Kindheit
Autobiographische Novelle
von
Leo N. Tolstoi
Aus dem Russischen übertragen
und eingeleitet von
Adolf Heß
Leipzig
Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
Einleitung.
Tolstois Gattin und Herausgeberin seiner Werke, die Gräfin S. A.
Tolstoi, schreibt in ihrem Vorwort zum ersten Bande der neuen Ausgabe
von Tolstois Werken, die nach seinem Tode erschienen ist: »Als ich die
neue Gesamtausgabe zum Druck vorbereitete, fand ich unter den auf die
»Kindheit« bezüglichen Manuskripten einen Brief Tolstois an seinen
Bruder Sergei, aus dem ich ein Bruchstück hier anführe: »... Du glaubst
nicht, wie unangenehm es für mich war, meine Novelle (»Kindheit«)
gedruckt zu lesen: so viel ist von der Zensur und Redaktion an ihr
gestrichen und geändert. Ich darf mit Fug und Recht behaupten, daß
alle Trivialitäten und alle Absurditäten, die Du sicher an der Arbeit
bemerkt hast, nicht von mir herrühren. Um Dir zu zeigen, welch'
niederträchtige Änderungen man vorgenommen hat und wie sie mich empört
haben, schicke ich Dir den Brief, den ich im ersten Augenblick an den
Redakteur schrieb, aber nicht abgesandt habe ... 5. Dezember 1852.«
Die Herausgeberin bemerkt dann, auf Grund dieses Briefes hätte sie
sämtliche die »Kindheit« betreffenden Manuskripte durchgesehen und
nach ihnen die Erzählung ohne jene »Trivialitäten und Absurditäten«
wiederhergestellt, von denen Tolstoi in seinem Briefe schreibt.
Nach dieser letzten russischen Fassung erscheint Tolstois Werk
»Kindheit« in Reclams Universal-Bibliothek zum erstenmal in
deutscher Sprache. Es ist bezeichnend für die Sorgfalt, mit der
Tolstois Schriften im In- wie Auslande, in Einzel- und sogenannten
Gesamtausgaben -- in Deutschland gibt es eine solche nicht -- bislang
veröffentlicht wurden, daß ein Werk wie die »Kindheit« fünfzig Jahre
lang ausschließlich in einer Fassung vorlag, die den Autor nach seinen
eigenen Worten empörte!
Tolstois »Kindheit« ist weder in bezug auf Umfang noch Inhalt mit
den biographischen Meisterwerken eines Goethe und Rousseau auf eine
Stufe zu stellen -- der Autor stand am Anfang der zwanziger Jahre,
als er sein Erstlingswerk veröffentlichte, das ihm Anwartschaft auf
den Namen eines berühmten Schriftstellers einbrachte. Der russische
Gutsbesitzerssohn, der sich noch wenig im Leben umgetan, wollte weder,
noch konnte er damals ein Stück weltumspannender Zeitgeschichte im
Rahmen eines ungewöhnlich reichen und fruchtbaren Einzelschicksals
geben, wie Goethe; noch hatte er gleich Rousseau Bekenntnisse
vorzutragen, die das Verkehrte und Schädliche ganzer Zeitströmungen
an einem lebendigen Beispiel schilderten und der Bildung zukünftiger
Generationen neue Wege wiesen. Der Russe lieferte ganz einfach ein
Stückchen Familiengeschichte, Kindheitserinnerungen eines Werdenden,
der für sich und andere festzuhalten sucht, was ihm damals das
Liebste und Wertvollste war: seine Jugendgedanken. Tolstoi wählte
die autobiographische Form, ging aber sehr frei mit den Personen und
Ereignissen um. So hat er zum Beispiel seine Mutter tatsächlich im
zartesten Kindesalter verloren und sie überhaupt nicht, und den Vater,
der ebenfalls früh starb, nur sehr wenig gekannt. Auch besaß Tolstois
Vater nicht die Eigenschaften des Vaters in der Erzählung »Kindheit«.
Das alles sind zum Teil bewußte poetische Erfindungen, freie
Phantasieschöpfungen oder Niederschläge aus den Erzählungen anderer,
zum Beispiel der Tante Jergolskaja, die Mutterstelle bei Tolstois
vertrat, und sonstiger Hausangehöriger. Wohl aber liegt den meisten
Ereignissen und Gestalten, sogar nebensächlichen, wie der des Bruders
Wolodja (Sergei), der Katjuscha (Maslowa in der »Auferstehung«), des
Foka (ebendaselbst) Tatsächliches zugrunde.
Die eigentliche Bedeutung von Tolstois autobiographischer Novelle
»Kindheit«, der das »Knabenalter« und die »Jugend« folgten, liegt
darin, daß in diesem Werk der ganze zukünftige Tolstoi mit seiner
unheimlichen Beobachtungsgabe und wunderbaren Darstellungskunst
bereits zu finden ist. Alle kleinen und großen Charakterzüge, die ihn
später auszeichneten: unbestechliche Wahrheitsliebe und Gerechtigkeit,
Aufrichtigkeit gegen sich und andere, weichherzige Empfindsamkeit,
Neigung zur Frömmigkeit, Mystik und Askese, und unmittelbar daneben
überreife, reiche Sinnlichkeit, Vorliebe für körperliche Übungen,
für geistige und körperliche Sauberkeit -- alles das ist hier wie in
einem Embryo bereits enthalten. Daneben sind diese Aufzeichnungen
durch eine ans Wunderbare grenzende Psychologie und Selbstbeobachtung
ausgezeichnet. Wie Tolstoi das erste Erwachen der Sinnlichkeit eines
zehnjährigen Knaben und die Annäherung an die Gespielin im dunklen
Verschlage beschreibt; wie seine noch blind umhertappende Neigung und
Liebe sich auf den Kameraden Jotinjew wirft, den zu küssen er heftiges
Verlangen trägt: wie die Liebe zur blondlockigen Sonja ihn dann sehend
macht und er alsbald die ganze Süßigkeit der Untreue in der Liebe
auskostet -- das alles weicht etwas von dem ab, was man bislang als
Jugenderinnerungen Tolstois las. Dafür ist es so kindlich, groß und
frei, und durch und durch aufrichtig und wahr und dient vielleicht
dazu, die Schwärmergestalt und das Asketengerippe der letzten Zeit
nachträglich mit Fleisch und Blut zu umkleiden. In dieser Hinsicht ist
der Wert, zunächst der »Kindheit«, nicht hoch genug anzuschlagen.
Unserer Jugend, der modernen Jugend, kann das Buch (als
Aufklärungslektüre im besten Sinne) empfohlen werden: es verschweigt
nichts, schreckt vor nichts zurück, predigt nicht und führt doch
überall zu einer tiefernsten, sittlichen Auffassung der Dinge.
+Charlottenburg+, 1912.
~Dr.~ Adolf Heß.
Kindheit.
1. Unser Lehrer Karl Iwanowitsch.
Am 12. August 1836, genau drei Tage nach meinem elften Geburtstag, an
dem ich mein zehntes Lebensjahr vollendet und so herrliche Geschenke
erhalten hatte, um sieben Uhr morgens, weckte mich Karl Iwanowitsch,
indem er mit einer Fliegenklappe aus Packpapier an einem Stock
nach einer Fliege schlug. Er tat dies so ungeschickt, daß er mein
Heiligenbild an der eichenen Bettlehne berührte und daß die tote Fliege
auf mein Kissen fiel. Ich schob den Kopf unter der Decke hervor, hielt
das schaukelnde Bild mit der Hand fest, warf mit Abscheu die tote
Fliege fort und blickte zwar mit verschlafenen aber bösen Augen Karl
Iwanowitsch an, der in seinem bunten, wattierten, durch einen hinten
angenähten Gürtel (aus demselben Stoff) zusammengehaltenen Schlafrock,
einer roten, gestrickten Zipfelmütze mit Troddel, in weichen
Saffianschuhen, die Fliegenklappe in der Hand, weiter die Wände entlang
schlich, zielte und schlug.
