-Anna Pawlowna-: Was ist denn daran Verwunderliches? Er hat ihr während der Krankheit des Kindes soviel Teilnahme bewiesen und ihr geholfen; dafür ist sie ihm dankbar. Und außerdem: warum sollte sie sich nicht in Viktor verlieben und ihn heiraten? -Sascha-: Das wäre schrecklich, empörend! Empörend! Fünfter Auftritt Karenin und Lisa treten ein. -Karenin- ($empfiehlt sich schweigend$). -Sascha- ($geht ärgerlich hinaus$). Sechster Auftritt Anna Pawlowna und Lisa. -Lisa- ($zu ihrer Mutter$): Was hat sie nur? -Anna Pawlowna-: Ich weiß es wirklich nicht. -Lisa- ($seufzt schweigend$). Vorhang. Viertes Bild Zimmer bei Afremow. Auf dem Tische stehen Gläser mit Wein. Gäste. Erster Auftritt Afremow, Fedja, Stachow (mit struppigem Barte), Butkewitsch (glatt rasiert), Korotkow (ein aufdringlicher Mensch). -Korotkow-: Ich sage euch, daß er weit zurückbleiben wird. =La belle du bois= ist das erste Pferd Europas. Wetten? -Stachow-: Sei nur still, Bruder! Du weißt ja doch, daß dir kein Mensch glaubt. Und auch wetten wird niemand mit dir. -Korotkow-: Ich sage dir: dein =Cartouche= wird weit zurückbleiben. -Afremow-: Nun hört auf, euch zu zanken! Ich will euch versöhnen. Fragt mal Fedja! Der wird es euch zuverlässig sagen. -Fedja-: Die Pferde sind alle beide gut. Es kommt auf den Reiter an. -Stachow-: Gusew ist ein Schurke. Den muß man streng halten. -Korotkow- ($schreit$): Nein! -Fedja-: Na, wartet, ich werde euer Schiedsrichter sein. Wer hat das Derby gewonnen? -Korotkow-: Nun ja, das hat er gewonnen, aber das besagt nichts weiter. Das war ein Zufall. Wenn =Cracouse= nicht krank geworden wäre ... Sieh mal ... ($Ein Diener kommt herein.$) Zweiter Auftritt Dieselben und ein Diener. -Afremow-: Was willst du? -Der Diener-: Es ist eine Dame gekommen, die nach Fjodor Wasiljewitsch fragt. -Afremow-: Was für eine Dame? -Der Diener-: Das weiß ich nicht. Aber es ist eine richtige Dame. -Afremow-: Fedja, da will eine Dame zu dir. -Fedja- ($erschrocken$): Wer ist es? -Afremow-: Das weiß er nicht. -Der Diener-: Soll ich sie in den Salon bitten? -Fedja-: Warten Sie, ich will hingehen und zusehen. ($Fedja und der Diener gehen hinaus.$) Dritter Auftritt Dieselben ohne Fedja und den Diener. -Korotkow-: Wer will da zu ihm? Gewiß Mascha ... -Stachow-: Was für eine Mascha? -Korotkow-: Die Zigeunerin Mascha. Die hat sich in ihn verliebt. Wie eine Katze verliebt ist sie. -Stachow-: Ein allerliebstes Mädel! Und wie sie singt!... -Afremow-: Ganz entzückend. Tanjuscha und sie, über die beiden geht nichts. Gestern haben sie mit Peter ein Terzett gesungen ... -Stachow-: Er ist doch wirklich ein Glückspilz!... -Afremow-: Weil ihn die Weiber lieben? Die gönne ich ihm! -Korotkow-: Ich kann die Zigeunerinnen nicht leiden; Eleganz ist bei ihnen nicht zu finden. -Butkewitsch-: Na, das kannst du denn doch nicht sagen. -Korotkow-: Ich gebe sie alle für eine einzige Französin hin. -Afremow-: Na, du bist ja als Ästhet bekannt. Ich will doch mal hingehen und sehen, wer es ist ... ($Er geht hinaus.$) Vierter Auftritt Dieselben ohne Afremow. -Stachow- ($ihm nachrufend$): Wenn es Mascha ist, so bring sie her; sie soll uns etwas vorsingen! Nein, mit den Zigeunern ist es jetzt nichts Rechtes! Tanjuscha, die war früher eine großartige Sängerin; ach, hols der Teufel! -Butkewitsch-: Ich meine, sie leisten noch dasselbe. -Stachow-: Wie sollen sie denn dasselbe leisten, wenn sie abgeschmackte Romanzen statt der Volkslieder singen? -Butkewitsch-: Es gibt auch gute Romanzen. -Korotkow-: Wollen wir wetten? Ich werde die Zigeuner etwas singen lassen, und du wirst nicht erkennen, ob es ein Volkslied ist oder eine Romanze. -Stachow-: Korotkow immer mit seinen Wetten! Fünfter Auftritt Dieselben und Afremow. -Afremow- ($tritt ein$): Meine Herren, es ist nicht Mascha. Aber Fedja kann sie nirgends empfangen als hier. Wir wollen ins Billardzimmer gehen. ($Sie gehen hinaus.$) Sechster Auftritt Fedja und Sascha treten ein. -Sascha- ($verlegen$): Verzeih mir, Fedja, wenn ich dir ungelegen komme; aber höre mich an; ich bitte dich inständig! ($Die Stimme zittert ihr.$) -Fedja- ($geht im Zimmer auf und ab. Sascha hat sich hingesetzt und sieht ihn an$). -Sascha-: Fedja, kehre nach Hause zurück! -Fedja-: Höre, Sascha, ich verstehe dich sehr wohl. Liebe Sascha, wenn ich an deiner Stelle wäre, so würde ich ebenso handeln: ich würde mir Mühe geben, alles wieder irgendwie in den alten Zustand zurückzuführen; aber wenn du, du liebes, feinfühliges Mädchen, an meiner Stelle wärest, wie seltsam es auch sein mag, das zu sagen, dann würdest du gewiß dasselbe tun, was ich tue, das heißt, du würdest deiner Wege gehen und ein fremdes Leben nicht länger stören ... -Sascha-: Wieso stören? Kann denn Lisa überhaupt ohne dich leben? -Fedja-: Ach, liebe Sascha, mein Täubchen, das kann sie, das kann sie, und sie wird noch glücklich werden, weit glücklicher, als sie es mit mir gewesen ist. -Sascha-: Niemals! -Fedja-: Das scheint dir nur so. ($Er hält ihre Hand in der seinigen.