Sehen Sie doch ... begann Kraft mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit zum
Major gewandt und machte mit den Händen ungeschickte Bewegungen ...
Der Major aber, der diese Erzählung wohl schon öfter gehört hatte, sah
plötzlich seinen Nachbar mit so matten, stumpfen Augen an, daß Kraft
sich von ihm abwandte und sich mir zukehrte, indem er abwechselnd
bald den einen, bald den anderen von uns ansah. Trossenko aber sah er
während der ganzen Erzählung nicht mit einem Blicke an.
Sehen Sie also, wie wir des Morgens auszogen, sagt der
Höchstkommandierende zu mir: »Kraft, nimm diese Schanze.« Sie wissen,
wie's im Dienst ist, da giebt's keine Erörterungen -- Hand an die
Mütze: »Zu Befehl, Euer Erlaucht!« und marsch! Wie wir zu der ersten
Schanze kamen, wandte ich mich um und sagte zu den Soldaten: »Kinder,
ohne Furcht, Augen offen! Wer zurückbleibt, den haue ich mit eigner
Hand in Stücke.« Mit dem russischen Soldaten, wissen Sie, muß man
geradezu reden. Plötzlich kommt eine Granate ... Ich sehe -- ein Mann,
ein zweiter, ein dritter ... Dann kommen Gewehrkugeln ... sch, sch,
sch! ... »Vorwärts, Kinder, sage ich, mir nach!« Wie wir herangekommen
waren, wissen Sie, und hinsehen, bemerke ich, wie nennt man das ...
wissen Sie ... wie heißt das? -- und der Erzähler fuchtelte mit den
Händen durch die Luft und suchte nach dem Wort.
Ein Graben, sagte Bolchow vor.
Nein, ach, wie heißt es doch? Du lieber Gott, wie heißt es doch? ...
Ein Graben! sagte er schnell. Also ... Gewehr in die Balance ... urra!
ta--ra--ta--ta--ta! Keine Spur vom Feind ... Wissen Sie, alles war
überrascht. Also ... schön. Wir gehen weiter -- zweite Schanze. Das
war ein ganz ander Ding. Uns war schon das Herz heiß geworden, wissen
Sie. Wir kommen heran, schauen, ich sehe -- eine zweite Schanze: weiter
geht's nicht. Da -- wie nennt man das -- nun wie heißt das ... Ach! wie
...
Wieder ein Graben, sagte ich vor.
Keineswegs, fuhr er beherzt fort, kein Graben, sondern ... Nun Gott,
wie heißt denn das? -- und er machte mit der Hand eine linkische
Bewegung. -- Ach, du lieber Gott, wie ...
Er quälte sich offenbar so sehr, daß man unwillkürlich den Wunsch
hatte, ihm vorzusagen.
Ein Fluß vielleicht? sagte Bolchow.
Nein, einfach ein Graben. Aber kaum sind wir da, wollen Sie's glauben,
geht ein solches Feuer los, ein Höllenfeuer ...
In diesem Augenblick fragte draußen jemand nach mir. Es war Maksimow.
Und da mir, nachdem ich die abwechselungsreiche Geschichte von den zwei
Schanzen gehört hatte, noch dreizehn geblieben waren, war ich froh,
diese Gelegenheit ergreifen zu können, um zu meinem Zuge zurückzugehen.
Trossenko ging mit mir zusammen hinaus.
Alles erlogen, sagte er mir, als wir einige Schritte von der Hütte
entfernt waren. Er ist gar nicht auf den Schanzen gewesen ... -- Und
Trossenko lachte so herzlich, daß auch mich das Lachen überkam.
XIII
Es war schon dunkle Nacht, und nur die Wachtfeuer beleuchteten mit
mattem Schein das Lager, als ich, nach der Stallzeit, zu meinen
Soldaten herankam. Ein großer Baumstamm lag glimmend auf den Kohlen. Um
ihn herum saßen drei Mann: Antonow, der über dem Feuer einen kleinen
Kessel drehte, in dem aufgeweichter Zwieback mit Fett kochte, Shdanow,
der nachdenklich mit einem Zweige die Asche aufscharrte, und Tschikin
mit seinem ewig feuerlosen Pfeifchen. Die anderen hatten sich schon zur
Ruhe gelagert: die einen unter dem Pulverkasten, die anderen auf Heu,
noch andere um die Wachtfeuer herum. Bei dem matten Lichte der Kohlen
unterschied ich die mir bekannten Rücken, Füße und Köpfe; unter den
letzten war auch der kleine Rekrut, er lag dicht am Feuer und schien
schon zu schlafen. Antonow machte mir Platz. Ich setzte mich neben ihn
und rauchte eine Cigarette an. Der Geruch des Nebels und des qualmenden
feuchten Holzes erfüllte ringsum die Luft und biß in die Augen, und
noch immer tröpfelte feuchter Nebel von dem tiefdunklen Himmel.
Neben uns hörten wir das gleichmäßige Schnarchen, das Knistern der
Reiser im Feuer, flüchtiges Gespräch und von Zeit zu Zeit das Klirren
der Gewehre der Infanterie. Ringsumher loderten die Wachtfeuer und
beleuchteten im nahen Umkreis die schwarzen Schatten der Soldaten. Bei
den nächstgelegenen Wachtfeuern unterschied ich an hellbeleuchteten
Stellen die Gestalten nackter Soldaten, die ihre Hemden über der Flamme
hin- und herschwenkten. Viele von den Leuten schliefen noch nicht und
bewegten sich in einem Umkreis von fünfzehn Quadratfaden plaudernd hin
und her; aber die düstere, dumpfe Nacht gab dieser ganzen Bewegung
ihren eignen, geheimnisvollen Klang, als fühlte jeder die düstere
Stille und scheute sich, ihre friedliche Harmonie anzutasten. Wenn
ich ein Wort sprach, fühlte ich, daß meine Stimme anders klinge. In
den Gesichtern der Soldaten, die um das Feuer herumlagen, las ich
dieselbe Stimmung. Ich dachte, sie hätten bis zu meiner Ankunft von
dem verwundeten Kameraden gesprochen; aber keineswegs. Tschikin hatte
von dem Eintreffen seiner Sachen in Tiflis und von den Schulknaben der
Stadt erzählt.
Ich habe immer und überall, besonders im Kaukasus, bei unseren Soldaten
einen besonderen Takt beobachtet -- in der Zeit der Gefahr alles zu
unterdrücken und zu vermeiden, was unvorteilhaft auf den Geist der
Kameraden einwirken könnte. Der Geist des russischen Soldaten beruht
nicht, wie die Tapferkeit der südlichen Völker, auf einer schnell
entflammten und erkaltenden Begeisterung: er ist ebenso schwer zu
entflammen, wie geneigt den Mut sinken zu lassen. Er bedarf keiner
Effekte, keiner Reden, keines Kriegsgeschreis, keiner Lieder und
Trommelwirbel; er bedarf vielmehr der Ruhe, der Ordnung, der Vermeidung
alles Erkünstelten. Bei dem russischen, bei dem echt russischen
Soldaten wird man nie Prahlerei, Bravour, den Wunsch, sich im
Augenblick der Gefahr zu betäuben, zu erregen wahrnehmen. Im Gegenteil.
Bescheidenheit, Schlichtheit und die Fähigkeit, in der Gefahr etwas
ganz anderes zu sehen als die Gefahr, bilden die unterscheidenden
Merkmale seines Charakters. Ich habe einen Soldaten gesehen, der am
Bein verwundet war und dem im ersten Augenblick nur der zerfetzte neue
Pelz leid that; einen Reiter, der unter dem Pferde hervorkroch, das ihm
unter dem Leibe erschossen worden war, und der den Gurt abschnallte,
um den Sattel herunterzunehmen. Wer erinnert sich nicht des Vorfalls
bei der Belagerung von Gergebel, wo im Laboratorium das Zündrohr einer
gefüllten Bombe Feuer fing, und der Feuerwerker zwei Soldaten befahl,
die Bombe zu ergreifen, mit ihr davonzurennen und sie in den Graben zu
werfen, und die Soldaten sie nicht in nächster Nähe bei dem Zelt des
Obersten niederwarfen, das am Rande des Grabens stand, sondern weiter
forttrugen, um die Herren nicht zu wecken, die im Zelte schliefen, und
beide in Stücke zerrissen wurden? Ich erinnere mich noch, es war im
Feldzuge 1852, wie einer der jungen Soldaten zu einem anderen während
des Kampfes sagte, der Zug würde wohl kaum hier wieder fortkommen, und
wie der ganze Zug wütend über ihn herfiel wegen der dummen Redensarten,
die sie nicht einmal wiederholen wollten. Und so hörten jetzt, wo jedem
Welentschuk hätte im Sinne liegen müssen, und wo jeden Augenblick die
heranschleichenden Tataren auf uns hätten feuern können, alle der
lebendigen Erzählung Tschikins zu, und niemand gedachte mit einem
Worte des heutigen Gefechts, noch der bevorstehenden Gefahr, noch des
Verwundeten. Als ob das weiß Gott wie lange hinter uns läge, oder
gar nie gewesen wäre. Mir aber schien es, als wären ihre Gesichter
nur finsterer als gewöhnlich. Sie hörten nicht allzu aufmerksam auf
Tschikins Erzählung hin, und Tschikin fühlte sogar, daß man ihm nicht
zuhörte, sprach aber immer ruhig weiter.
