zwei Jahre, wenn das einer wüßte! Stellen Sie sich ein Leben mit diesem Pavel Dmitrijewitsch vor: Kartenspiel, grobe Späße, Saufgelage ... Sie wollen etwas sagen, was Ihnen das Herz abdrückt, es versteht Sie niemand, oder Sie werden gar noch ausgelacht. Man spricht mit Ihnen nicht, um Ihnen einen Gedanken mitzuteilen, sondern um aus Ihnen womöglich noch einen Narren zu machen. Und das alles ist so gemein, so grob, so häßlich, und Sie fühlen immer, daß Sie zu den niederen Chargen gehören -- man läßt Sie das immer fühlen. Darum können Sie auch nicht verstehen, welch ein Genuß es ist, -à c[oe]ur ouvert- mit einem Menschen zu sprechen, wie Sie sind! ... Ich verstand nicht im mindesten, was für ein Mensch ich sein sollte, und darum wußte ich auch nicht, was ich ihm antworten sollte. Werden Sie etwas essen? sagte in diesem Augenblick Nikita zu mir, der unbemerkt in der Dunkelheit zu mir herangeschlichen und, wie ich wahrnahm, über die Anwesenheit des Gastes ungehalten war. -- Es giebt nur Quark-Piroggen, und etwas Fleischklops ist noch übrig geblieben. Hat der Kapitän schon gegessen? Sie schlafen schon lange, antwortete Nikita mürrisch. Auf meinen Befehl, uns hierher etwas Essen und Schnaps zu bringen, brummte er unwillig etwas in den Bart und ging schleppend in seine Hütte. Er brummte auch dort noch weiter, brachte uns aber ein Kästchen; auf das Kästchen stellte er ein Licht, das er vorher gegen den Wind mit Papier umwickelt hatte, eine kleine Kasserolle, Mostrich und eine Büchse, einen Blechbecher mit einem Henkel und eine Flasche Wermut. Nachdem Nikita alles das hergerichtet hatte, blieb er noch eine Weile in der Nähe stehen und sah zu, wie Guskow und ich Schnaps tranken, was ihm offenbar sehr unangenehm war. Bei dem matten Schein, den die Kerze durch das Papier warf, und bei der Dunkelheit, die uns umgab, sah man nur das Seehundsleder des Kästchens, das Abendbrot, das darauf stand, Guskows Gesicht, seine Pelzjacke und seine kleinen roten Hände, mit denen er die Piroggen aus der Kasserolle herausnahm. Ringsumher war alles schwarz, und nur, wenn man scharf ausspähte, konnte man die schwarze Batterie, die ebenso schwarze Gestalt des Wachtpostens, der über die Brustwehr zu sehen war, an den Seiten die brennenden Wachtfeuer und über uns die rot schimmernden Sterne unterscheiden. Guskow lächelte kaum merklich, traurig und verschämt, als wäre es ihm unbehaglich, mir nach seinem Geständnis in die Augen zu sehen, er trank noch ein Gläschen Schnaps und aß gierig, indem er die Kasserolle auskratzte. Ja, für Sie ist es doch immerhin eine Erleichterung, sagte ich, um etwas zu sagen, daß Sie mit dem Adjutanten bekannt sind; ich habe gehört, er ist ein guter Mensch. Ja, antwortete der Degradierte, er ist ein lieber Mensch; aber er kann kein anderer sein, er kann kein Mensch sein -- bei seiner Bildung kann man's auch nicht verlangen. Plötzlich schien er zu erröten. -- Sie haben seine groben Scherze mit dem verdeckten Posten gehört? -- und obgleich ich zu wiederholten Malen das Gespräch zu unterbrechen suchte, begann Guskow sich vor mir zu rechtfertigen und mir auseinanderzusetzen, daß er nicht von seinem Posten weggelaufen war, und daß er kein Feigling sei, wie das der Adjutant und Sch. hätten durchblicken lassen. Wie ich Ihnen gesagt habe -- fuhr er fort und wischte seine Hände