$) Aber darum handelt es sich nicht. Die Hauptsache ist, daß ich es nicht kann. Weißt du, biege ein Stück dickes Papier hin und her; du kannst das hundertmal tun, und es hält; aber biege es zum hundertundersten Male, und es geht entzwei. So steht es auch mit den Beziehungen zwischen mir und Lisa. Es ist mir zu peinlich, ihr in die Augen zu sehen. Und ihr ebenfalls, das kannst du mir glauben. -Sascha-: Nein, nein. -Fedja-: Du sagst nein, weißt aber selbst, daß es so ist. -Sascha-: Ich kann nur nach mir urteilen. Wenn ich an ihrer Stelle wäre und du mir so antwortetest, wie du es jetzt tust, so würde das für mich schrecklich sein. -Fedja-: Ja, für dich ... ($Stillschweigen; beide sind verlegen.$) -Sascha- ($steht auf$): Soll es wirklich dabei bleiben? -Fedja-: Es muß wohl. -Sascha-: Fedja, kehre zurück! -Fedja-: Ich danke dir, liebe Sascha. Du wirst mir allzeit eine teure Erinnerung bleiben ... aber lebe wohl, mein Täubchen! Erlaube, daß ich dich küsse! ($Er küßt sie auf die Stirn.$) -Sascha- ($aufgeregt$): Nein, ich nehme nicht Abschied, und ich glaube es nicht und will es nicht glauben ... Fedja ... -Fedja-: Nun, so höre! Aber gib mir dein Wort, daß du das, was ich dir sage, niemandem wiedersagen wirst. Gibst du mir dein Wort? -Sascha-: Natürlich. -Fedja-: Nun, so höre, Sascha! Ich bin allerdings ihr Mann, der Vater ihres Kindes; aber ich bin ein überflüssiger Mensch ... Warte, warte, erwidere mir nichts! Du glaubst, ich sei eifersüchtig? Ganz und gar nicht. Erstens habe ich kein Recht dazu; und zweitens habe ich keinen Anlaß. Viktor Karenin ist ein alter Freund von ihr und ebenso von mir. Und er liebt sie, und sie liebt ihn. -Sascha-: Nein. -Fedja-: Sie liebt ihn so, wie eine ehrenhafte, sittsame Frau lieben kann, die es sich nicht erlauben will, einen andern als ihren Mann zu lieben. Aber sie liebt ihn und wird ihn lieben, sobald dieses Hindernis ($er zeigt auf sich selbst$) beseitigt sein wird, und ich werde es beseitigen, und sie werden glücklich sein. ($Die Stimme zittert ihm.$) -Sascha-: Fedja, sprich nicht so! -Fedja-: Du weißt ja, daß das die Wahrheit ist, und ich werde mich über das Glück der beiden freuen und kann gar nichts Besseres tun ... Ich werde nicht zurückkehren und gebe ihnen volle Freiheit ... Das bestelle du ihnen nur! Und nun sage weiter nichts, sage weiter nichts; lebe wohl! ($Er küßt sie auf den Kopf und öffnet ihr die Tür.$) -Sascha-: Fedja, ich bewundere dich! -Fedja-: Lebe wohl, lebe wohl! ($Sascha geht fort.$) Siebenter Auftritt Fedja allein. -Fedja-: Ja, ja, wundervoll, prächtig, daß wir so damit zu Ende gekommen sind ... ($Er klingelt.$) Achter Auftritt Fedja und ein Diener. -Fedja-: Rufen Sie den Herrn! ($Der Diener ab.$) Neunter Auftritt Fedja allein. -Fedja-: Das ist das Richtige, das ist das Richtige! Zehnter Auftritt Afremow tritt ein. -Fedja-: Gehen wir! -Afremow-: Wie hast du denn die Sache erledigt? -Fedja-: Wundervoll! Wundervoll! Wo sind die andern alle? -Afremow-: Sie spielen Billard. -Fedja-: Vorzüglich! Wir wollen auch hingehen und ein Stündchen da verbringen. Vorhang. Dritter Akt Fünftes Bild Ein Zimmer bei Anna Dmitrijewna, in diskret-luxuriöser Art ausgestattet; voller Andenken. Personen: Fürst Abreskow, ein sechzigjähriger, eleganter Junggeselle, glattrasiert, mit Schnurrbart, alter Militär, sehr würdevoll und melancholisch. Anna Dmitrijewna Karenina (Viktors Mutter), eine sich jung machende fünfzigjährige =grande dame=. Sie spickt ihre Rede mit französischen Ausdrücken. Ein Diener. Viktor. Lisa. Erster Auftritt -Anna Dmitrijewna- ($schreibt einen Brief$). Zweiter Auftritt Anna Dmitrijewna und ein Diener. -Der Diener-: Fürst Sergei Dmitrijewitsch. -Anna Dmitrijewna-: Ich lasse natürlich bitten. ($Sie wendet sich zum Spiegel und bringt ihre Frisur in Ordnung.$) Dritter Auftritt -Fürst Abreskow- ($tritt ein$): =J'espère, que je ne force pas la consigne.= ($Er küßt ihr die Hand.$) -Anna Dmitrijewna-: Sie wissen, daß =vous êtes toujours le bienvenu=. Und jetzt, heute, ganz besonders. Sie haben mein Briefchen erhalten? -Fürst Abreskow-: Jawohl, und mein Erscheinen ist meine Antwort. -Anna Dmitrijewna-: Ach, mein Freund, ich fange an ganz zu verzweifeln. =Il est ensorcelé, positivement ensorcelé.= Ich bin bei ihm noch nie einer solchen Beharrlichkeit, einer solchen Hartnäckigkeit, einer solchen Mitleidslosigkeit und Gleichgültigkeit mir gegenüber begegnet. Seit diese Frau sich von ihrem Manne losgesagt hat, ist er vollständig umgewandelt. -Fürst Abreskow-: Aber was ist denn eigentlich geschehen? Wie steht die Sache? -Anna Dmitrijewna-: Er will sie unter allen Umständen heiraten. -Fürst Abreskow-: Und wie stellt sich ihr Mann dazu? -Anna Dmitrijewna-: Er willigt in die Scheidung. -Fürst Abreskow-: Also so ist das! -Anna Dmitrijewna-: Und er, Viktor, befaßt sich eifrig mit all diesen Dingen, mit all dem Schmutz, der dabei aufgerührt wird, und den Advokaten und den Schuldbeweisen. =Tout ça est dégoûtant.= Aber dadurch läßt er sich nicht abstoßen. Ich verstehe ihn gar nicht. Er mit seiner Feinfühligkeit und mit seiner Schüchternheit ... -Fürst Abreskow-: Er liebt. Ach, wenn jemand so richtig liebt, dann ... -Anna Dmitrijewna-: Ja, aber warum konnte denn zu unserer Zeit die Liebe eine reine, freundschaftliche, das ganze Leben hindurch anhaltende Liebe sein? Eine solche Liebe weiß ich zu verstehen und zu schätzen. -Fürst Abreskow-: Die jetzige neue Generation vermag sich nicht mehr mit idealen Beziehungen zu begnügen. =La possession de l'âme ne leur suffit plus.