zu achten und als sei er mir böse. Nach dem Tee trat ich ans Klavier, und er folgte mir. »Spielen Sie mir doch etwas, ich habe Sie schon lange nicht spielen hören,« sagte er, als er mich im Wohnzimmer einholte. »Ich wollte auch selbst ... Ssergej Michailytsch!« sagte ich, ihm plötzlich gerade in die Augen blickend. »Sie sind mir doch nicht böse?« »Weshalb denn?« fragte er. »Weil ich heute nachmittag auf Sie nicht gehört habe,« antwortete ich errötend. Er verstand, was ich meinte, schüttelte den Kopf und lächelte. Sein Blick sagte mir, daß er mich schelten müßte, aber keine Kraft dazu hätte. »Es ist nichts passiert, wir sind wieder gute Freunde,« sagte ich, indem ich mich ans Klavier setzte. »Und ob!« antwortete er. Im großen, hohen Salon brannten nur die beiden Kerzen auf dem Klavier, der übrige Raum war halbfinster. Durch die offenen Fenster blickte die helle Sommernacht herein. Alles war still, wir hörten nur hin und wieder, wie Katja im dunklen Wohnzimmer auf und ab ging und wie sein unter einem der Fenster angebundenes Pferd schnaubte und mit den Hufen auf die Pestwurzstauden stampfte. Er saß hinter mir, so daß ich ihn nicht sehen konnte; aber ich fühlte überall -- im Halbdunkel dieses Zimmers, in den Tönen, in mir selbst -- seine Gegenwart. Ich spürte in meinem Herzen jeden seiner Blicke, jede seiner Bewegungen, die ich nicht sehen konnte. Ich spielte die Fantasie-Sonate von Mozart, die er mir gebracht und die ich in seinem Beisein und für ihn einstudiert hatte. Ich dachte gar nicht daran, was ich spielte, aber ich glaube, daß ich gut spielte, und es schien mir, daß es ihm gefiel. Ich hatte den gleichen Genuß, den er empfand und fühlte auch, ohne ihn anzusehen, seinen Blick, der auf meinem Rücken ruhte. Ich sah mich ganz unwillkürlich nach ihm um, während meine Finger bewußtlos über die Tasten liefen. Sein Kopf hob sich vom leuchtenden Hintergrunde des nächtlichen Himmels ab. Er saß, den Kopf in die Hände gestützt, und sah mich unverwandt mit glänzenden Augen an. Ich lächelte, als ich den Blick bemerkte, und hörte zu spielen auf. Auch er lächelte und wies vorwurfsvoll mit dem Kopf auf die Noten, damit ich weiter spiele. Als ich fertig war, leuchtete der Mond, der nun hoch am Himmel stand, ins Zimmer herein, und außer dem schwachen Scheine der Kerzen, war der Raum auch noch von einem anderen silbernen Lichte erfüllt, das durch die Fenster eindrang und sich auf den Boden legte. Katja sagte, es sei ganz unerhört, daß ich gerade an der schönsten Stelle aufgehört, und daß ich schlecht gespielt hätte; er aber meinte, ich hätte noch nie so gut gespielt wie heute; und er fing an, auf und ab zu gehen, -- durch den Saal ins dunkle Wohnzimmer und dann wieder durch den Saal, und sooft er an mir vorüberging, lächelte er mir zu. Auch ich lächelte und hatte sogar Lust, ohne jeden Grund zu lachen: so froh war ich über etwas, was sich heute, soeben ereignet hatte. Sooft er in der Tür verschwand, umarmte ich Katja, mit der ich am Klavier stand und küßte sie auf meine Lieblingsstelle -- den vollen Hals unter dem Kinn; sobald er aber wiederkam, machte ich ein ernstes Gesicht und hielt mit Mühe das Lachen zurück. »Was ist mit ihr heute auf einmal los?« fragte ihn Katja. Er antwortete aber nicht und sah mich nur lächelnd an: er wußte, was mit mir los war. »Sehen Sie nur, welch eine Nacht!« rief er aus dem Wohnzimmer, vor der offenen, auf den Garten hinausgehenden Balkontüre stehen bleibend. Wir gingen zu ihm; es war in der Tat eine Nacht, wie ich sie später nie wieder gesehen habe. Der Vollmond stand hinter uns über dem Hause, so daß wir ihn nicht sehen konnten, und der halbe Schatten des Daches, der Säulen und der Markise lag schräg und verkürzt auf dem sandbestreuten Gartenwege und auf dem runden Rasenplatze. Alles übrige war hell und von Tau und Mondlicht versilbert. Der breite, mit Blumen eingefaßte Weg, auf den von der einen Seite die schrägen Schatten der Georginen und ihrer Stäbe fielen, zog sich, ganz hell und kalt, durch den Nebel in die Ferne hin, und der Schotter, mit dem er bestreut war, glänzte. Hinter den Bäumen leuchtete das Dach des Gewächshauses hervor, und aus der Schlucht stieg Nebel auf. Die schon ein wenig entblößten Fliedersträuche waren bis zu den Ästen durchleuchtet. Alle vom Tau befeuchteten Blumen waren deutlich voneinander zu unterscheiden. In den Alleen hatten sich Licht und Schatten so innig miteinander vermischt, daß die Alleen nicht mehr als von Bäumen eingefaßte Wege, sondern als durchsichtige, schwankende und zitternde Gebäude erschienen. Rechts, im Schatten des Hauses war alles schwarz, unbestimmt und unheimlich. Dafür ragte aus diesem Dunkel noch heller der phantastische Wipfel der Pappel hervor, die so seltsam in der Nähe des Hauses, oben im hellen Lichte unbeweglich zu schweben schien, statt in den fernen bläulichen Himmel emporzufliegen. »Wollen wir etwas gehen,« sagte ich. Katja war einverstanden, meinte aber, daß ich meine Galoschen anziehen müßte. »Es ist nicht nötig, Katja,« sagte ich, »Ssergej Michailytsch wird mir ja den Arm geben.« Als ob mich das hinderte, nasse Füße zu bekommen! Aber damals kam es uns allen dreien ganz natürlich und gar nicht sonderbar vor. Er hatte mir noch niemals den Arm gegeben, doch diesmal nahm ich ihn selbst, und er fand auch das gar nicht sonderbar. Zu dritt gingen wir die Terrasse hinab. Diese ganze Welt, dieser Himmel, dieser Garten, diese Luft waren nicht mehr dieselben, die ich kannte. Als ich die Allee, über die wir gingen, hinuntersah, war es mir, als sei es unmöglich, noch weiter zu gehen, als habe die Welt des Möglichen dort ihr Ende, als müsse dies alles für immer in seiner Schönheit erstarren. Aber wir gingen weiter, und die Zauberwand der Schönheit öffnete sich vor uns und ließ uns ein, und auch dort schien unser alter Garten mit seinen Bäumen, Wegen und trockenem Laub zu liegen. Es war, als ob wir über die Wege gingen, mit den Füßen auf die Licht- und Schattenseite träten, als raschelte das welke Laub unter meinem Fuße und als streifte ein frischer Zweig mein Gesicht. Es war, als ob er es wäre, der gleichmäßig und langsam neben mir gehend, behutsam meinen Arm hielt; als ob es wirklich Katja wäre, unter deren Schritten neben uns der Sand knirschte. Es war wohl auch wirklich der Mond am Himmel, der auf uns durch die regungslosen Zweige herabschien ... Aber mit jedem Schritt schloß sich die Zauberwand wieder vor uns und hinter uns, und ich hörte zu glauben auf, daß es möglich sei, noch weiter zu gehen, und ich glaubte nicht mehr an das, was war. »Ach! Ein Frosch!« rief Katja. -- Wer sagt das und warum sagt er das? -- dachte ich mir. Aber später begriff ich, daß es Katja sei, daß sie sich vor den Fröschen fürchtete, und ich blickte vor meine Füße. Ein kleiner Frosch hüpfte und blieb dann unbeweglich vor mir sitzen, und sein kleiner Schatten zeichnete sich auf dem hellen, lehmigen Wege ab. »Und Sie fürchten sich gar nicht?« fragte er. Ich sah ihn an. Dort, wo wir eben gingen, fehlte in der Allee eine Linde, und ich konnte sein Gesicht deutlich sehen. Es war so schön und so glücklich ... Er hatte gesagt: »Sie fürchten sich gar nicht?