»Welche andern?«
»Wie alle Männer, meine ich.«
Ihn sanft zurückstoßend, fügte sie hinzu:
»Ihr seid alle gemein!«
Eines Tages führten sie ein philosophisches Gespräch über die
menschlichen Enttäuschungen, als sie plötzlich, um seine
Eifersucht auf die Probe zu stellen oder auch aus allzu starkem
Mitteilungsbedürfnis, das Geständnis machte, daß sie vor ihm einen
andern geliebt habe.
»Nicht wie dich!« fügte sie schnell hinzu und schwor beim Haupte
ihres Kindes, daß es »zu nichts gekommen« sei.
Der junge Mann glaubte ihr, fragte sie aber doch, wo der
Betreffende jetzt sei.
»Er war Schiffskapitän, mein Lieber!«
Log sie das, um jede Nachforschung zu vereiteln oder um sich ein
gewisses Ansehen zu verleihen, dieweil ein kriegerischer und gewiß
vielumworbener Mann zu ihren Füßen gelegen haben sollte?
In der Tat empfand der Adjunkt etwas wie das Bewußtsein der
Inferiorität. Am liebsten hätte er gleichfalls Epauletten, Orden
und Titel getragen. Alle diese Dinge mußten ihr gefallen, das sah
er deutlich an ihrem Hang zum Luxus.
Dabei verschwieg ihm Emma noch einen großen Teil ihrer ins
Großartige gehenden Wünsche; zum Beispiel, daß sie gern einen
blauen Tilbury mit einem englischen Vollblüter und einem Groom in
schicker Livree gehabt hätte, um in Rouen spazieren zu fahren.
Diesen Einfall verdankte sie Justin, der sie einmal flehentlich
gebeten hatte, ihn als Diener in ihren Dienst zu nehmen. Wenn die
Nichterfüllung dieser Laune ihr auch die Seligkeit des Wiedersehns
nicht weiter trübte, so verschärfte sie doch zweifellos die
Bitterkeit der Trennung.
Oft, wenn sie zusammen von Paris plauderten, sagte sie leise:
»Ach, wenn wir dort leben könnten!«
»Sind wir denn nicht glücklich?« erwiderte Leo zärtlich und strich
mit der Hand liebkosend über ihr Haar.
»Doch! Du hast recht! Ich bin töricht. Küsse mich!«
Gegen ihren Gatten war sie jetzt liebenswürdiger denn je. Sie
bereitete ihm seine Lieblingsgerichte und spielte ihm nach Tisch
Walzer vor. Er hielt sich für den glücklichsten Mann der Welt.
Emma lebte in völliger Sorglosigkeit. Aber eines Abends sagte er
plötzlich:
»Nicht wahr, du hast doch bei Fräulein Lempereur Stunden?«
»Ja!«
»Merkwürdig! Ich habe sie heute bei Frau Liégeard getroffen und
sie nach dir gefragt. Sie kennt dich gar nicht.«
Das traf sie wie ein Blitzstrahl. Trotzdem erwiderte sie unbefangen:
»Mein Name wird ihr entfallen sein.«
»Oder es gibt mehrere Lehrerinnen dieses Namens in Rouen, die
Klavierstunden geben«, meinte Karl.
»Das ist auch möglich!«
Plötzlich sagte Emma:
»Aber ich habe ja ihre Quittungen. Wart mal! Ich werde dir gleich
eine bringen.«
Sie ging an ihren Schreibtisch, riß alle Schubfächer auf, wühlte
in ihren Papieren herum und suchte so eifrig, daß Karl sie bat,
sich wegen der dummen Quittungen doch nicht soviel Mühe zu machen.
»Ich werde sie schon finden!« beharrte sie.
In der Tat fühlte Karl am Freitag darauf, als er sich die Stiefel
anzog, die bei seinen Kleidern in einem finsteren Gelaß zu stehen
pflegten, zwischen Stiefelleder und Strumpf ein Stück Papier. Er
zog es hervor und las:
»Quittung.
Honorar für drei Monate Klavierstunden, nebst Auslagen für
verschiedene beschaffte Musikalien: 65,-- Frkn.
Dankend erhalten
Friederike Lempereur,
Musiklehrerin.«
»Zum Kuckuck! Wie kommt denn das in meinen Stiefel?«
»Wahrscheinlich«, erwiderte Emma, »ist es aus dem Karton mit den
alten Rechnungen gefallen, der auf dem obersten Regal steht.«
Von nun an war ihre ganze Existenz nichts als ein Netz von Lügen.
Sie hüllte ihre Liebe darein wie in einen Schleier, damit niemand
sie sähe. Aber auch sonst wurde ihr das Lügen geradezu zu einem
Bedürfnis. Sie log zu ihrem Vergnügen. Wenn sie erzählte, daß sie
auf der rechten Seite der Straße gegangen sei, konnte man wetten,
daß es auf der linken gewesen war.
Eines Donnerstags war sie früh, wie gewöhnlich ziemlich leicht
gekleidet, abgefahren, als es plötzlich zu schneien begann. Karl
hielt am Fenster Umschau, da bemerkte er Bournisien in der Kutsche
des Bürgermeisters. Sie fuhren zusammen nach Rouen. Er ging
hinunter und vertraute dem Priester einen dicken Schal an mit der
Bitte, ihn seiner Frau einzuhändigen, sobald er im »Roten Kreuz«
angekommen sei. Bournisien fragte im Gasthofe sogleich nach Frau
Bovary, erhielt aber von der Wirtin die Antwort, daß sie das »Rote
Kreuz« sehr selten aufsuche. Abends traf er sie in der Postkutsche
und erzählte ihr von seinem Mißerfolge, dem er übrigens keine
sonderliche Bedeutung beizumessen schien, denn er begann alsbald
eine Lobrede auf einen jungen Geistlichen, der in der Kathedrale
so wunderbar predige, daß die Frauen in Scharen hingingen.
Wenn sich auch Bournisien ohne weiteres zufrieden gegeben hatte,
so konnte doch ein andermal irgendwer nicht so diskret sein. Und
so hielt es Emma für besser, fortan im »Roten Kreuz« abzusteigen,
damit die guten Leute aus Yonville sie hin und wieder auf der
Treppe des Gasthofes sahen und nichts argwöhnten.
Eines Tages traf sie Lheureux, gerade als sie an Leos Arm den
Boulogner Hof verließ. Sie fürchtete, er könne schwatzen; aber er
war nicht so töricht. Dafür trat er drei Tage später in ihr Zimmer
und erklärte, daß er Geld brauche.
Sie erwiderte ihm, sie könne ihm nichts geben. Lheureux fing zu
jammern an und zählte alle Dienste auf, die er ihr erwiesen.
