durchschnittlich ein Haus in den feineren Teilen Londons. Hier ist der Keller. Er ist an eine Familie für anderthalben Schilling die Woche vermietet, was für besonders billig gilt. Die Sonne scheint natürlich niemals hier herein. Ich habe ihn bei Blitzlicht aufgenommen. Zu der Miete müssen Sie den Betrag für eine genügende Menge schlechten Bieres hinzufügen, die den Mieter unempfindlich gegen den Schmutz in seiner Wohnung macht. Bier ist das Chloroform, das den Arbeiter befähigt, die schwierige Operation des Lebens auszuhalten. Deshalb können wir uns auch immer, wenn wir beim Wein sitzen, gegenseitig versichern, das Elend all dieser Lumpen komme nur durch das gewohnheitsmäßige Saufen. Wir verübeln ihm das, denn wenn er das Leben ohne Bier ertragen könnte, würden wir das Geld für das Bier sparen -- und ihn gegen niedrigere Löhne kaufen können. Kurz gesagt, wir würden reicher und er nüchterner sein. Hier ist der Hofraum, die Zustände sind unbeschreiblich. Sieben von den Bewohnern hatten vor Jahren in der Spinnerei meines Vaters gearbeitet. Das heißt, sie hatten einen großen Teil der ungeheuren Geldsummen geschaffen, auf die ich Sie zu Ihrem Mißvergnügen vorhin aufmerksam machte.« »Das war ich nicht,« sagte Sir Charles zaghaft. »Sie können sehen, wie sehr ihre Lage gegen die der Pferde meines Vaters zurücksteht. Die sieben Mann, die ich erwähnte, wurden mit dreihundert andern durch dieses hier auf die Straße gesetzt.« Hier schlug er ein Blatt um und zeigte die Photographie einer komplizierten Maschine. »Sie ermöglichte es meinem Vater, auf ihre Dienste zu verzichten und dafür ein paar Frauen und Kinder einzustellen. Er hatte das Patent der Maschine für fünfzig Pfund von dem Erfinder gekauft, denn dieser war fast ruiniert durch die Ausgaben seiner Erfindertätigkeit und würde für eine Handvoll bares Geld alles geopfert haben. Hier ist ein Porträt meines Vaters in seinen Freimaurerabzeichen. Er glaubte, daß die Freimaurer im allgemeinen in der Welt vorwärtskämen, und da es der Hauptplan seines Lebens war, vorwärtszukommen, so trat er zu ihnen über und wollte, daß ich dasselbe tun sollte. Aber ich wollte von diesen angeblich geheimen Gesellschaften und ihrem Hokuspokus nichts wissen und weigerte mich. Sie sehen, was er war -- ein würdevoller, unternehmender, selbstsüchtiger Geschäftsmann. Betrachten Sie den erfolgreichen Mann, den königlichen Kaufherrn mit Schiffen auf allen Meeren, den Brotherrn von Tausenden von Arbeitern, den freigebigen Wohltäter bei allen Veranstaltungen öffentlicher Mildtätigkeit, den Kirchenvorsteher, den Parlamentsabgeordneten, den mildtätigen Freund seiner Verwandten -- seine Selbstgerechtigkeit lag immer im Kampf mit seiner angeborenen, niedrigen Geldgier -- den unwissenden und unersättlichen Ausbeuter fremder Arbeit, den Mann, der seine eigene Meinung und seine Würde für Luxus und Delikatessen verkaufte, die zu genießen er viel zu grob war, und für die Gesellschaft von Leuten, die ihm seine niedrige Herkunft bei jeder Gelegenheit zu verstehen gaben --« »Und den Mann, dem Sie alles verdanken, was Sie besitzen,« sagte Erskine grob. »Ich besitze sehr wenig. Alles, was er mir hinterließ, habe ich mit Ausnahme von ein paar Gemälden längst ausgegeben, und auch das wurde durch seine Sklaven und nicht durch ihn erworben. Mein Reichtum kommt jeden Tag frisch durch die Arbeit der armseligen Menschen, die in solchen Höhlen wohnen, wie ich sie Ihnen vorhin zeigte, oder von ein paar Aristokraten der Arbeit, die sich vielleicht zehn Schilling die Woche besser stehen. Indessen gibt es eine Entschuldigung für meinen Vater. Ich geriet einmal bei einem Wahltumult in einen offenen Kampf. Ich bin ein friedfertiger Mensch, aber da ich mich wehren mußte, wenn ich nicht niedergeschlagen und mit Füßen getreten werden wollte, so schlug ich mich mit Männern, die vielleicht ebenso friedfertig veranlagt waren wie ich selbst. Mein Vater, der in einen freien Wettbewerb geriet -- frei in dem Sinne, daß der Kampf frei, das heißt durch kein Gesetz gehindert ist -- mein Vater hatte die Wahl, entweder selbst ein Sklave zu sein oder die andern zu Sklaven zu machen. Er wählte das letztere, und da er Beifall erhielt und hoch gepriesen wurde, weil er Erfolg hatte, wer darf ihn da tadeln? Ich nicht. Übrigens tat er auch etwas, um die Anarchie zu zerstören, die es ihm ermöglichte, die Gesellschaft so ungestraft auszuplündern. Er stattete mich, seinen Feind, mit der mächtigen Waffe eines großen Vermögens aus. So brütet unser System, die Industrie zu entwickeln, oft selbst die Eier aus, aus denen seine Zerstörer hervorbrechen. Trägt Lady Brandon viele Spitzen?« »Ich -- Nein, das heißt -- Wie zum Kuckuck soll ich das wissen, Trefusis? Welch eine merkwürdige Frage?« »Dies ist die Photographie einer Häkelschule. Es war ein schmutziger, zwölf Quadratfuß großer Raum. Er war mit Ziegelsteinen gepflastert, und die Kinder durften nicht ihre Schuhe tragen, damit die Spitzen nicht schmutzig wurden. Da aber dort zwanzig Kinder -- alles Mädchen -- fünfzehn Stunden täglich arbeiteten, litten sie nicht sehr durch die Kälte. Sie waren hübsch eng zusammengepackt -- oder mögen es noch sein, was weiß ich. Sie brachten mitunter drei oder vier Schilling in der Woche ihren zärtlichen Eltern heim, denn sie hatten flinke Finger, die kleinen Geschöpfe, und arbeiteten fleißig, weil die Aufseherin sie jedesmal schlug, wenn sie aufsahen oder --« »Trefusis,« sagte Sir Charles und entfernte sich von dem Tische, »ich bitte Sie um Verzeihung, aber ich habe keine Lust, jetzt solche abscheulichen Dinge zu genießen. Sie müssen mich wirklich nicht bitten, Ihre Sammlung durchzugehen. Sie ist zweifellos interessant, aber ich kann sie nicht ertragen. Haben Sie nichts Angenehmes, um mich damit zu unterhalten?« »Pah! Sie ekeln sich. Immerhin, Sie sind ein Neuling, und wir wollen uns das übrige aufheben, bis Sie sich daran gewöhnt haben. Die Bilder sind durchaus nicht so schrecklich. Jeder Band befaßt sich mit einem andern Lande. Dieses zum Beispiel enthält Bilder zu der modernen Zivilisation in Deutschland. Das da ist Frankreich -- das Britisch-Indien. Hier haben Sie die Vereinigten Staaten von Amerika, die Heimat der Freiheit, die Schaubühne des allgemeinen Wahlrechts, das königslose und adellose Land des Schutzzolls, des Republikanismus und des durchgeführten radikalen Programms, wo man alle schwarzen Haussklaven in Lohnsklaven verwandelt hat (grade wie die weißen Sklaven meines Vaters). Diese Befreiung der Sklaven in Amerika hat achthunderttausend Menschenleben und einen unberechenbaren Wohlstand gekostet. Sie und ich, wir sind Bettler im Vergleich mit den Großkapitalisten jenes Landes, wo die Arbeiter mit den Chinesen wie Hunde um einen Knochen kämpfen. Viele von diesen großen Männern versahen mich mit Photographien ihrer Jachten und Paläste und hatten keine Ahnung, welchen Gebrauch ich davon machen würde. Hier sind einige Porträts, die Ihre Gefühle nicht verletzen werden. Dies ist meine Mutter, eine Frau aus guter Familie, jeder Zoll