-Anna Pawlowna-: Was ist denn daran Verwunderliches? Er hat ihr während
der Krankheit des Kindes soviel Teilnahme bewiesen und ihr geholfen;
dafür ist sie ihm dankbar. Und außerdem: warum sollte sie sich nicht in
Viktor verlieben und ihn heiraten?
-Sascha-: Das wäre schrecklich, empörend! Empörend!
Fünfter Auftritt
Karenin und Lisa treten ein.
-Karenin- ($empfiehlt sich schweigend$).
-Sascha- ($geht ärgerlich hinaus$).
Sechster Auftritt
Anna Pawlowna und Lisa.
-Lisa- ($zu ihrer Mutter$): Was hat sie nur?
-Anna Pawlowna-: Ich weiß es wirklich nicht.
-Lisa- ($seufzt schweigend$).
Vorhang.
Viertes Bild
Zimmer bei Afremow. Auf dem Tische stehen Gläser mit Wein. Gäste.
Erster Auftritt
Afremow, Fedja, Stachow (mit struppigem Barte), Butkewitsch (glatt
rasiert), Korotkow (ein aufdringlicher Mensch).
-Korotkow-: Ich sage euch, daß er weit zurückbleiben wird. =La belle du
bois= ist das erste Pferd Europas. Wetten?
-Stachow-: Sei nur still, Bruder! Du weißt ja doch, daß dir kein Mensch
glaubt. Und auch wetten wird niemand mit dir.
-Korotkow-: Ich sage dir: dein =Cartouche= wird weit zurückbleiben.
-Afremow-: Nun hört auf, euch zu zanken! Ich will euch versöhnen. Fragt
mal Fedja! Der wird es euch zuverlässig sagen.
-Fedja-: Die Pferde sind alle beide gut. Es kommt auf den Reiter an.
-Stachow-: Gusew ist ein Schurke. Den muß man streng halten.
-Korotkow- ($schreit$): Nein!
-Fedja-: Na, wartet, ich werde euer Schiedsrichter sein. Wer hat das
Derby gewonnen?
-Korotkow-: Nun ja, das hat er gewonnen, aber das besagt nichts weiter.
Das war ein Zufall. Wenn =Cracouse= nicht krank geworden wäre ... Sieh
mal ... ($Ein Diener kommt herein.$)
Zweiter Auftritt
Dieselben und ein Diener.
-Afremow-: Was willst du?
-Der Diener-: Es ist eine Dame gekommen, die nach Fjodor Wasiljewitsch
fragt.
-Afremow-: Was für eine Dame?
-Der Diener-: Das weiß ich nicht. Aber es ist eine richtige Dame.
-Afremow-: Fedja, da will eine Dame zu dir.
-Fedja- ($erschrocken$): Wer ist es?
-Afremow-: Das weiß er nicht.
-Der Diener-: Soll ich sie in den Salon bitten?
-Fedja-: Warten Sie, ich will hingehen und zusehen. ($Fedja und der
Diener gehen hinaus.$)
Dritter Auftritt
Dieselben ohne Fedja und den Diener.
-Korotkow-: Wer will da zu ihm? Gewiß Mascha ...
-Stachow-: Was für eine Mascha?
-Korotkow-: Die Zigeunerin Mascha. Die hat sich in ihn verliebt. Wie
eine Katze verliebt ist sie.
-Stachow-: Ein allerliebstes Mädel! Und wie sie singt!...
-Afremow-: Ganz entzückend. Tanjuscha und sie, über die beiden geht
nichts. Gestern haben sie mit Peter ein Terzett gesungen ...
-Stachow-: Er ist doch wirklich ein Glückspilz!...
-Afremow-: Weil ihn die Weiber lieben? Die gönne ich ihm!
-Korotkow-: Ich kann die Zigeunerinnen nicht leiden; Eleganz ist bei
ihnen nicht zu finden.
-Butkewitsch-: Na, das kannst du denn doch nicht sagen.
-Korotkow-: Ich gebe sie alle für eine einzige Französin hin.
-Afremow-: Na, du bist ja als Ästhet bekannt. Ich will doch mal
hingehen und sehen, wer es ist ... ($Er geht hinaus.$)
Vierter Auftritt
Dieselben ohne Afremow.
-Stachow- ($ihm nachrufend$): Wenn es Mascha ist, so bring sie her; sie
soll uns etwas vorsingen! Nein, mit den Zigeunern ist es jetzt nichts
Rechtes! Tanjuscha, die war früher eine großartige Sängerin; ach, hols
der Teufel!
-Butkewitsch-: Ich meine, sie leisten noch dasselbe.
-Stachow-: Wie sollen sie denn dasselbe leisten, wenn sie abgeschmackte
Romanzen statt der Volkslieder singen?
-Butkewitsch-: Es gibt auch gute Romanzen.
-Korotkow-: Wollen wir wetten? Ich werde die Zigeuner etwas singen
lassen, und du wirst nicht erkennen, ob es ein Volkslied ist oder eine
Romanze.
-Stachow-: Korotkow immer mit seinen Wetten!
Fünfter Auftritt
Dieselben und Afremow.
-Afremow- ($tritt ein$): Meine Herren, es ist nicht Mascha. Aber Fedja
kann sie nirgends empfangen als hier. Wir wollen ins Billardzimmer
gehen. ($Sie gehen hinaus.$)
Sechster Auftritt
Fedja und Sascha treten ein.
-Sascha- ($verlegen$): Verzeih mir, Fedja, wenn ich dir ungelegen
komme; aber höre mich an; ich bitte dich inständig! ($Die Stimme
zittert ihr.$)
-Fedja- ($geht im Zimmer auf und ab. Sascha hat sich hingesetzt und
sieht ihn an$).
-Sascha-: Fedja, kehre nach Hause zurück!
-Fedja-: Höre, Sascha, ich verstehe dich sehr wohl. Liebe Sascha, wenn
ich an deiner Stelle wäre, so würde ich ebenso handeln: ich würde mir
Mühe geben, alles wieder irgendwie in den alten Zustand zurückzuführen;
aber wenn du, du liebes, feinfühliges Mädchen, an meiner Stelle wärest,
wie seltsam es auch sein mag, das zu sagen, dann würdest du gewiß
dasselbe tun, was ich tue, das heißt, du würdest deiner Wege gehen und
ein fremdes Leben nicht länger stören ...