Da trat Maksimow an das Wachtfeuer heran und setzte sich neben mir
nieder. Tschikin machte ihm Platz, hörte auf zu sprechen und begann
wieder sein Pfeifchen zu schmauchen.
Die Infanteristen haben nach Schnaps ins Lager geschickt, sagte
Maksimow nach ziemlich langem Schweigen, sie sind eben zurückgekommen.
-- Er spie ins Feuer. -- Ein Unteroffizier hat erzählt, sie haben
unsern Verwundeten gesehen.
Wie, lebt er noch? fragte Antonow und drehte das Kesselchen herum.
Nein, er ist tot.
Der junge Rekrut erhob plötzlich seinen kleinen Kopf mit dem roten
Mützchen über das Feuer empor, sah einen Augenblick Maksimow und mich
aufmerksam an, dann ließ er ihn schnell sinken und hüllte sich in
seinen Mantel.
Siehst du, nicht umsonst ist der Tod heut früh zu ihm gekommen, wie ich
ihn im Park wecken wollte, sagte Antonow.
Leeres Geschwätz, sagte Shdanow und drehte den glimmenden Baumstamm um;
alle verstummten.
Mitten durch die allgemeine Stille ertönte hinter uns im Lager ein
Schuß. Unsere Trommler meldeten sich und schlugen den Zapfenstreich.
Als der letzte Wirbel verklungen war, erhob sich zuerst Shdanow und zog
seine Mütze. Wir alle folgten seinem Beispiel.
Durch die tiefe Stille der Nacht erklang der harmonische Chor der
Männerstimmen:
»Vater unser, der du bist im Himmel, geheiliget sei dein Name, zu uns
komme dein Reich, dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf
Erden; unser täglich Brot gieb uns heut, und vergieb uns unsere Schuld,
wie wir vergeben unsern Schuldigern; führe uns nicht in Versuchung und
erlöse uns von dem Übel.«
So ist auch einer von uns im Jahre 45 an derselben Stelle verwundet
worden ... sagte Antonow, als wir die Mütze aufgesetzt und uns wieder
um das Feuer gelagert hatten. Zwei Tage haben wir ihn auf dem Geschütz
herumgefahren, weißt du noch, Shdanow, den Schewtschenko? Dann haben
wir ihn unter einem Baum niedergelassen.
In diesem Augenblick kam ein Gemeiner von der Infanterie mit mächtigem
Backen- und Schnauzbart, mit Gewehr und Lanze auf unser Wachtfeuer zu.
Gebt mir doch Feuer, Landsleute, das Pfeifchen anzurauchen, sagte er.
Ei nun, rauchen Sie's nur an, an Feuer fehlt's nicht, bemerkte
Tschikin.
Ihr sprecht gewiß von Dargi, Landsmann, wandte sich der Infanterist an
Antonow.
Vom Jahre 45, von Dargi, antwortete Antonow.
Der Infanterist schüttelte den Kopf, kniff die Augen zusammen und
hockte neben uns nieder.
Ja, da ging es hoch her! bemerkte er.
Warum aber habt ihr ihn liegen lassen? fragte ihn Antonow.
Er hatte furchtbare Schmerzen im Leib. Wenn wir stille standen, ging's,
wenn wir uns aber vom Fleck rührten, da schrie er furchtbar auf. Er
beschwor uns bei Gott, wir sollten ihn liegen lassen, aber es war doch
ein Jammer. Na, als *er* uns dann auf den Leib rückte, drei von unserer
Geschützmannschaft tötete, und wir unsere Batterie mit Mühe hielten ...
's war eine Not, wir glaubten kaum mit dem Geschütz davonzukommen. Es
war ein Schmutz.
Das Schlimmste war, daß es am Fuß des Indierbergs schmutzig war,
bemerkte einer der Soldaten.
Ja, da wurde ihm auch noch viel schlimmer! Anoschenka, -- es war ein
alter Feuerwerker -- Anoschenka und ich dachten: was sollen wir thun,
leben kann er nicht, und beschwört uns bei Gott -- lassen wir ihn also
hier liegen. Und so thaten wir auch. Ein Baum wuchs da mit großen
breiten Ästen. Wir nahmen ihn, legten ihm geweichten Zwieback hin --
Shdanow hatte welche mit -- lehnten ihn an den Baum, zogen ihm ein
reines Hemd an, nahmen Abschied von ihm, wie sich's gehört, und ließen
ihn so liegen.
Und war's ein tüchtiger Soldat?
Je nun, ein guter Soldat, bemerkte Shdanow.
Und was mit ihm geschehen sein mag, weiß Gott, fuhr Antonow fort. Dort
sind gar viele von den Kameraden geblieben!
In Dargi? fragte der Infanterist, dabei erhob er sich, kratzte seine
Pfeife aus, kniff wieder die Augen zusammen und wiegte den Kopf hin und
her. Da ging es hoch her!
Damit ging er von uns.
Giebt's in unserer Batterie noch viele Soldaten, die bei Dargi gewesen
sind? fragte ich.
Viele? Shdanow, ich, Pazan, der jetzt auf Urlaub ist, und etwa noch
sechs Mann. Mehr werden's nicht sein.
Ei was, unser Pazan bummelt auf Urlaub? sagte Tschikin, streckte die
Beine und legte sich mit dem Kopf auf einen Klotz. Es muß bald ein Jahr
sein, daß er fort ist.
Hast du Jahresurlaub genommen? fragte ich Shdanow.
Nein, ich habe keinen genommen, antwortete er unwillig.
Es ist schön, Urlaub nehmen, sagte Antonow, wenn man aus reichem Hause
ist, oder wenn man selbst die Kraft hat zu arbeiten; da ist es ja
angenehm, und zu Hause freut man sich mit dir.
Was soll man gehen, wenn man zwei Brüder hat? fuhr Shdanow fort. Sie
haben Mühe, sich selbst zu ernähren, nicht noch unsereinen zu füttern.
Man ist eine schlechte Hilfe, wenn man schon 25 Jahre gedient hat. Und
wer weiß, ob sie noch leben?
Hast du denn nicht geschrieben? fragte ich.
Ei gewiß! Zwei Briefe habe ich fortgeschickt, aber Antworten schicken
sie nicht! Ob sie gestorben sind, ob sie so nicht schreiben, weil sie
nämlich selbst in Armut leben -- wie soll ich da hin?
Ist es lange her, daß du geschrieben hast?
Als ich von Dargi kam, das war der letzte Brief.
Du solltest uns das Lied von der Birke singen, sagte Shdanow zu
Antonow, der in diesem Augenblick, die Ellbogen auf die Knie gestützt,
ein Liedchen vor sich hinsummte.
Antonow stimmte »Die Birke« an.
Siehst du, das ist das Lieblingslied von Onkel Shdanow, sagte mir
Tschikin leise und zog mich am Mantel. Manchmal, wenn Philipp
Antonytsch es spielt, da weint er wohl gar.
Shdanow saß zuerst ganz unbeweglich da, die Augen auf die glimmenden
Kohlen geheftet, und sein Gesicht sah im Schimmer des rötlichen Lichts
außerordentlich düster aus; dann begannen seine Kinnbacken unter den
Ohren sich immer schneller und schneller zu bewegen und endlich erhob
er sich, breitete seinen Mantel aus und legte sich im Schatten hinter
dem Wachtfeuer nieder.