eine Lady. Hier ist ein Mädchen aus Lancashire, die Tochter eines gewöhnlichen Bergarbeiters. Sie hat körperlich genau dieselben Merkmale wie meine adelige Mutter -- denselben kleinen Kopf, zarte Gesichtszüge und so fort. Sie könnten Schwestern sein. Diese beiden Männer mit den Halunkengesichtern sehen wie Zwillingsbrüder aus, nur daß der auf der rechten Seite gute Laune in seinen Gesichtszügen hat. Der gutgelaunte ist ein Schiffer auf dem Lyvernkanal, der andere gehört dem höchsten englischen Adel an. Sie zeigen, daß die Natur, selbst wenn sie Generationen lang durch Hunger und Elend verdorben ist, sich doch nicht an die Unterscheidungen kehrt, die wir zwischen den Menschen errichten. Diese Gruppe von Männern und Frauen, alle erträglich intelligent und von gedankenvollen Gesichten, sind sogenannte Feinde der Gesellschaft -- Nihilisten, Anarchisten, Anhänger der Kommune, Mitglieder der Internationale und so weiter. Diese andern armen Teufel, abgeplagt, gezwungen, skrofulös, unbeholfen, geistlos und sogar gewöhnlich -- nur hier und da ist eine halbwegs hübsche Frau darunter, sind europäische Könige, Königinnen, Großherzöge und dergleichen. Hier sind Schiffskapitäne, Verbrecher, Dichter, Männer der Wissenschaft, Pairs, Bauern, Nationalökonomen und Vertreter aller möglichen Berufe. Der Zweck der Sammlung ist, die natürliche Ungleichartigkeit der Menschen zu zeigen und das Verfehlte einer künstlichen Ungleichartigkeit zu beweisen.« »Es scheint mir eine Art höllischer Sammlung zu sein, um die Ansichten der Leute zu verwirren,« sagte Erskine. »Sie sollten es eine Paradoxenmappe nennen.« »In einem vernünftigen Gesellschaftszustand würden sie Paradoxe sein, aber so beweist die Zeit ihre Richtigkeit, grade wie bei Hamlets Paradox. Sie ist aber eine Sammlung von Tatsachen, und ich will ihr keinen Phantasienamen geben. Sie lieben keine Zahlen?« »Ich liebe die Kunst.« »Hier sind ein paar Zahlen, und es ist keine Kunst dabei. Dies ist die Bilanz eines Versuches, den ich vor Jahren machte, um die Idee der Internationalen Vereinigung der Arbeiter -- gewöhnlich unter dem Namen die Internationale bekannt -- auszuführen, der Vereinigung aller Arbeiter in der ganzen Welt, um die Interessen der Arbeit zu verteidigen. Sie sehen das Ergebnis. Ausgaben: viertausendfünfhundert Pfund. Zeichnungen von Arbeitern zweiundzwanzig Pfund, sieben Schilling und zehn und einen halben Penny. Die englischen Arbeiter zeigten ihr Verständnis für meine Bemühungen, sie freizumachen, indem sie mich anklagten, ich wollte die Vereinigung benutzen, um meine eigene Tasche zu bereichern. Sie schmähten und steinigten mich. Jetzt helfe ich ihnen nur noch, wenn sie die Neigung zeigen, sich selbst zu helfen. Ich beschäftige mich zum Teil damit, einen Plan zur Neugestaltung unserer Industrie auszuarbeiten, dann aber greife ich auch meine eigene Klasse mit Frauen und allem an, gradeso wie ich Sie angreife.« »Ich fürchte, es hat wenig Zweck, uns anzugreifen,« sagte Sir Charles. »Es hat viel Zweck,« entgegnete Trefusis zuversichtlich. »Sie haben jetzt eine ganz andere Ansicht von unserer prahlerischen Kultur wie damals, als ich Ihre Mauer niederriß und diese Fanatiker der Bodenreform einlud, über ihre Spielplätze zu gehen! Sie haben in meinem Album etwas gesehen, was Sie vor einer Stunde noch nicht kannten, und Sie sind infolgedessen nicht mehr derselbe Mensch, der Sie vor einer Stunde waren. Meine Bilder haften länger in meinem Gedächtnis als Ihre gekritzelten Radierungen oder die verschwommenen Sachen, in deren Grau Sie sich einbilden, zarte Harmonien zu sehen. Erskines nächstes Drama mag wieder die Freiheit zum Vorbild nehmen, aber seine patriotischen Märtyrer werden dann etwas Besseres zu tun haben, als ein unsinniges Geschwätz gegen Puppenkönige zu richten, die in ihrem ganzen Leben im geheimen nicht so viele feige Gemeinheit, Habgier, Grausamkeit und Tyrannei geplant haben, als es bei jeder Halbjahrsversammlung von einem Dividenden verschluckenden Gewürm offen beschlossen wird, deren armselige Lohnsklaven sich sechszehn von den vierundzwanzig Stunden abschinden müssen.« »Und was soll das Ende von dem allen sein?« fragte Sir Charles etwas verwirrt. »Sozialismus oder Zerstörung. Sozialismus, wenn der Kampf schließlich die Fähigkeit entwickelt, die Aufgaben der Gesellschaft zu ordnen; denn die Gesellschaft ist zu übervölkert und zu kompliziert, um noch länger nach dem alten Zufallssystem des Privateigentums geleitet zu werden. Wenn wir nicht unsere Gesellschaft sozialistisch neuordnen -- vom menschlichen Standpunkt aus ein sehr erhabenes und prächtiges Unternehmen, volkswirtschaftlich ein sehr einfaches und gesundes -- dann wird der Freihandel durch sich selbst England zugrunde richten, und ich will Ihnen genau sagen, auf welche Weise. Als mein Vater sein Vermögen erwarb, hatten wir einen Vorsprung vor allen andern Völkern durch die Entwicklung unserer Industrie und den Reichtum an Eisen und Kohle. Andere Völker kauften unsere Erzeugnisse billiger, als wenn sie sie selbst hervorgebracht hätten, und doch noch so hoch über unserm Herstellungspreis, daß der Verdienst unsere Kapitalisten wie eine Meeresflut überfiel. Als die Arbeiter durch ihre Gewerkschaften ihren Anteil an dem Segen in Form von Lohnerhöhungen verlangten, war es billiger, ihnen das wenige, was sie zu verlangen wagten, zu bewilligen, als den Goldstrom zum Stillstand zu bringen und sie zu bekämpfen und sie zu zerschmettern. Aber jetzt haben unsere Kunden in ihren eigenen Ländern unsere industriellen Methoden nachgeahmt und verbessert, und sie haben Plätze entdeckt, an denen man Kohle und Eisen noch billiger haben kann als heute in England. Sie produzieren für sich selbst, oder kaufen das, was sie früher bei uns gekauft haben, anderswo. Unser Verdienst verschwindet, unsere Maschinen stehen still, unsere Arbeiter liegen auf der Straße. Heute macht es sich bezahlt, die Fabriken zu schließen und die Gewerkschaften zu bekämpfen und zu zerstören, wenn die Männer nicht etwa für eine Lohnerhöhung, sondern gegen eine Lohnherabsetzung streiken. Jetzt, da diese Gewerkschaften geschlagen werden und hilflos in dem Maße, in dem die Zahl der Arbeitslosen in ihren Reihen zunimmt, dem Bankrott entgegengehen, jetzt werden sie von unserer Klasse gehätschelt und gepriesen -- ein unfehlbares Zeichen, daß sie in ihrer Aufgabe, uns zu vernichten, keine weiteren Fortschritte machen. Die kleinen Kapitalisten hat die Ebbe auf den Strand gesetzt, die großen folgen der Strömung des Wassers und bauen ihre Werke da, wo Dampfkraft, Wasserkraft, Arbeitskraft und Güterbeförderung billiger sind als in England, das früher in diesen Dingen am billigsten war. Die Arbeiter werden mit den Fabriken auswandern, aber sie werden sich immer noch stärker vermehren, als sie auswandern, und man wird ihnen vorwerfen, daß sie durch ihre maßlosen Lohnansprüche das Kapital ins Ausland trieben. Und das wird so weiter gehen, solange noch ein Chinese oder Indier unbeschäftigt ist und sie unterbietet. Wenn die englischen