»Was das für ein Kerl ist! Ich lege nicht den mindesten Wert darauf.«
Agatha faßte das Telegramm an einer Ecke und zog langsam daran.
»Nein, nein,« sagte er und hielt es fest. »Es ist zu lächerlich. Ich
glaube nicht, daß ich --«
Agatha riß es jetzt an sich und las den Inhalt laut vor. Das Telegramm
war von Trefusis.
»Ich verzeihe Ihnen Ihre Gedanken seit Brandons Rückkehr. Schreiben Sie
ihr heute abend und folgen Sie morgen persönlich Ihrem Brief, um eine
zustimmende Antwort zu bekommen. Ich versprach Ihnen, Sie könnten sich
auf mich verlassen. Sie liebt Sie.«
»So was habe ich in meinem Leben noch nicht gehört,« sagte Jane.
»Niemals.«
»Er ist wirklich ein ganz seltsamer Mensch,« sagte Sir Charles.
»Ich bin um meinetwillen froh, daß er nicht so schwarz ist, wie man
ihn gemalt hat,« sagte Agatha. »Sie können jedes Wort davon glauben,
Mr. Erskine. Tun Sie bestimmt, was er Ihnen sagt. Er weiß ganz sicher,
daß er sich nicht irrt.«
»Pah!« sagte Erskine und zerknitterte das Papier und steckte es in die
Tasche, als wäre es keines zweiten Blickes wert. Gleich darauf schlich
er sich fort und kam nicht wieder. Als sie im Begriff waren, sich
zurückzuziehen, fragte Sir Charles ein Mädchen, wo er sei.
»In der Bibliothek, Sir Charles. Er schreibt.«
Sie sahen sich gegenseitig bezeichnend an und gingen zu Bett, ohne ihn
zu stören.
Achtzehntes Kapitel.
Als Gertrude sich mit Trefusis in dem Pullmanwagen befand, wunderte
sie sich, wie sie dazu kam, gegen ihren Entschluß, wenn nicht gegen
ihren Willen, mit ihm zu fahren. Es waren noch zwei Frauen da, die
sie mit mißtrauischen Blicken beobachteten, als ob sie mit schlechten
Absichten hierhergekommen sei. Ferner ein Herr, der etwas weiter absaß
und sie bewunderte; ihr Mädchen, das Trefusis' Zeitungen las und grade
außerhalb der Hörweite war; ein Herr vom Lande, der gleichgültig und
mürrisch aus dem Fenster blickte; ein Kaufmann aus der City, der in
den >Economist< vertieft war, und eine höfliche Dame, die sie zwar
nicht anstarrte, aber doch im stillen beobachtete. Gertrude fühlte,
daß sie in Gegenwart aller dieser Menschen keine Szene machen durfte,
aber sie wußte, daß sie nicht hierhergekommen war, um eine gewöhnliche
Unterhaltung zu führen. Sie brauchte auch darüber nicht lange im
ungewissen zu bleiben. Er begann sofort zu sprechen und ging ohne
Umschweife auf den Kernpunkt der Sache los.
»Was denken Sie über meine Verlobung?«
Diese Frage war mehr, als sie ruhig ertragen konnte. »Was geht das mich
an?« fragte sie unwillig. »Ich habe nichts damit zu tun!«
»Nichts? Dann ist es mit Ihrer Freundschaft für mich nicht weit her.
Und ich hielt Sie für einen meiner besten Freunde.«
Sie machte eine Bewegung, als wollte sie ihn anblicken. Aber sie besann
sich. Sie preßte ihre Lippen zusammen und starrte auf den leeren Sitz
vor ihr. Für den Vorwurf, den er nach ihrer Ansicht verdiente, fand sie
keinen Ausdruck.
