zu achten und als sei er mir böse.
Nach dem Tee trat ich ans Klavier, und er folgte mir.
»Spielen Sie mir doch etwas, ich habe Sie schon lange nicht spielen
hören,« sagte er, als er mich im Wohnzimmer einholte.
»Ich wollte auch selbst ... Ssergej Michailytsch!« sagte ich, ihm
plötzlich gerade in die Augen blickend. »Sie sind mir doch nicht böse?«
»Weshalb denn?« fragte er.
»Weil ich heute nachmittag auf Sie nicht gehört habe,« antwortete ich
errötend.
Er verstand, was ich meinte, schüttelte den Kopf und lächelte. Sein
Blick sagte mir, daß er mich schelten müßte, aber keine Kraft dazu
hätte.
»Es ist nichts passiert, wir sind wieder gute Freunde,« sagte ich,
indem ich mich ans Klavier setzte.
»Und ob!« antwortete er.
Im großen, hohen Salon brannten nur die beiden Kerzen auf dem Klavier,
der übrige Raum war halbfinster. Durch die offenen Fenster blickte
die helle Sommernacht herein. Alles war still, wir hörten nur hin und
wieder, wie Katja im dunklen Wohnzimmer auf und ab ging und wie sein
unter einem der Fenster angebundenes Pferd schnaubte und mit den Hufen
auf die Pestwurzstauden stampfte. Er saß hinter mir, so daß ich ihn
nicht sehen konnte; aber ich fühlte überall -- im Halbdunkel dieses
Zimmers, in den Tönen, in mir selbst -- seine Gegenwart. Ich spürte
in meinem Herzen jeden seiner Blicke, jede seiner Bewegungen, die ich
nicht sehen konnte. Ich spielte die Fantasie-Sonate von Mozart, die
er mir gebracht und die ich in seinem Beisein und für ihn einstudiert
hatte. Ich dachte gar nicht daran, was ich spielte, aber ich glaube,
daß ich gut spielte, und es schien mir, daß es ihm gefiel. Ich
hatte den gleichen Genuß, den er empfand und fühlte auch, ohne ihn
anzusehen, seinen Blick, der auf meinem Rücken ruhte. Ich sah mich
ganz unwillkürlich nach ihm um, während meine Finger bewußtlos über
die Tasten liefen. Sein Kopf hob sich vom leuchtenden Hintergrunde des
nächtlichen Himmels ab. Er saß, den Kopf in die Hände gestützt, und
sah mich unverwandt mit glänzenden Augen an. Ich lächelte, als ich den
Blick bemerkte, und hörte zu spielen auf. Auch er lächelte und wies
vorwurfsvoll mit dem Kopf auf die Noten, damit ich weiter spiele. Als
ich fertig war, leuchtete der Mond, der nun hoch am Himmel stand, ins
Zimmer herein, und außer dem schwachen Scheine der Kerzen, war der Raum
auch noch von einem anderen silbernen Lichte erfüllt, das durch die
Fenster eindrang und sich auf den Boden legte. Katja sagte, es sei ganz
unerhört, daß ich gerade an der schönsten Stelle aufgehört, und daß
ich schlecht gespielt hätte; er aber meinte, ich hätte noch nie so gut
gespielt wie heute; und er fing an, auf und ab zu gehen, -- durch den
Saal ins dunkle Wohnzimmer und dann wieder durch den Saal, und sooft
er an mir vorüberging, lächelte er mir zu. Auch ich lächelte und hatte
sogar Lust, ohne jeden Grund zu lachen: so froh war ich über etwas,
was sich heute, soeben ereignet hatte. Sooft er in der Tür verschwand,
umarmte ich Katja, mit der ich am Klavier stand und küßte sie auf meine
Lieblingsstelle -- den vollen Hals unter dem Kinn; sobald er aber
wiederkam, machte ich ein ernstes Gesicht und hielt mit Mühe das Lachen
zurück.
»Was ist mit ihr heute auf einmal los?« fragte ihn Katja.
Er antwortete aber nicht und sah mich nur lächelnd an: er wußte, was
mit mir los war.
»Sehen Sie nur, welch eine Nacht!« rief er aus dem Wohnzimmer, vor der
offenen, auf den Garten hinausgehenden Balkontüre stehen bleibend.
Wir gingen zu ihm; es war in der Tat eine Nacht, wie ich sie später nie
wieder gesehen habe. Der Vollmond stand hinter uns über dem Hause, so
daß wir ihn nicht sehen konnten, und der halbe Schatten des Daches, der
Säulen und der Markise lag schräg und verkürzt auf dem sandbestreuten
Gartenwege und auf dem runden Rasenplatze. Alles übrige war hell und
von Tau und Mondlicht versilbert. Der breite, mit Blumen eingefaßte
Weg, auf den von der einen Seite die schrägen Schatten der Georginen
und ihrer Stäbe fielen, zog sich, ganz hell und kalt, durch den Nebel
in die Ferne hin, und der Schotter, mit dem er bestreut war, glänzte.
Hinter den Bäumen leuchtete das Dach des Gewächshauses hervor, und
aus der Schlucht stieg Nebel auf. Die schon ein wenig entblößten
Fliedersträuche waren bis zu den Ästen durchleuchtet. Alle vom Tau
befeuchteten Blumen waren deutlich voneinander zu unterscheiden. In den
Alleen hatten sich Licht und Schatten so innig miteinander vermischt,
daß die Alleen nicht mehr als von Bäumen eingefaßte Wege, sondern als
durchsichtige, schwankende und zitternde Gebäude erschienen. Rechts, im
Schatten des Hauses war alles schwarz, unbestimmt und unheimlich. Dafür
ragte aus diesem Dunkel noch heller der phantastische Wipfel der Pappel
hervor, die so seltsam in der Nähe des Hauses, oben im hellen Lichte
unbeweglich zu schweben schien, statt in den fernen bläulichen Himmel
emporzufliegen.
»Wollen wir etwas gehen,« sagte ich.
Katja war einverstanden, meinte aber, daß ich meine Galoschen anziehen
müßte.
»Es ist nicht nötig, Katja,« sagte ich, »Ssergej Michailytsch wird mir
ja den Arm geben.«
Als ob mich das hinderte, nasse Füße zu bekommen! Aber damals kam es
uns allen dreien ganz natürlich und gar nicht sonderbar vor. Er hatte
mir noch niemals den Arm gegeben, doch diesmal nahm ich ihn selbst, und
er fand auch das gar nicht sonderbar. Zu dritt gingen wir die Terrasse
hinab. Diese ganze Welt, dieser Himmel, dieser Garten, diese Luft waren
nicht mehr dieselben, die ich kannte.
Als ich die Allee, über die wir gingen, hinuntersah, war es mir, als
sei es unmöglich, noch weiter zu gehen, als habe die Welt des Möglichen
dort ihr Ende, als müsse dies alles für immer in seiner Schönheit
erstarren. Aber wir gingen weiter, und die Zauberwand der Schönheit
öffnete sich vor uns und ließ uns ein, und auch dort schien unser
alter Garten mit seinen Bäumen, Wegen und trockenem Laub zu liegen. Es
war, als ob wir über die Wege gingen, mit den Füßen auf die Licht- und
Schattenseite träten, als raschelte das welke Laub unter meinem Fuße
und als streifte ein frischer Zweig mein Gesicht. Es war, als ob er es
wäre, der gleichmäßig und langsam neben mir gehend, behutsam meinen Arm
hielt; als ob es wirklich Katja wäre, unter deren Schritten neben uns
der Sand knirschte. Es war wohl auch wirklich der Mond am Himmel, der
auf uns durch die regungslosen Zweige herabschien ...
Aber mit jedem Schritt schloß sich die Zauberwand wieder vor uns und
hinter uns, und ich hörte zu glauben auf, daß es möglich sei, noch
weiter zu gehen, und ich glaubte nicht mehr an das, was war.
»Ach! Ein Frosch!« rief Katja.
-- Wer sagt das und warum sagt er das? -- dachte ich mir. Aber später
begriff ich, daß es Katja sei, daß sie sich vor den Fröschen fürchtete,
und ich blickte vor meine Füße. Ein kleiner Frosch hüpfte und blieb
dann unbeweglich vor mir sitzen, und sein kleiner Schatten zeichnete
sich auf dem hellen, lehmigen Wege ab.
»Und Sie fürchten sich gar nicht?« fragte er.
Ich sah ihn an. Dort, wo wir eben gingen, fehlte in der Allee eine
Linde, und ich konnte sein Gesicht deutlich sehen. Es war so schön und
so glücklich ...
Er hatte gesagt: »Sie fürchten sich gar nicht?« aber ich hörte ihn
sagen: -- Ich liebe dich, mein liebes Mädchen! -- Ich liebe, ich liebe
dich! -- sagten sein Blick und sein Arm; auch Licht und Schatten und
die Luft sagten dasselbe.
