»Wie soll ich Sie denn nennen?«
»Sie brauchen mich überhaupt nicht anzureden.«
»Ich brauche es und will es. Seien Sie nicht boshaft.«
»Aber ich kenne Sie ja gar nicht. Ich wundere mich über Ihre --« sie
zauderte, das Wort, das ihr grade einfiel, auszusprechen, aber sie fand
kein besseres -- »über Ihre Dreistigkeit.«
Er lachte, und sie beobachtete ihn, während er ein paarmal die Walze
auf- und abzog. Dann erholte er sich, indem er einen Blick auf sie
warf, und da er sie dabei ertappte, wie sie ihn ansah, lächelte er.
Sein Lächeln war etwas Alltägliches im Vergleich mit dem Lächeln,
das sie ihm zurückgab, in das ihre Augen, ihre Zähne und der goldene
Schimmer ihrer Gesichtsfarbe mit einzustimmen schienen. Er hielt sofort
mit dem Walzen ein und stand da, das Kinn auf den Walzenstiel gestützt.
»Wenn Sie Ihre Arbeit vernachlässigen,« sagte sie boshaft, »werden Sie
nicht mit dem Gras fertig sein, bis die Leute kommen.«
»Was für Leute?« fragte er verwirrt.
»Oh, eine Masse Leute. Wahrscheinlich auch welche, die Sie kennen. Es
kommen Besucher von London: Mein Vormund mit Frau und Tochter, meine
Mutter und hundert andere.«
»Im ganzen vier. Weshalb kommen sie? Wollen sie Sie besuchen?«
»Sie wollen mich abholen,« antwortete sie und beobachtete ihn, ob ihn
die Nachricht mißvergnügt machte.
Er war offenbar betroffen. »Weshalb, zum Henker, will man Sie
fortnehmen?« fragte er. »Ist Ihre Erziehung beendigt?«
»Nein. Ich habe mich schlecht aufgeführt und werde weggejagt.«
Er lachte wieder. »So ist es recht!« sagte er, »Sie fangen an,
Smilaschs Manier zu begreifen. Was haben Sie denn getan?«
»Ich sehe nicht ein, warum ich Ihnen das erzählen soll. Was haben -Sie-
getan?«
»Oh, ich habe nichts getan. Ich bin ein unromantischer Gentleman, der
sich vor einer romantischen Lady verbirgt, die sich in ihn verliebt
hat.«
»Die Ärmste!« sagte Agatha spöttisch. »Natürlich hat sie Ihnen einen
Antrag gemacht, und Sie haben ihn zurückgewiesen.«
»Im Gegenteil, ich machte den Antrag, und sie nahm ihn an. Deshalb muß
ich mich jetzt vor ihr verstecken.«
»Sie erzählen hübsche Geschichten,« sagte Agatha. »Leben Sie wohl. Da
kommt Miß Carpenter und will hören, worüber wir uns unterhalten.«
»Leben Sie wohl. Es tut mir sehr leid, daß Sie weggejagt werden --
Kann sich ein gewöhnlicher Mann vielleicht die Frage erlauben, wo die
Schälmaschine ist?«
Diese Worte waren an Jane gerichtet, die mit einigen von den andern
herbeikam. Agatha erwartete, daß Smilasch jetzt sofort entlarvt würde,
denn seine Verstellung war nun doch zu durchsichtig. Sie wunderte sich,
wie die andern sich dadurch irreführen ließen. Es schlug jetzt zwei
Uhr, und das erinnerte sie an das bevorstehende Zusammentreffen mit
ihrem Vormund. Eine Angst überkam sie und ein Verlangen, sich an einem
einsamen Platz zu verbergen, bis man sie rief. Aber sie hatte es sich
zur Ehrensache gemacht, stets die vollkommenste Gleichgültigkeit gegen
alle Sorgen zu zeigen, und so blieb sie bei den Mädchen, lachte und
plauderte mit ihnen, während sie Smilasch beobachteten, der sorgfältig
die Felder markierte und die Netze ausspannte. Agatha brachte alle
zum Lachen, und grade ihre geheime Aufregung, die durch unerträgliche
Anfälle von Angst verschärft wurde, trieb sie dabei an, während das
Romantische an Smilaschs Verkleidung ihr die Vorstellung des Träumens
einflößte. Ihre Phantasie beschäftigte sich bereits mit einem Drama,
in dem sie die Heldin und Smilasch der Held war, obgleich sie dem
lebendigen Mann da vor sich nicht so viel düstere Charaktergröße
andichten konnte wie einer gänzlich erträumten Person. Das Spiel ihrer
Phantasie war ein sehr einfaches, an dem sie sich im geheimen immer
wieder ergötzte. Die Heldin liebte den Helden und starb an gebrochenem
Herzen, weil er ihre Leidenschaft nicht erwiderte. Denn Agatha, die
stets bereit war, bei ihren Gefährtinnen jede Gefühlsschwelgerei
zu verspotten, die mit einem ansteckenden Sinn für Possen begabt
war, schwelgte doch heimlich in ihrem Innern in Vorstellungen von
Verzweiflung und Sterben. Sie durchlebte oft die ganze Marter eines
erfolgreichen Clowns, der beim Publikum wahre Stürme von Gelächter
auslöst und sich doch im Grunde für einen geborenen Tragöden hält. Sie
wußte, daß es manches in ihrem Wesen gab, das nicht grade durch ihre
so beliebte Darstellung des Soldaten im Kamin verkörpert wurde.
Um drei Uhr kamen die Gäste aus der Umgegend an, und es wurde auf vier
Feldern, die Smilasch glatt gewalzt und hergerichtet hatte, Tennis
gespielt. Die beiden Geistlichen waren da mit einigen Gentlemen aus
dem Laienstande. Mrs. Miller, der Pfarrer und ein paar Mütter und
sonstige Anstandsdamen sahen zu. Sie genossen leichte Erfrischungen,
die Smilasch, der eine erborgte weiße Kellnerschürze umgebunden hatte
und eine übertriebene Dienstfertigkeit entwickelte, auf Teebrettern
servierte. Eine Viertelstunde später kam eine Botschaft von Miß Wilson,
die Miß Wylie wegrief. Die Besucher begriffen nicht, warum jetzt mit
einem Male die jungen Damen ein so zerstreutes Benehmen zeigten. Jane
brach fast in Tränen aus und gab Josephs eine unhöfliche Antwort, als
er sie ganz unschuldig fragte, was denn geschehen sei. Agatha ging
anscheinend ganz gleichgültig fort, obgleich ihre Hand zitterte, als
sie ihr Racket weglegte.
In einem geräumigen Empfangszimmer an der Nordseite des Gebäudes
fand sie ihre Mutter, eine schmächtige Dame in Witwentracht, mit
verblichenem braunen Haar und verweinten Augen. Auch Mrs. Jansenius
und ihre Tochter waren dort. Die beiden älteren Damen bewahrten ein
ernstes Schweigen, während Agatha sie küßte, und Mrs. Wylie nach ihrem
Taschentuch griff. Henrietta umarmte Agatha überschwenglich.
»Wo ist Onkel John?« fragte Agatha. »Ist er nicht mitgekommen?«
»Er ist im andern Zimmer bei Miß Wilson,« sagte Mrs. Jansenius. »Sie
erwarten dich dort.«
»Ich dachte, es wäre jemand gestorben,« sagte Agatha, »Ihr seht alle
aus wie bei einem Begräbnis. Nun steck dein Taschentuch fort, Mama.
Wenn du weinst, werde ich Miß Wilson meine Meinung sagen, weil sie dich
gequält hat.«
»Nein, nein,« sagte Mrs. Wylie erschreckt. »Sie war so nett!«
»So gut!« sagte Henrietta.
»Sie ist sehr vernünftig und gütig gewesen,« sagte Mrs. Jansenius.
