gibt, ja dann hätte ich den Versuch wagen können, aus Egoismus,
ohne Gefahr für Dich. Aber bei Deiner köstlichen schwärmerischen
Art, dem Quell Deines Reizes und zugleich Deines vielen Kummers,
bist Du nicht imstande, Du Beste aller Frauen, die Kehrseite
unsrer zukünftigen Stellung in der Welt vorauszusehen. Auch ich
habe zunächst gar nicht daran gedacht, habe mich in unserm
Höhenglücke behaglich gesonnt, mich in ein Märchenland geträumt
und mich um keine Folgen gekümmert ...«
»Vielleicht glaubt sie, ich zöge mich aus Geiz zurück ... Auch
egal! Desto besser! Wenns nur Schluß wird!«
»... Die Welt ist grausam, geliebte Emma. Man hätte uns überall,
wohin wir gekommen wären, Schwierigkeiten bereitet. Du hättest
unverschämte Fragen, Verleumdungen, Schmähungen und vielleicht
Beleidigungen über Dich ergehen lassen müssen. Beleidigungen, Du!
Und ich wollte Dich zu meiner Königin erheben. Du solltest mein
Heiligstes sein. Nun bestrafe ich mich mit der Verbannung, weil
ich Dir so viel Schlimmes angetan habe. Ich gehe fort. Wohin? Ach,
ich weiß es nicht, ich bin wahnsinnig!
Lebwohl! Bleib immer gut! Und vergiß den Unglücklichen nicht ganz,
der Dich verloren hat! Lehre Deine Kleine meinen Namen, damit sie
mich in ihre Gebete einschließt!«
Die Lichter der beiden Kerzen flackerten unruhig. Rudolf stand vom
Schreibtisch auf und schloß das Fenster.
»So! Ich denke, das genügt! Halt! Noch etwas! Auf keinen Fall eine
Aussprache!«
Er setzte sich wieder hin und schrieb weiter:
»Wenn Du diese betrübten Zeilen lesen wirst, bin ich schon weit
weg, denn ich muß eilends fliehen, um der Versuchung zu entrinnen,
Dich wiedersehen zu wollen. Ich darf nicht schwach werden! Wenn
ich wiederkomme, dann werden wir vielleicht miteinander von unsrer
verlorenen Liebe reden, kühl und vernünftig. Adieu!«
Er setzte noch ein »A dieu!« darunter, in zwei Worten geschrieben.
Das hielt er für sehr geschmackvoll.
»Wie soll ich nun unterzeichnen?« fragte er sich. »Dein
ergebenster? Nein! Dein treuer Freund? Ja, ja! Machen wir!«
Und er schrieb:
»Dein treuer Freund
R.«
Er las den ganzen Brief noch einmal durch. Er gefiel ihm.
»Armes Frauchen!« dachte er in einem Anflug von Rührseligkeit.
»Sie wird denken, ich sei gefühllos wie Stein. Eigentlich fehlen
ein paar Tränenspuren. Aber heulen kann ich nicht. Das ist mein
Fehler.«
Er goß etwas Wasser aus der Flasche in ein Glas, tauchte einen
Finger hinein, hielt die Hand hoch und ließ einen großen Tropfen
auf den Briefbogen herabfallen. Die Tinte der Schrift färbte ihn
blaßblau. Um den Brief zu versiegeln, suchte er nun nach einem
Petschaft. Das mit dem Wahlspruch Amor nel Cor geriet ihm in die
Hand.
»Paßt eigentlich nicht gerade!« dachte er. »Ach was! Tut nichts!«
Er rauchte noch drei Pfeifen und ging dann schlafen.
Es war spät geworden. Am andern Tage stand er mittags gegen zwei
Uhr auf. Alsbald ließ er ein Körbchen Aprikosen pflücken, legte
den Brief unter die Weinblätter am Boden und befahl Gerhard,
seinem Kutscher, den Korb unverzüglich Frau Bovary zu bringen. Auf
diese Art hatte er Emma häufig Nachrichten zukommen lassen, je
nach der Jahreszeit, zusammen mit Früchten oder Wild.
»Wenn sie sich nach mir erkundigt,« instruierte er, »dann
antwortest du, ich sei verreist! Den Korb gibst du ihr persönlich
in die Hände! Verstanden? So! Ab!«
Gerhard zog seine neue Bluse an, knüpfte sein Taschentuch über die
Aprikosen und marschierte in seinen Nagelschuhen mit
schwerfälligen Schritten voller Gemütsruhe gen Yonville.
Als der Kutscher dort ankam, war Frau Bovary gerade damit
beschäftigt, auf dem Küchentische zusammen mit Felicie Wäsche zu
falten.
»Eine schöne Empfehlung von meinem Herrn,« vermeldete er, »und das
schickt er hier!«
Emma überkam eine bange Ahnung, und während sie in ihrer
Schürzentasche nach einem Geldstücke zum Trinkgeld suchte, sah sie
den Mann mit verstörtem Blick an. Der betrachtete sie verwundert;
er begriff nicht, daß ein solches Geschenk jemanden so sehr
aufregen könne. Dann ging er.
Felicie war noch da. Emma hielt es nicht länger aus, sie eilte in
das Eßzimmer, indem sie sagte, sie wolle die Aprikosen dahin
tragen. Dort schüttete sie den Korb aus, nahm die Weinblätter
heraus und fand den Brief. Sie öffnete ihn und floh hinauf nach
ihrem Zimmer, als brenne es hinter ihr. Sie war fassungslos vor
Angst.
Karl war auf dem Flur. Sie sah ihn. Er sagte etwas zu ihr. Sie
verstand es nicht. Nun lief sie hastig noch eine Treppe höher,
außer Atem, wie vor den Kopf geschlagen, halbverrückt, immer den
unseligen Brief fest in der Hand, der ihr zwischen den Fingern
knisterte. Im zweiten Stock blieb sie vor der geschlossenen
Bodentüre stehen.
Sie wollte sich beruhigen. Der Brief kam ihr nicht aus dem Sinn.
Sie wollte ihn ordentlich lesen, aber sie wagte es nicht. Nirgends
war sie ungestört.
»Ja, hier gehts!« sagte sie sich. Sie klinkte die Tür auf und trat
in die Bodenkammer.
Unter den Schieferplatten des Daches brütete dumpfe Schwüle, die
ihr auf die Schläfen drückte und den Atem benahm. Sie schleppte
sich bis zu dem großen Bodenfenster und stieß den Holzladen auf.
Grelles Licht flutete ihr entgegen.
Vor ihr, über den Dächern, breitete sich das Land bis in die
Fernen. Unter ihr der Markt war menschenleer. Die Steine des
Fußsteigs glänzten. Die Wetterfahnen der Häuser standen
unbeweglich. Aus dem Eckhause schräg gegenüber, aus einem der
Dachfenster drang ein schnarrendes, kreischendes Geräusch herauf.
Binet saß an seiner Drehbank.
Emma lehnte sich an das Fensterkreuz und las den Brief mit
zornverzerrtem Gesicht immer wieder von neuem. Aber je gründlicher
sie ihn studierte, um so wirrer wurden ihre Gedanken. Im Geist sah
sie den Geliebten, hörte ihn reden, zog ihn leidenschaftlich an
sich. Das Herz schlug ihr in der Brust wie mit wuchtigen
Hammerschlägen, die immer rascher und unregelmäßiger wurden.
Ihre Augen irrten im Kreise. Sie fühlte den Wunsch in sich, daß
die ganze Welt zusammenstürze. Wozu weiterleben? Wer hinderte sie,
ein Ende zu machen, sie, die Vogelfreie?
