küßte er einfach auf Stirn und Wangen. Junge Leute, die er gern hatte, wurden von ihm geduzt, und mancher sehnte sich nach dieser Auszeichnung. Großmutter war eine von den Personen, die er als ebenbürtig ansah und vor der er den gönnerhaften Ton unterließ, der ihm selbst schwer wurde. Solche Leute waren nur noch wenige am Leben, deswegen, und ferner, weil beide schon von kleinauf befreundet waren, schätzte er seine Beziehungen zu ihr und bewies ihr bei jeder Gelegenheit seine Liebe und Verehrung. Ich konnte mich an dem Fürsten nicht satt sehen. Die Verehrung, die alle ihm bezeigten, die großen Epaulettes, die besondere Freude, die Großmutter bei seinem Anblick verriet, sowie der Umstand, daß er allein ungeniert mit ihr verkehrte und sie »~ma cousine~« nannte, flößten mir gleichen, ja vielleicht noch größeren Respekt vor ihm als vor Großmutter ein. Als man ihm mein Gedicht zeigte, rief er mich heran und sagte: »Wer kann's wissen, vielleicht wird das ein zweiter Dershawin,« und zwickte mich dabei so heftig in die Wange, daß ich nur deswegen nicht aufschrie, weil mir einfiel, daß es ja eine Liebkosung sein sollte. Papa und Wolodja gingen hinaus; im Gastzimmer blieben nur der Fürst und Großmutter. Ich verstand den Sinn ihrer Unterhaltung nicht, weil fortwährend unbekannte Worte und Namen gebraucht wurden; trotzdem gefiel mir ihr Gespräch sehr; ich fand es schön, wie sich gehörte und hatte am Zuhören besonderes Vergnügen, weil Großmutter sich unterdessen gleichsam verjüngte; sie sprach viel, erzählte, lachte. »Warum ist die liebe Natalie Nikolajewna nicht gekommen?« fragte Fürst Iwan Iwanowitsch plötzlich nach minutenlangem Schweigen. »Ach, ~mon cher~,« Großmutter dämpfte ihre Stimme und legte die Hand auf seinen Uniformärmel, »ich will Ihnen sagen, was mich quält. Sie schreibt mir, ihr Gatte hätte ihr geraten zu kommen, es seien aber dieses Jahr fast gar keine Einkünfte zu verzeichnen, deswegen hätte sie von selbst verzichtet. Dann schreibt sie: ›Außerdem habe ich dieses Jahr keine Veranlassung, mit dem ganzen Hause nach Moskau überzusiedeln, ~chère maman~. Ljubotschka ist noch zu klein, und hinsichtlich der Knaben, die bei Dir wohnen, bin ich ruhiger als wenn sie hier wären.‹ Das ist ja alles recht schön,« fuhr Großmutter in einem Ton fort, der deutlich bewies, daß sie es gar nicht schön fand, »die Knaben hätten längst hierher gemußt, um etwas zu lernen und sich an die Welt zu gewöhnen -- denn welche Erziehung konnten sie auf dem Lande genießen? Der älteste ist schon dreizehn, der andere zwölf. Haben Sie schon bemerkt, ~mon cousin~,« meinte Großmutter achselzuckend, als ob sie sich über etwas wunderte, »sie sind ganz verwildert, verstehen nicht einmal, nett ins Zimmer zu treten.« »Ich begreife nicht, ~ma cousine~,« erwiderte Fürst Iwan Iwanowitsch, »warum da fortwährend über schlechte Erträge und zerrüttete Vermögensverhältnisse geklagt wird. Er besitzt doch ein schönes Vermögen, und ihre Besitzung Chabarowka kenne ich wie mein Eigentum. Ein prächtiges Gut, das vorzügliche Einkünfte abwerfen muß.« »Ich will Ihnen, mein wahrer Freund, sagen,« unterbrach Großmutter den Fürsten, »es kommt mir vor, als wenn das alles nur Ausreden sind, damit ›er‹ allein hier bleiben und ungeniert in seine Klubs fahren und Gott weiß was anstellen kann, ohne daß die Ärmste etwas ahnt. Sie wissen, was für ein Engel an Güte sie ist -- glaubt alles, was er ihr sagt. Er versichert, die Kinder müßten nach Moskau und sie müsse auf dem Lande bleiben -- und sie glaubt es. Wenn er ihr vorreden würde, die Kinder müßten Prügel haben, wie die der Fürstin Barbara Iljinitschna, würde sie wahrscheinlich auch das glauben,« meinte Großmutter, sich verächtlich auf ihrem Sessel umdrehend. »Ja, mein Freund,« fuhr Großmutter nach kurzem Schweigen fort, indem sie eins der beiden Batisttücher in die Hand nahm, um eine Träne abzuwischen, »ich denke oft, daß er sie weder zu schätzen weiß noch versteht, und trotz all ihrer Güte und Liebe zu ihm und dem Bemühen, ihren Kummer zu verbergen, weiß ich sehr gut, daß sie mit ihm nicht glücklich sein kann, und denken Sie an mein Wort, wenn er ...« -- Großmutter bedeckte ihr Gesicht mit dem Taschentuch. »~O, ma bonne amie~,« rief der Fürst vorwurfsvoll, »ich sehe, Sie sind noch immer nicht vernünftiger geworden. Erblicken überall Gespenster und grämen sich darüber. Können Sie sich denn gar nicht bezwingen! Ich kenne ihn schon lange und weiß, daß er ein lieber, guter, aufmerksamer Gatte ist; besonders ein Edelmensch. ~Un parfait honnête homme~,« setzte Fürst Iwan Iwanowitsch zur Bestätigung seiner Gedanken hinzu. Ich fürchtete, man könnte bemerken, daß ich gehört, was ich nicht zu wissen brauchte, und ging auf Zehenspitzen aus dem Zimmer. Ich will nicht sagen, daß ich nicht verstand, wer der »er« war, dem Großmutter Vorwürfe machte und den der Fürst rechtfertigte. Worin aber die Schuld einer Person bestehen sollte, die, nach meiner Auffassung, niemals verurteilt werden konnte, das vermochte ich mir nicht zu erklären. Ich zweifelte sogar daran, ob ich diese Worte wirklich gehört und ob sie sich wirklich auf Papa bezögen. Beim Nachdenken hierüber tauchten in meinem Kopf so viel Vermutungen, Erinnerungen und Phantasien auf, daß ich durchaus keine Ordnung in meine Gedanken bringen konnte und wie stets in solchen Fällen, mich mit ganz anderen Dingen beschäftigte. Das eine, was aus diesem Wirrwarr hervorging, war ein undeutliches Gefühl, das ich trotz aller Schrecken, die es mir einflößte, nicht loswerden konnte. Das war das Gefühl, mein Vater sei imstande, Schlechtes zu tun. 21. Iwins. »Wolodja, Wolodja! Iwins, Iwins!« rief ich. Vom gegenüberliegenden Trottoir kamen, wie ich durchs Fenster sah, drei Knaben in blauen Pekeschen mit Biberkragen hinter einem jungen hübschen Erzieher auf unser Haus zu. Bald nach unserer Ankunft in Moskau waren wir auf einem Spaziergange mit Papa diesen Iwins begegnet, die durch den Fürsten Iwan Iwanowitsch entfernt mit uns verwandt waren. Papa hatte uns bekannt gemacht. Der zweite Iwin, Serjoscha, machte sofort starken Eindruck auf mich. Seine ungewöhnliche Schönheit überraschte und fesselte mich. Ich fühlte eine unbezwingliche Neigung zu ihm, vielleicht, weil sein Gesicht einen kühnen, etwas spöttischen Ausdruck zeigte; vielleicht, weil ich, mein Äußeres verachtend, an anderen den Vorzug der Schönheit übermäßig schätzte; vielleicht -- was ein sicheres Zeichen wahrer Liebe -- weil ich mir einbildete, er müsse sehr stolz sein und würde mich niemals lieben. So fürchtete ich ihn ebenso, wie ich ihn liebte. Es kam mir vor, daß zwischen ihm und mir nicht nur keine wechselseitigen Gefühle, sondern überhaupt nichts Gemeinsames, kein Vergleich bestehen könne; so hoch war meine Meinung von ihm. Ihn sehen war für mich schon genügend, um glücklich zu sein, und eine Zeitlang waren all meine Seelenkräfte darauf gerichtet. Wenn ich sein hübsches Gesicht drei oder vier Tage nicht gesehen hatte, härmte ich mich und wurde bis zu Tränen traurig. All meine Träume betrafen ihn. Wenn ich schlafen ging, hatte ich den Wunsch, von ihm zu träumen; wenn ich