Bei Gott, die Fahne! ... Sieh, sieh! entgegnete der andere, indem er seufzte und vom Fernrohr fortging: die französische Fahne weht auf dem Malachow. Es ist unmöglich! XXIV Der ältere Koselzow, der in der Nacht noch tüchtig gespielt und erst gewonnen, dann wieder alles verloren hatte, sogar die in den Ärmel eingenähten Goldstücke, schlief noch am Morgen einen ungesunden, schweren, aber festen Schlaf in der Verteidigungskaserne der fünften Bastion, als von verschiedenen Stimmen wiederholt der verhängnisvolle Schrei ertönte: Alarm! Was schlafen Sie, Michajlo Ssemjonytsch! Sturm! schrie ihm plötzlich eine Stimme zu. Gewiß ein Schulbube ... murmelte er, die Augen öffnend, er glaubte es nicht. Plötzlich aber sah er einen Offizier ohne jeden ersichtlichen Zweck mit einem so bleichen Gesicht aus einer Ecke nach der andern laufen, daß er alles begriff. Der Gedanke, daß man ihn für einen Feigling halten könnte, der in so kritischer Stunde nicht zur Kompagnie gehen wolle, machte ihn ganz bestürzt. Er lief aus Leibeskräften zur Kompagnie. Das Geschützfeuer hatte aufgehört, das Gewehrgeknatter dagegen seinen Höhepunkt erreicht. Die Kugeln pfiffen nicht einzeln, wie aus Stutzen, sondern flogen, wie Scharen von Herbstvögeln, in Schwärmen über die Köpfe. Der ganze Platz, auf dem gestern sein Bataillon gestanden, war in Rauch gehüllt. Wirres Schreien und Rufen ließ sich hören. Verwundete und nicht verwundete Soldaten begegneten ihm in Scharen. Dreißig Schritte weiter sah er seine Kompagnie, die sich an eine Wand gestellt hatte. Sie haben die Schwarz-Redoute genommen, rief ein junger Offizier. Alles ist verloren! Unsinn! sagte er zornig, faßte seinen kleinen, eisernen, stumpfen Säbel und schrie: Vorwärts, Kinder! Urra--a! Die Stimme war klangvoll und kräftig, und regte Koselzow selber an. Er stürzte vorwärts den Querwall entlang; fünfzig Mann Soldaten eilten mit Geschrei hinter ihm her. Er lief hinter dem Querwall hervor auf einen offenen Platz. Die Kugeln flogen hageldicht. Zwei trafen ihn, aber wo und was sie ihm gethan, ob sie ihn gestreift oder verwundet, hatte er keine Zeit zu untersuchen. Vor ihm im Pulverdampf waren bereits blaue Waffenröcke und rote Hosen zu sehen und Geschrei zu hören, das nicht russisch war; ein Franzose stand auf der Brustwehr, schwenkte den Degen und schrie. Koselzow war überzeugt, daß er fallen werde: das verlieh ihm Tapferkeit. Er lief immer vorwärts und vorwärts. Einige Soldaten überholten ihn; andere zeigten sich von der Seite her und liefen ebenfalls mit. Die blauen Uniformen blieben in derselben Entfernung, indem sie vor ihm nach ihren Laufgräben zurückliefen; aber seine Füße stießen an Verwundete und Tote. Als Koselzow bereits den Außengraben laufend erreicht hatte, wurde es ihm schwarz vor den Augen, und er fühlte einen Schmerz in der Brust. Eine halbe Stunde darauf lag er auf einer Tragbahre bei der Nikolajew-Kaserne und wußte, daß er verwundet war, fühlte aber fast keinen Schmerz; er wollte nur etwas Kaltes trinken und ruhig liegen. Ein kleiner dicker Doktor mit schwarzem Vollbart kam zu ihm und knöpfte ihm den Mantel auf. Koselzow sah über das Kinn auf das, was der Doktor mit seiner Wunde machte, und auf das Gesicht des Doktors, empfand aber keinen Schmerz. Der Doktor bedeckte die Wunde mit dem Hemd, wischte sich die Finger an den Schößen seines Überrocks ab und ging schweigend, ohne den Verwundeten anzusehen, zu einem andern. Koselzow verfolgte unbewußt mit den Augen, was um ihn vorging, und da er sich erinnerte, was auf der fünften Bastion geschehen war, dachte er mit einem ungemein tröstenden Gefühl daran, wie er seine Pflicht brav erfüllt, wie er zum erstenmal während seiner ganzen Dienstzeit sich so gut als möglich benommen, und ihm niemand einen Vorwurf machen könne. Der Doktor, der einen andern verwundeten Offizier verband, sagte, auf Koselzow zeigend, etwas zu einem Geistlichen mit einem großen roten Barte, der mit einem Kreuze in der Hand dastand. Werde ich sterben? fragte Koselzow den Geistlichen, als dieser zu ihm herangekommen war. Der Geistliche sprach, ohne zu antworten, ein Gebet und reichte dem Verwundeten das Kreuz zum Kuß. Der Tod erschreckte Koselzow nicht. Er nahm mit schwachen Händen das Kreuz, drückte es an seine Lippen und begann zu weinen. Sind die Franzosen zurückgeworfen? fragte er mit fester Stimme den Geistlichen. Der Sieg ist überall den Unsrigen geblieben, antwortete der Geistliche, um den Verwundeten zu trösten. Er verbarg ihm, daß auf dem Malachow-Hügel bereits die französische Fahne wehte. Gott sei gelobt! rief der Verwundete und fühlte nicht, wie ihm die Thränen über die Wangen rannen. Der Gedanke an den Bruder blitzte einen Augenblick in seinem Kopfe auf. »Gott gebe ihm ein ebensolches Glück!« dachte er. XXV Aber ein solches Geschick erwartete Wolodja nicht. Er lauschte gerade einem Märchen, das ihm Waßin erzählte, als man plötzlich schrie: »Die Franzosen kommen!« Das Blut strömte ihm augenblicklich nach dem Herzen, er fühlte, wie seine Wangen kalt und bleich wurden. Eine Sekunde blieb er unbeweglich; als er sich aber umsah, beobachtete er, wie die Soldaten ziemlich ruhig ihre Mäntel zuknöpften und einer nach dem andern herauskrochen, -- der eine, wie es schien, war es Mjelnikow, sagte sogar scherzend: Bringt ihm Salz und Brot entgegen, Kinder! Wolodja kroch mit Wlang, der keinen Schritt von ihm wich, aus der Blindage heraus und lief zur Batterie. Das Artilleriefeuer war weder diesseits noch jenseits zu hören. Nicht so sehr das ruhige Aussehen der Soldaten, als vielmehr die klägliche, unverhohlene Feigheit des Junkers ermutigte ihn. »Darf ich denn wie dieser sein?« dachte er und lief frohen Muts zur Brustwehr, an der seine Mörser standen. Er konnte deutlich erkennen, wie die Franzosen über einen freien Platz gerade auf ihn zuliefen, und wie sich ihre Scharen, mit den in der Sonne blitzenden Bajonetten, in den nächsten Laufgräben bewegten. Ein kleiner breitschultriger Mann in Zuavenuniform, mit einem Degen, lief voran und sprang über die Gruben. Mit Kartätschen schießen! schrie Wolodja und stieg eilig von der Brustwehrbank herab; aber die Soldaten waren ihm zuvorgekommen, und der metallene Ton einer abgeschossenen Kartätsche pfiff über seinen Kopf hin, zuerst aus einem, dann aus einem zweiten Mörser. »Das erste! das zweite!« kommandierte Wolodja, indem er die Linie entlang von einem Mörser zum andern lief und vollständig die Gefahr vergaß. Von der Seite her ließ sich das nahe Gewehrfeuer unserer Bedeckungsmannschaft und unruhiges Geschrei hören. Plötzlich ertönte links, von einigen Stimmen wiederholt, ein erschütternder Schrei der Verzweiflung: »Wir sind umzingelt, umzingelt!