Sie bog sich weit aus dem Fenster heraus und starrte hinab auf das
Straßenpflaster.
»Mut! Mut!« rief sie sich zu.
Das leuchtende Pflaster da unten zog die Last ihres Körpers
förmlich in die Tiefe. Sie hatte die Empfindung, als bewege sich
die Fläche des Marktplatzes und hebe sich an den Häusermauern
empor zu ihr. Und die Diele, auf der sie stand, begann zu
schwanken wie das Deck eines Seeschiffes ... Sie lehnte sich noch
weiter zum Fenster hinaus. Schon hing sie beinahe im freien Raume.
Der weite blaue Himmel umgab sie, und die Luft strich ihr um den
wie hohlen Kopf. Sie brauchte nur noch sich nicht mehr
festzuhalten, nur noch die Hände loszulassen ... Ohne Unterlaß
summte unten die Drehbank wie die rufende Stimme eines bösen
Geistes ...
In diesem Moment rief Karl:
»Emma! Emma!«
Da kam sie wieder zur Besinnung.
»Wo steckst du denn? Komm doch!«
Der Gedanke, daß sie soeben dem Tode entronnen war, erfüllte sie
mit Schrecken und Grauen. Sie schloß die Augen. Zusammenfahrend
fühlte sie sich von jemandem am Arm gefaßt: es war Felicie.
»Gnädige Frau, die Suppe ist angerichtet. Herr Bovary wartet.«
Sie mußte hinunter, mußte sich mit zu Tisch setzen.
Sie versuchte zu essen, aber sie brachte nicht einen Bissen
hinunter. Sie faltete ihre Serviette auseinander, als ob sie sich
die ausgebesserten Stellen genau ansehen wollte, und wirklich tat
sie das und begann die Fäden des Gewebes zu zählen ... Plötzlich
fiel ihr der Brief wieder ein. Hatte sie ihn oben fallen lassen?
Wohin war er? Aber ihr Geist war zu matt, als daß sie imstande
gewesen wäre, einen Vorwand zu ersinnen, um bei Tisch aufstehen zu
können. Sie war feig geworden. Sie hatte Furcht vor Karl.
Sicherlich wußte er nun alles, sicherlich! Und wahrhaftig, da
sagte er mit eigentümlicher Betonung:
»Rudolf werden wir wohl nicht sobald wieder zu sehen kriegen?«
»Wer hat dir das gesagt?« fragte sie zitternd.
»Wer mir das gesagt hat?« wiederholte er, ein wenig betroffen von
dem harten Klang ihrer Frage. »Na, sein Kutscher, dem ich vorhin
vor dem Cafe Français begegnet bin. Boulanger ist verreist, oder
er steht im Begriff zu verreisen ...«
Emma schluchzte laut auf.
»Wundert dich das?« fuhr er fort. »Er verdrückt sich doch immer
mal von Zeit zu Zeit so. Um sich zu zerstreuen. Kanns ihm nicht
verdenken. Wenn man das nötige Geld dazu hat und Junggeselle ist
... Übrigens ist unser Freund ein Lebenskünstler! Ein alter
Schäker! Langlois hat mir erzählt ...«
Er verstummte, aus Anstand, weil das Dienstmädchen gerade
hereinkam. Sie legte die Aprikosen wieder ordentlich in das
Körbchen, das auf der Kredenz stand. Karl ließ es sich auf den
Tisch bringen, ohne zu bemerken, daß seine Frau rot wurde. Er nahm
eine der Früchte und biß hinein.
»Ah!« machte er. »Vorzüglich! Koste mal!«
Er schob ihr das Körbchen zu. Sie wehrte leicht ab.
»So riech doch wenigstens! Das ist ein Duft!«
Er hielt ihr eine Aprikose links und rechts an die Nase.
»Ich bekomm keine Luft!« rief sie und sprang auf. Aber schnell
beherrschte sie sich wieder, mit Aufgebot aller ihrer Kraft. »Es
war nichts! Gar nichts! Wieder meine Nerven! Setz dich nur wieder
hin und iß!«
Sie fürchtete, er könne sie ausfragen, um sie besorgt sein und sie
dann nicht allein lassen. Karl gehorchte ihr und setzte sich
wieder. Er spuckte die Aprikosenkerne immer erst in die Hand und
legte sie dann auf seinen Teller.
Da fuhr draußen ein blauer Dogcart im flotten Trabe über den
Markt. Emma stieß einen Schrei aus und fiel rücklings langhin zu
Boden.
Rudolf hatte sich nach langer Überlegung entschlossen, nach Rouen
zu fahren. Da nun aber von der Hüchette nach dorthin kein anderer
Weg als der über Yonville führte, mußte er diesen Ort wohl oder
übel berühren. Emma hatte ihn im Scheine der Wagenlaternen, die
draußen die Dunkelheit wie Sterne durchhuschten, erkannt.
Der Apotheker, der sofort gemerkt hatte, daß im Hause des Arztes
»was los sei«, stürzte herbei. Der Eßtisch war mit allem, was
darauf gestanden, umgestürzt. Die Teller, das Fleisch, die Sauce,
die Bestecke, Salz und Öl, alles lag auf dem Fußboden umher. Karl
hatte den Kopf verloren, die erschrockene kleine Berta schrie, und
Felicie nestelte ihrer in Zuckungen daliegenden Herrin mit
bebenden Händen die Kleider auf.
»Ich werde schnell Kräuteressig aus meinem Laboratorium holen!«
sagte Homais.
Als man Emma das Fläschchen ans Gesicht hielt, schlug sie seufzend
die Augen wieder auf.
»Natürlich!« meinte der Apotheker. »Damit kann man Tote erwecken!«
»Sprich!« bat Karl. »Rede! Erhole dich! Ich bin ja da, dein Karl,
der dich liebt! Erkennst du mich? Hier ist auch Berta! Gib ihr
einen Kuß!«
Das Kind streckte die Ärmchen nach der Mutter aus und wollte sie
um den Hals fassen. Aber Emma wandte den Kopf weg und stammelte:
»Nicht doch! Niemanden!«
Sie wurde abermals ohnmächtig. Man trug sie in ihr Bett.
Lang ausgestreckt lag sie da, mit offnem Munde, die Lider
geschlossen, die Hände schlaff herabhängend, regungslos und blaß
wie ein Wachsbild. Ihren Augen entquollen Tränen, die in zwei
Ketten langsam auf das Kissen rannen.
Karl stand an ihrem Bett; neben ihm der Apotheker, stumm und
nachdenklich, wie das bei ernsten Vorfällen so herkömmlich ist.
»Beruhigen Sie sich!« sagte Homais und zupfte den Arzt. »Ich
glaube, der Paroxysmus ist vorüber.«
»Ja,« erwiderte Karl, die Schlummernde betrachtend. »Jetzt scheint
sie ein wenig zu schlafen, die Ärmste! Ein Rückfall in das alte
Leiden!«
Nun erkundigte sich Homais, wie das gekommen sei. Karl gab zur
Antwort:
»Ganz plötzlich! Während sie eine Aprikose aß.«
»Höchst merkwürdig!« meinte der Apotheker. »Es ist indessen
möglich, daß die Aprikosen die Ohnmacht verursacht haben. Es gibt
gewisse Naturen, die für bestimmte Gerüche stark empfänglich sind.