die Augen schloß, sah ich ihn vor mir und liebkoste dieses Phantasiegebilde mit höchstem Genuß. Niemandem machte ich von diesem Gefühl Mitteilung, und das vermehrte seine Bedeutung und Stärke. Als Serjoscha zum erstenmal mit mir sprach, war ich über dieses unerwartete Glück so betroffen, daß ich abwechselnd erblaßte und errötete, nicht sprechen konnte und, um meine Verlegenheit vor ihm zu verbergen, widernatürlich laut umherzutollen begann. Vielleicht, weil meine unverwandten Blicke ihn langweilten oder verletzten, oder einfach, weil er keine Neigung zu mir fühlte, spielte und sprach er ersichtlich lieber mit Wolodja als mit mir. Trotzdem war ich zufrieden, wünschte nichts, forderte nichts von ihm und war bereit, ihm alles zu opfern. Ein trauriger Gedanke, daß dieses schöne, reine Gefühl unbegrenzter Liebe und Ergebenheit unerwidert zugrunde ging. Ich hätte ihm gern alles gesagt, was ich auf dem Herzen hatte; eine sehr begründete Furcht aber, dieses Gefühl verspottet zu sehen, hielt mich davon ab. Ich suchte ihm in allem zu gleichen, seinen Charakter nachzuahmen, ganz gleichgültig zu erscheinen und mich ihm unterzuordnen. Er fühlte seine Macht über mich und übte sie unbewußt, aber tyrannisch bei unseren kindlichen Beziehungen aus. Serjoscha war ein brauner, krausköpfiger, munterer Knabe mit dunkelblauen lebhaften Augen, etwas aufgeworfenem Näschen und sehr roten vollen Lippen, zwischen denen zuweilen die obere Zahnreihe etwas stark hervortrat. Er lächelte niemals, sondern brach entweder in sein lautes, hellklingendes, anziehendes Lachen aus, oder behielt seinen gewöhnlichen, ruhigernsten Ausdruck. Er hatte eine üble Angewohnheit: wenn er nachdenklich war, richtete er die Augen starr auf einen Punkt und blinzelte unaufhörlich, mit der Nase und den Augenbrauen zuckend. Alle fanden diese Angewohnheit sehr entstellend; mir aber schien sie so unaussprechlich lieb, daß ich unwillkürlich das gleiche tat; einige Tage nach unserer Bekanntschaft fragte Großmutter mich, ob mir die Augen weh täten, da ich mit ihnen klapperte wie eine Eule. Wie mag es kommen, daß ich als Kind gern groß sein wollte und als Großer oft einem Kinde zu gleichen wünschte? Eine sonderbare Erscheinung, die ich nicht nur an mir und nicht nur bei diesen Wünschen beobachtet habe. Unerklärlich, aber trotzdem existierend, sehr zum Schaden des Menschengeschlechts. Wie oft hat dieser Wunsch, nicht mehr »klein« zu sein, bei meinem Verhältnis zu Serjoscha das überströmende Gefühl zurückgedämmt, Zärtlichkeit unterdrückt und auf diese Weise Heuchelei großgezogen. Ich wagte nicht nur nicht, ihn zu küssen (wonach ich heftiges Verlangen trug), ihn bei der Hand zu fassen, ihm zu sagen, wie ich mich freute, ihn zu sehen, sondern wagte ihn nicht einmal anders als Sergei und niemals Serjoscha zu nennen. Das war bei uns so hergebracht. Jeder Ausdruck eines Gefühls bedeutete Kinderei und bewies, daß derjenige, der sich ihn erlaubte, noch ein Knabe war. Wir hatten die bitteren Erfahrungen noch nicht durchgemacht, die Erwachsene zur Vorsicht und Kälte in ihren Beziehungen veranlassen; wir beraubten uns des reinen Genusses feuriger Kinderliebe nur infolge des sonderbaren Wunsches, Große nachzuahmen. Schon im Dienerzimmer traf ich Iwins, begrüßte sie und rannte spornstreichs, kaum meine Freude verbergend, zu Großmutter, um ihr mitzuteilen, daß Iwins ihr gratulieren wollten, als ob diese Nachricht sie vollends beglücken müsse. Dann folgte ich Serjoscha, ohne ein Auge von ihm abzuwenden, ins Gastzimmer und beobachtete jede seiner Bewegungen, als er Großmutter gratulierte. Als Großmutter ihm sagte, er sei gewachsen und er darüber errötete, -- errötete ich noch mehr; als sie dem jungen Erzieher sagte: »Heute dürfen die Kinder zur Feier meines Geburtstages lauter dumme Streiche machen,« lachte er und ich ebenfalls. Der hübsche Erzieher, Herr Forst, ging mit uns in den Garten, setzte sich auf die grüne Bank, legte ein Bein über das andere, stellte den Spazierstock mit Bronzeknopf dazwischen und zündete sich eine Zigarre an. Herr Forst war ein Deutscher, aber ganz anderen Schlages als Karl Iwanowitsch. Erstens sprach er gut Russisch, und mit schlechter deutscher Aussprache aber ziemlich richtig Französisch und stand im Ruf eines sehr gelehrten Herrn; zweitens war er hübsch gewachsen, trug einen blonden Schnurrbart, elegante Kleidung, eine große Rubinbusennadel und hellblaues Beinkleid mit Strippen. Überhaupt war er der sehr seltene und komische Typ eines jungen deutschen Elegants in Rußland. Man konnte merken, daß er in Gegenwart weiblicher Personen stets sehr viel Wert auf die Wirkung legte, die er auf sie ausübte; als anziehendstes Mittel in dieser Hinsicht erschienen ihm seine Waden und Schenkel, die er bei jeder Gelegenheit in Aktion setzte und an die sichtbarste Stelle brachte. Sobald wir im Garten angelangt waren, begann das Rennen, Toben, Geschrei, die verschiedenen Spiele, die kaum erdacht sofort wieder verworfen wurden; es war herrlich. Ich war durch das Spiel und das beständige verliebte Beobachten Serjoschas so in Anspruch genommen, daß ich mich der Einzelheiten dieser Stunden nicht mehr genau erinnere. Ich weiß nur noch, daß Serjoscha einmal stolperte und in vollem Lauf mit dem Knie so heftig gegen einen Baum schlug, daß ich glaubte, das ganze Knie würde zerschmettert. Obgleich ich Gendarm und er Räuber war, konnte ich mich nicht halten, hinzulaufen und ihn zu fragen, ob er sich weh getan hätte. Er war darüber schrecklich wütend, ballte die Fäuste, stampfte mit dem Fuß auf und schrie mich mit einer Stimme, aus der man die schrecklichen Schmerzen deutlich heraushören konnte, an: »Was soll denn das? Jetzt spiele ich aber ganz sicher nicht mehr mit! Weshalb fängst du mich nicht, fängst mich nicht!« wiederholte er noch einmal, nach Wolodja und dem älteren Iwin schielend, die auf dem Weg hin und her hüpften und Reisende vorstellten. Dann kreischte er plötzlich auf und stürmte lachend hin, um sie zu fangen. Ich kann nicht sagen, wie dieser Heldenmut mich anzog; trotz der schrecklichen Schmerzen verzog Serjoscha keine Miene und vergaß keinen Augenblick das Spiel. Vor dem Essen gesellte sich im Garten noch der kleine Grap zu uns. Das war der Sohn eines armen Ausländers, der früher bei Großvater gelebt hatte und ihm für irgend etwas Dank schuldig war. Der kleine Grap war dreizehn Jahre alt, groß, mager, blaß, mit einem Vogelgesicht und sehr ärmlich gekleidet, dafür aber so stark pomadisiert, daß wir versicherten, an heißen Tagen schmölze die Pomade auf seinem Kopf und liefe die Jacke hinunter. Er trug ein dunkelgrünes Jackett mit einem riesigen Umlegekragen, der an ein Bettlaken erinnerte. Schwarze Höschen, aus denen er längst herausgewachsen war, bedeckten seine ungeputzten rauhen Stiefelschäfte und umspannten die dünnen Beinchen. Der kleine Grap war ein dienstfertiger, stiller, guter Junge, mit dem man nur Mitleid haben konnte. Damals erschien er mir aber lächerlich, dumm und verachtungswürdig. Ich war fest überzeugt, daß nichts dabei sei, den armen Grap auszulachen, anzuspucken und sogar zu verprügeln; dazu