Lederindustrie|2063| 0,86 Industrie der Holz- | | und Schnitzstoffe |5635| 2,46 Industrie der Nahrungs- und | | Genußmittel | 39080| 17,04 Bekleidungs- und | | Reinigungsgewerbe | 13156| 5,74 Baugewerbe | 141| 0,06 Polygraphische Gewerbe |4770| 2,08 Sonstige Industriezweige | 664| 0,29 --------------------------------+-------------+-------------- Im ganzen: | 229334|100,00 Fast die Hälfte aller verheirateten Arbeiterinnen Deutschlands sind danach in der Textilindustrie beschäftigt. Ganz besonders interessant dabei ist, daß die Berufszählung von 1895 allein 38506 verheiratete und verheiratet gewesene Frauen in der Textilhausindustrie zählte, die höchste Zahl der hausindustriellen Ehefrauen überhaupt; ihnen zunächst steht, wie nach den Ergebnissen der Gewerbeinspektorenberichte, die Berufsgruppe der Bekleidung und Reinigung mit 24366 Ehefrauen in der Hausindustrie. Da in der gesamten Hausindustrie 71005 verheiratete Frauen gezählt wurden,--48 % aller weiblichen Hausindustriellen,--so sind 89 % von ihnen allein in der hausindustriellen Textilindustrie und in der Bekleidung und Reinigung thätig. Wir sehen daraus wieder, daß die Frauen, speziell die verheirateten, an das Haus gebundenen Frauen, den Fortschritt der Industrie zu höheren Arbeitsprozessen merklich aufhalten. Wir sehen aber auch im allgemeinen, daß die verheirateten Arbeiterinnen sich noch intensiver, als die Arbeiterinnen überhaupt, in wenige Berufsgruppen zusammendrängen. Wenn es auch nicht möglich war, für eine Reihe von Ländern das Wachstum der Arbeit verheirateter Frauen festzustellen, so läßt sich aus den fast überall gleichen Vorbedingungen,--gesteigerte Bedürfnisse und Zunahme der Frauenarbeit überhaupt,--der Schluß ziehen, daß jedenfalls von einem Rückgang nicht die Rede sein kann und die Zunahme voraussichtlich sogar eine raschere sein dürfte, als die der ledigen Arbeiterinnen. Aber auch das Wachstum der Arbeit der Witwen, Geschiedenen und Eheverlassenen ist der Erwägung zu unterziehen. Ist es auf größere Not allein zurückzuführen? Meiner Ansicht nach nicht. Die Arbeiter heiraten häufiger als früher,--im Jahre 1882 waren in Deutschland 40, im Jahre 1895 41 % verheiratet;--da nun nichts die Kräfte der Männer früher erschöpft als die proletarische Arbeit, und sie, bei der kolossalen Entwicklung, vor allem der Industrie immer mehr Männer--also auch kränkliche und schwache--in Anspruch nimmt, so muß die Zahl der verwitweten Proletarierinnen rasch zunehmen. Noch ein anderer Umstand kommt hinzu: die Zunahme der Scheidungen, sei es mit sei es ohne Hilfe der Gerichte. Die Erwerbsarbeit des weiblichen Geschlechts hat diese Entwicklung zweifellos unterstützt. Weder ist die Frau in dem Maße wie früher einfach infolge der täglichen Notdurft ihrer selbst und ihrer Kinder an den Mann als den Ernährer gefesselt, noch fühlt er selbst ihr gegenüber ein so starkes Verantwortlichkeitsgefühl wie einst. Auch das mag guten Seelen als eine sehr bedenkliche Folge der Zunahme der weiblichen Erwerbsarbeit erscheinen, während es, von einem höheren Standpunkt aus betrachtet, der Erneuerung der Ehe die Wege bahnt. Je selbständiger das Weib dem Manne gegenübersteht, desto freier wird sie dem Zuge ihres Herzens folgen können. Die ganze Entwicklung der Frauenarbeit, wie sie uns aus den trockenen Zahlen entgegengetreten ist, muß jedem, der nicht blind ist oder sein will, das Eine klar vor Augen führen: keine andere Erscheinung in der Neuzeit wirkt so revolutionierend wie sie. Ohne sie würde die Neugestaltung des wirtschaftlichen und sozialen Lebens, wie die Arbeiterklasse sie anstrebt, eine Illusion bleiben. Denn sie legt die Axt an die Wurzeln der alten Gesellschaft. Sie verwandelt das Weib, dieses konservativste Element im Völkerleben, zu einem strebenden und denkenden Menschen; sie allein ist seine große Emanzipatorin, die sie aus der Sklaverei zur Freiheit emporführt. 6. Die Lage der Arbeiterinnen in der Gegenwart. Die Großindustrie. Die Arbeit, die Befreierin des Weibes! Welcher Mensch, der heute die Arbeit der Proletarierin betrachtet, sieht nicht vielmehr in ihr eine Sklavenkette, schwerer, einschneidender als die irgend eines Galeerensträflings? Es sind die Arbeitsbedingungen, die sie dazu gestalten. Die Grundlage der Existenz des Arbeiters ist der Preis, für den er seine Arbeitskraft verkauft, der Lohn. Um zu erkennen, wie sich die Bestreitung der notwendigen Lebensbedürfnisse zu den Einnahmen verhält, müßte man sich auf eingehende, nach Staaten, nach Stadt- und Landbezirken, nach allen Zweigen der verschiedenen Industrien, und sogar nach Jahreszeiten differenzierte Untersuchungen stützen können. Das ist leider unmöglich. Nicht nur, daß die vorhandene Lohnstatistik statt genauer Einzelangaben, meist Durchschnittszahlen oder approximative Bestimmungen enthält, sie ist auch bisher so wenig gepflegt worden, daß ihre Ergebnisse, vom streng wissenschaftlichen, Standpunkt aus, kaum als der Ausgangspunkt unumstößlicher Erkenntnisse gelten können. Noch schlimmer steht es um die Feststellung der Ausgaben für die notwendigen Lebensbedürfnisse. Was an Angaben darüber zu finden ist, erscheint um so unzuverlässiger, als der Begriff des Notwendigen keineswegs feststeht. Und doch müßte die Statistik der Lebensbedürfnisse die selbstverständliche Ergänzung der Lohnstatistik sein, da die bloße Angabe der Höhe der Löhne uns über die Lage des Arbeiters nicht im mindesten aufklärt. Er kann z.B. in einem Dorfe Süd-Frankreichs von demselben Lohn auskömmlich leben, bei dem er etwa in Paris Not leiden müßte. Aber nicht nur die Verschiedenheit der Lebensmittel- und Wohnungspreise kommen in Betracht, sondern auch das verschiedene Lebensniveau der Arbeiter. Und dabei käme es nicht nur auf Vergleiche etwa zwischen dem mit voller Zufriedenheit tagaus tagein Polenta essenden Italiener und dem Maschinenbauer Englands an, der an eine reichliche Fleischkost gewöhnt ist, sondern auf viel feinere und eingehendere zwischen den Arbeiterschichten desselben Landes: was der eine nicht im mindesten vermißt, das ist dem anderen schon eine schwer empfundene Entbehrung. Für unseren Zweck wird die Sachlage nun noch schwieriger. Denn zur Beurteilung der Arbeiterinnenlöhne wäre es neben den genannten Gesichtspunkten notwendig, sie mit den Männerlöhnen zu vergleichen, und zwar nicht im allgemeinen, sondern im einzelnen, indem die beiderseitige Arbeitsleistung mit in Anschlag gebracht wird. Es giebt zwar Versuche der Art, sie sind aber unzulänglich. Nehmen wir z.B. an, daß unter der Rubrik Papierkartons Männer- und Frauenlöhne verglichen werden, so ist das Resultat nichts als eine wenig wertvolle Durchschnittszahl; es könnte nur dann Wert haben, wenn sowohl die Art der Kartons, wie die der daran geleisteten Arbeit präzisiert würde. Auch genauere Bezeichnungen, wie etwa Herrenwestenstepperei, reichten noch nicht aus, da es zur Beurteilung der Lohnhöhe von männlichen und weiblichen Arbeitern darauf ankäme, welche Sorten Westen gesteppt werden. Aber noch ein anderes kommt hinzu: Die Lage der Arbeiterinnen kann nur dann ganz richtig beurteilt werden, wenn sich feststellen läßt, ob ihr Lohn wirklich die Grundlage ihrer Existenz bildet, oder nur die Ergänzung eines anderen Einkommens ist, etwa durch die Arbeit des Mannes, des Vaters etc. Auch das ist nur in gewissem Umfang möglich. Alle diese Einschränkungen vorausgeschickt, können wir uns daher nur auf Untersuchungen stützen, die den Wert von Stichproben haben, ohne über das ganze Gebiet volle Klarheit zu verschaffen. Was bei der Betrachtung der Frauenlöhne zunächst in die Augen fällt, ist ihre Niedrigkeit und die Seltenheit, mit der sie sich steigern. Die deutsche Untersuchung von 1876 konstatierte Wocheneinnahmen von Fabrikarbeiterinnen von 1,80 Mk. an; solche von 3 bis 6 Mk. kamen sehr häufig vor, während solche von 12 bis höchstens 19 Mk. schon als eine große Seltenheit bezeichnet wurden.