Es wäre eine sehr interessante Arbeit, diese Erscheinungen
wissenschaftlich zu untersuchen, sowohl nach physiologischen wie
nach pathologischen Gesichtspunkten. Die Pfaffen haben von jeher
gewußt, wie wertvoll das für sie ist. Die Verwendung von Weihrauch
beim Gottesdienst ist uralt. Damit schläfert man den Verstand ein
und versetzt Andächtige in Ekstase, am leichtesten übrigens
weibliche Wesen. Die sind feinnerviger als wir Männer. Ich habe
von Fällen gelesen, wo Frauen ohnmächtig geworden sind beim Geruch
von verbranntem Horn, frischem Brot ...«
»Geben Sie acht, daß sie nicht aufgeweckt wird!« mahnte Bovary mit
flüsternder Stimme.
»Diese Anomalien kommen aber nicht allein bei Menschen vor,«
fuhr der Apotheker fort, »sondern sogar bei Tieren. Zweifellos
ist Ihnen nicht unbekannt, daß Nepeta cataria, vulgär Katzenminze,
sonderbarerweise auf das gesamte Katzengeschlecht als Aphrodisiakum
wirkt. Einen weiteren Beleg kann ich aus meiner eigenen Erfahrung
anführen. Bridoux, ein Studienfreund von mir -- er wohnt jetzt
in der Malpalu-Straße -- besitzt einen Foxterrier, der jedesmal
Krämpfe bekommt, wenn man ihm eine Schnupftabaksdose vor die
Nase hält. Ich habe dieses Experiment selber ein paarmal mit
angesehen, im Landhause meines Freundes am Wilhelmswalde. Sollte
mans für möglich halten, daß ein so harmloses Niesemittel in den
Organismus eines Vierfüßlers derartig eingreifen kann? Das ist
höchst merkwürdig, nicht wahr?«
»Gewiß!« sagte Karl, der gar nicht darauf gehört hatte.
»Das beweist uns,« fuhr der andre fort, gutmütig-selbstgefällig
lächelnd, »daß im Nervensystem zahllose Unregelmäßigkeiten möglich
sind. Ich muß gestehen, daß mir Ihre Frau Gemahlin immer
außerordentlich reizsam vorgekommen ist. Darum möchte ich Ihnen,
verehrter Freund, auf keinen Fall raten, ihr eine jener Arzneien
zu verordnen, die angeblich die Symptome so einer Krankheit
beseitigen sollen, in Wirklichkeit aber nur der Gesundheit
schaden. Nein, nein, hier sind Medikamente unnütz! Diät! Weiter
nichts! Beruhigende, milde, kräftigende Kost! Und dann, könnte man
bei ihr nicht auch irgendwie auf die Einbildungskraft einzuwirken
versuchen?«
»Wieso? Womit?«
»Ja, das ist eben die Frage! Das ist wirklich die Frage! That
is the question! -- wie ich neulich in der Zeitung gelesen
habe.«
Emma erwachte und rief:
»Der Brief? Der Brief?«
Die beiden Männer glaubten, sie rede im Delirium. In der Tat trat
das mitternachts ein. Emma hatte Gehirnentzündung.
In den nächsten sechs Wochen wich Karl nicht von ihrem Lager. Er
vernachlässigte alle seine Patienten. Er schlief kaum mehr,
unermüdlich maß er ihren Puls, legte ihr Senfpflaster auf und
erneute die Kaltwasser-Umschläge. Er schickte Justin nach
Neufchâtel, um Eis zu holen. Es schmolz unterwegs. Justin mußte
nochmals hin. Doktor Canivet wurde konsultiert. Professor
Larivière, sein ehemaliger Lehrer, ward aus Rouen hergeholt. Karl
war der völligen Verzweiflung nahe. Am meisten ängstigte ihn Emmas
Apathie. Sie sprach nicht, interessierte sich für nichts, ja, sie
schien selbst die Schmerzen nicht zu empfinden. Es war, als hätten
Körper wie Geist bei ihr alle ihre Funktionen eingestellt.
Gegen Mitte Oktober konnte sie, von Kissen gestützt, wieder
aufrecht in ihrem Bette sitzen. Als sie das erste Brötchen mit
eingemachten Früchten verzehrte, da weinte Karl. Allmählich
kehrten ihre Kräfte zurück. Sie durfte nachmittags ein paar
Stunden aufstehen, und eines Tages fühlte sie sich soweit wohl,
daß sie an Karls Arm einen kleinen Spaziergang durch den Garten
versuchte.
Auf den sandigen Wegen lag gefallenes Laub. Sie ging ganz langsam,
in Hausschuhen, ohne die Füße zu heben. An Karl angeschmiegt,
lächelte sie in einem fort vor sich hin.
So schritten sie bis hinter an die Gartenmauer. Dort blieb sie
stehen und richtete sich auf. Um besser zu sehen, hob sie die Hand
über die Augen. Lange schaute sie hinaus in die Weite. Aber es gab
in der Ferne nichts zu sehen als auf den Hügeln große Feuer, in
denen man landwirtschaftliche Überbleibsel verbrannte.
»Das Stehen wird dich zu sehr anstrengen, Beste!« warnte Karl und
geleitete sie behutsam zur Laube hin. »Setz dich hier ein wenig
auf die Bank! Das wird dir gut tun!«
»Nein, nein! Nicht hier! Hier nicht!« stieß sie mit ersterbender
Stimme hervor.
Sie wurde ohnmächtig, und abends war die Krankheit von neuem da,
und zwar in erhöhtem Grade und mit allerlei Komplikationen. Bald
hatte sie in der Herzgegend, bald in der Brust, bald im Kopfe,
bald in den Gliedern Schmerzen. Dazu gesellte sich ein Auswurf, an
dem Bovary die ersten Anzeichen der Lungenschwindsucht zu erkennen
wähnte.
Zu alledem hatte der arme Schelm auch noch Geldsorgen.
Vierzehntes Kapitel
Zunächst wußte er nicht, wie er dem Apotheker die vielen Arzneien
vergüten sollte, die er von ihm bezogen hatte. Als Arzt brauchte
er sie nicht zu bezahlen, aber das wäre ihm peinlich gewesen. Dann
war der Haushalt, jetzt wo ihn das Mädchen führte, schrecklich
teuer geworden. Die Rechnungen regneten nur so ins Haus. Die
Lieferanten begannen ungeduldig zu werden. Insbesondre mahnte
Lheureux in lästiger Weise. Er hatte den Höhepunkt von Emmas
Krankheit dazu benutzt, ihre Rechnung höher auszuschreiben, als
sie wirklich war. Flugs brachte er auch den Mantel, die Handtasche
und zwei Koffer statt des einen und noch eine Menge andrer
Gegenstände, die bestellt worden seien, wie er behauptete. Es
nützte Bovary gar nichts, daß er erklärte, er brauche die Sachen
nicht; der Händler erwiderte ihm in ungezogenem Tone, alle diese
Waren seien bei ihm bestellt und er nähme sie nicht zurück. Herr
Bovary möge sichs überlegen; er werde ihn eher verklagen als sich
selber benachteiligen. Karl befahl daraufhin dem Mädchen, die
Gegenstände im Geschäft abzugeben, aber Felicie vergaß es. Er
selbst hatte sich um andre Dinge zu kümmern und dachte nicht mehr
daran. Nach einer gewissen Zeit unternahm Lheureux einen neuen
Versuch. Bald drohend, bald jammernd, brachte er es so weit, daß
ihm Bovary schließlich einen Wechsel ausstellte, der in sechs
Monaten fällig war. Als er das Papier unterschrieb, kam ihm der
kühne Gedanke, tausend Franken von Lheureux zu leihen. Verlegen
fragte er, ob er ihm diese Summe auf ein Jahr zu beliebigem
Zinsfuß verschaffen könne. Der Handelsmann eilte sofort in seinen
Laden, brachte das Geld und zugleich einen zweiten Wechsel, durch
den sich Bovary verpflichtete, am 1. September kommenden Jahres
eintausendundsiebzig Franken zu zahlen. Mit den bereits
anerkannten hundertundachtzig Franken ergab das eine Gesamtschuld
von zwölfhundertundfünfzig Franken. Lheureux machte hierbei ein
ganz hübsches Geschäft; im übrigen wußte er im voraus genau, daß
es hierbei nicht bliebe. Er rechnete darauf, daß der Arzt die
Wechsel am Fälligkeitstage nicht einlösen könne und sie
prolongieren müsse. Auf diese Weise sollte das erst armselige
Sümmchen im Hause des Arztes wie in einem Sanatorium eine
ordentliche Mastkur durchmachen und eines Tages dick und rund zu
ihm zurückkehren.