-Sascha-: Wieso stören? Kann denn Lisa überhaupt ohne dich leben?
-Fedja-: Ach, liebe Sascha, mein Täubchen, das kann sie, das kann sie,
und sie wird noch glücklich werden, weit glücklicher, als sie es mit
mir gewesen ist.
-Sascha-: Niemals!
-Fedja-: Das scheint dir nur so. ($Er hält ihre Hand in der seinigen.$)
Aber darum handelt es sich nicht. Die Hauptsache ist, daß ich es nicht
kann. Weißt du, biege ein Stück dickes Papier hin und her; du kannst
das hundertmal tun, und es hält; aber biege es zum hundertundersten
Male, und es geht entzwei. So steht es auch mit den Beziehungen
zwischen mir und Lisa. Es ist mir zu peinlich, ihr in die Augen zu
sehen. Und ihr ebenfalls, das kannst du mir glauben.
-Sascha-: Nein, nein.
-Fedja-: Du sagst nein, weißt aber selbst, daß es so ist.
-Sascha-: Ich kann nur nach mir urteilen. Wenn ich an ihrer Stelle wäre
und du mir so antwortetest, wie du es jetzt tust, so würde das für mich
schrecklich sein.
-Fedja-: Ja, für dich ... ($Stillschweigen; beide sind verlegen.$)
-Sascha- ($steht auf$): Soll es wirklich dabei bleiben?
-Fedja-: Es muß wohl.
-Sascha-: Fedja, kehre zurück!
-Fedja-: Ich danke dir, liebe Sascha. Du wirst mir allzeit eine teure
Erinnerung bleiben ... aber lebe wohl, mein Täubchen! Erlaube, daß ich
dich küsse! ($Er küßt sie auf die Stirn.$)
-Sascha- ($aufgeregt$): Nein, ich nehme nicht Abschied, und ich glaube
es nicht und will es nicht glauben ... Fedja ...
-Fedja-: Nun, so höre! Aber gib mir dein Wort, daß du das, was ich dir
sage, niemandem wiedersagen wirst. Gibst du mir dein Wort?
-Sascha-: Natürlich.
-Fedja-: Nun, so höre, Sascha! Ich bin allerdings ihr Mann, der Vater
ihres Kindes; aber ich bin ein überflüssiger Mensch ... Warte, warte,
erwidere mir nichts! Du glaubst, ich sei eifersüchtig? Ganz und gar
nicht. Erstens habe ich kein Recht dazu; und zweitens habe ich keinen
Anlaß. Viktor Karenin ist ein alter Freund von ihr und ebenso von mir.
Und er liebt sie, und sie liebt ihn.
-Sascha-: Nein.
-Fedja-: Sie liebt ihn so, wie eine ehrenhafte, sittsame Frau lieben
kann, die es sich nicht erlauben will, einen andern als ihren Mann zu
lieben. Aber sie liebt ihn und wird ihn lieben, sobald dieses Hindernis
($er zeigt auf sich selbst$) beseitigt sein wird, und ich werde es
beseitigen, und sie werden glücklich sein. ($Die Stimme zittert ihm.$)
-Sascha-: Fedja, sprich nicht so!
-Fedja-: Du weißt ja, daß das die Wahrheit ist, und ich werde mich über
das Glück der beiden freuen und kann gar nichts Besseres tun ... Ich
werde nicht zurückkehren und gebe ihnen volle Freiheit ... Das bestelle
du ihnen nur! Und nun sage weiter nichts, sage weiter nichts; lebe
wohl! ($Er küßt sie auf den Kopf und öffnet ihr die Tür.$)
-Sascha-: Fedja, ich bewundere dich!
-Fedja-: Lebe wohl, lebe wohl! ($Sascha geht fort.$)
Siebenter Auftritt
Fedja allein.
-Fedja-: Ja, ja, wundervoll, prächtig, daß wir so damit zu Ende
gekommen sind ... ($Er klingelt.$)
Achter Auftritt
Fedja und ein Diener.
-Fedja-: Rufen Sie den Herrn! ($Der Diener ab.$)
Neunter Auftritt
Fedja allein.
-Fedja-: Das ist das Richtige, das ist das Richtige!
Zehnter Auftritt
Afremow tritt ein.
-Fedja-: Gehen wir!
-Afremow-: Wie hast du denn die Sache erledigt?
-Fedja-: Wundervoll! Wundervoll! Wo sind die andern alle?
-Afremow-: Sie spielen Billard.
-Fedja-: Vorzüglich! Wir wollen auch hingehen und ein Stündchen da
verbringen.
Vorhang.
Dritter Akt
Fünftes Bild
Ein Zimmer bei Anna Dmitrijewna, in diskret-luxuriöser Art
ausgestattet; voller Andenken.
Personen: Fürst Abreskow, ein sechzigjähriger, eleganter Junggeselle,
glattrasiert, mit Schnurrbart, alter Militär, sehr würdevoll und
melancholisch. Anna Dmitrijewna Karenina (Viktors Mutter), eine sich
jung machende fünfzigjährige =grande dame=. Sie spickt ihre Rede mit
französischen Ausdrücken. Ein Diener. Viktor. Lisa.
Erster Auftritt
-Anna Dmitrijewna- ($schreibt einen Brief$).
Zweiter Auftritt
Anna Dmitrijewna und ein Diener.
-Der Diener-: Fürst Sergei Dmitrijewitsch.
-Anna Dmitrijewna-: Ich lasse natürlich bitten. ($Sie wendet sich zum
Spiegel und bringt ihre Frisur in Ordnung.$)
Dritter Auftritt
-Fürst Abreskow- ($tritt ein$): =J'espère, que je ne force pas la
consigne.= ($Er küßt ihr die Hand.$)
-Anna Dmitrijewna-: Sie wissen, daß =vous êtes toujours le bienvenu=.
Und jetzt, heute, ganz besonders. Sie haben mein Briefchen erhalten?
-Fürst Abreskow-: Jawohl, und mein Erscheinen ist meine Antwort.
-Anna Dmitrijewna-: Ach, mein Freund, ich fange an ganz zu verzweifeln.