« Wolodja sah sich auf den Schrei um. Zwanzig Mann Franzosen zeigten sich im Rücken. Einer von ihnen, ein hübscher Mann mit schwarzem Bart, war allen voran bis auf zehn Schritt an die Batterie herangekommen, hier blieb er stehen, feuerte direkt auf Wolodja und lief dann wieder auf ihn zu. Eine Sekunde stand Wolodja wie versteinert da und glaubte seinen Augen nicht. Als er wieder zu sich kam und sich umsah, befanden sich vor ihm auf der Brustwehr bereits blaue Uniformen; zehn Schritte von ihm vernagelten sogar zwei Franzosen eine Kanone. In seiner Nähe war außer Mjelnikow, der neben ihm von einer Gewehrkugel gefallen, und Wlang, der einen Geschützhebel erfaßt und mit wütendem Gesichtsausdruck und gesenkten Augen vorwärts stürzte, niemand mehr. »Mir nach, Wladimir Ssemjonytsch, mir nach!« schrie die verzweifelte Stimme Wlangs, der mit dem Hebel gegen die Franzosen ausholte, die von hinten gekommen waren. Des Junkers wütende Gestalt machte ihn stutzig. Einem der vordersten schlug er über den Kopf, und die anderen blieben unwillkürlich stehen. Wlang, der sich immer noch umsah und schrie: »Mir nach, Wladimir Ssemjonytsch! Was bleiben Sie stehen! Fliehen Sie!« -- lief zum Laufgraben, in dem unsere Infanterie lag und auf die Franzosen schoß. Er sprang in den Laufgraben, dann streckte er den Kopf wieder hervor, um zu sehen, was sein vergötterter Fähnrich mache. Auf dem Platze, wo Wolodja gestanden hatte, lag, mit dem Gesicht zur Erde, etwas im Mantel, und dieser ganze Platz war voll von Franzosen, die auf die Unsrigen schossen. XXVI Wlang fand seine Batterie in der zweiten Verteidigungslinie. Von den zwanzig Soldaten, die bei der Mörserbatterie gewesen, hatten sich nur acht gerettet. In der neunten Abendstunde setzte Wlang mit der Batterie auf einem mit Soldaten, Kanonen, Pferden und Verwundeten angefüllten Dampfer nach der Nordseite über. Die Schüsse hatten überall aufgehört. Die Sterne glänzten, wie in der vergangenen Nacht, hell am Himmel; aber ein heftiger Wind peitschte das Meer. Auf der ersten und zweiten Bastion flammten längs der Erde Blitze auf; Explosionen erschütterten die Luft und erhellten ringsumher schwarze, seltsame Gegenstände und in die Luft fliegende Steine. In der Nähe der Docks war ein Brand, und die rote Flamme spiegelte sich im Wasser. Die von Menschen überfüllte Brücke war durch ein auf der Nikolaj-Batterie brennendes Feuer erleuchtet. Die große Flamme schien über dem Wasser auf der fernen Landzunge der Alexander-Batterie zu stehen und erhellte den unteren Teil einer Rauchwolke, die über ihr lag, und wie gestern schimmerten die ruhigen, herausfordernden, fernen Lichter im Meer auf der feindlichen Flotte. Eine frische Brise bewegte die Bucht. Bei dem Scheine der Brände waren die Masten unserer immer tiefer und tiefer ins Wasser versenkten Schiffe sichtbar. Gespräch ließ sich auf dem Verdeck nicht hören; nur hörte man durch das gleichmäßige Geräusch der zerteilten Wellen und des Dampfes auf der Fähre die Pferde schnauben und mit den Füßen stampfen, die Kommandoworte des Kapitäns und das Stöhnen der Verwundeten. Wlang, der den ganzen Tag nichts gegessen hatte, holte sich ein Stück Brot aus der Tasche und begann es zu kauen; plötzlich aber erinnerte er sich Wolodjas und begann so laut zu weinen, daß die Soldaten in seiner Nähe es hörten. Sieh, unser Wlanga ißt Brot und weint dabei! sagte Waßin. 's ist wunderbar! entgegnete ein anderer. Sieh, auch unsere Kasernen haben sie angezündet ... fuhr er seufzend fort. Daran, daß von unsereinem so viele dort gefallen, hat der Franzose noch nicht genug! Mit knapper Not sind wir lebend von dort fortgekommen, und dafür sei dem Herrn Dank! sagte Waßin. Aber doch ist es kränkend ... Ach was, kränkend? Wird »er« denn dort herumspazieren? Wo denkst du hin? ... Gieb' acht, die Unsrigen werden ihm schon alles wieder abnehmen. Wieviel von unsereinem auch dort zu Grunde gegangen, aber, so wahr Gott heilig ist, wenn der Kaiser befiehlt -- wird's ihm abgenommen! Werden's ihm denn die Unsrigen so lassen? Gewiß nicht! ... Behalt dir nur die nackten Wände, die Schanzen sind sämtlich in die Luft gesprengt ... Auf dem Hügel hat er sein Fähnchen aufgesteckt, aber in die Stadt wagt er sich nicht. Wart' nur, mit dir wird schon noch abgerechnet werden ... Laß uns nur Zeit! schloß er, zu den Franzosen gewandt. Gewiß wird das geschehen! sagte der andere mit Überzeugung. Auf der ganzen Linie der Sewastopoler Bastionen, die viele Monate hindurch der Schauplatz strotzenden, energischen Lebens gewesen war, die so viele Monate hindurch mit angesehen hatten, wie die Soldaten, einer nach dem andern, hinstarben, die so viele Monate die Furcht, den Haß und endlich das Entzücken der Feinde erregt hatten, auf den Bastionen von Sewastopol war niemand mehr zu sehen. Alles war tot, öde, schrecklich, aber nicht still, -- noch immer wurde das Werk der Zerstörung fortgesetzt. Auf der durch frische Explosionen aufgerissenen und eingestürzten Erde lagen überall zerbogene Lafetten auf russischen und feindlichen Leichen, -- schwere gußeiserne, für immer verstummte Kanonen, die durch eine fürchterliche Gewalt in Gruben geworfen und halb mit Erde überschüttet waren, -- Bomben, Kanonenkugeln, wiederum Leichen, Gruben, Bruchstücke von Balken aus den Blindagen, und wieder stumme Leichen in grauen und blauen Mänteln. Das alles zitterte noch häufig nach und wurde durch die Purpurflamme der Explosion beleuchtet, die fortgesetzt die Luft erschütterte. Die Feinde sahen, daß etwas Unbegreifliches in dem schrecklichen Sewastopol geschehen war. Diese Explosionen und das Schweigen des Todes auf den Bastionen machten sie erzittern; sie wagten aber unter dem Eindruck des kräftigen, mutigen Widerstands des Tages noch nicht zu glauben, daß ihr unerschütterlicher Feind verschwunden sei, und erwarteten, ohne sich zu rühren, mit Beben das Ende der finstern Nacht. Wie das Meer in stürmischer, finstrer Nacht auf- und abschwillt und ängstlich erbebt in seiner ganzen Fülle und am Ufer brandet, so bewegte sich das Heer von Sewastopol langsam in undurchdringlicher Finsternis über die Brücke auf der Nordseite -- fort von dem Ort, auf dem es so viel tapfere Brüder gelassen, von dem Ort, der von seinem Blute getränkt war, von dem Ort, den es elf Monate lang gegen einen doppelt stärkeren Feind verteidigt und jetzt auf Befehl ohne Kampf verlassen mußte. Unbegreiflich und schwer war für jeden Russen der erste Eindruck dieses Befehls. Das zweite Gefühl war die Furcht vor Verfolgung. Die Leute fühlten sich widerstandsunfähig, sobald sie die Orte verlassen hatten, an denen sie zu kämpfen gewohnt waren, und drängten sich unruhig in der Finsternis am Anfang der Brücke zusammen, die von einem starken Wind hin- und hergeschaukelt wurde. Die Infanterie staute sich, ihre Bajonette stießen aneinander, die Regimenter, Wagen und Milizen drängten sich zusammen; berittene Offiziere mit Befehlen brachen sich Bahn; es weinten und baten die Einwohner und Offiziersburschen, deren beladene Wagen nicht durchgelassen wurden; mit Rädergerassel