War es, weil er sich hin- und herwälzte und ächzte, während er sich
schlafen legte, war es Welentschuks Tod und dieses traurige Wetter, das
mich so stimmte, genug, ich glaubte wirklich, daß er weine.
Der untere Teil des Baumstamms, der sich in Kohle verwandelt hatte,
flackerte von Zeit zu Zeit auf, beleuchtete die Gestalt Antonows mit
seinem grauen Schnurrbart, mit der roten Fratze und dem Orden auf dem
umgehängten Mantel, und Stiefel, Kopf und Rücken eines anderen. Von
oben fiel noch immer der trübe Nebel herab, die Luft war noch immer
von dem Duft der Feuchtigkeit und des Rauchs erfüllt, ringsumher waren
noch immer die hellen Punkte der verlöschenden Wachtfeuer zu sehen und
durch die allgemeine Stille die Klänge des schwermütigen Liedes zu
hören, das Antonow sang; und wenn es auf einen Augenblick verstummte,
antworteten ihm die Klänge der schwachen nächtlichen Bewegung des
Lagers, des Schnarchens und Waffengeklirrs der Wachtposten und des
leisen Gesprächs.
Zweite Ablösung vor, Makatjuk und Shdanow! kommandierte Maksimow.
Antonow hörte auf zu singen, Shdanow erhob sich, seufzte, schritt über
den Baum hinweg und ging zu den Geschützen.
15. Juni 1855.
Eine Begegnung im Felde
mit
einem Moskauer Bekannten
(Aus den kaukasischen Aufzeichnungen des Fürsten Nechljudow)
Wir standen im Felde. Die Kämpfe gingen schon ihrem Ende entgegen,
wir hatten die Waldrodung hergestellt und erwarteten jeden Tag vom
Stabe den Befehl zum Rückzuge in die Festung. Unsere Division der
Batteriegeschütze stand am Abhang eines steilen Bergrückens, der von
dem reißenden Gebirgsbach Metschik begrenzt war, und hatte die Aufgabe,
die vor uns ausgebreitete Ebene zu beschießen. Auf dieser malerischen
Ebene zeigten sich außer Schußweite von Zeit zu Zeit, besonders vor
Abend, hie und da, nicht in feindseliger Absicht, Gruppen berittener
Bergbewohner, die aus Neugier herbeigeströmt waren, um das russische
Lager zu betrachten. Es war ein klarer, stiller und frischer Abend,
wie die Dezemberabende im Kaukasus zu sein pflegen; die Sonne war
hinter den steilen Gebirgsausläufern zur Linken versunken und warf
ihre rosigen Strahlen auf die Zelthütten, die über den Berg zerstreut
lagen, auf die Soldatengruppen, die sich hin- und herbewegten und auf
unsere beiden Geschütze, die schwerfällig, wie mit ausgereckten Hälsen,
unbeweglich zwei Schritt vor uns auf einer Erdbatterie standen. Ein
Infanteriepiket, das auf dem Hügel zur Linken zerstreut lag, war mit
seinen zusammengestellten Gewehren, mit der Gestalt des Wachtpostens,
einer Gruppe Soldaten und dem Rauch des aufgeschichteten Wachtfeuers
in dem durchsichtigen Licht des Sonnenuntergang deutlich zu erkennen.
Rechts und links auf der halben Höhe des Berges schimmerten auf dem
schwarzen, ausgetretenen Boden die weißen Zelte, und hinter den
Zelten die dunklen, entblätterten Stämme des Platanenwaldes, in dem
unaufhörlich Äxte klangen, Wachtfeuer knisterten und gefällte Bäume
krachend niederstürzten. Bläulicher Dampf stieg von allen Seiten in
Säulen zu dem hellblauen Winterhimmel empor. An dem Zelte und in der
Niederung am Rande des Baches zogen mit Pferdegetrappel und Gewieher
die Kosaken, die Dragoner und die Artillerie dahin, die von der Tränke
zurückkamen. Es begann zu frieren; jeder Laut war ganz deutlich zu
hören, und das Auge sah in der reinen, klaren Luft weithin über die
Ebene. Die Häuflein der Feinde, die nun nicht mehr die Neugierde der
Soldaten erregten, ritten ruhig über die hellgelben Stoppeln der
Maisfelder hin; hie und da schimmerten hinter den Bäumen die hohen
Säulen der Kirchhöfe und die rauchenden Auls herüber.
Unser Zelt stand unweit der Geschütze an einem trocknen und
hochgelegenen Ort, von dem die Aussicht besonders weit war. Neben dem
Zelt, ganz in der Nähe der Batterie, hatten wir auf einem gesäuberten
Plätzchen ein Holzklötzchenspiel hergerichtet. Dienstfertige Soldaten
hatten uns hier geflochtene Bänke und einen kleinen Tisch hergesetzt.
Wegen aller dieser Bequemlichkeiten kamen Artillerieoffiziere, unsere
Kameraden, und einige Herren von der Infanterie abends gern zu unserer
Batterie und nannten den Ort den Klub.
Es war ein prächtiger Abend. Die besten Spieler waren versammelt, und
wir spielten Klötzchen. Ich, der Fähnrich D. und der Leutnant O. hatten
hintereinander zwei Partien verspielt und zum allgemeinen Vergnügen
und Gelächter der zuschauenden Offiziere, der Soldaten und Burschen,
die uns aus ihren Zelten zusahen, zweimal die Gewinner auf unserem
Rücken von einem Ende bis zum anderen getragen. Besonders drollig war
die Stellung des kolossalen dicken Stabskapitäns Sch., der keuchend
und gutmütig lächelnd und die Beine am Boden nachschleppend, auf
dem kleinen, schwächlichen Leutnant O. ritt. Es war aber schon spät
geworden. Die Burschen brachten für sechs Mann, die wir waren, drei
Glas Thee ohne Untersätze. Wir brachen das Spiel ab und gingen zu den
geflochtenen Bänken. Da stand ein uns unbekannter mittelgroßer Mann mit
krummen Beinen in einem Pelz ohne Überzug und in einer Fellmütze mit
langem, herabhängendem weißen Haar. Als wir nahe an ihn herangekommen
waren, zog er einige Mal zögernd die Mütze und setzte sie wieder auf,
dann schickte er sich immer wieder an, zu uns heranzukommen und machte
immer wieder Halt. Da der unbekannte Mann aber wohl glauben mußte, daß
er nicht mehr unbemerkt bleiben könne, zog er die Mütze, ging im Bogen
um uns herum und trat auf den Stabskapitän Sch. zu.
Ah, Guscantini! Wie geht's, Väterchen? sagte Sch. zu ihm und lächelte
gutmütig, immer noch unter dem Eindruck seines Rittes.
Guscantini, wie er ihn genannt hatte, setzte sofort seine Mütze auf und
machte eine Bewegung, als ob er die Hände in die Taschen seines Pelzes
stecken wollte; auf der Seite aber, die er mir zukehrte, hatte der Pelz
keine Taschen, und seine kleine rote Hand blieb in einer ungeschickten
Lage. Ich hätte gern erraten, was dieser Mensch wohl sei (ein Junker
oder ein Degradierter), und ohne zu bemerken, daß mein Blick (d. h. der
Blick eines unbekannten Offiziers) ihn verlegen machte, betrachtete
ich aufmerksam seine Kleidung und sein Äußeres. Er mochte dreißig
Jahre zählen. Seine kleinen, grauen, runden Augen schauten wie
schläfrig und doch gleichzeitig unruhig unter dem schmutzigen, weißen
Schafpelz der Mütze hervor, der ihm in die Stirn hineinhing. Die dicke,
unregelmäßige Nase zwischen den eingefallenen Wangen verriet eine
krankhafte, unnatürliche Magerkeit, die Lippen, die sehr spärlich von
einem dünnen, weichen, häßlichen Schnurrbart bedeckt waren, befanden
sich unaufhörlich in einem unruhigen Zustand, als wollten sie bald
diesen, bald jenen Ausdruck annehmen. Aber jedem Ausdruck haftete etwas
Unfertiges an -- in seinen Zügen blieb beständig der eine Ausdruck der
Angst und der Hast vorherrschend. Sein hagerer, von Adern durchzogener
Hals war mit einem grünseidenen Tuch umbunden, das unter dem Pelz
verborgen war. Der Pelz war abgenutzt und kurz, am Kragen und an den
falschen Taschen mit Hundsfell besetzt, die Beinkleider waren karriert,
aschgrau, die Stiefel hatten kurze, ungeschwärzte Soldatenschäfte.
