»Eine hübsche Nacht für einen Spaziergang,« sagte er und legte den
Löffel hin. Dann rief er: »Herein!«
Die Klinke erhob sich unsicher, und Henrietta, mit gefrorenen Tränen
auf den Wangen und einem unbestimmten Ausdruck von Elend und Zorn, trat
herein. Einen Augenblick sah er sie erstaunt an. Dann sprang er nach
ihr hin, nahm sie in seine Arme, und sie sank gegen ihren Willen mit
stummem Widerstreben an sein Herz.
»Du bist zu Tod erfroren,« rief er und trug sie aus Feuer. »Diese
Pelzjacke ist wie eine Umhüllung von Eis. Und dein Gesicht erst!« sagte
er und küßte es. »Was ist denn geschehen? Warum sträubst du dich so?«
»Laß mich gehen,« keuchte sie heftig. »Ich -- ich hasse dich.«
»Mein armes Lieb, du bist zu kalt, um jemand zu hassen -- selbst deinen
Mann. Ich muß dir diese schrecklichen französischen Schuhe ausziehen.
Deine Füße müssen ja vollkommen tot sein.«
Ihre Stimme und ihre Tränen tauten jetzt in der Wärme der Hütte und in
der Glut seiner Zärtlichkeiten auf. »Du sollst sie nicht ausziehen.«
sagte sie und weinte vor Frost und Kummer. »Laß mich in Ruhe. Rühr mich
nicht an. Ich geh fort -- ich gehe wieder zurück. Ich will nicht mit
dir sprechen oder meine Sachen ablegen, ich rühre hier im Hause nichts
an.«
»Nein, mein Lieb,« sagte er und setzte sie in einen geräumigen,
hölzernen Armstuhl. Dann knöpfte er ihr schnell die Schuhe auf. »Du
sollst auch nichts tun, was du nicht willst. Deine Füße sind wie Stein.
Ja, mein Schatz, ich bin ein Lump und nicht wert, daß ich lebe. Ich
weiß es.«
»Laß mich in Ruhe,« sagte sie kläglich. »Ich will deine
Aufmerksamkeiten nicht. Ich bin mit dir für immer fertig.«
»Komm, du mußt etwas von diesem abscheulichen Zeug trinken. Du mußt
dich stärken, damit du deinem Mann all die unangenehmen Sachen sagen
kannst, mit denen du geladen bist. Nimm wenigstens einen Schluck.«
Sie wandte ihr Gesicht ab und wollte nicht antworten. Er brachte noch
einen Stuhl her und setzte sich neben sie. »Mein armes, verlorenes,
verratenes Lieb --«
»Das bin ich,« schluchzte sie. »Du meinst es gar nicht so, aber ich bin
es doch.«
»Du bist auch meine Liebste und die beste von allen Frauen. Wenn du
mich je geliebt hast, Hetty, tu es ein einziges Mal um meinetwillen und
trinke, ehe es kalt wird.«
Sie schmollte, seufzte und ergab sich schließlich seinem zärtlichen
Drängen, wie ein Kind sich halb überreden, halb zwingen läßt, eine
Medizin einzunehmen.
»Fühlst du dich jetzt besser und gemütlicher?« fragte er.
»Nein,« sagte sie und ärgerte sich, weil sie sich doch so fühlte.
»Dann werde ich noch etwas Kohlen auf das Feuer legen,« sagte er
munter, als ob sie ihm in herzlichster Weise zugestimmt hätte. »Und wir
werden es so behaglich wie möglich haben. Mich ergreift eine milde
Seligkeit, wenn du so neben mir am Feuer sitzt und ich weiß, daß du
meine eigene Frau bist.«
»Ich wundere mich, wie du mir ins Gesicht sehen und so etwas sagen
kannst,« schrie sie.
»Ich würde mich über mich selbst wundern, wenn ich dir ins Gesicht sähe
und etwas anderes sagte. Hafergrütze ist das beste Erfrischungsmittel.
Die ganze Energie kommt wieder. So, jetzt sollst du einmal sehen, wie
das Feuer brennt.«
»Ich glaubte nie, daß du falsch seist, Sidney, was du sonst auch für
Fehler haben magst.«
»Da hast du recht, mein Lieb. Ich verstehe deine Gefühle. Mord,
Diebstahl, Unmäßigkeit oder geringere Laster würdest du ertragen haben.
Aber Falschheit kannst du nicht ausstehen.«
»Ich will fortgehen,« sagte sie verzweifelt und brach von neuem in
Tränen aus. »Ich will nicht verspottet und betrogen werden. Ich will
barfuß gehen.« Sie erhob sich und versuchte die Türe zu erreichen. Aber
er hielt sie auf und sagte:
»Mein Lieb, da liegt etwas Ernsthaftes vor. Was ist es? Sei nicht böse
über mich.«
Er brachte sie zu ihrem Stuhl zurück. Sie nahm Agathas Brief aus der
Tasche ihres Pelzmantels und überreichte ihn ihm, indem sie einen
schwachen Versuch machte, tragisch zu sein.
»Lies ihn,« sagte sie. »Und sprich nie mehr ein Wort zu mir. Zwischen
uns ist alles aus.«
Er nahm ihn neugierig und wandte ihn um, um die Unterschrift zu sehen.
»Aha,« sagte er, »mein goldenes Idol hat das Unheil angerichtet.«
»Da haben wir's!« rief Henrietta. »Du hast es mir ins Gesicht gesagt!
Du hast dich selbst durch deine eigenen Worte überführt!«
»Warte einen Augenblick, mein Lieb. Ich habe den Brief noch nicht
gelesen.«
Er erhob sich und ging, während er las, im Zimmer auf und ab. Sie
beobachtete ihn in dem zornigen Bewußtsein, daß er jetzt gleich seine
Fassung verlieren würde. Plötzlich ließ er den Kopf sinken, als ob
sein Rücken ihn nicht mehr trüge, und in seiner gekrümmten Haltung
las er den Rest des Briefes. Als er damit fertig war, warf er ihn
auf den Tisch, steckte seine Hände tief in die Taschen und brach
in ein schallendes Gelächter aus. Dabei zog er seinen Körper noch
mehr zusammen, als ob er sein Vergnügen verstärken wollte, indem er
es auf einen möglichst kleinen Raum zusammendrängte. Henrietta war
vor Entrüstung sprachlos und konnte ihren Gefühlen nur durch Blicke
Ausdruck geben. Schließlich kam er heran und setzte sich neben sie.
