In dieser Erwartung verging der Winter. Fräulein Rouault
beschäftigte sich mit ihrer Aussteuer. Ein Teil davon wurde in
Rouen bestellt. Die Hemden und Hauben stellte sie nach Schnitten,
die sie sich lieh, selbst her. Wenn Karl zu Besuch kam, plauderte
das Brautpaar von den Vorbereitungen zur Hochzeitsfeier. Es wurde
überlegt, in welchem Raume das Festmahl stattfinden, wieviel
Platten und Schüsseln auf die Tafel kommen und was für Vorspeisen
es geben solle.
Am liebsten hätte es Emma gehabt, wenn die Trauung auf nachts
zwölf Uhr bei Fackelschein festgesetzt worden wäre; aber für
solche Romantik hatte Vater Rouault kein Verständnis. Man einigte
sich also auf eine Hochzeitsfeier, zu der dreiundvierzig Gäste
Einladungen bekamen. Sechzehn Stunden wollte man bei Tisch sitzen
bleiben. Am nächsten Tage und an den folgenden sollte es so
weitergehen.
Viertes Kapitel
Die Hochzeitsgäste stellten sich pünktlich ein, in Kutschen,
Landauern, Einspännern, Gigs, Kremsern mit Ledervorhängen, in
allerlei Fuhrwerk moderner und vorsintflutlicher Art. Das junge
Volk aus den nächsten Nachbardörfern kam tüchtig durchgerüttelt im
Trabe in einem Heuwagen angefahren, aufrecht in einer Reihe
stehend, die Hände an den Seitenstangen, um nicht umzufallen.
Etliche eilten zehn Wegstunden weit herbei, aus Goderville,
Normanville und Cany. Die Verwandten beider Familien waren samt
und sonders geladen. Freunde, mit denen man uneins gewesen,
versöhnte man, und es war an Bekannte geschrieben worden, von
denen man wer weiß wie lange nichts gehört hatte.
Immer wieder vernahm man hinter der Gartenhecke Peitschengeknall.
Eine Weile später erschien der Wagen im Hoftor. Im Galopp ging es
bis zur Freitreppe, wo mit einem Rucke gehalten wurde. Die
Insassen stiegen nach beiden Seiten aus. Man rieb sich die Knie
und turnte mit den Armen. Die Damen, Hauben auf dem Kopfe, trugen
städtische Kleider, goldne Uhrketten, Umhänge mit langen Enden,
die sie sich kreuzweise umgeschlagen hatten, oder Schals, die mit
einer Nadel auf dem Rücken festgesteckt waren, damit sie hinten
den Hals frei ließen. Die Knaben, genau so angezogen wie ihre
Väter, fühlten sich in ihren Röcken sichtlich unbehaglich; viele
hatten an diesem Tage gar zum ersten Male richtige Stiefel an.
Ihnen zur Seite gewahrte man vierzehn- bis sechzehnjährige
Mädchen, offenbar ihre Basen oder älteren Schwestern, in ihren
weißen Firmelkleidern, die man zur Feier des Tages um ein Stück
länger gemacht hatte, alle mit roten verschämten Gesichtern und
pomadisiertem Haar, voller Angst, sich die Handschuhe nicht zu
beschmutzen. Da nicht Knechte genug da waren, um all die Wagen
gleichzeitig abzuspannen, streiften die Herren die Rockärmel hoch
und stellten ihre Pferde eigenhändig ein. Je nach ihrem
gesellschaftlichen Range waren sie in Fräcken, Röcken oder
Jacketts erschienen. Manche in ehrwürdigen Bratenröcken, die nur
bei ganz besonderen Festlichkeiten feierlich aus dem Schranke
geholt wurden; ihre langen Schöße flatterten im Winde, die Kragen
daran sahen aus wie Halspanzer, und die Taschen hatten den Umfang
von Säcken. Es waren auch Jacken aus derbem Tuch zum Vorschein
gekommen, meist im Verein mit messingumränderten Mützen; fernerhin
ganz kurze Röcke mit zwei dicht nebeneinandersitzenden großen
Knöpfen hinten in der Taille und mit Schößen, die so ausschauten,
als habe sie der Zimmermann mit einem Beile aus dem Ganzen
herausgehackt. Ein paar (einige wenige) Gäste -- und das waren
solche, die dann an der Festtafel gewiß am alleruntersten Ende zu
sitzen kamen -- trugen nur Sonntagsblusen mit breitem Umlegekragen
und Rückenfalten unter dem Gürtel.
Die steifen Hemden wölbten sich über den Brüsten wie Kürasse.
Durchweg hatte man sich unlängst das Haar schneiden lassen (um so
mehr standen die Ohren von den Schädeln ab!), und alle waren
ordentlich rasiert. Manche, die noch im Dunkeln aufgestanden
waren, hatten offenbar beim Rasieren nicht Licht genug gehabt und
hatten sich unter der Nase die Kreuz und die Quer geschnitten oder
hatten am Kinn Löcher in der Haut bekommen, groß wie Talerstücke.
Unterwegs hatten sich diese Wunden in der frischen Morgenluft
gerötet, und so leuchteten auf den breiten blassen
Bauerngesichtern große rote Flecke.
Das Gemeindeamt lag eine halbe Stunde vom Pachthofe entfernt.
Man begab sich zu Fuß dahin und ebenso zurück, nachdem die
Zeremonie in der Kirche stattgefunden hatte. Der Hochzeitszug war
anfangs wohlgeordnet gewesen. Wie ein buntes Band hatte er sich
durch die grünen Felder geschlängelt. Aber bald lockerte er sich
und zerfiel in verschiedene Gruppen, von denen sich die letzten
plaudernd verspäteten. Ganz vorn schritt ein Spielmann mit einer
buntbebänderten Fiedel. Dann kamen die Brautleute, darauf die
Verwandten, dahinter ohne besondre Ordnung die Freunde und zuletzt
die Kinder, die sich damit vergnügten, Ähren aus den Kornfeldern
zu rupfen oder sich zu jagen, wenn es niemand sah. Emmas Kleid,
das etwas zu lang war, schleppte ein wenig auf der Erde hin. Von
Zeit zu Zeit blieb sie stehen, um den Rock aufzuraffen. Dabei las
sie behutsam mit ihren behandschuhten Händen die kleinen
stacheligen Distelblätter ab, die an ihrem Kleide hängen geblieben
waren. Währenddem stand Karl mit leeren Händen da und wartete, bis
sie fertig war. Vater Rouault trug einen neuen Zylinderhut und
einen schwarzen Rock, dessen Ärmel ihm bis an die Fingernägel
reichten. Am Arm führte er Frau Bovary senior. Der alte Herr
Bovary, der im Grunde seines Herzens die ganze Sippschaft um sich
herum verachtete, war einfach in einem uniformähnlichen
einreihigen Rock erschienen. Ihm zur Seite schritt eine junge
blonde Bäuerin, die er mir derben Galanterien traktierte. Sie
hörte ihm respektvoll zu, wußte aber in ihrer Verlegenheit gar
nicht, was sie sagen sollte. Die übrigen Gäste sprachen von ihren
Geschäften oder ulkten sich gegenseitig an, um sich in fidele
Stimmung zu bringen. Wer aufhorchte, hörte in einem fort das
Tirilieren des Spielmannes, der auch im freien Felde weitergeigte.
Sooft er bemerkte, daß die Gesellschaft weit hinter ihm
zurückgeblieben war, machte er Halt und schöpfte Atem. Umständlich
rieb er seinen Fiedelbogen mit Kolophonium ein, damit die Saiten
schöner quietschen sollten, und dann setzte er sich wieder in
Bewegung. Er hob und senkte den Hals seines Instruments, um recht
hübsch im Takte zu bleiben. Die Fidelei verscheuchte die Vögel
schon von weitem.