« aber ich hörte ihn sagen: -- Ich liebe dich, mein liebes Mädchen! -- Ich liebe, ich liebe dich! -- sagten sein Blick und sein Arm; auch Licht und Schatten und die Luft sagten dasselbe. Wir umwanderten den ganzen Garten. Katja ging neben uns mit ihren kleinen Schritten und atmete schwer vor Müdigkeit. Sie sagte, daß es Zeit sei, umzukehren, und die Ärmste tat mir so furchtbar leid. -- Warum fühlt sie nicht dasselbe wie wir? fragte ich mich. -- Warum sind nicht alle so jung und so glücklich wie diese Nacht, wie wir beide? Wir kehrten ins Haus zurück, aber er blieb noch lange bei uns, obwohl die Hähne schon gekräht hatten, obwohl alle im Hause schliefen und sein Pferd vor dem Fenster immer ungeduldiger schnaubte und mit den Hufen auf die Pestwurzstauden stampfte. Katja sagte uns nicht, daß es schon spät sei, und so blieben wir, von den gleichgültigsten Dingen sprechend, ohne es selbst zu merken bis zur dritten Morgenstunde auf. Die Hähne krähten schon zum drittenmal, und der Morgen dämmerte, als er uns verließ. Er verabschiedete sich ganz wie sonst und sagte nichts Außergewöhnliches; aber ich wußte, daß er von diesem Tage an mir gehörte, und daß ich ihn nie wieder verlieren würde. Sobald ich mir eingestanden hatte, daß ich ihn liebe, erzählte ich alles Katja. Sie war sehr erfreut und gerührt, weil ich es ihr erzählte, aber die Ärmste konnte diese ganze Nacht nicht einschlafen. Ich ging noch lange auf der Terrasse auf und ab, stieg in den Garten hinunter, wandelte durch die gleichen Alleen, durch die wir früher gewandelt, und suchte mich jedes seiner Worte, jeder seiner Bewegungen zu entsinnen. Ich schlief diese ganze Nacht nicht und sah zum erstenmal in meinem Leben den Sonnenaufgang und den frühen Morgen. Eine solche Nacht und einen solchen Morgen habe ich später nie wieder erlebt. -- Aber warum sagt er mir nicht ganz einfach, daß er mich liebt? -- dachte ich. -- Warum erfindet er allerlei Schwierigkeiten, warum nennt er sich einen alten Mann, während alles doch so einfach und so herrlich ist? Warum verliert er die goldene Zeit, die vielleicht niemals wiederkehrt? Mag er doch nur einmal sagen: »ich liebe dich!«, mag er es mir nur einmal mit Worten sagen, mag er meine Hand in die seine nehmen, seinen Kopf über sie beugen und sagen: »ich liebe dich«. Mag er erröten und die Augen vor mir niederschlagen, und dann will ich ihm auch alles sagen. Ich werde es ihm nicht einmal sagen, ich werde ihn umarmen, mich an ihn schmiegen und zu weinen anfangen. -- Aber wenn ich mich täusche, wenn er mich gar nicht liebt? -- ging es mir plötzlich durch den Kopf. Ich erschrak vor meinem Gefühl, -- Gott weiß, wohin es mich hätte führen können; ich erinnerte mich seiner und meiner Verwirrung im Gewächshaus, als ich plötzlich zu ihm hinuntersprang, und es wurde mir so schwer, so schwer ums Herz. Tränen stürzten mir aus den Augen, und ich begann zu beten. Und mir kam ein seltsamer Gedanke, der mich beruhigte, und eine neue Hoffnung erfüllte mich. Ich entschloß mich, gleich vom nächsten Morgen an zu fasten, an meinem Geburtstage zu beichten und zu kommunizieren und am gleichen Tage seine Braut zu werden. Wie und warum es so kommen mußte, wußte ich gar nicht, aber von diesem Augenblicke an glaubte ich fest, daß es so kommen würde. Es war schon ganz hell geworden, und die Leute standen auf, als ich in mein Zimmer zurückkehrte. IV Es waren die Fasten vor Mariä Himmelfahrt, und niemand im Hause wunderte sich darum über meinen Entschluß, mich zur Beichte vorzubereiten. Diese ganze Woche war er kein einzigesmal bei uns gewesen, und mir fiel es nicht nur nicht ein, mich darüber zu wundern, mich zu beunruhigen und ihm deswegen zu zürnen, sondern ich war sogar froh, daß er nicht kam und erwartete ihn erst an meinem Geburtstage. Im Laufe dieser ganzen Woche stand ich jeden Morgen sehr früh auf. Während man den Wagen für mich anspannte, ging ich allein im Garten auf und ab, nahm alle meine Sünden des vorhergehenden Tages durch und überlegte mir, was ich heute machen sollte, um mit diesem Tage zufrieden zu sein und kein einziges Mal zu straucheln. Damals kam es mir so leicht vor, ganz rein von Sünden zu sein. Ich dachte mir, es genüge, daß ich mich ein wenig zusammennehme. Die Pferde fuhren vor, ich stieg mit Katja oder einem der Dienstmädchen in die Liniendroschke, und wir begaben uns nach der drei Werst entfernten Kirche. Beim Betreten der Kirche erinnerte ich mich jedesmal, daß man für alle »mit Gottesfurcht Eintretenden« betet, und bemühte mich, mit diesem Gefühl über die beiden grasbewachsenen Stufen des Kirchenportals zu treten. In der Kirche waren um diese Stunde nie mehr als an die zehn Bauern und Bäuerinnen, die sich ebenfalls zur Beichte vorbereiteten; ich erwiderte mit besonderer Demut ihre Verbeugungen, ging selbst, was mir als ein gottgefälliges Werk erschien, zu der Kerzenlade, ließ mir vom Kirchenältesten, einem alten Soldaten, eine Kerze geben und stellte sie dann selbst vor die Heiligenbilder. Durch die »Zarenpforte« sah ich die von meiner Mama gestickte Altardecke: über der Heiligenwand waren zwei Engel mit Sternen angebracht, die mir, als ich noch klein war, so groß erschienen, und eine Taube mit gelbem Heiligenschein, die mich damals gleichfalls gefesselt hatte. Hinter dem Chore stand das zerbeulte Taufbecken, über dem ich schon so oft die Kinder unserer Leibeigenen als Taufpatin gehalten hatte und in dem ich einst selbst getauft worden war. Der alte Priester trat vor den Altar in einem Ornat, das aus dem Bahrtuch meines verstorbenen Vaters angefertigt worden war, und sprach die Gebete mit der gleichen Stimme, mit der er immer, soweit ich mich erinnern konnte, in unserem Hause die Gottesdienste abgehalten, Ssonja getauft, die Seelenmesse für meinen Vater gelesen und die Leiche meiner Mutter eingesegnet hatte. Die gleiche zitternde Stimme des Küsters klang im Chor, und die gleiche alte Frau, die ich in dieser Kirche von jeher und bei jedem Gottesdienste gesehen hatte, stand gebückt an der Wand, blickte mit weinenden Augen auf das Heiligenbild im Chor, drückte die zum Zeichen des Kreuzes zusammengelegten Finger an ihr verschossenes Kopftuch und flüsterte etwas mit zahnlosem Munde. Dies alles weckte jetzt in mir nicht mehr Neugierde, auch nicht bloß liebe Erinnerungen, sondern war groß und heilig und schien mir von einer tiefen Bedeutung erfüllt. Ich glaubte jedem Worte des Gebets, das der Priester las, bemühte mich, auf jedes Wort mit innerem Gefühl Antwort zu geben, und wenn ich etwas nicht verstand, so bat ich in Gedanken Gott, mich zu erleuchten, oder erfand an Stelle des Gebetes, dem ich nicht folgen konnte, mein eigenes. Wenn die Bußgebete gelesen wurden, erinnerte ich mich meiner ganzen Vergangenheit, und diese kindliche und unschuldige Vergangenheit erschien mir im Vergleich mit dem jetzigen lichten Zustande meiner Seele so schwarz, daß ich weinte und mich über mich selbst entsetzte; zugleich fühlte ich aber, daß mir dies alles vergeben würde, und daß, wenn ich sogar noch mehr Sünden hätte, die Reue für mich um so süßer wäre. Wenn der Priester am Ende des Gottesdienstes die Worte sprach: »Gottes Segen über Euch«, glaubte ich im gleichen Augenblick von einem körperlichen Wohlgefühl durchströmt zu werden: es war, als ob mir plötzlich Licht und Wärme ins Herz drängen. Nach dem Gottesdienste kam der Priester zu mir heraus und fragte, ob und wann er zu uns ins Haus kommen solle, um eine Abendmesse zu lesen; aber ich dankte ihm gerührt dafür, daß er es, wie ich glaubte, für mich tun wollte, und sagte, daß ich selbst zu Fuß oder zu Wagen zur Kirche kommen werde. »Sie wollen sich selbst bemühen?