Das ist alles Kapitalunfug gegen den sich der Staat ins Zeug legen
sollte! Diese Scharlatane wollen bloß immer was zu tun haben. Sie
erfinden die unglaublichsten Verfahren, aber an die Folgen denken
sie nicht. Wir andern aber, wir sind rückständig. Wir sind keine
Gelehrten, keine Zauberkünstler, keine Salonhelden. Wir haben
unsre Praxis, wir heilen lumpige Krankheiten, aber es fällt uns
nicht ein, Leute zu operieren, die kerngesund herumlaufen!
Klumpfüße gerade zu hacken! Du lieber Gott! Ebenso könnte man auch
einem Buckligen seinen Höcker abhobeln wollen!«
Homais war bei diesem Erguß gar nicht besonders wohl zumute, aber
er verbarg sein Mißbehagen hinter einem verbindlichen Lächeln. Er
mußte mit Canivet auf gutem Fuße bleiben, dieweil dieser in der
Yonviller Gegend öfters konsultiert wurde und ihm dabei durch
Rezepte zu verdienen gab. Aus diesem Grunde hütete er sich, für
Bovary einzutreten. Er vermuckste sich nicht, ließ Grundsätze
Grundsätze sein und opferte seine Würde den ihm wichtigeren
Interessen seines Geschäfts.
Die Amputation des Beines, die der Doktor Canivet ausführte, war
für den ganzen Ort ein wichtiges Ereignis. Frühzeitig waren die
Leute schon auf den Beinen, und die Hauptstraße war voller
Menschen, die allesamt etwas Trübseliges an sich hatten, als solle
eine Hinrichtung stattfinden. Im Laden des Krämers stritt man sich
über Hippolyts Krankheit. Ans Kaufen dachte niemand. Und Frau
Tüvache, die Gattin des Bürgermeisters, lag vom frühen Morgen in
ihrem Fenster, um ja nicht zu verpassen, wenn der Operateur
ankäme.
Er kam in seinem Wägelchen angefahren, das er selber kutschierte.
Durch die Last seines Körpers war die rechte Feder des Gefährts
derartig niedergedrückt, daß der Wagenkasten schief stand. Neben
dem Insassen auf dem Sitzpolster stand eine rotlederne
Reisetasche, deren Messingschlösser prächtig funkelten. In starkem
Trabe fuhr Canivet bis vor die kleine Freitreppe des Goldnen
Löwen. Mit lauter Stimme befahl er, das Pferd auszuspannen. Er
ging mit in den Stall und überzeugte sich, daß der Gaul ordentlich
Hafer geschüttet bekam. Es war seine Gewohnheit, daß er sich immer
zuerst seinem Tier und seinem Fuhrwerk widmete. Er galt deshalb im
Munde der Leute für einen »Pferdejockel«. Aber gerade weil er sich
darin unabbringbar gleichblieb, schätzte man ihn um so mehr. Und
wenn der letzte Mensch auf Gottes ganzem Erdboden in den letzten
Zügen gelegen hätte: Doktor Canivet wäre zunächst seiner
kavalleristischen Pflicht nachgekommen.
Homais stellte sich ein.
»Ich rechne auf Ihre Unterstützung!« sagte der Chirurg. »Ist alles
bereit? Na, dann kanns losgehen!«
Der Apotheker gestand errötend ein, daß er zu empfindlich sei, um
einer solchen Operation assistieren zu können. »Als passiver
Zuschauer«, sagte er, »greift einen so was doppelt an. Meine
Nerven sind so herunter ...«
»Quatsch!« unterbrach ihn Canivet. »Mir machen Sie vielmehr den
Eindruck, als solle Sie demnächst der Schlag rühren. Übrigens kein
Wunder! Ihr Herren Apotheker hockt ja von früh bis abends in Eurer
Giftbude. Das muß sich ja schließlich auf die Nerven legen! Gucken
Sie mich mal an! Tag für Tag stehe ich vier Uhr morgens auf,
wasche mich mit eiskaltem Wasser ... Frieren kenne ich nicht,
Flanellhemden gibts für mich nicht, das Zipperlein kriege ich
nicht, und mein Magen ist mordsgesund. Dabei lebe ich heute so und
morgen so, wie mirs gerade einfällt, aber immer als
Lebenskünstler! Und deshalb bin ich auch nicht so zimperlich wie
Sie. Es ist mir total Wurst, ob ich einem Rebhuhn oder einem
christlichen Individuum das Bein abschneide. Sie haben mir neulich
mal gesagt, der Mensch sei ein Gewohnheitstier. Sehr richtig! Es
ist alles bloß Gewohnheit ...«
Ohne irgendwelche Rücksicht auf Hippolyt, der nebenan auf seinem
Lager vor Angst schwitzte, führten die beiden ihre Unterhaltung in
diesem Stile weiter. Der Apotheker verglich die Kaltblütigkeit
eines Chirurgen mit der eines Feldherrn. Durch diesen Vergleich
geschmeichelt, ließ sich Canivet des längeren über die
Erfordernisse seiner Kunst aus. Der Beruf des Arztes sei ein
Priesteramt, und wer es nicht als das, sondern als gemeines
Handwerk ausübe, der sei ein Heiligtumschänder.
Endlich erinnerte er sich des Patienten und begann das von Homais
gelieferte Verbandszeug zu prüfen. Es war dasselbe, das bereits
bei der ersten Operation zur Stelle gewesen war. Sodann erbat er
sich jemanden, der das Bein festhalten könne. Lestiboudois ward
geholt.
Der Doktor zog den Rock aus, streifte sich die Hemdsärmel hoch und
begab sich in das Billardzimmer, während der Apotheker in die
Küche ging, wo die Wirtin sowie Artemisia neugierig und ängstlich
warteten. Die Gesichter der beiden Frauen waren weißer als ihre
Schürzen.
Währenddessen wagte sich Bovary nicht aus seinem Hause heraus.
Er saß unten in der Großen Stube, zusammengeduckt und die Hände
gefaltet, im Winkel neben dem Kamin, in dem kein Feuer brannte,
und starrte vor sich hin. »Welch ein Mißgeschick!« seufzte er.
»Was für eine große Enttäuschung!« Er hatte doch alle denkbaren
Vorsichtsmaßregeln getroffen, und doch war der Teufel mit seiner
Hand dazwischengekommen! Nicht zu ändern! Wenn Hippolyt noch
stürbe, dann wäre er schuld daran! Und was sollte er antworten,
wenn ihn seine Patienten darnach fragten? Sollte er sagen, er habe
einen Fehler begangen? Aber welchen? Er wußte doch selber keinen,
so sehr er auch darüber nachsann. Die berühmtesten Chirurgen
versehen sich einmal. Aber das wird kein Mensch bedenken. Sie
werden ihn alle nur auslachen und in Verruf bringen. Die Sache
wird bis Forges ruchbar werden, bis Neufchâtel, bis Rouen und noch
weiter! Vielleicht würde irgendein Kollege einen Bericht gegen ihn
veröffentlichen, dem dann eine Polemik folgte, die ihn zwänge, in
den Zeitungen eine Entgegnung zu bringen. Hippolyt könnte auf
Schadenersatz klagen.