»Und da bist du nun,« sagte er, »als du den Brief bekamst, in die Kälte
hinausgelaufen und hast die Reise nach Lyvern gemacht. Es scheint mir
doch, du mußt mich entweder sehr lieben --«
»O nein. Ich hasse dich.«
»-- oder dich selbst sehr lieben.«
»Oh!« klagte sie und begann von neuem zu weinen. »Du bist ein
selbstsüchtiges Tier, und du tust, was du willst, ohne dich um jemand
anderes zu kümmern. Kein Mensch gibt etwas um mich. Und jetzt willst
du dir nicht einmal die Mühe machen, den schändlichen Inhalt dieses
Briefes zu leugnen.«
»Warum sollte ich ihn leugnen? Es ist die Wahrheit. Siehst du denn
nicht die Ironie in dem Ganzen? Ich mache mir den Spaß, einem
Schulmädchen ein paar Komplimente zu sagen, obgleich ich mir nicht mehr
daraus mache als aus irgendeinem andern ansprechenden und leidlich
hübschen Weibe, das ich treffe. Trotzdem fühle ich manchmal leichte
Gewissensbisse, weil ich denke, sie könnte mich ernsthaft lieben,
obgleich ich nur mit ihr spiele. Das arme Herz, das ich leichtfertig
umstrickt habe, tut mir leid. Und während der ganzen Zeit bemitleidet
sie mich aus demselben Grunde! Ihr Gewissen quält sie, weil sie nur
das Vergnügen genießt, >von dem tüchtigsten Mann, den sie je getroffen
hat<, angebetet zu werden, und sie ist grade so frei von Liebe wie ich
selbst! Ha, ha! Auf so etwas baut sich die Religion der Liebe auf,
deren Hohepriester die Dichter sind. Jeder Verehrer weiß, daß seine
Liebe nur eine flüchtige Leidenschaft oder eine Lüge ist, die er nach
seinem Lieblingsdichter nachempfunden hat, aber er glaubt getreulich,
daß die anderen ihn selbst in echter Weise lieben. Ho, ho! Ist das
keine verrückte Welt, mein Schatz?«
»Du hattest kein Recht, Agatha den Hof zu machen. Du hast überhaupt
kein Recht, jemand den Hof zu machen außer mir, und ich ließe es mir
auch nicht gefallen.«
»Du bist böse, weil Agatha dein Monopol angetastet hat. Stets ein
Monopol! Glaubst du törichtes Mädchen wirklich, ich gehörte dir mit
Leib und Seele? -- ich dürfte nur durch deine Liebe erregt werden oder
nur an deine Schönheit denken?«
»Du kannst mich soviel beschimpfen wie du willst, aber du hast kein
Recht, Agatha den Hof zu machen.«
»Meine Liebste, ich erinnere mich nicht, dich beschimpft zu haben. Ich
glaube aber, du sagtest etwas von einem selbstsüchtigen Tier.«
»Das ist nicht wahr. Aber du nanntest mich ein törichtes Mädchen.«
»Aber, mein Lieb, das bist du doch.«
»Und bei dir hatte ich recht. Du bist durch und durch selbstsüchtig.«
»Das leugne ich nicht. Doch wir wollen zu unserem früheren Gespräch
zurückkehren. Warum haben wir doch den Zank angefangen?«
»Ich zanke mich nicht, Sidney. Du tust das.«
»Nun gut, warum habe ich den Zank begonnen?«
»Wegen Agatha Wylie.«
»Oh, verzeih mir, Hetty, ihretwegen fing ich sicher nicht an, mich zu
streiten. Ich habe sie sehr gern -- viel mehr, als sie, wie es scheint,
mich leiden kann. Einen Augenblick, Hetty, ehe du von neuem mit deinen
Vorwürfen beginnst. Warum kannst du es nicht leiden, wenn ich Agatha
Schmeicheleien sage?«
Henrietta überlegte und sagte: »Weil du kein Recht dazu hast. Du zeigst
dadurch, wie wenig du dir aus mir machst.«
»Es hat mit dir gar nichts zu tun. Es zeigt nur, wieviel ich mir aus
ihr mache.«
»Ich bleibe nicht hier, um mich beschimpfen zu lassen,« sagte Hetty,
und ihr Schmerz überkam sie von neuem. »Ich will nach Hause gehen.«
»Nicht heute abend. Es fährt kein Zug mehr.«
»Dann geh ich zu Fuß.«
»Das ist zu weit.«
»Daraus mach' ich mir nichts. Ich will nicht hierbleiben, und wenn ich
vor Kälte am Straßenrand sterbe.«
»Meine Geliebte, ich habe dich absichtlich gequält, weil du mir
durch deinen Ärger zeigst, daß du mich noch gern hast. Ich habe wie
gewöhnlich unrecht und bin an allem schuld. Agatha weiß nicht, daß wir
verheiratet sind.«
»Ich tadle nicht so sehr dich,« sagte Henrietta und ließ ihn seinen
Kopf auf ihre Schulter legen. »Aber mit Agatha werde ich nie wieder ein
Wort sprechen. Sie hat sich schändlich gegen mich benommen, und ich
will es ihr sagen.«
»Sie wird zweifellos glauben, Liebste, du seiest an allem schuld und
ich hatte mich bewundernswert benommen. Zwischen euch werde ich dann
ohne Tadel dastehen. Aber jetzt, da es zu kalt zum Gehen ist, da es
schon spät ist und weit bis Lyvern und noch weiter bis London, so muß
ich dir hier etwas Bequemlichkeit herrichten.«
»Aber --«
»Aber da ist nichts zu ändern. Du mußt hierbleiben.«
Neuntes Kapitel.
Am nächsten Tage erhielt Smilasch von seiner Frau ein Versprechen, daß
sie sich Agatha gegenüber so benehmen würde, als hatte der Brief keine
Beleidigung enthalten. Henrietta flehte so beweglich wie sie konnte, er
möchte doch sofort mit ihr wieder zum häuslichen Leben zurückkehren,
aber er speiste sie mit zärtlichen Worten ab, versprach nichts als
ewige Zuneigung und schickte sie mit dem Zwölfuhrschnellzug nach London
zurück. Dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck, und er ging nach
Lyvern zurück und von da nach seiner Hütte wie ein Mann, der von Ekel
und Reue geplagt wird.
Kurz darauf an einem Nachmittag nahm er seine Schlittschuhe, um sich
aufzuheitern, und ging nach Wickens Teich. Da es Samstag war, war er
von Altonschülerinnen und ihren Halbfeiertagsbesuchern bevölkert.
Fairholme, der mit seiner gewohnten energischen Miene seine Kreise
beschrieb, hielt inne und starrte mit unwilligem Staunen auf Smilasch,
der hinter ihm herschwankte.
»Geschieht das mit Ihrer Erlaubnis, daß der Mann hier ist?« fragte er
den Pächter Wickens, der umherging, als beaufsichtige er eine Ernte.
»Ich denke, er ist hier, weil er Lust dazu hat,« sagte Wickens
eigensinnig. »Er ist mein Nachbar und mein Freund. Haben Sie etwas
dagegen einzuwenden, daß ich einen Freund auf meinem eigenen Teich
habe, wenn sich ungefähr zwei oder drei Tonnen von anderer Leute
Freunde da herumtreiben, ohne daß sie eine besondere Zulaßkarte haben?«
»O nein,« sagte Fairholme etwas unsicher. »Wenn Sie zufrieden sind,
kann niemand etwas dagegen einwenden.«
»Das freut mich sehr. Ich dachte schon.«
»Ich darf Ihnen wohl sagen,« bemerkte Fairholme gereizt, »daß Ihr
Grundherr kaum erfreut wäre, wenn er ihn hier sähe. Smilasch hat einen
von Sir Johns besten Hirten aus dem Lande geschickt, nachdem er ihm den
Kopf mit Ideen angefüllt hatte, die über seinen Stand hinausgingen. Ich
hörte letzten Sonntag Sir John sich sehr erregt über ihn aussprechen.«
»Möglich, Mr. Fairholme. Ich hab einen Pachtvertrag auf dieses Land und
es ist ein sandiger, armer Boden -- und ich bin durchaus nicht an Sir
Johns Gefallen und Nichtgefallen gebunden. Es ist eine sehr gute Sache
für Sir John, daß ich die Pacht habe, denn es gäbe keinen Mann in der
Gegend, der jetzt das Gut übernehmen würde, wenn es morgen frei würde.