In der Tat hatte Emma nur einen der von Karl ausgestellten Wechsel
bezahlt, den zweiten hatte Lheureux auf ihre Bitte hin verlängert
und dann abermals prolongiert. Jetzt zog er aus seiner Tasche eine
Anzahl unbezahlter Rechnungen für die Stores, den Teppich, für
Möbelstoff, mehrere Kleider und verschiedene Toilettenstücke, im
Gesamtbetrag von ungefähr zweitausend Franken.
Sie ließ den Kopf hängen, und er fuhr fort:
»Aber wenn Sie kein Geld haben, so haben Sie doch Immobilien.«
Und nun machte er sie auf ein halbverfallenes altes Haus in
Barneville aufmerksam, das sie mit geerbt hatten. Es brachte nicht
viel ein. Es hatte ursprünglich zu einem kleinen Pachtgute gehört,
das der alte Bovary vor Jahren verkauft hatte. Lheureux wußte
genau Bescheid über das Grundstück; er kannte sogar die Anzahl der
Hektare und die Namen der Nachbarn.
»An Ihrer Stelle«, sagte er, »versuchte ich, es loszuwerden. Sie
bekämen dann sogar noch bar Geld heraus!«
Sie entgegnete, es sei schwer, einen Käufer zu finden, aber
Lheureux meinte, das ließe sich schon machen. Da fragte sie, was
sie tun müsse, um das Haus zu verkaufen.
»Sie haben doch die Vollmacht«, antwortete er.
Dieses Wort belebte sie.
»Lassen Sie mir die Rechnung hier!« sagte sie.
»O, das eilt ja nicht!« erwiderte Lheureux.
In der kommenden Woche stellte er sich wiederum ein und
berichtete, es sei ihm mit vieler Mühe gelungen, einen gewissen
Langlois ausfindig zu machen, der schon lange ein Auge auf das
Grundstück geworfen habe und wissen möchte, was es koste.
»Der Preis ist mir gleichgültig!« rief Emma aus.
Lheureux erklärte, man müsse den Käufer eine Weile zappeln lassen.
Die Sache sei aber schon eine Reise dahin wert. Da sie selbst
nicht gut verreisen könne, bot er sich dazu an, um das Geschäft
mit Langlois zu besprechen. Er kam mit der Mitteilung zurück, der
Käufer habe viertausend Franken geboten.
Emma war hocherfreut.
»Offen gestanden,« fügte der Händler hinzu, »das ist anständig
bezahlt!«
Die erste Hälfte der Summe zählte er ihr sofort auf. Als Emma
sagte, damit solle ihre Rechnung beglichen werden, meinte
Lheureux:
»Auf Ehre, es ist doch schade, daß Sie ein so schönes Sümmchen
gleich wieder aus der Hand geben wollen!«
Sie sah auf die Banknoten und dachte an die unbegrenzte Zahl der
Stelldichein, die ihr diese zweitausend Franken bedeuteten.
»Wie? Wie meinen Sie?« stammelte sie.
»O,« erwiderte er mit gutmütigem Lächeln, »man kann ja was ganz
Beliebiges auf die Rechnung setzen. Ich weiß ja, wie das in einem
Haushalte so ist.«
Er sah sie scharf an, während er die beiden Tausendfrankenscheine
langsam durch die Finger hin und her gleiten ließ. Endlich machte
er seine Brieftasche auf und legte vier vorbereitete Wechsel zu je
tausend Franken auf den Tisch.
»Unterschreiben Sie!« sagte er, »und behalten Sie die ganze
Summe!«
Sie fuhr erschrocken zurück.
»Na, wenn ich Ihnen den Überschuß bar auszahle,« sagte Lheureux
frech, »erweise ich Ihnen dann nicht einen Dienst?«
Er schrieb unter die Rechnung:
»Von Frau Bovary viertausend Franken erhalten zu haben,
bescheinigt
Lheureux.«
»So! Sie können unbesorgt sein. In sechs Monaten erhalten Sie die
weiteren zweitausend Franken für Ihre alte Bude! Eher ist auch der
letzte Wechsel nicht fällig.«
Emma fand sich in der Rechnerei nicht mehr ganz zurecht. In den
Ohren klang es ihr, als würden Säcke voll Goldstücke vor ihr
ausgeschüttet, die nur so über die Diele kollerten. Lheureux sagte
noch, er habe einen Freund Vinçard, Bankier in Rouen, der die vier
Wechsel diskontieren wolle. Die überschüssige Summe werde er der
gnädigen Frau persönlich bringen.
Aber statt zweitausend Franken brachte er nur eintausendachthundert.
Freund Vinçard habe »wie üblich« zweihundert Franken für Provision
und Diskont abgezogen. Dann forderte er nachlässig eine
Empfangsbestätigung.
»Sie verstehen! Geschäft ist Geschäft! Und das Datum! Bitte! Das
Datum!«
Tausend nun erfüllbare Wünsche umgaukelten Emma. Aber sie war so
vorsichtig, dreitausend Franken beiseite zu legen, womit sie dann
die ersten drei Wechsel prompt bezahlen konnte.
Der Fälligkeitstag des vierten Papieres fiel zufällig auf einen
Donnerstag. Karl war zwar arg betroffen, wartete aber geduldig auf
Emmas Rückkehr. Die Sache würde sich schon aufklären.
Sie log ihm vor, von dem Wechsel nur nichts gesagt zu haben, um
ihm häusliche Sorgen zu ersparen. Sie setzte sich ihm auf die
Knie, liebkoste ihn, umgirrte ihn und zählte ihm tausend
unentbehrliche Sachen auf, die sie auf Borg hätte anschaffen
müssen.
»Nicht wahr, du mußt doch zugeben: für so viele Dinge ist tausend
Franken nicht zuviel?«
In seiner Ratlosigkeit lief Karl nun selber zu dem unvermeidlichen
Lheureux. Dieser verschwor sich, die Geschichte in Ordnung zu
bringen, wenn der Herr Doktor ihm zwei Wechsel ausstelle, einen
davon zu siebenhundert Franken auf ein Vierteljahr. Daraufhin
schrieb Bovary seiner Mutter einen kläglichen Brief. Statt einer
Antwort kam sie persönlich. Als Emma wissen wollte, ob sie etwas
herausrücke, gab er ihr zur Antwort:
»Ja! Aber sie will die Rechnung sehen!«
Am andern Morgen lief Emma zu Lheureux und ersuchte ihn um eine
besondre Rechnung auf rund tausend Franken. Sonst käme die ganze
Geschichte und auch die Veräußerung des Grundstücks heraus.
Letztere hatte der Händler so geschickt betrieben, daß sie erst
viel später bekannt wurde.