=Il est ensorcelé, positivement ensorcelé.= Ich bin bei ihm noch nie
einer solchen Beharrlichkeit, einer solchen Hartnäckigkeit, einer
solchen Mitleidslosigkeit und Gleichgültigkeit mir gegenüber begegnet.
Seit diese Frau sich von ihrem Manne losgesagt hat, ist er vollständig
umgewandelt.
-Fürst Abreskow-: Aber was ist denn eigentlich geschehen? Wie steht die
Sache?
-Anna Dmitrijewna-: Er will sie unter allen Umständen heiraten.
-Fürst Abreskow-: Und wie stellt sich ihr Mann dazu?
-Anna Dmitrijewna-: Er willigt in die Scheidung.
-Fürst Abreskow-: Also so ist das!
-Anna Dmitrijewna-: Und er, Viktor, befaßt sich eifrig mit all diesen
Dingen, mit all dem Schmutz, der dabei aufgerührt wird, und den
Advokaten und den Schuldbeweisen. =Tout ça est dégoûtant.= Aber dadurch
läßt er sich nicht abstoßen. Ich verstehe ihn gar nicht. Er mit seiner
Feinfühligkeit und mit seiner Schüchternheit ...
-Fürst Abreskow-: Er liebt. Ach, wenn jemand so richtig liebt, dann ...
-Anna Dmitrijewna-: Ja, aber warum konnte denn zu unserer Zeit
die Liebe eine reine, freundschaftliche, das ganze Leben hindurch
anhaltende Liebe sein? Eine solche Liebe weiß ich zu verstehen und zu
schätzen.
-Fürst Abreskow-: Die jetzige neue Generation vermag sich nicht mehr
mit idealen Beziehungen zu begnügen. =La possession de l'âme ne leur
suffit plus.= Dagegen läßt sich nichts tun. Aber was machen wir mit ihm?
-Anna Dmitrijewna-: Nein, sagen Sie das nicht mit Bezug auf ihn.
Sondern das ist eine Art von Behexung. Er ist geradezu wie umgetauscht.
Sie wissen ja: ich bin bei ihr gewesen. Er hatte mich so darum gebeten.
Ich fuhr hin, traf sie aber nicht an und ließ meine Karte da. =Elle m'a
fait demander, si je pouvais la recevoir.= Und heute ($sie sieht nach
der Uhr$) zwischen eins und zwei, also sogleich, muß sie herkommen.
Ich habe Viktor versprochen, sie zu empfangen; aber können Sie sich in
meine Lage versetzen? Ich bin ganz verstört. Und nach alter Gewohnheit
habe ich Sie hergebeten. Ich bedarf Ihrer Hilfe.
-Fürst Abreskow-: Ich danke Ihnen.
-Anna Dmitrijewna-: Sie werden sich darüber klar sein, daß dieser ihr
Besuch für die ganze Angelegenheit, für Viktors Schicksal, entscheidend
ist. Ich muß entweder meine Einwilligung verweigern ... aber wie kann
ich das?
-Fürst Abreskow-: Sie kennen sie noch gar nicht?
-Anna Dmitrijewna-: Ich habe sie noch nie gesehen. Aber ich fürchte
mich vor ihr. Eine gute Frau kann sich nicht dazu entschließen, ihren
Mann zu verlassen. Und einen so guten Menschen! Er ist ja Viktors
Kollege und hat bei uns verkehrt. Er war ein sehr liebenswürdiger
Mensch. Aber wie er auch gewesen sein mag, =quels que soient les torts
qu'il a eus vis-à-vis d'elle=, von ihrem Manne darf sie sich nicht
lossagen. Man muß sein Kreuz tragen. Das eine verstehe ich nicht, wie
Viktor bei seinen Grundsätzen es fertigbekommen kann, eine geschiedene
Frau zu heiraten. Wie oft hat er, und erst kürzlich, in meiner
Gegenwart mit Herrn Spizyn hitzig debattiert und den Beweis dafür
zu führen gesucht, daß die Ehescheidung mit dem wahren Christentum
unvereinbar sei, und nun wirkt er selbst auf eine solche hin. =Si elle
a pu le charmer à un tel point= ... Ich fürchte mich vor ihr. Aber
ich habe Sie hergebeten, um Sie zu hören, und statt dessen rede nur
ich selbst immerzu. Was meinen Sie? Reden Sie! Was muß ich nach Ihrer
Ansicht tun? Was halten Sie für nötig? Haben Sie mit Viktor gesprochen?
-Fürst Abreskow-: Ja, ich habe mit ihm gesprochen. Und ich glaube, daß
er sie liebt, daß diese Liebe ihm schon zur vollen Gewohnheit geworden
ist und eine gewaltige Macht über ihn gewonnen hat; und er ist ein
Mensch, welcher Neigungen nur langsam in sich aufnimmt, sie aber dann
um so energischer festhält. Was einmal in sein Herz eingedrungen ist,
das geht nicht wieder hinaus. Er wird nie eine andere Frau als sie
lieben und kann mit keiner andern glücklich werden.
-Anna Dmitrijewna-: Und wie gern würde ihn Warja Kasanzewa heiraten!
Was ist sie für ein prächtiges Mädchen, und wie liebt sie ihn!...
-Fürst Abreskow- ($lächelnd$): =C'est compter sans son hôte.= Das ist
jetzt ganz ausgeschlossen. Und ich glaube, es ist das beste, sich zu
fügen und ihm zu der Heirat behilflich zu sein.
-Anna Dmitrijewna-: Zu der Heirat mit einer geschiedenen Frau, damit er
dem ersten Manne seiner Frau fortwährend begegnet? Ich verstehe nicht,
wie Sie mit solcher Ruhe davon reden können. Ist das etwa eine Frau,
wie eine Mutter sie ihrem einzigen Sohne, und noch dazu einem solchen
Sohne, zur Gattin wünschen kann?
-Fürst Abreskow-: Aber was ist da zu machen, liebe Freundin? Natürlich
wäre es besser, wenn er ein Mädchen heiratete, das Sie kennen und gern
haben. Aber wenn das eben nicht möglich ist ... Und dann: wenn er nun
eine Zigeunerin oder Gott weiß wen heiratete? Lisa Protasowa aber ist
ein herzensgutes, liebenswürdiges Wesen. Ich kenne sie durch meine
Nichte Nelly: sie ist eine sanfte, gutherzige, liebevolle, moralisch
tadellose Frau.