Fabriken geschlossen sind, werden sie durch Villen ersetzt werden. Die Industriegegenden werden sich in elegante Aufenthaltsorte für Kapitalisten verwandeln, die von den Erträgnissen ihrer ausländischen Anlagen leben. Die Bauerngüter und Viehwirtschaften werden zerstört und in Jagdgründe verwandelt. Alle Dinge, die irgendwie an andern Orten hergestellt werden können als dort, wo sie gebraucht werden, kommen von auswärts. Sie sind eine Bezahlung für die Benutzung der Jagdgründe durch ausländische Jagdliebhaber oder für die Dividenden der in England lebenden Kapitalisten. Aber da diese Kapitalisten ihre Unternehmungen im Auslande haben, so wird die Einfuhr nicht durch eine Ausfuhr bezahlt, denn für Mieten und Zinsen wird überhaupt kein Gegenwert gegeben. Diese Tatsache wollen die Freihandelsmänner nicht einsehen oder wenigstens nicht eingestehen, obgleich sie der Schlüssel zu dem ganzen Geheimnis ihrer Gegner ist. Man wird stürmisch nach Zollschutz verlangen. Aber keiner will zu einem nachweislich unvernünftigen Mittel seine Zuflucht nehmen, das zuerst die Preise erhöht und dann erst die Löhne, und das nirgendwo den Arbeiter geholfen hat. Es wird nur noch solche Beschäftigung geben, die an Ort und Stelle getan werden muß, wie das Auspacken und Verteilen der Einfuhr, das Bedienen der Eigentümer als Haussklaven, das Theaterspielen, Predigen, Straßenpflastern, Laternenanzünden und so weiter. Und auch in diesen Berufen werden immer weniger Leute beschäftigt werden, da die Kapitalisten zu der Erkenntnis kommen, daß der übertriebene Prunk nicht vornehm ist, und ein einfacheres Leben genießen werden. Ein ungeheueres Proletariat, das sich zuerst aus den früheren Arbeitern in der Exportindustrie entwickelt hat, wird mit seiner Nachkommenschaft dauernd ohne Beschäftigung sein. Sie werden ihren Anteil an dem Land und an den Maschinen verlangen, um für sich selbst zu produzieren, und man wird sie zurückweisen. Dann zerschlagen sie ein paar Fensterscheiben und werden zerstreut. Ihre Führer bekommen eine Warnung. Sie stecken einige Häuser in Brand, ermorden einen oder zwei Polizisten, und jetzt wird an denen, die man verwarnt hat, ein Exempel statuiert. Sie machen einen Aufstand, werden mit Maschinengewehren niedergeschossen -- aus dem Lande verjagt und irgendwie und irgendwo vernichtet. Denn die besitzenden Klassen denken gar nicht daran und sehen auch keine Möglichkeit, anders den berechtigten Ansprüchen der Arbeiter nachzukommen. Sie selbst, Sie haben nur zu leicht fünfzig Pfund für Jansenius' Auswanderungsfonds gegeben, aber Sie würden Polizei, Militär und die Aufstandsgesetze anrufen, wenn die Leute nach Brandon Beeches kämen und Sie aufforderten, auszuziehen und mit den andern für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten. Nun, wenn das überflüssige Proletariat vernichtet ist, dann bleibt eine Bevölkerung von Kapitalisten übrig, die von einer unverdienten Einfuhr lebt und von einem unzufriedenen Gefolge bedient wird. Eines Tages wird die unverdiente Einfuhr aufhören, vielleicht weil draußen Revolutionen oder Staatsbankrotte ausgebrochen sind, weil der Zinsfuß fällt, weil Regierungen die Unternehmungen für lumpige Summen übernehmen, die man dann anderweitig nicht wieder anlegen kann, oder aus sonstigen Gründen. Unsere Kapitalistengemeinschaft ist dann auf den Rest der letzten Dividende angewiesen, die sie längst verzehrt hat, ehe sie die zerstörten Maschinen wiederhergestellt hat, um sich durch eigene Arbeit am Leben zu erhalten. Pferde, Hunde, Katzen, Ratten, Brombeeren, Pilze und Kannibalismus schieben dann das Ende hinaus, bis --« »Hah! ha! ha!« rief Sir Charles laut. »Bei meiner Ehre, Trefusis, ich dachte anfangs, Sie redeten ernst. Aber jetzt gestehen Sie nur, Sie alter Bursche, es war alles Spaß von Ihnen. Ich hatte Sie halb im Verdacht, Sie seien etwas verdreht.« Und er blinzelte Erskine zu. »Was ich jetzt beschrieben habe, ist das unausbleibliche Ende unserer heutigen Freihandelspolitik ohne Sozialismus. Die Theorie des Freihandels ist nur auf ein Austauschsystem anwendbar, nicht auf eins der Ausbeutung. Wir haben ein Ausbeutungssystem, und wenn wir es nicht verlassen, müssen wir entweder zum Zollschutz zurückkehren oder auf die Art, die ich soeben dargelegt habe, zugrunde gehen. Nun würde der Cobden Klub, ehe er die Anhänger des Schutzzolls triumphieren ließe, lieber selbst unter das Volk gehen und den Arbeitern zeigen, daß Schutzzoll die englischen Besitzer zwingt, Sklaven zu beschäftigen, die in England wohnen, und die daher wahrscheinlich -- wenn auch nicht notwendigerweise -- Engländer sein müssen. Das würde schließlich dem Volke die Augen darüber öffnen, daß es gar nicht im Besitze Englands ist. Wenn sie das erst begriffen haben, werden sie es bald zu ihrem Eigentum machen, und wenn erst England der Gemeinbesitz seiner Bewohner ist, dann wird England sozialistisch. Die künstliche Ungleichheit wird vor der wirklichen Vertragsfreiheit verschwinden. Ein freier Wettbewerb, ein ungehindertes Nacheifern werden uns vorwärtsbringen, und der Freihandel wird endlich seine Versprechungen erfüllen.« »Und die Faulenzer und Bummler,« fragte Erskine. »Was wird aus denen?« »Sie und ich natürlich,« sagte Trefusis, »wir werden wohl verhungern müssen, wenn wir es nicht vorziehen, zu arbeiten, oder wenn man uns nicht mit Rücksicht auf unsere schlechte Erziehung unterstützt.« »Glauben Sie, man wird uns ausplündern?« fragte Sir Charles. »Ich glaube, man wird uns daran hindern, die andern weiter auszuplündern. Wenn die Arbeiter Bedenken tragen, uns bis aufs Hemd auszuziehen oder uns die Kehlen abzuschneiden, falls wir den geringsten Widerstand leisten, dann zeigen sie uns mehr Erbarmen, als wir ihnen je gezeigt haben. Denken Sie daran, was wir getan haben, um unsere Zinsen aus Irland und Schottland zu holen und unsere Dividenden aus Ägypten, falls Sie meine Photographien und ihre Belehrung über unsere heimische Grausamkeit vergessen haben. Ermorden wir nicht die große Masse dieser armen Arbeiter durch Überarbeit und Bedrückung? Ihre durchschnittliche Lebenszeit ist nicht halb so lang wie unsere, obgleich die menschliche Natur in uns dieselbe ist wie in ihnen. Wenn wir ihrem Ansturm widerstehen, wenn es uns gelingt, die Ordnung wiederherzustellen, wie wir das nennen, dann werden wir sie erbarmungslos für ihre Unbotmäßigkeit bestrafen, grade wie wir es 1871 in Paris taten, wo wir ihnen übrigens auch lehrten, wie töricht es ist, seinen Feinden Pardon zu geben. Wenn sie uns überwinden, dann werden wir unsere Schläge bekommen, und es geschieht uns ganz recht. Da ist es doch viel besser, schon jetzt vernünftig zu sein und Blutvergießen zu vermeiden. Nicht wahr, Erskine?