Obgleich die aufgeschriebenen Preise sehr niedrig waren, konnte
die alte Frau Bovary nicht umhin, die Ausgaben unerhört zu finden.
»Gings denn nicht auch ohne den Teppich? Wozu mußten die
Lehnstühle denn neu bezogen werden? Zu meiner Zeit gab es in
keinem Hause mehr als einen einigen Lehnstuhl, den Großvaterstuhl!
Die jungen Leute hatten keine nötig. So war es wenigstens bei
meiner Mutter, und das war eine ehrbare Frau! Das kann ich dir
versichern! Es sind nun einmal nicht alle Menschen reich. Und
Verschwendung ruiniert jeden! Ich würde mich zu Tode schämen, wenn
ich mich so verwöhnen wollte wie du! Und ich bin doch eine alte
Frau, die wahrlich ein bißchen der Pflege nötig hätte ... Da schau
mal einer diesen Luxus an! Lauter Kinkerlitzchen! Seidenfutter,
das Meter zu zwei Franken! Wo man ganz schönen Futterstoff für
vier Groschen, ja schon für dreie bekommt, der seinen Zweck
vollkommen erfüllt!«
Emma lag auf der Chaiselongue und erwiderte mit erzwungener Ruhe:
»Ich finde, es ist nun gut!«
Aber die alte Frau predigte immer weiter und prophezeite, sie
würden alle beide im Armenhause enden. Übrigens sei Karl der
Hauptschuldige. Es sei ein wahres Glück, daß er ihr versprochen
habe, die unselige Generalvollmacht zu vernichten ...
»Was?« unterbrach Emma ihre Rede.
»Jawohl! Er hat mir sein Wort gegeben!«
Emma öffnete ein Fenster und rief ihren Mann. Der Unglücksmensch
mußte zugeben, daß ihm die Mutter das Ehrenwort abgenötigt hatte.
Da ging Emma aus dem Zimmer, kam sehr bald wieder und händigte
ihrer Schwiegermutter mit der Gebärde einer Fürstin ein großes
Schriftstück ein.
»Ich danke dir!« sagte die alte Frau und steckte die Urkunde in
den Ofen.
Emma brach in eine rauhe, scharfe, andauernde Lache aus. Sie hatte
einen Nervenchok bekommen.
»Ach du mein Gott!« rief Karl aus. »Siehst du, Mutter, es war doch
nicht recht von dir! Du darfst ihr nicht so zusetzen!«
Sie zuckte mit den Achseln. Das sei alles »bloß Tuerei!«
Da lehnte sich Karl zum ersten Male in seinem Leben gegen sie auf
und vertrat Emma so nachdrücklich, daß die alte Frau erklärte, sie
werde abreisen. In der Tat tat sie das andern Tags. Als Karl sie
noch einmal auf der Schwelle zum Bleiben überreden wollte,
erwiderte sie:
»Nein, nein! Du liebst sie mehr als mich, und das ist ja ganz in
der Ordnung! Wenn es auch dein Nachteil ist. Du wirst ja sehen ...
Laß dirs wohl gehn! Ich werde ihr nicht sogleich wieder --
sozusagen -- zusetzen!«
Nicht weniger als armer Sünder stand er dann vor Emma, die ihm
erbittert vorwarf, er habe kein Vertrauen mehr zu ihr. Er mußte
erst lange bitten, ehe sie sich herabließ, eine neue
Generalvollmacht anzunehmen. Er begleitete sie zu Guillaumin, der
sie ausstellen sollte.
»Sehr begreiflich!« meinte der Notar. »Ein Mann der Wissenschaft
darf sich durch die Alltagsdinge nicht ablenken lassen.«
Karl fühlte sich durch diese im väterlichen Tone vorgebrachte
Weisheit wieder aufgerichtet. Sie bemäntelte seine Schwachheit mit
der schmeichelhaften Entschuldigung, er sei mit höheren Dingen
beschäftigt.
Am Donnerstag darauf, in ihrem Zimmer im Boulogner Hofe, in Leos
Armen war sie über die Maßen ausgelassen. Sie lachte, weinte,
sang, tanzte, ließ sich Sorbett heraufbringen und rauchte
Zigaretten. So überschwenglich sie ihm auch vorkam, er fand sie
doch köstlich und bezaubernd. Er ahnte nicht, daß es in ihrem
Innern gärte und daß sie sich aus diesem Motiv kopfüber in den
Strudel des Lebens stürzte. Sie war reizbar, unersättlich,
wollüstig geworden. Erhobenen Hauptes ging sie mit Leo durch die
Straßen der Stadt spazieren, ohne die geringste Angst, daß sie ins
Gerede kommen könnte. So sagte sie wenigstens. Insgeheim
erzitterte sie freilich mitunter bei dem Gedanken, Rudolf könne
ihr einmal begegnen. Wenn sie auch auf immerdar von ihm geschieden
war, so fühlte sie sich doch noch immer in seinem Banne.
Eines Abends kam sie nicht nach Yonville zurück. Karl war außer
sich vor Unruhe, und die kleine Berta, die ohne ihre »Mama« nicht
ins Bett gehen wollte, schluchzte herzzerreißend. Justin wurde auf
der Poststraße entgegengesandt, und selbst Homais verließ seine
Apotheke.
Als es elf Uhr schlug, hielt es Karl nicht mehr aus. Er spannte
seinen Wagen an, sprang auf den Bock, hieb auf sein Pferd los und
langte gegen zwei Uhr morgens im »Roten Kreuz« an. Emma war nicht
da. Er dachte, vielleicht könne der Adjunkt sie gesehen haben,
aber wo wohnte er? Glücklicherweise fiel ihm die Adresse des
Notars ein, bei dem Leo in der Kanzlei arbeitete. Er eilte hin.
Es begann zu dämmern. Er erkannte das Wappenschild über der Tür
und klopfte an. Ohne daß ihm geöffnet ward, erteilte ihm jemand
die gewünschte Auskunft, nicht ohne auf den nächtlichen Ruhestörer
zu schimpfen.
Das Haus, in dem der Adjunkt wohnte, besaß weder einen Türklopfer
noch eine Klingel noch einen Pförtner. Karl schlug mit der Faust
gegen einen Fensterladen. Ein Schutzmann ging vorüber. Karl bekam
Angst und ging davon.
»Ich bin ein Narr!« sagte er zu sich. »Wahrscheinlich haben
Lormeaux' sie gestern abend zu Tisch dabehalten!«
Die Familie Lormeaux wohnte gar nicht mehr in Rouen.