an seiner Pelzjacke ab -- solche Leute verstehen nicht zart mit einem Menschen umzugehen, mit einem gemeinen Soldaten, der kein Geld hat; das geht über Ihre Kräfte. Und in der letzten Zeit, wo ich seit fünf Monaten, ich weiß nicht warum, von meiner Schwester nichts bekomme, habe ich beobachtet, wie verändert ihr Benehmen gegen mich ist. Dieser Pelzrock, den ich von einem Gemeinen gekauft habe und der nicht wärmt, weil er ganz abgeschabt ist (dabei zeigte er mir den kahlen Schoß) flößt ihnen nicht Mitleid oder Achtung mit dem Unglück, sondern Verachtung ein, die sie nicht zu verbergen imstande sind. Meine Not mag noch so groß sein, wie jetzt, wo ich nichts zu essen habe, als Soldatengrütze, und nichts anzuziehen, fuhr er mit niedergeschlagenen Augen fort und goß sich noch ein Gläschen Schnaps ein -- es fällt ihm nicht ein, mir Geld anzubieten, und er weiß, daß ich es ihm wiedergebe. Er wartet, bis ich, in meiner Lage, mich an ihn wende. Und Sie werden begreifen, wie schwer mir das wird, und noch bei ihm! Ihnen zum Beispiel würde ich gerade heraussagen: -vous êtes au dessus de cela, mon cher, je n'ai pas le sou-. Und wissen Sie, sagte er und sah mir plötzlich mit verzweifeltem Blick in die Augen -- Ihnen sage ich es gerade heraus, ich bin jetzt in einer entsetzlichen Lage: -pouvez-vous me prêter 10 roubles argent-? Meine Schwester muß mir mit der nächsten Post schicken, -et mon père- ... Oh, ich bin sehr erfreut! sagte ich, während es mir im Gegenteil sehr unangenehm und kränkend war, besonders weil ich tags zuvor im Kartenspiel Verluste gehabt und selbst nicht mehr als fünf Rubel und einige Kopeken bei Nikita hatte. -- Gleich, sagte ich, und stand auf, ich will in das Zelt gehen, um es zu holen. Nein, später, -ne vous dérangez pas-. Ich hörte aber nicht auf ihn und kroch in das zugeknöpfte Zelt, wo mein Bett stand und der Kapitän schlief. Aleksej Iwanytsch, geben Sie mir, bitte, zehn Rubel bis zum Gehaltstage, sagte ich zu dem Kapitän, während ich ihn aufrüttelte. Was, wieder abgebrannt? Und gestern erst haben Sie erklärt, daß Sie nicht mehr spielen wollen? sagte der Kapitän, halb im Schlafe. Nein, ich habe nicht gespielt, ich brauche es so, geben Sie mir's, bitte. Makatjuk! schrie der Kapitän seinem Burschen zu, hole das Geldkästchen und gieb es her. Leiser, leiser, sagte ich. Ich hörte in der Nähe des Zeltes die gleichmäßigen Schritte Guskows. Was? ... warum leiser? Der Degradierte hat mich um ein Darlehn gebeten. Er ist da. Hätte ich das gewußt, dann hätte ich es nicht gegeben, bemerkte der Kapitän. Ich habe von ihm gehört: der Bursche ist einer der schlimmsten Wüstlinge! -- Der Kapitän gab mir aber doch das Geld, befahl die Schatulle wegzusetzen, das Zelt gut zu verschließen, wiederholte noch einmal: »Wenn ich gewußt hätte wozu, hätte ich es nicht gegeben« und zog sich die Decke über den Kopf. -- Nun schulden Sie mir 32, vergessen Sie nicht! rief er mir nach. Als ich aus dem Zelte trat, ging Guskow um die Bänkchen herum, und seine kleine Gestalt mit den krummen Beinen und der scheußlichen Fellmütze mit den langen weißen Haaren tauchte in der Dunkelheit auf und nieder, wenn er an der Kerze vorüberkam. Er that, als bemerkte er mich nicht. Ich gab ihm das Geld. Er sagte -merci-, knitterte den Schein zusammen und steckte ihn in die Hosentasche. Jetzt muß das Spiel