Wir umwanderten den ganzen Garten. Katja ging neben uns mit ihren
kleinen Schritten und atmete schwer vor Müdigkeit. Sie sagte, daß es
Zeit sei, umzukehren, und die Ärmste tat mir so furchtbar leid. --
Warum fühlt sie nicht dasselbe wie wir? fragte ich mich. -- Warum sind
nicht alle so jung und so glücklich wie diese Nacht, wie wir beide?
Wir kehrten ins Haus zurück, aber er blieb noch lange bei uns, obwohl
die Hähne schon gekräht hatten, obwohl alle im Hause schliefen und
sein Pferd vor dem Fenster immer ungeduldiger schnaubte und mit den
Hufen auf die Pestwurzstauden stampfte. Katja sagte uns nicht, daß es
schon spät sei, und so blieben wir, von den gleichgültigsten Dingen
sprechend, ohne es selbst zu merken bis zur dritten Morgenstunde auf.
Die Hähne krähten schon zum drittenmal, und der Morgen dämmerte,
als er uns verließ. Er verabschiedete sich ganz wie sonst und sagte
nichts Außergewöhnliches; aber ich wußte, daß er von diesem Tage an
mir gehörte, und daß ich ihn nie wieder verlieren würde. Sobald ich
mir eingestanden hatte, daß ich ihn liebe, erzählte ich alles Katja.
Sie war sehr erfreut und gerührt, weil ich es ihr erzählte, aber die
Ärmste konnte diese ganze Nacht nicht einschlafen. Ich ging noch lange
auf der Terrasse auf und ab, stieg in den Garten hinunter, wandelte
durch die gleichen Alleen, durch die wir früher gewandelt, und suchte
mich jedes seiner Worte, jeder seiner Bewegungen zu entsinnen. Ich
schlief diese ganze Nacht nicht und sah zum erstenmal in meinem Leben
den Sonnenaufgang und den frühen Morgen. Eine solche Nacht und einen
solchen Morgen habe ich später nie wieder erlebt. -- Aber warum sagt
er mir nicht ganz einfach, daß er mich liebt? -- dachte ich. -- Warum
erfindet er allerlei Schwierigkeiten, warum nennt er sich einen alten
Mann, während alles doch so einfach und so herrlich ist? Warum verliert
er die goldene Zeit, die vielleicht niemals wiederkehrt? Mag er doch
nur einmal sagen: »ich liebe dich!«, mag er es mir nur einmal mit
Worten sagen, mag er meine Hand in die seine nehmen, seinen Kopf über
sie beugen und sagen: »ich liebe dich«. Mag er erröten und die Augen
vor mir niederschlagen, und dann will ich ihm auch alles sagen. Ich
werde es ihm nicht einmal sagen, ich werde ihn umarmen, mich an ihn
schmiegen und zu weinen anfangen. -- Aber wenn ich mich täusche, wenn
er mich gar nicht liebt? -- ging es mir plötzlich durch den Kopf.
Ich erschrak vor meinem Gefühl, -- Gott weiß, wohin es mich hätte
führen können; ich erinnerte mich seiner und meiner Verwirrung im
Gewächshaus, als ich plötzlich zu ihm hinuntersprang, und es wurde
mir so schwer, so schwer ums Herz. Tränen stürzten mir aus den Augen,
und ich begann zu beten. Und mir kam ein seltsamer Gedanke, der mich
beruhigte, und eine neue Hoffnung erfüllte mich. Ich entschloß mich,
gleich vom nächsten Morgen an zu fasten, an meinem Geburtstage zu
beichten und zu kommunizieren und am gleichen Tage seine Braut zu
werden.
Wie und warum es so kommen mußte, wußte ich gar nicht, aber von diesem
Augenblicke an glaubte ich fest, daß es so kommen würde. Es war schon
ganz hell geworden, und die Leute standen auf, als ich in mein Zimmer
zurückkehrte.
IV
Es waren die Fasten vor Mariä Himmelfahrt, und niemand im Hause
wunderte sich darum über meinen Entschluß, mich zur Beichte
vorzubereiten.
Diese ganze Woche war er kein einzigesmal bei uns gewesen, und mir fiel
es nicht nur nicht ein, mich darüber zu wundern, mich zu beunruhigen
und ihm deswegen zu zürnen, sondern ich war sogar froh, daß er nicht
kam und erwartete ihn erst an meinem Geburtstage. Im Laufe dieser
ganzen Woche stand ich jeden Morgen sehr früh auf. Während man den
Wagen für mich anspannte, ging ich allein im Garten auf und ab, nahm
alle meine Sünden des vorhergehenden Tages durch und überlegte mir, was
ich heute machen sollte, um mit diesem Tage zufrieden zu sein und kein
einziges Mal zu straucheln. Damals kam es mir so leicht vor, ganz rein
von Sünden zu sein. Ich dachte mir, es genüge, daß ich mich ein wenig
zusammennehme. Die Pferde fuhren vor, ich stieg mit Katja oder einem
der Dienstmädchen in die Liniendroschke, und wir begaben uns nach der
drei Werst entfernten Kirche. Beim Betreten der Kirche erinnerte ich
mich jedesmal, daß man für alle »mit Gottesfurcht Eintretenden« betet,
und bemühte mich, mit diesem Gefühl über die beiden grasbewachsenen
Stufen des Kirchenportals zu treten. In der Kirche waren um diese
Stunde nie mehr als an die zehn Bauern und Bäuerinnen, die sich
ebenfalls zur Beichte vorbereiteten; ich erwiderte mit besonderer
Demut ihre Verbeugungen, ging selbst, was mir als ein gottgefälliges
Werk erschien, zu der Kerzenlade, ließ mir vom Kirchenältesten, einem
alten Soldaten, eine Kerze geben und stellte sie dann selbst vor
die Heiligenbilder. Durch die »Zarenpforte« sah ich die von meiner
Mama gestickte Altardecke: über der Heiligenwand waren zwei Engel
mit Sternen angebracht, die mir, als ich noch klein war, so groß
erschienen, und eine Taube mit gelbem Heiligenschein, die mich damals
gleichfalls gefesselt hatte. Hinter dem Chore stand das zerbeulte
Taufbecken, über dem ich schon so oft die Kinder unserer Leibeigenen
als Taufpatin gehalten hatte und in dem ich einst selbst getauft worden
war. Der alte Priester trat vor den Altar in einem Ornat, das aus dem
Bahrtuch meines verstorbenen Vaters angefertigt worden war, und sprach
die Gebete mit der gleichen Stimme, mit der er immer, soweit ich mich
erinnern konnte, in unserem Hause die Gottesdienste abgehalten, Ssonja
getauft, die Seelenmesse für meinen Vater gelesen und die Leiche meiner
Mutter eingesegnet hatte. Die gleiche zitternde Stimme des Küsters
klang im Chor, und die gleiche alte Frau, die ich in dieser Kirche
von jeher und bei jedem Gottesdienste gesehen hatte, stand gebückt an
der Wand, blickte mit weinenden Augen auf das Heiligenbild im Chor,
drückte die zum Zeichen des Kreuzes zusammengelegten Finger an ihr
verschossenes Kopftuch und flüsterte etwas mit zahnlosem Munde. Dies
alles weckte jetzt in mir nicht mehr Neugierde, auch nicht bloß liebe
Erinnerungen, sondern war groß und heilig und schien mir von einer
tiefen Bedeutung erfüllt. Ich glaubte jedem Worte des Gebets, das der
Priester las, bemühte mich, auf jedes Wort mit innerem Gefühl Antwort
zu geben, und wenn ich etwas nicht verstand, so bat ich in Gedanken
Gott, mich zu erleuchten, oder erfand an Stelle des Gebetes, dem ich
nicht folgen konnte, mein eigenes. Wenn die Bußgebete gelesen wurden,
erinnerte ich mich meiner ganzen Vergangenheit, und diese kindliche und
unschuldige Vergangenheit erschien mir im Vergleich mit dem jetzigen
lichten Zustande meiner Seele so schwarz, daß ich weinte und mich
über mich selbst entsetzte; zugleich fühlte ich aber, daß mir dies
alles vergeben würde, und daß, wenn ich sogar noch mehr Sünden hätte,
die Reue für mich um so süßer wäre. Wenn der Priester am Ende des
Gottesdienstes die Worte sprach: »Gottes Segen über Euch«, glaubte ich
im gleichen Augenblick von einem körperlichen Wohlgefühl durchströmt zu
werden: es war, als ob mir plötzlich Licht und Wärme ins Herz drängen.
Nach dem Gottesdienste kam der Priester zu mir heraus und fragte, ob
und wann er zu uns ins Haus kommen solle, um eine Abendmesse zu lesen;
aber ich dankte ihm gerührt dafür, daß er es, wie ich glaubte, für mich
tun wollte, und sagte, daß ich selbst zu Fuß oder zu Wagen zur Kirche
kommen werde.
»Sie wollen sich selbst bemühen?« pflegte er zu fragen.