»Das ist sie immer,« sagte Agatha nachgiebig. »Oder habt ihr gedacht,
sie würde in Krämpfe ausbrechen?«
»Agatha,« flehte Mrs. Wylie, »sei nicht eigensinnig und töricht.«
»O nein, das ist sie nicht. Ich weiß das,« sagte Henrietta
schmeichelnd. »Nicht wahr, liebe Agatha?«
»Meinetwegen kannst du tun, was du willst,« sagte Mrs. Jansenius. »Aber
ich hoffe, du bist zu vernünftig, um ohne Grund die Beendigung deiner
Erziehung zu verscherzen.«
»Deine Tante hat ganz recht,« sagte Mrs. Wylie. »Und dein Onkel ist
sehr böse auf dich. Er wird nie wieder mit dir sprechen, wenn du dich
mit Miß Wilson zankst.«
»Er ist nicht böse,« sagte Henrietta, »aber er ist so um dein Wohl
besorgt.«
»Er wird natürlich verstimmt sein, wenn du so in deinem Unverstand
fortfährst,« sagte Mrs. Jansenius.
»Alles, was Miß Wilson wünscht, ist eine Entschuldigung wegen der
schrecklichen Sachen, die du in ihr Buch geschrieben hast,« sagte
Mrs. Wylie. »Liebe Agatha, du wirst sie doch um Entschuldigung bitten?«
»Natürlich wird sie das tun,« sagte Henrietta.
»Es wäre auch noch schöner,« meinte Mrs. Jansenius.
»Vielleicht tu ich es,« sagte Agatha.
»Du bist mein einziges, liebes Kind,« sagte Mrs. Wylie und ergriff ihre
Hand.
»Und vielleicht tu ich es auch nicht.«
»Du tust es, Liebste,« drängte Mrs. Wylie und versuchte die
widerstrebende Agatha näher an sich heranzuziehen. »Um meinetwillen. Du
tust deiner Mutter einen Gefallen, Agatha. Du wirst es mir doch nicht
abschlagen, mein Herz?«
Agatha lachte milde über ihre Mutter, die schon seit langer Zeit solche
Art zu bitten aufgegeben hatte. Dann wandte sie sich zu Henrietta und
sagte: »Wie geht es deinem =caro sposo=? Es war häßlich, daß ich nicht
Brautjungfer wurde.«
Das Rot auf Henriettas Wangen leuchtete. Mrs. Jansenius fuhr schnell
dazwischen, indem sie daran erinnerte, daß Miß Wilson warte.
»Oh, sie macht sich nichts aus dem Warten,« sagte Agatha. »Sie glaubt,
ihr seid alle dabei, mir den Kopf zurecht zu setzen. Das hat sie mit
euch verabredet, bevor sie das Zimmer verließ. Mama weiß, daß mir
ein kleines Vögelchen alles das erzählt. Ich muß nun sagen, ihr habt
mich bis jetzt durchaus nicht nachgiebig gestimmt. Da sich aber der
arme Onkel John schrecklich ängstlich und unbehaglich fühlen muß,
werde ich doch so gut sein, ihn aus seiner Not zu erlösen. Adieu!«
Und sie schritt gemächlich hinaus. Gleich darauf steckte sie den Kopf
noch einmal in das Zimmer und sagte mit gedämpfter Stimme: »Macht
euch auf etwas Entsetzliches gefaßt. Ich bin grade in der Laune, die
schrecklichsten Dinge zu sagen.« Sie verschwand wieder, und dann hörten
sie ein Klopfen an der Tür nebenan.
Mr. Jansenius erwartete sie mit Besorgnis. Er hatte schon frühzeitig
in seiner Laufbahn die Entdeckung gemacht, daß sein würdiges Aussehen
und seine feine Stimme ihm bei den Leuten Ansehen verschafften und ihn
bei öffentlichen Versammlungen an den Vorstandstisch brachten. Er war
so sehr an diesen Respekt gewöhnt, daß ihn jede familiäre Annäherung
oder Vertraulichkeit aufs höchste in Verwirrung setzten. Agatha
andererseits, der man schon als Kind Onkel John als den Inbegriff von
Weisheit und Ehrwürdigkeit gepriesen hatte, verspottete ihn stets
als einen aufgeblasenen und geldstolzen Handelsmann, dessen filziges
Gehirn unfähig war, ihre ausschweifenden Ideen zu begreifen. Sie hatte
oft schon ihre Mutter in Schrecken gesetzt, indem sie sich mit jener
absoluten Verachtung über ihn lächerlich machte, deren nur die Kindheit
und die äußerste Unwissenheit fähig sind. Sie fühlte sich stets
erniedrigt, weil er so gütig gegen sie war -- denn er gab reichliche
Geschenke -- und mit dem Instinkt eines Anarchisten sah sie es für
ein Zeichen an, daß sie auf dem richtigen Wege war, wenn sie seine
Ratschläge verspottete und seine Autorität verachtete. Die Folge davon
war, daß er sie etwas fürchtete, obgleich er nicht wußte, warum -- und
daß sie ihn durchaus nicht fürchtete und sich dessen sehr wohl bewußt
war.
Als sie hereintrat, mit dem strahlendsten Lächeln, das sie ausspielen
konnte, saßen Miß Wilson und Mr. Jansenius am Tisch und sahen aus
wie zwei arme Sünder, die angeklagt waren. Miß Wilson wartete, daß
er sprechen sollte, da sie sich auf seine imponierende Anwesenheit
verließ. Da er aber dazu nicht imstande war, bat sie Agatha, Platz zu
nehmen.
»Danke sehr,« sagte Agatha süß. »Nun, Onkel John: kennst du mich nicht
mehr?«
»Ich habe mit Bedauern von Miß Wilson gehört, daß du dich hier sehr
ungehörig aufgeführt hast,« sagte er, indem er ihre Bemerkung nicht
beachtete, obgleich sie ihn im stillen ganz aus der Fassung gebracht
hatte.
»Ja,« sagte Agatha zerknirscht, »es tut mir sehr leid.«
Mr. Jansenius, der nach dem Bericht der Miß Wilson die äußerste
Halsstarrigkeit erwartet hatte, sah sie erstaunt an.
»Sie scheinen zu glauben,« sagte Miß Wilson, die Mr. Jansenius'
Erstaunen bemerkte und darüber beunruhigt war, »daß Sie immer und immer
wieder unsere Vorschriften übertreten und dann sich mit uns wieder ins
Einvernehmen setzen können« -- Miß Wilson bezeichnete Übertretungen
nie als Sünden gegen ihre eigene Autorität, sondern als solche gegen
die Autorität der Schule -- »indem Sie sagen, es täte Ihnen leid. Bei
unserer letzten Unterredung sprachen Sie in einem ganz andern Ton.«
»Ich war damals ärgerlich, Miß Wilson. Und ich dachte, ich hätte einen
Grund zur Klage -- alle glauben dasselbe von sich. Außerdem zankten wir
uns -- wenigstens tat ich es, und ich habe mich noch stets schlecht
aufgeführt, wenn ich mich zankte. Es tut mir -sehr- leid.«
»Mit dem Buch, das war eine ernsthafte Sache,« sagte Miß Wilson streng.
»Sie scheinen das nicht zu glauben.«
»Wenn ich Agatha recht verstand, so sieht sie die Torheit ihres
Benehmens in der Sache mit dem Buch ein, und es tut ihr sehr leid,«
sagte Mr. Jansenius, indem er unwillkürlich für Agatha Partei nahm, da
sie die Stärkere war und ihm am wenigsten mit Geldangelegenheiten zur
Last fiel.
»Hast du das Buch gesehen?« fragte Agatha eifrig.
»Nein. Miß Wilson hat mir erzählt, was geschehen ist.«
»Oh, lassen Sie es mich holen,« rief sie aufspringend. »Onkel John
schreit vor Lachen. Darf ich, Miß Wilson?«
»Da haben Sie's!« sagte Miß Wilson unwillig. »Das ist dasselbe
unverbesserliche vorlaute Benehmen, über das ich mich beklagen muß.
Miß Wylie bringt nur Abwechslung hinein, indem sie auch vollständig
ungehorsam wird.«
Mr. Jansenius war ebenfalls entrüstet. Eine feine Röte stieg in seinem
Gesicht auf bei der Idee, er würde schreien. »Still, still!« sagte er.