bei Pavel Dmitrijewitsch, denke ich, im vollsten Gange sein! begann er gleich darauf. Ja, das denke ich auch. Er spielt merkwürdig, immer -à rebours- und biegt nie ein Paroli, glückt's, dann ist es gut, wenn es aber nicht gelingt, kann man furchtbar viel Geld verspielen. Er hat das auch bewiesen. In diesem Feldzuge hat er, wenn man die Sache berechnet, mehr als anderthalbtausend verloren. Und mit welcher Mäßigung hat er früher gespielt, so daß Ihr Offizier da an seiner Ehrenhaftigkeit zu zweifeln schien. Ja, er hat das so ... Nikita, haben wir keinen Most mehr, sagte ich und fühlte mich sehr erleichtert durch Guskows Redseligkeit. Nikita brummte immer noch, er brachte uns aber den Wein und sah wieder wütend zu, wie Guskow sein Glas leerte. In Guskows Benehmen machte sich wieder die frühere Ungezwungenheit bemerkbar. Ich hätte gewünscht, er wäre so schnell als möglich gegangen, und es schien mir, als thäte er das nur deshalb nicht, weil er sich schämte, gleich nachdem er das Geld bekommen hatte, fortzugehen. Ich sprach kein Wort. Wie ist es möglich, daß Sie bei Ihren Mitteln ohne jede Notwendigkeit, -de gaieté de c[oe]ur- sich entschlossen haben, im Kaukasus Dienste zu nehmen? Sehen Sie, das verstehe ich nicht, sagte er zu mir. Ich gab mir Mühe, mich wegen dieses für ihn so auffälligen Schrittes zu rechtfertigen. Ich kann mir denken, wie schwer auch für Sie der Verkehr mit diesen Offizieren ist, mit diesen Menschen, die gar keine Vorstellung von Bildung haben. Es ist nicht möglich, daß sie für Sie Verständnis haben. Sie können zehn Jahre hier leben und werden nichts anderes sehen und hören als Karten, Wein und Unterhaltung über Auszeichnungen und Feldzüge. Es berührte mich unangenehm, daß er verlangte, ich sollte durchaus seine Behauptung teilen, und ich beteuerte ihm mit voller Aufrichtigkeit, daß ich Karten, Wein und Gespräche über Feldzüge sehr gern hätte. Aber er wollte mir nicht glauben. Ach, Sie sagen das so, fuhr er fort. Und der Mangel an Frauen, d. h. ich meine -femmes comme il faut-, ist das nicht eine schreckliche Entbehrung? Ich weiß nicht, was ich jetzt drum gäbe, wenn ich mich nur auf einen Augenblick in einen Salon versetzen und auch nur durch ein Thürspältchen ein reizendes Weib sehen könnte. Er schwieg eine Weile und trank noch ein Glas Wein. Ach, Gott! Ach, Gott! Vielleicht haben wir noch einmal das Glück, uns in Petersburg bei Menschen zu begegnen, mit Menschen, mit Frauen zu verkehren und zu leben. -- Er trank den letzten Rest Wein aus, der noch in der Flasche geblieben war, dann sagte er: Oh, pardon, Sie hätten vielleicht auch noch getrunken, ich bin schrecklich zerstreut. Ich habe, glaube ich, zu viel getrunken, -et je n'ai pas la tête forte-. Es gab eine Zeit, wo ich auf der Morskaja (in Petersburg) -au rez de chaussée- wohnte, ich hatte eine wundervolle kleine Wohnung, eigene Möbel, müssen Sie wissen, ich habe es verstanden, alles reizend einzurichten, wenn auch nicht übermäßig teuer. Allerdings, -mon père- gab mir Porzellan, Blumen, wundervolles Silber. -Le matin je sortais-, Besuche machen; -à 5 heures régulièrement- fuhr ich zu ihr zu Mittag, oft war sie allein. -Il faut avouer que c'était une femme ravissante!