Ich wußte nicht, was zu antworten, ohne in die Sünde des Hochmuts zu
verfallen.
Nach der Messe schickte ich, wenn Katja nicht dabei war, die Pferde
immer weg und ging allein zu Fuß nach Hause. Unterwegs verbeugte ich
mich demütig vor allen, denen ich begegnete und suchte Gelegenheit,
jemand mit Tat oder Rat zu helfen, mich für jemand aufzuopfern; bald
half ich einem Bauern, einen umgekippten Wagen aufzuheben, bald wiegte
ich ein Kind und trat bald von der Straße in den Schmutz, um jemand
den Weg frei zu machen. Eines Abends hörte ich, wie der Verwalter
Katja erzählte, daß der Bauer Ssemjon zu ihm gekommen sei, um Bretter
zu einem Sarge für seine verstorbene Tochter und einen Rubel für die
Seelenmesse zu bitten, und daß er ihm beides gegeben habe. »Sind
denn die Leute so arm?« fragte ich. -- »Sie sind sehr arm, gnädiges
Fräulein, sie haben nicht mal Salz,« antwortete der Verwalter. Mein
Herz schnürte sich zusammen, und zugleich überkam mich etwas wie
Freude, als ich das hörte. Ich log Katja vor, daß ich spazieren gehen
möchte, lief hinauf, holte mein ganzes Geld (es war sehr wenig, aber
doch alles, was ich besaß), bekreuzigte mich und ging allein über die
Terrasse und den Garten ins Dorf zu Ssemjons Hause. Sein Haus stand am
Rande des Dorfes, ich trat, von niemand bemerkt, ans Fenster, legte
das Geld hinein und klopfte an. Die Tür knarrte, jemand kam aus dem
Hause und rief mich an; ich lief, vor Schreck zitternd und am ganzen
Leibe erkaltend, wie eine Verbrecherin heim. Katja fragte mich, wo ich
gewesen und was mit mir los sei, aber ich verstand nicht einmal, was
sie zu mir sagte, und gab ihr keine Antwort. Alles erschien mir auf
einmal so nichtig und eitel. Ich schloß mich in meinem Zimmer ein und
ging lange auf und ab, außerstande, etwas zu tun, an etwas zu denken,
außerstande, mir Rechenschaft über meine Empfindungen zu geben. Ich
dachte an die Freude, die ich der ganzen Familie bereitet hatte, an
die Worte, mit denen sie von demjenigen sprechen würden, der das Geld
hingelegt hatte, und es tat mir leid, daß ich ihnen das Geld nicht
in die Hand gegeben hatte. Ich dachte auch daran, was wohl Ssergej
Michailytsch sagen würde, wenn er von dieser Tat erführe und freute
mich darüber, daß niemand es erfahren würde. Und in mir war eine solche
Freude, alle Menschen und ich selbst erschienen mir so schlecht, und
ich betrachtete mich und die anderen so mild, daß der Gedanke an den
Tod mir wie ein Traum von Glück erschien. Ich lächelte und betete und
weinte und liebte in diesem Augenblick alle Menschen und auch mich
selbst so heiß und so leidenschaftlich. Zwischen den Messen las ich
im Evangelium, und immer verständlicher wurde mir dieses Buch, immer
rührender und einfacher erschien mir die Geschichte dieses göttlichen
Lebens und immer unheimlicher und unergründlicher die Tiefe des Gefühls
und der Gedanken, die ich in seiner Lehre fand. So klar und einfach
erschien mir dafür alles, wenn ich das Buch beiseite legte und tiefer
ins Leben schaute, das mich umgab. Es erschien mir so schwer, nicht
gut zu sein, und so einfach, alle zu lieben und von allen geliebt zu
werden. Alle waren so gut und sanft zu mir; sogar Ssonja, der ich
noch immer Unterricht erteilte, war eine ganz andere geworden und gab
sich Mühe, mich zu verstehen, mir gefällig zu sein und mich nicht zu
betrüben. Wie ich zu den Menschen war, so waren sie auch zu mir. Ich
überlegte mir, ob ich nicht Feinde hätte, die ich vor der Beichte
um Verzeihung bitten müßte, und erinnerte mich nur eines jungen
Mädchens aus der Nachbarschaft, über das ich mich einmal vor Gästen
lustig gemacht hatte und das uns nicht mehr besuchte. Ich schrieb ihr
einen Brief, in dem ich meine Schuld bekannte und sie um Vergebung
bat. Sie antwortete mir mit einem Briefe, in dem sie mich selbst um
Verzeihung bat und auch mir verzieh. Ich weinte vor Freude, als ich
diese einfachen Zeilen las, in denen ich damals ein ebenso tiefes und
rührendes Gefühl zu sehen glaubte. Die alte Kinderfrau weinte, als
ich sie um Vergebung bat. -- Warum sind sie alle so gut zu mir? Womit
habe ich solche Liebe verdient? -- fragte ich mich. Ich erinnerte mich
auch unwillkürlich Ssergej Michailytschs und dachte lange an ihn. Ich
konnte nicht anders und hielt es sogar auch nicht für Sünde. Aber
ich dachte an ihn jetzt ganz anders als in jener Nacht, wo ich zum
erstenmal erfuhr, daß ich ihn liebe; ich dachte an ihn wie an mich
selbst und verknüpfte ihn unwillkürlich mit jedem Gedanken an meine
eigene Zukunft. Der erdrückende Einfluß, den ich in seiner Gegenwart
verspürt hatte, war nun in meiner Fantasie vollkommen verschwunden.
Ich betrachtete mich als ihm gleich und verstand ihn vollkommen von
der Höhe der geistlichen Stimmung herab, in der ich mich befand.
Alles, was mir an ihm früher seltsam erschienen, war mir jetzt klar.
Erst jetzt begriff ich, warum er gesagt hatte, daß das Glück nur darin
liege, für andere zu leben, und ich war mit ihm jetzt darin vollkommen
einverstanden. Es schien mir, daß uns beide ein unendliches und ruhiges
Glück erwartete. Ich dachte aber dabei nicht an Reisen ins Ausland,
nicht an den Glanz der großen Welt, sondern an ein ganz anderes,
stilles Familienleben auf dem Lande, mit ewiger Selbstaufopferung,
mit ewiger Liebe zueinander und mit ewiger Erkenntnis der milden und
hilfreichen Vorsehung in allen Dingen.
Ich kommunizierte, wie ich es mir vorgenommen hatte, an meinem
Geburtstage. Als ich an diesem Tage aus der Kirche zurückkehrte, war
mein Herz von einem so vollkommenen Glück erfüllt, daß ich mich vor
dem Leben, vor jedem Eindruck, vor allem fürchtete, was dieses Glück
hätte stören können. Aber kaum waren wir der Liniendroschke vor unserer
Freitreppe entstiegen, als auf der Brücke das mir bekannte Kabriolett
rasselte und ich Ssergej Michailytsch erblickte. Er gratulierte mir,
und wir traten zusammen ins Wohnzimmer. Noch niemals, seitdem ich
ihn kannte, war ich so ruhig und meiner selbst sicher wie an diesem
Morgen. Ich fühlte in mir eine ganze neue Welt, die er nicht begriff,
die größer war als er. Ich empfand vor ihm nicht die geringste
Verlegenheit. Er merkte wohl, woher das kam, und benahm sich besonders
zartfühlend, sanft und fromm mir gegenüber. Ich trat an das Klavier,
aber er schloß es zu und steckte den Schlüssel in die Tasche.
»Verderben Sie Ihre Stimmung nicht,« sagte er. »In Ihrer Seele ist
jetzt eine Musik, die schöner ist als jede Musik auf Erden.«
Ich war ihm dankbar dafür, und doch war es mir zugleich auch etwas
unangenehm, daß er so leicht und klar alles begriff, was als Geheimnis
in meiner Seele ruhen sollte. Beim Mittagessen sagte er, er sei
gekommen, mir zu gratulieren und zugleich Abschied zu nehmen, weil er
morgen nach Moskau verreise. Als er das sagte, sah er nur Katja an;
dann streifte er aber auch mich mit einem Blick, und ich sah ihm an,
daß er fürchtete, in meinem Gesicht eine Erregung zu merken. Aber ich
war weder erstaunt noch erregt und fragte ihn nicht mal, ob er für
lange verreise. Ich hatte erwartet, daß er es sagen würde, und ich
wußte auch, daß er nicht verreisen würde. Wie ich das wußte? Jetzt kann
ich mir das unmöglich erklären; aber an jenem denkwürdigen Tage war
es mir, als ob ich alles, wie das Vergangene, so auch das Zukünftige
wüßte. Ich war wie in einem glücklichen Traum, wo mir alles, was auch
geschieht, schon bekannt vorkommt, wo ich alles schon längst weiß, es
aber erst in der Zukunft geschehen soll, und ich weiß, daß es geschehen
wird.