Wenn ich auch klein bin, dachte ich, welches Recht hat er aber, mich zu
stören, zu quälen und mit der Klappe nach dem Bild zu schlagen? Warum
klatscht er nicht die Fliegen bei Wolodjas Bett? Da sind so viele! O,
er hat Angst vor Wolodja, der könnte sich beklagen, weil er älter ist
als ich -- bald dreizehn Jahre. Ich bin der Allerjüngste, deswegen
quält er mich. Nur daran denkt er sein ganzes Leben lang, wie er mich
ärgern kann -- flüsterte ich, die Zähne zusammenpressend. Er sieht sehr
gut, daß er mich erschreckt hat, tut aber, als ob er nichts merkt,
der abscheuliche Mensch ... Sein Schlafrock, die Zipfelmütze und die
Troddel -- wie widerwärtig das alles ist.
Während ich so in Gedanken meinem Ärger über Karl Iwanowitsch, der mich
nicht ausschlafen ließ, Ausdruck verlieh, trat er zu seinem Bett, sah
nach der Uhr, die in einem mit Glasperlen gestickten Pantoffel hing,
hängte die Fliegenklappe an den Nagel und rief uns, augenscheinlich
in bester Stimmung, auf gut deutsch zu: »Auf, Kinder, auf; 's ist
Zeit! Die Mutter ist schon im Saal,« kam dann zu mir, setzte sich
zu meinen Füßen und holte seine Tabaksdose aus der Tasche. Ich tat,
als schliefe ich; steckte den Kopf unter die Decke. Karl Iwanowitsch
schnupfte, nahm sein gewürfeltes Taschentuch und schneuzte sich mit den
tabakbeschmutzten Fingern. Dann schob er die Hand unter meine Bettdecke
und kitzelte mich an den Fußsohlen. »Nun, nun, Faulenzer,« sagte er
dabei und lachte. So große Angst ich auch vor dem Kitzeln hatte, sprang
ich doch nicht aus dem Bett, antwortete ihm auch nicht, sondern steckte
nur den Kopf wieder unter die Decke, schlug mit den Füßen um mich,
kreischte und gab mir krampfhaft Mühe, das Lachen zu verbeißen.
Wie ist er gut und wie hat er uns lieb. Und ich konnte so schlecht von
ihm denken!
Jetzt konnte ich mich nicht mehr halten, schob den Kopf unter dem
Kissen hervor und rief mit Tränen in den Augen: »Ach, lassen Sie, Karl
Iwanowitsch!«
Er ließ verwundert meine Fußsohlen los und fragte mich besorgt, was mit
mir wäre. Ob ich etwas Schlimmes geträumt hätte. Sein braves, deutsches
Gesicht, die Teilnahme, mit der er sich bemühte, den Grund meiner
Tränen zu erraten, verstärkten meine Rührung. Ich schämte mich; begriff
nicht, wie ich eine Minute vorher solch' unschöne Gedanken hatte hegen,
seinen Schlafrock, die Zipfelmütze und Troddel hatte widerwärtig finden
können. Jetzt erschien mir, im Gegenteil, alles sehr lieb, und sogar
die Troddel war mir ein klarer Beweis seiner Güte.
Ich sagte Karl Iwanowitsch, ich hätte geträumt, Mama stürbe. Und als
er mich freundlich zu trösten und zu beruhigen suchte, kam es mir vor,
als hätte ich wirklich diesen schrecklichen Traum gehabt, obgleich ich
entschieden nichts mehr wußte -- und meine Tränen flossen nun schon aus
einem anderen Grunde.
Karl Iwanowitsch ging ins Klassenzimmer; ich zog schluchzend meine
Strümpfe an und dachte über den schrecklichen, erfundenen Traum nach.
Jetzt trat unser Wärter Nikolas ins Zimmer, ein kleines, sauberes,
geschorenes Männchen, stets ernst, akkurat, respektvoll und ein
großer Freund von Karl Iwanowitsch. Er brachte unsere Kleider und das
Schuhzeug: Stiefel für Wolodja, mir einstweilen noch diese dummen
Schuhe mit Bändern. In seiner Gegenwart schämte ich mich zu weinen;
außerdem schien die Morgensonne lustig ins Fenster, und Wolodja machte
am Waschbecken nach, wie sich Marja Iwanowna (die Gouvernante unserer
Schwester) wusch und lachte dabei so lustig und laut, daß sogar der
ernste Nikolas mit dem Handtuch auf der Schulter, dem Wasserkrug in der
einen und der Seife in der anderen Hand losplatzte und dann sagte: »Nun
hören Sie auf, Wladimir Petrowitsch; bitte, waschen Sie sich.«
Ich war wieder ganz vergnügt.
Aus dem Klassenzimmer nebenan ertönte Karl Iwanowitschs Stimme, jetzt
schon ohne den Ausdruck von Güte, die mich zu Tränen rührte. Er rief
vielmehr streng: »Sind Sie bald fertig?«
Im Klassenzimmer war Karl Iwanowitsch ein ganz anderer Mensch:
Amtsperson, Erzieher. Ich zog mich schnell an, wusch mich und folgte
seinem Ruf, noch mit der Bürste in der Hand, das nasse Haar kämmend.
In demselben Aufzug, die Brille auf der Nase, über die hinweg er
Wolodja ansah, der etwas ausgefressen hatte und in der Ecke kniete,
saß auf seinem gewöhnlichen Platz, rechts zwischen Tür und Fenster
Karl Iwanowitsch. Links von der Tür hingen zwei Bücherborte: das eine
unseres, für Kinder; das andere seins, sein Eigentum! Auf unserem
befanden sich alle möglichen Bücher: Lehrbücher und andere, gebunden
und ungebunden; teils standen, teils lagen sie. Nur zwei große Bände
»~Histoire des voyages~« in rotem Einband standen stets akkurat am
Rande; dann kamen lange, dicke, kleine Bücher, Deckel ohne Bücher
und umgekehrt -- da wurde alles hingestopft und -geworfen, wenn er
vor der Erholungspause die »Bibliothek«, wie Karl Iwanowitsch das
Bücherbort nannte, in Ordnung bringen hieß. Die Büchersammlung auf
seinem eigenen Bort war nicht so groß wie unsere, dafür aber noch
mannigfaltiger. Ich erinnere mich an drei Bücher: eine deutsche
Broschüre über die Düngung in Kohlgärten -- ungebunden; ein Band der
Geschichte des Siebenjährigen Krieges, in Pergament, an einer Ecke
durchgebrannt; und ein vollständiges Lehrbuch der Hydrostatik. Während
seines ganzen fünfzehnjährigen Aufenthaltes in unserem Hause las Karl
Iwanowitsch nichts als diese Bücher und die Zeitschrift »Nordische
Biene«, verbrachte aber die größere Hälfte des Tages mit Lektüre, so
daß er sich die Augen verdarb. Außerdem las er noch die Bibel, aber
nur Sonntags. Unter den Gegenständen auf seinem Bücherbort ist mir
einer ganz besonders im Gedächtnis geblieben: das war eine Scheibe
aus Pappe mit hölzernem Gestell, an dem sich die Scheibe durch Stifte
hoch und niedrig stellen ließ. Auf die Scheibe war ein Bild geklebt,
die Karikatur einer Dame und eines Friseurs. Karl Iwanowitsch war sehr
geschickt im Kleben und hatte diese Scheibe eigenhändig zum Schutz
seiner schwachen Augen vor dem Licht verfertigt. Noch jetzt sehe ich
die lange Gestalt im wattierten Schlafrock und roter Zipfelmütze, unter
der spärliches, graues Haar hervorguckt. Er sitzt am Tisch mit der
Friseurpappscheibe; Schatten fällt auf sein Gesicht. In der einen Hand
hält er das Buch gegen das Licht, die andere ruht auf der Sessellehne.
Neben ihm liegt die Uhr mit einem Jäger auf dem Zifferblatt, sein
gewürfeltes Schnupftuch, die schwarze, runde Tabaksdose, ein grünes
Brillenfutteral, die Lichtschere auf dem Untersatz: alles liegt so
akkurat und symmetrisch auf seinem Platz, daß man schon daraus auf das
reine Gewissen und den Seelenfrieden dieses Mannes schließen kann.