« pflegte er zu fragen. Ich wußte nicht, was zu antworten, ohne in die Sünde des Hochmuts zu verfallen. Nach der Messe schickte ich, wenn Katja nicht dabei war, die Pferde immer weg und ging allein zu Fuß nach Hause. Unterwegs verbeugte ich mich demütig vor allen, denen ich begegnete und suchte Gelegenheit, jemand mit Tat oder Rat zu helfen, mich für jemand aufzuopfern; bald half ich einem Bauern, einen umgekippten Wagen aufzuheben, bald wiegte ich ein Kind und trat bald von der Straße in den Schmutz, um jemand den Weg frei zu machen. Eines Abends hörte ich, wie der Verwalter Katja erzählte, daß der Bauer Ssemjon zu ihm gekommen sei, um Bretter zu einem Sarge für seine verstorbene Tochter und einen Rubel für die Seelenmesse zu bitten, und daß er ihm beides gegeben habe. »Sind denn die Leute so arm?« fragte ich. -- »Sie sind sehr arm, gnädiges Fräulein, sie haben nicht mal Salz,« antwortete der Verwalter. Mein Herz schnürte sich zusammen, und zugleich überkam mich etwas wie Freude, als ich das hörte. Ich log Katja vor, daß ich spazieren gehen möchte, lief hinauf, holte mein ganzes Geld (es war sehr wenig, aber doch alles, was ich besaß), bekreuzigte mich und ging allein über die Terrasse und den Garten ins Dorf zu Ssemjons Hause. Sein Haus stand am Rande des Dorfes, ich trat, von niemand bemerkt, ans Fenster, legte das Geld hinein und klopfte an. Die Tür knarrte, jemand kam aus dem Hause und rief mich an; ich lief, vor Schreck zitternd und am ganzen Leibe erkaltend, wie eine Verbrecherin heim. Katja fragte mich, wo ich gewesen und was mit mir los sei, aber ich verstand nicht einmal, was sie zu mir sagte, und gab ihr keine Antwort. Alles erschien mir auf einmal so nichtig und eitel. Ich schloß mich in meinem Zimmer ein und ging lange auf und ab, außerstande, etwas zu tun, an etwas zu denken, außerstande, mir Rechenschaft über meine Empfindungen zu geben. Ich dachte an die Freude, die ich der ganzen Familie bereitet hatte, an die Worte, mit denen sie von demjenigen sprechen würden, der das Geld hingelegt hatte, und es tat mir leid, daß ich ihnen das Geld nicht in die Hand gegeben hatte. Ich dachte auch daran, was wohl Ssergej Michailytsch sagen würde, wenn er von dieser Tat erführe und freute mich darüber, daß niemand es erfahren würde. Und in mir war eine solche Freude, alle Menschen und ich selbst erschienen mir so schlecht, und ich betrachtete mich und die anderen so mild, daß der Gedanke an den Tod mir wie ein Traum von Glück erschien. Ich lächelte und betete und weinte und liebte in diesem Augenblick alle Menschen und auch mich selbst so heiß und so leidenschaftlich. Zwischen den Messen las ich im Evangelium, und immer verständlicher wurde mir dieses Buch, immer rührender und einfacher erschien mir die Geschichte dieses göttlichen Lebens und immer unheimlicher und unergründlicher die Tiefe des Gefühls und der Gedanken, die ich in seiner Lehre fand. So klar und einfach erschien mir dafür alles, wenn ich das Buch beiseite legte und tiefer ins Leben schaute, das mich umgab. Es erschien mir so schwer, nicht gut zu sein, und so einfach, alle zu lieben und von allen geliebt zu werden. Alle waren so gut und sanft zu mir; sogar Ssonja, der ich noch immer Unterricht erteilte, war eine ganz andere geworden und gab sich Mühe, mich zu verstehen, mir gefällig zu sein und mich nicht zu betrüben. Wie ich zu den Menschen war, so waren sie auch zu mir. Ich überlegte mir, ob ich nicht Feinde hätte, die ich vor der Beichte um Verzeihung bitten müßte, und erinnerte mich nur eines jungen Mädchens aus der Nachbarschaft, über das ich mich einmal vor Gästen lustig gemacht hatte und das uns nicht mehr besuchte. Ich schrieb ihr einen Brief, in dem ich meine Schuld bekannte und sie um Vergebung bat. Sie antwortete mir mit einem Briefe, in dem sie mich selbst um Verzeihung bat und auch mir verzieh. Ich weinte vor Freude, als ich diese einfachen Zeilen las, in denen ich damals ein ebenso tiefes und rührendes Gefühl zu sehen glaubte. Die alte Kinderfrau weinte, als ich sie um Vergebung bat. -- Warum sind sie alle so gut zu mir? Womit habe ich solche Liebe verdient? -- fragte ich mich. Ich erinnerte mich auch unwillkürlich Ssergej Michailytschs und dachte lange an ihn. Ich konnte nicht anders und hielt es sogar auch nicht für Sünde. Aber ich dachte an ihn jetzt ganz anders als in jener Nacht, wo ich zum erstenmal erfuhr, daß ich ihn liebe; ich dachte an ihn wie an mich selbst und verknüpfte ihn unwillkürlich mit jedem Gedanken an meine eigene Zukunft. Der erdrückende Einfluß, den ich in seiner Gegenwart verspürt hatte, war nun in meiner Fantasie vollkommen verschwunden. Ich betrachtete mich als ihm gleich und verstand ihn vollkommen von der Höhe der geistlichen Stimmung herab, in der ich mich befand. Alles, was mir an ihm früher seltsam erschienen, war mir jetzt klar. Erst jetzt begriff ich, warum er gesagt hatte, daß das Glück nur darin liege, für andere zu leben, und ich war mit ihm jetzt darin vollkommen einverstanden. Es schien mir, daß uns beide ein unendliches und ruhiges Glück erwartete. Ich dachte aber dabei nicht an Reisen ins Ausland, nicht an den Glanz der großen Welt, sondern an ein ganz anderes, stilles Familienleben auf dem Lande, mit ewiger Selbstaufopferung, mit ewiger Liebe zueinander und mit ewiger Erkenntnis der milden und hilfreichen Vorsehung in allen Dingen. Ich kommunizierte, wie ich es mir vorgenommen hatte, an meinem Geburtstage. Als ich an diesem Tage aus der Kirche zurückkehrte, war mein Herz von einem so vollkommenen Glück erfüllt, daß ich mich vor dem Leben, vor jedem Eindruck, vor allem fürchtete, was dieses Glück hätte stören können. Aber kaum waren wir der Liniendroschke vor unserer Freitreppe entstiegen, als auf der Brücke das mir bekannte Kabriolett rasselte und ich Ssergej Michailytsch erblickte. Er gratulierte mir, und wir traten zusammen ins Wohnzimmer. Noch niemals, seitdem ich ihn kannte, war ich so ruhig und meiner selbst sicher wie an diesem Morgen. Ich fühlte in mir eine ganze neue Welt, die er nicht begriff, die größer war als er. Ich empfand vor ihm nicht die geringste Verlegenheit. Er merkte wohl, woher das kam, und benahm sich besonders zartfühlend, sanft und fromm mir gegenüber. Ich trat an das Klavier, aber er schloß es zu und steckte den Schlüssel in die Tasche. »Verderben Sie Ihre Stimmung nicht,« sagte er. »In Ihrer Seele ist jetzt eine Musik, die schöner ist als jede Musik auf Erden.