tropfte ihm aus dem Munde; seine Augen waren rotunterlaufen. Er
trug noch einen Zopf, um den ein schwarzes Band geschlungen war.
Das war der Schwiegervater des Marquis, der alte Herzog von
Laverdière. Anno dazumal (zu den seligen Zeiten der Jagdfeste in
Vaudreuil beim Marquis von Conflans) war er ein Busenfreund des
Grafen Artois. Auch munkelte man, er wäre der Geliebte der Königin
Marie-Antoinette gewesen, der Nachfolger des Herrn von Coigny und
der Vorgänger des Herzogs von Lauzun. Er hatte ein wüstes Leben
hinter sich, voller Zweikämpfe, toller Wetten und
Frauengeschichten. Ob seiner Verschwendungssucht war er ehedem der
Schrecken seiner Familie. Jetzt stand ein Diener hinter seinem
Stuhle, der ihm ins Ohr brüllen mußte, was es für Gerichte zu
essen gab.
Emmas Blicke kehrten immer wieder unwillkürlich zu diesem alten
Manne mit den hängenden Lippen zurück, als ob er etwas ganz
Besonderes und Großartiges sei: war er doch ein Favorit des
Königshofes gewesen und hatte im Bette einer Königin geschlafen!
Es wurde frappierter Sekt gereicht. Emma überlief es am ganzen
Körper, als sie das eisige Getränk im Munde spürte. Zum erstenmal
in ihrem Leben sah sie Granatäpfel und aß sie Ananas. Selbst der
gestoßene Zucker, den es dazu gab, kam ihr weißer und feiner vor
denn anderswo.
Nach Tische zogen sich die Damen in ihre Zimmer zurück, um sich
zum Ball umzukleiden. Emma widmete ihrer Toilette die sorglichste
Gründlichkeit, wie eine Schauspielerin vor ihrem Debüt. Ihr Haar
ordnete sie nach den Ratschlägen des Coiffeurs. Dann schlüpfte sie
in ihr Barege-Kleid, das auf dem Bett ausgebreitet bereitlag.
Karl fühlte sich in seiner Sonntagshose am Bauche beengt.
»Ich glaube, die Stege werden mich beim Tanzen stören!« meinte er.
»Du willst tanzen?« entgegnete ihm Emma.
»Na ja!«
»Du bist nicht recht gescheit! Man würde dich bloß auslachen.
Bleib du nur ruhig sitzen! Übrigens schickt sich das viel besser
für einen Arzt«, fügte sie hinzu.
Karl schwieg. Er lief mit großen Schritten im Zimmer hin und her
und wartete, bis Emma fertig wäre. Er sah sie über ihren Rücken
weg im Spiegel, zwischen zwei brennenden Kerzen. Ihre schwarzen
Augen erschienen ihm noch dunkler denn sonst. Ihr Haar war nach
den Ohren zu ein wenig aufgebauscht; es schimmerte in einem
bläulichen Glanze, und über ihnen zitterte eine bewegliche Rose,
mit künstlichen Tauperlen in den Blättern. Ihr mattgelbes Kleid
ward durch drei Sträußchen von Moosrosen mit Grün darum belebt.
Karl küßte sie von hinten auf die Schulter.
»Laß mich!« wehrte sie ab. »Du zerknüllst mir alles!«
Violinen- und Waldhornklänge drangen herauf. Emma stieg die Treppe
hinunter, am liebsten wäre sie gerannt.
Die Quadrille hatte bereits begonnen. Der Saal war gedrängt voller
Menschen, und immer noch kamen Gäste. Emma setzte sich unweit der
Tür auf einen Diwan.
Als der Kontertanz zu Ende war, blieben auf dem Parkett nur
Gruppen plaudernder Menschen und Diener in Livree, die große
Platten herumtrugen. In der Linie der sitzenden Damen gingen die
bemalten Fächer auf und nieder; die Blumenbukette verdeckten zur
Hälfte die lachenden Gesichter, und die goldnen Stöpsel der
Riechfläschchen funkelten hin und her in den weißen Handschuhen,
an denen die Konturen der Fingernägel ihrer Trägerinnen
hervortraten, während das eingepreßte Fleisch nur in den
Handflächen schimmerte. Die Spitzen, die Brillantbroschen, die
Armbänder mit Anhängseln wogten an den Miedern, glitzerten an den
Brüsten und klapperten an den Handgelenken. Die Damen trugen im
Haar, das durchweg glatt und im Nacken geknotet war,
Vergißmeinnicht, Jasmin, Granatblüten, Ähren und Kornblumen in
Kränzen, Sträußen oder Ranken. Bequem in ihren Stühlen lehnten die
Mütter mit gelangweilten Mienen, etliche in roten Turbanen.
Das Herz klopfte Emma ein wenig, als der erste Tänzer sie an den
Fingerspitzen faßte und in die Reihe der anderen führte. Beim
ersten Geigenton tanzten sie los. Bald jedoch legte sich ihre
Aufregung. Sie begann sich im Flusse der Musik zu wiegen, und mit
einer leichten Biegung im Halse glitt sie sicher dahin. Bei
besonders zärtlichen Passagen des Violinsolos flog ein süßes
Lächeln um ihre Lippen. Wenn so die andern Instrumente schwiegen,
hörte man im Tanzsaal das helle Klimpern der Goldstücke auf den
Spieltischen nebenan, bis das Orchester mit einem Male wieder voll
einsetzte. Dann gings im wiedergewonnenen Takte weiter; die Röcke
der Tänzerinnen bauschten sich und streiften einander, Hände
suchten und mieden sich, und dieselben Blicke, die eben schüchtern
gesenkt waren, fanden ihr Ziel.
Unter den tanzenden oder plaudernd an den Türen stehenden Herren
stachen etliche, etwa zwölf bis fünfzehn, bei allem Alters- und
sonstigem Unterschied durch einen gewissen gemeinsamen Typ von den
andern ab. Ihre Kleider waren von eleganterem Schnitte und aus
feinerem Stoff. Ihr nach den Schläfen zu gewelltes Haar verriet
die beste Pflege. Sie hatten den Teint des Grandseigneurs, jene
weiße Hautfarbe, die wie abgestimmt zu bleichem Porzellan,
schillernder Seide und feinpolierten Möbeln erscheint und durch
sorgfältige und raffinierte Ernährung erhalten wird. Ihre
Bewegungen waren ungezwungen. Ihren mit Monogrammen bestickten
Taschentüchern entströmte leises Parfüm. Den älteren unter diesen
Herren haftete Jugendlichkeit an, während den Gesichtern der
jüngeren eine gewisse Reife eigen war. In ihren gleichgültigen
Blicken spiegelte sich die Ruhe der immer wieder befriedigten
Sinne, und hinter ihren glatten Manieren schlummerte das brutale
eitle Herrentum, das sich im Umgange mit Rassepferden und leichten
Damen entwickelt und kräftigt.
Ein paar Schritte von Emma entfernt, plauderte ein Kavalier in
blauem Frack mit einer blassen, jungen, perlengeschmückten Dame
über Italien. Sie schwärmten von der Kuppel des Sankt Peter, von
Tivoli, vom Vesuv, von Castellammare, von Florenz, von den
Genueser Rosen und vom Kolosseum bei Mondenschein, mit ihrem
andern Ohre horchte Emma auf eine Unterhaltung, in der sie tausend
Dinge nicht verstand. Man umringte einen jungen Herrn, der in der
vergangnen Woche in England Miß Arabella und Romulus »geschlagen«
und durch einen »famosen Grabensprung« vierzigtausend Franken
gewonnen hatte. Ein andrer beklagte sich, seine »Rennschinder«
seien »nicht im Training«, und ein dritter jammerte über einen
Druckfehler in der »Sportwelt«, der den Namen eines seiner
»Vollblüter« verballhornt habe.