Karl sah sich entehrt, zugrunde gerichtet, verloren! Seine von
tausend Befürchtungen bestürmte Phantasie schwankte hin und her
wie eine leere Tonne auf den Wogen des Meeres.
Emma saß ihm gegenüber und beobachtete ihn. An seine Demütigung
dachte sie nicht. Ihre Gedanken arbeiteten in andrer Richtung. Wie
hatte sie sich nur einbilden können, daß sich ein Mann seines
Schlages zu einer Leistung aufschwänge, wo sich seine Unfähigkeit
doch schon mehr als ein dutzendmal erwiesen hatte!
Er lief im Zimmer auf und ab. Seine Stiefel knarrten.
»Setz dich doch!« sagte sie. »Du machst mich noch ganz verrückt!«
Er tat es.
Wie hatte sie es nur fertig gebracht -- wo sie doch so klug war!
--, daß sie sich abermals so getäuscht hatte? Aber ja, ihr ganzer
Lebenspfad war doch fortwährend durch das traurige Tal der
Entbehrungen gegangen. Wie vom Wahnwitz geleitet! Sie rief sich
alles einzeln ins Gedächtnis zurück: ihren unbefriedigten Hang zum
Lebensgenuß, die Einsamkeit ihrer Seele, die Armseligkeit ihrer
Ehe, ihres Hausstandes, ihre Träume und Illusionen, die in den
Sumpf hinabgefallen waren wie verwundete Schwalben. Sie dachte an
alles das, was sie sich ersehnt, an alles, was sie von sich
gewiesen, an alles, was sie hätte haben können! Sie begriff den
geheimen Zusammenhang nicht. Warum war denn alles so? Warum?
Das Städtchen lag in tiefer Ruhe. Plötzlich erscholl ein
herzzerreißender Schrei. Bovary ward blaß und beinahe ohnmächtig.
Emma zuckte nervös mit den Augenbrauen. Dann aber war ihr nichts
mehr anzusehen.
Der da, der war der Schuldige! Dieser Mensch ohne Intelligenz und
ohne Feingefühl! Da saß er, stumpfsinnig und ohne Verständnis
dafür, daß er nicht nur seinen Namen lächerlich und ehrlos gemacht
hatte, sondern den gemeinsamen Namen, also auch ihren Namen! Und
sie, sie hatte sich solche Mühe gegeben, ihn zu lieben! Hatte
unter Tränen bereut, daß sie ihm untreu geworden war!
»Vielleicht war es ein Valgus?« rief Karl plötzlich laut aus. Das
war das Ergebnis seines Nachsinnens.
Bei dem unerwarteten Schlag, den dieser Ausruf den Gedanken Emmas
versetzte -- er fiel wie eine Bleikugel auf eine silberne Platte
--, hob sie erschrocken ihr Haupt. Was wollte er damit sagen,
fragte sie sich. Sie sahen einander stumm an, gleichsam erstaunt,
sich gegenseitig zu erblicken. Alle beide waren sie sich seelisch
himmelweit fern. Karl starrte sie an mit dem wirren Blick eines
Trunkenen und lauschte dabei, ohne sich zu regen, den verhallenden
Schreien des Amputierten. Der heulte in langgedehnten Tönen, die
ab und zu von grellem Gebrüll unterbrochen wurden. Alles das klang
wie das ferne Gejammer eines Tieres, das man schlachtet. Emma biß
sich auf die blassen Lippen. Ihre Finger spielten mit dem Blatt
einer Blume, die sie zerpflückt hatte, und ihre heißen Blicke
trafen ihn wie Brandpfeile. Jetzt reizte sie alles an ihm; sein
Gesicht, sein Anzug, sein Schweigen, seine ganze Erscheinung, ja
seine Existenz. Wie über ein Verbrechen empfand sie darob Reue,
daß sie ihm so lange treu geblieben, und was noch von
Anhänglichkeit übrig war, ging jetzt in den lodernden Flammen
ihres Ingrimms auf. Mit wilder Schadenfreude genoß sie den
Siegesjubel über ihre gebrochene Ehe. Von neuem gedachte sie des
Geliebten und fühlte sich taumelnd zu ihm gezogen. Sein Bild
entzückte und verführte sie in Gedanken abermals. Sie gab ihm ihre
ganze Seele. Es war ihr, als sei Karl aus ihrem Leben
herausgerissen, für immer entfremdet, unmöglich geworden,
ausgetilgt. Als sei er gestorben, nachdem er vor ihren Augen den
Todeskampf gekämpft hatte. Vom Trottoir her drang das Geräusch von
Tritten herauf. Karl ging an das Fenster und sah durch die
niedergelassenen Jalousien den Doktor Canivet an den Hallen in der
vollen Sonne hingehen. Er wischte sich gerade die Stirn mit seinem
Taschentuche. Hinter ihm schritt Homais, die große rote
Reisetasche in der Hand. Beide steuerten auf die Apotheke zu.
In einem Anfall von Mutlosigkeit und Liebesbedürfnis näherte sich
Karl seiner Frau:
»Gib mir einen Kuß, Geliebte!«
»Laß mich!« wehrte sie ab, ganz rot vor Zorn.
»Was hast du denn? Was ist dir?« fragte er betroffen. »Sei doch
ruhig! Ärgere dich nicht! Du weißt ja, wie sehr ich dich liebe!
Komm!«
»Weg!« rief sie mit verzerrtem Gesicht. Sie stürzte aus dem
Zimmer, wobei sie die Tür so heftig hinter sich zuschlug, daß das
Barometer von der Wand fiel und in Stücke ging.
Karl sank in seinen Lehnstuhl. Erschrocken sann er darüber nach,
was sie wohl habe. Er bildete sich ein, sie leide an einer
Nervenkrankheit. Er fing an zu weinen im ahnenden Vorgefühl von
etwas Unheilvollem, Unfaßbarem.
Als Rudolf an diesem Abend hinten in den Garten kam, fand er seine
Geliebte auf der obersten Stufe der kleinen Gartentreppe sitzen
und auf ihn warten. Sie küßten sich, und all ihr Ärger schmolz in
der Glut der Umarmung wie der Schnee vor der Sonne.
Zwölftes Kapitel
Ihre Liebe begann von neuem. Oft schrieb ihm Emma mitten am Tage.
Sie winkte sich Justin durch das Fenster her. Der legte schnell
seine Arbeitsschürze ab und trabte nach der Hüchette. Rudolf kam
alsbald. Sie hatte ihm nichts zu sagen, als daß sie sich
langweile, daß ihr Mann gräßlich sei und ihr Dasein schrecklich.
»Kann ich das ändern?« rief er einmal ungeduldig aus.
»Ja, wenn du wolltest!«
Sie saß auf dem Fußboden zwischen seinen Knien, mit aufgelöstem
Haar und traumverlorenem Blick.