Machen Sie keine Umstände, bitte, sagte ich ihm, als er wieder, mit
einem scheuen Blick auf mich, die Mütze gezogen hatte.
Er verneigte sich mit einem Ausdruck der Dankbarkeit, setzte die Mütze
auf, zog einen schmutzigen, kattunenen Beutel mit Schnüren aus der
Tasche und begann eine Cigarette zu drehen.
Ich war selbst vor kurzem Junker gewesen, ein alter Junker, der nicht
mehr dazu taugte, jüngeren Kameraden gutmütig Gefälligkeiten zu
erweisen, und ein Junker ohne Vermögen. Ich kannte daher sehr gut den
ganzen moralischen Druck einer solchen Lage für einen nicht mehr jungen
und von Eigenliebe beherrschten Mann, hatte Teilnahme für jeden, der
sich in ähnlicher Lage befand, und gab mir Mühe, mir seinen Charakter,
den Grad und die Richtung seiner geistigen Fähigkeiten zu erklären,
um darnach den Grad seiner moralischen Leiden zu beurteilen. Dieser
Junker oder Degradierte schien mir nach seinem unruhigen Blick und dem
absichtlichen, unaufhörlichen Wechsel des Gesichtsausdrucks, den ich an
ihm beobachtet hatte, ein sehr kluger, höchst selbstbewußter und darum
höchst bedauernswerter Mensch zu sein.
Der Stabskapitän Sch. machte uns den Vorschlag, noch eine Partie
Klötzchen zu spielen; die verlierende Partei sollte außer dem Umritt
einige Flaschen Rotwein, Rum, Zucker, Zimmt und Nelken zu Glühwein
stellen, der in diesem Winter wegen der großen Kälte auf unserem
Feldzuge in Mode war. Guscantini, wie ihn Sch. wieder nannte, wurde
auch zur Partie aufgefordert; ehe jedoch das Spiel begann, führte er,
offenbar in einem Kampf zwischen der Freude, die ihm diese Einladung
machte, und einer gewissen Angst, den Stabskapitän Sch. auf die Seite
und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der gutmütige Stabskapitän klopfte ihm
mit seiner fleischigen, großen Hand auf die Schulter und antwortete
laut: »Thut nichts, Väterchen, ich traue Ihnen.«
Als das Spiel zu Ende war und die Partei, zu der der unbekannte
Subalterne gehörte, gewonnen hatte, und er nun auf einem von unseren
Offizieren, dem Fähnrich D., reiten sollte, wurde der Fähnrich rot,
ging zu dem Bänkchen hin und bot dem Subalternen eine Cigarette als
Lösegeld an. Während der Glühwein besorgt wurde und in dem Burschenzelt
das emsige Wirtschaften Nikitas zu hören war, der einen Boten nach
Zimmt und Nelken geschickt hatte und dessen Rücken die schmutzige
Zeltdecke bald hierhin, bald dorthin zog, nahmen wir sieben Mann bei
dem Bänkchen Platz, tranken abwechselnd Thee aus den drei Gläsern,
betrachteten die Ebene vor uns, die sich gerade in Dämmerung hüllen
wollte, und plauderten und lachten über die verschiedenen Wechselfälle
des Spiels. Der unbekannte Mann im Pelzrock nahm nicht Teil an dem
Gespräch, lehnte hartnäckig den Thee ab, den ich ihm mehrere Male
angeboten hatte, drehte, in tatarischer Weise auf dem Boden sitzend,
aus feingeschnittenem Tabak eine Cigarette nach der anderen und rauchte
sie, wie man leicht sehen konnte, nicht so sehr zu seinem Vergnügen,
als um sich den Anschein eines mit etwas beschäftigten Menschen zu
geben. Als man davon sprach, daß morgen der Rückzug vielleicht auch
ohne Gefecht stattfinden könnte, richtete er sich auf die Knie auf
und sagte, nur zu dem Stabskapitän Sch. gewandt, er sei jetzt bei dem
Adjutanten zu Hause und habe selbst den Befehl zum Rückzuge für morgen
geschrieben. Wir schwiegen alle, während er sprach, und obgleich er
deutlich seine Schüchternheit verriet, veranlaßten wir ihn, diese
für uns außerordentliche Mitteilung zu wiederholen. Er wiederholte,
was er gesagt hatte, fügte jedoch hinzu, er *sei* bei dem Adjutanten
*gewesen*, mit dem er *zusammen wohne*, und habe dort *gesessen*,
gerade als man den Befehl brachte.
Sehen Sie, wenn Sie nicht lügen, Väterchen, so muß ich zu meiner
Kompagnie gehen und zu morgen einen Befehl geben, sagte der Kapitän Sch.
Nein ... Weshalb auch ... Wie kann man! Ich habe gewiß ... begann
der Subalterne, aber er verstummte bald, schien entschlossen, den
Beleidigten zu spielen, verzog unnatürlich die Stirn, brummte etwas in
den Bart und begann wieder eine Cigarette zu drehen. Aber der feine
Tabak in seinem kattunenen Beutel reichte nicht mehr und er bat Sch.,
ihm eine *Cigarette zu leihen*. Wir setzten dieses einförmige Gespräch
über den Krieg, das jeder kennt, der einmal an Feldzügen teilgenommen
hat, ziemlich lange fort, beklagten uns alle mit denselben Worten über
die Langeweile und die Länge des Feldzugs, urteilten alle in gleicher
Weise über die Vorgesetzten, lobten alle, wie schon oft vorher, den
einen Kameraden, bedauerten den anderen, sprachen unsere Verwunderung
darüber aus, wieviel dieser gewonnen, wieviel jener verloren hatte u.
s. w. u. s. w.
Siehst du, Väterchen, unser Adjutant, der ist 'reingefallen, tüchtig
'reingefallen! sagte der Stabskapitän Sch. Beim Stabe war er immer
im Gewinn. Mit wem er auch setzte, immer legte er ihn 'rein und
jetzt verliert er seit zwei Monaten beständig. Dieser Feldzug hat ihm
wenig Glück gebracht. Ich glaube, er ist 2000 Moneten losgeworden und
Sachen für 500 Moneten, den Teppich, den er Muchin abgewonnen hat,
die Pistolen von Nikita, die goldene Uhr von Ssada, die ihm Worinzew
geschenkt hat -- alles ist er losgeworden.
Geschieht ihm recht, sagte Leutnant O., er hat die anderen alle tüchtig
gerupft. Es war gar nicht zu spielen mit ihm.
Erst hat er alle gerupft, und nun ist er in die Luft geflogen -- dabei
schlug der Stabskapitän Sch. ein gutmütiges Lachen an. Der Guskow wohnt
bei ihm, den hätte er beinahe auch verspielt, wahrhaftig, ist's nicht
wahr, Väterchen? wandte er sich an Guskow.
Guskow lachte. Sein Lachen war traurig und schmerzlich und veränderte
seine Züge vollkommen. Bei dieser Veränderung war es mir, als müßte ich
diesen Menschen früher einmal gekannt und gesehen haben, zudem war mir
sein eigentlicher Name, Guskow, nicht fremd. Aber wie und wann ich ihn
gekannt, und wo ich ihm begegnet war, dessen konnte ich mich durchaus
nicht erinnern.
Ja, sagte Guskow und hob dabei unaufhörlich die Finger zu seinem
Schnurrbart, ließ sie aber wieder sinken, ohne ihn zu berühren.
Pavel Dmitrijewitsch hat in diesem Feldzuge kein Glück gehabt, eine
solche -veine de malheur- -- fügte er mit etwas mühsamer, aber reiner
französischer Aussprache hinzu, und dabei war es mir wieder, als hätte
ich ihn schon irgendwo gesehen. -- Ich kenne Pavel Dmitrijewitsch
genau, er vertraut mir alles an, fuhr er fort.