Er wollte gleich nach dem Essen wegfahren, aber Katja, die noch von
der Messe ermüdet war, zog sich zurück, um sich etwas hinzulegen, und
er mußte warten, bis sie erwachte, um sich von ihr zu verabschieden.
Im Salon war die Sonne, und wir gingen auf die Terrasse. Kaum hatten
wir uns hingesetzt, als ich in vollkommener Ruhe das Gespräch begann,
das über das Schicksal meiner Liebe entscheiden sollte. Ich fing zu
sprechen an, weder früher noch später, sondern just in dem Augenblick,
als wir uns hingesetzt hatten, als noch nichts gesagt worden war und
als weder der Ton noch der Charakter des Gesprächs mich darin, was ich
sagen wollte, hindern konnten. Ich weiß selbst nicht, wo ich damals
solche Ruhe, Entschlossenheit und Genauigkeit der Ausdrucksweise
hernahm. Es war, als sagte ich es nicht selbst, als spräche etwas, was
von meinem Willen nicht abhing, aus mir heraus. Er saß mir gegenüber,
die Ellbogen auf das Geländer gestützt und rupfte die Blätter von einem
Fliederzweige, den er zu sich herangezogen hatte. Als ich zu sprechen
anfing, ließ er den Zweig fahren und stützte den Kopf in die Hand.
Das konnte die Pose eines durchaus ruhigen, wie auch die eines sehr
aufgeregten Mannes sein.
»Warum verreisen Sie?« fragte ich bedeutungsvoll und langsam, ihm
gerade ins Gesicht blickend.
Er antwortete nicht gleich.
»Die Geschäfte!« versetzte er schließlich, die Augen senkend.
Ich begriff, wie schwer es ihm fiel, mir die Unwahrheit zu sagen und
dazu noch auf eine so aufrichtig gestellte Frage.
»Hören Sie,« sagte ich, »Sie wissen, was dieser Tag für mich ist. Er
ist mir in mancher Beziehung wichtig. Wenn ich Sie frage, so tue ich
es nicht nur, um mein Interesse für Sie zu zeigen (Sie wissen, daß ich
mich an Sie gewöhnt habe und Sie gerne mag); ich frage, weil ich es
wissen muß. Warum verreisen Sie?«
»Es ist mir sehr schwer, Ihnen die Wahrheit zu sagen, warum ich
verreise,« sagte er. »In dieser Woche habe ich viel an Sie und auch an
mich gedacht und bin zu dem Schluß gekommen, daß ich verreisen muß.
Sie verstehen doch, warum, und wenn Sie mich lieben, werden Sie nicht
weiter fragen.« Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne und bedeckte
dann mit ihr die Augen. »Es fällt mir schwer ... Und Sie verstehen es
doch.«
Mein Herz fing heftig zu schlagen an.
»Ich kann es nicht verstehen,« entgegnete ich, »-ich kann es nicht-,
aber -Sie selbst-, sagen Sie es mir um Gottes willen, schon weil es ein
so besonderer Tag für mich ist, ich kann alles ruhig anhören!«
Er änderte seine Stellung, blickte mich an und zog den Fliederzweig
wieder zu sich.
»Übrigens,« sagte er nach kurzer Pause mit einer Stimme, die sich
vergebens bemühte, fest zu erscheinen, »obwohl es dumm und unmöglich
ist, es mit Worten auszusprechen, obwohl es mir schwer fällt, will ich
mich doch bemühen, es Ihnen zu erklären,« fügte er hinzu, das Gesicht
wie bei einem körperlichen Schmerz verziehend.
»Nun?« fragte ich.
»Denken Sie sich folgenden Fall: es war einmal ein Herr, sagen wir ein
Herr A.,« begann er, »ein alter und abgelebter Mann, und es war ein
gewisses Fräulein B., ein glückliches junges Mädchen, das das Leben und
die Menschen noch nicht kannte. Infolge besonderer Familienverhältnisse
gewann er sie wie eine Tochter lieb und dachte gar nicht daran, sie
anders lieben zu können.«
Er hielt inne, aber ich unterbrach ihn nicht.
»Aber er hatte vergessen, daß Fräulein B. so jung war, daß das Leben
für sie noch ein Spiel bedeutete,« fuhr er plötzlich schnell und
entschlossen fort, ohne mich anzublicken, »daß es sehr leicht sei, sie
anders zu lieben, und daß dies ihr sehr amüsant erscheinen würde. Er
hatte sich aber geirrt und fühlte plötzlich, daß ein anderes Gefühl, so
schwer wie die Reue sich in sein Herz einschlich, und er erschrak. Er
fürchtete, daß ihre früheren freundschaftlichen Beziehungen abbrechen
könnten, und er entschloß sich, zu verreisen, bevor dies geschähe.« Als
er das sagte, rieb er sich, wie zerstreut, mit der Hand die Augen und
schloß sie wieder.
»Warum fürchtete er denn, sie anders zu lieben?« fragte ich kaum
hörbar, meine Erregung zurückhaltend, so daß meine Stimme ruhig klang;
ihm erschien aber mein Ton wohl scherzhaft, und er antwortete wie
beleidigt:
»Sie sind jung, und ich bin nicht mehr jung. Sie wollen spielen, aber
ich will etwas anderes. Spielen Sie nur, aber nur nicht mit mir, denn
sonst werde ich es vielleicht ernst nehmen, und das wäre für mich nicht
gut, und Sie würden es bereuen. Das sagte der A.,« fügte er hinzu. »Es
sind lauter Dummheiten, aber Sie verstehen wohl, warum ich verreise.
Sprechen wir nie mehr davon, ich bitte Sie!«
»Nein! Nein! Sprechen wir gerade davon!« rief ich aus, und meine Stimme
zitterte vor zurückgehaltenen Tränen. »Liebte er sie oder nicht?«
Er gab keine Antwort.
»Wenn er sie aber nicht liebte, warum spielte er dann mit ihr wie mit
einem Kinde?« fragte ich.
»Ja, ja, das war eben seine Schuld,« antwortete er, mich hastig
unterbrechend, »aber alles war zu Ende, und sie schieden ... als
Freunde.«
»Aber es ist doch entsetzlich! Ist denn kein anderer Ausweg möglich?«
brachte ich mit Mühe hervor und erschrak gleich darauf über meine
eigenen Worte.
»Ja, es gibt wohl einen anderen Ausweg,« sagte er, indem er die Hand
von seinem aufgeregten Gesicht nahm und mir gerade in die Augen
blickte. »Es gibt zwei verschiedene Auswege. Aber um Gottes willen,
unterbrechen Sie mich nicht und versuchen Sie mich mit Ruhe zu
begreifen. Die einen sagen,« fing er an, indem er sich erhob, mit einem
schmerzvollen und schwermütigen Lächeln, »die einen sagen, A. sei
verrückt geworden, hätte sich in die B. wahnsinnig verliebt und ihr
seine Liebe gestanden ... Sie hätte aber nur gelacht. Für sie war es
nur ein Spiel, für ihn aber eine Lebensfrage.«
Ich fuhr zusammen und wollte ihn unterbrechen, wollte ihm sagen,
daß er sich nicht unterstehen dürfe, mir seine eigenen Gedanken
unterzuschieben, aber er legte seine Hand auf die meine, um mich
zurückzuhalten.
»Warten Sie,« sagte er mit bebender Stimme, »die einen sagen, sie
hätte Mitleid mit ihm gehabt; die Ärmste, die die Menschen noch nicht
kannte, hätte sich eingebildet, daß sie ihn wirklich lieben könne, und
eingewilligt, seine Frau zu werden. Er, der Wahnsinnige hätte geglaubt,
daß für ihn ein neues Leben beginnen würde, aber sie hätte selbst
begriffen, daß sie ihn betrogen habe, wie auch er sie ... Sprechen wir
nicht mehr davon,« schloß er, offenbar außerstande, weiter zu sprechen,
und fing an, vor mir auf und ab zu gehen.
Er sagte: »sprechen wir nicht mehr davon«, aber ich sah, daß er mit der
ganzen Sehnsucht seiner Seele ein Wort von mir erwartete. Ich wollte
sprechen, konnte es aber nicht: etwas preßte mir die Brust zusammen.
Ich sah ihn an: er war blaß, und seine Unterlippe zitterte. Ich fühlte
Mitleid mit ihm. Ich nahm meine ganze Kraft zusammen, zerriß plötzlich
die Fesseln des Schweigens und begann mit leiser, verhaltener Stimme,
die, wie ich fürchtete, jeden Augenblick versagen konnte.
»Und die dritte Möglichkeit,« begann ich und hielt inne; aber er
schwieg. »Die dritte Möglichkeit ist, daß er sie nicht liebte und
ihr sehr weh tat; er glaubte, im Rechte zu sein, und verließ sie und
rühmte sich auch noch dessen. Für Sie ist es ein Spiel, aber nicht für
mich, ich habe Sie vom ersten Tage an geliebt, geliebt!« wiederholte
ich, und beim Worte »geliebt« steigerte sich meine bis dahin leise
und verhaltene Stimme zu einem wilden Aufschrei, vor dem ich selbst
erschrak.