»Vielleicht ist sie bei Frau Dübreuil. Die ist vielleicht krank
... Ach nein, Frau Dübreuil ist ja schon vor einem halben Jahre
gestorben ... Aber wo mag dann Emma nur sein?«
Plötzlich fiel ihm etwas ein. Er ließ sich in einem Café das
Adreßbuch geben und suchte rasch nach dem Namen von Fräulein
Lempereur. Sie wohnte Rue de la Renelle des Maroquiniers Nummer 74.
Als er in diese Straße einbog, tauchte Emma am andern Ende auf. Er
stürzte auf sie los und fiel ihr um den Hals.
»Was hat dich denn gestern hier zurückgehalten?« rief er.
»Ich war krank.«
»Was fehlte dir denn? ... Na und wo ... Wie?«
Sie fuhr mit der Hand über die Stirn und antwortete:
»Bei Fräulein Lempereur.«
»Das dachte ich mir doch gleich. Ich war auf dem Weg zu ihr.«
»Die Mühe kannst du dir nun ersparen. Sie ist übrigens schon
ausgegangen. In Zukunft rege dich aber nicht wieder so auf! Du
kannst dir denken, daß ich mich nicht gar frei fühle, wenn ich
weiß, daß dich die geringste Verspätung dermaßen aus dem
Gleichgewicht bringt!«
Das war eine Art Erlaubnis, die sie sich selbst gab, in Zukunft
mit aller Ruhe über den Strang hauen zu können, wie man zu sagen
pflegt. In der Tat machte sie nunmehr den ausgiebigsten Gebrauch
davon. Sobald sie Lust verspürte, Leo zu sehen, fuhr sie unter
irgendeinem Vorwand nach Rouen. Da dieser sie an solchen Tagen
nicht erwartete, suchte sie ihn in seiner Kanzlei auf.
Die ersten Male war ihm das eine große Freude, aber allmählich
verhehlte er ihr die Wahrheit nicht. Seinem Chef waren diese
Störungen durchaus nicht angenehm.
»Ach was, komm nur mit!« sagte sie.
Und er verließ ihretwegen seine Arbeit.
Sie sprach den Wunsch aus, er solle sich immer in Schwarz kleiden
und sich eine sogenannte Fliege stehen lassen, damit er aussähe
wie Ludwig der Dreizehnte auf dem bekannten Bilde. Er mußte ihr
seine Wohnung zeigen, die sie ziemlich armselig fand. Er schämte
sich, aber sie achtete nicht darauf und riet ihm, Vorhänge zu
kaufen, wie sie welche hatte. Als er meinte, die seien sehr teuer,
sagte sie lachend:
»Ach, hängst du an deinen paar Groschen!«
Jedesmal mußte ihr Leo genau berichten, was er seit dem letzten
Stelldichein erlebt hatte. Einmal bat sie ihn um ein Gedicht, um
ein Liebesgedicht ihr zu Ehren. Aber die Reimerei lag ihm nicht,
und er schrieb schließlich ein Sonett aus einem alten Almanach ab.
Er tat das keineswegs aus Eitelkeit. Er kannte kein andres
Bedürfnis, als ihr zu gefallen. Er war in allen Dingen ihrer
Ansicht und hatte stets denselben Geschmack wie sie. Mit einem
Worte: sie tauschten allmählich ihre Rollen. Leo wurde der
feminine Teil in diesem Liebesverhältnisse. Sie verstand auf eine
Art zu kosen und zu küssen, daß er die Empfindung hatte, als sauge
sie ihm die Seele aus dem Leibe. Es steckte, im Kerne ihres Wesens
verborgen, eine eigentümliche, geradezu unkörperliche Verderbnis
in Emma, eine geheimnisvolle Erbschaft.
Sechstes Kapitel
Wenn Leo nach Yonville kam, um Emma zu besuchen, aß er häufig bei
dem Apotheker zu Mittag. Aus Höflichkeit lud er ihn ein, ihn nun
auch einmal in Rouen zu besuchen.
»Gern!« gab Homais zur Antwort. »Ich muß sowieso einmal
ausspannen, sonst roste ich hier noch ganz und gar ein. Wir wollen
zusammen ins Theater gehen, ein bißchen kneipen und ein paar
Dummheiten loslassen!«
»Aber Mann!« mahnte Frau Homais besorgt. Die undefinierbaren
Gefahren, denen er entgegenlief, ängstigten sie im voraus.
»Was ist da weiter dabei? Hab ich meine Gesundheit nicht schon
genug ruiniert in den fortwährenden Ausdünstungen der Drogen? Ja,
ja, so sind die Frauen! Vergräbt man sich in die Wissenschaften,
so sind sie eifersüchtig; und will man sich gelegentlich in
harmlosester Weise ein bißchen erholen, dann ists ihnen auch
wieder nicht recht. Aber lassen wirs gut sein! Rechnen Sie auf
mich! In allernächster Zeit tauch ich in Rouen auf: und dann
wollen wir mal zusammen eine Kiste öffnen!«
Früher hätte sich Homais gehütet, einen derartigen Ausdruck zu
gebrauchen, aber seit einiger Zeit gefiel er sich ungemein darin,
den jovialen Großstädter zu spielen. Ähnlich wie seine Nachbarin,
Frau Bovary, fragte er den Adjunkt auf das neugierigste nach den
Pariser Sitten und Unsitten aus. Er begann sogar in seiner
Redeweise den Jargon der Pariser anzunehmen, um den Philistern zu
imponieren.
Eines Donnerstags früh traf ihn Emma zu ihrer Überraschung in der
Küche des Goldnen Löwen im Reiseanzug, das heißt, in einen alten
Mantel gemummt, in dem man ihn noch nie gesehen hatte, eine
Reisetasche in der einen Hand, einen Fußsack in der andern. Er
hatte sein Vorhaben keinem Menschen verraten, aus Furcht, die
Kundschaft könne an seiner Abwesenheit Anstoß nehmen.
Der Gedanke, die Orte wiedersehen zu sollen, wo er seine Jugend
verlebt hatte, regte ihn sichtlich auf, denn während der ganzen
Fahrt redete er in einem fort. Kaum war man in Rouen angekommen,
so stürzte er aus dem Wagen, um Leo aufzusuchen. Dem Adjunkt half
kein Widerstreben: Homais schleppte ihn mit in das »Grand Café zur
Normandie«, wo er, bedeckten Hauptes, stolz wie ein Fürst eintrat.
Er hielt es nämlich für höchst provinzlerhaft, in einem
öffentlichen Lokal den Hut abzunehmen.
Emma wartete drei Viertelstunden lang auf Leo. Schließlich eilte
sie in seine Kanzlei. Unter allen möglichen Mutmaßungen, wobei sie
ihm den Vorwurf der Gleichgültigkeit und sich selber den der
Schwäche machte, verbrachte sie dann den Nachmittag, die Stirn
gegen die Scheiben gepreßt, im Boulogner Hofe.