- Sie haben sie nicht gekannt, gar nicht? Nein. Wissen Sie, Weiblichkeit besaß sie im höchsten Maße, Zärtlichkeit, und erst ihre Liebe! ... Du lieber Gott! Ich habe damals dieses Glück nicht zu schätzen gewußt. Oder nach dem Theater kehrten wir häufig zu zweien nach Hause zurück und speisten zu Abend. Nie habe ich bei ihr Langeweile empfunden, -toujours gaie, toujours aimante-. Ja, ich ahnte gar nicht, was für ein seltenes Glück das war. -Et j'ai beaucoup à me reprocher- ihr gegenüber. -Je l'ai fais souffrir et souvent-, ich war grausam. Ach, es war eine köstliche Zeit! Langweilt Sie das? Nein, keineswegs. Dann will ich Ihnen von unseren Abenden erzählen. Ich komme: diese Treppe, jeden Blumentopf kannte ich, die Thürklinke -- alles so lieb, so bekannt, dann das Vorzimmer, ihr Zimmer ... Nein, das kommt niemals, niemals wieder! Sie schreibt mir auch jetzt noch; ich will Ihnen gern ihre Briefe zeigen. Aber ich bin nicht mehr derselbe -- ich bin ein Verlorner, ich bin ihrer nicht mehr würdig ... Ja, ich bin für ewig verloren! -Je suis cassé.- Ich habe keine Energie, keinen Stolz, nichts mehr. Auch mein Adel ist hin ..., ja, ich bin ein Verlorner! Und kein Mensch wird je mein Leiden begreifen -- niemand fühlt mit mir. Ich bin ein gefallener Mensch! Nie kann ich mich wieder erheben, denn ich bin moralisch gesunken -- in Schmutz gesunken ... In diesem Augenblicke klang aus seinen Worten aufrichtige, tiefe Verzweiflung; er sah mich nicht an und saß unbeweglich da. Warum so verzweifeln? sagte ich. Weil ich abscheulich bin, dies Leben hat mich zu Grunde gerichtet, was in mir war, alles ist ertötet ... Ich leide nicht mehr mit Stolz, sondern mit Würdelosigkeit -- die -dignité dans le malheur- habe ich nicht mehr. Jeden Augenblick erdulde ich Demütigungen, alles ertrage ich, ich suche selbst den Weg zur Demütigung. Dieser Schmutz -a déteint sur moi-, ich bin selbst roh geworden, ich habe vergessen, was ich gewußt habe, ich kann nicht mehr französisch sprechen, ich fühle, daß ich gemein und niedrig bin. An Kämpfen kann ich in dieser Umgebung nicht teilnehmen, um nichts in der Welt; ich wäre vielleicht ein Held: geben Sie mir ein Regiment, goldene Achselklappen, Trompeter; aber in Reih und Glied mit dem ersten besten rohen Antonow Bondarenko und dem und dem zu gehen, und zu denken, daß zwischen ihm und mir nicht der geringste Unterschied ist, daß es ganz gleich ist, ob er erschossen wird oder ich -- dieser Gedanke tötet mich. Begreifen Sie, wie entsetzlich es ist, zu denken, daß der erste beste Lumpenkerl mich töten soll, einen Menschen, der denkt und fühlt, und daß es ganz dasselbe ist, ob er den Antonow neben mir tötet, ein Geschöpf, das sich durch nichts von einem Tiere unterscheidet, und daß es leicht geschehen kann, daß man gerade mich tötet und nicht Antonow, wie es immer vorkommt, -une fatalité- für alles Hohe und Gute. Ich weiß, daß sie mich einen Feigling nennen: schön, ich mag ein Feigling sein -- ich bin eben ein Feigling und kann nicht anders sein. Aber nicht genug, daß ich ein Feigling bin, ich bin nach Ihrer Meinung -- ein Bettler und ein verachteter Mensch. Sehen Sie, ich habe Sie eben um Geld gebeten, und Sie haben ein Recht, mich zu verachten. Nein, nehmen Sie Ihr Geld zurück -- und er streckte mir den zerknitterten Schein entgegen. -- Ich will, daß Sie mich achten. Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und brach in Thränen aus; ich wußte nicht, was ich sagen und thun sollte. Beruhigen Sie sich, sprach ich zu ihm, Sie sind zu empfindlich, nehmen Sie sich nicht alles zu Herzen, grübeln Sie nicht, sehen Sie die Dinge einfacher an. Sie sagen selbst, Sie haben Charakter. Tragen Sie es, Sie haben nicht mehr lange zu leiden -- sprach ich zu ihm, aber in sehr unklaren Worten, denn ich war erregt durch ein Gefühl des Mitleids und ein Gefühl der Reue darüber, daß ich gewagt hatte, in Gedanken einen wahrhaft und tief unglücklichen Menschen zu verdammen. Ja, begann er, wenn ich auch nur einmal seit der Stunde, wo ich in dieser Hölle bin, auch nur ein einziges Wort der Teilnahme, des Rates, der Freundschaft gehört hätte -- ein menschliches Wort, ein Wort, wie ich es von Ihnen höre -- vielleicht könnte ich alles ruhig ertragen, vielleicht könnte ich es auch auf mich nehmen und sogar ein gemeiner Soldat sein, aber jetzt ist es entsetzlich ... Wenn ich mit gesundem Sinne überlege, wünsche ich mir den Tod; warum sollte ich aber auch dieses schmachvolle Leben und mich selbst lieben, da ich für alles Gute in der Welt verloren bin? und bei der geringsten Gefahr unwillkürlich wieder anfange, dieses niederträchtige Leben zu vergöttern und es zu schonen wie etwas Kostbares? Und ich kann mich nicht überwinden, -je ne puis pas- ..., d. h. ich kann es -- fuhr er nach einem minutenlangen Schweigen wieder fort -- aber es kostet mich zu große Mühe, ungeheure Mühe, wenn ich allein bin. Mit den anderen, unter den gewöhnlichen Bedingungen, wie man in den Kampf geht, bin ich tapfer, -j'ai fait mes preuves-, denn ich bin voll Eigenliebe und Stolz: das ist mein Fehler, und in Gegenwart anderer ... Wissen Sie, gestatten Sie mir, bei Ihnen zu übernachten, bei uns wird die ganze Nacht gespielt werden. Mir ist's gleich, wo, auf dem Fußboden. Während Nikita das Bett herrichtete, erhoben wir uns und gingen in der Dunkelheit wieder auf der Batterie hin und her. Guskow muß wirklich einen sehr schwachen Kopf gehabt haben, denn er schwankte von den zwei Gläschen Schnaps und den zwei Glas Wein. Als wir aufstanden und uns von der Kerze entfernten, beobachtete ich, daß er den Zehnrubelschein, den er während des ganzen vorangegangenen Gespräches in der Hand gehalten hatte, wieder in die Tasche schob, aber so, daß ich es nicht sehen sollte. Er sprach immer weiter, er fühlte, er könnte sich noch aufrichten, wenn er einen Menschen hätte wie ich, der Mitgefühl mit ihm habe. Wir wollten schon in das Zelt gehen, um uns schlafen zu legen, als plötzlich über uns eine Kugel dahinpfiff und nicht weit von uns in den Boden schlug. Es war so sonderbar: dieses stille, in Schlaf versunkene Lager, unser Gespräch und ... plötzlich die feindliche Kugel, die, Gott weiß woher, mitten unter unsere Zelte geflogen kam -- so sonderbar, daß ich mir lange nicht Rechenschaft darüber geben konnte, was eigentlich vorging. Einer unserer Soldaten, Andrejew, der auf der Batterie Wache stand, kam auf mich zu. Ei, das hat sich herangeschlichen! Hier hat man das Feuer gesehen, sagte er. Wir müssen den Kapitän wecken, sagte ich und sah zu Guskow hinüber. Er stand, ganz zu Boden geduckt, da und stammelte, als ob er etwas sagen wollte: Das ... das ... Feind ... das ... komisch! Weiter sagte er nichts, und ich hatte nicht bemerkt, wie und wohin er plötzlich verschwunden war. In der Hütte des Kapitäns wurde ein