[483] Um dieselbe Zeit wurde für die Textilindustrie am Niederrhein festgestellt, daß besonders tüchtige Arbeiterinnen wohl 6 bis 13 Mk. verdienen könnten, die weniger tüchtigen aber bei 5 bis höchstens 10 Mk. dauernd stehen blieben.[484] Aber auch in jüngster Zeit gehören Löhne der Art keineswegs zu den Ausnahmen. So erreichten in Stuttgart die Hälfte aller Arbeiterinnen nur einen Wochenverdienst bis zu 9 Mk.[485], und in der Berliner Papierwarenindustrie traf für 56 % dasselbe zu.[486] In Wien haben sich bei Gelegenheit der Frauenarbeits-Enquête ähnliche Verhältnisse herausgestellt. In der Papier- und in der Textilindustrie wurden die niedrigsten Wochenlöhne mit 1 fl. 50 kr. angegeben, während 4 bis 5 fl. für die gesamte Industrie als der erreichbare Durchschnittslohn angesehen wurde.[487] In Fabriken Böhmens fanden sich sogar Frauenlöhne von 1 fl. wöchentlich, und über die Hälfte der Arbeiterinnen verdienten 2 fl. 25 kr. bis 3 fl. 25 kr.[488] Für Frankreich wurden Jahreseinnahmen der Fabrikarbeiterinnen von 100, 140 und--am häufigsten--250 frs. festgestellt.[489] Italien weist in der Seiden- und Baumwollindustrie Wochenlöhne von 4,80 frs., in der Trikotwarenfabrikation solche von 3,60 frs. auf.[490] In England, wo im allgemeinen die Lage der Arbeiterinnen eine bessere zu sein scheint, ist das Niveau, bis zu dem sie herabsinkt, immer noch ein sehr tiefes. So verdienten z.B. in den Schneiderfabriken Dudleys und in den Cigarettenfabriken Liverpools 44 % der Arbeiterinnen unter 6 sh. wöchentlich; von den Fabrikarbeiterinnen der großen Industriestadt Bristol verdienten 30 % unter 8 sh., 33 % 8 bis 12 sh., nur 7 % 15 bis 18 sh. und nur 3 % über 18 sh. die Woche.[491] In Nordamerika, wo der Durchschnittsfrauenlohn in 22 großen Städten 5,24 $ beträgt, sind Jahreseinnahmen von 75 bis 150 $ trotzdem gar nichts Seltenes.[492] Dabei muß, wie überhaupt bei allen Enqueten über Frauenarbeit, besonders denen mittelst Fragebogen, in Betracht gezogen werden, daß nur die intelligentesten, die eigentlichen Elitearbeiterinnen,--im vorliegenden Fall nur 7 % aller Befragten,--antworten und richtig antworten. Die große Masse wird nicht erfaßt. Aber wie gesagt, selbst wenn wir eine unendliche Zahl von Lohntabellen besäßen, sie würden nichts als eindruckslose Zahlen für uns bleiben, wenn wir ihnen nicht die entsprechenden der Männerlöhne gegenüberstellen könnten. Es fehlt nun zwar nicht an Material dafür, es erweist sich nur bei näherer Betrachtung zum großen Teil als unzureichend. So findet sich z.B., daß in den oberelsässischen Spinnereien in den achtziger Jahren die männlichen Arbeiter 1,80 Mk. bis 4 Mk. täglich verdienten, die weiblichen 1,70 Mk. bis 2 Mk., und dieser Unterschied beginnt sogar schon bei den arbeitenden Kindern; die männlichen Geschlechts verdienten 40 Pf. bis 1,20 Mk., die weiblichen nur 30 Pf. bis 1 Mk. am Tage. Für die Webereien galt das gleiche: während die Tageseinnahmen der Männer 3,30 Mk. zu betragen pflegten, erreichten die Frauen im besten Fall einen Lohn von 2,40 Mk.[493] In den Mannheimer Fabriken wurde festgestellt, daß 56 % der Männer 15 bis 25 Mk. in der Woche verdienten, 71 % der Frauen dagegen nur 8 bis 10 Mk.; 1-1/2 % der Männer konnten sogar auf einen Verdienst von über 35 Mk. rechnen, während nur 0,08 % Frauen die höchste Einnahme von 30 bis 35 Mk. erreichten.[494] Nach einer Zusammenstellung für Großbritannien, die sich auf 110 Fabriken mit 17430 Arbeitern bezieht, und für Massachusetts, die 210 Fabriken mit 35902 Arbeitern umfaßt und im ganzen 24 verschiedene Industrien in sich schließt, gestalten sich die Lohnverhältnisse für beide Geschlechter folgendermaßen:[495] |Grossbritannien|Massachusetts |---------------+-------------- | Männer| Frauen|Männer| Frauen --------------------------------------+-------+-------+------+------- |$|$| $|$ Durchschnittlicher höchster Wochenlohn| 11,36 | 4,10 | 25,41| 8,57 " niedrigster"| 4,72 | 2,27 | 7,09| 4,62 " Wochenlohn | 8,26 | 3,37 | 11,85| 6,09 Hier, wo allgemeine Durchschnittszahlen gewonnen wurden, ist, wie wir sehen, der Unterschied zwischen Männer- und Frauenlöhnen ein außerordentlich beträchtlicher. In all diesen Fällen fragt es sich nun aber, welche Art von Arbeit die Frauen verrichten, und da die Frage unbeantwortet bleibt, so lassen sich aus dieser Verschiedenartigkeit der Löhne keine positiven Ergebnisse ableiten. In ein helleres Licht gerückt wird die Frage durch folgende Angaben: In der Berliner Kontobuchindustrie stanzen Männer und Frauen Titel auf der Vergolderpresse. Der Arbeiter bekommt 1 Mk. pro 1000 Stück, die Arbeiterin 70 Pf. Die Arbeiter, die Linien ziehen, haben einen Wochenlohn von 27 Mk., die Frauen, die die gleiche Arbeit verrichten, 12 bis 15 Mk.[496] Die männlichen Ketten- und Karabinermacher in der Bijouterieindustrie Badens erreichen einen Maximalwochenverdienst von 26,74 Mk., die weiblichen einen von 17,98 Mk., die männlichen Drahtzieher, Presser und Aushauer in derselben Industrie verdienen im besten Fall 26,18 Mk., die weiblichen dagegen nur 18,28 Mk.[497] Die Marmorpoliererinnen an den Niagara-Marmorbrüchen in Nord-Amerika verdienen 4,80 $ bis 8 $ die Woche, ihre männlichen Kollegen 9 bis 18 $ für dieselbe Arbeit.[498] Aber auch dieses speziellere Eingehen auf die Arbeitsverrichtungen der Männer und Frauen läßt insofern noch keine allgemeineren Schlüsse zu, als, mit Ausnahme der Arbeiter an der Vergolderpresse, nicht feststeht, welche Arbeitsleistung den Löhnen zu Grunde liegt. Liniiert die Arbeiterin in der Kontobuchindustrie z.B. langsamer, als der Arbeiter, macht die Bijouteriearbeiterin weniger Ketten oder Karabiner als der Arbeiter in derselben Zeit, so ist ihr geringerer Lohn durchaus erklärlich. Es muß daher Zeit- und Stücklohn auseinander gehalten werden, um ein Resultat der Vergleiche zu ermöglichen. Die umfangreiche französische Lohnstatistik liefert die beste Grundlage für diese Untersuchung.[499] Folgende Tabelle giebt zunächst eine Uebersicht über die Lohnverhältnisse in solchen Industrien, an denen zwar die Frauenarbeit stark beteiligt ist, die sie aber nicht beherrscht: || Männer | Frauen | Zeit |-----------------------+----------------------- | oder-|Niedr.|Höchst| Durch- |Niedr.