« Erskine überlegte grade, welche Antwort er geben sollte, als ihn Trefusis aus der Fassung brachte, indem er klingelte. Gleich darauf erschien eine ältliche Frau, die einen länglichen Tisch vor sich herschob, der wie ein Handwagen auf Rädern ging. »Danke sehr,« sagte Trefusis und entließ sie. »Hier ist guter Wein, gutes Wasser, gutes Obst und gutes Brot. Ich weiß, daß Sie am Wein hängen wie an einer guten, gewohnten Herzstärkung. Was mich angeht, so mache ich keinen Unterschied zwischen ihm und andern Pflanzengiften. Ich genieße sie niemals. Wasser zur Beruhigung, Wein zur Anregung. In mir sprudeln genug Quellen der Anregung, ich habe niemals Mangel daran und brauche nur nach Beruhigung zu suchen. Indessen« -- hier entkorkte er die Flasche, »ein voller Becher hiervon wird Sie für wenigstens eine halbe Stunde sich wie Götter fühlen lassen. Sollen wir auf Ihre Bekehrung zum Sozialismus trinken?« Sir Charles schüttelte den Kopf. »Wie, Mr. Donovan Brown, der große Künstler, ist ein Sozialist, warum sollten Sie keiner sein?« »Donovan Brown?« rief Sir Charles interessiert aus. »Ist das möglich? Kennen Sie ihn persönlich?« »Hier sind verschiedene Briefe von ihm. Sie können sie lesen. Schon das einfache Autograph eines solchen Mannes ist interessant.« Sir Charles nahm die Briefe und las sie aufmerksam durch, während ihm Erskine über die Schulter sah. »Ich stimme vollständig mit allem überein, was er hier sagt,« bemerkte Sir Charles. »Es ist ganz richtig.« »Natürlich stimmen Sie mit uns überein. Donovan Browns Bedeutung als Künstler hat mir einen Rekruten erworben, und Ihre Bedeutung als Baronet wird mir noch mehrere gewinnen.« »Aber --« »Aber was?« sagte Trefusis und öffnete schnell eins von den Albums, daß das Bild eines widerlichen Zimmers zeigte. »Sie sind doch hiergegen, nicht wahr? Donovan Brown ist dagegen, und ich bin dagegen. Sie mögen sonst in allem anderer Meinung sein, aber Sie sind doch auf unserer Seite. Nicht wahr?« »Aber es kann die Folge von Trunksucht, Gleichgültigkeit oder --« »Das Einkommen meines Vaters war fünfzigmal so groß wie das von Donovan Brown. Glauben Sie, daß Donovan Brown fünfzigmal so trunksüchtig und gleichgültig wie mein Vater war?« »Gewiß nicht. Ich leugne auch gar nicht, daß vieles richtig ist an dem, was Sie sagen. Aber Sie verlangen da von mir einen sehr wichtigen Schritt.« »Durchaus nicht. Ich verlange gar nicht, daß Sie sich durch Ihre Unterschrift, Ihren Beitritt oder eine Bürgschaft an irgendeiner Gesellschaft oder einer Verschwörung beteiligen sollen. Ich mochte nur Ihren Namen zur Erwähnung gegenüber solchen Feiglingen, die den Sozialismus für ganz richtig halten, aber ihn nicht bekennen wollen, weil sie ihn nicht für geachtet ansehen. Sie werden sich nicht mehr ihrer Überzeugung schämen, wenn sie hören, daß ein Baronet sie teilt. Sie sehen also, daß Ihnen der Sozialismus schon etwas bietet, er gibt Ihrem sonst wertlosen Titel einen wirklichen Wert.« Sir Charles errötete ein wenig und wurde sich bewußt, daß das Beispiel seines Lieblingsmalers ihn mehr beeinflußt hatte als seine eigene Überzeugung oder die Beweise Trefusis'. »Was meinen Sie, Chester?« fragte er. »Wollen Sie sich anschließen?« »Erskine ist schon durch seine veröffentlichten Schriften dafür bekannt, daß er für die Sache der Freiheit eintritt,« sagte Trefusis. »Drei von den Broschüren auf diesem Büchergestell zitieren die patriotischen Märtyrer.« Erskine wurde rot, da es ihm schmeichelte, daß er zitiert worden war. Diese Aufmerksamkeit war ihm erst einmal zuteil geworden, und zwar durch einen Kritiker, der dadurch zeigen wollte, daß die patriotischen Märtyrer nachlässig geschrieben seien. »Nun?« fragte Trefusis. »Soll ich Donovan Brown schreiben, daß seine Briefe die aufrichtigste Zustimmung und Sympathie von Sir Charles Brandon gefunden haben?« »Gewiß, gewiß. Das heißt, wenn mein unbekannter Name für ihn im geringsten von Interesse ist.« »Gut,« sagte Trefusis und füllte sein Glas mit Wasser. »Laßt uns mit unserm Bruder Sozialdemokrat anstoßen.« Erskine lachte laut, aber gezwungen. »Welch ein Esel sind Sie, Brandon!« sagte er. »Sie, mit Ihrem großen Landbesitz und Säcken von Gold, die in Eisenbahnen angelegt sind, Sie nennen sich einen Sozialdemokraten. Wollen Sie alles verkaufen und verteilen nach dem Wort: Verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen?« -- »Keinen Pfennig,« erwiderte Trefusis schnell für Sir Charles. »In diesem Lande kann ein Mann kein Christ sein. Ich habe es versucht und gefunden, daß es unmöglich ist, sowohl wegen der Gesetze als auch wegen der Zustände. Ich bin ein Kapitalist und ein Grundbesitzer. Ich habe Eisenbahnaktien, Grubenaktien, Gebäudeaktien, Bankaktien und Aktien von fast jeder Art, und sie machen mir die größten Sorgen. Aber diese Aktien sind ja kein wirklich existierender Reichtum. Sie sind nur ein Pfandbrief auf die Arbeit von ungeborenen Generationen von Arbeitern, die arbeiten müssen, um mich und die Meinen in Müßiggang und Luxus zu erhalten. Wenn ich sie verkaufte, würde dann wohl der Pfandbrief ungültig gemacht und die ungeborenen Generationen aus ihrer Knechtschaft befreit werden? Nein. Er würde nur in die Hände eines andern Kapitalisten übergehen, und die arbeitende Klasse wäre durch meine Selbstaufopferung nicht besser daran. Sir Charles kann nicht dem Gebot Christi folgen, er soll es nur einmal versuchen! Er mag sein Land für einen öffentlichen Park hergeben, aber nur die reicheren Klassen werden die Muße haben, ihn zu genießen. Und wenn er ihn dicht bei den Wohnungen der Armen anlegt, damit sie wenigstens seine Luft einatmen, so wird er nur den Wert der umliegend Häuser steigern und die Armen daraus vertreiben. Lassen Sie ihn eine Schule für die Armen ausstatten, wie Eton oder Christs Hospital, und die Reichen werden sie für ihre eigenen Kinder nehmen, grade wie in den zwei soeben genannten Fällen. Sir Charles will nicht die Armut pflegen, sondern sie zerstören. Es ist gleichgültig, wieviel Sie den Armen geben, alles, mit Ausnahme der nacktesten Existenzmittel, wird ihnen mit Gewalt wieder abgenommen. Alles Reden über praktisches Christentum oder selbst einfache Gerechtigkeit ist heute nur Verschwendung von Worten. Wie können Sie einem Arbeiter einen gerechten Lohn geben, wenn Sie dank der allgemeinen Gewohnheit, ihm seine Arbeit zu stehlen, ihren Wert gar nicht festsetzen können? Ich weiß das aus Erfahrung. Ich wollte den richtigen Preis für das Grabmal meiner Frau bezahlen, aber ich konnte seinen Wert nicht herausfinden und werde es auch nie können. Der Grundsatz, nach dem wir unsere nationale Industrie einzelnen zur Ausplünderung verpachten, die sich für die Rente durch Erpressungen entschädigen, hat uns so verdorben und schlecht gemacht, daß wir gar nicht mehr ehrenhaft sein können, selbst wenn wir es wollen. Und der Grund, weshalb wir das so ruhig ertragen, ist, weil sehr wenige es wirklich anders wollen.« »Ich muß diese wichtige Frage studieren,« sagte Sir Charles unruhig und füllte seinen Becher wieder. »Können Sie mir ein gutes Buch über den Gegenstand empfehlen?