Lheureux hatte allenthalben Erfolge. Er erlangte die regelmäßigen
Apfelweinlieferungen für das Neufchâteler Krankenhaus. Der Notar
Guillaumin schanzte ihm Aktien der Torfgruben zu Grümesnil zu.
Dazu trug er sich mit dem Plane, zwischen Argueil und Rouen eine
neue Postverbindung zu eröffnen, die den alten Rumpelkasten des
Goldnen Löwen unbedingt außer Konkurrenz stellen sollte, indem sie
schneller führe, billiger wäre und Eilgut bestelle. Damit wollte
er den ganzen Handel von Yonville in seine Hände bringen.
Karl grübelte oftmals darüber nach, wie er die beträchtliche
Wechselschuld in einem Jahre wohl tilgen könne. Er kam dabei auf
allerhand Möglichkeiten. Sollte er sich an seinen Vater wenden
oder irgend etwas verkaufen? Aber ersteres hatte vermutlich keinen
Erfolg, und zu verkaufen gab es nichts. Er mochte sich sonst noch
ausdenken, was er wollte: überall drohten die größten
Schwierigkeiten. Und so schenkte er sich nur allzu gern weitere
unerfreuliche Überlegungen. Er redete sich ein, er vernachlässige
seine Frau, wenn er ihr nicht all sein Dichten und Trachten widme.
Er wollte an nichts andres denken, selbst wenn ihr dadurch kein
Abbruch geschähe.
Der Winter war streng. Emmas Genesung schritt nur langsam
vorwärts. Als das Wetter wärmer wurde, schob man sie in ihrem
Lehnstuhl an das Fenster, und zwar an das nach dem Marktplatze zu
gelegene. Das andre mit dem Blick in den Garten war ihr jetzt
verleidet; deshalb mußte seine Jalousie beständig heruntergelassen
bleiben. Sie bestimmte, daß ihr Reitpferd verkauft werden solle.
Alles, was ihr früher lieb gewesen, war ihr nunmehr zuwider. Sie
kümmerte sich um nichts mehr als um ihre eigene Person. Die
kleinen Mahlzeiten nahm sie in ihrem Bett ein. Manchmal klingelte
sie dem Mädchen, um sich die Arznei reichen zu lassen oder um mit
ihm zu plaudern. Der Schnee auf dem Dache der Hallen warf seinen
hellen, immer gleichen Widerschein in das Zimmer. Dann kamen
Regentage. Sie empfand eine Art Angst vor den sich alle Tage
wiederholenden unausbleiblichen kleinen und kleinsten Ereignissen,
die sie eigentlich gar nichts angingen, am meisten vor der
allabendlichen Ankunft der Post im Goldnen Löwen. Dann redete die
Wirtin laut, allerlei andre Stimmen lärmten dazwischen, und die
Laterne Hippolyts, der unter den Koffern auf dem Wagenverdeck
herumsuchte, leuchtete wie ein Stern durch die Dunkelheit. Um die
Mittagszeit kam Karl nach Hause, dann ging er wieder. Sie trank
ihre Bouillon. Um fünf Uhr, wenn es zu dämmern begann, kamen die
Kinder aus der Schule; sie klapperten mit ihren Holzschuhen über
das Trottoir, und im Vorübergehen schlug eins wie das andere mit
dem Lineal gegen die eisernen Riegel der Fensterläden.
Um diese Zeit pflegte sich der Pfarrer einzustellen. Er erkundigte
sich nach ihrem Befinden, erzählte ihr Neuigkeiten und ermahnte
sie zur Frömmigkeit in gefälligem Plaudertone. Schon der Anblick
der Soutane hatte für Emma etwas Beruhigendes.
Eines Tages, als ihre Krankheit am schlimmsten war, hatte sie nach
dem Abendmahl verlangt, im Glauben, ihr letztes Stündlein sei
gekommen. Während man im Gemach die nötigen Vorbereitungen zu
dieser Zeremonie traf, die mit Arzneiflaschen bedeckte Kommode in
einen Altar wandelte und den Fußboden mit Blumen bestreute, da war
es ihr, als überkäme sie eine geheimnisvolle Kraft, die ihr ihre
Schmerzen, alle Empfindungen und Wahrnehmungen nahm. Sie war wie
körperlos geworden, sie hegte keine Gedanken mehr, und ein neues
Leben begann ihr. Sie hatte das Gefühl, als schwebe ihre Seele gen
Himmel, als verlösche sie in der Sehnsucht nach dem ewigen Frieden
wie eine Opferflamme über verglimmendem Räucherwerk. Man
besprengte ihr Bett mit Weihwasser. Der Priester nahm die weiße
Hostie aus dem heiligen Ciborium. Halb ohnmächtig vor
überirdischer Lust, öffnete Emma die Lippen, um den Leib des
Heilands zu empfangen, der sich ihr bot. Die Bettvorhänge um sie
herum bauschten sich weich wie Wolken, und die beiden brennenden
Kerzen auf der Kommode leuchteten ihr mit ihrem Strahlenkranze wie
Gloriolen herüber. Als sie mit dem Kopfe in das Kissen zurücksank,
glaubte sie aus himmlischen Höhen seraphische Harfenklänge zu
hören und im Azur auf goldnem Throne, umringt von Heiligen mit
grünen Palmen, Gott den Vater in aller seiner erhabenen
Herrlichkeit zu schaun. Er winkte, und Engel mit Flammenflügeln
wallten zur Erde hernieder, um sie emporzutragen ...
Diese wundervolle Vision bewahrte Emma in ihrem Gedächtnisse. Es
war der allerschönste Traum, den sie je geträumt. Sie gab sich
Mühe, das Bild immer wieder zu empfinden. Es wich ihr nicht aus
der Phantasie, aber es erschien ihr nur manchmal und in süßer
Verklärung. Ihr einst so stolzer Sinn beugte sich in christlicher
Demut. Das Gefühl der menschlichen Ohnmacht ward ihr ein
köstlicher Genuß. Sie sah förmlich, wie aus ihrem Herzen der
eigene Wille wich und der hereindringenden göttlichen Gnade Tür
und Tor weit öffnete. Es gab also außer dem Erdenglück eine höhere
Glückseligkeit und über aller Liebe hienieden eine andre
erhabenere, ohne Schwankungen und ohne Ende, eine Brücke in das
Ewige! In neuen Illusionen erträumte sie sich über der Erde ein
Reich der Reinheit, einen Vorhimmel. Dort zu weilen, ward ihre
Sehnsucht. Sie wollte eine Heilige werden. Sie kaufte sich
Rosenkränze und trug Amulette. Ihr größter Wunsch war, in ihrem
Zimmer, zu Häupten ihres Bettes, einen Reliquienschrein mit
Smaragden zu besitzen. Den wollte sie dann alle Abende küssen.