« Ich war ihm dankbar dafür, und doch war es mir zugleich auch etwas unangenehm, daß er so leicht und klar alles begriff, was als Geheimnis in meiner Seele ruhen sollte. Beim Mittagessen sagte er, er sei gekommen, mir zu gratulieren und zugleich Abschied zu nehmen, weil er morgen nach Moskau verreise. Als er das sagte, sah er nur Katja an; dann streifte er aber auch mich mit einem Blick, und ich sah ihm an, daß er fürchtete, in meinem Gesicht eine Erregung zu merken. Aber ich war weder erstaunt noch erregt und fragte ihn nicht mal, ob er für lange verreise. Ich hatte erwartet, daß er es sagen würde, und ich wußte auch, daß er nicht verreisen würde. Wie ich das wußte? Jetzt kann ich mir das unmöglich erklären; aber an jenem denkwürdigen Tage war es mir, als ob ich alles, wie das Vergangene, so auch das Zukünftige wüßte. Ich war wie in einem glücklichen Traum, wo mir alles, was auch geschieht, schon bekannt vorkommt, wo ich alles schon längst weiß, es aber erst in der Zukunft geschehen soll, und ich weiß, daß es geschehen wird. Er wollte gleich nach dem Essen wegfahren, aber Katja, die noch von der Messe ermüdet war, zog sich zurück, um sich etwas hinzulegen, und er mußte warten, bis sie erwachte, um sich von ihr zu verabschieden. Im Salon war die Sonne, und wir gingen auf die Terrasse. Kaum hatten wir uns hingesetzt, als ich in vollkommener Ruhe das Gespräch begann, das über das Schicksal meiner Liebe entscheiden sollte. Ich fing zu sprechen an, weder früher noch später, sondern just in dem Augenblick, als wir uns hingesetzt hatten, als noch nichts gesagt worden war und als weder der Ton noch der Charakter des Gesprächs mich darin, was ich sagen wollte, hindern konnten. Ich weiß selbst nicht, wo ich damals solche Ruhe, Entschlossenheit und Genauigkeit der Ausdrucksweise hernahm. Es war, als sagte ich es nicht selbst, als spräche etwas, was von meinem Willen nicht abhing, aus mir heraus. Er saß mir gegenüber, die Ellbogen auf das Geländer gestützt und rupfte die Blätter von einem Fliederzweige, den er zu sich herangezogen hatte. Als ich zu sprechen anfing, ließ er den Zweig fahren und stützte den Kopf in die Hand. Das konnte die Pose eines durchaus ruhigen, wie auch die eines sehr aufgeregten Mannes sein. »Warum verreisen Sie?« fragte ich bedeutungsvoll und langsam, ihm gerade ins Gesicht blickend. Er antwortete nicht gleich. »Die Geschäfte!« versetzte er schließlich, die Augen senkend. Ich begriff, wie schwer es ihm fiel, mir die Unwahrheit zu sagen und dazu noch auf eine so aufrichtig gestellte Frage. »Hören Sie,« sagte ich, »Sie wissen, was dieser Tag für mich ist. Er ist mir in mancher Beziehung wichtig. Wenn ich Sie frage, so tue ich es nicht nur, um mein Interesse für Sie zu zeigen (Sie wissen, daß ich mich an Sie gewöhnt habe und Sie gerne mag); ich frage, weil ich es wissen muß. Warum verreisen Sie?« »Es ist mir sehr schwer, Ihnen die Wahrheit zu sagen, warum ich verreise,« sagte er. »In dieser Woche habe ich viel an Sie und auch an mich gedacht und bin zu dem Schluß gekommen, daß ich verreisen muß. Sie verstehen doch, warum, und wenn Sie mich lieben, werden Sie nicht weiter fragen.« Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne und bedeckte dann mit ihr die Augen. »Es fällt mir schwer ... Und Sie verstehen es doch.« Mein Herz fing heftig zu schlagen an. »Ich kann es nicht verstehen,« entgegnete ich, »-ich kann es nicht-, aber -Sie selbst-, sagen Sie es mir um Gottes willen, schon weil es ein so besonderer Tag für mich ist, ich kann alles ruhig anhören!« Er änderte seine Stellung, blickte mich an und zog den Fliederzweig wieder zu sich. »Übrigens,« sagte er nach kurzer Pause mit einer Stimme, die sich vergebens bemühte, fest zu erscheinen, »obwohl es dumm und unmöglich ist, es mit Worten auszusprechen, obwohl es mir schwer fällt, will ich mich doch bemühen, es Ihnen zu erklären,« fügte er hinzu, das Gesicht wie bei einem körperlichen Schmerz verziehend. »Nun?« fragte ich. »Denken Sie sich folgenden Fall: es war einmal ein Herr, sagen wir ein Herr A.,« begann er, »ein alter und abgelebter Mann, und es war ein gewisses Fräulein B., ein glückliches junges Mädchen, das das Leben und die Menschen noch nicht kannte. Infolge besonderer Familienverhältnisse gewann er sie wie eine Tochter lieb und dachte gar nicht daran, sie anders lieben zu können.« Er hielt inne, aber ich unterbrach ihn nicht. »Aber er hatte vergessen, daß Fräulein B. so jung war, daß das Leben für sie noch ein Spiel bedeutete,« fuhr er plötzlich schnell und entschlossen fort, ohne mich anzublicken, »daß es sehr leicht sei, sie anders zu lieben, und daß dies ihr sehr amüsant erscheinen würde. Er hatte sich aber geirrt und fühlte plötzlich, daß ein anderes Gefühl, so schwer wie die Reue sich in sein Herz einschlich, und er erschrak. Er fürchtete, daß ihre früheren freundschaftlichen Beziehungen abbrechen könnten, und er entschloß sich, zu verreisen, bevor dies geschähe.« Als er das sagte, rieb er sich, wie zerstreut, mit der Hand die Augen und schloß sie wieder. »Warum fürchtete er denn, sie anders zu lieben?« fragte ich kaum hörbar, meine Erregung zurückhaltend, so daß meine Stimme ruhig klang; ihm erschien aber mein Ton wohl scherzhaft, und er antwortete wie beleidigt: »Sie sind jung, und ich bin nicht mehr jung. Sie wollen spielen, aber ich will etwas anderes. Spielen Sie nur, aber nur nicht mit mir, denn sonst werde ich es vielleicht ernst nehmen, und das wäre für mich nicht gut, und Sie würden es bereuen. Das sagte der A.,« fügte er hinzu. »Es sind lauter Dummheiten, aber Sie verstehen wohl, warum ich verreise. Sprechen wir nie mehr davon, ich bitte Sie!« »Nein! Nein! Sprechen wir gerade davon!« rief ich aus, und meine Stimme zitterte vor zurückgehaltenen Tränen. »Liebte er sie oder nicht?« Er gab keine Antwort. »Wenn er sie aber nicht liebte, warum spielte er dann mit ihr wie mit einem Kinde?« fragte ich. »Ja, ja, das war eben seine Schuld,« antwortete er, mich hastig unterbrechend, »aber alles war zu Ende, und sie schieden ... als Freunde.« »Aber es ist doch entsetzlich! Ist denn kein anderer Ausweg möglich?« brachte ich mit Mühe hervor und erschrak gleich darauf über meine eigenen Worte. »Ja, es gibt wohl einen anderen Ausweg,« sagte er, indem er die Hand von seinem aufgeregten Gesicht nahm und mir gerade in die Augen blickte. »Es gibt zwei verschiedene Auswege. Aber um Gottes willen, unterbrechen Sie mich nicht und versuchen Sie mich mit Ruhe zu begreifen. Die einen sagen,« fing er an, indem er sich erhob, mit einem schmerzvollen und schwermütigen Lächeln, »die einen sagen, A. sei verrückt geworden, hätte sich in die B. wahnsinnig verliebt und ihr seine Liebe gestanden ... Sie hätte aber nur gelacht. Für sie war es nur ein Spiel, für ihn aber eine Lebensfrage.« Ich fuhr zusammen und wollte ihn unterbrechen, wollte ihm sagen, daß er sich nicht unterstehen dürfe, mir seine eigenen Gedanken unterzuschieben, aber er legte seine Hand auf die meine, um mich zurückzuhalten. »Warten Sie,« sagte er mit bebender Stimme, »die einen sagen, sie hätte Mitleid mit ihm gehabt; die Ärmste, die die Menschen noch nicht kannte, hätte sich eingebildet, daß sie ihn wirklich lieben könne, und eingewilligt, seine Frau zu werden. Er, der Wahnsinnige hätte geglaubt, daß für ihn ein neues Leben beginnen würde, aber sie hätte selbst begriffen, daß sie ihn betrogen habe, wie auch er sie ... Sprechen wir nicht mehr davon,« schloß er, offenbar außerstande, weiter zu sprechen, und fing an, vor mir auf und ab zu gehen. Er sagte: »sprechen wir nicht mehr davon«, aber ich sah, daß er mit der ganzen Sehnsucht seiner Seele ein Wort von mir erwartete. Ich wollte sprechen, konnte es aber nicht: etwas preßte mir die Brust zusammen. Ich sah ihn an: er war blaß, und seine Unterlippe zitterte. Ich fühlte Mitleid mit ihm. Ich nahm meine ganze Kraft zusammen, zerriß plötzlich die Fesseln des Schweigens und begann mit leiser, verhaltener Stimme, die, wie ich fürchtete, jeden Augenblick versagen konnte. »Und die dritte Möglichkeit,« begann ich und hielt inne; aber er schwieg. »Die dritte Möglichkeit ist, daß er sie nicht liebte und ihr sehr weh tat; er glaubte, im Rechte zu sein, und verließ sie und rühmte sich auch noch dessen. Für Sie ist es ein Spiel, aber nicht für mich, ich habe Sie vom ersten Tage an geliebt, geliebt!