Licht angezündet, sein gewöhnlicher Husten vor dem Erwachen ließ sich vernehmen, und er kam bald selbst heraus und forderte eine Lunte, um sein kleines Pfeifchen anzustecken. Was ist das heute, Väterchen? sagte er lächelnd, man will mich gar nicht schlafen lassen, bald Sie mit Ihrem Degradierten, bald Schamyl! Was ist zu thun, erwidern oder nicht? War darüber nichts gesagt im Befehl? Nein, nichts. Da, wieder, sagte ich, und jetzt aus zweien. In der That leuchteten durch die Dunkelheit, rechts vor uns, zwei Flammen wie zwei Augen auf, und bald flog über unsern Häuptern eine Kugel und mit lautem, durchdringendem Pfeifen eine leere Granate dahin; sie war wohl von uns. Aus dem Zelte in der Nachbarschaft kamen die Soldaten herausgekrochen, man hörte ihr Hüsteln, Recken und Plaudern. Schau, er pfeift vor deinen Augen wie eine Nachtigall, bemerkte ein Artillerist. Ruft Nikita! sagte der Kapitän mit seinem gewohnten guten Lächeln. -- Nikita! Verstecke dich nicht, höre, wie die Bergnachtigallen pfeifen. Ach, Euer Hochwohlgeboren, sprach Nikita, der neben dem Kapitän stand, ich habe sie schon gesehen, die Nachtigallen, ich fürchte mich nicht, aber der Gast, der eben hier war und Ihren Wein getrunken hat, wie der sie gehört hat, da hat er schnell Reißaus genommen, an unserem Zelt vorüber, wie eine Kugel ist er davongerollt, wie ein Tier hat er sich zusammengeduckt! Aber es wird doch nötig sein, zum Oberbefehlshaber der Artillerie hinunterzureiten, sagte der Kapitän zu mir in ernstem, befehlerischem Tone, um ihn zu fragen, ob wir das Feuer erwidern sollen oder nicht; es kann kaum davon die Rede sein, aber man kann doch immerhin hinunter. Bemühen Sie sich, bitte, hin und fragen Sie ihn. Lassen Sie ein Pferd satteln, damit es schneller geht, nehmen Sie, wenn nicht anders, meinen Polkan. In fünf Minuten brachte man mir das Pferd, und ich ritt zu dem Befehlshaber der Artillerie. Achten Sie darauf, die Losung ist »Deichsel«, flüsterte mir der fürsorgliche Kapitän zu, sonst kommen Sie nicht durch die Postenkette. Zum Befehlshaber der Artillerie war es eine halbe Werst; der ganze Weg führte zwischen Zelten hindurch. Sobald ich mich aber von unserem Wachtfeuer entfernt hatte, wurde es so schwarz, daß ich nicht einmal die Ohren des Pferdes sah, nur das Flackern der Wachtfeuer, die mir bald ganz nahe, bald ganz fern erschienen, flimmerten vor meinen Augen. Ein kleines Stück ritt ich ganz wie mein Pferd wollte, dem ich die Zügel hängen ließ. Ich konnte nun die weißen, viereckigen Zelte unterscheiden, dann auch die schwarzen Spuren des Weges; in einer halben Stunde kam ich bei dem Befehlshaber der Artillerie an. Dreimal hatte ich nach dem Wege fragen müssen, und viermal war ich über die Pflöcke der Zelte gestolpert, wofür ich jedesmal Scheltworte aus dem Zelte zu hören bekam, und zweimal wurde ich von dem Posten angehalten. Während des Rittes hatte ich noch zwei Schüsse in unserem Lager gehört, aber die Geschosse hatten nicht bis zu dem Ort getragen, wo der Stab lag. Der Befehlshaber der Artillerie gab nicht den Befehl, die Schüsse zu erwidern, umsoweniger, als der Feind aufhörte, und ich machte mich auf den Heimweg, indem ich mein Pferd am Zügel hielt und mich zu Fuß zwischen den Zelten der Infanterie durcharbeitete. Oft verlangsamte ich meinen Schritt, wenn ich an einem Soldatenzelt