»Wieso?« fragte er.
Sie seufzte.
»Wir müssen irgendwo anders ein neues Leben beginnen ... weit weg
von hier ...«
»Ein toller Einfall!« lachte er. »Unmöglich!«
Sie kam immer wieder darauf zurück. Er tat so, als sei ihm das
unverständlich, und begann von etwas anderm zu sprechen.
Was Rudolf in der Tat nicht begriff, das war ihr ganzes
aufgeregtes Wesen bei einer so einfachen Sache wie der Liebe. Sie
müsse dazu doch Anlaß haben, Motive. Sie klammere sich doch an
ihn, als ob sie bei ihm Hilfe suche.
Wirklich wuchs ihre Zärtlichkeit zu dem Geliebten von Tag zu Tag
im gleichen Maße, wie sich ihre Abneigung gegen ihren Mann
verschlimmerte. Je mehr sie sich jenem hingab, um so mehr
verabscheute sie diesen. Karl kam ihr nie so unerträglich vor,
seine Hände nie so vierschrötig, sein Geist nie so schwerfällig,
seine Manieren nie so gewöhnlich, als wenn sie nach einem
Stelldichein mit Rudolf wieder mit ihm zusammen war. Sie bildete
sich ein, sie sei Rudolfs Frau, seine treue Gattin. Immerwährend
träumte sie von seinem dunklen welligen Haar, seiner braunen
Stirn, seiner kräftigen und doch eleganten Gestalt, von dem ganzen
so klugen und in seinem Begehren doch so leidenschaftlichen
Menschen. Nur für ihn pflegte sie ihre Nägel mit der Sorgfalt
eines Ziseleurs, für ihn verschwendete sie eine Unmenge von
Coldcream für ihre Haut und von Peau d'Espagne für ihre Wäsche.
Sie überlud sich mit Armbändern, Ringen und Halsketten. Wenn sie
ihn erwartete, füllte sie ihre großen blauen Glasvasen mit Rosen
und schmückte ihr Zimmer und sich selber wie eine Kurtisane, die
einen Fürsten erwartet. Felicie wurde gar nicht mehr fertig mit
Waschen; den ganzen Tag steckte sie in ihrer Küche.
Justin leistete ihr häufig Gesellschaft und sah ihr bei ihrer
Arbeit zu. Die Ellenbogen auf das lange Bügelbrett gestützt, auf
dem sie plättete, betrachtete er lüstern alle die um ihn herum
aufgeschichtete Damenwäsche, die Pikee-Unterröcke, die
Spitzentücher, die Halskragen, die breithüftigen Unterhosen.
»Wozu hat man das alles?« fragte der Bursche, indem er mit der
Hand über einen der Reifröcke strich.
»Hast du sowas noch niegesehen?« Felicie lachte. »Deine Herrin,
Frau Homais, hat das doch auch!«
»So? Die Frau Homais!« Er sann nach. »Ist sie denn eine Dame wie
die Frau Doktor?«
Felicie liebte es gar nicht, wenn er sie so umschnüffelte. Sie war
drei Jahre älter als er, und übrigens machte ihr Theodor, der
Diener des Notars, neuerdings den Hof.
»Laß mich in Ruhe!« sagte sie und stellte den Stärketopf beiseite.
»Scher dich lieber an -deine- Arbeit! Stoß deine Mandeln!
Immer mußt du an irgendeiner Schürze hängen! Eh du dich damit
befaßt, laß dir mal erst die Stoppeln unter der Nase wachsen, du
Knirps, du nichtsnütziger!«
»Ach, seien Sie doch nicht gleich bös! Ich putze Ihnen auch die
Schuhe für die Frau Doktor!«
Alsobald machte er sich über ein Paar von Frau Bovarys Schuhen
her, die in der Küche standen. Sie waren über und über mit
eingetrocknetem Straßenschmutz bedeckt -- vom letzten Stelldichein
her --, der beim Anfassen in Staub zerfiel und, wo gerade die
Sonne schien, eine leichte Wolke bildete. Justin betrachtete sie
sich.
»Hab nur keine Angst! Die gehen nicht entzwei!« sagte Felicie,
die, wenn sie die Schuhe selber reinigte, keine besondere Sorgfalt
anwandte, weil die Herrin sie ihr überließ, sobald sie nicht mehr
tadellos aussahen. Emma hatte eine Menge Schuhzeug in ihrem
Schranke, sie trieb damit eine wahre Verschwendung, aber Karl
wagte nicht den geringsten Einwand dagegen.
So gab er auch dreihundert Franken für ein hölzernes Bein aus, das
Hippolyt ihrer Ansicht nach geschenkt bekommen müsse. Die Fläche,
mit der es anlag, war mit Kork überzogen. Es hatte Kugelgelenke
und eine komplizierte Mechanik. Hose und Schuh verdeckten es
vollkommen. Hippolyt wagte es indessen nicht in den
Alltagsgebrauch zu nehmen und bat Frau Bovary, ihm noch ein
anderes, einfacheres zu besorgen. Wohl oder übel mußte der Arzt
auch diese Ausgabe tragen. Nun konnte der Hausknecht von neuem
seinem Berufe nachgehen. Wie ehedem sah man ihn wieder durch den
Ort humpeln. Wenn Karl von weitem den harten Anschlag des
Stelzfußes auf dem Pflaster vernahm, schlug er schnell einen
anderen Weg ein.
Lheureux, der Modewarenhändler, hatte das Holzbein besorgt. Das
gab ihm Gelegenheit, Emma häufig aufzusuchen. Er plauderte mit ihr
über die neuesten Pariser Moden und über tausend Dinge, die Frauen
interessieren. Dabei war er immer äußerst gefällig und forderte
niemals bare Bezahlung. Alle Launen und Einfälle Emmas wurden im
Handumdrehen befriedigt. Einmal wollte sie Rudolf einen sehr
schönen Reitstock schenken, den sie in Rouen in einem
Schirmgeschäft gesehen hatte. Eine Woche später legte Lheureux ihn
ihr auf den Tisch. Am folgenden Tage aber überreichte er ihr eine
Rechnung im Gesamtbetrage von zweihundertundsiebzig Franken und so
und soviel Centimes. Emma war in der gröbsten Verlegenheit. Die
Kasse war leer. Lestiboudois hatte noch Lohn für vierzehn Tage zu
bekommen, Felicie für acht Monate. Dazu kam noch eine Menge andrer
Schulden. Bovary wartete schon mit Schmerzen auf den Eingang des
Honorars von Herrn Derozerays, das alljährlich gegen Ende Oktober
einzugehen pflegte.
Ein paar Tage gelang es ihr, Lheureux zu vertrösten. Dann verlor
er aber die Geduld. Man dränge auch ihn, er brauche Geld, und wenn
er nicht alsbald welches von ihr bekäme, müsse er ihr alles wieder
abnehmen, was er ihr geliefert habe.