= Dagegen läßt sich nichts tun. Aber was machen wir mit ihm? -Anna Dmitrijewna-: Nein, sagen Sie das nicht mit Bezug auf ihn. Sondern das ist eine Art von Behexung. Er ist geradezu wie umgetauscht. Sie wissen ja: ich bin bei ihr gewesen. Er hatte mich so darum gebeten. Ich fuhr hin, traf sie aber nicht an und ließ meine Karte da. =Elle m'a fait demander, si je pouvais la recevoir.= Und heute ($sie sieht nach der Uhr$) zwischen eins und zwei, also sogleich, muß sie herkommen. Ich habe Viktor versprochen, sie zu empfangen; aber können Sie sich in meine Lage versetzen? Ich bin ganz verstört. Und nach alter Gewohnheit habe ich Sie hergebeten. Ich bedarf Ihrer Hilfe. -Fürst Abreskow-: Ich danke Ihnen. -Anna Dmitrijewna-: Sie werden sich darüber klar sein, daß dieser ihr Besuch für die ganze Angelegenheit, für Viktors Schicksal, entscheidend ist. Ich muß entweder meine Einwilligung verweigern ... aber wie kann ich das? -Fürst Abreskow-: Sie kennen sie noch gar nicht? -Anna Dmitrijewna-: Ich habe sie noch nie gesehen. Aber ich fürchte mich vor ihr. Eine gute Frau kann sich nicht dazu entschließen, ihren Mann zu verlassen. Und einen so guten Menschen! Er ist ja Viktors Kollege und hat bei uns verkehrt. Er war ein sehr liebenswürdiger Mensch. Aber wie er auch gewesen sein mag, =quels que soient les torts qu'il a eus vis-à-vis d'elle=, von ihrem Manne darf sie sich nicht lossagen. Man muß sein Kreuz tragen. Das eine verstehe ich nicht, wie Viktor bei seinen Grundsätzen es fertigbekommen kann, eine geschiedene Frau zu heiraten. Wie oft hat er, und erst kürzlich, in meiner Gegenwart mit Herrn Spizyn hitzig debattiert und den Beweis dafür zu führen gesucht, daß die Ehescheidung mit dem wahren Christentum unvereinbar sei, und nun wirkt er selbst auf eine solche hin. =Si elle a pu le charmer à un tel point= ... Ich fürchte mich vor ihr. Aber ich habe Sie hergebeten, um Sie zu hören, und statt dessen rede nur ich selbst immerzu. Was meinen Sie? Reden Sie! Was muß ich nach Ihrer Ansicht tun? Was halten Sie für nötig? Haben Sie mit Viktor gesprochen? -Fürst Abreskow-: Ja, ich habe mit ihm gesprochen. Und ich glaube, daß er sie liebt, daß diese Liebe ihm schon zur vollen Gewohnheit geworden ist und eine gewaltige Macht über ihn gewonnen hat; und er ist ein Mensch, welcher Neigungen nur langsam in sich aufnimmt, sie aber dann um so energischer festhält. Was einmal in sein Herz eingedrungen ist, das geht nicht wieder hinaus. Er wird nie eine andere Frau als sie lieben und kann mit keiner andern glücklich werden. -Anna Dmitrijewna-: Und wie gern würde ihn Warja Kasanzewa heiraten! Was ist sie für ein prächtiges Mädchen, und wie liebt sie ihn!... -Fürst Abreskow- ($lächelnd$): =C'est compter sans son hôte.= Das ist jetzt ganz ausgeschlossen. Und ich glaube, es ist das beste, sich zu fügen und ihm zu der Heirat behilflich zu sein. -Anna Dmitrijewna-: Zu der Heirat mit einer geschiedenen Frau, damit er dem ersten Manne seiner Frau fortwährend begegnet? Ich verstehe nicht, wie Sie mit solcher Ruhe davon reden können. Ist das etwa eine Frau, wie eine Mutter sie ihrem einzigen Sohne, und noch dazu einem solchen Sohne, zur Gattin wünschen kann? -Fürst Abreskow-: Aber was ist da zu machen, liebe Freundin? Natürlich wäre es besser, wenn er ein Mädchen heiratete, das Sie kennen und gern haben. Aber wenn das eben nicht möglich ist ... Und dann: wenn er nun eine Zigeunerin oder Gott weiß wen heiratete? Lisa Protasowa aber ist ein herzensgutes, liebenswürdiges Wesen. Ich kenne sie durch meine Nichte Nelly: sie ist eine sanfte, gutherzige, liebevolle, moralisch tadellose Frau. -Anna Dmitrijewna-: Eine moralisch tadellose Frau, die es fertigbringt, sich von ihrem Manne loszusagen?! -Fürst Abreskow-: Ich erkenne Sie gar nicht wieder. Sie sind ja so hart und grausam. Der Mann dieser Frau ist einer von jenen Menschen, von denen man sagt, daß sie keinen andern Feind haben als sich selbst. Aber in noch höherem Grade ist er ein Feind seiner Frau. Er ist ein schwacher, völlig heruntergekommener, trunksüchtiger Mensch. Er hat sein ganzes Vermögen und ihr ganzes Vermögen verschwendet; sie hat ein Kind ... Wie können Sie nur eine Frau verurteilen, die einen solchen Mann verlassen hat? Zudem hat nicht sie ihn verlassen, sondern er sie. -Anna Dmitrijewna-: Ach, welch ein Schmutz! welch ein Schmutz! Und ich soll mich damit besudeln! -Fürst Abreskow-: Und Ihre Religion? -Anna Dmitrijewna-: Ja, ja, die Vergebung! „Wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.” =Mais c'est plus fort que moi.