war er ja geboren, um als Zielscheibe für unsere Frechheiten zu dienen. Nie kam mir in den Sinn, ihn zu bedauern. Beim Mittagessen passierte nichts Besonderes, nur teilte Großmutter uns mit, daß abends viel Besuch kommen würde -- Damen, Musik, mit einem Worte: ein Ball. Nach dem Essen war bis zur Ankunft der Gäste noch viel Zeit übrig, die wir möglichst gut auszunützen suchten: wir gingen nach oben und überboten uns gegenseitig in Kraft- und gymnastischen Übungen. Der kleine Grap schaute unseren Vorführungen mit blödem Lächeln zu, und als wir ihn aufforderten, doch auch etwas zu zeigen, lehnte er mit den Worten ab, er hätte keine Kräfte. Serjoscha zog die Jacke aus; sein Gesicht und die Augen glühten vor Erregung; er lachte ununterbrochen, ersann stets neue Scherze und war so lieb, daß man ihm unmöglich widerstehen konnte, vielmehr all seinen Streichen nachgeben mußte. Jetzt überlegte er einen Augenblick, blinzelte mit den Augen, schnalzte dann mit den Fingern und lief zum Bücherbord. »Halt, meine Herrschaften, jetzt weiß ich was;« er nahm die beiden Lexika von Tatischtschew vom Bord und legte sie mitten ins Zimmer. »Also, Leute,« er krempte seine Hemdärmel auf und maß uns alle mit einem kühnen Blick, »wer kann hierauf kopfstehen?« Und dabei führte er das Kunststück so schnell und geschickt aus, daß alle ihm Beifall zollten. »Also, wer macht das?« fuhr er fort und wandte sich plötzlich an Grap. »Sie, Sascha?« meinte er ironisch und blinzelte uns dabei zu. »Wirklich, es ist gar nicht schwer, versuchen Sie nur.« Grap weigerte sich schüchtern und wurde rot, als er die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gerichtet sah. »Nein, wirklich, warum will er gar nichts zeigen? Dieses Mädchen! Er muß unbedingt kopfstehen, unbedingt!« Wir waren Feuer und Flamme für Serjoschas Einfall, traten auf den kleinen Grap zu, der sichtlich erschrak und blaß wurde und schrien: »Er muß auf den Kopf, auf den Kopf!« Dabei packten wir ihn an den Armen und zogen ihn zu den Wörterbüchern. »Laßt mich, ich will selbst! Ihr zerreißt mir die Jacke!« schrie das unglückliche Opfer. Aber dieses Geschrei begeisterte uns nur noch mehr; wir vergingen vor Lachen; die graue Jacke krachte in allen Nähten. Wolodja und der ältere Iwin faßten ihn am Kopf und stellten diesen auf die Lexika. Sobald sie sagten: »los!« packten ich und Serjoscha den armen Jungen an den dünnen Beinen, mit denen er unbarmherzig strampelte, schoben die Hosen bis an die Knie in die Höhe und streckten die Beine mit lautem Gelächter aufwärts; der jüngere Iwin hielt den ganzen Rumpf im Gleichgewicht. Dann, nach diesem lauten Gelächter verstummten wir plötzlich alle, und es wurde so still im Zimmer, daß man nur den schweren Atem des unglücklichen Grap hörte. Mir wurde recht unbehaglich zumute und ich wußte nicht recht, ob das alles wirklich komisch und lustig sei. Serjoscha beugte sich über die Lexika und fragte in spöttischem Ton: »Das magst du wohl, mein Junge, was?« »Weshalb quält ihr mich, was habe ich euch getan?« schrie Sascha plötzlich und schluchzte laut. Im selben Augenblick schlug er aus und traf mit dem Hacken Serjoschas Auge. »Ach, dummer Heulfritze!« rief Serjoscha, die Zähne zusammenbeißend, bedeckte das Auge mit der Hand und stieß mit dem Fuß ein Wörterbuch unter Graps Kopf fort. »Ihr seid gemeine Tyrannen!« brachte Grap schluchzend heraus und stieß mit dem Kopf auf den Fußboden. Sobald wir merkten, daß nichts Lächerliches mehr dabei war, ließen wir ihn gleichzeitig los. Er schlug lang auf den Boden, die dünnen Beine klapperten wie Stelzen, er griff nach dem Hals, der beim Fall verrenkt war, stöhnte und weinte und rührte sich nicht. Diese weinende lächerliche Gestalt mit bloßen Beinen und schmutzigen Stiefelschäften machte uns betroffen; wir schwiegen plötzlich und lächelten gezwungen. »Altes Weib, Schwachmops!« Serjoscha trat an ihn heran, »versteht nicht einmal Spaß! ... Na, nu steh auf,« er berührte ihn mit dem Fuß. »Ich sage dir, du bist ein frecher, ganz gemeiner Bengel!« preßte Grap wütend durch die Zähne und wandte sich ab. »Was denn?! Erst schlägt er einen mit dem Hacken ins Auge und dann schimpft er noch!« schrie Serjoscha, nach einem Wörterbuch greifend. »Da hast du eins! und noch eins!« Er schlug den armen Jungen aus Leibeskräften mit dem Buch auf den Kopf. Grap dachte nicht daran, sich zu verteidigen, weil er wußte, daß niemand für ihn eintreten würde. »Mag sich zum Teufel scheren, wenn er keinen Scherz versteht; kommt nach unten, Leute,« meinte Serjoscha mit unnatürlichem Lächeln. Trotz des bedeutenden Einflusses, den Serjoscha auf mich ausübte, konnte ich beim Anblick des armen Jungen, der auf der Erde lag und, das Gesicht im Wörterbuch, dermaßen weinte, daß es aussah, als würde er an den Krämpfen sterben, die seinen Körper durchzuckten -- konnte ich nicht anders, als Serjoscha vorwurfsvoll sagen: »Warum hast du das getan?« »Das ist aber wirklich nett; kaum rührt man ihn an, so brüllt er schon los. Hab ich vielleicht geweint, als ich mir heute das Knie zerschlagen habe?!« Das ist richtig, dachte ich. Wozu ihn bedauern! Alter Waschlappen! Serjoscha dagegen, das ist ein Junge! -- Und ich dachte nicht mehr an den armen Grap. Ich wußte nicht, daß der Ärmste sicherlich nicht so sehr wegen der körperlichen Schmerzen als wegen der Kränkung, bei dem schrecklichen Gedanken geweint hatte, daß fünf Knaben, die ihm vielleicht gefielen, ihn ohne jeden Grund haßten und verprügelten. Damals verstand ich die ganze Grausamkeit und Unmenschlichkeit unseres Benehmens nicht; jetzt verstehe ich sie wohl, kann sie mir aber nicht erklären. Ich glaube, Serjoscha war infolge eines falschen Ehrbegriffes so grausam, indem er seine Tapferkeit zeigen wollte; ich dagegen, weil es über meine Kräfte ging, ihm nicht alles nachzumachen. Der Hauptgrund war aber wohl folgender: Eine Eigentümlichkeit des Kindercharakters besteht darin, alle Begriffe zu verallgemeinern, sie auf eine gemeinsame Grundlage zurückzuführen. Dieses Bestreben rührt von der mangelhaften Entwicklung der geistigen Fähigkeiten her. Ein Kind kann sich nicht vorstellen, daß etwas einerseits gut und anderseits schlecht sein kann. Die Eigenschaft eines Gegenstandes, die ihm zuerst auffällt, hält das Kind für das Wesen des Ganzen. Im Verkehr mit Menschen bildet sich ein Kind sein Urteil nach dem ersten äußeren Eindruck. Übt ein Gesicht auf das Kind einen lächerlichen Eindruck aus, so denkt es nicht an die guten Eigenschaften, die neben dieser lächerlichen Seite vorhanden sein können -- es hat sich bereits einen ungünstigen Begriff von den Gesamteigenschaften gebildet. Dasselbe war mit mir in bezug auf den armen Grap der Fall. War er so lächerlich, so war er sicher ein schlechter Junge; war er aber ein schlechter Junge, so lohnte es sich nicht, darüber nachzudenken, ob er sich wohl fühlte oder nicht; folglich konnte man mit ihm machen was man wollte. Wenn diese Reflexion mich auch nicht rechtfertigt, so mag sie doch als Beweis dafür dienen, daß ich meine Handlungsweise bereue und sie jetzt gern rechtfertigen möchte. 