-Anna Dmitrijewna-: Eine moralisch tadellose Frau, die es fertigbringt,
sich von ihrem Manne loszusagen?!
-Fürst Abreskow-: Ich erkenne Sie gar nicht wieder. Sie sind ja so
hart und grausam. Der Mann dieser Frau ist einer von jenen Menschen,
von denen man sagt, daß sie keinen andern Feind haben als sich selbst.
Aber in noch höherem Grade ist er ein Feind seiner Frau. Er ist ein
schwacher, völlig heruntergekommener, trunksüchtiger Mensch. Er hat
sein ganzes Vermögen und ihr ganzes Vermögen verschwendet; sie hat ein
Kind ... Wie können Sie nur eine Frau verurteilen, die einen solchen
Mann verlassen hat? Zudem hat nicht sie ihn verlassen, sondern er sie.
-Anna Dmitrijewna-: Ach, welch ein Schmutz! welch ein Schmutz! Und ich
soll mich damit besudeln!
-Fürst Abreskow-: Und Ihre Religion?
-Anna Dmitrijewna-: Ja, ja, die Vergebung! „Wie auch wir vergeben
unsern Schuldigern.” =Mais c'est plus fort que moi.=
-Fürst Abreskow-: Wie kann sie denn mit einem solchen Menschen weiter
zusammenleben? Auch wenn sie nicht einen andern liebte, müßte sie sich
von jenem trennen. Um des Kindes willen müßte sie das tun. Er selbst,
ihr Mann, der, wenn er sich in nüchternem Zustande befindet, ein
verständiger, guter Mensch ist, er selbst rät ihr, dies zu tun.
Vierter Auftritt
Anna Dmitrijewna, Fürst Abreskow, Viktor, welcher eintritt, seiner
Mutter die Hand küßt und den Fürsten Abreskow begrüßt.
-Viktor-: Mama, ich bin nur hergekommen, um Ihnen zu sagen, daß
Jelisaweta Andrejewna sogleich hier sein wird; und ich bitte und
beschwöre Sie nur um eines: wenn Sie immer noch gegen meine Heirat
sind ...
-Anna Dmitrijewna- ($unterbricht ihn$): Selbstverständlich bin ich
immer noch dagegen.
-Viktor- ($fährt mit finsterer Miene fort$) ... so bitte und beschwöre
ich Sie nur um eines: reden Sie nicht von Ihrer Abneigung, sprechen Sie
es nicht aus, daß Sie Ihre Zustimmung verweigern!
-Anna Dmitrijewna-: Ich meine, daß wir überhaupt nicht von etwas
Derartigem reden werden. Ich wenigstens werde nicht davon anfangen.
-Viktor-: Und sie noch weniger. Mein Wunsch war nur, daß Sie sie kennen
lernen möchten.
-Anna Dmitrijewna-: Ich verstehe nur eines nicht: wie kannst du deinen
Wunsch, Frau Protasowa zu Lebzeiten ihres Mannes zu heiraten, mit
deiner religiösen Überzeugung vereinigen, daß eine Ehescheidung gegen
die Lehre des Christentums ist?
-Viktor-: Mama, Sie verfahren grausam mit mir! Sind wir alle denn so
unfehlbar, daß wir von unseren Grundsätzen nie abgehen dürften, obwohl
doch das Leben ein so kompliziertes Geflecht ist? Mama, warum sind Sie
gegen mich so grausam?
-Anna Dmitrijewna-: Ich liebe dich und will dein Glück.
-Viktor- ($zu Abreskow$): Sergei Dmitrijewitsch!
-Fürst Abreskow-: Selbstverständlich wollen Sie sein Glück; aber
uns mit unseren grauen Haaren wird es schon schwer, die Jugend zu
verstehen. Und besonders schwer ist das für eine Mutter, die sich an
den Gedanken gewöhnt hat, das Glück des Sohnes müsse ihren eigenen
Vorstellungen entsprechen. Alle Frauen sind von dieser Art.
-Anna Dmitrijewna-: Nun ja, da haben wirs! Alle sind gegen mich.
Natürlich kannst du es tun; =vous êtes majeur= ... aber du machst mich
dadurch unglücklich.
-Viktor-: Ich erkenne Sie gar nicht wieder. Das ist mehr als grausam.
-Fürst Abreskow- ($zu Viktor$): Hör auf, Viktor. Die Mama redet immer
schlechter, als sie handelt.
-Anna Dmitrijewna-: Ich werde zu ihr sagen, was ich denke und empfinde,
und werde es zu ihr sagen, ohne sie zu kränken.
-Fürst Abreskow-: Davon bin ich überzeugt.
Fünfter Auftritt
Anna Dmitrijewna, Fürst Abreskow, Viktor und ein Diener, welcher
eintritt.
-Fürst Abreskow-: Da ist sie.
-Viktor-: Ich werde fortgehen.
-Der Diener-: Jelisaweta Andrejewna Protasowa.
-Viktor-: Ich gehe fort. Mama, ich bitte Sie ... ($Er geht fort.$)
-Fürst Abreskow- ($erhebt sich ebenfalls$).
-Anna Dmitrijewna-: Ich lasse bitten. ($Zum Fürsten Abreskow:$) Nein,
bleiben Sie!
Sechster Auftritt
Anna Dmitrijewna und Fürst Abreskow.
-Fürst Abreskow-: Ich glaubte, es würde Ihnen =en tête-à-tête=
angenehmer sein.
-Anna Dmitrijewna-: Nein, ich fürchte mich vor ihr. ($Sie gerät
in nervöse Unruhe.$) Wenn mir der Wunsch kommen sollte, mit ihr
=tête-à-tête= zu bleiben, so werde ich Ihnen einen Wink geben; =ça
dépendra= ... Aber gleich von vornherein mit ihr allein zu bleiben, das
würde mir peinlich sein. Ich werde dann so zu Ihnen machen. ($Sie macht
ihm ein Zeichen.$)
-Fürst Abreskow-: Ich verstehe. Ich bin davon überzeugt, daß sie Ihnen
gefallen wird. Seien Sie nur gerecht!
-Anna Dmitrijewna-: Wie ihr alle doch meine Gegner seid!
Siebenter Auftritt
Anna Dmitrijewna. Fürst Abreskow, Lisa, welche im Visitenkostüm mit
Hut eintritt.