= -Fürst Abreskow-: Wie kann sie denn mit einem solchen Menschen weiter zusammenleben? Auch wenn sie nicht einen andern liebte, müßte sie sich von jenem trennen. Um des Kindes willen müßte sie das tun. Er selbst, ihr Mann, der, wenn er sich in nüchternem Zustande befindet, ein verständiger, guter Mensch ist, er selbst rät ihr, dies zu tun. Vierter Auftritt Anna Dmitrijewna, Fürst Abreskow, Viktor, welcher eintritt, seiner Mutter die Hand küßt und den Fürsten Abreskow begrüßt. -Viktor-: Mama, ich bin nur hergekommen, um Ihnen zu sagen, daß Jelisaweta Andrejewna sogleich hier sein wird; und ich bitte und beschwöre Sie nur um eines: wenn Sie immer noch gegen meine Heirat sind ... -Anna Dmitrijewna- ($unterbricht ihn$): Selbstverständlich bin ich immer noch dagegen. -Viktor- ($fährt mit finsterer Miene fort$) ... so bitte und beschwöre ich Sie nur um eines: reden Sie nicht von Ihrer Abneigung, sprechen Sie es nicht aus, daß Sie Ihre Zustimmung verweigern! -Anna Dmitrijewna-: Ich meine, daß wir überhaupt nicht von etwas Derartigem reden werden. Ich wenigstens werde nicht davon anfangen. -Viktor-: Und sie noch weniger. Mein Wunsch war nur, daß Sie sie kennen lernen möchten. -Anna Dmitrijewna-: Ich verstehe nur eines nicht: wie kannst du deinen Wunsch, Frau Protasowa zu Lebzeiten ihres Mannes zu heiraten, mit deiner religiösen Überzeugung vereinigen, daß eine Ehescheidung gegen die Lehre des Christentums ist? -Viktor-: Mama, Sie verfahren grausam mit mir! Sind wir alle denn so unfehlbar, daß wir von unseren Grundsätzen nie abgehen dürften, obwohl doch das Leben ein so kompliziertes Geflecht ist? Mama, warum sind Sie gegen mich so grausam? -Anna Dmitrijewna-: Ich liebe dich und will dein Glück. -Viktor- ($zu Abreskow$): Sergei Dmitrijewitsch! -Fürst Abreskow-: Selbstverständlich wollen Sie sein Glück; aber uns mit unseren grauen Haaren wird es schon schwer, die Jugend zu verstehen. Und besonders schwer ist das für eine Mutter, die sich an den Gedanken gewöhnt hat, das Glück des Sohnes müsse ihren eigenen Vorstellungen entsprechen. Alle Frauen sind von dieser Art. -Anna Dmitrijewna-: Nun ja, da haben wirs! Alle sind gegen mich. Natürlich kannst du es tun; =vous êtes majeur= ... aber du machst mich dadurch unglücklich. -Viktor-: Ich erkenne Sie gar nicht wieder. Das ist mehr als grausam. -Fürst Abreskow- ($zu Viktor$): Hör auf, Viktor. Die Mama redet immer schlechter, als sie handelt. -Anna Dmitrijewna-: Ich werde zu ihr sagen, was ich denke und empfinde, und werde es zu ihr sagen, ohne sie zu kränken. -Fürst Abreskow-: Davon bin ich überzeugt. Fünfter Auftritt Anna Dmitrijewna, Fürst Abreskow, Viktor und ein Diener, welcher eintritt. -Fürst Abreskow-: Da ist sie. -Viktor-: Ich werde fortgehen. -Der Diener-: Jelisaweta Andrejewna Protasowa. -Viktor-: Ich gehe fort. Mama, ich bitte Sie ... ($Er geht fort.$) -Fürst Abreskow- ($erhebt sich ebenfalls$). -Anna Dmitrijewna-: Ich lasse bitten. ($Zum Fürsten Abreskow:$) Nein, bleiben Sie! Sechster Auftritt Anna Dmitrijewna und Fürst Abreskow. -Fürst Abreskow-: Ich glaubte, es würde Ihnen =en tête-à-tête= angenehmer sein. -Anna Dmitrijewna-: Nein, ich fürchte mich vor ihr. ($Sie gerät in nervöse Unruhe.$) Wenn mir der Wunsch kommen sollte, mit ihr =tête-à-tête= zu bleiben, so werde ich Ihnen einen Wink geben; =ça dépendra= ... Aber gleich von vornherein mit ihr allein zu bleiben, das würde mir peinlich sein. Ich werde dann so zu Ihnen machen. ($Sie macht ihm ein Zeichen.$) -Fürst Abreskow-: Ich verstehe. Ich bin davon überzeugt, daß sie Ihnen gefallen wird. Seien Sie nur gerecht! -Anna Dmitrijewna-: Wie ihr alle doch meine Gegner seid! Siebenter Auftritt Anna Dmitrijewna. Fürst Abreskow, Lisa, welche im Visitenkostüm mit Hut eintritt. -Anna Dmitrijewna- ($erhebt sich$): Ich habe bedauert, daß ich Sie nicht antraf; aber nun sind Sie so liebenswürdig, selbst herzukommen. -Lisa-: Ich hatte Ihren Besuch in keiner Weise erwartet. Ich bin Ihnen so dankbar, daß Sie mich zu sehen gewünscht haben. -Anna Dmitrijewna-: Sind Sie bekannt? ($Sie zeigt auf den Fürsten Abreskow.$) -Fürst Abreskow-: Gewiß, ich hatte die Ehre, Ihnen vorgestellt zu werden. ($Shake hands.$) ($Sie setzen sich.$) Meine Nichte Nelly spricht zu mir oft von Ihnen. -Lisa-: Ja, wir waren sehr befreundet ($sie wirft einen schüchternen Blick auf Anna Dmitrijewna$) und sind auch jetzt befreundet. ($Zu Anna Dmitrijewna:$) Ich hatte es in keiner Weise erwartet, daß Sie den Wunsch hätten, mich zu sehen. -Anna Dmitrijewna-: Ich habe Ihren Mann gut gekannt. Er war mit Viktor befreundet und verkehrte vor seiner Übersiedlung nach Tambow in unserem Hause. Ich glaube, dort hat er Sie geheiratet? -Lisa-: Ja, dort haben wir uns geheiratet. -Anna Dmitrijewna-: Aber nachher, als er wieder nach Moskau gezogen war, hat er nicht mehr bei mir verkehrt. -Lisa-: Nein, er hat fast nirgends verkehrt. -Anna Dmitrijewna-: Und so hat er mich denn auch nicht mit Ihnen bekannt gemacht. ($Unbehagliches Stillschweigen.$) -Fürst Abreskow-: Das letztemal traf ich mit Ihnen bei Denisows zusammen, bei einer Liebhabervorstellung. Es war sehr nett dort. Sie spielten auch mit. -Lisa-: Nein ... ja ... gewiß ... ich erinnere mich. Ich spielte mit. ($Wieder Stillschweigen.$) Anna Dmitrijewna, verzeihen Sie mir, wenn Ihnen das, was ich sagen werde, unangenehm sein sollte; aber ich kann mich nicht verstellen, ich verstehe das nicht. Ich bin hergekommen, weil mir Viktor Michailowitsch sagte ... weil er ... das heißt, weil Sie den Wunsch hatten, mich zu sehen ... aber es wird das beste sein, wenn ich alles sage ... ($Sie fängt an zu schluchzen.