Er stand bleich vor mir, seine Lippe bebte immer heftiger, und zwei
Tränen rollten über seine Wangen.
»Das ist schlecht!« schrie ich fast, während mich die unterdrückten
Tränen der Kränkung zu ersticken drohten. »Womit habe ich das
verdient?« fragte ich und erhob mich, um fortzugehen.
Er ließ mich aber nicht fort. Sein Kopf lag auf meinem Schoße, seine
Lippen küßten meine zitternden Hände, und seine Tränen netzten sie.
»Mein Gott, wenn ich es gewußt hätte!« rief er.
»Womit? Womit?« wiederholte ich, und in meiner Seele war ein Glück, das
dann für immer entschwand und nie wiederkam.
Fünf Minuten später lief Ssonja zu Katja hinauf und schrie, daß es im
ganzen Hause hallte: »Mascha will Ssergej Michailytsch heiraten!«
V
Es lagen keine Gründe vor, die Hochzeit hinauszuschieben, und weder
er, noch ich wünschten das. Katja wollte allerdings erst nach Moskau
fahren, um Verschiedenes für die Aussteuer einzukaufen und zu
bestellen, und seine Mutter versuchte, darauf zu bestehen, daß er vor
der Heirat eine neue Equipage und neue Möbel anschaffe und das Haus neu
tapezieren lasse; wir beide setzten aber unseren Entschluß durch, dies
alles, wenn es schon so notwendig sei, erst später zu besorgen und uns
zwei Wochen nach meinem Geburtstage, in aller Stille, ohne Aussteuer,
ohne Gäste, ohne Hochzeitsbeistände, ohne Festtafel, Champagner und
sonstige Hochzeitsattribute trauen zu lassen. Er erzählte mir, wie
ungehalten seine Mutter darüber war, daß unsere Hochzeit ohne Musik,
ohne einen Berg von Truhen und ohne Erneuerung des ganzen Hauses
gefeiert werden sollte, ganz anders, als ihre Hochzeit, die einst
dreißigtausend Rubel gekostet habe, und wie sie hinter seinem Rücken
die alten Kisten und Kasten durchwühlt und sich mit der Wirtschafterin
Marjuschka ernsthaft wegen der für unser Glück unentbehrlichen
Teppiche, Gardinen und Tabletts beraten habe. Meine Katja machte es
ebenso mit der Wärterin Kusminischna. Darüber durfte man mit ihr nicht
scherzen. Sie war fest überzeugt, daß wir, wenn wir von unserer
Zukunft sprachen, nur tändelten und Unsinn trieben, wie es Menschen in
dieser Lage überhaupt eigen sei, daß aber das wesentliche Glück unserer
Zukunft nur davon abhänge, daß die Hemden richtig zugeschnitten und
genäht und die Tischtücher und Servietten ordentlich gesäumt seien.
Zwischen Pokrowskoje und Nikolskoje wurden einigemal am Tage geheime
Berichte darüber ausgetauscht, was auf der einen und auf der anderen
Seite vorbereitet wurde; obwohl die Beziehungen zwischen Katja und
seiner Mutter äußerlich die zärtlichsten waren, war doch eine etwas
feindselige, wenn auch raffinierte Diplomatie dabei. Seine Mutter,
Tatjana Ssemjonowna, die ich jetzt näher kennen lernte, war eine steife
und strenge Hausfrau, eine Dame der guten alten Zeit. Er liebte sie
nicht nur als Sohn aus Pflichtgefühl, sondern auch aus menschlicher
Neigung, da er sie für die beste, gütigste, klügste und liebreichste
Frau in der Welt hielt. Tatjana Ssemjonowna war immer gut zu uns,
besonders zu mir, und freute sich, daß ihr Sohn heiraten wollte; als
ich sie aber als seine Braut besuchte, kam es mir vor, als wollte sie
mich fühlen lassen, daß ich als die Auserwählte ihres Sohnes auch
besser hätte sein können und daß es mir gar nicht schaden würde, dessen
immer eingedenk zu sein. Ich verstand sie vollkommen und war mit ihr
einverstanden.
In den beiden letzten Wochen sahen wir uns jeden Tag. Er aß bei uns
zu Mittag und blieb dann bis Mitternacht. Aber obwohl er sagte -- und
ich wußte, daß er die Wahrheit sprach, -- daß er ohne mich gar nicht
lebe, verbrachte er doch nie einen ganzen Tag mit mir und bemühte sich
seinen Geschäften nachzugehen. Unsere äußeren Beziehungen blieben bis
zur Hochzeit die alten: wir fuhren fort, uns mit »Sie« anzureden, er
küßte mir nicht mal die Hand und suchte nicht nur keine Gelegenheit,
mit mir allein zu sein, sondern schien auch solche Gelegenheiten
zu meiden. Als fürchtete er, sich der allzu großen, gefährlichen
Zärtlichkeit hinzugeben, die in ihm war. Ich weiß nicht, wer sich von
uns beiden verändert hatte, er oder ich, aber jetzt fühlte ich mich ihm
vollkommen gleich, nahm an ihm nicht mehr jene geheuchelte Einfachheit
wahr, die mir früher so mißfiel, und sah vor mir oft mit Freude, statt
des Respekt und Furcht einflößenden Mannes, ein sanftes und vor Glück
fassungsloses Kind. -- Das ist also alles, was an ihm war! -- sagte ich
mir oft: -- Er ist genau so ein Mensch wie ich und nicht mehr. -- Jetzt
schien mir, daß ich ihn ganz durchschaut und erkannt hätte. Und alles,
was ich erkannt hatte, war so einfach und stimmte so ganz mit meinem
Wesen überein. Selbst seine Pläne über unser künftiges Leben waren auch
die meinigen, die er nur klarer und besser in Worte zu kleiden verstand.
Das Wetter war während dieser Wochen schlecht, und wir verbrachten die
meiste Zeit im Hause. Die schönsten und herzlichsten Gespräche führten
wir in der Ecke zwischen dem Klavier und dem Fenster. Auf dem dunklen
Fenster spiegelte sich ganz nahe das Licht der Kerzen, die Regentropfen
schlugen gegen die glänzenden Scheiben und flossen an ihnen herab.
Gegen das Dach prasselte es, in der Pfütze unter der Traufe klatschte
das Wasser, und durch das Fenster zog Feuchtigkeit herein.
»Wissen Sie, ich wollte Ihnen schon lange etwas sagen,« begann er
einmal, als wir sehr spät in unserem Winkel aufgeblieben waren.
»Solange Sie spielten, mußte ich fortwährend daran denken.«
»Sagen Sie nichts, ich weiß alles,« erwiderte ich.
»Ja, wirklich, sprechen wir nicht davon.«
»Nein, sagen Sie es mir doch, was ist es?« fragte ich.
»Also hören Sie. Erinnern Sie sich noch, wie ich Ihnen die Geschichte
von A. und B. erzählte?«
»Wie sollte ich mich dieser dummen Geschichte nicht erinnern? Es ist
gut, daß sie so ausgegangen ist ...«
»Ja, es hat nur ein Weniges gefehlt, und ich hätte selbst mein eigenes
Glück vernichtet. Sie haben mich errettet. Die Hauptsache aber ist, daß
ich damals log; ich schäme mich jetzt und will Ihnen die Geschichte zu
Ende erzählen.«
»Ach, bitte nicht.«
»Haben Sie keine Angst,« sagte er lächelnd. »Ich will mich nur
rechtfertigen. Als ich eben begann, wollte ich mit langen Betrachtungen
kommen.«
»Wozu Betrachtungen anstellen!« sagte ich. »Das soll man niemals.«
»Ja, ich hatte es auch schlecht gemacht. Nach allen meinen
Enttäuschungen, den Fehlern, die ich in meinem Leben begangen hatte,
sagte ich mir, als ich diesmal aufs Land kam, so entschieden, die
Liebe sei für mich zu Ende und es bleibe mir nur noch die Pflicht,
mein Leben irgendwie abzuschließen übrig, daß ich mir lange Zeit keine
Rechenschaft darüber gab, was eigentlich mein Gefühl gegen Sie sei und
wohin es mich bringen könne. Ich hoffte und hoffte auch nicht. Bald
schien es mir, daß Sie kokettieren, bald glaubte ich wieder, Sie seien
aufrichtig, und ich wußte selbst nicht, was ich tun würde. Aber nach
jenem Abend, Sie wissen doch, als wir nachts durch den Garten gingen,
erschrak ich plötzlich, und mein jetziges Glück erschien mir viel zu
groß und unmöglich. Nun, wie wäre es gekommen, wenn ich mir erlaubt
hätte, zu hoffen, und zwar vergebens? Aber ich dachte natürlich nur an
mich, denn ich bin ein ganz gemeiner Egoist.«
Er schwieg eine Weile und sah mich an.