»Gut!« meinte Emma. »Holen Sie sichs!«
»Ach was! Das hab ich nur so gesagt!« entgegnete er. »Indessen um
den Reitstock tuts mir wirklich leid! Bei Gott, den werd ich mir
vom Herrn Doktor zurückgeben lassen!«
»Um Gottes willen!« rief sie aus.
»Warte nur! Dich hab ich!« dachte Lheureux bei sich.
Jetzt war er seiner Vermutung sicher. Indem er sich entfernte,
lispelte er in seinem gewohnten Flüstertone vor sich hin:
»Na, wir werden ja sehen! Wir werden ja sehen!«
Frau Bovary grübelte gerade darüber nach, wie sie diese Geschichte
in Ordnung bringen könne, da kam das Mädchen und legte eine kleine
in blaues Papier verpackte Geldrolle auf den Kamin. Eine
Empfehlung von Herrn Derozerays. Emma sprang auf und brach die
Rolle auf. Es waren dreihundert Franken in Napoleons, das
schuldige Honorar. Karls Tritte wurden draußen auf der Treppe
hörbar. Sie legte das Gold rasch in die Schublade und steckte den
Schlüssel ein.
Drei Tage darauf erschien Lheureux abermals.
»Ich möchte Ihnen einen Vergleich vorschlagen«, sagte er. »Wollen
Sie mir nicht statt des baren Geldes lieber ...«
»Hier haben Sie Ihr Geld!« unterbrach sie ihn und zählte ihm
vierzehn Goldstücke in die Hand.
Der Kaufmann war verblüfft. Um seine Enttäuschung zu verbergen,
brachte er endlose Entschuldigungen vor und bot Emma alle
möglichen Dienste an, die sie allesamt ablehnte.
Eine Weile stand sie dann noch nachdenklich da und klimperte mit
dem Kleingeld, das sie wieder herausbekommen und in die Tasche
ihrer Schürze gesteckt hatte. Sie nahm sich vor, tüchtig zu
sparen, damit sie recht bald ...
»Was ist da weiter dabei?« beruhigte sie sich. »Er wird nicht
gleich dran denken!«
Außer dem Reitstocke mit dem vergoldeten Silbergriffe hatte
Rudolf auch noch ein Petschaft von ihr geschenkt bekommen, mit
dem Wahlspruch: Amor nel Cor! (Liebe im Herzen!), fernerhin ein
seidenes Halstuch und eine Zigarrentasche, zu der sie als Muster
die Tasche genommen hatte, die Karl damals auf der Landstraße
gefunden hatte, als sie vom Schlosse Vaubyessard heimfuhren.
Emma hatte sie sorglich aufbewahrt. Rudolf nahm diese Geschenke
erst nach langem Sträuben. Sie waren ihm peinlich. Aber Emma
drang in ihn, und so mußte er sich schließlich fügen. Er fand
das aufdringlich und höchst rücksichtslos.
Sie hatte wunderliche Einfälle.
»Wenn es Mitternacht schlägt,« bat sie ihn einmal, »mußt du an
mich denken!«
Als er hinterher gestand, er habe es vergessen, bekam er endlose
Vorwürfe zu hören, die alle in die Worte ausklangen:
»Du liebst mich nicht mehr!«
»Ich dich nicht mehr lieben?«
»Über alles?«
»Natürlich!«
»Hast du auch vor mir nie eine andre geliebt, sag?«
»Glaubst du, ich hätte meine Unschuld bei dir verloren?« brach er
lachend aus.
Sie fing an zu weinen, und Rudolf vermochte sie nur mit viel Mühe
zu beruhigen, indem er seine Worte durch allerlei Scherze zu
mildern suchte.
»Ach, du weißt gar nicht, wie ich dich liebe!« begann sie von
neuem. »Ich liebe dich so sehr, daß ich nicht von dir lassen kann!
Verstehst du das? Manchmal habe ich solche Sehnsucht, dich zu
sehen, und dann springt mir beinahe das Herz vor lauter Liebe! Ich
frage mich: wo ist er? Vielleicht spricht er mit andern Frauen?
Sie lächeln ihm zu. Er macht ihnen den Hof ... Ach nein; nicht
wahr, es gefällt dir keine? Es gibt ja schönere als ich, aber
keine kann dich so lieben wie ich! Ich bin deine Magd, deine
Liebste! Und du bist mein Herr, mein Gott! Du bist so gut! So
schön! So klug und stark!«
Dergleichen hatte er in seinem Leben schon so oft gehört, daß es
ihm ganz und gar nichts Neues mehr war. Emma war darin nicht
anders als alle seine früheren Geliebten, und der Reiz der Neuheit
fiel Stück um Stück von ihr ab wie ein Gewand, und das ewige
Einerlei der sinnlichen Leidenschaft trat nackt zutage, die immer
dieselbe Gestalt, immer dieselbe Sprache hat. Er war ein
vielerfahrener Mann, aber er ahnte nicht, daß unter den nämlichen
Ausdrucksformen himmelweit voneinander verschiedene Gefühlsarten
existieren können. Weil ihm die Lippen liederlicher oder
käuflicher Frauenzimmer schon die gleichen Phrasen zugeflüstert
hatten, war sein Glaube an die Aufrichtigkeit einer Frau wie
dieser nur schwach.
»Man darf die überschwenglichen Worte nicht gelten lassen,« sagte
er sich, »sie sind nur ein Mäntelchen für Alltagsempfindungen.«
Aber ist es nicht oft so, daß ein übervolles Herz mit den
banalsten Worten nach Ausdruck sucht? Und vermag denn jemand genau
zu sagen, wie groß sein Wünschen und Wollen, seine Innenwelt,
seine Schmerzen sind? Des Menschen Wort ist wie eine gesprungene
Pauke, auf der wir eine Melodie heraustrommeln, nach der kaum ein
Bär tanzt, während wir die Sterne bewegen möchten.
Aber mit der Überlegenheit, die kritischen Naturen eigentümlich
ist, die immer Herren ihrer selbst bleiben, entlockte Rudolf auch
dieser Liebschaft neue Genüsse. Er nahm keine ihm unbequeme
Rücksicht auf Emmas Schamhaftigkeit mehr. Er behandelte sie bar
jedes Zwanges. Er machte sie zu allem fügsam und verdarb sie
gründlich. Sie hegte eine geradezu hündische Anhänglichkeit zu
ihm. An ihm bewunderte sie alles. Wollüstig empfand sie
Glückseligkeiten, die sie von Sinnen machten. Ihre Seele ertrank
in diesem Rausche.