« wiederholte ich, und beim Worte »geliebt« steigerte sich meine bis dahin leise und verhaltene Stimme zu einem wilden Aufschrei, vor dem ich selbst erschrak. Er stand bleich vor mir, seine Lippe bebte immer heftiger, und zwei Tränen rollten über seine Wangen. »Das ist schlecht!« schrie ich fast, während mich die unterdrückten Tränen der Kränkung zu ersticken drohten. »Womit habe ich das verdient?« fragte ich und erhob mich, um fortzugehen. Er ließ mich aber nicht fort. Sein Kopf lag auf meinem Schoße, seine Lippen küßten meine zitternden Hände, und seine Tränen netzten sie. »Mein Gott, wenn ich es gewußt hätte!« rief er. »Womit? Womit?« wiederholte ich, und in meiner Seele war ein Glück, das dann für immer entschwand und nie wiederkam. Fünf Minuten später lief Ssonja zu Katja hinauf und schrie, daß es im ganzen Hause hallte: »Mascha will Ssergej Michailytsch heiraten!« V Es lagen keine Gründe vor, die Hochzeit hinauszuschieben, und weder er, noch ich wünschten das. Katja wollte allerdings erst nach Moskau fahren, um Verschiedenes für die Aussteuer einzukaufen und zu bestellen, und seine Mutter versuchte, darauf zu bestehen, daß er vor der Heirat eine neue Equipage und neue Möbel anschaffe und das Haus neu tapezieren lasse; wir beide setzten aber unseren Entschluß durch, dies alles, wenn es schon so notwendig sei, erst später zu besorgen und uns zwei Wochen nach meinem Geburtstage, in aller Stille, ohne Aussteuer, ohne Gäste, ohne Hochzeitsbeistände, ohne Festtafel, Champagner und sonstige Hochzeitsattribute trauen zu lassen. Er erzählte mir, wie ungehalten seine Mutter darüber war, daß unsere Hochzeit ohne Musik, ohne einen Berg von Truhen und ohne Erneuerung des ganzen Hauses gefeiert werden sollte, ganz anders, als ihre Hochzeit, die einst dreißigtausend Rubel gekostet habe, und wie sie hinter seinem Rücken die alten Kisten und Kasten durchwühlt und sich mit der Wirtschafterin Marjuschka ernsthaft wegen der für unser Glück unentbehrlichen Teppiche, Gardinen und Tabletts beraten habe. Meine Katja machte es ebenso mit der Wärterin Kusminischna. Darüber durfte man mit ihr nicht scherzen. Sie war fest überzeugt, daß wir, wenn wir von unserer Zukunft sprachen, nur tändelten und Unsinn trieben, wie es Menschen in dieser Lage überhaupt eigen sei, daß aber das wesentliche Glück unserer Zukunft nur davon abhänge, daß die Hemden richtig zugeschnitten und genäht und die Tischtücher und Servietten ordentlich gesäumt seien. Zwischen Pokrowskoje und Nikolskoje wurden einigemal am Tage geheime Berichte darüber ausgetauscht, was auf der einen und auf der anderen Seite vorbereitet wurde; obwohl die Beziehungen zwischen Katja und seiner Mutter äußerlich die zärtlichsten waren, war doch eine etwas feindselige, wenn auch raffinierte Diplomatie dabei. Seine Mutter, Tatjana Ssemjonowna, die ich jetzt näher kennen lernte, war eine steife und strenge Hausfrau, eine Dame der guten alten Zeit. Er liebte sie nicht nur als Sohn aus Pflichtgefühl, sondern auch aus menschlicher Neigung, da er sie für die beste, gütigste, klügste und liebreichste Frau in der Welt hielt. Tatjana Ssemjonowna war immer gut zu uns, besonders zu mir, und freute sich, daß ihr Sohn heiraten wollte; als ich sie aber als seine Braut besuchte, kam es mir vor, als wollte sie mich fühlen lassen, daß ich als die Auserwählte ihres Sohnes auch besser hätte sein können und daß es mir gar nicht schaden würde, dessen immer eingedenk zu sein. Ich verstand sie vollkommen und war mit ihr einverstanden. In den beiden letzten Wochen sahen wir uns jeden Tag. Er aß bei uns zu Mittag und blieb dann bis Mitternacht. Aber obwohl er sagte -- und ich wußte, daß er die Wahrheit sprach, -- daß er ohne mich gar nicht lebe, verbrachte er doch nie einen ganzen Tag mit mir und bemühte sich seinen Geschäften nachzugehen. Unsere äußeren Beziehungen blieben bis zur Hochzeit die alten: wir fuhren fort, uns mit »Sie« anzureden, er küßte mir nicht mal die Hand und suchte nicht nur keine Gelegenheit, mit mir allein zu sein, sondern schien auch solche Gelegenheiten zu meiden. Als fürchtete er, sich der allzu großen, gefährlichen Zärtlichkeit hinzugeben, die in ihm war. Ich weiß nicht, wer sich von uns beiden verändert hatte, er oder ich, aber jetzt fühlte ich mich ihm vollkommen gleich, nahm an ihm nicht mehr jene geheuchelte Einfachheit wahr, die mir früher so mißfiel, und sah vor mir oft mit Freude, statt des Respekt und Furcht einflößenden Mannes, ein sanftes und vor Glück fassungsloses Kind. -- Das ist also alles, was an ihm war! -- sagte ich mir oft: -- Er ist genau so ein Mensch wie ich und nicht mehr. -- Jetzt schien mir, daß ich ihn ganz durchschaut und erkannt hätte. Und alles, was ich erkannt hatte, war so einfach und stimmte so ganz mit meinem Wesen überein. Selbst seine Pläne über unser künftiges Leben waren auch die meinigen, die er nur klarer und besser in Worte zu kleiden verstand. Das Wetter war während dieser Wochen schlecht, und wir verbrachten die meiste Zeit im Hause. Die schönsten und herzlichsten Gespräche führten wir in der Ecke zwischen dem Klavier und dem Fenster. Auf dem dunklen Fenster spiegelte sich ganz nahe das Licht der Kerzen, die Regentropfen schlugen gegen die glänzenden Scheiben und flossen an ihnen herab. Gegen das Dach prasselte es, in der Pfütze unter der Traufe klatschte das Wasser, und durch das Fenster zog Feuchtigkeit herein. »Wissen Sie, ich wollte Ihnen schon lange etwas sagen,« begann er einmal, als wir sehr spät in unserem Winkel aufgeblieben waren. »Solange Sie spielten, mußte ich fortwährend daran denken.« »Sagen Sie nichts, ich weiß alles,« erwiderte ich. »Ja, wirklich, sprechen wir nicht davon.« »Nein, sagen Sie es mir doch, was ist es?« fragte ich. »Also hören Sie. Erinnern Sie sich noch, wie ich Ihnen die Geschichte von A. und B. erzählte?« »Wie sollte ich mich dieser dummen Geschichte nicht erinnern? Es ist gut, daß sie so ausgegangen ist ...« »Ja, es hat nur ein Weniges gefehlt, und ich hätte selbst mein eigenes Glück vernichtet. Sie haben mich errettet. Die Hauptsache aber ist, daß ich damals log; ich schäme mich jetzt und will Ihnen die Geschichte zu Ende erzählen.« »Ach, bitte nicht.« »Haben Sie keine Angst,« sagte er lächelnd. »Ich will mich nur rechtfertigen. Als ich eben begann, wollte ich mit langen Betrachtungen kommen.« »Wozu Betrachtungen anstellen!« sagte ich. »Das soll man niemals.« »Ja, ich hatte es auch schlecht gemacht. Nach allen meinen Enttäuschungen, den Fehlern, die ich in meinem Leben begangen hatte, sagte ich mir, als ich diesmal aufs Land kam, so entschieden, die Liebe sei für mich zu Ende und es bleibe mir nur noch die Pflicht, mein Leben irgendwie abzuschließen übrig, daß ich mir lange Zeit keine Rechenschaft darüber gab, was eigentlich mein Gefühl gegen Sie sei und wohin es mich bringen könne. Ich hoffte und hoffte auch nicht. Bald schien es mir, daß Sie kokettieren, bald glaubte ich wieder, Sie seien aufrichtig, und ich wußte selbst nicht, was ich tun würde. Aber nach jenem Abend, Sie wissen doch, als wir nachts durch den Garten gingen, erschrak ich plötzlich, und mein jetziges Glück erschien mir viel zu groß und unmöglich. Nun, wie wäre es gekommen, wenn ich mir erlaubt hätte, zu hoffen, und zwar vergebens? Aber ich dachte natürlich nur an mich, denn ich bin ein ganz gemeiner Egoist.