Die Luft im Ballsaale wurde schwer, die Lichter schimmerten
fahler. Man drängte nach dem Billardzimmer. Ein Diener, der auf
einen Stuhl gestiegen war, um die Fenster zu öffnen, zerbrach aus
Ungeschicklichkeit eine Scheibe. Das Klirren der Glasscherben
veranlaßte Frau Bovary hinzublicken, und da gewahrte sie von
draußen herein gaffende Bauerngesichter. Die Erinnerung an das
elterliche Gut überkam sie. Im Geiste sah sie den Hof mit dem
Misthaufen, ihren Vater in Hemdsärmeln unter den Apfelbäumen und
sich selber ganz wie einst, wie sie in der Milchkammer mit den
Fingern die Milch in den Schüsseln abrahmte. Aber im Strahlenglanz
der gegenwärtigen Stunde starb die eben noch so klare Erinnerung
an ihr früheres Leben schnell wieder; es je gelebt zu haben, kam
ihr fast unmöglich vor. Hier, hier lebte sie, und was über diesen
Ballsaal hinaus existieren mochte, das lag für sie im tiefsten
Dunkel ...
Sie schlürfte von dem Maraschino-Eis, das sie in einer vergoldeten
Silberschale in der Hand hielt, wobei sie die Augen halb schloß
und den goldnen Löffel lange zwischen den Zähnen behielt. Neben
ihr ließ eine Dame ihren Fächer zu Boden gleiten. Ein Tänzer ging
vorüber.
»Sie wären sehr gütig, mein Herr,« sagte die Dame, »wenn Sie mir
meinen Fächer aufheben wollten. Er ist unter dieses Sofa
gefallen.«
Der Herr bückte sich, und während er mit dem Arm nach dem Fächer
langte, bemerkte Emma, daß ihm die Dame etwas weißes, dreieckig
Zusammengefaltetes in den Hut warf. Er überreichte ihr den
aufgehobenen Fächer ehrerbietig. Sie dankte mit einem leichten
Neigen des Kopfes und barg schnell ihr Gesicht in den Blumen ihres
Straußes.
Nach dem Souper, bei dem es verschiedene Sorten von Süd- und
Rheinweinen gab, Krebssuppe, Mandelmilch, Pudding à la Trafalgar
und allerlei kaltes Fleisch, mit zitterndem Gelee garniert,
begannen die Wagen einer nach dem andern vor- und wegzufahren. Wer
einen der Musselinvorhänge am Fenster ein wenig beiseiteschob,
konnte die Laternenlichter in die Nacht hinausziehen sehen. Es
saßen immer weniger Tänzer im Saale. Nur im Spielzimmer war noch
Leben. Die Musikanten leckten sich die heißen Finger ab. Karl
stand gegen eine Tür gelehnt, dem Einschlafen nahe.
Um drei Uhr begann der Kotillon. Walzer tanzen konnte Emma nicht.
Aber alle Welt, sogar Fräulein von Andervilliers und die Marquise
tanzten. Es waren nur noch die im Schlosse zur Nacht bleibenden
Gäste da, etwa ein Dutzend Personen.
Da geschah es, daß einer der Tänzer, den man schlechtweg »Vicomte«
nannte -- die weitausgeschnittene Weste saß ihm wie angegossen --
Frau Bovary zum Tanz aufforderte. Sie wagte es nicht. Der Vicomte
bat abermals, indem er versicherte, er würde sie sicher führen und
es würde vortrefflich gehen.
Sie begannen langsam, um allmählich rascher zu tanzen. Schließlich
wirbelten sie dahin. Alles drehte sich rund um sie: die Lichter,
die Möbel, die Wände, der Parkettboden, als ob sie in der Mitte
eines Kreisels wären. Einmal, als das Paar dicht an einer der
Türen vorbeitanzte, wickelte sich Emmas Schleppe um das Bein ihres
Tänzers. Sie fühlten sich beide und blickten sich einander in die
Augen. Ein Schwindel ergriff Emma. Sie wollte stehen bleiben. Aber
es ging weiter: der Vicomte raste nur noch rascher mit ihr dahin,
bis an das Ende der Galerie, wo Emma, völlig außer Atem, beinahe
umsank und einen Augenblick lang ihren Kopf an seine Brust lehnte.
Dann brachte er sie, von neuem, aber ganz langsam tanzend, an
ihren Platz zurück. Es schwindelte ihr; sie mußte den Rücken
anlehnen und ihr Gesicht mit der einen Hand bedecken.
Als sie die Augen wieder aufschlug, sah sie, daß in der Mitte des
Saales eine der Damen auf einem Taburett saß, während drei der
Herren vor ihr knieten. Der Vicomte war darunter. Er war der
Bevorzugte. Und von neuem setzten die Geigen ein.
Alle Blicke galten dem tanzenden Paare. Es tanzte einmal und noch
einmal herum: sie regungslos in den Linien ihres Körpers, das Kinn
ein wenig gesenkt; er in immer der nämlichen Haltung,
kerzengerade, die Arme elegant gerundet, den Blick geradeaus
gerichtet. Das waren Walzertänzer! Sie fanden kein Ende. Eher
ermüdeten die Zuschauer.
Nach dem Kotillon plauderte man noch eine kleine Weile. Dann sagte
man sich »Gute Nacht« oder vielmehr »Guten Morgen«, und alles ging
schlafen.
Karl schleppte sich am Treppengeländer hinauf. Er hatte sich »die
Beine in den Bauch gestanden.« Ohne sich zu setzen, hatte er sich
fünf Stunden hintereinander bei den Spieltischen aufgehalten und
den Whistspielern zugesehen, ohne etwas von diesem Spiel zu
verstehen. Und so stieß er einen mächtigen Seufzer der
Erleichterung aus, als er sich endlich seiner Stiefel entledigt
hatte.
Emma legte sich ein Tuch um die Schultern, öffnete das Fenster und
lehnte sich hinaus. Die Nacht war schwarz. Feiner Sprühregen fiel.
Sie atmete den feuchten Wind ein, der ihr die Augenlider kühlte.
Walzerklänge summten ihr noch in den Ohren. Emma hielt sich
gewaltsam wach, um den eben erlebten Märchenglanz, ehe er ganz
wieder verronnen, noch ein wenig zu besitzen ...
Der Morgen dämmerte. Sie schaute hinüber nach den Fensterreihen
des Mittelbaues, lange, lange, und versuchte zu erraten, wo die
einzelnen Personen alle wohnten, die sie diesen Abend beobachtet
hatte. Sie sehnte sich darnach, etwas von ihrem Leben zu wissen,
eine Rolle darin zu spielen, selber darin aufzugehen.
Schließlich begann sie zu frösteln. Sie entkleidete sich und
schmiegte sich in die Kissen, zur Seite ihres schlafenden Gatten.
Zum Frühstück erschienen eine Menge Menschen. Es dauerte zehn
Minuten. Es gab keinen Kognak, was dem Arzt wenig behagte.
Beim Aufstehen sammelte Fräulein von Andervilliers die
angebrochenen Brötchen in einen kleinen Korb, um sie den Schwänen
auf dem Schloßteiche zu bringen. Nach der Fütterung begab man sich
in das Gewächshaus, mit seinen seltsamen Kakteen und
Schlingpflanzen, und in die Orangerie. Von dieser führte ein
Ausgang in den Wirtschaftshof.
Um der jungen Arztfrau ein Vergnügen zu bereiten, zeigte ihr der
Marquis die Ställe. Über den korbartigen Raufen waren
Porzellanschilder angebracht, auf denen in schwarzen Buchstaben
die Namen der Pferde standen. Man blieb an den einzelnen Boxen
stehen, und wenn man mit der Zunge schnalzte, scharrten die Tiere.
Die Dielen in der Sattel- und Geschirrkammer waren blank gewichst
wie Salonparkett. Die Wagengeschirre ruhten in der Mitte des
Raumes auf drehbaren Böcken, während die Kandaren, Trensen,
Kinnketten, Steigbügel, Zügel und Peitschen wohlgeordnet zu Reihen
an den Wänden hingen.
Karl bat einen Stallburschen, sein Gefährt zurechtzumachen. Sodann
fuhr er vor. Das ganze Gepäck ward aufgepackt. Das Ehepaar Bovary
bedankte und verabschiedete sich bei dem Marquis und der Marquise.
Und heim ging es nach Tostes.