»Du mußt ernsthaft sein und Miß Wilson mehr Respekt entgegenbringen.
Du bist doch jetzt alt genug, um das zu wissen, Agatha -- vollständig
alt genug.«
Agathas Heiterkeit verschwand. »Was hab ich denn gesagt oder getan?«
fragte sie, und dunkelrote Flecken erschienen auf ihren Wangen.
»Du hast dich über -- über das Buch lustig gemacht, auf das Miß Wilson
großen Wert legt, und zwar mit Recht.«
»Wenn ich es mit Recht tat, wie kannst du es mir dann vorwerfen?«
»Nun ist es genug,« schrie Mr. Jansenius, indem er absichtlich seine
Zurückhaltung aufgab, da er einsah, daß er sie so doch nicht im Zaume
halten konnte. »Sei nicht unverschämt, Miß.«
Agathas Augen erweiterten sich, eine flüchtige Röte bedeckte ihr
Gesicht und ihren Hals, und sie stampfte mit den Absätzen. »Onkel
John,« rief sie, »wenn du es -wagst-, mir noch einmal so etwas zu
sagen, werde ich dich nie mehr ansehen oder ansprechen und nie mehr
dein Haus betreten. Was verstehst du von gutem Benehmen, wenn du mich
unverschämt nennst. Einer absichtlichen Roheit unterwerfe ich mich nun
einmal nicht, gradeso hat auch mein Streit mit Miß Wilson angefangen.
Sie sagte mir, ich sei unverschämt, und ich ging weg und sagte ihr,
sie habe unrecht, indem ich es in das Fehlerbuch hineinschrieb. Sie
hat überhaupt in der ganzen Sache unrecht gehabt, aber ich wollte mich
mit ihr versöhnen und vergangene Dinge vergangen sein lassen, deshalb
schwieg ich. Aber wenn sie sich weiter streiten will, dann kann ich es
nicht ändern.«
»Mr. Jansenius, ich habe Ihnen schon auseinandergesetzt,« sagte
Miß Wilson, indem sie ihren Unwillen durch einen Versuch, ihn zu
unterdrücken, nur noch verstärkte, »daß Miß Wylie jede Gelegenheit,
sich mit mir wieder ins Einvernehmen zu setzen, zurückgewiesen hat.
Mrs. Miller und ich haben absichtlich über alles Persönliche in der
Sache hinweggesehen, und ich verlange nur, daß sie ihre Übertretung der
Anstaltsvorschriften einsieht.«
»Aus Mrs. Miller mach ich mir nicht -so- viel,« sagte Agatha, indem sie
mit den Fingern schnipste. »Und Sie sind auch nicht halb so gut, wie
ich dachte.«
»Agatha,« sagte Mr. Jansenius, »ich wünsche, daß du deine Zunge hältst.«
Agatha atmete tief und sagte, indem sie sich resigniert hinsetzte: »So!
Nun ist es doch so gekommen. Ich habe die Fassung verloren, und jetzt
haben wir sie alle verloren.«
»Du hast kein Recht, die Fassung zu verlieren,« sagte Mr. Jansenius,
indem er sich einbildete, er hätte jetzt einen Vorteil über sie.
»Ich bin die jüngste und verdiene den geringsten Tadel,« entgegnete sie.
»Es hat keinen Zweck, noch etwas darüber zu reden, Mr. Jansenius,«
sagte Miß Wilson entschlossen. »Es tut mir leid, daß Miß Wylie es
vorzieht, mit uns zu brechen.«
»Aber ich ziehe es gar nicht vor, mit Ihnen zu brechen, und ich
halte es für sehr hart, daß Sie mich wegjagen. Niemand hat hier den
geringsten Streit mit mir gehabt, außer Mrs. Miller. Mrs. Miller zürnt
mir, weil sie mich in falschem Verdacht hat wegen ihrer Katze, aber
das ist doch nicht meine Schuld! Und wirklich, Miß Wilson, ich weiß
nicht, warum Sie mir so böse sind. Wenn ich weggejagt werde, glauben
alle Mädchen, ich hätte etwas Abscheuliches getan. Wenigstens müßte ich
bis Ende des Schuljahres bleiben, und was das Sünden- -- das Fehlerbuch
angeht, so haben Sie mir doch, als ich ankam, ganz ausdrücklich gesagt,
ich könnte hineinschreiben oder nicht, ganz wie ich wollte. Sie
würden nie etwas diktieren oder über eine Eintragung etwas sagen. Und
doch, das erstemal, daß ich etwas schreibe, was Ihnen nicht gefällt,
jagen Sie mich weg. Niemand wird mehr glauben, daß die Eintragungen
freiwillige sind.«
Miß Wilsons Gewissen war schon durch die Roheit und das Fehlen der
moralischen Überredung in Mr. Jansenius Wort: >Sei nicht unverschämt!<
getroffen worden, denn es klang wie das Echo ihrer eigenen Worte, und
jetzt fühlte sie sich aufs neue beunruhigt. »Das Fehlerbuch,« sagte
sie, »ist nur zu Selbstanklagen da, es darf nicht dazu dienen, andere
zu beschuldigen.«
»Ich weiß ganz gewiß, daß weder Jane noch Gertrude noch ich uns im
geringsten anklagten, weil wir die Treppen herunterglitten, aber Sie
hatten keinen Tadel, als wir das hineinschrieben. Übrigens sollte das
Buch der moralischen Überredung dienen -- wenigstens sagten Sie das
immer, und als Sie die moralische Überredung aufgaben, glaubte ich,
ich müßte darüber eine Eintragung machen. Natürlich war ich damals im
Zorn, aber als ich zur Ruhe kam, hielt ich es für ganz recht, was ich
getan hatte. Und ich glaube das auch noch heute, obgleich es vielleicht
besser gewesen wäre, wenn ich zu allem geschwiegen hätte.«
»Wieso behaupten Sie, ich hätte die moralische Überredung aufgegeben?«
»Den Leuten die Türe weisen, ist keine moralische Überredung. Sie
unverschämt nennen, ist auch keine.«
»Sie glauben also, ich müßte Ihnen geduldig zuhören, was Sie mir auch
zu sagen belieben, und wie ungehörig es auch in Anbetracht Ihrer
Stellung mir gegenüber sein mag?«
»Aber ich habe nichts Ungehöriges gesagt,« sagte Agatha. Dann brach
sie ungeduldig ab, lächelte wieder und sagte: »Oh, wir wollen nicht
mehr streiten. Es tut mir wirklich sehr leid, und ich habe Sie und die
Anstalt so gern. Und ich will auch nach den Ferien nur wiederkommen,
wenn Sie es wünschen.«
»Agatha,« sagte Miß Wilson schwankend, »diese Worte des Bedauerns
kosten Ihnen so wenig, und wenn sie ihren Zweck erreicht haben,
vergessen -Sie- sie so bald, daß mich das nicht länger befriedigt.
Ich bestehe durchaus nicht gerne darauf, daß Sie die Anstalt jetzt
verlassen. Aber wie Ihr Onkel Ihnen gesagt hat, Sie sind alt und
verständig genug, um den Unterschied zwischen Ordnung und Unordnung zu
kennen. Bisher haben Sie auf der Seite der Unordnung gestanden, die
wir, wie Ihnen Mrs. Trefusis erzählen kann, früher, als Sie noch nicht
da waren, kaum gekannt haben. Trotzdem will ich durch alles Vergangene
einen Strich machen, wenn Sie mir versprechen, in Zukunft mehr auf
sich achtzugeben, und am Ende des Schuljahres werde ich dann sehen, ob
Sie weiter bleiben können.«
Agatha erhob sich strahlend vor Freude. »Liebe Miß Wilson,« »Sie sind
-so- gut! Natürlich verspreche ich es. Ich werde hingehen und es Mama
erzählen.«
Bevor sie noch ein Wort dazu sagen konnte, hatte sie sich in einem
Wirbel zur Türe bewegt und floh davon, um sich einen Augenblick später
im Empfangszimmer den drei Damen vorzustellen, die sie mit launigem
Lächeln schweigend anblickte.