Die Festtafel war unter dem Schutzdache des Wagenschuppens
aufgestellt. Es prangten darauf vier Lendenbraten, sechs Schüsseln
mit Hühnerfrikassee, eine Platte mit gekochtem Kalbfleisch, drei
Hammelkeulen und in der Mitte, umgeben von vier Leberwürsten in
Sauerkraut, ein köstlich knusprig gebratenes Spanferkel. An den
vier Ecken des Tisches brüsteten sich Karaffen mit Branntwein, und
in einer langen Reihe von Flaschen wirbelte perlender
Apfelweinsekt, während auf der Tafel bereits alle Gläser im voraus
bis an den Rand vollgeschenkt waren. Große Teller mit gelber
Creme, die beim leisesten Stoß gegen den Tisch zitterte und bebte,
vervollständigten die Augenweide. Auf der glatten Oberfläche
dieses Desserts prangten in umschnörkelten Monogrammen von
Zuckerguß die Anfangsbuchstaben der Namen von Braut und Bräutigam.
Für die Torten und Kuchen hatte man einen Konditor aus Yvetot
kommen lassen. Da dies sein Debüt in der Gegend war, hatte er sich
ganz besondre Mühe gegeben. Beim Nachtisch trug er eigenhändig ein
Prunkstück seiner Kunst auf, das ein allgemeines »Ah!« hervorrief.
Der Unterbau aus blauer Pappe stellte ein von Sternen aus
Goldpapier übersätes Tempelchen dar, mit einem Säulenumgang und
Nischen, in denen Statuen aus Marzipan standen. Im zweiten
Stockwerk rundete sich ein Festungsturm aus Pfefferkuchen, umbaut
von einer Brustwehr aus Bonbons, Mandeln, Rosinen und
Apfelsinenschnitten. Die oberste Plattform aber krönte über einer
grünen Landschaft aus Wiesen, Felsen und Teichen mit
Nußschalenschiffchen darauf (alles Zuckerwerk): ein niedlicher
Amor, der sich auf einer Schaukel aus Schokolade wiegte. In den
beiden kugelgeschmückten Schnäbeln der Schaukel steckten zwei
lebendige Rosenknospen.
Man schmauste bis zum Abend. Wer von dem zu langen Sitzen ermüdet
war, ging im Hof oder im Garten spazieren oder machte eine Partie
des in jener Gegend beliebten Pfropfenspiels mit und setzte sich
dann wieder an den Tisch. Ein paar Gäste schliefen gegen das Ende
des Mahles ein und schnarchten ganz laut. Aber beim Kaffee war
alles wieder munter. Man sang Lieder, vollführte allerlei
Kraftleistungen, stemmte schwere Steine, schoß Purzelbäume, hob
Schubkarren bis zur Schulterhöhe, erzählte gepfefferte Geschichten
und scharwenzelte mit den Damen.
Vor dem Aufbruch war es kein leichtes Stück Arbeit, den Pferden,
die allesamt der allzu reichlich vertilgte Hafer stach, die Kumte
und Geschirre aufzulegen. Die übermütigen Tiere stiegen, bockten
und schlugen aus, während die Herren und Kutscher fluchten und
lachten. Die ganze Nacht hindurch gab es auf den mondbeglänzten
Landstraßen in Karriere über Stock und Stein heimrasende
Fuhrwerke.
Die nachtüber in Bertaux bleibenden Gäste zechten am Küchentische
bis zum frühen Morgen weiter, während die Kinder unter den Bänken
schliefen.
Die junge Frau hatte ihren Vater besonders gebeten, sie vor den
herkömmlichen Späßen zu bewahren. Indessen machte sich ein Vetter
-- ein Seefischhändler, der als Hochzeitsgeschenk
selbstverständlich ein paar Seezungen gestiftet hatte -- doch
daran, einen Mund voll Wasser durch das Schlüsselloch des
Brautgemachs zu spritzen. Vater Rouault erwischte ihn gerade noch
rechtzeitig, um ihn daran zu hindern. Er machte ihm klar, daß sich
derartige Scherze mit der Würde seines Schwiegersohnes nicht
vertrügen. Der Vetter ließ sich durch diese Einwände nur
widerwillig von seinem Vorhaben abbringen. Insgeheim hielt er den
alten Rouault für aufgeblasen. Er setzte sich unten in eine Ecke
mir vier bis fünf andern Unzufriedenen, die während des Mahles bei
der Wahl der Fleischstücke Mißgriffe getan hatten. Diese
Unglücksmenschen räsonierten nun alle untereinander auf den
Gastgeber und wünschten ihm ungeniert alles Üble.
Die alte Frau Bovary war den ganzen Tag über aus ihrer
Verbissenheit nicht herausgekommen. Man hatte sie weder bei der
Toilette ihrer Schwiegertochter noch bei den Vorbereitungen zur
Hochzeitsfeier um Rat gefragt. Darum zog sie sich zeitig zurück.
Ihrem Manne aber fiel es nicht ein, mit zu verschwinden; er ließ
sich Zigarren holen und paffte bis zum Morgen, wozu er Grog von
Kirschwasser trank. Da diese Mischung den Dabeisitzenden unbekannt
war, staunte man ihn erst recht als Wundertier an.
Karl war kein witziger Kopf, und so hatte er während des Festes
gar keine glänzende Rolle gespielt. Gegen alle die Neckereien,
Späße, Kalauer, Zweideutigkeiten, Komplimente und Anulkungen, die
ihm der Sitte gemäß bei Tische zuteil geworden waren, hatte er
sich alles andre denn schlagfertig gezeigt. Um so mächtiger war
seine innere Wandlung. Am andern Morgen war er offensichtlich wie
neugeboren. Er und nicht Emma war tags zuvor sozusagen die
Jungfrau gewesen. Die junge Frau beherrschte sich völlig und ließ
sich nicht das geringste anmerken. Die größten Schandmäuler waren
sprachlos; sie standen da wie vor einem Wundertier. Karl freilich
machte aus seinem Glück kein Hehl. Er nannte Emma »mein liebes
Frauchen«, duzte sie, lief ihr überallhin nach und zog sie
mehrfach abseits, um allein mit ihr im Hofe unter den Bäumen ein
wenig zu plaudern, wobei er den Arm vertraulich um ihre Taille
legte. Beim Hin- und Hergehen kam er ihr mit seinem Gesicht ganz
nahe und zerdrückte mit seinem Kopfe ihr Halstuch.
Zwei Tage nach der Hochzeit brachen die Neuvermählten auf. Karl
konnte seiner Patienten wegen nicht länger verweilen. Vater
Rouault ließ das Ehepaar in seinem Wagen nach Haus fahren und gab
ihm persönlich bis Vassonville das Geleite. Beim Abschied küßte er
seine Tochter noch einmal, dann stieg er aus und machte sich zu
Fuß auf den Rückweg.
Nachdem er hundert Schritte gegangen war, blieb er stehen, um dem
Wagen nachzuschauen, der die sandige Straße dahinrollte. Dabei
seufzte er tief auf. Er dachte zurück an seine eigne Hochzeit, an
längstvergangne Tage, an die Zeit der ersten Mutterschaft seiner
Frau. Wie froh war er damals gewesen. Er erinnerte sich des Tages,
wo er mit ihr das Haus des Schwiegervaters verlassen hatte. Auf
dem Ritt in das eigne Heim, durch den tiefen Schnee, da hatte er
seine Frau hinten auf die Kruppe seines Pferdes gesetzt. Es war so
um Weihnachten herum gewesen, und die ganze Gegend war verschneit.
Mit der einen Hand hatte sie sich an ihm festgehalten, in der
andern ihren Korb getragen. Die langen Bänder ihres normannischen
Kopfputzes hatten im Winde geflattert, und manchmal waren sie ihm
um die Nase geflogen. Und wenn er sich umdrehte, sah er über seine
Schulter weg ganz dicht hinter sich ihr niedliches rosiges
Gesicht, das unter der Goldborte ihrer Haube still vor sich
hinlächelte. Wenn sie an die Finger fror, steckte sie die Finger
eine Weile in seinen Rock, ihm dicht an die Brust ... Wie lange
war das nun her! Wenn ihr Sohn am Leben geblieben wäre, dann wäre
er jetzt dreißig Jahre alt!
Er blickte sich nochmals um. Auf der Straße war nichts mehr zu
sehen. Da ward ihm unsagbar traurig zumute. In seinem von dem
vielen Essen und Trinken beschwerten Hirne mischten sich die
zärtlichen Erinnerungen mit schwermütigen Gedanken. Einen
Augenblick lang verspürte er das Verlangen, den Umweg über den
Friedhof zu machen. Aber er fürchtete sich davor, daß ihn dies nur
noch trübseliger stimmte, und so ging er auf dem kürzesten Wege
nach Hause.