Um zwei Uhr saßen Leo und Homais immer noch bei Tisch. Der große
Saal des Restaurants leerte sich. Sie saßen am Ofen, der die Form
eines hochragenden Palmenstammes hatte, dessen innen vergoldete
Fächer sich unter der weißen Decke ausbreiteten. Neben ihnen, im
hellen Sonnenlichte, hinter Glaswänden, sprudelte ein kleiner
Springbrunnen über einem Marmorbecken. An seinem Rande hockten
zwischen Brunnenkresse und Spargel drei schläfrige Hummern;
daneben lagen Wachteln, zu einem Haufen aufgeschichtet.
Der Apotheker tat sich sozusagen eine Güte. Wenngleich ihn die
Pracht noch mehr entzückte als das vortreffliche Mahl, so tat der
Burgunder doch seine Wirkung. Und als das Omelett mit Rum
aufgetragen ward, da offenbarte er unmoralische Theorien ȟber die
Weiber«. Am meisten rege ihn eine »schicke« Frau auf, und nichts
ginge über eine elegante Robe in einem vornehm eingerichteten
Raume. Was die körperlichen Reize anbelange, da sei viel Fleisch
»nicht ohne«.
Leo sah verzweifelt auf die Uhr. Der Apotheker trank, aß und
schmatzte weiter.
»Sie müssen sich übrigens ziemlich einsam fühlen hier in Rouen«,
sagte er plötzlich. »Aber schließlich wohnt ja Ihr Liebchen nicht
allzuweit.« Da Leo errötete, setzte er hinzu: »Na, gestehen Sie
nur! Wollen Sie leugnen, daß Sie in Yonville ...«
Der junge Mann stammelte etwas Unverständliches.
»... im Hause Bovary jemanden poussieren ...«
»Aber wen denn?«
»Na, das Dienstmädel!«
Es war sein Ernst. Aber Leos Eitelkeit war stärker als alle
Vorsicht. Ohne sichs zu überlegen, widersprach er. Er liebe nur
brünette Frauen.
»Da haben Sie nicht unrecht«, meinte der Apotheker. »Die haben
mehr Temperament!«
Homais begann zu flüstern und verriet seinem Freunde die Symptome,
an denen man erkennen könne, ob eine Frau Feuer habe. Er geriet
sogar auf eine ethnographische Abschweifung. Die Deutschen seien
schwärmerisch, die Französinnen wollüstig, die Italienerinnen
leidenschaftlich.
»Und die Negerinnen?« fragte der Adjunkt.
»Das ist etwas für Kenner! Kellner! Zwei Tassen Kaffee!«
»Gehen wir?« fragte Leo ungeduldig.
»Yes!«
Aber zuvor wollte er den Besitzer des Restaurants sprechen und ihm
seine Zufriedenheit aussprechen.
Des weiteren schützte der junge Mann einen geschäftlichen Gang
vor. Er wollte nun endlich allein sein.
»Ich begleite Sie natürlich!« sagte Homais.
Unterwegs erzählte er unaufhörlich von seiner Frau, von seinen
Kindern, von ihrem Gedeihen, von seiner Apotheke, vom verwahrlosten
Zustand, in dem er sie übernommen, und wie er sie in die Höhe
gebracht habe.
Vor dem Boulogner Hofe verabschiedete sich Leo kurzerhand von ihm,
eilte die Treppe hinan und fand seine Geliebte in der größten
Erregung. Bei der Erwähnung des Apothekers geriet sie in Wut. Leo
versuchte, sie durch allerlei vernünftige Gründe zu beruhigen. Es
sei wirklich nicht seine Schuld gewesen. Sie kenne Homais doch.
Wie habe sie nur glauben können, daß er lieber mit ihm statt mit
ihr zusammen sei? Aber sie wollte gar nichts hören und schickte
sich an, fortzugehen. Er hielt sie zurück, sank vor ihr auf die
Knie, umschlang sie mit beiden Armen und sah sie mit einem
rührenden Blick voller Begehrlichkeit und Unterwürfigkeit an.
Sie stand aufrecht vor ihm. Mit großen flammenden Augen sah sie
ihn ernst, fast drohend an. Dann aber verschwamm dieser Ausdruck
in Tränen. Ihre geröteten Lider schlossen sich, sie überließ ihm
ihre Hände, die er an seine Lippen zog. Da erschien der
Hausdiener. Ein Herr wünsche ihn dringend zu sprechen.
»Du kommst doch wieder?« fragte Emma.
»Gewiß!«
»Aber wann?«
»Sofort!«
Es war der Apotheker.
»Ein feiner Trick, nicht?« schmunzelte er, als er Leo erblickte.
»Ich wollte Ihnen Ihre Unterredung verkürzen. Sie war Ihnen doch
offensichtlich unangenehm. So! Jetzt gehen wir zu meinem Freund
Bridoux, einen Bittern genehmigen!«
Leo beteuerte, er müsse in seine Kanzlei. Aber der Apotheker
lachte ihn aus und machte seine Witze über die Juristerei.
»Lassen Sie doch den Aktenkram Aktenkram sein! Zum Teufel, warum
nur nicht? Seien Sie kein Frosch! Kommen Sie, wir gehn zu Bridoux!
Seinen Terrier müssen Sie mal sehen! Der ist zu spaßig!« Und da
der Adjunkt immer noch widerstrebte, fuhr er fort: »Na, da
begleite ich Sie wenigstens! Werde in Ihrem Laden eine Zeitung
lesen oder in irgendeinem alten Schmöker blättern.«
Leo war wie betäubt durch Emmas Unwillen, durch des Apothekers
Geschwätz und vielleicht auch durch die Nachwirkung des
reichlichen Frühstücks. Unentschlossen stand er da, während Homais
immer wieder in ihn drang:
»Kommen Sie nur mit! Wir gehn zu Bridoux! Er wohnt keine hundert
Schritte von hier! Rue Malpalu!«
Diese Aufforderung wirkte wie eine Suggestion. Aus Feigheit oder
Narrheit oder aus jenem merkwürdigen Drange, der den Menschen
mitunter zu Handlungen bewegt, die seinem eigentlichen Willen
zuwiderlaufen, ließ sich Leo zu Bridoux führen. Sie fanden ihn in
dem kleinen Hofe seines Hauses, wo er drei Burschen
beaufsichtigte, die das große Rad einer
Selterwasserzubereitungsmaschine drehten. Nach einer herzlichen
Begrüßung gab Homais seinem Kollegen Ratschläge. Dann trank man
den Bittern. Leo war hundertmal im Begriffe, sich zu empfehlen,
aber Homais hielt ihn immer wieder fest, indem er sagte:
»Gleich! Gleich! Ich gehe ja mit! Wir wollen nun mal in den
'Leuchtturm von Rouen'! Dem Redakteur guten Tag sagen. Ich mache
Sie mit ihm bekannt, mit Herrn Thomassin.«
Trotzdem machte sich Leo endlich los und eilte wiederum in den
Boulogner Hof. Emma war nicht mehr da. Im höchsten Grade
aufgebracht, war sie fortgegangen. Jetzt haßte sie Leo. Das
Stelldichein zu versäumen, das faßte sie als Beschimpfung auf! Nun
suchte sie nach noch andern Gründen, mit ihm zu brechen. Er sei
eines höheren Aufschwungs unfähig, schwach, banal, feminin, dazu
knickerig und kleinmütig.