Wenn ich unten im Saal genug herumgetollt hatte, schlich ich wohl auf
Zehenspitzen oben ins Klassenzimmer und sah, wie Karl Iwanowitsch
allein in seinem Lehnstuhl saß und mit dem gewöhnlichen wichtigen
Ausdruck las. Bisweilen traf ich ihn nicht lesend: die Brille auf die
große Adlernase heruntergerutscht, die blauen, halbgeschlossenen Augen
mit sonderbarem Ausdruck über das Buch hinwegblickend und die Lippen zu
einem traurigen Lächeln verzogen. Im Zimmer herrschte Stille; nur sein
gleichmäßiges Atmen war zu hören und das Ticken der Jägeruhr. Da wurde
einem traurig zumute.
Oft, wenn er mich nicht bemerkte, stand ich da und dachte: armer, armer
Karl Iwanowitsch. Wir unten spielen -- wir sind viele, sind vergnügt;
er aber ist unglücklich und ganz allein, und niemand hat ihn lieb.
Er sagt mit Recht, daß er verwaist ist. Wie schrecklich ist seine
Lebensgeschichte, die er Nikolas einmal erzählt hat ... Schrecklich
ist seine Lage! Er tut einem so leid, daß man bisweilen hingeht,
ihn bei der Hand faßt und sagt: »lieber Karl Iwanowitsch!« Er hatte
es gern, wenn man so zu ihm sprach, streichelte mich stets und war
augenscheinlich gerührt. Ich benutzte die Gelegenheit und bat ihn dann
schnell, mir ein Hasen- oder Nonnenschattenbild an der Wand zu zeigen
oder eine Maus aus dem Schnupftuch zu machen.
An der anderen Wand hingen Landkarten, fast sämtlich zerrissen, aber
von Karl Iwanowitsch kunstgerecht wieder zusammengeklebt. Trotzdem sah
Europa Gott weiß welchem Ungeheuer ähnlich.
An der dritten Wand, in deren Mitte die Tür nach unten führte, hingen
auf der einen Seite zwei Lineale: eins zerschnitten für unseren
Gebrauch, das andere, neue, sein Eigentum, wurde mehr zu unserer
Aufmunterung als zum Liniieren gebraucht. Auf der anderen Seite eine
schwarze Tafel, auf der mit Nullen unsere großen und mit Kreuzen die
kleinen Sünden vermerkt wurden. Links vor der Tafel beim Ofen war die
Ecke, in der wir niederknien mußten und in der gegenwärtig Wolodja
kniete.
Als ich eintrat, blickte er Karl Iwanowitsch an, der aber die Augen
nicht aufschlug. Da setzte Wolodja sich auf die Knie, schnitt mir
eine furchtbar komische Grimasse und hielt sich die Nase zu, um nicht
loszuplatzen. Aber das nützte nichts, er prustete dennoch, während Karl
Iwanowitsch ins Schlafzimmer ging, um sich anzukleiden.
Wie genau ich mich an diese Ecke erinnere! Ich weiß noch die
Ofenklappe, das Luftloch darin, das Sausen, wenn man die Klappe aufzog.
Bisweilen kniete und kniete ich da in der Ecke und dachte: Karl
Iwanowitsch hat dich vergessen; sah mich um, aber da saß er immer noch
in derselben Haltung, las seine Geschichte des Siebenjährigen Krieges
oder die Hydrostatik. Für ihn vielleicht ganz gemütlich; an mich aber
denkt er nicht! Da fängt man denn an, um sich bemerkbar zu machen,
leise die Ofenklappe zu öffnen und zu schließen, oder Kalk von der
Wand zu kratzen; wenn man aber schließlich ein zu großes Stück lockert
und dieses mit Gepolter auf den Boden fällt -- dann ist wahrhaftig die
Angst schlimmer als jede Strafe; man sieht sich um -- er sitzt immer
noch in derselben Haltung.
Die letzte Wand nahmen drei Fenster ein. Mitten im Zimmer stand ein
Tisch mit zerrissenem schwarzen Wachstuch, unter dem an vielen Stellen
die mit dem Federmesser zerschnittenen Tischecken hervorguckten.
Ringsum ungestrichene, vom langen Gebrauch aber glänzend blank
gewordene, harte Sitzböcke.
Als Karl Iwanowitsch hinausgegangen war, ging ich zu Wolodja und
fragte: »warum?«
»Ach, Dummheit,« meinte er nachlässig, »weil ich mich zum Fenster
hinausgelehnt habe, um Akim zu sehen (Akim war unser halbverrückter
Gärtner) und nicht bemerkt habe, daß er da seine dummen Schachteln zum
Trocknen aufgestellt hatte; da habe ich aus Versehen eine zerdrückt.«
»Welche denn?« fragte ich.
Er konnte mir nicht antworten, weil in diesem Augenblick Karl
Iwanowitsch, vollständig angekleidet, im blauen Rock und grauen Hosen
ins Zimmer trat. Wolodja deutete mit seinen dreisten, schwarzen Augen
nur auf die Ecke hinter dem Ofen, hob wieder die Schultern und wäre
beinahe losgeplatzt.
Ich sah hin; das beste Erzeugnis Karl Iwanowitschs -- ein Futteral mit
zwei Zwischenwänden, das nur noch trocknen und mit Einfassung beklebt
werden mußte, um am Namenstage einem Familienmitgliede als Präsent
dargebracht zu werden, ein Futteral, für welches Karl Iwanowitsch beim
Tischler Kondratius extra eine Form bestellt, an dem er mit besonderer
Sorgfalt und Liebe gearbeitet hatte -- dieses Futteral lag zerdrückt,
verbogen hinter dem Ofen zwischen Staub und neben der Dielenbürste
auf dem Fußboden -- wahrscheinlich hatte Karl Iwanowitsch es in einem
Augenblick des Ärgers selbst dorthin geworfen.
Es kam mir sonderbar vor, daß Wolodja darüber lachen konnte.
Karl Iwanowitsch blieb vor der Tür stehen und begann auf dem oberen
Balken mit Kreide Buchstaben und Ziffern zu malen. Er führte seinen
Kalender auf dieser Tür; da aber der ganze Monat nicht auf das obere
Gesims hinaufging, so wischte er an gewissen Tagen das Geschriebene aus
und schrieb neue Zeichen hin.
Während er damit beschäftigt war, trat ich zum letzten Fenster. Die
Aussicht von dort war folgende: gerade unter dem Fenster ein großer
Fliederbusch, hinter dem Busch eine geschorene Lindenallee, durch die
man die Wiese sah, mit der Tenne auf der einen Seite und dem Wald auf
der anderen und gegenüber. Im Walde sah man die Wärterhütte. Es läßt
sich nicht beschreiben, wie schön das alles war.
Aus dem Fenster rechts war ein Teil der Veranda sichtbar, auf welcher
meistens alles bis zum Mittagessen saß. Bisweilen, während Karl
Iwanowitsch das Diktat korrigierte, blickte ich nach jener Seite,
sah dann das schwarze Köpfchen der Mutter, einen Rücken und hörte
undeutliches Gespräch und Lachen. Ich war recht ärgerlich, daß ich
nicht dabei sein konnte! Ich dachte: wann werde ich groß sein, aufhören
zu lernen und immer bei denen sein, die ich liebhabe? Ärger überkam
mich, und Gott mag wissen, an was ich so sehr dachte, daß ich gar nicht
hörte, wie Karl Iwanowitsch über die Fehler böse war und schalt.
Wolodja durfte aufstehen und wir gingen hinunter, um die Mutter zu
begrüßen.
2. Mama.
Mama saß im Gastzimmer und goß Tee ein; mit einer Hand hielt sie die
Teekanne, mit der anderen den Samowarhahn, aus dem das Wasser über den
Rand der Teekanne auf das Teebrett floß. Obgleich sie unverwandt auf
diese Stelle blickte, bemerkte sie nichts, bemerkte nicht einmal, daß
wir eintraten.
Wenn man versucht, die Züge eines geliebten, längst verstorbenen Wesens
in Gedanken wachzurufen, tauchen so viele traurige Erinnerungen an die
Vergangenheit auf, daß man durch diese Erinnerungen wie durch Tränen
sieht. Das sind die Tränen der Erinnerung.