Der Wandel in erotischen Dingen bei ihr begann sich in ihrem
äußerlichen Wesen zu verraten. Ihre Blicke wurden kühner, ihre
Rede freimütiger. Sie hatte sogar den Mut, in Begleitung Rudolfs,
eine Zigarette im Munde, spazieren zu gehen, »um die Spießer zu
ärgern«, wie sie sagte. Und um ihren guten Ruf war es gänzlich
geschehen, als man sie eines schönen Tages in einem regelrechten
Herrenjackett der Rouener Postkutsche entsteigen sah. Die alte
Frau Bovary, die nach einem heftigen Zank mit ihrem Manne wieder
einmal bei ihrem Sohne Zuflucht gesucht hatte, entsetzte sich
nicht weniger als die Yonviller Philister. Und noch vieles andre
mißfiel ihr. Zunächst hatte Karl ihrem Rate entgegen das
Roman-Lesen doch wieder zugelassen. Und dann war überhaupt die
»ganze Wirtschaft« nicht nach ihrem Sinne. Als sie sich
Bemerkungen darüber gestattete, kam es zu einem ärgerlichen
Auftritt. Felicie war die nähere Veranlassung dazu.
Die alte Frau Bovary hatte das Mädchen eines Abends, als sie durch
den Flur ging, in der Gesellschaft eines nicht mehr besonders
jungen Mannes überrascht. Der Betreffende trug ein braunes
Halstuch und verschwand bei der Annäherung der alten Dame. Emma
lachte, als ihr der Vorfall berichtet ward, aber die
Schwiegermutter ereiferte sich und erklärte, wer bei seinen
Dienstboten nicht auf Anstand hielte, lege selber wenig Wert
darauf.
»Sie sind wohl aus Hinterpommern?« fragte die junge Frau so
impertinent, daß sich die alte Frau die Frage nicht verkneifen
konnte, ob sie sich damit selber verteidigen wolle.
»Verlassen Sie mein Haus!« schrie Emma und sprang auf.
»Emma! Mutter!« rief Karl beschwichtigend.
In ihrer Erregung waren beide Frauen aus dem Zimmer gestürzt. Emma
stampfte mit dem Fuße auf, als er ihr zuredete.
»So eine ungebildete Person! So ein Bauernweib!« rief sie.
Er eilte zur Mutter. Sie war ganz außer sich und stammelte:
»So eine Unverschämtheit! Eine leichtsinnige Trine. Schlimmeres
vielleicht noch!«
Sie wollte unverweilt abreisen, wenn sie nicht sofort um
Verzeihung gebeten würde.
Karl ging abermals zu seiner Frau und beschwor sie auf den Knien,
doch nachzugeben. Schließlich sagte sie:
»Meinetwegen!«
In der Tat streckte sie ihrer Schwiegermutter die Hand hin, mit
der Würde einer Fürstin.
»Verzeihen Sie mir, Frau Bovary!«
Dann eilte sie in ihr Zimmer hinauf, warf sich in ihr Bett, auf
den Bauch, und weinte wie ein Kind, den Kopf in das Kissen
vergraben.
Für den Fall, daß sich irgend etwas Besonderes ereignen sollte,
hatte sie mit Rudolf vereinbart, an die Jalousie einen weißen
Zettel zu stecken. Wenn er zufällig in Yonville wäre, solle er
daraufhin sofort durch das Gäßchen an die hintere Gartenpforte
eilen.
Dieses Signal gab Emma. Dreiviertel Stunden saß sie wartend am
Fenster, da bemerkte sie mit einem Male den Geliebten an der Ecke
der Hallen. Beinahe hätte sie das Fenster aufgerissen und ihn
hergerufen. Aber schon war er wieder verschwunden; Verzweiflung
überkam sie.
Bald darauf vernahm sie unten auf dem Bürgersteige Tritte. Das war
er. Zweifellos! Sie eilte die Treppe hinunter und über den Hof.
Rudolf war hinten im Garten. Sie fiel in seine Arme.
»Sei doch ein bißchen vorsichtiger!« mahnte er.
»Ach, wenn du wüßtest!« Und sie begann ihm den ganzen Vorfall zu
erzählen, in aller Eile und ohne rechten Zusammenhang. Dabei
übertrieb sie manches, dichtete etliches hinzu und machte eine
solche Unmenge von Bemerkungen dazwischen, daß er nicht das
mindeste von der ganzen Geschichte begriff.
»So beruhige dich nur, mein Schatz! Mut und Geduld!«
»Geduld? Seit vier Jahren hab ich die. Wie ich leide!« erwiderte
sie. »Eine Liebe wie die unsrige braucht das Tageslicht nicht zu
scheuen! Man martert mich! Ich halte es nicht mehr aus! Rette
mich!«
Sie schmiegte sich eng an ihn an. Ihre Augen, voll von Tränen,
glänzten wie Lichter unter Wasser. Ihr Busen wogte ungestüm.
Rudolf war verliebter denn je. Einen Augenblick war er nicht der
kühle Gedankenmensch, der er sonst immer war. Und so sagte er:
»Was soll ich tun? Was willst du?«
»Flieh mit mir!« rief sie. »Weit weg von hier! Ach, ich bitte dich
um alles in der Welt!«
Sie preßte sich an seinen Mund, als wolle sie ihm mit einem Kusse
das Ja einhauchen und wieder heraussaugen.
»Aber ...«
»Kein Aber, Rudolf!«
»... und dein Kind?«
Sie dachte ein paar Sekunden nach. Dann sagte sie:
»Das nehmen wir mit! Das ist ihm schon recht!«
»Ein Teufelsweib!« dachte er bei sich, wie er ihr nachsah. Sie
mußte ins Haus. Man hatte nach ihr gerufen.
Während der folgenden Tage war die alte Frau Bovary über das
veränderte Wesen ihrer Schwiegertochter höchst verwundert.
Wirklich, sie zeigte sich außerordentlich fügsam, ja ehrerbietig,
und das ging so weit, daß Emma sie um ihr Rezept, Gurken
einzulegen, bat.
Verstellte sie sich, um Mann und Schwiegermutter um so sicherer zu
täuschen? Oder fand sie eine schmerzliche Wollust darin, noch
einmal die volle Bitternis alles dessen durchzukosten, was sie im
Stiche lassen wollte? Nein, das lag ihr durchaus nicht im Sinne.
Der Gegenwart entrückt, lebte sie im Vorgeschmacke des kommenden
Glückes. Davon schwärmte sie dem Geliebten immer und immer wieder
vor. An seine Schulter gelehnt, flüsterte sie:
»Sag, wann werden wir endlich zusammen in der Postkutsche sitzen?