|Höchst| Durch- Gewerbeart|Stück |Tage- |Tage- |schnitts-|Tage- |Tage- |schnitts- | lohn-|lohn |lohn | Tagel. |lohn |lohn | Tagel. ----------------------+------+------+------+---------+------+------+--------- ||frs. |frs. | frs. |frs. |frs. | frs. Papierfabrikation: ||||||| Maschinenpapier- ||||||| herstellung | Zeit |1,75 |2,50 | ---- |1,25 |1,50 | ---- Appreteur |Stück |1,50 |2,50 | 2,35 |0,75 |2,00 | 1,45 Kouvertfalzung| Zeit |1,50 |4,25 | 2,55 |2,00 |2,75 | 2,35 Lumpensortierer |" |1,50 |6,00 | 5,00 |2,00 |2,75 | 2,35 Zuschneider von ||||||| Cigarettenpapier |" |3,50 |5,00 | 4,45 |1,75 |2,25 | 2,00 Kartonage:||||||| Lackierer |" |0,50 |6,50 | 5,00 |0,50 |3,00 | 2,00 Druckerei:||||||| Typographen|" |4,50 |5,00 | ---- |1,50 |2,00 | ---- Lithographen |" |3,00 |4,50 | ---- |1,75 |2,25 | ---- Setzer |" |1,75 |3,50 | 3,30 |1,00 |2,00 | 2,00 Gummischuhfabrikation:||||||| Zuschneider|" |2,00 |5,50 | 3,85 |2,00 |6,00 | 3,75 Montiere|" |2,00 |4,50 | 2,85 |1,50 |4,00 | 2,35 Sohlenarbeiter|Stück |4,25 |5,75 | 4,90 |2,50 |3,50 | 2,90 Lacklederfabrikation: ||||||| Polierer| Zeit |3,75 |4,25 | 4,10 |2,00 |2,25 | 2,10 Stiefelfabrikation:||||||| Montierer |Stück |4,00 |6,00 | 4,75 |1,25 |2,25 | 1,50 Handschuhfabrikation: ||||||| Dresseur| "|4,00 |5,00 | 4,25 |2,50 |4,00 | 3,25 Wir sehen zunächst daraus, daß sich in der niedrigsten Lohnstufe vielfach nicht nur gleiche Löhne für Männer und Frauen, sondern sogar zuweilen höhere Frauenlöhne vorfinden, in der höchsten dagegen differieren sie zum größten Teil wieder bedeutend. Und die Ursache? Die Statistik des vorigen Abschnitts hat über die Altersgliederung der Arbeiter beiderlei Geschlechts Aufschluß gegeben und es hat sich dabei herausgestellt, daß die stärkste Beteiligung des weiblichen Geschlechts an der proletarischen Arbeit in die jüngsten Jahrgänge fällt, mit anderen Worten: zu einer Zeit, wo der männliche Arbeiter in seinem Fach die höchste Vollkommenheit und damit einen hohen Lohn erreicht, hat die Mehrzahl der Frauen der Arbeit bereits den Rücken gekehrt. Die Frauen bleiben in ihrer Masse auf dem Standpunkt ungelernter Arbeiter stehen und können daher auch die höchste Lohnstufe nicht erreichen. Einen weiteren Beweis hierfür bilden die wenigen Zahlen unserer Tabelle, in denen der höchste Lohnsatz der Männer von den Frauen fast erreicht, ja sogar übertroffen wird: Die Zuschneider und Montierer in der Gummischuh- und die Dresseure in der Handschuhfabrikation. Alle drei Arbeitsfächer haben geübte, also ältere Arbeiter zur Voraussetzung; wo solche weiblichen Geschlechts vorhanden sind, ist die Bezahlung der Leistung entsprechend, ohne Berücksichtigung des Geschlechts. Noch schärfer beleuchtet wird die Frage, wenn wir der Betrachtung die Löhne in solchen Berufen zu Grunde legen, die sich uns wesentlich als Frauenberufe dargestellt haben, und in denen die größte Mehrzahl der verheirateten, also der älteren Frauen, beschäftigt ist. Folgende Zusammenstellung aus derselben Statistik ist besonders charakteristisch: || Männer | Frauen |Zeit- |------------------------+------------------------ |oder |Niedr.|Höchst.|Durch-|Niedr.|Höchst.|Durch- Gewerbearten |Stück-|Tage- |Tage- |schnittl.|Tage- |Tage- |schnittl. |lohn |lohn |lohn|Tagel.|lohn |lohn|Tagel. -------------------+------+------+-------+---------+------+-------+--------- || frs. | frs. | frs.| frs. | frs. | frs. Leinenspinnerei:||| ||| | Spinner | Zeit | 2,00 | 2,50 | 2,25| 2,00 | 2,25 | 2,15 Hanfweberei: ||| ||| | Weber|Stück | 2,00 | 2,75 | 2,50| 1,50 | 2,50 | 1,90 Weber| "| 2,25 | 2,75 | 2,50| 1,25 | 1,75 | 1,50 Tuchfabrikation:||| ||| | Weber| "| 1,50 | 6,00 | 2,60| 1,00 | 2,75 | 1,85 Weber| "| 2,25 | 3,00 |-- | 4,00 | 5,00 |-- Kardierer | Zeit | 2,50 | 5,00 | 3,25| 2,25 | 1,75 | 2,40 Kardierer | "| 1,50 | 6,00 | 3,75| 2,25 | 2,50 | 2,35 Leinenweberei: ||| ||| | Weber|Stück | 2,00 | 3,50 | 2,75| 2,00 | 3,50 | 2,55 Netzstrickerei: ||| ||| | Netzstricker | "| 2,75 | 4,00 | 2,75| 1,75 | 2,00 | 1,75 Baumwollspinnerei: ||| ||| | Kämmer | Zeit | 2,00 | 2,25 | 2,10| 2,00 | 2,25 | 2,10 Knüpfer | "| 2,00 | 3,50 | 2,45| 2,00 | 3,50 | 2,15 Spuler | "| 1,25 | 2,50 | 1,60| 1,75 | 2,50 | 1,80 Haspler |Stück | 3,00 | 4,00 | 3,50| 2,75 | 4,00 | 3,50 Spinner | "| 4,00 | 5,00 |-- | 1,50 | 2,75 |-- Spinner | "| 4,50 | 5,25 | 4,80| 4,00 | 4,25 | 4,10 Packer | "| 1,50 | 1,75 | 1,75| 1,50 | 2,75 | 2,00 Baumwollweberei:||| ||| | Weber|Stück | 3,00 | 4,00 |-- | 2,50 | 3,75 |-- Weber| "| 3,00 | 3,50 |-- | 2,00 | 2,75 |-- Weber| "| 3,00 | 3,75 | 3,25| 2,75 | 3,75 | 2,60 Weber| "| 2,25 | 4,25 | 2,55| 1,50 | 3,50 | 2,25 Weber| "| 1,50 | 3,25 | 2,20| 1,50 | 3,25 | 2,20 Weber| "| 2,00 | 2,75 | 2,05| 2,00 | 2,75 | 2,00 Weber| "| 2,00 | 2,25 | 2,05| 2,00 | 2,50 | 2,20 Wollkämmerei:||| ||| | Kämmer | Zeit | 1,75 | 3,00 | 2,70| 1,50 | 3,00 | 2,25 Wollweberei: ||| ||| | Weber|Stück | 3,00 | 4,00 |-- | 2,50 | --| 4,00 Weber| "| 3,50 | 5,00 | 4,00| 2,75 | 3,75 | 3,05 Weber| "| 4,00 | 6,00 | 4,50| 3,75 | 5,50 | 4,50 Tuchfabrikation:||| ||| | Weber| "| 2,25 | 3,00 |-- | 4,00 | 5,00 |-- Weber| "| 1,50 | 6,00 | 2,60| 1,00 | 2,75 | 1,85 Kardierer | Zeit | 2,50 | 5,00 | 3,25| 2,25 | 2,75 | 2,40 Kardierer | "| 1,50 | 6,00 | 3,75| 2,25 | 2,50 | 2,35 Färber | "| 2,25 | 3,50 | 2,40| 1,50 | 2,25 | 1,60 Seidenweberei: ||| ||| | Weber|Stück | -- | --| 2,20| -- | --| 2,20 Weber| "| -- | --| 3,00| -- | --| 3,00 Weber| "| 1,75 | 4,50 | 2,50| 1,75 | 4,50 | 2,50 Weber| "| 1,50 | 4,00 |-- | 2,75 | 3,00 | Weber| "| 1,50 | 3,50 | 1,75| 1,50 | 2,50 | 1,65 Sammetweberei: ||| ||| | Weber| Zeit | 2,50 | 3,50 | 3,10| 2,50 | 3,50 | 3,00 Bandweber |Stück | 3,50 | 4,50 | 3,65| 3,50 | 4,50 | 3,40 Mechanische ||| ||| | Stickerei:||| ||| | Sticker | Zeit | 0,75 | 1,25 | 0,95| 0,75 | 1,25 | 0,95 Sticker |Stück | 2,75 | 6,00 |-- | 1,50 | 1,75 |-- Hier zeigt sich, wenige Ausnahmen abgerechnet, eine fast durchgehende Gleichheit der Männer- und Frauenlöhne, aber es zeigt sich zu gleicher Zeit, daß die Frauenlöhne nicht etwa auf der Höhe der Männerlöhne stehen, sondern daß vielmehr die Männerlöhne eher die Tendenz haben, zum Durchschnittslohn der Frauen herabzusinken. Eine amerikanische Statistik wiederholt dasselbe Bild:[500] | Durchschnitt- | Vorkommender | licher| | Wochenlohn | Wochenlohn Gewerbeart|-----------------+----------------- |Höchster|Niedrig-|Höchster|Niedrig- | |ster | |ster ----------------------------+--------+--------+--------+-------- Männliche Maschinenstricker | 7,50 | 6,00 | 12,00 | 4,39 Weibliche " " | 7,00 | 5,20 | 13,87 | 3,15 Männliche Baumwollenweber| 5,91 | 5,11 | 10,20 | 2,20 Weibliche"" | 5,76 | 4,83 | 10,00 | 1,80 Männliche Flanellweber| 8,55 | 7,39 | 12,00 | 3,45 Weibliche " " | 7,00 | 5,60 | 9,99 | 3,41 Eine Zusammenstellung der Löhne besonders geschickter englischer Baumwollweber beiderlei Geschlechts bestätigt unsere Auffassung gleichfalls:[501] Männer |Frauen |Männer |Frauen -------+-------+-------+------ sh.| sh.| sh.| sh. 21,7 | 21,4 | 19,5 | 19,4 22,2 | 20,11 | 19,7 | 19,0 21,11 | 20,9 | 19,2 | 18,11 21,0 | 20,8 | 19,8 | 18,4 21,5 | 20,4 | 22,2 | 17,11 Ziehen wir zum Vergleich nur einige Löhne in ausschließlichen Männerberufen heran: Die Panzerplattenarbeiter im englischen Schiffsbau nehmen wöchentlich 28 bis 61 sh. ein, der Wochenlohn der Maschinenarbeiter bewegt sich zwischen 20 und 39 sh., die Typographen verdienen zwischen 29 und 40 sh., während die Löhne der Baumwollweber zwischen 18 und 30 sh., die der Wollenweber zwischen 10 und 24 sh. schwanken.