Schweigsam sah Emma dem Drehen der Räder zu. Karl saß auf dem
äußersten Ende des Sitzes und kutschierte mit abstehenden
Ellbogen. Das kleine Pferd lief im Zotteltrab dahin, in seiner
Gabel, die ihm viel zu weit war. Die schlaffen Zügel tanzten auf
der Kruppe des Gaules. Gischt flatterte. Der Koffer, der hinten
angeschnallt war, saß nicht recht fest und polterte in einem fort
im Takte an den Wagenkasten.
Auf der Höhe von Thibourville wurden sie plötzlich von ein paar
Reitern überholt. Lachende Gesichter und Zigarettenrauch. Emma
glaubte, den Vicomte zu bemerken. Sie schaute ihm nach, aber sie
vermochte nichts zu erkennen als die Konturen der Reiter, die sich
vom Himmel abhoben und sich im Rhythmus des Trabes auf und nieder
bewegten.
Wenige Minuten später mußten sie Halt machen, um die zerrissene
Hemmkette mit einem Strick festzubinden. Als Karl das ganze
Geschirr noch einmal überblickte, gewahrte er zwischen den Beinen
seines Pferdes einen Gegenstand liegen. Er hob eine Zigarrentasche
auf; sie war mit grüner Seide gestickt und auf der Mitte der
Oberseite mit einem Wappen geschmückt.
»Es sind sogar zwei Zigarren drin!« sagte er. »Die kommen heute
abend nach dem Essen dran!«
»Du rauchst demnach?« fragte Emma.
»Manchmal! Gelegentlich!«
Er steckte seinen Fund in die Tasche und gab dem Gaul eins mit der
Peitsche.
Als sie zu Hause ankamen, war das Mittagessen noch nicht fertig.
Frau Bovary war unwillig darüber. Anastasia gab eine dreiste
Antwort.
»Scheren Sie sich fort« rief Emma. »Sie machen sich über mich
lustig. Sie sind entlassen!«
Zu Tisch gab es Zwiebelsuppe und Kalbfleisch mit Sauerkraut. Karl
saß seiner Frau gegenüber. Er rieb sich die Hände und meinte
vergnügt:
»Zu Hause ists doch am schönsten!«
Man hörte, wie Anastasia draußen weinte. Karl hatte das arme Ding
gern. Ehedem, in der trostlosen Einsamkeit seiner Witwerzeit,
hatte sie ihm so manchen Abend Gesellschaft geleistet. Sie war
seine erste Patientin gewesen, seine älteste Bekannte in der
ganzen Gegend.
»Hast du ihr im Ernst gekündigt?« fragte er nach einer Weile.
»Gewiß! Warum soll ich auch nicht?« gab Emma zur Antwort.
Nach Tisch wärmten sich die beiden in der Küche, während die Große
Stube wieder in Ordnung gebracht wurde. Karl brannte sich eine der
Zigarren an. Er rauchte mit aufgeworfenen Lippen und spuckte dabei
aller Minuten, und bei jedem Zuge lehnte er sich zurück, damit ihm
der Rauch nicht in die Nase stieg.
»Das Rauchen wird dir nicht bekommen!« bemerkte Emma verächtlich.
Karl legte die Zigarre weg, lief schnell an die Plumpe und trank
gierig ein Glas frisches Wasser. Währenddessen nahm Emma die
Zigarrentasche und warf sie rasch in einen Winkel des Schrankes.
Der Tag war endlos: dieser Tag nach dem Feste!
Emma ging in ihrem Gärtchen spazieren. Immer dieselben Wege auf
und ab wandelnd, blieb sie vor den Blumenbeeten stehen, vor dem
Obstspalier, vor dem tönernen Mönch, und betrachtete sich alle
diese ihr so wohlbekannten alten Dinge voll Verwunderung. Wie weit
hinter ihr der Ballabend schon lag! Und was war es, das sich
zwischen vorgestern und heute abend wie eine breite Kluft drängte?
Diese Reise nach Vaubyessard hatte in ihr Leben einen tiefen Riß
gerissen, einen klaffenden Abgrund, wie ihn der Sturm zuweilen in
einer einzigen Nacht in den Bergen aufwühlt. Trotzdem kam eine
gewisse Resignation über sie. Wie eine Reliquie verwahrte sie ihr
schönes Ballkleid in ihrem Schranke, sogar die Atlasschuhe, deren
Sohlen vom Parkettwachs eine bräunliche Politur bekommen hatten.
Emmas Herz ging es wie ihnen. Bei der Berührung mit dem Reichtum
war etwas daran haften geblieben für immerdar.
An den Ball zurückdenken, wurde für Emma eine besondre
Beschäftigung. An jedem Mittwoche wachte sie mit dem Gedanken auf:
»Ach, heute vor acht Tagen war es!« -- »Heute vor vierzehn Tagen
war es!« -- »Heute vor drei Wochen war es!« Allmählich aber
verschwammen in ihrem Gedächtnisse die einzelnen Gesichter, die
sie im Schlosse gesehen hatte. Die Melodien der Tänze entfielen
ihr. Sie vergaß, wie die Gemächer und die Livreen ausgesehen
hatten. Immer mehr schwanden ihr die Einzelheiten, aber ihre
Sehnsucht blieb zurück.
Neuntes Kapitel
Oft, wenn Karl unterwegs war, holte Emma die grünseidene
Zigarrentasche aus dem Schrank, wo sie unter gefalteter Wäsche
verborgen lag. Sie betrachtete sie, öffnete sie und sog sogar den
Duft ihres Futters ein, das nach Lavendel und Tabak roch. Wem
mochte sie gehört haben? Dem Vicomte? Vielleicht war es ein
Geschenk seiner Geliebten. Gewiß hatte sie die Stickerei auf einem
kleinen Rahmen von Polisanderholz angefertigt, ganz heimlich, in
vielen, vielen Stunden, und die weichen Locken der träumerischen
Arbeiterin hatten die Seide gestreift. Ein Hauch von Liebe wehte
aus den Stichen hervor. Mir jedem Faden war eine Hoffnung oder
eine Erinnerung eingestickt worden, und alle diese kleinen
Seidenkreuzchen waren das Denkmal einer langen stummen
Leidenschaft. Und dann, eines Morgens, hatte der Vicomte die
Tasche mitgenommen. Wovon hatten die beiden wohl geplaudert, als
sie noch auf dem breiten Simse des Kamines zwischen Blumenvasen
und Stutzuhren aus den Zeiten der Pompadour lag?
Jetzt war der Vicomte wohl in Paris. Weit weg von ihr und von
Tostes! Wie mochte dieses Paris sein? Welch geheimnisvoller Name!
Paris! Sie flüsterte das Wort immer wieder vor sich hin. Es machte
ihr Vergnügen. Es raunte ihr durch die Ohren wie der Klang einer
großen Kirchenglocke. Es flammte ihr in die Augen, wo es auch
stand, selbst von den Etiketten ihrer Pomadenbüchsen.
Nachts, wenn die Seefischhändler unten auf der Straße vorbeifuhren
mit ihren Karren und die »Majorlaine« sangen, ward sie wach. Sie
lauschte dem Rasseln der Räder, bis die Wagen aus dem Dorfe hinaus
waren und es wieder still wurde.
»Morgen sind sie in Paris!« seufzte die Einsame. Und in ihren
Gedanken folgte sie den Fahrzeugen über Berg und Tal, durch Dörfer
und Städte, immer die große Straße hin in der lichten
Sternennacht. Aber weiter weg gab es ein verschwommenes Ziel, wo
ihre Träume versagten. Sie kaufte sich einen Plan von Paris und
machte mit dem Fingernagel lange Wanderungen durch die Weltstadt.
Sie lief auf den Boulevards hin, blieb an jeder Straßenecke
stehen, an jedem Hause, das im Stadtplan eingezeichnet war. Wenn
ihr die Augen schließlich müde wurden, schloß sie die Lider, und
dann sah sie im Dunkeln, wie die Flammen der Laternen im Winde
flackerten und wie die Kutschen vor dem Portal der Großen Oper
donnernd vorfuhren.