Übrigens ist es noch gar nichts, daß der junge Mensch dumme Sachen
über die Rechte der Landarbeiter und dergleichen Unsinn redet, Sir
John müßte ihn einmal hören, wenn er seine Ansicht über Grundrente und
Bodenverbesserung klarlegt und wie wir Pächter darum betrogen werden,
vielleicht würde er nächsten Sonntag erregter als je über ihn sprechen.«
Und in Wickens Lächeln, als er ihm zunickte und weiterging, lag die
ganze Befriedigung darüber, daß er es dem Geistlichen einmal gehörig
eingetränkt hatte.
Grade jetzt hörte Agatha, die mit Jane Carpenter Hand in Hand lief, die
Worte an ihr Ohr klingen: »Ich muß Ihnen etwas sehr Drolliges sagen.
Sehen Sie sich nicht um.«
Sie erkannte Smilaschs Stimme und gehorchte.
»Ich weiß nicht ganz sicher, ob es Ihnen auch soviel Spaß macht, wie
es eigentlich sollte,« fügte er hinzu und flog wieder davon, nachdem er
Miß Carpenter einen vielsagenden Blick zugeworfen hatte.
Agatha machte sich von ihrer Gefährtin los, lief einen Kreisbogen und
glitt nahe an Smilasch vorbei, indem sie fragte: »Was ist es?«
Smilasch schoß wie eine Schwalbe davon und umkreiste ein paarmal
Fairholme. Dann kehrte er zu Agatha zurück und lief neben ihr her.
»Ich habe den Brief gelesen, den Sie Hetty geschrieben haben,« sagte er.
Agathas Gesicht begann zu glühen. Sie vergaß, sich im Gleichgewicht zu
halten, und wäre fast gefallen.
»Geben Sie acht. Dann lieben Sie mich also nicht -- in der Art der
Liebesgeschichten?«
Keine Antwort. Agatha war bestürzt und wagte nicht, die Augenlider zu
erheben.
»Das ist ein Glück,« fuhr er fort, »denn -- guten Abend, Miß Ward. Ich
habe während der letzten Stunde nichts anderes getan, als Ihr Laufen
bewundert -- weil Männer immer Betrüger sind. Und ich bilde keine
Ausnahme, wie Sie sogleich zugeben werden.«
Agatha murmelte etwas, aber es war unverständlich in dem Lärm des
Schlittschuhlaufens.
»Sie glauben es nicht? Nun, vielleicht haben Sie recht. Ich habe Ihnen
nichts gesagt, was nicht in einem gewissen Sinne wahr ist. Sie haben
immer einen besonderen Reiz auf mich ausgeübt. Aber ich wollte nicht,
daß Sie das Hetty erzählten. Können Sie raten, warum?«
Agatha schüttelte den Kopf.
»Weil sie meine Frau ist.«
Agathas Knöchel erlahmten. Mit Mühe hielt sie sich aufrecht, bis sie
Jane erreichte und sich als Stütze an sie anklammerte.
»Tu das nicht,« schrie Jane. »Du wirfst mich um.«
»Ich muß mich setzen,« sagte Agatha. »Ich bin müde. Ich will mich nur
festhalten, bis wir zu den Stühlen kommen.«
»Unsinn! Ich kann eine Stunde laufen, ohne mich zu setzen,« sagte Jane.
Sie half aber doch Agatha, bis sie einen Stuhl gefunden hatte, und
verließ sie. Dann kam Smilasch, als ob er sich auch ausruhen wollte,
und setzte sich an den Rand des Weihers.
»Nun,« fragte er und machte sich keine Sorge, ob ihre Unterhaltung
auffiel oder nicht, »was halten Sie jetzt von mir?«
»Warum haben Sie mir das nicht früher gesagt, Mr. Trefusis?«
»Das ist der Hauptspaß,« antwortete er mit einem spöttischen Blick auf
seine Schlittschuhe. Er hatte seine Beine vorgestreckt und balancierte
seine Hacken auf dem Eise. »Ich glaubte, Sie seien in mich verliebt,
und dachte, die Wahrheit würde ein zu schwerer Schlag für Sie sein.
Ha, ha! Und aus demselben Grunde vermieden Sie es großmütig, mir zu
sagen, daß Sie nicht mehr in mich verliebt waren als in den Mann im
Mond. Jeder spielte eine Posse und täuschte dem andern vor, es sei eine
Tragödie.«
»Es gibt so unwürdige, lieblose und grausame Worte,« sagte Agatha, »daß
ich nicht verstehe, wie ein Gentleman sie zu einem Mädchen sagen kann.
Bitte, sprechen Sie nicht wieder mit mir. Miß Ward! Kommen Sie doch
einen Augenblick her. Mir ist nicht wohl.«
Miß Ward eilte herbei. Smilasch, der Agatha einen Augenblick erstaunt
und voll Teilnahme angesehen hatte, verschwand unter der Menge. Als er
das entgegengesetzte Ufer erreicht hatte, zog er seine Schlittschuhe
aus und bat Jane, die sich absichtlich in diese Ecke verirrt hatte, sie
möchte Miß Wylie sagen, er sei fortgegangen und würde nicht wieder hier
Schlittschuh laufen. Ohne ein Wort der Erklärung hinzuzufügen, verließ
er sie und wandte sich nach seiner Wohnung. Als er in den Hohlweg kam,
da, wo die Landstraße durch die Anpflanzung ging, an der Seite nach
der Anstalt zu, entdeckte er einen Jungen in einer Postuniform, der
über den gefrorenen Graben schlitterte. Ein Vorgefühl böser Nachrichten
kam über ihn, wie ein plötzliches Dunkel über den Himmel jagt. Er
beschleunigte seinen Schritt.
»Etwas für mich?« fragte er.
Der Junge, der ihn kannte, kramte in einer Brieftasche herum und zog
einen Lederumschlag heraus. Er enthielt ein Telegramm.
Von Jansenius, London.
An J. Smilasch, Chamounix-Villa, Lyvern.
Henrietta nach der Reise gefährlich erkrankt. Verlangt Sie zu sehen.
Arzt sagt, sofort kommen.
Er schwieg eine Weile. Dann faltete er sorgfältig das Papier und
steckte es in seine Tasche, als ob es vollständig für ihn erledigt sei.
»Und so,« sagte er, »folgt vielleicht die Tragödie doch noch auf die
Posse.«
Er sah den Jungen an, der vor ihm zurückwich, weil er seinen
Gesichtsausdruck fürchtete.
»Du hast den ganzen Weg von Lyvern bis hierher geschlittert?«
»Nur um schneller vorwärts zu kommen,« sagte der Botenjunge zitternd.
»Ich kam so schnell wie ich konnte.«
»Die Nachrichten, die du trugst, waren schwer genug, um das dickste Eis
zu brechen, das je gefroren ist. Ich hätte Lust, dich über den Gipfel
von dem Baum da zu werfen, anstatt daß ich dir diese halbe Krone gebe.«
»Sie tun mir nichts,« wimmerte der Junge und trat noch einen Schritt
zurück.
»Geh nach Lyvern zurück, so schnell du laufen oder schlittern kannst,
und sage Mr. Marsch, er sollte mir den schnellsten Wagen schicken, den
er hat, damit ich nach der Eisenbahnstation fahren kann. Hier ist deine
halbe Krone. Und jetzt vorwärts. Wenn ich nicht zur rechten Zeit meinen
Wagen habe, dann wirst du was erleben.«
Der Junge näherte sich mißtrauisch dem dargereichten Gelde und rannte
davon, so schnell er konnte. Smilasch ging in seine Hütte und kam nie
wieder zum Vorschein. Statt seiner kam Trefusis heraus, ein Gentleman
in einem Ulster, der eine Reisedecke trug. Er verschloß die Türe und
eilte die Landstraße nach Lyvern hinunter, bis ihn ein Wagen aufnahm,
der ihn in schnellster Fahrt zur Eisenbahnstation brachte, grade noch
zur rechten Zeit, um den Zug nach London zu erreichen.