« »Jede gute Abhandlung über Nationalökonomie genügt,« sagte Trefusis. »In der ökonomischen Wissenschaft führen alle Wege zum Sozialismus, obgleich in neun von zehn Fällen der Studierende nicht sein Ziel erkennt und den Fluch auf sich lädt, den Jeremias über die ausspricht, die gegen Belohnung die Bösen in Schutz nehmen. Ich werde Ihnen ein oder zwei Bücher aussuchen. Und wenn Sie das nächste Mal, da Sie in London sind, Donovan Brown aufsuchen, so wird er sich, das weiß ich sicher, sehr freuen. Er trifft sich mit sehr wenigen Männern, die sowohl mit seiner sozialen als auch seiner künstlerischen Anschauung übereinstimmen.« Sir Charles Augen glänzten, als er an Donovan Brown erinnert wurde. »Ich werde mir eine Einführung bei ihm zu hoher Ehre anrechnen,« sagte er. »Ich hatte keine Ahnung, daß er ein Freund von Ihnen war.« »Ich war ein sehr tätiger junger Sozialist, als ich ihn zum erstenmal traf,« sagte Trefusis. »Als Brown noch unbekannt und ein erbärmlich armer Mann war, kaufte meine Mutter auf Bitten eines seiner Freunde aus Barmherzigkeit eins seiner Bilder für dreißig Pfund, und er war sehr froh, das Geld zu bekommen. Nach zehn Jahren, als meine Mutter tot und Brown berühmt war, wurden mir achthundert Pfund für dieses Bild angeboten, das übrigens nach meiner Meinung ein sehr schlechtes war. Nun würde, wenn ich auch den gewöhnlichen, ungerechtfertigten Abzug machte, für die Zinsen der dreißig Pfund während der zwölf Jahre, die ungefähr verflossen waren, mir der Verkauf des Bildes doch noch einen Verdienst von über siebenhundertundfünfzig Pfund gebracht haben, eine unverdiente Bereicherung, auf die ich keinen Anspruch hatte. Mein Anwalt, demgegenüber ich die Sache erwähnte, meinte, ich könnte mit Recht die siebenhundertundfünfzig Pfund einstecken. Meine Mutter habe sie durch ihre Mildtätigkeit verdient, mit der sie ein voraussichtlich wertloses Bild von einem unbekannten Maler kaufte. Er überzeugte mich aber nicht davon, daß ich ein Recht hätte, mir die Tugenden meiner Mutter bezahlen zu lassen, obgleich wir darin übereinstimmten, daß weder ich noch meine Mutter irgendeine Vergütung in Form von Vergnügen bei der Betrachtung des Bildes empfangen hatten, denn es war seit seiner Erwerbung durch das Blindwerden der Farben im hohen Maße verdorben. Schließlich ging ich mit dem Bilde nach Browns Atelier. Ich sagte ihm, es habe für mich keinen Wert, da ich es für ein besonders schlechtes Bild halte, und er sollte es für fünfzehn Pfund, die Hälfte des früheren Preises, zurückhaben. Er sagte mir sofort, ich würde von jedem Händler mehr dafür bekommen, als er selbst mir geben könnte. Aber er sagte auch, ich hätte kein Recht, mit seiner Arbeit ein Geschäft zu machen, und er bot mir den Originalpreis von dreißig Pfund an. Ich nahm sie und sandte ihm dann den Mann zu, der mir die achthundert angeboten hatte. Zu meinem Verdruß weigerte sich Brown, das Bild überhaupt zu verkaufen, weil er es für seiner unwert hielt. Der Mann bot bis fünfzehnhundert Pfund, aber Brown blieb standhaft, und so fand ich, daß ich ihm nicht nur keine siebenhundertundsiebzig Pfund in die Tasche gesteckt, sondern ihm sogar dreißig weggenommen hatte. Ich bot ihm daher an, die dreißig Goldstücke zurückzugeben. Brown empfand dieses Anerbieten als eine Beleidigung und lehnte jede weitere Auseinandersetzung mit mir ab. Dann bestand ich darauf, daß die Angelegenheit dem Schiedsgericht unterworfen werde, und verlangte fünfzehnhundert Pfund als den vollen Handelswert des Gemäldes. Alle Schiedsrichter fanden das ungeheuerlich, worauf ich mich damit zufriedengab, wenn sie mein Anrecht auf den Handelswert nicht anerkennen wollten, dann sollten sie mir wenigstens mein Anrecht auf den Gebrauchswert anerkennen. Sie stimmten dem zu und setzten ihre Entscheidung für vierzehn Tage aus, um Adam Smith zu lesen und zu entdecken, was in aller Welt ich mit meinen Gebrauchswerten und Handelswerten meinte. Ich zeigte ihnen darauf, daß das Gemälde für mich keinen Gebrauchswert habe, da ich es nicht liebte, daß ich daher zu gar nichts berechtigt sei und Brown die dreißig Pfund zurücknehmen müßte. Sie freuten sich, mir dies auch zuzugeben, da sie alle Kunstfreunde von Brown waren und nicht wünschten, daß er bei dem Handel sein Geld verlöre, obgleich sie heimlich ebenso wie ich das Bild für ein schlechtes hielten. Hierauf wurden Brown und ich sehr gute Freunde. Er duldete anfangs meine Annäherung, damit es nicht aussähe, als ob er über die Herabsetzung seines Werkes beleidigt sei. Nach und nach ging er zu meinen Ansichten über, gradeso wie Sie es getan haben.« »Das ist sehr interessant,« sagte Sir Charles »Wie vornehm -- fünfzehnhundert Pfund zurückzuweisen! Er konnte sie wahrscheinlich gut gebrauchen.« »Heldenhaft war es -- nach den Ansichten des neunzehnten Jahrhunderts über Heldentum. Aus freien Stücken auf eine Gelegenheit, Geld zu verdienen, zu verzichten. Das ist das =non plus ultra= des Märtyrertums. Browns Frau war sehr böse über ihn, weil er so gehandelt hatte.« »Es ist eine interessante Geschichte -- oder könnte als eine solche gelten,« sagte Erskine. »Aber Sie machen mich ganz verdreht mit Ihrem verdammten Wertaustausch und dergleichen Unsinn. Alles ist bei Ihnen eine Zahlenfrage.« »Das kommt daher, weil ich kein Poet bin,« sagte Trefusis. »Aber wir Sozialisten sollten die romantische Seite unserer Bewegung studieren, um die Frauen zu gewinnen. Wenn Sie eine Sache groß machen wollen, dann interessieren Sie jedes weibliche Wesen dafür. Sie ist verheiratet oder wird es eines Tages sein, und dann widerspricht sie ihrem Mann mit Fetzen aus unsern Beweisgründen. Ein Wortstreit wird folgen, und ihr Sohn wird zuhören und zu denken anfangen, wenn er überhaupt dazu fähig ist. So setzen sich unsere Ideen in die Köpfe der Leute. Ich habe schon manches junge Mädchen bekehrt. Die meisten wissen nicht mehr von der volkswirtschaftlichen Theorie des Sozialismus, als sie von Chaldäa wissen, aber sie fürchten und verurteilen nicht mehr länger diesen Namen. Oh, ich versichere Ihnen, es kann auf diesem Gebiete viel von Männern getan werden, die nicht ängstlich vor Frauen sind und Zeit haben, ruhig zu warten, bis ihre ausgestreute Saat aufgegangen ist.« »Nehmen Sie sich in acht. Eine von Ihren weiblichen Proselyten wird einmal die Oberhand über Sie bekommen. Der zukünftige Ehemann, dem man widerspricht, kann auch Sidney Trefusis sein. Ha, ha, ha!« Sir Charles hatte ein zweites großes Glas mit Wein geleert und war etwas erhitzt und laut. »Nein,« sagte Trefusis, »ich selbst habe genug bekommen von der Liebe, und ich bin auch nicht der Mann, der so leicht welche einflößt. Frauen machen sich nichts aus Männern, denen, wie Erskine sagt, alles eine Zahlenfrage ist. Früher flirtete ich mit Frauen, jetzt belehre ich sie, und ich verabscheue das Flirten eines Mannes noch mehr als das einer Frau. Noch etwas Wein? Oh, Sie dürfen den Rest dieser Flasche nicht umkommen lassen.« »Ich denke, wir gehen am besten, Brandon,« sagte Erskine, der ein wachsendes Mißtrauen gegen Trefusis empfand. »Wir haben versprochen, vor zwei zurück zu sein.« »Das sollen Sie auch,« sagte Trefusis. »Es ist jetzt noch nicht Viertel nach eins. Übrigens, ich habe Ihnen noch nicht Donovan Browns Lieblingsdokument zur Erneuerung der Gesellschaft gezeigt. Hier ist es. Eine Riesenpetition, die verlangt, daß es für ein schweres Verbrechen erklärt wird, wenn man einem Arbeiter irgendeinen Teil des Wertes, den seine Arbeit hat, vorenthält. Das ist alles.