Sie abonnierte auf den »Bazar« und die »Modenwelt« und studierte
auf das gewissenhafteste alle Berichte über die Premieren, Rennen
und Abendgesellschaften. Sie war unterrichtet, wenn berühmte
Sängerinnen Gastspiele gaben oder neue Warenhäuser eröffnet
wurden; sie kannte die neuesten Moden, die Adressen der guten
Schneider; sie wußte, an welchen Tagen die vornehme Gesellschaft
im Bois und in der Oper zu finden war. Aus den Moderomanen lernte
sie, wie die Pariser Wohnungen eingerichtet waren. Sie las Balzac
und die George Sand, um wenigstens in der Phantasie ihre
Begehrlichkeit zu befriedigen. Sie brachte diese Bücher sogar mit
zu den Mahlzeiten und las darin, während Karl aß und ihr erzählte.
Und was sie auch las, überallhinein drangen ihre Reminiszenzen an
den Vicomte. Zwischen ihm und den Romangestalten fand sie
allerhand Beziehungen. Aber allmählich erweiterte sich der
Ideenkreis, dessen Mittelpunkt er war, und der Heiligenschein, den
er getragen hatte, erblich schließlich, um auf andren
Idealgeschöpfen wieder aufzuflammen.
Unermeßlich wie das Weltmeer, in der Sonne eines Wunderhimmels, so
stand Paris vor Emmas Phantasie. Das tausendfältige Leben, das
sich in diesem Babylon abspielt, war gleichwohl für sie auf ganz
bestimmte Einzelheiten beschränkt, die sie im Geiste in deutlichen
Bildern sah. Neben diesen -- man könnte sagen -- Symbolen des
mondänen Lebens trat alles andre in Dunkel und Dämmerung zurück.
Das Dasein der Hofmenschen, so wie sie sichs vorstellte, spielte
sich auf glänzendem Parkett ab, in Spiegelsälen, um ovale Tische,
auf denen Samtdecken mit goldnen Fransen liegen. Dazu
Schleppkleider, Staatsgeheimnisse und tausend Qualen hinter
heuchlerischem Lächeln. Das Milieu des höchsten Adels bildete sie
sich folgendermaßen ein: Vornehme bleiche Gesichter; man steht
früh um vier Uhr auf; die Damen, allesamt unglückliche Engel,
tragen Unterröcke aus irischen Spitzen; die Männer, verkannte
Genies, kokettierend mit der Maske der Oberflächlichkeit, reiten
aus Übermut ihre Vollblüter zuschanden, die Sommersaison
verbringen sie in Baden-Baden, und wenn sie vierzig Jahre alt
geworden sind, heiraten sie zu guter Letzt reiche Erbinnen. Die
dritte Welt, von der Emma träumte, war das bunte Leben und Treiben
der Künstler, Schriftsteller und Schauspielerinnen, das sich in
den separierten Zimmern der Restaurants abspielt, wo man nach
Mitternacht bei Kerzenschein soupiert und sich austollt. Diese
Menschen sind die Verschwender des Lebens, Könige in ihrer Art,
voller Ideale und Phantastereien. Ihr Dasein verläuft hoch über
dem Alltag, zwischen Himmel und Erde, in Sturm und Drang.
Alles andre in der Welt war für Emma verloren, wesenslos, so gut
wie nicht vorhanden. Je näher ihr die Dinge übrigens standen, um
so weniger berührten sie ihr Innenleben. Alles, was sie
unmittelbar umgab: die eintönige Landschaft, die kleinlichen
armseligen Spießbürger, ihr ganzes Durchschnittsdasein kam ihr wie
ein Winkel der eigentlichen Welt vor. Er existierte zufällig, und
sie war in ihn verbannt. Aber draußen vor seinen Toren, da begann
das weite, weite Reich der Seligkeiten und Leidenschaften. In der
Sehnsucht ihres Traumlebens flossen Wollust und Luxus mit den
Freuden des Herzens, erlesene Lebensführung mit Gefühlsfeinheiten
ineinander. Bedarf die Liebe, ähnlich wie die Pflanzen der Tropen,
nicht ihres eigenen Bodens und ihrer besondren Sonne? Seufzer bei
Mondenschein, innige Küsse, Tränen, vergossen auf hingebungsvolle
Hände, Fleischeslust und schmachtende Zärtlichkeit, alles das war
ihr unzertrennlich von stolzen Schlössern voll müßigen Lebens, von
Boudoiren mit seidnen Vorhängen und dicken Teppichen, von
blumengefüllten Vasen, von Himmelbetten, von funkelnden Brillanten
und goldstrotzender Dienerschaft.
Der Postkutscher, der allmorgentlich in seiner zerrissenen
Stalljacke, die bloßen Füße in Holzpantoffeln, kam, um die Stute
zu füttern und zu putzen, klapperte jedesmal durch die Hausflur.
Das war der Groom in Kniehosen. Mit dem mußte sie zufrieden sein.
Wenn er fertig war, ließ er sich den ganzen Tag über nicht wieder
blicken. Karl pflegte nämlich sein Pferd, wenn er es geritten
hatte, selbst einzustellen. Während er Sattel und Zäumung aufhing,
warf die Magd dem Tiere ein Bund Heu vor.
Nachdem Anastasia unter tausend Tränen wirklich das Haus verlassen
hatte, nahm Emma an ihrer Stelle ein junges Mädchen in Dienst,
eine Waise von vierzehn Jahren, ein sanftmütiges Wesen. Sie zog
sie nett an, brachte ihr höfliche Manieren bei, lehrte sie, ein
Glas Wasser auf dem Teller zu reichen, vor dem Eintreten in ein
Zimmer anzuklopfen, unterrichtete sie im Plätten und Bügeln der
Wäsche und ließ sich von ihr beim Ankleiden helfen. Mit einem
Worte, sie bildete sich eine Kammerzofe aus. Felicie -- so hieß
das neue Mädchen -- gehorchte ihr ohne Murren. Es gefiel ihr im
Hause. Die Hausfrau pflegte den Büfettschlüssel stecken zu lassen.
Felicie nahm sich alle Abende einige Stücke Zucker und verzehrte
sie, wenn sie allein war, im Bett, nachdem sie ihr Gebet
gesprochen hatte. Nachmittags, wenn Frau Bovary wie gewöhnlich
oben in ihrem Zimmer blieb, ging sie ein wenig in die
Nachbarschaft klatschen.
Emma kaufte sich eine Schreibunterlage, Briefbogen, Umschläge und
einen Federhalter, obgleich sie niemanden hatte, an den sie hätte
schreiben können. Häufig besah sie sich im Spiegel. Mitunter nahm
sie ein Buch zur Hand, aber beim Lesen verfiel sie in Träumereien
und ließ das Buch in den Schoß sinken. Am liebsten hätte sie eine
große Reise gemacht oder wäre wieder in das Kloster gegangen. Der
Wunsch zu sterben und die Sehnsucht nach Paris beherrschten sie in
der gleichen Minute.
Karl trabte indessen bei Wind und Wetter seine Landstraßen hin. Er
frühstückte in den Gehöften, griff in feuchte Krankenbetten, ließ
sich beim Aderlassen das Gesicht voll Blut spritzen, hörte dem
Röcheln Sterbender zu, prüfte den Inhalt von Nachttöpfen und zog
so und so oft schmutzige Hemden hoch. Abends aber fand er immer
ein gemütliches Feuer im Kamin, einen nett gedeckten Tisch, den
zurechtgesetzten Großvaterstuhl und eine allerliebst angezogene
Frau. Ein Duft von Frische ging von ihr aus; wer weiß, was das
war, ein Odeur, ihre Wäsche oder ihre Haut?