»Ich habe noch immer diese Überzeugung, trotzdem Miß Lindsay so
gleichgültig gegen meine Angelegenheiten ist. Aber ich muß auch
gestehen, ich weiß kaum, wie ich Ihnen etwas mehr Teilnahme für mich
einflößen soll. Sie sind erstens niemals verheiratet gewesen, ich
aber wohl. Dann sind Sie so viel jünger als ich, und zwar nicht nur
an Jahren. Höchst wahrscheinlich stammen Ihre Ansichten über solche
Dinge meistens aus Romanen, in denen ein glücklicher Ausgang schon so
wie so an sehr seltsame Umstände geknüpft ist -- an Umstände, die im
wirklichen Leben ganz andere Folgen haben. Wenn Ihre Freundschaft ein
Kapitel aus einem Roman wäre, was würde wohl das Ende sein? Nun, ich
müßte Sie entweder heiraten oder Ihnen durch meine Treulosigkeit das
Herz brechen.«
Gertrudes Augen wanderten umher, als habe sie die Absicht, zu
entfliehen.
»Aber unsere Beziehungen sind solche des wirklichen Lebens und darum
viel zartere als die eines Romanes. Ich habe nie davon geträumt, Sie
zu heiraten. Ich habe Ihre Freundschaft gewonnen und sie genossen,
ohne dabei geschäftliche Pläne zu haben, von denen sich die Menschen
des neunzehnten Jahrhunderts sonst nicht einmal im Schlafe freimachen.
Und Sie sind mir gegenüber ebenso uninteressiert und denken gar nicht
daran, sich das Herz brechen zu lassen. Aber ich glaube, daß Sie etwas
verletzt sind, weil ich einen so wichtigen Schritt, wie die Heirat
mit Agatha, überlegt und ausgeführt habe, ohne Ihnen meine Absicht
anzuvertrauen. Und zur Strafe sagen Sie mir, daß Sie nichts damit zu
tun hätten -- daß es Ihnen ganz gleichgültig sei. Doch ich habe diesen
Schritt gar nicht vorher überlegt und konnte ihn daher auch nicht vor
Ihnen verhehlen. Es geschah in weniger als einer Minute, daß ich den
Entschluß faßte und ihn ausführte. Obgleich meine erste Heirat eine
törichte Liebesgeschichte und ein Fehler war, so war ich mir doch immer
darüber im klaren, daß ich wieder heiraten müßte. Ein Junggeselle ist
ein Mann, der sich jeder Verantwortlichkeit und jeder Verpflichtung
entzieht. Ich suche sie aber grade und halte es für meine Schuldigkeit,
bei meinem ungeheuren Überfluß an Reichtum meine Neigungen nicht zu
sehr anwachsen zu lassen. Bei alledem hatte ich aber keine Eile. Es
gab so viele Dinge, die mich beschäftigten, ich liebte die Freiheit
meines Junggesellenlebens und wußte auch manchmal nicht, ob es recht
war, noch mehr Müßiggänger auf die Welt zu setzen, die die Arbeiter
ernähren mußten. Dazu kam die gewöhnliche Schwierigkeit, ein passendes
Mädchen zu finden. Ich wollte keine Gehilfin haben, ich kann mir selber
helfen. Ebensowenig erwartete ich eine hingebende Liebe zu finden. Das
Menschengeschlecht hat noch keinen Mann hervorgebracht, den man bei
intimer Bekanntschaft liebt. Sogar meine Eigenliebe ist weder tief noch
dauernd. Ich wollte einen munteren Gefährten für das häusliche Leben
haben, und es kam mir plötzlich der Gedanke, Agatha sei vielleicht
noch das Passendste, was ich auf dem Heiratsmarkt finden konnte. Denn
es ist sehr schwer, hier etwas Zusagendes zu finden, und wenn man
in der Hoffnung, etwas Besseres zu finden, zu lauge zaudert, dann
schnappen einem die andern noch den besten Handel vor der Nase weg.