« Erskine stieß leise Sir Charles, und dieser sagte schnell: »Danke sehr, aber ich will lieber nichts unterzeichnen.« »Ein Baronet soll eine solche Petition unterzeichnen!« rief Trefusis aus. »Ich dachte gar nicht daran, Sie darum zu bitten. Ich zeige es Ihnen nur als ein interessantes geschichtliches Dokument, das die Unterschriften einiger Künstler und Dichter enthält. Hier ist zum Beispiel die von Donovan Brown. Er hat auch die Petition angeregt, die kaum viel Gutes erwirken wird, da die Sache gar nicht auf solche Art durchgeführt werden kann. Indessen, ich habe Brown versprochen, so viele Unterschriften wie möglich zu sammeln. Darum mögen Sie sie wenigstens unterzeichnen, Erskine. Sie enthält zwar nichts in Blankversen über die heilige Pflicht des Tyrannenmordes, aber sie ist doch ein Schritt vorwärts auf dem rechten Wege. Sie werden doch nicht bei einer solchen Kleinigkeit Bedenken haben -- oder sind Sie durch die Kritiken ängstlich geworden? Kommen Sie, Ihren Namen und Ihre Adresse.« Erskine schüttelte den Kopf. »Haben Sie denn nur dann revolutionäre Gefühle, wenn Sie dadurch Ruhm als Dichter gewinnen können?« »Ich zeichne einfach nicht, weil ich keine Lust dazu habe,« sagte Erskine erregt. »Mein lieber Freund,« sagte Trefusis fast herzlich, »wenn ein Mann ein Gewissen hat, so kann er in Überzeugungssachen nicht schwanken. Ich habe irgendwo in Ihrem Buch gelesen, daß der Mann, der für die Freiheit seines Bruders nicht sein Blut vergießt, ein Feigling und ein Sklave ist. Wollen Sie nicht einen Tropfen Tinte vergießen -- dazu noch meiner Tinte -- für das Anrecht Ihrer Brüder an ihrer Hände Werk? Ich machte mir auch zuerst nichts daraus, diese Petition zu unterschreiben, denn ich könnte ebensogut einen Tiger bitten, seine Beute mit mir zu teilen, wie unsere Herrschenden, die gestohlene Arbeit, von der sie leben, fahren zu lassen. Aber Donovan Brown sagte zu mir: >Sie haben keine Wahl. Entweder glauben Sie, daß dem Arbeiter der Ertrag seiner Arbeit gehört, oder Sie glauben es nicht. Wenn Sie es aber glauben, dann bekennen Sie auch Ihre Überzeugung, selbst wenn das so nutzlos sein wird, als das Händewaschen des Pilatus.< So habe ich denn unterzeichnet.« »Donovan Brown hatte recht,« sagte Sir Charles. »Ich will unterzeichnen.« Und er schrieb sorgfältig seinen Namen hin. »Brown wird entzückt sein,« sagte Trefusis. »Ich werde ihm heute schreiben, daß ich wieder eine gute Unterschrift für ihn erlangt habe.« »Zwei Unterschriften,« sagte Sir Charles. »Sie sollen zeichnen, Erskine. Der Teufel soll mich holen, wenn Sie es nicht tun! Es ist nur gegen die Halunken, die davonlaufen und ihren Arbeitern nicht ihre Löhne bezahlen.« »Oder, die sie nicht ganz bezahlen,« bemerkte Trefusis mit seltsamem Lächeln. »Aber unterzeichnen Sie lieber nicht, wenn Sie keine Lust haben.« »Chester, wenn Sie nach mir nicht zeichnen, sind Sie ein Duckmäuser,« sagte Sir Charles. »Ich weiß nicht, was es bedeutet,« sagte Erskine unschlüssig. »Ich verstehe nichts von Petitionen.« »Es bedeutet, was es sagt. Man kann Sie nicht für irgendeine Meinung verantwortlich machen, die nicht darin ausgedrückt ist,« erwiderte Trefusis. »Aber lassen wir es sein. Sie mißtrauen mir, glaube ich, etwas und möchten lieber nichts mit meinen Petitionen zu tun haben. Aber Sie werden eine bessere Ansicht darüber bekommen, wenn Sie erst mehr mit mir bekannt sind. Inzwischen hat es ja keine Eile. Unterschreiben Sie jetzt noch nicht.« »Unsinn! Ich zweifle gar nicht an Ihrer ehrlichen Überzeugung,« sagte Erskine schnell und leugnete seinen Verdacht, den er wohl fühlte, für den er aber keine Begründung wußte. »Hier haben Sie es!« Und er unterzeichnete auch. »Sehr gut!« sagte Trefusis. »Das wird Brown für einen Monat glücklich machen.« »Es ist jetzt Zeit für uns, daß wir gehen,« meinte Erskine verdrießlich. »Besuchen Sie mich zu jeder Zeit. Sie sind mir willkommen,« sagte Trefusis. »Sie brauchen in keiner Weise formell zu sein.« Dann schieden sie voneinander, und Sir Charles versicherte Trefusis, daß er noch nie einen so interessanten Vormittag verlebt habe. Er schüttelte ihm dreimal lange die Hand. Erskine sagte wenig, bis er mit seinem Freunde auf dem Riverside Road war, dann aber brach er plötzlich heraus: »Was zum Teufel soll das heißen, daß Sie mittags um ein Uhr zwei Glas von solch einem berauschenden Zeug trinken, und dazu noch im Hause eines so gefährlichen Menschen, wie er es ist? Es tut mir sehr leid, daß ich den Burschen besucht habe. Ich hatte schon vorher meine Besorgnisse, und sie sind vollständig eingetroffen.« »Wieso?« fragte Sir Charles und fuhr zurück. »Er hat uns angeführt. Ich war ein richtiger Narr, daß ich das Papier unterzeichnete, und Sie auch. Deswegen hat er uns nur eingeladen.« »Unsinn, mein lieber Junge. Es war nicht sein Schriftstück, sondern das von Donovan Brown.« »Das bezweifle ich. Wahrscheinlich hat er Brown ebenso zum Zeichnen beschwatzt, wie er uns beschwatzt hat. Seine Wege sind grade so schief wie seine Ansichten. Hörten Sie, wie er über Miß Lindsay log?« »Oh, Sie haben sich darüber geirrt. Er macht sich gar nichts aus ihr oder aus sonst jemand.« »Gut, wenn Sie zufrieden sind, ich bin es nicht. Sie würden darüber nicht in so guter Laune sein, wenn Sie so wenig Wein getrunken hätten wie ich.« »Pah! Sie sind zu komisch. Es war famoser Wein. Glauben Sie etwa, ich sei betrunken?« »Nein. Aber Sie würden auch nicht unterschrieben haben, hätten Sie nicht das zweite Glas getrunken. Wäre ich nicht durch Sie gezwungen worden -- nachdem Sie das Beispiel gegeben hatten, konnte ich nicht anders -- ich hätte ihn lieber am Galgen gesehen, als mich mit seiner Petition abgegeben.« »Ich sehe nicht ein, was das für schlimme Folgen haben kann,« sagte Sir Charles und unterdrückte mit Gewalt eine in ihm aufsteigende Unruhe. »Nie wieder betrete ich sein Haus,« sagte Erskine mürrisch. »Wir waren wie zwei Fliegen in einem Spinnennetz.