»Abendblätter gefällig?« rief eine Stimme durch das Fenster, als er
sich in einer Ecke eines Wagens erster Klasse zurechtsetzte.
»Nein, danke sehr.«
»Fußwärmer gefällig?« fragte ein Dienstmann, der an der Stelle des
Zeitungsverkäufers erschien.
»Ah, das ist eine gute Idee. Ja, bringen Sie mir einen Fußwärmer.«
Der Fußwärmer wurde hereingebracht, und Trefusis machte es sich für
seine Reise bequem. Sie verging ihm sehr schnell, und er konnte es kaum
begreifen, als der Zug in London ankam, daß die Fahrt fast drei Stunden
gedauert hatte.
Die Reisenden und die Leute, die sie am Bahnhof abholten, waren von
einer Weihnachtsstimmung erfüllt. Der Dienstmann, der an die Wagentür
kam, erinnerte Trefusis durch sein Benehmen und den Ton seiner Stimme,
daß jetzt die Zeit war, in der ein Gentleman fröhlich und freigebig
sein muß.
»Was für Gepäck? Hansom oder Droschke gefällig?«
Einen Augenblick überfiel Trefusis die Vagabundenlust, in der Sprache
Smilaschs zu reden und dem Mann aufzubinden, er hätte Körbe voll
Truthähnen und Plumpudding im Gepäckwagen. Aber er unterdrückte es und
stieg in einen Hansom, der ihn nach der Belsize Avenue zum Hause seines
Schwiegervaters brachte. Unterwegs beobachtete er in scharfer, bitterer
Stimmung das in ihm aufsteigende Angstgefühl, das sich am Ende der
Fahrt bis zum Herzklopfen steigerte. Zwei Wagen standen vor der Türe,
als er ausstieg. Die schweigsamen Gesichter der Kutscher flößten ihm
einen Schrecken ein.
Die Türe öffnete sich, bevor er klingelte. »Bitte, mein Herr,« sagte
das Mädchen mit leiser Stimme, »wollen Sie in die Bibliothek eintreten?
Der Doktor wird sofort mit Ihnen sprechen.«
Im ersten Stock an der Treppe standen zwei Herren und sprachen mit
Mr. Jansenius. Dieser zog sich schnell zurück. Aber ein flüchtiger
Blick auf sein trauriges, verdrießliches Gesicht hatte Trefusis doch
schon ein seltsam prickelndes Gefühl gegeben, und es war ihm, als ob er
seit zwanzig Jahren ein Witwer gewesen sei. Er lächelte gleichgültig,
während er dem Mädchen in die Bibliothek folgte, und fragte sie, wie
es ihr ginge. Sie murmelte irgendeine Antwort und eilte davon. Dabei
dachte sie, der arme junge Mann würde wohl bald seinen Ton ändern.
Gleich darauf trat ein Herr mit grauem Backenbart herein, der
sorgfältig gekleidet war und sich sehr behutsam benahm. Trefusis
stellte sich vor, und der Arzt sah ihn mit Interesse an. Dann sagte er:
»Sie sind zu spät gekommen, Mr. Trefusis. Es tut mir leid, daß ich
Ihnen das mitteilen muß, aber es ist alles vorbei.«
»War die lange Eisenbahnfahrt, die sie in dem kalten Wetter unternahm,
die Ursache ihres Todes?«
Einige bittere Worte, die der Arzt oben gehört hatte, sagten ihm, daß
dies eine heikele Frage war. Aber er antwortete ruhig: »Zweifellos die
unmittelbare Ursache.«
»Sie erhielt vor Ihrer Abreise eine unangenehme und ganz unerwartete
Nachricht. Glauben Sie, daß das etwas mit ihrem Tode zu tun hatte?«
»Es hat vielleicht einen ungünstigen Einfluß ausgeübt,« sagte der Arzt
steif und zog seine Handschuhe an. »Die Gewohnheit, solche Ereignisse
mit dergleichen Ursachen in Verbindung zu bringen, geht in der Regel zu
weit.«
»Ohne Zweifel. Ich bin nur neugierig, weil dieses Ereignis etwas
Neues in meinen Erfahrungen ist. In den Ihrigen wird es wohl etwas
Gleichgültiges sein.«
»Verzeihen Sie. Der Tod einer Dame von solcher Jugend und solcher
günstigen Lebenslage ist weder nach meiner Erfahrung noch nach meiner
Ansicht etwas Gleichgültiges.« Der Arzt erhob während dieser Worte
seinen Kopf, um sich gegen jede Annahme zu verwahren, als ob sein
Mitgefühl durch seinen Beruf abgestumpft worden sei.
»Hat sie gelitten?«
»Ja, einige Stunden. Wir konnten etwas ihre Schmerzen lindern -- das
arme Ding!« Er vergaß ganz Trefusis Anwesenheit, als er das Nachwort
hinzufügte.
»Stunden voll Schmerz! Können Sie mir irgend etwas nennen, wozu diese
Stunden gut waren?«
Der Arzt schüttelte seinen Kopf, ohne daß man erkennen konnte, ob er
diese Frage verneinen wollte oder nur solche Erwägungen bedauerte. Er
machte dann eine Bewegung, als ob er aufbrechen wollte. Es war ihm
bei der Unterhaltung mit Trefusis nicht wohl zumute, denn er fühlte,
daß dieser sicherlich jetzt Fragen stellen oder Bemerkungen machen
würde, bei deren Besprechung er sich irgendwie bloßstellen mußte. Sein
Gewissen war nicht ganz ruhig. Er wußte, daß Henriettas Schmerzen zu
nichts gut gewesen waren, aber er wollte das nicht zugestehen, damit er
nicht in den Ruf der Religionslosigkeit kam und seine Praxis verlor.
Er war überzeugt, daß der Hausarzt, der ihn herbeigerufen hatte, als
der Fall sich verschlimmerte, Henrietta verkehrt behandelt hatte, aber
seine Standesehre band ihn so streng, daß er lieber seinem Kollegen
erlaubt hätte, ganz London zu dezimieren, ehe er seine Unfähigkeit
aufdeckte.
»Noch ein Wort,« sagte Trefusis. »Wußte sie, daß sie sterben mußte?«
»Nein. Ich hielt es für das beste, daß man ihr das nicht mitteilte. So
entschlief sie ohne Angst.«
»Dann kann man beruhigt daran denken. Das arme Kind fürchtete den Tod.
Ich wundere mich, daß die Torheit hier im Hause sich nicht über Ihre
Vernünftigkeit hinweggesetzt hat.«
Der Arzt verneigte sich und ging hinaus. Er schätzte sich fast
glücklich, daß man ihm keine Vorwürfe gemacht hatte, weil er in seiner
Menschlichkeit Henrietta hatte sterben lassen, ohne daß sie es wußte.