Karl und Emma erreichten Tostes gegen sechs Uhr. Die Nachbarn
stürzten an die Fenster, um die junge Frau Doktor zu erspähen. Die
alte Magd empfing sie unter Glückwünschen und bat um
Entschuldigung, daß das Mittagessen noch nicht ganz fertig sei.
Sie lud die gnädige Frau ein, einstweilen ihr neues Heim in
Augenschein zu nehmen.
Fünftes Kapitel
Die Backsteinfassade des Hauses stand gerade in der Fluchtlinie
der Straße, genauer gesagt: der Landstraße. In der Hausflur,
gleich an der Haustüre, hingen an einem Halter ein Kragenmantel,
ein Zügel, eine Mütze aus schwarzem Leder, und in einem Winkel auf
dem Fußboden lagen ein paar Gamaschen, voll von trocken gewordnem
Straßenschmutz. Rechter Hand lag die »Große Stube«, das heißt der
Raum, in dem die Mahlzeiten eingenommen wurden und der zugleich
als Wohnzimmer diente. An den Wänden bauschte sich allenthalben
die schlecht aufgeklebte zeisiggrüne Papiertapete, die an der
Decke durch eine Girlande von blassen Blumen abgeschlossen ward.
An den Fenstern überschnitten sich weiße Kattunvorhänge, die rote
Borten hatten. Auf dem schmalen Sims des Kamins funkelte eine
Stutzuhr mit dem Kopfe des Hippokrates zwischen zwei versilberten
Leuchtern, die unter ovalen Glasglocken standen.
Auf der andern Seite der Flur lag Karls Sprechzimmer, ein kleines
Gemach, etwa sechs Fuß in der Breite. Drinnen ein Tisch, drei
Stühle und ein Schreibtischsessel. Die sechs Fächer eines
Büchergestells aus Tannenholz wurden in der Hauptsache durch die
Bände des »Medizinischen Lexikons« ausgefüllt, die
unaufgeschnitten geblieben waren und durch den mehrfachen
Besitzerwechsel, den sie bereits erlebt hatten, zerfledderte
Umschläge bekommen hatten. Durch die dünne Wand drang Buttergeruch
aus der benachbarten Küche in das Sprechzimmer, während man dort
hören konnte, wenn die Patienten husteten und ihre langen
Leidensgeschichten erzählten.
Nach dem Hofe zu, wo das Stallgebäude stand, lag ein großes
verwahrlostes Gemach, ehemals Backstube, das jetzt als Holzraum,
Keller und Rumpelkammer diente und vollgepfropft war mit altem
Eisen, leeren Fässern, abgetanenem Ackergerät und einer Menge
andrer verstaubter Dinge, deren einstigen Zweck man ihnen kaum
mehr ansehen konnte.
Der Garten, der mehr in die Länge denn in die Breite ging, dehnte
sich zwischen zwei Lehmmauern mit Aprikosenspalieren; hinten
begrenzte ihn eine Dornhecke und trennte ihn vom freien Felde.
Mitten im Garten stand ein gemauerter Sockel mit einer Sonnenuhr
darauf, auf einer Schieferplatte. Vier Felder mit dürftigen
Heckenrosen umgürteten symmetrisch ein Mittelbeet mit nützlicherem
Gewächs. Ganz am Ende des Gartens, in einer Fichtengruppe, stand
eine Tonfigur: ein Mönch, in sein Brevier vertieft.
Emma stieg die Treppe hinauf. Das erste Zimmer oben war überhaupt
nicht möbliert, aber im zweiten, der gemeinsamen Schlafstube,
stand in einer Nische mir roten Vorhängen ein Himmelbett aus
Mahagoniholz. Auf einer Kommode thronte eine mit Muscheln besetzte
kleine Truhe, und auf dem Schreibpult am Fenster leuchtete in
einer Kristallvase ein Strauß von Orangenblüten, umwunden von
einem Seidenbande: ein Hochzeitsbukett, die Brautblumen der
andern! Emma betrachtete sie. Karl bemerkte es, nahm den Strauß
aus der Vase und trug ihn auf den Oberboden. Währenddem saß sie in
einem Lehnstuhl. Ihr eigenes Brautbukett kam ihr in den Sinn, das
in einer Schachtel verpackt war. Eben trug man ihr ihre Sachen in
das Zimmer und baute sie um sie herum auf. Nachdenklich fragte sie
sich, was wohl mit ihrem Strauße geschähe, wenn sie zufällig auch
bald stürbe.
In den ersten Tagen beschäftigte sich Emma damit, sich allerlei
Änderungen in ihrem Hause auszudenken. Sie nahm die Glasglocken
von den Leuchtern, ließ neu tapezieren, die Treppe streichen und
Bänke im Garten aufstellen, um die Sonnenuhr herum.
Sie erkundigte sich, ob nicht ein Wasserbassin mit einem
Springbrunnen und Fischen darin angelegt werden könnte. Karl
wußte, daß sie gern spazieren fuhr, und da sich gerade eine
Gelegenheit bot, kaufte er ihr einen Wagen. Nach Anbringung von
neuen Laternen und gesteppten Spritzledern sah er ganz aus wie ein
Dogcart.
So war Karl der glücklichste und sorgenloseste Mensch auf der
Welt. Die Mahlzeiten zu zweit, die Abendpromenaden auf der
Landstraße, die Gesten von Emmas Hand, wenn sie sich das Band im
Haar zurechtstrich, der Anblick ihres an einem Fensterkreuze
hängenden Strohhutes und noch allerhand andre kleine Dinge, von
denen er nie geglaubt hätte, daß sie einen erfreuen könnten, all
das trug dazu bei, daß sein Glück nicht aufhörte. Frühmorgens im
Bette, Seite an Seite mit ihr auf demselben Kopfkissen, sah er zu,
wie die Sonnenlichter durch den blonden Flaum ihrer von den
Haubenbändern halbverdeckten Wangen huschten. So aus der Nähe
kamen ihm ihre Augen viel größer vor, besonders beim Erwachen,
wenn sich ihre Lider mehrere Male hintereinander hoben und wieder
senkten. Im Schatten sahen diese Augen schwarz aus und dunkelblau
am lichten Tage; in ihrer Tiefe wurden sie immer dunkler, während
sie sich nach der schimmernden Oberfläche zu aufhellten. Sein
eigenes Auge verlor sich in diese Tiefe; er sah sich darin
gespiegelt, ganz klein, bis an die Schultern, mit dem Seidentuche,
das er sich um den Kopf geschlungen hatte, und dem Kragen seines
offen stehenden Nachthemdes.
Wenn er aufgestanden war, schaute sie ihm vom Fenster aus nach, um
ihn fortreiten zu sehen. Eine Weile blieb sie, auf das
Fensterbrett gestützt, so stehen, in ihrem Morgenkleide, das sie
leicht umfloß, zwischen zwei Geranienstöcken. Karl unten auf der
Straße schnallte sich an einem Prellsteine seine Sporen an. Emma
sprach in einem fort zu ihm von oben herunter, währenddem sie mit
ihrem Munde eine Blüte oder ein Blättchen von den Geranien
abzupfte und ihm zublies. Das Abgerupfte schwebte und schaukelte
sich in der Luft, flog in kleinen Kreisen wie ein Vogel und blieb
schließlich im Fallen in der ungepflegten Mähne der alten
Schimmelstute hängen, die unbeweglich vor der Haustüre wartete.
Karl saß auf und warf seiner Frau eine Kußhand zu. Sie antwortete
winkend und schloß das Fenster. Er ritt ab.
Dann, auf der endlos sich hinwindenden staubigen Landstraße, in
den Hohlwegen, über denen sich die Bäume zu einem Laubdache
schlossen, auf den Feldwegen, wo ihm das Korn zu beiden Seiten die
Knie streifte, die warme Sonne auf dem Rücken, die frische
Morgenluft in der Nase und das Herz noch voll von den Freuden der
Nacht, friedsamen Gemüts und befriedigter Sinne, -- da genoß er
all sein Glück abermals, just wie einer, der nach einem
Schlemmermahle den Wohlgeschmack der Trüffeln, die er bereits
verdaut, noch auf der Zunge hat.