« Er schwieg eine Weile und sah mich an. »Aber es war auch nicht lauter Unsinn, was ich damals sagte. Ich durfte und mußte auch fürchten. Ich empfange von Ihnen so viel und kann Ihnen so wenig geben. Sie sind noch ein Kind, eine Knospe, die erst aufbrechen wird, Sie lieben zum erstenmal, während ich ...« »Ja, sagen Sie mir die Wahrheit ...« begann ich, bekam aber plötzlich Angst vor seiner Antwort. »Nein, lieber nicht ...« »Ob ich schon einmal geliebt habe? Ja?« fragte er, meinen Gedanken sofort erratend. »Das kann ich Ihnen sagen. Nein, ich habe noch nicht geliebt. Ich habe noch nie etwas empfunden, was diesem Gefühl ähnlich wäre ...« Aber plötzlich war es, als wenn ihn eine schwere Erinnerung durchzuckte. »Nein, ich müßte Ihr Herz haben, um Sie lieben zu dürfen,« sagte er traurig. »Nun, mußte ich es mir nicht vorher überlegen, ehe ich Ihnen sagen durfte, daß ich Sie liebe? Was gebe ich Ihnen? Meine Liebe, allerdings.« »Ist denn das wenig?« fragte ich, ihm in die Augen blickend. »Es ist wenig, meine Freundin, für Sie ist es zu wenig,« fuhr er fort. »Sie haben die Schönheit und die Jugend! Ich kann jetzt oft in der Nacht vor Glück nicht einschlafen und denke immer daran, wie wir zusammen leben werden. Ich habe schon viel gelebt und glaube das, was ich zum Glücke brauche, gefunden zu haben. Ein stilles, einsames Leben in unserer ländlichen Einöde, die Möglichkeit, den Menschen Gutes zu tun, solchen Menschen, denen es so leicht ist, Gutes zu erweisen, weil sie daran noch nicht gewöhnt sind; dann die Arbeit, die Arbeit, von der man Nutzen erwartet, dann Erholung, die Natur, Bücher, Musik, die Liebe zu den uns Nahestehenden, -- das ist mein Glück, das höchste Glück, das ich mir ersehnte. Dazu noch eine solche Gefährtin wie Sie, vielleicht auch eine Familie und alles, was der Mensch sich nur wünschen kann.« »Ja!« sagte ich. »Doch nur für mich, der ich meine Jugend hinter mir habe, aber nicht für Sie,« fuhr er fort. »Sie haben noch nicht gelebt, Sie werden das Glück vielleicht in anderen Dingen suchen wollen und es vielleicht auch in anderen Dingen finden. Vielleicht kommt Ihnen das jetzt nur darum als ein Glück vor, weil Sie mich lieben.« »Nein, ich habe immer nur dieses stille Familienleben gewünscht und geliebt,« erwiderte ich. »Und Sie sagen nur das, was ich mir schon gedacht habe.« Er lächelte. »Es kommt Ihnen nur so vor, liebe Freundin. Aber das ist zu wenig für Sie. Sie haben die Schönheit und die Jugend,« sagte er wieder. Aber ich wurde böse, daß er mir nicht glauben wollte und mir meine Schönheit und Jugend gleichsam zum Vorwurf machte. »Warum lieben Sie mich dann?« fragte ich böse. »Um meiner Jugend oder um meiner selbst willen?« »Ich weiß es nicht, aber ich liebe Sie,« antwortete er und sah mich mit einem durchdringenden und anziehenden Blicke an. Ich antwortete nicht und blickte ihm unwillkürlich in die Augen. Plötzlich geschah mit mir etwas Seltsames: zuerst hörte ich auf, das, was mich umgab, zu sehen, dann verschwand auch sein Gesicht vor mir, und nur seine Augen schienen ganz dicht vor meinen Augen zu glänzen; dann war es mir, als ob seine Augen in mir wären; alles trübte sich, ich sah nichts mehr und mußte meine Augen schließen, um mich von diesem Gefühl von Wonne und Grauen zu befreien, das in mir dieser Blick weckte ... Am Vorabend unseres Hochzeitstages wurde das Wetter besser. Nach den verregneten Sommertagen kam der erste kalte und heitere Herbstabend. Alles war feucht, kalt und hell, und der Garten zeigte sich zum erstenmal herbstlich leer, bunt und nackt. Der Himmel war klar, kalt und bleich. Ich ging schlafen, glücklich, daß an meinem Hochzeitstage schönes Wetter sein würde. Ich erwachte mit der Sonne, und der Gedanke, daß es schon heute sei, erschreckte mich und setzte mich zugleich in Erstaunen. Ich trat in den Garten. Die Sonne war erst eben aufgegangen und leuchtete durch die halbentlaubten, gelb gewordenen Linden der Allee hindurch. Der Gartenweg war mit raschelndem Laub bedeckt. Die runzligen Beeren der Eberesche leuchteten rot auf den Zweigen neben den spärlichen, vom Froste getöteten Blättern; die Georginen waren zusammengeschrumpft und schwarz geworden. Der Reif lag zum erstenmal silbern auf dem bleichen Rasen und auf den abgebrochenen Pestwurzstauden vor dem Hause. Am heiteren kalten Himmel war kein Wölkchen zu sehen, ein solches wäre auch nicht möglich gewesen. -- Ist es wirklich heute? -- fragte ich mich, meinem Glücke nicht trauend. -- Werde ich denn wirklich morgen nicht hier, sondern im fremden, säulengeschmückten Hause von Nikolskoje erwachen? Werde ich ihn nicht mehr hier erwarten, werde ihm nicht mehr entgegengehen und abends und nachts nicht mehr mit Katja über ihn plaudern? Werde nicht mehr mit ihm in Pokrowskoje am Klavier sitzen? Ihn nicht mehr begleiten und mich um ihn in den finsteren Nächten nicht mehr ängstigen? -- Aber ich erinnerte mich seiner Worte von gestern abend, er käme zum letztenmal, und daß Katja mich genötigt, das Hochzeitskleid anzuprobieren und dabei gesagt hatte: »Für morgen«; einen Augenblick lang glaubte ich es und fing dann wieder zu zweifeln an. -- Werde ich denn von morgen ab dort mit der Schwiegermutter, ohne die Nadeschda, ohne den alten Grigorij, ohne Katja leben? Werde vor dem Schlafengehen meine alte Wärterin nicht mehr küssen, und sie wird mich nicht mehr nach alter Gewohnheit bekreuzigen und mir sagen: »Gute Nacht, Fräulein«? Werde Ssonja nicht mehr unterrichten und mit ihr nicht mehr spielen, des Morgens nicht mehr an die Wand ihres Zimmers klopfen und ihr helles Lachen hören? Werde ich denn heute für mich selbst fremd werden, wird sich vor mir ein neues Leben mit der Verwirklichung aller meiner Wünsche und Hoffnungen auftun? Kommt dieses neue Leben für immer? -- Ich erwartete ihn mit Ungeduld, denn es war mir so schwer, allein alle diese Gedanken zu tragen. Er kam früh, und erst an seiner Seite glaubte ich wirklich daran, daß ich heute seine Frau werden sollte, und dieser Gedanke hatte für mich nichts Schreckliches mehr. Vor dem Essen gingen wir in unsere Kirche, um eine Messe für meinen verstorbenen Vater zu hören. -- Wenn er doch jetzt am Leben wäre! -- dachte ich, als wir nach Hause zurückkehrten und ich mich schweigend auf den Arm eines Mannes stützte, der der beste Freund dessen gewesen war, an den ich dachte. Als ich während des Gebets mit meiner Stirne die kalten steinernen Fußböden der Kapelle berührte, sah ich meinen Vater so lebhaft vor mir, glaubte so fest daran, daß seine Seele mich verstehe und meine Wahl segne, daß es mir auch jetzt schien, seine Seele schwebe über uns, und daß ich seinen Segen auf mir ruhen fühlte. Erinnerungen, Hoffnungen, Glück und Trauer flossen zu einer einzigen, feierlichen und angenehmen Empfindung zusammen, zu der diese unbewegliche, frische Luft, die Stille, die entblößten Felder und der bleiche Himmel, von dem leuchtende, doch ohnmächtige Strahlen herabfielen, die sich vergebens bemühten, mir die Wange zu versengen, so wunderbar paßten. Mir schien, als ob auch er, mit dem ich ging, mein Gefühl verstünde und teilte. Er ging langsam und schweigend, und sein Gesicht, das ich ab und zu anblickte, drückte die gleiche feierliche Stimmung, die halb Trauer und halb Freude war, aus, von der die Natur und auch mein Herz erfüllt waren. Plötzlich wandte er sich zu mir um; ich sah, daß er mir etwas sagen wollte. -- Wie, wenn er mir jetzt dasselbe sagt, was ich selbst denke? -- kam es mir in den Sinn. Er sprach aber von meinem Vater, ohne ihn übrigens zu nennen. »Einmal sagte er mir im Scherz: ›Heirate doch meine Mascha!