arbeitete sich die Artillerie zur Bucht durch, um so schnell als möglich davonzukommen. Obgleich alle von den verschiedensten unwichtigen Dingen in Anspruch genommen waren, war doch das Gefühl der Selbsterhaltung und der Wunsch, so schnell als möglich von diesem furchtbaren Orte des Todes hinwegzukommen, in der Seele eines jeden. Dieses Gefühl hatte der tödlich verwundete Gemeine, der unter fünfhunderten solcher Verwundeter auf dem Pflaster des Pauldammes lag und Gott um seinen Tod bat, der Landwehrmann, der sich mit äußerster Kraftanstrengung in die dichte Menge drängte, um dem vorüberreitenden General den Weg freizumachen, der General, der standhaft den Übergang leitete und gegen die Hast der Soldaten ankämpfte, der Matrose, der in ein marschierendes Bataillon geraten war und von der wogenden Menge so zusammengepreßt wurde, daß ihm der Atem verging, der verwundete Offizier, den vier Gemeine auf einer Bahre trugen und bei der Nikolai-Batterie niederließen, weil die gestaute Menschenmasse ihnen den Weg verstellte, der Artillerist, der sechzehn Jahre sein Geschütz bedient hatte und der es auf den Befehl der Führung, der ihm unverständlich war, mit Hilfe der Kameraden den steilen Abhang der Bucht hinabgestürzt hatte, die Seeleute, die eben das Wasser in die Schiffe einließen und in ihren Barkassen mit schnellem Ruderschlag davonfuhren. Fast jeder Soldat, der an das jenseitige Ufer gelangt war, nahm die Mütze ab und bekreuzte sich. Aber diesem Gefühl folgte ein anderes, schweres, nagendes und tieferes Gefühl: es war ein Gefühl der Reue, der Scham und der Wut. Fast jeder Soldat, der von der Nordseite aus nach dem verlassenen Sewastopol hinüberblickte, seufzte mit unsagbarer Trübsal im Herzen und drohte den Feinden. Kaukasische Erzählungen Ein Ueberfall -- Der Holzschlag Begegnung im Felde Vom Sommer 1851 bis zum Herbst 1853 war Leo Tolstoj als Offizier im Kaukasus. Die neue Welt, die ihn hier umgab, wirkte auf den Dichter mit solcher Macht ein, daß auch die kurze Zeit seines Aufenthalts ungemein reiche Früchte trug. Der Kaukasus lebte in der Vorstellung des gebildeten Russen als ein fernes Paradies, in dem der seelenkranke Westeuropäer Gesundung findet. Diese romantische Vorstellung von den Gebirgsländern, die an der Scheide Europas und Asiens liegen, hatten die Lyrik Puschkins, die Erzählerkunst Lermontows und die Romanschilderungen Marlinskijs erzeugt. Leo Tolstoj tritt an die neue Welt, die sich ihm aufthut, mit unverschleiertem Blick heran und entkleidet sie ihres erborgten Reizes. Nicht geringer ist für ihn die Majestät der Natur, nicht schwächer die Eindrücke, die der Mensch der Unkultur und der unter ihrem Einflusse veränderte russische Mann aus den niederen Schichten des Volks auf ihn machen. Aber anders *geartet* ist alles. Es ist der Unterschied des Wirklichkeitsbildes und der idealisierenden, absichtsvollen Selbsttäuschung. Die Werke, die dieser Zeit ihre Anregung verdanken, sind: »Ein Ueberfall«, »Der Holzschlag«, »Eine Begegnung im Felde mit einem Moskauer Bekannten« und »Die Kosaken«. Ich habe alle vier (in meiner Biographie Leo Tolstojs) unter dem gemeinsamen Titel »*Kaukasische Erzählungen*« zusammengefaßt. Nicht alle vier sind im Kaukasus selbst niedergeschrieben: »Ein Ueberfall« ist aus dem Jahre 1852, »Der Holzschlag« ist in den Jahren 1854/55 zu Papier gebracht, mitten unter den Stürmen der Sewastopoler Kämpfe, »Eine Begegnung im Felde« stammt aus dem Jahre 1856, und »Die Kosaken« sind gar erst ein Jahrzehnt später (1861) zum Abschluß gediehen und im Jahre 1863 veröffentlicht. Alle diese Erzählungen durchzieht als leitender Gedanke: die Abneigung gegen die Kultur und *die* Gesellschaftsschicht, die sich als ihre ausschließliche Eigentümerin fühlt, und die Liebe zu dem schlichten Volk, das unbewußt Tugenden bewahrt hat, die dem Gebildeten fehlen. Hie und da bricht auch schon ernster die Verabscheuung des Krieges hindurch, eine Idee, die später, gestützt auf den Satz des Evangeliums: »daß ihr nicht widerstreben sollt dem Uebel« zu einer der wichtigsten Grundsätze Tolstojscher Weltanschauung geworden ist. R. L. Ein Ueberfall Erzählung eines Freiwilligen I Es war am 12. Juli, Kapitän Chlopow trat in Epauletten und Säbel -- einer Uniform, in der ich ihn seit meiner Ankunft im Kaukasus noch nie gesehen hatte -- durch die niedrige Thür meiner Erdhütte ein. Ich komme direkt vom Obersten, antwortete er auf den fragenden Blick, mit dem ich ihm entgegenkam. Morgen rückt unser Bataillon aus. Wohin? fragte ich. Nach N. N., dort sollen sich die Truppen sammeln. Und von da wird es gewiß einen Marsch geben. Wahrscheinlich. Wohin aber, was glauben Sie? Was ich glaube? Ich sage Ihnen, was ich weiß. Gestern Nacht kam ein Tatar vom General hergesprengt und brachte den Befehl, das Bataillon solle ausrücken und für zwei Tage Zwieback mitnehmen; wohin es geht, weshalb und wie lange, danach, Freundchen, fragt man nicht; der Befehl ist da, und das genügt. Wenn aber nur für zwei Tage Zwieback mitgenommen werden soll, so werden wohl auch die Mannschaften nicht länger unterwegs bleiben? Nun, das will noch gar nichts sagen ... Wie denn aber? fragte ich verwundert. Das ist einmal so! Wir marschierten nach Dargi, für acht Tage nahmen wir Zwieback mit und blieben fast einen Monat dort. Werde ich mit Ihnen mitgehen dürfen? fragte ich nach einer kurzen Pause. Dürfen werden Sie schon, aber ich rate Ihnen, gehen Sie lieber nicht mit. Warum sollen Sie Ihr Leben aufs Spiel setzen? ... Nein, Sie müssen mir schon gestatten, Ihrem Rate nicht zu folgen. Ich habe hier einen ganzen Monat ausgehalten, um endlich die Gelegenheit abzuwarten, ein Gefecht mit anzusehen, und nun wollen Sie, daß ich sie vorübergehen lasse. Bitte, kommen Sie mit; aber, wahrhaftig, ist es nicht gescheiter, Sie bleiben hier? Sie könnten hier abwarten, bis wir wiederkommen, Sie könnten jagen, und wir werden mit Gott ausrücken. Das wäre prächtig! -- sagte er in so überzeugendem Tone, daß es mir im ersten Augenblick wirklich so vorkam, als wäre das herrlich; dann sagte ich entschlossen, daß ich um keinen Preis zurückbleibe. Und was wollen Sie denn dort sehen? fuhr der Kapitän fort mir zuzureden. Sie möchten gern wissen, wie es in einer Schlacht zugeht? Lesen Sie Michajlowskij-Danilewskijs »Beschreibung des Kriegs«, ein wundervolles Buch! Da ist alles ausführlich beschrieben: wo die einzelnen Korps gestanden haben, wie die Schlachten vor sich gehen. O nein, das interessiert mich nicht, antwortete ich. Nun was denn: Sie wollen also, wie es scheint, einfach mit ansehen, wie man Menschen totschlägt? ... Da war hier im Jahre 32 auch so ein Civilist, ein Spanier war es, glaube ich. Zwei Feldzüge hat er mit uns mitgemacht, in seinem blauen Mäntelchen -- schließlich haben sie den Burschen abgemurkst. Hier, Väterchen, wird kein Mensch dich viel bewundern ... So peinlich es