Einen Augenblick später trat der Hausarzt herein. Trefusis überraschte
ihn, als er den andern zur Türe begleitete, wie er draußen sein Gesicht
grade in lange Falten zog. Er unterdrückte ein Verlangen, ihn bei
der Gurgel zu fassen, setzte sich auf den Rand des Tisches und sagte
freundlich:
»Nun, Doktor, wie ist es Ihnen ergangen, seit wir uns zuletzt gesehen
haben?«
Der Doktor fuhr zurück, aber die ernsten Falten auf seinem Gesicht
blieben unverändert, als er salbungsvoll fragte: »Hat Sir Francis Ihnen
die trüben Nachrichten mitgeteilt, Mr. Trefusis?«
»Ja. Es ist schrecklich, nicht wahr? Es ist Gottes Wille. Heute leben
wir, morgen sind wir dahin.«
»Ja, ja, so ist es!«
»Sir Francis hat eine hohe Meinung von Ihnen.«
Der Doktor blickte etwas verwirrt drein. »Alles, was wir tun konnten,
Mr. Trefusis, das haben wir getan. Aber Mrs. Jansenius war sehr
besorgt, daß nichts unversucht bleibe. Sie war so freundlich, mir zu
sagen, sie wollte nur deshalb Sir Francis rufen, damit Sie keinen Grund
hätten, über irgend etwas Klage zu führen.«
»Wirklich!«
»Eine ausgezeichnete Mutter! Und solch ein trauriges Ereignis für sie!
Ach ja! Mein Gott! Ein sehr trauriges Ereignis!«
»Sehr unangenehm. Und dabei das kalte Wetter. Es ist vielleicht
angenehmer, im Himmel zu sein, als hier unten in solchem Wetter.«
»Ach ja!« sagte der Doktor, als ob ein rechter Trost in diesen Worten
gelegen hätte. »Ich hoffe es, ich hoffe es. Ohne Zweifel ist es so. Sir
Francis erlaubte uns nicht, es ihr mitzuteilen, und ich fügte mich ihm
natürlich. Vielleicht war es so am besten.«
»Dann hätten Sie es ihr wohl gesagt, wenn Sir Francis keinen Einspruch
erhoben hätte?«
»Ja, sehen Sie, es gibt da Erwägungen, über die wir in unserm Beruf
nicht hinweggehen dürfen. Das Sterben ist eine ernsthafte Sache, woran
ich Sie wohl nicht besonders zu erinnern brauche, Mr. Trefusis. Wir
haben oftmals höhere Pflichten, als die natürlichen Gefühle unserer
Patienten zu schonen.«
»Ganz gewiß. Die Möglichkeit ewiger Freuden und die Wahrscheinlichkeit
ewiger Höllenqualen sind Tröstungen, die man natürlich einem sterbenden
Mädchen nicht so leicht vorenthalten soll. Aber was vorbei ist, kann
nicht wieder gutgemacht werden. Alles in allem muß ich sehr dankbar
sein. Ich bin ein junger Mann und werde als Witwer keine schlechte
Figur machen. Und jetzt sagen Sie mir, Doktor, man ist doch oben nicht
sehr ungehalten über mich?«
»Mr. Trefusis! Mein Herr! Ich kann mich nicht in
Familienangelegenheiten einmischen. Ich kenne meine Pflichten und
überschreite sie nie.« Der Doktor war schließlich doch verletzt und
sprach so stolz wie er konnte.
»Dann will ich hingehen und mit Mr. Jansenius sprechen,« sagte Trefusis
und stand vom Tische auf.
»Warten Sie, mein Herr. Einen Augenblick. Ich habe noch nicht zu Ende
gesprochen. Mrs. Jansenius bat mich, Sie zu fragen -- ich wollte Ihnen
grade sagen, daß ich jetzt nicht als ärztlicher Berater der Familie
spreche, sondern als ein alter Freund -- und -- ach ja! Mrs. Jansenius
bat mich, Sie zu fragen -- ob Sie nicht Mr. Jansenius entschuldigen
würden. Er ist ganz niedergeschlagen durch den Kummer und, wie ich
Ihnen -- als Arzt -- versichern kann, nicht imstande, irgend jemand zu
sehen. Sie wird mit Ihnen sprechen, sobald sie sich dazu fähig fühlt --
vielleicht später, im Laufe des Abends. Inzwischen, wenn Sie natürlich
irgendwelche Wünsche haben -- Sie müssen durch Ihre Reise ermüdet
sein, und ich empfehle immer den Leuten, nicht so lange zu fasten,
es führt eine Art akuter Verdauungsschwäche herbei -- also, wenn Sie
irgendwelche Wünsche haben, sie werden natürlich sofort ausgeführt
werden.«
»Ich danke,« sagte Trefusis nach kurzem Überlegen, »ich werde mir einen
Hansom kommen lassen.«
»Es liegt natürlich kein Übelwollen vor,« sagte der Doktor, der
als langsamer Mann durch schnelle Entscheidungen stets beunruhigt
wurde, wenn sie ihm auch, wie dieses Mal, ganz vernünftig erschienen.
»Hoffentlich schließen Sie nicht aus dem, was ich gesagt habe --«
»Durchaus nicht. Sie sind sehr taktvoll gewesen. Aber ich halte es für
das Beste, wenn ich gehe. Jansenius kann Tod und Elend mit vollkommener
Seelenstärke ertragen, wenn sie in großem Maßstabe auftreten und sich
in schmutzigen Hintergassen verbergen. Aber wenn sie in sein eigenes
Haus einbrechen und sein Eigentum angreifen -- seine Tochter war bis
vor kurzem sein Eigentum -- dann ist er grade der Mann dafür, seinen
Kopf zu verlieren und mit mir zu streiten, weil ich meinen bewahre.«
Der Doktor war nicht imstande, auf diese Rede, die ihm versteckte
schreckliche Ansichten zu enthalten schien, etwas zu erwidern. Da er
aber sah, daß Trefusis gehen wollte, fragte er mit gedämpfter Stimme:
»Wollen Sie nicht hinaufgehen?«
»Hinaufgehen! Warum?«
»Ich -- ich dachte -- Sie möchten vielleicht einen Blick --« Er
beendete den Satz nicht, aber Trefusis zuckte zusammen. Das Zaudern
hatte ihm gesagt, was der andere meinte.
»Ich soll etwas sehen, was einst Henrietta war, und was wir jetzt
unter abergläubischer Mummerei hinausstoßen und verbergen müssen, um
den Anschein der Frömmigkeit zu bewahren. Warum haben Sie mich daran
erinnert?«
»Aber, mein Herr, was auch Ihre Ansichten sind, wollen Sie denn nicht,
nur der Form halber und in Rücksicht auf die Gefühle der Familie --«
»Warum sparen sie nicht ihre Gefühle für die Lebenden? Ich habe mich
deswegen oft genug vergebens an sie gewandt,« schrie Trefusis und
verlor seine Geduld. »Ich pfeife auf ihre Gefühle!« Hiermit wandte er
sich zur Türe und fand sie geöffnet. Mrs. Jansenius stand lauschend
davor.
Trefusis war verwirrt. Er wußte, welchen Eindruck seine Worte machen
mußten, und fühlte, es sei töricht, eine Entschuldigung oder Erklärung
zu versuchen. Er steckte seine Hände in die Taschen, lehnte sich gegen
den Tisch und sah sie schweigend an, wobei er gespannt war, was sie
jetzt wohl tun werde.
Der Doktor brach das Schweigen und sagte zitternd: »Ich habe die
betrübende Nachricht Mr. Trefusis mitgeteilt.«
»Hoffentlich haben Sie ihm auch gesagt,« bemerkte sie streng, »daß,
wie sehr es uns auch an Gefühl mangeln mag, wir doch für unser Kind
alles taten, was in unsern Kräften lag.«
»Ich bin vollkommen befriedigt,« sagte Trefusis.
