»Da sind Sie ja endlich,« sagte Lady Brandon. »Sie kennen doch alle
hier?«
»Wie geht es Ihnen?« fragte Sir Charles und bot ihm mit der ernsten
Miene eines Mannes, der eine Pflicht gegen den Gast seiner Frau
erfüllt, die Hand. Er schüttelte sie herzlich, nickte Erskine zu
und sah ohne eine Miene des Erkennens Gertrude an, deren frostiges
Schweigen sich gegen die Annahme der Lady Brandon zu verwahren schien,
als ob der Fremde mit ihr bekannt sei. Dann wandte er sich zu Agatha
und verneigte sich vor ihr. Sie gab ihm keine Antwort, sie war wie
erstarrt. Lady Brandon errötete vor Ärger. Sir Charles bemerkte den
Empfang seines Gastes mit innerer Genugtuung, aber er teilte doch auch
die Verlegenheit, die alle mit Ausnahme von Trefusis ergriffen hatte.
Dieser schien ganz gleichgültig und zufrieden zu sein und brachte
unbewußt den Eindruck hervor, die andern hätten sich nicht richtig
benommen, was ja auch tatsächlich der Fall war.
»Wir sahen uns grade ein paar Radierungen an, als Sie hereinkamen,«
sagte Sir Charles und beeilte sich, das Stillschweigen zu brechen.
»Machen Sie sich etwas aus solchen Dingen?« Und er händigte ihm einen
Abzug ein.
Trefusis warf einen Blick darauf, als ob er noch nie in seinem Leben so
etwas gesehen habe und nicht wüßte, was er damit anfangen sollte. »Alle
diese Kritzeleien scheinen mir keinen Sinn zu haben,« sagte er unsicher.
Sir Charles warf Erskine ein geringschätziges Lächeln und einen
bezeichnenden Blick zu. Dieser, der schon eine instinktive Abneigung
gegen Trefusis fühlte, sagte ausdrucksvoll:
»Da ist keine von diesen Kritzeleien, die nicht einen Sinn hat.«
»Das zum Beispiel, das aussieht wie das Bein einer Mücke -- was
bedeutet es?«
Erskine zauderte einen Augenblick. Dann faßte er sich und sagte: »Es
stellt unverkennbar -- wenigstens für mich -- die Zeichnung eines
Fahrweges vor.«
»Keine Spur davon.« sagte Trefusis. »Nie hat es auf einem Fahrwege
solch einen Einschnitt gegeben. Es scheint ein sehr schlecht geratener
Brombeerstrauch zu sein, aber Brombeersträuche wachsen nicht mitten auf
dem Wege, besonders auf so belebten, wie der nach den ausgefahrenen
Geleisen zu sein scheint.« Er legte die Radierung fort und schien keine
Lust mehr zu haben, noch einmal in die Mappe hineinzusehen. Dann sagte
er: »Die einzige Kunst, die mich interessiert, ist das Photographieren.«
Erskine und Sir Charles wechselten wieder Blicke, und Erskine sagte:
»Photographieren ist nach meiner Ansicht keine Kunst, es ist ein
Verfahren.«
»Und ein viel angenehmeres und vollkommeneres Verfahren als dieses.«
sagte Trefusis und wies auf die Radierungen. »Die Künstler kleben nur
deshalb an dem alten, barbarischen, schwierigen und unvollkommenen
Verfahren des Radierens oder Porträtmalens, um den Monopolwert der
dazu erforderlichen Geschicklichkeit hochzuhalten. Die neue, viel
kompliziertere und vollkommenere und doch so einfache und schöne
Methode des Photographierens haben sie Geschäftsleuten überlassen.
Sie rümpfen öffentlich die Nase darüber und nehmen heimlich ihre
Zuflucht zu ihr. Schließlich werden die Photographen bessere Künstler
als sie selbst, und das ist auch ganz natürlich. Denn wo wie beim
Photographieren das Zeichnen nichts ist, da ist das Denken und Urteilen
alles. Und wo wie beim Radieren und Klecksen eine große Handfertigkeit
dazu gehört, um etwas für das Auge Gefälliges hervorzubringen, da
gilt die Ausführung mehr als das Denken, und wenn ein Bursche, dessen
Anlagen vielleicht dazu ausreichen, Steine beim Bau hinaufzutragen,
nur so viel Ehrgeiz und Ausdauer besitzt, seine Hand auszubilden und
sich vorzudrängen, so können Sie ihn nicht mehr auf seinen gehörigen
Platz zurückweisen, weil gut ausgebildete Hände so selten sind. Sehen
Sie sich die Verhältnisse in der Literatur an. Unsere Bücher sind
rein technisch die Arbeit von Druckern und Papiermachern. Sie können
einem Schriftsteller die Hände abschneiden, und er ist so gut ein
Schriftsteller wie vorher. Was ist die Folge? In einer einzigen Nummer
einer Groschenzeitschrift steckt mehr Phantasie, als in einem halben
Dutzend Akademiesälen während einer ganzen Saison. Kein Schriftsteller
kann gleichzeitig von seiner Arbeit leben und so beschränkt sein, wie
es im Durchschnitt ein erfolgreicher Maler ist. Andererseits betrachten
Sie die Hilfsmittel der Musik -- das Klavier zum Beispiel. Niemand
außer einem Akrobaten wird freiwillig Jahre auf eine so schwierige
mechanische Aufgabe, wie die Beherrschung der Klaviatur verwenden, und
so genießen wir Beethovens Sonate durch die Aufführungen von Akrobaten,
die einander in der Schnelligkeit ihrer Prestos oder in der Ausdauer
ihres linken Handgelenks zu übertreffen suchen. Menschen mit Ideen
werden nicht ihr Leben damit verbringen, Taschenspielerkunststücke zu
lernen. Erfinden Sie ein Klavier, das so feinfühlend dem Drehen eines
Handgriffs gehorcht, wie unsere jetzigen dem Druck der Finger, und die
Akrobaten werden wieder zu ihren Teppichen und Trapezen zurückkehren
müssen, denn die einzige Veranlagung, die der vortragende Musiker
braucht, wird die musikalische Veranlagung sein, durch nichts anderes
kann er sich Gehör verschaffen.«
Die Gesellschaft war etwas verwirrt durch diese unerwartete Belehrung.