-Anna Dmitrijewna- ($erhebt sich$): Ich habe bedauert, daß ich Sie
nicht antraf; aber nun sind Sie so liebenswürdig, selbst herzukommen.
-Lisa-: Ich hatte Ihren Besuch in keiner Weise erwartet. Ich bin Ihnen
so dankbar, daß Sie mich zu sehen gewünscht haben.
-Anna Dmitrijewna-: Sind Sie bekannt? ($Sie zeigt auf den Fürsten
Abreskow.$)
-Fürst Abreskow-: Gewiß, ich hatte die Ehre, Ihnen vorgestellt zu
werden. ($Shake hands.$) ($Sie setzen sich.$) Meine Nichte Nelly
spricht zu mir oft von Ihnen.
-Lisa-: Ja, wir waren sehr befreundet ($sie wirft einen schüchternen
Blick auf Anna Dmitrijewna$) und sind auch jetzt befreundet. ($Zu Anna
Dmitrijewna:$) Ich hatte es in keiner Weise erwartet, daß Sie den
Wunsch hätten, mich zu sehen.
-Anna Dmitrijewna-: Ich habe Ihren Mann gut gekannt. Er war mit Viktor
befreundet und verkehrte vor seiner Übersiedlung nach Tambow in unserem
Hause. Ich glaube, dort hat er Sie geheiratet?
-Lisa-: Ja, dort haben wir uns geheiratet.
-Anna Dmitrijewna-: Aber nachher, als er wieder nach Moskau gezogen
war, hat er nicht mehr bei mir verkehrt.
-Lisa-: Nein, er hat fast nirgends verkehrt.
-Anna Dmitrijewna-: Und so hat er mich denn auch nicht mit Ihnen
bekannt gemacht. ($Unbehagliches Stillschweigen.$)
-Fürst Abreskow-: Das letztemal traf ich mit Ihnen bei Denisows
zusammen, bei einer Liebhabervorstellung. Es war sehr nett dort. Sie
spielten auch mit.
-Lisa-: Nein ... ja ... gewiß ... ich erinnere mich. Ich spielte mit.
($Wieder Stillschweigen.$) Anna Dmitrijewna, verzeihen Sie mir, wenn
Ihnen das, was ich sagen werde, unangenehm sein sollte; aber ich kann
mich nicht verstellen, ich verstehe das nicht. Ich bin hergekommen,
weil mir Viktor Michailowitsch sagte ... weil er ... das heißt, weil
Sie den Wunsch hatten, mich zu sehen ... aber es wird das beste sein,
wenn ich alles sage ... ($Sie fängt an zu schluchzen.$) ... Es ist mir
sehr peinlich ... aber Sie sind so gut.
-Fürst Abreskow-: Ich werde lieber gehen.
-Anna Dmitrijewna-: Ja, gehen Sie!
-Fürst Abreskow-: Auf Wiedersehen! ($Er empfiehlt sich den beiden Damen
und geht.$)
Achter Auftritt
Anna Dmitrijewna und Lisa.
-Anna Dmitrijewna-: Hören Sie, Lisa ... Ich weiß nicht und will auch
gar nicht wissen, wie Sie mit Vatersnamen heißen ...
-Lisa-: Andrejewna.
-Anna Dmitrijewna-: Nun, ganz gleich; ich möchte Sie einfach Lisa
nennen. Sie tun mir leid; Sie sind mir sympathisch. Aber ich liebe
Viktor. Ich liebe auf der ganzen Welt nur dieses eine Wesen. Ich kenne
seine Seele wie meine eigene. Er ist eine stolze Seele. Schon als
siebenjähriger Knabe war er stolz, stolz nicht auf seinen Namen, nicht
auf seinen Reichtum, sondern auf seine hohe sittliche Reinheit; und
diese Reinheit hat er sich bewahrt. Er ist rein wie ein junges Mädchen.
-Lisa-: Das weiß ich.
-Anna Dmitrijewna-: Er hat nie eine Frau geliebt. Sie sind die erste.
Ich kann nicht sagen, daß ich nicht eifersüchtig auf Sie wäre; ich
bin eifersüchtig. Aber wir Mütter -- Ihr eigenes Söhnchen ist noch zu
klein, und solche Gedanken liegen Ihnen noch fern --, wir Mütter müssen
uns darauf vorbereiten, unsere Söhne einer anderen Frau abzutreten.
Ich habe mich darauf vorbereitet, ihn einer andern abzutreten, ohne
eifersüchtig zu werden. Aber ich wollte ihn einer Frau abtreten, die
ebenso wäre wie er selbst.
-Lisa-: Aber bin ich ... bin ich denn ...
-Anna Dmitrijewna-: Verzeihen Sie, ich weiß, Sie tragen keine Schuld,
Sie sind unglücklich. Und ich kenne ihn. Jetzt ist er bereit, alles zu
ertragen, und er wird es ertragen und niemals etwas darüber sagen; aber
er wird darunter leiden. Sein verletzter Stolz wird darunter leiden,
und er wird nicht glücklich sein.
-Lisa-: Ich habe darüber nachgedacht.
-Anna Dmitrijewna-: Lisa, liebes Kind, Sie sind eine verständige, gute
Frau. Wenn Sie ihn wahrhaft lieben, so müssen Sie doch mehr sein Glück
wünschen als Ihr eigenes. Wenn es aber so ist, so werden Sie ihn nicht
binden wollen und nicht schuld daran werden wollen, daß er es später
bereut. Obgleich er es nicht sagen wird, es niemals sagen wird.
-Lisa-: Das weiß ich, daß er es nicht sagen wird. Ich habe darüber
nachgedacht und mir diese Frage vorgelegt. Ich habe darüber nachgedacht
und es ihm gesagt. Aber was kann ich tun, wenn er mir erwidert, daß er
ohne mich nicht leben mag? Ich habe gesagt: „Wir wollen Freunde sein;
aber richten Sie sich Ihr Leben für sich ein, und verknüpfen Sie nicht
Ihr reines Leben mit meinem unglücklichen.” Aber er will nicht.
-Anna Dmitrijewna-: Ja, jetzt will er nicht.
-Lisa-: Überreden Sie ihn, von mir abzulassen! Ich bin damit
einverstanden. Ich liebe ihn um seines, nicht um meines Glückes willen.