22. Die Gäste kommen. Iwins fuhren nach Hause, um sich umzukleiden; um acht Uhr wollten sie wiederkommen. In allen Zimmern eilten Leute mit weißen Halsbinden geschäftig und besorgt hin und her. Besonders lebhaft ging es im Eßzimmer zu, wo das Silberzeug und Kristall nach langer Verborgenheit ans Licht geholt und geputzt wurde. Im Saal roch es stark nach Terpentin; Filat stand mit umgebundener Schürze da, stieg, nachdem er ein Handtuch untergelegt, auf einen Stuhl, zündete die Lampen an, schraubte die Dochte hinauf und hinunter und setzte Lampenschirme verschiedener Form auf. Die große Stehlampe, der Dreifuß, die Wandlampen, die seit unvordenklichen Zeiten nicht mit frischen Spermazetlichten versehen waren -- alle wurden, wie im Saal, so in beiden Gastzimmern angezündet. Die Wände, Decke, Parkett, Fries, Bilder im Gastzimmer waren von hellem Licht überflutet und hatten ein ungewöhnliches Aussehen -- so erschien mir denn alles neu. Sogar der Großvaterstuhl, die Batisttücher, Schachteln und Großmutter selbst, die verdrießlich war, weil das ganze Haus nach Terpentin roch -- sahen festtäglich aus. Die Flurtür öffnete sich, es strömte kalt herein, dann kamen Leute in grauen Mänteln und mit sonderbaren Gegenständen unter dem Arm. Sie traten hinter den in einer Saalecke aufgestellten Wandschirm; von dort her ertönte Räuspern, Spuken; Schlösser knackten; kurze Baßstimmen: »Bitte Licht,« »Wessen Stimme ist das?« »Kolophonium,« »Gott bewahre!« Hierauf einige Pizzikato-Töne auf der Geige und endlich die ganzen schrecklichen Disharmonien eines stimmenden Orchesters: Quinten auf den Saiteninstrumenten, dumme Läufe und Triller auf Flöten, Waldhörnern usw. Dieses Orchester war eine Überraschung des Fürsten Iwan Iwanowitsch. Sobald ich einen Wagen rollen hörte, trat ich ans Fenster, legte die Hände gegen die Schläfen und Scheiben und suchte zu erkennen, ob die Leute zu uns zum Ball kämen. Aus der Dunkelheit, die alles vor dem Fenster einhüllte, erschien gegenüber allmählich ein längst bekannter Laden mit Laterne; schräg links ein weißes Haus mit zwei unten beleuchteten Fenstern und mitten auf der Straße eine Chaise mit zwei Insassen oder eine leere Equipage, die im Schritt heimkehrte. Aber jetzt kam bei uns ein Wagen vorgefahren, dem ich in der festen Überzeugung, es seien Iwins, die früher zu kommen versprochen hatten, entgegenlief. Statt Iwins erschienen hinter der Bedientenhand, die den Wagen öffnete, zwei Personen weiblichen Geschlechts: eine große in blauem Mantel mit Zobelkragen, die andere -- klein, vollständig in ein langes schwarzes Tuch gewickelt, aus dem nur die kleinen Füße in Pelzstiefeln hervorguckten. Ohne meine Anwesenheit im Flur im geringsten zu beachten -- obgleich ich es für nötig gehalten hatte, ihnen eine Verbeugung zu machen -- trat die Kleine zur Größeren und blieb schweigend vor ihr stehen. Diese wickelte das große Tuch los, das den ganzen Kopf der Kleinen verhüllte, knöpfte ihren Mantel auf, und als der Diener diese Sachen in Verwahrung genommen und ihr die Pelzstiefel ausgezogen hatte, kam aus der Verhüllung ein wunderhübsches zwölfjähriges Mädchen in kurzem ausgeschnittenen Tüllkleide, in weißen Höschen und winzigen schwarzen Schuhen zum Vorschein. Den weißen Hals umschloß ein schwarzes Samtband; ihr ganzes Köpfchen war mit dunkelblonden Locken bedeckt, die vorn so gut zu dem hübschen Gesicht und hinten zu den nackten Schultern paßten, daß ich niemandem, selbst Karl Iwanowitsch nicht geglaubt hätte, diese Locken seien dadurch entstanden, daß man sie seit heute morgen mit Stückchen der »Moskauer Nachrichten« umwickelt und nachher mit einem heißen Eisen gebrannt hatte. Es sah vielmehr aus, als wäre sie mit diesem Lockenkopf geboren. Ihre Augen waren sehr groß und vorstehend, zur Hälfte von den langbewimperten Lidern bedeckt. Diese Augen hatten einen ernsten, etwas traurigen Ausdruck. Die Lippen dagegen waren frisch, und ihre Form entsprach durchaus dem Ausdruck des Mundes. Überhaupt war dieses Mädchen ein Wesen, von dem man kein Lächeln erwartet und dessen Lächeln infolgedessen um so bezaubernder wirkt. Während die große Person, Madame Walachin, ihr im Wagen etwas kraus gewordenes Kleid zurechtstrich und die Kleine, ihre Tochter Sonja, sich mit augenscheinlichem Vergnügen im Spiegel betrachtete, schlüpfte ich, jetzt mit dem Wunsch, unbemerkt zu bleiben, in die Saaltür und ging drinnen nachdenklich auf und ab, als wüßte ich gar nicht, daß Gäste gekommen wären. Als die beiden den Saal halb durchschritten hatten, machte ich einen eleganten Kratzfuß und erklärte, Großmutter sei im Gastzimmer. Frau Walachin, die mir besonders wegen ihrer Ähnlichkeit mit der Tochter sehr gefiel, nickte mir gnädigst zu. Großmutter empfing die beiden sehr liebenswürdig; besonders schien sie sich über Sonjas Anblick zu freuen, die sie dicht zu sich heranrief. Sie strich ihr eine Locke zurecht und meinte, ihr Gesicht aufmerksam betrachtend: »~Quelle charmante enfant!~« Sonja lächelte errötend und tat so lieb, daß ich ebenfalls vor Vergnügen und Verlegenheit errötete. »Hoffentlich gefällt es dir bei mir, mein Kind,« sagte Großmutter und faßte sie unters Kinn. »Tanz und amüsiere dich, so gut du kannst. Da sind schon zwei Kavaliere,« wandte Großmutter sich an Frau Walachin und berührte mich mit der Hand. Diese Annäherung war mir sehr angenehm und ließ mich noch mehr erröten. Im Gefühl, daß meine Verlegenheit noch zunehmen könnte, und da ich auch das Rollen einer Equipage hörte, hielt ich es für angebracht, mich zu entfernen. Im Flur traf ich die Fürstin Korpakow nebst Sohn und einer unendlichen Anzahl Töchter, einer geradezu unwahrscheinlichen, wenn man bedenkt, daß alle aus einem Schoß und einer Equipage gekommen waren. Alle Töchter glichen der Fürstin und waren häßlich; deswegen fesselte keine meine Aufmerksamkeit; ich bemerkte nur, daß alle blasse Gesichter und rötliches Haar hatten und beim Ablegen der Mäntel, Boas und Mützen durcheinander rannten, mit ihren dünnen Stimmen plapperten und lachten -- wahrscheinlich darüber, daß sie so viele waren. Etienne war ein dreizehnjähriger, großer, fleischiger, schwitzender Knabe mit bereits »wissendem« Gesichtsausdruck, eingefallenen, blauumränderten Augen und riesigen Füßen und Händen; er war plump, seine Stimme wechselte, er schien aber sehr zufrieden mit sich und war genau so wie ein Junge, der mit Ruten gezüchtigt wird, meiner Auffassung nach sein kann. Die bläulichen Schatten unter den Augen schrieb ich infolge meiner Unerfahrenheit keinem anderen Grunde zu. Wir standen uns ziemlich lange gegenüber und musterten uns aufmerksam, ohne ein Wort zu sprechen. Die vorübergehende Fürstin befreite uns aus dieser greulichen Lage, indem sie mich gleichzeitig all ihren Kindern vorstellte. Wir drückten uns die Hand, bewegten uns noch näher aneinander heran und wollten uns scheint's küssen; aber nach einem nochmaligen Betrachten überlegten wir es uns anders. Als die Kleider sämtlicher Schwestern vorübergerauscht waren, begann ich, um etwas zu sagen: »Es war wohl etwas eng im Wagen?