Was hatte er bisher an Glück in seinem Leben erfahren? War er denn
im Gymnasium glücklich gewesen, wo er sich in der Enge hoher
Mauern so einsam gefühlt hatte, unter seinen Kameraden, die
reicher und stärker waren als er, über seine bäuerische Aussprache
lachten, sich über seinen Anzug lustig machten und zur Besuchszeit
mit ihren Müttern plauderten, die mit Kuchen in der Tasche kamen?
Oder etwa später als Student der Medizin, wo er niemals Geld genug
im Beutel gehabt hatte, um irgendein kleines Mädel zum Tanz führen
zu können, das seine Geliebte geworden wäre? Oder gar während der
vierzehn Monate, da er mit der Witwe verheiratet war, deren Füße
im Bett kalt wie Eisklumpen gewesen waren? Aber jetzt, jetzt besaß
er für immerdar seine hübsche Frau, in die er vernarrt war. Seine
Welt fand ihre Grenzen mit der Saumlinie ihres seidnen Unterrocks,
und doch machte er sich den Vorwurf, er liebe sie nicht genug. Und
so überkam ihn unterwegs die Sehnsucht nach ihr. Spornstreichs
ritt er heimwärts, rannte die Treppe hinauf, mit klopfendem Herzen
... Emma saß in ihrem Zimmer bei der Toilette. Er schlich sich auf
den Fußspitzen von hinten an sie heran und küßte ihr den Nacken.
Sie stieß einen Schrei aus.
Er konnte es nicht lassen, immer wieder ihren Kamm, ihre Ringe,
ihr Halstuch zu befühlen. Manchmal küßte er sie tüchtig auf die
Wangen, oder er reihte eine Menge kleiner Küsse gleichsam
aneinander, die ihren nackten Arm in seiner ganzen Länge von den
Fingerspitzen bis hinauf zur Schulter bedeckten. Sie wehrte ihn
ab, lächelnd und gelangweilt, wie man ein kleines Kind
zurückdrängt, das sich an einen anklammert.
Vor der Hochzeit hatte sie fest geglaubt, Liebe zu ihrem Karl zu
empfinden. Aber als das Glück, das sie aus dieser Liebe erwartete,
ausblieb, da mußte sie sich doch getäuscht haben. So dachte sie.
Und sie gab sich Mühe, zu ergrübeln, wo eigentlich in der
Wirklichkeit all das Schöne sei, das in den Romanen mit den Worten
Glückseligkeit, Leidenschaft und Rausch so verlockend geschildert
wird.
Sechstes Kapitel
Emma hatte »Paul und Virginia« gelesen und in ihren Träumereien
alles vor sich gesehen: die Bambushütte, den Neger Domingo, den
Hund Fidelis. Insbesondre hatte sie sich in die zärtliche
Freundschaft irgendeines guten Kameraden hineingelebt, der für sie
rote Früchte auf überturmhohen Bäumen pflückte und barfuß durch
den Sand gelaufen kam, ihr ein Vogelnest zu bringen.
Als sie dreizehn Jahre alt war, brachte ihr Vater sie zur Stadt,
um sie in das Kloster zu geben. Sie stiegen in einem Gasthofe im
Viertel Saint-Gervais ab, wo sie beim Abendessen Teller vorgesetzt
bekamen, auf denen Szenen aus dem Leben des Fräuleins von
Lavallière gemalt waren. Alle diese legendenhaften Bilder, hier
und da von Messerkritzeln beschädigt, verherrlichten Frömmigkeit,
Gefühlsüberschwang und höfischen Prunk.
In der ersten Zeit ihres Klosteraufenthalts langweilte sie sich
nicht im geringsten. Sie fühlte sich vielmehr in der Gesellschaft
der gütigen Schwestern ganz behaglich, und es war ihr ein
Vergnügen, wenn man sie mit in die Kapelle nahm, wohin man vom
Refektorium durch einen langen Kreuzgang gelangte. In den
Freistunden spielte sie nur höchst selten, im Katechismus war sie
alsbald sehr bewandert, und auf schwierige Fragen war sie es, die
dem Herrn Pfarrer immer zu antworten wußte. So lebte sie, ohne in
die Welt hinauszukommen, in der lauen Atmosphäre der Schulstuben
und unter den blassen Frauen mit ihren Rosenkränzen und
Messingkreuzchen, und langsam versank sie in den mystischen
Traumzustand, der sich um die Weihrauchdüfte, die Kühle der
Weihwasserbecken und den Kerzenschimmer webt. Statt der Messe
zuzuhören, betrachtete sie die frommen himmelblau umränderten
Vignetten ihres Gebetbuches und verliebte sich in das kranke Lamm
Gottes, in das von Pfeilen durchbohrte Herz Jesu und in den armen
Christus selber, der, sein Kreuz schleppend, zusammenbricht. Um
sich zu kasteien, versuchte sie, einen ganzen Tag lang ohne
Nahrung auszuhalten. Sie zerbrach sich den Kopf, um irgendein
Gelübde zu ersinnen, das sie auf sich nehmen wollte.
Wenn sie zur Beichte ging, erfand sie allerlei kleine Sünden, nur
damit sie länger im Halbdunkel knien durfte, die Hände gefaltet,
das Gesicht ans Gitter gepreßt, unter dem flüsternden Priester.
Die Gleichnisse vom Bräutigam, vom Gemahl, vom himmlischen
Geliebten und von der ewigen Hochzeit, die in den Predigten immer
wiederkehrten, erweckten im Grunde ihrer Seele geheimnisvolle süße
Schauer.
Abends, vor dem Ave-Maria, ward im Arbeitssaal aus einem frommen
Buche vorgelesen. An den Wochentagen las man aus der Biblischen
Geschichte oder aus den »Stunden der Andacht« des Abbé Frayssinous
und Sonntags zur Erbauung aus Chateaubriands »Geist des
Christentums«. Wie andachtsvoll lauschte sie bei den ersten Malen
den klangreichen Klagen romantischer Schwermut, die wie ein Echo
aus Welt und Ewigkeit erschallten! Wäre Emmas Kindheit im
Hinterstübchen eines Kramladens in einem Geschäftsviertel
dahingeflossen, dann wäre das junge Mädchen vermutlich der
Naturschwärmerei verfallen, die zumeist in literarischer Anregung
ihre Quelle hat. So aber kannte sie das Land zu gut: das Blöken
der Herden, die Milch- und Landwirtschaft. An friedsame Vorgänge
gewöhnt, gewann sie eine Vorliebe für das dem Entgegengesetzte:
das Abenteuerliche. So liebte sie das Meer einzig um der wilden
Stürme willen und das Grün, nur wenn es zwischen Ruinen sein
Dasein fristete. Es war ihr ein Bedürfnis, aus den Dingen einen
egoistischen Genuß zu schöpfen, und sie warf alles als unnütz
beiseite, was nicht unmittelbar zum Labsal ihres Herzens diente.
Ihre Eigenart war eher sentimental als ästhetisch; sie spürte
lieber seelischen Erregungen als Landschaften nach.
Im Kloster gab es nun eine alte Jungfer, die sich alle vier
Wochen auf acht Tage einstellte, um die Wäsche auszubessern. Da
sie einer alten Adelsfamilie entstammte, die in der Revolution
zugrunde gegangen war, wurde sie von der Geistlichkeit begönnert.