Sir Charles fühlte, daß solche Ansichten sich gegen sein innerstes
Wesen wandten, daß sie das Ideale zerstörten und sich an niedrige
Instinkte wandten. Er wollte schon eine verdrießliche Antwort geben,
als ihm Erskine zuvorkam und Trefusis fragte, welche Ansicht er über
die zukünftige Entwicklung der Kunst habe. Er erwiderte sofort:
»Photographie, vervollkommnet durch die neue Erfindung, die Farben
ebenso wiederzugeben wie die Umrisse. Die Historienmalerei wird durch
Photographien von lebenden Bildern verdrängt, die von tüchtigen
Schauspielern und Künstlern entworfen und ausgeführt werden und
hauptsächlich zur Belehrung von Kindern dienen. Neun Zehntel unserer
heutigen Malerei wird durch den Wettbewerb solcher Photographien
verschwinden, und das andere Zehntel hält sich gegen sie nur durch
außerordentlich hervorragende Leistungen! Unsere mißtönigen und schwer
zu spielenden Orgeln und Klaviere werden durch harmonische Instrumente
ersetzt, die man so leicht handhaben kann wie Drehorgeln! Dichtungen
werden verdrängt durch interessante Gesellschaft und Unterhaltung. Die
Menschen werden aus der Kinderei herauswachsen, mit der sie sich an
Geschichten ergötzten, die ihnen groß gewordene Kinder wie Romandichter
und dergleichen erzählten! Man wird der verrückten Konfusion ein
Ende machen, die sich hinter dem Gesamtnamen Kunst verbirgt, und
die Narretei und Täuschung unserer Theateraufführungen wird man
beseitigen, um dem Menschen eine höhere Kenntnis seines eigenen Wesens
zu geben! Jeder Künstler ein Amateur, und dementsprechend Rückkehr zu
der alten, gesunden Ansicht, daß jeder, der mit der Kunst sein Brot
verdienen will, als ein Vagabund betrachtet wird und aus der Reihe der
anständigen Menschen verjagt wird!«
»Worauf die Künstler verhungern und wir keine Kunst mehr haben.«
»Mein Herr,« sagte Trefusis, den dieses Wort erregt hatte, »ich als
Sozialist kann Ihnen erzählen, daß heute das Verhungern unmöglich
ist, wenn nicht, wie in England, freie Männer mit Gewalt verhindert
werden, ihre nötige Nahrung zu produzieren. Und Sie als Künstler können
mir erzählen, daß heute alle großen Künstler verhungern müssen, wenn
sie nicht durch Mildtätigkeit, eigenes Vermögen oder durch mühsame
Lohnarbeit, die sie von ihrem eigentlichen Beruf abbringt, am Leben
gehalten werden.«
»Oh,« sagte Erskine. »Dann haben schließlich die Sozialisten sehr wenig
Sympathie mit den Künstlern.«
»Ich fürchte,« sagte Trefusis und nahm sich zusammen, so daß er wieder
ruhig sprach, »wenn ein Sozialist hört, daß man für eine Zeichnung, die
Andrea del Sarto gerne für einen Schilling verkaufte, hundert Pfund
bezahlt, dann quält er sein Herz nicht mit Mitleid für den angeblichen
Verlust der Künstler, wie das die modernen Kapitalisten tun. Und doch
ist das heutzutage der einzige Weg, um Sympathie für die alten Meister
zu zeigen. Das ist das Schlimme an der Sache, wenn Sie Ihre Zeichnungen
verkaufen wollen, dann haben sie noch nicht diesen Marktwert. Aber,«
fügte er, sich schüttelnd, hinzu und sah sich fröhlich um, »ich bin
nicht hierher gekommen, um Fachgespräche zu führen. Wir wollen nicht an
die Sündflut denken und uns auf unsere Art weiter vergnügen.«
»Nein,« sagte Jane. »Reden Sie nur über Kunst. Es ist eine solche
Erlösung, wenn man jemand vernünftig darüber sprechen hört. Ich hasse
das Radieren. Man bekommt schlechte Augen davon -- wenigstens hat die
Säure Sir Charles' Augen angegriffen, und der Unterschied zwischen dem
ersten und zweiten Abzug besteht nur in der Einbildung, höchstens, daß
der letzte Abzug schlechter ist als der -- da ist das Essen!«
Sie gingen dann hinab. Trefusis saß zwischen Agatha und Lady Brandon,
mit der er sich ausschließlich unterhielt. Sie plauderten zusammen,
ohne daß sie sich viel durch das Geschäft des Essens stören ließen.
Denn Jane hatte trotz ihres Umfangs nur einen geringen Appetit und
fürchtete sich, zu fett zu werden, und Trefusis war grundsätzlich
mäßig. Sir Charles zeigte sich ungewöhnlich schweigsam. Er fürchtete
sich, über Kunst zu reden, damit ihm nicht Trefusis widersprechen
sollte, der, wie er schon fühlte, sich weniger daraus machte, aber
mehr davon verstand als er selbst. Nachdem er Agatha zuerst ein paar
Bemerkungen über die Schönheit des erwachenden Frühlings gesagt und
sie dann gefragt hatte, ob sie von der Reise ermüdet sei, hatte er
auch alles gesagt, was ihm bei einem solchen ersten Zusammentreffen
einfallen konnte. Sie selbst richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf
Trefusis, der nach ihrer Meinung doch wissen mußte, daß ihm alle mit
Ausnahme von Jane feindlich gesinnt waren. Aber er schien ebenso
selbstzufrieden zu sein wie damals, als er sie zum Narren gehalten
hatte. Dieser Gedanke stumpfte ihren Zorn ab. Sie zweifelte nicht an
ihrer aufrichtigen Antipathie gegen ihn, obgleich sich heimlich in ihr
ein Widerspruch regte, als sie sich einredete, sie sei unzufrieden, ihn
wieder zu treffen und sie wolle nicht mit ihm sprechen. Gertrude gab
inzwischen Erskine kurze Antworten und lauschte auf Trefusis. Sie hatte
aus dem häuslichen Gezänke der letzten Tage so viel entnommen, daß Lady
Brandon gegen den Willen ihres Mannes einen berüchtigten Demagogen,
den reichen Sohn eines erfolgreichen Baumwollspinners, zu einem Besuch
auf Beeches eingeladen hatte. Sie war entschlossen, solch einen Mann
von oben herab zu behandeln. Als sie aber den längst vergessenen
Smilasch wiedererkannte, war sie so erstaunt, daß sie nicht wußte, was
sie tun sollte. So verharrte sie in steifem Schweigen, und um nichts
Unpassendes zu tun, tat sie gar nichts, wie das die Gewohnheit der
englischen Damen in solchen Fällen ist. Nach und nach hatte dann sein
unbefangenes Selbstbewußtsein sie ebenso gefesselt wie die andern, und
ihre Absicht, ihn verächtlich zu behandeln, verschwand, wie so viele
Vorsätze, die man nicht ausführt. Erskine blieb allein frei von dem
Einfluß des Eindringlings. Er wünschte sich selbst an einen andern Ort,
aber abgesehen von Gertrude störte ihn die Gegenwart oder Abwesenheit
irgendeines Menschen sehr wenig.
»Wie geht es den Jansenius'?« fragte Trefusis plötzlich und wandte sich
an Agatha.
»Danke, es geht ihnen sehr gut,« sagte sie in gemessenem Tone.
»Ich traf kürzlich John Jansenius in der Stadt. Sie kennen Jansenius?«
fügte er zu Sir Charles gewendet bei. »Cotmans Bank -- der letzte
Cotman, der in der Firma war, starb, bevor wir geboren wurden. Der
Präsident der Transkanadischen Eisenbahngesellschaft.«
»Ich kenne den Namen. Ich bin selten in der City.«
»Natürlich,« stimmte Trefusis bei. »Denn wer wollte sich wohl selbst
damit quälen und sich, ohne dazu gezwungen zu sein, unter eine solche
Sklavenmenge begeben? Ich meine natürlich Sklaven des Mammon. In
Cornhill an ihren Gesichtern vorbei Spießruten zu laufen, das kann
einen feinfühlenden Mann auf Stunden zur Verzweiflung bringen. Nun,
Jansenius, der eine hohe Stellung am Hofe Mammons einnimmt, sieht sich
dort nach einem guten Posten für seinen Sohn um. Jansenius ist übrigens
der Vormund von Miß Wylie und der Vater meiner verstorbenen Frau.«
Agatha hätte dem am liebsten widersprochen, da es aber wahr war, mußte
sie es ruhig anhören. Sie wollte aber zeigen, daß die Beziehungen
zwischen ihrer Familie und Trefusis keine herzlichen seien, und fragte
absichtlich: »Hat Mr. Jansenius mit Ihnen gesprochen?«
Gertrude blickte auf, als sei das eine unpassende Bemerkung für eine
Dame.
»Ja,« sagte Trefusis. »Wir sind die besten Freunde in der Welt --
wenigstens so weit das möglich ist. Er wollte meine Unterschrift zu
einem Fonds haben, der den Armen aus Eastend dadurch hilft, daß er
ihnen die Auswanderung möglich macht.«
»Ich nehme an, Sie haben reichlich gezeichnet,« sagte Erskine. »Das war
doch eine Gelegenheit, auch -praktisch- etwas Gutes zu tun.«
»Ich hab es nicht getan,« sagte Trefusis und lächelte über den Spott.