»Nun?« fragte Mrs. Jansenius fest.
»Nun, liebes Kind?« fragte Mrs. Trefusis zärtlich.
Mrs. Wylie unterdrückte einen Seufzer und sah ihre Tochter flehend an.
»Es hat mir unendliche Mühe gekostet, sie zur Vernunft zu bringen,«
sagte Agatha nach einer herausfordernden Pause. »Sie benahmen sich wie
Kinder, und ich war wie ein Engel. Natürlich bleibe ich.«
»Gott segne dich, mein Liebling,« stammelte Mrs. Wylie und versuchte
Agatha, die ihr gewandt auswich, zu küssen.
»Ich habe versprochen, in Zukunft sehr gut und fleißig und ruhig und
brav zu sein. Erinnerst du dich noch an meinen Kastagnettentanz, Hetty?
Tra! lalala, la! la! la!
Tra! lalala, la! la! la!
Tra! lalalalalalalalalalala!«
Und sie wirbelte in dem Zimmer herum, indem sie mit den Fingern wie mit
Kastagnetten knipste.
»Sei nicht so rücksichtslos und leichtfertig, meine Liebe,« sagte
Mrs. Wylie. »Du wirst deiner armen Mutter noch das Herz brechen.«
Miß Wilson und Mr. Jansenius traten jetzt grade herein, und Agatha
blieb bewegungslos stehen, indem sie zerstreut auf eine Vase mit
Blumen starrte. Miß Wilson lud ihre Besucher ein, an dem Tennisspielen
teilzunehmen. Mr. Jansenius blickte streng und mißbilligend auf
Agatha, die als Antwort ihr linkes Auge aufriß, während sie das
andere gleichzeitig zusammenkniff. Doch er schüttelte seinen Kopf,
um anzudeuten, daß Fertigkeiten im Gesichterschneiden, wie schwierig
und naturwidrig sie auch sein mochten, seine Achtung nicht gewinnen
konnten, und er ging mit Miß Wilson, mit Mrs. Jansenius und Mrs. Wylie
hinaus.
»Wo ist dein Hubby?« fragte Agatha darauf plötzlich Henrietta.
Mrs. Trefusis Augen füllten sich so schnell mit Tränen, daß sie auf
Agathas Hand fielen, als sie ihren Kopf neigte, um sie zu verbergen.
»Es ist solch ein lieber, alter Platz hier,« begann sie. »Die
Erinnerungen aus meinen Kinderjahren --«
»Was ist zwischen dir und Hubby geschehen?« fragte Agatha, sie
unterbrechend. »Wenn du es mir nicht sagst, werde ich ihn fragen, wenn
ich ihn treffe.«
»Ich wollte es dir grade erzählen, aber du läßt mir ja keine Zeit.«
»Das ist ja Quatsch,« sagte Agatha. »Aber meinetwegen, erzähle.«
Henrietta zauderte. Ihre Würde als verheiratete Frau und der Ernst
ihres Schmerzes lehnten sich gegen die seichte Auffassung des
Schulmädchens auf. Aber sie war jetzt ebensowenig wie früher als Kind
imstande, Agathas Tyrannei zu widerstehen, und sie sehnte sich nach
ihrem Mitgefühl. Außerdem hatte sie es schon gelernt, ihre Geschichte
lieber selbst zu erzählen, als das andern zu überlassen, weil dann die
Sache durchaus nicht immer im richtigen Lichte dargestellt wurde. So
erzählte sie Agatha von ihrer Ehe, ihrer milden Liebe zu ihrem Gatten,
seinem geheimnisvollen Verschwinden, ohne ein Wort oder eine Adresse zu
hinterlassen. Den Brief erwähnte sie nicht.
»Hast du nach ihm gesucht?« fragte Agatha, indem sie eine Neigung zum
Lachen unterdrückte.
»Aber wo? Hätte ich auch nur die entfernteste Spur, ich würde ihm
barfuß bis ans Ende der Welt folgen.«
»Ich glaube, du solltest alle Flüsse durchsuchen -- das müßtest du ja
barfuß tun. Er muß irgendwo hineingefallen oder irgendwo abgestürzt
sein.«
»Nein, nein. Meinst du, ich wäre hier, wenn ich dachte, daß sein Leben
in Gefahr sei? Ich habe Gründe -- ich weiß, daß er nur davongegangen
ist.«
»Oh, wirklich! Er nahm seinen Koffer mit sich, nicht wahr? Vielleicht
ist er nach Paris gereist, um dir etwas Hübsches zu kaufen und dir eine
angenehme Überraschung zu bereiten.«
»Nein,« sagte Henrietta traurig. »Er wußte, daß ich nichts brauchte.«
»Dann glaube ich, daß er deiner müde geworden und davongelaufen ist.«
Henriettas eigenartige dunkle Röte verschwand plötzlich von ihren
Wangen, sie riß Agathas Arm zurück und rief: »Wie kannst du das sagen!
Du hast kein Herz. Er betete mich an.«
»Unsinn!« sagte Agatha. »Die Menschen werden immer einander müde. Ich
werde meiner selbst müde, wenn ich nur zehn Minuten mit mir allein bin,
und liebe mich sicherlich selbst mehr, als sich sonst zwei Menschen
lieben können.«
»Das weiß ich,« sagte Henrietta gequält und boshaft. »Du warst immer
ganz besonders von dir selber eingenommen.«
»Sehr wahrscheinlich gleicht er mir in dieser Beziehung. In dem Falle
wird er seiner selbst bald müde werden und zurückkehren, und ihr werdet
bald wieder girren wie die Turteltauben, bis er von neuem davonläuft.
Hu! Es geschieht dir ganz recht, warum hast du dich verheiratet? Ich
wundere mich, wie die Leute so verrückt sein können, da sie doch alle
verheirateten Bekannten als warnende Beispiele vor Augen haben.«
»Du weißt nicht, was es heißt, jemand zu lieben,« sagte Henrietta
jammernd und doch belehrend. Ȇbrigens waren wir nicht so wie die
andern Paare.«
»Es scheint so. Aber mach dir nichts daraus, du kannst dich drauf
verlassen, sobald er seiner eigenen Gesellschaft überdrüssig wird,
kehrt er schon zurück. Quäle dich nicht damit, darüber nachzudenken,
komm, wir wollen eine Partie Lawn-Tennis spielen.«
Während dieser Unterredung hatten sie das Gesellschaftszimmer verlassen
und machten jetzt einen Umweg durch die Anlagen. Sie näherten sich den
Tennisspielplätzen auf einem Pfad, der zwischen zwei Lorbeerhecken
durch ein Buschwerk führte.
Inzwischen wartete Smilasch in seiner weißen Schürze und in Handschuhen
den Gästen auf. Er hatte sich ausdrücklich geweigert, diese abzulegen,
indem er anführte, er sei ein gewöhnlicher Mann, und Ladies und
Gentlemen könnten aus seinen gewöhnlichen Händen nicht Speise und
Trank entgegennehmen. Er benahm sich auch untadelig, bis Miß Wilson
mit ihren Gästen ankam. Er kehrte grade mit einem vollen Teebrett zum
Tische zurück und ging so schnell, daß er fast mit Mrs. Jansenius
zusammenstieß. Anstatt sich zu entschuldigen, verlor er seine Fassung
und begann rückwärts zu gehen, indem er hastig das Teebrett wie einen
Schild vor sein Gesicht hielt. Gleich darauf stolperte er gegen Miß
Lindsay, die schnell gerannt kam, um einen Ball zurückzuwerfen. Ohne
auf ihren ärgerlichen Blick und ihren barschen Tadel zu achten, wandte
er sich halb um und wich seitwärts in das Gebüsch hinein, wo das
Teebrett gleich darauf in die Höhe und quer über die Lorbeerhecke flog,
um mit dem Gepolter eines Theaterdonners auf dem gekrümmten Rücken des
Mr. Josephs zu landen. Miß Wilson gab der Wirtschafterin einen scharfen
Tadel, weil sie dem Mann die Bedienung überlassen hatte, und erklärte
dann ihren Gästen, daß er ein Idiot aus der Umgegend sei. Mr. Jansenius
lachte und sagte, er hätte zwar das Gesicht des Mannes nicht gesehen,
aber seine Gestalt erinnere ihn stark an irgend jemand, er wüßte nur
nicht genau, an wen.