Nur helfen Sie mir, und hassen Sie mich nicht! Lassen Sie uns beide,
voller Liebe, auf sein wahres Wohl bedacht sein!
-Anna Dmitrijewna-: Ja, ja, ich habe Sie liebgewonnen. ($Sie küßt sie.
Lisa bricht in Tränen aus.$) Aber trotzdem, trotzdem ist das alles
so schrecklich. Hätte er Sie damals liebgewonnen, als Sie noch nicht
verheiratet waren ...
-Lisa-: Er sagt, er habe mich schon damals geliebt, habe aber das Glück
seines Freundes nicht stören wollen.
-Anna Dmitrijewna-: Ach, wie schrecklich das alles ist! Aber wir wollen
einander trotz alledem liebhaben, und Gott wird uns helfen, zum Ziele
unserer Wünsche zu gelangen.
Neunter Auftritt
Anna Dmitrijewna, Lisa und Viktor.
-Viktor- ($tritt ein$): Mama, liebe Mama! Ich habe alles gehört. Ich
hatte es erwartet, daß Sie sie liebgewinnen würden. Und nun wird alles
gut werden.
-Lisa-: Wie leid tut es mir, daß Sie alles gehört haben. Ich hätte es
nicht gesagt, wenn ich das gewußt hätte.
-Anna Dmitrijewna-: Aber entschieden ist noch nichts. Ich kann nur
sagen, daß ich mich freuen würde, wenn nicht alle diese peinlichen
Umstände vorhanden wären. ($Sie küßt sie.$)
-Viktor-: Bitte, verbleiben Sie bei dieser Gesinnung!
Vorhang.
Sechstes Bild
Ein bescheidenes Zimmer, ein Bett, ein Schreibtisch, ein Sofa.
Erster Auftritt
-Fedja- ($allein, es wird an die Tür geklopft. Eine weibliche
Stimme fragt von außen: „Warum hast du dich eingeschlossen, Fjodor
Wasiljewitsch? Mach auf, Fedja!...”$).
Zweiter Auftritt
Fedja und Mascha.
-Fedja- ($steht auf und öffnet die Tür$): Vielen Dank, daß du gekommen
bist! Ich langweile mich hier, langweile mich furchtbar.
-Mascha-: Warum bist du nicht zu uns gekommen? Du bist wieder ins
Trinken hineingeraten. Ach, du! Und du hattest doch versprochen zu
kommen.
-Fedja-: Du weißt, daß ich kein Geld habe.
-Mascha-: Warum habe ich mich nun in dich verliebt!
-Fedja-: Mascha!
-Mascha-: Ach was! „Mascha, Mascha!” Wenn du mich liebtest, hättest du
dich schon längst scheiden lassen. Deine Leute haben dich ja selbst
darum gebeten. Du sagst, daß du deine Frau nicht liebst, und hältst
doch an ihr fest. Du willst offenbar nicht ...
-Fedja-: Du weißt ja, weswegen ich nicht will.
-Mascha-: Das ist alles dummes Zeug. Die Leute haben ganz recht, wenn
sie sagen, daß du ein schlaffer Mensch bist.
-Fedja-: Was soll ich dir darauf erwidern? Soll ich dir sagen, daß mir
deine Worte ein Schmerz sind? Das weißt du ja selbst.
-Mascha-: Dir ist nichts ein Schmerz ...
-Fedja-: Du weißt selbst, daß ich nur eine Freude im Leben habe: deine
Liebe.
-Mascha-: Ich liebe dich schon, aber du nicht mich.
-Fedja-: Nun, ich werde mich nicht auf Beteuerungen einlassen. Das wäre
ja unnütz; du weißt selbst, daß ich dich liebe.
-Mascha-: Fedja, warum marterst du mich so?
-Fedja-: Wer martert wen?
-Mascha- ($weint$): Du bist kein guter Mensch.
-Fedja- ($tritt zu ihr hin und umarmt sie$): Mascha! Warum weinst du?
Hör auf! Leben muß man, aber nicht schluchzen. Und dir steht das nun
schon gar nicht, du mein schönes Kind!
-Mascha-: Liebst du mich?
-Fedja-: Wen sollte ich denn sonst lieben?
-Mascha-: Nur mich? Nun, lies mir einmal vor, was du da geschrieben
hast.
-Fedja-: Es wird dich langweilen.
-Mascha-: Wenn du es geschrieben hast, wird es schon hübsch sein.
-Fedja-: Nun, so höre. ($Er liest.$) „An einem Tage im Spätherbst
hatte ich mich mit einem Kameraden verabredet, daß wir uns auf der
Murygina-Terrasse treffen wollten. Es war ein trüber, warmer, stiller
Tag. Der Nebel ...”
Dritter Auftritt
Fedja und Mascha. Der alte Zigeuner Iwan Makarowitsch und die alte
Zigeunerin Nastasja Iwanowna, Maschas Eltern, treten ein.
-Nastasja Iwanowna- ($tritt auf ihre Tochter zu$): Also hier bist du,
du verlaufenes Schaf verfluchtes! Habe die Ehre, gnädiger Herr! ($Zur
Tochter:$) Was tust du uns an, he?
-Iwan Makarowitsch- ($zu Fedja$): Du handelst nicht gut, gnädiger
Herr. Machst das Mädchen unglücklich. Wirklich nicht gut. Du handelst
unchristlich.
-Nastasja Iwanowna-: Nimm dein Tuch um und dann sofort marsch! Nun sehe
einer an, weggelaufen ist sie! Was werde ich dem Chor sagen? Läßt dich
mit einem armen Schlucker ein! Was kannst du von dem kriegen?
-Mascha-: Von Einlassen ist nicht die Rede. Ich liebe den gnädigen
Herrn, weiter nichts. Ich werde mich von dem Chor nicht lossagen, werde
weitersingen; aber daß ...
-Iwan Makarowitsch-: Wenn du noch ein Wort sagst, so reiße ich dir den
Zopf aus. Du Dirne! Wer hat dir so ein Beispiel gegeben? Dein Vater
nicht, deine Mutter nicht, deine Tante nicht. Es ist schlecht von dir,
Herr. Wir haben dich lieb gehabt; wie oft haben wir dir umsonst etwas
vorgesungen, weil du uns leid tatest. Aber du, was hast du uns angetan!