Dann wurde sie ruhiger; sie sah ein, daß sie ihn schlechter
machte, als er war. Aber das Herabzerren eines Geliebten
hinterläßt immer gewisse Spuren. Man darf ein Götzenbild nicht
berühren: die Vergoldung bleibt einem an den Fingern kleben.
Fortan unterhielten sie sich immer häufiger von Dingen, die nichts
mit ihrer Liebe zu tun hatten. In den Briefen, die ihm Emma
schrieb, war die Rede von Blumen, Versen, vom Mond und den
Sternen, mit einem Worte von allen den primitiven Requisiten, die
eine mattgewordne Leidenschaft aufbaut, um den Schein aufrecht zu
erhalten. Immer wieder erhoffte sie sich von dem nächsten
Beieinandersein die alte Glückseligkeit, aber hinterher gestand
sie sich jedesmal, daß sie nichts davon gespürt hatte. Diese
Enttäuschung wandelte sich trotzdem in neues Hoffen. Emma kam
immer wieder zu Leo voll Begehren und sinnlicher Erregung. Sie
warf die Kleider ab und riß das Korsett herunter, dessen Schnuren
ihr um die Hüften schlugen wie zischende Schlangen. Mit nackten
Füßen lief sie an die Tür und überzeugte sich, daß sie verriegelt
war. Mit einer hastigen Bewegung entledigte sie sich dann des
Hemdes -- und bleich, stumm, ernst und von Schauern durchströmt,
warf sie sich in seine Arme.
Aber auf ihrer von kaltem Schweiß beperlten Stirn, auf ihren
stöhnenden Lippen, in ihren irren Augen, in ihrer wilden Umarmung
lebte etwas Unheimliches, Feindseliges, Todtrauriges. Leo fühlte
es. Es hatte sich eingeschlichen, um sie zu trennen.
Ohne daß er darnach zu fragen wagte, kam er ferner zu der
Erkenntnis, daß die Geliebte alle Prüfungen der Lust und des Leids
schon einmal an sich selber erfahren haben mußte. Was ihn dereinst
entzückt hatte, das flößte ihm jetzt Grauen ein.
Dazu kam, daß er gegen die täglich zunehmende Vergewaltigung
seiner Person rebellierte. Er grollte ihr ob ihrer immer neuen
Siege. Oft zwang er sich, kalt zu bleiben, aber wenn er sie dann
auf sich zukommen sah, ward er doch wieder schwach, wie ein
Absinthtrinker, den das grüne Gift immer wieder verführt.
Allerdings wandte sie alle Liebeskünste an: von ausgesuchten
Genüssen bei Tisch bis zu den Raffinements der Kleidung und den
schmachtendsten Zärtlichkeiten. Sie brachte aus ihrem Garten Rosen
mit, die sie an der Brust trug und ihm ins Gesicht warf. Sie
sorgte sich um seine Gesundheit und gab ihm gute Ratschläge, wie
er leben solle. Abergläubisch schenkte sie ihm ein Amulett mit
einem Madonnenbildchen. Wie eine ehrsame Mutter erkundigte sie
sich nach seinen Freunden und Bekannten.
»Laß sie! Geh nicht aus! Denk nur an mich und bleib mir treu!«
Am liebsten hätte sie ihn überwacht oder gar überwachen lassen.
Mitunter kam ihr letzteres in den Sinn. Es trieb sich in der Nähe
des Boulogner Hofes regelmäßig ein Tagedieb herum, der dies wohl
übernommen hätte. Aber ihr Stolz hielt sie davon ab.
»Mag er mich hintergehen! Dann ist er eben nichts wert! Was tuts?
Ich halte ihn nicht!«
Eines Tages ging sie zeitiger von ihm weg als gewöhnlich. Als sie
allein den Boulevard hinschlenderte, bemerkte sie die Mauer ihres
Klosters. Da setzte sie sich auf eine schattige Bank unter den
Ulmen. Wie friedsam hatte sie damals gelebt! Sie bekam Sehnsucht
nach den jungfräulichen Vorstellungen von der Liebe, die sie sich
damals aus Büchern erträumt hatte ...
Dann erinnerte sie sich an ihre Flitterwochen ... an den Vicomte,
mit dem sie Walzer getanzt hatte, ... an die Ritte durch den Wald
... an den Tenor Lagardy ... Alles das zog wieder an ihr vorüber
... Und mit einem Male stand ihr auch Leo so fern wie alles andre.
»Aber ich liebe ihn doch!« flüsterte sie.
Sie war dennoch nicht glücklich, und nie war sie das gewesen!
Warum reichte ihr das Leben nie etwas Ganzes? Warum kam immer
gleich Moder in alle Dinge, die sie an ihr Herz zog?
Wenn es irgendwo auf Erden ein Wesen gab, stark und schön und
tapfer, begeisterungsfähig und liebeserfahren zugleich, mit einem
Dichterherzen und einem Engelskörper, ein Schwärmer und Sänger,
warum war sie ihm nicht zufällig begegnet? Ach, weil das eine
Unmöglichkeit ist! Weil es vergeblich ist, ihn zu suchen! Weil
alles Lug und Trug ist! Jedes Lächeln verbirgt immer nur das
Gähnen der Langweile, jede Freude einen Fluch, jeder Genuß den
Ekel, der ihm unvermeidlich folgt! Die heißesten Küsse
hinterlassen dem Menschen nichts als die unstillbare Begierde nach
der Wollust der Götter!
Eherne Klänge dröhnten durch die Luft. Die Klosterglocke schlug
viermal. Vier Uhr! Es dünkte Emma, sie säße schon eine Ewigkeit
auf ihrer Bank. Unendlich viel Leidenschaft kann sich in einer
Minute zusammendrängen, wie eine Menschenmenge in einem kleinen
Raume ...