mir auch war, daß der Kapitän meine Absicht in so häßlichem Sinne auslegte, gab ich mir doch keine Mühe, ihm eine andere Überzeugung beizubringen. War er tapfer? fragte ich ihn. Das weiß Gott: er war immer in den ersten Reihen; wo man Gewehrknattern hörte, sah man ihn. Er muß also wohl tapfer gewesen sein, sagte ich. Nein, das nennt man nicht tapfer, wenn einer überall herumrennt, wo man ihn nicht braucht ... Was nennen Sie also tapfer? Tapfer? ... Tapfer? wiederholte der Kapitän, mit der Miene eines Menschen, dem eine solche Frage zum erstenmal vorgelegt wird: *Tapfer* ist, *wer sich so benimmt, wie sich's gehört*, sagte er nach einigem Nachdenken. Mir fiel ein, daß Plato die Tapferkeit definiert als »die Kenntnis dessen, was man zu fürchten hat und was man nicht zu fürchten hat«, und trotz der Allgemeinheit und Unklarheit des Ausdrucks in der Definition des Kapitäns, meinte ich, der Grundgedanke beider sei gar nicht so schlecht, wie es scheinen mochte, ja die Definition des Kapitäns sei sogar richtiger, als die Definition des griechischen Philosophen; denn hätte er sich so auszudrücken verstanden, wie Plato, so würde er sicher gesagt haben: Tapfer ist, wer nur das fürchtet, *was man fürchten muß*, und nicht das, *was man nicht zu fürchten braucht*. Ich hatte Lust, dem Kapitän meinen Gedanken klarzumachen. Ja, sagte ich, in jeder Gefahr, glaube ich, haben wir eine Wahl, und eine Wahl, die z. B. unter dem Einfluß des Pflichtgefühls getroffen ist, ist Tapferkeit, und eine Wahl, die unter dem Einfluß eines niedrigen Gefühls getroffen ist, ist Feigheit; darum kann man einen Menschen, der aus Eitelkeit, aus Neugier oder aus Habsucht sein Leben aufs Spiel setzt, nicht tapfer nennen, und umgekehrt einen Menschen, der unter dem Einfluß des ehrenwerten Gefühls von Familienpflicht oder einfach der Überzeugung -- einer Gefahr aus dem Wege geht, nicht einen Feigling nennen. Der Kapitän sah mich, während ich sprach, mit einem sonderbaren Blick an. Ja, das verstehe ich nicht mehr, sagte er und stopfte dabei sein Pfeifchen; aber wir haben hier einen Junker, der philosophiert euch gern. Mit dem müssen Sie sprechen. Er macht auch Verse. Ich hatte den Kapitän erst im Kaukasus kennen gelernt, aber gekannt hatte ich ihn schon in Rußland. Seine Mutter, Maria Iwanowna Chlopowa, war Besitzerin eines kleinen Gütchens, zwei Werst von meiner Besitzung. Vor meiner Abreise nach dem Kaukasus war ich bei ihr gewesen; die Alte war sehr erfreut, daß ich ihren Paschenka (wie sie den alten, grauen Kapitän nannte) aufsuchen wollte und -- ein lebendiger Brief -- ihm von ihrem Leben und Treiben erzählen und ein Päckchen überbringen konnte. Sie hatte mir einen vorzüglichen Pirogg und Spickgans vorgesetzt, dann ging sie in ihr Schlafzimmer und kam von da mit einem schwarzen, ziemlich großen Heiligenbilde zurück, an dem ein Seidenbändchen befestigt war. Das ist das Bild unserer Mutter Gottes, der Fürsprecherin, vom brennenden Dornbusch, sagte sie, bekreuzte sich, küßte das Bild der Gottesmutter und überreichte es mir: überbringen Sie ihm das, Väterchen. Sehen Sie, als er nach dem Kaukasus ging, habe ich eine Messe lesen lassen und ein Gelübde gethan, wenn er gesund und unversehrt bleibt, dieses Mutter-Gottesbild zu bestellen. Nun sind es schon achtzehn Jahre, daß die barmherzige Fürsprecherin und die Heiligen ihn schützen; nicht ein einziges Mal war er verwundet, und in wieviel Schlachten ist er schon gewesen! ... Wie mir Michajlo, der mit ihm war, zu erzählen anfing, glauben Sie mir, die Haare stehen einem zu Berge; sehen Sie, was ich von ihm weiß, weiß ich alles nur von fremden Leuten, er selbst, mein Täubchen, schreibt nichts von seinen Kriegszügen -- er fürchtet mich zu ängstigen. (Schon im Kaukasus hatte ich erfahren, und zwar nicht von dem Kapitän selbst, daß er viermal schwer verwundet gewesen, und es versteht sich von selbst, daß er über die Verwundungen wie über die Feldzüge nie seiner Mutter ein Wort geschrieben hatte.) Dieses Heiligenbild soll er nun auf seiner Brust tragen, fuhr sie fort, ich segne ihn damit. Die heilige Fürsprecherin wird ihn beschützen! Besonders in der Schlacht soll er es immer tragen. Sag's ihm, Väterchen, das läßt dir deine Mutter sagen. Ich versprach ihren Auftrag pünktlich auszuführen. Ich weiß, Sie werden ihn liebgewinnen, meinen Paschenka, fuhr die Alte fort, er ist ein so prächtiger Mensch! Wollen Sie glauben, kein Jahr geht vorüber, in dem er mir nicht Geld schickt, und meine Tochter, die Annuschka, unterstützt er auch sehr; und alles nur von seinem Gehalt! Mein ganzes Leben werde ich Gott danken, schloß sie mit Thränen in den Augen, daß er mir ein solches Kind geschenkt hat. Schreibt er Ihnen oft? fragte ich. Selten, Väterchen, so einmal im Jahre, wenn er Geld schickt, schreibt er wohl ein Wörtchen, sonst nicht. Wenn ich dir nicht schreibe Mütterchen, sagt er, dann bin ich gesund und munter, und wenn, was Gott verhüte, etwas passiert, so wirst du es auch so erfahren. Als ich dem Kapitän das Geschenk der Mutter überreichte (es war in meinem Zimmer), bat er mich um Umschlagpapier, hüllte es sorgfältig ein und steckte es in die Tasche. Ich erzählte ihm viel und ausführlich über das Leben seiner Mutter -- der Kapitän schwieg. Als ich mit meiner Erzählung zu Ende war, ging er in die Ecke und stopfte auffallend lange sein Pfeifchen. Ja, eine prächtige Frau! sagte er von dort her mit etwas dumpfer Stimme. Ob's mir Gott noch vergönnt, sie wiederzusehen? In diesen einfachen Worten lag sehr viel Liebe und Sehnsucht. Warum dienen Sie hier? sagte ich. Man muß doch dienen, antwortete er mit Überzeugung, für einen armen Teufel wie unsereins will das doppelte Gehalt viel sagen. Der Kapitän lebte sparsam: Karten spielte er nicht, Wein trank er selten und rauchte einen einfachen Tabak, den er, ich weiß nicht warum, nicht Rauchtabak, sondern sambrotalischen Tabak nannte. Der Kapitän hatte mir schon früher gefallen: er hatte eine von den schlichten, ruhigen, russischen Physiognomien, denen man mit Vergnügen und leicht gerade in die Augen sieht; nach dieser Unterhaltung aber empfand ich vor ihm wahre Hochachtung. II Am folgenden Tage, um vier Uhr morgens, kam der Kapitän, mich abzuholen. Er trug einen alten, abgetragenen Rock ohne Epauletten, breite Hosen, eine weiße Fellmütze, mit ausgegangenem, gelbgewordenem Schafpelz und einen unansehnlichen, asiatischen Säbel über die Schulter. Der kleine Schimmel, den er ritt, ging mit gesenktem Kopfe in ruhigem Schritt und schlug beständig mit seinem dünnen Schweife um sich. Obgleich in der Erscheinung des guten Kapitäns nicht nur wenig Kriegerisches, sondern auch wenig Schönes lag, sprach aus ihr doch so viel Gleichgültigkeit gegen alles, was ihn umgab, daß sie unwillkürlich Achtung einflößte. Ich ließ ihn nicht einen Augenblick warten, bestieg sofort mein Pferd, und wir ritten zusammen zum