« »Weiß nicht,« erwiderte Etienne. »Ich setze mich niemals in den Wagen. Da drinnen wird mir übel und schlecht; deswegen zwingt Mama mich nicht. Wenn wir abends ausfahren, sitze ich stets auf dem Bock. Da kann man alles sehen, und Philipp gibt mir bisweilen die Zügel, und die Peitsche nehme ich mir -- fein!« schloß er. »Durchlaucht,« ein Diener trat in den Flur, »Philipp läßt fragen, wo die Peitsche wäre?« »Wieso? Ich habe sie ihm doch gegeben!« »Philipp sagt: nein.« »Dann habe ich sie an die Laterne gehängt.« »Philipp behauptet, sie wäre auch da nicht; sagen Sie schon lieber, daß Sie sie verloren haben,« der Diener wurde lebhafter, »nun kann Philipp mit seinem Gelde für Ihren Mutwillen aufkommen.« Der Diener, dem Anschein nach ein rechtschaffener Mann, wenn auch mit einem Mopsgesicht, las offenbar seinem jungen Herrn nicht zum erstenmal den Text; dieser war gerade jetzt, bei unserer ersten Bekanntschaft, sehr erregt und schien die Sache nicht auf sich beruhen lassen zu wollen. Aus Zartgefühl ging ich, die Verlegenheit des jungen Fürsten bemerkend, beiseite, tat, als besähe ich das Schloß an der Tür und ließ die beiden sich aussprechen. Anders handelten die anwesenden Diener; sie rückten mit großem Vergnügen näher und blickten zustimmend auf den Diener, spöttisch auf den jungen Fürsten. »Nun -- dann habe ich sie verloren!« sagte Etienne, weiteren Auseinandersetzungen aus dem Wege gehend in scharfem, weinerlichem Ton. »Werd' ihm schon bezahlen, was die Peitsche kostet. Lächerlich!« Er kam auf mich zu und zog mich ins Gastzimmer. »Nein, erlauben Sie, Herr, womit wollen Sie denn bezahlen? Ich weiß, wie Sie das machen. Maria Wassiljewna bezahlen Sie schon seit acht Monaten zwanzig Kopeken; mir schulden Sie auch schon seit einem Jahr zwei Rubel fünfundzwanzig Kopeken; Petruschka ...« »Willst du schweigen, frecher Kerl!« schrie der junge Herr, bleich vor Wut, »ich werde bestimmt alles melden.« »Bestimmt alles melden!« wiederholte der Diener zum allgemeinen Gaudium spöttisch in grobem Baß. »Das ist nicht hübsch, Durchlaucht!« schloß er besonders eindrucksvoll und ging mit den Mänteln zur Garderobe. »Das war recht,« sagte jemand von den Zuhörern, während wir, durch Schweigen unserer Verachtung Ausdruck gebend, uns zu Großmutter begaben. Diese hatte eine besondere Gabe, durch Anwendung des »Du« und »Sie« in bestimmten Fällen und mit besonderer Betonung den Leuten ihre Meinung direkt ins Gesicht zu sagen. Weil sie diese Fürwörter gerade entgegengesetzt zu der allgemeinen Gewohnheit gebrauchte, bekamen sie in ihrem Munde eine ganz besondere Bedeutung. Ich bin überzeugt, daß sie sich Etienne beim ersten Anblick unter der Rute und mit allen unanständigen Einzelheiten vorstellte; sie empfing ihn sehr kalt und nannte ihn mit solchem Ausdruck der Verachtung und des Abscheus »Sie«, daß ich an seiner Stelle ganz fassungslos geworden wäre. Etienne war augenscheinlich von anderem Kaliber. Er beachtete weder die Art des Empfanges, noch Großmutters Person, sondern verbeugte sich vor der ganzen Gesellschaft nicht gerade geschickt, aber sehr ungezwungen, ging sogar zu Sonja und forderte sie zur Quadrille auf. Sonja fesselte meine ganze Aufmerksamkeit. Ich hatte bemerkt, daß, wenn Wolodja, Etienne und ich uns im Saal am Fenster unterhielten, von wo aus wir Sonja sehen und sie mich sehen und hören konnte -- ich mit besonderem Vergnügen sprach; und wenn ich eine nach meiner Auffassung verständige oder komische Bemerkung tat, brachte ich sie lauter heraus und blickte dabei nach der Tür des Gastzimmers. Als wir aber vom Fenster fortgingen und an eine Stelle kamen, wo man uns vom Gastzimmer weder sehen noch hören konnte, schwieg ich und fand kein Vergnügen mehr an der Unterhaltung. Gastzimmer und Saal füllten sich allmählich mit Gästen; unter ihnen waren, wie stets bei Kindergesellschaften, ein paar große Kinder, die diese Gelegenheit, sich zu amüsieren und zu tanzen, nicht vorübergehen lassen wollten, wenn auch nur, um -- anderen ein Vergnügen zu bereiten. Als Iwins kamen, empfand ich statt der gewöhnlichen Freude bei Serjoschas Anblick eine Art Ärger, daß er Sonja sah und sich ihr zeigte. 23. Vor der Mazurka. Als Iwins aus dem Gastzimmer zurückkamen, wo Serjoscha trotz seines angenehmen Äußeren den allgemeinen Tribut der Verlegenheit entrichtet hatte, faßte ich ihn am Ellbogen und forderte ihn auf, zum Tanz nach oben zu kommen. »Los, los!« rief Etienne plump zutraulich, Serjoscha am Arm ziehend. »Hat euer Deutscher eine Pfeife?« Obgleich mir die Gesellschaft des jungen Fürsten und sein freier Umgang mit Serjoscha durchaus nicht angenehm war, mißfiel mir noch mehr Serjoschas Anwesenheit im Gastzimmer. »~Où allez vous, Mr. Serge; ne voyez vous pas, qu'on va danser?~« Herr Forst hielt uns auf. »Haben Sie Ihre Handschuhe?« fügte er hinzu. »Gewiß; man muß Handschuhe anziehen,« Serjoscha holte ein paar neue Glacés hervor. Und wir haben keine, dachte ich. Was soll man machen. Geschwind lief ich nach oben. Aber obgleich sämtliche Kommodenschiebladen durchgestöbert wurden, fand ich nur unsere grauen Winterhandschuhe, und einen einzelnen Glacé, der mir einmal viel zu weit war und dem obendrein der Mittelfinger fehlte -- wahrscheinlich hatte Karl Iwanowitsch ihn vor langer Zeit einmal für einen kranken Finger abgeschnitten. Ich wußte nicht, was ich anfangen sollte, zog den Rest des Handschuhs an, steckte den Mittelfinger durch das Loch und stand, den Finger auf und nieder bewegend und einen Tintenfleck aufmerksam betrachtend, sehr nachdenklich da. Wenn jetzt Natalie Sawischna hier gewesen wäre, die hätte schon Handschuhe gefunden! Nach unten gehen konnte ich in diesem Aufzuge nicht, denn wenn man fragte, warum ich nicht tanzte -- was sollte ich erwidern? Hier bleiben konnte ich auch nicht, weil man mich finden würde. Also was tun? -- Ich rang verzweifelt die Hände. Ich war einfach verloren; schrecklich! -- sagte ich, stellte das Stearinlicht auf die offene Kommodenschieblade, senkte den Kopf auf die Brust und machte ein finsteres Gesicht. Plötzlich ertönte unten Musik. Ich sprang unwillkürlich auf, rannte durch alle Zimmer und suchte Handschuhe: in Heften, unterm Globus, zwischen Stiefeln -- da aber keine da waren, blieb all mein Suchen umsonst. Mit den Worten: »Was machst du denn hier?« kam Wolodja hereingelaufen, »engagiere schnell eine Dame; es geht gleich los.« »Wolodja,« ich zeigte ihm meine vier Finger in dem Glacé und sagte mit einer fast verzweifelten Stimme, »Wolodja, du hast auch nicht daran gedacht, daß wir ...« »Was denn?« fragte er ungeduldig. »Wie können wir so! ...« erwiderte ich fast unter Tränen und hielt ihm meine Hand vors Gesicht. »Ach Handschuhe,« meinte er ganz gleichgültig. »Nein, das geht nicht ... wir müssen Großmutter fragen; was die sagen wird.« Damit lief er nach unten. Seine Worte verscheuchten den düsteren Schatten, der auf dem Ereignis lag; ich begab mich schnell zu Großmutter. Vorsichtig an ihren Sessel herantretend und ihre Mantille leicht berührend, fragte ich im Flüsterton: »Großmutter! Was sollen wir machen? Wir haben keine Handschuhe.« »Was willst du, Kind?