Sie aß mit im Refektorium, an der Tafel der frommen Schwestern,
und pflegte mit ihnen nach Tisch ein Plauderstündchen zu machen,
bevor sie wieder an ihre Arbeit ging. Oft geschah es auch, daß
sich die Pensionärinnen aus der Arbeitsstube stahlen und die
Alte aufsuchten. Sie wußte galante Chansons aus dem ancien
régime auswendig und sang ihnen welche halbleise vor, ohne dabei
ihre Flickarbeit zu vernachlässigen. Sie erzählte Geschichten,
wußte stets Neuigkeiten, übernahm allerhand Besorgungen in der
Stadt und lieh den größeren Mädchen Romane, von denen sie immer
ein paar in den Taschen ihrer Schürze bei sich hatte. In den
Ruhepausen ihrer Tätigkeit verschlang das gute Fräulein selber
schnell ein paar Kapitel. Darin wimmelte es von Liebschaften,
Liebhabern, Liebhaberinnen, von verfolgten Damen, die in
einsamen Pavillonen ohnmächtig, und von Postillionen, die an
allen Ecken und Enden gemordet wurden, von edlen Rossen, die man
auf Seite für Seite zuschanden ritt, von düsteren Wäldern,
Herzenskämpfen, Schwüren, Schluchzen, Tränen und Küssen, von
Gondelfahrten im Mondenschein, Nachtigallen in den Büschen, von
hohen Herren, die wie Löwen tapfer und sanft wie Bergschafe
waren, dabei tugendsam bis ins Wunderbare, immer köstlich
gekleidet und ganz unbeschreiblich tränenselig. Ein halbes Jahr
lang beschmutzte sich die fünfzehnjährige Emma ihre Finger mit
dem Staube dieser alten Scharteken. Dann geriet ihr Walter Scott
in die Hände, und nun berauschte sie sich an geschichtlichen
Begebenheiten im Banne von Burgzinnen, Rittersälen und
Minnesängern. Am liebsten hätte sie in einem alten Herrensitze
gelebt, gehüllt in schlanke Gewänder wie jene Edeldamen, die,
den Ellenbogen auf den Fensterstein gestützt und das Kinn in der
Hand, unter Kleeblattbogen ihre Tage verträumten und in die
Fernen der Landschaft hinausschauten, ob nicht ein Rittersmann
mit weißer Helmzier dahergestürmt käme auf einem schwarzen Roß.
Damals trieb sie einen wahren Kult mit Maria Stuart; ihre
Verehrung von berühmten oder unglücklichen Frauen ging bis zur
Schwärmerei. Die Jungfrau von Orleans, Heloise, Agnes Sorel, die
schöne Ferronnière und Clemence Isaure leuchteten wie strahlende
Meteore in dem grenzenlosen Dunkel ihrer Geschichtsunkenntnisse.
Fast ganz im Lichtlosen und ohne Beziehungen zueinander
schwebten ferner in ihrer Vorstellung: der heilige Ludwig mit
seiner Eiche, der sterbende Ritter Bayard, ein paar grausame
Taten Ludwigs des Elften, irgendeine Szene aus der
Bartholomäusnacht, der Helmbusch Heinrichs des Vierten, dazu
unauslöschlich die Erinnerung an die gemalten Teller mit den
Verherrlichungen Ludwigs des Vierzehnten.
In den Romanzen, die Emma in den Musikstunden sang, war immer die
Rede von Englein mit goldenen Flügeln, von Madonnen, Lagunen und
Gondolieren. Sie waren musikalisch nichts wert, aber so banal ihr
Text und so reizlos ihre Melodien auch sein mochten: die
Realitäten des Lebens hatten in ihnen den phantastischen Zauber
der Sentimentalität. Etliche ihrer Kameradinnen schmuggelten
lyrische Almanache in das Kloster ein, die sie als
Neujahrsgeschenke bekommen hatten. Daß man sie heimlich halten
mußte, war die Hauptsache dabei. Sie wurden im Schlafsaal gelesen.
Emma nahm die schönen Atlaseinbände nur behutsam in die Hand und
ließ sich von den Namen der unbekannten Autoren faszinieren, die
ihre Beiträge zumeist als Grafen und Barone signiert hatten. Das
Herz klopfte ihr, wenn sie das Seidenpapier von den Kupfern darin
leise aufblies, bis es sich bauschte und langsam auf die andre
Seite sank. Auf einem der Stiche sah man einen jungen Mann in
einem Mäntelchen, wie er hinter der Brüstung eines Altans ein weiß
gekleidetes junges Mädchen mit einer Tasche am Gürtel an sich
drückte; auf anderen waren Bildnisse von ungenannten blondlockigen
englischen Ladys, die unter runden Strohhüten mit großen hellen
Augen hervorschauten. Andre sah man in flotten Wagen durch den
Park fahren, wobei ein Windspiel vor den Pferden hersprang, die
von zwei kleinen Grooms in weißen Hosen kutschiert wurden. Andre
träumten auf dem Sofa, ein offenes Briefchen neben sich, und
himmelten durch das halb offene, schwarz umhängte Fenster den Mond
an. Wieder andre, Unschuldskinder, krauten, eine Träne auf der
Wange, durch das Gitter eines gotischen Käfigs ein Turteltäubchen
oder zerzupften, den Kopf verschämt geneigt, mit koketten Fingern,
die wie Schnabelschuhspitzen nach oben gebogen waren, eine
Marguerite. Alles mögliche andre zeigten die übrigen Stiche:
Sultane mit langen Pfeifen, unter Lauben gelagert, Bajaderen in
den Armen; Giaurs, Türkensäbel, phrygische Mützen, nicht zu
vergessen die faden heroischen Landschaften, auf denen Palmen und
Fichten, Tiger und Löwen friedlich beieinanderstehen, und
Minaretts am Horizonte und römische Ruinen im Vordergrunde eine
Gruppe lagernder Kamele überragen, während auf der einen Seite ein
wohlgepflegtes Stück Urwald steht, auf der andern ein See, eine
Riesensonne mit stechenden Strahlen darüber und auf seiner
stahlblauen, hie und da weiß aufschäumenden Flut, in die Ferne
verstreut, gleitende Schwäne ...
Das matte Licht der Lampe, die zu Emmas Häupten an der Wand hing,
blinzelte auf alle diese weltlichen Bilder, die eins nach dem
andern an ihr vorüberzogen, in des Schlafsaales Stille, in die
kein Geräusch drang, höchstens das ferne Rollen eines späten
Fuhrwerks.
Als ihr die Mutter starb, weinte Emma die ersten Tage viel. Sie
ließ sich eine Locke der Verstorbenen in einen Glasrahmen fassen,
schrieb ihrem Vater einen Brief ganz voller wehmütiger
Betrachtungen über das Leben und bat ihn, man möge sie dereinst in
demselben Grabe bestatten. Der gute Mann dachte, sie sei krank,
und besuchte sie. Emma empfand eine innere Befriedigung darin, daß
sie mit einem Male emporgehoben worden war in die hohen Regionen
einer seltenen Gefühlswelt, in die Alltagsherzen niemals gelangen.
Sie verlor sich in Lamartinischen Rührseligkeiten, hörte
Harfenklänge über den Weihern und Schwanengesänge, die Klagen des
fallenden Laubes, die Himmelfahrten jungfräulicher Seelen und die
Stimme des Ewigen, die in den Tiefen flüstert.
Eines Tages jedoch ward ihr alles das langweilig, aber ohne sichs
einzugestehen, und so blieb sie dabei zunächst aus Gewohnheit,
dann aus Eitelkeit, und schließlich war sie überrascht, daß sie
den inneren Frieden wiedergefunden hatte und daß ihr Herz
ebensowenig schwermütig war wie ihre jugendliche Stirne runzelig.
Die frommen Schwestern, die stark auf Emmas heilige Mission
gehofft hatten, bemerkten zu ihrem höchsten Befremden, daß
Fräulein Rouault ihrem Einfluß zu entschlüpfen drohte. Man hatte
ihr allzu reichliche Gebete, Andachtslieder, Predigten und Fasten
angedeihen lassen, ihr zu trefflich vorgeredet, welch große
Verehrung die Heiligen und Märtyrer genössen, und ihr zu
vorzügliche Ratschläge gegeben, wie man den Leib kasteie und die
Seele der ewigen Seligkeit zuführe; und so ging es mit ihr wie mit
einem Pferd, das man zu straff an die Kandare genommen hat: sie
blieb plötzlich stehen und machte nicht mehr mit.
Bei aller Schwärmerei war sie doch eine Verstandesnatur; sie hatte
die Kirche wegen ihrer Blumen, die Musik wegen der Liedertexte und
die Dichterwerke wegen ihrer sinnlichen Wirkung geliebt. Ihr Geist
empörte sich gegen die Mysterien des Glaubens, und noch mehr
lehnte sie sich nunmehr gegen die Klosterzucht auf, die ihrem
tiefsten Wesen völlig zuwider war. Als ihr Vater sie aus dem
Kloster nahm, hatte man durchaus nichts dagegen; die Oberin fand
sogar, Emma habe es in der letzten Zeit an Ehrfurcht vor der
Schwesternschaft recht fehlen lassen.