Smilasch, der durch das Gebüsch davoneilte, fand das Ende des Weges
durch Agatha und eine junge Dame versperrt, deren Erscheinen ihn mehr
beunruhigte, als es vorher Mrs. Jansenius getan hatte. Er versuchte
mit Gewalt durch die Hecke zu brechen, aber vergebens. Der Lorbeer
war undurchdringlich, und das Geräusch erregte die Aufmerksamkeit
des herankommenden Paares. Er machte jetzt keinen Versuch mehr, zu
entweichen, sondern zog seine erborgte Schürze über den Kopf und stand
kerzengrade da mit dem Rücken nach dem Wege.
»Was macht der Mann da?« fragte Henrietta, indem sie mißtrauisch
stehenblieb.
Agatha lachte und sagte laut, damit er es hören sollte: »Es ist nur
ein harmloser Verrückter, den Miß Wilson beschäftigt. Er vermummt sich
gerne in irgendeiner verrückten Art und versucht uns zu erschrecken.
Hab keine Angst, komm nur mit.«
Henrietta blieb unentschlossen zurück, aber ihr Arm hing in dem
Agathas, und sie wurde wider Willen weitergezogen. Smilasch machte
keine Bewegung. Agatha schlenderte ruhig weiter, und als sie an ihm
vorüberkam, erfaßte sie die Schürze gewandt mit ihren Fingern und riß
sie ihm vom Gesicht. Sofort stieß Henrietta einen durchdringenden
Schrei aus, und Smilasch fing sie in seinen Armen auf.
»Schnell,« sagte er zu Agatha, »sie wird ohnmächtig. Laufen sie nach
etwas Wasser. Laufen Sie!« Und er neigte sich über Henrietta, die sich
wie wahnsinnig an ihn anklammerte. Agatha war ganz verwirrt über diese
Folge ihres scherzhaften Tuns. Sie überlegte einen Augenblick und
rannte dann nach dem Rasenplatz.
»Was ist geschehen?« fragte Fairholme.
»Nichts. Ich möchte etwas Wasser, schnell -- bitte! Henrietta ist im
Gebüsch in Ohnmacht gefallen, das ist alles.«
»Bitte, bemühen Sie sich nicht,« sagte Miß Wilson gebieterisch, »Sie
werden sich nur auf dem Wege zusammendrängen und wertvolle Hilfe
verhindern. Miß Ward, holen Sie bitte etwas Wasser, und bringen Sie
es uns. Agatha, kommen Sie mit, und zeigen Sie mir, wo Mrs. Trefusis
ist. Sie können auch mitkommen, Miß Carpenter, Sie sind so stark. Die
übrigen wollen hierbleiben.«
Gefolgt von den beiden Mädchen eilte sie in das Gebüsch, wo
Mr. Jansenius schon ängstlich nach seiner Tochter suchte. Er war der
einzige Mensch, den sie dort fanden. Smilasch und Henrietta waren
verschwunden.
Anfangs stellten die Sucher nur Fragen an Agatha über die Stelle, wo
Henrietta in Ohnmacht gefallen war. Dann aber gab Mr. Jansenius zu
verstehen, daß eine Dame in den Händen eines halbverrückten Arbeiters
in einer gefährlichen Lage sei. Seine Aufregung steckte die andern an,
und als Agatha sie durch die Erklärung, Smilasch sei ein verkleideter
Gentleman, zu beruhigen suchte, gebot ihr Miß Wilson, die das für
eine Wiederholung ihrer früheren müßigen Ideen hielt, in scharfer
Weise zu schweigen, da es jetzt keine Zeit sei, Unsinn zu schwätzen.
Die Neuigkeit verbreitete sich unter der ganzen Gesellschaft, und die
Aufregung stieg aufs äußerste. Fairholme rief nach Freiwilligen, die
zusammen auf die Suche gehen sollten. Alle anwesenden Männer meldeten
sich, und sie waren schon im Begriff, in einem starken Trupp durch die
Anstaltstore zu eilen, als es einem Besonneneren von ihnen einfiel,
es sei besser, wenn sie sich in mehrere Abteilungen teilten, damit man
an verschiedenen Punkten gleichzeitig suchen konnte. Nun folgte für
zehn Minuten eine Verwirrung. Mr. Jansenius setzte sich mehrere Male
in Bewegung, um nach Henrietta zu suchen, aber wenn er einige Schritte
gegangen war, kehrte er wieder um und bat die andern, doch keine Zeit
mehr zu verlieren. Josephs, der einen einfältigen Glauben hatte, zog
sich zum Gebet zurück, und es war das beste, was er tun konnte, denn so
gab es in dem Lärm von Plänen, Einwendungen und Ratschlägen, den die
übrigen machten, und bei dem jeder den andern zu überschreien suchte,
eine Stimme weniger.
Schließlich beendete Miß Wilson die allgemeine Verwirrung. Sie sandte
Dienstboten zu den Nachbarn und ließ aus dem Dorf die Polizei kommen.
Unter dem Kommando von Fairholme und anderer energischer Geister wurden
Abteilungen nach den verschiedensten Richtungen ausgesandt. Auch die
Mädchen bildeten unter sich Abteilungen, die durch Herren, welche die
andern verließen, verstärkt wurden. Miß Wilson ging in das Haus hinein
und untersuchte das ganze Innere der Anstalt. Nur zwei Personen blieben
auf dem Tennisplatz, Agatha und Mrs. Jansenius, die die ganze Zeit über
erstaunlich ruhig geblieben war.
»Sie brauchen sich nicht zu ängstigen,« sagte Agatha, die sich seit
ihrer Zurückweisung durch Miß Wilson abseits gehalten hatte. »Ich bin
sicher, daß keine Gefahr dabei ist. Es ist zwar äußerst merkwürdig, daß
sie fortgegangen sind, aber der Mann ist nicht verrückter als ich, und
ich weiß, daß er ein Gentleman ist. Er hat es mir selbst gesagt.«
»Wir wollen das Beste hoffen,« sagte Mrs. Jansenius ruhig. »Ich möchte
mich hinsetzen -- ich bin so müde. Danke sehr.« -- Agatha hatte ihr
einen Stuhl hingestellt. »Was sagten Sie, daß Ihnen dieser Mann erzählt
hat?«
Agatha berichtete die Umstände ihrer Bekanntschaft mit Smilasch,
indem sie aufs Mrs. Jansenius' Bitten eine genaue Beschreibung seines
Aussehens gab. Mrs. Jansenius bemerkte, es sei sehr seltsam, und sie
wäre überzeugt, daß Henrietta keine Gefahr drohe. Sie trank dann ein
Glas Wein und aß ein paar Butterbrote. Agatha freute sich, weil sie
jemand fand, der ihr ruhig zuhörte, aber sie staunte doch über die
Kaltblütigkeit ihrer Tante und deutete schließlich an, wenn Smilasch
auch kein Arbeiter sei, so folge noch nicht daraus, daß er ein
ehrenhafter Mann sei. Aber Mrs. Jansenius antwortete: »Oh, sie ist
sicher -- ganz sicher! Schließlich muß ich es wenigstens hoffen. Wir
werden schon bald Nachrichten bekommen.«
Die Sucher kehrten nach und nach fassungslos zurück. Sie hatten ein
paar Hirten, die einzigen Personen, die es in der Nachbarschaft gab,
gefragt, ob sie nicht eine junge Dame und einen Arbeiter gesehen
hätten. Einige hatten eine junge Frau mit einem Kleiderbündel gesehen,
vielleicht war sie das gewesen. Andere glaubten, wenn einer sie
entdeckte, dann würde es Phil Martin, der Kärrner, tun. Keiner aber
hatte eine sichere Aussage zu machen.