»Diese Transkanadische Eisenbahngesellschaft hat von der kanadischen
Regierung eine große Menge mageres Land umsonst erhalten. Sie hält
es nun für eine gute Idee, englische Arbeiter dort anzusiedeln und
eine Rente von ihnen zu beziehen. Viele englische Arbeiter, die durch
Maschinen, billige fremde Arbeit oder durch sonst etwas brotlos
geworden waren, wollten gerne gehen. Da sie aber die Überfahrt nach
Kanada nicht bezahlen konnten, wandte sich die Gesellschaft an die
öffentliche Mildtätigkeit, durch Unterzeichnung für sie zu bezahlen, da
der Wechsel ihre elende Lage verbessern werde. Ich sah aber nicht ein,
warum ich Geld ausgeben sollte, um eine reiche Gesellschaft mit Farmern
zu versehen, und ich sagte das auch Jansenius. Er entgegnete, wenn es
auf Geld und nicht auf Redensarten ankäme, dann würden die englischen
Arbeiter bald einsehen, wer ihre wirklichen Freunde seien.«
»Ich verstehe nichts von solchen Fragen,« sagte Sir Charles und machte
ein Gesicht, als ob er etwas Überzeugendes vorbrächte. »Aber ich sehe
nicht ein, was man gegen die Auswanderung vorbringen könnte.«
»Die Idee der Auswanderung,« entgegnete Trefusis, »ist wirklich eine
für uns gefährliche. Machen Sie den Arbeiter erst damit vertraut,
dann wird er eines Tages einsehen, was für eine famose Sache das ist,
wenn er mich und Sie und das Oberhaus mit der ganzen Sippe müßiger
Besitzer nach St. Helena verschickt und uns als Entschädigung ein
reizendes Geschenk mit der Insel macht. Wir sind solch ein ruheloses,
unglückliches Geschlecht, daß ich nicht weiß, ob das Ganze nicht
auch für uns gut sein werde. Die Arbeiter würden nichts verlieren
außer dem Anblick unserer eleganten Person, unserer feinen Manieren
und unseres delikaten Geschmacks. Vielleicht schützen sie sich gegen
diesen Verlust, indem sie ein paar von uns herauswählen und als Zierrat
benutzen. Keine Nation, die Sinn für Schönheit hat, würde Lady Brandon
oder Miß Lindsay oder Miß Wylie verjagen.«
»Solch ein Unsinn!« sagte Jane.
»Sie werden es kaum glauben, wieviel Geld ich schon ausgegeben habe,
um Arbeiter ins Ausland zu senden, trotzdem das ja nach meiner Ansicht
nicht im Interesse des Landes liegt,« fuhr Trefusis, zu Erskine
gewandt, fort. »Sobald ich einen Arbeiter bekehrt habe, benutzt er die
erstbeste Gelegenheit, um irgendwo in einer Rede seine neuen Ansichten
darzulegen. Sein Brotherr entläßt ihn dann, er gibt ihm den Laufpaß,
wie man sagt. Die Entlassung ist das Schwert des Kapitalisten, und
der Hunger hält es stets scharf für ihn. Sein Schild ist das Gesetz,
das durch seine eigene Klasse ausdrücklich zu dem Zwecke gemacht ist.
So gewappnet, ruiniert er meinen armen Bekehrten, und dieser kommt
in seinem Elend zu mir und bittet um meine Hilfe. Da ich ihm für sein
ganzes Leben keine Rente bezahlen kann, schaffe ich ihn mir vom Halse,
indem ich ihm helfe, auszuwandern. Manchmal geht es ihm gut, und er
bezahlt mir das Geld zurück. Mitunter höre ich auch nichts mehr von
ihm, oder er kommt, wie er vorher gewesen war, wieder zurück. Ein Mann,
den ich nach Amerika sandte, erwarb sich ein Vermögen, aber er war kein
Sozialdemokrat. Er war ein Handlungsgehilfe, der eine Unterschlagung
gemacht hatte und sich an mich um eine Unterstützung wandte, weil
er glaubte, ich halte es für eine sehr verdienstliche Sache, einem
Kapitalisten die Kasse zu bestehlen.«
»Er war jedenfalls ein praktischer Sozialist,« sagte Erskine.
»Im Gegenteil, er war ein etwas zu habgieriger Individualist. Aber wie
es auch sei, ich ermöglichte es ihm, seine Unterschlagung wieder gut zu
machen -- in der City kann man jede Unterschlagung wieder gut machen,
wenn man das Geld zurückzahlt -- und nach Neuyork zu gehen. Aber er
wußte es besser als ich, denn er erwarb sich ein Vermögen, indem er
mit Geld spekulierte, das nur in der Einbildung derer existierte, mit
denen er Geschäfte machte. -Er- hat mir nie etwas zurückbezahlt. Er ist
offenbar ein viel zu guter Geschäftsmann, um Geld zurückzuzahlen, das
man ihm nicht durch gesetzliche Mittel oder Abschneidung des Kredits
abnehmen kann. Mr. Erskine,« fügte Trefusis, zu dem Dichter gewandt,
mit ruhigerer Stimme hinzu, »es ist unrecht, daß Sie gegen Ihre eigene
Natur die Partei von Halunken und Glücksjägern nehmen, selbst wenn
diese von einem Mann angegriffen werden, der das Photographieren dem
Radieren vorzieht.«
»Aber ich versichere Ihnen -- Sie mißverstehen mich wirklich,« sagte
Erskine verwirrt. »Ich --« Er stockte, blickte Sir Charles um Hilfe an
und sagte dann lebhaft: »Ich zweifle nicht, daß Sie völlig recht haben.
Ich hasse Geschäfte und Geschäftsmenschen, und was die sozialen Fragen
angeht, so habe ich da nur einen Glaubensartikel, daß das einzige
Schöne im Menschenleben die schöne Kunst ist.«
»Und ich glaube, daß das einzige Schöne in der Kunst das Menschenleben
ist. Die Kunst wächst, wenn die Menschen wachsen, und sie verkommt,
wenn die Menschen verkommen. Was ist Ihre Meinung?«
»Ich stimme in mancher Beziehung mit Ihnen überein,« entgegnete Sir
Charles nervös, denn ein Mangel an Interesse für seine Mitmenschen und
ein Übermaß von Interesse für sich selbst waren die Ursache, daß er
nichts von sozialen Dingen verstand. Da er aber glaubte, ein Baronet
müßte das eigentlich auch wissen, fürchtete er sich natürlich, irgend
jemand zu widersprechen, der in zuversichtlicher Weise davon anfing.
»Wenn Sie an Kunstsachen Interesse haben, kann ich Ihnen, glaube ich,
manches Sehenswerte zeigen.«
»Das wird mich freuen. Ich werde Ihnen dafür gelegentlich eine Sammlung
von Photographien zeigen, von denen ich viele selbst aufgenommen habe.
Vielleicht wird sie Ihnen einige Belehrung bieten.«
»Ohne Zweifel,« sagte Sir Charles. »Wollen wir zur Galerie
zurückkehren? Ich habe da ein paar Schätze, die die Photographie so
bald noch nicht übertreffen wird.«
»Ich denke, wir gehen durch das Gewächshaus,« sagte Jane. »Lieben Sie
Blumen, Mr. Smi-- Nie kann ich mich doch auf Ihren richtigen Namen
besinnen.«
»Das ist seltsam,« sagte Trefusis.
Sie erhoben sich und betraten ein langgestrecktes Treibhaus. Lady
Brandon hatte Erskine an ihrer Seite -- Sir Charles und Gertrude gingen
vor ihr. Aber sie sah sich nach Trefusis um, denn sie beabsichtigte,
unter dem Vorwand, ihm die Blumen zu zeigen, ein wenig mit ihm zu
flirten. Er war nicht zu sehen, aber sie hörte seine Schritte auf dem
Wege an der andern Seite des Gewächshauses. Agatha war ebenfalls nicht
zu sehen. Jane, die diese Anordnung nicht ändern durfte, wenn sie nicht
ihre Absicht auffällig machen wollte, mußte mit Erskine weitergehen.