Ich bewundere Agathas Mut und Befähigung. Ich glaube, ich werde ihr
Zuneigung zu mir einflößen, und dann wird unsere Vereinigung zu einem
festen Bande verwachsen, wie es für zwei verschiedene Wesen zuträglich
und notwendig ist. Vielleicht täusche ich mich über ihren Charakter,
denn ich kenne sie nicht so, wie ich Sie kenne, und ich habe schwerlich
soviel Zutrauen zu ihr, um mit ihr über solche Sachen wie mit Ihnen
zu sprechen. Und doch liegt auch ein romantischer Anstrich über dem
Ganzen, der mir Mut gibt. Agatha hat etwas Bezauberndes an sich. Finden
Sie das nicht auch?«
Gertrudes Bewegtheit war verschwunden. Sie antwortete mit kühler
Verachtung: »Es ist wirklich romantisch. Agatha ist sehr glücklich.«
Trefusis lachte und seufzte gleichzeitig und war froh, weil sie soviel
Selbstbeherrschung zeigte. »Es klingt so -- und vielleicht ist es auch
nichts anderes als die selbstsüchtige Berechnung eines enttäuschten
Witwers. Sie würden ein solches Angebot nicht besonders schätzen und
auch die Empfängerin nicht beneiden.«
»Nein,« sagte Gertrude mit ruhiger Geringschätzung.
»Und doch liegen hinter allen Anträgen solche Berechnungen. Wir
heiraten, um unsere Neigungen zu befriedigen, und je vernünftiger
unsere Neigungen sind, desto mehr Aussicht haben wir, daß sie wirklich
befriedigt werden. Ich sehe, Sie sind über mich enttäuscht. Ich
habe das befürchtet. Sie gehören zu der Art Frauen, die nur eine
Entschuldigung für die Ehe kennen -- die Liebe, die reine Gefühlsliebe,
die für jede Überlegung blind ist.«
»Ich interessiere mich wirklich nicht --«
»Sagen Sie das nicht, Gertrude. Ich beobachte ängstlich jeden Schritt,
den Sie tun, und ich glaube nicht, daß es Ihnen gleichgültig ist, ob
ich mich würdig verhalte. Glauben Sie mir, Liebe ist eine überschätzte
Leidenschaft. Man würde längst jedes Zutrauen dazu verloren haben, wenn
nicht die jungen Leute und die Romanschriftsteller, die von solchen
Tollheiten leben, ein immerwährendes Interesse daran hätten, dieses
Zutrauen wieder aufzufrischen. Keine Verbindung, die verschiedenartige
Pflichten und einen stetigen Verkehr zwischen zwei Menschen in sich
schließt, kann dauernd auf der Liebe allein begründet bleiben. Doch
soll man die Liebe nicht geringschätzen, wenn sie einer zarten Natur
entspringt. Es gibt einen Mann, der Sie genau so liebt, wie ich nach
Ihrer Ansicht Agatha lieben müßte -- wie ich sie aber nicht liebe.«
Gertrudes Erregung erwachte von neuem, und sie errötete. »Sie haben
jetzt kein Recht mehr, mir so etwas zu sagen,« bemerkte sie.