Eine Menge andrer seltsamer Kleinigkeiten war sein Entzücken. Sie
erfand neue Papiermanschetten für die Leuchter, oder sie besetzte
ihren Rock mit einem koketten Volant, oder sie taufte ein ganz
gewöhnliches Gericht mit einem putzigen Namen, weil es ihm
herrlich geschmeckt und er es bis auf den letzten Rest vertilgt
hatte, obgleich es dem Mädchen greulich mißraten war. Einmal sah
sie in Rouen, daß die Damen an ihren Uhrketten allerlei Anhängsel
trugen; sie kaufte sich auch welche. Ein andermal war es ihr
Wunsch, auf dem Kamine ihres Zimmers zwei große Vasen aus blauem
Porzellan stehen zu haben, oder sie wollte ein Nähkästchen aus
Elfenbein mit einem vergoldeten Fingerhut. So wenig Karl diese
eleganten Neigungen begriff, so sehr übten sie doch auch auf ihn
eine verführerische Wirkung aus. Sie erhöhten die Freuden seiner
Sinnlichkeit und verliehen seinem Heim einen süßen Reiz mehr. Es
war, als ob Goldstaub auf den Pfad seines Lebens fiel.
Er sah gesund und würdevoll aus, und sein Ansehen als Arzt stand
längst fest. Die Bauern mochten ihn gern, weil er gar nicht stolz
war. Er streichelte die Kinder, ging niemals in ein Wirtshaus und
flößte jedermann durch seine Solidität Vertrauen ein. Er war
Spezialist für Hals- und Lungenleiden. In Wirklichkeit rührten
seine Erfolge daher, daß er Angst hatte, die Leute zu Tode zu
kurieren, und ihnen darum mit Vorliebe nur beruhigende Arzneien
verschrieb und ihnen hin und wieder ein Abführmittel, ein Fußbad
oder einen Blutegel verordnete. In der Chirurgie war er allerdings
ein Stümper. Er schnitt drauflos wie ein Fleischermeister, und
Zähne zog er wie der Satan.
Um sich in seinem Handwerk »auf dem laufenden zu halten«, war er
auf die »Medizinische Wochenschrift« abonniert, von der ihm einmal
ein Prospekt zugegangen war. Abends nach der Hauptmahlzeit nahm er
sie gewöhnlich zur Hand, aber die warme Zimmerluft und die
Verdauungsmüdigkeit brachten ihn regelmäßig nach fünf Minuten zum
Einschlafen. Das Haupt sank ihm dann auf den Tisch, und sein Haar
fiel wie eine Löwenmähne vornüber nach dem Fuße der Tischlampe zu.
Emma sah sich dieses Bild verächtlich an. Wenn ihr Mann nur
wenigstens eine der stillen Leuchten der Wissenschaft gewesen
wäre, die nachts über ihren Büchern hocken und mit sechzig Jahren,
wenn sich das Zipperlein einstellt, den Verdienstorden in das
Knopfloch ihres schlecht sitzenden schwarzen Rockes gehängt
bekommen! Der Name Bovary, der ja auch der ihre war, hätte
Bedeutung haben müssen in der Fachliteratur, in den Zeitungen, in
ganz Frankreich! Aber Karl hegte so gar keinen Ehrgeiz. Ein Arzt
aus Yvetot, mit dem er unlängst gemeinsam konsultiert worden war,
hatte ihn in Gegenwart des Kranken und im Beisein der Verwandten
blamiert. Als Karl ihr abends die Geschichte erzählte, war Emma
maßlos empört über den Kollegen. Karl küßte ihr gerührt die Stirn.
Die Tränen standen ihm in den Augen. Sie war außer sich vor Scham
ob der Demütigung ihres Mannes und hätte ihn am liebsten
verprügelt. Um sich zu beruhigen, eilte sie auf den Gang hinaus,
öffnete das Fenster und sog die kühle Nachtluft ein.
»Ach, was habe ich für einen erbärmlichen Mann!« klagte sie leise
vor sich hin und biß sich auf die Lippen.
Er wurde ihr auch sonst immer widerwärtiger. Mit der Zeit nahm er
allerlei unmanierliche Gewohnheiten an. Beim Nachtisch
zerschnippselte er den Kork der leeren Flasche; nach dem Essen
leckte er sich die Zähne mit der Zunge ab, und wenn er die Suppe
löffelte, schmatzte er bei jedem Schlucke. Er ward immer
beleibter, und seine an und für sich schon winzigen Augen drohten
allmählich gänzlich hinter seinen feisten Backen zu verschwinden.
Zuweilen schob ihm Emma den roten Saum seines Trikotunterhemdes
wieder unter den Kragen, zupfte die Krawatte zurecht oder
beseitigte ein Paar abgetragener Handschuhe, die er sonst noch
länger angezogen hätte. Aber dergleichen tat sie nicht, wie er
wähnte, ihm zuliebe. Es geschah einzig und allein aus nervöser
Reizbarkeit und egoistischem Schönheitsdrang. Mitunter erzählte
sie ihm Dinge, die sie gelesen hatte, etwa aus einem Roman oder
aus einem neuen Stücke, oder Vorkommnisse aus dem Leben der oberen
Zehntausend, die sie im Feuilleton einer Zeitung erhascht hatte.
Schließlich war Karl wenigstens ein aufmerksamer und geneigter
Zuhörer, und sie konnte doch nicht immer nur ihr Windspiel, das
Feuer im Kamin und den Perpendikel ihrer Kaminuhr zu ihren
Vertrauten machen!
Im tiefsten Grunde ihrer Seele harrte sie freilich immer des
großen Erlebnisses. Wie der Schiffer in Not, so suchte sie mit
verzweifelten Augen den einsamen Horizont ihres Daseins ab und
spähte in die dunstigen Fernen nach einem weißen Segel. Dabei
hatte sie gar keine bestimmte Vorstellung, ob ihr der richtige
Kurs oder der Zufall das ersehnte Schiff zuführen solle, nach
welchem Gestade sie dann auf diesem Fahrzeuge steuern würde,
welcher Art dieses Schiff überhaupt sein solle, ob ein schwaches
Boot oder ein großer Ozeandampfer, und mit welcher Fracht er
fahre, mit tausend Ängsten oder mit Glückseligkeiten beladen bis
hinauf in die Wimpel. Aber jeden Morgen, wenn sie erwachte,
rechnete sie bestimmt darauf, heute müsse es sich ereignen. Bei
jedem Geräusch zuckte sie zusammen, fuhr sie empor und war dann
betroffen, daß es immer noch nicht kam, das große Erlebnis. Wenn
die Sonne sank, war sie jedesmal tieftraurig, aber sie hoffte von
neuem auf den nächsten Tag.
Der Frühling zog wieder in das Land. Als die Tage wärmer wurden
und die Birnbäume zu blühen begannen, litt Emma an Beklemmungen.
Dann ward es Sommer. Bereits Anfang Juli zählte sie sich an den
Fingern ab, wieviel Wochen es noch bis zum Oktober seien.
Vielleicht gäbe der Marquis von Andervilliers wieder einen Ball.
Aber der ganze September verstrich, ohne daß ein Brief oder ein
Besuch aus Vaubyessard kam. Nach dieser Enttäuschung war ihr Herz
wieder leer, und das ewige Einerlei ihres Lebens hub von neuem an.
Also sollten sich denn fortan ihre Tage aneinanderreihen wie die
Perlen an einer Schnur, jeder immer wieder gleich dem andern,
sollten kommen und gehen und nie etwas Neues bringen! So flach
auch das Leben andrer Leute war, sie hatten doch immerhin die
Möglichkeit eines außergewöhnlichen Geschehnisses. Ein Abenteuer
zieht häufig die unglaublichsten Umwälzungen nach sich und
verändert rasch die ganze Szene. Aber in ihrem Dasein blieb alles
beim alten. Das war ihr Schicksal! Die Zukunft lag vor ihr wie ein
langer stockfinsterer Gang, und die Tür ganz am Ende war fest
verriegelt.
Sie vernachlässigte die Musik. Wozu Klavier spielen? Wer hörte ihr
denn zu? Es war ihr doch niemals vergönnt, in einem
Gesellschaftskleid mit kurzen Ärmeln auf einem Konzertflügel vor
einer großen Zuhörerschaft vorzutragen, ihre flinken Finger über
die Elfenbeintasten hinstürmen zu lassen und das Murmeln der
Verzückung um sich zu hören wie das Rauschen des Zephirs. Wozu
also das mühevolle Einstudieren? Ebenso packte sie ihr
Zeichengerät und den Stickrahmen in den Schrank. Wozu das alles?