Agatha hatte ohne jede Absicht den andern Durchgang betreten. Als sie
sah, was sie getan hatte, und sich wirklich ganz allein mit Trefusis,
der ihr gefolgt war, fand, tadelte sie ihn deswegen und war schon
dabei, zurückzugehen, als er kühl bemerkte:
»Waren Sie bestürzt, als Sie von Henriettas plötzlichem Tod hörten?«
Agatha kämpfte einen Augenblick mit sich selbst und sagte dann mit
unterdrückter Stimme: »Wie können Sie es wagen, mit mir zu sprechen?«
»Warum nicht?« fragte er erstaunt.
»Ich will mich nicht in eine Auseinandersetzung mit Ihnen einlassen.
Sie wissen ganz gut, was ich meine.«
»Sie glauben, Sie wären durch mich beleidigt. Das ist klar genug. Aber
wenn ich von einer jungen Dame in freundlichster Weise scheide und sie
mich nach Jahren, während derer ich sie nicht gesehen und ihr nicht
geschrieben habe, gefragt werde, wie ich es wagen dürfte, mit ihr zu
reden, dann bin ich natürlich erstaunt.«
»Wir schieden nicht in freundlichster Weise.«
Trefusis spannte seine Augenbrauen an, als ob er sein Gedächtnis
anspannen wollte. »Wenn wir es nicht taten,« sagte er, »so habe ich es
auf mein Ehrenwort vergessen. Wann schieden wir voneinander, und was
geschah da? Es kann nichts sehr Ernsthaftes gewesen sein, sonst müßte
ich mich dessen erinnern.«
Seine Vergeßlichkeit verwundete Agatha. »Sie sind zweifellos sehr daran
gewöhnt --« Sie unterbrach sich selbst, und es gelang ihr schnell,
wieder in ihren gewöhnlichen Unterhaltungston einem Herrn gegenüber
zu kommen. »Jetzt, da ich nachdenke, erinnere ich mich kaum, was es
eigentlich war. Wahrscheinlich irgendeine Kleinigkeit. Lieben Sie
Orchideen?«
»Die haben jetzt nichts mit unserer Sache zu tun. Die Orchideen
interessieren Sie auch gar nicht so, sie wollen nur von dem
Mißverständnis davonlaufen, anstatt es aufzuklären. Das ist immer eine
kurzsichtige Politik.«
Agatha wurde unruhig, denn sie fühlte, wie sein früherer Einfluß sie
wieder überkam. »Ich habe nicht den Wunsch, darüber zu sprechen,« sagte
sie fest.
Ihre Festigkeit war bei ihm verloren. »Ich weiß noch immer nicht, worum
es sich überhaupt handelt,« sagte er. »Aber ich möchte es wissen,
denn ich glaube, es liegt da ein Mißverständnis vor, und es ist eine
Gewohnheit Ihres Geschlechts, Mißverständnisse zu verewigen, indem
Sie sich jede Anspielung darauf verbitten. Als ich Lyvern so schnell
verließ, habe ich vielleicht vergessen, ein Versprechen zu erfüllen
oder Lebewohl zu sagen oder sonst irgend etwas. Aber wissen Sie,
wie plötzlich ich weggerufen wurde? Ich erhielt eine telegraphische
Nachricht, daß Henrietta im Sterben liege, und ich hatte kaum die Zeit,
meine Kleider zu wechseln -- Sie erinnern sich ja an meine Vermummung
-- um den Zug zu erreichen. Und schließlich war sie schon tot, als ich
ankam.«
»Ich weiß das,« sagte Agatha ängstlich. »Bitte, sagen Sie nichts mehr
darüber.«
»Nicht, wenn es Sie betrübt. Hoffentlich denken Sie aber auch nicht,
ich machte Ihnen Vorwürfe wegen Ihres Anteils an der Sache, oder ich
hätte Jansenius davon erzählt. Das tat ich nicht. Ob ich Orchideen
liebe? Ja. Eine Pflanze, die auf einem Holzbrettchen leben kann, ist
ein Beweis für die Sparsamkeit der Natur --«
»-Sie- machen -mir- Vorwürfe!« schrie Agatha. »Ich habe es nie den
Jansenius' erzählt. Was würden sie von Ihnen gedacht haben, wenn ich es
getan hätte?«
»Sie hätten schlimmer über Sie gedacht als über mich, natürlich mit
Unrecht. Sie waren die unmittelbare Ursache der Tragödie, ich nur
die entfernte. Jansenius ist nicht weitblickend, wenn seine Gefühle
gekränkt werden. Die wenigsten Männer sind das.«
»Ich verstehe Sie nicht im mindesten. Welche Tragödie meinen Sie?«
»Henriettas Tod. Ich nenne ihn konventionell eine Tragödie, obgleich er
natürlich in Wirklichkeit nichts Ungewöhnliches an sich hatte.«
Agatha machte eine Pause und starrte ihn an. »Was soll das heißen,
was Sie jetzt sagten? Ich sei die unmittelbare Ursache der Tragödie,
und Sie reden von Henriettas -- von Henrietta? Ich hatte mit ihrer
Krankheit nichts zu tun.«
Trefusis sah sie an, als überlegte er, ob er weitergehen sollte. Dann
sagte er, indem er sie mit der Neugierde eines Vivisektors beobachtete:
»Es ist seltsam, Agatha« -- sie fuhr stolz zurück, als sie den Namen
hörte, »aber wenn Sie nicht gewesen wären, lebte Henrietta vielleicht
noch. Ich bin sehr froh, daß sie es nicht tut, und so brauchen Sie
sich also meinetwegen keine Vorwürfe zu machen. Sie starb durch eine
Reise nach Lyvern, die sie in großer Erregung und Trauer und bei
außerordentlich kaltem Wetter machte. Sie veranlaßten sie zu der Reise,
denn Sie schrieben ihr einen Brief, der sie eifersüchtig machte.«
»Wollen Sie mir etwa vorwerfen --«
»Halt! Nein,« sagte er schnell, und seine ganze Vivisektionslust
verging vor ihrer zitternden Stimme. »Ich werfe Ihnen gar nichts
vor. Warum sprechen Sie nicht aufrichtig zu mir, wenn Sie in Ihrer
gewöhnlichen Stimmung sind? Wenn Sie Ihre wirkliche Ansicht nur auf der
Folter gestehen, wer sollte nicht Lust bekommen, Sie zu foltern? Man
muß Ihnen gleich eine Mordtat vorwerfen, damit Sie von etwas anderm als
Orchideen sprechen.«
Aber Agatha hatte durch ihre früheren Erfahrungen gelernt und wollte
sich nicht mundtot machen lassen. »Es war nicht meine Schuld,« sagte
sie. »Es war Ihre -- ganz allein Ihre Schuld.«
»Ganz allein meine Schuld,« stimmte er zu und war froh, Sie unwillig
statt ängstlich zu finden.
Diese wörtliche Zustimmung besänftigte sie nicht. »Ihr Benehmen war
eines Mannes sehr unwürdig. Ich habe Ihnen das auch gesagt, und Sie
konnten es nicht leugnen. Sie behaupteten, daß Sie -- Sie behaupteten,
Sie hätten Gefühle -- Sie gaben sich Mühe, mir den Glauben daran
beizubringen -- Oh, was bin ich töricht, daß ich mit Ihnen rede. Sie
wissen ganz gut, was ich meine.«
»Vollständig. Ich versuchte, Ihnen den Glauben beizubringen, daß ich
Sie liebte. Woher wissen Sie, daß es nicht wahr war?«
Sie verschmähte es, zu antworten. Aber da er ruhig wartete, sagte sie:
»Sie hatten kein Recht, in mich verliebt zu sein.«
»Das ist kein Beweis dagegen, daß ich es nicht doch war. Sehen Sie,
Agatha, Sie gaben vor, mich zu lieben, und es lag Ihnen doch gar nichts
an mir. Das sprachen Sie deutlich genug in jenem Unglücksbrief aus,
den ich noch irgendwo zu Hause habe. Er ist quer durchgerissen, und
die Spur von ihrem Absatz ist noch daran zu sehen. Das arme Mädchen
muß ihn in ihrem Zorn mit Füßen getreten haben. So kann ich Ihnen also
Ihre eigene Handschrift als Beweis zeigen, daß Sie mit mir gespielt
haben, und Sie klagen mich -- ohne jeden Beweis -- an, ich hätte Sie
getäuscht.«
»Sie sind klug und können alles verdrehen. Welch ein Vergnügen macht es
Ihnen, mich zu quälen?«
»Ha!« rief er in einem abgebrochenen, bitteren Lachen. »Ich weiß es
nicht. Ich glaube, Sie behexen mich.«
Agatha gab keine Antwort und ging ruhig zu dem Ende des Gewächshauses,
wo die andern auf sie warteten.