»Ohne Zweifel sind Sie das -- nämlich mit dem Resultat,« sagte
Mrs. Jansenius hart. »Ich wünsche zu wissen, ob Sie sich über etwas zu
beklagen haben.«
»Über nichts.«
»Bitte, denken Sie nicht, daß etwas durch unsere Nachlässigkeit
gekommen ist.«
»Worüber sollte ich mich beklagen. Sie hatte ein warmes Zimmer und ein
kostbares Bett, um darin zu sterben, und die beste ärztliche Hilfe von
der Welt. Eine Menge Menschen verhungert und erfriert heute, damit wir
die Mittel haben, in vornehmer Weise zu sterben. Fragen Sie -die-,
ob sie einen Grund zur Klage haben. Glauben Sie, ich will mich an
Henriettas Leiche über den Betrag des Geldes zanken, den Sie für ihre
Krankheit ausgegeben haben? Kann man danach abmessen, welchen Grund sie
zur Klage hatte? Ich habe ihr niemals Geld vorenthalten -- wie konnte
ich das, da ich weiß, daß ich umsonst mehr bekommen habe, als ich je
verschwenden kann? Oder wie konnten Sie das tun? Trotzdem hat sie
vielen Grund, sich über mich zu beklagen. Das werden Sie wohl zugeben.«
»Das ist auch vollkommen richtig.«
»Gut, wenn ich einmal dazu gelaunt bin, werde ich mir selbst Vorwürfe
machen und nicht Ihnen.« Er hielt inne und wandte sich dann heftig nach
ihr hin, indem er fortfuhr: »Warum wählen Sie grade diese Stunde, um
mir solche bitteren Worte zu sagen?«
»Ich erinnere mich nicht, daß ich etwas gesagt habe, was Sie zu einer
solchen Bemerkung berechtigt. Haben -Sie-« -- sie wandte sich an den
Doktor -- »mich so etwas sagen gehört?«
»Mr. Trefusis will das auch sicherlich nicht von Ihnen behaupten. O
nein. Mr. Trefusis' Gefühl ist natürlich -- ist erregt. Das ist alles.«
»Meine Gefühle!« rief Trefusis ungeduldig. »Glauben Sie, meine Gefühle
sind eine Raritätensammlung gesellschaftlicher Vorurteile, und sie
ließen sich nach Vorschrift erregen und bei Leichenbegängnissen zur
Schau stellen? Sie ist dahin, wie wir alle drei auch bald dahin gehen
werden. Wenn wir unsterblich wären, hätten wir einen vernünftigen
Grund, die Tote zu bemitleiden. Da wir es aber nicht sind, sollten wir
lieber unsere Kräfte anspannen, um das Unrecht zu verringern, das wir
sicher noch tun, ehe wir ihr folgen.«
Der Doktor war durch diese Worte tief beleidigt, denn die Feststellung,
daß er eines Tages sterben müßte, schien ihm eine Bezweiflung seiner
berufsmäßigen Bemeisterung des Todes zu sein. Mrs. Jansenius freute
sich, daß Trefusis ihre schlechte Ansicht von ihm und ihre Schilderung
über ihn durch seine eigene Aufführung und Sprache in des Doktors
Gegenwart bestätigte. Es entstand eine kurze Pause, und dann verließ
Trefusis das Zimmer, da seine Gefühle zu weit von den ihrigen entfernt
waren, als daß er die Unterredung in eine freundlichere Stimmung
hinüberführen konnte. Er wollte grade im Flur seinen Überzieher
anziehen, als er es sich überlegte und ihn unentschlossen wieder
hinhing. Plötzlich rannte er die Treppe hinauf. Bei dem Geräusch
seiner Fußtritte kam eine Frau aus einem der Zimmer und sah ihn fragend
an.
»Ist es hier?« sagte er.
»Ja, mein Herr,« flüsterte sie.
Ein peinliches Krampfgefühl legte sich auf seine Brust, er wurde bleich
und blieb mit der Hand an dem Türgriff stehen.
»Haben Sie keine Furcht, Herr,« sagte die Frau mit ermutigendem
Lächeln. »Sie sieht ganz schön aus.«
Er sah sie mit einem seltsamen Grinsen an, als ob sie einen grausigen,
aber unwiderstehlichen Witz gemacht hätte. Er ging hinein, und als er
das Bett erreichte, wünschte er, er wäre draußen geblieben. Er gehörte
nicht zu denen, die wenig auf den Gesichtern der Lebenden sehen und
wenig auf denen der Toten vermissen. Die Art, wie man ihr Haar auf
das Kissen gelegt hatte, der angenehme Faltenwurf und die Blumen,
die die Wärterin angebracht hatte, um den künstlerischen Eindruck zu
vervollständigen, auf den sie so vertrauensvoll hingewiesen hatte,
alles das war für ihn verloren. Er sah nur die leblose Maske, die das
Gesicht seines Weibes gewesen war, und bei diesem Anblick versagten
ihm die Knie, und er mußte sich an der Querstange, die am Fußende des
Bettes war, festhalten.
Als er wieder aufblickte, schien das Gesicht sich verändert zu
haben. Es war keine wachsartige Maske mehr, sondern Henrietta
selbst, mädchenhaft und in ausdrucksvoller Ruhe. Der Tod schien ihre
Verheiratung und alles Frauenhafte ausgelöscht zu haben, nie war sie
ihm so jung erschienen. Eine Minute verging, und dann fiel eine Träne
auf die Bettdecke. Er fuhr auf, ließ noch eine Träne auf seine Hand
fallen und starrte sie ungläubig an.
»Das ist ein Schwindel, den ich mir nie geträumt hätte,« sagte er.
»Tränen und doch kein Kummer. Hier steh ich und weine! Ich werde immer
sentimentaler! Und dabei bin ich froh, daß sie gegangen ist und mich
freigemacht hat. Irgendwo steckt in mir das Triebwerk der Trauer.
Bei ihrem Anblick beginnt es sich zu drehen, obgleich ich keinen
Schmerz empfinde, grade so, wie sie das Getriebe der Leidenschaft in
Bewegung setzte, wenn ich keine Liebe hatte. Aber das machte für sie
keinen Unterschied. Wenn die Räder herumgingen, war sie zufrieden.
Ich hoffe, das Getriebe des Kummers wird ebenso schnell nachlassen
und stillstehen, wie es das andere Getriebe tat. Ich glaube, es steht
schon still. Welch ein Unsinn! Solange es sich drehte, glaubte ich, ich
sei betrübt. Und doch, würde ich sie wohl wieder zum Leben erwecken,
wenn ich es könnte? Vielleicht, und darum bin ich dankbar, daß ich es
nicht kann.« Er lehnte sich mit verschränkten Armen auf das Fußende des
Bettes und redete ernst auf die tote Figur ein. Sie beeinflußte ihn
noch immer so stark, daß er all seinen Willen zusammennehmen mußte,
um ihr mit Gemütsruhe ins Gesicht zu sehen. »Wenn du mich wirklich
liebtest, ist es gut für dich, daß du tot bist -- wie konnte ich Idiot
auch glauben, die Leidenschaft, die du armes Kind mir einflößtest,
würde von Dauer sein. Jetzt sind wir beide glücklich. Ich habe mich von
dir freigemacht, und du hast dich von dir selbst befreit.«
Er atmete jetzt freier und sah sich das Zimmer an, um sich durch
eine gleichgültige Handlung und den alltäglichen Anblick der
Schlafzimmereinrichtung in eine nüchterne Stimmung zu bringen. Er
trat an das Kissen und neigte sich darüber, um das Gesicht genau zu
betrachten.