Wenn ich mich bemühe, mir meine Mutter so vorzustellen, wie sie damals
war, sehe ich nur ihre wunderbaren braunen, stets gleichmäßige Güte und
Liebe ausdrückenden Augen, das Muttermal am Halse, ein wenig unterhalb
der Stelle, wo sich die kleinen Härchen kräuseln, das gestickte weiße
Bäffchen und die magere, weiße, zarte Hand, die ich so oft küßte und
die mich so oft gestreichelt hat.
Links vom Sofa an der Wand stand ein alter englischer Flügel, an
dem mein schwarzbraunes Schwesterchen Ljubotschka saß und mit ihren
rosigen, soeben in kaltem Wasser gewaschenen Fingerchen mit deutlich
sichtbarer Anstrengung die Etüden von Clementi übte. Sie war elf
Jahre alt, trug ein kurzes Leinenkleid und weiße, spitzenbesetzte
Höschen. Die Oktaven konnte sie nur »Arpeggio« greifen. Neben ihr,
halb seitwärts, saß Maria Iwanowna in einer rosa bebänderten Haube,
blauen Jacke und mit rotem, bösem Gesicht, das einen noch böseren
Ausdruck annahm, wenn Karl Iwanowitsch das Zimmer betrat. Sie maß ihn
mit drohenden Blicken, grüßte nicht, sondern fuhr noch lauter und
gebieterischer als vorhin fort zu zählen; ~un~, ~deux~, ~trois~ ...
~un~, ~deux~, ~trois~ ...
Karl Iwanowitsch achtete nicht darauf, ging gewöhnlich mit seinem
deutschen Gruß direkt auf die Mutter zu, um ihr die Hand zu küssen.
Dann fuhr sie auf, schüttelte das Köpfchen, wie um die traurigen
Gedanken zu vertreiben, reichte Karl Iwanowitsch die Hand und küßte ihn
auf die runzelige Schläfe, während er ihre Hand mit den Lippen berührte.
»Ich danke Ihnen, lieber Karl Iwanowitsch,« sagte sie und fragte weiter
deutsch: »Haben die Kinder gut geschlafen?«
Karl Iwanowitsch war auf einem Ohr taub und konnte jetzt wegen des
Lärms am Flügel gar nichts hören. Er beugte sich, eine Hand auf den
Tisch gestützt und auf einem Bein stehend, näher zum Sofa, lüftete mit
einem Lächeln, das mir damals als Gipfelpunkt feiner Sitte erschien,
sein Käppchen und sagte: »Entschuldigen, was meinten Natalie Iwanowna?«
Karl Iwanowitsch nahm, um sich den kahlen Kopf nicht zu erkälten,
niemals das rote Käppchen ab, bat aber jedesmal, wenn er das Gastzimmer
betrat, deswegen um Entschuldigung.
»Bleiben Sie bedeckt, Karl Iwanowitsch. Ich frage, ob die Kinder gut
geschlafen haben?« sagte die Mutter, sich zu ihm beugend, ziemlich laut.
Aber er hatte wieder nichts gehört, bedeckte seine kahle Platte mit dem
Käppchen und lächelte nur.
»Hört einen Augenblick auf, Mimi,« sagte Mutter freundlich lächelnd zu
Maria Iwanowna: »man kann nichts verstehen.«
Mutter hatte ein Lächeln, durch das, so hübsch ihr Gesicht auch war,
es doch noch hübscher wurde und ringsum alles verklärte. Wenn ich in
schweren Augenblicken des Lebens auch nur flüchtig dieses Lächeln sehen
könnte, wüßte ich nicht, was Kummer ist. Mir scheint, daß im Lächeln
eigentlich die Schönheit des Gesichtes liegt; wenn das Lächeln dem
Gesicht mehr Reiz gibt, ist dieses schön; wenn es das Gesicht nicht
verändert: gewöhnlich; wenn es entstellt: häßlich.
Nachdem Mama Wolodja begrüßt, küßte sie nach althergebrachter
Gewohnheit in unserer Familie meine Hand; nahm dann meinen Kopf
zwischen beide Hände, beugte ihn zurück, sah mich unverwandt an und
fragte: »Du hast heute geweint?« Dann küßte sie mich auf die Augen und
fragte deutsch: »Worüber hast du geweint?«
Wenn sie freundschaftlich mit uns sprach oder scherzte, bediente sie
sich stets des Deutschen. Sie beherrschte diese Sprache vollkommen.
»Ich hab' im Traum geweint, Mama,« erwiderte ich, dachte dabei an
meinen erfundenen Traum mit allen Einzelheiten und zitterte in Gedanken
unwillkürlich. Karl Iwanowitsch bestätigte meine Worte, schwieg aber
von dem Traum.
Nachdem man noch vom Wetter gesprochen, an welcher Unterhaltung auch
Mimi sich beteiligte, legte Mama für einige bevorzugte Dienstboten
sechs Stücke Zucker auf das Teebrett, stand auf und ging zum
Stickrahmen am Fenster.
»Nun, Kinder, geht zum Vater und sagt ihm, daß er zu mir kommt, eh' er
zur Tenne geht. ~Vous pouvez reprendre votre leçon, chère Mimi.~«[1]
[1] Sie können weiterspielen, liebe Mimi.
Wieder Musik, Zählen, drohende Blicke, und wir gingen zu Papa.
Wir gingen durch das Zimmer, das noch von Großvater her »Dienerzimmer«
hieß und traten in das Arbeitszimmer des Vaters.
3. Papa.
Er stand am Schreibtisch und war, auf verschiedene Papiere, Kuverts
und Geldpäckchen deutend, in lebhafter Unterhaltung mit dem Verwalter
Jakob Michailow begriffen, der mit auf dem Rücken verschränkten
Händen auf seinem gewöhnlichen Platz zwischen Tür und Barometer stand
und die Finger sehr schnell nach verschiedenen Richtungen drehte. Je
lebhafter Papa sprach, um so schneller bewegten sich die Finger; wenn
er verstummte, ruhten auch die Finger; wenn aber Jakob selbst das Wort
nahm, kamen auch die Finger wieder in starke Bewegung. Und aus ihren
Bewegungen konnte man die geheimsten Gedanken Jakobs erraten, während
sein Gesicht stets den Ausdruck von Würde und Unterwürfigkeit zeigte:
»Ich habe recht, aber natürlich ganz wie es Ew. Gnaden beliebt.«
Bei unserem und Karl Iwanowitschs Anblick sagte Papa nur: »Einen
Augenblick; sofort,« und deutete durch eine Kopfbewegung an, daß jemand
von uns die Tür schließen sollte.
»Ach, lieber Gott! Was hast du heute nur, Jakob?« fuhr er, seiner
Gewohnheit nach achselzuckend, zum Verwalter gewandt fort. -- »Dieses
Kuvert mit achthundert Rubeln ...«
Jakob nahm das Rechenbrett, schob achthundert beiseite und starrte, in
Erwartung des Weiteren, unbestimmt vor sich hin.
»... sind für Wirtschaftsausgaben in meiner Abwesenheit, verstanden?
Für die Mühle bekommst du ja wohl tausend? Ja, oder nein? Für
Hypotheken achttausend; für Heu, -- nach deiner Rechnung kann man
siebentausend Pud rechnen -- sagen wir fünfundvierzig Kopeken das Pud,
macht zirka dreitausend; also hast du zusammen wieviel? Zwölftausend.
Ja oder nein?«
»Jawohl,« sagte Jakob, aber aus den schnellen Fingerbewegungen bemerkte
ich, daß er etwas erwidern wollte. Papa schnitt ihm das Wort ab: »Also
von diesem Gelde schickst du zehntausend zum Amt in Petrowskoie.
Jetzt das Geld im Kontor,« fuhr Papa fort -- Jakob warf die früheren
zwölftausend zusammen und notierte einundzwanzigtausend -- »das bringst
du mir und trägst es unterm heutigen Datum als Ausgabe ein« -- Jakob
schob die Kugeln beiseite und kehrte das Rechenbrett um, dadurch
wahrscheinlich andeutend, daß nun auch diese einundzwanzigtausend
verloren wären. -- »Diesen Geldbrief übergibst du an seine Adresse.«
Ich stand dicht am Tisch und las die Adresse. Da stand: An Karl
Iwanowitsch Mauer. Papa bemerkte wohl, daß ich etwas las, was ich nicht
zu wissen brauchte. Er sprach weiter, legte aber seine Hand auf meine
Schulter und wies mich durch eine leichte Bewegung vom Tisch fort. Ich
verstand nicht, ob das eine Liebkosung oder ein Tadel sein sollte,
küßte aber für alle Fälle seine große, weiße, nervige Hand mit dem
Trauring auf dem Goldfinger.