Wir sind alte Bekannte, d. h. er hat mich gern, fügte er hinzu,
offenbar erschrocken über die allzu kühne Behauptung, daß er ein alter
Bekannter des Adjutanten sei. Pavel Dmitrijewitsch spielt vortrefflich,
jetzt -- merkwürdig, was mit ihm vorgeht -- jetzt ist er ganz außer
sich, -la chance a tourné-, fügte er hinzu, vornehmlich zu mir gewandt.
Wir hatten Guskow anfangs mit höflicher Aufmerksamkeit zugehört, sobald
er aber noch diese französische Redensart ausgesprochen hatte, wandten
wir uns unwillkürlich von ihm ab.
Ich habe tausendmal mit ihm gespielt, und Sie werden mir doch
zugeben, es ist sonderbar, sagte der Leutnant mit besonderer Betonung
des Wörtchens *sonderbar*: ich habe nicht ein einziges Mal mit ihm
gewonnen, nicht einen Abas. Warum gewinne ich mit anderen?
Pavel Dmitrijewitsch spielt vorzüglich, ich kenne ihn schon lange,
sagte ich. Wirklich kannte ich den Adjutanten schon mehrere Jahre,
hatte ihm schon oft zugesehen bei seinem Spiel, das für die
Verhältnisse der Offiziere hoch zu nennen war, und war immer entzückt
gewesen von seinen schönen, ein wenig düsteren und stets unveränderten
Zügen, seiner gedehnten, kleinrussischen Aussprache, seinen schönen
Sachen und Pferden, seiner gemessenen südrussischen Ritterlichkeit und
besonders von seiner Kunst, das Spiel so schön, klar, verständlich und
anmutig zu führen. Manchmal -- ich bekenne es reuig -- wenn ich seine
vollen weißen Hände mit dem Brillantring am Zeigefinger betrachtete,
die mir eine Karte nach der anderen schlugen, wurde ich wütend über
diesen Ring, über die weißen Hände, über die ganze Persönlichkeit des
Adjutanten, und es tauchten schlimme Gedanken gegen ihn in mir auf;
wenn ich aber dann mit ruhigem Blute überlegte, überzeugte ich mich,
daß er einfach ein gewandterer Spieler war als alle die, mit denen er
gerade spielte. Wenn man seine allgemeinen Betrachtungen über das Spiel
hörte, darüber, wie man kein Paroli biegen dürfe, wie man von einem
kleinen Einsatz zu einem größeren fortschreiten, wie man in gewissen
Fällen passen müsse, wie es eine erste Spielregel sei, nur mit Barem zu
spielen u. s. w., wurde es einem immer klarer, daß er nur darum stets
im Gewinnen war, weil er geschickter und kaltblütiger war, als wir
alle. Und jetzt zeigte sich, daß dieser zurückhaltende, selbstsichere
Spieler während des Feldzugs alles bis auf den letzten Heller verloren
hatte, und nicht nur Geld, sondern auch Sachen, was für einen Offizier
den äußersten Grad des Spielverlusts bedeutet.
Mit mir geht es ihm immer verteufelt, fuhr der Leutnant O. fort, ich
habe mir schon das Wort gegeben, nicht mehr mit ihm zu spielen.
Was sind Sie für ein komischer Kauz, Väterchen, sagte Sch., zwinkerte
mir mit dem ganzen Kopfe nickend zu und wandte sich an O. Sie haben 300
Moneten an ihn verloren, nicht wahr, soviel haben Sie verloren?
Mehr, sagte der Leutnant ärgerlich.
Und jetzt ist Ihnen ein Licht aufgegangen, zu spät, Väterchen! Das
weiß alle Welt längst, daß er unser Regimentsfalschspieler ist, sagte
Sch., er konnte sich kaum halten vor Lachen und war äußerst befriedigt
von seinem Einfall. Da sehen Sie Guskow vor sich, der richtet ihm
die Karten her. Darum sind Sie auch so befreundet, liebes Väterchen.
Und der Stabskapitän Sch. brach in ein so gutmütiges Lachen aus und
schüttelte sich so mit dem ganzen Körper, daß er das Glas Glühwein
verschüttete, das er gerade in der Hand hielt. Auf Guskows gelbem,
abgemagertem Gesicht zeigte sich eine Röte; er versuchte mehrere Male
den Mund zu öffnen, hob die Finger zum Schnurrbart und ließ sie wieder
zu der Stelle herabsinken, wo andere Leute Taschen haben, erhob sich
und setzte sich wieder und sagte endlich wie mit fremder Stimme zu
Sch.: Das ist kein Scherz, Nikolaj Iwanytsch. Sie sprechen hier solche
Dinge und vor Leuten, die mich nicht kennen, und die mich in einem
fadenscheinigen Pelzrock sehen, weil ... seine Stimme stockte, und
wieder gingen seine kleinen roten Händchen mit den schmutzigen Nägeln
von dem Pelz zum Gesicht und fuhren über den Schnurrbart, das Haar
und die Nase, oder wischten die Augen klar, oder kratzten ohne alles
Bedürfnis die Backen.
Was ist da viel zu reden, das wissen ja alle, Väterchen! fuhr Sch.
fort, aufs innerste befriedigt von seinem Scherz und ohne im geringsten
Guskows Erregung zu bemerken. Guskow flüsterte noch ein paar Worte,
stützte den Ellbogen des rechten Arms auf das Knie des linken Beins,
betrachtete in der unnatürlichsten Stellung Sch. und nahm eine Miene
an, als ob er verächtlich lächelte.
»Nein, -- sagte ich innerlich überzeugt, während ich dieses Lachen
beobachtete -- ich habe ihn nicht nur irgendwo gesehen, sondern auch
mit ihm gesprochen.«
Wir sind uns schon einmal begegnet, sagte ich zu ihm, als Sch.s Lachen
unter dem Eindruck des allgemeinen Schweigens sich zu legen begann.
Guskows veränderliches Gesicht leuchtete plötzlich auf, und seine Augen
hefteten sich zum erstenmal mit einem herzensfrohen Ausdruck auf mich.
Gewiß, ich habe Sie sogleich erkannt, begann er französisch. Im Jahre
48 hatte ich ziemlich oft das Vergnügen, Sie in Moskau bei meiner
Schwester Iwaschina zu treffen.
Ich entschuldigte mich, daß ich ihn in dieser Tracht und in dieser
neuen Kleidung nicht sofort erkannt hätte. Er erhob sich, trat auf
mich zu, drückte mir mit seiner feuchten Hand zögernd, schwach die
meinige und setzte sich neben mich. Anstatt mich anzusehen, den er so
froh zu sein schien wiederzufinden, blickte er mit dem Ausdruck einer
unbehaglichen Prahlsucht im Kreise der Offiziere umher. Geschah es,
weil ich in ihm einen Mann erkannt, dem ich vor einigen Jahren im Frack
im Salon begegnet war, oder weil er bei dieser Erinnerung plötzlich
in seiner eigenen Meinung gestiegen war, genug mir schien, als hätte
sich sein Gesicht, ja sogar seine Bewegungen, plötzlich verändert: sie
zeigten jetzt einen lebhaften Geist, kindliche Selbstzufriedenheit
im Bewußtsein dieses Geistes und eine gewisse geringschätzige
Nachlässigkeit, so daß mein alter Bekannter -- ich gestehe es -- trotz
seiner bedauernswerten Lage mir nicht mehr Mitleid einflößte, sondern
ein gewisses Gefühl der Feindseligkeit.