Wieder zu Hause, gefiel sich das junge Mädchen zunächst darin, das
Gesinde zu kommandieren, bald jedoch ward sie des Landlebens
überdrüssig, und nun sehnte sie sich nach dem Kloster zurück. Als
Karl zum ersten Male das Gut betrat, war sie just überzeugt, daß
sie alle Illusionen verloren habe, daß es nichts mehr auf der Welt
gäbe, was ihr Hirn oder Herz rühren könne. Dann aber waren das mit
jedem neuen Zustande verbundene wirre Gefühl und die Unruhe, die
sich ihrer diesem Manne gegenüber bemächtigte, stark genug, um in
ihr den Glauben zu erwecken: endlich sei jene wunderbare
Leidenschaft in ihr erstanden, die bisher nicht anders als wie ein
Riesenvogel mit rosigem Gefieder hoch in der Herrlichkeit
himmlischer Traumfernen geschwebt hatte. Doch jetzt, in ihrer Ehe,
hatte sie keine Kraft zu glauben, daß die Friedsamkeit, in der sie
hinlebte, das erträumte Glück sei.
Siebentes Kapitel
Zuweilen machte sie sich Gedanken, ob das wirklich die schönsten
Tage ihres Lebens sein sollten: ihre Flitterwochen, wie man zu
sagen pflegt. Um ihre Wonnen zu spüren, hätten sie wohl in jene
Länder mit klangvollen Namen reisen müssen, wo der Morgen nach der
Hochzeit in süßem Nichtstun verrinnt. Man fährt gemächlich in
einer Postkutsche mit blauseidnen Vorhängen die Gebirgsstraßen
hinauf und lauscht dem Lied des Postillions, das in den Bergen
zusammen mit den Herdenglocken und dem dumpfen Rauschen des
Gießbachs sein Echo findet. Wenn die Sonne sinkt, atmet man am
Golf den Duft der Limonen, und dann nachts steht man auf der
Terrasse einer Villa am Meere, einsam zu zweit, mit verschlungenen
Händen, schaut zu den Gestirnen empor und baut Luftschlösser. Es
kam ihr vor, als seien nur gewisse Erdenwinkel Heimstätten des
Glücks, genau so wie bestimmte Pflanzen nur an sonnigen Orten
gedeihen und nirgends anders. Warum war es ihr nicht beschieden,
sich auf den Altan eines Schweizerhäuschens zu lehnen oder ihre
Trübsal in einem schottischen Landhause zu vergessen, an der Seite
eines Gatten, der einen langen schwarzen Gehrock, feine Schuhe,
einen eleganten Hut und Manschettenhemden trüge?
Alle diese Grübeleien hätte sie wohl irgendwem anvertrauen mögen.
Hätte sie aber ihr namenloses Unbehagen, das sich aller
Augenblicke neu formte wie leichtes Gewölk und das wie der Wind
wirbelte, in Worte zu fassen verstanden? Ach, es fehlten ihr die
Worte, die Gelegenheit, der Mut! Ja, wenn Karl gewollt hätte, wenn
er eine Ahnung davon gehabt hätte, wenn sein Blick nur ein
einzigesmal ihren Gedanken begegnet wäre, dann hätte sich alles
das, so meinte sie, sofort von ihrem Herzen losgelöst wie eine
reife Frucht vom Spalier, wenn eine Hand daran rührt. So aber ward
die innere Entfremdung, die sie gegen ihren Mann empfand, immer
größer, je intimer ihr eheliches Leben wurde.
Karls Art zu sprechen war platt wie das Trottoir auf der Straße:
Allerweltsgedanken und Alltäglichkeiten, die niemanden rührten,
über die kein Mensch lachte, die nie einen Nachklang erweckten.
Solange er in Rouen gelebt hatte, sagte er, hätte er niemals den
Drang verspürt, ein Pariser Gastspiel im Theater zu sehen. Er
konnte weder schwimmen noch fechten; er war auch kein
Pistolenschütze, und gelegentlich kam es zutage, daß er Emma einen
Ausdruck des Reitsports nicht erklären konnte, der ihr in einem
Romane begegnet war. Muß ein Mann nicht vielmehr alles kennen, auf
allen Gebieten bewandert sein und seine Frau in die großen
Leidenschaften des Lebens, in seine erlesensten Genüsse und in
alle Geheimnisse einweihen? Der ihre aber lehrte sie nichts,
verstand von nichts und erstrebte nichts. Er glaubte, sie sei
glücklich, indes sie sich über seine satte Trägheit empörte,
seinen zufriedenen Stumpfsinn, ja selbst über die Wonnen, die sie
ihm gewährte.
Manchmal zeichnete sie. Es belustigte ihn ungemein, dabeizustehen
und zuzusehn, wie sie sich über das Blatt beugte oder wie sie die
Augen zukniff und ihr Werk kritisch betrachtete oder wie sie mit
den Fingern Brotkügelchen drehte, die sie zum Verwischen brauchte.
Wenn sie am Klavier saß, war sein Entzücken um so größer, je
geschwinder ihre Hände über die Tasten sprangen. Dann trommelte
sie ordentlich auf dem Klavier herum und machte ein Höllenkonzert.
Das alte Instrument dröhnte und wackelte, und wenn das Fenster
offen stand, hörte man das Spiel im ganzen Dorfe. Der
Gemeindediener, der im bloßen Kopfe und in Pantoffeln, Akten
unterm Arme, über die Straße humpelte, blieb stehen und lauschte.
Dabei war Emma eine vorzügliche Hausfrau. Sie schickte die
Liquidationen an die Patienten aus und zwar in höflichster
Briefform, die gar nicht an Rechnungen erinnerte. Wenn sie
Sonntags irgendwen aus der Nachbarschaft zu Gaste hatten, wußte
sie es immer einzurichten, daß etwas Besonderes auf den Tisch kam.
Sie schichtete auf Weinblättern Pyramiden von Reineclauden auf und
verstand, die eingezuckerten Früchte so aus ihren Büchsen zu
stürzen, daß sie noch in der Form serviert wurden. Demnächst
sollten auch kleine Waschschalen für den Nachtisch angeschafft
werden. Mit alledem vermehrte sie das öffentliche Ansehen ihres
Mannes. Schließlich fing er selbst an, mehr und mehr Respekt vor
sich zu bekommen, weil er solch eine Frau besaß. Mit Stolz zeigte
er zwei kleine Bleistiftzeichnungen Emmas, die er in ziemlich
breite Rahmen hatte fassen lassen und in der Großen Stube an
langen grünen Schnuren an den Wänden aufgehängt hatte. Wenn die
Kirche zu Ende war, sah man Herrn Bovary in schöngestickten
Hausschuhen vor der Haustüre stehen.
Er kam spät heim, um zehn Uhr, zuweilen um Mitternacht. Dann aß er
noch zu Abend, und da das Dienstmädchen bereits Schlafen gegangen
war, bediente ihn Emma selber. Er pflegte seinen Rock auszuziehen
und sichs zum Essen bequem zu machen. Kauend zählte er
gewissenhaft alle Menschen auf, denen er tagsüber begegnet war,
nannte die Ortschaften, durch die er geritten, und wiederholte die
Rezepte, die er verschrieben hatte. Zufrieden mit sich selbst,
verzehrte er sein Gulasch bis auf den letzten Rest, schabte sich
den Käse sauber, schmauste einen Apfel und trank die Weinkaraffe
leer, worauf er zu Bett ging, sich aufs Ohr legte und zu
schnarchen begann. Wenn er frühmorgens aufmachte, hing ihm das
Haar wirr über die Stirn.
Er trug stets derbe hohe Stiefel, die in der Knöchelgegend zwei
Falten hatten; in den Schäften waren sie steif und geradlinig, als
ob ein Holzbein drinnen stäke. Er pflegte zu sagen: »Die sind hier
auf dem Lande gut genug!«
Seine Mutter bestärkte ihn in seiner Sparsamkeit. Wie vordem kam
sie zu Besuch, wenn es bei ihr zu Hause kleine Mißlichkeiten
gegeben hatte. Allerdings hegte die alte Frau Bovary gegen ihre
Schwiegertochter sichtlich ein Vorurteil. Sie war ihr »für ihre
Verhältnisse ein bißchen zu großartig.« Mit Holz, Licht und
dergleichen werde »wie in einem herrschaftlichen Hause gewüstet.«
Und mit den Kohlen, die in der Küche verbraucht würden, könne man
zwei Dutzend Gänge kochen! Sie ordnete ihr den Wäscheschrank und
hielt Vorträge, wie man dem Fleischer auf die Finger zu sehen
habe, wenn er das Fleisch brachte. Emma nahm diese guten Lehren
hin, aber die Schwiegermutter erteilte sie immer wieder von neuem.