»Zu Befehl,« sagte Jakob. »Was soll aber mit dem Gelde von Chabarowka
geschehen?«
Chabarowka war Mamas Gut.
»Das soll im Kontor bleiben und ohne meine Verfügung nicht angerührt
werden,« sagte Papa.
Jakob schwieg einen Augenblick, dann drehten sich plötzlich wieder
die Finger mit verstärkter Geschwindigkeit, er änderte den Ausdruck
unterwürfigen Stumpfsinns, mit dem er die Befehle des Herrn anzuhören
für nötig hielt, nahm den ihm eigenen Ausdruck spitzbübischer
Findigkeit und Schlauheit an, zog das Rechenbrett heran und begann:
»Gestatten Sie, zu bemerken, Peter Alexandrowitsch -- ganz wie Sie
wünschen, aber auf dem Amt werden wir das Geld kaum rechtzeitig
bezahlen. Sie beliebten zu sagen: das Geld müßte von der Mühle, für
Lombard und Heu einkommen ...« Er rechnete den Betrag aus und schob die
Kugeln auf der Rechenmaschine beiseite. »Ich fürchte aber, daß wir uns
in den Voranschlägen irren,« fügte er nach kurzem Schweigen hinzu, Papa
dabei tiefsinnig anstarrend.
»Warum?«
»Ja, sehen Sie, was die Mühle betrifft, so hat mich der Müller schon
zweimal aufgesucht und um Stundung gebeten, hat bei Gott und allen
Heiligen geschworen, daß er kein Geld hätte. Er ist auch jetzt wieder
da. Wollen Sie nicht selbst mit ihm sprechen?«
Papa machte mit dem Kopf ein Zeichen, daß er das nicht wünsche.
»Was sagt er denn?« fragte Papa.
»Das weiß man schon,« erwiderte Jakob. »Hätte nichts zu mahlen gehabt
und alles Geld in das Wehr gesteckt. Wenn wir ihm kündigen, Herr,
fragt sich noch, ob wir dabei profitieren. Was Sie über die Hypothek
zu bemerken beliebten -- so habe ich vielleicht schon ausgeführt, daß
unser Geld dort festliegt und wir es so leicht nicht wiederbekommen.
Ich habe eigens in der Angelegenheit eine Fuhre Mehl und ein Schreiben
an Iwan Afanasjewitsch in die Stadt geschickt; der antwortet, er wolle
sich gern Ihretwegen bemühen, die Sache hinge aber nicht von ihm ab
und allem Anschein nach würden wir kaum in einem Monat Ihre Quittung
bekommen. Bezüglich des Heus beliebten Sie zu bemerken -- selbst
angenommen wir verkaufen für dreitausend« -- er warf dreitausend auf
dem Rechenbrett zur Seite, schwieg einen Augenblick und blickte bald
auf das Rechenbrett, bald in Papas Augen, als wollte er sagen: Sie
sehen selbst, wie wenig das ist. »Und mit dem Heu fallen wir auch
wieder herein, wenn wir es jetzt verkaufen, das wissen der Herr selbst.«
Offenbar hatte er noch einen großen Vorrat von Argumenten; deswegen
unterbrach Papa ihn: »Es bleibt bei meinen Anordnungen. Sollte wirklich
im Eingang des Geldes eine Verzögerung eintreten, dann ist nichts zu
machen; dann nimmst du von Chabarowka Geld soviel wie nötig ist.«
»Zu Befehl.«
Jakob war Papas Leibeigener. Er war zunächst sein Wärter gewesen, dann
Kammerdiener und jetzt Verwalter. Er hatte alle Feldzüge mit Papa
mitgemacht, und dieser hatte ihn wegen seiner Anhänglichkeit, seines
Eifers und seiner Treue gern. Wie alle guten Verwalter war er im
Interesse seines Herrn äußerst knauserig und hatte von dessen Vorteil
die sonderbarsten Vorstellungen. Er war stets bemüht, das Eigentum
Papas auf Kosten Mamas zu vermehren und suchte zu beweisen, daß alle
Einkünfte von Mamas Gütern auf Petrowskoie (das Dorf, in dem wir
lebten) verwandt werden müßten. Gegenwärtig war ihm das gelungen, und
als er »zu Befehl« sagte, konnte man an seinem Gesicht erkennen, daß er
sehr mit sich zufrieden war, wie jemand, der seine liebste Tätigkeit
ausübt.
Nachdem Papa uns begrüßt hatte, sagte er, wir wären jetzt keine kleinen
Kinder mehr, es sei Zeit, daß wir ernstlich etwas lernten. Deswegen
führe er heute nacht nach Moskau zur Großmutter und nähme uns ganz
dahin mit. Er fügte noch hinzu, Mama bliebe mit den Mädchen hier, und
das eine würde sie trösten, die Überzeugung, daß wir gut lernen und daß
man mit uns zufrieden sein würde.
Obgleich wir an den Vorbereitungen seit einigen Tagen bemerkt hatten,
daß etwas Ungewöhnliches im Gange war, überraschte uns diese Neuigkeit
vollständig. Wolodja sagte, um seine Verwirrung zu verbergen: »Mama
läßt dir bestellen, du möchtest zu ihr kommen, Papa,« und ging zum
Fenster. Mir aber tat Mütterchen sehr, sehr leid, und gleichzeitig
freute mich der Gedanke, daß wir nun groß seien.
Wenn wir heute reisen, gibt es keine Schule mehr, das ist famos, dachte
ich. Aber der arme Karl Iwanowitsch tat mir leid; der wurde sicher
entlassen, weil man das Kuvert für ihn zurechtgemacht ... Dann schon
lieber immer lernen, nicht fortreisen, sich nicht von Mama trennen und
dem armen Karl Iwanowitsch nicht weh tun, der schon so sehr unglücklich
ist.
Diese Gedanken zogen mir durch den Sinn. Ich rührte mich nicht von der
Stelle und starrte unverwandt auf die schwarzen Schleifen an meinen
Schuhen.
Nachdem Papa mit Karl Iwanowitsch noch einige Worte über das Fallen
des Barometers gewechselt und Jakob befohlen hatte, die Hunde nicht
zu füttern, weil er zum Abschied nach Tisch die jungen Treibhunde
probieren wollte, schickte er uns wider Erwarten zum Unterricht.
Allerdings bekamen wir den Trost mit auf den Weg, daß wir nach Tisch
mit auf die Jagd genommen würden.
Traurig und zerstreut gingen wir nach oben zum Lernen in Begleitung
unseres noch mehr zerstreuten und traurigen Mentors Karl Iwanowitsch,
der seine Entlassung erwartete.
Unterwegs lief ich auf die Veranda. Dicht an der Tür lag mit
zugekniffenen Augen in der Sonne, wie ein Hase im Lager, Papas
Lieblingswindhund Milka.
»Milkachen,« sagte ich, den Hund streichelnd und auf die Schnauze
küssend, »wir reisen heute, leb wohl, wir sehen uns nie wieder.«
Wahrscheinlich gefiel der Hündin mein tränenfeuchtes Gesicht nicht,
oder sie war nicht bei Laune; jedenfalls brüllte sie mich an, stand
auf, ging beiseite und legte sich faul an einer anderen Stelle nieder.
»Was bin ich für ein unglücklicher Junge,« sagte ich und rannte Hals
über Kopf nach oben.
4. Was mein Vater für ein Mann war.
Er war groß und stattlich von Wuchs, machte auffallend kleine Schritte,
hatte die Gewohnheit mit der Achsel zu zucken, besaß kleine, stets
leuchtende Augen, eine große Adlernase, ungleichmäßige Lippen, die
er ungeschickt, aber zu einem angenehmen Ausdruck zusammenlegte.