Ich erinnerte mich lebhaft zurück an unsere erste Begegnung. Im
Jahre 48 besuchte ich, während meines Aufenthaltes in Moskau, häufig
Iwaschin, mit dem ich aufgewachsen war und mit dem mich eine alte
Freundschaft verband. Seine Gattin war eine angenehme Wirtin, eine
liebenswürdige Frau, wie man zu sagen pflegt, mir aber hat sie nie
gefallen ... In dem Winter, in dem ich bei ihnen verkehrte, sprach sie
oft mit schlecht verhehltem Stolz von ihrem Bruder, der vor kurzem
seine Studien abgeschlossen und, wie sie sagte, einer der gebildetsten
und in der guten Gesellschaft Petersburgs beliebtesten jungen Leute
sei. Da ich vom Hörensagen Guskows Vater kannte, der sehr reich war
und eine angesehene Stellung einnahm, und da ich die Anschauungsweise
der Schwester kannte, kam ich dem jungen Guskow mit einem Vorurteil
entgegen. Eines Abends, als ich Iwaschin besuchte, traf ich bei ihm
einen mittelgroßen, nach seiner äußeren Erscheinung sehr angenehmen
jungen Mann in schwarzem Frack, in weißer Weste und heller Binde,
mit dem der Hausherr mich bekannt zu machen vergaß. Der junge Mann,
der sich offenbar anschickte, auf einen Ball zu gehen, stand mit dem
Hute in der Hand vor Iwaschin und disputierte hitzig, aber höflich
mit ihm über einen unserer gemeinsamen Bekannten, der sich damals im
ungarischen Feldzuge ausgezeichnet hatte. Er meinte, dieser Bekannte
sei durchaus kein Held und nicht für den Krieg geschaffen, wie
man von ihm sage, sondern nur ein kluger und gebildeter Mann. Ich
erinnere mich, ich nahm in dem Streit gegen Guskow Partei, und ließ
mich fortreißen, ihm sogar zu beweisen, daß Klugheit und Bildung
stets im umgekehrten Verhältnisse zur Tapferkeit ständen, und ich
erinnere mich, wie Guskow in liebenswürdiger und kluger Weise mir
auseinandersetzte, daß Tapferkeit die notwendige Folge der Klugheit
und eines gewissen Grades geistiger Entwicklung sei, und daß ich dem,
da ich mich selbst für einen klugen und gebildeten Mann hielt, nicht
anders als zustimmen konnte! Ich erinnere mich, daß mich Frau Iwaschina
am Schlusse unseres Gesprächs mit ihrem Bruder bekannt machte, und
er mir mit einem herablassenden Lächeln seine kleine Hand reichte,
auf die er den weißen Handschuh erst halb gezogen hatte, und daß er
mir ebenso schwach und zögernd wie jetzt die Hand gedrückt hatte.
Obgleich ich gegen ihn voreingenommen war, mußte ich damals Guskow
Gerechtigkeit widerfahren lassen und seiner Schwester darin beistimmen,
daß er wirklich ein kluger und liebenswürdiger junger Mann war, der
in der Gesellschaft Erfolge haben müsse. Er war außerordentlich
sauber und gut gekleidet, jugendfrisch, hatte sichere, bescheidene
Manieren und ein ungemein jugendliches, fast kindliches Aussehen, um
dessentwillen man ihm unwillkürlich den Ausdruck der Selbstgefälligkeit
und den Wunsch, anderen seine Überlegenheit empfinden zu lassen, den
sein kluges Gesicht und besonders sein Lächeln beständig zur Schau
trug, gern verzeihen mochte. Man erzählte sich, er habe in diesem
Winter große Erfolge bei den Moskauer Damen gehabt. Da ich ihn bei
seiner Schwester sah, konnte ich nur aus dem Ausdruck von Glück und
Zufriedenheit, den sein jugendliches Äußeres beständig zeigte, und aus
seinen bisweilen unbescheidenen Erzählungen schließen, bis zu welchem
Grade das berechtigt war. Wir begegneten einander wohl sechsmal und
sprachen ziemlich viel miteinander, oder genauer gesagt, er sprach
meist französisch in vorzüglicher Ausdrucksweise, sehr gewählt
und bilderreich, und verstand es, anderen in der Unterhaltung in
gefälliger, höflicher Weise ins Wort zu fallen. Er verkehrte überhaupt
mit allen, auch mit mir, ziemlich von oben herab; und, wie es mir immer
geht im Umgange mit Menschen, die mit der festen Überzeugung auftreten,
daß man mit mir von oben herab verkehren könne und mit denen ich nicht
genauer bekannt bin, fühlte ich auch hier, daß er in diesem Punkte ganz
im Rechte war.
Jetzt, da er sich zu mir setzte und mir selbst die Hand reichte,
erkannte ich in ihm den früheren hochmütigen Ausdruck lebhaft wieder,
und es schien mir, als nütze er in nicht ganz ehrenhafter Weise den
Vorteil seiner Lage als eines Subalternen dem Offizier gegenüber aus,
indem er mich so leichthin fragte, was ich die ganze Zeit hindurch
gemacht habe und wie ich hierher gekommen sei. Obgleich ich auf jede
Frage russisch antwortete, begann er immer wieder französisch; aber
er drückte sich offenbar nicht mehr so geläufig in dieser Sprache aus
wie früher. Von sich erzählte er mir so nebenbei, er habe nach seiner
unglückseligen, dummen Geschichte (was das für eine Geschichte war,
weiß ich nicht und hat er mir auch nicht erzählt) drei Monate im Arrest
gesessen, dann sei er in den Kaukasus in das N.-Regiment geschickt
worden und diene jetzt schon drei Jahre als Gemeiner in diesem
Regimente.
Sie werden es nicht glauben, sagte er zu mir französisch, was ich alles
in diesen Regimentern von den Offizieren habe leiden müssen! Ein Glück
für mich, daß ich von früher her den Adjutanten gekannt habe, von dem
wir eben gesprochen haben; er ist ein guter Mensch, wirklich, bemerkte
er in höflichem Tone -- ich wohne bei ihm und für mich ist das immer
eine kleine Erleichterung. -Oui, mon cher, les jours se suivent, mais
ne se ressemblent pas-, fügte er hinzu, aber er stockte, wurde rot und
erhob sich, denn er hatte bemerkt, daß eben der Adjutant, von dem wir
sprachen, auf uns zukam.
Welch eine Freude, einem Menschen zu begegnen, wie Sie! sagte Guskow zu
mir im Flüstertone, während er sich von mir entfernte, ich hätte viel,
viel mit Ihnen zu sprechen.
Ich sagte, ich sei sehr erfreut, in Wirklichkeit aber, muß ich
bekennen, flößte mir Guskow ein unsympathisches, drückendes Mitgefühl
ein.
Ich hatte eine Ahnung, daß ich mich mit ihm unter vier Augen
unbehaglich fühlen würde, aber ich hätte gern mancherlei von ihm
gehört, besonders wie es komme, daß er bei dem Reichtum seines Vaters
in Armut lebe, wie man seiner Kleidung und seinem Auftreten anmerkte.
Der Adjutant begrüßte uns alle, nur Guskow nicht, und setzte sich neben
mich an die Stelle, die der Degradierte eingenommen hatte. Stets ein
ruhiger und langsamer, gleichmütiger Spieler und ein vermögender Mann,
war Pavel Dmitrijewitsch jetzt ein ganz anderer geworden, als ich ihn
in der Blütezeit seines Spielens gekannt hatte -- er schien immer Eile
zu haben und ließ seine Blicke umherschweifen, und es waren nicht fünf
Minuten vergangen, als er, der sonst immer das Spiel ablehnte, dem
Leutnant O. den Vorschlag machte, ein Bänkchen aufzulegen. Leutnant O.
lehnte unter dem Vorwande ab, daß er vom Dienst in Anspruch genommen
sei, in Wirklichkeit aber, weil er wußte, wie wenig Geld und Gut Pavel
Dmitrijewitsch geblieben war, und weil er es für unvernünftig hielt,
seine dreihundert Rubel aufs Spiel zu setzen gegen die hundert und
vielleicht auch weniger, die er gewinnen konnte.
Sagen Sie, Pavel Dmitrijewitsch, begann der Leutnant, der offenbar den
Wunsch hatte, einer Wiederholung der Bitte aus dem Wege zu gehen, ist
es wahr, es heißt, wir sollen morgen ausrücken?
Ich weiß nicht, bemerkte Pavel Dmitrijewitsch, es ist nur der Befehl
gekommen, daß wir uns bereit halten sollen. -- Aber wirklich, es ist
besser, wir machen ein Spielchen, ich verpfände euch meinen Kabardiner.
Nein, es ist heute schon ...
Den Grauen, wenn es nicht anders ist, oder wenn Sie wollen, um Geld.
Nun? ...
Nun ja ... Ich wäre schon bereit, Sie dürfen nicht glauben, ... begann
Leutnant O., indem er seine eignen Zweifel beantwortete. Aber morgen
giebt es vielleicht einen Überfall oder einen Marsch, da muß man
ausschlafen.
Der Adjutant erhob sich und ging, die Hände in den Taschen, auf dem
gereinigten Platze hin und her. Sein Gesicht nahm den gewohnten
Ausdruck der Kühle und eines gewissen Stolzes an, den ich gern an ihm
sah.