Kannst du dir ausdenken, wie das dann sein wird? Mir ist es wie
ein Traum! Ich glaube, in dem Augenblick, wo ich spüre, daß sich
der Wagen in Bewegung setzt, werde ich das Gefühl haben, in einem
Luftschiffe aufzusteigen, zur Reise in die Wolken hinein! Weißt
du, ich zähle die Tage ... Und du?«
Frau Bovary hatte nie so schön ausgesehen wie jetzt. Sie besaß
eine unbeschreibliche Art von Schönheit, die aus Lebensfreude,
Schwärmerei und Siegesgefühl zusammenströmt und das Symbol
seelischer und körperlicher Harmonie ist. Ihre heimlichen Lüste,
ihre Trübsal, ihre erweiterten Liebeskünste und ihre ewig jungen
Träume hatten sich stetig entwickelt, just wie Dünger, Regen, Wind
und Sonne eine Blume zur Entfaltung bringen, und nun erst erblühte
ihre volle Eigenart. Ihre Lider waren wie ganz besonders dazu
geschnitten, schmachtende Liebesblicke zu werfen; sie
verschleierten ihre Augäpfel, während ihr Atem die feinlinigen
Nasenflügel weitete und es leise um die Hügel der Mundwinkel
zuckte, die im Sonnenlichte ein leichter schwarzer Flaum
beschattete. Man war versucht zu sagen: ein Verführer und Künstler
habe den Knoten ihres Haares über dem Nacken geordnet. Er sah aus
wie eine schwere Welle, und doch war er nur lose und lässig
geschlungen, weil er im Spiel des Ehebruchs Tag für Tag
aufgenestelt ward. Emmas Stimme war weicher und graziöser
geworden, ähnlich wie ihre Gestalt. Etwas unsagbar Zartes,
Bezauberndes strömte aus jeder Falte ihrer Kleider und aus dem
Rhythmus ihres Ganges. Wie in den Flitterwochen erschien sie ihrem
Manne entzückend und ganz unwiderstehlich.
Wenn er nachts spät nach Hause kam, wagte er sie nicht zu wecken.
Das in seiner Porzellanschale schwimmende Nachtlicht warf tanzende
Kringel an die Decke. Am Bett leuchtete im Halbdunkel wie ein
weißes Zelt die Wiege mit ihren zugezogenen bauschigen Vorhängen.
Karl betrachtete sie und glaubte die leisen Atemzüge seines Kindes
zu hören. Es wuchs sichtlich heran, jeder Monat brachte es
vorwärts. Im Geiste sah er es bereits abends aus der Schule
heimkehren, froh und munter, Tintenflecke am Kleid, die
Schultasche am Arm. Dann mußte das Mädel in eine Pension kommen.
Das würde viel Geld kosten. Wie sollte das geschafft werden? Er
sann nach. Wie wäre es, wenn man in der Umgegend ein kleines Gut
pachtete? Alle Morgen, ehe er seine Kranken besuchte, würde er
hinreiten und das Nötige anordnen. Der Ertrag käme auf die
Sparkasse, später könnten ja irgendwelche Papiere dafür gekauft
werden. Inzwischen erweiterte sich auch seine Praxis. Damit
rechnete er, denn sein Töchterchen sollte gut erzogen werden, sie
sollte etwas Ordentliches lernen, auch Klavier spielen. Und hübsch
würde sie sein, die dann Fünfzehnjährige! Ein Ebenbild ihrer
Mutter! Ganz wie sie müßte sie im Sommer einen großen runden
Strohhut tragen. Dann würden die beiden von weitem für zwei
Schwestern gehalten. Er stellte sich sein Töchterchen in Gedanken
vor: abends, beim Lampenlicht, am Tisch arbeitend, bei Vater und
Mutter, Pantoffeln für ihn stickend. Und in der Wirtschaft würde
sie helfen und das ganze Haus mit Lachen und Frohsinn erfüllen.
Und weiter dachte er an ihre Versorgung. Es würde sich schon
irgendein braver junger Mann in guten Verhältnissen finden und sie
glücklich machen. Und so bliebe es dann immerdar ...
Emma schlief gar nicht. Sie stellte sich nur schlafend, und
während ihr Gatte ihr zur Seite zur Ruhe ging, hing sie fernen
Träumereien nach.
Seit acht Tagen sah sie sich, von vier flotten Rossen entführt,
auf der Reise nach einem andern Lande, aus dem sie nie wieder
zurückzukehren brauchte. Sie und der Geliebte fuhren und fuhren
dahin, Hand in Hand, still und schweigsam. Zuweilen schauten sie
plötzlich von Bergeshöh auf irgendwelche mächtige Stadt hinab, mit
ihrem Dom, ihren Brücken, Schiffen, Limonenhainen und weißen
Marmorkirchen mit spitzen Türmen. Zu Fuß wanderten sie dann durch
die Straßen. Frauen in roten Miedern boten ihnen Blumensträuße an.
Glocken läuteten, Maulesel schrien, und dazwischen girrten
Gitarren und rauschten Fontänen, deren kühler Wasserstaub auf
Haufen von Früchten herabsprühte. Sie lagen zu Pyramiden
aufgeschichtet da, zu Füßen bleicher Bildsäulen, die unter dem
Sprühregen lächelten. Und eines Abends erreichten sie ein
Fischerdorf, wo braune Netze im Winde trockneten, am Strand und
zwischen den Hütten. Dort wollte sie bleiben und immerdar wohnen,
in einem kleinen Hause mit flachem Dache, im Schatten hoher
Zypressen, an einer Bucht des Meeres. Sie fuhren in Gondeln und
träumten in Hängematten. Das Leben war ihnen so leicht und weit
wie ihre seidenen Gewänder, und so warm und sternbesät wie die
süßen Nächte, die sie schauernd genossen ... Das war ein
unermeßlicher Zukunftstraum; aber bis in die Einzelheiten dachte
sie ihn nicht aus. Ein Tag glich dem andern, wie im Meer eine Woge
der andern gleicht, an Pracht und Herrlichkeit. Und diese Wogen
fluteten fernhin bis in den Horizont, endlos, in leiser Bewegung,
stahlblau und sonnenbeglänzt ...
Das Kind in der Wiege begann zu husten, und Bovary schnarchte
laut. Emma schlief erst gegen Morgen ein, als das weiße
Dämmerlicht an den Scheiben stand und Justin drüben die Läden der
Apotheke öffnete.
Emma hatte Lheureux kommen lassen und ihm gesagt:
»Ich brauche einen Mantel, einen großen gefütterten Reisemantel
mit einem breiten Kragen.«
»Sie wollen verreisen?« fragte der Händler.
»Nein, aber ... das ist ja gleichgültig! Ich kann mich auf Sie
verlassen? Nicht wahr? Und recht bald!«
Lheureux machte einen Kratzfuß.
»Und dann brauche ich noch einen Koffer ... keinen zu schweren ...
einen handlichen ...«
»Schön! Schön! Ich weiß schon: zweiundneunzig zu fünfzig! Wie man
sie jetzt meist hat!«
»Und eine Handtasche für das Nachtzeug!«
»Aha,« dachte der Händler, »sie hat sicher Krakeel gehabt!«
»Da!« sagte Frau Bovary, indem sie ihre Taschenuhr aus dem Gürtel
nestelte. »Nehmen Sie das! Machen Sie sich damit bezahlt!«
Aber Lheureux sträubte sich dagegen. Das ginge nicht. Sie wäre
doch eine so gute Kundin. Ob sie kein Vertrauen zu ihm habe? Was
solle denn das? Doch sie bestand darauf, daß er wenigstens die
Kette nähme.
Er hatte sie bereits eingesackt und war schon draußen, da rief ihn
Emma zurück.