Der Nachmittag ging weiter, und eine Abteilung nach der andern
kehrte zurück. Alle waren ermüdet von dem erfolglosen Suchen, und an
die Stelle der Erregung trat Niedergeschlagenheit. Die Unterhaltung
war nicht mehr lärmend, sie wurde im Flüstertone geführt, und einige
Besucher aus der Umgegend schlichen sich davon in der immer stärker
werdenden Überzeugung, daß etwas Häßliches geschehen sei, und daß sie
am besten nichts damit zu schaffen hätten. Mr. Jansenius war, obgleich
ihn einige Worte seiner Frau überrascht und etwas beruhigt hatten, doch
noch immer in bejammernswerter Unruhe und Ängstlichkeit.
Endlich kam die Polizei, und beim Anblick ihrer Uniformen erhob sich
die Aufregung von neuem. Es herrschte die allgemeine Überzeugung, daß
jetzt etwas Entscheidendes geschehen würde. Aber die Beamten waren
auch nur sterbliche Menschen, und nach ein paar Minuten flüsterte
man sich zu, sie seien Narren. Sie bezweifelten alles, was man ihnen
erzählte, und drückten ihre Verachtung gegen das Suchen der Laien aus,
indem sie eine neue Untersuchung begannen und mit der größten Sorgfalt
die unwahrscheinlichsten Ecken durchstöberten. Zwei gingen fort nach
Smilaschs Hütte, um dort nach ihm zu suchen. Dann brachte Fairholme,
sonnenverbrannt, schwitzend und staubig, aber noch voll Energie,
den erschöpften Überrest seiner Abteilung zurück. Sie hatten einen
mürrischen Jungen bei sich, der den Polizeibeamten finstere Blicke
zuwarf und offenbar glaubte, er sollte an sie ausgeliefert werden.
Fairholme war überall gewesen, und da er nichts von dem verlorenen
Paar gesehen hatte, kam er zu dem Schluß, daß sie überhaupt nirgends
steckten. Er fragte jeden um Auskunft und sagte, er würde es
herausbekommen, wenn es nur möglich wäre. Aber es war nicht möglich.
Das einzige Resultat seiner Bemühungen war die Erzählung des Burschen,
dem er nicht glaubte.
»Hm!« sagte der Inspektor, der nicht sehr erfreut über Fairholmes Eifer
war, obgleich er ihm imponierte. »Du bist doch Wickens Junge, nicht
wahr?«
»Ja, ich bin Wickens Junge,« antwortete der Zeuge halb verächtlich,
halb weinerlich. »Und ich hab ihn doch gesehen, und wenn jemand sagt,
ich hätte ihn nicht gesehen, dann ist er ein Lügner.«
»Still,« sagte der Inspektor scharf. »Wir wollen deine
Unverschämtheiten nicht hören. Aber erzähle uns, was du gesehen hast,
sonst bekommst du es nachher mit mir zu tun.«
»Es ist mir gleich, mit wem ich es zu tun habe,« sagte der Junge
trotzig. »Sie können mir nichts tun, weil ich ihn sah, denn das geht
keinem Gesetz was an. Ich war in der Kiesgrube in der Wiese am Kanal --«
»Was hattest du da verloren?« fragte der Inspektor, ihn unterbrechend.
»Ich durfte da sein,« sagte der Junge in frechem Ton, aber er wurde
doch rot.
»Wer hat dir die Erlaubnis gegeben?« fragte der Inspektor weiter und
faßte ihn beim Kragen. »Ah,« fügte er hinzu, als der Gefangene in
Tränen ausbrach, »ich hab dir ja gesagt, du bekommst es mit mir zu tun.
Nun hör mit dem Geplärre auf und denk daran, wo du bist und mit wem du
sprichst. Vielleicht werde ich dich für diesmal nicht einsperren. Also
was hast du gesehen, als du verbotenerweise auf die Wiese kamst?«
»Ich sah ein junges Weib und einen Mann. Und ich sah, wie sie ihn
küßte. Und der Herr will mir nicht glauben.«
»Du meinst natürlich, du sahst, wie er sie küßte?«
»Nein, nein. Ich kenn das, wenn einem ein Mädchen küßt und man will es
nicht haben. Und ich schrie, um sie zu erschrecken. Und er rief mich
und gab mir zwei Pence und sagte: >Geh zum Teufel!< sagte er, >und sage
niemand, daß du mich hier gesehen hast, sonst,< sagte er, >werde ich
mich versucht fühlen, dich zu ertränken,< sagte er, >und was für ein
Schrecken würde das für deine Eltern sein!< >O ja, jedenfalls,< sagte
ich oder so ähnlich. Dann ging ich weg, weil er Mr. Wickens kennt, und
weil ich Angst hatte, er würde es ihm erzählen.«
Da der Trotz des Knaben jetzt gebrochen war, regnete es von allen
Seiten Fragen auf ihn. Aber seine Beobachtungsgabe und seine
Beschreibung wurden dadurch nicht besser. Da er Leute, in deren
Gewalt er war, freundlich stimmen wollte, gab er, so oft er konnte,
zustimmende Antworten. Mr. Jansenius fragte ihn, ob die junge Frau, die
er gesehen hatte, eine Lady gewesen sei, und er sagte ja. War der Mann
ein Arbeiter? Ja -- nach kurzem Überlegen. Wie war sie gekleidet? Das
hatte er nicht beobachtet. Hatte sie rote Blumen auf ihrem Hut? Ja.
War ihr Kleid grün? Ja. Waren die Blumen auf ihrem Hut gelb? (Agathas
Frage.) Ja. War ihr Kleid hellrot? Ja. Es war doch bestimmt nicht
schwarz? Keine Antwort.
»Ich sagte Ihnen ja, er ist ein Lügner,« bemerkte Fairholme verächtlich.
»Nun, ich glaube schon, daß er etwas gesehen hat,« sagte der
Inspektor. »Aber was es war oder wer es war, ist mehr, als ich aus ihm
herauskriegen kann.«
Es entstand eine Pause, und sie sahen Wickens Jungen mißtrauisch
an. Seine Erzählung über das Küssen machte es den Jansenius fast zu
einer Beleidigung, daß Henrietta die Frau sein könnte, die er gesehen
hatte. Jane riet, den Kanal abzusuchen, aber ein unwilliges >st, st<
gebot ihr Schweigen, während man den verlassenen Eltern besorgte
und mitfühlende Blicke zuwarf. Jane verschwand dann wieder aus dem
Brennpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit, als die beiden Polizisten,
die man nach der Hütte gesandt hatte, zurückkamen. Smilasch ging
zwischen ihnen, offenbar als Gefangener. Von weitem sah es aus, als ob
er eine schreckliche Verletzung am Kopf habe, als man ihn aber in die
Gesellschaft brachte, zeigte es sich, daß es nur ein rotes Taschentuch
über sein Gesicht gebunden hatte, wie um Zahnschmerzen zu mildern.
Er hatte ein ausgesprochenes Galgengesicht, als er vor dem Inspektor
stand. Er ließ seinen Kopf herabhängen und hielt seine Gesichtszüge von
Mr. Jansenius abgewendet, der, als er ihn forschend beobachten wollte,
nur einen Fetzen von dem roten Taschentuch sah.
Einer der Polizisten berichtete, wie sie Smilasch in dem Augenblick
gefunden hätten, als er grade seine Wohnung betreten wollte. Er habe
sich geweigert, irgendeine Erklärung zu geben oder auch nach der
Anstalt zu kommen, und als sie ihn gegen seinen Willen mitnehmen
wollten, habe er ihnen Trotz geboten. Als sie dann schließlich nach
dem Inspektor und Mr. Jansenius schicken wollten, hatte er sie Esel
genannt und eingewilligt, sie zu begleiten. Der Beamte schloß mit der
Erklärung, der Mann sei entweder betrunken oder sehr hinterlistig, da
er nicht vernünftig sprechen konnte oder wollte.