$) ... Es ist mir sehr peinlich ... aber Sie sind so gut. -Fürst Abreskow-: Ich werde lieber gehen. -Anna Dmitrijewna-: Ja, gehen Sie! -Fürst Abreskow-: Auf Wiedersehen! ($Er empfiehlt sich den beiden Damen und geht.$) Achter Auftritt Anna Dmitrijewna und Lisa. -Anna Dmitrijewna-: Hören Sie, Lisa ... Ich weiß nicht und will auch gar nicht wissen, wie Sie mit Vatersnamen heißen ... -Lisa-: Andrejewna. -Anna Dmitrijewna-: Nun, ganz gleich; ich möchte Sie einfach Lisa nennen. Sie tun mir leid; Sie sind mir sympathisch. Aber ich liebe Viktor. Ich liebe auf der ganzen Welt nur dieses eine Wesen. Ich kenne seine Seele wie meine eigene. Er ist eine stolze Seele. Schon als siebenjähriger Knabe war er stolz, stolz nicht auf seinen Namen, nicht auf seinen Reichtum, sondern auf seine hohe sittliche Reinheit; und diese Reinheit hat er sich bewahrt. Er ist rein wie ein junges Mädchen. -Lisa-: Das weiß ich. -Anna Dmitrijewna-: Er hat nie eine Frau geliebt. Sie sind die erste. Ich kann nicht sagen, daß ich nicht eifersüchtig auf Sie wäre; ich bin eifersüchtig. Aber wir Mütter -- Ihr eigenes Söhnchen ist noch zu klein, und solche Gedanken liegen Ihnen noch fern --, wir Mütter müssen uns darauf vorbereiten, unsere Söhne einer anderen Frau abzutreten. Ich habe mich darauf vorbereitet, ihn einer andern abzutreten, ohne eifersüchtig zu werden. Aber ich wollte ihn einer Frau abtreten, die ebenso wäre wie er selbst. -Lisa-: Aber bin ich ... bin ich denn ... -Anna Dmitrijewna-: Verzeihen Sie, ich weiß, Sie tragen keine Schuld, Sie sind unglücklich. Und ich kenne ihn. Jetzt ist er bereit, alles zu ertragen, und er wird es ertragen und niemals etwas darüber sagen; aber er wird darunter leiden. Sein verletzter Stolz wird darunter leiden, und er wird nicht glücklich sein. -Lisa-: Ich habe darüber nachgedacht. -Anna Dmitrijewna-: Lisa, liebes Kind, Sie sind eine verständige, gute Frau. Wenn Sie ihn wahrhaft lieben, so müssen Sie doch mehr sein Glück wünschen als Ihr eigenes. Wenn es aber so ist, so werden Sie ihn nicht binden wollen und nicht schuld daran werden wollen, daß er es später bereut. Obgleich er es nicht sagen wird, es niemals sagen wird. -Lisa-: Das weiß ich, daß er es nicht sagen wird. Ich habe darüber nachgedacht und mir diese Frage vorgelegt. Ich habe darüber nachgedacht und es ihm gesagt. Aber was kann ich tun, wenn er mir erwidert, daß er ohne mich nicht leben mag? Ich habe gesagt: „Wir wollen Freunde sein; aber richten Sie sich Ihr Leben für sich ein, und verknüpfen Sie nicht Ihr reines Leben mit meinem unglücklichen.” Aber er will nicht. -Anna Dmitrijewna-: Ja, jetzt will er nicht. -Lisa-: Überreden Sie ihn, von mir abzulassen! Ich bin damit einverstanden. Ich liebe ihn um seines, nicht um meines Glückes willen. Nur helfen Sie mir, und hassen Sie mich nicht! Lassen Sie uns beide, voller Liebe, auf sein wahres Wohl bedacht sein! -Anna Dmitrijewna-: Ja, ja, ich habe Sie liebgewonnen. ($Sie küßt sie. Lisa bricht in Tränen aus.$) Aber trotzdem, trotzdem ist das alles so schrecklich. Hätte er Sie damals liebgewonnen, als Sie noch nicht verheiratet waren ... -Lisa-: Er sagt, er habe mich schon damals geliebt, habe aber das Glück seines Freundes nicht stören wollen. -Anna Dmitrijewna-: Ach, wie schrecklich das alles ist! Aber wir wollen einander trotz alledem liebhaben, und Gott wird uns helfen, zum Ziele unserer Wünsche zu gelangen. Neunter Auftritt Anna Dmitrijewna, Lisa und Viktor. -Viktor- ($tritt ein$): Mama, liebe Mama! Ich habe alles gehört. Ich hatte es erwartet, daß Sie sie liebgewinnen würden. Und nun wird alles gut werden. -Lisa-: Wie leid tut es mir, daß Sie alles gehört haben. Ich hätte es nicht gesagt, wenn ich das gewußt hätte. -Anna Dmitrijewna-: Aber entschieden ist noch nichts. Ich kann nur sagen, daß ich mich freuen würde, wenn nicht alle diese peinlichen Umstände vorhanden wären. ($Sie küßt sie.$) -Viktor-: Bitte, verbleiben Sie bei dieser Gesinnung! Vorhang. Sechstes Bild Ein bescheidenes Zimmer, ein Bett, ein Schreibtisch, ein Sofa. Erster Auftritt -Fedja- ($allein, es wird an die Tür geklopft. Eine weibliche Stimme fragt von außen: „Warum hast du dich eingeschlossen, Fjodor Wasiljewitsch? Mach auf, Fedja!...”$). Zweiter Auftritt Fedja und Mascha. -Fedja- ($steht auf und öffnet die Tür$): Vielen Dank, daß du gekommen bist! Ich langweile mich hier, langweile mich furchtbar. -Mascha-: Warum bist du nicht zu uns gekommen? Du bist wieder ins Trinken hineingeraten. Ach, du! Und du hattest doch versprochen zu kommen. -Fedja-: Du weißt, daß ich kein Geld habe. -Mascha-: Warum habe ich mich nun in dich verliebt! -Fedja-: Mascha! -Mascha-: Ach was! „Mascha, Mascha!” Wenn du mich liebtest, hättest du dich schon längst scheiden lassen. Deine Leute haben dich ja selbst darum gebeten. Du sagst, daß du deine Frau nicht liebst, und hältst doch an ihr fest. Du willst offenbar nicht ... -Fedja-: Du weißt ja, weswegen ich nicht will. -Mascha-: Das ist alles dummes Zeug. Die Leute haben ganz recht, wenn sie sagen, daß du ein schlaffer Mensch bist. -Fedja-: Was soll ich dir darauf erwidern? Soll ich dir sagen, daß mir deine Worte ein Schmerz sind? Das weißt du ja selbst. -Mascha-: Dir ist nichts ein Schmerz ... -Fedja-: Du weißt selbst, daß