[502] Es ist nach alledem keinem Zweifel unterworfen, daß Industrien mit hohen Löhnen Monopole der Männer sind[503], aber nur deshalb, weil es sich dabei um Arbeitsarten handelt, für die die Männer ihrer ganzen körperlichen und geistigen Disposition nach hauptsächlich befähigt und in der sie lange thätig sind. Diejenigen Industrien dagegen, die besonders zahlreiche Arbeiterinnen beschäftigen, denen die Frauen schon gewissermaßen durch die Tradition angehören, weisen niedrige Lohnsätze auf, und wo Männer und Frauen in ihnen zusammen arbeiten, verdienen sie zusammen nur wenig mehr, wie Männer in den Industrien verdienen, wo sie allein arbeiten.[504] Die Gründe für die niedrige Entlohnung der Frauenarbeit und ihre allgemeine lohndrückende Tendenz sind damit aber noch nicht gegeben. Man ist im allgemeinen gewohnt, hier ohne viel Ueberlegung mit dem Schlagwort von dem Konkurrenzkampf zwischen den männlichen und weiblichen Arbeitern zu operieren, weil man von den bürgerlichen Berufssphären her gewohnt ist, Männer und Frauen als Lehrer, Journalisten, Schriftsteller, Maler, Musiker, Aerzte, Handelsangestellte in genau denselben Arbeitsgebieten thätig zu sehen, und annimmt, daß dasselbe auf die proletarische Arbeit zutrifft. Thatsächlich sind die Verhältnisse hier ganz andere und in gewiß 9/10 industrieller Arbeiten findet eine scharfe Differenzierung zwischen den Geschlechtern statt. Selbst in den Industrien, wo Männer und Frauen scheinbar mit völlig gleicher Arbeit beschäftigt werden, giebt es Unterschiede in der Art der Ausführung.[505] So bekamen z.B. in einer Glasgower Druckerei die weiblichen Setzer für 1000 Typen um 2 p. weniger als die männlichen, weil sie nicht die vollständige Arbeit bewältigen können, sie bedürfen zum Umbrechen, Korrigieren u.s.w. die Hilfe der Männer und können bei schwereren Druckarbeiten nicht beschäftigt werden.[506] In der Londoner Cigarrenindustrie machen Frauen die geringere Sorte Cigarren, in der Velvetfabrikation schneiden Frauen nur ein Stück Stoff, während Männer zwei auf einmal schneiden können. In der englischen Töpferei füllen Frauen, infolge ihrer geringeren Uebung, lediglich die Umrisse der Zeichnungen mit Farbe aus, während Männer die schwierigere Arbeit machen.[507] In der Cigarettenfabrikation liefern Frauen wöchentlich nur 9000, Männer aber 13000 Stück.[508] In den Seidenwebereien Derbys erreichen die Männer einen höheren Lohn, weil sie zwei, die Frauen nur einen Webstuhl bedienen.[509] Vielfach sind die Männer auch an schwereren Webstühlen beschäftigt.[510] In italienischen Webereien, wo sie an gleichen Stühlen arbeiten, leisten die Frauen bedeutend weniger, und in der Handweberei zeigt sich wieder ihr Mangel an Uebung darin, daß sie genötigt sind, auf das Muster zu sehen, während die Männer mehr nach dem Gedächtnis arbeiten.[511] In der französischen Papier- und Lederfabrikation, für die wir in der Tabelle [oben] beträchtliche Lohnunterschiede konstatierten, findet eine fast durchgehende Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern statt. Die Arbeit an den Vergolderpressen der Berliner Kontobuchfabrikation ist insofern auch eine verschiedene für Männer und Frauen, als diese die kleineren und jene die großen Sachen pressen.[512] In der Pforzheimer Bijouterieindustrie fallen im Kettenmachen den Mädchen die leichteren Ketten, im Polieren und Aushauen die leichteren Arbeiten zu.[513] Die Niedrigkeit der Löhne weiblicher Arbeiter ist daher zu einem wesentlichen Teil auf ihre Inferiorität in der Handfertigkeit und in der Produktionskraft, die sich manchmal in Bezug auf die Quantität, manchmal in Bezug auf die Qualität äußert, zurückzuführen. Wenn wir aber einen anderen Standpunkt einnehmen, und nicht die Löhne für die außerordentlich seltene identische Arbeit, sondern die für gleichwertige Arbeit miteinander vergleichen, so zeigt sich auch hier, daß der Verdienst der Frauen im allgemeinen geringer ist, als der der Männer. Ich brauche nur an all die Fälle zu erinnern, wo, infolge technischer Vervollkommnungen, Frauen an Stelle der Männer treten, z.B. in der englischen Töpferei, wo sie um den halben Preis dieselbe Arbeit machen, als früher die Arbeiter, oder an die Löhne in den speziellen Frauenberufen, etwa der Blumenmacherei, wo die Arbeitsleistung auf der Höhe jeder männlichen in speziellen Männerberufen steht. Diese traurige Thatsache hat leider so viele Ursachen, daß man fast daran verzweifeln könnte, sie jemals aus der Welt zu schaffen. Die wichtigste liegt in dem dilettantischen Charakter der weiblichen Arbeit überhaupt. Das Mädchen erfaßt sie nicht als einen Lebensberuf, wie der junge Mann, sondern sieht in ihr--so wenig es auch zutreffen mag--eine Durchgangsstation zur Ehe, dem eigentlichen "Beruf". Sie hat nicht unter allen Umständen die Verpflichtung, sich selbständig zu machen, sie findet vielfach in der Familie noch einen Rückhalt. Daher liegt ihr gar nicht so viel daran, einen gewissen Grad der Vervollkommnung zu erreichen. Nichts liefert einen stärkeren Beweis hierfür, als der Umstand, daß die Textilarbeiterinnen von Lancashire eine Lohnhöhe erreicht haben, wie keine andere Gruppe ihrer Geschlechtsgenossinnen. Hier hat sich eben durch eine fast schon ein Jahrhundert lange Erziehung ein Geschlecht von Arbeiterinnen herausgebildet, das es mit seinem Beruf ebenso ernst nimmt, wie der Mann und fähig ist, neben ihm zu arbeiten, dabei ein ausgeprägtes Klassenbewußtsein besitzt. Freilich haben sie ihre Erhebung zu diesem Standpunkt auch noch einem anderen Umstände zu verdanken: sie haben nicht mehr gegen jenen Feind anzukämpfen, der die Masse der Arbeiterinnen am Emporkommen in ihrer Berufsarbeit verhindert. Damit ist nicht der Mann gemeint,--er ist im Bereiche der proletarischen Arbeit weit weniger noch als Feind der Frauen anzusehen, als in dem der bürgerlichen,--sondern vielmehr der Amateurarbeiter des eigenen Geschlechts, und die verheiratete Frau, die nur einen Zuschuß zum Verdienst des Mannes erwerben will. Amateurarbeiter sind alle diejenigen, die nur ein Taschengeld verdienen wollen, alle diejenigen ferner, die in den Zwischenräumen häuslicher Beschäftigungen Arbeit um jeden Preis übernehmen und so die Arbeiterinnen im allgemeinen in dem Hexenzirkel, wo niedrige Löhne zu schlechter Arbeit und schlechte Arbeit zu niedrigen Löhnen führen, krampfhaft festhalten. In die Kategorie der Amateurarbeiter hat man vielfach auch gemeint, die verheirateten Arbeiterinnen einreihen zu müssen.[514] Die Vergnügungssucht, die Luxusbedürfnisse der Arbeiterinnen sind gewachsen, die häuslichen Tugenden haben abgenommen, deshalb drängen sich die Ehefrauen zur Fabrik, statt ihren häuslichen Pflichten nachzugehen,--so jammert man. An Material, um diese Behauptung zu beweisen, fehlte es bisher ebenso, wie an solchem, um sie zu entkräften. Erst auf Grund einer Resolution des Deutschen Reichstags vom 22. Januar 1898 wurden die Gewerbeaufsichtsbeamten mit einer Untersuchung dieser Frage beauftragt, und es stellte sich übereinstimmend heraus[515], daß der weitaus größte Teil der verheirateten Arbeiterinnen durch die Not zum Erwerb gezwungen ist. Selbstverständlich ist es bei den Witwen, den geschiedenen oder eheverlassenen Frauen, die etwa 1/5 aller Frauen ausmachen, aber auch von den Frauen, deren sogenannter Ernährer mit ihnen lebt, ist diese Thatsache sogar vielfach zahlenmäßig konstatiert worden; so hat sich die Notlage als Veranlassung der Fabrikarbeit verheirateter Frauen in Bremen für 71 % in Mainz für 73 % in Niederbayern für 74 %, in Plauen für 75 % in Lothringen für 83 % in Aachen für 88 % in Schleswig für 97 % aller Frauen erwiesen. Wo Erhebungen darüber angestellt wurden,--unbegreiflicherweise hat man versäumt, den Beamten dahingehende allgemeine Direktiven zu geben,--zeigte es sich, daß die Ehemänner dieser Frauen fast ausschließlich ungelernte Tagelöhner oder solche Arbeiter waren, die in Frauenberufen, z.B. in der Textilindustrie, thätig sind, also ganz unzulängliche Einnahmen haben. Von 78 Gewerbeaufsichtsbezirken haben leider nur zwanzig brauchbare Angaben über den Verdienst der Ehemänner gemacht, die in folgender Tabelle von mir zusammengestellt wurden: |Anteil der| Wochenlohn | Anteil | Wochenlohn |Ehemänner |der |der Frauen| der Bezirk |in | Ehemänner |in | Frauen |Prozenten | |Prozenten | --------------+----------+-------------------+----------+---------------- Danzig | -- | 10-20Mk.