Festungsthore hinaus. Das Bataillon war uns schon 200 Faden voraus und sah wie eine schwarze, kompakte, schwankende Masse aus. Nur *daran* konnte man erkennen, daß es Infanterie war, daß die Bajonette wie dichte, lange Nadeln zu sehen waren; von Zeit zu Zeit schlugen die Töne eines Soldatenliedes, einer Trommel oder eines prächtigen Tenors aus der sechsten Kompagnie, den ich schon oft in der Festung mit Entzücken gehört hatte, an unser Ohr. Der Weg ging mitten durch einen tiefen und breiten Engpaß am Ufer eines kleinen Flüßchens entlang, der gerade um diese Zeit »spielte«, d. h. über die Ufer trat. Scharen wilder Tauben flatterten um den Fluß: bald setzten sie sich auf das steinige Ufer, bald beschrieben sie in der Luft schnelle Kreise und entschwanden unsern Blicken. Die Sonne war noch nicht zu sehen, aber der Gipfel der rechten Seite des Engpasses wurde heller und heller. Die grauen und weißlichen Steine, das gelbgrüne Moos, die taubedeckten Sträucher des Kreuzdorns, der Mispel und der Korkulme traten mit außerordentlicher Deutlichkeit und Plastik in dem durchsichtigen, goldigen Licht der aufgehenden Sonne hervor; dagegen war die andere Seite und der Hohlweg in dichten Nebel gehüllt, der in rauchartigen ungleichen Schichten wogte, feucht und düster, und boten ein unbestimmbares Gemisch von Farben: blaßlila, fast schwarz, dunkelgrün und weiß. Dicht vor uns an dem dunklen Azur des Horizonts schimmerten in überraschender Helligkeit die hellweißen, matten Massen der Schneeberge mit ihren wunderlichen, bis in die kleinsten Einzelheiten schönen Schatten und Umrissen. Grillen, Heuschrecken und tausend andere Insekten erwachten im hohen Grase und erfüllten die Luft mit ihrem hellen, ununterbrochenen Klingen: es war, als ob eine zahllose Menge winziger Glöckchen in unsern eigenen Ohren tönte. Die Luft duftete nach Wasser, Gras und Nebel, mit einem Wort, sie duftete nach einem schönen Sommermorgen. Der Kapitän schlug Feuer und zündete sein Pfeifchen an, der Geruch des sambrotalischen Tabaks und des Zunders kam mir außerordentlich angenehm vor. Wir ritten neben dem Weg einher, um die Infanterie schneller einzuholen. Der Kapitän schien nachdenklicher als gewöhnlich, ließ sein daghestanisches Pfeifchen nicht aus dem Munde und stieß bei jedem Schritt mit den Fersen sein Pferd an, das, von einer Seite auf die andere schwankend, eine kaum merkliche, dunkelgrüne Spur in dem feuchten, hohen Grase zurückließ. Unter seinen Füßen flog mit Gackern und mit dem Flügelschlage, bei dem der Jäger unwillkürlich zusammenzuckt, ein Fasan auf und stieg langsam in die Höhe. Der Kapitän schenkte ihm nicht die geringste Aufmerksamkeit. Wir hatten das Bataillon beinahe schon eingeholt, als hinter uns der Hufschlag eines heransprengenden Pferdes hörbar wurde, und in demselben Augenblick sprengte ein sehr hübscher, junger Bursche in Offiziersuniform und in einer hohen, weißen Fellmütze vorüber. Als er uns erreicht hatte, lächelte er, nickte dem Kapitän zu und schwang sein Peitschchen ... Ich hatte Zeit zu bemerken, daß er mit besonderer Anmut im Sattel saß und die Zügel hielt, und daß er schöne, schwarze Augen, eine feine Nase und ein eben sprossendes Schnurrbärtchen hatte. Besonders hatte mir an ihm gefallen, daß er das Lächeln nicht hatte unterdrücken können, nachdem er gesehen, daß wir Freude an seinem Anblick hatten. Aus diesem Lächeln allein hätte man schon schließen können, daß er noch sehr jung war. Wohin eilt er? brummte der Kapitän mit mürrischer Miene, ohne den Tschibuck aus dem Munde zu nehmen. Wer ist das? fragte ich. Der Fähnrich Alanin, ein Subaltern-Offizier meiner Kompagnie ... Er ist erst im vorigen Monat aus dem Kadettenkorps hierher gekommen. Er geht gewiß zum erstenmal in eine Schlacht? sagte ich. Darum ist er auch so glücklich ... -- antwortete der Kapitän, tiefsinnig den Kopf wiegend. O, die Jugend! Warum sollte er denn nicht froh sein? Ich kann mir wohl denken, daß das für einen jungen Mann sehr interessant sein muß. Der Kapitän schwieg einige Minuten. Ja, ja, ich sage: die Jugend! fuhr er in tiefem Tone fort, wie kann man sich freuen, ehe man noch etwas gesehen hat? Wenn du erst öfter ins Feld gezogen bist, wirst du dich nicht mehr freuen. Wir sind jetzt, sagen wir, zwanzig Offiziere, einer oder der andere fällt oder wird verwundet, das ist gewiß. Heut gilt es mir, morgen gilt es dir, übermorgen einem dritten: was giebt es da für einen Grund zur Freude? III Die helle Sonne war kaum hinter dem Berge hervorgekommen und ergoß ihr Licht in das Thal, durch das wir zogen, die wogenden Nebelwolken zerstreuten sich, und es wurde heiß. Die Soldaten marschierten mit ihren Gewehren und Säbeln auf dem Rücken langsam die staubige Straße dahin, in den Reihen hörte man von Zeit zu Zeit ein Gespräch in kleinrussischer Mundart und Gelächter. Einige alte Soldaten in weißen Kitteln, -- meist Unteroffiziere --, gingen neben dem Wege, mit dem Pfeifchen im Munde, und plauderten ruhig. Vollgepackte, dreispännige Fuhren bewegten sich Schritt für Schritt vorwärts und wirbelten den dichten, schwerfälligen Staub auf. Die Offiziere ritten voran: die einen dshigitierten, wie man im Kaukasus sagt, d. h. sie schlugen das Pferd mit der Peitsche und ließen es vier, fünf Sprünge machen, dann parierten sie es auf der Stelle und schwenkten den Kopf nach rückwärts. Die anderen schenkten den Spielleuten ihre Aufmerksamkeit, die trotz Glut und Stickluft unermüdlich ein Lied nach dem andern spielten. Gegen 100 Faden vor der Infanterie ritt auf einem großen Schimmel neben den berittenen Tataren ein schlanker und schöner Offizier in asiatischer Tracht; er war im ganzen Regiment wegen seiner tollkühnen Tapferkeit bekannt und als ein Mann, »der jedem die Wahrheit in die Augen wirft«. Er trug ein schwarzes Beschmet mit Silberborte, ebensolche Beinkleider, neue, eng an den Füßen anliegende Stiefel mit Tschirasen (Galons), einen gelben Tscherkessenrock und eine hohe nach hinten eingedrückte Fellmütze. Über Brust und Rücken liefen silberne Borten, daran hingen auf dem Rücken Pulverhorn und Pistole; eine zweite Pistole und ein Dolchmesser in silberner Scheide hingen am Gürtel. Über der Kleidung war sein Säbel in schöner Saffianscheide mit Silberbesatz umgürtet, über die Schultern hing die Windbüchse in schwarzem Überzug. Aus seiner Tracht, seiner Haltung und aus seinem ganzen Gebahren, überhaupt an allen seinen Bewegungen war ersichtlich, daß er sich Mühe gab, wie ein Tatar auszusehen. Er sprach auch mit den Tataren, die neben ihm ritten, in einer mir unbekannten Sprache; aber an den verwunderten, spöttischen Blicken, die diese letzteren einander zuwarfen, glaubte ich zu erkennen, daß sie ihn nicht verstanden. Es war einer von unseren jungen Offizieren, einer der kühnen Ritter und Dshigiten, die sich an dem Muster von Marlinskij und Lermontow schulen. Diese Leute sehen