Der Pfarrer wunderte sich über Emmas Wandlung, verhehlte sich
jedoch nicht, daß diese allzu inbrünstige Frömmigkeit sehr leicht
in Überschwenglichkeit und Ketzerei ausarten könne. Aber er war
kein Seelenkenner, zumal außergewöhnlichen Erscheinungen
gegenüber. Deshalb wandte er sich an den Buchhändler des
Erzbischofs und bat ihn, ihm »ein passendes Erbauungsbuch für eine
gebildete Frauensperson« zu schicken. Mit der größten
Gleichgültigkeit, als handle es sich darum, irgendwelchen
Krimskram an einen Kamerunneger zu versenden, packte der
Buchhändler alle möglichen gerade vorrätigen frommen Schriften in
ein Paket: Katechismen in Form von Frage und Antwort,
Streitschriften aufgeblasener Dogmatiker und frömmelnde Romane in
rosa Einbändchen und süßlichem Stil, verbrochen von dichtenden
Schulmeistern oder blaustrümpfigen Betschwestern, mit Titeln wie:
»Die Herzpostille«, »Der Weltmann zu Füßen Mariä. Von Herrn von
***, Ritter mehrerer Orden«, »Voltaires Ketzereien zum Gebrauch
für die Jugend«, usw. usw.
Emma war seelisch noch viel zu schwach, um sich mit geistigen
Dingen ernstlich befassen zu können. Überdies stürzte sie sich auf
diese Bücher mit allzu großem Bedürfnis nach wirklicher Erbauung.
Die Starrheit der kirchlichen Lehren empörte sie, die Anmaßungen
der Polemik stießen sie ab, und die Intoleranz, mit der ihr
unbekannte Menschen verfolgt wurden, mißfiel ihr. Die Romane, in
denen profane Dinge durch religiöse Ideen aufgeputzt waren,
entbehrten ihr zu sehr auch nur der geringsten Weltkenntnis. Sie
verschleierten die Realitäten des Lebens, für deren Brutalität sie
viel lieber literarische Beweise gefunden hätte. Trotzdem las sie
weiter, und wenn ihr eins der Bücher aus den Händen glitt, dann
wähnte sie den zartesten Weltschmerz der katholischen Mystik zu
empfinden, wie ihn nur die übersinnlichsten Seelen zu verspüren
imstande sind.
Das Andenken an Rudolf hatte sie in die Tiefen ihres Herzens
begraben; darin ruhte es unberührter und stiller denn eine
ägyptische Königsmumie in ihrer Kammer. Aus dieser großen
eingesargten Liebe drang ein leiser, alles durchströmender Duft
von Zärtlichkeit in das neue reine Dasein, das Emma führen wollte.
Wenn sie in ihrem gotischen Betstuhl kniete, richtete sie an ihren
Gott genau die verliebten Worte, die sie einst ihrem Geliebten
zugeflüstert hatte in den Ekstasen des Ehebruchs. Damit wollte sie
der göttlichen Gnade teilhaftig werden. Aber vom Himmel her kam
ihr keine Tröstung, und sie erhob sich mit müden Gliedern und dem
leeren Gefühl, namenlos betrogen worden zu sein. Dieses Suchen,
dachte sie bei sich, sei wiederum ein Verdienst, und im Hochmut
ihrer Selbsterniedrigung verglich sich Emma mit den großen Damen
der Vergangenheit, deren Ruhm ihr damals, als sie über den Szenen
aus dem Leben des Fräuleins von Lavallière träumte, aufgegangen
war, jenen Damen in ihren mit königlicher Anmut getragenen langen
kostbaren Schleppkleidern, die in einsamen Stunden zu Füßen
Christi ihre vom Leben verwundeten Herzen ausgeweint hatten.
Nun wurde sie über die Maßen mildtätig. Sie nähte Kleider für die
Armen, schickte Wöchnerinnen Brennholz, und als Karl eines Tages
heimkam, fand er in der Küche drei Gassenjungen, die Suppe aßen.
Die kleine Berta wurde wieder ins Haus genommen; Karl hatte sie
während der Krankheit seiner Frau von neuem zu der Amme gegeben.
Nun wollte ihr Emma das Lesen beibringen. Wenn das Kind weinte,
regte sie sich nicht mehr auf. Es war eine Art Resignation über
sie gekommen, eine duldsame Nachsicht gegen alles. Ihre Sprache
ward voll gewählter Ausdrücke, selbst Alltäglichkeiten gegenüber.
Die alte Frau Bovary hatte nichts mehr an Emma auszusetzen,
abgesehen von ihrer Manie, für Waisenkinder Jacken zu stricken und
ihre eigenen Wischtücher unausgebessert zu lassen. Aber die gute
Frau war der Zwiste in ihres Mannes Hause dermaßen müde, daß ihr
der Frieden am Herde ihres Sohnes so wohltat, daß sie bis nach
Ostern dablieb, um den Bärbeißigkeiten des alten Bovary zu
entgehen, der alle Freitage, an den Fastentagen, unbedingt eine
Bratwurst auf dem Tische sehen wollte.
Außer der Gesellschaft ihrer Schwiegermutter, die ihr durch ihre
Rechtlichkeit und ihr würdiges Wesen einen gewissen Halt gab,
hatte Emma jetzt fast alle Tage Besuch bei sich. Es verkehrten mit
ihr: Frau Langlois, Frau Caron, Frau Dübreuil, Frau Tüvache, sowie
die treffliche Frau Homais, die sich regelmäßig zwischen drei und
fünf Uhr einstellte. Sie hatte dem Klatsch, der über ihre
Nachbarin im Umlauf gewesen war, niemals Glauben schenken wollen.
Auch die Apothekerskinder kamen mitunter in Justins Begleitung. Er
brachte sie in Emmas Zimmer und blieb in der Nähe der Türe stehen,
ohne sich zu rühren und ohne ein Wort zu sagen. Oft gewahrte ihn
Frau Bovary gar nicht und ließ sich in ihrem Toilettemachen nicht
stören. Sie kämmte sich das Haar, wobei sie den Kopf nach dem
Durchziehen des Kammes jedesmal mit einer eigentümlichen heftigen
Bewegung zurückwarf. Als der arme Junge zum ersten Male diese
volle Haarflut sah, die in langen schwarzen Ringeln bis zu den
Knien herabwallte, war es ihm zumute, als schaue er plötzlich ganz
Neues, Außergewöhnliches, und er starrte wie geblendet hin.
Sicherlich bemerke Emma weder sein stummes Entzücken noch seine
schüchterne Verehrung. Sie hatte keine Ahnung, daß die aus ihrem
Leben entschwundene Liebe dort, ihr ganz nahe, in neuer Gestalt
wieder auftauchte, unter einem groben Leinwandhemd, in einem
jungen Herzen, das sich der Offenbarung ihrer Frauenschönheit weit
öffnete. Im übrigen war sie jetzt in jeder Hinsicht grenzenlos
gleichgültig. Mit dem stolzesten Gesichte sagte sie die
zärtlichsten Worte. Ihr ganzes Benehmen war so widerspruchsvoll,
daß man Selbstsucht nicht mehr von Mitleid an ihr unterscheiden
konnte. Man wußte nicht mehr, war sie verdorben oder unnahbar.