Wollen Sie nicht ein Gläschen Glühwein? sagte ich zu ihm.
Gern! -- Und er kam auf mich zu. Guskow aber nahm mir schnell das Glas
aus der Hand und brachte es dem Adjutanten entgegen; dabei gab er
sich Mühe, ihn nicht anzusehen. Er übersah den Strick, der das Zelt
zusammenhielt, stolperte darüber, ließ das Glas fallen und stürzte
vornüber.
So ein Hanswurst! sagte der Adjutant, der schon seine Hand nach
dem Glase ausgestreckt hatte. Alle lachten laut auf, Guskow nicht
ausgenommen; dabei rieb er sein hageres Knie, das er bei dem Falle
nicht im geringsten verletzt haben konnte, mit der einen Hand.
Wie der Bär den Einsiedler bedient hat, fuhr der Adjutant fort.
So bedient er mich jeden Tag! Alle Pflöcke im Zelt hat er schon
umgerissen, -- immer stolpert er.
Guskow entschuldigte sich vor uns, ohne auf ihn zu hören, und sah
mich mit einem kaum merklichen traurigen Lächeln an, mit dem er sagen
zu wollen schien, ich allein wäre imstande, ihn zu verstehen. Er war
beklagenswert, und der Adjutant, sein Beschützer, schien aus irgend
einem Grunde erzürnt auf seinen Zeltgenossen zu sein und wollte ihn
durchaus nicht in Ruhe lassen.
Nun, Sie geschickter Jüngling, wo fallen Sie denn nicht?
Wer stolpert nicht über diese Pflöcke, Pavel Dmitrijewitsch, sagte
Guskow, Sie sind selbst vorgestern gestolpert.
Ich, Väterchen, bin kein Subalterner, von mir verlangt man keine
Geschicklichkeit.
Er darf schwere Beine haben, fiel der Stabskapitän ein, aber ein
Subalterner muß springen können ...
Merkwürdige Scherze! ... sagte Guskow beinahe flüsternd und schlug die
Augen nieder. Der Adjutant war offenbar nicht gut gelaunt gegen seinen
Zeltgenossen. Er horchte begierig auf jedes seiner Worte.
Man wird ihn wieder auf einen gedeckten Posten schicken müssen, sagte
er zu Sch. gewandt, mit Zwinkern auf den Degradierten weisend.
Da wird's wieder Thränen geben, sagte Sch. lächelnd. Guskows Augen
waren nicht mehr auf mich gerichtet, er that, als ob er Tabak aus dem
Beutel nähme, in dem längst nichts mehr war.
Machen Sie sich bereit, auf gedeckten Posten zu ziehen, sagte Sch.
unter Lachen. Die Kundschafter haben heute gemeldet, es würde einen
Angriff auf das Lager geben, da heißt es sichere Leute bestimmen.
Guskow lächelte unentschlossen, als bereitete er sich vor, etwas zu
sagen, und richtete mehrere Male flehentliche Blicke auf Sch.
Nun ja, ich bin ja schon manchmal gegangen, und ich werde wieder gehen,
wenn man mich schickt, stammelte er hervor.
Man wird Sie schicken.
So werde ich gehen. Was soll ich thun?
Ja, wie in Argun: wo Sie vom Posten weggelaufen sind und das Gewehr
fortgeworfen haben ... sagte der Adjutant, dann wandte er sich von ihm
ab und begann, uns die Befehle für morgen auseinanderzusetzen.
In der That erwartete man in der Nacht eine Beschießung des Lagers von
Seiten des Feindes und am folgenden Tage irgend eine Bewegung. Der
Adjutant sprach noch von allerlei allgemeinen Dingen, plötzlich schlug
er, wie zufällig, als ob es ihm eben eingefallen wäre, dem Leutnant O.
vor, ein kleines Spielchen zu machen. Leutnant O. war wider Erwarten
vollständig einverstanden, und sie gingen mit Sch. und dem Fähnrich
in das Zelt des Adjutanten, der einen grünen Spieltisch und Karten
hatte. Der Kapitän, der Kommandeur unserer Abteilung, ging in sein Zelt
schlafen, auch die anderen Herren gingen auseinander und ich blieb
mit Guskow allein. Ich hatte mich nicht getäuscht -- ich fühlte mich
wirklich unbehaglich unter vier Augen mit ihm. Unwillkürlich stand ich
auf und begann auf der Batterie auf- und niederzugehen. Guskow ging
schweigend neben mir her und machte hastige und unruhige Bewegungen, um
nicht hinter mir zurückzubleiben und mir nicht vorauszueilen.
Ich störe Sie doch nicht? sagte er mit sanfter, klagender Stimme.
So viel ich in der Dunkelheit sein Gesicht sehen konnte, schien es mir
tief nachdenklich und traurig.
Nicht im mindesten, antwortete ich; da er aber nicht zu sprechen
begann, und ich nicht wußte, was ich ihm sagen sollte, gingen wir
ziemlich lange schweigend hin und her.
Die Dämmerung war schon vollständig dem Dunkel der Nacht gewichen, über
dem schwarzen Umriß des Gebirgs flammte helles Abendwetterleuchten,
über unseren Häuptern funkelten am hellblauen Winterhimmel kleine
Sterne, von allen Seiten loderten in rotem Schein die Flammen der
rauchenden Wachtfeuer, nah vor uns schimmerten die grauen Zelte und der
düstere, schwarze Erdwall unserer Batterie durch den Nebel. Vor dem
nächsten Wachtfeuer, um das unsere Burschen sich zum Wärmen gelagert
hatten und leise plauderten, glänzte von Zeit zu Zeit auf der Batterie
das Erz unserer schweren Geschütze und erschien in ihrem umgehängten
Mantel die Gestalt des Wachtpostens, die sich gemessenen Schrittes
unterhalb des Erdwalls hin- und herbewegte.
Sie können sich nicht vorstellen, welche Freude es für mich ist, mit
einem Menschen wie Sie zu sprechen! sagte Guskow zu mir, obgleich er
mit mir noch nichts gesprochen hatte. Das kann nur der begreifen, der
einmal in meiner Lage gewesen ist.
Ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte, und wir schwiegen wieder
beide, obgleich er offenbar Lust hatte sich auszusprechen, und ich ihn
anzuhören.
Wofür sind Sie ... Wofür haben Sie leiden müssen? fragte ich ihn
endlich, da mir nichts Besseres einfiel, um das Gespräch zu beginnen.
Haben Sie nichts gehört von der unglückseligen Geschichte mit Metenin?
Ja, ein Duell, glaube ich, war es; ich habe flüchtig davon gehört,
antwortete ich, ich bin ja schon lange im Kaukasus.
Nein, kein Duell; es ist diese dumme, schreckliche Geschichte! Ich
will Ihnen alles erzählen, wenn Sie es nicht wissen. Es war in
demselben Jahre, als ich Sie bei meiner Schwester traf, ich lebte
damals in Petersburg. Sie müssen wissen, ich hatte damals, was man
-une position dans le monde- nennt, und eine recht gute, um nicht
zu sagen glänzende. -Mon père me donnait 10000 par an.- Im Jahre 49
wurde mir Aussicht auf eine Stellung bei der Gesandtschaft in Turin
gemacht: mein Onkel mütterlicherseits konnte sehr viel für mich thun
und war stets gern dazu bereit. Es ist jetzt schon lange her, -j'étais
reçu dans la meilleure société de Pétersbourg, je pouvais prétendre-
auf eine vortreffliche Partie. Ich hatte gelernt, was wir alle in
der Schule lernen, so daß ich eine besondere Bildung nicht hatte;
ich habe zwar später viel gelesen, -mais j'avais surtout ce jargon
du monde-, Sie wissen schon; und wie dem auch war, ich galt, Gott
weiß warum, für einen der ersten jungen Leute Petersburgs. Was mir in
der öffentlichen Meinung eine besondere Stellung gab, -c'est cette
liaison avec Mme. D.-, über die in Petersburg viel gesprochen wurde;
aber ich war schrecklich jung und schätzte damals alle diese Vorteile
gering. Ich war einfach jung und dumm. Was brauchte ich mehr? Damals
hatte in Petersburg dieser Metenin Ruf ... -- und Guskow fuhr immer
weiter so fort und erzählte mir die Geschichte seines Unglücks, die
ich aber hier übergehen will, weil sie ganz uninteressant ist. --
Zwei Monate saß ich im Gefängnis, fuhr er fort, ganz allein, und was
habe ich in dieser Zeit nicht alles durchdacht! Aber wissen Sie, als
alles vorüber war, als sozusagen schon endgültig jede Verbindung mit
der Vergangenheit gelöst war, da war mir leichter zu Mute. -Mon père,
vous en avez entendu parler-, sicherlich, er ist ein Mann von eisernem
Charakter und mit festen Überzeugungen, -il m'a deshérité- und hat alle
Beziehungen mit mir abgebrochen. Nach seiner Überzeugung hat er so
handeln müssen, und ich will ihm keineswegs Vorwürfe machen: -il a été
conséquent-. Dafür habe auch ich keinen Schritt gethan, um ihn seinem
Entschluß untreu zu machen. Meine Schwester war im Auslande. Mme. D.