‹« »Wie glücklich wäre er jetzt,« sagte ich und drückte seinen Arm, der den meinigen stützte, noch fester an mich. »Ja, Sie waren damals noch ein Kind,« fuhr er fort, mir in die Augen blickend. »Ich küßte damals diese Augen und liebte sie, nur weil sie den seinigen glichen; aber ich dachte gar nicht daran, daß sie mir einst um ihrer selbst willen so teuer sein würden. Ich nannte Sie damals ›Mascha‹.« »Sagen Sie doch ›du‹ zu mir,« sagte ich. »Gerade wollte ich selbst ›du‹ zu dir sagen,« erwiderte er. »Erst jetzt ist es mir, als wärest du ganz mein.« Sein ruhiger und glücklicher, anziehender Blick ruhte auf mir. Und wir gingen langsam über den noch wenig ausgetretenen Feldweg durch das niedergestampfte Stoppelfeld; wir hörten nichts als unsere eigenen Schritte und Stimmen. Auf der einen Seite zog sich über die Schlucht bis zum fernen entlaubten Gehölz ein braunes Stoppelfeld hin, auf dem ein Bauer mit seinem Pfluge lautlos einen immer breiter werdenden schwarzen Streifen aufwühlte. Die Pferdeherde unten am Hügel schien ganz nahe. An der anderen Seite und vor uns bis zum Garten und bis zu unserem Hause, das hinter dem Garten hervorschaute, lag schwarz und streifenweise auch schon grün der mit der Wintersaat bestellte Acker. Auf alles leuchtete die nicht mehr heiße Sonne, und auf allen Dingen lagen lange faserige Spinnenfäden. Sie schwebten in der Luft um uns herum, legten sich auf die hartgefrorenen Stoppelfelder und fielen uns auf die Augen, Haare und Kleider. Wenn wir sprachen, so klangen unsere Stimmen so, als blieben sie über uns in der regungslosen Luft hängen, als wären wir ganz allein in der ganzen Welt, allein unter diesem blauen Himmelszelt, an dem zitternd und blinzelnd die gar nicht heiße Sonne spielte. Auch ich wollte zu ihm »du« sagen, aber ich schämte mich noch. »Warum gehst du so schnell?« fragte ich hastig, beinahe im Flüstertone, und mußte dabei erröten. Er verlangsamte seine Schritte und blickte mich noch liebevoller, noch freudiger und glücklicher an. Als wir nach Hause kamen, waren dort schon seine Mutter und die Gäste versammelt, die wir schließlich doch hatten einladen müssen, und so blieb ich bis zu dem Augenblick, als wir aus der Kirche traten und uns in den Wagen setzten, um nach Nikolskoje zu fahren, nicht mehr allein. Die Kirche war fast leer, und ich sah mit einem flüchtigen Blick nur seine Mutter, die auf dem kleinen Teppich neben dem Chor aufrecht stand, Katja in einer Haube mit lila Bändern und mit Tränen an den Wangen, und zwei oder drei leibeigene Dienstboten, die mich neugierig musterten. Ihn sah ich nicht an, aber ich fühlte seine Nähe. Ich lauschte den Worten der Gebete, sprach sie nach, aber in meiner Seele weckten sie keinen Widerhall. Ich konnte nicht beten und blickte stumpf auf die Heiligenbilder, auf die Kerzen, auf das Kreuz des Ornates auf dem Rücken des Geistlichen, auf die Heiligenwand, auf das Fenster der Kirche und konnte nichts verstehen. Ich fühlte nur, daß mit mir etwas Ungewöhnliches geschah. Als der Geistliche sich mit dem Kreuz zu uns wandte, uns gratulierte und sagte, daß er mich einst getauft und es nun dank Gottes Gnade erlebt habe, mich auch zu trauen, als Katja und seine Mutter uns küßten und Grigorijs Stimme erklang, der nach dem Wagen rief, da erstaunte und erschrak ich beim Gedanken, daß alles schon vorbei sei, und daß in meiner Seele nichts Außergewöhnliches geschehen wäre, was dem heiligen Sakrament, das an mir soeben vollzogen worden war, entspräche. Wir küßten uns, und dieser Kuß war so seltsam und unserem Gefühle fremd. -- Ist das alles?! -- dachte ich mir. Wir traten vor das Portal, das Gerassel der Räder hallte dumpf unter der Kuppel wider, ein frischer Lufthauch wehte mir ins Gesicht, er setzte seinen Hut auf und half mir in den Wagen. Durch das Wagenfenster sah ich den frostigen, von einem Hofe umgebenen Mond. Er setzte sich neben mich und schloß den Wagenschlag. Etwas stach mich ins Herz. Die Selbstverständlichkeit, mit der er es machte, kam mir irgendwie verletzend vor. Katjas Stimme rief, ich solle mir den Kopf gut einhüllen, die Räder rollten über die Steine, dann über die weiche Landstraße, und wir fuhren davon. Ich drückte mich in die Ecke und blickte auf die fernen, hellen Fluren und auf den Weg hinaus, der im kalten Mondlichte dahinzulaufen schien. Ohne ihn anzublicken, fühlte ich doch seine Nähe. -- Ist das alles, was mir dieser Augenblick gab, von dem ich so viel erwartet hatte? -- dachte ich, und es kam mir noch immer demütigend und beleidigend vor, so nahe neben ihm zu sitzen. Ich wandte mich zu ihm um, mit der Absicht, ihm etwas zu sagen. Aber kein Wort wollte mir über die Lippen kommen, als hätte sich das zärtliche Gefühl von früher verflüchtigt und als wäre ein Gefühl von Kränkung und Angst an seine Stelle getreten. »Bis zu diesem Augenblick habe ich noch immer nicht geglaubt, daß es möglich sei,« antwortete er leise auf meinen Blick. »Ja, aber ich fürchte mich so, ich weiß selbst nicht, warum,« sagte ich. »Du fürchtest dich vor mir, liebes Kind,« sagte er. Dann nahm er meine Hand und beugte über sie sein Gesicht. Meine Hand lag wie leblos in der seinen, und mein Herz tat mir vor Kälte weh. »Ja,« flüsterte ich. Aber im gleichen Augenblick fing mein Herz heftiger zu klopfen an, meine Hand zitterte und drückte seine Hand zusammen, es wurde mir heiß, meine Augen suchten im Halbdunkel seinen Blick, und ich fühlte plötzlich, daß ich ihn nicht mehr fürchtete, daß diese Furcht die Liebe sei, eine neue, noch zärtlichere und größere Liebe als früher. Ich fühlte, daß ich ihm ganz gehörte, und daß ich über seine Gewalt über mich glücklich war. Zweiter Teil. I Tage und Wochen, ganze zwei Monate des zurückgezogenen ländlichen Lebens vergingen, wie es mir schien, unbemerkt; und doch hätten die Gefühle, die Aufregungen und das Glück dieser beiden Monate für ein ganzes Leben genügt. Meine und seine Träume von unserem Landleben waren ganz anders in Erfüllung gegangen, als wir es erwartet hatten. Aber unser Leben war nicht schlechter, als unsere Träume. Es gab nichts von der ernsten Arbeit, von Pflichterfüllung, von Selbstaufopferung und vom Leben für die anderen, die ich mir ausgemalt hatte, als ich noch seine Braut gewesen; es war dagegen ein selbstsüchtiges Gefühl der Liebe zueinander, der Wunsch, geliebt zu werden, eine immerwährende, grundlose Heiterkeit und ein Vergessen aller Dinge auf der Welt. Er zog sich zwar wirklich manchmal in sein Kabinett zurück, um etwas zu tun, fuhr manchmal in Geschäften nach der Stadt oder ging aus dem Hause, um nach der Wirtschaft zu sehen; aber ich sah, was für Mühe es ihn kostete, sich von mir loszureißen. Er gestand mir später auch selbst, daß alles in der Welt, wenn ich nicht dabei sei, ihm so nichtig und unsinnig erscheine, daß er gar nicht verstehe, wie