vorüberkam, in dem ein Feuerschein leuchtete, oder lauschte auf eine Erzählung, die ein Spaßvogel vortrug, oder auf ein Buch, das ein Schriftkundiger vorlas, dem die ganze Abteilung, den Vorleser von Zeit zu Zeit durch allerlei Bemerkungen unterbrechend, in dichtem Haufen im Zelt und um das Zelt zusammengedrängt, zuhörte, oder auch nur auf die Gespräche über den Feldzug, über die Heimat, über die Vorgesetzten. Als ich an einem der Bataillonszelte vorüberritt, hörte ich die laute Stimme Guskows, der sehr angeheitert und lebhaft sprach. Junge, ebenfalls lustige Stimmen, von vornehmen Herren, nicht von gemeinen Soldaten, antworteten. Es war offenbar das Zelt der Junker oder der Feldwebel. Ich blieb stehen. Ich kenne ihn schon lange, sprach Guskow. Als ich in Petersburg lebte, hat er mich häufig besucht, und ich war oft bei ihm. Er hat in der besten Gesellschaft verkehrt. Von wem sprichst du? fragte die Stimme eines Betrunkenen. Von dem Fürsten, sagte Guskow. Ich bin ja doch mit ihm verwandt, und was die Hauptsache ist, wir sind alte Freunde. Es ist gut, meine Herren, einen solchen Bekannten zu haben, müssen Sie wissen. Er ist ja schrecklich reich. Hundert Rubel sind nichts bei ihm. Ich habe mir auch eine Kleinigkeit von ihm geben lassen, bis mir meine Schwester schickt. Nun, so laß doch schon holen! ... Sofort. Sawjelitsch, Täubchen! erklang die Stimme Guskows, immer mehr dem Zelteingang sich nähernd. Hier hast du zehn Moneten, geh' zum Marketender und bringe zwei Flaschen Kachetischen und ... was noch, meine Herren? Na! -- Und Guskow trat schwankend, mit zerzaustem Haar, ohne Mütze, aus dem Zelt. Er schlug die Schöße seines Pelzrocks zurück, steckte die Hände in die Taschen seiner grauen Hose und blieb am Eingang stehen. Obgleich er im Lichte stand und ich in der Dunkelheit, zitterte ich doch vor Angst, er könnte mich bemerken, bemühte mich, jedes Geräusch zu vermeiden und ging weiter. Wer da? schrie mich Guskow mit völlig trunkener Stimme an. Die Kälte hatte ihn offenbar ganz aus Rand und Band gebracht. Was für ein Teufel schleicht hier mit seinem Pferd herum? Ich antwortete nicht und suchte schweigend den Weg. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 136 137 138 139 140 141 142 143 144 145 146 147 148 149 150 151 152 153 154 155 156 157 158 159 160 161 162 163 164 165 166 167 168 169 170 171 172 173 174 175 176 177 178 179 180 181 182 183 184 185 186 187 188 189 190 191 192 193 194 195 196 197 198 199 200 201 202 203 204 205 206 207 208 209 210 211 212 213 214 215 216 217 218 219 220 221 222 223 224 225 226 227 228 229 230 231 232 233 234 235 236 237 238 239 240 241 242 243 244 245 246 247 248 249 250 251 252 253 254 255 256 257 258 259 260 261 262 263 264 265 266 267 268 269 270 271 272 273 274 275 276 277 278 279 280 281 282 283 284 285 286 287 288 289 290 291 292 293 294 295 296 297 298 299 300 301 302 303 304 305 306 307 308 309 310 311 312 313 314 315 316 317 318 319 320 321 322 323 324 325 326 327 328 329 330 331 332 333 334 335 336 337 338 339 340 341 342 343 344 345 346 347 348 349 350 351 352 353 354 355 356 357 358 359 360 361 362 363 364 365 366 367 368 369 370 371 372 373 374 375 376 377 378 379 380 381 382 383 384 385 386 387 388 389 390 391 392 393 394 395 396 397 398 399 400 401 402 403 404 405 406 407 408 409 410 411 412 413 414 415 416