den Kaukasus nur durch das Prisma der Helden unserer Zeit, eines Mulla Nur und ähnlicher und lassen sich in allen ihren Handlungen nicht von den eigenen Neigungen leiten, sondern von dem Beispiel dieser Vorbilder. Der Leutnant z. B. war vielleicht gern in Gesellschaft anständiger Frauen und ernster Männer: Generale, Obersten, Adjutanten -- ja, ich bin überzeugt, daß er sehr gern in solcher Gesellschaft war, denn er war im höchsten Grade eitel; aber er hielt es für seine unbedingte Pflicht, allen ernsten Männern seine rauhe Seite zuzukehren, wenn er auch in seiner Derbheit sehr maßvoll war; und ließ sich eine Dame in der Festung sehen, so hielt er es für seine Pflicht, mit seinen Kameraden bloß in einem roten Hemd und mit Fußlappen an den nackten Beinen an ihrem Fenster vorüberzugehen und so laut als möglich zu schreien und zu schelten, weniger in der Absicht, sie zu kränken, als in der Absicht, zu zeigen, was er für schöne weiße Füße habe, und wie man sich in ihn verlieben könnte, wenn er das nur wollte. Oder er zog häufig mit zwei, drei russenfreundlichen Tataren ganze Nächte in die Berge und lagerte am Wege, um den feindlichen Tataren, die vorüberkamen, aufzulauern und sie zu töten; und obgleich ihm sein Herz oft genug sagte, daß darin nichts Heldenhaftes liege, hielt er sich für verpflichtet, den Menschen Leid zuzufügen, die ihm, wie er meinte, Enttäuschungen bereitet, und die er verachtete und haßte. Zwei Dinge legte er nie ab: ein ungeheueres Heiligenbild, das er um den Hals trug, und das Dolchmesser, das über dem Hemd hing, und mit dem er sich auch zu Bette legte. Er war aufrichtig davon überzeugt, daß er Feinde habe. Sich selbst zu überzeugen, daß er an jemandem Rache zu nehmen und mit Blut eine Beleidigung zu sühnen habe, war für ihn der höchste Genuß. Er war überzeugt, daß die Gefühle des Hasses, der Rache und der Verachtung des Menschengeschlechts die erhebendsten poetischen Gefühle seien. Seine Geliebte aber, -- natürlich eine Tscherkessin -- mit der ich später zufällig zusammentraf, erzählte, er sei der beste und sanfteste Mensch, und er schreibe jeden Abend seine düsteren Aufzeichnungen nieder, trage auf Rechnungspapier seine Ausgaben und Einnahmen ein und knie jeden Abend zum Gebete nieder. Und wieviel hatte er gelitten, nur um vor sich selbst als das zu erscheinen, was er sein wollte, weil seine Kameraden und die Soldaten ihn nicht verstehen konnten, wie er gern verstanden sein mochte! Einst auf einem seiner nächtlichen Straßenstreifzüge mit den Genossen, verwundete er mit einer Kugel einen feindlichen Tschetschenzen am Fuß und nahm ihn gefangen. Dieser Tschetschenze lebte dann sieben Wochen bei dem Leutnant, er behandelte ihn, pflegte ihn wie seinen besten Freund, und als er geheilt war, entließ er ihn mit Geschenken. Später einmal, während eines Kriegszugs, als der Leutnant mit der Vorpostenkette zurückwich und sich gegen den Feind durch Schießen verteidigte, hörte er aus den Reihen der Feinde seinen Namen rufen, und sein verwundeter Freund kam hervorgeritten und forderte den Leutnant durch Geberden auf, dasselbe zu thun. Der Leutnant ritt zu seinem Kunak (Freunde) heran und drückte ihm die Hand. Die Bergbewohner standen in der Nähe und schossen nicht; als aber der Leutnant sein Pferd umwandte, schossen mehrere Mann auf ihn, und eine Kugel streifte ihn unterhalb des Rückens. Ein andermal habe ich selbst gesehen, wie in der Festung zur Nacht Feuer ausbrach. Zwei Kompagnien Soldaten waren mit dem Löschen beschäftigt, plötzlich erschien mitten in der Menge, beleuchtet von dem Purpurschein des Brandes, die hohe Gestalt eines Mannes auf einem Rappen. Die Gestalt drängte die Menge auseinander und ritt mitten auf das Feuer zu. Als der Leutnant ganz nahe herangekommen war, sprang er vom Pferde und stürzte in das Haus, das von einer Seite lichterloh brannte. Fünf Minuten später kam der Leutnant mit versengten Haaren und mit angebranntem Ellbogen zurück und trug zwei Tauben unter der Achsel, die er aus den Flammen gerettet hatte. Er hieß Rosenkranz; er sprach aber oft von seiner Herkunft, leitete sie von den Warägern ab und suchte klar zu beweisen, daß er und seine Vorfahren echte Russen waren. IV Die Sonne hatte die Hälfte ihres Wegs zurückgelegt und sandte ihre glühenden Strahlen durch die erhitzte Luft auf die trockene Erde herab. Der dunkelblaue Himmel war vollkommen klar, nur der Fuß der Schneeberge begann sich in ein weißes, leichtes Wolkengewand zu hüllen. Die regungslose Luft schien von einem durchsichtigen Staub erfüllt zu sein, es war unerträglich heiß geworden. Als die Truppen an einen kleinen Bach gekommen waren, der auf der Hälfte unseres Weges floß, hielten sie Rast. Die Soldaten stellten die Gewehre zusammen und rannten an den Bach; der Bataillons-Kommandeur setzte sich im Schatten auf eine Trommel nieder, gab seinem vollen Gesicht die ganze Würde seiner Stellung und machte sich mit einigen Offizieren zum Imbiß bereit; der Kapitän legte sich im Grase unter einem Fouragewagen nieder; der tapfere Leutnant Rosenkranz und noch einige andere junge Offiziere lagerten sich auf ihre ausgebreiteten Filzmäntel und trafen Anstalten zum Zechen, wie man aus den herumstehenden Flaschen sehen konnte, besonders aber aus der angeregten Stimmung der Spielleute, die im Halbkreise um sie herumstanden und mit Pfeifenbegleitung ein kaukasisches Tanzlied nach der Weise der Lesginka spielten: Schamyl wollte revoltiren In vergangnen Jahren, Traj--raj, ra--ta--taj ... In vergangenen Jahren. Unter diesen Offizieren war auch der blutjunge Fähnrich, der uns am Morgen vorausgeritten war. Er war sehr drollig: seine Augen leuchteten, seine Zunge lallte; er wollte alle Leute küssen und ihnen seine Liebe gestehen ... Armer Junge! er wußte noch nicht, daß man in diesem Zustande lächerlich sein kann, daß seine Offenheit und die Zärtlichkeit, die er allen aufdrängte, die anderen nicht zu der Liebe stimmte, nach der er sich sehnte, sondern zum Spott. -- Er wußte auch nicht, daß er nachher, als er sich in glühender Erregung endlich auf seinen Filzmantel warf, sich in die Hand stützte und sein schwarzes, dichtes Haar zurückwarf, außerordentlich hübsch war. Zwei Offiziere saßen unter dem Fouragewagen und spielten auf ihren Reisekästchen Karten. Neugierig lauschte ich auf die Gespräche der Soldaten und Offiziere und betrachtete aufmerksam ihren Gesichtsausdruck; aber ich konnte bei niemandem auch nur einen Schatten der Unruhe bemerken, die ich empfand: Scherze, Gelächter, Erzählungen deuteten auf eine allgemeine Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit gegen die bevorstehende Gefahr hin. Als könnte man gar nicht vermuten, daß vielen von ihnen bestimmt sein sollte, nicht wieder auf diesem Wege zurückzukommen. V Um 7 Uhr abends zogen wir staubbedeckt und müde durch das breite, befestigte Thor der Festung N. N. ein. Die