ich nur eine Freude im Leben habe: deine Liebe. -Mascha-: Ich liebe dich schon, aber du nicht mich. -Fedja-: Nun, ich werde mich nicht auf Beteuerungen einlassen. Das wäre ja unnütz; du weißt selbst, daß ich dich liebe. -Mascha-: Fedja, warum marterst du mich so? -Fedja-: Wer martert wen? -Mascha- ($weint$): Du bist kein guter Mensch. -Fedja- ($tritt zu ihr hin und umarmt sie$): Mascha! Warum weinst du? Hör auf! Leben muß man, aber nicht schluchzen. Und dir steht das nun schon gar nicht, du mein schönes Kind! -Mascha-: Liebst du mich? -Fedja-: Wen sollte ich denn sonst lieben? -Mascha-: Nur mich? Nun, lies mir einmal vor, was du da geschrieben hast. -Fedja-: Es wird dich langweilen. -Mascha-: Wenn du es geschrieben hast, wird es schon hübsch sein. -Fedja-: Nun, so höre. ($Er liest.$) „An einem Tage im Spätherbst hatte ich mich mit einem Kameraden verabredet, daß wir uns auf der Murygina-Terrasse treffen wollten. Es war ein trüber, warmer, stiller Tag. Der Nebel ...” Dritter Auftritt Fedja und Mascha. Der alte Zigeuner Iwan Makarowitsch und die alte Zigeunerin Nastasja Iwanowna, Maschas Eltern, treten ein. -Nastasja Iwanowna- ($tritt auf ihre Tochter zu$): Also hier bist du, du verlaufenes Schaf verfluchtes! Habe die Ehre, gnädiger Herr! ($Zur Tochter:$) Was tust du uns an, he? -Iwan Makarowitsch- ($zu Fedja$): Du handelst nicht gut, gnädiger Herr. Machst das Mädchen unglücklich. Wirklich nicht gut. Du handelst unchristlich. -Nastasja Iwanowna-: Nimm dein Tuch um und dann sofort marsch! Nun sehe einer an, weggelaufen ist sie! Was werde ich dem Chor sagen? Läßt dich mit einem armen Schlucker ein! Was kannst du von dem kriegen? -Mascha-: Von Einlassen ist nicht die Rede. Ich liebe den gnädigen Herrn, weiter nichts. Ich werde mich von dem Chor nicht lossagen, werde weitersingen; aber daß ... -Iwan Makarowitsch-: Wenn du noch ein Wort sagst, so reiße ich dir den Zopf aus. Du Dirne! Wer hat dir so ein Beispiel gegeben? Dein Vater nicht, deine Mutter nicht, deine Tante nicht. Es ist schlecht von dir, Herr. Wir haben dich lieb gehabt; wie oft haben wir dir umsonst etwas vorgesungen, weil du uns leid tatest. Aber du, was hast du uns angetan! -Nastasja Iwanowna-: Du hast unser Töchterchen, unser liebes, einziges, süßes, goldenes, unschätzbares Töchterchen, mir nichts dir nichts zugrunde gerichtet, sie in den Schmutz getreten, -- das hast du uns angetan. Du hast keine Gottesfurcht. -Fedja-: Du urteilst falsch über mich, Nastasja Iwanowna. Deine Tochter ist mir wie eine Schwester. Ich taste ihre Ehre nicht an. Glaube so etwas nicht! Aber ich liebe sie ... Was ist da zu machen? -Iwan Makarowitsch-: Aber als du noch Geld hattest, da hast du sie nicht geliebt. Du hättest damals dem Chor zehntausend Rubel stiften sollen, dann hättest du sie in allen Ehren bekommen. Aber jetzt, wo du alles durchgebracht hast, da hast du sie heimlich entführt. Schäme dich, Herr, schäme dich. -Mascha-: Er hat mich nicht entführt; ich bin von selbst zu ihm gekommen. Und wenn ihr mich jetzt wegholt, so laufe ich doch wieder her. Ich liebe ihn -- und damit basta. Meine Liebe ist stärker als alle eure Schlösser und Riegel ... Ich will nicht. -Nastasja Iwanowna-: Na, liebste Mascha, mein Herzenskind, werde nicht hitzig! Du hast nicht gut gehandelt; na, und nun komm! -Iwan Makarowitsch-: Na, nun ist genug geredet! Marsch! ($Er faßt sie an den Arm.$) Lebe wohl, Herr! ($Alle drei ab.$) Vierter Auftritt Fedja, Fürst Abreskow, welcher eintritt. -Fürst Abreskow-: Ich bitte um Verzeihung. Ich bin wider meinen Willen Zeuge einer unangenehmen Szene geworden. -Fedja-: Mit wem habe ich die Ehre?... ($Er erkennt ihn.$) Ah! Fürst Sergei Dmitrijewitsch! ($Er begrüßt ihn.$) -Fürst Abreskow-: Ja, unfreiwilliger Zeuge einer unangenehmen Szene. Ich hätte gewünscht, sie nicht mit anzuhören. Aber da ich sie nun einmal mit angehört habe, so halte ich es für meine Pflicht zu sagen, daß dies geschehen ist. Man hatte mich hierher gewiesen, und ich mußte an der Tür warten, bis diese Herrschaften weggingen. Um so mehr, da mein Klopfen wegen des sehr lauten Redens nicht gehört wurde. -Fedja-: Ja, ja. Bitte ergebenst, Platz zu nehmen. Ich bin Ihnen dankbar dafür, daß Sie mir das gesagt haben. Das gibt mir das Recht, Ihnen diese Szene zu erklären. Was Sie von mir selbst denken, ist mir ganz gleichgültig; aber ich möchte Ihnen sagen, daß die Vorwürfe, die Sie diesem jungen Mädchen, einer Zigeunerin, Sängerin, machen hörten, ungerechtfertigt sind. Dieses junge Mädchen ist sittlich so rein wie eine Taube. Und meine Beziehungen zu ihr sind lediglich freundschaftlicher Art. Und wenn sie vielleicht einen poetischen Anflug haben, so beeinträchtigt das die Reinheit und die Ehre dieses jungen Mädchens nicht. Das ists, was ich Ihnen sagen wollte. Also was wünschen Sie von mir? Womit kann ich Ihnen dienen? -Fürst Abreskow-: Ich möchte erstens ... -Fedja-: Verzeihen Sie, Fürst! Ich bin jetzt zu einer solchen Stellung in der Gesellschaft gelangt, daß meine oberflächliche und schon weit zurückliegende Bekanntschaft mit Ihnen mir keinen Anspruch auf einen Besuch von Ihnen verleiht, wenn nicht eine geschäftliche Angelegenheit Sie zu mir führt; also