»Aber es war auch nicht lauter Unsinn, was ich damals sagte. Ich durfte
und mußte auch fürchten. Ich empfange von Ihnen so viel und kann
Ihnen so wenig geben. Sie sind noch ein Kind, eine Knospe, die erst
aufbrechen wird, Sie lieben zum erstenmal, während ich ...«
»Ja, sagen Sie mir die Wahrheit ...« begann ich, bekam aber plötzlich
Angst vor seiner Antwort. »Nein, lieber nicht ...«
»Ob ich schon einmal geliebt habe? Ja?« fragte er, meinen Gedanken
sofort erratend. »Das kann ich Ihnen sagen. Nein, ich habe noch nicht
geliebt. Ich habe noch nie etwas empfunden, was diesem Gefühl ähnlich
wäre ...« Aber plötzlich war es, als wenn ihn eine schwere Erinnerung
durchzuckte. »Nein, ich müßte Ihr Herz haben, um Sie lieben zu dürfen,«
sagte er traurig. »Nun, mußte ich es mir nicht vorher überlegen, ehe
ich Ihnen sagen durfte, daß ich Sie liebe? Was gebe ich Ihnen? Meine
Liebe, allerdings.«
»Ist denn das wenig?« fragte ich, ihm in die Augen blickend.
»Es ist wenig, meine Freundin, für Sie ist es zu wenig,« fuhr er
fort. »Sie haben die Schönheit und die Jugend! Ich kann jetzt oft in
der Nacht vor Glück nicht einschlafen und denke immer daran, wie wir
zusammen leben werden. Ich habe schon viel gelebt und glaube das, was
ich zum Glücke brauche, gefunden zu haben. Ein stilles, einsames Leben
in unserer ländlichen Einöde, die Möglichkeit, den Menschen Gutes zu
tun, solchen Menschen, denen es so leicht ist, Gutes zu erweisen, weil
sie daran noch nicht gewöhnt sind; dann die Arbeit, die Arbeit, von der
man Nutzen erwartet, dann Erholung, die Natur, Bücher, Musik, die Liebe
zu den uns Nahestehenden, -- das ist mein Glück, das höchste Glück, das
ich mir ersehnte. Dazu noch eine solche Gefährtin wie Sie, vielleicht
auch eine Familie und alles, was der Mensch sich nur wünschen kann.«
»Ja!« sagte ich.
»Doch nur für mich, der ich meine Jugend hinter mir habe, aber nicht
für Sie,« fuhr er fort. »Sie haben noch nicht gelebt, Sie werden das
Glück vielleicht in anderen Dingen suchen wollen und es vielleicht auch
in anderen Dingen finden. Vielleicht kommt Ihnen das jetzt nur darum
als ein Glück vor, weil Sie mich lieben.«
»Nein, ich habe immer nur dieses stille Familienleben gewünscht und
geliebt,« erwiderte ich. »Und Sie sagen nur das, was ich mir schon
gedacht habe.«
Er lächelte.
»Es kommt Ihnen nur so vor, liebe Freundin. Aber das ist zu wenig für
Sie. Sie haben die Schönheit und die Jugend,« sagte er wieder.
Aber ich wurde böse, daß er mir nicht glauben wollte und mir meine
Schönheit und Jugend gleichsam zum Vorwurf machte.
»Warum lieben Sie mich dann?« fragte ich böse. »Um meiner Jugend oder
um meiner selbst willen?«
»Ich weiß es nicht, aber ich liebe Sie,« antwortete er und sah mich mit
einem durchdringenden und anziehenden Blicke an.
Ich antwortete nicht und blickte ihm unwillkürlich in die Augen.
Plötzlich geschah mit mir etwas Seltsames: zuerst hörte ich auf, das,
was mich umgab, zu sehen, dann verschwand auch sein Gesicht vor mir,
und nur seine Augen schienen ganz dicht vor meinen Augen zu glänzen;
dann war es mir, als ob seine Augen in mir wären; alles trübte sich,
ich sah nichts mehr und mußte meine Augen schließen, um mich von diesem
Gefühl von Wonne und Grauen zu befreien, das in mir dieser Blick
weckte ...
Am Vorabend unseres Hochzeitstages wurde das Wetter besser. Nach den
verregneten Sommertagen kam der erste kalte und heitere Herbstabend.
Alles war feucht, kalt und hell, und der Garten zeigte sich zum
erstenmal herbstlich leer, bunt und nackt. Der Himmel war klar, kalt
und bleich. Ich ging schlafen, glücklich, daß an meinem Hochzeitstage
schönes Wetter sein würde. Ich erwachte mit der Sonne, und der Gedanke,
daß es schon heute sei, erschreckte mich und setzte mich zugleich in
Erstaunen. Ich trat in den Garten. Die Sonne war erst eben aufgegangen
und leuchtete durch die halbentlaubten, gelb gewordenen Linden der
Allee hindurch. Der Gartenweg war mit raschelndem Laub bedeckt.
Die runzligen Beeren der Eberesche leuchteten rot auf den Zweigen
neben den spärlichen, vom Froste getöteten Blättern; die Georginen
waren zusammengeschrumpft und schwarz geworden. Der Reif lag zum
erstenmal silbern auf dem bleichen Rasen und auf den abgebrochenen
Pestwurzstauden vor dem Hause. Am heiteren kalten Himmel war kein
Wölkchen zu sehen, ein solches wäre auch nicht möglich gewesen.
-- Ist es wirklich heute? -- fragte ich mich, meinem Glücke nicht
trauend. -- Werde ich denn wirklich morgen nicht hier, sondern im
fremden, säulengeschmückten Hause von Nikolskoje erwachen? Werde ich
ihn nicht mehr hier erwarten, werde ihm nicht mehr entgegengehen
und abends und nachts nicht mehr mit Katja über ihn plaudern? Werde
nicht mehr mit ihm in Pokrowskoje am Klavier sitzen? Ihn nicht
mehr begleiten und mich um ihn in den finsteren Nächten nicht mehr
ängstigen? -- Aber ich erinnerte mich seiner Worte von gestern abend,
er käme zum letztenmal, und daß Katja mich genötigt, das Hochzeitskleid
anzuprobieren und dabei gesagt hatte: »Für morgen«; einen Augenblick
lang glaubte ich es und fing dann wieder zu zweifeln an. -- Werde ich
denn von morgen ab dort mit der Schwiegermutter, ohne die Nadeschda,
ohne den alten Grigorij, ohne Katja leben? Werde vor dem Schlafengehen
meine alte Wärterin nicht mehr küssen, und sie wird mich nicht
mehr nach alter Gewohnheit bekreuzigen und mir sagen: »Gute Nacht,
Fräulein«? Werde Ssonja nicht mehr unterrichten und mit ihr nicht mehr
spielen, des Morgens nicht mehr an die Wand ihres Zimmers klopfen und
ihr helles Lachen hören? Werde ich denn heute für mich selbst fremd
werden, wird sich vor mir ein neues Leben mit der Verwirklichung aller
meiner Wünsche und Hoffnungen auftun? Kommt dieses neue Leben für
immer? -- Ich erwartete ihn mit Ungeduld, denn es war mir so schwer,
allein alle diese Gedanken zu tragen. Er kam früh, und erst an seiner
Seite glaubte ich wirklich daran, daß ich heute seine Frau werden
sollte, und dieser Gedanke hatte für mich nichts Schreckliches mehr.
Vor dem Essen gingen wir in unsere Kirche, um eine Messe für meinen
verstorbenen Vater zu hören.
-- Wenn er doch jetzt am Leben wäre! -- dachte ich, als wir nach Hause
zurückkehrten und ich mich schweigend auf den Arm eines Mannes stützte,
der der beste Freund dessen gewesen war, an den ich dachte. Als ich
während des Gebets mit meiner Stirne die kalten steinernen Fußböden
der Kapelle berührte, sah ich meinen Vater so lebhaft vor mir, glaubte
so fest daran, daß seine Seele mich verstehe und meine Wahl segne, daß
es mir auch jetzt schien, seine Seele schwebe über uns, und daß ich
seinen Segen auf mir ruhen fühlte. Erinnerungen, Hoffnungen, Glück und
Trauer flossen zu einer einzigen, feierlichen und angenehmen Empfindung
zusammen, zu der diese unbewegliche, frische Luft, die Stille, die
entblößten Felder und der bleiche Himmel, von dem leuchtende, doch
ohnmächtige Strahlen herabfielen, die sich vergebens bemühten, mir die
Wange zu versengen, so wunderbar paßten. Mir schien, als ob auch er,
mit dem ich ging, mein Gefühl verstünde und teilte. Er ging langsam und
schweigend, und sein Gesicht, das ich ab und zu anblickte, drückte die
gleiche feierliche Stimmung, die halb Trauer und halb Freude war, aus,
von der die Natur und auch mein Herz erfüllt waren.