« »Wir haben keine Handschuhe,« wiederholte ich, die andere Hand auf die Sessellehne legend. Ich wollte nur von Großmutter gehört werden. »Was ist denn das?« sie ergriff meine rechte Hand, an der noch immer der schmutzige Handschuh mit abgeschnittenem Finger saß. »~Voyez ma chère~,« wandte sie sich an Frau Walachin und zog mich trotz meines Widerstrebens an einen sichtbaren Platz. »~Voyez comme ce jeune homme c'est fait élégant pour danser avec votre fille.~« Großmutter hielt mich fest an der Hand und sah sich ernst aber fragend nach den Anwesenden um, bis die Neugierde aller befriedigt war und das Gelächter allgemein wurde. Die Freude Sonjas, die über meine komische Figur mit den vier Fingern im schmutzigen Handschuh dermaßen lachte, daß ihr Tränen in die Augen traten und die Locken entzückend um ihr gerötetes Gesicht tanzten, steckte mich an: ich lachte jetzt am allerlautesten. Sehr traurig wäre ich gewesen, wenn Serjoscha mich gesehen hätte, als ich, dunkelrot vor Scham, umsonst versuchte, meine Hand loszureißen; vor Sonja dagegen schämte ich mich nicht. Ich fühlte, daß ihr Lachen zu laut und ungezwungen war, um spöttisch zu sein. Im Gegenteil, dadurch, daß wir zusammen lachten und uns ansahen, wurden wir schneller miteinander bekannt; ich fühlte mich bald so sicher, daß ich sofort um eine Quadrille bat. Die Episode mit dem Handschuh, die schlecht enden konnte, brachte mir den Nutzen, daß sie mir in einem Kreise, der mir stets am schrecklichsten war, -- unter Gästen -- Sicherheit gab; ich fühlte jetzt nicht die geringste Befangenheit mehr. Das Leiden, das aus Verlegenheit entspringt, rührt daher, daß wir nicht wissen, welchen Eindruck wir auf andere machen. Sobald wir hierüber Gewißheit haben, hört das Leiden -- mag der Eindruck sein wie er will -- auf. Wie lieb war Sonja Walachin, als sie mir gegenüber mit dem plumpen Etienne die ~Quadrille à la cour~ tanzte! Wie reizend, als ob wir uns schon eine Ewigkeit kennen würden, reichte sie mir bei der ~Chaine~ lächelnd die Hand. Wie niedlich im Takt hüpften die blonden Locken auf ihrem Kopf und wie zierlich führte sie das »~Jeté assemblé~« mit ihren kleinen Füßchen in den bebänderten Chevreauschuhen aus -- alles nach den Klängen des »Donauweibchens«, die ich bis jetzt nicht ohne süßes Herzbeben hören kann. Obgleich sie dem jungen Fürsten, der sie in eine Unterhaltung zu ziehen suchte, ebenso lieb zulächelte, war ich doch glücklich. Bei der fünften Figur, als meine Dame vor mir auf die andere Seite tanzte und ich, die Takte zählend, mich auf das Solo vorbereitete, legte Sonja ernsthaft die Lippen zusammen und sah zur Seite, als hätte sie Mitleid mit mir und fürchtete, ich könnte konfus werden. Aber diese Sorge war umsonst; ich führte kühn das ~chassé en avant~, ~en arrière~ und ~croissé~ aus, und als ich an ihr vorbeikam, zeigte ich ihr den Handschuh mit vier Fingern. Wie lieb lachte sie da, und wie lustig und naiv hüpften die Füßchen in den Chevreauschuhen auf dem Parkett. Als wir uns bei dem ~grand rond~ alle an der Hand faßten und einen Kreis bildeten, rieb sie sich, ohne meine Hand loszulassen, ihr Näschen am Handschuh. Alles das steht mir noch heute vor Augen. Dann kam die zweite Quadrille mit Sonja. Die Musik, das helle Licht, die Diener in weißen Krawatten, der besondere Ballgeruch -- alles das bewirkte, daß ich, neben Sonja auf meinem Stuhl mich niederlassend, anstatt einfach zu sprechen, um jeden Preis mit meinem Französisch glänzen wollte und schreckliche Dummheiten sagte. »~Vous êtes une habitante de Moscou?~« fragte ich nach kurzem Schweigen. Als sie bejahte, fuhr ich ebenso fort: »~Et vous êtes native de quel gouvernement?~« dabei besonders auf die Wirkung des Wortes »~native~« rechnend. Als sie mich dann fragte, ob ich früher schon in Moskau gewesen sei, erwiderte ich, eine malerische Pose auf meinem Stuhl einnehmend: »~Et moi, je n'ai jamais frequenté la capitale~,« mit dem Bestreben, sie durch das Wort »~frequenter~« endgültig von meinen vorzüglichen Kenntnissen des Französischen zu überzeugen. Indessen fühlte ich mich, so glänzend meine Unterhaltung auch war, doch nicht imstande, sie mit derselben Verve fortzusetzen; wenn nicht bald an uns die Reihe zum Tanzen kam, oder sie mir aus der schwierigen Situation hinaushalf, war ich genötigt, die ganze Zeit zu schweigen. In Erwartung ihrer Unterstützung und neugierig, welchen Eindruck mein Französisch auf sie machte, blickte ich ihr unruhig ins Gesicht. »Wo haben Sie den komischen Handschuh her?« fragte sie mich plötzlich. Diese Frage verschaffte mir große Erleichterung und Vergnügen. Ich erklärte ihr, der Handschuh gehörte Karl Iwanowitsch, und verbreitete mich etwas über seine Person, wie komisch er wäre und wie er einmal mit seiner grünen Pekesche vom Pferd in eine Pfütze gefallen sei. In der Unterhaltung über Karl Iwanowitsch, das Land, Pilze und das Pferd verging unmerklich die Quadrille. Alles sehr schön, aber warum hatte ich mich ironisch über Karl Iwanowitsch geäußert? Fürchtete ich wirklich, die gute Meinung, die Sonja von mir hatte, zu verlieren, wenn ich ihn mit der Liebe und Verehrung schilderte, die ich bisweilen für ihn hegte? Bei der Beendigung der Quadrille sagte Sonja mit solch liebem und freundlichem Ausdruck »~Merci~« zu mir, als wenn sie mir wirklich für etwas zu danken hätte; ich war einfach hingerissen und erkannte mich selbst nicht wieder, so kühn, selbstbewußt, ja frech trat ich auf. Keck schlenderte ich durch alle Räume, ohne auf etwas zu achten; bog nicht einmal aus, sondern rannte sehr unhöflich mit den Leuten, die mir begegneten, zusammen. Es gibt nichts, was mich jetzt aus der Fassung bringen kann, dachte ich. Ich bin zu allem bereit. Serjoscha bat mich, sein ~vis-à-vis~ zu sein. »Gut,« sagte ich, »hab' zwar noch keine Dame, werde aber schon eine finden.« Den Saal mit einem kühnen Blick musternd, bemerkte ich, daß fast alle Damen engagiert waren; nur an der Tür stand ein großes hübsches Mädchen, auf das jetzt ein schlanker junger Mann zuschritt; offenbar in der Absicht, sie zu engagieren. Er war von ihr nur noch drei Schritt entfernt, ich dagegen am anderen Saalende. Im Nu durchflog ich, auf dem Parkett dahingleitend, den ganzen Raum, machte eine Verbeugung und bat sie mit fester Stimme um den Tanz. Das große Mädchen lächelte gönnerhaft, reichte mir den Arm, und der junge Mann hatte das Nachsehen. Ich fühlte so viel Kraftbewußtsein, daß ich meinen Sieg gar nicht bemerkte. Erst später erfuhr ich, der junge Mann hätte gefragt, wer denn der Struwwelpeter wäre, der ihm zwischen den Beinen herumgesprungen sei und so frech die Dame weggeschnappt hätte. 