»Warum darf ich nicht für einen andern eintreten? Ich spreche von
Erskine.« Ihre Farbe verschwand, und er fuhr fort: »Ich hätte gerne,
wenn Sie ihn heiraten. Als verheiratete Frau werden Sie mich besser
verstehen, und unsere Freundschaft, die jetzt einen Stoß erhalten hat,
wird sich vertiefen. Denn jetzt, da Sie mich nicht mehr mißverstehen
können, darf ich Ihnen wohl sagen, daß mir kein weibliches Wesen auf
der Welt teurer ist, als Sie es sind. Das ist der Grund, den meine
Selbstsucht bei der Angelegenheit hat. Erskine ist ein armer Mann, und
seine behagliche Armut -- verzeihen Sie den Ausdruck -- wird Sie vor
der Erniedrigung bewahren, sich für Reichtum und Ansehen verheiraten zu
müssen. Für Mädchen Ihrer Klasse ist diese Erniedrigung eine ständige
Gefahr. Die andern Mädchen bewerben sich darum, Sie aber dürfen das
nicht tun. Erskine ist ehrenhaft und liebt Sie. Er ist jung, gesund und
umgänglich. Was glauben Sie, daß Ihnen die Welt mehr bieten könnte?«
»Hoffentlich viel mehr! Bedeutend mehr!«
»Ich fürchte, die Namen, die ich den Dingen gebe, sind nicht romantisch
genug. Er ist ein Dichter. Vielleicht würde er ein Held sein, wenn das
einem Manne heute möglich wäre. Aber das neunzehnte Jahrhundert wird
einst in der Geschichte als die schändliche Zeit dastehen, in der alle
Macht über die Natur nur dazu diente, die Habgier des Menschen zu
schärfen und die Aushungerung der Mitmenschen als offenes Kampfesmittel
zu proklamieren. Erskine ist wenigstens kein Spieler und kein direkter
Sklavenhalter. Wenn er von der Ausbeutung der Arbeit lebt, so kann er
ebenso wie ich gar nicht anders. Sagen Sie nicht, daß Sie viel mehr
erhoffen. Aber erzählen Sie mir, wenn Sie können, worauf Sie sonst
Aussicht haben. Ich frage nicht, was Sie wünschen -- wir haben alle
ausschweifende Wünsche. Ich frage Sie, was Sie mehr erreichen können.«
»Ich halte Mr. Erskine nicht für einen solchen wundervollen Menschen,
wie Sie das tun.«
»Er ist eben nur ein Mensch. Kennen Sie sonst jemand, der wundervoll
ist?«
»Übrigens würde auch meine Familie nicht damit einverstanden sein.«
»Das ist höchst wahrscheinlich. Wenn Sie es ihnen recht machen wollen,
müssen Sie sich an irgendeinen reichen Fabrikvampyr oder einen großen
Landbesitzer verkaufen. Wenn Sie sich an den armen Dichter weggeben,
der Sie liebt, wird ihre Enttäuschung grenzenlos sein. Wenn heute ein
Mädchen ihren Vater und ihre Mutter so ehren will, daß sie zufrieden
sind, muß sie sich selbst entehren.«
»Ich verstehe nicht, warum Sie so ängstlich bedacht sind, mich an einen
andern zu verheiraten!«
»An einen andern?« fragte Trefusis verwirrt.
»Ich meine nicht, an einen andern,« sagte Gertrude schnell und
errötete. »Warum soll ich überhaupt heiraten?«
»Warum heiratet überhaupt jemand? Warum heirate ich? Weil das eine
Aufgabe ist, die jeder erfüllen soll. Wenn Sie nicht beizeiten aus
freier Wahl heiraten, werden Sie später durch die Zudringlichkeit Ihrer
Bewerber und Ihrer Eltern dazu getrieben werden, oder Sie tun es, weil
Sie der Ungewißheit Ihres jetzigen Lebens müde sind. Haben Sie Mut bei
Ihrer Heirat! Werfen Sie sich nicht weg und verkaufen Sie sich nicht.
Verschenken Sie sich. Erskine hat ebensoviel zu verlieren wie Sie, und
doch bietet er sich ohne Furcht an.«
Gertrude erhob stolz ihren Kopf.
»Es ist ja richtig,« fuhr Trefusis fort, der etwas ärgerlich diese
Bewegung bemerkte, »daß er von Ihnen eine etwas höhere Meinung hat,
als Sie es verdienen, dafür unterschätzen Sie ihn auch wiederum.
Wenn Sie ihn heiraten, dann müssen Sie ihn vor einer grausamen
Enttäuschung bewahren, indem Sie sich wirklich zu dem hohen Standpunkt
emporschwingen, den Sie in seiner Einbildung innehaben. Das kostet Sie
etwas Mühe, und diese Anstrengung wird Ihnen guttun, ob Sie nun dabei
Erfolg haben oder nicht. Und was ihn angeht, den Standpunkt, auf dem er
in Ihren Gedanken steht, wird er schon immer erreichen, wenn nur Ihre
Gedanken ihn erreichen können.«
Gertrude machte eine Bewegung der Ungeduld.