Plötzlich wandte er sich zu mir um; ich sah, daß er mir etwas sagen
wollte. -- Wie, wenn er mir jetzt dasselbe sagt, was ich selbst denke?
-- kam es mir in den Sinn. Er sprach aber von meinem Vater, ohne ihn
übrigens zu nennen.
»Einmal sagte er mir im Scherz: ›Heirate doch meine Mascha!‹«
»Wie glücklich wäre er jetzt,« sagte ich und drückte seinen Arm, der
den meinigen stützte, noch fester an mich.
»Ja, Sie waren damals noch ein Kind,« fuhr er fort, mir in die Augen
blickend. »Ich küßte damals diese Augen und liebte sie, nur weil sie
den seinigen glichen; aber ich dachte gar nicht daran, daß sie mir
einst um ihrer selbst willen so teuer sein würden. Ich nannte Sie
damals ›Mascha‹.«
»Sagen Sie doch ›du‹ zu mir,« sagte ich.
»Gerade wollte ich selbst ›du‹ zu dir sagen,« erwiderte er. »Erst jetzt
ist es mir, als wärest du ganz mein.« Sein ruhiger und glücklicher,
anziehender Blick ruhte auf mir.
Und wir gingen langsam über den noch wenig ausgetretenen Feldweg durch
das niedergestampfte Stoppelfeld; wir hörten nichts als unsere eigenen
Schritte und Stimmen. Auf der einen Seite zog sich über die Schlucht
bis zum fernen entlaubten Gehölz ein braunes Stoppelfeld hin, auf dem
ein Bauer mit seinem Pfluge lautlos einen immer breiter werdenden
schwarzen Streifen aufwühlte. Die Pferdeherde unten am Hügel schien
ganz nahe. An der anderen Seite und vor uns bis zum Garten und bis zu
unserem Hause, das hinter dem Garten hervorschaute, lag schwarz und
streifenweise auch schon grün der mit der Wintersaat bestellte Acker.
Auf alles leuchtete die nicht mehr heiße Sonne, und auf allen Dingen
lagen lange faserige Spinnenfäden. Sie schwebten in der Luft um uns
herum, legten sich auf die hartgefrorenen Stoppelfelder und fielen uns
auf die Augen, Haare und Kleider. Wenn wir sprachen, so klangen unsere
Stimmen so, als blieben sie über uns in der regungslosen Luft hängen,
als wären wir ganz allein in der ganzen Welt, allein unter diesem
blauen Himmelszelt, an dem zitternd und blinzelnd die gar nicht heiße
Sonne spielte.
Auch ich wollte zu ihm »du« sagen, aber ich schämte mich noch.
»Warum gehst du so schnell?« fragte ich hastig, beinahe im Flüstertone,
und mußte dabei erröten.
Er verlangsamte seine Schritte und blickte mich noch liebevoller, noch
freudiger und glücklicher an.
Als wir nach Hause kamen, waren dort schon seine Mutter und die Gäste
versammelt, die wir schließlich doch hatten einladen müssen, und so
blieb ich bis zu dem Augenblick, als wir aus der Kirche traten und uns
in den Wagen setzten, um nach Nikolskoje zu fahren, nicht mehr allein.
Die Kirche war fast leer, und ich sah mit einem flüchtigen Blick nur
seine Mutter, die auf dem kleinen Teppich neben dem Chor aufrecht
stand, Katja in einer Haube mit lila Bändern und mit Tränen an den
Wangen, und zwei oder drei leibeigene Dienstboten, die mich neugierig
musterten. Ihn sah ich nicht an, aber ich fühlte seine Nähe. Ich
lauschte den Worten der Gebete, sprach sie nach, aber in meiner Seele
weckten sie keinen Widerhall. Ich konnte nicht beten und blickte
stumpf auf die Heiligenbilder, auf die Kerzen, auf das Kreuz des
Ornates auf dem Rücken des Geistlichen, auf die Heiligenwand, auf
das Fenster der Kirche und konnte nichts verstehen. Ich fühlte nur,
daß mit mir etwas Ungewöhnliches geschah. Als der Geistliche sich
mit dem Kreuz zu uns wandte, uns gratulierte und sagte, daß er mich
einst getauft und es nun dank Gottes Gnade erlebt habe, mich auch zu
trauen, als Katja und seine Mutter uns küßten und Grigorijs Stimme
erklang, der nach dem Wagen rief, da erstaunte und erschrak ich beim
Gedanken, daß alles schon vorbei sei, und daß in meiner Seele nichts
Außergewöhnliches geschehen wäre, was dem heiligen Sakrament, das an
mir soeben vollzogen worden war, entspräche. Wir küßten uns, und dieser
Kuß war so seltsam und unserem Gefühle fremd. -- Ist das alles?! --
dachte ich mir. Wir traten vor das Portal, das Gerassel der Räder
hallte dumpf unter der Kuppel wider, ein frischer Lufthauch wehte mir
ins Gesicht, er setzte seinen Hut auf und half mir in den Wagen. Durch
das Wagenfenster sah ich den frostigen, von einem Hofe umgebenen Mond.
Er setzte sich neben mich und schloß den Wagenschlag. Etwas stach mich
ins Herz. Die Selbstverständlichkeit, mit der er es machte, kam mir
irgendwie verletzend vor. Katjas Stimme rief, ich solle mir den Kopf
gut einhüllen, die Räder rollten über die Steine, dann über die weiche
Landstraße, und wir fuhren davon. Ich drückte mich in die Ecke und
blickte auf die fernen, hellen Fluren und auf den Weg hinaus, der im
kalten Mondlichte dahinzulaufen schien. Ohne ihn anzublicken, fühlte
ich doch seine Nähe. -- Ist das alles, was mir dieser Augenblick gab,
von dem ich so viel erwartet hatte? -- dachte ich, und es kam mir noch
immer demütigend und beleidigend vor, so nahe neben ihm zu sitzen. Ich
wandte mich zu ihm um, mit der Absicht, ihm etwas zu sagen. Aber kein
Wort wollte mir über die Lippen kommen, als hätte sich das zärtliche
Gefühl von früher verflüchtigt und als wäre ein Gefühl von Kränkung und
Angst an seine Stelle getreten.
»Bis zu diesem Augenblick habe ich noch immer nicht geglaubt, daß es
möglich sei,« antwortete er leise auf meinen Blick.
»Ja, aber ich fürchte mich so, ich weiß selbst nicht, warum,« sagte ich.
»Du fürchtest dich vor mir, liebes Kind,« sagte er. Dann nahm er meine
Hand und beugte über sie sein Gesicht.
Meine Hand lag wie leblos in der seinen, und mein Herz tat mir vor
Kälte weh.
»Ja,« flüsterte ich.
Aber im gleichen Augenblick fing mein Herz heftiger zu klopfen an,
meine Hand zitterte und drückte seine Hand zusammen, es wurde mir
heiß, meine Augen suchten im Halbdunkel seinen Blick, und ich fühlte
plötzlich, daß ich ihn nicht mehr fürchtete, daß diese Furcht die Liebe
sei, eine neue, noch zärtlichere und größere Liebe als früher. Ich
fühlte, daß ich ihm ganz gehörte, und daß ich über seine Gewalt über
mich glücklich war.
Zweiter Teil.
I
Tage und Wochen, ganze zwei Monate des zurückgezogenen ländlichen
Lebens vergingen, wie es mir schien, unbemerkt; und doch hätten die
Gefühle, die Aufregungen und das Glück dieser beiden Monate für ein
ganzes Leben genügt. Meine und seine Träume von unserem Landleben waren
ganz anders in Erfüllung gegangen, als wir es erwartet hatten. Aber
unser Leben war nicht schlechter, als unsere Träume. Es gab nichts von
der ernsten Arbeit, von Pflichterfüllung, von Selbstaufopferung und
vom Leben für die anderen, die ich mir ausgemalt hatte, als ich noch
seine Braut gewesen; es war dagegen ein selbstsüchtiges Gefühl der
Liebe zueinander, der Wunsch, geliebt zu werden, eine immerwährende,
grundlose Heiterkeit und ein Vergessen aller Dinge auf der Welt. Er
zog sich zwar wirklich manchmal in sein Kabinett zurück, um etwas zu
tun, fuhr manchmal in Geschäften nach der Stadt oder ging aus dem
Hause, um nach der Wirtschaft zu sehen; aber ich sah, was für Mühe
es ihn kostete, sich von mir loszureißen. Er gestand mir später auch
selbst, daß alles in der Welt, wenn ich nicht dabei sei, ihm so nichtig
und unsinnig erscheine, daß er gar nicht verstehe, wie man sich damit
überhaupt abgeben könne. Mit mir verhielt es sich ebenso. Ich las,
trieb Musik, widmete mich der Schwiegermama und der Schule; doch ich
tat es nur, weil jede dieser Beschäftigungen mit ihm zusammenhing
und von ihm gutgeheißen wurde; aber wenn sich zu irgendeinem Tun der
Gedanke an ihn nicht gesellte, so sanken mir die Hände in den Schoß,
und es kam mir so komisch vor, daß es außer ihm auf der Welt noch etwas
geben könne. Vielleicht war es ein schlechtes, selbstsüchtiges Gefühl,
aber es gab mir Glück und hob mich über die ganze Welt empor. Nur er
allein existierte für mich auf der Erde, ihn hielt ich aber für den
herrlichsten und unfehlbarsten Menschen auf Erden; darum konnte ich für
nichts anderes leben als für ihn, als um in seinen Augen das zu sein,
für was er mich hielt. Er hielt mich aber für das erste und herrlichste
Weib auf Erden, begabt mit allen möglichen Tugenden; und ich bemühte
mich, in den Augen des ersten und besten Menschen auf der ganzen Welt
so ein Weib zu sein.