»Armes Kind!« sagte er noch einmal in zärtlichem Tone. Dann redete
er sich mit plötzlichem Stimmungswechsel statt seines Weibes selber
an. »Armer Esel! Armer Idiot! Armer Affe! Hier liegt der Körper eines
Weibes, das fast so alt war wie ich selbst und vielleicht vernünftiger,
und ich stelle moralische Betrachtungen darüber an, als sei ich Gott
der Allmächtige und sie ein kleines Kind! Je mehr man einen Mann daran
erinnert, was er ist, desto eingebildeter wird er. Scheußlich! Ich
werde mich sogleich für unsterblich halten.«
Mit einem schwachen Versuch, roh zu sein, berührte er ihre Wange und
fühlte, wie kalt sie war. Dann berührte er seine eigene und sagte:
»Auch ich fliege auf dieses Ziel hin mit der reißenden Geschwindigkeit
von sechzig Minuten in der Stunde.« Er stand da, die Augen auf ihr
Gesicht gerichtet, und genoß lange Zeit die Bitterkeit seiner düsteren
Betrachtung. Endlich ermannte er sich und sagte etwas heiterer:
»Schließlich ist sie ja gar nicht tot. Jedes Wort, das sie gesagt
hat -- jeder Gedanke, den sie gefunden und geäußert hat, war ein
unauslöschlicher und unzerstörbarer Eindruck.« Er hielt inne, überlegte
wieder eine Zeitlang und fiel in seine trübe Stimmung zurück. »Und
das Dutzend anderer Namen, die morgen mit ihr in der >Times< stehen?
Auch ihre Worte liegen noch in der Luft, um die ganze Ewigkeit zu
überdauern. Hm! Was die Luft mit Unsinn vollgepfropft sein muß? Zwei
Töne heben sich manchmal gegenseitig auf, warum sollten sie nicht auf
dieselbe Art auch Ideen gegeneinander aufheben. Nein, mein Lieb, du
bist tot und dahin, und alles ist vorbei. Und auch ich werde bald genug
tot und dahin sein, und alles ist vorbei, ehe ich noch Muße habe, mich
mit Hoffnungen auf Unsterblichkeit zu narren. Arme Hetty! Nun leb wohl,
mein Liebling. Wir wollen einen Augenblick denken, du könntest mich
hören; ich weiß, daß dir das gefällt.«
Alles dieses sagte er in einem halbvernehmbaren Flüstern. Dann schwieg
er, neigte sich über den Körper und sah ihn aufmerksam an. Selbst
als er ihn genug betrachtet hatte und sich zum Gehen wandte, änderte
er noch einmal seine Absicht, um sie noch eine Weile anzusehen. Dann
richtete er sich auf und ging beruhigt und erfrischt mit festem Schritt
aus dem Zimmer. Die Frau wartete draußen. Als sie sah, daß er nicht
mehr so betrübt war wie beim Hereintreten, sagte sie:
»Hoffentlich sind Sie zufrieden, mein Herr!«
»Entzückt! Bezaubert! Die Arrangements sind außerordentlich hübsch und
geschmackvoll. Sehr tröstlich.« Und er gab ihr einen halben Sovereign.
»Danke sehr,« sagte sie und machte eine Verbeugung. »Die arme, junge
Lady! Sie hat so nach Ihnen verlangt, mein Herr. Sie sagte immerzu, Sie
wären der einzige, der sich etwas aus ihr machte! Und wie wütend sie
auf ihre Mutter war. >Sagt ihm, daß ich gefährlich krank bin,< rief
sie, >und er wird kommen.< Das arme Ding wußte nicht, wie wahr ihre
Worte waren. Und sie starb, ohne es zu erfahren!«
»Sie machte sich und mir Hoffnung. Glückliches Mädchen!«
»Lieber Himmel, ich weiß, was sie empfand. Ich habe viele Erfahrungen.«
Hierbei trat sie ihm vertraulich näher und flüsterte: »Die Familie war
gegen Sie, mein Herr, und sie wußte das. Aber sie wollte nicht auf sie
hören. Wenn sie wohl genug war, um denken zu können, dann dachte sie an
nichts als an Ihr Kommen. Und -- still! Da ist der alte Herr.«
Trefusis blickte sich um und sah Mr. Jansenius, dessen hübsches
Gesicht blaß und entstellt von Kummer und Unruhe war. Er wich vor der
hingestreckten Hand seines Schwiegersohnes zurück wie ein zu sehr
gequältes Kind vor einem unzeitigen Versuch, es zu liebkosen. Trefusis
hatte Mitleid mit ihm. Die Wärterin hustete und zog sich zurück.
»Haben Sie mit Mrs. Jansenius gesprochen?« fragte Trefusis.
»Ja,« antwortete Jansenius in beleidigendem Tone.
»Ich unglücklicherweise auch. Bitte, entschuldigen Sie mich bei ihr.
Ich war ungezogen. Die Umstände hatten mich aus der Fassung gebracht.«
»Sie waren nicht aus der Fassung gebracht, mein Herr,« sagte Jansenius
laut. »Sie scheren sich den Teufel darum.«
Trefusis wich zurück.
»Sie pfeifen auf meine Gefühle, und ich will auf die Ihrigen pfeifen,«
fuhr Jansenius in demselben Tone fort. Trefusis blickte unwillkürlich
nach der Türe, durch die er soeben hereingekommen war. Dann faßte er
sich und sagte ruhig:
»Es macht nichts. Sie kann uns nicht hören.«
Bevor Jansenius antworten konnte, kam seine Frau die Treppe
heraufgelaufen, faßte ihn beim Arm und sagte: »Sprich nicht mit ihm,
John. Und Sie,« fügte sie, zu Trefusis gewandt, hinzu, »-wollen- Sie
machen, daß Sie fortkommen?«
»Was?« rief er und sah sie spöttisch an. »Ohne meine Leiche! Ohne mein
Eigentum! Nun gut, es soll so sein.«
»Was wissen Sie von den Gefühlen eines achtbaren Mannes?« fuhr
Jansenius fort und brach trotz der Anwesenheit seiner Frau von neuem in
Wut aus. »Ihnen ist nichts heilig. Da sieht man, was Sozialisten für
Kerle sind!«
»Und was Väter sind und was Mütter sind,« entgegnete Trefusis und
verlor seine Selbstbeherrschung. »Ich glaubte, Sie liebten Hetty, aber
jetzt sehe ich, daß Sie nur Ihre Gefühle und Ihre Achtbarkeit lieben.
Der Teufel hole beides! Sie hatte ganz recht. Meine Liebe zu ihr, so
unvollständig sie war, war doch noch größer als die Ihrige.« Und er
verließ wütend das Haus.
Aber er blieb eine Weile auf der Straße stehen, um über sich selbst und
über seinen Schwiegervater zu lachen. Dann nahm er einen Hansom und
ließ sich zu seinem Rechtsbeistand fahren, denn er wollte mit ihm die
Regelung der Angelegenheiten seiner Frau besprechen.
Zehntes Kapitel.