Zum Beispiel war sie eines Abends sehr ungehalten über ihr
Dienstmädchen. Es bat, ausgehen zu dürfen, und stotterte
irgendeinen Vorwand her. Unvermittelt fragte Emma:
»Du liebst ihn also?« und, ohne Felicies Antwort abzuwarten, fügte
sie in traurigem Tone hinzu: »Geh! Lauf! Vergnüge dich!«
In den ersten Frühlingstagen ließ sie den Garten vollständig
umändern. Karl war anfangs dagegen, dann jedoch freute er sich
darüber, daß sie endlich wieder einmal einen bestimmten Wunsch
äußerte. Nach und nach bewies sie auch anderweitig, daß sie sich
wieder erholt hatte. Zunächst brachte sie es zuwege, daß Frau
Rollet, die Amme, die sichs angewöhnt hatte, Tag für Tag mit ihren
Säuglingen und Ziehkindern und einem kannibalischen Appetit in der
Küche zu erscheinen, von dannen gejagt wurde. Sodann schüttelte
sie sich die Familie Homais vom Halse, nach und nach auch die
andern regelmäßigen Besucherinnen. Sogar in die Kirche ging sie
seltener, zur großen Freude des Apothekers, der ihr daraufhin
freundschaftlichst erklärte:
»Ich dachte schon, Sie seien eine Betschwester geworden!«
Bournisien kam nach wie vor alle Tage nach der Katechismusstunde.
Am liebsten blieb er im Freien, im »Hain«, wie er die Laube
scherzhaft zu nennen pflegte. Um dieselbe Zeit kehrte auch Karl
meist heim. Beiden war warm, und so bekamen die beiden Männer eine
Flasche Apfelsekt vorgesetzt, den sie »auf die völlige Genesung
der gnädigen Frau« tranken.
Öfters fand sich auch Binet ein, das heißt: er saß etwas tiefer,
vor dem Garten, am Bache, um zu krebsen. Bovary lud ihn zu einer
kleinen Erfrischung ein. Binet war ein Meister im Aufbrechen von
Sektflaschen.
»Zunächst muß man die Bulle senkrecht auf den Tisch stellen,«
dozierte er, indem er selbstbewußt um sich blickte, »dann
zerschneidet man die Bindfäden, und dann läßt man dem Pfropfen
ganz, ganz sachte, nach und nach Luft. Sooo!«
Aber bei dieser Vorführung spritzte der Sekt öfters der ganzen
Gesellschaft in die Gesichter, und der Priester unterließ es
niemals, behaglich schmunzelnd den Witz zu machen:
»Seine Vortrefflichkeit springt einem buchstäblich in die Augen!«
Er war wirklich ein guter Mensch. Er hatte nicht einmal etwas
dagegen, als der Apotheker dem Arzte empfahl, er solle mit seiner
Frau zu ihrer Zerstreuung nach Rouen fahren und sich dort im
Theater den berühmten Tenor Lagardy anhören. Homais wunderte sich
über diese Duldsamkeit und fühlte ihm deshalb etwas auf den Zahn.
Der Priester erklärte, er halte die Musik für weniger
sittenverderbend als die Literatur. Aber Homais verteidigte die
letztere. Er behauptete, das Theater kämpfe unter dem leichten
Gewande des Spiels gegen veraltete Ideen und für die wahre Moral.
»Castigat ridendo mores, verehrter Herr Pfarrer!« zitierte
er. »Sehen Sie sich daraufhin mal die Tragödien Voltaires an! Die
meisten von ihnen sind mit philosophischen Aphorismen durchsetzt,
die eine wahre Schule der Moral und Lebensklugheit für das Volk
sind.«
»Ich habe einmal ein Stück gesehen,« sagte Binet, »es hieß: 'Der
Pariser Taugenichts.' Darin kommt ein alter General vor, wirklich
ein hahnebüchner Kerl. Er verstößt seinen Sohn, der eine
Arbeiterin verführt hat; zu guter Letzt aber ...«
»Gewiß«, unterbrach ihn Homais, »gibt es schlechte Literatur,
genau so wie es schlechte Arzneien gibt. Aber die wichtigste aller
Künste deshalb gleich in Bausch und Bogen zu verurteilen, das
dünkt mich eine kolossale Dummheit, eine groteske Idee, würdig der
abscheulichen Zeiten, die einen Galilei im Kerker schmachten
ließen.«
Der Pfarrer ergriff das Wort:
»Ich weiß sehr wohl: es gibt gute Dramen und gute
Theaterschriftsteller. Aber diese modernen Stücke, in denen
Personen zweierlei Geschlechts in Prunkgemächern, vollgepfropft
von weltlichem Tand, zusammengesteckt werden, diese schamlosen
Bühnenmätzchen, dieser Kostümluxus, diese Lichtvergeudung, dieser
Feminismus, alles das hat keine andre Wirkung, als daß es
leichtfertige Ideen in die Welt setzt, schändliche Gedanken und
unzüchtige Anwandlungen. Wenigstens ist das zu allen Zeiten die
Ansicht der kirchlichen Autoritäten.«
Er nahm einen salbungsvollen Ton an, während er zwischen seinen
Fingern eine Prise Tabak hin und her rieb. »Und wenn die Kirche
das Theater zuweilen in Acht und Bann getan hat, war sie in ihrem
vollen Rechte. Wir müssen uns ihrem Gebote fügen.«
»Jawohl,« eiferte der Apotheker, »man exkommuniziert die
Schauspieler. In früheren Jahrhunderten nahmen sie an den
kirchlichen Feiern teil. Man spielte sogar in der Kirche
possenhafte Stücke, die sogenannten Mysterien, in denen es häufig
nichts weniger als dezent zuging ...«
Der Geistliche begnügte sich, einen Seufzer auszustoßen. Der
Apotheker redete immer weiter:
»Und wie stehts mit der Bibel? Es wimmelt darin -- Sie wissens ja
am besten -- von Unanständigkeiten und -- man kann nicht anders
sagen -- groben Schweinereien ...« Bournisien machte eine
unwillige Gebärde. »Aber Sie müssen mir doch zugeben, daß das kein
Buch ist, das man jungen Leuten in die Hand geben kann. Ich werde
es nie zulassen, daß meine Athalie ...«
»Das sind ja die Protestanten, nicht wir,« rief der Pfarrer
ungeduldig, »die den Leuten die Bibel überlassen!«
»Das kommt hier nicht in Frage«, erklärte Homais. »Ich wundre mich
nur, daß man noch in unsrer Zeit, im Jahrhundert der
wissenschaftlichen Aufklärung, eine geistige Erholung zu verdammen
sucht, die in gesellschaftlicher, in moralischer, ja sogar in
hygienischer Beziehung die Menschheit fördert! Das ist doch so,
nicht, Doktor?«
»Zweifellos!« erwiderte der Arzt nachlässig. Entweder wollte er
niemandem zu nahetreten, obgleich er dieselbe Ansicht hegte, oder
er hatte hierüber überhaupt keine Meinung.
Die Unterhaltung war eigentlich zu Ende, aber der Apotheker hielt
es für angebracht, eine letzte Attacke zu reiten.
»Ich habe Geistliche gekannt,« behauptete er, »die in Zivil ins
Theater gingen, um die Balletteusen mit den Beinen strampeln zu
sehen.«
»Ach was!« wehrte der Pfarrer ab.