»Wo haben Sie gesteckt und was haben Sie die ganze Zeit über
angefangen?« fragte Jane, als Trefusis eilig hinter Agatha herkam. »Ich
weiß nicht, wie Sie das nennen, ich nenne es einfach ungehörig.«
Sir Charles errötete über das schlechte Benehmen seiner Frau, und
Trefusis erwiderte ruhig: »Wir haben die Orchideen bewundert und uns
darüber unterhalten. Miß Wylie interessiert sich dafür.«
Dreizehntes Kapitel.
Eines Morgens erhielt Gertrude von ihrem Vater einen Brief:
-Meine liebe Gerty-, ich habe grade von Madame Smith eine Rechnung
von 110 Pfund für Deine Kleider erhalten. Darf ich mir vielleicht die
Frage erlauben, wie lange das noch so weitergehen soll? Ich brauche
Dir wohl nicht zu erzählen, daß ich nicht die Mittel habe, eine
solche Verschwendung noch fernerhin zu unterstützen. Ich bin, wie Du
weißt, immer ängstlich besorgt, daß Du Deiner Stellung entsprechend
auftreten kannst. Aber wenn das nicht anders geht, als daß ich
dabei jede Saison Hunderte von Pfund an Madame Smith wegwerfen muß,
dann ist es besser, wenn Du die Gesellschaft aufgibst und zu Hause
bleibst. Ich kann es tatsächlich nicht aufbringen. Soviel ich sehe,
hat das ganze Gesellschaftsleben Dir nicht viel genützt. Vorigen
Monat mußte ich 500 Pfund bei Franklands erheben, und es wäre noch
schöner, wenn ich noch mehr erheben müßte, um Deine Kleidermacherin
zu bezahlen. Wenn Du wenigstens eine Privatperson beschäftigtest,
oder eine, die keine solche Preise macht. Madame Smith erklärt mir,
sie will nicht länger warten, und sie verlangt für jedes einzelne
Kleid 60 Pfund. Ich hoffe, Du hast mich jetzt richtig verstanden, daß
diese Sache ein Ende haben muß.
Ich höre von Deiner Mutter, daß sich der junge Erskine mit Dir bei
den Brandons aufhält. Ich halte nicht viel von ihm. Er ist nicht
wohlhabend und wird es auch kaum werden, da er sich mit Poesie und
dergleichen abgibt. Und dann habe ich gehört, daß ein Mann namens
Trefusis jetzt sehr oft Beeches besucht. Er muß ein Narr sein, denn
er trat bei der letzten Wahl in Birmingham als Kandidat auf und
erhielt ganze zweiunddreißig Stimmen, weil er sich als Sozialdemokrat
oder mit einem ähnlichen ausländischen Unsinn bezeichnete, statt
wie ein Mann zu sagen, er sei ein Radikaler. Ich glaube, der Name
blieb ihm in der Kehle stecken, denn seine Mutter war eine von den
Howards auf Breconcastle. So fließt gutes Blut in ihm, obgleich sein
Vater ein Niemand war. Ich wollte, er hätte Deine Rechnungen zu
bezahlen. Er kann mich zehnmal kaufen und verkaufen, trotz meiner
fünfundzwanzig Jahre Staatsdienst.
Da ich vorhabe, das Haus etwas instand setzen zu lassen, so wäre es
mir lieb, wenn Du diesen Monat noch nicht zurückkämst, falls Du Dich
nur irgendwie bei den Brandons halten könntest. Empfehle mich ihm
und bestelle seiner Frau meine freundlichsten Grüße. Ich wäre Dir
dankbar, wenn Du einige Schierlingblätter bekommen könntest und sie
mir zuschicktest. Ich brauche sie für meine Salbe. Das Zeug, das die
Apotheker verkaufen, taugt nichts. Deine Mutter leidet wieder an den
Augen, und Dein Bruder Berkeley hat gespielt. Er scheint zu glauben,
ich müßte seine Schulden bezahlen. Das alles macht mir vielen Kummer,
und ich hoffe, daß Du bis zu Deiner Verheiratung vernünftiger
bleibst und mir nicht mehr diese immerwährenden Rechnungen auf
den Hals schickst. Du genießest das Leben und bist fern von allem
Unangenehmen, aber es lastet doch schwer auf
Deinem Dich liebenden Vater
C. B. Lindsay.
Ganz schwache Falten, die ersten Anzeichen des beginnenden Alters,
erschienen auf Gertrudes Gesicht, als sie den Brief las. Aber sie
beeilte sich, die Grüße des Admirals ihren Wirtsleuten mitzuteilen, und
besprach dann mit ihnen voll Mitgefühl den Gesundheitszustand ihrer
Mutter. Nach dem Frühstück ging sie in die Bibliothek und schrieb ihre
Antwort:
Brandon Beeches.
Dienstag.
-Lieber Papa-, es sind drei Jahre her, daß Du zuletzt eine Rechnung
an Madame Smith bezahlt hast, und damals machte es einschließlich
meines Kleides für den Hof nur 150 Pfund aus. Ich sehe daher nicht
ein, wie ich noch sparsamer sein kann, außer ich muß in Lumpen gehen.
Es tut mir leid, daß Madame Smith zu so ungelegener Zeit um Bezahlung
gebeten hat, aber als ich Dir im März vorigen Jahres riet, ihr etwas
zu bezahlen, sagtest Du mir, ich sollte sie durch einen guten Auftrag
beruhigen. Ich wundere mich gar nicht über ihre Unhöflichkeit, denn
sie hat unter ihren Kundinnen eine Menge Kaufmannstöchter, die ihr
für ihre Kleider mehr als 300 Pfund im Jahr bezahlen. Ich trage jetzt
einen Rock, den ich vor zwei Jahren erhielt.
Sir Charles fährt Donnerstag in die Stadt, er wird Dir den Schierling
mitbringen. Sage Mama, daß hier eine alte Frau wohnt, die ein
wunderbares Mittel gegen schlechte Augen kennt. Sie will die
einzelnen Bestandteile nicht nennen, aber es kuriert jeden. Es hat
auch keinen Zweck, einem Augenarzt zwei Guineen zu geben, damit der
uns erzählt, daß das Lesen im Bett schädlich für die Augen ist. Wir
wissen ja doch ganz gut, daß Mama diese Gewohnheit nie aufgibt. Wenn
Du Berkeleys Schulden bezahlst, dann vergiß nicht, daß ich noch von
ihm drei Pfund bekomme.
Es ist noch eine andere Schulfreundin von mir hier auf Besuch, und
ich glaube, Mr. Trefusis wird noch einmal das Vergnügen haben,
ihre Rechnungen zu bezahlen. Er ist ein großer Liebling von Lady
Brandon. Sir Charles war zuerst böse, weil sie ihn einlud, und wir
wunderten uns alle darüber. Der Mann hat einen schlechten Ruf, und
er führte einen Pöbelhaufen an, der die Mauern des Parks niederriß.
Wir glaubten auch kaum, daß er den Mut haben würde, nach alledem
noch zu erscheinen. Aber er scheint sich nichts daraus zu machen,
ob wir ihn gern hier haben oder nicht, und er kommt, wenn er will.