Am Tage vor dem Heiligen Abend wurden die Überreste Henrietta Trefusis'
auf dem Highgate-Friedhof beerdigt. Drei Edelleute sandten ihre Wagen
zu dem Begräbnis, und die Freunde und Kunden von Mr. Jansenius kamen
in großer Zahl persönlich. Die Totenbahre war mit einer Überfülle
kostbarer Blumen bedeckt. Der Leichenbestatter wußte, daß keine Kosten
gespart werden sollten. Er hatte langschwänzige schwarze Pferde
besorgt, mit schwarzen Decken auf den Rücken und schwarzen Federn
auf den Köpfen. Die Kutscher waren mit Schleifen und langen Stiefeln
geschmückt, sie trugen schwarze Kutschdecken, Mäntel und Handschuhe.
Viele gemietete Leidtragende gingen mit. Sie wären aber sofort
entlassen worden, hätten sie es gewagt, irgendeine Gemütsbewegung zu
zeigen oder irgendwie ihre Aufgabe zu überschreiten, die darin bestand,
daß sie Stäbe mit Messingspitzen in den Händen trugen und neben dem
Leichenwagen hergingen.
Unter den echten Leidtragenden war Mr. Jansenius, der in Tränen
ausbrach, als er etwas Erde in das Grab schüttete. Ferner der Knabe
Arthur, den es verwirrte, daß er zum erstenmal in einem langen Rock
an der Spitze eines öffentlichen Aufzuges marschierte, und der bei
dem Anblick seines weinenden Papas das Gefühl hatte, er sei nicht so
traurig, wie er es sein müßte. Dann ein Vetter, der einst Henrietta
einen Heiratsantrag gemacht hatte und der jetzt, voll von tragischen
Betrachtungen, in dem intensiven Genuß seiner Verzweiflung schwelgte.
Die übrigen erzählten sich flüsternd, wenn sie es in schicklicher
Weise tun konnten, von einem befremdlichen Mangel in der Anordnung.
Der Gatte der Verstorbenen fehlte. Familienmitglieder und näher
stehende Freunde erfuhren durch Daniel Jansenius, der Witwer habe
wie ein Lump gehandelt, und die Jansenius' gäben keine zwei Pfennige
darum, ob er käme oder zu Hause bliebe. Trotz der Unschicklichkeit
der Sache sei es ihnen sogar noch lieber, daß er sich fernhielte.
Andere, die keinen Anspruch auf eine private Auskunft hatten, fragten
den Vertreter des Leichenbestatters. Dieser meinte, der Gentleman
wolle kein großes Leichenbegängnis haben, und auf die Frage -- warum
denn? -- sagte er, wahrscheinlich, weil er die Ausgabe scheue. Da man
aber hiergegen einwand, Mr. Trefusis sei sehr reich, so fügte der
Leichenbestatter hinzu, er habe das auch gehört. Aber er glaube, das
Geld stamme nicht von der Frau her, und die Leute verwendeten selten
viel Geld auf ein Leichenbegängnis, außer wenn sie etwas durch den
Tod erbten. Außerdem knauserten viele Menschen desto mehr, je mehr
sie hätten. Bevor sich das Leichengefolge zerstreute, hatte sich der
Bericht, den Mr. Jansenius' Bruder gegeben hatte, mit den Ansichten des
Leichenbestatters vermischt, und aus dem Ganzen war eine Geschichte
entstanden, Trefusis hätte seiner Freude über den Tod seiner Frau mit
schrecklichen Flüchen Ausdruck gegeben, und zwar im Hause ihres Vaters,
während ihre Leiche noch da lag, und er hätte sich geweigert, auch nur
einen Pfennig für das Leichenbegängnis zu bezahlen.
Ein paar Tage später, als das Gerede über den Gegenstand schon
nachließ, wurde es durch einen frischen Skandal neubelebt. Ein
schriftstellernder Freund half Mr. Jansenius eine Grabschrift entwerfen
und fügte ein paar hübsche und ergreifende Strophen hinzu. Von
Henriettas Wesen wurde darin gerühmt, es sei von seltener Anmut und
Tugendhaftigkeit gewesen, und ihre Freunde würden nie aufhören, über
ihren Verlust zu trauern. Ein Geschäftsmann, der sich als Grabbildhauer
bezeichnete, brachte ein Buch mit Abbildungen von Grabdenkmälern,
und Mr. Jansenius wählte ein außerordentlich prächtiges heraus und
erbot sich, die Hälfte der Kosten für seine Aufstellung zu bezahlen.
Trefusis wandte hiergegen ein, die Grabschrift sei unwahr, und sagte,
er sähe nicht ein, warum man grade auf Leichensteinen falsche Berichte
veröffentlichen dürfte. Es wurde sogar berichtet, er habe seine frühere
schlechte Aufführung noch übertrumpft, indem er seinen Schwiegervater
einen Lügner nannte und einen ganz gewöhnlichen Grabstein in einem
billigen Laden in Eastend bestellte. Er hatte tatsächlich den
Monumentenhändler verächtlich einen >Ausbeuter< der Arbeit genannt
und einen jungen Steinmetzgehilfen, ein Mitglied der Internationalen
Vereinigung, gebeten, zur Befriedigung Jansenius' ein Grabdenkmal zu
zeichnen.
Der Steinmetz brachte auch mit vieler Angst und Mühe einen
Originalentwurf zustande. Trefusis billigte ihn und beschloß,
ihn durch die Hand des Zeichners ausführen zu lassen. Er mietete
ein Bildhaueratelier, besorgte nach den Angaben des Steinmetzen
Marmorblöcke und lud ihn ein, sich sofort ans Werk zu machen.
Trefusis stieß jetzt auf eine Schwierigkeit. Er wollte dem Gehilfen
grade den Wert seiner Arbeit bezahlen, nicht mehr und nicht weniger.
Aber das ließ sich nicht berechnen. Der einzige Maßstab, den er hatte,
war der Marktpreis, und den lehnte er ab, weil er nur durch den
Wettbewerb von Kapitalisten entstanden war. Diese konnten ja ihren
Profit nur erlangen, indem sie von den Arbeitern mehr Arbeitsprodukte
erhielten, als sie ihnen bezahlten -- und ihre Kunden verführten
sie zum Kaufen, indem sie ihnen einen Teil der unbezahlten Arbeit
als Preisermäßigung überließen. Die Unternehmer gaben den Arbeitern
die unentbehrlichen Mittel zum Arbeiten und Leben nur unter der
Bedingung, daß sie der müßigen Unternehmerklasse den Lebensunterhalt
gewährten und sich selbst mit einer viel niedrigeren Lebenshaltung
begnügten. Darum war eine gerechte Bestimmung des Austauschwertes und
ein ehrenhaftes Übereinkommen mit ihnen unmöglich. Trefusis mußte
schließlich den Steinmetz fragen, wieviel er als anständige Bezahlung
für die Ausführung des Entwurfs verlangen müßte, obgleich er wußte,
daß der Mann das Problem ebensowenig lösen konnte wie er selbst. Denn
wenn er auch soviel verlangte, als er zu bekommen hoffte, so wurde doch
seine Forderung durch seine Armut und durch den Wettbewerb mit dem
Grabsteinunternehmer begrenzt. Trefusis erledigte die Sache dadurch,
daß er doppelt soviel gab, wie der andere gefragt hatte, und nur die
Bedingung stellte, daß der Steinmetz die Arbeit selbst ausführen
mußte und keinen Nebenverdienst hatte, indem er zum Marktpreis andere
Arbeiter dafür mietete.
Der Entwurf aber sollte zum Erstaunen seines Zeichners noch besonders
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