Sonne hatte sich gesenkt und warf ihre schrägen, rosigen Strahlen auf die malerischen Geschützstände und die Gärten mit den hohen Pappeln, die die Festung umgaben, auf die bestellten, gelblich schimmernden Felder und auf die weißen Wolken, die sich auf den Schneebergen türmten, als ob sie es ihnen nachthun wollten, und eine nicht minder wunderliche und schöne Kette bildeten. Der junge Halbmond schimmerte wie ein durchsichtiges Wölkchen am Horizont. Im Aul, der vor dem Thore lag, rief ein Tatar, der auf dem Dach einer Erdhütte stand, die Rechtgläubigen zum Gebet; die Spielleute setzten mit neuem Mut und mit frischer Kraft ein. Nachdem ich ein wenig ausgeruht und mich zurechtgemacht hatte, ging ich zu einem mir bekannten Adjutanten. Ich wollte ihn bitten, dem General von meiner Absicht Meldung zu machen. Auf dem Wege von der Vorstadt, wo ich Quartier genommen hatte, hatte ich Gelegenheit, in der Festung N. N. manches zu beobachten, was ich keineswegs erwartet hatte. Eine hübsche, zweisitzige Kutsche, in der ein neumodisches Hütchen zu sehen und französische Unterhaltung zu hören war, fuhr an mir vorüber. Aus dem geöffneten Fenster des Kommandanturgebäudes drangen die Klänge einer »Lieschen«- oder »Käthchenpolka«, die auf einem schlechten, verstimmten Klavier gespielt wurden. In dem Gasthaus, an dem ich vorüberkam, saßen, die Cigaretten in den Händen, einige Schreiber beim Glase Wein, und ich hörte, wie der eine zum andern sagte: »Ich muß sehr bitten, was die Politik betrifft, war Maria Grigorjewna bei uns die erste Dame.« Ein buckliger Jude in einem abgetragenen Rock und von kränklichem Aussehen schleppte mühsam einen krächzenden, zerbrochenen Leierkasten, und über die ganze Vorstadt erklangen die Töne des Finales aus Lucia. Zwei Frauen in rauschenden Kleidern und seidenen Halstüchern mit hellfarbigen Sonnenschirmen in den Händen gingen auf dem Fußsteig von Holz leichten Schritts an mir vorüber. Zwei junge Mädchen, eine in einem rosa, die andere in einem blauen Kleide, standen unbedeckten Hauptes an dem Erdaufwurf eines niedrigen Häuschens und lachten mit einem unnatürlichen, hellen Lachen; sie wünschten offenbar die Aufmerksamkeit der vorübergehenden Offiziere auf sich zu lenken. Offiziere in neuen Röcken, weißen Handschuhen und glänzenden Achselbändern stolzierten durch die Straße und über den Boulevard. Ich traf meinen Bekannten im Erdgeschoß des Generalsgebäudes. Kaum hatte ich ihm meinen Wunsch klar gemacht, und er mir gesagt, daß er sehr leicht erfüllt werden könne, als an dem Fenster, an dem wir saßen, die hübsche Kutsche vorübergerollt kam, die ich auf dem Wege bemerkt hatte. Aus der Kutsche stieg ein schlanker, sehr stattlicher Mann in Infanterie-Uniform mit Majorsepauletten und ging zum General. Ach, verzeihen Sie, bitte, sagte der Adjutant und erhob sich von seinem Platze, ich muß unbedingt dem General Meldung machen. Wer ist denn angekommen? fragte ich. Die Gräfin, antwortete er, knöpfte die Uniform zu und eilte hinauf. Nach wenigen Minuten kam ein untersetzter, sehr hübscher Mann in einem Rock ohne Epauletten mit einem weißen Kreuz im Knopfloch auf die Freitreppe hinaus. Ihm folgte der Major, der Adjutant und noch zwei andere Offiziere. Aus dem Gange, aus der Stimme, aus allen Bewegungen des Generals sprach ein Mensch, der sich seines hohen Wertes wohl bewußt ist. -Bon soir, madame la comtesse-, sagte er und reichte ihr durch das Wagenfenster die Hand. Eine kleine Hand in einem Handschuh aus feinem Hundeleder drückte seine Hand, und ein hübsches, lächelndes Gesichtchen in gelbem Hut erschien an dem Fenster des Wagens. Von dem ganzen Gespräch, das nur wenige Minuten dauerte, hörte ich nur im Vorübergehen, wie der General lächelnd sagte: -Vous savez, que je fait v[oe]u de combattre les infidèles, prenez donc garde de le devenir.- Im Wagen erklang ein Lachen. -Adieu donc, cher général.- -Non, au revoir-, sagte der General, indem er die Stufen der Treppe hinausging, -n'oubliez pas, que je m'invite pour la soirée de demain-. Der Wagen rollte weiter. »Das ist doch noch ein Mensch, dachte ich auf dem Heimwege, der alles hat, was man in Rußland erreichen kann: Stellung, Reichtum, Ansehen; und dieser Mensch scherzt vor einer Schlacht, deren Ausgang Gott allein kennt, mit einer hübschen Dame, verspricht ihr, am nächsten Tage zum Thee zu kommen, gerade so, als ob er mit ihr auf einem Balle zusammengetroffen wäre.« Hier bei dem Adjutanten traf ich auch noch einen andern Menschen, der mich noch mehr in Erstaunen setzte, ein junger Leutnant vom K. Regiment, der sich durch seine fast frauenhafte Sanftmut und Schüchternheit anzeichnete. Er war zu dem Adjutanten gekommen, um seinem Ärger und seinem Unwillen über die Leute Luft zu machen, die, wie er meinte, gegen ihn intriguieren, damit er nicht an dem bevorstehenden Kampfe teilnehme. Es sei häßlich, so zu handeln, sagt er, es sei nicht kameradschaftlich, er werde es ihnen schon gedenken u. s. w. So scharf ich auch seine Züge beobachtete, so aufmerksam ich auf den Klang seiner Stimme lauschte, ich mußte die Überzeugung gewinnen, daß er sich keineswegs verstellte, daß er vielmehr tief erregt und erbittert darüber war, daß man ihm nicht gestatten wollte, auf die Tscherkessen zu schießen und sich ihren Geschossen auszusetzen; er war so erbittert, wie ein Kind erbittert zu sein pflegt, das man eben unverdient gezüchtigt hat ... Mir war das alles gänzlich unverständlich. VI Um 10 Uhr abends sollten die Truppen ausrücken. Um halb neun stieg ich zu Pferde und ritt zum General. Da ich aber annahm, daß er und sein Adjutant beschäftigt seien, hielt ich an der Straße, band mein Pferd an den Zaun und setzte mich auf den Erdaufwurf, in der Absicht, dem General nachzueilen, wenn er ausreiten würde. Die Glut und der helle Glanz der Sonne waren schon der Kühle der Nacht und dem matten Lichte des jungen Monds gewichen, der rings um sich her einen blassen, leuchtenden Halbkreis auf dem dunklen Blau des Sternenhimmels bildete und niederzugehen begann; durch die Fenster der Häuser und durch die Ritzen der Läden der Erdhütten schimmerten Lichter. Die schlanken Pappeln der Gärten, die sich am Horizont hinter den weißgetünchten, vom Mondlicht bestrahlten Erdhütten mit den Schilddächern abhoben, erschienen noch höher und dunkler. Die langen Schatten der Häuser, der Bäume, der Zäune breiteten sich schön über den hellen staubigen Weg ... Vom Fluß her tönte ohne Unterlaß das Quarren der Frösche.