Wem zuliebe? Auch das Nähen ward ihr widerlich, und selbst das
Lesen ließ sie. »Es ist immer wieder dasselbe!« sagte sie sich.
Und so träumte sie vor sich hin, starrte in die Glut des Kamins
oder sah zu, wie draußen der Regen herniederfiel.
Am traurigsten waren ihr die Sonntagsnachmittage. Wenn es zur
Vesper läutete, hörte sie, vor sich hinbrütend, den dumpfen
Glockenschlägen zu. Eine Katze schlich über die Dächer, gemächlich
und langsam, und wo ein bißchen Sonne war, machte sie einen
Buckel. Auf der Landstraße blies der Wind Staubwirbel auf. In der
Ferne heulte ein Hund. Und zu allem dem, in einem fort, in
gleichen Zeiträumen, der monotone Glockenklang, der über den
Feldern verhallte.
Inzwischen kamen die Leute aus der Kirche. Die Frauen in
Lackschuhen, die Bauern in ihren Sonntagsblusen, die hin und her
laufenden Kinder in bloßen Köpfen. Alles ging heimwärts. Nur fünf
bis sechs Männer, immer dieselben, blieben vor dem Hoftor des
Gasthofes beim Stöpselspiel, bis es dunkel wurde.
Es kam ein kalter Winter. Jeden Morgen waren die Fensterscheiben
mit Eisblumen bedeckt, und das Tageslicht, das wie durch
mattgeschliffenes Glas hereindrang, blieb mitunter den ganzen Tag
über trüb. Von nachmittags vier Uhr an mußten die Lampen brennen.
An schönen Tagen ging Emma in den Garten hinunter. Der Rauhfrost
hatte über die Gräser ein silbernes Netz gewoben, dessen
glitzernde Maschen von Halm zu Halm gesponnen waren. Kein Vogel
sang. Die Natur schien zu schlafen. Das Spalier war mit Stroh
umwickelt, und die Weinstöcke hingen an der Mauer wie vereiste
Schlangen. Der lesende Mönch unter den Fichten an der Hecke hatte
den rechten Fuß verloren. Im Frost war die Glasur abgesprungen,
und graue Flecke entstellten ihm nun das Gesicht.
Nach einer Weile stieg sie wieder hinauf in ihr Zimmer, schloß
die Tür ab und schürte das Feuer im Kamine. In der Wärme des
Zimmers ward sie matt, und die Langeweile lastete schwerer auf
ihr. Gern wäre sie hinuntergelaufen, um mit dem Dienstmädchen zu
plaudern, aber dazu war sie zu stolz.
Alle Morgen um die nämliche Stunde öffnete drüben der
Schulmeister, sein schwarzseidnes Käppchen auf dem Kopfe, die
Fensterläden seiner Behausung. Dann marschierte der Landgendarm
mit seinem Säbel vorüber. Morgens und abends wurden die
Postpferde, immer drei auf einmal, zur Tränke nach dem Dorfteiche
vorbeigeführt. Von Zeit zu Zeit schellte die Türklingel
irgendeines Ladens; und wenn der Wind ging, hörte man die
Messingbecken, die als Aushängeschilder vor dem Barbiergeschäfte
hingen, an ihre Stange klirren. Das Schaufenster schmückten ein
altes auf Pappe ausgeklebtes Modenkupfer und eine weibliche
Wachsbüste mit einer gelben Perücke. Der Friseur pflegte über
seinen brotlosen Beruf und seine jammervolle Zukunft zu
lamentieren; sein höchster Traum war ein Laden in einer großen
Stadt, etwa in Rouen, am Kai, in der Nähe des Theaters. Mürrisch
wanderte er den ganzen Tag über zwischen dem Gemeindeamt und der
Kirche hin und her und lauerte auf Kundschaft. Sooft Frau Bovary
durch ihr Fenster blickte, sah sie ihn jedesmal in seinem braunen
Rock, die Zipfelmütze auf dem Haupte, wie einen Wachtposten hin
und her patrouillieren.
Am Nachmittag erschien zuweilen vor den Fenstern des Eßzimmers ein
sonnengebräunter Männerkopf mit einem schwarzen Schnurrbarte und
einem trägen Lächeln um den Mund, in dem die Zähne leuchteten.
Alsbald begann eine Walzermelodie aus einem Leierkasten, auf
dessen Deckel ein kleiner Ballsaal aufgebaut war mit daumenhohen
Figuren darin: Frauen in roten Kopftüchern, Tiroler in
Lodenjacken, Affen in schwarzen Röcken, Herren in Kniehosen; alle
tanzten sie zwischen den Sofas und Lehnstühlen und Tischen, wobei
sie sich in Spiegelstücken vervielfältigten, die mit Goldpapier
aneinandergereiht waren. Der Leierkastenmann drehte die Kurbel und
spähte dabei nach rechts und links nach allen Fenstern. Hin und
wieder spie er einen langen Strahl tabakbraunen Speichels gegen
die Prellsteine oder stieß mit dem Knie seinen Kasten in die Höhe,
dessen Gurt ihm die Schultern drückte. In einem fort, bald
schwermütig und schleppend, bald flott und lustig, dudelte die
Musik hinter dem roten Taftbezug, der unter einer schnörkelhaft
ausgestanzten Messingleiste an den Leierkasten angenagelt war. Es
waren Melodien, die gerade Mode waren und die man überall hörte,
in den Theatern, Salons und Tanzsälen, Klänge aus der fernen Welt,
die auf diese Weise die einsame Frau erreichten. Diese Klänge im
Dreivierteltakt wollten dann nicht wieder aus ihrem Kopfe weichen.
Wie die Bajadere über den Blumen ihres Teppichs, tanzten ihre
Gedanken im Rhythmus dieser Melodien und wiegten sich von Traum zu
Traum und von Trübsal zu Trübsal. Wenn der Mann die milden Gaben
in seiner Mütze gesammelt hatte, umhüllte er seinen Kasten mit
einem blauwollnen Überzug, nahm ihn auf den Rücken und verließ das
Dorf schweren Schrittes. Emma schaute ihm lange nach.
Am unerträglichsten waren ihr die Mahlzeiten im Eßzimmer unten im
Erdgeschoß. Der Ofen rauchte, die Türe knarrte, die Wände waren
feucht und der Fußboden kalt. Die ganze Bitternis ihres Daseins
schien ihr da auf ihrem Teller zu liegen, und aus dem Dampf des
ausgekochten Rindfleisches wehte ihr gleichsam der Brodem ihres
ihr so widerwärtig gewordenen Lebens entgegen. Karl aß und aß,
während sie ein paar Nüsse knackte oder, auf die Ellenbogen
gestützt, sich damit vergnügte, mit der Messerspitze allerlei
Linien in das Wachstuch zu kritzeln.
In der Wirtschaft ließ sie jetzt alles gehen, wie es ging. Ihre
Schwiegermutter, die einen Teil der Fastenzeit zu Besuch nach
Tostes kam, war ob dieses Wandels arg verdutzt. Emma, die erst in
ihrem Äußeren so akkurat und adrett gewesen war, lief nunmehr
tagelang in ihrem Morgenkleide umher, trug graue baumwollne
Strümpfe und fing an zu knausern und zu geizen. Sie meinte, man
müsse sich einschränken, da sie nicht reich seien, fügte aber
hinzu, sie sei höchst zufrieden und überaus glücklich, und in
Tostes gefalle es ihr über alle Maßen. Mit solch wunderlichen
Reden beschwichtigte sie die alte Frau Bovary. Im übrigen zeigte
sie sich für die guten Lehren der Schwiegermutter nicht
empfänglicher denn früher. Als diese gelegentlich die Bemerkung
machte, die Herrschaft sei für die Gottesfurcht der Dienstboten
verantwortlich, ward Emmas Antwort von einem so zornigen Blick und
einem so eiskalten Lächeln begleitet, daß die gute Frau ihr nicht
wieder zu nahe kam.