»Behalten Sie das Bestellte vorläufig bei sich! Und den Mantel
...,« sie tat so, als ob sie sichs überlegte »... den bringen Sie
auch nicht erst ... oder noch besser: geben Sie mir die Adresse
des Schneiders und sagen Sie ihm, der Mantel soll bei ihm zum
Abholen bereitliegen.«
Die Flucht sollte im kommenden Monat erfolgen. Emma sollte
Yonville unter dem Vorwande verlassen, in Rouen Besorgungen zu
machen. Rudolf sollte dort schon vorher die Plätze in der Post
bestellen, Pässe besorgen und nach Paris schreiben, damit das
Gepäck gleich direkt bis Marseille befördert würde. In Marseille
wollten sie sich eine Kalesche kaufen, und dann sollte die Reise
ohne Aufenthalt weiter nach Genua gehen. Emmas Gepäck sollte
Lheureux mit der Post wegbringen, ohne daß irgendwer Verdacht
schöpfte. Bei allen diesen Vorbereitungen war von ihrem Kinde
niemals die Rede. Rudolf vermied es, davon zu sprechen. »Sie denkt
vielleicht nicht mehr daran«, sagte er sich.
Er erbat sich zunächst zwei Wochen Frist, um seine Angelegenheiten
zu ordnen; nach weiteren acht Tagen forderte er nochmals zwei
Wochen Zeit. Hernach wurde er angeblich krank, sodann mußte er
eine Reise machen. So verging der August, bis sie sich nach allen
diesen Verzögerungen schließlich »unwiderruflich« auf Montag den
4. September einigten.
Am Sonnabend vorher stellte sich Rudolf zeitiger denn gewöhnlich
ein.
»Ist alles bereit?« fragte sie ihn.
»Ja.«
Sie machten einen Rundgang um die Beete und setzten sich dann auf
den Rand der Gartenmauer.
»Du bist verstimmt?« fragte Emma.
»Nein. Warum auch?«
Dabei sah er sie mit einem sonderbaren zärtlichen Blick an.
»Vielleicht weil es nun fortgeht?« fragte sie. »Weil du Dinge, die
dir lieb sind, verlassen sollst, dein ganzes jetziges Leben? Ich
verstehe das wohl, wenn ich selber auch nichts derlei auf der Welt
habe. Du bist mein alles! Und ebenso möchte ich dir alles sein,
Familie und Vaterland. Ich will dich hegen und pflegen. Und dich
lieben!«
»Wie lieb du bist!« sagte er und zog sie an sein Herz.
»Wirklich?« fragte sie in lachender Wollust. »Du liebst mich?
Schwöre mirs!«
»Ob ich dich liebe! Ob ich dich liebe! Ich bete dich an, Liebste!«
Der Vollmond ging purpurrot auf, drüben über der Linie des flachen
Horizonts, wie mitten in den Wiesen. Rasch stieg er hoch, und
schon stand er hinter den Pappeln und schimmerte durch ihre
Zweige, versteckt wie hinter einem löchrigen, schwarzen Vorhang.
Und bald erschien er glänzend-weiß im klaren Raume des weiten
Himmels. Er ward immer silberner, und nun rieselte seine Lichtflut
auch unten im Bache über den Wellen in zahllosen funkelnden
Sternen, wie ein Strom geschmolzener Diamanten. Ringsum leuchtete
die laue lichte Sommernacht. Nur in den Wipfeln hingen dunkle
Schatten.
Mit halbgeschlossenen Augen atmete Emma in tiefen Zügen den kühlen
Nachtwind ein. Sie sprachen beide nicht, ganz versunken und
verloren in ihre Gedanken. Die Zärtlichkeit vergangener Tage
ergriff von neuem ihre Herzen, unerschöpflich und schweigsam wie
der dahinfließende Bach, lind und leise wie der Fliederduft. Die
Erinnerung an das Einst war von Schatten durchwirkt, die
verschwommener und wehmütiger waren als die der unbeweglichen
Weiden, deren Umrisse aus den Gräsern wuchsen. Zuweilen raschelte
auf seiner nächtlichen Jagd ein Tier durchs Gesträuch, ein Igel
oder ein Wiesel, oder man hörte, wie ein reifer Pfirsich von
selber zur Erde fiel.
»Was für eine wunderbare Nacht!« sagte Rudolf.
»Wir werden noch schönere erleben!« erwiderte Emma. Und wie zu
sich selbst fuhr sie fort: »Ach, wie herrlich wird unsere Reise
werden ... Aber warum ist mir das Herz so schwer? Warum wohl? Ist
es die Angst vor dem Unbekannten ... oder die Scheu, das Gewohnte
zu verlassen ... oder was ists? Ach, es ist das Übermaß von Glück!
Ich bin zaghaft, nicht? Verzeih mir!«
»Noch ist es Zeit!« rief er aus. »Überleg dirs! Wird es dich auch
niemals reuen?«
»Niemals!« beteuerte sie leidenschaftlich.
Sie schmiegte sich an ihn.
»Was könnte mir denn Schlimmes bevorstehen! Es gibt keine Wüste,
kein Weltmeer, die ich mit dir zusammen nicht durchqueren würde!
Je länger wir zusammen leben werden, um so inniger und
vollkommener werden wir uns lieben! Keine Sorge, kein Hindernis
wird uns mehr quälen! Wir werden allein sein und eins immerdar ...
Sprich doch! Antworte mir!«
Er antwortete wie ein Uhrwerk in gleichen Zwischenräumen:
»Ja ... ja ... ja!«
Sie strich mit den Händen durch sein Haar und flüsterte wie ein
kleines Kind unter großen rollenden Tränen immer wieder:
»Rudolf ... Rudolf ... ach, Rudolf ... mein lieber guter Rudolf ...«
Es schlug Mitternacht.
»Mitternacht!« sagte sie. »Nun heißt es: morgen! Nur noch ein
Tag!«
Er stand auf und schickte sich an zu gehen. Und als ob diese
Gebärde ein Symbol ihrer Flucht sei, wurde Emma mit einem Male
fröhlich.
»Hast du die Pässe?« fragte sie.
»Ja.«
»Hast du nichts vergessen?«
»Nein.«
»Weißt du das genau?«
»Ganz genau!«
»Nicht wahr, du erwartest mich im Provencer Hof? Mittags?«
Er nickte.
»Also morgen auf Wiedersehen!« sagte Emma mit einem letzten Kusse.
Er ging, und sie sah ihm nach.
Er blickte sich nicht um. Da lief sie ihm nach bis an den Bachrand
und rief durch die Weiden hindurch:
»Auf morgen!«
Er war schon drüben auf dem andern Ufer und eilte den Pfad durch
die Wiesen hin. Nach einer Weile blieb er stehen. Als er sah, wie
ihr weißes Kleid allmählich im Schatten verschwand wie eine
Vision, da bekam er so heftiges Herzklopfen, daß er sich gegen
einen Baum lehnen mußte, um nicht umzusinken.