»Sehen Sie, Herr Wachtmeister,« begann Smilasch zum Inspektor, »Ich bin
ein gewöhnlicher Mann -- Sie können keinen gewöhnlicheren finden in --«
»Das ist er,« schrie Wickens Junge, den plötzlich das Gefühl überkam,
daß er ein wichtiger Zeuge sei. »Das ist er, den die Lady küßte, der
mir zwei Pence gab und mir drohte, mich zu ertränken.«
»Und mit demütigem und zerknirschtem Herzen bedaure ich, daß ich dich
nicht ertränkt habe, du grüner Halunke,« sagte Smilasch. »Ist das eine
Art, einen Mann, wenn auch einen gewöhnlichen, zu unterbrechen, der an
Alter und Weisheit dein Vater sein könnte.«
»Halt deinen Mund,« sagte der Inspektor zu dem Jungen. »Nun, Smilasch,
wollen Sie einen Bericht geben? Aber erwägen Sie wohl, was Sie sagen,
es kann nachher gegen Sie vorgebracht werden.«
»Wenn Sie mich sofort von hier zum Schafott bringen lassen, Herr
Oberwachtmeister, ich kann nicht mehr als die Wahrheit sagen. Wenn ein
Mann sagen kann, daß Jeff Smilasch lügt, dann soll er sich melden.«
»Das interessiert mich nicht,« sagte der Inspektor. »Da Sie hier in
der Gegend fremd sind, weiß niemand etwas Schlechtes von Ihnen. Aber
ebensowenig weiß jemand etwas Gutes von Ihnen.«
»Herr Wachtmeister,« sagte Smilasch tief bewegt, »Sie haben einen
durchdringenden Geist, und durchschauen einen schlechten Charakter auf
den ersten Blick. Nicht um Sie zu täuschen, bin ich so der Lüge und
Faulheit und Genüssen aller Art ergeben. Die einzige Entschuldigung,
die ich für mich finden kann, ist, daß es wohl so in der Natur der
menschlichen Rasse liegt. Denn die meisten Leute sind grade so schlimm
wie ich, und viele sind schlimmer. Ich spreche nicht persönlich von
Ihnen, Herr Wachtmeister, noch von den geehrten Gentlemen, die hier
versammelt sind. Denn Sie, Herr Wachtmeister, sind ein Inspektor von
der Polizei, was ich für einen höheren Rang als den der gewöhnlichen
Menschen halte. Und was die Gentlemen angeht, ein Gentleman ist kein
Mann -- wenigstens kein gewöhnlicher Mann -- denn der gewöhnliche
Mann ist nur der Sklave, der die Gentlemen, die über dem Gewöhnlichen
stehen, ernährt und bekleidet.«
»Halt,« sagte der Inspektor, der diesen Bemerkungen nicht folgen
konnte, »Sie sind ein gerissener Patron, aber mir sind Sie nicht
gerissen genug. Haben Sie eine Erklärung bezüglich der Dame abzugeben,
die man zuletzt in Ihrer Gesellschaft gesehen hat?«
»Eine Erklärung abgeben über eine Lady!« sagte Smilasch unwillig. »Fern
sei der Gedanke meiner Seele!«
»Was haben Sie mit ihr angefangen?« fragte Agatha heftig. »Sein Sie
nicht so mürrisch.«
»Sie wissen, daß Sie das nicht zu beantworten brauchen,« sagte der
Inspektor, der ein wenig aus der Fassung gebracht war, weil Agatha in
ihrer unverantwortlichen Stellung so direkt auf den Kernpunkt der Sache
gekommen war. »Sie können es tun, wenn Sie wollen. Wenn Sie aber etwas
Böses getan haben, schweigen Sie lieber. Im andern Fall können Sie
ruhig aussagen.«
»Ich will die junge Lady wegen ihrer verehrten Schwester beruhigen,«
sagte Smilasch. »Als die junge Lady mich erblickte, fiel sie in
Ohnmacht. Da ich erst ein junger Mensch bin und nicht mit Ladies
umzugehen weiß, will ich nicht leugnen, daß ich etwas erschrocken war,
und daß mein Kopf keine vernünftigen Überlegungen fassen konnte. Als
sie ihre Augensterne entschleierte, um mich so auszudrücken, umfaßte
sie meinen Hals, obgleich sie mich von Adam, unserm gemeinsamen
Stammvater her nicht kannte, und sagte: >Bringen Sie mir etwas Wasser,
und machen Sie, daß die Mädchen mich nicht sehen.< Da ich nicht so viel
Verstand hatte, um für mich selbst zu sprechen, tat ich grade, was sie
mir sagte. Ich hob sie in meinen Armen empor -- sie war ja nur ein
leichtes und zartes Wesen -- und schob, so schnell ich konnte, nach dem
Kanal. Als ich dort ankam, legte ich sie auf die Bank und holte Wasser.
Aber bei den Fabriken, Verunreinigungen und vornehmen Einrichtungen
aller Art kann man mit dem Wasser eines englischen Kanals keine Dame
bespritzen, viel weniger es ihr zu trinken geben. Da kam nun grade, wie
es der Zufall wollte, eine Barke daher und nahm sie an Bord, und --«
»Nein, so war es nicht,« sagte Wickens Junge hartnäckig und war stolz,
weil er die Unverschämtheit eines Angehörigen seiner eigenen Klasse
aufdecken konnte. »Ich sah Sie beide zusammenstehen, und sie küßte Sie.
Da war gar keine Barke.«
»Soll die jungfräuliche Sittsamkeit einer geborenen Lady angezweifelt
werden wegen der Worte eines gewöhnlichen Jungen, der nur durch die
Geduld der Landbesitzer und Geldbesitzer, die er mit ernähren hilft,
sein Dasein fristet?« rief Smilasch unwillig. »Pfui, du junger Heide,
eine Lady ist nicht aus demselben Leder geschnitten wie du. Sie weiß
nicht einmal, was ein Kuß ist, und wenn sie es wüßte, ist es zu
glauben, daß sie mich nahm, da ein so feiner Mann wie der Inspektor
hier nur zu glücklich wäre, ihr den Gefallen zu tun. Pfui, schäme dich!
Die Barke war rot und gelb mit einem Drachen als Bugfigur und einem
weißen Pferd, das sie zog. Vielleicht bist du farbenblind und kannst
rot und gelb nicht unterscheiden. Der Schifferknecht wurde von Mitleid
ergriffen, als er die arme, ohnmächtige Lady erblickte und als ihm eine
halbe Krone angeboten wurde, und er hatte eine Mutter, die wie eine
Mutter handelte. Es war eine Kabine auf dieser Barke, so groß wie der
Schrank, in dem Eure Gnaden Ihre eingemachten Sachen aufheben, und in
diesem Schrank von einer Kabine lebt der Schifferknecht ganz häuslich
mit seiner Frau und Mutter und fünf Kindern. Diese Kanalboote sind
sozusagen die hölzernen Mauern von England.«
»Los, fahren Sie in Ihrer Erzählung fort,« sagte der Inspektor. »Wir
wissen ebensogut wie Sie, was Barken sind.«
»Ich wollte, ich verstände mehr davon,« entgegnete Smilasch.
»Vielleicht könnte ich Ihnen bei Ihrer Aufgabe etwas mehr helfen.