Emma wurde unzugänglich und launisch. Sie ließ sich besondre
Gerichte zubereiten, die sie dann aber nicht anrührte; an dem
einen Tage trank sie nichts als Milch und am andern ein Dutzend
Tassen Tee. Oft war sie nicht aus dem Hause zu bekommen, und bald
war ihr wieder die Stubenluft zum Ersticken. Sie sperrte alle
Fenster auf und konnte sich nicht leicht genug anziehen. Wenn sie
das Dienstmädchen angefahren hatte, machte sie ihr im nächsten
Augenblicke Geschenke oder ließ sie in die Nachbarschaft ausgehen.
Aus ähnlicher Bizarrerie warf sie bisweilen armen Leuten alles
Kleingeld hin, das sie bei sich hatte, obgleich sie eigentlich gar
nicht weichherzig und mitleidig war, just wie alle Menschen, die
auf dem Lande groß geworden sind und lebenslang etwas von der
Härte der väterlichen Hände in ihrem Herzen behalten.
Gegen Ende des Februars brachte Vater Rouault in Erinnerung an
seine Heilung persönlich eine prächtige Truthenne und blieb drei
Tage im Hause seines Schwiegersohnes. Während Karl auf Praxis war,
leistete ihm seine Tochter Gesellschaft. Er rauchte in ihrem
Zimmer, spuckte in den Kamin, schwatzte von Ernteaussichten,
Kälbern, Kühen, Hühnern und von den Gemeinderatssitzungen. Wenn er
wieder hinausgegangen war, schloß sie ihre Tür mit einem Gefühl
der Befriedigung ab, das ihr selber sonderbar vorkam.
Ihre Verachtung aller Menschen und Dinge verhehlte sie fortan
immer weniger. Bisweilen gefiel sie sich darin, die merkwürdigsten
Ansichten zu äußern. Sie tadelte, was andre für gut hielten, und
billigte Dinge, die für unnatürlich oder unmoralisch erklärt
wurden. Karl machte mitunter verwunderte Augen dazu.
Sollte dieses Jammerdasein ewig dauern? So fragte sie sich immer
wieder. Sollte sie niemals von hier fortkommen? Sie war doch
ebensoviel wert wie alle die Menschen, die glücklich waren! In
Vaubyessard hatte sie Herzoginnen gesehen, die plumper im Wuchs
waren als sie und ein gewöhnlicheres Benehmen hatten. Sie
verwünschte die Ungerechtigkeit ihres Schöpfers und drückte ihr
Haupt weinend an die Wände vor lauter Sehnsucht nach dem Tumult
der Welt, ihren nächtlichen Maskeraden und frechen Freuden und
allen den Tollheiten, die sie nicht kannte und die es doch gab.
Sie wurde immer blasser und litt an Herzklopfen. Karl verordnete
ihr Baldriantropfen und Kampferbäder. Das machte sie nur noch
reizsamer.
An manchen Tagen redete sie ohne Unterlaß wie eine Fieberkranke.
Dieser Aufgeregtheit folgte ein plötzlicher Umschlag in einen
Zustand von Empfindungslosigkeit. Dann lag sie stumm da, ohne sich
zu rühren, und es wirkte bei ihr nur ein Belebungsmittel: das
Übergießen mit Kölnischem Wasser.
Dieweil sie sich fortwährend über Tostes beklagte, bildete sich
Karl ein, ihr Leiden sei zweifellos durch irgendwelchen örtlichen
Einfluß verursacht, und so begann er ernstlich daran zu denken,
sich in einer andren Gegend niederzulassen.
Um diese Zeit fing Emma an, Essig zu trinken, weil sie mager
werden wollte. Sie bekam einen leichten trocknen Husten und verlor
jegliche Eßlust.
Es fiel Karl sehr schwer, Tostes aufzugeben, wo er gerade jetzt,
nach vierjähriger Praxis, ein gemachter Mann war. Indessen, es
mußte sein! Er ließ Emma in Rouen von seinem ehemaligen
Lehrmeister untersuchen. Es sei ein nervöses Leiden;
Luftveränderung wäre vonnöten.
Karl zog nun allerorts Erkundigungen ein, und da brachte er in
Erfahrung, daß im Bezirk von Neufchâtel in einem größeren
Marktflecken namens Abtei Yonville der bisherige Arzt, ein
polnischer Refügié, in der vergangenen Nacht das Weite gesucht
hatte. Er schrieb an den dortigen Apotheker und erkundigte sich,
wieviel Einwohner der Ort habe, wie weit die nächsten Kollegen
entfernt säßen und wie hoch die Jahreseinnahme des Verschwundenen
gewesen sei. Die Antwort fiel befriedigend aus, und infolgedessen
entschloß sich Bovary, zu Beginn des kommenden Frühjahres nach
Abtei Yonville überzusiedeln, falls sich Emmas Zustand noch nicht
gebessert habe.
Eines Tages kramte Emma des bevorstehenden Umzuges wegen in einem
Schubfache. Da riß sie sich in den Finger und zwar an einem der
Drähte ihres Hochzeitsstraußes. Die Orangenknospen waren grau vor
Staub, und das Atlasband mit der silbernen Franse war ausgefranst.
Sie warf den Strauß in das Feuer. Er flackerte auf wie trocknes
Stroh. Eine Weile glühte er noch wie ein feuriger Busch über der
Asche, dann sank er langsam in sich zusammen. Nachdenklich sah
Emma zu. Die kleinen Beeren aus Pappmasse platzten, die Drähte
krümmten sich, die Silberfransen schmolzen. Die verkohlte
Papiermanschette zerfiel, und die Stücke flatterten im Kamine hin
und her wie schwarze Schmetterlinge, bis sie in den Rauchfang
hinaufflogen ...
Bei dem Weggange von Tostes, im März, ging Frau Bovary einer guten
Hoffnung entgegen.
Zweites Buch
Erstes Kapitel
Abtei Yonville (so genannt nach einer ehemaligen Kapuzinerabtei,
von der indessen nicht einmal mehr die Ruinen stehen) ist ein
Marktflecken, acht Wegstunden östlich von Rouen, zwischen der
Straße von Abbeville und der von Beauvais. Der Ort liegt im Tale
der Rieule, eines Nebenflüßchens der Andelle. Nahe seiner
Einmündung treibt der Bach drei Mühlen. Er hat Forellen, nach
denen die Dorfjungen reihenweise an den Sonntagen zu ihrer
Belustigung angeln.
Man verläßt die Heeresstraße bei La Boissière und geht auf der
Hochebene bis zur Höhe von Leux, wo man das Tiefland offen vor
sich liegen sieht. Der Fluß teilt es in zwei deutlich
unterscheidbare Hälften: zur Linken Weideland, rechts ist alles
bebaut. Diese Prärie, die sich bis zu den Triften der Landschaft
Pray hinzieht, wird von einer ganz niedrigen Hügelkette begrenzt,
während die Ebene gegen Osten allmählich ansteigt und sich im
Unermeßlichen verliert. So weit das Auge reicht, schweift es über
meilenweite Kornfelder. Das Gewässer sondert wie mit einem langen
weißen Strich das Grün der Wiesen von dem Blond der Äcker, und so
liegt das ganze Land unten ausgebreitet da wie ein riesiger gelber
Mantel mit einem grünen silberngesäumten Samtkragen.
Fern am Horizont erkennt man geradeaus den Eichwald von Argueil
und die steilen Abhänge von Sankt Johann mit ihren eigentümlichen,
senkrechten, ungleichmäßigen roten Strichen. Das sind die Wege,
die sich das Regenwasser sucht; und die roten Streifen auf dem
Grau der Berge rühren von den vielen eisenhaltigen Quellen drinnen
im Gebirge her, die ihr Wasser nach allen Seiten hinab ins Land
schicken.
Man steht auf der Grenzscheide der Normandie, der Pikardie und der
Ile-de-France, inmitten eines von der Natur stiefmütterlich
behandelten Geländes, das weder im Dialekt seiner Bewohner noch in
seinem Landschaftsbilde besondre Eigenheiten aufweist. Von hier
kommen die allerschlechtesten Käse des ganzen Bezirks von
Neufchâtel. Allerdings ist die Bewirtschaftung dieser Gegend
kostspielig, da der trockene steinige Sandboden viel Dünger
verlangt.