man sich damit überhaupt abgeben könne. Mit mir verhielt es sich ebenso. Ich las, trieb Musik, widmete mich der Schwiegermama und der Schule; doch ich tat es nur, weil jede dieser Beschäftigungen mit ihm zusammenhing und von ihm gutgeheißen wurde; aber wenn sich zu irgendeinem Tun der Gedanke an ihn nicht gesellte, so sanken mir die Hände in den Schoß, und es kam mir so komisch vor, daß es außer ihm auf der Welt noch etwas geben könne. Vielleicht war es ein schlechtes, selbstsüchtiges Gefühl, aber es gab mir Glück und hob mich über die ganze Welt empor. Nur er allein existierte für mich auf der Erde, ihn hielt ich aber für den herrlichsten und unfehlbarsten Menschen auf Erden; darum konnte ich für nichts anderes leben als für ihn, als um in seinen Augen das zu sein, für was er mich hielt. Er hielt mich aber für das erste und herrlichste Weib auf Erden, begabt mit allen möglichen Tugenden; und ich bemühte mich, in den Augen des ersten und besten Menschen auf der ganzen Welt so ein Weib zu sein. Einmal trat er zu mir ins Zimmer, als ich gerade betete. Ich sah mich nach ihm um und betete weiter. Er setzte sich an den Tisch, um mich nicht zu stören, und schlug ein Buch auf. Aber es kam mir vor, als sähe er mich an, und ich wandte mich wieder um. Er lächelte, ich fing zu lachen an und konnte nicht mehr beten. »Hast du schon gebetet?« fragte ich ihn. »Ja. Fahre nur fort, ich will weggehen.« »Du betest doch hoffentlich?« Er wollte gehen, ohne zu antworten, aber ich hielt ihn zurück. »Liebster, tu es bitte für mich, sprich mal mit mir die Gebete.« Er kniete neben mir nieder, ließ die Hände linkisch sinken und begann mit ernstem Gesicht und stockend zu beten. Ab und zu wandte er sich zu mir um und suchte in meinem Gesicht Zustimmung und Hilfe. Als er fertig war, fing ich zu lachen an und umarmte ihn. »Alles kannst du, alles kannst du! Es ist mir, als ob ich wieder ein Junge von zehn Jahren wäre,« sagte er errötend und mir die Hände küssend. Unser Haus war eines von den alten Landsitzen, in denen mehrere aufeinanderfolgende Generationen in Eintracht und gegenseitiger Liebe und Achtung gelebt haben. Es war vom Dufte guter, ehrlicher Familienerinnerungen erfüllt, welche plötzlich, als ich dieses Haus betreten, auch zu meinen Erinnerungen geworden waren. Über die Ausstattung des Hauses und die Lebensordnung wachte Tatjana Ssemjonowna nach alter Weise. Man kann nicht behaupten, daß alles elegant und hübsch gewesen wäre; aber von allem, von den Dienstboten bis zu den Möbeln und Speisen war genug da, alles war reinlich, dauerhaft, ordentlich und flößte Achtung ein. Im Wohnzimmer standen symmetrisch die Möbel und hingen Familienbilder, auf dem Fußboden lagen hausgewebte Teppiche und Läufer. Im »Diwanzimmer« befanden sich ein altes Klavier, zwei Chiffonnièren von verschiedener Form, Diwans und Tischchen mit Messingverzierungen und eingelegter Arbeit. In meinem Arbeitszimmer, auf dessen Ausstattung Tatjana Ssemjonowna besondere Mühe verwandt hatte, standen die besten Möbel aus verschiedenen Jahrhunderten und von verschiedenen Fassons; unter anderem auch ein alter Trumeau, in den ich anfangs nur schüchterne Blicke zu werfen wagte, der mir aber später so lieb wurde wie ein alter Freund. Von Tatjana Ssemjonowna war nichts zu hören, aber alles im Hause ging so regelmäßig, wie eine aufgezogene Uhr. Es gab zwar viele überflüssige Dienstboten, aber alle diese Leute, welche weiche Schuhe ohne Absätze trugen (Tatjana Ssemjonowna hielt das Knarren der Sohlen und das Klappern der Absätze für das Unangenehmste auf der Welt), -- alle diese Leute waren stolz auf ihre Stellung, zitterten vor der alten Herrin, sahen auf mich und meinen Mann mit einem gönnerhaften Lächeln herab und schienen ihre Arbeit mit besonderer Freude zu verrichten. Jeden Sonnabend wurden 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 136 137 138 139 140 141 142 143 144 145 146 147 148 149 150 151 152 153 154 155 156 157 158 159 160 161 162 163 164 165 166 167 168 169 170 171 172 173 174 175 176 177 178 179 180 181 182 183 184 185 186 187 188 189 190 191 192 193 194 195 196 197 198 199 200 201 202 203 204 205 206 207 208 209 210 211 212 213 214 215 216 217 218 219 220 221 222 223 224 225 226 227 228 229 230 231 232 233 234 235 236 237 238 239 240 241 242 243 244 245 246 247 248 249 250 251 252 253 254 255 256 257 258 259 260 261 262 263 264 265 266 267 268 269 270 271 272 273 274 275 276 277 278 279 280 281 282 283 284 285 286 287 288 289 290 291 292 293 294 295 296 297 298 299 300 301 302 303 304 305 306 307 308 309 310 311 312 313 314 315 316 317 318 319 320 321 322 323 324 325 326 327 328 329 330 331 332 333 334 335 336 337 338 339 340 341 342 343 344 345 346 347 348 349 350 351 352 353 354 355 356 357 358 359 360 361 362 363 364 365 366 367 368 369 370 371 372 373 374 375 376 377 378 379 380 381 382 383 384 385 386 387 388 389 390 391 392 393 394 395 396 397 398 399 400 401 402 403 404 405 406 407 408 409 410 411 412 413 414 415 416 417 418 419 420 421 422 423 424 425 426 427 428 429 430 431 432 433 434 435 436 437 438 439 440 441 442 443 444 445 446 447 448 449 450 451 452 453 454 455 456 457 458 459 460 461 462 463 464 465 466 467 468 469 470 471 472 473 474 475 476 477 478 479 480 481 482 483 484 485 486 487 488 489 490 491 492 493 494 495 496 497 498 499 500 501 502 503 504 505 506 507 508 509 510 511 512 513 514 515 516 517 518 519 520 521 522 523 524 525 526 527 528 529 530 531 532 533 534 535 536 537 538 539 540 541 542 543 544 545 546 547 548 549 550 551 552 553 554 555 556 557 558 559 560 561 562 563 564 565 566 567 568 569 570 571 572 573 574 575 576 577 578 579 580 581 582 583 584 585 586 587 588 589 590 591 592 593 594 595 596 597 598 599 600 601 602 603 604 605 606 607 608 609 610 611 612 613 614 615 616 617 618 619 620 621 622 623 624 625 626 627 628 629 630 631 632 633 634 635 636 637 638 639 640 641 642 643 644 645 646 647 648 649 650 651 652 653 654 655 656 657 658 659 660 661 662 663 664 665 666 667 668 669 670 671 672 673 674 675 676 677 678 679 680 681 682 683 684 685 686 687 688 689 690 691 692 693 694 695 696 697 698 699 700 701 702 703 704 705 706 707 708 709 710 711 712 713 714 715 716 717 718 719 720 721 722 723 724 725 726 727 728 729 730 731 732 733 734 735 736 737 738 739 740 741 742 743 744 745 746 747 748 749 750 751 752 753 754 755 756 757 758 759 760 761 762 763 764 765 766 767 768 769 770 771 772 773 774 775 776 777 778 779 780 781 782 783 784 785 786 787 788 789 790 791 792 793 794 795 796 797 798 799 800 801 802 803 804 805 806 807 808 809 810 811 812 813 814 815 816 817 818 819 820 821 822 823 824 825 826 827 828 829 830 831 832 833 834 835 836 837 838 839 840 841 842 843 844 845 846 847 848 849 850 851 852 853 854 855 856 857 858 859 860 861 862 863 864 865 866 867 868 869 870 871 872 873 874 875 876 877 878 879 880 881 882 883 884 885 886 887 888 889 890 891 892 893 894 895 896 897 898 899 900 901 902 903 904 905 906 907 908 909 910 911 912 913 914 915 916 917 918 919 920 921 922 923 924 925 926 927 928 929 930 931 932 933 934 935 936 937 938 939 940 941 942 943 944 945 946 947 948 949 950 951 952 953 954 955 956 957 958 959 960 961 962 963 964 965 966 967 968 969 970 971 972 973 974 975 976 977 978 979 980 981 982 983 984 985 986 987 988 989 990 991 992 993 994 995 996 997 998 999 1000