Eine große, fast über den ganzen Kopf reichende Glatze, mangelhafte
Aussprache und Lispeln vervollständigten das Äußere meines Vaters,
seitdem ich ihn kenne, ein Äußeres, mit dem er aller Welt zu gefallen
und als ~homme à bonne fortune~ bekannt zu werden wußte. Daß er
dem weiblichen Geschlecht gefiel, verstehe ich, weil ich weiß, wie
unternehmend und sinnlich er veranlagt war; aber welches Zaubermittel
besaß er, um Leuten jeden Alters, Standes und Charakters, Greisen,
Jünglingen, Berühmten, Einfachen, Männern der Welt, Gelehrten und
besonders denen zu gefallen, auf die er es abgesehen hatte?
Er verstand im Verkehr mit jedermann die Oberhand zu gewinnen. Obgleich
er nie zu den höchsten Kreisen gehört hatte, verkehrte er stets mit
Angehörigen dieser Kreise und zwar so, daß man ihn achtete. Er kannte
das Maß von Selbstvertrauen und Stolz, das ihn in den Augen der Welt
erhöhte, ohne andere zu kränken. Bisweilen originell, verfiel er doch
nie ins Extrem, sondern benutzte die Originalität als Mittel, das ihm
bisweilen Stand und Reichtum ersetzte. Nichts in der Welt brachte ihn
zum Erstaunen, und so glänzend auch seine Lage sein mochte, es schien
stets, als sei er für sie geboren. Er wußte stets die Lichtseite seines
Lebens nach außen zu kehren und verstand die andere, kleinliche, mit
Ärger und Verdruß erfüllte, jedem Sterblichen beschiedene so gut zu
verbergen, daß man ihn unbedingt beneiden mußte. Er war Kenner in
allem, was Bequemlichkeit und Genuß verschafft und wußte sich dessen zu
bedienen.
Obgleich er niemals etwas gegen die Religion sagte und äußerlich stets
fromm war, zweifle ich bis auf die Gegenwart, ob er überhaupt an etwas
glaubte. Seine Grundsätze und Lebensanschauungen waren so dehnbar, daß
diese Frage sehr schwer zu entscheiden ist. Mir scheint, daß er fromm
nur für andere war.
Moralische Überzeugungen, unabhängig von religiösen Geboten hatte er
schon gar nicht; sein Leben war so voll von allen möglichen Passionen,
daß er weder Zeit hatte, noch es überhaupt für nötig hielt, darüber
nachzudenken. In reiferem Alter aber bildete er sich feste Grundsätze
und Anschauungen nicht auf Grund moralischer oder religiöser, sondern
praktischer Überzeugung; das waren die Handlungsweise und diejenige
Lebensform, die ihm Glück oder Zufriedenheit verschafften, die er für
gut hielt und meinte, daß alle so handeln müßten. Er sprach hinreißend,
und diese Gabe begünstigte, glaube ich, die Dehnbarkeit seiner
Grundsätze; er war imstande, ein und denselben Vorfall als unschuldigen
Scherz und als erbärmliche Gemeinheit zu schildern, stets mit derselben
Überzeugung.
Als Vater war er gnädig, glänzte gern mit seinen Kindern und war
auch zärtlich, aber nur in Gegenwart anderer; nicht etwa, weil er
sich verstellte, sondern weil Zuschauer ihn anregten -- er brauchte
Publikum, um etwas Gutes zu tun.
Er besaß heftige Leidenschaften, namentlich für das Spiel und die
Frauen, hatte in seinem Leben etwa zwei Millionen gewonnen und alles
wieder verloren. Ob er häufig spielte oder nicht, ist mir unbekannt;
ich weiß nur, daß er wegen einer Spielaffäre verbannt wurde, dabei aber
den Ruf eines tüchtigen Spielers genoß und als Partner gesucht war. Wie
er es fertig brachte, die Leute bis zur letzten Kopeke auszuplündern
und dabei ihr Freund zu bleiben, ist mir ein Rätsel -- er tat den
Leuten, die er rupfte, damit gleichsam einen Gefallen.
Sein Steckenpferd waren glänzende Verbindungen, über die er wirklich
verfügte; teils verdankte er sie der Verwandtschaft meiner Mutter,
teils seinen Jugendkameraden, über die er sich im stillen ärgerte, weil
sie zu hohen Würden gelangt waren, während er stets Gardeleutnant a.
D. blieb. Aber diese Schwäche nahm niemand an ihm wahr, außer einem
Beobachter wie ich, der ständig bei ihm lebte und ihn zu ergründen
suchte.
Wie alle alten Militärs verstand er nicht, sich elegant zu kleiden;
im modernen Rock und Frack sah er etwas herausgeputzt aus; dafür
war seine Hauskleidung originell und hübsch. Übrigens stand ihm bei
seiner großen kräftigen Statur, dem kahlen Kopf und den selbstbewußten
Bewegungen fast alles. Zudem hatte er eine besondere Gabe und den
unbewußten Wunsch, stets und überall Eindruck zu machen. Er war sehr
empfindsam und sogar zu Tränen gerührt. Wenn er beim Vorlesen an eine
leidenschaftliche Wendung kam, begann seine Stimme oft zu zittern,
Tränen traten in seine Augen, und er ließ das Buch sinken. Selbst in
minderwertigen Theatern konnte er keine Rührszenen sehen, ohne zu
weinen. In solchen Fällen war er über sich selbst ärgerlich und suchte
seine Empfindsamkeit zu verbergen und zu unterdrücken.
Er liebte Musik und sang, sich selbst begleitend, nach dem Gehör
Romanzen seines Freundes A..., Zigeunerlieder und einige Opernmelodien.
Gelehrte Musik war ihm unsympathisch, und er sagte offen, ohne auf die
allgemeine Meinung Rücksicht zu nehmen, daß ihn Beethovensche Sonaten
langweilten und einschläferten und daß er nichts Schöneres kannte als
»Weck mich junges Mädchen nicht« wie die Semjonowa und »Nicht Eine«,
wie es die Zigeunerin Tanjuscha sang.
Er war ein Mann des vorigen Alexandrinischen Jahrhunderts und besaß
die undefinierbaren Eigenschaften, welche der Jugend jener Epoche
eigentümlich waren, nämlich: einnehmendes Wesen, Courmacherei,
Ritterlichkeit, Unternehmungsgeist, Selbstvertrauen und moralische
Verderbtheit. Auf die Menschen unseres Jahrhunderts blickte er
verächtlich herab. Vielleicht geschah das nicht aus Stolz, sondern aus
heimlichem Ärger darüber, daß er in unserer Zeit nicht mehr denselben
Einfluß ausüben und den Erfolg haben konnte, wie in der seinigen ...
Wer jemals auf dem Lande gelebt, wird wissen, wieviel
Unannehmlichkeiten durch ihre Ränke und Streitereien die Nachbarn,
durch Geschwätz die Gutsbesitzer desselben Kreises, und durch Händel
und Schikanen die Behörden bereiten, wie sie einen bis aufs Blut
peinigen und das ganze Leben verbittern können.
Um all diesen Nachstellungen zu entgehen, die unausbleiblich jeden
Gutsbesitzer überraschen, gibt es drei Methoden. Die erste Pflicht
besteht darin, in jeder Beziehung korrekt seine Pflichten als
Gutsbesitzer zu erfüllen und die Rechte eines solchen zu genießen.
Diese erste und einfachste, vernünftige Art besteht leider vorläufig
nur in der Theorie, weil man unmöglich mit Leuten gesetzmäßig
verfahren kann, die das Gesetz als Mittel benutzen, ungestraft
Gesetzwidrigkeiten begehen zu können. Die zweite Methode besteht
in der Bekanntschaft und Freundschaft nicht nur mit den Vertretern
der Bezirks- und Gouvernementsbehörden, sondern auch mit allen
Gutsbesitzern, mit denen uns das Schicksal in Berührung bringt, oder
die unsere Bekanntschaft wünschen, sowie in gütlicher Beilegung aller
entstehenden Streitigkeiten. Diese Art ist wenig zu empfehlen, weil
erstens ein freundschaftlicher Verkehr mit dem ganzen Bezirk an und
für sich schon eine Unannehmlichkeit bedeutet, nicht geringer als
die, die man vermeiden wollte, und zweitens, weil es für Ungeübte
schwer ist, unter Vermeidung aller üblen Nachrede und Bosheit inmitten
all der Feindseligkeiten, Ungesetzlichkeiten und Gemeinheiten des
Gouvernementslebens seinen Standpunkt zu bewahren, nichts zu vergessen,
niemanden zu ignorieren, so daß alle ohne Ausnahme mit uns zufrieden
sind. Wehe, wenn wir uns auch nur einen Feind erworben haben! Jeder
Schmutzfink, der heute noch demütig an unserer Schwelle steht, kann
uns morgen die größten Unannehmlichkeiten bereiten.