24. Die Mazurka. Die Musik begann; Großmutter kam aus dem Gastzimmer; man rollte ihren weichen Sessel herein und sie setzte sich in die Saalecke zu einem alten, ordengeschmückten Herrn, der soeben vom Kartentisch aufgestanden war, und zu einer Dame. Da ich zur Mazurka keine Tänzerin hatte, stellte ich mich hinter die hohe Stuhllehne, lauschte der Unterhaltung und beobachtete die Tanzenden. Der junge Mann, dem ich die Dame weggeschnappt, tanzte im ersten Paar. Er sprang, seine Dame an der Hand haltend, vom Stuhl auf, anstatt aber den »~pas de Basque~« zu machen, wie Mimi uns gelehrt, lief er einfach vorwärts, blieb in der Ecke stehen, stampfte mit den Hacken auf, spreizte die Beine, machte kehrt und lief hüpfend weiter. Was macht der nur, dachte ich, das ist doch gar nicht so, wie Mimi es uns gezeigt hat; sie behauptet, die Mazurka würde schwebend auf den Fußspitzen mit kreisförmiger Beinbewegung getanzt -- nun ist es ganz anders. Da sind Iwin und Wolodja ebenfalls. Wenn er sich nur nicht blamiert, der Ärmste! Nein, wirklich gar nicht übel; er tanzt auch so. Großartig! Die Mazurka ging zu Ende; einige ältere Herren und Damen verabschiedeten sich von Großmutter und fuhren fort. Diener trugen, den Tanzenden vorsichtig ausweichend, Geschirr in die Hinterzimmer. Großmutter war ersichtlich müde und sprach sehr gedehnt, gleichsam unlustig. Die Musikanten spielten zum dreißigstenmal träge dasselbe Motiv. In diesem Augenblick kam das große Mädchen, mit dem ich getanzt hatte, in Begleitung einer der zahllosen kleinen Fürstinnen und Sonjas auf mich zu; wohl um Großmutter zu gefallen, lächelte sie ihr zu und richtete folgende zartsinnige Frage an mich: »Rose oder Hortensie?« »Ah, du bist hier, Freundchen!« wandte Großmutter sich zu mir um, »geh nur, geh.« Nicht ohne Zittern und Zagen sagte ich: »Hortensie« und war noch nicht zur Besinnung gekommen, als schon eine kleine Hand im weißen Handschuh in der meinigen lag und Sonja fröhlich lächelnd auf ihren kleinen Zehenspitzen vorwärts tanzte ohne zu ahnen, daß ich mit meinen Füßen nichts anzufangen wußte. Obgleich ich mir klar darüber war, daß das ~pas de Basque~ jetzt unangebracht, ungehörig sei und vielleicht unangenehme Folgen für mich haben könnte, wirkten die bekannten Mazurkaklänge auf mein Ohr, teilten sich den Nerven mit, die ihrerseits die Bewegung auf die Beine übertrugen, so daß diese letzteren unwillkürlich und zum Erstaunen aller Zuschauer die verhängnisvollen, gleitenden, kreisförmigen ~pas~ auf den Zehenspitzen beschrieben, die Mimi mir wahrscheinlich zum Schabernack beigebracht hatte. Solange wir geradeaus tanzten, ging die Sache noch; als wir aber an die Biegung kamen, bemerkte ich, daß ich, beim Beibehalten des ~pas de Basque~, sicher vorwärts tanzen würde. Um das zu vermeiden, blieb ich stehen und wollte dieselben Beinbewegungen auf dem Fleck machen, die der junge Mann im ersten Paar und andere so hübsch ausführten. In dem Augenblick, als ich die Beine spreizte und schon springen wollte, blickte Sonja, die schnell um mich herumlief, ernsthaft und neugierig auf meine Beine. Vielleicht wäre mein Sprung noch halbwegs gelungen, wenn Sonja nicht so genau zugesehen hätte. Sobald ich das aber bemerkte, verlor ich vollständig die Fassung, und statt des kühnen ~pas~, den ich beabsichtigt, wurde ich so verlegen, daß ich ohne jeden Takt, höchst komisch, und ganz unbeschreiblich auf der Stelle hüpfte. Dann blieb ich vollends stehen und sah mich um. Alle starrten mich an; einige neugierig, andere mitleidig, noch andere spöttisch. Großmutter blickte kaltblütig drein. Wolodja zwinkerte und machte mir Zeichen; Papa wurde rot, stand auf, trat zu mir und nahm mich bei der Hand. »~Il ne fallait pas danser, si vous ne savez pas!~« raunte er mir ärgerlich ins Ohr, nahm Sonjas Arm und tanzte unter lautem Beifall der Zuschauer die Tour mit ihr nach alter Manier zu Ende. Ich hatte nicht einmal den Mut, an meinen Platz zurückzukehren, verschwand im nächsten Zimmer und wälzte mich in stummer Verzweiflung auf einem Sofa. Dieser Übergang vom glücklichen zuversichtlichen Gemütszustand zum drückenden Bewußtsein des tiefen Falles war schrecklich. Wäre in diesem Augenblick die Möglichkeit gewesen und die Versuchung an mich herangetreten, mir das Leben zu nehmen, -- ich war so unglücklich, daß ich keine Minute gezögert hätte. Das schlimmste war, daß Sonja mich so fragend und neugierig-mitleidig angesehen hatte. Herrgott, wofür strafst du mich so hart, dachte ich. Jetzt ist alles verloren; alle verachten mich und werden mich stets verachten; mir sind alle Wege versperrt, zum Glück, zur Heiterkeit, Freundschaft, Liebe, Auszeichnung. Alles ist hin. Niemand liebt mich. Gut, jetzt will ich auch niemanden mehr lieben, alle haben sich über mein Unglück gefreut, jetzt will ich mich auch freuen, wenn ihnen etwas passiert! Warum ist Papa rot geworden und hat mich an der Hand gefaßt? Warum hat Wolodja mir Zeichen gemacht, die alle sehen und die mir nicht mehr helfen konnten? Hätte er das nicht getan, würde niemand etwas bemerkt haben. Er hat es absichtlich getan, um mich zu blamieren; niemand, niemand hat mich hier lieb. Mama wäre sicherlich meinetwegen nicht errötet! ... Und meine Phantasie folgte diesem Bilde weit, weit in die Ferne; ich dachte an Mama, an die Wiese vor dem Hause, die hohen Linden im Garten, den reinen Teich, über dem Schwalben hin und her schossen; an duftende Heudiemen, den blauen Himmel, an dem durchsichtige weiße Wolken standen; an einen stillen heiteren Abend, und viele andere, ruhigfreudige Erinnerungen hielten Einzug in mein aufgeregtes Gemüt. 25. Nach der Mazurka. Die Mazurka war zu Ende. Wolodja, Iwins und der junge Fürst kamen in das Zimmer, in dem ich auf dem Sofa lag und riefen mich, als wenn nichts passiert wäre, nach oben; ich sollte meine Kräfte mit Etienne messen, der sehr prahlte und sagte, er würfe uns alle mit einem Finger um. Hätte jemand sich auch nur die leiseste Anspielung auf mein Mißgeschick erlaubt, so wäre ich rasend geworden und hätte ihnen Unannehmlichkeiten gesagt; da das aber nicht geschah, willigte ich ein, mit nach oben zu kommen, besonders da ich mich in Kraft- und Geschicklichkeitsübungen stets ausgezeichnet habe. Dieser Kampf, das Rennen, Toben und Geschrei zerstreute mich und ließ mich mein Unglück fast vergessen; nur bisweilen kam mir die Erinnerung; dann preßte ich die Zähne zusammen und schrie leicht auf, wie meistens bei sehr unangenehmer Erinnerung. Als wir zum Abendessen gerufen wurden, hatte ich meine misanthropischen Pläne schon vergessen und lief mit dem angenehmen Gefühl der Selbstzufriedenheit, die der Erfolg gebiert, nach unten. Mein Erfolg, ich darf sagen: mein Triumph, bestand darin, daß ich zweimal hintereinander den jungen Fürsten geworfen hatte, einmal derart, daß auf seiner Stirn eine sehr große und sehr lächerliche Beule zum Vorschein kam. Beim Abendessen, als der Diener jedem von uns aus einer umwickelten Flasche Champagner eingoß, standen wir alle auf und gingen noch einmal zu Großmutter zum Gratulieren. Kaum war das geschehen, so ertönten aus dem Saal die Klänge des Großvatertanzes und überall wurden geräuschvoll die Stühle zurückgeschoben. Ich glaube, ich hätte es niemals riskiert, Sonja wieder aufzufordern, wenn nicht in dem Augenblick, als ich zögerte, Sonjas Mutter vorübergekommen wäre und zu uns beiden gesagt hätte: »Was steht ihr denn da; kommt doch.