»Wie!« sagte er schnell. »Mein langatmiger Appell an Ihre Vernunft ist
Ihnen wohl unangenehm? Ich glaube, ich spreche wider Willen so, weil
ich schließlich doch auf den Burschen eifersüchtig bin. Aber ich rede
im Ernst. Ich möchte, daß Sie sich verheirateten, obgleich ich immer
einen geheimen Groll gegen den Mann haben werde, der Sie heiratet.
Agatha hat mich im Verdacht der Treulosigkeit, wenn Sie es nicht tun.
Erskine wird enttäuscht sein. Sie selbst werden verdrießlich, elend und
-- unverheiratet sein.«
Gertrudes Wangen röteten sich bei dem Wort eifersüchtig und dann noch
einmal bei der Erwähnung Agathas. »Und wenn ich es tue,« sagte sie
bitter, »was dann?«
»Wenn Sie es tun, wird Agatha zufrieden und Erskine glücklich sein.
Sie haben sich selbst geopfert und werden das Glück finden, das einem
wertvollen Opfer folgt.«
»Sie sind es, der mich geopfert hat,« sagte sie, indem sie ihr
Stillschweigen aufgab. Sie blickte ihn jetzt zum erstenmal während
ihrer Unterhaltung an.
»Ich weiß es,« sagte er in halb geflüstertem Tone und neigte sich zu
ihr hin. »Ist nicht Entsagen der Anfang und das Ende aller Weisheit?
Ich habe Sie geopfert, weil ich unsere Freundschaft nicht entweihen
wollte, indem ich Sie bat, mein ganzes Leben mit mir zu teilen. Sie
sind dafür nicht geeignet, und so gehe ich eine andere Verbindung ein.
Aber ich bitte Sie, meinem Beispiel zu folgen, damit wir nicht einander
zu einem Schritt drängen, der bald beweisen würde, wie recht ich mit
meinem Wort habe, daß Sie für mich nicht geeignet sind. Ich habe Ihnen
nie gestattet, durch alle Zimmer meines Bewußtseins zu streifen, aber
ich habe für Sie dort ein Allerheiligstes und will es unentwegt für Sie
bewahren. Selbst Agatha soll den Schlüssel dazu nicht haben. Sie muß
zufrieden sein mit den andern Zimmern -- dem Gesellschaftszimmer, dem
Arbeitszimmer, dem Speisezimmer und so fort. Alle diese würden Ihnen
nicht passen, Sie würden weder die Einrichtung noch die Gäste lieben
und nach einiger Zeit nicht einmal mehr den Hausherrn. Wollen Sie mit
dem Allerheiligsten zufrieden sein?«
Gertrude biß auf ihre Lippen, die Tränen traten ihr in die Augen. Sie
sah ihn flehend an. Wären sie allein gewesen, sie hätte sich in seine
Arme geworfen und ihn gebeten, alles außer ihrer gegenseitigen starken
Zuneigung zu vergessen.
»Und wollen Sie einen Winkel in Ihrem Herzen für mich bewahren?«
Langsam warf sie ihm einen schmerzlichen Blick des Nachgebens zu.
»Wollen Sie tapfer sein und sich dem armen Mann opfern, der Sie liebt?
Er wird Sie vor nutzloser Einsamkeit und vor einer oberflächlichen Ehe
bewahren -- ich könnte den Gedanken nicht ertragen, daß eins von diesen
beiden Ihr Schicksal sein würde.«
»Ich mache mir nichts aus Mr. Erskine,« sagte sie und war kaum
imstande, ihre Stimme zu beherrschen. »Aber ich will ihn heiraten, wenn
Sie es wünschen.«
»Ich wünsche es ernstlich, Gertrude.«
»Dann haben Sie mein Versprechen,« sagte sie, und wieder kam ein
bitterer Ton in ihre Stimme.