Emma lebte nur noch für sich selbst. Die Geldangelegenheiten
kümmerten sie nicht mehr. Aber eines Tages erschien ein Mann von
schäbigem Aussehen und erklärte, Herr Vinçard in Rouen schicke ihn
her. Er zog die Stecknadeln heraus, mit denen er die eine
Seitentasche seines langen grünen Rockes verschlossen hatte,
steckte sie im Ärmelaufschlag fest und überreichte ihr höflich ein
Papier. Es war ein Wechsel auf siebenhundert Franken, den sie
ausgestellt hatte. Lheureux hatte ihn seinem Versprechen entgegen
an Vinçard weitergegeben.
Sie schickte Felicie zu dem Händler. Er könne nicht abkommen, ließ
er zurücksagen. Der Unbekannte hatte stehend gewartet und dabei
hinter seinen dichten blonden Augenlidern neugierige Blicke auf
Haus und Hof gerichtet. Jetzt fragte er einfältig:
»Was soll ich Herrn Vinçard ausrichten?«
»Sagen Sie ihm nur«, gab Emma zur Antwort, »... ich hätte kein
Geld! Vielleicht in acht Tagen ... Er solle warten ... Ja, ja, in
acht Tagen!«
Der Mann ging, ohne etwas zu erwidern. Aber am Tage darauf erhielt
sie eine Wechselklage. Auf der gestempelten Zustellungsurkunde
starrten ihr mehrfach die Worte »Hareng, Gerichtsvollzieher in
Büchy« entgegen. Darüber erschrak sie dermaßen, daß sie
spornstreichs zu Lheureux lief.
Er stand in seinem Laden und schnürte gerade ein Paket zu.
»Ihr Diener!« begrüßte er sie. »Ich stehe Ihnen sogleich zur
Verfügung!«
Im übrigen ließ er sich in seiner Beschäftigung nicht stören, bei
der ihm ein etwa dreizehnjähriges Mädchen half. Es war ein wenig
verwachsen und versah bei dem Händler zugleich die Stelle des
Ladenmädchens und der Köchin.
Als er fertig war, führte er Frau Bovary hinauf in den ersten
Stock. Er ging ihr in seinen schlürfenden Holzschuhen auf der
Treppe voran. Oben öffnete er die Tür zu einem engen Gemach, in
dem ein großer Schreibtisch mit einem Aufsatz voller
Rechnungsbücher stand, die durch eine eiserne, mit einem
Vorhängeschloß versehene Stange verwahrt waren. An der Wand stand
ein Geldschrank von solcher Größe, daß er sichtlich noch andre
Dinge als bloß Geld und Banknoten enthalten mußte. In der Tat lieh
Lheureux Geld auf Pfänder aus. In diesem Schrank lagen unter
anderm die Kette der Frau Bovary und die Ohrringe des alten
Tellier. Der ehemalige Besitzer des Café Français hatte inzwischen
sein Grundstück verkaufen müssen und in Quincampoix einen kleinen
Kramladen eröffnet. Dort ging er seiner Schwindsucht langsam
zugrunde, inmitten seiner Talglichte, die weniger gelb waren als
sein Gesicht.
Lheureux setzte sich in seinen großen Rohrstuhl und fragte:
»Na, was gibts Neues?«
Emma hielt ihm die Vorladung hin.
»Hier, lesen Sie!«
»Ja, was geht denn mich das an?«
Diese Antwort empörte sie. Sie erinnerte ihn an sein Versprechen,
ihre Wechsel nicht in Umlauf zu bringen. Er gab das zu.
»Aber notgedrungen hab ichs doch tun müssen! Mir saß selber das
Messer an der Kehle!«
»Und was wird jetzt geschehn?«
»Ganz einfach! Erst kommt ein gerichtlicher Schuldtitel und dann
die Zwangsvollstreckung! Schwapp! Ab!«
Emma konnte sich nur mit Mühe beherrschen. Sie hätte ihm beinahe
ins Gesicht geschlagen. Ruhig fragte sie, ob es denn kein Mittel
gebe, Herrn Vinçard zu vertrösten.
»Den und vertrösten! Da kennen Sie Vinçard schlecht! Das ist ein
Bluthund!«
Dann müsse eben Lheureux einspringen.
»Hören Sie mal,« entgegnete er, »mir scheint, daß ich schon genug
für Sie eingesprungen bin! Sehen Sie!« Er schlug seine Bücher auf:
»Hier! Am 3. August zweihundert Franken ... am 17. Juni
hundertundfünfzig Franken ... am 23. März sechsundvierzig Franken
... am 10. April ...«
Er hielt inne, als fürchte er eine Dummheit zu sagen.
»Dazu kommen noch die Wechsel, die mir Ihr Mann ausgestellt hat,
einen zu siebenhundert und einen zu dreihundert Franken! Von Ihren
ewigen kleinen Rechnungen und den rückständigen Zinsen gar nicht
zu reden! Das ist ja endlos! Da findet sich ja gar niemand mehr
hinein! Ich will nichts mehr mit der Sache zu tun haben!«
Emma fing an zu weinen, nannte ihn sogar ihren lieben guten
Lheureux, aber er verschanzte sich immer wieder hinter »diesen
Schweinehund, den Vinçard«. Übrigens verfüge er selber über keinen
roten Heller in bar. Kein Mensch bezahle ihn. Man zöge ihm das
Fell über die Ohren. Ein armer Händler, wie er, könne nichts
borgen.
Emma schwieg. Lheureux nagte an einem Federhalter. Durch ihr
Schweigen sichtlich beunruhigt, sagte er schließlich:
»Na, vielleicht ... wenn dieser Tage was einkommt ...«
Sie unterbrach ihn:
»Wenn ich die letzte Rate für das Grundstück in Barneville bekomme
...«
»Wieso?«
Er tat so, als sei er sehr überrascht, daß Langlois noch nicht
gezahlt habe. Mit honigsüßer Stimme sagte er:
»Na, da machen Sie mal einen Vorschlag!«
»Ach, den müssen Sie machen!«
Er schloß die Augen, als ob er sich etwas überlegte. Hierauf
schrieb er ein paar Ziffern, und dann erklärte er, er käme sehr
schlecht dabei weg, die Geschichte sei faul und er schneide sich
in sein eignes Fleisch. Schließlich füllte er vier Wechsel aus,
jeden zu zweihundertundfünfzig Franken, mit Fälligkeitstagen, die
je vier Wochen auseinanderlagen.
»Vorausgesetzt natürlich, daß Vinçard darauf eingeht!« sagte er.
»Mir solls ja recht sein! Ich fackle nicht lange! Bei mir geht
alles wie geschmiert!«
Er zeigte ihr im Vorbeigehen schnell noch ein paar Neuigkeiten.