« Sonja reichte mir den Arm, und wir liefen aus dem Saal. Der Ringkampf, das Glas Champagner, die Nähe und Heiterkeit Sonjas ließen mich die unglückliche Mazurka ganz vergessen; ich fühlte nicht die geringste Verlegenheit mehr, war ausgelassen bis zur Tollheit. Mit den Beinen machte ich die komischsten Dinge; ich ahmte die Gangart eines Pferdes nach, lief in kurzem Trab, hob stolz die Beine, blieb dann auf einer Stelle stehen und trampelte mit den Füßen wie ein Hammel, der über einen Hund böse ist. Dabei lachte ich aus vollem Herzen, ohne mich um den Eindruck zu kümmern, den meine ~pas~ auf die Zuschauer machten. Sonja lachte ebenfalls unaufhörlich; lachte, als wir uns Arm in Arm im Kreise drehten; kicherte, als ein Herr mit Schnurrbart und goldenem Ring am Daumen langsam die Beine hebend über ein Schnupftuch stieg, mit einem Ausdruck, als ob ihm das sehr schwer würde, und schüttelte sich vor Lachen, als ich, um meine Geschicklichkeit zu zeigen, fast bis zur Decke sprang. Dieses reizende helle Lachen, bei dem ihr Händchen wie ein Vöglein in meiner Hand zitterte, sowie der schnelle Übergang von der Verzweigung zur Heiterkeit machten mich ganz glücklich. Als wir durch Großmutters Zimmer kamen, besah ich mich unwillkürlich in dem großen Trumeau in der Ecke. Mein Gesicht war schweißgebadet, das Haar zerzaust, die Borsten sträubten sich mehr als je -- trotzdem befriedigte mich der Gesamteindruck; die grauen, noch kleineren Augen als sonst glänzten derart, und der ganze Gesichtsausdruck war so lustig, unbekümmert und gut, gesund und frisch, daß ich mich noch niemals in so vorteilhaftem Licht gesehen hatte. Das rührte wahrscheinlich daher, daß ich mich beim Schauen in den Spiegel gewöhnlich bemühte, einen nachdenklichen und deswegen unnatürlichen dummen Ausdruck anzunehmen. Wäre ich nur immer so wie jetzt! dachte ich, dann könnte ich noch gefallen. Als ich dann aber wieder auf das schöne Gesichtchen meiner Dame blickte, fand ich dort außer der Fröhlichkeit, Gesundheit und Sorglosigkeit, die mir in meinem Gesicht gefielen, so viel vornehme, zarte Schönheit, daß ich mich über mich selbst ärgerte; ich sah ein, wie dumm es war zu hoffen, die Aufmerksamkeit eines so herrlichen Geschöpfes jemals auf mich zu lenken. Ich konnte nicht auf Erwiderung meiner Gefühle rechnen und wünschte sie gar nicht; meine Seele strömte auch so von Glück über. Für all meine unendliche Liebe, die vor keinem Opfer zurückschreckte, wünschte, forderte ich nichts: mir war auch so gut. Ich fühlte nur, wie mir das Blut zum Herzen strömte; daß dieses schlug wie eine Taube, daß ich etwas Sonderbares, Unverständliches wollte -- wahrscheinlich weinen. Als wir auf dem Korridor am dunklen Verschlage unter der Treppe vorbeikamen, dachte ich: was wäre das für ein Glück, wenn man ein ganzes Jahrhundert lang mit ihr in diesem dunklen Verschlage leben könnte, so daß niemand etwas davon wüßte. Aber das ist nicht möglich, also hat es auch keinen Zweck, daran zu denken; sie geht gleich, und Gott weiß, wann wir uns wiedersehen ... vielleicht nie ... Wir waren das letzte Paar; ich ging langsam und beschloß, ihr alles zu sagen, was ich empfand. Aber was? Und wie? »Nicht wahr, heute war es nett?« begann ich mit leiser, zitternder Stimme und beschleunigte den Schritt, voll Schreck nicht so sehr über das, was ich gesagt hatte, als über das, was ich sagen wollte. »Ja, sehr,« antwortete sie, mir das Köpfchen mit so gutem offenen Ausdruck zuwendend, daß meine Furcht verschwand. »Besonders nach dem Abendessen; wenn Sie aber wüßten, wie leid es mir tut -- (›weh‹ wollte ich sagen, wagte es aber nicht), daß Sie gehen und wir uns nicht wiedersehen.« »Warum nicht?« meinte sie, angelegentlich ihre Schuhspitzen betrachtend und mit einem Finger über den durchbrochenen Wandschirm fahrend, an dem wir vorüberkamen. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 136 137 138 139 140 141 142 143 144 145 146 147 148 149 150 151 152 153 154 155 156 157 158 159 160 161 162 163 164 165 166 167 168 169 170 171 172 173 174 175 176 177 178 179 180 181 182 183 184 185 186 187 188 189 190 191 192 193 194 195 196 197 198 199 200 201 202 203 204 205 206 207 208 209 210 211 212 213 214 215 216 217 218 219 220 221 222 223 224 225 226 227 228 229 230 231 232 233 234 235 236 237 238 239 240 241 242 243 244 245 246 247 248 249 250 251 252 253 254 255 256 257 258 259 260 261 262 263 264 265 266 267 268 269 270 271 272 273 274 275 276 277 278 279 280 281 282 283 284 285 286 287 288 289 290 291 292 293 294 295 296 297 298 299 300 301 302 303 304 305 306 307 308 309 310 311 312 313 314 315 316 317 318 319 320 321 322 323 324 325 326 327 328 329 330 331 332 333 334 335 336 337 338 339 340 341 342 343 344 345 346 347 348 349 350 351 352 353 354 355 356 357 358 359 360 361 362 363 364 365 366 367 368 369 370 371 372 373 374 375 376 377 378 379 380 381 382 383 384 385 386 387 388 389 390 391 392 393 394 395 396 397 398 399 400 401 402 403 404 405 406 407 408 409 410 411 412 413 414 415 416 417 418 419 420 421 422 423 424 425 426 427 428 429 430 431 432 433 434 435 436 437 438 439 440 441 442 443 444 445 446 447 448 449 450 451 452 453 454 455 456 457 458 459 460 461 462 463 464 465 466 467 468 469 470 471 472 473 474 475 476 477 478 479 480 481 482 483 484 485 486 487 488 489 490 491 492 493 494 495 496 497 498 499 500 501 502 503 504 505 506 507 508 509 510 511 512 513 514 515 516 517 518 519 520 521 522 523 524 525 526 527 528 529 530 531 532 533 534 535 536 537 538 539 540 541 542 543 544 545 546 547 548 549 550 551 552 553 554 555 556 557 558 559 560 561 562 563 564 565 566 567 568 569 570 571 572 573 574 575 576 577 578 579 580 581 582 583 584 585 586 587 588 589 590 591 592 593 594 595 596 597 598 599 600 601 602 603 604 605 606 607 608 609 610 611 612 613 614 615 616 617 618 619 620 621 622 623 624 625 626 627 628 629 630 631 632 633 634 635 636 637 638 639 640 641 642 643 644 645 646 647 648 649 650 651 652 653 654 655 656 657 658 659 660 661 662 663 664 665 666 667 668 669 670 671 672 673 674 675 676 677 678 679 680 681 682 683 684 685 686 687 688 689 690 691 692 693 694 695 696 697 698 699 700 701 702 703 704 705 706 707 708 709 710 711 712 713 714 715 716 717 718 719 720 721 722 723 724 725 726 727 728 729 730 731 732 733 734 735 736 737 738 739 740 741 742 743 744 745 746 747 748 749 750 751 752 753 754 755 756 757 758 759 760 761 762 763 764 765 766 767 768 769 770 771 772 773 774 775 776 777 778 779 780 781 782 783 784 785 786 787 788 789 790 791 792 793 794 795 796 797 798 799 800 801 802 803 804 805 806 807 808 809 810 811 812 813 814 815 816 817 818 819 820 821 822 823 824 825 826 827 828 829 830 831 832 833 834 835 836 837 838 839 840 841 842 843 844 845 846 847 848 849 850 851 852 853 854 855 856 857 858 859 860 861 862 863 864 865 866 867 868 869 870 871 872 873 874 875 876 877 878 879 880 881 882 883 884 885 886 887 888 889 890 891 892 893 894 895 896 897 898 899 900 901 902 903 904 905 906 907 908 909 910 911 912 913 914 915 916 917 918 919 920 921 922 923 924 925 926 927 928 929 930 931 932 933 934 935 936 937 938 939 940 941 942 943 944 945 946 947 948 949 950 951 952 953 954 955 956 957 958 959 960 961 962 963 964 965 966 967 968 969 970 971 972 973 974 975 976 977 978 979 980 981 982 983 984 985 986 987 988 989 990 991 992 993 994 995 996 997 998 999 1000