»Doch! Ich kenne welche!« Und nochmals sagte er, Silbe für Silbe
einzeln betonend: »Ich -- ken -- ne -- wel -- che!«
»Na ja,« meinte Bournisien nachgiebig, »die Betreffenden haben da
aber etwas Unrechtes getan.«
»Was Unrechtes? Der Teufel soll mich holen! Sie taten noch ganz
andre Dinge!«
»Herr -- Apo -- the -- ker!« rief der Geistliche mit einem so
zornigen Blicke, daß Homais eingeschüchtert wurde und einlenkte:
»Ich wollte damit ja nur sagen, daß die Toleranz die beste
Fürsprecherin der Kirche ist.«
»Sehr wahr! Sehr wahr!« gab der gutmütige Pfarrer zu, indem er
sich wieder in seinen Stuhl zurücklehnte. Er blieb aber nur noch
ein paar Minuten.
Als er fort war, sagte Homais zu Bovary:
»Das war eine ordentliche Abfuhr! Dem hab ichs mal gesteckt! Sie
habens ja mit angehört! Um darauf zurückzukommen: tun Sie das ja,
führen Sie Ihre Frau in das Theater, und wenns bloß deshalb wäre,
um diesen schwarzen Raben damit zu ärgern. Sapperlot! Wenn ich
einen Vertreter hätte, begleitete ich Sie selber! Aber halten Sie
sich dazu! Lagardy singt nur einen einzigen Abend. Er hat ein
Engagement nach England für ein Riesenhonorar! Übrigens soll er
ein toller Schwerenöter sein! Er schwimmt im Gold! Drei Geliebte
bringt er mit und seinen Leibkoch! Alle diese großen Künstler
können nicht rechnen. Sie brauchen ein verschwenderisches Dasein,
es regt ihre Phantasie an. Freilich enden sie im Spittel, weil sie
in jungen Jahren nicht zu sparen verstehen ... Na, gesegnete
Mahlzeit! Auf Wiedersehn!«
Der Gedanke, das Theater zu besuchen, schlug in Bovarys Kopfe
schnell Wurzel. Er redete Emma in einem fort zu. Anfangs wollte
sie nichts davon wissen und meinte, sie fühle sich zu schwach, es
sei zu beschwerlich und zu kostspielig. Ausnahmsweise gab Karl
nicht nach, zumal er sich einbildete, daß ihr diese Zerstreuung
sehr dienlich wäre. Irgendwelche Schwierigkeit lag nicht vor.
Seine Mutter hatte ihm jüngst ganz unvermutet dreihundert Franken
geschickt. Die laufenden Ausgaben waren nicht groß, und die
Wechselschuld bei Lheureux war noch lange nicht fällig, so daß er
daran nicht zu denken brauchte. Er dachte, Emma sträube sich nur
aus Rücksicht auf ihn. Deshalb bestürmte er sie immer mehr, bis
sie seinen Bitten schließlich nachgab. Am andern Morgen um acht
Uhr fuhren sie mit der Post ab.
Den Apotheker hielt nichts Dringliches in Yonville zurück, aber er
hielt sich für unabkömmlich. Als er die beiden einsteigen sah,
jammerte er.
»Glückliche Reise!« sagte er. »Habt ihrs gut!« Und zu Emma
gewandt, fügte er hinzu: »Sie sehen zum Anbeißen hübsch aus! Sie
werden in Rouen Furore machen!«
Die Post spannte in Rouen im »Roten Kreuz« am Beauvoisine-Platz
aus. Das war ein regelrechter Vorstadtgasthof mit geräumigen
Ställen und winzigen Fremdenzimmern. Mitten im Hofe lief eine
Schar Hühner herum, die unter den verschmutzten Einspännern der
Geschäftsreisenden ihre Haferkörner aufpickten. Es war eine der
Herbergen aus der guten alten Zeit. Sie haben morsche Holzbalkone,
die in den Winternächten im Winde knarren; die Gäste, der Lärm
und die Esserei werden in ihnen nie alle; die schwarzen
Tischplatten sind voller großer Kaffeeflecke, die trüben dicken
Fensterscheiben voller Fliegenschmutz und die feuchten Servietten
voller Rotweinspuren. Auf der Straßenseite gibt es ein Café und
hinten nach dem Freien zu einen Gemüsegarten. Alles trägt einen
ländlichen Anstrich.
Karl machte sofort einen Besorgungsgang. An der Theaterkasse wußte
er nicht, was Parkett, Proszeniumsloge, erster Rang und Galerie
war; er bat um Auskunft, wurde dadurch aber auch nicht klüger. Der
Kassierer wies ihn in die Direktion. Schließlich rannte er noch
einmal in den Gasthof zurück, dann wieder an die Kasse. Auf diese
Weise lief er mehrmals durch die halbe Stadt.
Frau Bovary kaufte sich einen neuen Hut, Handschuhe und Blumen.
Karl war fortwährend in Angst, den Beginn der Oper zu versäumen.
Und so nahmen sie sich beide keine Zeit, einen Bissen zu sich zu
nehmen. Als sie aber vor dem Theater ankamen, waren die Türen noch
geschlossen.
Fünfzehntes Kapitel
Eine Menge Menschen umlagerte die Eingänge. Überall an den Ecken
der in der Nähe gelegenen Straßen prangten riesige Plakate, die in
auffälligen Lettern ausschrien:
LUCIA VON LAMMERMOOR ... OPER ...
DONIZETTI ... GASTSPIEL ... LAGARDY ...
Es war ein schöner, aber heißer Tag. Der Schweiß rann den Leuten
über die Stirn, und sie fächelten ihren erhitzten Gesichtern mit
den Taschentüchern Kühlung zu. Hin und wieder wehte lauer Wind vom
Strome her und blähte ein wenig die Leinwandmarkisen der
Restaurants. Weiter unten, an den Kais, wurde man durch einen
eisigen Luftzug abgekühlt, in den sich Gerüche von Talg, Leder und
Öl aus den zahlreichen dunklen, vom Rollen der großen Fässer
lärmigen Gewölben der Karren-Gasse mischten.
Aus Furcht, sich lächerlich zu machen, schlug Frau Bovary vor,
noch nicht in das Theater hineinzugehen und erst einen Spaziergang
durch die Hafenpromenaden zu machen. Dabei hielt Karl die
Eintrittskarten, die er in der Hosentasche trug, vorsichtig mit
seinen Fingern fest und drückte sie gegen die Bauchwand, so daß er
sie in einem fort fühlte.
In der Vorhalle bekam Emma Herzklopfen. Als sie wahrnahm, daß sich
der Menschenschwall die Nebentreppen nach den Galerien
hinaufschob, während sie selbst die breite Treppe zum ersten Range
emporschreiten durfte, lächelte sie unwillkürlich vor Eitelkeit.
Es gewährte ihr ein kindliches Vergnügen, die breiten vergoldeten
Türen mit der Hand aufzustoßen. In vollen Zügen atmete sie den
Staubgeruch der Gänge ein, und als sie in ihrer Loge saß, machte
sie sichs mit einer Ungezwungenheit einer Principessa bequem.