Die von beiden Seiten in einem fort gewechselten Anreden »Liebe
Tochter« und »Liebe Mutter!« standen in Widerspruch zu den Mienen
der Sprecherinnen. Beide Frauen sagten sich Artigkeiten mit vor
Groll zitternder Stimme.
Zu Lebzeiten von Frau Heloise hatte sich die alte Dame nicht in
den Hintergrund gedrängt gefühlt, jetzt aber kam ihr Karls Liebe
zu Emma wie ein Abfall vor von ihr und ihrer Mutterliebe, wie ein
Einbruch in ihr Eigentum. Und so sah sie auf das Glück ihres
Sohnes mit stiller Trauer, just wie ein um Hab und Gut Gekommener
auf den neuen Besitzers eines ehemaligen Hauses blickt. Sie mahnte
ihn durch Erinnerungen daran, wie sie sich einst für ihn gesorgt
und abgemüht und ihm Opfer gebracht hatte. Im Vergleiche damit
leiste Emma viel weniger für ihn, und darum wäre seine
ausschließliche Anbetung durchaus nicht gerechtfertigt.
Karl wußte nicht, was er dazu sagen sollte. Er verehrte seine
Mutter, und seine Frau liebte er auf seine Art über alle Maßen.
Was die eine sagte, galt ihm für unfehlbar; gleichwohl fand er an
der andern nichts auszusetzen. Wenn Frau Bovary wieder abgereist
war, machte er schüchterne Versuche, die oder jene ihrer
Bemerkungen wörtlich zu wiederholen. Emma bewies ihm dann mit
wenigen Worten, daß er im Irrtum sei, und meinte, er solle sich
lieber seinen Patienten widmen.
Immerhin versuchte sie nach Theorien, die ihr gut schienen,
Liebesstimmung nach ihrem Geschmack zu erregen. Wenn sie bei
Mondenschein zusammen im Garten saßen, sagte sie verliebte Verse
her, soviel sie nur auswendig wußte, oder sie sang eine
schwermütige gefühlvolle Weise. Aber hinterher kam sie sich selber
nicht aufgeregter als vorher vor, und auch Karl war offenbar weder
verliebter noch weniger stumpfsinnig denn erst.
Das waren vergebliche Versuche, eine große Leidenschaft zu
entfachen. Im übrigen war Emma unfähig, etwas zu verstehen, was
sie nicht an sich selber erlebte, oder an etwas zu glauben, was
nicht offen zutage lag. Und so redete sie sich ohne weiteres ein,
Karls Liebe sei nicht mehr übermäßig stark. In der Tat gewannen
seine Zärtlichkeiten eine gewisse Regelmäßigkeit. Er schloß seine
Frau zu ganz bestimmten Stunden in seine Arme. Es ward das eine
Gewohnheit wie alle andern, gleichsam der Nachtisch, der kommen
muß, weil er auf der Menükarte steht.
Ein Waldwärter, den der Herr Doktor von einer Lungenentzündung
geheilt hatte, schenkte der Frau Doktor ein junges italienisches
Windspiel. Sie nahm es mit auf ihre Spaziergänge. Mitunter ging
sie nämlich aus, um einmal eine Weile für sich allein zu sein und
nicht in einem fort bloß den Garten und die staubige Landstraße
vor Augen zu haben.
Sie wanderte meist bis zum Buchenwäldchen von Banneville, bis zu
dem leeren Lusthäuschen, das an der Ecke der Parkmauer steht, wo
die Felder beginnen. Dort wuchs in einem Graben zwischen
gewöhnlichen Gräsern hohes Schilf mit langen scharfen Blättern.
Jedesmal, wenn sie dahin kam, sah sie zuerst nach, ob sich seit
ihrem letzten Hiersein etwas verändert habe. Es war immer alles
so, wie sie es verlassen hatte. Alles stand noch auf seinem
Platze: die Heckenrosen und die wilden Veilchen, die Brennesseln,
die in Büscheln die großen Kieselsteine umwucherten, und die
Moosflächen unter den drei Pavillonfenstern mit ihren immer
geschlossenen morschen Holzläden und rostigen Eisenbeschlägen. Nun
schweiften Emmas Gedanken ins Ziellose ab, wie die Sprünge ihres
Windspiels, das sich in großen Kreislinien tummelte, gelbe
Schmetterlinge ankläffte, Feldmäusen nachstellte und die
Mohnblumen am Raine des Kornfeldes anknabberte. Allmählich
gerieten ihre Grübeleien in eine bestimmte Richtung. Wenn die
junge Frau so im Grase saß und es mit der Stockspitze ihres
Sonnenschirmes ein wenig aufwühlte, sagte sie sich immer wieder:
»Mein Gott, warum habe ich eigentlich geheiratet?«
Sie legte sich die Frage vor, ob es nicht möglich gewesen wäre
durch irgendwelche andre Fügung des Schicksals, daß sie einen
andern Mann hätte finden können. Sie versuchte sich vorzustellen,
was für ungeschehene Ereignisse dazu gehört hätten, wie dieses
andre Leben geworden wäre und wie der ungefundne Gatte ausgesehen
hätte. In keinem Falle so wie Karl! Er hätte elegant, klug,
vornehm, verführerisch aussehen müssen; so wie zweifellos die
Männer, die ihre ehemaligen Klosterfreundinnen alle geheiratet
hatten ... Wie es denen wohl jetzt erging? In der Stadt, im
Getümmel des Straßenlebens, im Stimmengewirr der Theater, im
Lichtmeere der Bälle, da lebten sie sich aus und ließen die Herzen
und Sinne nicht verdorren. Sie jedoch, sie verkümmerte wie in
einem Eiskeller, und die Langeweile spann wie eine schweigsame
Spinne ihre Weben in allen Winkeln ihres sonnelosen Herzens.
Die Tage der Preisverteilung traten ihr in die Erinnerung. Sie sah
sich auf das Podium steigen, wo sie ihre kleinen Auszeichnungen
ausgehändigt bekam. Mit ihrem Zopf, ihrem weißen Kleid und ihren
Lack-Halbschuhen hatte sie allerliebst ausgesehen, und wenn sie zu
ihrem Platze zurückging, hatten ihr die anwesenden Herren galant
zugenickt. Der Klosterhof war voller Kutschen gewesen, und durch
den Wagenschlag hatte man ihr »Auf Wiedersehn!« zugerufen. Und der
Musiklehrer, den Violinkasten in der Hand, hatte im Vorübergehen
den Hut vor ihr gezogen ... Wie weit zurück war das alles! Ach,
wie so weit!
Sie rief Djali, nahm ihn auf den Schoß und streichelte seinen
schmalen feinlinigen Kopf.
»Komm!« flüsterte sie. »Gib Frauchen einen Kuß! Du, du hast keinen
Kummer!«
Dabei betrachtete sie das ihr wie wehmütig aussehende Gesicht des
schlanken Tieres. Es gähnte behaglich. Aber sie bildete sich ein,
das Tier habe auch einen Kummer. Die Rührung überkam sie, und sie
begann laut mit dem Hunde zu sprechen, genau so wie zu jemandem,
den man in seiner Betrübnis trösten will.
Zuweilen blies ruckweiser Wind, der vom Meere herkam und mächtig
über das ganze Hochland von Caux strich und weit in die Lande
hinein salzige Frische trug. Das Schilf bog sich pfeifend zu
Boden, fliehende Schauer raschelten durch das Blätterwerk der
Buchen, während sich die Wipfel rastlos wiegten und in einem fort
laut rauschten. Emma zog ihr Tuch fester um die Schultern und
erhob sich.
In der Allee, über dem teppichartigen Moos, das unter Emmas
Tritten leise knisterte, spielten Sonnenlichter mit den grünen
Reflexen des Laubdaches. Das Tagesgestirn war im Versinken; der
rote Himmel flammte hinter den braunen Stämmen, die in Reih und
Glied kerzengerade dastanden und den Eindruck eines Säulenganges
an einer goldnen Wand entlang erzeugten.