worin besteht diese? -Fürst Abreskow-: Ich will es nicht in Abrede stellen; Sie haben es erraten. Ich habe allerdings eine geschäftliche Angelegenheit. Aber dennoch bitte ich Sie zu glauben, daß die Veränderung Ihrer gesellschaftlichen Stellung keinerlei Einfluß auf meine Beziehungen zu Ihnen haben kann. -Fedja-: Davon bin ich vollkommen überzeugt. -Fürst Abreskow-: Was mich herführt ist dies: der Sohn meiner alten Freundin Anna Dmitrijewna Karenina sowie diese selbst haben mich gebeten, mich geradezu und direkt bei Ihnen danach zu erkundigen, welches Ihre Beziehungen ... Sie gestatten mir von Ihren Beziehungen zu Ihrer Gemahlin Jelisaweta Andrejewna Protasowa zu sprechen? -Fedja-: Meine Beziehungen zu meiner Frau (ich kann sagen: zu meiner ehemaligen Frau) sind vollständig gelöst. -Fürst Abreskow-: So habe auch ich die Sache aufgefaßt. Und nur deswegen habe ich diese schwierige Mission übernommen. -Fedja-: Diese Beziehungen sind gelöst, und ich beeile mich, die Erklärung abzugeben, daß dies nicht durch ihre, sondern durch meine Schuld geschehen ist, einzig und allein durch meine Schuld. Sie selbst war eine makellose Frau und ist das auch geblieben. -Fürst Abreskow-: Und nun, sehen Sie, hat mich Viktor Karenin sowie ganz besonders seine Mutter gebeten, Sie nach Ihren weiteren Absichten zu befragen. -Fedja- ($hitzig werdend$): Was meinen Sie für weitere Absichten? Ich habe keine solchen. Ich lasse ihr völlige Freiheit. Ja, noch mehr: ich werde ihre Ruhe niemals stören. Ich weiß, daß sie Viktor Karenin liebt. Mag sie das tun! Ich halte ihn für einen sehr langweiligen, aber sehr braven, ehrenhaften Menschen und glaube, daß sie mit ihm, wie man sich gewöhnlich ausdrückt, glücklich werden wird. Und =que le bon Dieu les bénisse=! Weiter habe ich nichts zu sagen. -Fürst Abreskow-: Ja, aber wir würden gern ... -Fedja- ($unterbricht ihn$): Und glauben Sie nicht, daß ich auch nur im geringsten eifersüchtig wäre. Wenn ich von Viktor gesagt habe, er sei langweilig, so nehme ich diesen Ausdruck zurück. Er ist ein vortrefflicher, ehrenhafter, sittlich guter Mensch, beinah das reine Gegenteil von mir. Und er hat sie von der Kinderzeit her geliebt. Vielleicht hat auch sie ihn schon damals geliebt, als sie mich heiratete. So etwas kommt vor. Die beste Liebe pflegt diejenige zu sein, von der man selbst nichts weiß. Ich glaube, sie hat ihn immer geliebt, hat aber als ehrenhafte Frau dies nicht einmal sich selbst eingestehen mögen. Aber das ... es lag eine Art von Schatten auf unserm Eheleben ... indessen wozu mache ich Ihnen solche Geständnisse? -Fürst Abreskow-: Bitte, fahren Sie fort! Sie können mir glauben, daß mich zu diesem Besuche bei Ihnen in erster Linie der Wunsch veranlaßt hat, in diese Beziehungen einen vollständigen Einblick zu gewinnen. Ich verstehe Sie; ich verstehe, daß ein solcher Schatten, wie Sie sich so treffend ausdrückten, vorhanden sein konnte ... -Fedja-: Ja, er war vorhanden, und vielleicht war das der Grund, weswegen das Familienleben, das sie mir gewährte, mich nicht befriedigen konnte, so daß ich anderwärts umhersuchte und auf Abwege geriet. Aber das klingt fast, als versuchte ich, mich zu rechtfertigen. Das liegt nicht in meiner Absicht, und das kann ich auch nicht. Ich bin ein schlechter Ehemann gewesen, das sage ich ganz offen; ich bin es gewesen, denn jetzt bin ich in meinem Bewußtsein schon längst kein Ehemann mehr. Ich betrachte sie als vollständig frei. Also da haben Sie die Antwort auf Ihre Mission. -Fürst Abreskow-: Ja, aber Sie kennen Viktors Familie und ihn selbst. In seinen Beziehungen zu Jelisaweta Andrejewna hat er immer eine respektvolle Entfernung innegehalten und tut das auch jetzt. Er hat ihr beigestanden, als sie sich in schwieriger Lage befand. -Fedja-: Ja, ich habe durch meinen liederlichen Lebenswandel zu der gegenseitigen Annäherung der beiden mitgewirkt. Was ist zu machen? Es hat wohl so sein sollen. -Fürst Abreskow-: Sie kennen seine und seiner Familie streng rechtgläubigen Anschauungen. Ich teile diese Anschauungen nicht. Ich betrachte die Dinge von einem freieren Standpunkte aus. Aber ich achte diese Anschauungen und habe für sie Verständnis. Ich verstehe, daß für ihn und ganz besonders für seine Mutter ein nahes Verhältnis zu einer Frau ohne kirchliche Eheschließung undenkbar ist. -Fedja-: Ja, ich kenne seine dum ... seine schlichte, konservative Denkungsart in dieser Hinsicht. Aber was wollen die beiden? Die Scheidung? Ich habe ihnen schon längst gesagt, daß ich bereit bin darein zu willigen, daß aber, wenn ich die Schuld auf mich nehmen und mich der ganzen damit verbundenen Lügerei unterziehen soll, das doch eine sehr schwere Bedingung ist. -Fürst Abreskow-: Ich verstehe Sie vollkommen und teile Ihre Anschauung. Aber was soll geschehen? Ich meine, es wird sich doch in dieser Weise ein Arrangement finden lassen ... Übrigens haben Sie recht. Das ist furchtbar, und ich verstehe Sie. -Fedja- ($drückt ihm die Hand$): Ich danke Ihnen, lieber Fürst. Ich habe Sie immer als einen ehrenhaften, guten Menschen gekannt. Nun, sagen Sie also, wie soll ich mich verhalten? Was soll ich tun? Versetzen Sie sich ganz in meine Lage! Ich suche mich