[G] Auf den Straßen hörte man bald eilige Schritte und Gespräche, bald den Hufschlag von Pferden. Aus der Vorstadt klangen von Zeit zu Zeit die Klänge einer Drehorgel herüber: bald »Es wehen die Winde«, bald so was wie ein »Aurora-Walzer«. [G] Die Frösche im Kaukasus bringen einen Laut hervor, der nichts gemein hat mit dem Quaken unserer Frösche. Ich werde nicht sagen, was mich in Gedanken versunken beschäftigte: erstens weil ich mich schämen würde zu gestehen, daß es düstere Gedanken waren, die mich in unabweisbaren Scharen beschlichen, während ich rings um mich her nur Heiterkeit und Frohsinn beobachtete; zweitens aber, weil das nicht zu meiner Erzählung gehört. Ich war so in Gedanken versunken, daß ich nicht einmal bemerkte, daß die Glocke elf schlug und der General mit seinem Gefolge an mir vorüberritt. Die Nachhut war noch in dem Festungsthore. Mit Mühe gelang es mir, über die Brücke zwischen den zusammengedrängten Geschützen, Pulverkasten, Kompagniewagen und der geräuschvoll kommandierenden Offiziere hindurchzukommen. Als ich durch das Thor hindurchgekommen war, setzte ich mein Pferd in Trab, ritt an den Truppen entlang, die sich nahezu eine Werst hinzogen und sich schweigend in der Dunkelheit vorwärts bewegten, und erreichte den General. Als ich an der Artillerie vorüberkam, die sich in gerader Linie hinzog, und an den Offizieren, die zwischen den Geschützen ritten, traf mich wie ein beleidigender Mißklang mitten durch die Stille und feierliche Harmonie die Stimme eines Deutschen. Er schrie: »Achtillechist, gieb mir die Lunte«, und die Stimme eines Soldaten schrie eilfertig: »Schewtschenko, der Herr Leutnant wünscht Feuer.« Der größte Teil des Himmels hatte sich mit langen, dunklen, grauen Wolken bedeckt; hie und da nur schimmerten zwischen ihnen matte Sterne hindurch. Der Mond hatte sich schon hinter dem nahen Horizont der dunklen Berge verborgen, die zur Rechten sichtbar waren, und warf über ihren Gipfel ein schwaches, zitterndes Dämmerlicht, das sich scharf von dem undurchdringlichen Dunkel abhob, das über ihren Fuß gebreitet lag. Die Luft war warm und so still, daß sich nicht ein Gräschen, nicht ein Wölkchen regte. Es war so finster, daß man selbst in nächster Nähe die Gegenstände nicht unterscheiden konnte. Rechts und links vom Wege sah ich bald Felsen, bald Tiere, bald Menschen von sonderbarem Wesen -- und ich erkannte erst dann, daß es Sträucher waren, wenn ich ihr Rascheln hörte und die Frische des Taus empfand, der an ihren Blättern hing. Vor mir sah ich eine dichte, wogende, schwarze Wand, hinter der einige bewegliche Punkte waren. Das war die Infanterie. In der ganzen Abteilung herrschte eine solche Stille, daß man deutlich all die verschwimmenden, von geheimnisvollem Zauber erfüllten Stimmen der Nacht hörte: das ferne, klagende Geheul der Schakale, das bald wie verzweifeltes Weinen, bald wie Lachen klang, das helle, einförmige Zirpen der Grillen, das Quaken der Frösche, den Schlag der Wachtel, einen herankommenden dumpfen Ton, dessen Ursprung ich mir nicht erklären konnte; und all die nächtlichen, kaum vernehmbaren Regungen der Natur, die man weder begreifen, noch näher erklären kann, flossen zusammen in den vollen Wohlklang, den wir Stille der Nacht nennen. Diese Stille der Nacht wurde unterbrochen oder, richtiger gesagt, floß zusammen mit dem dumpfen Hufschlag und dem Rascheln des hohen Grases, das die langsam vorwärtsgehende Abteilung hervorrief. Von Zeit zu Zeit nur hörte man in den Reihen das Getöse eines schweren Geschützes, das Klirren aneinanderschlagender Bajonette, unterdrücktes Plaudern und das Schnauben der Pferde. Die Natur atmete seelenbeschwichtigend Schönheit und Kraft. Ist den Menschen wirklich das Leben zu eng in dieser schönen Welt, 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 136 137 138 139 140 141 142 143 144 145 146 147 148 149 150 151 152 153 154 155 156 157 158 159 160 161 162 163 164 165 166 167 168 169 170 171 172 173 174 175 176 177 178 179 180 181 182 183 184 185 186 187 188 189 190 191 192 193 194 195 196 197 198 199 200 201 202 203 204 205 206 207 208 209 210 211 212 213 214 215 216 217 218 219 220 221 222 223 224 225 226 227 228 229 230 231 232 233 234 235 236 237 238 239 240 241 242 243 244 245 246 247 248 249 250 251 252 253 254 255 256 257 258 259 260 261 262 263 264 265 266 267 268 269 270 271 272 273 274 275 276 277 278 279 280 281 282 283 284 285 286 287 288 289 290 291 292 293 294 295 296 297 298 299 300 301 302 303 304 305 306 307 308 309 310 311 312 313 314 315 316 317 318 319 320 321 322 323 324 325 326 327 328 329 330 331 332 333 334 335 336 337 338 339 340 341 342 343 344 345 346 347 348 349 350 351 352 353 354 355 356 357 358 359 360 361 362 363 364 365 366 367 368 369 370 371 372 373 374 375 376 377 378 379 380 381 382 383 384 385 386 387 388 389 390 391 392 393 394 395 396 397 398 399 400 401 402 403 404 405 406 407 408 409 410 411 412 413 414 415 416 417 418 419 420 421 422 423 424 425 426 427 428 429 430 431 432 433 434 435 436 437 438 439 440 441 442 443 444 445 446 447 448 449 450 451 452 453 454 455 456 457 458 459 460 461 462 463 464 465 466 467 468 469 470 471 472 473 474 475 476 477 478 479 480 481 482 483 484 485 486 487 488 489 490 491 492 493 494 495 496 497 498 499 500 501 502 503 504 505 506 507 508 509 510 511 512 513 514 515 516 517 518 519 520 521 522 523 524 525 526 527 528 529 530 531 532 533 534 535 536 537 538 539 540 541 542 543 544 545 546 547 548 549 550 551 552 553 554 555 556 557 558 559 560 561 562 563 564 565 566 567 568 569 570 571 572 573 574 575 576 577 578 579 580 581 582 583 584 585 586 587 588 589 590 591 592 593 594 595 596 597 598 599 600 601 602 603 604 605 606 607 608 609 610 611 612 613 614 615 616 617 618 619 620 621 622 623 624 625 626 627 628 629 630 631 632 633 634 635 636 637 638 639 640 641 642 643 644 645 646 647 648 649 650 651 652 653 654 655 656 657 658 659 660 661 662 663 664 665 666 667 668 669 670 671 672 673 674 675 676 677 678 679 680 681 682 683 684 685 686 687 688 689 690 691 692 693 694 695 696 697 698 699 700 701 702 703 704 705 706 707 708 709 710 711 712 713 714 715 716 717 718 719 720 721 722 723 724 725 726 727 728 729 730 731 732 733 734 735 736 737 738 739 740 741 742 743 744 745 746 747 748 749 750 751 752 753 754 755 756 757 758 759 760 761 762 763 764 765 766 767 768 769 770 771 772 773 774 775 776 777 778 779 780 781 782 783 784 785 786 787 788 789 790 791 792 793 794 795 796 797 798 799 800 801 802 803 804 805 806 807 808 809 810 811 812 813 814 815 816 817 818 819 820 821 822 823 824 825 826 827 828 829 830 831 832 833 834 835 836 837 838 839 840 841 842 843 844 845 846 847 848 849 850 851 852 853 854 855 856 857 858 859 860 861 862 863 864 865 866 867 868 869 870 871 872 873 874 875 876 877 878 879 880 881 882 883 884 885 886 887 888 889 890 891 892 893 894 895 896 897 898 899 900 901 902 903 904 905 906 907 908 909 910 911 912 913 914 915 916 917 918 919 920 921 922 923 924 925 926 927 928 929 930 931 932 933 934 935 936 937 938 939 940 941 942 943 944 945 946 947 948 949 950 951 952 953 954 955 956 957 958 959 960 961 962 963 964 965 966 967 968 969 970 971 972 973 974 975 976 977 978 979 980 981 982 983 984 985 986 987 988 989 990 991 992 993 994 995 996 997 998 999 1000