»Ich bin kein Mann!« rief er aus. »Hol mich der Teufel! Ein
hübsches Weib wars doch!«
Emmas Reize und all die Freuden der Liebschaft mit ihr lockten ihn
noch einmal. Er ward weich. Dann aber empörte er sich gegen diese
Rührung.
»Nein, nein! Ich kann Haus und Hof nicht verlassen!«
Er gestikulierte heftig.
»Und dann das lästige Kind ... die Scherereien ... die Kosten!«
Er zählte sich das alles auf, um sich stark zu machen.
»Nein, nein! Tausendmal nein! Es wäre eine Riesentorheit!«
Dreizehntes Kapitel
Kaum auf seinem Gute angekommen, setzte sich Rudolf eiligst an den
Schreibtisch, über dem an der Wand ein Hirschgeweih, eine
Jagdtrophäe, hing. Aber sowie er die Feder in der Hand hatte,
wußte er nicht, was er schreiben sollte. Den Kopf zwischen beide
Hände gestützt, begann er nachzudenken. Emma war ihm in weite
Ferne entrückt. Der bloße Entschluß, mit ihr zu brechen, hatte sie
ihm mit einem Male ungeheuerlich entfremdet.
Um sie greifbarer vor sich zu haben, suchte er aus dem Schranke,
der am Kopfende seines Bettes stand, eine alte Blechschachtel
hervor, in der ursprünglich einmal Kakes drin gewesen waren und in
der er seine »Weiberbriefe« aufbewahrte. Geruch von Moder und
vertrockneten Rosen drang ihm entgegen. Zu oberst lag ein
Taschentuch, verblaßte Blutflecken darauf. Es war von Emma; auf
einem ihrer gemeinsamen Spaziergänge hatte sie einmal Nasenbluten
bekommen. Jetzt fiel es ihm wieder ein. Daneben lag ein Bild von
ihr, das sie ihm geschenkt hatte. Alle vier Ecken daran waren
abgestoßen. Das Kleid, das sie auf diesem Bilde anhatte, kam ihm
theatralisch vor und ihr himmelnder Blick jämmerlich. Wie er sich
ihr Konterfei so betrachtete und sich das Urbild in die Phantasie
zurückzurufen suchte, verschwammen Emmas Züge in seinem
Gedächtnisse, gleichsam als ob sich die noch lebende Erinnerung
und das gemalte Bildchen gegenseitig befehdeten und eins das andre
vernichtete.
Nun fing er an, in ihren Briefen zu lesen. Die aus der letzten
Zeit wimmelten von Anspielungen auf die Reise; sie waren kurz,
sachlich und in Eile hingeschrieben, wie Geschäftsbriefe. Er
suchte nach den langen Briefen von einst. Da sie zu unterst lagen,
mußte er den ganzen Kasten durchwühlen. Aus dem Wust von Papieren
und kleinen Gegenständen zog er mechanisch welke Blumen, ein
Strumpfband, eine schwarze Maske, Haarnadeln und Locken heraus.
Braune und blonde Locken. Ein paar Haare davon hatten sich ins
Scharnier gezwängt und rissen nun beim Herausnehmen ...
Mit allen diesen Andenken vertrödelte er eine Weile. Er stellte
seine Betrachtungen über die verschiedenen Handschriften an, über
den Stil in den einzelnen Briefbündeln, über die nicht minder
variierende Rechtschreibung darin. Die einen hatten zärtlich
geschrieben, andre lustig, witzig oder rührselig. Die wollten
Liebe, jene Geld. Zuweilen erinnerte sich Rudolf bei einem
bestimmten Worte an Gesichter, an gewisse Gesten, an den Klang
einer Stimme. Manche wiederum beschworen nicht die geringste
Erinnerung herauf.
Alle diese Frauen kamen ihm jetzt alle auf einmal in den Sinn.
Jede war eine Feindin der andern. Alle zogen sie sich gegenseitig
in den Schmutz. Etwas Gemeinsames -- die Liebe -- stellte sie
allesamt auf ein und dasselbe Niveau.
Wahllos nahm er einen Stoß Briefe in die Finger, bildete eine Art
Fächer daraus und spielte damit. Schließlich aber warf er sie,
halb gelangweilt, halb verträumt, wieder in den Kasten und stellte
diesen in den Schrank zurück.
»Lauter Blödsinn!«
Das war der Extrakt seiner Lebensweisheit. Sein Herz war wie ein
Schulhof, auf dem die Kinder so erbarmungslos herumgetrampelt
waren, daß kein grüner Halm mehr sproß. Die Freuden des Daseins
hatten noch gründlicher gewirtschaftet. Die Schüler kritzeln ihre
Namen an die Mauern. In Rudolfs Herz war keiner zu lesen.
»Nun aber los!« rief er sich zu.
Er begann zu schreiben:
»Liebe Emma!
Sei tapfer! Ich will Dir Deine Existenz nicht zertrümmern ...«
»Eigentlich sehr richtig!« dachte er bei sich. »Das ist nur in
ihrem Interesse. Also durchaus anständig von mir ...«
»... Hast Du Dir Deinen Entschluß wirklich reiflich überlegt? Hast
Du aber auch den Abgrund bemerkt, armes Lieb, in den ich Dich
beinahe schon geführt hätte? Wohl nicht! Du folgst mir tollkühn
und zuversichtlich, im festen Glauben an das Glück, an die
Zukunft! Ach, wie unglücklich sind wir! Und wie verblendet waren
wir!«
Rudolf hörte zu schreiben auf. Er suchte nach guten Ausflüchten.
»Wenn ich ihr nun sagte, ich hätte mein Vermögen verloren? Ach,
nein, lieber nicht! Übrigens nützte das nichts. Die Geschichte
ging dann doch wieder von neuem los. Es ist, weiß Gott, verdammt
schwer, so eine Frau wieder vernünftig zu machen!«
Er sann nach, dann schrieb er weiter:
»Ich werde Dich niemals vergessen. Glaube mir das! Mein ganzes
Leben lang werde ich in inniger Verehrung Deiner gedenken. So
aber hätte sich unsre Leidenschaft (das ist nun einmal das
Schicksal alles Menschlichen!) eines Tages, früher oder später,
doch verflüchtet. Zweifellos! Wir wären ihrer müde geworden, und
wer weiß, ob mir nicht der gräßliche Schmerz beschieden gewesen
wäre, Deine Reue zu erleben und selber welche zu empfinden als
Veranlasser der Deinigen? Die bloße Vorstellung, Dir dieses Leid
verursachen zu können, martert mich. Liebste Emma, vergiß mich!
Wir hätten uns nie kennen lernen sollen! Warum bist Du so schön!
Bin ich der Schuldige? Bei Gott, nein, nein! Wir müssen das
Schicksal anklagen ...«
»Dieses Wort machte immer Eindruck«, sagte er zu sich.
»Ja, wenn Du eine leichtsinnige Frau wärst, wie es ihrer so viele
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