nicht besser zu machen, als ich bin. Ich bin ein Taugenichts. Aber es gibt Dinge, die ich nicht ruhigen Herzens tun kann. Ich kann nicht ruhigen Herzens lügen. -Fürst Abreskow-: Aber eines ist mir an Ihnen unverständlich: Sie sind ein so wohlbefähigter, kluger Mensch mit einem so feinen Gefühle für das Gute: wie konnten Sie so auf Abwege geraten und dermaßen all die Anforderungen vergessen, die Sie selbst an sich stellen? Wie sind Sie so weit gekommen? Wie haben Sie es fertiggebracht, Ihr eigenes Leben zu zerstören? -Fedja- ($unterdrückt die Tränen, die ihm die Erregung in die Augen treibt$): Jetzt führe ich mein Lotterleben schon zehn Jahre lang, und zum ersten Male hat mich ein Mann wie Sie bemitleidet. Meine Kumpane und die Weiber haben mich bedauert; aber ein verständiger, guter Mann wie Sie hat das niemals getan. Ich danke Ihnen. Wie ich dazu gekommen bin, mich ins Verderben zu stürzen? Da ist erstens der Wein. Nicht, daß ich so besonders viel Geschmack an ihm fände. Aber ich mag tun, was ich will, immer habe ich die Empfindung, daß es nicht das Richtige ist, und dann schäme ich mich. Da rede ich jetzt gerade mit Ihnen und schäme mich. Wenn ich Adelsmarschall war, wenn ich Hasard spielte, da schämte ich mich, schämte mich gewaltig. Und nur wenn ich trinke, hört dieses Schamgefühl auf. Und dann die Musik ... ich meine nicht Opern und Beethoven, sondern die Zigeunermusik -- da durchströmt einen ein solches Leben, eine solche Energie! Und dazu noch freundliche schwarze Augen und ein heiteres Lächeln. Und je mehr man sich davon hinreißen läßt, um so mehr schämt man sich nachher. -Fürst Abreskow-: Nun, aber die Arbeit? 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 136 137 138 139 140 141 142 143 144 145 146 147 148 149 150 151 152 153 154 155 156 157 158 159 160 161 162 163 164 165 166 167 168 169 170 171 172 173 174 175 176 177 178 179 180 181 182 183 184 185 186 187 188 189 190 191 192 193 194 195 196 197 198 199 200 201 202 203 204 205 206 207 208 209 210 211 212 213 214 215 216 217 218 219 220 221 222 223 224 225 226 227 228 229 230 231 232 233 234 235 236 237 238 239 240 241 242 243 244 245 246 247 248 249 250 251 252 253 254 255 256 257 258 259 260 261 262 263 264 265 266 267 268 269 270 271 272 273 274 275 276 277 278 279 280 281 282 283 284 285 286 287 288 289 290 291 292 293 294 295 296 297 298 299 300 301 302 303 304 305 306 307 308 309 310 311 312 313 314 315 316 317 318 319 320 321 322 323 324 325 326 327 328 329 330 331 332 333 334 335 336 337 338 339 340 341 342 343 344 345 346 347 348 349 350 351 352 353 354 355 356 357 358 359 360 361 362 363 364 365 366 367 368 369 370 371 372 373 374 375 376 377 378 379 380 381 382 383 384 385 386 387 388 389 390 391 392 393 394 395 396 397 398 399 400 401 402 403 404 405 406 407 408 409 410 411 412 413 414 415 416 417 418 419 420 421 422 423 424 425 426 427 428 429 430 431 432 433 434 435 436 437 438 439 440 441 442 443 444 445 446 447 448 449 450 451 452 453 454 455 456 457 458 459 460 461 462 463 464 465 466 467 468 469 470 471 472 473 474 475 476 477 478 479 480 481 482 483 484 485 486 487 488 489 490 491 492 493 494 495 496 497 498 499 500 501 502 503 504 505 506 507 508 509 510 511 512 513 514 515 516 517 518 519 520 521 522 523 524 525 526 527 528 529 530 531 532 533 534 535 536 537 538 539 540 541 542 543 544 545 546 547 548 549 550 551 552 553 554 555 556 557 558 559 560 561 562 563 564 565 566 567 568 569 570 571 572 573 574 575 576 577 578 579 580 581 582 583 584 585 586 587 588 589 590 591 592 593 594 595 596 597 598 599 600 601 602 603 604 605 606 607 608 609 610 611 612 613 614 615 616 617 618 619 620 621 622 623 624 625 626 627 628 629 630 631 632 633 634 635 636 637 638 639 640 641 642 643 644 645 646 647 648 649 650 651 652 653 654 655 656 657 658 659 660 661 662 663 664 665 666 667 668 669 670 671 672 673 674 675 676 677 678 679 680 681 682 683 684 685 686 687 688 689 690 691 692 693 694 695 696 697 698 699 700 701 702 703 704 705 706 707 708 709 710 711 712 713 714 715 716 717 718 719 720 721 722 723 724 725 726 727 728 729 730 731 732 733 734 735 736 737 738 739 740 741 742 743 744 745 746 747 748 749 750 751 752 753 754 755 756 757 758 759 760 761 762 763 764 765 766 767 768 769 770 771 772 773 774 775 776 777 778 779 780 781 782 783 784 785 786 787 788 789 790 791 792 793 794 795 796 797 798 799 800 801 802 803 804 805 806 807 808 809 810 811 812 813 814 815 816 817 818 819 820 821 822 823 824 825 826 827 828 829 830 831 832 833 834 835 836 837 838 839 840 841 842 843 844 845 846 847 848 849 850 851 852 853 854 855 856 857 858 859 860 861 862 863 864 865 866 867 868 869 870 871 872 873 874 875 876 877 878 879 880 881 882 883 884 885 886 887 888 889 890 891 892 893 894 895 896 897 898 899 900 901 902 903 904 905 906 907 908 909 910 911 912 913 914 915 916 917 918 919 920 921 922 923 924 925 926 927 928 929 930 931 932 933 934 935 936 937 938 939 940 941 942 943 944 945 946 947 948 949 950 951 952 953 954 955 956 957 958 959 960 961 962 963 964 965 966 967 968 969 970 971 972 973 974 975 976 977 978 979 980 981 982 983 984 985 986 987 988 989 990 991 992 993 994 995 996 997 998 999 1000