Da er interessant redet, betrachten wir ihn als ein Geschenk Gottes
an diesem öden Platz. Es ist wirklich nicht solch ein Paradies, wie
Du denkst. Aber Du brauchst keine Angst zu haben, daß ich früher
zurückkomme, als ich dazu gezwungen bin.
Deine Dich liebende Tochter
Gertrude Lindsay.
Als Gertrude den Brief geschlossen und den ihres Vaters zerrissen
hatte, dachte sie noch etwas über beide nach. Sie hätten sie vielleicht
unglücklich gemacht, wenn sie vorher glücklich gewesen wäre. Aber
hoffnungslose Unzufriedenheit war jetzt ihr gewöhnlicher Zustand und
Fröhlichkeit ein seltener Zufall. Daher versetzten diese gegenseitigen
Beschuldigungen in dem Briefwechsel mit ihrem Vater sie höchstens
in eine schlechte Laune, aber sie wurde dadurch nicht im mindesten
enttäuscht oder gedemütigt.
Um etwas Bewegung zu haben, beschloß sie, den Brief selbst zu dem
Postamt im Dorfe hinzutragen und den Riverside Road zurückzukehren.
Sie hatte dort Schierling stehen sehen. Sie gab sich Mühe, ungesehen
hinauszukommen, denn sie fürchtete, daß Agatha sich anschließen wollte
oder daß Jane vorschlagen würde, sie sollten nachmittags zum Postamt
hinausfahren. Und Jane wäre den ganzen Tag verdrießlich gewesen, wenn
der Ausflug nicht auf den Nachmittag verlegt worden wäre. Gertrude nahm
zum Schutz gegen Stromer einen großen Berhardinerhund namens Max mit.
Dieses junge, lebhafte Tier hatte eine starke Zuneigung zu ihr und
hatte das offen und stürmisch zum Ausdruck gebracht. Und sie, deren
Gefühle zu Hause und in der Gesellschaft verhungert waren, hatte ihn
mit mehr Freundlichkeit ermutigt, als sie jemals einem menschlichen
Wesen gezeigt hatte.
Als sie im Dorf den Brief aufgegeben hatte, schlug sie einen Pfad ein,
der zum Riverside Road führte. Max, der nicht wußte, warum sie den
längsten Weg nach Hause wählte, war damit nicht zufrieden. Er blieb
mitten auf dem Pfade stehen, wedelte heftig mit dem Schwanz und ließ
ein mürrisches Bellen hören.
»Sei nicht so dumm,« sagte Gertrude ungeduldig, »ich gehe diesen Weg.«
Max verstand sie jetzt offenbar. Er flog hinter ihr her, überholte sie
und verschwand in einer Wolke von Staub, die er aufgewirbelt hatte, als
er genügend vorausgelaufen war und nun plötzlich halt machte. Als er
zurückkam, küßte sie seine Schnauze und lief mit ihm um die Wette, bis
sie ebenso keuchte wie er und stehenblieb, um Atem zu schöpfen, während
er herumsprang und wütend bellte. Seit Jahren hatte sie nicht mehr
solchen Spaß gehabt, und da ihr das einfiel, kamen ihr die Tränen in
die Augen. Etwas verdrießlich bat sie Max, ruhig zu sein, ging langsam
weiter, um sich abzukühlen, und spannte ihren Sonnenschirm auf zum
Schutze gegen Sommersprossen.
Die Sonne stand jetzt hoch am Himmel. Zur Rechten von Gertrude an einer
Böschung stand Sallusts Haus und gab mit seinen zimtbraunen Wänden und
dem gelben Fries der sonst ganz englischen Landschaft ein fremdartiges
Gepräge. Sie ging vorbei, ohne daran zu denken, wer dort wohnte. Etwas
weiter auf dem Wege, auf einem Stück wüsten Landes, das durch einen
trockenen Graben und einen niedrigen Erdwall von der Straße getrennt
war, stand ein fast sechs Fuß hoher Haufen von Schierlingpflanzen
und vergiftete die Luft mit seinem Geruch. Sie kreuzte den Graben,
nahm ein Paar Gartenhandschuhe aus ihrem aus Stroh geflochtenen
Handkorb und machte sich eifrig an die Schierlingsblätter, indem sie
die zartesten abriß, sie von den Stengeln befreite und den Korb mit
dem Grün anfüllte. Sie vergaß Max, bis das Gefühl eines tödlichen
Schweigens, als ob die ganze Erde erstarrt sei, sie veranlaßte, in
unbestimmter Angst um sich zu blicken. Trefusis stand ganz in ihrer
Nähe und beobachtete sie. Er hatte seine Hand dem Hunde zum Spielen
überlassen, der versuchte, sie ganz in seinen Mund hineinzuziehen.
Gertrude erblaßte und kam schnell zwischen den Sträuchern hervor. Dann
hatte sie die seltsame Empfindung, als ob hoch über ihrem Kopfe irgend
etwas geschehen sei. Sie hörte ein drohendes Knurren, einen befehlenden
Ruf, und dann folgte eine unerklärliche Stille, bis sie sich liegend
auf dem Rasenrand fand, wobei der aufgespannte Sonnenschirm ihr
Gesicht schützte. Ein plötzliches Lecken von Max' feuchter, warmer
Zunge an ihrem Ohr brachte sie wieder zur Bewegung. Sie setzte sich
auf und sah Trefusis an ihrer Seite knien. Mit ruhigem Gesicht hielt
er den Sonnenschirm, während an der andern Seite Max mit rastloser
Ängstlichkeit sie beschnupperte.
»Ich muß nach Hause fahren,« sagte sie. »Ich muß sofort nach Hause
fahren.«
»Durchaus nicht,« bemerkte Trefusis begütigend. »Sie haben grade
Nachricht geschickt, es sei alles in Ordnung und Sie brauchten nicht zu
kommen.«
»Haben sie das wirklich?« fragte sie matt. Dann fiel sie wieder hin,
und es schien ihr, als ob eine sehr lange Zeit vergehe. Plötzlich fiel
ihr ein, daß Trefusis sie sanft mit seiner Hand gestützt hatte, damit
sie nicht zu hart zurückfiel. Sie erhob sich von neuem und kam diesmal
mit seiner Hilfe auf ihre Füße zu stehen.
»Ich muß nach Hause fahren,« sagte sie wieder. »Es handelt sich um
Leben und Tod.«
»Nein, nein,« entgegnete er sanft. »Es ist alles in Ordnung. Sie können
sich auf mich verlassen.«
Sie sah ihn mit ernstem Blick an. Er hielt ihre Hand, um sie zu
stützen, denn sie schwankte ein wenig. »Sind Sie sicher?« fragte sie
und ergriff ihn beim Arm. »Sind Sie ganz sicher?«
»Vollständig sicher. Sie wissen doch, daß ich immer recht habe.«
»Ja, o ja! Sie sind immer aufrichtig gegen mich gewesen. Sie --« Hier
kehrte plötzlich ihre Besinnung wieder. Sie ließ seine Hand fahren, als
ob sie rotglühend geworden sei, und fragte scharf: »Wovon sprechen Sie
eigentlich?«
»Ich weiß es nicht,« antwortete er und nahm lachend sein gleichgültiges
Wesen wieder an. »Geht es Ihnen besser? Ich werde Sie nach Beeches
fahren. Mein Stall liegt nur einen Steinwurf von hier entfernt. Ich
kann in zehn Minuten ein Gespann haben.«
»Nein, danke sehr,« sagte Gertrude stolz. »Ich will nicht fahren.« Sie
machte eine Pause und fügte etwas verwirrt hinzu: »Was ist geschehen?«
»Sie wurden ohnmächtig, und --«
»Ich wurde nicht ohnmächtig,« sagte Gertrude unwillig. »Ich bin in
meinem Leben noch nicht ohnmächtig geworden.«
»Es ist aber so.«
»Verzeihen Sie, Mr. Trefusis. Ich wurde nicht ohnmächtig.«
»Sie sollen selbst urteilen. Ich kam über dieses Feld und sah, daß Sie
Schierling sammelten. Schierling ist interessant durch die Geschichte
des Sokrates, und Sie waren interessant als Dame, die Gift sammelt.