war die Einzige, die mir schrieb, als man es ihr erlaubte, und mir
ihre Hilfe anbot; aber Sie werden begreifen, daß ich ablehnte, und daß
ich Mangel hatte an all den Kleinigkeiten, die in einer solchen Lage
ein wenig Erleichterung gewähren: ich hatte weder Bücher, noch Wäsche,
noch Kost -- nichts. Ich habe viel, sehr viel damals nachgedacht. Ich
begann alles mit andern Augen anzusehen: der Lärm z. B., das Gerede
der Gesellschaft über mich in Petersburg kümmerte mich nicht --
schmeichelte mir nicht im geringsten -- alles das kam mir lächerlich
vor. Ich fühlte, daß ich selbst schuld war, daß ich unvorsichtig, jung
gewesen war, daß ich meine Laufbahn zerstört hatte, und dachte nur
darüber nach, wie ich es wieder gut machen könnte. Ich fühlte die Kraft
und die Energie dazu in mir. Aus dem Gefängnis wurde ich, wie ich Ihnen
sagte, hierher in den Kaukasus zum N.-Regiment geschickt. Ich hatte
geglaubt -- fuhr er fort und wurde immer lebhafter -- hier im Kaukasus
sei -la vie de camp-, seien schlichte und brave Menschen, mit denen ich
verkehren werde, gäbe es Kriegsgefahren -- alles das würde zu meiner
Gemütsstimmung gerade passen, und ich würde ein neues Leben beginnen.
-On me verra au feu- -- man wird mich lieb gewinnen, mich schätzen
lernen, nicht bloß meines Namens wegen -- mir Orden geben, mich zum
Unteroffizier machen, die Strafe aufheben, und ich werde wieder in
die Heimat zurückkehren, -et vous savez avec ce prestige du malheur-.
Aber -quel désenchantement-! Sie können sich nicht vorstellen, wie
ich mich getäuscht habe! ... Sie kennen das Offizierkorps unseres
Regiments? -- Er schwieg ziemlich lange und schien zu erwarten, daß ich
ihm sagte, ich wüßte, wie schlecht die hiesigen Offiziere seien. Aber
ich antwortete ihm nicht. Es widerte mich an, daß er, wahrscheinlich,
weil ich französisch verstand, voraussetzte, ich müßte gegen das
Offizierskorps eingenommen sein, während ich im Gegenteil durch meinen
längern Aufenthalt im Kaukasus dahin gekommen war, es nach seinem Werte
zu beurteilen und tausendmal höher zu schätzen, als den Kreis, aus dem
Herr Guskow hervorgegangen war. Ich wollte ihm das sagen, aber seine
Lage fesselte mir die Zunge. -- Im N.-Regiment ist das Offizierskorps
tausendmal schlimmer als im hiesigen, fuhr er fort. -J'espère, que
c'est beaucoup dire-, d. h. Sie können sich nicht vorstellen, wie es
ist! Ich will gar nicht von den Junkern und den Gemeinen sprechen. Das
ist eine entsetzliche Gesellschaft! Sie nahmen mich anfangs gut auf,
das ist wahr, aber später, als sie sahen, daß sie mir verächtlich sein
mußten, an den unmerklichen, kleinen Beziehungen sahen sie das, Sie
wissen schon, daß ich ein ganz anderer Mensch sei, der weit über ihnen
stand, da wurden sie böse auf mich und fingen an, mir mit allerlei
kleinen Demütigungen heimzuzahlen. -Ce que j'ai eu à souffrir, vous
ne vous faites pas une idée.- Dann der unwillkürliche Verkehr mit den
Junkern, besonders -avec les petits moyens, que j'avais, je manquais
de tout-, ich hatte nur, was meine Schwester mir schickte. Ein Beweis
für das, was ich zu leiden hatte, ich, bei meinem Charakter, -avec ma
fierté, j'ai écris à mon père-, ich flehte ihn an, mir wenigstem etwas
zu schicken ... Ich begreife wohl, wenn man fünf Jahre ein solches
Leben geführt hat, kann man so werden, wie unser Degradierter Dromow,
der mit den Gemeinen trinkt und allen Offizieren Briefe schreibt, in
denen er bittet, ihm drei Rubel zu »leihen«, und die er -tout à vous-
Dromow unterschreibt. Man muß einen Charakter wie meinen haben, um
in dieser schrecklichen Lage nicht ganz zu versumpfen. -- Er ging
lange schweigend neben mir her. -- -Avez vous un papiros?- sagte er.
-- Ja, wo bin ich stehen geblieben? ... Ja. Ich konnte das nicht
aushalten, nicht körperlich; denn war es auch schrecklich, plagte
mich auch Kälte und Hunger, führte ich auch das Leben eines gemeinen
Soldaten, so hatten doch die Offiziere eine gewisse Achtung vor mir
-- auch besaß ich noch für sie ein gewisses -prestige-. Sie schickten
mich nicht auf Wachtposten, auf Übung. Ich hätte das nicht ertragen.
Aber seelisch litt ich entsetzlich. Und vor allem -- ich sah keinen
Ausweg aus dieser Lage. Ich schrieb an meinen Onkel, ich flehte ihn
an, mich in das hiesige Regiment zu versetzen, das wenigstens die
Feldzüge mitmacht, und dachte, hier ist Pavel Dmitrijewitsch, -qui est
le fils de l'intendant de mon père-, der wird mir wenigstens nützlich
sein können. Mein Onkel that das für mich -- ich wurde versetzt. Nach
jenem Regiment kam mir dieses wie eine Versammlung von Kammerherren
vor. Dann war Pavel Dmitrijewitsch da, er wußte, wer ich war, und
ich wurde vortrefflich aufgenommen. Auf die Bitte meines Onkels ...
Guskow, -vous savez-? ... Aber ich machte die Beobachtung, daß mit
diesen Menschen ohne Bildung und Intelligenz -- sie können einen
Menschen nicht achten und ihm ihre Achtung bezeigen, wenn er nicht
den Strahlenkranz des Reichtums, des Ansehens hat. Ich machte die
Beobachtung, wie allmählich, als sie erkannt hatten, daß ich arm war,
ihr Verkehr mit mir immer nachlässiger und nachlässiger und endlich
nahezu geringschätzig wurde. Das ist entsetzlich, aber es ist die volle
Wahrheit.
Hier habe ich an den Feldzügen teilgenommen, ich habe mich geschlagen,
-on m'a vu au feu-, fuhr er fort -- aber wann wird das ein Ende haben?
Ich glaube, nie; und meine Kräfte und meine Energie fangen an sich zu
erschöpfen. Dann habe ich mir -la guerre, la vie de camp- ausgemalt,
aber ich sehe, es ist alles ganz anders: in der Pelzjacke, ungewaschen,
in Soldatenstiefeln geht man auf verdeckten Posten und liegt die ganze
Nacht hindurch in einem Hohlweg mit dem ersten besten Antonow, der
wegen Trunksucht unter die Soldaten gesteckt ist, und jeden Augenblick
kann man vom Gebüsch her totgeschossen werden -- ich oder Antonow, das
ist ganz gleich ... Da thut's keine Tapferkeit, das ist entsetzlich,
-c'est affreux, ça tue-.
Nun ja, Sie können aber jetzt für den Feldzug Unteroffizier und im
nächsten Jahr Fähnrich werden, sagte ich.
Ja, ich kann es, man hat es mir versprochen, aber es sind noch zwei
Jahre hin, und vielleicht auch dann nicht, und was das heißt, solche
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