Einmal trat er zu mir ins Zimmer, als ich gerade betete. Ich sah mich
nach ihm um und betete weiter. Er setzte sich an den Tisch, um mich
nicht zu stören, und schlug ein Buch auf. Aber es kam mir vor, als sähe
er mich an, und ich wandte mich wieder um. Er lächelte, ich fing zu
lachen an und konnte nicht mehr beten.
»Hast du schon gebetet?« fragte ich ihn.
»Ja. Fahre nur fort, ich will weggehen.«
»Du betest doch hoffentlich?«
Er wollte gehen, ohne zu antworten, aber ich hielt ihn zurück.
»Liebster, tu es bitte für mich, sprich mal mit mir die Gebete.« Er
kniete neben mir nieder, ließ die Hände linkisch sinken und begann mit
ernstem Gesicht und stockend zu beten. Ab und zu wandte er sich zu mir
um und suchte in meinem Gesicht Zustimmung und Hilfe.
Als er fertig war, fing ich zu lachen an und umarmte ihn.
»Alles kannst du, alles kannst du! Es ist mir, als ob ich wieder ein
Junge von zehn Jahren wäre,« sagte er errötend und mir die Hände
küssend.
Unser Haus war eines von den alten Landsitzen, in denen mehrere
aufeinanderfolgende Generationen in Eintracht und gegenseitiger
Liebe und Achtung gelebt haben. Es war vom Dufte guter, ehrlicher
Familienerinnerungen erfüllt, welche plötzlich, als ich dieses Haus
betreten, auch zu meinen Erinnerungen geworden waren. Über die
Ausstattung des Hauses und die Lebensordnung wachte Tatjana Ssemjonowna
nach alter Weise. Man kann nicht behaupten, daß alles elegant und
hübsch gewesen wäre; aber von allem, von den Dienstboten bis zu den
Möbeln und Speisen war genug da, alles war reinlich, dauerhaft,
ordentlich und flößte Achtung ein. Im Wohnzimmer standen symmetrisch
die Möbel und hingen Familienbilder, auf dem Fußboden lagen hausgewebte
Teppiche und Läufer. Im »Diwanzimmer« befanden sich ein altes Klavier,
zwei Chiffonnièren von verschiedener Form, Diwans und Tischchen mit
Messingverzierungen und eingelegter Arbeit. In meinem Arbeitszimmer,
auf dessen Ausstattung Tatjana Ssemjonowna besondere Mühe verwandt
hatte, standen die besten Möbel aus verschiedenen Jahrhunderten und
von verschiedenen Fassons; unter anderem auch ein alter Trumeau, in
den ich anfangs nur schüchterne Blicke zu werfen wagte, der mir aber
später so lieb wurde wie ein alter Freund. Von Tatjana Ssemjonowna
war nichts zu hören, aber alles im Hause ging so regelmäßig, wie eine
aufgezogene Uhr. Es gab zwar viele überflüssige Dienstboten, aber
alle diese Leute, welche weiche Schuhe ohne Absätze trugen (Tatjana
Ssemjonowna hielt das Knarren der Sohlen und das Klappern der Absätze
für das Unangenehmste auf der Welt), -- alle diese Leute waren stolz
auf ihre Stellung, zitterten vor der alten Herrin, sahen auf mich und
meinen Mann mit einem gönnerhaften Lächeln herab und schienen ihre
Arbeit mit besonderer Freude zu verrichten. Jeden Sonnabend wurden
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52
53
54
55
56
57
58
59
60
61
62
63
64
65
66
67
68
69
70
71
72
73
74
75
76
77
78
79
80
81
82
83
84
85
86
87
88
89
90
91
92
93
94
95
96
97
98
99
100
101
102
103
104
105
106
107
108
109
110
111
112
113
114
115
116
117
118
119
120
121
122
123
124
125
126
127
128
129
130
131
132
133
134
135
136
137
138
139
140
141
142
143
144
145
146
147
148
149
150
151
152
153
154
155
156
157
158
159
160
161
162
163
164
165
166
167
168
169
170
171
172
173
174
175
176
177
178
179
180
181
182
183
184
185
186
187
188
189
190
191
192
193
194
195
196
197
198
199
200
201
202
203
204
205
206
207
208
209
210
211
212
213
214
215
216
217
218
219
220
221
222
223
224
225
226
227
228
229
230
231
232
233
234
235
236
237
238
239
240
241
242
243
244
245
246
247
248
249
250
251
252
253
254
255
256
257
258
259
260
261
262
263
264
265
266
267
268
269
270
271
272
273
274
275
276
277
278
279
280
281
282
283
284
285
286
287
288
289
290
291
292
293
294
295
296
297
298
299
300
301
302
303
304
305
306
307
308
309
310
311
312
313
314
315
316
317
318
319
320
321
322
323
324
325
326
327
328
329
330
331
332
333
334
335
336
337
338
339
340
341
342
343
344
345
346
347
348
349
350
351
352
353
354
355
356
357
358
359
360
361
362
363
364
365
366
367
368
369
370
371
372
373
374
375
376
377
378
379
380
381
382
383
384
385
386
387
388
389
390
391
392
393
394
395
396
397
398
399
400
401
402
403
404
405
406
407
408
409
410
411
412
413
414
415
416
417
418
419
420
421
422
423
424
425
426
427
428
429
430
431
432
433
434
435
436
437
438
439
440
441
442
443
444
445
446
447
448
449
450
451
452
453
454
455
456
457
458
459
460
461
462
463
464
465
466
467
468
469
470
471
472
473
474
475
476
477
478
479
480
481
482
483
484
485
486
487
488
489
490
491
492
493
494
495
496
497
498
499
500
501
502
503
504
505
506
507
508
509
510
511
512
513
514
515
516
517
518
519
520
521
522
523
524
525
526
527
528
529
530
531
532
533
534
535
536
537
538
539
540
541
542
543
544
545
546
547
548
549
550
551
552
553
554
555
556
557
558
559
560
561
562
563
564
565
566
567
568
569
570
571
572
573
574
575
576
577
578
579
580
581
582
583
584
585
586
587
588
589
590
591
592
593
594
595
596
597
598
599
600
601
602
603
604
605
606
607
608
609
610
611
612
613
614
615
616
617
618
619
620
621
622
623
624
625
626
627
628
629
630
631
632
633
634
635
636
637
638
639
640
641
642
643
644
645
646
647
648
649
650
651
652
653
654
655
656
657
658
659
660
661
662
663
664
665
666
667
668
669
670
671
672
673
674
675
676
677
678
679
680
681
682
683
684
685
686
687
688
689
690
691
692
693
694
695
696
697
698
699
700
701
702
703
704
705
706
707
708
709
710
711
712
713
714
715
716
717
718
719
720
721
722
723
724
725
726
727
728
729
730
731
732
733
734
735
736
737
738
739
740
741
742
743
744
745
746
747
748
749
750
751
752
753
754
755
756
757
758
759
760
761
762
763
764
765
766
767
768
769
770
771
772
773
774
775
776
777
778
779
780
781
782
783
784
785
786
787
788
789
790
791
792
793
794
795
796
797
798
799
800
801
802
803
804
805
806
807
808
809
810
811
812
813
814
815
816
817
818
819
820
821
822
823
824
825
826
827
828
829
830
831
832
833
834
835
836
837
838
839
840
841
842
843
844
845
846
847
848
849
850
851
852
853
854
855
856
857
858
859
860
861
862
863
864
865
866
867
868
869
870
871
872
873
874
875
876
877
878
879
880
881
882
883
884
885
886
887
888
889
890
891
892
893
894
895
896
897
898
899
900
901
902
903
904
905
906
907
908
909
910
911
912
913
914
915
916
917
918
919
920
921
922
923
924
925
926
927
928
929
930
931
932
933
934
935
936
937
938
939
940
941
942
943
944
945
946
947
948
949
950
951
952
953
954
955
956
957
958
959
960
961
962
963
964
965
966
967
968
969
970
971
972
973
974
975
976
977
978
979
980
981
982
983
984
985
986
987
988
989
990
991
992
993
994
995
996
997
998
999
1000