So blieb ich stehen und sah Sie an. Gleich darauf kamen sie aus dem
Gebüsch heraus, als ob Sie eine Schlange gesehen hätten. Dann fielen
Sie in meine Arme -- was mich auf die Vermutung bringt, Sie seien
ohnmächtig geworden -- und Max, der glaubte, ich sei daran schuld,
sprang mir fast an die Kehle. Sie wurden betäubt durch die Ausdünstung
des Wasserschierlings, die Sie zehn Minuten oder noch länger eingeatmet
haben müssen.«
»Ich wußte nicht, daß eine Gefahr dabei war,« sagte Gertrude
niedergedrückt. »Ich fühlte mich schon vorher sehr müde. Daher habe ich
auch das zweitemal so lange dagelegen. Ich konnte mir wirklich nicht
helfen.«
»Sie haben nicht sehr lange dagelegen.«
»Nicht beim erstenmal. Ich weiß, das war nur für ein paar Sekunden. Ich
muß mindestens noch zehn Minuten dagelegen haben, nachdem ich wieder zu
mir gekommen war.«
»Sie waren ungefähr eine Minute lang ohne Besinnung, als Sie zum
erstenmal fielen. Und nachdem Sie wieder zu sich gekommen waren, wurden
Sie noch einmal für eine Sekunde ohnmächtig. Dann phantasierten Sie,
und ich erfand passende Antworten, bis Sie mich plötzlich fragten,
worüber ich redete.«
Gertrude errötete etwas bei dem Gedanken, sie könnte in ihrer
Verwirrung unvorsichtig geredet haben. »Es war sehr töricht von mir,
daß ich ohnmächtig wurde,« sagte sie.
»Es war nicht Ihre Schuld, Sie sind nur ein menschliches Wesen. Ich
werde mit Ihnen nach Beeches gehen.«
»Danke sehr, ich will Sie nicht bemühen,« sagte sie schnell.
Er schüttelte seinen Kopf. »Ich weiß nicht, wie lange die Nachwirkung
von diesem abscheulichen Giftkraut dauert,« sagte er. »Ich darf Sie
jetzt nicht allein gehen lassen. Wenn Sie es vorziehen, will ich Sie
durch meinen Gärtner hinfahren lassen, aber ich würde Sie am liebsten
selbst begleiten.«
»Sie geben sich wirklich eine ganz unnötige Mühe. Ich will gehen. Ich
bin wieder ganz wohl und brauche keine Hilfe.«
Sie brachen auf, ohne noch etwas zu sagen. Gertrude mußte alle
ihre Willenskraft zusammennehmen, um vor ihm zu verbergen, daß sie
schwindlig war. Eine betäubende Müdigkeit hatte sie ergriffen, und sie
glaubte schon, daß sie nur träumte, als er sie aufweckte, indem er
sagte:
»Nehmen Sie meinen Arm.«
»Nein, danke sehr.«
»Seien Sie nicht so unvernünftig eigensinnig. Sie werden sich an
die Hecke anlehnen müssen, um sich zu stützen, wenn sie meine Hilfe
zurückweisen. Es tut mir leid, daß ich nicht darauf bestand, den Wagen
zu holen.«
Gertrude hatte eine solche Sprache seit ihrer Kindheit nicht mehr
gehört. »Ich fühle mich vollkommen wohl,« sagte sie scharf. »Sie sind
wirklich sehr zudringlich.«
»Sie fühlen sich nicht vollkommen wohl, und Sie wissen das auch. Aber
wenn Sie tapfer kämpfen, werden Sie vielleicht auch ohne meine Hilfe
gehen können, und die Anstrengung wird Ihnen gut tun.«
»Sie sind sehr grob,« sagte sie hartnäckig.
»Ich weiß das,« entgegnete er ruhig. »Sie werden drei Klassen von
Männern finden, die höflich gegen Sie sind -- Sklaven, Männer, die viel
von Ihren Manieren und nichts von Ihnen selbst halten, und solche, die
Sie lieben. Ich gehöre zu keiner von diesen und gebe Ihnen daher Ihre
schlechten Manieren mit Zinsen zurück. Weshalb widerstehen Sie Ihrem
besseren Selbst und unterdrücken solche aufrichtigen und natürlichen
Regungen. Sie kommen oft genug über Sie und bringen in Ihr Gesicht
einen Blick, der einen Bären zahm machen würde. Aber Sie beeilen sich,
diesen Blick auszulöschen, wie ein Dieb seine Laterne auslöscht, sobald
er nur einen Fußtritt hört.«
»Mr. Trefusis, ich bin nicht daran gewöhnt, mich belehren zu lassen.«
»Eben deswegen belehre ich Sie. Ich war neugierig, was aus Ihrer guten
Erziehung, auf die Sie, wie ich glaube, großen Wert legen, wohl unter
gänzlich neuartigen Umständen würde, zum Beispiel, wenn ein Mann
Ihnen seine aufrichtige Meinung sagt. Was ist nun das Ergebnis meines
Versuchs? Anstatt mich freundlich und würdig zurückzuweisen, was ich
trotz aller früheren Beobachtungen von Ihnen erwartet habe, verbitten
Sie sich in grober Weise die angebotene Hilfe, die Sie wirklich
brauchen, nennen mich selbst sehr roh, sehr zudringlich und tun, kurz
gesagt, was Sie können, um meine Lage unangenehm und demütigend zu
machen.«
Sie sah ihn hochmütig an, aber in seinem Gesicht lag nichts von
Beleidigung oder Furcht, und er fuhr, da sie keine Antwort gab, fort.
»Ich würde alles das von einer arbeitenden Frau ohne Einwendung
ertragen, denn sie schuldet mir weder feines Benehmen noch feine
Gefühle. Aber Sie sind eine Dame. Das heißt, viele haben sich in
schmutzigem Elend abgequält und haben gehungert, damit Sie weiße und
zarte Hände, schöne Kleider und feine Manieren haben -- daß Sie eine
lebende Quelle von allem sind, was die Natur und das Leben schön macht.
Wenn ein solches kostbares Ding wie eine Dame bei der ersten Berührung
durch eine feste Hand zusammenbricht, dann fühle ich mich berechtigt,
sie zu beklagen.«
Gertrude ging schnell vorwärts und sagte zwischen den Zähnen: »Ich will
nichts mehr von Ihren lächerlichen Ansichten hören, Mr. Trefusis.«
Er lachte. »Meine armen Ansichten!« sagte er. »Jedesmal, wenn ich
eine unbequeme Bemerkung mache, wird sie als Äußerung einer gewissen
gefährlichen Verrücktheit, mit der ich behaftet sein soll, zur Seite
geworfen. Wenn ich Sir Charles andeute, daß einer seiner Lieblingsmaler
etwas nicht genau beobachtet hat, bevor er daranging, es zu zeichnen,
dann entgegnet er: >Sie kennen unsere verschiedenen Ansichten über
diese Dinge, Mr. Trefusis.< Als ich Miß Wylies Vormund sagte, sein
Auswanderungsplan sei nicht viel besser als ein Betrug, meinte er:
>Sie müssen mich entschuldigen, aber ich kann auf Ihre merkwürdigen
Ansichten nicht eingehen.< Eine meiner augenblicklichen Ansichten
ist die, daß Miß Lindsay unter dem Einfluß des Schierlings viel
liebenswürdiger ist als unter dem des sozialen Systems, das sie so
unglücklich gemacht hat.«
»Nun gut!« rief Gertrude sehr beleidigt. Dann sagte sie nach einer
Pause: »Ich glaubte, ich sei in der Begleitung eines Gentleman.«
Trefusis blieb völlig ungerührt, und sie fügte nach einer weiteren
Pause hinzu: »Woran sehen Sie, daß ich unglücklich bin?«
»An einem gewissen Mangel in Ihrer Haltung. Ihnen fehlt die letzte
Schönheit, die nur das Glück verleiht. Ich sehe es ferner an einem
Mangel in Ihrer Stimme, der nie verschwinden wird, bis Sie es lernen,
die zu lieben oder zu bemitleiden, mit denen Sie sprechen.«
»Sie irren sich,« sagte Gertrude mit ruhiger Verachtung. »Sie verstehen
mich nicht im mindesten. Ich hänge sehr an meinen Freunden.«
»Dann habe ich Sie nie in ihrer Gesellschaft gesehen.«
»Auch darin irren Sie sich.«
»Wie können Sie denn so sprechen, blicken und handeln, wie Sie es tun?«
»Was meinen Sie damit? Wie blicke oder handle ich?«
»Wie einer von den Gitterstäben auf dem Belgrave Square blicken
und handeln würde, wenn er Bewußtsein hätte. Er würde sich vor dem
Urteil der andern Stäbe fürchten und Angst haben, aus der Reihe
herauszufallen. Sie sind kalt, mißtrauisch, grausam gegen nervöse und
unbeholfene Menschen, und Sie fürchten sich mehr vor der Kritik der
Leute, mit denen Sie tanzen und essen, als vor Ihrem eigenen Gewissen.