« Unterdessen schrieb Trefusis, wie er versprochen hatte, an Donovan Brown. Sallusts Haus. Lieber Brown, ich habe den Vormittag damit verbracht, zwei noch sehr junge Fische zu angeln, und ich habe sie mit mehr Mühe ans Land gebracht, als sie es wert sind. Einer ist ein hohes Tier. Er ist Baronet und Kunstliebhaber, mit Respekt zu sagen. Alle meine Gründe und mein kleines Museum von Photographien waren an ihm verloren, aber als ich Ihren Namen nannte und ihm Ihre Bekanntschaft versprach, biß er sofort an. Er war halb betrunken, als er unterschrieb, und ich hätte ihn nicht das Papier berühren lassen, wenn ich mich nicht vorher überzeugt hätte, daß er es ehrlich meinte und daß mein Wein nur seine bessere Natur von ihrer gewöhnlichen Feigheit und Voreingenommenheit befreit hatte. Wir müssen es in möglichst vielen Zeitungen veröffentlichen, daß er unsere große Petition unterschrieben hat. Das wird andere verlocken, gradeso wie Ihr Name ihn verlockt hat. Der zweite Neubekehrte, Chichester Erskine, ist ein junger Dichter. Er wird uns nicht viel nützen, obgleich er ein Vorkämpfer der Freiheit in Blankversen ist und seine Werke Mazzini und andern widmet. Er hat widerstrebend unterschrieben. Ihr ganzes Zaudern ist die Unentschlossenheit, die von der Unwissenheit herrührt. Sie haben aus sich heraus noch nicht die Wahrheit gefunden und wagen es nicht: mir zu vertrauen, da es sich hier um Dinge handelt, in denen keiner dem andern vertrauen kann. Ich habe hier eine hübsche junge Dame kennen gelernt, die Ihnen als Modell für Ihre Hypatia dienen könnte. Sie ist vollgepfropft mit allen adeligen Vorurteilen, aber ich bin dabei, sie zu kurieren. Ich habe es mir in den Kopf gesetzt, sie mit Erskine zu verheiraten, und er ist eifersüchtig auf mich, weil er glaubt, ich stellte ihr nach. Das Wetter ist hier fein, und ich führe ein lustiges Leben, aber ich finde, daß ich dabei zu müßig bin. Usw. usw. Sechzehntes Kapitel. An einem sonnigen Vormittag saß Agatha auf der Türschwelle vor dem Treibhaus und las. Der Schatten ihres seidenen Sonnenschirmes wurde plötzlich dunkler, und als sie aufblickte, sah sie Trefusis vor sich stehen. »Oh!« Sie bot ihm sonst keinen Gruß an, denn sie war mit ihm übereingekommen, soviel als möglich alle Begrüßungen und Förmlichkeiten zu vermeiden. Er schien es nicht eilig zu haben, etwas zu sagen, und so begann sie nach einer Pause: »Sir Charles --« »Ist in die Stadt gegangen,« sagte er. »Erskine ist mit dem Zweirad aus. Lady Brandon und Miß Lindsay sind in dem Wagen ins Dorf gefahren, und Sie sind hier herausgekommen, um die Sommersonne zu genießen und um braun zu werden. Ich weiß schon alle Ihre Neuigkeiten.« »Sie sind sehr klug und irren sich, wie gewöhnlich. Sir Charles ist nicht in die Stadt gegangen. Er ist nur wegen einiger Papiere zur Eisenbahnstation gegangen und wird vor dem Essen zurück sein. Woher wissen Sie das alles, was hier vorgeht?« »Ich war mit meinem Feldstecher auf dem Dache meines Hauses. Ich sah Sie herauskommen und hier Platz nehmen. Dann kam Sir Charles vorbei. Dann Erskine. Dann Lady Brandon, die mit großer Energie losfuhr und einen bemerkbaren Gegensatz zu der hochmütigen Ruhe Gertrudes bot.« »Gertrude! Mir gefällt Ihre Dreistigkeit.« »Sie wollen sagen, Ihnen mißfällt meine Anmaßung.« »Nein, ich halte Dreistigkeit für ein bezeichnenderes Wort als Anmaßung, und ich will sagen, daß sie mir gefällt -- daß sie mich amüsiert.« »Wirklich! Was lesen Sie jetzt?« »Ich lese, was Sie jetzt grade sagten, nämlich Unsinn. Einen Roman.« »Also eine erlogene Geschichte von zwei Menschen, die niemals gelebt haben, und die ganz anders handeln würden, wenn sie lebten.« »Das ist richtig.« »Könnten Sie sich nicht etwas ebenso Amüsantes aus sich selbst erdenken?« »Vielleicht, aber es würde mir zu viele Mühe machen. Übrigens benimmt einem das Kochen den Appetit zum Essen. Ich würde keinen Geschmack an Geschichten haben, die ich selbst geschrieben habe.« »Bei welchem Band sind Sie jetzt?« »Beim dritten.« »Dann sind wohl der Held und die Heldin grade dabei, sich zu vereinigen?« »Ich weiß es wirklich nicht. Es ist einer von diesen geistreichen Romanen. Ich wollte, die Personen würden nicht soviel reden.« »Das ist Nebensache. Zwei von ihnen sind doch ineinander verliebt?« »Ja. Sonst würde es doch kein Roman sein.« »Glauben Sie in Ihrem geheimsten Innern, Agatha -- ich nehme mir die Freiheit, Sie beim Vornamen zu nennen, weil ich sehr ernst sein will -- glauben Sie wirklich, daß schon einmal zwei menschliche Wesen selbstlos genug gewesen sind, sich in der Art der Romane zu lieben?« »Natürlich. Wenigstens vermute ich es. Ich habe nie viel darüber nachgedacht.« »Ich bezweifle es. Meine Ansicht geht dahin, daß heutzutage kein Mann mehr an die Tiefe und Dauer seiner Zuneigung zu seiner Gefährtin glaubt. Trotzdem zweifelt er nicht an der Aufrichtigkeit ihrer Geständnisse, und er verbirgt die Unredlichkeit seiner eigenen vor ihr, zum Teil, weil er sich schämt, zum Teil auch, weil er mit ihr Mitleid hat. Und sie auf der andern Seite spielt genau dieselbe Komödie.« »Ich glaube, daß die Männer das tun, aber nicht die Frauen.« »Wirklich! Bitte, erinnern Sie sich, wie Sie einst vorgaben, Sie seien sehr in mich verliebt, als --« Agatha errötete und stützte ihre Hand auf die Türschwelle, wie um aufzuspringen. Aber sie blieb ruhig und sagte: »Halt, Mr. Trefusis. Wenn Sie darüber sprechen, werde ich gehen. Ich wundere mich über Sie! Haben Sie kein Taktgefühl?« »Gar keins. Und ich, der beleidigte Teil war an jenem -- halt, gehn Sie nicht fort. Ich will nicht wieder darauf anspielen. Ich fürchte mich immer mehr vor Ihnen. Sonst pflegten Sie vor mir Angst zu haben.« »Ja, und Sie pflegten mich einzuschüchtern. Sie haben die Gewohnheit, Frauen einzuschüchtern, die schwach genug sind, sich vor Ihnen zu fürchten. Sie sind viel klüger als ich und wissen wohl auch mehr, aber ich fürchte Sie nicht im mindesten.« »Dazu haben Sie auch keinen Grund, ebensowenig wie Sie früher einen hatten. Wenn Henrietta am Leben wäre, sie könnte es bezeugen, daß der einzige Mangel in meinen Beziehungen zu Frauen der ist, daß ich zu übertrieben liebenswürdig bin. Ich könnte einer Frau keinen Herzenswunsch verweigern, außer wenn sie meine Hand zur Ehe haben wollte. Solange Ihr Geschlecht davor halt macht, kann es mit mir tun, was es will.« »Wie grausam! Ich dachte, Sie wären sozusagen verlobt mit Gertrude.« »Die gewöhnliche Deutung einer Freundschaft zwischen einem Mann und einer Frau! Ich habe nie an so etwas gedacht, und ich bin sicher, daß sie es auch nie getan hat. Wir sind nicht halb so vertraut miteinander wie Sie und Sir Charles.« »Oh, Sir Charles ist verheiratet. Und ich rate Ihnen, sich zu verheiraten, wenn Sie nicht durch Ihre Freundschaften Mißverständnisse schaffen wollen.« Trefusis war betroffen. Anstatt zu antworten, stand er da, nachdem er ihr einen überraschten Blick zugeworfen hatte, und starrte unbeweglich auf den Knöchel seines Zeigefingers. »Haben Sie Mitleid mit unserm armen Geschlecht,« sagte Agatha boshaft. »Sie sind so reich und so klug und sehen wirklich so hübsch aus, daß Sie sich mit jemand verheiraten müßten. Gertrude würde nur zu glücklich sein.« Trefusis lächelte und schüttelte langsam, aber bestimmt den Kopf. »Ich glaube, ich würde keine Aussicht haben,« fuhr Agatha pathetisch fort. »Ich würde natürlich entzückt sein,« entgegnete er mit gespielter Verwirrung, aber mit einem lauernden Aufleuchten seiner Augen, das sie vielleicht zurückgeschreckt hätte, wenn sie es bemerkt hätte. »Heiraten Sie mich, Mr. Trefusis,« flehte sie und faltete ihre Hände in übermütigem Spott. »Bitte, tun sie es.« »Ich danke Ihnen,« sagte Trefusis entschlossen. »Ich will es tun.« »Ich bin ganz sicher, daß Sie es nicht tun,« sagte Agatha, nachdem sie einen Augenblick ungläubig geschwiegen hatte. Dann sprang sie auf und faßte ihren Rock an, als wollte sie davonlaufen. »Sie glauben doch nicht etwa, es sei mir ernst gewesen?« »Ohne Zweifel tu ich das. Und ich bin im Ernst.