Emma ward bang zumute. Sie rief den Hund heran und beeilte sich,
auf die Landstraße und heimzukommen. Zu Hause sank sie in einen
Lehnstuhl und sprach den ganzen Abend kein Wort.
Da, gegen Ende des Septembers, geschah etwas ganz Besonderes in
ihrem Leben. Bovarys bekamen eine Einladung nach Vaubyessard, zu
dem Marquis von Andervilliers. Der Marquis, der unter der
Restauration Staatssekretär gewesen war, wollte von neuem eine
politische Rolle spielen. Seit langem bereitete er seine Wahl in
das Abgeordnetenhaus vor. Im Winter ließ er große Mengen Holz
verteilen, und im Bezirksausschuß trat er immer wieder mit dem
höchsten Eifer für neue Straßenbauten im Bezirk ein. Während des
letzten Hochsommers hatte er ein Geschwür im Munde bekommen, von
dem ihn Karl wunderbar schnell durch einen einzigen Einstich
befreit hatte. Der Privatsekretär des Marquis war bald darauf nach
Tostes gekommen, um das Honorar für die Operation zu bezahlen, und
hatte abends nach seiner Rückkehr erzählt, daß er in dem kleinen
Garten des Arztes herrliche Kirschen gesehen habe. Nun gediehen
gerade die Kirschbäume in Vaubyessard schlecht. Der Marquis erbat
sich von Bovary einige Ableger und hielt es daraufhin für seine
Pflicht, sich persönlich zu bedanken. Bei dieser Gelegenheit sah
er Emma, fand ihre Figur entzückend und die Art, wie sie ihn
empfing, durchaus nicht bäuerisch. Und so kam man im Schlosse zu
der Ansicht, es sei weder allzu entgegenkommend noch unangebracht,
wenn man das junge Ehepaar einmal einlüde.
An einem Mittwoch um drei Uhr bestiegen Herr und Frau Bovary ihren
Dogcart und fuhren nach Vaubyessard. Hinterrücks war ein großer
Koffer angeschnallt und vorn auf dem Schutzleder lag eine
Hutschachtel. Außerdem hatte Karl noch einen Pappkarton zwischen
den Beinen.
Bei Anbruch der Nacht, gerade als man im Schloßpark die Laternen
am Einfahrtswege anzündete, kamen sie an.
Achtes Kapitel
Vor dem Schloß, einem modernen Baue im Renaissancestil mit zwei
vorspringenden Flügeln und drei Freitreppen, dehnte sich eine
ungeheure Rasenfläche mit vereinzelten Baumgruppen, zwischen denen
etliche Kühe weideten. Ein Kiesweg lief in Windungen hindurch,
beschattet von allerlei Gebüsch in verschiedenem Grün,
Rhododendren, Flieder- und Schneeballsträuchern. Unter einer
Brücke floß ein Bach. Weiter weg, verschwommen im Abendnebel,
erkannte man ein paar Häuser mit Strohdächern. Die große Wiese
ward durch längliche kleine Hügel begrenzt, die bewaldet waren.
Versteckt hinter diesem Gehölz lagen in zwei gleichlaufenden
Reihen die Wirtschaftsgebäude und Wagenschuppen, die noch vom
ehemaligen Schloßbau herrührten.
Karls Wäglein hielt vor der mittleren Freitreppe. Dienerschaft
erschien. Der Marquis kam entgegen, bot der Arztfrau den Arm und
geleitete sie in die hohe, mit Marmorfliesen belegte Vorhalle.
Geräusch von Tritten und Stimmen hallte darin wider wie in einer
Kirche. Dem Eingange gegenüber stieg geradeaus eine breite Treppe
auf. Zur Linken begann eine Galerie, mit Fenstern nach dem Garten
hinaus, die zum Billardzimmer führte; schon von weitem vernahm man
das Karambolieren der elfenbeinernen Bälle. Durch das
Billardzimmer kam man in den Empfangssaal. Beim Hindurchgehen sah
Emma Herren in würdevoller Haltung beim Spiel, das Kinn vergraben
in den Krawatten, alle mit Ordensbändchen. Schweigsam lächelnd
handhabten sie die Queues.
Auf dem düsteren Holzgetäfel der Wände hingen große Bilder in
schweren vergoldeten Rahmen mit schwarzen Inschriften. Eine
lautete:
+------------------------------------------------------+
Hans Anton von Andervilliers zu Yverbonville,
Graf von Vaubyessard und Edler Herr auf Fresnaye,
gefallen in der Schlacht von Coutras
am 20. Oktober 1587.
+------------------------------------------------------+
Eine andre:
+------------------------------------------------------+
Hans Anton Heinrich Guy, Graf von Andervilliers
und Vaubyessard, Admiral von Frankreich,
Ritter des Sankt-Michel-Ordens,
verwundet bei Saint Vaast de la Hougue
am 29. Mai 1692,
gestorben zu Vaubyessard am 23. Januar 1693
+------------------------------------------------------+
Die übrigen vermochte man kaum zu erkennen, weil sich das Licht
der Lampen auf das grüne Tuch des Billards konzentrierte und das
Zimmer im Dunkeln ließ. Nur ein schwacher Schein hellte die
Gemäldeflächen auf, deren sprüngiger Firnis mit diesem feinen
Schimmer spielte. Und so traten aus allen den großen schwarzen
goldumflossenen Vierecken Partien der Malerei deutlicher und
heller hervor, hier eine blasse Stirn, da zwei starre Augen, dort
eine gepuderte Allongeperücke über der Schulter eines roten Rockes
und anderswo die Schnalle eines Kniebandes über einer strammen
Wade.
Der Marquis öffnete die Tür zum Salon. Eine der Damen -- es war
die Schloßherrin selbst -- erhob sich, ging Emma entgegen und bot
ihr einen Sitz neben sich an, auf einem Sofa, und begann
freundschaftlich mit ihr zu plaudern, ganz als ob sie eine alte
Bekannte vor sich hätte. Die Marquise war etwa Vierzigerin; sie
hatte hübsche Schultern, eine Adlernase und eine etwas schleppende
Art zu sprechen. An diesem Abend trug sie über ihrem
kastanienbraunen Haar ein einfaches Spitzentuch, das ihr dreieckig
in den Nacken herabhing. Neben ihr, auf einem hochlehnigen Stuhle,
saß eine junge Blondine. Ein paar Herren, kleine Blumen an den
Röcken, waren im Gespräche mit den Damen. Alle saßen sie um den
Kamin herum.
Um sieben Uhr ging man zu Tisch. Die Herren, die in der Überzahl
da waren, nahmen Platz an der einen Tafel in der Vorhalle; die
Damen, der Marquis und die Marquise an der andern im Eßzimmer. Als
Emma eintrat, drang ihr ein warmes Gemisch von Düften und Gerüchen
entgegen: von Blumen, Tischdamast, Wein und Delikatessen. Die
Flammen der Kandelaberkerzen liebäugelten mit dem Silberzeug, und
in den geschliffenen Gläsern und Schalen tanzte der bunte
Widerschein. Die Tafel entlang paradierte eine Reihe von
Blumensträußen. Aus den Falten der Servietten, die in der Form von
Bischofsmützen über den breitrandigen Tellern lagen, lugten ovale
Brötchen. Hummern, die auf den großen Platten nicht Platz genug
hatten, leuchteten in ihrem Rot. In durchbrochenen Körbchen waren
riesige Früchte aufgetürmt. Kunstvoll zubereitete Wachteln wurden
dampfend aufgetragen. Der Haushofmeister, in seidnen Strümpfen,
Kniehosen und weißer Krawatte, reichte mit Grandezza und großem
Geschick die Schüsseln. Auf all dies gesellschaftliche Treiben sah
regungslos die bis zum Kinn verhüllte Göttin herab, die auf dem
mächtigen, bronzegeschmückten Porzellanofen thronte.
Am oberen Ende der Tafel, mitten unter all den Damen, saß, über
seinen vollen Teller gebeugt, ein alter Herr, der sich die
Serviette nach Kinderart um den Hals geknüpft hatte. Die Sauce
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