Wenn alles das nicht wäre, würden Sie den Blick eines Engels haben.«
»Danke sehr. Sie glauben wohl, Komplimentemachen gehöre zur Vollendung
eines Gentleman?«
»Habe ich Ihnen schon viele gemacht? Meine letzte Bemerkung war nicht
als Kompliment gemeint. Ich gebe Ihnen mein Wort, die Engel brauchten
nicht lieblicher zu sein, als Sie wären, wenn Sie jenen Blick in den
Augen und den Ton in der Stimme hätten, von dem ich vorhin sprach. Ich
weiß nicht, wie das Ihr Mißfallen erregen kann, wenn Sie das hören.
Wäre ich besonders hübsch, ich hätte es gern, wenn man mir so etwas
sagte.«
»Es tut mir leid, daß ich es Ihnen nicht sagen kann.«
»Oh! Ha, ha! Was für eine Entgegnung, Miß Lindsay! Es tut Ihnen gar
nicht leid, Sie sind sogar froh darüber.«
Gertrude wußte das und war ärgerlich über sich selbst. Nicht weil ihre
Entgegnung falsch war, sondern weil sie dachte, sie paßte sich nicht
für eine Dame. »Sie haben kein Recht, mich zu quälen,« rief sie gegen
ihren Willen aus.
»Nein, das habe ich auch nicht,« bemerkte er demütig. »Und wenn ich es
getan habe, so vergeben Sie mir, bevor wir voneinander scheiden. Ich
will Sie jetzt nicht weiter begleiten. Max wird Lärm machen, wenn Sie
auf der Allee ohnmächtig werden. Aber das wird wohl kaum geschehen, da
Sie ja den ganzen Schierling vergessen haben.«
»Oh, es ist zum Tollwerden!« schrie sie. »Ich habe meinen Korb liegen
lassen.«
»Machen Sie sich deswegen keine Sorgen. Ich werde ihn finden und ihn
Ihnen gefüllt zuschicken.«
»Danke sehr. Es tut mir leid, daß ich Ihnen die Mühe mache.«
»Sie machen mir keine Mühe. Hoffentlich wollen Sie nicht den Schierling
dazu benützen, um sich der Last des Lebens zu entledigen.«
»Unsinn. Ich brauche ihn für meinen Vater, der ihn als Heilmittel
benützt.«
»Ich werde ihn morgen selbst bringen. Ist das früh genug?«
»Vollständig. Ich bin nicht in Eile. Danke vielmals, Mr. Trefusis.
Adieu.«
Sie gab ihm ihre Hand und lächelte sogar ein wenig. Dann eilte sie
davon. Er blieb stehen und sah ihr nach, wie sie unter den Buchen die
Allee hinunterging. Einmal, als sie in einen Streifen Sonnenlicht trat,
das durch eine Öffnung zwischen den Buchenkronen durchbrach, gab sie in
ihrem violett und weißen Frühlingskleid ein so hübsches Bild, daß seine
Augen leuchteten, als er sie sah. Er nahm sein Notizbuch heraus und
trug ihren Namen und das Datum ein mit einem kurzen Bericht.
»Ich habe sie weich gemacht,« sagte er zu sich selbst, als er sein
Buch wieder einsteckte. »Bevor ich von ihr scheide, soll sie eine oder
zwei Lektionen lernen, die sie einmal ihren Kindern geben kann. Etwas
schlecht erzogen ist sie auch, sonst würde sie nicht so viel auf ihre
Erziehung geben. Henrietta pflegte gerade so ein Kleid zu tragen.
Es freut mich, daß keine Gefahr dabei ist, wenn sie an mir Gefallen
findet.«
Er wandte sich um und sah ein altes Weib vorbeigehen, das unter einer
Last Reisig gebeugt war. Er sah sie neugierig an. Sie warf ihm einen
finsteren Blick zu und eilte weiter.
»Hallo,« sagte er.
Sie ging noch ein paar Schritt. Dann aber sank ihr Mut, und sie blieb
stehen.
»Sie sind doch Mrs. Hickling?«
»Jawohl. Eure Gnaden.«
»Sie sind die Frau, die letzten Winter ein altes Holzgitter, das auf
Sir Charles Besitztum lag, fortnahm und als Brandholz benützte. Sie
mußten dafür sieben Tage ins Gefängnis gehen.«
»Sie können mich wieder hinschicken, wenn Sie wollen,« entgegnete sie,
und ihre Stimme knirschte zornig. »Aber der Herr wird es Ihnen eines
Tages vergelten. Verflucht seien die, die die Armen und Notleidenden
bedrängen. Das ist eine von den sieben Todsünden.«
»Die grünen Latten, die Sie da auf dem Rücken haben, sind die Reste
meiner Gartentüre,« sagte er. »Die erste Hälfte haben Sie letzten
Samstag fortgeholt. Das nächstemal, wenn Sie Feuerung gebrauchen, dann
kommen Sie ins Haus und verlangen Sie Kohlen. Meinen Zaun können Sie in
Ruhe lassen. Ich denke, das Feuer wird Sie auch wärmen, wenn Sie den
Brennstoff nicht gestohlen haben. Und jetzt sagen Sie mir als Vergütung
für das Gitter etwas, was ich wissen möchte.«
»Oh, Sie sind ein gütiger Herr. Gottes Segen --«
»Wozu braucht man Schierling?«
»Schierling, gütiger Herr? Natürlich für die Skrofeln.«
»Skrofeln!« rief er und fuhr zurück. »Der Vater von diesem schönen
Mädchen!« Er wandte sich nach Hause zu und schlenderte mit gesenktem
Kopf weiter, indem er murmelte: »Alles faul bis auf die Knochen. O
Kultur! Kultur! Kultur!«
Vierzehntes Kapitel.
»Was ist eigentlich in Gertrude gefahren?« sagte Agatha eines Tages zu
Lady Brandon.
»Wie? Ist etwas mit ihr geschehen?«
»Ich weiß es nicht. Sie ist nicht mehr dieselbe, seit sie sich
vergiftet hat. Und warum hat sie nichts davon erzählt? Wenn Trefusis
nicht wäre, wüßten wir es gar nicht.«
»Gertrude hat immer aus allem ein Geheimnis gemacht.«
»Sie war die zwei folgenden Tage in abscheulicher Laune, und jetzt ist
sie ganz verändert. Sie versinkt in langes Brüten und hört kein Wort
von allem, was um sie herum gesprochen wird. Dann kommt sie wieder zur
Besinnung und bittet einen mit der größten Sanftmut um Verzeihung, weil
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