« Agatha zauderte und wußte nicht, ob er nicht vielleicht mit ihr spielte, grade so wie sie vorhin mit ihm gespielt hatte. »Nehmen Sie sich in acht,« sagte sie. »Ich könnte meine Ansicht ändern und auch im Ernst sein. Und wie würde es Ihnen dann zumute sein, Mr. Trefusis?« »Ich denke, unter den veränderten Beziehungen sollten Sie mich lieber Sidney nennen.« »Und ich denke, wir sollten lieber mit dem Scherz aufhören. Es war sehr geschmacklos von mir, und ich hätte es vielleicht nicht tun sollen.« »Es wäre ein schändlicher Scherz, und darum habe ich gar nicht die Absicht, ihn als solchen zu betrachten. Ich werde Sie beim Wort halten, Agatha. Sind Sie in mich verliebt?« »Durchaus nicht. Nicht im allergeringsten. Ich weiß auf der ganzen Welt niemand, in den ich weniger verliebt wäre oder in den ich mich weniger verlieben könnte.« »Dann müssen Sie mich heiraten. Wenn Sie in mich verliebt wären, würde ich davonlaufen. Meine verstorbene Henrietta betete mich an und ich erwies mich ihrer Anbetung unwürdig -- obgleich sie mir unendlich schmeichelte.« »Ja, gewiß. Die Art, wie Sie Ihre erste Frau behandelt haben, müßte genügen, um jedes Mädchen zu warnen, Ihre zweite zu werden.« »Jedes Mädchen, das mich liebt, wollen Sie sagen. Aber Sie lieben mich ja nicht, und wenn ich davonlaufe, dann haben Sie das Vergnügen, mich los zu sein. Unser Heiratsvertrag kann so eingerichtet werden, daß er Ihnen für diesen Fall mein halbes Vermögen zusichert.« »Sie werden nie die Möglichkeit haben, von mir davonzulaufen.« »Ich werde es auch nicht wünschen. Ich bin nicht mehr so eigen, wie ich früher war. Ich glaube nicht, daß ich von Ihnen davonlaufen werde.« »Ich glaube es auch nicht.« »Gut, und wann wollen wir uns heiraten?« »Niemals.« sagte Agatha und wollte weglaufen. Aber bevor sie einen Schritt getan hatte, erfaßte er sie. »Tun Sie es nicht,« sagte sie atemlos. »Nehmen Sie Ihren Arm weg. Wie können Sie es wagen?« Er ließ sie frei und schloß die Türe zu dem Gewächshaus. »Wenn Sie jetzt davonlaufen wollen, dann müssen Sie ins Freie laufen.« »Sie sind sehr unverschämt. Lassen Sie mich sofort gehen.« »Wollen Sie, daß ich Sie um Ihre Hand bitte, nachdem Sie mir Ihre Zustimmung aus freien Stücken gegeben haben?« »Aber ich scherzte doch nur. Ich mache mir gar nichts aus Ihnen,« sagte sie und sah sich nach einem Ausweg um. »Agatha,« sagte er mit grimmiger Geduld, »vor einer halben Stunde hatte ich nicht mehr die Absicht, Sie zu heiraten, als eine Reise nach dem Mond zu machen. Aber, als Sie mir den Vorschlag machten, da fühlte ich mit einem Male alle Gewalt, die darin liegt, und jetzt kann mich nichts auf der Welt zufrieden stellen, als Sie beim Wort zu halten. Von allen Frauen, die ich kenne, sind Sie die einzige, die nicht ganz ein Narr ist.« »Ich würde ein großer Narr sein, wenn --« »Wenn Sie mich heirateten, wollen Sie sagen. Aber ich bin nicht Ihrer Meinung. Ich bin der einzige Mann von Ihrer Bekanntschaft, der nicht ganz ein Esel ist. Ich kenne meinen und Ihren Wert. Und ich liebte Sie schon lange, als ich noch kein Recht dazu hatte.« Agatha zog ihre Brauen zusammen. »Nein,« sagte sie. »Es hat keinen Zweck, noch weiter hierüber zu reden. Die Sache ist ganz außer Frage.« »Aber seien Sie doch nicht rachsüchtig. Ich war aufrichtiger, als Sie es waren. Sie haben unsere wieder angeknüpfte Bekanntschaft dazu benutzt, sich gegen mich zu verteidigen, mir Vorwürfe zu machen, mich zu hänseln und zu verlocken. Seien Sie einmal großmütig, und sagen Sie 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 136 137 138 139 140 141 142 143 144 145 146 147 148 149 150 151 152 153 154 155 156 157 158 159 160 161 162 163 164 165 166 167 168 169 170 171 172 173 174 175 176 177 178 179 180 181 182 183 184 185 186 187 188 189 190 191 192 193 194 195 196 197 198 199 200 201 202 203 204 205 206 207 208 209 210 211 212 213 214 215 216 217 218 219 220 221 222 223 224 225 226 227 228 229 230 231 232 233 234 235 236 237 238 239 240 241 242 243 244 245 246 247 248 249 250 251 252 253 254 255 256 257 258 259 260 261 262 263 264 265 266 267 268 269 270 271 272 273 274 275 276 277 278 279 280 281 282 283 284 285 286 287 288 289 290 291 292 293 294 295 296 297 298 299 300 301 302 303 304 305 306 307 308 309 310 311 312 313 314 315 316 317 318 319 320 321 322 323 324 325 326 327 328 329 330 331 332 333 334 335 336 337 338 339 340 341 342 343 344 345 346 347 348 349 350 351 352 353 354 355 356 357 358 359 360 361 362 363 364 365 366 367 368 369 370 371 372 373 374 375 376 377 378 379 380 381 382 383 384 385 386 387 388 389 390 391 392 393 394 395 396 397 398 399 400 401 402 403 404 405 406 407 408 409 410 411 412 413 414 415 416 417 418 419 420 421 422 423 424 425 426 427 428 429 430 431 432 433 434 435 436 437 438 439 440 441 442 443 444 445 446 447 448 449 450 451 452 453 454 455 456 457 458 459 460 461 462 463 464 465 466 467 468 469 470 471 472 473 474 475 476 477 478 479 480 481 482 483 484 485 486 487 488 489 490 491 492 493 494 495 496 497 498 499 500 501 502 503 504 505 506 507 508 509 510 511 512 513 514 515 516 517 518 519 520 521 522 523 524 525 526 527 528 529 530 531 532 533 534 535 536 537 538 539 540 541 542 543 544 545 546 547 548 549 550 551 552 553 554 555 556 557 558 559 560 561 562 563 564 565 566 567 568 569 570 571 572 573 574 575 576 577 578 579 580 581 582 583 584 585 586 587 588 589 590 591 592 593 594 595 596 597 598 599 600 601 602 603 604 605 606 607 608 609 610 611 612 613 614 615 616 617 618 619 620 621 622 623 624 625 626 627 628 629 630 631 632 633 634 635 636 637 638 639 640 641 642 643 644 645 646 647 648 649 650 651 652 653 654 655 656 657 658 659 660 661 662 663 664 665 666 667 668 669 670 671 672 673 674 675 676 677 678 679 680 681 682 683 684 685 686 687 688 689 690 691 692 693 694 695 696 697 698 699 700 701 702 703 704 705 706 707 708 709 710 711 712 713 714 715 716 717 718 719 720 721 722 723 724 725 726 727 728 729 730 731 732 733 734 735 736 737 738 739 740 741 742 743 744 745 746 747 748 749 750 751 752 753 754 755 756 757 758 759 760 761 762 763 764 765 766 767 768 769 770 771 772 773 774 775 776 777 778 779 780 781 782 783 784 785 786 787 788 789 790 791 792 793 794 795 796 797 798 799 800 801 802 803 804 805 806 807 808 809 810 811 812 813 814 815 816 817 818 819 820 821 822 823 824 825 826 827 828 829 830 831 832 833 834 835 836 837 838 839 840 841 842 843 844 845 846 847 848 849 850 851 852 853 854 855 856 857 858 859 860 861 862 863 864 865 866 867 868 869 870 871 872 873 874 875 876 877 878 879 880 881 882 883 884 885 886 887 888 889 890 891 892 893 894 895 896 897 898 899 900 901 902 903 904 905 906 907 908 909 910 911 912 913 914 915 916 917 918 919 920 921 922 923 924 925 926 927 928 929 930 931 932 933 934 935 936 937 938 939 940 941 942 943 944 945 946 947 948 949 950 951 952 953 954 955 956 957 958 959 960 961 962 963 964 965 966 967 968 969 970 971 972 973 974 975 976 977 978 979 980 981 982 983 984 985 986 987 988 989 990 991 992 993 994 995 996 997 998 999 1000