Die dritte Methode besteht darin, zu niemandem Beziehungen zu
unterhalten und dafür Tribut zu zahlen. Der wird in zwiefacher Form
entrichtet: als Ergebenheit und Leutseligkeit. Mit Ergebenheit zahlen
Leute, die die dritte Methode erwählt haben, aber nicht imstande
sind, der Willkür der Behörde zu begegnen. Mit Leutseligkeit zahlen
Leute, die Beziehungen zu den höchsten Gouvernementsbehörden haben,
aus Gründen der Sicherheit und Gewohnheit aber auf jene Steuer nicht
verzichten.
Es gibt noch eine Art, die sehr im Schwange ist, die ich aber wegen
ihrer Ungesetzmäßigkeit nur als Ausnahme erwähnen will. Sie besteht
darin, sich im Gouvernement oder Kreis den Ruf eines gefährlichen
Schikaneurs und Intriganten zu verschaffen.
Papa hielt es in bezug auf die Behörde und die Nachbarn mit der dritten
Art, das heißt er war mit niemandem näher bekannt und zahlte den Tribut
der Leutseligkeit. Obgleich er nicht häufig in die Gouvernementsstadt
fuhr, wußte er es so einzurichten, daß wenigstens einmal im Jahre alle
großen Tiere: der Gouverneur, der Adelsmarschall und der Staatsanwalt
nach Petrowskoie kamen.
Natürlich erzählte dann Jakob Michailow bei seinem nächsten
Aufenthalt in der Stadt dem Isprawnik und anderen umständlich, wie
Seine Exzellenz bei uns übernachtet, und diese und jene Bemerkung
fallen gelassen hätten, und die Folge war, daß weder Isprawnik noch
Stanowoi die Nase nach Petrowskoie hineinsteckten, sondern ruhig den
Leutseligkeitstribut abwarteten.
Wenn die Behörde in irgendeiner unbedingt notwendigen Angelegenheit
dennoch nach Petrowskoie kam, ließ Papa sie durch Jakob empfangen; und
wenn er wirklich selbst jemanden begrüßte, so geschah es so kalt, daß
Mama oft zu ihm sagte: »Genierst du dich nicht, ~mon cher~, die Leute
so zu behandeln?«
Darauf erwiderte Papa: »Du weißt nicht, Liebe, was das für Leute sind;
gib ihnen soviel --« dabei zeigte er den kleinen Finger -- »so nehmen
sie soviel,« dabei zeigte er den Arm bis zur Schulter.
Ebenso war der Verkehr mit den Nachbarn von der Höhe stolzer
Erhabenheit herab.
Man darf ihm wegen solchen Verhaltens keine Vorwürfe machen; zu seiner
Zeit, das heißt anderhalb Jahrzehnte zurück, war es das einzige Mittel,
um auf dem Lande Ruhe zu haben. Jetzt hat sich das alles geändert und
ist viel besser geworden. Ein Gutsbesitzer, den ich danach fragte,
antwortete mir: »Ach, lieber Freund, Sie kennen unsere jetzigen Kreis-
und Landrichter nicht. Diese Ordnung, Sauberkeit, Bescheidenheit,
Klugheit. Der unterste Schreiber hat seinen Frack. Kommt man zum
Isprawnik, so sieht man seine Frau in modernster Toilette; sie ist
eine höchst gebildete Dame, spricht Französisch, Italienisch, Spanisch
-- was Sie wollen. Die Töchter sind höchst musikalisch: Piano -- wird
zum Flügel, Fußboden -- Parkett. Oder, was noch besser, wir haben
in unserem Bezirk zwei Stanowois; der eine kommt von der Moskauer
Universität, der andere ist mit der Fürstin Schedrischpanskaja
verheiratet -- der reine Pariser! Sehen Sie, verehrter Herr, so sieht
jetzt unsere Semstwopolizei aus.«
»Wie ist's denn jetzt mit den Schmiergeldern und Schikanen?« fragte
ich. »Hat das aufgehört?«
Der Gutsbesitzer antwortete mir nicht direkt, sondern lobte weiter die
neue Ordnung der Dinge, die Klugheit und Bildung der Gutsbesitzer,
dabei bemerkend, daß mancher Stanowoi über tausend Rubel im Jahr
ausgäbe und mit seinen Pferden, seiner Tafel und Wohnung manchen
Gutsbesitzer in den Schatten stellte.
5. Das Klassenzimmer.
Als wir nach oben kamen, zog Karl Iwanowitsch seinen Schlafrock an,
band den Gürtel um und setzte sich sehr nachdenklich auf seinen Platz.
Wir gingen mit unserem Lesebuch zu ihm, er sah uns streng an und
strich mit seinem starken Fingernagel die Stelle an, bis zu welcher
wir auswendig lernen und ihm aufsagen sollten. Wolodja trieb nicht
wie gewöhnlich Possen, sondern lernte ordentlich; ich dagegen war so
zerstreut, daß ich entschieden nichts tun konnte. Ich starrte lange
gedankenlos in das Buch, konnte aber vor Tränen nicht lesen. Und als
ich Karl Iwanowitsch das Gelernte aufsagen sollte, konnte ich gerade
an der Stelle, wo einer sagt: »Wo kommen Sie her?« und der andere
antwortet: »Ich komme aus dem Kaffeehause« die Tränen nicht länger
zurückhalten und vor Schluchzen die Worte: »Haben Sie die Zeitung nicht
gelesen?« nicht herausbringen, obgleich ich die ganze Seite sehr gut
auswendig konnte. Als es ans Schönschreiben ging, machte ich infolge
der Tränen, die auf das Heft fielen, solche Kleckse, als hätte ich mit
Wasser auf Löschpapier geschrieben.
Karl Iwanowitsch wurde böse, ließ mich niederknien, sagte, das sei
Eigensinn, eine Puppenkomödie (sein Lieblingsausdruck), drohte mit dem
Lineal und verlangte, ich sollte um Verzeihung bitten, während ich vor
Tränen kein Wort herausbringen konnte. Endlich sah er sein Unrecht
wahrscheinlich ein, ging in Nikolas' Zimmer und schlug die Tür zu.
Als er fort war, setzte ich mich nieder und beruhigte mich etwas. Vom
Klassenzimmer aus konnte man die Unterhaltung im Wärterzimmer hören.
»Hast du gehört, Nikolas, daß die Kinder nach Moskau fahren?« fragte
Karl Iwanowitsch beim Eintritt ins Zimmer.
»Gewiß habe ich das gehört.«
Wahrscheinlich wollte Nikolas aufstehen, denn Karl Iwanowitsch sagte:
»Bleib sitzen, Nikolas,« und dann wurde die Tür geschlossen, und
man konnte nur noch hören, daß sie sprachen, ohne einzelne Worte zu
verstehen. Ich stand auf und lief hin, um zu horchen. Wolodja drohte
mir scherzend mit dem Finger.
Durch das Schlüsselloch sah ich Nikolas mit gesenktem Kopf am Fenster
Stiefel nähen, während Karl Iwanowitsch mit der Tabaksdose in der Hand
vor ihm stand und eifrig redete.
Er sprach Deutsch recht gut und einfach; im Russischen aber machte er
bei jedem Wort einige Fehler und bildete sich dabei, glaube ich, ein,
ein guter Redner zu sein. Er zog die Worte so auseinander und sprach
mit so kläglicher Betonung, daß seine Rede, so lächerlich das klingen
mag, für mich stets besonders rührend war. Er sprach wie ein Professor
vom Katheder, oder wie man gefühlvolle Verse deklamiert, in einer Art
traurigem einförmigen Singsang.