| -- | 5-10 Mk. | | | | Elbing | 3 | unter 5 " | 47 | 7 " | 25 | " 10 " | 53 | 10,76 " | 71 | " 15 " | -- | -- | | | | Berlin- | | durchschnittlich:| | Charlottenburg| -- | 19,50 Mk. | -- | -- | | von 12-30 Mk. | | | | | | Oppeln | -- | 6,72-11 Mk.| -- | 3,60-7,51 Mk. | | | | Magdeburg | -- | -- | 25 | unter 7 Mk. | | | 50 | 7-8 " | | | 17 | über 9 " | | | | Erfurt | 75 | 9-17 Mk.| 50 | 3-7 " | 25 | 17-20 " | 33 | 8-10 " | | | 17 | 11-20" | | | | Schleswig | -- |unter 20 "| -- | 7,5-12 " | | | | Hannover| -- | -- | 2 | unter 6 " | | | 24 | 6-9 " | | | 48 | 9-12 " | | | 26 | über 12 " | | | | Aachen | -- | -- | 20 | 4-8 " | | | 47 | 8-12 " | | | 25 | 12-16" | | | 8 | über 16 " | | | | Oberbayern | 13 | nichts oder nicht | 4 | 6 " | | ermittelt| | | 6 | 9-12 Mk.| 38 | 6-9 Mk. | 11 | 12-15 " | 44 | 9-12 " | 51 | 15-20 " | 11 | 12-15" | 19 | 20 Mr. u. darüber | 3 | über 15 Mk. | | | | Oberpfalz u. | | | | Regensb.| -- | 6-22 Mk. | -- | 6,60-9,50 Mk. | | | | | | Im Durchschnitt: | | Im Durchschnitt: Mittelfranken | -- | 18,50 Mk.| -- | 8,50 | | | | | | | | Im Durchschnitt: Württemberg I | -- | -- | -- | 10,74 Mk. | | | | | | | | Im Durchschnitt: " II| -- | -- | -- | 10,00 Mk. | | | | Darmstadt | -- | -- | 59 | 2-6Mk. | | | 35 | 6-10 " | | | 6 | 10-18 " | | | | Gießen | 0,4| nichts| -- | Im Durchschnitt: | 10 | 4-10 Mk.| | 7,80 Mk. | 76 | 12-16 Mk.| | | 10 | 18-24 " | | | | | | Bremen | 19 | 9-13 " | 26 | 5-9Mk. | 24 | 13-15 " | 26 | 9-10 " | 15 | 16-17 " | 41 | 10-12 " | 34 | 18-20 | 4 | 12-14 " | 8 | 21-30 " | 3 | 14-16 " | | | | Unterelsaß | -- | 10,80-16,80 Mk.| -- | 6-12 " | | | | | | Im Durchschnitt: | | Oberelsaß | -- | 15 Mk.| -- | -- | | | | Lothringen | 40 | 9-12 " | 13 | 3-6Mk. | 50 | 16-20 " | 71 | 7-12 " | 10 | 22 Mk. u. darüber | 26 | 13-24 " Nur in einem Bezirk,--in Gießen,--und auch hier nur für eine Industrie, hat man eine Zusammenstellung der thatsächlichen Familieneinnahmen gemacht; danach erreichten 53 der geschicktesten Cigarrenarbeiterinnen mit ihren Männern einen durchschnittlichen Wochenverdienst von 23,65 Mk., 23 weniger geschickte dagegen eine Einnahme von nur 16,52 Mk. durchschnittlich.[516] Es handelt sich auch hier um einen Beruf mit sehr starker Frauenbeteiligung. Sehr häufig konstatieren aber auch die Aufsichtsbeamten, daß es sich bei den Ehemännern der Fabrikarbeiterinnen um Arbeitsscheue, Trunkenbolde und Liederliche handelte, die ihren Verdienst zum allergrößten Teil für sich selbst verbrauchten, oder sich gar noch von der Frau ernähren ließen. Dabei darf eins nicht vergessen werden, das geeignet ist, die moralische Entrüstung über das Verhalten der Gatten ein klein wenig einzudämmen: Sie haben sich vor der Ehe an eine verhältnismäßig hohe Lebenshaltung gewöhnt, da sie den Lohn allein für sich verbrauchen konnten, und es gehört ein Grad von Charakterstärke dazu, nach der Heirat die Lebensbedürfnisse mehr und mehr herabzuschrauben, zu dem nur ernst angelegte Naturen fähig sein können. Aber auch dort, wo eine direkte Notlage nicht vorliegt, ist es doch auch Not, die die Frauen in die Fabriken treibt: in fast allen jungen Proletarierehen müssen die Schulden für die Haushaltungseinrichtung nach und nach getilgt werden; ist das vorbei, so möchten gerade die Ordentlichsten einen Notgroschen zurücklegen können, was vom Verdienst des Mannes allein nicht möglich ist; die Mütter--und zwar gerade die besten--möchten für ihre Kinder etwas erübrigen, ja auch der Wunsch nach Dingen, die über das tägliche Brot und die Schlafstelle hinausliegen, gehört meiner Ansicht nach in dieses Gebiet. Oder ist es etwa nicht Not, wenn die Proletarierfamilie tagaus tagein, Sommer und Winter nichts sieht, als ihr dumpfes Arbeiterviertel und ihre staubige Arbeitsstelle; ist der Wunsch nach frischer Luft und freier Natur angesichts der blassen Kinder wirklich so vermessen? Ist es nicht Not, wenn man zwar satt zu essen, und ein Dach über dem Kopfe hat, aber alles entbehrt, was das Dasein schmückt und erhebt, und eigentlich erst lebenswert macht? Die Zunahme der verheirateten Arbeiterinnen spricht viel mehr für den Fortschritt ihrer geistigen und seelischen Entwicklung, als für deren Niedergang. Ihre Wirkung aber ist, wenn wir zunächst die auf die Löhne in Betracht ziehen, keine erfreuliche. In Industrien mit starker Beschäftigung verheirateter Frauen sind nicht nur die Männerlöhne besonders niedrig, auch die Löhne der alleinstehenden Frauen sind nichts weniger als ausreichend, weil die Verheirateten den Ertrag ihrer Arbeit nicht als die alleinige Grundlage ihrer Existenz ansehen, sondern nur als eine notwendige Ergänzung des männlichen Einkommens, Die Steigerung des männlichen Lohnes aber wird wieder dadurch gehemmt, daß er nicht mehr die einzige Lebensbedingung der ganzen Familie bildet. Die Arbeit verheirateter Frauen ist daher sowohl die Folge als die Ursache des unzureichenden Einkommens der Männer und sie ist einer der Steine, die den alleinstehenden Frauen auf dem Wege zu besseren Zuständen im Wege liegen. Ihre rasche Entwicklung, an deren Anfang wir erst stehen, wird diese lohndrückende Tendenz dauernd verschärfen und zwar um so mehr, je mehr die verheirateten Frauen durch Gesetz und Gewohnheit eine Ausnahmestellung, nicht nur ihren männlichen, sondern auch ihren alleinstehenden weiblichen Arbeitsgenossen gegenüber einnehmen. Eine Beurteilung der Lohnverhältnisse kann aber nur dann zu richtigen Resultaten führen, wenn einerseits die Kaufkraft des Geldes, andererseits die Bedürfnisse der Lohnarbeiter in Betracht gezogen werden. Für beides fehlt es an ausreichendem Material und auch das vorhandene ist ungenügend. Im allgemeinen wird für die hier in Betracht kommenden europäischen Staaten angenommen werden können, daß im Laufe des 19. Jahrhunderts die Wohnungsmieten sich verdoppelt resp. verdreifacht, die Lebensmittelpreise sich verdoppelt haben.