»Aber Sie werden mich doch nicht vergessen? Erskine wird alles haben
außer diesem stillen Gedenken.«
»Kann ich mehr tun, als ich grade versprochen habe?«
»Vielleicht, aber ich bin zu selbstsüchtig, um etwas noch
Großmütigeres zu verstehen. Unser Entsagen wird uns fester
aneinanderbinden, als es unsere Vereinigung je hätte tun können.«
Sie sahen sich lange an. Dann zog er seine Uhr heraus und begann über
die Länge der Fahrt zu sprechen, die jetzt ihrem Ende entgegenging. Als
sie in London ankamen, war die erste Person, die sie auf dem Bahnsteig
sahen, Mr. Jansenius.
»Ah! Sie erhielten also mein Telegramm,« sagte Trefusis. »Vielen Dank
für Ihr Kommen. Warten Sie, bitte, während ich diese Dame zu Ihrem
Wagen begleite.«
Als der Wagen geholt war und Gertrude mit ihrem Mädchen darin saß,
flüsterte er ihr noch schnell zu:
»Trotz allem drückt es mich hier wie Bleigewicht.« Er zeigte auf sein
Herz. »Sie sind tapfer und ich bin vernünftig gewesen. Antworten Sie
mir nicht, aber denken Sie daran, daß wir für immer treue Freunde sind.«
Er drückte ihre Hand und wandte sich an den Kutscher, dem er die
Fahrtrichtung sagte. Gertrude sank in eine Ecke des Wagens zurück, als
er sich in Bewegung setzte. Trefusis aber atmete auf, wie ein Mann,
der grade von einer schweren, drückenden Last erlöst ist, und ging zu
Mr. Jansenius.
»Da geht ein echtes Weib,« sagte er. »Ich habe sie überredet, den
besten Schritt zu tun, der ihr möglich war. Ich begann als ehrlicher
Mann vernünftig zu sprechen und quälte mich damit eine halbe Stunde,
aber sie wollte mich nicht anhören. Dann redete ich fünf Minuten lang
romantischen Unsinn von der gewöhnlichsten Sorte, und mit Tränen in
den Augen stimmte sie mir zu. Wir wollen diesen Wagen nehmen. He!
Belsize Avenue. Ja, man muß manchmal mit den Weibern weiblich reden,
grade so, wie man mit einem Narren närrisch reden muß. Haben Sie jemals
darüber nachgedacht, Jansenius, ob ich ein ungewöhnlich ehrenhafter
Mann bin oder eines der schlechtesten Produkte dieser Gesellschaft, die
ich mit aller Macht zu vernichten suche -- ob ich also, kurz gesagt,
ein höllischer Schurke bin?«
»Aber ich bitte Sie, seien Sie doch nicht so töricht,« sagte
Mr. Jansenius. »Ich wundere mich, wie ein Mann von Ihrer Befähigung
manchmal so handeln und sprechen kann, wie Sie es tun.«
»Ich hoffe, ein wenig Aufrichtigkeit ist entschuldbar, wenn man sie als
Chloroform gebraucht -- um einer Frau über die Schmerzen verletzter
Eitelkeit hinwegzuhelfen. Übrigens, auf dem nächsten Postamt, an dem
wir vorbeikommen, muß ich zwei Telegramme aufgeben. Nun ja, wie ich
Ihnen schon mitteilte, ich werde mich mit Agatha verheiraten. Es war
nur noch ein anderer einzelner Mann und ein anderes Mädchen unten in
Brandon Beeches, und jetzt sind sie so gut wie verlobt. Und darum:
Hans nimmt sein Gretchen.