»Man mag den Leuten noch soviel Gutes tun und noch so anhänglich
sein -- auf Dankbarkeit darf man nicht rechnen, Nikolas. Ich lebe
zwölf Jahre in diesem Hause und kann vor Gott beteuern, Nikolas« --
fuhr Karl Iwanowitsch, die Augen und die Tabaksdose gegen die Decke
richtend, fort -- »daß ich die Jungens geliebt und mich mehr mit ihnen
beschäftigt habe, als wenn es meine eigenen Kinder wären. Weißt du
noch, Nikolas, als Wolodja Fieber hatte, wie ich da neun Tage lang,
ohne ein Auge zuzutun, an seinem Bette saß? Ja, damals war ich der
liebe, gute Karl Iwanowitsch; damals hatte man mich nötig, aber jetzt,«
fügte er ironisch lächelnd hinzu, »jetzt müssen sie etwas Ordentliches
lernen. Als ob sie hier nichts lernten ...«
»Gewiß doch, freilich lernen sie,« meinte Nikolas, den Pfriem hinlegend
und mit beiden Händen den Pechdraht ziehend.
»Ja, jetzt bin ich nicht mehr nötig; da jagt man mich wie einen Hund
vom Hofe! Wo bleibt da Dankbarkeit, wo alle Versprechungen, vornehme
Gesinnung? Natalie Nikolajewna habe ich stets geliebt und verehrt und
werde das auch in Zukunft tun, Nikolas. Aber was hat sie zu sagen? ...
Ihr Wille bedeutet in diesem Hause soviel wie das da!« dabei warf er
einen Lederschnitzel von der Fensterbank auf den Boden. »Ich weiß, wer
mir das alles eingefädelt hat und warum ich überflüssig geworden bin:
weil ich nicht zu allem ja sagen und schmeicheln kann, wie gewisse
Leute! Ich sage stets nur jedermann die Wahrheit. Gott mit ihnen!
Dadurch, daß ich nicht mehr da bin, werden sie nicht reicher, während
ich, so Gott will, schon noch mein Stück Brot finde, nicht wahr,
Nikolas?«
Nikolas hörte auf zu nähen und blickte ihn einen Moment voll Teilnahme
an, sagte aber nichts.
Lange und viel sprach Karl Iwanowitsch in dem Sinne: wo er früher
gelebt, wie man ihn dort besser gewürdigt (es tat mir weh, das zu
hören), sprach von Sachsen, von seinen Eltern, seinem Freunde namens
Schönheit usw.
Aus alledem begriff ich, daß er Maria Iwanowna haßte und sie für die
Urheberin all seines Unglücks hielt, daß er Papa nicht gern hatte, Mama
und uns aber sehr liebte und Nikolas überzeugen wollte (vielleicht auch
sich selbst), daß, wie schwer ihm auch die Trennung von uns würde, er
diesen Schicksalsschlag dennoch mit Ruhe und Würde zu tragen hoffe.
Ich fühlte ihm seinen Kummer nach, und es tat mir weh, daß zwei
Personen, die ich fast gleich liebhatte, Papa und Karl Iwanowitsch,
sich nicht verstanden. Ich kniete wieder in meiner Ecke nieder und
grübelte, wie man zwischen beiden eine Einigung herbeiführen könnte.
Karl Iwanowitsch kehrte bald ins Klassenzimmer zurück, ließ mich
aufstehen und das Diktatheft vornehmen. Als das geschehen war, ließ er
sich auf seinem Platz nieder und begann mit einer Stimme, die irgendwo
aus der Tiefe zu kommen schien, zu diktieren: »Von allen menschlichen
Leidenschaften ...« er wiederholte: »menschlichen Leidenschaften ...
ist die grausamste ... Haben Sie geschrieben ...?« Er machte eine Pause
und nahm langsam eine Prise, »ist die grausamste,« wiederholte er, »die
Undankbarkeit. Ein großes U.«
Nachdem ich das letzte Wort geschrieben, sah ich ihn in Erwartung des
weiteren an. Er aber sagte mit unbeschreiblicher Majestät »Punktum!«
und gab ein Zeichen, ihm die Hefte zu übergeben. Mehreremal las
er laut, mit verschiedener Betonung, augenscheinlich mit größter
Zufriedenheit diese Phrase, die seine innersten Gedanken ausdrückte,
gab uns dann ein Pensum aus der Geschichte und blieb selbst am Fenster
sitzen. Sein Gesicht war aber schon nicht mehr so verdrießlich wie
vorher; es drückte die Zufriedenheit eines Mannes aus, der sich für
eine ihm zugefügte Schmach würdig gerächt hat.
Ich lernte am offenen Fenster gerade über Papas Zimmer. Unten hörte man
Papas und Mamas Stimmen, aber Wolodja sagte Karl Iwanowitsch, der mit
geschlossenen Augen dasaß, so laut seine Lektion her, daß man nicht
hören konnte, was sie sprachen.
Warum ist Mama zu ihm gegangen, und nicht er zu ihr? dachte ich. Sie
hat ihn zu sich gerufen, was macht ihm das für Mühe; warum muß er sie
beunruhigen?
Papa und Mama lebten sehr gut miteinander. Niemals während ihrer Ehe
wurde von irgendeiner Seite gegen den anderen ein Vorwurf laut oder
bestand der geringste Verdacht der Untreue oder des Betruges. Mama war
ein so reines, liebendes und gläubiges Wesen, daß sie nichts argwöhnen,
geschweige selbst Argwohn einflößen konnte.
Oft, wenn ich an ihr Verhältnis dachte, wollte ich mir das Gefühl
vergegenwärtigen, das sie verband; aber entweder weil meine
Erinnerungen mich im Stich ließen oder weil ich Enttäuschung fürchtete,
brachte ich das nicht fertig. Bald war mir das Gefühl, das ich mir
ausmalte, in der Erinnerung nicht gegenwärtig, bald brachte ich es
nicht fertig, daran zu glauben. Fest überzeugt war ich, daß Papa seine
Wange hinhielt und Mama ihn küßte, das heißt, er übte stets und in
allen Dingen einen großen Einfluß auf sie aus.
Sie gehörte zu den weiblichen Wesen, deren Lebensaufgabe
Selbstaufopferung und das Glück anderer bilden. Deswegen war Papa,
obgleich er aufmerksam war und mit einer anderen Frau ein guter Mann
gewesen wäre, mit Mama grob. Das konnte man daran merken, daß er sich
bisweilen von ihr bedienen, sich ihre kleinen Vergnügen zum Opfer
bringen ließ, ihr bisweilen das Wort abschnitt. Ja selbst bei den
häuslichen Anordnungen war das zu sehen. Wer hatte im Hause die meisten
Fenster? Aus wessen Fenster hatte man die schönste Aussicht? Wessen
Dienerschaft war am besten untergebracht? Wer hatte den schönsten und
bequemsten Eingang? Wer den Ausgang in den Garten? Auf wessen Hälfte
war der Kamin? Wer empfing die gemeinsamen Gäste? Wem brachte der alte
Gärtner die Kaktus Grandiflora und erklärte mit ruhiger Wichtigkeit,
morgen stände sie in Blüte? Vor wessen Fenstern tanzten Bienen und
versammelten sich das Hofgesinde und Kinder? Alle diese Vorteile waren
auf Papas Seite.
Als Wolodja mit Aufsagen innehielt, drangen aus dem Arbeitszimmer
deutlich einige Sätze an mein Ohr. Aus diesen Bemerkungen verstand ich
den ganzen Inhalt der Unterhaltung. Papa sagte, die Einnahmen seien
dieses Jahr so klein und die Ausgaben so groß, daß man nicht daran
denken könnte, mit der ganzen Familie nach Moskau zu übersiedeln,
daß aber die Kinder, besonders Wolodja, der bald dreizehn Jahre alt
würde, endlich etwas anderes lernen müßten als Tiroler Lieder und Karl
Iwanowitschs Dialoge, daß er sie im Sommer aufs Land bringen und im
nächsten Winter, so Gott wolle, alle nach Moskau überführen würde.
»Ich weiß, Liebster, daß es zu ihrem Besten dient, es ist aber doch
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