»Es ist aber nichts für Sie darunter, gnädige Frau!« meinte er.
»Wenn ich bedenke: dieser Stoff, das Meter zu drei Groschen und
angeblich sogar waschecht! Die Leute reißen sich drum! Man sagt
ihnen natürlich nicht, was wirklich dran ist ... Sie könnens sich
ja denken!«
Durch derlei Geständnisse seiner Unreellität andern gegenüber
sollte er sich bei ihr als desto ehrlicher hinstellen. Emma war
bereits an der Tür, als er sie zurückrief und ihr drei Meter
Brokatstickerei zeigte, einen »Gelegenheitskauf«, wie er sagte.
»Prachtvoll! Nicht?« sagte er. »Man nimmt es jetzt vielfach zu
Sofabehängen. Das ist hochmodern!«
Mit der Geschicklichkeit eines Taschenspielers hatte er den
Spitzenstoff bereits in blaues Papier eingeschlagen und Emma in
die Hände gedrückt.
»Ich muß doch aber wenigstens wissen, was ...«
»Ach, das eilt ja nicht!« unterbrach er sie und wandte sich einem
andern Kunden zu.
Noch an dem nämlichen Abend bestürmte sie Karl, er solle doch
seiner Mutter schreiben, daß sie den Rest der Erbschaft schicke.
Es kam die Antwort, es sei nichts mehr da. Nach Erledigung aller
Verbindlichkeiten verblieben ihm -- abgesehen von dem Grundstück
in Barneville -- jährlich sechshundert Franken, die ihm pünktlich
zugehen würden.
Nunmehr verschickte sie an ein paar von Karls Patienten
Rechnungen; und da dies von Erfolg war, machte sie das häufiger.
Der Vorsicht halber schrieb sie darunter: »Ich bitte, es meinem
Manne nicht zu sagen. Sie wissen, wie stolz er in dieser Beziehung
ist. Verzeihen Sie gütigst. Ihre sehr ergebene ...« Hie und da
liefen Beschwerden ein, die sie unterschlug.
Um sich Geld zu verschaffen, verkaufte sie ihre alten Handschuhe,
ihre abgelegten Hüte, altes Eisen. Dabei handelte sie wie ein
Jude. Hier kam ihr gewinnsüchtiges Bauernblut zum Vorschein. Auf
ihren Ausflügen nach Rouen erstand sie allerhand Trödel, den
Lheureux an Zahlungs Statt annehmen sollte. Sie kaufte
Straußenfedern, chinesisches Porzellan, altertümliche Truhen. Sie
lieh sich Geld von Felicie, von Frau Franz, von der Wirtin vom
»Roten Kreuz«, von aller Welt. Darin war sie skrupellos. Mit dem
Geld, das sie noch für das Barneviller Haus bekam, bezahlte sie
zwei von den vier Wechseln. Die übrigen fünfzehnhundert Franken
waren im Handumdrehen weg. Sie ging neue Verpflichtungen ein und
immer wieder welche.
Manchmal versuchte sie allerdings zu rechnen, aber was dabei
herauskam, erschien ihr unglaublich. Sie rechnete und rechnete,
bis ihr wirr im Kopfe wurde. Dann ließ sie es und dachte gar nicht
mehr daran.
Um ihr Haus war es traurig bestellt. Oft sah man Lieferanten mit
wütenden Gesichtern herauskommen. Am Ofen trocknete Wäsche. Und
die kleine Berta lief zum größten Entsetzen von Frau Homais in
zerrissenen Strümpfen einher. Wenn sich Karl gelegentlich eine
bescheidene Bemerkung erlaubte, antwortete ihm Emma barsch, es sei
nicht ihre Schuld.
»Warum ist sie so reizbar?« fragte er sich und suchte die
Erklärung dafür in ihrem alten Nervenleiden. Er machte sich
Vorwürfe, daß er nicht genügend Rücksicht auf ihr körperliches
Leiden genommen habe. Er schalt sich einen Egoisten und wäre am
liebsten zu ihr gelaufen und hätte sie geküßt.
»Lieber nicht!« sagte er sich. »Es könnte ihr lästig sein!«
Und er ging nicht zu ihr.
Nach dem Essen schlenderte er allein im Garten umher. Er nahm die
kleine Berta auf seine Knie, schlug seine Medizinische
Wochenschrift auf und versuchte dem Kind das Lesen beizubringen.
Es war noch gänzlich unwissend. Sehr bald machte es große,
traurige Augen und begann zu weinen. Da tröstete er es. Er holte
Wasser in der Gießkanne und legte ein Bächlein im Kies an, oder er
brach Zweige von den Jasminsträuchern und pflanze sie als Bäumchen
in die Beete. Dem Garten schadete das nur wenig, er war schon
längst von Unkraut überwuchert. Lestiboudois hatte schon wer weiß
wie lange keinen Lohn erhalten! Dann fror das Kind, und es
verlangte nach der Mutter.
»Ruf Felicie!« sagte Karl. »Du weißt, mein Herzchen, Mama will
nicht gestört werden!«
Es wurde wieder Herbst, und schon fielen die Blätter. Jetzt war es
genau zwei Jahre her, daß Emma krank war! Wann würde das endlich
wieder in Ordnung sein? Er setzte seinen Weg fort, die Hände auf
dem Rücken.
Frau Bovary war in ihrem Zimmer. Kein Mensch durfte sie stören.
Sie hielt sich dort den ganzen Tag auf, im Halbschlafe und kaum
bekleidet. Von Zeit zu Zeit zündete sie eins der Räucherkerzchen
an, die sie in Rouen im Laden eines Algeriers gekauft hatte. Um in
der Nacht nicht immer ihren schnarchenden Mann neben sich zu
haben, brachte sie es durch allerlei Grimassen so weit, daß er
sich in den zweiten Stock zurückzog. Nun las sie bis zum Morgen
überspannte Bücher, die von Orgien und von Mord und Totschlag
erzählten. Oft bekam sie davon Angstanfälle. Dann schrie sie auf,
und Karl kam eiligst herunter.
»Ach, geh nur wieder!« sagte sie.
Manchmal wieder lief sie, vom heimlichen Feuer des Ehebruchs
durchglüht, schwer atmend und in heißer sinnlicher Erregung ans
Fenster, sog die kühle Nachtluft ein und ließ sich den Wind um das
schwere Haar wehen. Zu den Gestirnen aufblickend, wünschte sie
sich die Liebe eines Fürsten ...
Leo trat ihr vor die Phantasie. Was hätte sie in diesem Augenblick
darum gegeben, ihn bei sich zu haben und sich von ihm sattküssen
zu lassen.
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