Das Haus füllte sich allmählich. Die Operngläser kamen aus ihren
Futteralen. Die Stammsitzinhaber nickten sich aus der Entfernung
zu. Sie wollten sich hier im Reiche der Kunst von der Unrast ihres
Krämerlebens erholen, doch sie vergaßen die Geschäfte nicht,
sondern redeten noch immer von Baumwolle, Fusel und Indigo. Das
waren Grauköpfe mit friedfertigen Alltagsgesichtern; weiß in der
Farbe von Haar und Haut, glichen sie einander wie abgegriffene
Silbermünzen. Im Parkett paradierten die jungen Modenarren mit
knallroten und grasgrünen Krawatten. Frau Bovary bewunderte sie
von oben, wie sie sich mit gelbbehandschuhten Händen auf die
goldenen Knäufe ihrer Stöcke stützten. Jetzt wurden die
Orchesterlampen angezündet, und der Kronleuchter ward von der
Decke herabgelassen. Sein in den Glasprismen widerglitzerndes
Lichtmeer brachte frohe Stimmung in die Menschen. Dann erschienen
die Musiker, einer nach dem andern, und nun hub ein wirres Getöse
an von brummenden Kontrabässen, kratzenden Violinen, fauchenden
Klarinetten und winselnden Flöten. Endlich drei kurze Schläge mit
dem Taktstocke des Kapellmeisters. Paukenwirbel, Hörnerklang. Der
Vorhang hob sich.
Auf der Bühne ward eine Landschaft sichtbar: ein Kreuzweg im
Walde, zur Linken eine Quelle, von einer Eiche beschattet. Bauern,
Mäntel um die Schultern, sangen im Chor ein Lied. Dann tritt ein
Edelmann auf, der die Geister der Hölle mit gen Himmel gereckten
Armen um Rache anfleht. Noch einer erscheint. Beide gehen zusammen
ab. Der Chor singt von neuem.
Emma sah sich in die Atmosphäre ihrer Mädchenlektüre
zurückversetzt, in die Welt Walter Scotts. Es war ihr, als höre
sie den Klang schottischer Dudelsäcke über die nebelige Heide
hallen. Die Erinnerung an den Roman des Briten erleichterte ihr
das Verständnis der Oper. Aufmerksam folgte sie der intriganten
Handlung, während eine Flut von Gedanken in ihr aufwallte, um
alsbald unter den Wogen der Musik wieder zu verfließen. Sie gab
sich diesen schmeichelnden Melodien hin. Sie fühlte, wie ihr die
Seele in der Brust mit in Schwingungen geriet, als strichen die
Violinenbogen über ihre Nerven. Sie hätte hundert Augen haben
mögen, um sich satt sehen zu können an den Dekorationen, Kostümen,
Gestalten, an den gemalten und doch zitternden Bäumen, an den
Samtbaretten, Rittermänteln und Degen, an allen diesen
Trugbildern, in denen eine so seltsame Harmonie wie um Dinge einer
ganz andern Welt lebte ... Eine junge Dame trat auf, die einem
Reitknecht in grünem Rocke eine Börse zuwarf. Dann blieb sie
allein, und nun kam ein Flötensolo, zart wie Quellengeflüster und
Vogelgezwitscher. Lucia begann ihre Kavatine in G-Dur. Sie sang
von unglücklicher Liebe und wünschte sich Flügel. Ach, auch Emma
hätte aus diesem Leben fliehen mögen, weit weg in Liebesarmen!
Da erschien auf der Szene Lagardy als Edgard. Er hatte jenen
schimmernden blassen Teint, der dem Südländer etwas von der
grandiosen Wirkung des Marmors verleiht. Seine männliche Gestalt
war in ein braunes Wams gezwängt. Ein kleiner Dolch mit zierlichem
Gehänge schlug ihm die linke Lende. Er warf lange schmachtende
Blicke und zeigte seine blendend weißen Zähne. Man hatte Emma
erzählt, eine polnische Fürstin habe ihn am Strand von Biarritz
singen hören, wo er Schiffszimmermann gewesen sei, und sich in ihn
verliebt. Seinetwegen habe sie sich ruiniert. Er habe sie dann
einer andern zuliebe sitzen lassen.
Derartige galante Abenteuer mit sentimentalem Finale dienten dem
berühmten Künstler als Reklame. Der schlaue Mime brachte es sogar
fertig, in die Rezensionen der Zeitungen poetische Floskeln über
den bezaubernden Eindruck seiner Persönlichkeit und die leichte
Empfänglichkeit seines Herzens zu lancieren. Er besaß eine schöne
Stimme, unfehlbare Sicherheit, mehr Temperament als Intelligenz,
mehr Pathos als Empfindung. Er war Genie und Scharlatan zugleich,
und in seinem Wesen lag ebensoviel von einem Friseur wie von einem
Toreador.
Sobald er nur auf der Bühne erschien, begeisterte er Emma. Er
schloß Lucia in seine Arme, wandte sich weg und kam wieder,
sichtlich verzweifelt. Bald loderte sein Haß wild auf, bald klagte
er in den zartesten Elegien, und die Töne perlten ihm aus der
Kehle, zwischen Tränen und Küssen. Emma beugte sich weit vor, um
ihn voll zu sehen, wobei sich ihre Fingernägel in den Plüsch der
Logenbrüstung eingruben. Ihr Herz ward voll von diesen wehmütigen
Melodien, die, von den Kontrabässen dumpf begleitet, nicht
aufhörten, gleich wie die Notschreie von Schiffbrüchigen im
Sturmgebraus. Die junge Frau kannte alle diese Verzücktheiten und
Herzensängste, die sie unlängst dem Tode so nahe gebracht hatten.
Die Stimme der Primadonna erschütterte sie wie eine laute
Verkündung ihrer heimlichsten Beichte. Das Scheinbild der Kunst
beleuchtete ihr die eigenen Erlebnisse. Aber ach, so wie Lucia war
sie doch von niemanden in der Welt geliebt worden! Rudolf hatte
nicht um sie geweint, so wie Edgard, am letzten Abend im
Mondenschein, als sie sich Lebewohl sagten ...
Beifall durchstürmte das Haus. Die ganze Stretta mußte wiederholt
werden. Noch einmal sangen die Liebenden von den Blumen auf ihren
Gräbern, von Treue, Trennung, Verhängnis und Hoffnungen; und als
sie sich den letzten Scheidegruß zuriefen, stieß Emma einen lauten
Schrei aus, der in der Orchestermusik des Finale verhallte.
»Warum läßt sie denn eigentlich dieser Edelmann nicht in Ruhe?«
fragte Bovary.
»Aber nein!« antwortete sie. »Das ist doch ihr Geliebter!«
»Er schwört doch, er wolle sich an ihrer Familie rächen. Und der
andre, der dann kam, hat doch gesagt:
'Nimm, Teure, meine Schwüre an
Der reinsten, wärmsten Liebe!'
Und sie sagt:
'So sei es denn!'
Übrigens der, mit dem sie fortging, Arm in Arm, der kleine
Häßliche mit der Hahnenfeder auf dem Hut, das war doch ihr Vater,
nicht wahr?«
Trotz Emmas Berichtigungen blieb Karl, der das Rezitativ im
zweiten Akte zwischen Lord Ashton und Gilbert mißverstanden hatte,
bei dem Glauben, Edgard habe Lucia ein Liebeszeichen gesandt. Er
gestand ein, von der ganzen Handlung nichts begriffen zu haben.
Die Musik störe, sie beeinträchtige den Text.
»Was schadet das?« wandte Emma ein. »Nun sei aber still!«
Er lehnte sich an ihren Arm. »Ich möchte gern im Bilde sein. Weißt
du?«
»Sei doch endlich still!« sagte sie unwillig. »Schweig!«
Lucia nahte, von ihren Dienerinnen gestützt, einen Myrtenkranz im
Haar, bleicher als der weiße Atlas ihres Kleides ... Emma gedachte
ihres eigenen Hochzeitstages, sie sah sich zwischen den
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