[517] Die Löhne der Arbeiterinnen in der Großindustrie sind in derselben Zeit teils um ein Drittel, teils um die Hälfte gestiegen[518], die Bedürfnisse dagegen, deren Wachstum sich natürlich zahlenmäßig nicht feststellen läßt, haben im Verhältnis weit rascher zugenommen, obwohl gerade das weibliche Geschlecht die langsamsten Fortschritte gemacht hat. Wenn schon bei dieser ganz äußerlichen Betrachtung ein Defizit unvermeidlich ist, so ist es in Wahrheit noch viel bedeutender, weil zur Zeit des hier angenommenen Ausgangspunktes,--dem Anfang des 19. Jahrhunderts,--das Mißverhältnis zwischen Einnahmen und Ausgaben bei den weiblichen Arbeitern noch unverhältnismäßig stark war. Selbst den günstigsten Fall angenommen, daß sowohl die Lebensbedürfnisse als die Löhne um die Hälfte gestiegen sind, bleibt dieses ursprüngliche Mißverhältnis nicht nur unverändert bestehen, es steigert sich auch noch infolge der erhöhten Bedürfnisse, und infolge der schwer ins Gewicht fallenden Thatsache, daß die industrielle Entwicklung den verschiedenen Arbeitszweigen mehr und mehr den Charakter der Saisongewerbe aufdrückt. Die Maschine ermöglicht eine kolossale Produktivität in einem kurzen Zeitraum und wirft eine große Zahl von Arbeiterinnen nach Monaten fieberhafter Thätigkeit für Wochen mitleidslos aufs Pflaster, während andere sich starke Lohnreduktionen gefallen lassen müssen. Die Arbeiterin, die sich schon in der lebhaften Zeit nur mühsam durchschlagen kann, steht in der stillen der bittersten Not gegenüber. Einige Beispiele mögen das Gesagte illustrieren. Vorausgeschickt sei, daß im allgemeinen die Ernährung weiblicher Arbeiter 4/5 dessen ausmacht, was männliche dafür gebrauchen; gehen wir von dem Beköstigungsbudget der deutschen Heeresverwaltung aus, die eine Mark pro Tag und Mann rechnet, so wären ca. achtzig Pfennige für arbeitende Frauen anzunehmen, wobei jedoch nicht vergessen werden darf, daß die Heeresverwaltung bei Einkauf und Wirtschaft im großen für die ausgesetzte Summe eine weit bessere und reichlichere Beköstigung zu bieten vermag, als die Arbeiterin sie sich für ihr Geld schaffen kann. Für eine Schlafstelle wird monatlich sechs bis neun Mark Miete gefordert, ein möbliertes Zimmer,--das sehnlichst erträumte Ideal all der armen Heimatlosen!--ist kaum unter fünfzehn bis zwanzig Mark zu haben. Das Mindeste also, was eine alleinstehende Arbeiterin wöchentlich für Kost und Wohnung ausgeben muß, ist 7,48 Mk.; hat sie ein eigenes Zimmer, so muß sie allein zehn Mark für Logis und Ernährung ansetzen. Nun stellt sich der durchschnittliche Wochenverdienst der gewöhnlichsten Arbeiterinnen in zwanzig deutschen Großstädten auf 8,70 Mk.[519] Es blieben ihnen also, wenn sie sich halbwegs ausreichend ernähren wollen und nicht in der eigenen Familie wohnen können, ca. 78 Pf. wöchentlich für alle übrigen Lebensbedürfnisse--Kleidung, Wäsche etc. Inbegriffen--übrig! Dabei ist die Voraussetzung noch die, daß die Wocheneinnahme sich das ganze Jahr über gleich bleiben müßte, während thatsächlich im günstigsten Fall nicht auf 52, sondern nur auf 48 Wochen regelmäßigen Verdienst gerechnet werden kann. Es giebt aber auch eine ganze Anzahl Arbeiterinnen, die unter acht Mark, ja die nur drei bis sechs Mark in der Woche verdienen. Wenn auch bei den niedrigsten Lohnsätzen angenommen werden kann, daß es sich meist um jugendliche Arbeiterinnen, die vielfach bei den Eltern wohnen, handelt, so bleiben, wie die Ergebnisse vieler Untersuchungen beweisen, noch viele übrig, die bei solch einem Hungerlohn auf sich allein angewiesen sind, und es giebt noch zahlreiche Unglückliche, die eine alte Mutter, oder ein armes vaterloses Kind mit zu erhalten haben. Aber selbst bei einem Wochenlohn von neun bis zwölf Mark, dem üblichsten für deutsche Arbeiterinnen, und einer Jahreseinnahme von 430 bis 570 Mk.,--die schon als eine sehr hohe angesehen werden muß,--wobei in dem einen Fall vierzig, in dem anderen 170 Mk. für alle übrigen Ausgaben übrig bleiben,--lebt die Arbeiterin in unaufhörlichem Kampf mit Not und Verschuldung. Dieselben Zustände wiederholen sich überall, wo die Industrie, der große Eroberer, eingedrungen ist und aus den Unterworfenen Sklaven gemacht hat. In Wien kann eine Arbeiterin mit 4 fl. 80 kr., wenn sie sich keine Erholung, kein Vergnügen gönnt, niemals krank wird und niemanden zu unterstützen hat, gerade auskommen. 60 % arbeitender Frauen Wiens verdienen aber nur 4 fl. 50 kr., und es kommen Löhne von 1 fl. 80 kr. bis 3 fl. noch immer häufig genug vor[520], während die arbeitslose Zeit für sie gleichfalls von vornherein in Rechnung gezogen werden muß. Das mindeste, was eine Pariser Arbeiterin zum Leben braucht, ist eine Jahreseinnahme von 850 bis 1200 frs.[521], unter einer täglichen Einnahme von 2,25 frs. liegt das tiefste Elend und erst von 4 frs. an beginnt ein gesichertes Leben für die Alleinstehende[522], dabei gehören Tagelöhne von 1,50 bis 2 frs. durchaus nicht zu den Ausnahmen, und auf unfreiwillige Ferien muß sich jede Arbeiterin gefaßt machen. Durch vier Auskunftsmittel,--eins fürchterlicher als das andere,--sucht die Arbeiterin dem Gespenst der Not zu begegnen: Ueberarbeit, Unterernährung, schlechte Wohnung und Prostitution. Die Ueberarbeit wird dadurch möglich, daß sie aus der Fabrik oder Werkstatt noch Arbeit mit nach Hause nimmt, wo sie bis in die Nacht hinein schafft, um das elende Leben zu erhalten, das sich ohne Ruhepause in einem Kreislauf bewegt, zu dem im Grunde nur das elendeste Arbeitstier verurteilt ist: Arbeiten, Essen, Schlafen, und von den letzten beiden gerade nur so viel, als nötig ist, um jeden Tag von neuem ins Joch zu gehen. Wie die Unterernährung aussieht, dafür giebt es Beispiele genug. Eine Arbeiterin, die nur 8 Mk. die Woche verdient, kann höchstens 40 bis 50 Pf. für ihre tägliche Beköstigung ausgeben,[523] Sie lebt von Cichorienbrühe, genannt Kaffee, Brot, Kartoffeln, ein wenig kraftloser Suppe, Wurst oder Hering[524]; Fleisch und Gemüse, das, wenn überhaupt, in minimalen Quantitäten genossen wird, ist meist von so schlechter Qualität, daß von einem genügenden Nährwert gar nicht die Rede sein kann. Gerade an der Nahrung sparen sich die Arbeiterinnen in der hohen Saison alles ab, um ihre Schulden aus der toten bezahlen zu können. So genießen die meisten Wiener Arbeiterinnen nichts als dreimal des Tages Kaffee und Brot und abends ein Stück Wurst; sie verderben sich den Magen, wenn sie einmal kräftigere Nahrung zu sich nehmen![525] Und um für die an sich schon mangelhafte Ernährung noch vollends den Appetit zu verderben, ja sie gradezu widerlich und gefährlich zu machen, kommt der Ort, wo sie zumeist eingenommen wird, noch hinzu: mitten im staubigen Fabriksaal, oder, falls er, wie es oft geschieht, mittags geschlossen wird, auf Höfen und Treppen ist der "Eßsaal" der meisten Fabrikarbeiterinnen. Selten nur wird ihnen ein eigener Raum zum Essen angewiesen, noch seltener findet sich die Einrichtung von Fabrikkantinen in Verbindung mit ihm. Ins Wirtshaus zu gehen, dazu reichen selten die Mittel, und der Weg nach Hause ist meist viel zu weit. Die Möglichkeit, sich vor dem Essen zu waschen, die staubigen, von Oel, Leim und tausend anderen Dingen beschmutzten Kleider mit reinen zu vertauschen, ist auch nur selten in ausreichendem Maße gegeben, und so schlucken die armen Geschöpfe mit dem schlechten Essen Millionen Miasmen und Krankheitskeime in sich hinein. Ein einziger Blick in das gemütliche Eßzimmer des Fabrikherrn mit den schmackhaften Gerichten und reinen Tellern auf dem frisch gedeckten Tisch und in den schmutzigen Winkel, wo diejenigen, auf deren Arbeit seine Behaglichkeit beruht, aus einer alten Blechkanne oder einem irdenen Topf ihre Suppe oder ihr mit schlechter Butter und einer Wurst, bei deren näherer Untersuchung wir schaudern würden, belegtes Brot verzehren, müßte allein genügen, um das Verbrecherische der herrschenden Wirtschaftsordnung einzusehen. Folgen wir der Arbeiterin auch in ihr "Heim". Sie ist nur zu oft gezwungen, eine Schlafstelle zu nehmen, wo sie nicht einmal auf ein eigenes Bett Anspruch hat. Von 95365 Schlafleuten, die 1890 in Berlin gezählt wurden, waren 39 % in Wohnungen mit nur einem Raum untergebracht[526], d.h. sie schliefen mit der ganzen Familie im selben Zimmer. In einer großen Zahl von ihnen,--1885 wurden 607 der Art in Berlin gezählt,--hausten neben der Familie Schlafburschen und Schlafmädchen, bis zu acht an der Zahl![527] In Leipzig fand sich solch ein Raum mit folgenden Bewohnern: einen trunksüchtigen Mann, einer schwindsüchtigen Frau, drei Kindern und zwei Schlafmädchen.