-Nastasja Iwanowna-: Du hast unser Töchterchen, unser liebes, einziges,
süßes, goldenes, unschätzbares Töchterchen, mir nichts dir nichts
zugrunde gerichtet, sie in den Schmutz getreten, -- das hast du uns
angetan. Du hast keine Gottesfurcht.
-Fedja-: Du urteilst falsch über mich, Nastasja Iwanowna. Deine Tochter
ist mir wie eine Schwester. Ich taste ihre Ehre nicht an. Glaube so
etwas nicht! Aber ich liebe sie ... Was ist da zu machen?
-Iwan Makarowitsch-: Aber als du noch Geld hattest, da hast du sie
nicht geliebt. Du hättest damals dem Chor zehntausend Rubel stiften
sollen, dann hättest du sie in allen Ehren bekommen. Aber jetzt, wo
du alles durchgebracht hast, da hast du sie heimlich entführt. Schäme
dich, Herr, schäme dich.
-Mascha-: Er hat mich nicht entführt; ich bin von selbst zu ihm
gekommen. Und wenn ihr mich jetzt wegholt, so laufe ich doch wieder
her. Ich liebe ihn -- und damit basta. Meine Liebe ist stärker als alle
eure Schlösser und Riegel ... Ich will nicht.
-Nastasja Iwanowna-: Na, liebste Mascha, mein Herzenskind, werde nicht
hitzig! Du hast nicht gut gehandelt; na, und nun komm!
-Iwan Makarowitsch-: Na, nun ist genug geredet! Marsch! ($Er faßt sie
an den Arm.$) Lebe wohl, Herr! ($Alle drei ab.$)
Vierter Auftritt
Fedja, Fürst Abreskow, welcher eintritt.
-Fürst Abreskow-: Ich bitte um Verzeihung. Ich bin wider meinen Willen
Zeuge einer unangenehmen Szene geworden.
-Fedja-: Mit wem habe ich die Ehre?... ($Er erkennt ihn.$) Ah! Fürst
Sergei Dmitrijewitsch! ($Er begrüßt ihn.$)
-Fürst Abreskow-: Ja, unfreiwilliger Zeuge einer unangenehmen Szene.
Ich hätte gewünscht, sie nicht mit anzuhören. Aber da ich sie nun
einmal mit angehört habe, so halte ich es für meine Pflicht zu sagen,
daß dies geschehen ist. Man hatte mich hierher gewiesen, und ich mußte
an der Tür warten, bis diese Herrschaften weggingen. Um so mehr, da
mein Klopfen wegen des sehr lauten Redens nicht gehört wurde.
-Fedja-: Ja, ja. Bitte ergebenst, Platz zu nehmen. Ich bin Ihnen
dankbar dafür, daß Sie mir das gesagt haben. Das gibt mir das Recht,
Ihnen diese Szene zu erklären. Was Sie von mir selbst denken, ist mir
ganz gleichgültig; aber ich möchte Ihnen sagen, daß die Vorwürfe,
die Sie diesem jungen Mädchen, einer Zigeunerin, Sängerin, machen
hörten, ungerechtfertigt sind. Dieses junge Mädchen ist sittlich so
rein wie eine Taube. Und meine Beziehungen zu ihr sind lediglich
freundschaftlicher Art. Und wenn sie vielleicht einen poetischen Anflug
haben, so beeinträchtigt das die Reinheit und die Ehre dieses jungen
Mädchens nicht. Das ists, was ich Ihnen sagen wollte. Also was wünschen
Sie von mir? Womit kann ich Ihnen dienen?
-Fürst Abreskow-: Ich möchte erstens ...
-Fedja-: Verzeihen Sie, Fürst! Ich bin jetzt zu einer solchen Stellung
in der Gesellschaft gelangt, daß meine oberflächliche und schon weit
zurückliegende Bekanntschaft mit Ihnen mir keinen Anspruch auf einen
Besuch von Ihnen verleiht, wenn nicht eine geschäftliche Angelegenheit
Sie zu mir führt; also worin besteht diese?
-Fürst Abreskow-: Ich will es nicht in Abrede stellen; Sie haben
es erraten. Ich habe allerdings eine geschäftliche Angelegenheit.
Aber dennoch bitte ich Sie zu glauben, daß die Veränderung Ihrer
gesellschaftlichen Stellung keinerlei Einfluß auf meine Beziehungen zu
Ihnen haben kann.
-Fedja-: Davon bin ich vollkommen überzeugt.
-Fürst Abreskow-: Was mich herführt ist dies: der Sohn meiner alten
Freundin Anna Dmitrijewna Karenina sowie diese selbst haben mich
gebeten, mich geradezu und direkt bei Ihnen danach zu erkundigen,
welches Ihre Beziehungen ... Sie gestatten mir von Ihren Beziehungen zu
Ihrer Gemahlin Jelisaweta Andrejewna Protasowa zu sprechen?
-Fedja-: Meine Beziehungen zu meiner Frau (ich kann sagen: zu meiner
ehemaligen Frau) sind vollständig gelöst.
-Fürst Abreskow-: So habe auch ich die Sache aufgefaßt. Und nur
deswegen habe ich diese schwierige Mission übernommen.
-Fedja-: Diese Beziehungen sind gelöst, und ich beeile mich, die
Erklärung abzugeben, daß dies nicht durch ihre, sondern durch meine
Schuld geschehen ist, einzig und allein durch meine Schuld. Sie selbst
war eine makellose Frau und ist das auch geblieben.
-Fürst Abreskow-: Und nun, sehen Sie, hat mich Viktor Karenin sowie
ganz besonders seine Mutter gebeten, Sie nach Ihren weiteren Absichten
zu befragen.
-Fedja- ($hitzig werdend$): Was meinen Sie für weitere Absichten? Ich
habe keine solchen. Ich lasse ihr völlige Freiheit. Ja, noch mehr: ich
werde ihre Ruhe niemals stören. Ich weiß, daß sie Viktor Karenin liebt.
Mag sie das tun! Ich halte ihn für einen sehr langweiligen, aber sehr
braven, ehrenhaften Menschen und glaube, daß sie mit ihm, wie man sich
gewöhnlich ausdrückt, glücklich werden wird. Und =que le bon Dieu les
bénisse=! Weiter habe ich nichts zu sagen.