Jeder sein Mädchen;
Es find't seinen Deckel jeder Topf,
Und allen geht's nach ihrem Kopf.«
-$Ende.$-
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| Anmerkungen zur Transkription|
||
| Folgende Inkonsistenzen wurden belassen, da beide Schreibweisen |
| üblich waren: |
||
| adelige -- adlige|
| anderen -- andern|
| anderer -- andrer|
| bekomm -- bekomme|
| benutzt -- benützt |
| besondern -- besonderen|
| gehen -- gehn |
| glaube -- glaub |
| gerade -- grade -- grad|
| Hohepriester -- Hohenpriester|
| höheren -- höhern|
| keines -- keins |
| Ladies -- Ladys |
| Lord-Mayor -- Lordmayor|
| Schierlingblätter -- Schierlingsblätter |
| sechszehn -- sechzehn |
| seh -- sehe|
| sehen -- sehn |
| seiest -- seist |
| steh -- stehe |
| trocknen -- trockenen |
| tu -- tue |
| ungeheueres -- ungeheuren |
| unseren -- unsern|
| Vagabond -- Vagabund|
| Versuches -- Versuchs |
||
| Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen:|
||
| S. 6 ">" durch » ersetzt.|
| S. 7 ">" durch » ersetzt.|
| S. 8 "sagt" durch "sagte" ersetzt.|
| S. 8 "«" eingefügt.|
| S. 32 Absatz eingefügt.|
| S. 32 "." eingefügt.|
| S. 36 "«" eingefügt.|
| S. 39 "hat" durch "hatte" ersetzt. |
| S. 41 "»" eingefügt.|
| S. 45 "Manschesterhosen" durch "Manchesterhosen" ersetzt. |
| S. 46 "Manschesterweste" durch "Manchesterweste" ersetzt. |
| S. 47 "Schwesters" durch "Schwestern" ersetzt. |
| S. 48 "«" entfernt. |
| S. 50 "." durch "?" ersetzt. |
| S. 50 "!" durch "." ersetzt. |
| S. 50 "Es" durch "Er" ersetzt. |
| S. 55 "bischen" durch "bißchen" ersetzt. |
| S. 60 "kaput" durch "kaputt" ersetzt. |
| S. 64 "Manschester" durch "Manchester" ersetzt.|
| S. 65 "?" durch "." ersetzt. |
| S. 65 "Sie" durch "sie" ersetzt.|
| S. 65 "auf und abzog" durch "auf- und abzog" ersetzt.|
| S. 69 "«" eingefügt.|
| S. 70 "," durch ":" ersetzt. |
| S. 81 "«" eingefügt.|
| S. 70 "Besonneren" durch "Besonneneren" ersetzt. |
| S. 118 "den" durch "denn" ersetzt. |
| S. 145 Die Zeilen|
| "Nachricht schicken, Sie möchten herkommen? Sie|
| erfuhr" |
| "ja von unserm Ausflug erst um halb zehn gestern" |
| mit der Zeile|
| "an und sagte: »Wie konnte Miß Wilson Ihnen die" |
| vertauscht. |
| S. 189 "hätte" eingefügt. |
| S. 199 "»" entfernt.|
| S. 219 "Salusts" durch "Sallusts" ersetzt. |
| S. 223 "«" eingefügt. |
| S. 224 "Sie" durch "Sir" ersetzt. |
| S. 225 "mir" durch "mich" ersetzt. |
| S. 227 "einer" durch "einen" ersetzt. |
| S. 238 "das" durch "des" ersetzt. |
| S. 245 "«" entfernt.|
| S. 286 "»" entfernt.|
| S. 307 "." eingefügt. |
| S. 313 "«" eingefügt. |
| S. 319 "Kanibalismus" durch "Kannibalismus" ersetzt. |
| S. 320 "Trefusius" durch "Trefusis" ersetzt.|
| S. 337 "." durch "?" ersetzt.|
| S. 348 "?" durch "!" ersetzt.|
| S. 353 "»" eingefügt. |
| S. 354 "deinen" durch "deinem" ersetzt. |
| S. 356 "«" entfernt.|
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