[528] Am günstigsten ist es noch für sie, wenn in einem Bett zwei Schlafmädchen zusammen schlafen, sehr häufig aber müssen sie ihr Lager mit den Kindern ihrer Wirtsleute, ohne Unterschied des Geschlechts, teilen; in Belgien hat eine Untersuchung der Arbeiter-Wohnungsverhältnisse sogar ergeben, daß jugendliche Arbeiter beiderlei Geschlechts auf ein gemeinsames Bett angewiesen waren![529] Nicht nur, daß die Arbeiter nur zu oft weniger Luftraum im Zimmer haben, als die Gefangenen, sie haben nach des Tages Last und Arbeit nicht einen Platz auf Erden, wo sie allein sein, wo sie sich ausruhen und erholen können! Ja, das arme Schlafmädchen hat außer den Nachtstunden nicht einmal einen Anspruch auf ihren Bettanteil; tags über ist der Raum, in dem sie mietete, Werkstatt, Küche, Kinderstube, in dem für sie kein Platz ist. So wird sie gezwungen, sich herumzutreiben, so kommt es auch, daß das Elend des Schlafstellenwesens sich zum Grauenhaften steigern kann: die Mädchen bringen schließlich von ihren zuerst erzwungenen, später freiwilligen abendlichen Vergnügungen ihre Liebhaber mit nach Hause, und verkehren hier, durch den Zwang, die intimsten Dinge täglich vor aller Augen zu verrichten, längst aller Scham entblößt, ungestört durch die Mitbewohner und die kleinen Kinder, mit ihnen.[530] Die enorme Zunahme der unehelichen Kinder,--es giebt Fabrikdistrikte, z.B. Schleswig und Chemnitz, wo sie an Zahl die ehelichen übertreffen[531],--ist die Folge davon. Ist der Vater ein Arbeitsgenosse der Mutter, so pflegt im allgemeinen die schließliche Heirat selbstverständlich zu sein, denn selten nur kommt es vor, daß ein Arbeiter die Vaterschaft nicht anerkennt und die Geliebte verläßt, er würde sich dadurch der Verachtung seiner Kollegen aussetzen.[532] Wie oft aber fällt die Arbeiterin ihrem Vorgesetzten zum Opfer: Sie findet keine Arbeit, wenn sie nicht mit ihrer Arbeitskraft ihre Ehre verkauft, sie muß sich den Lüsten der Werkführer, häufig auch der des Chefs selber fügen, wenn sie sich nicht dem aussetzen will, bei der nächsten Geschäftsstockung ihre Stelle zu verlieren.[533] Und ihr ganzes freudloses Dasein, das ihr, wenn sie ehrlich bleiben will, in gleichförmiger öder Farblosigkeit verfließt, prädestiniert sie noch dazu. Sie hat doch auch ein Recht auf Freude, und sie sehnt sich danach; nicht bloß der physische Hunger zwingt sie, sich von einem Liebhaber unterstützen zu lassen[534], oder sich gelegentlich zu prostituieren, der psychische thut es mit gleicher Gewalt. Liegt nicht gerade darin eine furchtbare Grausamkeit, daß das bißchen Lebensfreude,--oft besteht es in weiter nichts, als in ein paar bunten Fähnchen und reichlichen Mahlzeiten,--von den Proletariermädchen so häufig nur durch Schande erkauft werden kann?! Ein Fabrikmädchen! Naserümpfend hört man es oft sagen. Für die Leute, die mit reinen Kleidern am Familientisch sitzen und abends in ihr eigenes warmes Bett kriechen, verbindet sich mit dem Wort der Gedanke an körperlichen und sittlichen Schmutz. Sie wissen nicht, welch eine Summe von Qual und Entbehrung und Hoffnungslosigkeit es ausdrückt, wie viel heldenmütige Entsagung, von der nur manche stillen, früh gealterten Gesichter Zeugnis ablegen, hinter ihm steckt, welch namenloses Unglück ihm anhaftet, und sie sehen nicht, oder wollen nicht sehen, welch eine Anklage gegen sie und ihresgleichen aus diesen Worten emporwächst. Der niedrige Lohn ist aber nicht die einzige Arbeitsbedingung, die verheerend auf das Leben der Arbeiterin einwirkt. Neben ihn, als der Hauptgrundlage der Existenz, dem bestimmenden Faktor für die physische und geistige Entwicklungsmöglichkeit, tritt die Zeit, die aufgebracht werden muß, um ihn zu verdienen, als zweitwichtiges Moment hinzu. Die Frauen in der Großindustrie genießen fast überall den Vorzug, daß die Stunden, die sie dem Erwerb widmen, gesetzlich geregelt sind. Für sie besteht, in der Theorie wenigstens, der zehn- oder elfstündige Maximalarbeitstag und teilweises Verbot der Nachtarbeit, in der Praxis aber wird er nicht nur durch die sehr weitgehende Erlaubnis seiner Ausdehnung durch Ueberstunden, sondern auch durch die infolge der mangelhaften Kontrolle leicht mögliche Uebertretung der gesetzlichen Vorschriften vielfach überschritten. Nach den deutschen Gewerbeaufsichtsberichten für 1899 wurden für rund 184000 Arbeiterinnen nicht weniger als 3 Millionen Ueberstunden bewilligt.[535] Die vielen Uebertretungen der gesetzlichen Arbeitszeit, die den Beamten überhaupt gar nicht zur Kenntnis kommen, würden diese Zahl gewiß mehr als verdoppeln. Was aber die gesetzlichen Vorschriften vollends fast illusorisch macht, das ist die Gewohnheit der Unternehmer, den Arbeiterinnen noch Arbeit mit nach Hause zu geben, und die Bereitwilligkeit der Arbeiterinnen, dadurch ihren Lohn ein wenig zu erhöhen. Auf diese Weise verlängert sich die Arbeitszeit ins ungemessene. In Verbindung mit der schlechten Ernährung untergraben diese Verhältnisse die Gesundheit der Frauen schon im ersten Lenz ihres Lebens. Gerade in der Entwicklungszeit, wo der Körper des Weibes sich zu seiner schönsten Bestimmung, der Mutterschaft, vorbereitet, wo er durch geeignete Abwechselung von Ruhe und Bewegung, durch frische Luft und gesunde Nahrung gestählt werden müßte, wird er dazu verdammt, mindestens zehn Stunden lang in Staub und Hitze hintereinander zu stehen, oder zu sitzen, Maschine zu treten oder sonst eine gleichförmige, nur bestimmte Muskeln ausbildende Bewegung auszuführen. Die Bleichsucht, mit ihrem Gefolge von Reizung zur Lungenschwindsucht, Unterleibskrankheiten und geistiger Depression, Verkrümmung des Rückgrats und der Beine u. dergl. mehr, halten daher ihren unaufhaltsamen Siegeszug unter den Proletariermädchen.[536] In solchen Betrieben, wo sehr vollkommene technische Einrichtungen eine große Produktion auch ohne Ausnutzung der Arbeitszeit bis an die Grenze des gesetzlich Zulässigen ermöglichen, tritt die Tendenz der freiwilligen Verkürzung der Arbeitszeit hervor.