Bis zum Jahre 1835 führte keine brauchbare Straße nach Yonville.
Erst um diese Zeit wurde ein sogenannter »Hauptvizinalweg«
angelegt, der die beiden großen Heeresstraßen von Abbeville und
von Amiens untereinander verbindet und bisweilen von den
Fuhrleuten benutzt wird, die von Rouen nach Flandern fahren. Aber
trotz dieser »neuen Verbindungen« gelangte Yonville zu keiner
rechten Entwicklung. Anstatt sich mehr auf den Getreidebau zu
legen, blieb man hartnäckig immer noch bei der
Weidebewirtschaftung, so kargen Gewinn sie auch brachte; und die
träge Bewohnerschaft baut sich auch noch heute lieber nach dem
Berge statt nach der Ebene zu an. Schon von weitem sieht man den
Ort am Ufer lang hingestreckt liegen, wie einen Kuhhirten, der
sich faulenzend am Bache hingeworfen hat.
Von der Brücke, die über die Rieule führt, geht der mit Pappeln
besäumte Fahrweg in schnurgerader Linie nach den ersten Gehöften
des Ortes. Alle sind sie von Hecken umschlossen. Neben den
Hauptgebäuden sieht man allerhand ordnungslos angelegte
Nebenhäuschen, Keltereien, Schuppen und Brennereien, dazwischen
buschige Bäume, an denen Leitern, Stangen, Sensen und andres Gerät
hängen oder lehnen. Die Strohdächer sehen wie bis an die Augen ins
Gesicht hereingezogene Pelzmützen aus; sie verdecken ein Drittel
der niedrigen Butzenscheibenfenster. Da und dort rankt sich dürres
Spalierobst an den weißen, von schwarzem Gebälk durchquerten
Kalkwänden der Häuser empor. Die Eingänge im Erdgeschoß haben
drehbare Halbtüren, damit die Hühner nicht eindringen, die auf den
Schwellen in Apfelwein aufgeweichte Brotkrumen aufpicken.
Allmählich werden die Höfe enger, die Gebäude rücken näher
aneinander, und die Hecken verschwinden. An einem der Häuser
hängt, schaukelnd an einem Besenstiel zum Fenster heraus, ein
Bündel Farnkraut. Hier ist die Schmiede; ein Wagen und zwei oder
drei neue Karren stehen davor und versperren die Straße. Weiterhin
leuchtet durch die offene Pforte der Gartenmauer ein weißes
Landhaus, eine runde Rasenfläche davor mit einem Amor in der
Mitte, der sich den Finger vor den Mund hält. Die Freitreppe
flankieren zwei Vasen aus Bronze. Ein Amtsschild mit Wappen glänzt
am Tore. Es ist das Haus des Notars, das schönste der ganzen
Gegend.
Zwanzig Schritte weiter, auf der andern Seite der Straße, beginnt
der Marktplatz mit der Kirche. In dem kleinen Friedhofe um sie
herum, den eine niedrige Mauer von Ellbogenhöhe umschließt, liegt
Grabplatte an Grabplatte. Diese alten Steine bilden geradezu ein
Pflaster, auf das aus den Ritzen hervorschießendes Gras grüne
Rechtecke gezeichnet hat. Die Kirche selbst ist ein Neubau aus der
letzten Zeit der Regierung Karls des Zehnten. Das hölzerne Dach
beginnt bereits morsch zu werden. Auf dem blauen Anstrich der
Decke über dem Schiff zeigen sich stellenweise schwarze Flecken.
Über dem Eingang befindet sich da, wo gewöhnlich sonst in der
Kirche die Orgel ist, eine Empore für die Männer, zu der eine
Wendeltreppe hinaufführt, die laut dröhnt, wenn man sie betritt.
Das Tageslicht flutet in schrägen Strahlen durch die farblosen
Scheiben auf die Bankreihen hernieder, die sich von Längswand zu
Längswand hinziehen. Vor manchen Sitzen sind Strohmatten
befestigt, und Namensschilder verkünden weithin sichtbar: »Platz
des Herrn Soundso.« Wo sich das Schiff verengert, steht der
Beichtstuhl und ihm gegenüber ein Standbild der Madonna, die ein
Atlasgewand und einen Schleier, mit lauter silbernen Sternen
besät, trägt. Ihre Wangen sind genau so knallrot angemalt wie die
eines Götzenbildes auf den Sandwichinseln. Im Chor über dem
Hochaltar schimmert hinter vier hohen Leuchtern die Kopie einer
Heiligen Familie von Pietro Perugino, eine Stiftung der Regierung.
Die Chorstühle aus Fichtenholz sind ohne Anstrich.
Fast die Hälfte des Marktplatzes von Yonville nehmen »die Hallen«
ein: ein Ziegeldach auf etlichen zwanzig Holzsäulen. Das Rathaus,
nach dem Entwurfe eines Pariser Architekten in antikem Stil
erbaut, steht in der jenseitigen Ecke des Platzes neben der
Apotheke. Das Erdgeschoß hat eine dorische Säulenhalle, der erste
Stock eine offene Galerie, und darüber im Giebelfelde haust ein
gallischer Hahn, der mit der einen Klaue das Gesetzbuch umkrallt
und in der andern die Wage der Gerechtigkeit hält.
Das Augenmerk des Fremden fällt immer zuerst auf die Apotheke des
Herrn Homais, schräg gegenüber vom »Gasthof zum goldnen Löwen«.
Zumal am Abend, wenn die große Lampe im Laden brennt und ihr
helles, durch die bunten Flüssigkeiten in den dickbauchigen
Flaschen, die das Schaufenster schmücken sollen, rot und grün
gefärbtes Licht weit hinaus über das Straßenpflaster fällt, dann
sieht man den Schattenriß des über sein Pult gebeugten Apothekers
wie in bengalischer Beleuchtung. Außen ist sein Haus von oben bis
unten mit Reklameschildern bedeckt, die in allen möglichen
Schriftarten ausschreien: »Mineralwasser von Vichy«,
»Sauerbrunnen«, »Selterswasser«, »Kamillentee«, »Kräuterlikör«,
»Kraftmehl«, »Hustenpastillen«, »Zahnpulver«, »Mundwasser«,
»Bandagen«, »Badesalz«, »Gesundheitsschokolade« usw. usw. Auf der
Firma, die so lang ist wie der ganze Laden, steht in mächtigen
goldnen Buchstaben: »Homais, Apotheker«. Drinnen, hinter den
hohen, auf der Ladentafel festgeschraubten Wagen, liest man über
einer Glastüre das Wort »Laboratorium« und auf der Tür selbst noch
einmal in goldnen Lettern auf schwarzem Grunde den Namen »Homais«.
Weitere Sehenswürdigkeiten gibt es in Yonville nicht. Die
Hauptstraße (die einzige) reicht einen Büchsenschuß weit und hat
zu beiden Seiten ein paar Kramläden. An der Straßenbiegung ist der
Ort zu Ende. Wenn man vorher nach links abwendet und dem Hange
folgt, gelangt man hinab zum Gemeindefriedhof.
Zur Zeit der Cholera wurde ein Stück der Kirchhofsmauer
niedergelegt und der Friedhof durch Ankauf von drei Morgen Land
vergrößert, aber dieser ganze neue Teil ist so gut wie noch
unbenutzt geblieben. Wie vordem drängen sich die Grabhügel nach
dem Eingangstor zu zusammen. Der Pförtner, der zugleich auch
Totengräber und Kirchendiener ist und somit aus den Leichen der
Gemeinde eine doppelte Einnahme zieht, hat sich das unbenutzte
Land angeeignet, um darauf Kartoffeln zu erbauen. Aber von Jahr zu
Jahr vermindert sich sein bißchen Boden, und es brauchte bloß
wieder einmal eine Epidemie zu kommen, so wüßte er nicht, ob er
sich über die vielen Toten freuen oder über ihre neuen Gräber
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