-Fürst Abreskow-: Ja, aber wir würden gern ...
-Fedja- ($unterbricht ihn$): Und glauben Sie nicht, daß ich auch nur
im geringsten eifersüchtig wäre. Wenn ich von Viktor gesagt habe,
er sei langweilig, so nehme ich diesen Ausdruck zurück. Er ist ein
vortrefflicher, ehrenhafter, sittlich guter Mensch, beinah das reine
Gegenteil von mir. Und er hat sie von der Kinderzeit her geliebt.
Vielleicht hat auch sie ihn schon damals geliebt, als sie mich
heiratete. So etwas kommt vor. Die beste Liebe pflegt diejenige zu
sein, von der man selbst nichts weiß. Ich glaube, sie hat ihn immer
geliebt, hat aber als ehrenhafte Frau dies nicht einmal sich selbst
eingestehen mögen. Aber das ... es lag eine Art von Schatten auf unserm
Eheleben ... indessen wozu mache ich Ihnen solche Geständnisse?
-Fürst Abreskow-: Bitte, fahren Sie fort! Sie können mir glauben, daß
mich zu diesem Besuche bei Ihnen in erster Linie der Wunsch veranlaßt
hat, in diese Beziehungen einen vollständigen Einblick zu gewinnen. Ich
verstehe Sie; ich verstehe, daß ein solcher Schatten, wie Sie sich so
treffend ausdrückten, vorhanden sein konnte ...
-Fedja-: Ja, er war vorhanden, und vielleicht war das der Grund,
weswegen das Familienleben, das sie mir gewährte, mich nicht
befriedigen konnte, so daß ich anderwärts umhersuchte und auf Abwege
geriet. Aber das klingt fast, als versuchte ich, mich zu rechtfertigen.
Das liegt nicht in meiner Absicht, und das kann ich auch nicht. Ich
bin ein schlechter Ehemann gewesen, das sage ich ganz offen; ich bin
es gewesen, denn jetzt bin ich in meinem Bewußtsein schon längst kein
Ehemann mehr. Ich betrachte sie als vollständig frei. Also da haben Sie
die Antwort auf Ihre Mission.
-Fürst Abreskow-: Ja, aber Sie kennen Viktors Familie und ihn selbst.
In seinen Beziehungen zu Jelisaweta Andrejewna hat er immer eine
respektvolle Entfernung innegehalten und tut das auch jetzt. Er hat ihr
beigestanden, als sie sich in schwieriger Lage befand.
-Fedja-: Ja, ich habe durch meinen liederlichen Lebenswandel zu der
gegenseitigen Annäherung der beiden mitgewirkt. Was ist zu machen? Es
hat wohl so sein sollen.
-Fürst Abreskow-: Sie kennen seine und seiner Familie streng
rechtgläubigen Anschauungen. Ich teile diese Anschauungen nicht. Ich
betrachte die Dinge von einem freieren Standpunkte aus. Aber ich achte
diese Anschauungen und habe für sie Verständnis. Ich verstehe, daß für
ihn und ganz besonders für seine Mutter ein nahes Verhältnis zu einer
Frau ohne kirchliche Eheschließung undenkbar ist.
-Fedja-: Ja, ich kenne seine dum ... seine schlichte, konservative
Denkungsart in dieser Hinsicht. Aber was wollen die beiden? Die
Scheidung? Ich habe ihnen schon längst gesagt, daß ich bereit bin
darein zu willigen, daß aber, wenn ich die Schuld auf mich nehmen und
mich der ganzen damit verbundenen Lügerei unterziehen soll, das doch
eine sehr schwere Bedingung ist.
-Fürst Abreskow-: Ich verstehe Sie vollkommen und teile Ihre
Anschauung. Aber was soll geschehen? Ich meine, es wird sich doch in
dieser Weise ein Arrangement finden lassen ... Übrigens haben Sie
recht. Das ist furchtbar, und ich verstehe Sie.
-Fedja- ($drückt ihm die Hand$): Ich danke Ihnen, lieber Fürst.
Ich habe Sie immer als einen ehrenhaften, guten Menschen gekannt.
Nun, sagen Sie also, wie soll ich mich verhalten? Was soll ich tun?
Versetzen Sie sich ganz in meine Lage! Ich suche mich nicht besser zu
machen, als ich bin. Ich bin ein Taugenichts. Aber es gibt Dinge, die
ich nicht ruhigen Herzens tun kann. Ich kann nicht ruhigen Herzens
lügen.
-Fürst Abreskow-: Aber eines ist mir an Ihnen unverständlich: Sie sind
ein so wohlbefähigter, kluger Mensch mit einem so feinen Gefühle für
das Gute: wie konnten Sie so auf Abwege geraten und dermaßen all die
Anforderungen vergessen, die Sie selbst an sich stellen? Wie sind Sie
so weit gekommen? Wie haben Sie es fertiggebracht, Ihr eigenes Leben zu
zerstören?
-Fedja- ($unterdrückt die Tränen, die ihm die Erregung in die Augen
treibt$): Jetzt führe ich mein Lotterleben schon zehn Jahre lang, und
zum ersten Male hat mich ein Mann wie Sie bemitleidet. Meine Kumpane
und die Weiber haben mich bedauert; aber ein verständiger, guter Mann
wie Sie hat das niemals getan. Ich danke Ihnen. Wie ich dazu gekommen
bin, mich ins Verderben zu stürzen? Da ist erstens der Wein. Nicht,
daß ich so besonders viel Geschmack an ihm fände. Aber ich mag tun,
was ich will, immer habe ich die Empfindung, daß es nicht das Richtige
ist, und dann schäme ich mich. Da rede ich jetzt gerade mit Ihnen und
schäme mich. Wenn ich Adelsmarschall war, wenn ich Hasard spielte, da
schämte ich mich, schämte mich gewaltig. Und nur wenn ich trinke, hört
dieses Schamgefühl auf. Und dann die Musik ... ich meine nicht Opern
und Beethoven, sondern die Zigeunermusik -- da durchströmt einen ein
solches Leben, eine solche Energie! Und dazu noch freundliche schwarze
Augen und ein heiteres Lächeln. Und je mehr man sich davon hinreißen
läßt, um so mehr schämt man sich nachher.
-Fürst Abreskow-: Nun, aber die Arbeit?
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