Aber, wie ich schon sagte, wir fuhren den Kanal hinab nach Lyvern, wo
wir ausstiegen, und die Lady nahm ein Eisenbahnbillet und fuhr damit
fort. Mit der vornehmen Offenhändigkeit ihrer Klasse gab sie mir sechs
Pence. Hier sind sie, ein Beweis, daß ich die Wahrheit sage. Und ich
wünsche ihr, daß sie sicher zu Hause ankommt, und wenn man mich auf
die Folter spannt, ich kann nicht mehr erzählen, ausgenommen, daß ich
nach Hause ging und daß diese Polizisten gegen die englische Verfassung
Hand an mich gelegt haben. Wenn das gnädige Fräulein freundlichst dahin
gehen wollten, wo die Verfassung aufgeschrieben ist, und herausfänden,
was darin über meine Rechte und Freiheiten steht -- denn man hat mir
gesagt, daß der Arbeiter seine Freiheiten hat, und ich habe mich immer
dafür interessiert -- dann werden Sie einen armen Burschen mehr zum
Dank verpflichten, als er nach seiner geringen Erziehung ausdrücken
kann.«
»Mein Herr,« schrie Mr. Jansenius plötzlich, »wollen Sie nicht einmal
ihren Kopf erheben und mir ins Gesicht sehen?«
Smilasch tat es und fuhr dann mit theatralischer Bewegung zurück, indem
er ausrief: »Wen sehe ich?«
»Sie werden es kaum glauben,« fuhr er fort, indem er sich an die
Gesellschaft im allgemeinen wandte, »aber ich bin diesem vornehmen
Gentleman wohlbekannt. Auf Ihren Lippen, alter Herr, sah ich die Frage
nach meiner Frau, und ich danke Ihnen für die herablassende Teilnahme.
Es geht ihr gut, Herr, und daß ich hier meinen Aufenthalt habe, darüber
haben wir uns vollständig geeinigt. Was für eine kleine Wolke auch
über unserm häuslichen Himmel geschwebt haben mag, sie ist vergangen.
Und, alter Herr,« hier sank Smilaschs Stimme zu ernsterer Betonung
-- »wer sich jetzt zwischen Mann und Weib schiebt, lädt eine schwere
Verantwortung auf sich. Hier lebe ich, so wie Sie mich hier sehen, und
hier will ich bleiben, genau in der gleichen Gestalt. Das heißt, wenn
das Schicksal es erlaubt. Das Schicksal ist eine wunderliche Sache,
alter Herr. Als ich hierher kam, dachte ich, es sei der letzte Platz
auf der Welt, wo Sie mir vor die Augen kämen, und der Henker hol mich,
wenn Sie nicht ungefähr der erste sind, auf den ich hier stoße.«
»Ich beabsichtige nicht, mich an dieser Maskerade zu beteiligen.«
»Wenn Sie erlauben, alter Herr, daß ich Ihnen das Wort aus dem Munde
nehme, Sie brauchen sich an nichts zu beteiligen. Was nun mein früheres
Benehmen angeht, Sie können sich darüber äußern oder auch schweigen.
Wenn Sie aber etwas davon sagen, werde ich das übrige sagen. Alles oder
gar nichts. Sie haben das Recht, hier dem Inspektor zu sagen, ich sei
ein schlechter Kerl. Sein durchdringender Geist hat es schon von selbst
herausgefunden. Aber wenn Sie auf Namen und Einzelheiten eingehen, dann
handeln Sie nicht nur gegen die Wünsche meiner Frau, Sie zwingen mich
auch dazu, die ganze Geschichte hier offen vor aller Welt zu erzählen
und dann irgendwohin zu gehen, wo niemand mich finden kann.«
»Ich glaube, je weniger gesagt wird, desto besser ist es,« sagte
Mrs. Jansenius, die mit Unbehagen die Neugierde und das Erstaunen
bemerkte, das die Unterredung verursachte. »Aber verstehen Sie das
wohl, Mr. --«
»Smilasch, teure Lady. Jeff Smilasch.«
»Mr. Smilasch, was Sie auch mit Ihrer Frau abgemacht haben werden, es
geht mich nichts an. Sie haben schändlich gehandelt, und ich wünschte,
ich hätte in Zukunft so wenig wie möglich mit Ihnen zu tun.«
»Ich wünsche, daß ich mit Ihnen -gar nichts- mehr zu tun habe --
-gar nichts-!« sagte Mr. Jansenius. »Ich sehe Ihr Benehmen als eine
persönliche Beschimpfung für mich an. Sie können leben, wie Sie wollen
und wo Sie wollen. Ganz England steht Ihnen offen, nur ein Platz nicht
-- mein Haus. Komm, Ruth.« Er bot seiner Frau den Arm, und sie wandten
sich zum Gehen, indem sie sich nach Agatha umsahen, die, von der
gaffenden Neugierde der andern angewidert, sich entschlossen aus der
Hörweite der Unterhaltung zurückgezogen hatte.
Smilasch hatte mit freundlichem Interesse den Zornesausbruch des
Mr. Jansenius beobachtet, als ob es ihn nur als neugierigen Beobachter
anginge. Aber Miß Wilson ließ ihre Blicke von Smilasch zu ihren beiden
aufbrechenden Besuchern gleiten. »Bitte, sehen Sie die Erklärung dieses
Mannes als eine befriedigende an?« sagte sie zu ihnen. »-Ich- tu es
nicht.«
»Ich bin ein viel zu gewöhnlicher Mann,« sagte Smilasch, »als daß ich
imstande wäre, eine Erklärung abzugeben, die ein so kultiviertes
Gehirn wie das Ihrige befriedigen könnte. Aber ich möchte ganz
bescheiden andeuten, daß da drüben ein Junge mit einem Telegramm steht
und sich gerne durch die hochgeborene Menge drängen würde.«
»Miß Wilson!« schrie der Junge mit schriller Stimme.
Sie nahm das Telegramm, las es und runzelte die Stirne. »Wir haben alle
unsere Mühe für nichts gehabt, meine Damen und Herren,« sagte sie mit
unterdrücktem Ärger. »Mrs. Trefusis teilt hier mit, daß sie nach London
zurückgekehrt ist. Irgendeine Erklärung anzugeben, hat sie nicht für
nötig gehalten.«
Ein allgemeines Murmeln der Enttäuschung folgte.
»Lassen Sie den Mut nicht sinken, Ladies,« sagte Smilasch. »Vielleicht
ist sie trotzdem ertränkt oder ermordet worden. Es kann jemand das
Telegramm unter einem falschen Namen geschickt haben. Vielleicht ist
es ein Kniff. Hoffen wir um Ihretwillen wenigstens auf einen kleinen
Unfall -- vielleicht passiert etwas auf der Eisenbahnreise.«
Miß Wilson wandte sich nach ihm um und war froh, daß sie jemand hatte,
an dem sie so recht ihren Ärger auslassen konnte. »-Sie- sollten sich
lieber an Ihre Arbeit machen,« sagte sie. »Und lassen Sie sich nie
wieder hier sehen.«
»Das ist hart,« sagte Smilasch klagend. »Ich habe es nur gut gemeint.
Aber ich weiß, warum Sie so sind. Weil das junge Ungeziefer sagte, die
Lady hätte mich geküßt.«
»Herr Inspektor,« sagte Miß Wilson, »Sie werden mich verbinden, wenn
Sie dafür sorgen, daß er die Anstalt so bald wie möglich verläßt!«
»Wo ist mein Lohn?« entgegnete Smilasch vorwurfsvoll. »Wo ist mein
gesetzlicher Lohn? Ich bin erstaunt, daß eine Dame wie Sie, die zum
Überlaufen voll ist von Moralphilosophie und Nationalökonomie, einen
armen Mann um das Seinige bringen will. Wo ist Ihre Zahlkasse? Wo ist
Ihr Lohnkapital?«
»Geben Sie ihm nichts, Madame,« sagte der Inspektor. »Mit dem Geld, das
er von der Lady hat, ist er reichlich bezahlt. Gehen Sie los, oder wir
werden Ihnen überraschend schnell Beine machen.«
»Nun gut,« murrte Smilasch: »Wir haben neun Pence abgemacht, und was
die Arbeit mit der Rasenwalze anging, das Öffnen der Seltersflaschen
und das Hinaustragen der schweren Tabletts, mir schwebte da so etwas
vor, was wie zwei Schilling klang. Aber ich verlange nicht mehr
als neun Pence, die Lady kann den Schilling und die drei Pence als
Ersparnis behalten. Das ist eine Ausbeutung der Arbeit im Maßstabe von
hundertfünfundzwanzig Prozent. Also geben Sie mir die neun Pence, und
ich marschiere sofort ab.«
»Hier ist ein Schilling,« sagte Miß Wilson. »Und nun gehen Sie.«
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