[537] Das gilt auch für einen Teil der Textilindustrie und kommt insofern auch den Frauen zu Gute. Für Frankreich und England läßt sich die gleiche Entwicklung verfolgen, aber ihr Tempo ist ein sehr langsames. Die menschliche Arbeitskraft, und besonders die weibliche, ist häufig, selbst bei geringerer Leistungsfähigkeit, noch viel billiger, als ihre teilweise Ersetzung durch Maschinen. Die gesetzwidrige Verlängerung der Arbeitszeit dürfte daher immer noch viel häufiger vorkommen, als ihre Verkürzung, und zwar vor allem in den Betrieben, wo die Frauen mit ihrer stumpfen Resignation, ihrem Mangel an energischen Solidaritätsgefühl sich zusammendrängen. Aber selbst die Einhaltung des Zehn- resp. Elfstundentags vorausgesetzt, ist der weibliche Arbeiter, verglichen mit dem männlichen, immer noch im Nachteil, weil die Mehrzahl der Frauen mit der Berufsarbeit nicht die Arbeit überhaupt, die auszuführen ihnen obliegt, erledigt haben. Nicht nur, daß es Arbeiterinnen giebt, die, um einen Teil der Miete zu sparen, ihrer Wirtin im Haushalt, bei den Kindern, oder, wie es häufig vorkommt, in irgend einem Zweige der Heimarbeit helfen,--eine "Hilfe", die oft nicht ganz freiwillig ist,--für fast alle die, welche bei den Eltern wohnen, ist die Hausarbeit neben der Erwerbsarbeit etwas Selbstverständliches. So wird der zehn- oder elfstündige Arbeitstag zum dreizehn-, vierzehn- und mehrstündigen und der Sonntag wird noch dazu oft der Reinigung und Instandhaltung der Kleidung gewidmet. Denn darauf hält auch die ärmste Arbeiterin; in dem bunten Band, womit sie ihre Taille gürtet, in den Blumen, die sie auf ihren Hut steckt, in dem möglichst modernen Kleid, womit sie auf den Tanzboden geht, konzentriert sich häufig all ihre Lebensfreude, der sie sogar leichten Herzens auch das bißchen kräftige Nahrung opfert, die sie sich sonst vielleicht gönnen könnte. Engherzige Puritaner schlagen wohl über die "Putzsucht" der Arbeiterin die Hände über dem Kopf zusammen; das Recht auf Jugend, das man den Mädchen der wohlhabenden Bevölkerung voller Wohlwollen und sogar voll freudiger Genugthuung zuerkennt, soll für sie durchaus keine Geltung haben. Und dabei bedenkt man nicht einmal, daß der Proletarierin für andere Genüsse, für deren Verständnis man die bürgerliche Jugend von früh an erzieht, die Aufnahmefähigkeit fehlt. Was dem Arbeiter Bier und Branntwein, das ist der Arbeiterin Putz und Tand: oft die einzig erreichbare Lebensfreude. Niedriger Lohn und lange Arbeitszeit sorgen schon dafür, daß sie nicht üppig ins Kraut schießt, und die traurigen sanitären Verhältnisse in Werkstatt und Fabrik nehmen ihr vollends frühzeitig das Sonnenlicht, in dem sie allein gedeihen kann. Auch darin ist der Arbeiter in günstigerer Lage, als die Arbeiterin: Bei dem weiblichen Geschlecht hat sich bisher überall eine stärkere Empfänglichkeit für die Schädlichkeiten gewisser Gewerbe herausgestellt, sowohl der Staub, als vor allem die Giftstoffe, die sie einatmet, wirken stärker auf sie, als auf den Mann[538], auch Betriebsunfällen ist sie in höherem Maße ausgesetzt. Die Gründe dafür sind vielfach rein äußerlicher Natur: In den langen Kleidern und den leider immer noch üblichen vielen Unterröcken, in den unbedeckten langen Haaren können sich unendlich mehr jener schädlichen Fremdkörperchen festsetzen, als bei den Männern. Ein Wechseln der Kleidung verbietet sich schon dadurch oft von selbst, daß die Arbeiterin nur einen Arbeitsanzug hat, häufig aber wird es unterlassen, weil es an einem geeigneten Umkleideraum fehlt. Oft trennt ihn nur ein leichter Vorhang von dem der Männer, oder dem Arbeitssaal, oft ist er in diesem selbst, wo die Arbeiterin ihre Sachen, die sie schonen muß, gar nicht hinhängen mag. Aus ähnlichen Gründen unterdrückt sie nur zu oft zum Schaden ihrer Gesundheit natürliche Funktionen ihres Körpers, weil das Kloset teils unverschließbar in nächster Nähe des von den Männern benutzten liegt, teils, weil es in einem unbeschreiblichen Zustand sich befindet. Alle Industriezweige fast, in denen Frauen beschäftigt sind, bringen besondere Gefahren für Leben und Gesundheit mit sich. Werfen wir zunächst einen Blick auf die Textilindustrie und treten wir in eine 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 136 137 138 139 140 141 142 143 144 145 146 147 148 149 150 151 152 153 154 155 156 157 158 159 160 161 162 163 164 165 166 167 168 169 170 171 172 173 174 175 176 177 178 179 180 181 182 183 184 185 186 187 188 189 190 191 192 193 194 195 196 197 198 199 200 201 202 203 204 205 206 207 208 209 210 211 212 213 214 215 216 217 218 219 220 221 222 223 224 225 226 227 228 229 230 231 232 233 234 235 236 237 238 239 240 241 242 243 244 245 246 247 248 249 250 251 252 253 254 255 256 257 258 259 260 261 262 263 264 265 266 267 268 269 270 271 272 273 274 275 276 277 278 279 280 281 282 283 284 285 286 287 288 289 290 291 292 293 294 295 296 297 298 299 300 301 302 303 304 305 306 307 308 309 310 311 312 313 314 315 316 317 318 319 320 321 322 323 324 325 326 327 328 329 330 331 332 333 334 335 336 337 338 339 340 341 342 343 344 345 346 347 348 349 350 351 352 353 354 355 356 357 358 359 360 361 362 363 364 365 366 367 368 369 370 371 372 373 374 375 376 377 378 379 380 381 382 383 384 385 386 387 388 389 390 391 392 393 394 395 396 397 398 399 400 401 402 403 404 405 406 407 408 409 410 411 412 413 414 415 416 417 418 419 420 421 422 423 424 425 426 427 428 429 430 431 432 433 434 435 436 437 438 439 440 441 442 443 444 445 446 447 448 449 450 451 452 453 454 455 456 457 458 459 460 461 462 463 464 465 466 467 468 469 470 471 472 473 474 475 476 477 478 479 480 481 482 483 484 485 486 487 488 489 490 491 492 493 494 495 496 497 498 499 500 501 502 503 504 505 506 507 508 509 510 511 512 513 514 515 516 517 518 519 520 521 522 523 524 525 526 527 528 529 530 531 532 533 534 535 536 537 538 539 540 541 542 543 544 545 546 547 548 549 550 551 552 553 554 555 556 557 558 559 560 561 562 563 564 565 566 567 568 569 570 571 572 573 574 575 576 577 578 579 580 581 582 583 584 585 586 587 588 589 590 591 592 593 594 595 596 597 598 599 600 601 602 603 604 605 606 607 608 609 610 611 612 613 614 615 616 617 618 619 620 621 622 623 624 625 626 627 628 629 630 631 632 633 634 635 636 637 638 639 640 641 642 643 644 645 646 647 648 649 650 651 652 653 654 655 656 657 658 659 660 661 662 663 664 665 666 667 668 669 670 671 672 673 674 675 676 677 678 679 680 681 682 683 684 685 686 687 688 689 690 691 692 693 694 695 696 697 698 699 700 701 702 703 704 705 706 707 708 709 710 711 712 713 714 715 716 717 718 719 720 721 722 723 724 725 726 727 728 729 730 731 732 733 734 735 736 737 738 739 740 741 742 743 744 745 746 747 748 749 750 751 752 753 754 755 756 757 758 759 760 761 762 763 764 765 766 767 768 769 770 771 772 773 774 775 776 777 778 779 780 781 782 783 784 785 786 787 788 789 790 791 792 793 794 795 796 797 798 799 800 801 802 803 804 805 806 807 808 809 810 811 812 813 814 815 816 817 818 819 820 821 822 823 824 825 826 827 828 829 830 831 832 833 834 835 836 837 838 839 840 841 842 843 844 845 846 847 848 849 850 851 852 853 854 855 856 857 858 859 860 861 862 863 864 865 866 867 868 869 870 871 872 873 874 875 876 877 878 879 880 881 882 883 884 885 886 887 888 889 890 891 892 893 894 895 896 897 898 899 900 901 902 903 904 905 906 907 908 909 910 911 912 913 914 915 916 917 918 919 920 921 922 923 924 925 926 927 928 929 930 931 932 933 934 935 936 937 938 939 940 941 942 943 944 945 946 947 948 949 950 951 952 953 954 955 956 957 958 959 960 961 962 963 964 965 966 967 968 969 970 971 972 973 974 975 976 977 978 979 980 981 982 983 984 985 986 987 988 989 990 991 992 993 994 995 996 997 998 999 1000